Content

III Humanoide Roboter als Partner in:

Jürgen Handke

Humanoide Roboter, page 63 - 108

Showcase, Partner und Werkzeug

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4250-2, ISBN online: 978-3-8288-7135-9, https://doi.org/10.5771/9783828871359-63

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
63 III Humanoide Roboter als Partner Robots increasingly have the potential to interact with people in daily life. It is believed that, based on this ability, they will play an essential role in human society in the not-so-distant future. Kanda et al., 2004 Damit ein Roboter als möglichst gleichwertiger Partner eines Menschen agieren kann, benötigt er zuvorderst anthropomorphe Eigenschaften. Mit anderen Worten: er sollte den Menschen weitestgehend verkörpern. Diese Verkörperung als Konzept ist vielschichtig: Hier meinen wir einfach die physische Präsenz des Roboters. Diese gibt dem Menschen das Gefühl der Ko-Präsenz und Ko-Lokation mit dem Roboter in einem physischen Raum, anders als die Interaktion mit einem virtuellen Agenten, der Interaktionsmöglichkeiten lediglich durch digital vermittelte Umgebungen wie Augmented Reality und Virtual Reality bietet. Genauso wichtig ist neben einer gewissen Ähnlichkeit im Aussehen das Verhalten, das uns einen Roboter als „sozialen Roboter“ wahrnehmen lässt. Die Fähigkeit eines Roboteragenten, auf sozialer Ebene mit einem menschlichen Benutzer zu interagieren, basiert auf einem Informationsaustausch, der durch die verbalen und/oder non-verbalen sozialen Hinweise gezeigt wird. Das bedeutet in der Mensch- Roboter-Interaktion das Vorhandensein von sozialen Hinweisen in einem Roboter, wie anthropomorphe Körperteile, Gesichtshinweise, non-verbale Konversationsfähigkeiten wie Gefühlsausdrucke, Gesten oder Blicke. Diese tragen nachweislich positiv zur Wahrnehmung des Roboters als Interaktionspartner, zur Interaktionsqualität und den damit verbundenen Ergebnissen der gemeinsamen Interaktion zwischen Mensch und Roboter bei. Die Größe humanoider Roboter Im BMBF-geförderten Projekt H.E.A.R.T. wurde unter anderem untersucht, wie sich Körpergröße und Aussehen auf die Akzeptanz humanoider Roboter unter Studenten auswirkt. Das Ergebnis dieser Untersuchung war eindeutig. Erst ab einer gewissen Größe (> 1 m) eignen sich Roboter für partnerschaftliche Anwendungen. Überschreiten sie dagegen die menschliche Durchschnittsgröße von ca. 1,80 m, wirken sie eher furchteinflößend und sind als Partner eher ungeeignet. Nutzt man also Roboter als Partner, sollte vermieden werden, dass diese dem Menschen ‚überlegen‘ erscheinen, die Roboter gleichzeitig aber durch ihre Größe und ihr Erscheinungsbild Vertrauen erwecken. Die Pepper-Roboter erfüllen diese Anforderungen auf geradezu ideale Weise. Sie schauen zu stehenden Menschen auf, verströmen durch das von ihnen verkörperte Kindchenschema ein enormes Vertrauen, ja geradezu Lust, mit ihnen Kontakt aufzunehmen und sind für sitzende menschliche Gesprächspartner stets auf Augenhöhe. Sie eignen sich daher perfekt als Partner in verschiedenen Anwendungsbereichen. Wie im vorangegangenen Kapitel gezeigt, werden humanoide Roboter bereits heute in verschiedenen Bereichen der Geschäfts- und Arbeitswelt vorwiegend zur Schau gestellt. Es wird aber auch versucht, sie mit speziellen Anwendungen in eine Partnerrolle hineinzubekommen. Abhängig von der jeweiligen Branche sind derartige Anwendungen schon mehr oder weniger ausgeklügelt und an den jeweiligen Geschäftsbereich angepasst. Neben dem Einsatz humanoider Roboter in der Bildung, im Einzelhandel oder in der Pflege, spielt auch der 64 Humanoide Roboter als Partner im Finanzsektor eine allmählich größer werdende Rolle. Diese Einsatzarten sollen in den folgenden Abschnitten näher beleuchtet werden. Dabei werden wir sehen, dass die meisten Anwendungen nicht nur auf einem Kontinuum von nicht-interaktiven Showcase-Anwendungen bis zu hochgradig interaktiven Partneranwendungen angesiedelt werden können, sondern ihr Mehrwert auch im hohen Maße vom Zielpublikum abhängt. III.1 Roboter als Partner in der Öffentlichkeit In Japan und in anderen Ländern sind Pepper und seine ‚Roboterkollegen‘ bereits oft in Geschäften, auf Flughäfen und an ähnlichen Orten in der Öffentlichkeit sehen. Auch wenn, wie im vorangegangenen Kapitel gezeigt, dabei die Zurschaustellung (Showcase) zumeist noch im Vordergrund steht, sind sie z. T. schon in der Lage, Kunden zu begrüßen, Fragen zu beantworten, oder Beschwerden entgegen zu nehmen. Auch die Beratungsfunktion über bestimmte Produkte oder Dienstleistungen können sie schon ansatzweise übernehmen. Das Pepper Parlor Café Seit Dezember 2019 gibt es in Tokio (Japan) ein „Pepper Parlor Café“, in dem Roboter unter anderem Bestellungen entgegennehmen oder Smalltalk mit Kunden führen. Die Kunden bestellen über Pepper- Roboter, die in der Nähe des Eingangs platziert sind und den Kunden auch dabei helfen, anhand ihres ermittelten Gesichtsausdrucks zu entscheiden, welches Dessert sie bestellen möchten. „Lassen Sie mich Ihnen eine Waffel empfehlen, die perfekt zu Ihnen passt“, sagte ein Roboter zu einem Kunden. „Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen. Hmm, du siehst heute etwas müde aus.“ [V.III.1] 65 Roboter als Partner in der Öffentlichkeit Die Roboter befinden sich zusätzlich im Sitzbereich und unterhalten sich dort mit den Kunden oder spielen mit ihnen. Schon bald, so die Annahme, werden Roboter den Kunden, wie z. B. im „Pepper Parlor Café“ in Tokio, auch perfekte Ernährungstipps geben können (Abb. III.1). In den meisten Fällen allerdings leiden die gewünschten Roboter-Anwendungen noch unter den Einschränkungen bzgl. ihrer Dialogfähigkeit, ihrer Bewegung und ihrer doch immer noch sehr überschaubaren Wahrnehmungsfähigkeiten (vgl. Abschnitt. I.2.2.7). Abb. III.1: Pepper Parlor Café in Tokyo mit Kunden In einem ähnlich beratenden Einsatz wird Pepper als autonomer Bibliotheksassistent an der Fachhochschule Wildau in Brandenburg erprobt. Dabei soll er Nutzern bei allgemeinen Fragen helfen und bei deren Beantwortung seinen Charme einsetzen, sodass auch banale Fragen wie „Wo finde ich das Buch X?“, „Wie funktioniert der Dru- 66 Humanoide Roboter als Partner cker Y?“, „Wo finde ich die Garderobe?“ mit immer gleicher Geduld beantwortet und die Mitarbeiter der Hochschulbibliothek entlastet werden. Über den Erfolg dieses Einsatzes im echten Dauerbetrieb ist allerdings außer medienwirksamen Photos bisher nichts Näheres bekannt geworden. III.2 Roboter als Partner in der Finanzwelt Banken erproben vermehrt den Einsatz humanoider Roboter, indem bankspezifische und andere nützliche Anwendungen die simple Zurschaustellung ergänzen. Die entsprechenden Finanzdienstleister sind vor allem im asiatischen und nordamerikanischen Raum beheimatet, jedoch ziehen mittlerweile auch europäische Finanzdienstleister nach. Neben den in diesem Buch erwähnten Robotermodellen NAO und Pepper von SoftBank Robotics werden dabei auch andere, weniger bekannte humanoide Roboter in Banken rund um die Welt eingesetzt. Die folgenden Abschnitte beschreiben diese Finanzdienstleister und den bisherigen Einsatz solcher maschinellen Helfer. III.2.1 Die Mizuho Bank (Japan) Mit dem Einsatz von Pepper-Robotern in den Filialen der japanischen Mizuho Bank seit 2015 wurden drei Ziele verfolgt. Zum einen sollte der Aufmerksamkeitseffekt durch Zurschaustellung des Roboters genutzt werden, um mehr Kunden in die Filialen zu locken, zum zweiten wollte man mit roboter-gestützten Unterhaltungsangeboten die Wartezeiten der Kunden verkürzen. Darüber hinaus sollten durch die Implementierung von bankspezifischen Dialogen und Informationen die Kunden vor einem Kundengespräch über Finanzprodukte und Dienstleistungen informiert werden, um dann offener und geschulter über diese Produkte mit den Beratern reden zu können. Da- 67 Roboter als Partner in der Finanzwelt bei können zwei Interaktionsmodi zwischen Roboter und Mensch unterschieden werden: One-to-Many (eins-zu-viele) und One-to-One (eins-zu-eins). In einem Einzelgespräch fungiert er wie ein Berater. Basierend auf gezielten Fragen, empfiehlt der Roboter zum Beispiel ein Produkt. Im Gruppenmodus agiert der Roboter eher wie ein Moderator und vermittelt allgemeine Informationen. Das ausgegebene Hauptziel der Mizuho Bank war die Schaffung eines innovativen digitalen Kundenerlebnisses. Darüber hinaus sollte durch Nutzung der fremdsprachlichen Fähigkeiten des Roboters die Interaktion mit Kunden in verschiedenen Sprachen ermöglicht werden. Um die Dialogfähigkeit von Pepper zu erhöhen, arbeitet das Finanzinstitut seit 2016 mit IBM und deren Software Watson zusammen. Damit soll eine natürlichere Roboter-Mensch-Interaktion geschaffen werden. Watson ermöglicht dem Roboter das Verständnis von bildhafter Sprache und baut die sprachlichen Fähigkeiten aus. Als Zwischenresultat vermerkt die Mizuho Bank höhere Kundenbesuchszahlen in den Filialen mit Pepper-Robotern sowie verkürzte Wartezeiten. In der Zukunft sollen den Mitarbeitern so repetitive Aufgaben abgenommen werden und dadurch mehr Zeit für kompliziertere Aufgaben oder für eine verbesserte Kundenbetreuung geschaffen werden. III.2.2 Die ATB Financial (Kanada) Während die japanische Mizuho Bank vom Einsatz humanoider Roboter überzeugt scheint, ist der kanadische Finanzdienstleister Alberta Treasury Branches (ATB) Financial eher zurückhaltend. Der Einsatz des Roboters Peppers in drei Filialen in Calgary ist hier im wesentlichen Teil einer Machbarkeitsstudie zur Mensch-Roboter-Interaktion im Finanzwesen. Außerdem sieht die Bank es als Chance, sich auf die zunehmende Digitalisierung – in allen Lebensbereichen – vorzubereiten und womöglich ein Vorreiter beim Einsatz humanoider Roboter zu sein. Die Aufgaben, für die Pepper eingesetzt wird, umfassen 68 Humanoide Roboter als Partner einfache Beratungsdienste über ATB Produkte, ein einfaches Finanzquiz, eine Selfie-App sowie die bereits mehrfach erwähnte Zurschaustellung durch das Tanzen. III.2.3 Die City Union Bank (Indien) Ende 2016 präsentierte die City Union Bank (CUB) den ersten humanoiden Roboter in einer indischen Bank. Im Gegensatz zur Mizuho Bank in Japan wird hier der kleinere Bruder des Pepper-Modells, NAO unter dem Namen „Lakshmi“ eingesetzt. Er wurde so programmiert, dass er in der Lage ist, mit Kunden über viele Themen in englischer Sprache zu interagieren. Dazu gehören Informationen über Kredite oder über den Umgang mit aufgeschobenen Zahlungen. Falls Lakshmi eine Frage nicht beantworten kann, ruft er einen menschlichen Kollegen zur Hilfe. Die so gesammelten fehlenden Informationen werden später evaluiert und auf dem Roboter in Ergänzung zu seinen bestehenden Dialog-Komponenten implementiert. So wird eine permanente Verbesserung der Dialogfähigkeit des Roboters erreicht. Abb. III.2: Kunde in Kontakt mit Lakshmi in einer CUB-Filiale 69 Roboter als Partner in der Finanzwelt Da die Pilotphase erfolgreich verlief und laut dem Vorstandvorsitzenden N. Kamakodi der Roboter die Mitarbeiter entlastete, verkündete die CUB im August 2017 die Einsatzbereiche auszudehnen. Zu den Plänen zählen die Geldannahme bei Einzahlungen, wofür ein spezieller Geldautomat für den Roboter konstruiert wurde, und die Spracherweiterung um die regionalen Sprachen Tamil und Telugu. Auch ist die Ausstattung des Roboters mit einem Kartenlesegerät angedacht. Somit könnte er auf kundenbezogene Daten zugreifen und personalisierte Gespräche führen. 2018 sollte die Anzahl arbeitender humanoider Roboter in Geschäftsstellen der CUB auf 100 ansteigen. Wie in Abb. III.2 zu sehen ist, hat der Roboter in den CUB-Filialen seinen eigenen Platz mit dem Hinweis „Kann ich Ihnen helfen“, und fordert so die Kunden zur Interaktion mit ihm auf. III.2.4 Die Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ (Japan) Auch bei der japanischen Bank „Bank of Tokyo-Mitsubishi“ wird NAO in der Kundenhalle eingesetzt. Bisher dient er hauptsächlich zur Begrüßung der Kunden und zu einfachen Serviceleistungen. Darunter fällt die Beantwortung von Fragen zum Geldwechseln oder zur Benutzung des Geldautomaten. Wie in fast jedem Szenario verfügt der Roboter auch hier über Entertainment-Anwendungen wie das Nachahmen berühmter Posen oder einfache Showcase-Anwendungen wie Tänze. Jedoch verfolgt die Bank mit dem Roboter-Einsatz ein spezielles Hauptziel: Man will über die Fähigkeiten eines humanoiden Roboters deren Akzeptanz ermitteln, um ihn im positiven Fall dann mit seinen fremdsprachlichen Kenntnissen während der Olympischen Spiele in Tokio 2020 sinnvoll in Filialen einsetzen zu können.15 Der Grund ist das für ausländische Besucher eher unübersichtliche japa- 15 Während der Anfertigung des Buches entschied sich das Internationale Olympische Komitee wegen der Cornoa-Krise zu einer Verlegung der Olympischen Spiele in das Jahr 2021. 70 Humanoide Roboter als Partner nische Bankensystem, in dem es Banken zum Teil untersagt ist, Barauszahlungen mit ausländischen Karten zu tätigen. Ziel ist es, dass NAO diesen Besuchern in ihrer Sprache behilflich sein kann. III.2.5 Die HDFC Bank (Indien) Während viele Banken bei Machbarkeitsstudien und Sensibilisierungsversuchen bezüglich humanoider Roboter die SoftBank-Modelle NAO oder Pepper einsetzen, hat die indische Housing Development Financial Corporation (HDFC) Bank in Kooperation mit Asimov Robotics ihren eigenen Roboter konstruiert. Dieser heißt IRA – „Intelligent Robot Assistant“ (dt. „Intelligenter Roboter Assistent“) und verzichtet auf das Kindchenschema (Abb. III.3). Abb. III.3: IRA – „Intelligent Robot Assistant“ Dabei ist eine zweigeteilte Implementierungsphase vorgesehen. Zuerst fungiert der Roboter als Informationsanlaufstelle und geleitet 71 Roboter als Partner in der Finanzwelt die Kunden zu ihrem Wunschort. Später sollen Stammkunden wiedererkannt werden und der Roboter so Abfragen zum individuellen Kontostand ermöglichen. Sollten Kundenresonanz sowie -akzeptanz stimmen, wird eine neue, verbesserte Version des IRA-Roboters erscheinen, die dann auch in anderen Geschäftsstellen zum Einsatz kommen soll. Neben diesen branchenweiten Zielen, sieht der Leiter der Digital Banking Branche der HDFC Bank die Möglichkeit, durch humanoide Roboter die ländlicheren, durch Filialschließungen und Sparmaßnahmen eher betroffen Regionen, wieder besser an das Bankensystem und das damit verbundene Betreuungsangebot anschließen zu können. III.2.6 Die Canara Bank (Indien) Auch die indische Canara Bank benutzt eine Eigenkreation eines humanoiden Roboters – „Mitra“ (siehe rechts). Gebaut vom indischen Start-up Unternehmen Invento, setzt die Firma auf indische Software und chinesische Hardware. Auch in dieser Bank bezeichnet der Technology Manager, B. Venkatesh, Mitra noch als Empfangspersonal, welches den digitalen Geist der Bank verkörpert. Hervorzuheben ist allerdings, dass der Roboter zwei verschiedene Aufgaben übernimmt: Tagsüber dient er zur Beantwortung von FAQs (Frequently Asked Questions) in der regionalen Sprache Kannada, in der Nacht hingegen, patrouilliert er in der Bank als ‚Sicherheitsbeauftragter‘. III.2.7 Der Status-Quo Die meisten Banken haben seit 2018 keine weiteren Aufgabenbereiche für ihre Roboter gefunden, bzw. haben keine Fortschritte zu vermelden. 72 Humanoide Roboter als Partner Bei ATB Financial soll Pepper weiterhin verbessert werden, um auf Kundeninteraktion besser reagieren zu können und um auf Veranstaltungen auch in größeren Kreisen erfolgreich operieren zu können. Nach wie vor steht für den Fall, dass Pepper nicht korrekt funktioniert bzw. mit einer Anforderung nicht entsprechen kann, ein Mensch als Tele-Operateur bereit. Bei der indischen Canara Bank wird Roboter Mitra neben FAQs auch zu Kundenbegleitung eingesetzt, hat dabei aber eher Maskottchencharakter. Die ebenfalls indische HDFC Bank hat ihren Roboter IRA 1.0 auf IRA 2.0 erweitert, der mit zusätzlich Funktionen besonders mit dem Assistant „EVA“ kooperiert, dem Bankeigenen Alexa-Gadget. Damit ist die HDFC Bank die erste Bank im internationalen Raum, deren Roboter über ein Spracherkennungssystem mit Google Assistant oder Alexa funktioniert. Weiterhin möchte die Bank weitere Roboter beschäftigen, setzt dabei aber weder eine Quote für eine Mindestanzahl, noch setzt sie eine Obergrenze. Insgesamt haben immer mehr Banken (auch im europäischen Raum) begonnen, Roboter in Banken einzusetzen, wobei deren Rolle meist nicht über die Rolle als digitales Maskottchen oder Showcase hinausgeht. Das trifft teilweise auch auf die Roboter-Anwendungen der im folgenden Abschnitt herausgehobenen Sparkasse Marburg-Biedenkopf zu. Allerdings darf man diesem Finanzinstitut attestieren, dass trotz verschiedener Einschränkungen gerade im Bereich Datenschutz einige funktionierende Partneranwendungen entwickelt wurden. 73 Roboter als Partner in der Finanzwelt III.3 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Digitalisierung – auch im Finanzsektor – und dem medienwirksamen Einsatz humanoider Roboter im Hörsaal an der Philipps-Universität Marburg, entschloss sich die ortsansässige Sparkasse Marburg-Biedenkopf Anfang 2018 als erster Finanzdienstleister der Region zum Erwerb eines eigenen Pepper-Roboters. Für „Numi“, so der Name dieses Roboters, wurden in Zusammenarbeit mit dem Autorenteam zunächst einfache Showcase-Anwendungen entwickelt, um dadurch die Bevölkerung für den Robotereinsatz zu sensibilisieren. Nach dieser ersten Phase und den positiven Erfahrungen im Umgang mit „Numi“ wurden die Fähigkeiten des Roboters seit Mitte 2018 im Rahmen einer speziellen Kooperation fortentwickelt. Hierfür wurden verschiedene Anwendungsfälle identifiziert, auf „Numi“ implementiert, im Kundenalltag erprobt und anschließend evaluiert. In den folgenden Abschnitten werden die entstandenen Roboter-Apps ausführlich beschrieben und – wenn vorhanden – bezüglich ihrer Mehrwerte evaluiert.16 III.3.1 Der Roboter als Empfangsperson Ein für die Öffentlichkeit unmittelbar sichtbares Einsatzszenario nutzt den Roboter als Empfangsperson im Beratungs-Center der Sparkasse. Aufgrund seiner Fähigkeiten und seiner nie ermüdenden Freundlichkeit erscheint „Numi“ geeignet für diese Rolle. Dieser Anwendungsfall ist aktuell in der Entwicklung und es wurde bereits ein Prototyp entwickelt, im Rahmen derer „Numi“ zunächst 16 Bis Juni 2019 wurde „Numi“ noch als Pepper 2.5 unter Choregraphe/Python entwickelt, nach seinem Upgrade seit Mitte 2019 laufen seine Anwendungen als Pepper 2.9 unter Android. 74 Humanoide Roboter als Partner eine Person anhand ihres Gesichts identifiziert. Im Erfolgsfall sucht der Roboter in einer internen Datenbank nach dem Namen und weiteren persönlichen Daten zur identifizierten Person (natürlich nur bei deren Einwilligung). Wenn er ein Geburtsdatum findet und der Geburtstag am selben oder am vorigen Tag ist, gratuliert der Roboter (nachträglich) im Namen der Sparkasse. Darüber hinaus ermittelt der Roboter, ob die Person einen Termin hat und reagiert je nachdem, ob die Person zu früh, zu spät oder genau richtig zum Termin erschienen ist. An dieser Stelle soll der Roboter in einer zukünftigen Version die Rolle wechseln und die Person als Wegweiser zum Ort ihres Termins im Beratungs-Center bringen. Abb. III.4: „Numi“ als Empfangsperson III.3.2 Der Roboter als Kundentrainer Im Tagesgeschäft der Sparkasse gibt es viele Situationen, in denen es für Kunden wichtig ist zu wissen, wie etwas funktioniert oder welche Vorteile ein Produkt oder Werkzeug bietet. Um die menschlichen Berater bei diesen z. T. zeitintensiven Beratungsgesprächen zu entlasten, wurde mit „Numi“ ein zusätzlicher „Kundentrainer“ Teil des Beratungsteams. Die Sparkasse baut dabei vor allem auf die un- 75 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) erschütterliche Ruhe, Geduld und Konstanz, die einen Roboter als Maschine auszeichnen. Selbst wenn „Numi“ dieselbe Erklärung zum hundertsten Mal geben soll, wird er sie mit gleichbleibender Qualität und Freundlichkeit geben. Er wird nichts vergessen und auch nicht ungeduldig oder unhöflich werden. Die Themen, die der Roboter als Kundentrainer beherrscht, sind unter anderem • Informationen über die Öffnungszeiten des Beratungs-Centers, • Hilfestellungen für das Ausfüllen von Überweisungen, • Informationen zur Sparkassen-App. Wegen der Möglichkeit, zusätzlich zu „Numis“ gesprochenen Ausführungen multimediale Elemente auf seinem Tablet-Bildschirm zu präsentieren und mit einer erklärenden Darbietung zu koppeln, fiel die Entscheidung, vorhandene Videos und andere Materialien zu integrieren, mit denen die Sparkasse bereits auf anderen Kanälen wirbt. Um einen einseitigen, langweiligen Monolog des Roboters zu vermeiden, wurden mehrere Interaktionspunkte eingebaut, die Videos kurz gehalten (ca. eine Minute) und mit Sprache und Gestik des Roboters verknüpft. Für die Navigation durch die App wurde eine Zwei-Kanallösung aus grafischer Benutzeroberfläche und Sprachsteuerung mittels kurzer Schlüsselwörter implementiert. Der praktische Einsatz der Anwendung hat gezeigt, dass der Roboter seine Informationen erwartungsgemäß mit konstanter Freundlichkeit und Qualität präsentiert. Jedoch liefern die beobachteten Interaktionen zwischen Menschen und dem Roboter-Kundentrainer auch Stoff zum Nachdenken. Häufig fanden Menschen die angebotenen Informationen zwar interessant und schauten sie sich auch oft bis zum Ende an. Aber in vielen Fällen waren diese Informationen für sie zum Zeitpunkt ihrer Interaktion mit dem Roboter gar nicht relevant. Der Roboter war jedoch nicht in der Lage zu erkennen, was der Kunde gerade an Informationen brauchte. 76 Humanoide Roboter als Partner Eine weitere Beobachtung war, dass viele Menschen am Roboter vorbeigingen, wenn er passiv auf seinem Platz stand. Sie kamen gar nicht auf die Idee, den Roboter anzusprechen, vielleicht aus Scheu, vielleicht aber auch aus Unkenntnis über seine Informationskompetenz. Idealerweise sollte der Roboter deshalb zwei Dinge tun: Erstens sollte er selbst die Initiative ergreifen und auf einen Kunden zugehen, durchaus auch im wörtlichen Sinne. Anschließend sollte er unter Vermeidung offener Fragen dem Kunden seine Informationsmöglichkeiten proaktiv auflisten und ihm so mitteilen, über welche Themen er ihn informieren kann. III.3.3 Der Roboter als Wegweiser Eine weitere vielversprechende Anwendung nutzt „Numi“ als interaktiven Wegweiser, der den Kunden hilft, bestimmte Orte bzw. Personen in einem Beratungs-Center zu finden. „Numi“ soll diese Rolle ausfüllen, weil es ihn im Gegensatz zu Menschen nicht stört, den ganzen Tag immer wieder nach denselben Dingen gefragt zu werden. Noch wichtiger ist aber, dass er mobil und fähig ist, mittels einer internen Karte durch einen inneren Bereich zu navigieren. Damit kann er Kunden mündliche Wegbeschreibungen ersparen und sie auf einfache Weise an ihr Ziel bringen. Das Servicepersonal wird auf diese Weise von solchen Routinefragen entlastet, und die Kunden selbst werden die geringeren Wartezeiten und insbesondere den Service, an ihr Ziel gebracht zu werden, als angenehm empfinden. Zur Realisierung dieser „Wegweiser“-Funktion wurde zunächst eine ortsgebundene Variante der Wegweiser-Rolle implementiert, wo der Roboter an seinem Platz bleibt und von dort aus gesprochene Instruktionen unterstützt durch Gesten und Darstellungen auf seinem Tablet gibt. Aufgrund der Vielzahl an Fragemöglichkeiten und der Schwierigkeit, die Bedeutung und Intention einer Frage zuverlässig zu extrahieren, wird dem Kunden dabei eine Vorauswahl an mögli- 77 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) chen Orten angeboten. In einem nächsten Schritt wurden anhand des Grundrisses und der Raumpläne eigene Karten angefertigt, die der Roboter auf seinem Tablet-Bildschirm anzeigen kann. Da viele Menschen Geräte mit berührungssensitiven Bildschirmen benutzen, wurden die Karten für den Wegweiser bewusst interaktiv gestaltet: Karten haben farblich hervorgehobene anklickbare Bereiche, die für weitere Informationen gedrückt werden können. Kommen nun Menschen in einen Umkreis von drei Metern des Roboters, begrüßt er sie und bietet eine Wegbeschreibung an, zeigt zusätzlich mit ausgestrecktem Arm in die zu gehende Richtung und markiert auf der Karte den aktuellen Standort sowie den Zielort. Abb. III.5 stellt diese Situation als Schnappschuss dar. Abb. III.5: „Numi“ als Wegweiser Die entwickelte Anwendung wurde im Beratungs-Center Marburg erprobt. Dabei stellte sich heraus, dass es nicht ausreicht, wenn der Roboter den Weg zum gewünschten Ziel nur beschreibt, selbst wenn er die Darstellung auf seinem Bildschirm mit einer zeigenden Geste kombiniert, denn vielen Menschen fällt es schwer, ein zweidimensionales Kartenbild auf eine dreidimensionale Örtlichkeit zu übertragen. 78 Humanoide Roboter als Partner Besser wäre es, wenn der Roboter den Menschen gerade in komplexeren Räumlichkeiten wie dem Marburger Beratungs-Center gleich zum Ziel bringt. Darum soll dem Roboter als Wegweiser künftig die Fähigkeit gegeben werden, sich auf Grundlage einer internen Karte zurechtzufinden und die Lage von Orten in der Karte zu identifizieren, so dass er dann dorthin navigieren und den Menschen so zum Ziel begleiten kann. III.3.4 Der Roboter als Interviewer Die Sparkasse hat ein starkes Interesse an Rückmeldungen ihrer Kunden. Diese Rückmeldungen werden über alle verfügbaren Kanäle eingefangen, darunter auch persönlich im Beratungs-Center. Gerne würde die Sparkasse solche Befragungen häufiger durchführen, doch scheitert dies am fehlenden Personal. Deshalb möchte die Sparkasse ihren Roboter dafür einsetzen, überall dort, wo sie persönlich mit Menschen in Kontakt kommt, deren Meinungen zu kontextuell relevanten Themen zu erfragen. Das kann im Beratungs-Center sein oder auf Messen, es kann um Rückmeldungen zu neuen Produkten oder Öffnungszeiten gehen. Wichtig ist der Sparkasse die persönliche Ansprache der Menschen durch den Roboter und die persönlichkeitsgetriebene Durchführung der Befragung. Außerdem soll es einfach für die Befragten sein, ihre Antworten zu geben. Zugleich soll aber die Anonymität ihrer Antworten gewährleistet werden. Die Implementierung dieses Anwendungsfalls stützt sich auf eine interne Datenbank des Roboters, in der sowohl die Umfragen und ihre Elemente als auch die von Menschen gegebenen Antworten gespeichert werden. Der Ablauf der Anwendung beginnt mit der Auswahl einer in der Datenbank gespeicherten Umfrage durch das Personal der Sparkasse. Diese Umfrage läuft dann solange, bis sie vom Personal der Sparkasse beendet wird. Jeder Durchlauf der Umfrage besteht aus einer Menge von Fragen, die dem Menschen nacheinan- 79 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) der mündlich und visuell auf dem Tablet-Bildschirm präsentiert werden. Um sicherzustellen, dass niemand die Antworten mithören kann, wird für die Eingabe der Antworten ausschließlich der Tablet-Bildschirm verwendet. Jede gegebene Antwort wird sofort in der Datenbank gespeichert, um möglichst viele Daten zur Verfügung zu haben. Aus datenschutzrechtlichen Gründen werden dabei keine Daten gespeichert, die eine Identifizierung der Teilnehmer ermöglichen. Am Ende der Umfrage bedankt sich der Roboter freundlich für die Teilnahme und setzt die Umfrage für den nächsten Teilnehmer auf Anfang. Die Erprobung der Anwendung hat gezeigt, dass Menschen es mögen, nach ihrer Meinung gefragt zu werden, und dass sie auch bereit sind, solche Fragen einem Roboter zu beantworten. Datenschutzrechtliche Bedenken wurden bisher nicht geäußert, allerdings bedarf die Anwendung der Optimierung: In einer zukünftigen Version soll die Interaktion mit der Anwendung auf das Notwendige reduziert werden. So sollen Folgefragen automatisch nach der Beantwortung einer Frage abgerufen werden. Außerdem soll ein Zurückspringen zu früheren Fragen nicht mehr möglich sein. Das hat den Vorteil, dass die erste Antwort des Menschen, die vermutlich die ehrlichste ist, erhalten bleibt. III.3.5 Der Roboter als Produkt- und Markenbotschafter Unternehmen bieten Produkte und Dienstleistungen an und möchten außerdem für sich selbst und ihre Marken ein positives Image in der Öffentlichkeit und gegenüber ihren Mitarbeitern kreieren. Soziale Roboter, die auf Kommunikation und Beziehungsaufbau angelegt sind, können als Botschafter des Unternehmens nach innen und außen für das Unternehmen und das, was es zu bieten hat, werben. Das kann vor Ort in den Räumlichkeiten des Unternehmens passieren, aber auch auf Events und natürlich in den Sozialen Medien. Für 80 Humanoide Roboter als Partner die Rolle des Botschafters wurden dazu über einfache Showcases hinausführende Anwendungen in den folgenden Kategorien entwickelt: • Fotomotiv • Darsteller in den sozialen Medien • Gesprächspartner III.3.5.1 Fotomotiv Roboter, die Menschen in Aussehen und Verhalten nachahmen, sind trotz des sich allmählich abschwächenden Neuheitseffekts nach wie vor etwas Außergewöhnliches in unserem Alltag. Wenn Menschen einem solchen Roboter begegnen, haben sie nicht selten den Wunsch, den Moment in Form eines Fotos oder Videos festzuhalten und mit anderen Menschen zu teilen. Indem sich der Roboter bereitwillig und geduldig als Fotomotiv zur Verfügung stellt, kann er diesem Wunsch nachkommen und den Moment sogar durch das Einnehmen ansprechender Posen intensivieren. Wenn Menschen dann noch mit aufs Foto kommen dürfen, freut sie das umso mehr. Und wenn sie anschließend dieses Selfie mit dem Roboter in den sozialen Medien teilen, wirkt sich dies nicht nur positiv auf ihre eigene Online-Reputation aus, sondern steigert auch das Ansehen des Roboters und nicht zuletzt seines Eigentümers. Auf diese Weise wird der Roboter, auch ohne explizite Botschaft, wie in Abschnitt II.3 ausführlich beschrieben zum Botschafter seiner Institution, der Sympathien für sich selbst und für die Institution weckt. Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf wurde ein Anwendungsfall konzipiert, in dem der Roboter dem Wunsch eines Menschen entgegenkommt und ihm anbietet, ein Selfie mit ihm zu machen. Abb. III.6 zeigt die Selfie-Situation mit einem Kunden an. 81 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) Abb. III.6: Ein Selfie mit „Numi“ Da Selfies vor allem bei jüngeren Zielgruppen gängige Praxis sind, braucht der Roboter für seine Rolle als Fotomotiv Posen, die diese Zielgruppen ansprechen, also unkonventionell und ausgefallen sind. Außerdem muss der Roboter Menschen vor sich erkennen und ansprechen können, weil Menschen sich nach wie vor scheuen, einen Roboter anzusprechen. Wenn dann das Eis gebrochen und die Bereitschaft zum Selfie da ist, darf der Roboter nicht immer wieder die gleiche Pose einnehmen, sondern er muss für Abwechslung sorgen. Darüber hinaus sollen Menschen so viele Selfies mit dem Roboter in unterschiedlichen Posen machen dürfen, wie sie wollen. Um den Roboter in die Lage zu versetzen, einen Menschen anzusprechen, wurde die Anwendung so programmiert, dass der Roboter reagiert, wenn er einen Menschen in einem Radius von bis zu drei Metern vor ihm wahrnimmt. In diesem Fall spricht er den Menschen 82 Humanoide Roboter als Partner an und bietet an, ein Selfie mit ihm in einer per Zufall generierten Pose zu machen. Die Anwendung ist ein Erfolg; sie kommt gut an bei Jung und Alt. Außerdem bekommt die Sparkasse regelmäßig die Rückmeldung von Teilnehmern, dass die gemachten Fotos in den sozialen Medien geteilt werden, was der öffentlichen Wahrnehmung der Sparkasse Marburg-Biedenkopf als innovatives Unternehmen zugutekommt. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass Menschen nicht immer mit der zufällig ausgewählten Pose zufrieden sind, sondern den Wunsch haben, sich die Pose des Roboters für das Foto selbst auszusuchen. Außerdem haben sie eine Präferenz für raumgreifende Posen, in denen sich die Arme möglichst weit weg vom Körper befinden. Beide Aspekte sollen in einer verbesserten Version der Anwendung berücksichtigt werden, indem der Posen-Katalog überarbeitet wird und eine Vorschau-Funktion für einzelne Posen hinzukommt. III.3.5.2 Darsteller in den sozialen Medien Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf hat ein starkes Interesse daran, ihre Präsenz in den sozialen Medien auszubauen und hat zu diesem Zweck ein eigenes Instagram-Konto angelegt, in dem „Numi“ als Fotomodell und Schauspieler in Fotos und Videos für die Social- Media-Outlets der Sparkasse auftritt, die Themen aufgreifen, die für die Sparkasse und deren Kunden von Interesse sind. Dass „Numi“ in solchen Darbietungen zu sehen ist, generiert nicht nur Aufmerksamkeit, sondern sendet darüber hinaus die klare Botschaft, dass die Sparkasse im Bereich Digitalisierung stark engagiert ist. Inhalte werden weiterhin regelmäßig auf diesem Kanal sowie auf Facebook und YouTube veröffentlicht, und die Sparkasse ist zuversichtlich, dass die zunehmende Beliebtheit des Roboters in den sozialen Medien dessen eigenes Image und auch die öffentliche Wahrnehmung der Sparkasse fördern wird. 83 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) III.3.5.3 Gesprächspartner Menschen sind auf die Kommunikation mit anderen von Angesicht zu Angesicht ausgelegt, und sie übertragen unbewusst das, was ihnen aus der zwischenmenschlichen Kommunikation vertraut ist, auf die Kommunikation mit einem Roboter, der menschenähnlich aussieht und sie anspricht. Aus dieser Erkenntnis entstand die Idee für einen Anwendungsfall, in dem der Roboter als allgemeiner Gesprächspartner für Kunden zur Verfügung steht. Wenn Menschen ihn im Beratungs-Center ansprechen, soll der Roboter sich im folgenden Dialog angemessen verhalten. Gewünscht ist eine Dialogfähigkeit, die kompetent und einfühlsam ist, aber zugleich die Persönlichkeit des Roboters klar durchblicken lässt. Außerdem ist der Roboter natürlich auch in unverbindlichen Gesprächen mit Kunden Botschafter der Sparkasse und soll deren Anliegen und Werte kommunizieren. In der Rolle des Gesprächspartners soll der Roboter damit über die mitgelieferten banalen generischen Dialoge wie „Wie heißt Du?“ oder „Bist Du ein Roboter?“ deutlich hinausgehen. Synergieeffekte ergeben sich dadurch, dass eine gesteigerte Kommunikationsfähigkeit einen Mehrwert hat, der über die Rolle des Gesprächspartners hinausgeht und auch in anderen Rollen des Roboters wichtig sein wird. Die Herausforderung bei der Implementierung dieses Anwendungsfalls besteht im Schreiben von Dialogen, die die gewünschten Inhalte in einer Form transportieren, die sowohl die einzigartige Persönlichkeit des Roboters betont als auch mit dem Image der Sparkasse im Einklang steht. Bisher wurden die standardmäßig mitgelieferten Dialoge des Roboters für die deutsche Sprache korrigiert, vervollständigt und um sparkassenspezifische Inhalte ergänzt. Für die Zukunft wird die Integration des Chat-Bots Linda des Finanzportals der Sparkassen angestrebt, um den Dialogen vor allem inhaltlich mehr Tiefe zu geben. 84 Humanoide Roboter als Partner III.3.6 Der Roboter als Unterhalter Als Unterhalter spielt der Roboter Spiele mit Menschen, erzählt ihnen Geschichten oder Witze, und vertreibt ihnen so die Zeit, etwa wenn sie auf etwas warten müssen. Auch wenn dieser Rolle auf den ersten Blick die gebotene ‚Seriosität‘ fehlt, so kann Unterhaltung doch positive Wirkungen entfalten. Sie kann Langeweile vermeiden oder reduzieren, die Stimmung von Menschen heben und eine positive Wahrnehmung der Institution, für die der Roboter arbeitet, fördern. In seiner Rolle als Unterhalter hat der Roboter der Sparkasse bisher folgenden Rollen eingenommen: • Märchenerzähler • Quizmaster III.3.6.1 Märchenerzähler Ein Ziel der Sparkasse ist es, für Eltern mit Kindern den Besuch einer Geschäftsstelle attraktiver zu machen. Eltern dürfen und sollen ihre Kinder zu Terminen dort mitbringen, auch damit die nächste Generation schon früh mit der Sparkasse in Berührung kommt. Es geht also darum, den Aufbau von Beziehungen zur Sparkasse bereits im Kindesalter zu fördern. Ein Problem ist jedoch, dass in der Regel nur die Erwachsenen in der Geschäftsstelle etwas zu erledigen haben, wohingegen sich die Kinder eher langweilen, gerade während die Eltern im Beratungsgespräch sind. Die Sparkasse suchte darum eine Lösung, die beides erreicht: Kinder sollten beschäftigt werden und zugleich erste Bindungen zur Sparkasse entwickeln. Weil Kinder Märchen (und ihre Erzähler) mögen, entstand die Idee, den Roboter als Märchenerzähler einzusetzen, dem Kinder zuhören, während die Eltern ihre Geschäfte in der Sparkasse erledigen. Die Aufgabe des Roboters sollte sein, durch sein menschen- ähnliches Aussehen und seine lebhafte, gestenreiche Erzählweise die 85 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) Erzählung emotional aufzuladen, sie menschlich zu machen und die Kinder dadurch zu fesseln. Der Erzählprozess sollte dafür genutzt werden, eine persönliche Beziehung zum Rezipienten aufzubauen. Dies würde einen deutlichen Mehrwert gegenüber dem Abspielen eines Märchenvideos auf dem Tablet bieten. Der Roboter sollte eine Auswahl von verschiedenen Märchen haben, aus denen die Kinder auswählen können. Die Märchen durften jeweils nicht zu lang sein, damit sie den Kindern nicht zu langweilig werden und damit die Eltern nicht zu lange warten müssen, bis ihre Kinder eine Geschichte zu Ende gehört haben. Der erste Schritt zur Implementierung dieses Anwendungsfalls bestand in der Auswahl der Geschichten, die der Roboter im Repertoire haben sollte. Die Wahl fiel auf Märchen der Brüder Grimm, weil diese in Deutschland auch heute noch immer bekannt sind, eine Vorleselänge von maximal zehn Minuten haben und lizenzfrei im Volltext zur Verfügung stehen. Der Text der Märchen wurde in Vorleseeinheiten unterteilt und die Ausdrucksweise, wo erforderlich, modernen Sprachstandards angepasst. Wenn der Mensch ein Märchen ausgewählt hat, liest der Roboter die Geschichte vor, eine Vorleseeinheit nach der anderen, immer unterstützt durch Gesten. Außerdem werden die vorgelesenen Passagen nacheinander auf dem Tablet-Bildschirm des Roboters dargestellt, wobei die aktuelle Passage hervorgehoben wird, damit der Mensch mitlesen kann. Das Vorlesen kann jederzeit pausiert und am Ende wiederholt werden. Diese Anwendung erfreut sich großer Beliebtheit bei jungen Besuchern einer Kernzielgruppe von fünf bis zehn Jahren. In Einzelfällen waren Kinder nicht vom Roboter weg zu bewegen, bevor sie nicht die ausgewählte Geschichte ganz von ihm gehört hatten. Andere wollten weitere Geschichten hören, nachdem die erste zu Ende war. Die Popularität der Anwendung ist insofern eine erfreuliche Überraschung als auf Visualisierung der erzählten Märchen ver- 86 Humanoide Roboter als Partner zichtet wurde und lediglich die mündliche Erzählung durch den Roboter erfolgt. III.3.6.2 Quizmaster Ratespiele eignen sich gut, um Menschen intellektuell stimulierend für eine Zeit zu beschäftigen, z. B. während sie warten müssen. Gesucht wurde eine Art Quiz, das sich sowohl für jüngere als auch für ältere Menschen eignet und außerdem positiv besetzt ist. Die Wahl fiel auf das klassische „Dalli Klick“-Format. Von 1971 bis 1986 gab es im deutschen Fernsehen ein populäres Quiz namens „Dalli Dalli“. Ein wiederkehrendes Element der Sendung war, dass Kandidaten Bilder erraten mussten, die zu Anfang komplett geschwärzt und dann Bildteil für Bildteil sichtbar gemacht wurden. Wer das Bild als erstes erriet, hatte gewonnen. Bei vielen Erwachsenen weckt dieses Spiel positive Erinnerungen, und auch Kinder haben Spaß daran. Die zu erratenden Bilder können für die Zielgruppe angepasst werden, so dass z. B. Kindern kindgerechte Bilder gezeigt werden, während Erwachsene Bilder aus ihrer Erfahrungswelt zu sehen bekommen. Der Roboter soll in der Rolle des Quizmasters die Initiative in der Interaktion mit dem Menschen übernehmen und ihn Bild für Bild durch das Quiz führen. Zunächst wurden für die beiden ausgewählten Zielgruppen – Erwachsene und Kinder – passende Bilder aus der jeweiligen Erfahrungswelt ausgewählt. Für Erwachsene fiel die Wahl auf deutsche Berühmtheiten, Landschaften, oder Ähnliches. Für Kinder wurden Tierbilder ausgewählt. Zu jedem zu lösenden Bild mussten die Phrasen festgelegt werden, die als Lösung gelten sollten. Eine einzige Phrase pro Bild war in der Regel nicht genug, da es verschiedene Bezeichnungen für das gezeigte Motiv gab. Deshalb akzeptiert der Roboter beispielsweise beim Bild von Franz Beckenbauer folgende Antworten: „Beckenbauer“, „Franz 87 Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Deutschland) Beckenbauer“ und „der Kaiser“ oder „Kaiser“, weil die Person auch unter diesem Namen bekannt ist. Abb. III.7: „Dalli-Klick“ mit „Numi“ Das Quiz mit dem Roboter läuft wie folgt ab. Zunächst fragt der Roboter, ob der Mensch ein Erwachsener oder ein Kind ist.17 Dann führt der Roboter den Menschen Bild für Bild durch das Quiz. Jedes Bild wird anfangs komplett verpixelt auf dem Tablet des Roboters angezeigt. Der Mensch versucht das Bild im Dialog mit dem Roboter zu erraten. Dabei hat er eine begrenzte Anzahl an Versuchen. Mit jedem Versuch wird das gezeigte Bild deutlicher und damit leichter zu erraten. Die Aufgabe des Roboters im Dialog ist in erster Linie motivierend: Jeder falsche Vorschlag wird mit einem charmanten Satz und einer Geste verneint, daraufhin wird der Benutzer motiviert, es noch einmal zu versuchen. Wurde das Motiv auf dem Bild erraten, spricht der Roboter ein Lob aus. 17 In einer zukünftigen Version soll der Roboter selbst erkennen können, ob der Mensch, der mit ihm spielen möchte, ein Erwachsener oder ein Kind ist. 88 Humanoide Roboter als Partner Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Fundus an Bildern für das Ratespiel noch recht klein. Da Kunden aber nicht für längere Zeit oder primär zum Spielen ins Beratungs-Center kommen, ist die begrenzte Anzahl an Bildern momentan ausreichend. Mittels einer grafischen Benutzeroberfläche können aber neue Bilder leicht der Datenbank hinzugefügt werden. Auch diese Unterhaltungsanwendung hat positive Resonanzen hervorgerufen. Vor allem Erwachsene kannten das Quiz und haben gerne mitgespielt. Als problematisch erwies sich jedoch, dass der Roboter grundsätzlich immer nur einen Gesprächspartner fokussiert und Spracheingaben für die Lösung nur von diesem akzeptiert hat. Wenn dann mehrere Menschen vor dem Roboter standen und gleichzeitig das Bild erraten wollten, sagte oft diejenige Person die richtige Lösung, die der Roboter gerade nicht im Fokus hatte. Deswegen wurde deren Spracheingabe nicht erkannt, was wiederum zu Irritationen bei den menschlichen Mitspielern führte. In einer zukünftigen Version soll deshalb versucht werden, die Fokussierung des Roboters soweit zu lockern, dass er Spracheingaben von mehreren Menschen vor ihm akzeptiert. III.4 Fazit: Humanoide Roboter im Finanzwesen Obwohl durch den Einsatz von „Numi“ im Tagesgeschäft der Sparkasse mittlerweile verschiedene Mehrwerte entstanden sind, geht es allerdings immer auch um den Imageeffekt und die Kundenbindung. Die Kunden sollen gerne in die Filiale kommen, sich wohlfühlen, und im besten Fall auch eigeninitiativ mit dem Roboter interagieren, um aus einem ‚normalen‘ Bankbesuch eine prägende Customer Experience zu machen, so wie es in anderen Branchen schon lange die Norm ist. Neben der Möglichkeit in der Zukunft Mitarbeiter von lästigen Fragen zu befreien, handelt es sich dabei aber auch immer noch 89 Fazit: Humanoide Roboter im Finanzwesen um eine Machbarkeitsstudie, welche die Einsatzmöglichkeiten eines humanoiden Roboters im Finanzwesen unter Berücksichtigung der Kundenakzeptanz austestet. Der Einsatz humanoider Roboter steckt im Allgemeinen bis heute immer noch in den Kinderschuhen, und viele Banken nutzen den Hype, um durch die Zurschaustellung humanoider Roboter Kunden anzuziehen. Echte Mehrwerte durch partnerschaftliche Anwendungen wie in der Sparkasse Marburg-Biedenkopf bleiben die Ausnahme. Diese Situation spiegelt sich in grundverschiedenen Auffassungen der Verantwortlichen im Finanzwesen wieder. Auf der einen Seite stehen Verantwortliche, die von einer Revolution im Finanzwesen durch den Einsatz humanoider Roboter überzeugt sind. Hierzu gehört der ehemalige Chef der Deutschen Bank John Cryan. Dieser äußerte sich 2017 auf einer Handelsblatt-Bankentagung wie folgt: „In unserer Bank arbeiten Menschen wie Roboter. Morgen werden wir Roboter haben, die sich wie Menschen verhalten. Es spielt keine Rolle, ob wir als Bank an diesen Änderungen teilnehmen oder nicht, es wird passieren.“ [INT6] Auf der anderen Seite, gibt es auch Skeptiker, die diese Meinung noch nicht teilen und der Entwicklung eher zurückhaltend gegenüberstehen. Ein Mitarbeiter der Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ vertrat 2015 dazu die folgende Meinung: „Vorerst und auf absehbare Zeit ist NAO wenig mehr als eine süße Ergänzung bestehender Dienste. Aber wenn Roboter wie NAO den Kunden helfen können, die manchmal undurchdringliche Fassade des Bankensystems zu durchqueren, können sie ein Gimmick sein, das es wert ist, verfolgt zu werden.“ [INT7] 90 Humanoide Roboter als Partner III.5 Roboter als Partner im privaten Bereich Kann ein Roboter als Partner im privaten Bereich fungieren? Kann er ‚normales‘ Familienmitglied werden oder sind seine Partnerfunktionen auf bestimmte Szenarien beschränkt? Die Frage nach dem Mehrwert einmal außer acht lassend, gibt es sicherlich zahlreiche Anknüpfungspunkte im privaten Bereich. So kann z. B. ein humanoider Roboter als sozialer Agent im Dialog unterhaltsam sein, er kann ja Fragen beantworten und Spiele durchführen. Doch muss es unbedingt ein Roboter sein, der diese Funktionen übernimmt? So lassen sich beispielsweise Dialoge derzeit besser mit intelligenten Assistenten wie Amazon Echo, Siri oder Cortana, um nur einige zu nennen, führen. Diese sind zwar nicht mobil, man baut auch keine emotionalen Bindungen zu ihnen auf, doch erfüllen sie heute schon fast perfekt alle Erwartungen in Punkto Informationsgewinnung und –abruf. Da können Roboter mit ihrer eingeschränkten Dialogfähigkeit nicht mithalten. Wenn es allerdings um Einsätze im Spielebereich geht, dann haben Roboter durch ihre Interaktionsfähigkeit durchaus ihren Platz im familiären Bereich. Typische Beispiele für Unterhaltungsspiele mit Pepper sind: • „Ball in a Cup” von SoftBank Robotics • „Memory“ von Intuitive Robots • „Schere – Stein – Papier“ von RoboPraX • „Pantomime“ von RoboPraX Dazu kommen noch die in der Pflege eingesetzten Gymnastikprogramme, Quiz-Anwendungen oder das schlichte Erzählen von Witzen durch Roboter. 91 Roboter als Partner im privaten Bereich Somit können humanoide Roboter trotz reduzierter Dialogfähigkeit durch ihre Emotionalität den Alltag durchaus bereichern. Ob das allerdings den Preis für die Anschaffung eines Roboters für die private Nutzung rechtfertig, sei dahingestellt. Ein gutes Computerspiel erfüllt möglicherweise den gleichen Zweck und ist kostengünstiger. Pepper als Familienmitglied? Eine junge Frau schiebt ein seltsames Gefährt durch die Gassen von Nishi-Nippori, einem Vorort von Tokyo. Sie fährt einen kleinen Roboter spazieren. Der heißt: Pepper. „Pepper ist Familie für mich“, sagt Tomomi Ota: „Vater, Mutter, Pepper.“ Die Beziehung zwischen Roboter und Frau Ota ist in den sozialen Medien weltweit dokumentiert. Dafür sorgt sie selbst: „Facebook? Nein, Instagram. Ja, ich kann mit ihm kommunizieren. Ich habe ihn selbst programmiert“, sagt sie. Die Dreißigjährige ist Computerfachfrau, aber auch Musikerin. Und sie gibt Konzerte, mit Pepper. Seit bald zwei Jahren lebt sie mit Pepper, geht mit ihm Einkaufen oder in Restaurants. „Nein“, hat sie in Zeitungsinterviews gesagt, „Pepper ist nicht mein Lover. Wir lieben uns, aber so wie Familienmitglieder einander lieben.“ (Quelle: [INT5]) Soll man also Berichten wie dem oben stehenden Glauben schenken? Lässt sich mit einem Roboter ein neues Familienmitglied als Gesprächspartner gewinnen? Wohl eher nicht. Ein vereinbartes längeres Interview mit den Medien in Japan hat die Entwicklerin abgesagt. Alle derartigen ‚privaten‘ Einsatzszenarien sind ausschließlich auf Video verfügbar und werden letztlich auch auf eher fragwürdige Nutzungen, wie z. B. das Mitsingen von Liedern über vorgefertigte Audio-Dateien zur Klavierbegleitung, reduziert. Auch wenn z. B. für einsame Menschen, gerade im Alter, ein Bedürfnis nach Konversa- [V.III.2] 92 Humanoide Roboter als Partner tion besteht, so sind die gegenwärtigen Einschränkungen humanoider Roboter im Punkto Dialogfähigkeit nicht dazu geeignet, dieses Bedürfnis hinreichend zu erfüllen. Es gibt allerdings Anwendungsbereiche, in denen die Vermenschlichung von Robotern größere gesellschaftliche Auswirkungen auf das menschliche Miteinander haben könnte. Das Paradebeispiel dafür sind die sogenannten „Sexroboter“. Diese Androiden sind eine relativ neue Schöpfung der Erotikindustrie. Abb. III.8 zeigt zwei Beispiele solcher ‚höchst privater‘ Roboter. Abb. III.8: Die Androiden „Harmony“ und „Henry“ Roboter wie „Harmony” oder „Henry“ sind mit künstlichen Beinen und Armen ausgestattet, sie tragen Perücken, verfügen über Augen mit vollen Wimpern und sind mit einem Überzug aus Silikon ausgestattet, der an Haut erinnern soll. Zusätzlich können sie Dialoge führen und per Smartphone-App in gewünschte emotionale Zustände versetzt werden, um so dem menschlichen Begleiter so nah wie möglich zu kommen. 93 Roboter als Partner im privaten Bereich Die Grenzen der Sexroboter-Technologie sind derzeit vor allem die fehlende Mobilität, aber auch die von einfachen humanoiden Robotern bekannte eingeschränkte Interaktion, die durch Konversation zwar imitiert wird, jedoch nicht vollständig nachgestellt werden kann. Abgesehen von den technischen Einschränkungen existieren derzeit noch keine gesellschaftlichen Normen dafür, wie wir mit diesen speziellen Androiden umgehen. III.6 Roboter als Partner im Bereich Pflege Auch beim Einsatz humanoider Roboter in der Pflege kann Japan als Vorreiterland angesehen werden. Hintergrund ist die immer älter werdende Bevölkerung und die damit verbundenen schwindenden Arbeitskräfte, besonders im Pflegebereich. Humanoide Roboter sollen, so der Plan, den steigenden Pflegekraftmangel eindämmen. Seit vielen Jahren stellt das Land Roboter in der Öffentlichkeit als freundliche Zeitgenossen dar und hat die Bevölkerung somit bereits sensibilisiert. Das hat zu einer sehr offenen Einstellung gegenüber humanoiden Robotern geführt. Der Grundstein für den Einsatz humanoider Roboter im allgemeinen und damit auch in der Pflege, ist somit schon seit langem gelegt. In den einfachsten Fällen werden Roboter wie Pepper wie üblich als Showcase (Spiele, Tänze, Lieder abspielen, etc.) und für das Erteilen vorgefertigter Anweisungen bei Turnübungen eingesetzt. In der Betreuung von Demenzkranken ist Pepper ein guter ‚Zuhörer‘ und beantwortet – mit den bekannten Einschränkungen – auch wiederkehrende Fragen gerne noch einmal und das mit dem gleichen Enthusiasmus. Neben Pepper-Modellen werden dabei auch andere humanoide Roboter, aber auch nicht-humanoide Roboter wie PARO, der therapeutische Robben-Roboter, oder AIBO, der tierhafte Roboter, eingesetzt (Abb. III.9). [V.III.3] 94 Humanoide Roboter als Partner Abb. III.9: PARO und AIBO Auch in Deutschland haben humanoide Roboter in den letzten Jahren das Interesse am Einsatz im Pflegebereich geweckt und zu beträchtlichem Forschungswillen sowie Interesse an Machbarkeitsstudien beigetragen. Mittlerweile wird vielfach die Meinung vertreten, dass der demografische Wandel und die damit einhergehende Überalterung der Gesellschaft die Pflegelandschaft in Deutschland stark verändern werden. Anhand zweier Pilotprojekte soll aufgezeigt werden, welchen Beitrag humanoide Roboter zu diesem Wandel leisten können. III.6.1 Das Projekt ARiA Das vom BMBF geförderte Projekt ARiA „Anwendungsnahe Robotik in der Altenpflege“ der Universität Siegen und der Fachhochschule Kiel geht der Frage nach „Wie sieht unsere Arbeit mit Robotern in der Pflege aus?“. Dazu wurden zusammen mit Pflegekräften, Angehörigen und Pflegebedürftigen sinnvolle Einsatzszenarien für Pepper- 95 Roboter als Partner im Bereich Pflege Roboter im Arbeitsumfeld der Pfleger oder im Alltagsumfeld der zu Pflegenden festgelegt. Auch wenn die Roboter-Anwendungen selbst allerdings auf dem bereits erwähnten Kontinuum zwischen Showcase und Partner-Anwendungen angesiedelt waren, konnten dem Pflegepersonal einfache Aufgaben, z. B. Bewegungsübungen, abgenommen werden, und sie konnten ihren Fokus auf die eigentliche Betreuungsarbeit legen. Die ersten Ergebnisse des Roboter-Einsatzes zeigten, neben einer hohen Akzeptanz, die durch wiederholt veranstaltete Workshops noch gesteigert werden konnte, eine große Bereitschaft der Senioren, sich mit digitaler Technik zu beschäftigen. Darüber hinaus wurde deutliche, dass Pflegekräfte mit einer anfangs negativen Einstellung gegen- über dem Roboter-Einsatz in der Pflege, diese Vorurteile schnell reduzieren konnten, da klar wurde, dass der Roboter der Unterstützung bei der täglichen Arbeit und nicht als Ersatz des Pflegepersonals dient. Abb. III.10: Roboter-Einsatz in der Pflege 96 Humanoide Roboter als Partner III.6.2 Das Projekt SMiLE Ein weiteres im Bereich Pflege angesiedeltes Projekt wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie gefördert und nennt sich SMiLE – Service-Robotik für Menschen in Lebenssituationen mit Einschränkungen. Ziel des Projekts ist es im Rahmen einer Kollaboration zwischen der Caritas und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Menschen mit krankheitsbedingten Bewegungseinschränkungen durch Roboter-Einsatz zu helfen und ihnen somit ein erfüllteres sowie selbständigeres Leben zu ermöglichen. Zielgruppe sind dabei ältere, oft alleinstehende Menschen, die weiterhin in ihrer Wohnung bzw. in ihrem Haus leben möchten, ohne eine permanente Pflegekraft zu beschäftigen – ob dies wider Willen oder aus finanziellen Gründen nötig ist, sei dahingestellt. Daher ist das grundlegende Ziel der humanoiden Roboter in diesem Projekt, Personen mit Mobilitätseinschränkungen Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit zu ermöglichen und so lange wie möglich zu gewährleisten. Im Rahmen des Projekts soll der vom DLR entwickelte humanoide, Roboter „Rollin’ Justin“ als Unterstützung für ältere Personen mit moderaten Mobilitätseinschränkungen dienen. Der Roboter stammt aus der Forschung im Bereich der Service-Robotik mit Hauptaugenmerk auf den Haushalt und die Assistenz von Astronauten im Weltall. Dies erklärt auch seine Größe von 1,91 m, und sein Gewicht von ca. 200 kg. Jedoch kann er aufgrund seiner großen Freiheitsgerade in fast allen Gelenken sich beinahe flexibler bewegen als ein Mensch. Benutzer können hier auch auf die Unterstützung durch Angehörige, welche den Roboter über Kommunikationsgeräte (Smartphone, Tablet) ansteuern können, sowie durch ein Pflege-Kontrollzentrum, das per Telefon zu erreichen ist, zählen. 97 Roboter als Partner im Bereich Pflege Abb. III.11: Rollin’ Justin Auch bei diesem Projekt wird betont, dass der Einsatz von Robotern nicht auf den Ersatz des Pflegepersonals hinzielt, sondern dieses vielmehr bei bestimmten Aufgaben entlasten und unterstützen soll. Zwar liegen noch keine Einsatzdaten von „Rollin’ Justin“ vor, allerdings sind sich die Projekt-Verantwortlichen bewusst, dass ein solch großer Pflegeroboter auch einschüchternd wirken kann. Dennoch zeichnet sich ab, dass durch die Unterstützung von „Rollin’ Justin“ älteren und/oder körperlich beeinträchtigten Menschen es durchaus ermöglicht werden kann, möglichst lange selbständig zu agieren. 98 Humanoide Roboter als Partner III.7 Synergien Erkenntnisse aus den Einsätzen humanoider Roboter aus einer Branche können in dieser Anfangsphase der Implementierung große Synergieeffekte und Abhilfen in anderen Bereichen schaffen. Zum Beispiel spielt der Einsatzort, ob Hörsaal, Gemeinschaftsraum im Pflegeheim oder Kundenhalle einer Bank, keine Rolle, wenn es um den Neuheitsfaktor eines humanoiden Roboters geht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass in jedem Fall zunächst ein Grundbedürfnis besteht, den Roboter kennenzulernen. Dass dabei Kinder besonders großes Interesse an solchen Erstkontakten haben, zeigt Abb. III.12. Abb. III.12: Bild Pepper mit Kindern Dabei spielt es zunächst keine Rolle, dass die dahinterliegenden Hauptziele des Einsatzes unterschiedlich sind. Genauso können Erkennt- 99 Synergien nisse darüber, wie humanoide Roboter in ‚öffentlichen‘ (lauten, vollen, etc.) Umgebungen funktionieren und entsprechend programmiert werden, von einem Bereich auf den anderen übertragen werden. Ähnlich verhält es sich mit Erfahrungen aus 1-zu-1 Mensch-Roboter-Interaktionen. Ein großer Unterschied betrifft jedoch den Zugriff auf persönliche Daten durch den Roboter in den verschiedenen Umgebungen. Während Studenten in den meisten Fällen kein Problem haben ihre Lernerdaten für Analysezwecke preiszugeben und sogar gewillt sind mehr für eine persönlichere Beratung mit dem Roboter zu geben (siehe Abschnitt. IV.2.1.1), ist dies in einer Bank nicht der Fall. Dies liegt einerseits an der unterschiedlichen Klientel, aber auch an der Vertrautheit der Daten und der nicht unbegründeten Angst, der Roboter könnte die Daten missbrauchen. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Finanzsektor können aus den eben genannten Gründen auch in anderen Feldern helfen und den Entwicklungsaufwand mindern. Die folgenden Richtlinien können zu diesem Zweck als Hilfestellung genutzt werden. Erwartungshaltung: Vor allem beim Erstkontakt mit einem humanoiden Roboter, sind die Erwartungshaltungen meist zu hoch gegriffen. In einem Zeitalter von Siri, Alexa und Co. erwarten die meisten Menschen, dass etwas so Menschliches wie Pepper, zumindest doch verbal so gut ist wie beispielsweise die Software eines Smartphones. Jedoch ist dies noch nicht der Fall, da Pepper-Roboter in ihrer derzeitigen Standardkonfiguration mit dem On-Board Speech Processing System „Nuance Remote“, das auch ohne Internetverbindung funktionieren muss, unterlegen sind. Daher sollte, losgelöst vom Einsatzgebiet, vor der Erstinteraktion eine kleine Einführung bereitgehalten werden, sodass die Nutzer des Roboters nicht aufgrund zu hoher Erwartungshaltung enttäuscht werden. 100 Humanoide Roboter als Partner Handhabung: In vielen Fällen wird zur Interaktion das Tablet betätigt anstatt verbal mit dem Roboter zu kommunizieren. Entweder die Erwartungshaltung ist zu hoch und der Roboter antwortet auf die komplexen Fragen der Kunden nicht, sodass zur Tablet-Eingabe übergegangen wird, oder es besteht eine Scheu, mit ihm zu reden oder sogar eine Unkenntnis über seine verbalen und non-verbalen Fähigkeiten und Reaktionen (siehe Abb. I.19, LEDs). In jedem Fall ist es von Vorteil, dem Nutzer klar zu machen, auf welche Art und Weise er mit dem Roboter interagieren kann. Geräuschpegel: In der Kundenhalle einer Bank, auf dem Flughafen, dem Gemeinschaftsraum eines Pflegeheims oder in einem vollbesetzten Seminarraum an einer Hochschule gibt es immer eine gewisse Geräuschkulisse. Auf Grund von fehlender Trennschärfe ist es daher für Roboter oft unmöglich, die für einen Dialog relevante Audioquelle aus einer Menge von Geräuschen zu lokalisieren. Daher kann es von Vorteil sein, den Stimulus „Sound“ in solchen Umgebungen auszuschalten, um so fehlerhafte Audio-Identifizierungen und damit ungewollte Ablenkungen zu vermeiden. Es ist daher wichtig, den Roboter an einem möglichst von externen Geräuschen losgelösten Ort zu platzieren bzw. einen Hauptstandpunkt einzurichten und wie erwähnt, ggf. auf den Stimulus „Audio“ zu verzichten. Objekterkennung: Extreme Lichtverhältnisse und schlecht ausgeleuchtete Objekte können Probleme bei der Objekterkennung bereiten. Besonders auffällig wird dieses Problem, wenn z. B. in einem Fernsehstudio mit einer Vielzahl von Lichtquellen und Studiolampen ein Roboter für die Gesichtserkennung eingesetzt wird.18 Sowohl die Form von Objekten als auch die Beleuchtung selbst können hier hinderlich sein. So kann z. B. eine gut beleuchtete runde Form, z. B. ein 18 Siehe Abschnitt I.3.1.2, S. 34, Peppers Problem im Studio des HR-Fernsehens. 101 Synergien Ball, bei entsprechender Ausleuchtung sehr leicht als ein menschlichem Gesicht erkannt werden, umgekehrt kann ein Roboter ein überstrahltes menschliches Gesicht auf Grund fehlender Konturen leicht als Ball identifizieren. Aus diesen Gründen ist es wichtig, den Standpunkt des Roboters sowie die Umgebung zu analysieren und sicherzustellen, dass Menschen und physikalische Objekte dort relativ problemfrei erkannt werden können. Räumlichkeiten: Soll der Roboter nicht nur stationär eingesetzt werden, ist es wichtig, sich ein Bild von den Räumlichkeiten zu machen, denn der Untergrund kann eine Rolle spielen: Bestimmte Teppiche, Parkett oder Fliesen mit größeren Fugen, Türschwellen, Blumentöpfe, enge Gänge, all diese Bodenbeläge und zusätzliche Objekte können die Bewegung des Roboters erheblich einschränken. Daher ist es wichtig, vor einem entsprechenden Roboter-Einsatz den Einsatzort zu kennen und ggf. den Roboter den Raum kartographieren zu lassen, um ihm die Orientierung im Raum zu erleichtern. III.8 Ausblick: Roboter als Partner in der Bildung Bedingt durch die fachliche Ausrichtung des Autorenteams ist ein besonderes potenzielles Einsatzgebiet für humanoide Roboter die Bildung. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler begonnen, Roboter für den Unterricht zu entwickeln – nicht die Roboterbausätze, mit denen man über Technik und Mathematik lernt, sondern humanoide Roboter, die tatsächlich im Unterrichtsgeschehen mitwirken können. Denn die Forderung nach einem stärker personalisierten Unterricht hat zu einer Suche nach technologischen Lösungen geführt. Daher geht man davon aus, dass humanoide Roboter Teil der Bildungsinfrastruktur werden, genau wie Papier, Whiteboards und Computer- 102 Humanoide Roboter als Partner tabletts, darüber hinaus aber das Potenzial besitzen, Schüler auf eine Weise zu unterstützen und herauszufordern, die in den derzeitigen ressourcenbeschränkten Bildungsumgebungen nicht zur Verfügung steht. Roboter können wertvolle Zeit für Lehrer freisetzen, so dass sich der Lehrer auf das konzentrieren kann, was Menschen noch am besten können – eine umfassende, einfühlsame und lohnende Bildungserfahrung zu bieten. III.8.1 Spezielle Zielgruppen Bis heute ist es nicht möglich, humanoide Roboter zielgruppenunabhängig einzusetzen. Nahezu alle bekannten und bisher untersuchten Einsatzszenarien beziehen sich auf klar umrissene, z. T. sogar in bestimmten Fähigkeiten ‚eingeschränkte‘, Zielgruppen, wie z. B. Kinder im Vorschulalter, demenzkranke Patienten im hohen Alter oder Autisten. Es ist schlicht wesentlich einfacher, für derartige Zielgruppen sinnvolle Roboter-Anwendungen zu entwickelten, als z. B. für Schüler in der Sekundarstufe II oder für Hochschulstudenten mit entsprechend höheren intellektuellen Ansprüchen. Ein Roboter-gestützter Vokabeltrainer mit beispielsweise 30 Begriffen oder ein Single-Choice-Quiz mit fünf Wissensfragen ist für Kinder bzw. Demenzkranke sicherlich ein angemessener Anspruch und damit einfacher zu gestalten als eine kompetenzorientierte Recherche-Aufgabe auf Hochschulniveau. Aus diesem Grund beziehen sich die meisten bisher bekannten und primär in experimentellen Situationen getesteten Partner-Anwendungen in der Bildung auf derartige restriktive Situationen. Zwei solcher Beispiele sollen in den folgenden Abschnitten vorgestellt werden. In beiden Fällen agiert ein NAO-Roboter als Partner in ausgewählten Lernszenarien für Lerner im Vorschulalter. 103 Ausblick: Roboter als Partner in der Bildung III.8.1.1 L2TOR19 L2TOR war ein vom „Horizon 2020 Programm“ der European Commission bis 2018 gefördertes Forschungsprojekt, das anstrebte, niederländische, deutsche und türkische Muttersprachler im Vorschulalter beim Erlernen von Englisch – und türkischen Muttersprachlern mit Migrationshintergrund beim Erlernen von Deutsch und Niederländisch – zu unterstützen. Der Roboter sollte sowohl in der Zielsprache als auch in der Muttersprache mit den vierjährigen Kindern interagieren. Diese verbale Interaktion sollte durch natürliche Gesten und Körpersprache unterstützt werden. Das Sozialverhalten des Roboter-Tutors war dabei an das von menschlichen Tutoren und Betreuern angepasst. Das Projekt zielte darauf ab, Richtlinien zu entwickeln, die das Design von zukünftigen Robotern und Tutorensystemen zur kommerziellen Nutzung unterstützen. Folgende fremdsprachliche Themen standen dabei im Vordergrund: • Zahlen und prä-mathematische Konzepte, • räumliche Sprache, z. B. Präpositionen, • Aneignung eines Grundwortschatzes durch Geschichtenerzählen. Für jedes Thema wurden drei Lektionen in spezifischer themenrelevanter Sprache definiert, die anschließend dem Kind beigebracht werden sollten. Dazu wurde der Roboter zusätzlich mit einem Tablet- PC ausgestattet. Ein zentrales Ergebnis des Projektes ist, dass der Roboter es schaffte, die Kinder zum Lernen zu motivieren und ihnen durchaus helfen konnte ihre Behaltensleistung beim Vokabellernen zu steigern. Ebenfalls wurde beobachtet, dass die menschenähnlichen Hand- und Arm- 19 L2TOR (gesprochen „el tutor“; Spanisch für Tutor/Lehrer/Betreuer mit L2 als Bezeichnung für die erste Fremdsprache, engl. Second Language Tutoring Using Social Robots) 104 Humanoide Roboter als Partner bewegungen des Roboters sich positiv auf den Lernvorgang auswirkten. Ziel ist es, den Roboter nun so weiterzuentwickeln, dass er sein Verhalten dem Gemütszustand und den Reaktionen der Kinder anpassen und zusätzlich jedem Kind einen, an die individuellen Lernfortschritte angepassten Sprachunterricht bieten kann. Das Projekt wurde als internationale Kooperation verschiedener Universitäten und Firmen ausgetragen. Beteiligt waren die Universität Bielefeld in Deutschland, die Tilburg Universität und die Universität Utrecht in den Niederlanden, die Koç Universität in der Türkei, die Plymouth Universität in England sowie QBMT Creative Solutions und SoftBank Robotics, die den Roboter NAO als Forschungsobjekt bereitstellten. III.8.1.2 Roboter an finnischen Grundschulen In der finnischen Stadt Tampere befinden sich zur Zeit fünf NAO- Roboter in verschiedenen Grundschulen im Test-Einsatz. Dort werden die humanoiden Roboter vor allem im Sprachunterricht eingesetzt und sollen Kindern beim Erlernen von Finnisch, Englisch und Deutsch unterstützen. Die Roboter sind mit einer Smartphone-App verknüpft und zusätzlich mit einem Tablet-PC ausgestattet. Die Idee des Projekts ist es, dass der Roboter für Abwechslung sorgen und so das Interesse der Kinder für den Unterrichtsstoff wecken soll. Dabei stellt der NAO-Roboter mit dem Namen „Elias“ keinen Ersatz für die menschlichen Lehrpersonen dar, sondern er dient lediglich als Unterstützung, da seine stets freundliche Art nicht für Ruhe im Klassenzimmer sorgen kann. Im Unterricht analysiert „Elias“ das Sprachniveau der Schüler und passt so individuell seine Fragen an. Zusätzlich kann er den Lehrern Rückmeldungen zum Wissensstand und zu Problemen der Schüler geben. Im Gegensatz zu einem Menschen hat „Elias“ den Vorteil, dass er nie die Geduld verliert und die Schüler nie in Verlegenheit bringt, [V.III.4] 105 Ausblick: Roboter als Partner in der Bildung wenn er Fragen stellt. Er kommuniziert auf Finnisch oder Englisch, er erkennt die Fähigkeiten der Schüler und passt die Fragen automatisch entsprechend an, wobei er dem Lehrer ein Feedback über mögliche Probleme gibt. III.8.2 Die Hochschullehre Eine andersgeartete Zielgruppe ist die der Hochschulstudenten, in deren Bildungskontexten NAO-Roboter, allein schon auf Grund ihrer geringen Größe als Partner eines menschlichen Lehrers eher nicht in Frage kommen. Als Werkzeug für die Realisierung digitaler Problemlösungsaufgaben allerdings spielt er eine wichtige Rolle (Kapitel V). Pepper-Roboter dagegen eignen sich gut für den Einsatz in einer Partnerkonstellation. Im Kontext der Hochschullehre mit ihren Bestandteilen Lehren, Lernen, Prüfen und Beraten sind dabei theoretisch folgende Einsatzmöglichkeiten denkbar: • Pepper als Inhaltsvermittler, z. B. in einer Vorlesung • Pepper als Nachhilfelehrer • Pepper als Berater, z. B. in Sprechstunden • Pepper als Prüfer • Pepper als Auskunftsgeber • Pepper als Organisator komplexer Abläufe Allerdings sind diese Einsatzoptionen in hohem Maße von den verwendeten Lehrorganisationsformen abhängig. Daher widmen wir uns im folgenden Kapitel zunächst den Grundprinzipien der modernen Lehre, ehe wir anschließend die heute schon realisierbaren Partneranwendungen vorstellen. Wie das funktionieren kann, soll in den folgenden Abschnitten auf der Basis der Erfahrungen des Roboter-Einsatzes in der Hochschullehre im Rahmen des Projekts H.E.A.R.T. beschrieben werden. 106 Humanoide Roboter als Partner Lektüreempfehlungen Breazeal, Cynthia. 2003. Toward sociable robots. Robotics and Autonomous Systems, 42(3–4), 167–175. Cooper, Martyn, Keating, David, Harwin, Wiliam & Dautenhahn, Kerstin. 1999. Robots in the classroom – tools for accessible education. In Assistive Technology on the Threshold of the New Millennium (S. 448–452), Assistive Technology Research Series, 6, Düsseldorf: IOS Press. Kwak, S. S. 2014. The Impact of the Robot Appearance Types on Social Interaction with a Robot and Service Evaluation of a Robot. Archives of Design Research, 27(2), 81–93. Lee, K. M., Peng, W., Jin, S. A., & Yan, C. 2006. Can robots manifest personality?: An empirical test of personality recognition, social responses, and social presence in human-robot interaction. Journal of Communication, 56(4), 754–772. Pal, S., & Singh, D. 2019. Chatbots and virtual assistant in Indian banks. Industrija, 47(4), 75–101. Sullins, J. P. 2012. Robots, love, and sex: The ethics of building a love machine. IEEE Transactions on Affective Computing, 3(4), 398–409. Fragen zur Vertiefung Welche der in diesem Kapitel behandelten Roboter-Mensch-Partner Beziehungen haben den größten Mehrwert für den Menschen? Warum lassen sich humanoide Roboter besonders gut im Pflegebereich einsetzen? Welche Vorteile bringt der Einsatz humanoider Roboter im Empfangsbereich einer Bank? 107 Ausblick: Roboter als Partner in der Bildung

Chapter Preview

References

Abstract

Humanoid robots are spreading into more and more areas of daily life. But what tasks do they perform and how can they provide us with useful support, especially in educational contexts?

In his introductory book, the German digital pioneer, Prof. Dr. Jürgen Handke, manager of the two well-known robot projects H.E.A.R.T. and RoboPraX, shows how humanoid robots can be used in an increasingly digital world: as simple showcases, as partners in various areas of life, especially in education, or as tools for acquiring and consolidating digital skills. Beyond these applications, the book provides an overview of humanoid robots and a discussion of the challenges of using them in the context of everyday life.

Zusammenfassung

Humanoide Roboter verbreiten sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Doch welche Funktionen übernehmen sie dabei im Einzelnen? Was können sie für uns leisten und wie können sie speziell das Lehren und Lernen in einer digitalen Welt sinnvoll unterstützen?

Der deutsche Digital-Pionier Prof. Dr. Jürgen Handke, Leiter der Projekte H.E.A.R.T. und RoboPraX, zeigt in seinem einführenden Buch, wie humanoide Roboter gewinnbringend eingesetzt werden können, und diskutiert die verschiedenen Möglichkeiten der Nutzung durch uns Menschen: von einfachen Showcase-Anwendungen über den Einsatz als Partner in verschiedenen Lebensbereichen, speziell in der Bildung, bis hin zur Nutzung als Werkzeug zur Erlangung und Festigung digitaler Kompetenzen.