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II Showcases in:

Jürgen Handke

Humanoide Roboter, page 43 - 62

Showcase, Partner und Werkzeug

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4250-2, ISBN online: 978-3-8288-7135-9, https://doi.org/10.5771/9783828871359-43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
43 II Showcases Humanoid robots are here to stay and over time, with AI making progress, we might soon find them everywhere in our daily lives. Dang, Sanjit Singh, 2019. [INT2] Die offensichtlichste Variante der Roboternutzung ist derzeit die der Zurschaustellung (engl. showcase). Dabei wird ein humanoider Roboter öffentlich so präsentiert, dass er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht und der Fokus der Betrachter allein oder zumindest teilweise auf ihn gelenkt wird. Diese Zurschaustellung hat auf Grund des immer noch bestehenden Effekts des „Neuen“ derzeit einen hohen Stellenwert, insbesondere in der Wahrnehmung durch die öffentlichen Medien. So zeigen sich Politiker und Entscheider, die im Bereich Digitalisierung ‚unterwegs‘ sind, gern mit humanoiden Robotern. Im Februar 2020 kündigte beispielsweise die EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von-der-Leyen, eine großangelegte KI-Initiative der Europäischen Union an und ließ sich zu diesem Zweck zusammen mit einem NAO-Roboter ablichten bzw. für eine Fernsehreportage aufzeichnen (Abb. II.1). Abgesehen vom eher geringen Bezug zur Künstlichen Intelligenz im engeren Sinn ist das Ziel solcher Auftritte klar: Man nutzt die Anwesenheit von Robotern, um dem Publikum zu signalisieren „Wir sind ‚digital‘ auf der Höhe!“. Abb. II.1: Die EU-Kommissionspräsidentin mit NAO Leider ist diese Herangehensweise derzeit in vielen Bereichen die zentrale Motivation für den Einsatz humanoider Roboter. Im Handel, in der Touristikbranche, im Finanzwesen, ja sogar im klerikalen Kontext setzt man auf humanoide Roboter als ‚Spaßmacher‘ und ‚Hingucker‘. In den folgenden Abschnitten werden wir eine Reihe solcher Anwendungen für humanoide Roboter vorstellen. Zwar sind diese oft auch mit weitergehenden Funktionen verbunden und gehen bisweilen auch über den Showcase-Einsatz hinaus. Das Grundprinzip bleibt allerdings in den folgenden Fällen nahezu immer das gleiche: Die Nutzung des Roboters zur Erlangung von (medialer) Aufmerksamkeit. II.1 Vortragsbegleitung Eine typische Showcase-Anwendung, ist die Nutzung von Robotern im Zusammenhang mit öffentlichen Vorträgen. Je nach Größe der Veranstaltung wird dazu ein Pepper oder ein NAO-Roboter als Begleiter eingesetzt, der vorgefertigte Fragen kommentiert oder Bemerkungen, die über die diversen Sensoren aktiviert werden können, ins 44 Showcases Gespräch einstreut. Dabei sind alle Aktionen des Roboters vorgeplant und lassen sich während des Gespräches/Vortrages nicht ohne Eingriff von außen an den Gesprächsverlauf anpassen. Dem Publikum bleibt diese mangelnde Flexibilität des Roboters zumeist verborgen, und es entsteht der Eindruck, der Roboter sei dem Menschen in Punkto Dialogfähigkeit ebenbürtig. Abb. II.2 zeigt einen derartig ‚geskripteten‘ gemeinsamen Auftritt bei einem Vortrag des Autoren in Köln im Jahr 2017. Abb. II.2: Vortrag mit Pepper Das Skript selbst wird bereits im Vorfeld erstellt und auf den Roboter geladen, der dann allerdings autonom agiert. 45 Vortragsbegleitung Ein Dialogskript für NAO/Pepper Mensch: Aktiviert Roboter durch Druck des rechten Handrückens Roboter: Auch ich begrüße euch zum Vortrag, natürlich auch im Namen meiner Freunde MIKI und NAO. Hallo-Animation Darf ich schon mal ankündigen, was Du vorhast? Mensch: [ja, klar, gern, sehr gern, wenn du möchtest] Roboter: Enthusiasmus-Animation Mein Chef wird Ihnen gleich vorführen, wie ich in der Bildung eingesetzt werden kann. Mensch: So ist es, aber jetzt bin erstmal kurz ich an der Reihe. Roboter: Ok, Ich melde mich später nochmal. Bitte denk aber dran, Du hast insgesamt nur 30 Minuten. … [] stellt eine Liste von möglichen Aussagen dar. Die einzige – und oft genutzte – Eingriffsmöglichkeit ist die der Tele- Operation. Dabei befindet sich ein menschlicher Operateur, der z. B. per Laptop und WLAN mit dem Roboter verbunden ist, in einem Versteck und kontrolliert von dort sämtliche Aktionen des Roboters. Per Fernsteuerung greift er in die Mensch-Roboter-Dialoge insbesondere dann ein, wenn das Gespräch auf Grund von Verständnisproblemen auf Roboterseite droht, zum Erliegen zu kommen. Dieses Verfahren nennt man auch Wizard-of-Oz (dt. Der Zauberer von Oz) Technik. Eine weiterführende Art der Fernsteuerung nutzt – wie in Abb. II.3 dargestellt – ein spezielles Interface, mit dem die Aktionen des Roboters, hauptsächlich handelt es sich dabei um Körperbewegungen, mit den Bewegungen eines Menschen synchronisiert werden. Derartige, wie oben dargestellt ‚geskriptete‘ oder ferngesteuerte, öffentliche Auftritte werden z. T. noch an Dramatik gesteigert, indem der Roboter nicht nur kommentiert, sondern auch agiert. So kann 46 Showcases sich der Roboter tanzenderweise aus einer Deckung heraus, z. B. hinter einem Vorhang, auf eine Bühne bewegen, dabei unter Musikbegleitung eine Begrüßungsformel sprechen und so die Aufmerksamkeit des Publikums weiter steigern. Pepper-Roboter als Hingucker In einem typischen Begrüßungsablauf führt z. B. ein Pepper-Roboter autonom folgende Aktionen aus: • „Basic Awareness“ ausschalten • Kollisionserkennung deaktivieren • Audio Feedback deaktivieren • Externen Sound (Musik) abspielen • 4 m Vorwärtsbewegung (mit Tanz) • 90 Grad Drehung ausführen • 1 m Vorwärtsbewegung (ohne Tanz) • „Basic Awareness“ aktivieren • Begrüßung des Publikums Abb. II.3: Tele-Operation mit Pepper 47 Vortragsbegleitung Voraussetzung für die erfolgreiche Abarbeitung eines solchen Skripts sind u. a. die Bekanntheit der Räumlichkeiten für die Bewegungsaktionen und ein ausgiebiges Testen vor Beginn der Veranstaltung. Bei Tagungseröffnungen und großen Symposien sind diese Einsatzszenarien vom Autorenteam bereits mehrfach erfolgreich erprobt worden, wobei gerade das Tanzen mehr und mehr eingeschränkt wird, um die eigentlichen Fähigkeiten des Roboters durch den eher inhaltsleeren Tanz nicht zu überdecken. Abb. II.4 zeigt einen Teil der Eröffnungssequenz bei der Jahrestagung des Zentralverbandes der deutschen Elektroindustrie 2017 vor mehr als 1.000 Zuschauern. Abb. II.4: Moderator Jo Schück, Jürgen Handke und Pepper bei der Jahreskonferenz des ZVEI in Berlin 2017. Pepper im Krankenhaus Mit einer speziellen Telepräsenz-Anwendung für Pepper-Roboter, die es Angehörigen ermöglicht, die Verbindung zu Patienten in Krankenhäusern trotz eingeschränkter Besuchsmöglichkeiten aufrechtzuerhalten, hat SoftBank Robotics einen signifikanten Beitrag 48 Showcases im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie geleistet. Mit Hilfe seiner Mikrofone und des Tablets ermöglicht es Pepper den Angehörigen, auch in diesem schwierigen Umfeld virtuell anwesend zu sein und in Kontakt bleiben zu können. (Quelle: Softbank Robotics Europe, LinkedIn) II.2 Touristik und Unterhaltung Das größte Kreuzfahrtunternehmen der Welt „Carnival Corporation & plc“ entschied sich Anfang 2016 für eine Partnerschaft mit Soft- Bank Robotics, um auf zwei seiner Schiffe den humanoiden Roboter Pepper einzusetzen. Angefangen mit zwei Testläufen auf der „Aida Prima“ und der „Costa Diadema“ sollte im Sommer 2016 die gesamte AIDA Flotte damit ausgestattet werden. Ziel des Roboter-Einsatzes war es, die Kreuzfahrtpassagiere zu unterhalten und ihr Erlebnis an Bord noch einzigartiger und unvergesslicher zu machen. Die Interaktion mit dem Roboter war durch Peppers Tablet sowie durch Sprachsteuerung in drei Sprachen möglich: Französisch, Englisch und Italienisch. Deutsch sollte ebenso folgen. An Bord selbst konnten die Gäste der „Costa Diadema“ die Roboter dann in fünf Bereichen des Schiffes treffen. Geworben wurde damit, dass Pepper neben der Beantwortung von Fragen, die direkt an ihn gerichtet werden, auch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und in eine Interaktion mit Menschen in seiner Nähe treten kann. In der Praxis erwies sich dies jedoch komplizierter und Menschen mussten zuerst eine Frage stellen, um eine Interaktion zu starten. Viele der Funktionen waren mit Unterhaltung verbunden, waren also typische Showcases: Pepper tanzt mit den Gästen, verwickelt sie in Spiele oder schlägt ihnen vor, Souvenirs selbst zu machen. Geplant war aber auch, dass Pepper die Passagiere dabei nicht nur zum Lächeln bringen, sondern auch nützliche Aufgaben erfüllen sollte, 49 Touristik und Unterhaltung wie z. B. die Bereitstellung von Informationen über das Schiff, die Reiseziele, und die Dienstleistungen an Bord (Restaurants, Bars, Ausflüge, Aktivitätsprogramm, Spa und Geschäfte). Auch das Einholen von Rückmeldungen über das Kreuzfahrterlebnis war Teil des Plans. Inwiefern Pepper wirklich einen Mehrwert schaffen konnte, bleibt offen, da Videos im Internet hauptsächlich auf den Unterhaltungsfaktor des Roboters abzielen und Berichte sowie Artikel nur über die Pilotstudie berichten. Außerdem sind keine Informationen darüber zu finden, ob Pepper über diese Testphase hinaus beschäftigt und seine Einsatzmöglichkeiten verbessert wurden. Umfragen zeigten auch, dass die Gäste bezüglich der Nutzung eines humanoiden Roboters auf Kreuzfahrtschiffen eher skeptisch waren. Dies zusammen mit der Aussage der auf dem Schiff für den Roboter verantwortlichen Person, dass ein Lieblingshobby von Pepper das Tanzen ist, unterstreicht den nahezu reinen Showcase-Einsatz auf solchen Kreuzfahrten. Abb. II.5: Pepper als Hingucker Pepper auf See Pepper fragt: „Was kann ich für Dich tun?“ „Tanzen ist eines seiner liebsten Hobbys“, sagt der Betreuer des Roboters, der sich an Bord um ihn kümmert. Zunächst schwingt Pepper nur leicht die Hüften, 50 Showcases später gehen die Hände nach oben und schließlich übt er sich auch noch im Luftgitarre spielen. (Quelle: INT9) Abb II.5: zeigt die typische Hingucker (Showcase)-Anwendung bei einer Kreuzfahrt: Die Selfie-Pose zum Fotografieren. II.3 Werbung in eigener Sache Ein anderer Ansatz der Roboternutzung wird beim „Recruitment“ verfolgt. Der weltweit agierende Chemie- und Pharma-Konzern BAYER wirbt seit Ende 2017 mit künstlicher Intelligenz und humanoiden Robotern in einem solchen Recruiting-Prozess. An Messeständen sollen Roboter neben einem Blickfang auch eine Entlastung für die menschlichen Partner darstellen, indem zeitfressende Routinen an sie abgegeben werden und somit Freiräume für Menschen geschaffen werden. Pepper ist mit der Microsoft Cloud Azure verbunden und soll potenzielle Job-Interessenten anziehen sowie Standardfragen über BAYER als Arbeitgeber beantworten. Zu diesen Fragen gehören unter anderem: Wer oder was ist BAYER, wie funktioniert das Traineeprogramm, wo kann ich mich bewerben oder wie läuft der Auswahlprozess ab? Der Einsatz der Roboter soll mehr Zeiträume für individuelle Beratungsgespräche mit dem menschlichen Standpersonal schaffen, was angesichts von 70 Karrieremessen und rund 24.000 individuellen Gesprächen mit durchschnittlich fast vier Minuten Länge bei zwölf Fragen entsprechendes Entlastungspotenzial birgt. Auch überbrückt es die Wartezeit bis ein menschlicher Mitarbeiter verfügbar ist, und möglicherweise sinkt die innerliche Hemmschwelle von Interessenten an einen Messestand heranzutreten und in Kontakt mit der Firma zu kommen. Da BAYER die ‚Intelligenz‘ und das ‚Wissen‘ von Pepper in der 51 Werbung in eigener Sache Microsoft Cloud Azure speichert, kann es nicht nur dem humanoiden Roboter, sondern jedem Touch Point mit (möglichen) Bewerben bereitgestellt werden. Ist man nicht an einem Messestand von BAYER, kann man sich beispielsweise über die BAYER Karriere-Webseite mit einem Chatbot unterhalten, der dasselbe Wissen besitzt wie Pepper. So weit zur Theorie! Über den tatsächlichen Mehrwert eines humanoiden Roboters im Recruiting-Prozess oder auch in diesem konkreten Fall bei BAYER ist wenig bekannt, da außer den anfänglich euphorischen, höchst medienwirksamen Reportagen zur Einführung keine weiteren Ergebnisberichte publiziert wurden. Abb. II.6: NAO und Pepper-Roboter bei BAYER Aus Sicht des Autoren-Teams, das bei der Cebit-Messe 2018 den Messestand BAYERs inklusive Roboter begutachtete, zielte die Inszenierung eher auf die Zurschaustellung ab als auf eine echte Partnerfunktion. Bei dieser Messe wurde der Roboter durch einen Menschen 52 Showcases betreut und auch ferngesteuert. Möglicherweise kann sich der Einsatz dieser Roboter für das Recruiting durch Weiterentwicklungen in den letzten Jahren verbessert haben. Allerdings ist Entsprechendes bisher nicht publiziert worden, sodass wohl auch hier das Motto im Vordergrund steht: „Werbung in eigener Sache – Wir sind digital auf der Höhe!“ Abb. II.6 zeigt die beiden NAO und Pepper-Roboter, mit denen der BAYER-Konzern für sich wirbt. II.4 Der Bereich Pflege Seit einigen Jahren erhofft man sich auch in der Pflegebranche eine erhöhte Aufmerksamkeit und damit eine verbesserte Möglichkeit, junge Mitarbeiter zu gewinnen. Pepper, so die Hoffnung, könnte daher ein Ansatz sein, den immer größer werdenden Mangel an Pflegekräften zu beheben. Wie auch in dem in Abschnitt II.3 gezeigten Beispiel dient Pepper somit als Botschafter, um zu zeigen, dass auch in der Pflege moderne Zeiten einziehen. Echte Anwendungen, die über eine reine Zurschaustellung hinausgehen, sind allerdings auch hier eher Mangelware. Über den „Recruitment“-Aspekt hinaus werden allerdings gerade Pepper-Roboter in der Pflege selbst eingesetzt, um für Abwechslung bei der Alltagsgestaltung der betagten und z. T. leider auch dementen Bewohner von Seniorenresidenzen und Pflegeheimen zu sorgen. Doch auch hier beschränkt sich der Einsatz humanoider Roboter zumeist auf Showcases (Tanzen, Singen etc.), wobei allerdings konstatiert werden muss, dass in diesem ganz speziellen Bereich gerade beim Umgang mit ‚eingeschränkten‘ Menschen (Demenz, Immobilität etc.) die Showcase-Anwendung durchaus für Mehrwerte sorgen kann. Der Neuheitseffekt, der bei der Einführung von Robotern in der Regel eine Rolle spielt, steht möglicherweise nicht mehr im Vor- 53 Der Bereich Pflege dergrund, da der Roboter schlicht als Spielpartner oder Entertainer betrachtet wird (siehe auch Abschnitt III.6). Abb. II.7: Pepper in der Pflege – tanzend Eine typische Anwendung mit Pepper in der Pflege „So, hier“, sagt die 87-Jährige. Dann erschallen die ersten Klänge von Freddy Quinns bekanntem Schlager „Junge, komm bald wieder“. Die Augen der älteren Dame fangen an zu leuchten und sie beginnt zu tanzen. Alle zwei Wochen unterhält Pepper-Roboter „Emma“ die Demenz-Wohngruppe der Diakonie Altholstein in Kiel. (aus „Roboter Emma rockt die Kieler Demenz-WG“, Westfälische Nachrichten, 17.5.2017) 54 Showcases II.5 Im Einzelhandel Auch im Einzelhandel gibt es zahlreiche Beispiele für die Nutzung humanoider Roboter. Ohne wirkliche Anwendungen werden humanoide Roboter – abermals auf den Neuheitseffekt bauend – zu Werbezwecken eingesetzt. Wiederum handelt es sich auch hier in den meisten Fällen um Pepper-Roboter. Unter dem Titel „Roboter Pepper tanzt für euch!“ wirbt z. B. die Möbelfirma „Sommerlad“ aus Gießen nicht etwa für den Roboter- Einsatz, sondern für sich selbst als Möbelkette. In der Videobeschreibung auf YouTube heißt es dazu: „Pepper hat ein paar Tänze für euch auf Lager. Schaut sie euch an in der Möbelstadt Sommerlad im Schiffenberger Tal in Gießen!“. Abb. II.8: Pepper im Einzelhandel – tanzend und verkleidet 55 Im Einzelhandel Auf ähnliche Weise wird auch bei der Firma EDEKA geworben. Mit einem Pepper-Roboter in unterschiedlichen Verkleidungen und dem Hinweis in entsprechenden YouTube-Videos „Es robotert in den Kulinarikwelten!“ wird der im Video tanzende Roboter als Showcase für die Warenhauskette verwendet, wiederum mit dem Ziel, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen und dabei die eigene, weltoffene Haltung zu untermauern. Abb. II.8 zeigt typische Verkleidungen von Pepper im Rahmen des Showcase-Einsatzes bei EDEKA. Not macht erfinderisch! Diese Aussage trifft geradezu perfekt auf eine, neuen, durchaus über den reinen Showcase hinausgehenden Einsatz von Pepper-Robotern zu. Man nutzt ihre unermüdliche Geduld beim Durchsagen von Nachrichten an die Kunden, um an deren gewünschte Verhaltensmuster zu erinnern, ein Einsatz-Szenario, das gerade vor der Corona-Krise im Frühjahr 2020 als sehr sinnvoll erachtet wurde. Pepper in anderer Funktion Update vom 28. März 2020, 19.40 Uhr: Im schwer vom dem Coronavirus betroffenen Bundesland Nordrhein-Westfalen hilft nun ein Roboter in einem Edeka-Markt in Lindlar den Kunden den Abstand an der Kasse einzuhalten und sich vor einer Infektion mit Sars-CoV–2 zu schützen. „Pepper“, so der Name des Roboters, ist eigentlich ein Pflegeroboter. Seit Mittwoch steht er im Kassenbereich der Filiale und wirbt unter anderem für Rücksichtnahme, Solidarität untereinander und rät von Hamsterkäufen ab. (Quelle: TZ, https://www.tz.de/welt/) II.6 Auf öffentlichen Plätzen Auch in den öffentlichen Bereichen von Flughäfen, werden seit einiger Zeit Roboter erprobt. Auf dem Münchener Flughafen sollte 2018 in ei- 56 Showcases ner mehrwöchigen Testphase ein Pepper-Roboter Reisende im nicht- öffentlichen Bereich des Terminals 2 begrüßen und u. a. auch Fragen zu Geschäften, Restaurants und zum Flugbetrieb beantworten. Die Hoffnung war, wie in den sozialen Netzwerken kolportiert: „Pepper schaut dem Fluggast in die Augen und liefert prompt die Antwort.“ Abb. II.9 zeigt ein typisches Szenario des Flughafeneinsatzes, aus dem allerdings nicht hervorgeht, ob die Funktionalität über die des einfachen Showcase hinausgeht. Bis heute hat sich der Wunsch, Roboter über die reine Showcase- Funktion hinaus auf Flughäfen und anderen öffentlichen Plätzen einzusetzen, nicht erfüllt. Mehr als die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, haben Roboter in derartigen öffentlichen Einsätzen bisher nicht umzusetzen vermocht. Abb. II.9: Pepper – Mehr als nur ein Showcase? Und so sind sie nach der anfänglichen Euphorie, die gerade in den öffentlichen Medien durch überbordende Begeisterung geschürt wurde, zumeist wieder aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. 57 Auf öffentlichen Plätzen II.7 Klerikale Showcases Anlässlich des Jubiläums der Reformation hat der Ingenieur Alexander Wiedekind-Klein 2017 einen ‚Segensroboter‘ in Zusammenarbeit mit Fabian Vogt entwickelt. „BlessU-2“ soll Menschen segnen und somit den Pfarrern den Arbeitsalltag erleichtern. Ursprünglich wurde der humanoide Roboter als Kunstprojekt für die Weltausstellung geschaffen, um eine Diskussion über die ethischen Grundlagen einer robotischen Beschäftigung im Kreis der Religion anzuregen. Der Roboter, der seit 2017 in verschiedenen deutschen Städten ‚gesegnet‘ hat, lässt sich von zu Segnenden wie ein Bankautomat bedienen. Zuerst kann die Sprache ausgewählt werden, danach wird die Art des Segens ausgesucht, z. B. eine Ermutigung, ein Segen zur Begleitung oder auch ein mahnender Segen, sowie, ob der Segen mit einer männlichen oder einer weiblichen Stimme vorgetragen werden soll. Nach Auswahl des Segens hebt BlessU-2 seine Arme. Anschlie- ßend leuchten LEDs auf den Handflächen auf und symbolisieren so das auf die Person fallende Licht Gottes. Abb. II.10 zeigt diesen Zustand des Roboters während einer Segnung. Abb. II.10: BlessU-2 während einer Segnung Während der bereits vorprogrammierte Segen gesprochen wird, bewegt der Roboter sowohl seine Augen als auch die Augenbrauen. Nach Beendigung des Segens senkt er seine Arme und bietet an, den gesprochenen Segen im Format einer Quittung auszudrucken. 58 Showcases In der evangelischen Gemeinde stößt BlessU-2 auf zumeist kritische Reaktionen. Viele Kirchgänger bemängeln die fehlende Menschlichkeit und weisen darauf hin, dass der Roboter kein Herz habe und das Christentum nicht verstehen könne. Dem entgegnen Befürworter, er würde über mehr biblische Zitate verfügen als die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer. II.8 Sinn und Nutzen von Roboter-Showcases Ob im Rahmen von Vorträgen, auf öffentlichen Plätzen, in der Kirche oder im Einzelhandel – die diversen Roboter-Projekte sind Vieles schuldig geblieben. Mehr als Showcases, im Rahmen derer die Roboter tanzen oder Späße machen, sind bis heute kaum zu verzeichnen. Die in den Jahren 2015 bis 2018 angekündigten Untersuchungen und Projekte zu den genannten Einsatzszenarien lassen nahezu jeden Impakt vermissen, sie sind schlicht nicht mehr auffindbar. Und auch die vielen Showcases haben längst an Attraktivität verloren. Der Grund liegt auf der Hand: Durch die vielen Medienberichte (allein über die Roboter-Projekte des Autoren wurde seit 2018 weit mehr als 100 Mal berichtet) hat das Thema Robotik seinen Neuigkeitswert eingebüßt. Wollte z. B. 2017 noch jeder Student in den Kursen von Prof. Handke zusammen mit einem seiner Roboter auf einem Foto erscheinen, ist dieser Wunsch heute nicht mehr feststellbar. Die Roboter sind – zumindest in der digitalen Lehre, so wie sie seit vielen Jahren an der Philipps-Universität durchgeführt wurde, Normalität geworden. Mit einem Robotertänzchen lässt sich keine studentische Begeisterung mehr erzeugen. Macht die Zurschaustellung daher überhaupt noch Sinn? Sollte man – etwas ketzerisch ausgedrückt – nicht auf die hohen Anschaffungskosten für einen oder mehrere humanoide Roboter verzichten und statt dessen einen preisgünstigen Pappkameraden oder einen verklei- 59 Sinn und Nutzen von Roboter-Showcases deten Menschen mit einem überschaubaren Stundenlohn für die gleiche Tätig einsetzen? Ist es wirklich den Preis eines Roboters wert, um die eigene digitale Kompetenz nachzuweisen? In den meisten Fällen muss diese Frage verneint werden. Nach nur wenigen medienwirksamen Effekten, lässt das öffentliche Interesse wohl zu schnell nach, um einen sinnvollen Kosten-Nutzen-Effekt zu erzielen. In manchen Fällen hat die Showcase-Nutzung humanoider Roboter allerdings spezielle Gründe. So war der ursprüngliche Grund für den Einsatz des Roboters BlessU-2 der Wunsch der evangelischen Kirche nach einer ethischen Diskussion über den Einsatz von Robotern im Alltag. Kann eine Maschine für die Segnung eingesetzt werden oder nicht? Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig. So legen manche Gläubige Wert darauf, den Segen von einer dazu autorisierten Person erteilt zu bekommen, anderen reicht möglicherweise das reine Hören einer Segnung. Generell konnte aber gezeigt werden, dass die meisten Menschen dem Konzept einer maschinellen Segnung eher kritisch gegenüberstehen. Dennoch wird immer wieder Werbung mit den angeblich großen Fähigkeiten humanoider Roboter gemacht. II.9 Ausblick und Lektüreempfehlungen Ziel der folgenden Kapitel ist es, über die reine Zurschaustellung hinausgehende Anwendungen für humanoide Roboter vorzustellen und bezüglich ihrer Mehrwerte einzuschätzen. Dabei stehen zwei Roboter im Vordergrund: NAO und Pepper von der Firma SoftBank Robotics. Wie bereits in den Abschnitten I.2.1 und I.3.1.1 ausgeführt, ist NAO auf Grund seiner Größe geradezu prädestiniert, um einerseits in Laborsettings als Untersuchungsobjekt für die Mensch-Roboter- Interaktion herzuhalten, andererseits die Rolle eines Werkzeuges zum Kennenlernen der Roboterentwicklung einzunehmen. 60 Showcases Pepper dagegen eignet sich bestens als Partner: Er ist mit seinen 120 cm Größe mit sitzenden Menschen auf Augenhöhe. Zu stehenden menschlichen Gesprächspartnern dagegen muss er in der Regel aufschauen. Dadurch entsteht eine Mensch-Roboter-Beziehung, in der der Mensch in jedem Fall die Oberhand behält. Pepper ist daher seit einigen Jahren der erste markttaugliche humanoide Roboter, der als Gefährte oder Partner in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann. Das folgende Kapitel stellt einige dieser Bereiche vor. Lektüreempfehlungen Der Spiegel. 2015. Und er heißt Pepper. https://bit.ly/3bqhdvJ Diercks, Jo. 2017. BAYER setzt (humanoide) Recruiting-Roboter ein! Weltpremiere auf dem Absolventenkongress. Was geht da ab? https:// bit.ly/2WLZefd Zehender, Michael. 2017. Wenn sich Roboter um die Passagiere kümmern. https://bit.ly/2UmvSCm Fragen zur Vertiefung: Was sind die Vor- und Nachtteile der Nutzung von humanoiden Robotern als Showcases? Welche Einsatzszenarien für humanoide Roboter sind in Zeiten, in denen strikte „Social Distancing“ Regeln gelten, denkbar? Was verbindet die derzeitigen humanoiden Roboter mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“? 61 Ausblick und Lektüreempfehlungen

Chapter Preview

References

Abstract

Humanoid robots are spreading into more and more areas of daily life. But what tasks do they perform and how can they provide us with useful support, especially in educational contexts?

In his introductory book, the German digital pioneer, Prof. Dr. Jürgen Handke, manager of the two well-known robot projects H.E.A.R.T. and RoboPraX, shows how humanoid robots can be used in an increasingly digital world: as simple showcases, as partners in various areas of life, especially in education, or as tools for acquiring and consolidating digital skills. Beyond these applications, the book provides an overview of humanoid robots and a discussion of the challenges of using them in the context of everyday life.

Zusammenfassung

Humanoide Roboter verbreiten sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Doch welche Funktionen übernehmen sie dabei im Einzelnen? Was können sie für uns leisten und wie können sie speziell das Lehren und Lernen in einer digitalen Welt sinnvoll unterstützen?

Der deutsche Digital-Pionier Prof. Dr. Jürgen Handke, Leiter der Projekte H.E.A.R.T. und RoboPraX, zeigt in seinem einführenden Buch, wie humanoide Roboter gewinnbringend eingesetzt werden können, und diskutiert die verschiedenen Möglichkeiten der Nutzung durch uns Menschen: von einfachen Showcase-Anwendungen über den Einsatz als Partner in verschiedenen Lebensbereichen, speziell in der Bildung, bis hin zur Nutzung als Werkzeug zur Erlangung und Festigung digitaler Kompetenzen.