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Einleitung in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 13 - 20

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-13

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
13 Einleitung In der Geschichte der Menschheit gibt es kaum eine andere technische Erfindung, die die Rezeption und Wahrnehmung der visuellen Kunst so stark und so rasch beeinflusst hat, wie die Erfindung der auditiven und visuellen Medien und ihre Speicherung im Verlauf des 19. Jahrhunderts sowie ihre Verbreitung in digitaler Form im Laufe des späten 20. Jahrhunderts. Für diese technischen Erfindungen standen die Speicherung, Vervielfältigung und Verbreitung von Kunst- und Kulturobjekten nicht unbedingt an erster Stelle. Vielmehr hatten die Erfinder der Fotografie, der Film- und Tonaufzeichnung einfach die möglichst „real-nahe“ Speicherung und Wiedergabe aller visuellen und auditiven Ereignisse des Alltags im Sinn und folglich ihre Vervielfältigung. Damit schufen sie eine völlig neue Dokumentationsebene, die für die Erhaltung des modernen „kollektiven Gedächtnisses“ einer Nation oder einer Gesellschaft unentbehrlich wurde und bleiben wird. Aus heutiger Sicht betrachtet, spielt also gerade die Speicherung von kulturrelevanten Ereignissen die Hauptrolle für die Wahrung und Erhaltung des gesamten modernen Kulturgutes von Nationen und Volksgruppen. Somit haben Kunst- u. Kulturrelevante Archive und Sammlungen einen enorm wichtigen Einfluss auf gesellschaftspolitische Aktionen und Entscheidungen, besonders in Regionen, in denen unterschiedliche politische Interessen aufeinanderstoßen, wie zum Beispiel die, des Nahen Ostens zwischen Israelis und Palästinensern. Dort herrschen seit inzwischen vielen Jahrzehnten, insbesondere seit der sogenannten „Nakba“1 einer der ältesten politischen Konflikte und mit ihm eine der ältesten militärischen Besatzungen2 der modernen Welt. Das bewusste Auslöschen des kollektiven Kulturgedächtnisses des Anderen wird somit zum Machtinstrument in politischen und militärischen Auseinandersetzungen. Als das „Heilige Land“ stellte Palästina in seiner Geschichte schon immer einen besonderen Anziehungspunkt für verschiedene Einwanderer und Eroberer dar. Sei es aus religiösen, ethnischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder geopolitischen Gründen oder aber aus einer Mischung einiger dieser Gründe. Gerade in der jüngsten Geschichte Palästinas (seit Anfang des 20. Jahrhunderts) erlebte das Land viele Einwanderungen verschiedener Volks- beziehungsweise Religionsgruppen sowie fremde Besatzungs- und Verwaltungsmächte, in welcher Entwicklung auch der heutige Nahostkonflikt seine Wurzeln findet. 1 Mit „Nakba“ (Deutsch: Katastrophe) bezeichnet man die 1948 durch die jüdischen militanten Untergrundorganisationen durchgeführte Vertreibung von etwa 700.000 Palästinensern aus ihrer Heimat. Das entsprach etwa die Hälfte des damaligen palästinensischen Volkes. Noch immer leben palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen in mehr als 50 Flüchtlingslagern im gesamten Nahen Osten. 2 Das israelisch besetzte Westjordan-Land und der abgeriegelte Gaza-Streifen. 14 Kurzer geschichtlicher Hintergrund: Im Mai 1916 unterzeichneten die beiden damaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich im Zuge ihrer imperialen Expansion ein Geheimabkommen, das die Eroberung des gesamten Vorderen Orients von den Osmanen und dessen Aufteilung unter sich vorsah.3 Daraufhin wurde der gesamte Vordere Orient durch die französischen und britischen Truppen nach und nach erobert. Am 29.10.1917 wurde Palästina durch die britischen Truppen besetzt und endete damit eine 400 Jahre lange Herrschaft der Osmanen über das Land, die im Jahre 1517 begann. Nach der britischen Eroberung Palästinas wurde das Gebiet zum „britischen Mandatsgebiet“ erklärt und blieb bis 1948 praktisch unter britischer Herrschaft. Diese ging nahtlos im Mai 1948 in die Gründung des Staates Israel über, der auf ca. 70 % des „historischen Palästinas“4 ausgerufen wurde und damit die Vertreibung von ca. 700.000 Palästinensern*innen aus ihrer Heimat in Gang setzte. Das machte etwa die Hälfte des damaligen palästinensischen Volkes aus. Der Begriff „Nakba“ prägt seitdem die moderne palästinensische Geschichte. Die Verwaltung der 1948 übriggebliebenen und geografisch getrennten Teile Palästinas – der heutigen Westbank und des Gaza-Streifens – wurden seinerzeit an das jordanische Königreich (Westbank) und an den ägyptischen Staat (Gaza-Streifen) übertragen. Im sogenannten 6-Tage-Krieg im Juni 1967, verloren Jordanien und Ägypten die Kontrolle über die Westbank und den Gaza- Streifen und der israelische Staat erlangte seitdem die alleinige Kontrolle über das gesamte Gebiet des historischen Palästinas – bis heute! Da jede dieser Verwaltungs- und Besatzungsmächte bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ihre eigenen „palästina-relevanten“ Archive über Landkarten, Einwohner*innen und Grundbesitz verwaltete, gehört Palästina vermutlich zu den am meisten dokumentierten Gebieten der Welt. Im Osmanischen Archiv in Istanbul, das dem türkischen Regierungs- Präsidialamt angehört, lagern nach Angaben eines Archivmitarbeiters etwa 95 Mio. Schriftdokumente und 375 tausend Registerhefte (Arabisch daftar), die alle aus der osmanischen Epoche stammen und die sich vorwiegend auf zivilrechtliche Belange beziehen. In einer Fernsehdokumentation des Senders Al Jazeera von 2014 wurde bis zur Erstellung der Fernsehdokumentation etwa 50 % des gesamten Bestandes gesichtet, katalogisiert, digitalisiert und mit Metadaten versehen.5 Da Palästina bekanntlich ein recht stark besiedeltes Gebiet im Nahen Ostens war, in dem Landeigentum und Besitz eine gewichtige Rolle gespielt haben, wird vermutet, dass ein nichtgeringer Teil der Dokumente im osmanischen Archiv palästina-relevant ist. Dagegen existieren dort aber keine gesonderten Archive von kulturbezogenen Dokumenten aus der gleichen Zeit (Fotografien, Film- und Tonaufnahmen). Solche Sammlungen sind oft sehr fragmentiert 3 Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916. 4 Mit „Historisch-Palästina“ wird das Territorium zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan-Fluss beschrieben. 5 „al aršīf alʿuṯmānī (Deutsch: Das Osmanische Archiv).“ Arabischsprachige Fernsehdokumentation, eingestellt von Al-Jazeera. YouTube (hochgeladen am 03.01.2014) Spieldauer 51:53. [Zeit: 23:01–23:15] https://www.youtube. com/watch?v=cc_-7fBlVuU&t=6s, aufgerufen am 09.08.2017. 15 und befinden sich meist außerhalb Palästinas oder unter israelischer Kontrolle und drohen unentdeckt zu bleiben und für immer verloren zu gehen, einfach durch die Tatsache, dass solche Materialien eine begrenzte Lebensdauerhaben haben. Unabhängig von den verschiedenen fremden Besatzungs- und Verwaltungsmächten war Palästina jedoch schon immer eines der Hauptreiseziele für Pilger, Orientalisten und Abenteurer im Mittelmeerraum. Mit dem im 19. Jahrhundert expandierenden Geist des touristischen Reisens stieg auch die Zahl dieser fremden Besucher*innen (meistens aus Europa) rasant an. Einige dieser Reisende und Orientalisten gegen Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts brachten auch ihre Foto- und Film-Apparaturen mit sich, durch welche die ersten Fotos und bewegten Bilder in Palästina entstanden sind. Somit gehörte Palästina nach Ansicht des Kulturhistorikers, Issam Nassar, zu den Orten der Welt, die im 19. Jahrhundert am meisten fotografiert wurden. „Palestine in particular, became one of the world’s most photographed places in the nineteenth century, when hundreds of European photographers flocked to the region.“6 Eine in Deutschland, im Gustaf-Dalman-Institut a der Universität Greifswald, sich befindende Foto-Sammlung umfasst ca. 20.000 Fotos verschiedener Formate über Palästina vor dem ersten Weltkrieg und stellt damit eine der wichtigsten und größten Fotosammlungen Palästinas der damaligen Zeit. Weitere bekannte und gut katalogisierte Fotoarchive (und womöglich auch Film- und Tonarchive) über Palästina der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befinden sich kaum im palästinensischem Besitz, so dass ihre Suche europaweit beziehungsweise weltweit vonstattengehen müsste. Wenige Fotosammlungen palästinensischer Fotografen*innen aus der gleichen Zeit befinden sich entweder in privatem Familienbesitz innerhalb Palästinas oder wurden von israelischen Soldaten während der Besatzungskriege der Jahre 1948 und 1967 geraubt. „Many Palestinian archives disappeared, were destroyed or looted as a result of the war and its implications and as a result of other wars in the region (1967, 1982 etc.).“7 Demnach muss davon ausgegangen werden, dass diverse weitere Sammlungen über das kulturelle Leben Palästinas des späten 19. und des gesamten 20. Jahrhunderts in diversen israelischen staatlichen und militärischen Archiven zu finden sind, die teils bis heute noch unter Verschluss liegen und somit für palästinensische Forscher*innen und Interessierte nicht einsehbar sind. Dadurch ist die Rekonstruktion des damaligen palästinensischen Lebens und seiner Kultur nur sehr mühsam wiederherstellbar. Diese Arbeit ist eine der ersten Studien, die sich mit der Suche und Wiederfindung des größtmöglichen Teils kulturrelevanter auditiver und visueller Sammlungen über das arabische Palästina befasst. Sie soll als eine Grundlagenforschung für Folgeforschungen dienen sowie als 6 Nassar, Issam. 2011. “Early Local Photography in Palestine: The Legacy of Karimeh Abbud.” Jerusalem Quarterly, Ausgabe 46. Seite 24. http://www.palestine-studies.org/sites/default/files/jq-articles/46-Early_local_ photographer_2.pdf, aufgerufen am 22.06.2017. 7 Sela, Rona. 2016. “Made Public – Palestinian Photographs in Military Archives in Israel.” Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut. Abend-Vortrag vom 04.10.2017. Florenz. https://www.khi.fi.it/5458501/ 20161004-sela, aufgerufen am 22.06.2017. 16 Wegweiser für die Erhaltung dieses Kulturerbes verstanden werden. So befasst sich diese Studie im Schlussteil auch mit den aktuellen Techniken zur Digitalisierung und Archivierung auditiver und visueller Inhalte und ihrer langfristigen und nachhaltigen digitalen Erhaltung. Einige Bemerkungen zu dieser Arbeit: 1.) Die Definitionen der Begriffe „Palästinenser*innen“ und „palästinensische Identität“ (National- und Kultur-Identität) wurden in den letzten Jahrzehnten – insbesondere nach der Nakba – sehr viel diskutiert. Dabei geht es darum, diese Begrifflichkeiten wissenschaftlich zu definieren und zugleich klarzustellen, welche Bevölkerungsgruppe(n) man genau mit „Palästinenser*innen“ und ihrer National-Identität meint. Gerade in dem immer komplexer werdenden Nahostkonflikt bekommen diese Begriffe aber auch ein gewisses politisches Gewicht. Für die vorliegende Arbeit und die darin enthaltene Verwendung des Begriffs „Palästinenser*innen“ ist es daher wichtig, an dieser Stelle diese zu konkretisieren: Nach der Nakba und der Vertreibung fanden sich die Palästinenser*innen, die einst auf einem einheitlichen geografischen Gebiet lebten, nun binnen kürzester Zeit in vier unterschiedlichen geopolitischen Zonen wieder: • Palästinenser*innen im eigenen Land, aber als nichtjüdische Staatsbürger im Staat Israel, • Palästinenser*innen im eigenen Land (in der Westbank und im Gaza-Streifen), jedoch unter fremder militärischer Besatzung, • Palästinenser*innen als Flüchtlinge in den arabischen Nachbarländern und der Golfregion, • Palästinenser*innen in der Diaspora und der fernen Welt – hauptsächlich in Europa und den USA.8 All diese vier Gruppen und ihre Nachkommen werden in dieser Arbeit als „Palästinenser*innen“ bezeichnet. Ihre kulturellen oder auch nationalen Wurzeln liegen im arabischen Palästina vor 1948, und sie bekennen sich heute noch dazu. Sie vereint die gemeinsame arabisch-palästinensische Nationalidentität genauso wie das gemeinsame politische Schicksal in seinen unterschiedlichen Dimensionen und unabhängig von ihren heutigen Lebensräumen und -umständen. Um den Zusammenhalt in dieser neuen Realität der Zerstreuung zu wahren, sahen sich die sozial sehr stark verbundenen Palästinenser*innen gezwungen, die eigene Identität zu hinterfragen, diese zu suchen und zu definieren. Diese Bestrebung gewann deutlich an Bedeutung nach der Nakba. Bis zur Nakba verstanden sich die 8 Zaidan, Ismat. 2012. Palestinian Diaspora in Transnational Worlds: Intergenerational Differences in Negotiating Identity, Belonging and Home. Birzeit: Birzeit University. Seite 22. 17 Palästinenser*innen als ein fester Teil der arabischen Nahöstlichen Bevölkerung, mit der nicht nur die gemeinsame Sprache und Religionen verbanden, sondern genauso auch die kulturelle Vielfalt, ebenso wie die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen. Erst die oft als künstlich empfundene Staatenaufteilung des Vorderen Orients in den 1940er Jahren versetzte sowohl die Palästinenser*innen wie auch die anderen Volksgruppen in der Region in die Lage, die jeweils eigene Nationalidentität zu definieren. Bedingt durch die Vertreibung aber hatten es die Palästinenser*innen jedoch erheblich schwerer. Nach Ahmad H. Sa’di und Laila Abu Lughod vermischten sich also vor 1948 mehrere Formen der „Identität“ in Palästina, dennoch sahen die Palästinenser*innen eine für sich gemeinsame Nationalidentität: „Although Palestinians had various forms of identity before 1948, including a sense of themselves as Palestinians, there is little doubt that the catastrophe [Nakba], in all its dimensions, has not just determined their lives but has since then become the key site of Palestinian collective memory and national identity.“9 Abb. 01: Teilung des durch Großbritannien und Frankreich besetzten arabischen Vorderen Orients in die Staaten Libanon, Syrien, Irak, Jordanien und Israel (Quelle: Deutsche Welle). Die arabisch-palästinensische Kulturidentität ist somit als ein Teil der gesamten arabischen Kulturidentität im Nahen Osten zu betrachten, insbesondere der heutigen Staaten Syrien, Libanon und Jordanien. Zwar wird sich diese Arbeit – soweit möglich – nur auf das palästinensische auditive und visuelle Kulturerbe beschränken, sie ist aber im Gesamtkontext der kulturellen Vielfalt und sozialen Verflochtenheit 9 Ed. Sa’di, Ahmad H. und Lila Abu-Lughod. 2007. Nakba, Palestine, 1948, and the Claims of Memory. New York: Columbia University Press. Seite 4. 18 mit den anderen Volks- und Religionsgruppen innerhalb Palästinas aber auch mit seinen Nachbarn zu verstehen. Gerade am Beispiel der musikalischen Tonaufzeichnung wird es deutlich, dass in Palästina eine selbständige Musikszene, losgelöst von den Nachbarregionen (insbesondere von Syrien und Ägypten) hätte deshalb nicht existieren können. Am Beispiel der Fotografie wird die Rolle der palästinensischen Armenier deutlich, die sie für die visuelle Dokumentation des Kulturlebens Palästinas gespielt haben. Sie beherrschten das Handwerk der Fotografie wie keine andere im Land und trugen dadurch maßgeblich dazu bei, dass sie sehr rasch ihren Platz innerhalb der arabischpalästinensischen Bevölkerung schon lange bevor 1948 fanden und heute ein fester Bestandteil dieser sind. Gerade diese Wechselwirkungen und Interaktionen mit den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen des Vorderen Orients macht die kulturelle Identität Palästinas so reich und so vielfältig. 2.) Mit der Eroberung Palästinas durch Großbritannien begann jedoch eine massive Einwanderungswelle europäischer Juden nach Palästina, die die vorgefundene ethnische und kulturelle „nahöstliche“ Vielfalt aus dem Gleichgewicht brachte. Nicht nur das Elend zweier Weltkriege, sondern der wachsende Antisemitismus in Europa und die Verfolgung durch die Nazis trieben hunderttausende Juden dazu, nach Palästina auszuwandern. Vor allem aber die im November 1917 verkündete Absicht Großbritanniens in der sogenannten „Balfour-Deklaration“, in Palästina die Entstehung einer „jüdischen Heimstätte“ zu befürworten, ebnete offiziell den Weg für viele hunderttausende Juden nach Palästina auszuwandern, um hier den jüdischen Nationalstaat zu gründen. Eine schleichende Einwanderung europäischer Juden begann jedoch schon um die Jahrhundertwende: „In der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 erklärte sich Großbritannien einverstanden mit dem 1897 festgelegten Ziel des Zionismus, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten.“10 Die vorwiegend europäisch und jüdisch geprägten Einwanderer*innen in Palästina blieben nach ihrer Einwanderung größtenteils unter sich in sogenannten Kibbuzim11. Sie sprachen kein Arabisch und die einheimischen Palästinenser*innen sprachen weder Hebräisch noch irgendwelche der europäischen Muttersprachen der neuen jüdischen Ankömmlinge. Sie kamen auch aus einem gänzlich anderen kulturellen Hintergrund. Dadurch war das Entstehen einer „Parallelgesellschaft“ unvermeidbar. In seinem Buch über Palästina um die Jahrhundertwende „Hamidian Pal- 10 Schwing Heinrich. 2014. Alfred Apfel, sein Schriftwerk: Autobiografien und Publikationen. Berlin: epubli. Seite 280. 11 Als Kibbuz (Deutsch: „Sammlung, Versammlung, Kommune“; Mehrzahl Kibbuzim) bezeichnet man eine ländliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Die Kibbuzim spielten eine entscheidende Rolle bei der jüdischen Besiedlung Israels. 19 estine: Politics and Society in the District of Jerusalem 1872–1908“ bekräftigt Johann Büssow diese Beobachtung: „Considering the fact that this development led to the emergence of a Jewish parallel society which increasingly severed its ties with its surroundings …“12. Die seinerzeit noch vor der Staatsgründung Israels in Palästina entstandene jüdische „Parallelgesellschaft“ bediente sich der gleichen Techniken der Bild-, Film und Tonaufzeichnung. Es entstanden also auch während der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts bis 1948 zahlreiche Fotografien und andere audiovisuelle Aufzeichnungen, die zwar geografisch in Palästina entstanden sind und oft als „palästina-relevant“ in diversen Archiven und Literaturangaben bezeichnet werden, die aber nicht die arabische kulturelle Identität der einheimischen Palästinenser*innen reflektieren und daher nicht in dieser Arbeit erforscht oder behandelt werden. Solche als „palästina-relevant“ bezeichnete Archive und Sammlungen, die aber eine reine jüdische, nichtarabische Identität wiedergeben, wurden in mehreren israelischen und anderen Studien grundlegend erforscht und sind nicht Gegenstand dieser Arbeit. Die Verwendung der Bezeichnung „palästina-relevant“ in dieser Arbeit bezieht sich immer auf das arabische Palästina. 3.) Über das auditive und visuelle Kulturerbe Palästinas wurde bisher generell relativ wenig geforscht, wodurch tiefgründige Erkenntnisse in meiner Arbeit teilweise auf Gesprächen mit betroffenen Personen und Fachleuten beruhen müssen, die oft wenig belegbar sind. Das betrifft insbesondere das Forschen über die frühen Ton-Aufnahmen, worüber so gut wie keine Literatur existiert. Auch das Forschen über den Verbleib diverser audiovisueller Sammlungen in israelischen Archiven, die größtenteils noch heute unter Verschluss liegen und worüber nur wenig bekannt ist, wird in dieser Arbeit – soweit möglich – grundlegend behandelt. Daher müssen auch hier die Erkenntnisse oft aus mehreren Informationsquellen zusammengeführt werden, die nicht unbedingt primär aus Studien über das Kulturerbe stammen. 12 Büssow, Johann. 2011. Hamidian Palestine: Politics and Society in the District of Jerusalem 1872–1908. Leiden: Brill. Seite 240.

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References

Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.