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6. Listen der auffindbaren auditiven und visuellen Sammlungen und Archive in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 121 - 176

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-121

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
121 6. Listen der auffindbaren auditiven und visuellen Sammlungen und Archive Bisher konnten im Nahen Osten und eben auch in Palästina keine wissenschaftlich nutzbaren Listen und Register über Sammlungen gefunden werden, die von wichtiger öffentlicher und kultureller Bedeutung für Palästina sind. Möglicherweise ist das bedingt durch die fehlenden fundierten Kenntnisse über das Archivierungs-Handwerk. Möglicherweise ist das aber auch auf die oft beobachtete allgemeine Vernachlässigung der Wertschätzung und Wahrung von historischen Kulturgütern zurückzuführen. Vereinzelt liegen aber Informationen vor, die eher zufällig entdeckt werden und möglicherweise weitere Hinweise und Belege über einzelne Archivbestände liefern könnten. So berichtet die Autorin Rawda Ashour in ihrem Roman attantūriyya davon, dass der damalige Direktor des Palestinian Research Center in Beirut, Dr. Anis Sayegh, der die Institution zwischen 1966 und 1977 leitete, die Idee hatte, den Bestand des Archivs visuell zu dokumentieren, um dadurch die Menge des dortigen Materials nachweislich festzuhalten. Dafür ließ er den gesamten Bestand filmen. Es wurden davon vier Filmkopien erstellt. Eine Kopie des Filmes wurde an die Arabische Liga und eine and die Universität in Bagdad weitergegeben. Zwei Kopien behielt er selbst.170 Besonders im Gaza-Streifen muss man feststellen, dass es derzeit leider nicht möglich ist, nutzbare Erkenntnisse über Archivbestände oder audiovisuelle Sammlungen zu erhalten. Der Gaza-Streifen ist faktisch seit vielen Jahren ein abgeriegeltes Gebiet, wo weder die Ausreise für die Gaza-Bewohner*innen noch die Einreise für normale Besucher*innen aus anderen Teilen des Landes oder dem Ausland möglich ist. Dort herrscht seit 2006 die Hamas als die dominierende politische Macht und kontrolliert damit den gesamten Gaza-Streifen. Medienund Kultur-Institutionen werden toleriert, soweit sie keine gegenpolitische Position beziehen, was das Erforschen von Kulturinhalten dort und den Zugang zu unabhängigen Institutionen deutlich erschwert beziehungsweise in eine bestimmte Richtung lenkt. Es liegen lediglich vereinzelt Informationen über sehr wenige Archive im Gaza-Streifen vor. Es handelt sich um Erkenntnisse über zwei Archive: • Das audiovisuelle Archiv des staatlichen palästinensischen Fernsehens der PBC, das sich bis zur Machtübernahme der Hamas im Jahre 2006 in Gaza-Stadt befand. Die jetzige Leiterin der Archivabteilung der PBC in Ramallah, Rula Shahwan, berichtete davon, dass mit der Machtübernahm der Hamas diese auch die Kontrolle über die dortigen Fernsehstudios und die Sendeanstalt der PBC übernahm. Das Fernseh-Archiv befand sich in dieser Zeit ebenfalls dort. Die Hamas schloss den PBC-TV-Sender und errichtete einen eigenen, politisch loyalen Fernsehsender, das „al aqsā TV“. Was aber mit dem ursprünglichen Archiv geschah, konnte bis heute 170 Ashout, Rawda. 2011. attantūriyya: Roman. Kairo: dar ashshurūq. Seite 371. 122 nicht geklärt werden. Shahwan fürchtet, dass es möglicherweise vernichtet wurde.171 • Das audiovisuelle Gaza-Archiv der UNRWA, das ein Teil des gesamten Foto- und Film-Archivs der palästinensischen Flüchtlinge der UNRWA ist. Die Foto-Sammlung gibt das Leben der palästinensischen Flüchtlinge im Gaza-Streifen in den letzten Jahrzehnten wieder und wurde im Rahmen des von der UNRWA organisierten Digitalisierungsprojekts ihrer audiovisuellen Sammlung bereits mit den anderen Teilen des Archivs im Jahre 2013 komplett digitalisiert (siehe Punkt 6.1.9.).172 Eine Suche nach weiteren Archiven oder audiovisuellen Sammlungen gestaltet sich als kaum machbar. Denn auch eine Internet-Suche nach Kulturinstitutionen in Gaza, die sich um das Kulturerbe kümmern, hielt sich sehr in Grenzen. Nach eigener Einschätzung liegen hierfür folgende Gründe vor: - Die sehr frustrierenden Lebensumstände auf einem äußerst engen und abgeriegelten Raum, lassen kaum Platz für die Entstehung von Kulturprojekten. - Die politische Dominanz der Hamas in Gaza erschwert andersorientierte kulturelle und wissenschaftliche Tätigkeiten, zu denen auch Archivprojekte gehören könnten. - Durch die seit Jahren praktizierte Abriegelung des Gaza-Streifens durch israelische und ägyptische Behörden wird der Zugang zu möglichen Archiven und Sammlungen und ihre Erforschung durch Forscher*innen aus anderen Teilen der Welt leider erheblich erschwert. Die gut sortierten und katalogisierten Archive palästinensischer Kulturgüter befinden sich demnach meist im Ausland. Die British Library und andere britische Institutionen enthalten wichtige Dokumente, auch audiovisueller Inhalte, die in Palästina während der britischen Mandatszeit (1917–1948) entstanden sind oder sogar schon in den Jahrzehnten davor. Auch in der Library Of Congress in den USA sind sehr wichtige visuelle Inhalte zu finden. Doch Deutschland erwies sich als besonders wertvoll für die Wiederfindung sehr wichtiger und bisher als verschollen oder gar unbekannt geltender auditiver und visueller Inhalte. Dank eines soliden Archivierungs-Handwerks in den deutschen Museen und Archiven konnten die überhaupt ersten Schellackplatten palästinensischer Musiker wiederentdeckt werden. Auch viele der geraubten PLO-Filme konnten durch die in Deutschland gut archivierten Kopien wiederbeschafft werden. Es handelt sich vorwiegend um mehrere dutzend Filme, die an Filmfestivals in den 1970er und 80er Jahren in der DDR gezeigt wurden und von denen seit dieser Zeit Kopien bei den jeweiligen Institutionen archiviert wurden.173 Vor allem aber die äußerst 171 Telefongespräch mit Shahwan, Rula, Leiterin der Archivabteilung des palästinensischen Fernsehens, am 23.03.2017. 172 Veröffentlicht auf der offiziellen Internetseite des Palestinian Museum http://www.palmuseum.org/news- 1/newsletter/525-000-images, aufgerufen am 16.01.2018. 173 Telefongespräch mit Shahwan, Rula, Leiterin der Archivabteilung des palästinensischen Fernsehens, am 23.03.2017. 123 bedeutende Foto-Sammlung des Gustaf-Dalman-Instituts in Greifwald ist von einem unschätzbarem Wert. All diese sich hauptsächlich im Ausland befindenden Inhalte palästinensischen Kulturgutes wären ohne die fachmännische Archivierungskenntnisse deutscher und internationaler Institutionen für immer verloren gegangen. In diesem Kapitel wird daher der Versuch unternommen, eine Liste der inzwischen weltweit aufgefundenen und wichtigen palästina-relevanten Sammlungen und Archive zu bilden. Sie soll als eine Art Register auditiver und visueller Kulturgüter verstanden werden und künftig immer aktualisierbar sein. Dementsprechend darf diese Liste nicht als komplett betrachtete werden, sondern sie gilt als eine Momentaufnahme der derzeit bekanntgewordenen Sammlungen. Die Liste soll, soweit vorhanden, Informationen über die Art der Sammlungen, Menge/Volumen, Zugänglichkeit und vorhandene Formattypen (analoge und womöglich digitale) enthalten. Nach Möglichkeit soll sie auch allgemeine Hintergrundinformationen über die Bedeutung und Entstehungsgeschichte der jeweiligen Sammlungen wiedergeben. Um einen besseren Überblick über die verschiedenen Arten von Sammlungen zu erhalten, wird nachstehend der Versuch unternommen, zwischen drei Arten von Sammlungen zu unterscheiden: 1. Katalogisierte Sammlungen in amtlichen oder akademischen Archiven oder Einrichtungen. Diese gelten in der Regel als komplett gesichtet und sind inzwischen größtenteils online mit einem Suchapparat recht detailliert durchsuchbar. All diese Sammlungen – bis auf das Archiv des PBC – befinden sich im Ausland. 2. Sammlungen, die als Einzelprojekte auf Basis privater oder kleinerer Initiativen entstanden sind und meistens von wenigen engagierten Personen betrieben und finanziert werden. Demzufolge handelt es sich um Inhalte, die oft nicht öffentlich beziehungsweise nur eingeschränkt zugänglich und durchsuchbar sind. Bei diesen Sammlungen stellt sich ferner die Frage nach der Nachhaltigkeit, sollten die Personen, die sie leidenschaftlich ins Leben gerufen haben, sie nicht mehr betreiben können. 3. Nichtkatalogisierte Sammlungen bei kleineren Institutionen, Initiativen oder in Privatbesitz. Diese gelten zurzeit als nicht-katalogisiert und demzufolge nur manuell vor Ort durchsuchbar. Ähnlich wie die oben genannte zweite Gruppe muss sich dieselbe Frage nach der Nachhaltigkeit stellen. Die nachstehende Liste der drei Sammlungsgruppen wird im Allgemeinen chronologisch aufgebaut sein. 124 6.1. Katalogisierte Sammlungen in amtlichen oder akademischen Einrichtungen 6.1.1. Fotosammlung der Palestine Exploration Fund The Palestine Exploration Fund – London Das 1865 unter der Schirmherrschaft von Queen Victoria gegründete Palestine Exploration Fund ist eine heute noch existierende unabhängige wissenschaftliche Institution, mit dem Ziel, das biblische Land und den Vorderen Orient zu erforschen. Das Palestine Exploration steht mehreren öffentlichen akademischen Institutionen wie Universitäten, Museen usw. beratend zu Seite und besitzt selbst eine interessante Sammlung archäologischer Funde sowie zahlreiche historische Fotografien und anderen Gegenstände aus Palästina und dem Vorderen Orient. Bisher wurden bei der Palestine Exploration Fund 7345 Fotografien aus dem 19. Jahrhundert und weitere 6838 aus dem frühen 20. Jahrhundert katalogisiert und auch digitalisiert. Da die Digitalisierungsarbeit noch weiterläuft, wird sich diese Zahl mit Sicherheit erhöhen: „… Currently we have 7,345 photographs from the 19th century, of which 3,201 represent individual images (there are many duplicates). There are currently 6,838 photographs in the 20th century catalogued, of which 4,948 are individual images (again, this is due to duplication). There are many photographs still to be catalogued, including glass lantern slides, so these figures will rise in the coming years …“174 Ein guter Teil der Sammlung wurde von Elizabeth Ann Finn, der Ehefrau von James Finn, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als britischer Konsul zu Jerusalem gedient hat, gespendet. Die Fotografien entstanden durch verschiedene Personen, wie den britischen Offizier James McDonald, der in Jerusalem in den Jahren 1864 und 1865 stationiert war, oder auch durch Fotografen wie Bonfils, Francis Frith, Frank Mason Good, James Graham und Khalil Raad. 174 Email-Korrespondenz mit Cobbing, Felicity, Executive Secretary & Curator – Palestine Exploration Fund vom 13.06.2017. 125 Fotosammlung der Palestine Exploration Fund Art der Sammlung Schwarzweiße Fotografien auf Glasplatten Inhaltsbeschreibung Historische Bilder über Palästina von 1864 bis zum frühen 20. Jahrhundert Volumen/ Mengen Ca. 40.000175 aus dem gesamten Vorderen Orient (schätzungsweise zwischen 15.000 und 25.000 aus Palästina) Original-Format Glasplatten, Negativen und Positiven auf Papier Digital vorhanden Mindestens 15.000 Digitales Format Unbekannt (vermutlich TIFF und JPG) Metadaten Ausreichende Hintergrundinformationen, oft mit Datum, Ort und Herkunft der Fotografie Online frei einsehbar Nur ein Teil, der nicht auf der Internetseite der Palestine Exploration Fund einsehbar ist, sondern unter: www.bridgemanimages.com (421 Fotos) und www.flickr.com/people/palestineexplorationfund (Gesamtzahl der digital vorhandenen Fotos nicht ersichtlich). 175 Nach eigener Angaben des Palestine Exploration Fund auf der Internetseite von Flickr, www.flickr.com/people/ palestineexplorationfund, aufgerufen am 17.11.2017. 126 6.1.2. Sammlungen zur Landeskunde Palästinas des Gustaf-Dalman-Instituts Theologische Fakultät - Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald „Die Theologische Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald beherbergt eine international wohl fast einmalige Sammlung von höchstem wissenschaftlichen Interesse und Niveau. Diese Sammlung ist der enzyklopädisch-universalwissenschaftlich ausgerichteten Forschertätigkeit Gustaf Dalmans (1855– 1941) zu verdanken, der besonders in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Palästina noch seinen agrarischen Charakter hatte, in Realien und Fotografien dokumentierte und sammelte, was für ihn das Land der Bibel ausmachte. Die Sammlung befindet sich heute im Gustaf-Dalman-Institut. Gegründet 1920, trägt es seinen Namen. Als erster Direktor des 1902 in Jerusalem eröffneten Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes führte er bis 1914 regelmäßig Lehrkurse für junge Theologen aus Deutschland durch und studierte dabei das Land Palästina und das Leben seiner Bewohner.“176 Nach Informationen der derzeitigen Leiterin, Dr. Karin Berkemann, enthält die Sammlung etwa 20.000 Fotografien Palästinas von der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, von denen erst etwa 6000 Bilder digitalisiert worden sind: „… Unsere Bildbestände, aktuell gehen wir von insges. 20.000 Fotografien aus, sind inzwischen zu über einem Viertel online recherchierbar über die zentrale Sammlungsseite der Uni Greifswald.“177 Das Besondere an dieser Sammlung ist, dass es sich hier bei sehr vielen Bildern um Motive aus dem Alltag in Palästina handelt (Menschen, Natur, Pflanzen) sowie einige Luftaufnahmen. Andere Bilder, die seinerzeit von ausländischen Besuchern gemacht wurden, bilden oft reine touristische Motive aus dem biblischen Land ab. 176 Originalbeschreibung der Sammlung auf der Internetseite des Uni Greifwald, http://www.wissenschaftliche-sammlungen.uni-greifswald.de/Sammlungseinrichtung/DE-MUS-035229, aufgerufen am 06.11.2017. 177 Email-Korrespondenz mit Dr. K. Berckemann, Universität Greifswald vom 15.02.2017. 127 Sammlungen zur Landeskunde Palästinas des Gustaf-Dalman-Instituts Art der Sammlung Schwarzweiße Fotografien auf Glasplatten und Papier Inhaltsbeschreibung Historische Bilder über Palästina vor 1914 Volumen/ Mengen Insgesamt ca. 20.000, darunter 153 Stereoskop-Karten178 Original-Format Glasplatten, Negative und Papierbilder verschiedener Größen Digital vorhanden Ca. 6300 (Stand: Feb. 2017) Digitales Format TIFF zur Archivierung, JPG für die Onlineanzeige (Auflösung: zwischen 300 bis 1200 dpi, je nach Original-Größe und Format) Metadaten Ausführliche Hintergrundinformationen zu jedem Bild inklusive Ort und Datum Online frei einsehbar http://wissenschaftliche-sammlungen.uni-greifswald.de/Objektsuche/%7CSuchbegriff%7Cdalman%7C/ 178 Eine Art 3D-Bilder aus der damalige Zeit. 128 6.1.3. Palästina-Sammlung der Library Of Congress Library Of Congress – Washington, USA Die Sammlung der Palästina-Bilder der Library Of Congress basiert größtenteils auf der Sammlung der „Matson (G. Eric and Edith) Photograph Collection“. Erstellt wurden die Bilder in der Regel von der „American Colony Photo Department in Jerusalem“, welche eine von mehreren im Nahen Osten agierenden amerikanischen Fotoagenturen in der Zeit um die ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. „This collection is a rich source of historical images of the Middle East. The majority of the images depict Palestine (present day Israel and the West Bank) from 1898 to 1946. Most of the collection consists of over 22,000 glass and film photographic negatives and transparencies created by the American Colony Photo Department and its successor firm …“179 Ähnlich wie die Gustaf-Dalman-Sammlung, handelt es sich hier um eine beachtliche Zahl von historischen Bildern von Palästina, mit dem Unterschied jedoch, dass es sich hierbei meistens um touristische Motive aus dem Heiligen Land handelt. 179 Matson (G. Eric and Edith) Photograph Collection - About this Collection [Beschreibung der Kollektion auf der Internetseite der Library Of Congress] https://www.loc.gov/collections/g-eric-and-edith-matson-photographs/, aufgerufen am 16.11.2017. 129 Palästina-Sammlung der Library Of Congress Art der Sammlung Schwarzweiße Fotografien auf Glasplatten, Negativen und Papier Inhaltsbeschreibung Historische Bilder über Palästina zwischen 1898 und 1946 Volumen/ Mengen Ca. 18.000 Original-Format Glasplatten und Negative Digital vorhanden Komplette Sammlung (Stand: Nov. 2017) Digitales Format Jedes Bild liegt in den Formaten TIFF, GIP und JPG in verschiedenen Auflösungen zum Herunterladen bereit. Metadaten Ausführliche Hintergrundinformationen zu jedem Bild inklusive Ort und Datum Online frei einsehbar https://www.loc.gov/photos 130 6.1.4. Sammlung der historischen Palästinabilder der Theologischen Fakultät an der Humboldt Universität zu Berlin Humboldt Universität zu Berlin Es handelt sich um eine kleinere Sammlung, jedoch durchaus eine wertvolle. Sie ist als eine Ergänzung der Sammlungen des Gustaf-Dalman-Instituts und der Library Of Congress zu sehen, da sie Ähnliches enthält wie diese beiden. „Die ‚Sammlung historischer Palästinabilder‘ der Theologischen Fakultät an der Humboldt-Universität zu Berlin geht auf Hugo Gressmann (1877–1927) zurück, der hier von 1907 bis 1927 lehrte. Erhalten geblieben sind ca. 2.000 Glasplattendias mit historischen Abbildungen von Bauwerken Palästinas sowie von Einwohnern und ihrem Lebensumfeld im Vorderen Orient. Neben dem Leben der städtischen Bevölkerung wurden vor allem die Landwirtschaft und die damit verbundenen Handwerke dokumentiert. Ca. 350 der Dias stammen aus dem ‚Nachlass Nikolaus Möller (1857–1912)‘, der von 1890 bis zu seinem Tod im Jahre 1912 Extraordinarius für Christliche Archäologie und Direktor des Christlichen Museums der Berliner Universität war.“180 Hugo Greßmann war der erste Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem in dem Zeitraum zwischen 1902 und 1916. Die Bilder hat Greßmann teilweise selber aufgenommen, teilweise aber auch bei professionellen Fotografen gekauft. Bis Anfang der 1990er Jahre waren die Glasplattendias an unterschiedlichen Stellen gelagert und befanden sich größtenteils in einem fragilen Zustand. 1994 wurden sie zusammengetragen und befinden sich seitdem an der Humboldt Universität in Berlin. Die Glasplatten haben unterschiedliche Formate, die von 6 x 9 cm bis 18 x 24 cm reichen. 180 Beschreibung der Sammlung auf der Internetseite der Universitätssammlungen in Deutschland http://www.universitaetssammlungen.de/sammlung/960, aufgerufen am 12.11.2017. 131 Sammlung der historischen Palästinabilder der Theologischen Fakultät an der Humboldt Universität zu Berlin Art der Sammlung Schwarzweiße Fotografien auf Glasplatten Inhaltsbeschreibung Historische Bilder über Palästina zwischen 1898 und 1946 Volumen/ Mengen Ca. 2.000 Original-Format Glasplatten Digital vorhanden Ca. 2.000 (komplette Sammlung) Digitales Format TIFF, Auflösungen 600 dpi181 Metadaten Sehr wenige Hintergrundinformationen, die auch nicht online einsehbar sind Online frei einsehbar Nur 28 Bilder online einsehbar unter: http://www.palaestinabilder.de/ Digitale Kopien der kompletten Sammlung können direkt bei der Humboldt Universität angefragt werden.182 181 Email-Korrespondenz mit Gebauer, Sascha, Zuständiger Sammlungsbeauftragter vom 18.02.2017 („… Wir haben in TIFF gespeichert, um die Qualität möglichst verlustfrei zu halten... Auflösung ist 600 dpi, das reicht um bei einem 8x10cm Dia bis auf DIN A1 in guter Qualität auszudrucken …“). 182 Ebd. („Film, Ton und Musikaufzeichnungen besitzen wir nicht. Leider nur die Dias, die gescannt sind und in Form einer DVD auch am Lehrstuhl an der Theologischen Fakultät vorhanden sein müsste …“). 132 6.1.5. Sammlung der École biblique et archéologique française de Jérusalem Convent Sait-Étienne – Jerusalem Als eine Forschungsinstitution des biblischen Landes wurde die École biblique et archéologique française de Jérusalem im Jahre 1880 dort gegründet und existiert heute noch. Von Anfang an hat die Institution eine Foto-Abteilung gegründet, um ihre Forschungsarbeiten, wie Ausgrabungen und Studien, zu begleiten und diese zu dokumentieren. Mit der Zeit entstand eine große Zahl von historischen Fotografien, die anders als andere Sammlungen, keine Portraits und auch keine touristischen Motive wiedergeben, sondern viele biblische Motive und Ereignisse aus der damaligen Zeit. „The ancient photographs are the original negatives on glass plates of diverse formats, from 18 x 24cm to the 7 x 13cm little stereoscopic. All of those are well conserved in Jerusalem, where the digitalization started in 2001. Besides the 12.000 glass negatives, the Biblical School owns a collection of sheet-films and middle-format negatives (6 x 9cm and 6 x 6cm), along with old sepia printings. In 2017, the total of digitized photographs reached about the 25.000 pictures.“183 183 Beschreibung der Sammlung auf der Internetseite der École biblique et archéologique française de Jérusalem http://www.ebaf.edu/the-photographic-collection, aufgerufen am 12.11.2017. 133 Sammlung der École biblique et archéologique française de Jérusalem Art der Sammlung Schwarzweiße Fotografien auf Glasplatten Inhaltsbeschreibung Historische Bilder über Palästina zwischen 1880 und etwa Mitte des 20. Jahrhunderts Volumen/ Mengen Ca. 30.000 Original-Format Glasplatten (verschiedene Größen) und wenige Stereoskop- Bilder. Digital vorhanden Komplette Sammlung Digitales Format Keine Angabe Metadaten Keine Angabe Online frei einsehbar Nein 134 6.1.6. Berliner Phonogramm-Archiv Ethnologisches Museum Berlin - Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz Für das auditive Kulturerbe Palästinas ist dieser Fund im Berliner Phonogramm-Archiv der vielleicht bisher bedeutendste. In der sehr wenigen existierenden Literatur, die das auditive musikalische Erbe Palästinas behandelt, galten die Tonaufnahmen, die der aus Deutschland stammende jüdische Musikethnologe Robert Lachmann in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in Jerusalem gemacht hat, als die ersten existierenden Tonaufnahmen palästinensischer Musiker*innen. Doch die wiedergefundenen Schellackplatten des Sängers Rajab effendi el- Akhal el Yafaoui in Berlin stammen nachweislich aus den Jahren zwischen 1923 und 1928 und sind damit ca. ein Jahrzehnt älter als die von Robert Lachmann. Die Sammlung des Berliner Phonogramm-Archivs am Ethnologischen Museum enthält 193 Schellackplatten des ersten arabischen Musiklabels (Baidaphon), worunter die des Rajab effendi el-Akhal el Yafaoui gefunden wurden. Es ist möglich, dass sich in der Sammlung weitere Platten palästinensischer Musiker*innen befinden, doch bedarf dies einer weiterreichenden Forschung der Bestände. 135 Berliner Phonogramm-Archiv Art der Sammlung Musik-Tonaufnahmen Inhaltsbeschreibung Palästinensische Gesänge (Gattung: Qasida) Volumen/ Mengen 2 Original-Format Schellackplatten Digital vorhanden ja Digitales Format WAV (16 bit / 44.1 kHz) Metadaten wenige Hintergrundinformationen Online frei einsehbar Jeweils nur die ersten 30 Sekunden von jeder Schallplattenseite unter: http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus Digitale Kopien der kompletten Tonaufnahme können direkt beim Berliner Phonogramm-Archiv / Visuelle Anthropologie angefragt werden. 136 6.1.7. Middle East Centre Archive, St Antony’s College, Oxford University Of Oxford Gegründet 1957 und zu einer der renommiertesten Universitäten Großbritanniens gehörend, befasst sich das Middle East Centre mit interdisziplinären Studien des gesamten Nahen Ostens. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hat es sich zu einer der bekanntesten akademischen Einrichtungen in diesem Gebiet entwickelt. Das Middle East Centre besitzt ein interessantes Archiv, in dem insgesamt etwa 150.000 Fotografien aus dem gesamten Vorderen Orient gelagert sind. Davon gelten jedoch nur ca. 15% als „palästina-relevant“, die etwa von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang der 1970er Jahre stammen. Unter diesem Link184 kann man in Form einer PDF-Datei den gesamten Katalog der vorhandenen Fotosammlung erhalten, in dem die verfügbaren Bilder aufgelistet und kurz beschrieben werden. Nach Informationen des Middle East Centre besitzt dieses auch ein historisches Filmdokument über die Rekrutierung der Palästina-Polizei. Des Weiteren besitzt das Middle East Centre auch mehrere Tonaufnahmen (Interviews) neueren Datums mit britischen Zeitzeugen, die vor 1948 in Palästina als Polizisten gedient haben. Thematischer Inhalt der Interviews wird aber nicht näher erklärt: „… We have audio recordings of Palestine Police oral history interviews. We have very little film material. For the Palestine Mandate we have a copy of a recruitment film for the Palestine Police …“.185 184 Grant, Gillian. 1985. Guide: Historical Photographs of the Middle East – From the Middle East Centre. Oxford: St. Antony’s College, Warden and Fellows of St. Antony’s College in the University of Oxford, U.K. https://www.sant.ox.ac.uk/sites/default/files/meca-hpme-catalogue.pdf, aufgerufen am 17.11.2017. 185 Email-Korrespondenz mit Usher, Debbie, Middle East Centre, vom 03.07.2017. 137 Middle East Centre Archive, St Antony’s College, Oxford Art der Sammlung 1. Schwarzweiße und wenige farbige Fotografien 2. Audiointerviews mit Zeitzeugen Inhaltsbeschreibung Historische Bilder aus Palästina zwischen Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1971. Audiointerviews mit 15 britischen Polizisten, die in der Mandatszeit in Palästina gedient haben. Volumen/ Mengen Insgesamt ca. 150.000 Fotos, von denen etwa 15% palästinarelevant sind. 15 Audiointerviews Original-Format Fotografien: auf Glasplatten, Negativen und Papierfotos Audiointerviews: wurden direkt digital aufgezeichnet Digital vorhanden Fotografien: 1412 palästina-relevante Fotografien186 Audiointerviews: können auf DVD direkt beim Middle East Centre bestellt werden. Digitales Format TIFF, Auflösungen je nach Originalformat von 1100 dpi (bei 35mm Negativen) bis 600 dpi bei Papierfotos und Glasplatten Metadaten Im Katalog von 1985 sind sehr wenige Hintergrundinformationen enthalten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass wesentlich mehr Hintergrund-informationen im physischen Archiv hinterlegt sind. Online frei einsehbar Nur wenige Bilder sind online einsehbar unter: http://www.sant.ox.ac.uk/research-centres/middle-eastcentre/mec-archive/meca-photos#scope 186 Email-Korrespondenz mit Usher, Debbie, Middle East Centre, vom 03.07.2017 („… 1412 images have been digitised. We use TIFF as our file format. The resolution the images are scanned at depends on the size of the original. We tend to scan 35mm slides at 1100 dpi and prints, depending on their size at 600dpi …“). 138 6.1.8. Sammlung der Arab Image Foundation The Arab Image Foundation – Beirut Die Arab Image Foundation wurde 1997 als eine Nichtregierungsorganisation in Beirut gegründet, die sich dafür einsetzt, einen gesellschaftlichen Beitrag für die Erhaltung von Fotografien in der gesamten arabischen Welt zu leisten. Dadurch soll möglichst viel von dem visuellen Erbe des Nahen Ostens für die kommenden Generationen bewahrt werden. Die Organisation finanziert sich durch Spenden und Kooperationen mit anderen Partnern im In- und Ausland. Nach eigenen Angaben enthält ihre Fotokollektion mehr als 600.000 Fotografien aus dem gesamten Nahen und Mittleren Osten sowie von arabischen Auswanderer*innen in Lateinamerika. Die Sammlung basiert hauptsächlich auf den zur Verfügung gestellten alten und neueren Fotografien aus Familienbesitz. Daher besteht ein Großteil der Abbildungen aus Portraits von Privatpersonen und Familienfotos. Die Sammlung wird durch die Teilnahme an diversen akademischen und kulturellen Veranstaltung sowie durch Publikationen im Internet für das Publikum zugänglich gemacht. 139 Sammlung der Arab Image Foundation Art der Sammlung Schwarzweiße und farbige Fotografien Inhaltsbeschreibung Bilder aus dem gesamten arabischen Raum vom spätem 19. bis zum späten 20. Jahrhundert, darunter auch viele Bilder aus Palästina. Volumen/ Mengen Ca. 600.000 Fotografien, davon ein unbekannter Teil aus Palästina Original-Format Glasplatten, negative und positive Fotografien verschiedener Formate Digital vorhanden Insgesamt ca. 65.000 / Online jedoch nur ca. 10.000 [Stand: 17.11.2017] Digitales Format unbekannt Metadaten Ausführliche Hintergrundinformationen soweit verfügbar Online frei einsehbar Nur für registrierte User unter: http://fai.cyberia.net.lb/ [Stand: 17.11.2017] 140 6.1.9. UNRWA Foto- und Film-Archiv für palästinensische Flüchtlinge UNRWA (United Nations Relief and Work Agency for Palestinian Refugees in the Near East) – Wien Als ein Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten von der UNO im Jahre 1949 gegründete Organisation dokumentierte sie seit ihrer Gründung ihre Tätigkeit in den palästinensischen Flüchtlingslagern. Dadurch entstand eine riesige Menge von Bildern, die das Alltagsleben der palästinensischen Flüchtlinge in Bildern, Filmen und Videoaufnahmen dokumentieren. Die UNRWA finanzierte auch kleinere Filmproduktionen, die als Schulungsfilme oder auch Dokumentationen über die UNRWA und ihre Arbeit in diversen arabischen Fernsehsendern ausgestrahlt wurden. Über die Jahre entstand eine beachtliche Menge an audiovisuellem Material, das das Leben eines sehr prägenden Abschnittes der palästinensischen Geschichte wiedergibt. Als die UNRWA 1978 ihren Hauptsitz in Beirut aufgab und nach Wien zog, hinterließ sie der PLO dort einen Teil ihres audiovisuellen Archivs. Dieser Teil befindet sich seit 1982 – wie im Kapitel 5 beschrieben – nachweislich im israelischen Militärarchiv der IDF. Der Rest wurde schon 1978 nach Wien verlagert und mit der Zeit gewachsten, so dass sich nun insgesamt mehr als eine halbe Million Fotografien, Filme, Videos verschiedener Formate im Wiener Archiv der UNRWA befindet. Dieses gesamte Archiv wurde, seinem historischen Wert wegen, im Jahre 2009 in die Liste des Memory of The World Programm der UNESCO aufgenommen.187 Die UNRWA startete im Sommer 2013 mit finanzieller Unterstützung einiger palästinensischer Institutionen und Privatfirmen sowie der französischen und der dänischen Regierung ein Digitalisierungsprojekt des gesamten Bestands. Alle Inhalte sind nun digital vorhanden, jedoch nur ein kleiner Teil ist öffentlich online einsehbar. 187 Veröffentlicht auf der offiziellen Internetseite der UNRWA https://www.unrwa.org/photo-and-film-archive, aufgerufen am 20.11.2017. 141 UNRWA Foto- und Film-Archiv für palästinensische Flüchtlinge Art der Sammlung Schwarzweiße und farbige Fotografien, Videos und Filme Inhaltsbeschreibung Bilder aus dem Alltag in den palästinensischen Flüchtlingslagern von 1948 bis Anfang der 2000er Jahren Volumen/ Mengen Insgesamt ca. 525.000 Fotografien und ca. 800 Filme und Videos Original-Format Fotonegative: 430.000 Foto-Prints: 10.000 Positive Dias: 85.000 Filme: 75 (Formate unbekannt) Videobänder: 730 (Formate unbekannt) Digital vorhanden Komplette Sammlung Digitales Format unbekannt Metadaten Ausreichende Hintergrundinformationen zum Inhalt und digitalem Format Online frei einsehbar Nur auf Drittanbieterseiten wie: https://commerce.wazeedigital.com [Stand 20.11.2017] 142 6.1.10. Family Album des Palestinian Museum The Palestinian Museum – Birzeit In Kooperation mit mehreren Privatfamilien startete das Palestinian Museum im November 2014 unter dem Motto „Your Pictures, Your Memory, Our History“ ein Bilddigitalisierungsprojekt. Die von Privatfamilien zur Verfügung gestellten historischen Fotografien sollten digitalisiert werden, um so im Rahmen einer großen Bilderkollektion das gemeinsame kollektive Gedächtnis zu erhalten. Das Endziel ist, eine Auswahl der digitalisierten Bilder der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung zu stellen.188 Einige der digitalisierten Bildersammlungen werden von einem Hörinterview mit einem (oder mehreren) Familienangehörigen begleitet, der das jeweilige Bild persönlich kommentiert. Diese Tondokumente sind jedoch nur beschränkt öffentlich zugänglich, da sie oft private Details der jeweiligen Familie beschreiben.189 Das Projekt ist eines der ersten seiner Art in den palästinensischen Gebieten, und da es sich vorwiegend um private Familienbilder handelt, ist es eine gute Ergänzung zu den anderen Bildersammlungen, die sich außerhalb Palästinas befinden und oft touristische Motive oder andere Motive zeigen wie sie ausländische Besucher gerne festgehalten haben. Man muss dennoch bedenken, dass die meisten dieser historischen Bildersammlungen bei Familien entstanden sind, die eher als wohlhabend und bürgerlich galten und es sich leisten konnten, sich fotografieren zu lassen. Solche Familien waren meistens in größeren Städten ansässig, so dass diese Bildersammlungen nun eher das bürgerliche Leben wiederspiegeln. Bildersammlungen von ärmeren Familien auf dem Lande sind dabei eher selten. Da das Projekt immer offen ist für neue Fotoalben und Bildersammlungen, erhöht sich die Zahl der digitalisierten Inhalte ständig. 188 Veröffentlicht auf der offiziellen Internetseite des Palestinian Museum, http://www.palmuseum.org/projects/thefamily-album#ad-image-thumb-1651, aufgerufen am 20.11.2017. 189 Gespräch mit Persekian, Jack, dem früheren Leiter des Palestinian Museum. Ramallah, am 12.09.2015. 143 Family Album des Palestinian Museum Art der Sammlung Schwarzweiße und farbige Fotografien Inhaltsbeschreibung Bildersammlungen von palästinensischen Privatfamilien von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis etwa Ende des 20. Jahrhunderts. Volumen/ Mengen Wird ständig erweitert, jetzige Zahl nicht bekannt, wenigstens jedoch mehrere tausend Bilder. Original-Format Vorwiegend Papierbilder (weitere Formate nicht auszuschließen) Digital vorhanden Bisherige komplette Sammlung Digitales Format TIFF und JPG Metadaten Umfang der Hintergrundinformationen ist je nach den von den Familien vorliegenden Quellinformationen unterschiedlich. Teilweise werden die Bilder mit Toninterviews von einigen Familienangehörigen begleitet. Online frei einsehbar Nur ein kleiner Teil unter: https://palmuseum.wordpress.com/tag/family-album/ [Stand 20.11.2017] 144 6.1.11. Volksmusiksammlung des Popular Art Centre Popular Art Centre – Al Bireh (Westbank) Das „Popular Art Centre“ ist eine der aktivsten Nichtregierungsorganisationen in der Westbank. Es wurde 1987 gegründet und betreibt mehrere sehr wichtige Projekte zur Erhaltung des volksmusikalischen Erbes Palästinas, wie das alljährliche „Heritage Festival“ oder die eigene Volkstanzschule. Anfang der 1990er Jahre startete das Popular Art Centre ein kleineres Projekt um die Erhaltung der palästinensischen Volksmusiktradition, bei dem man Volksmusiker*innen und musikalische Anlässe wie Hochzeiten live auf Musikkassette aufnahm und somit auditiv dokumentierte. Das Projekt wurde mir damals bekannt, als ich im Jahre 1994 im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) gemeinsam mit meinem Tonmeisterkollegen Gideon Boss Tonaufnahmen palästinensischer Volksmusik in den palästinensischen Gebieten gemacht habe. Von diesen Aufnahmen hat der WDR später einige Hörfunksendungen unter dem Thema „außereuropäische Musik“ produziert. Um dieses Vorhaben mit dem WDR realisieren zu können, habe ich mit dem Popular Art Centre kooperiert, wodurch das Projekt Aufmerksamkeit erlangte und weitere Fördergelder erhielt, diesmal von der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Mit der finanziellen Hilfe der Heinrich-Böll-Stiftung konnten weitere technische Anlagen, wie digitale Tonbandgeräte, Tonmischpult und professionelle Mikrofone erworben und so der Fortgang des Projekts für weitere Jahre gesichert werden. Das aufgenommene Material stellt nach eigenen Einschätzungen die überhaupt wichtigste auditive Musiksammlung palästinensischer Volksmusiktradition dar. Die musikalischen Inhalte dieser Sammlung haben mehrere jüngere Musiker*innen inspiriert, wodurch, basierend auf diesem hörbaren Erbe, zahlreiche neue Lieder entstanden sind. Anfang der 2000er Jahre wurde der in Paris lebende palästinensische Komponist und Pianist Patrik Lama damit beauftragt, zahlreiche Gesangsmelodien aus dieser auditiven Sammlung in Notenschrift umzuschreiben, um so das musikalische Erbe musikethnologischen Forscher*innen zur Verfügung stellen zu können. Daher existieren nun im Pupular Art Centre auch viele Notenschriftstücke der aufgenommenen Musik. In den letzten Jahren hat das Popular Art Centre in eigener Finanzierung nach und nach das Übertragen der Musikinhalte digital auf CDs durchgeführt und somit ein CD-Archiv aufgebaut. Die CDs können nur vor Ort angehört werden. Eine kleine Auswahl der 1994 für den WDR aufgenommenen Stücke wurde auf einer CD veröffentlicht.190 190 Veröffentlicht auf der offiziellen Internetseite des Popular Art Centre, https://www.popularartcentre.org/index. php?page=music_home&catid=5, aufgerufen am 20.11.2017. 145 Abb. 48: Vorderseite der in Kooperation mit dem WDR und dem Popular Art Centre produzierten CD palästinensischer Volksmusik. (SONOPRESS Matrizen-Nr.: S-3550). (Foto: Bashar Shammout) 146 Volksmusiksammlung des Popular Art Centre Art der Sammlung Musiktonaufnahmen und Notenschriftdokumente Inhaltsbeschreibung Palästinensische traditionelle Volksmusik (auch religiöse Gesänge) Volumen/ Mengen 378 Audio-CDs entspricht ca. 252 Stunden Musik (editiert) Original-Format DAT-Bänder und wenige Musikkassetten Digital vorhanden Komplette Sammlung Digitales Format PCM 16 bit / 44.1 kHz) Metadaten Ausführlich, mit Datum, Ort, Anlass, Musiker usw. Online frei einsehbar Nein, zurzeit nur vor Ort 147 6.1.12. Archiv des Palestine Studies Institute for Palestinian Studies – Ramallah / Beirut Das 1963 gegründete Institut ist derzeit die größte und wichtigste palästinensische akademisch-wissenschaftliche Institution. Sie befasst sich mit Studien verschiedener Bereiche palästinensischen Lebens, Geschichte und Kultur und publiziert regelmäßig Dokumentationen, Schriftstücke und Bücher. In ihren Archiven befinden sich wichtige Sammlungen unterschiedlicher Dokumentenformate von Originalnotizen berühmter palästinensischer Persönlichkeiten, wie die des Dichters Kamal Nasser (1925–1973), bis hin zu historischen Fotosammlungen und Tonaufnahmen. Auch ein Teil der Fotosammlung des Fotografen Khalil Raad und Tonaufnahmen von Wassif Jawhariyyeh befinden sich ebenfalls im Archiv des Instituts.191 Das Institut besitzt kein gesondertes audiovisuelles Archiv. In seinen Sammlungen sind aber diverse Foto-, Bild- und Film-Dokumente zu finden, die als Anhang oder Teil der Dokumentenkollektion zu einem bestimmten Thema aufgelistet werden. Dennoch bemüht sich das Institut ständig um die Erweiterung seiner audiovisuellen Bestände: „The library also contains rare collections of photographs, documentary films, and maps of Palestine and its towns and cities. The map collection includes maps of the occupied territories published by the Israeli government. The library is working on expanding its collection of audiovisual material.“192 Obwohl das gesamte Archiv recht gut katalogisiert ist, erweist sich die Online-Suche nach audiovisuellem Material als etwas umständlich, denn der Schwerpunkt des Suchapparats ist eher auf akademische Dokumente, Schriftstücke und Studien ausgelegt. 191 Gespräch mit Tamari, Salim. Ramallah, am 09.08.2017. 192 Veröffentlicht auf der offiziellen Internetseite des Institute for Palestinian Studies http://www.palestine-studies. org/library/overview, aufgerufen am 21.11.2017. 148 Archiv des Palestine Studies Art der Sammlung Verschiedene Arten von Schriftdokumenten, Landkarten, Fotografien, Filmen und Tonaufzeichnungen Inhaltsbeschreibung Akademisch-wissenschaftliche Inhalte, historische Original- Schriftstücke und Studien Volumen/ Mengen Sehr umfangreich, keine Angaben zum Volumen der einzelnen Dokumenten-Formate Original-Format Keine Angaben Digital vorhanden Keine Angaben Digitales Format Keine Angaben Metadaten Je nach Inhalt sehr unterschiedlich Online frei einsehbar Umfangreiche Suchoptionen unter: http://www.palestine-studies.org/library/online-catalog 149 6.1.13. Historische Tondokumente des Palestine Broadcasting Service beim Sound Archive der British Library British Library – London Im Tonarchiv der British Library befinden sich die einzigen bisher in einem amtlichen Archiv gefundenen auditiven Tondokumente des ersten palästinensischen Radiosenders, dem Palestine Broadcasting Service. Es handelt sich aber nur um englischsprachiges Audiomaterial, das während der britischen Mandatszeit Palästinas (bis 1948) entstanden ist. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass auch arabischsprachige Tondokumente in irgendeiner Sammlung oder irgendeinem Archiv lagern müssen. Dennoch sind auch englischsprachige Tondokumente für diese Studie sehr wichtig, da auch sie das gesellschaftliche, politische und kulturelle Leben des damaligen Palästinas wiedergeben. 150 Historische Tondokumente des Palestine Broadcasting Service beim Sound Archive der British Library Art der Sammlung Tonaufnahmen Inhaltsbeschreibung Englischsprachige Tonmitschnitte von Radiosendungen des Palestine Broadcasting Service aus den Jahren 1946, 1947 und 1948 Volumen/ Mengen 24 Original-Format Analoges Tonbandmaterial unterschiedlicher Formate Digital vorhanden Alle Tonmitschnitte Digitales Format Unbekannt Metadaten Ausführlich Online frei einsehbar Nein, nur vor Ort 151 6.1.14. Historische Filmdokumente des British Film Institute The British Film Institute (BFI) – London Das BFI ist eine staatlich geförderte jedoch unabhängig agierende Institution zur Wahrung, Verbreitung und Förderung des britischen Films und der britischen Filmkultur. Gegründet im Jahr 1933 in London besitzt das BFI mittlerweile eine riesige Sammlung an Filmmaterial unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Datums. Darunter auch mehrere hundert Filme, Film-Footages und Videos über Palästina, insbesondere aus der britischen Mandatszeit. Eine Online-Suche nach dem ältesten Palästina-Film listet einen aus dem Jahr 1918. Das BFI ist seit einigen Jahren dabei, seinen analogen Film- und Video-Bestand zu digitalisieren. In seiner Sammlung besitzt es auch viele historische und moderne Fotografien, die auch digitalisiert werden. Darunter auch einige aus Palästina. Als ein amtliches Archiv finanziert sich das BFI auch vom Verkauf einiger Filmrechte. Seinen Bestand ist demnach zwar online durchsuchbar, jedoch nur ein kleiner Teil davon kann online kostenlos gesehen werden. Um Kopien von den restlichen im Bestand aufgelisteten Filmen beziehen zu können, bietet das BFI unterschiedliche Lizenzformen und -Stufen an.193 Historische Filmdokumente des British Film Institute Art der Sammlung Filme und Videos Inhaltsbeschreibung Historische Filme und Film-Footages, Filme und Videos neueren Datums. Volumen/ Mengen Insgesamt 422 Film- und Videodokumente Original-Format Filme und Videos unterschiedlicher Formate Digital vorhanden Unbekannt Digitales Format Unbekannt Metadaten Ausführlich Online frei einsehbar Derzeit nur 4 unter: https://player.bfi.org.uk/search/free?q=palestine Aufgerufen am 10.06.2017 193 Email-Korrespondenz mit Lynn McVeigh, Collections Access Manager, BFI National Archive, British Film Institute vom 09.06.2017. 152 6.1.15. Audiovisuelles Archiv der Arbeiter- und Demokratie-Bewegung Italiens (AAMOD) Archivio Audiovisivo del Movimento Operaito e Democratico – Rom Gegründet im Jahr 1979, verfügt das Archiv der italienischen Arbeiter- und Demokratie-Bewegung über eine große Anzahl audiovisuellen Materials, das hauptsächlich den Werdegang der Arbeiterbewegung Italiens dokumentieren soll. Die deutsche Filmemacherin Monica Maurer, die der palästinensischen Filmszene seit den 1970er Jahren recht eng verbunden war und seit vielen Jahren ihren Wohnsitz in Rom hat, engagierte sich dafür, dass das AAMOD einen Beitrag zur Archivierung palästinensischen Filmmaterials leistet. Denn beim AAMOD gab es bereits einige ältere Filmdokumente über die Palästinenser*innen.194 Demnach erklärte sich das AAMOD im Jahre 2010 dazu bereit, weiteres Material, das Monica Maurer in Zusammenarbeit mit der palästinensischen Filmemacherin Emily Jacir (geb. 1972) in den Jahren zuvor gesammelt hat, zu archivieren. Heute beherbergt das AAMOD wertvolles palästinensisches Filmmaterial, das inzwischen digitalisiert vorliegt, von dem ein Teil online eingesehen werden kann. 194 Mannes-Abbott, Guy. 2015. This is Tommorow – On Emily Jacir’s Art of Assembling Radically Generative Archives. In Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East, herausgegeben von Downey, Anthony. London – New York: I.B. Taurus. Seite 119. 153 Audiovisuelles Archiv der Arbeiter- und Demokratiebewegung Italiens (AAMOD) Art der Sammlung Filme Inhaltsbeschreibung Ausgewählte palästinensische Filme von den 1970er Jahren bis heute Volumen/ Mengen Ca. 100 Stunden195 (Online-Suche auf der Internetseite des AAMOD ergibt 142 Filme) Original-Format 16 mm und 35 mm Digital vorhanden Unbekannt Digitales Format Unbekannt Metadaten Ausreichend, jedoch nur auf Italienisch Online frei einsehbar Nur ein Teil der Inhalte unter: http://patrimonio.aamod.it/aamod-web/search/result.html? query=palestina#n 195 Mannes-Abbott, Guy. 2015. This is Tommorow – On Emily Jacir’s Art of Assembling Radically Generative Archives. In Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East, herausgegeben von Downey, Anthony. London – New York: I.B. Taurus. Seite 119. 154 6.1.16. Audio- und Video-Archiv des palästinensischen staatlichen Radios (Voice of Palestine) und des palästinensischen staatlichen Fernsehens (Palestine TV) Palestinian Broadcasting Corporation (PBC) – Ramallah Es handelt sich um die palästinensische staatliche Behörde für Rundfunk, die PBC,196 die größte Fernseh- und Radioanstalt in den palästinensischen Gebieten. Basierend auf den Vereinbarungen des Osloer Friedensabkommens von 1993 wurde die PBC als die zentrale und offizielle Rundfunkanstalt der palästinensischen Autonomiebehörde im Frühjahr 1994 gegründet. Der Radioteil der PBC nahm seinen Betrieb erst in Jericho auf und ist kurze Zeit später nach Ramallah umgezogen. Der Fernseh-Teil wurde auch 1994 gegründet, jedoch in Gaza-City, wo er bis Herbst 2006 stationiert blieb. Seit 2006 befinden sich alle Radio- und Fernseh-Studios und die Verwaltung der PBC in Ramallah, von wo aus sie ausstrahlen. Das Radio betreibt einen Hauptsender, der über Mittelwelle und UKW sendet und das Fernsehen einen Hauptsender und mehrere Spartensender (Sport, Live usw.), die sowohl terrestrisch wie auch über Satellit und Internet senden. Innerhalb weniger Jahre seit ihrer Gründung produzierte die PBC eine große Menge Radiound Fernsehmaterials, das sich als physische Archive in Ramallah und in Gaza befanden. Das Audioarchiv des Radios war in Ramallah und das audiovisuelle Archiv des Fernsehens in Gaza. Ein Großteil dieser Archive wurde während der militärischen Auseinandersetzungen im Jahr 2001 vom israelischen Militär zerstört (siehe Abbildung 39). Nach der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen im Jahr 2006 übernahm diese die Kontrolle über den Fernseh-Teil der PBC dort und wurde geschlossen. Anschließend wurde ein neuer, der Hamas nahestehender Sender197 in Betrieb genommen. Im Laufe der Jahre danach wurden die Materialien mühsam wieder gesammelt oder ersetzt und die Archive teilweise wiederaufgebaut. Es kamen auch sehr viele neue und alte Inhalte dazu, so dass das audiovisuelle Archiv der PBC trotz aller Hindernisse heute als das wichtigste in den palästinensischen Gebieten gilt. Dort werden auch diverse Inhalte, die aus den Jahrzehnten vor der PBC stammen und die wiedergefunden werden konnten, in Form von Kopien verwahrt. Darunter 69 der PLO-Filme aus den 1970er und frühen 1980er Jahren, die lange Zeit als verschollen galten und von denen der überwiegende Teil in diversen deutschen Archiven wiedergefunden werden konnte. Davon konnten nun digitalisierte Kopien an die PBC offiziell übergeben werden.198 196 Palestinian Broadcasting Corporation (PBC). 197 Al Aqsa TV Channel. 198 Telefongespräch mit Shahwan, Rula, Leiterin der Archivabteilung des palästinensischen Fernsehens, am 23.03.2017. 155 Die Erfahrung hat gezeigt, dass physische Archive in den palästinensischen Gebieten unter israelischer Besatzung keineswegs sicher sind. Daher ist die PBC derzeit dabei, ein digitales Archiv aufzubauen, so dass digitale Kopien der Archivinhalte parallel auch anderswo gesichert werden können. Trotz der Wichtigkeit des Archivs der PBC, ist es – wie bei vielen staatlichen Rundfunkanstalten – öffentlich nicht zugänglich oder durchsuchbar. Daher kann derzeit keine genaue Angabe über das Volumen oder die Formate der Inhalte gemacht werden. Es wird jedoch auf viele tausend Stunden audiovisuelles Material geschätzt. Das dort vorhandene interne Suchsystem der Inhalte erlaubt das Suchen nach Schlag- und Schlüsselwörtern in arabischer und englischer Sprache. Auf begründete Anfrage können Forscher*innen und Journalisten*innen Materialien einsehen und Kopien ziehen. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass ähnlich wie die PBC auch die offizielle palästinensische Nachrichtenagentur WAFA (Arabisch: wakālat al’anbā’ alfalasṭīniyya) als eine staatliche, der palästinensischen Autonomiebehörde angehörende Institution existiert. WAFA wurde schon Anfang der 1970er Jahre von der PLO in Beirut gegründet. Über die vielen Jahre sammelte WAFA sehr viele Bilder, die aber vorrangig auf Nachrichten-Ereignissen basieren und nicht unbedingt als Kultur-Sammlungen zu betrachten sind. Auch ähnlich wie die PBC hat WAFA heute ein eigenes Bilder-Archiv, das aber der Öffentlichkeit nicht zur freien Nutzung steht. Einzelne Bilder können jedoch nach begründeter Anfrage zur Verfügung gestellt werden. 156 6.2. Sammlungen, die als Einzelprojekte auf Basis privater oder kleinerer Initiativen entstanden sind und meistens von wenigen engagierten Personen betrieben und finanziert werden 6.2.1. AMAR Foundation For Arab Music And Research AMAR Foundation – Beirut Aus einem ähnlichen Ansatz wie „The Arab Image Foundation“ entstand die AMAR Foundation auch in Beirut, um einen Beitrag zur Erhaltung des Kulturerbes des arabischen Nahen Ostens zu leisten und widmet sich der Erhaltung des auditiven Erbes. AMAR sammelt und archiviert eine relativ große Sammlung arabischer Musik aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Durch den Initiator Kamal Kassar wurde AMAR im Jahr 2009 gegründet und von ihm eigenfinanziert. Nach eigenen Angaben besitzt die Sammlung von AMAR derzeit ca. 7000 Schellackplatten und viele weitere Plattenkopien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Tonbändern. Alle Schellackplatten und Tonbänder sind inzwischen im eigenen Studio digitalisiert, jedoch online noch nicht veröffentlicht worden. Auch das Fehlen einer Online-Suchmaschine, die das gezielte Suchen nach Liedern, Musikstücken oder den einzelnen Musikern in der Sammlung ermöglicht, erschwert das Lokalisieren der auditiven Inhalte. Lediglich eine Zeitachse ist auf der eigenen Internetseite einsehbar, die einen kleinen Teil der bekanntesten arabischen Musiker*innen dieser Periode der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts abbildet, mit Foto, Namen und Geburts- und Sterbedaten, jedoch ohne Angabe zum Herkunftsland, und vor allem aber ohne Hörbeispiele. AMAR hat aber inzwischen etwa ein Dutzend CDs veröffentlicht mit ausgewählten Stücken aus dem eigenen Archiv und bezweckt damit, das öffentliche Interesse der Bevölkerung an der Musik dieser Epoche zu wecken. 157 AMAR Foundation For Arab Music And Research Art der Sammlung Schellackplatten und Tonbandkopien Inhaltsbeschreibung Kunstmusik und kommerzielle arabische Musik aus dem Nahen Osten aus der Zeit zwischen 1903 und den 1930ern Volumen/ Mengen Ca. 7000 Schellackplatten und 6000 Stunden Kopien auf Tonband Original-Format Schellack- und Grammophonplatten sowie Magnet- Tonbändern verschiedener Formate Digital vorhanden Komplette Sammlung Digitales Format Keine Angaben Metadaten Keine Angaben Online frei einsehbar Nein 158 6.2.2. Musiksammlung der Palestinian Association for Cultural Development NAWA – Ramallah Eine eher kleinere Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Ramallah, befasst sich NAWA mit der Erhaltung des alten palästinensischen Musikerbes der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie besitzt nicht viel auditive Inhalte in ihrer Sammlung, dafür aber Notenschriftdokumente und andere Papierdokumente. NAWA wurde von Nader Jalal el Biss gegründet und seit ihrer Gründung in den 2000er Jahren von ihm geleitet. Sie finanziert sich durch Spenden und durch selbstorganisierte Musikabende, bei denen das alte Musikerbe Palästinas wiederbelebt wird. Inzwischen hat NAWA mehrere CDs veröffentlicht, die teils auf neuproduzierten Musikwerken der alten palästinensischen Musikmeister, wie Rawhi el Khammash, und teils auf wiederentdeckten Original-Musikaufnahmen basieren.199 199 Gespräch mit Jalal el Bis, Nader. Ramallah, am 10.08.2017. 159 Musiksammlung der Palestinian Association for Cultural Development NAWA - Ramallah Art der Sammlung Musiktonaufnahmen und Notenschrift- und andere Musikdokumente Inhaltsbeschreibung Palästinensische Musik der Musikergeneration der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Volumen/ Mengen Bisher 3 veröffentlichte CDs aus der eigenen Sammlung, sonst keine Angaben über die gesamte Menge Original-Format Verschiedene Formate (Tonbänder, Schellackplatten, Vinylplatten, Musikkassetten) Digital vorhanden Unbekannt Digitales Format Keine Angaben Metadaten Keine Angaben Online frei einsehbar Nein 160 6.2.3. Tonarchiv der Irab Association – Beirut Irab ist eine recht bescheidene kleine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Beirut, die sich für die Erhaltung von kulturell und historisch wertvollen Tondokumenten unterschiedlichster Art und Herkunft aus dem gesamten arabischen Raum spezialisiert hat. Sie wurde Anfang der 2000er Jahre auf Initiative des Gründers Basel Qassem gegründet und finanziert sich seitdem ausschließlich aus Spenden und kleinen Kooperationsprojekten mit lokalen und ausländischen Partnern. Dadurch arbeitet Irab recht unabhängig, jedoch sehr gut vernetzt. In Kooperation mit anderen Partnern hat Irab bei der Herausgabe einiger Bücher über das auditive Erbe der arabischen Welt (insbesondere Ägyptens und Libanons) mitgewirkt. Irab hat eine durchaus interessante Sammlung unterschiedlicher Tondokumente, die sich von seltenen Musikaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert bis hin zu historischen Original- Tonaufzeichnung von den Sitzungen des palästinensischen Nationalkongress erstrecken, die bis vor Kurzem als verschollen galten. Alle Inhalte, die Irab besitzt, stammen meistens direkt von Privatsammlern*innen oder ihren Erben, die mit den alten Tonband- und Schallplatten-Sammlungen nicht mehr viel anfangen konnten, aber sie nicht einfach verschrotten wollten. Über die Jahre hat sich der Bestand von Audioinhalten stark vergrößert, jedoch ein katalogisiertes Archiv, das durchsuchbar ist, hat Irab leider noch nicht. Für das palästinensische auditive Erbe besitzt Irab aber recht wichtige Inhalte. In ausführlichen Gesprächen mit Qassem, dem Leiter der Initiative, hat er mir bestätigt, dass Irab zwei wichtige Sammlungen beherbergt:200 - Radiointerviews und Gespräche mit palästinensischen Persönlichkeiten aus der Kunst- und Kulturszene der Zeit nach der Nakba (zum Beispiel mit dem Dichter Kamal Nasser). - 63 Originaltonbänder mit den Sitzungen des palästinensischen Nationalkongresses von 1973 in Kairo. Nach Qassem befinden sich in den Beständen von Irab mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit viele weitere Audioinhalte, die für das auditive Kulturerbe Palästinas wichtig jedoch noch nicht gesichtet, entdeckt oder katalogisiert worden sind. 200 Telefongespräch mit Qassem, Basel am 02.04.2017. 161 Tonarchiv der Irab Association – Beirut Art der Sammlung Tonaufnahmen Inhaltsbeschreibung Zahlreiche Musikaufnahmen, Radiointerviews und Tonmitschnitte der Sitzungen des palästinensischen Nationalkongresses von 1973 in Kairo Volumen/ Mengen Keine Angaben Original-Format Analogbänder verschiedener Formate Digital vorhanden Keine Angaben Digitales Format Keine Angaben Metadaten Keine Online frei einsehbar Nein 162 6.2.4. Palestinian Oral History Archive Ein Projekt des „Issam Fares Institute for Public Policy and International Affairs“ der „American University – Beirut“ Schon in den 1990er Jahren haben zwei in Beirut angesiedelte Initiativen unabhängig voneinander damit begonnen, auditive Toninterviews mit palästinensischen Zeitzeugen der Nakba durchzuführen, um deren Erinnerungen von Vertreibung und Flucht akustisch und mit eigener Stimme festzuhalten. Daraus entstand eine große Zahl wichtiger Tondokumente, die es sinnvoll machen, diese Sammlung nun einer wissenschaftlich-akademischen Institution als historisch wertvolle Dokumente anzuvertrauen und zur Verfügung zu stellen. Es entstand das „Palestinian Oral History Archive“. Die eigentlichen beiden Initiatoren, die mit dem Sammeln dieser Interviews begonnen haben, waren „The Arab Resource Center for Popular Arts“ und „The Nakba Archives“. Beide sind derzeit Kooperationspartner dieses Projekts mit der American University of Beirut. Die vielen existierenden Interviews sind entweder rein auditiv oder audiovisuell mit Videobild. Das große Ziel des Palestinian Oral History Archive ist es, diese Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu bringen, um dadurch einen Beitrag dazu zu leisten, die Geschichtsschreibung in das richtige Licht zu rücken.201 201 Veröffentlicht auf der offiziellen Internetseite der American University of Beirut, http://website.aub.edu.lb/ifi/programs/poha/Pages/index.aspx, aufgerufen am 20.11.2017. 163 Palestinian Oral History Archive Art der Sammlung Tonaufnahmen Inhaltsbeschreibung Neuere Ton- oder Ton- und Bildinterviews mit Zeitzeugen der Nakba Volumen/ Mengen Bisher über 1000 Stunden Audiomaterial202 Original-Format Unterschiedliche Ton-Formate, darunter auch Video- Kassetten Digital vorhanden Komplette Sammlung Digitales Format Unbekannt Metadaten Ausführlich Online frei einsehbar Nur ein Teil der Video-Interviews unter: http://nakba-archive.org/ 202 Hassa, Talah, Odessa Warren und Dr. Kaoukab Chebaro, 2017. Archiving Palestinian Oral History: A Policy Perspective. Beirut: Institute for Public Policy and International Affairs. American University of Beirut. http://website.aub.edu.lb/ifi/publications/Documents/policy_memos/2017-2018/20171012_archiving_palestinian_ oral_history.pdf, aufgerufen am 21.11.2017. 164 6.2.5. The Palestine Poster Project Archives Das Palestine Poster Project Archives ist ein einzigartiges Projekt und basiert auf der privaten Initiative von Daniel J. Walsh, einem in Washington (USA) lebender und arbeitender Künstler, Aktivist und Kunsthistoriker. Walsh begann schon in den 1970er Jahren, palästinensische politische Plakate als Studienmaterial zu sammeln und zu studieren. Plakate gelten zwar nicht unmittelbar als Fotografien, sind aber Teil des visuellen Erbes, basieren oft auf Fotografien oder haben fotografische Inhalte. Ähnlich wie Fotografien sind sie als eine Art Momentaufnahme zu sehen, die, politische, kulturelle und andere gesellschaftliche aktuelle Ereignisse festhalten. Aus dieser Perspektive wurde das Palestine Poster Project Archives in diese Liste audiovisueller Sammlungen aufgenommen. Das Projekt ist auch insofern einzigartig, da es vorwiegend digitalisierte Fotokopien von Plakaten in einer immateriellen Datenbank verwaltet und nur ein Teil als physische Originalplakate besitz. Es ist dennoch sehr wertvoll, da sonst keine andere Initiative bekannt ist, die auf das Sammeln palästinensischer Plakate spezialisiert ist. Die Sammlung enthält Plakate aller Art, die etwa seit Anfang des 20. Jahrhunderts in beziehungsweise über Palästina publiziert wurden. Darunter sind durchaus mehrere zu finden, die auch das jüdische Leben in Palästina vor der Ausrufung des Staates Israel im Jahr 1948 wiedergeben. Da Plakate oft sehr stark auf grafischen und bildenden Künsten basieren, sind in der Sammlung zahlreiche Werke engagierter politischer Künstler, wie Ismail Shammout (1930–2006) und Burhan Karkutli (1932–2003), dort eingeflossen. Somit gelten Plakate als eine Art Brücke zur bildenden Kunst. Mit mehr als 11.000 Plakaten ist die Sammlung inzwischen sehr umfangreich geworden. Diese Zahl basiert jedoch nicht auf physisch vorhandenen Plakaten, sondern auf elektronischen Fotokopien, die dem Betreiber der Internetseite (Daniel J. Walsh) elektronisch zugeschickt werden. Dadurch wächst die Sammlung stetig. Derzeit liegt der Bestand der physisch vorhandenen Plakate bei 1630.203 Die Sammlung des Palestine Poster Project Archives kann in dieser Studie dennoch nicht in die Gruppe der amtlichen Archive aufgenommen werden, denn sie basiert größtenteils auf elektronisch zugesendeten Scans, die von Privatpersonen fotografiert oder gescannt wurden und keineswegs einem einheitlichen technischen Digitalisierungsstandard entsprechen. Die technische Qualität der dort abgebildeten Plakate lässt daher sehr zu wünschen übrig. Dadurch gilt das Projekt als eine Art „Open Source“ Datenbank, was es von amtlichen Archiven unterscheidet. Seine Bedeutung für das visuelle Kulturerbe Palästinas wird jedoch dadurch nicht gemindert. Die Internetseite des Palestine Poster Project Archives besitzt eine geordnete alphabetische Liste der Künstler sowie ein einfaches, aber leistungsfähiges Suchsystem. Die Metadaten, die fast zu jedem einzelnen Plakat recherchiert und generiert wurden und online einzusehen sind, sind recht genau und ausführlich, was zur Bedeutung dieses Projekts stark beiträgt. 203 Nach eigenen Angaben auf der Internetseite von Palestine Poster Projects, http://www.palestineposterproject.org/original_posters, aufgerufen am 23.11.2017. 165 Unter den physisch vorhandenen Plakaten befinden sich 1600, die unmittelbar mit dem politischen Freiheitskampf der Palästinenser*innen in den 1960, 70er und 80er Jahren zu tun haben und diesen reflektieren. Für das Geschäftsjahr 2016/2017 wurde diese Gruppe unter dem Titel „The Liberation Graphics Collection of Palestine Posters“ für die Eintragung in das Memory of The World Register der UNESCO nominiert.204 Leider wurde aber die Aufnahme Ende 2017 von der zuständigen UNESCO-Kommission abgelehnt.205 204 Nominierungsschreiben an die UNESCO. Abgebildet auf der Internetseite des Palestine Poster Project Archives unter: http://www.palestineposterproject.org/poster/memory-of-the-world-nomination-form-complete-2016-2017, aufgerufen am 23.11.2017. 205 Email-Korrespondenz mit Danie Walsh vom 11.01.2018. 166 The Palestine Poster Project Archives Art der Sammlung Plakate Inhaltsbeschreibung Palästina-relevante Plakate von ca. 1900 bis heute Volumen/ Mengen 11.625206 Original-Format Papierplakate (dem Projekt stehen aber meistens nur elektronische Fotokopien zur Verfügung) Digital vorhanden Gesamte Sammlung Digitales Format JPGs in sehr unterschiedliche Auflösungen (je nach dem, in welcher Auflösung sie dem Betreiber des Projekts zugeschickt wurden) Metadaten Meist ausführlich Online frei einsehbar Komplette Sammlung unter: http://www.palestineposterproject.org/ 206 Stand vom 23.11.2017. 167 6.3. Kleinere, nichtkatalogisierte aber bedeutende Sammlungen bei kleineren Institutionen, Initiativen oder in Privatbesitz aber bedeutende Sammlungen 6.3.1. Die ersten bewegten Bilder in den Beständen der Lobster Films – Paris Lobster Films ist eine in Paris ansässige private Filmrestaurationsfirma, die im Jahre 2007 eine bedeutende Entdeckung machte. In diversen Medien wurde die Entdeckung von 93 Filmrollen durch Lobster Films als eine Sensation gefeiert, denn sie zeigen eindeutig Szenen aus dem Alltag in Jerusalem und gelten demnach als die ersten Bewegtbilder aus Palästina. Diese Bilder sollen mit der Filmtechnik der französischen Lumière-Brüder im Jahr 1896 gedreht worden sein.207 Die Firma Lobster Films bestätigte zwar die Existenz der Filme, teilte jedoch mit, dass die Rechte inzwischen bei dem Institut Lumière liegen.208 Auf mehrere Anfragen über weitere Inhaltsbeschreibungen der Filmrollen vom Juni und November 2017 hat das Institut Lumière leider bisher nicht reagiert. Eine dieser Rollen wurden aber auf YouTube veröffentlicht und ist kostenlos abrufbar.209 207 Patrick, Neil. 2016. “This is the first footage taken in Palestine in 1896 by Lumière Brothers”. Online-Artikel, The Vintage News. 03.06.2016. https://www.thevintagenews.com/2016/06/03/roman-jewellery-1st-century-ad-goesdisplay/, aufgerufen am 27.11.2017. 208 Email-Korrespondenz mit Chiba, Maria, Lobster Films vom 27.06.2017 („… We [Lobster Films] don’t have the rights of Lumiere films …“). 209 „Palestine 1896“. Ausschnitt aus der Filmdokumentation „Palestine, Story Of A Land“ von Simone Bitton. Eingestellt von Bernadotte01 (hochgeladen am 19.03.2009). Spieldauer 2:29. https://www.youtube.com/watch? v=1vaIK8wlAl0, aufgerufen am 27.06.2017. 168 6.3.2. Ezzedine Kalak historische Postkartensammlung Ezzedine Kalak (1936–1978) war ein palästinensischer Intellektueller, der auch politisch aktiv war und das PLO-Vertretungsbüro in den 1970er Jahren in Paris leitete. 1978 wurde er aufgrund seiner politischen Aktivitäten unter bis heute nicht eindeutig geklärten Gründen ermordet. Als Intellektueller initiierte er mehrere Kulturprojekte. Eines davon war das Sammeln historischer Postkarten aus Palästina. So entstand eine Sammlung von mehreren Dutzend Postkarten aus dem 19. Jahrhundert, von denen er 71 in einem Buch veröffentlicht hat.210 Die Originalsammlung dürfte sich derzeit noch im Familienbesitz befinden. 210 Kalak, Ezzedine. (kein genaues Erscheiningsdatum, ca. 1970). Palestine: Postcards from the Collection of Ezzedine Kalak. Kairo: Arab Graphic Centre. 169 6.3.3. Film-Sammlung von Monica Maurer Die deutsche Filmemacherin Monica Maurer zählt zu den fundierten Kennern der palästinensischen Filmszene nach der Gründung der PLO. Seit Ende der 1970er Jahre kooperiert sie mit mehreren palästinensischen Filmemachern*innen, auch der jüngeren Generation. Maurer lebt seit vielen Jahren in Rom, wo sie im Laufe der Jahre nicht nur mehrere Filme über die Palästinenser*innen und ihre Bestrebungen nach Rückkehr in die Heimat gedreht, sondern auch viel Filmmaterial von anderen Quellen bei sich gesammelt hat, in der Hoffnung, dieses vor der Verrottung zu bewahren. Nach eigenen Informationen lagert bei ihr auch einiges an Audiomaterial und Musikaufnahmen, die für das palästinensische auditive Erbe wichtig sind. Um genauere Angaben über Formate, Volumen und Inhalte machen zu können, muss das gesamte Material fachmännisch gesichtet und registriert werden. Dann wird sich vielleicht bestätigen können, dass in ihrer privaten Sammlung durchaus wichtige Inhalte zu finden sind.211 Maurer wies ferner darauf hin, dass nach ihren Informationen weiteres palästina-relevantes Filmmaterial in diversen deutschen und anderen europäischen Archiven existieren dürfte. Von dort konnten beispielsweise in den letzten Jahren Kopien einiger der vom israelischen Militär geraubten PLO-Filme wiederbeschafft werden und als digitale Kopien an das Archiv des palästinensischen staatlichen Fernsehens, der PBC übergeben. Dazu gehören: - Das deutsche Bundesarchiv - Filmarchiv – Berlin - Das Pressearchiv der DDR - Archiv des Leipziger Filmfestivals - Filmarchiv des mec Films (einer Verleih- und Vertriebsfirma für Filme aus dem Nahen Osten und Nordafrika, betrieben von Irit Neidhardt) Maurer berichtet ferner von einer Film- und Fernsehserie, die im DDR-Fernsehen Ende der 1980er Jahre über Palästina produziert wurde und den Titel „Mit meinen eigenen Augen“ trug. Von dieser Serie wurden aber nur drei von acht geplanten Folgen produziert, die jedoch bisher noch nicht öffentlich gezeigt wurden. Diese müssten sich noch in einem der deutschen Fernseharchive befinden. Sie verwies auch auf weitere acht Filme, die sie über Palästina produziert hat und die sich derzeit im Archiv der italienischen kommunistischen Partei (PCI) befinden.212 211 Telefongespräch mit Maurer, Monica am 25.02.2017. 212 Ebd. 170 6.3.4. Foto-Sammlung von Elia Kahvedjian Ähnlich wie die anderen früheren Fotografen*innen Palästinas (Khalil Raad, Karimeh Abboud, Chalil Rissas und Hanna Safieh) gehörte Elia Kahvedjian (1910–1999) zu der Generation palästinensischer professioneller Fotografen, die die Fotografie nicht nur als Handwerk verstanden hat, sondern gleichermaßen auch als eine Kunstform. Er erlebte die drei unterschiedlichen politischen Phasen Jerusalems (britische Mandatszeit, jordanische und israelische Verwaltung) sehr bewusst. Seine Fotografien, die nicht in seinem Jerusalemer Fotostudio entstanden sind, sondern auf den Straßen Jerusalems, sind eine reale Momentaufnahme des Alltags in diesen Zeiten dort. Die Foto-Sammlung Kahvedjians befindet sich im Familienbesitz. Ein Teil davon kann dennoch online eingesehen werden.213 213 www.eliaphoto.com/Gallery.html, aufgerufen am 27.11.2017. 171 6.3.5. Foto-Sammlung des Fotografen Mahmoud Dabdoub Mahmoud Dabdoub gehört zu den wenigen palästinensischen Fotografen*innen, die die Fotografie studiert haben. Dabdoub studierte in den 1980er Jahren in Leipzig, in der damaligen DDR, wo er heute noch lebt und arbeitet. In seiner Sammlung besitzt er eine große Anzahl einmaliger Fotografien, die das Leben der palästinensischen Studierenden in den 1980er Jahren in der DDR wiedergeben. Es handelt sich um mehrere tausend Bilder aus dieser Zeit. Eine Auswahl aus diesen und anderen DDR- Bildern der 1980er Jahre hat er im Jahre 2003 in einem Buch214 veröffentlicht. Im selben Jahr veröffentlichte er ein weiteres Buch,215 das das Leben der Palästinenser*innen in den palästinensischen Flüchtlingslagern des Libanon dokumentiert. Die Basis für dieses Buch lieferte seine Sammlung von mehr als 12.000 Kunstfotografien, die Dabdoub im Laufe der Jahre dort erstellt hat. Somit gehört Dabdoub zu den wenigen, die das Leben in den palästinensischen Flüchtlingslagern aus der Perspektive des „Kunst-Fotografen“ festgehalten hat. Leider ist die Sammlung Dabdoubs online derzeit noch nicht zugänglich.216 214 Dabdoud, Mahmoud. 2003. Alltag in der DDR: Fotos aus den 80er Jahren von Mahmoud Dabdoub. Leipzig: Passage-Verlag. 215 Dabdoub, Mahmoud. 2003. Wie fern ist Palästina?: Fotos aus palästinensischen Flüchtlingslagern 1981–2002. Leipzig: Passage-Verlag. 216 Telefongespräch mit Dabdoub, Mahmoud am 15.12.2017. 172 6.3.6. Foto-Sammlung des Fotografen Osama Silwadi Osama Silwadi ist heute einer der bekanntesten Fotografen*innen in Palästina. Er begann seine Karriere als Fotograf schon während der ersten Intifada Ende der 1980er Jahre und machte sich schon damals einen Namen. Im Jahre 2001 geriet er während einer militärischen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen bewaffneten Kämpfern und israelischen Soldaten zwischen die Fronten und wurde durch einen Schuss schwerverletzt. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Danach konnte er nicht mehr wie bisher als Fotograf arbeiten und legte seinen Arbeitsschwerpunkt nun auf dem kunstvollen Fotografieren von palästinensischer Volkskunst aller Art, darunter Folklore-Tanz, Trachten, traditionelle Hochzeiten usw. Seine Sammlung umfasst heute nicht weniger als 50.000 Fotografien neueren Datums, die er als „Heritage and Folklore Collection“ bezeichnet.217 Heute lebt und arbeitet Silwadi in Ramallah, hat mehrere Bilderbücher herausgegeben und viele Ausstellungen mit seinen Fotografien in Palästina und außerhalb organisiert und mitgestaltet. Er ist nach eigenen Angaben gerade dabei, eine Auswahl seiner Sammlung auf seiner eigenen Internetseite online bereitzustellen.218 217 Telefongespräch mit Silwadi, Osama am 05.01.2018. 218 www.osamasilwadi.ps, aufgerufen am 05.01.2018. 173 6.4. Nutzbarkeit von Internet Open Source-Quellen für das Kulturerbe Dass die Digitalisierung die Welt der Kunst und Kultur und ihre Wahrnehmung grundlegend verändert hat, steht außer Frage. Mit der Möglichkeit der Online-Speicherung übernahm das Internet zwangsläufig die Rolle einer praktisch unendlich großen Speicher-Datenbank, deren Ordnung, Zuordnung, Kontrollierbarkeit und Zugänglichkeit aber vor allem für audiovisuelle Inhalte keineswegs geregelt ist. Dennoch bot das Internet die Möglichkeit, Inhalte, die als verschollen galten, meistens durch eine Reihe glücklicher Zufälle, wiederzufinden und ans Tageslicht zu bringen. Davon profitierten nicht nur ein interessiertes Publikum, sondern vor allem Forscher*innen und Kulturwissenschaftler*innen – unabhängig von ihrem Standort. Da gerade im Nahen Osten zu beobachten ist, dass historische audiovisuelle Inhalte lange Zeit, teilweise noch bis heute, seitens der staatlichen Behörden stark vernachlässigt wurden, etablierten sich zahlreiche unabhängige Internetplattformen als eine Art „Ersatz-Archive“ für historisches Kulturgut der arabischen Welt. Für die wissenschaftliche Forschung muss die Verwendung solcher Internetplattformen natürlich mit Bedacht angegangen werden. Dennoch halte ich es für wichtig, zwei der unzähligen Open Source-Quellen im Internet zu erwähnen, die durchaus für das palästinensische auditive und visuelle Kulturerbe wertvoll sein können. Denn in dem sich dort in Mengen ansammelnden Material befindet sich ein guter Teil an Inhalten, der bisher nicht in anderen amtlichen Archiven zu finden ist. Dadurch wird ein wichtiger Teil des palästinensischen Kulturerbes am Leben erhalten, obwohl es den meisten dieser Internetplattformen eigentlich an professionellen Archivierungsfachkenntnissen und wissenschaftlichen Fundamenten fehlt. • Sama3y.net Die Internetplattformen www.sama3y.net ist eine seriöse, die im Bereich historischer Musikaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert der arabischen Welt tätig ist. Sie ist auf Initiative einiger arabischer Musiker*innen, Musikwissenschaftler*innen und Interessenten entstanden und bietet nicht nur eine große Datenbank an Informationen und Hintergrundwissen, sondern auch zahlreiche seltene Hörbeispiele. Die Nutzung dieser Plattform ist nur für registrierte Mitglieder*innen möglich, die vorab ihr Interesse an der Nutzung per Email begründen müssen, was eine gewisse Seriosität und ein fachliches Niveau sicherstellen soll. Erst nach einer akzeptierten Anmeldung darf man unentgeltlich die Inhalte durchsuchen, Beiträge anderer Mitglieder*innen lesen, sich fachlich austauschen und mitdiskutieren. Doch auch hier fehlt es leider an einer professionellen und wissenschaftlichen Archiv- Infrastruktur, wodurch Inhalte mit Metadaten und weiteren ausführlichen Angaben zu Ursprung und Interpreten versehen werden. Dadurch ist ein detailliertes Suchen leider noch nicht möglich. Trotzdem sind dort mehrere bedeutende auditive Inhalte gespeichert, zum Beispiel nur dort findet man ein Hörbeispiel von einem Gesangsstück der palästinensischen Sängerin Sydeh Sereia Kaddoura, für die die Firma Baidaphon nachweislich in den 1920er Jahren 174 Schellackplatten produzierte, die aber bisher als physische Platten nicht gefunden wurden (siehe Abbildung 18). • Palestineremembered.com Für Palästinenser*innen in der Diaspora ist die Internetplattform www.palestineremembered.com eine der bekanntesten Internetseiten. So wie der Name sagt, ist die Internetplattform auf Initiative einiger palästinensischer Privatpersonen entstanden, um einen Beitrag zu Wahrung des kollektiven Gedächtnisses zu leisten. Dort lagern derzeit nach eigenen Angaben etwa 700 Videointerviews mit Zeitzeugen, mehr als 3000 Dokumenten an Ton- und Bildmaterial, Tausende Fotos, Landkarten, Luftaufnahmen und Kopien von Urkunden. Die Internetseite ist auf Arabisch, Englisch und Hebräisch aufgebaut und somit für ein weites Publikum bestimmt. Doch auch hier mangelt es an einer gutstrukturierten Archivarchitektur. Die Tatsache, dass verschiedene Arten von Inhalten wie Videos, Filme und andere Schriftdokumente an einem Ort gelagert werden, macht die Suche und Nutzbarkeit etwas schwierig. Dennoch wird die Internetseite oft als Quelle für Studierende und Interessierte genutzt. Natürlich existieren zahlreiche weitere Internetseiten, die manchmal auf freiwilliger Basis und manchmal aus wirtschaftlichem Interesse palästina-relevantes audiovisuelles Material ins Internet stellen und hier nicht aufgelistet werden sollen. Aus nachvollziehbaren Gründen mangelt es aber generell bei alldiesen Ansammlungen audiovisuellen Materials an professionellen Archivierungsfachkenntnissen, wodurch die Nutzbarkeit der dort gespeicherten Inhalte für wissenschaftliche Forschungen oft als fragwürdig darstellt. Angesichts der unvermeidlich rasant zunehmenden Digitalisierung und virtuellen Archivierung von Kunst und Kultur, werden solche Plattformen und Datenbanken immer beliebter und gewinnen immer mehr an Bedeutung – Tatsachen, die die Nutzung solcher Datenbanken inzwischen unumgänglich machen. Daher ist es dringend nötig, die technischen Kenntnisse zum Aufbau digitaler audiovisueller Archive und Datenbanken zu verbreiten, um ihre wissenschaftliche und kulturelle Nutzbarkeit nachhaltig auf einem hohen Niveau zu sichern. Schlussbemerkung Während meiner Recherche sind mir viele Namen von Personen und Organisationen bekannt geworden, bei denen möglicherweise noch viele audiovisuelle „Schätze“ existieren könnten – sowohl in Palästina selbst, wie auch im Ausland. Derzeit jedoch ist es nicht zwingend wichtig, alle Namen in dieser Studie aufzulisten, ohne zu wissen, welche Inhalte sie genau besitzen. Viel wichtiger ist es, in der kommenden Zeit in Erfahrung zu bringen, welche weitere interessante und wichtige Inhalte wo lagern. Dieses bedarf jedoch eine gut geplante und systematische Herangehensweise, die von einer offiziellen Institution, wie dem Palestinian Museum, unterstützt und finanziert wird. 175 In der Betrachtung der vorangegangenen palästina-relevanten Sammlungen fällt ein genereller Unterschied auf: Während die meisten Archive und Sammlungen in Europa und den USA öffentlich zugänglich und online einsehbar sind, sind es die meisten Sammlungen in den arabischen Institutionen noch lange nicht. Gerade weil die heutige Internet-Technik die Online- Bereitstellung und Zugänglichkeit audiovisueller Inhalte ohne größeren Aufwand ermöglicht, stellt sich die Frage nach den Gründen des Zögerns, solche Inhalte für die Öffentlichkeit kostenlos und systematisch zur Verfügung zu stellen. Nach meinen eigenen Einschätzungen liegen hierfür die folgenden beiden Gründe auf der Hand: 1. Die Tatsache der oft fehlenden oder nicht klar definierten gesetzlichen Regulierungen zur Öffnung dieser Inhalte (Archivgesetzte und Regelungen) hindert viele Institutionen daran, diverse Inhalte öffentlich zu machen. Am Beispiel der palästinensischen Institution ”Palestine Studies“ wird ersichtlich, dass die Institution zwar sehr viele Dokumente online zugänglich gemacht hat; sie besitzt aber viele weitere Original-Schriftdokumente und andere audiovisuelle Inhalte, die nicht öffentlich gemacht werden können, da nicht bekannt ist, ob sie urheberrechtlich geschützt sind oder nicht.219 2. Der Aufbau einer online gut einsehbaren und systematisch durchsuchbaren digitalen Datenbank setzt die Erstellung der nötigen Metadaten und Eingabe der relevanten Schlüsselwörter voraus. Dieser Aufwand, der manuell und präzise durchgeführt werden muss und mit einem gewissen technischen Verständnis und Knowhow kombiniert sein muss, fehlt nach eigenem Empfinden leider oft. Dazu kommt, dass viele Institutionen, die audiovisuelle Inhalte im Nahen Osten aufbewahren, sich oft in erster Linie als „Hüter“ von Kulturgütern verstehen, was das Öffentlich-Machen der Inhalte eher zweitrangig macht.220 219 Gespräch mit Tamari, Salim. Ramallah, am 13.09.2015. 220 Beispiele: AMAR Foundation, Irab, Popular Art Centre, NAWA etc.

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References

Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.