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Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Bernard Bernarding Und Anna seufzte zum Himmel empor Bernard Bernarding Und Anna seufzte zum Himmel empor Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist Streitschrift über die christliche Religion Tectum Verlag Bernard Bernarding Und Anna seufzte zum Himmel empor. Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist. Streitschrift über die christliche Religion © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 E-PDF: 978-3-8288-7133-5 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4235-9 im Tectum Verlag erschienen.) Die Abbildungen in diesem Buch stammen von der Agentur iStock/Getty Images (19), von dem Künstler Julius Schnorr von Caroldsfeld (2, Quelle: hansgruener.de), von einem unbekannten holländischen Meister aus dem 18./19. Jahrhundert (1, Quelle: Aukt. Stahl, HH) sowie privat (1). Das Titelbild zeigt ein Motiv des italienischen Renaissance-Malers Domenichino (1581–1641) (Copyright AKG), das die seufzende Maria Magdalena darstellen soll. Da sämtliche Abbildungen der biblischen Figuren auf der Phantasie der jeweiligen Künstler beruhen, steht dieses Gemälde (Ausschnitt) hier sinnbildlich für alle Frauen, ob sie Eva oder Maria, Cäcilia oder Sarah heißen, die zum Himmel flehen – weil sie Gottes Handeln nicht verstehen oder Hilfe von ihm erwarten. Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Immanuel Kant Technischer Hinweis: Im Interesse besserer Lesbarkeit hat der Autor auf akademische Fußnoten und Querverweise verzichtet. Fremdwörter werden nur bei wirklichem Bedarf benutzt, theologische Fachbegriffe am Ende der Kapitel im Glossar erläutert. Alle Bibel-Zitate in diesem Buch stammen aus der Stuttgarter Erklärbibel (2016) und aus Die gute Nachricht (1994) der Bibelgesellschaften und Bibelwerke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Weitere Basis-Quellen waren: www.vatican.com www.welt-der-bibel.de www.unifr.ch/bkv/ Inhaltsverzeichnis Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 1 13 Als die Menschen Gott erfanden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 2 21 Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 3: 33 Wie kam das Böse in die Welt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 4 45 Das Versagen des Allmächtigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 5 53 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 6 59 Jesus von Nazareth, König der Juden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 7 87 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 8 111 Der Herr und das Weib. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 9 123 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 10 137 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher . . . . . . . . . .Kapitel 11 145 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 12 157 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 13 171 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 14 187 Religion als Quelle der Gewalt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 15 197 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Kapitel 16 219 Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 VII Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Mein DANK geht an Frau Prof. Dr. Lucia Scherzberg (Universität Saarbrücken) für zahlreiche Streitgespräche und ihre – für mich konstruktiven – kritischen Einwände. Prolog „Suchet, und Ihr werdet finden; klopfet an, und es wird Euch aufgetan!“ (Mt 7,7 und Lk 11,9) „Wo läufst du denn hin? Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden!“ (aus dem Gilgamesch-Epos) Es war einmal ein großer gewaltiger Gott von unendlicher Weisheit, Güte und Allmacht. Er lebte ohne Anfang, also seit jeher, mutterseelenallein irgendwo in den unendlichen Weiten des Firmaments. Ob er sich dabei einsam fühlte, wissen wir nicht, auch haben wir nicht den Schimmer einer Ahnung, was er eine Ewigkeit lang getan hat. Wir wissen auch nicht, ob Gott sich überhaupt mit etwas „beschäftigen“ muss, oder ob er einfach wie ein Buddha regungslos verharrt. Was wir wissen – wenn stimmt, was die christliche Bibel sagt – ist die Existenz engelhafter Wesen, die sich Gott irgendwann geschaffen hat. Was diese Engel wiederum „den ganzen Tag" lang machten, ist uns ebenfalls unbekannt. Nur ein Prophet namens Jesaja wusste es, er durfte mal einen kurzen Blick ins Allerheiligste werfen, wie er uns in seinem gleichnamigen Buch, Kapitel 6, erzählt: Demnach priesen die Engel den Herrn ohne Unterlass und riefen verzückt: "Heilig, heilig, heilig!" Ob Gott sich darüber gefreut hat oder ob es ihm irgendwann langweilig wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Nur soviel scheint klar: der allmächtige Herr, der solange alleine war, hatte offenbar Gefallen gefunden an „lebendigen“ Wesen, an „Gesellschaft“ oder wie immer man es nennen mag. Deshalb schuf er noch einen gewaltigen Kosmos und eine Welt mit Menschen nach seinem Ebenbild, die er auf dem Planeten Erde platzierte. Diese märchenhafte Erzählung ist der Grundtenor der Schöpfungsgeschichte(n), wie sie die monotheistischen Religionen überliefert haben. Sie ist gewiss schon fantastisch genug, doch was nach jüdisch-christlicher Lesart dann geschah, im Paradies und auf der Erde, 1 sprengt die menschliche Vorstellungskraft vollends: Gott schuf seine Wesen zwar so, wie er sie haben wollte – doch die neuen Menschen taten dem Vernehmen nach, was sie wollten! Sie widersetzten sich dem göttlichen Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, sie zeugten sogar Babys mit den Engeln des Herrn (!), so steht es tatsächlich in der Bibel geschrieben (1. Mos 6). Wer an dem grandiosen Dilemma schuld war, lässt sich nicht mehr feststellen, jedenfalls hatte der Allmächtige schon bald genug von seinen undankbaren Geschöpfen – und beschloss kurzerhand, „alles Leben auf Erden“ wieder zu vernichten. Auch das ist in der Heiligen Schrift nachzulesen (1. Mos 6,7). Aber die furchtbare Sintflut war erst der Anfang eines nicht enden wollenden Dramas, denn Gott hatte eine einzige Familie – sie trug den Namen Noah – von der ultimativen Bestrafung ausgenommen. Deren Nachkommen waren jedoch ebenfalls „durch und durch schlecht“ (O-Ton Gott), und so ging das ganze Theater von vorne los: Die Menschen sündigten ohne Unterlass, selbst Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrah brachten sie nicht zur Räson. Bis der Allmächtige schließlich zur ultima ratio griff und seinen eigenen Sohn auf die Erde schickte, der dort – am Kreuze sterben sollte. In seiner großen Güte hatte Gott, um die sündigen Geschöpfe „von ihrer großen Schuld zu erlösen“, tatsächlich ein Menschenopfer dargebracht! Wer jetzt glaubt, bei dieser Schilderung handele es sich um eine nicht ganz ernst zu nehmende Volkserzählung aus längst verflossener Zeit, der hat natürlich Recht – und irrt trotzdem gewaltig! Denn dieses altorientalische Märchen ist zwar erkennbar von Mythen, Sagen und Legenden durchwoben – was die christlichen Kirchen aber nicht daran hindert, in heiligem Eifer darauf zu beharren, bei der Schöpfungsgeschichte (Genesis) handele es sich absolut ernsthaft um „Gottes wahres Wort“. Und zwar „irrtumsfrei“, wie es im Katechismus heißt, der die Glaubenslehre der Christen verbindlich beschreibt. Und so glauben es denn auch die etwa 2,5 Milliarden Christen (Quelle: Pew Research) in aller Welt. Wenn sie es glauben.. Derzeit leben rund 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Laut „monogenistischer Lehre“ der Kirche allesamt Nachkommen von Adam und Eva. Jeder einzelne von ihnen hat Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen, jeder hat Sorgen, Ängste und Kummer. Und, ganz wichtig: Jeder Mensch auf dieser Erde glaubt an etwas. Mindestens Prolog 2 fünf Milliarden glauben an (einen) Gott, der Rest entweder an eine nicht definierbare Macht oder an den Zufall. Auch die Atheisten glauben etwas, nämlich dass es keinen Gott gibt. Zudem glaubt der Mensch, dass er einzigartig sei. Das stimmt sogar, zumindest hinsichtlich seiner individuellen genetischen Veranlagung. Tatsächlich ist der Mensch aber bloß Abkömmling der Hominiden und ein winziges Teilchen im riesigen Biosystem Erde. Und diese ist wiederum nur ein winziges Teilchen im astronomischen System Kosmos. Etwa so bedeutend wie eine einzelne Ameise im brasilianischen Urwald. Natürlich ist der Mensch, „die Krone der Schöpfung“, nicht mit einer gemeinen Ameise zu vergleichen. Nach allem, was wir wissen, ist er auf Erden das einzige Lebewesen, das sich seiner selbst bewusst ist und Dinge nicht nur intuitiv erfassen kann. Der Mensch hat nämlich, im Gegensatz zu den Tieren, einen Verstand. Den konnte er dazu nutzen, sich „die Erde untertan“ zu machen, so wie der Gott der Bibel ja ausdrücklich gefordert hat. Beim Glauben an eben jenen Gott soll der Verstand dann allerdings zurückstehen, meint die „Heilige Mutter Kirche“ der Christen. Denn wichtiger als dieser ach so menschliche, zum Irrtum neigende Verstand sei das Geheimnis des Glaubens. Das ist der Punkt: Das Geheimnis des Glaubens. Dieses Geheimnis ist ebenso paradox wie universell. Überall auf dem Globus glauben die Menschen seit ihrer Bewusstseinswerdung an höhere Wesen, an Geister und göttliche Gestalten. Sie bauen ihnen unfassbar prächtige Tempel und Kathedralen, sie beten Steine an und Kruzifixe, seufzen zum Himmel empor und knien nieder, feiern Gottesdienste und pilgern zu Gedenkstätten, opfern Geld, Zeit und die Gesundheit, schneiden sich die Haare ab oder die Vorhaut, fasten und geißeln sich, singen und tanzen auf Prozessionen, manchmal bis zur Trance. Warum tun die Menschen das? Und warum tun die Kirchen so, als seien selbst albernste Zeremonien vollkommen in Ordnung, wenn sie nur der Ehre Gottes dienen? Warum setzen die christlichen Kirchen (und der Islam) das „Geheimnis des Glaubens“ als Generalwaffe gegen Zweifler ein und beharren auf der furchtbaren Drohung: Wer nicht glaubt, der wird verdammt? Wäre es nicht langsam Zeit, die Erkenntnisse moderner Theologie in die Praxis umzusetzen und die alten Erzählungen und Erdichtungen der Propheten als das zu verstehen, was sie viel eher sind als „Gottes Wort“, nämlich „der Versuch einer Welter- Prolog 3 klärung in antiker Zeit“ (die Theologin Prof. Dr. Lucia Scherzberg, Universität Saarbrücken). Vor allem aber: Müssten die Kirchen nicht endlich dazu übergehen, den zornigen, eifersüchtigen und gewalttätigen Gott des Alten Testaments ins Museum zu schicken? Davon handelt dieses Buch. Es will dem globalen Phänomen auf die Spur kommen, warum die Menschen noch heute zu Gott oder Göttern beten, die vor grauer Vorzeit erfunden worden sind. Erfunden von frühen Vorfahren, die noch keinen Schimmer von Naturwissenschaften hatten und glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Das Buch will der Frage nachgehen, warum sich ausgerechnet der ägyptisch-jüdische Wettergott Jahwe – im Gegensatz zu seinen mythischen Kollegen El, Baal, Re, Orisis, Zarathustra, Marduk, Zeus, Jupiter etc. bis in die heutige High-Tech-Zeit hinein „lebendig“ erhalten konnte. Und warum die Schüler der westlichen Hemisphäre noch immer die alten biblischen Geschichten von Adam und Eva, Kain und Abel lernen müssen – aber nicht explizit als Mythen und Märchen, sondern oft als quasi-reale, göttlich inspirierte Wahrheiten. Noch heute meint nahezu jeder fünfte Europäer, der Mensch sei durch einen Schöpfungsakt Gottes entstanden, in den USA glaubt dies fast die Hälfte der Bevölkerung! (siehe dazu auch: Institute for Creation Research, USA oder Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Deutschland). Die Menschheit hat im Laufe der Zeit außerordentlich viele Religionen hervorgebracht, Wissenschaftler schätzen ihre Zahl auf über 9000. Im Atlas der Weltreligionen (Oxford University Press Inc. New York/Calmann & King Ltd, deutsch: Könemann Verlagsgesellschaft, Köln) und im Internet (www.atla.com u.v.a.) sind die wichtigsten davon aufgeführt und erklärt. Götter gab es aber noch viel mehr, vor allem in der Antike: Die alten Griechen und Ägypter haben gleich mehrere hundert Götter verehrt, auch die Germanen hatten die Qual der Wahl, zu wem sie denn nun beten sollten. Im Hinduismus lassen sich noch heute zigtausend Götter verherrlichen, während der Buddhismus ganz ohne Gott auskommt. Wir wollen uns in diesem Buch aber auf die jüdisch-christliche Tradition konzentrieren, weil sie unseren Kontinent Europa und unsere kulturelle Verwandtschaft in Amerika am stärksten geprägt hat. Und diese Religion ist, wie auch das Judentum und der Islam, abrahamitisch und monotheistisch: Es gibt nur einen Gott. Und der Urvater heißt Abraham. Prolog 4 Der Gott des Alten Testaments verhält sich allerdings, und diese Erkenntnis bleibt nicht ohne Irritation, außerordentlich merkwürdig. Ein Gott, der in heiligem Zorn seine eigene Schöpfung ersäuft, ständig als unerbittlicher Kriegsgott auftritt und dabei zur Vernichtung ganzer Stämme aufruft. Der mit seinem Geschöpf Abraham einen exklusiven „Bund“ schließt, Frauen gern zappeln lässt, bis sie endlich Kinder kriegen, und der schließlich einem kleinen Volk im Nahen Osten (das zu dieser Zeit noch gar nicht existiert!), einen privilegierten Sonderstatus verpasst und das Land Kanaan „verspricht“ – wobei die dort lebenden Menschen erst noch getötet oder vertrieben werden müssen… Wirklich verblüffend war und ist in diesem Kontext aber die eingangs erwähnte christliche Kernbotschaft, wonach sich der allmächtige Gott nicht mehr anders zu helfen wusste, als seinen eigenen „Sohn“ (von dessen Präexistenz vorher niemand etwas wusste) auf die Erde zu schicken, um dort ans Kreuz genagelt zu werden. Dieser Christus (Messias = „der Gesalbte“) war übrigens kein Christ, sondern Jude. Das, woran Jesus selbst glaubte (nämlich an seinen „Vater“, den Gott der Juden), gilt zwar bis heute als gültiges Wort Gottes – aber nur im Judentum! Das Christentum hat seit seiner Gründung durch den Apostel Paulus eine eigene Glaubenslehre. Da man nun aber schlecht die Ansicht vertreten kann, ausgerechnet Jesus von Nazareth habe sich womöglich in der Religion geirrt, müsste das Judentum eigentlich das wahre Christentum sein. Tatsächlich aber sind es zwei verschiedene Religionen, die zwar ein gemeinsames Erbe haben, sich aber viele Jahrhunderte hinweg feindlich gesinnt waren (die ersten Juden-Pogrome gingen von Christen aus!). Die Juden akzeptieren Jesus nicht als Gottes Sohn, sie glauben weder an den Erlösertod des Nazareners noch an seine Auferstehung. Dafür glauben sie, genau wie christliche Kreationisten, an jeden einzelnen Buchstaben im Alten Testament. Ein Testament, das vor Blut, Terror, Krieg, Intrigen, Schändungen und merkwürdigen Wundern nur so strotzt. Der Autor des vorliegenden Buches hat keine Ahnung, ob dieser Gott tatsächlich existiert, woher sollte er es auch wissen? Er kann allenfalls glauben, was ihm seine Lehrer und Erzieher im wahrsten Sinne des Wortes „vorgebetet“ haben – so wie Lehrer und Erzieher in allen Kulturen den Kindern etwas (anderes!) vorbeten. Im Judentum und dem Islam müssen oft schon Kleinkinder die Heiligen Schriften aus- Prolog 5 wendig lernen („Du sollst es deinen Kindern einschärfen!“, 5. Mos 6,7). Auch meine eigene sehr fromme Mutter hat mir bereits als Baby die Händchen gefaltet, mir vom „gütigen Vater im Himmel“ erzählt und dabei Gebete gemurmelt. Ich durfte schon als siebenjähriger Bub Messdiener werden und später meine gymnasiale Schulbildung in einem klösterlichen Internat bei den „Steyler Missionaren“ genießen. Trotz dieser tiefreligiösen Erziehung musste ich eines Tages aber verblüfft feststellen, dass mir „das Geheimnis des Glaubens" zunehmend entglitt. Persönlich hatte ich gar nicht viel dazu beigetragen, aber irgendwann begann die biblische Botschaft, sich selbst zu entzaubern. Vielleicht auch deshalb, weil bei der Lektüre des Alten Testaments die von Gott gegebene Vernunft in scharfe Opposition zum Glauben geriet. Denn die Bibel verherrlicht (göttliche) Gewalt in einem völlig inakzeptablen Maße (siehe Kapitel 3, 4, 5 und 15). Unterstützt wurde mein religiöser Ablösungsprozess von Texten großer Denker wie Marcion, Celsus, Julian von Aeclanum, David Hume, Immanuel Kant, Bertrand Russell und vielen anderen. Auch deren faszinierende Gedankenkraft hat mich dazu ermutigt, bei der Reflexion über Gott wie das Kind in dem Andersen-Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ scheinbar naive Fragen zu stellen: – Warum hat „der liebe Gott“ die Menschen eigentlich nicht so geschaffen, wie er sie gern haben wollte? – Warum hat der Allmächtige zugelassen, dass diese Welt so schlecht wurde, dass er sie selbst per Sintflut wieder vernichten musste? – Wieso hat ein Gott es nötig, seinen eigenen „Sohn“ zu opfern? – Wie funktioniert das Erlöser-Prinzip: Die Sünden der Menschen sind einfach weg, weil Jesus am Kreuz gestorben ist? – Warum lässt der Allmächtige den Teufel sein Unwesen treiben – und geht sogar einen Pakt mit ihm ein (Buch Noah)? – Warum dürfen die „Ebenbilder Gottes“ im kosmischen Maßstab nur für einen Wimpernschlag auf der Erde verweilen, während sie aber „ewig“ für ihre Sünden büßen sollen? Von solchen Fragen handelt diese Streitschrift. Das Buch will auf das Angst einflößende Gottesbild hinweisen, das im Alten Testament vermittelt wird, und Fragen nachgehen, die im Religionsunterricht oft nur peripher behandelt werden. Vor allem aber will es die Bibel ernst nehmen, wie es einem „Wort Gottes“ gebührt, und die Heilige Schrift auf Prolog 6 eine natürliche Weise hinterfragen, im Literalsinn (wörtlich/sinngemäß) und mit der lutherischen Methode sola scriptura (allein durch die Schrift). Ausdrücklich will es sich dabei nicht der Sichtweise der Kirchen und ihrer akademischen Exegeten bedienen, sondern der Sichtweise eines normalen Gläubigen, der gelegentlich oder regelmä- ßig betet, sonntags in die Kirche geht, „den Bund fürs Leben“ vor einem Geistlichen schließt und seine Kinder „im Namen Gottes“ taufen lässt. Die biblische Betrachtung aus professioneller Perspektive soll den Theologen, Alttestamentlern, Historikern, Bibelwissenschaftlern und Philosophen überlassen bleiben. Diese sollen ruhig weiter über Arianismus, Deuteropaulinen oder die Transsubstantiationslehre sinnieren, oder jenseits der Lebenswirklichkeit der Menschen die Bibliotheken vollschreiben über pantheistische, animistische, etymologische, anthropologische, soteriologische und eschatologische Fragen. Selbstverständlich maße ich mir nicht an, die Forschungen und Erkenntnisse der Wissenschaftler in Frage zu stellen. Auch bestreite ich weder die Bedeutung der Bibel als spirituelle Basis unserer christlich-abendländischen Kultur, noch leugne ich historisch belegbare Fakten und Mythen, die zur Identitätsfindung eines Volkes beigetragen haben. Ganz energisch bestreite ich aber die Behauptung christlicher Apologeten, Gott habe sein Wort bewusst verklausuliert, und nur (ordinierte) Theologen seien befugt und in der Lage, es richtig auszulegen. Mit Verlaub, das ist Humbug! Warum sollte ein allmächtiger Gott seine „frohe Botschaft“ an die eigenen Geschöpfe in verquaster Sprache und in kryptischen Formeln verkünden? Weshalb sollte er zu den Propheten in rätselhaften Allegorien gesprochen haben? Nein, es waren interessierte Kreise, Priester und Schriftgelehrte, die diese biblischen Texte in einem jahrhundertelangen Reflexions- und Redaktionsprozess kompiliert und komponiert haben. Phantasievolle Geister, die vorgingen wie Bäcker beim Brotbacken: Sie vermengten die Zutaten (Überlieferungen, Sagen, Legenden und historische Fakten) zu einem leckeren Teig, und schufen daraus geistige Nahrung für das Volk. Die Heilige Schrift, das bestreitet heute kein seriöser Wissenschaftler mehr, ist Menschenwerk! In ihrer Not hat die Kirche deshalb die Losung Gotteswort in Menschenwort erfunden, womit sie sagen will, Gott habe durch (auserwählte) Menschen gesprochen, die vom „Heiligen Geist“ inspiriert worden seien. Die eigentliche Botschaft, so der Vatikan als oberste Prolog 7 Instanz der katholischen Christen, sei und bleibe gleichwohl göttlich. Diese Überzeugung haben alle Christen, auch jene, die dem römischen Weg nicht gefolgt sind. Nun, die Leserinnen und Leser können und sollen sich selbst ein Bild machen. Auch mein Buch beginnt mit der Schöpfungsgeschichte, aber mit einer realitätsnahen Version der Schöpfungsgeschichte. Sie wurde nicht von antiken Propheten und hebräischen Priestern mit Babylon-Syndrom geschrieben, sondern von exzellenten Naturwissenschaftlern. In Kapitel 2 folgt eine kurze Geschichte der Erfindung der Götter (durch die Menschen), danach eine kritische Analyse der Genesis und ihrer Hauptdarsteller. Die Kapitel 3 – 6 sind bewusst „naiv“ und provokativ gehalten, weil sie sich nicht dem Diktum christlicher Bibelkommissionen nach einem allegorischen Verständnis der Heiligen Schriften beugen, sondern Abrahams Odyssee ins gelobte Land, Moses wundersame Erlebnisse in der Wüste und Davids angebliche Heldentaten so rezipieren, wie sie tatsächlich geschrieben stehen. Die offizielle Formel der Kirchen und vieler Theologen, wonach das alles nicht so gemeint sei – Sündenfall, Sintflut, Sodom & Gomorrah, Isaaks Opferung, Auszug aus Ägypten, „Landnahme“ von Kanaan – erfährt deshalb keine Berücksichtigung, weil auch die paulinische Christologie und die patristische Glaubenslehre ausdrücklich auf den wörtlichen Sinn der Bibel Bezug nehmen. In manchen Kapiteln kommen auch Apokryphen (alte Schriften, die es nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben) zur Sprache. Das ist wichtig, weil diese Texte, die sich bei den frühen Christen großer Beliebtheit erfreuten, enorm zum Verständnis des Christentums beitragen. Den Mittelteil des Buches prägen kompakte Porträts der wichtigsten biblischen Figuren, von Abraham über Moses, David, zu Jesus und Maria sowie Paulus (und natürlich des umstrittenen Kirchenlehrers Augustinus!) – aber nicht im schwärmerischen Duktus der Theologen, sondern im Ton respektvoll-kritischer Distanz. Es folgen durchaus ungewöhnliche Betrachtungen über das Phänomen der „Offenbarung“, über die umstrittene Gerechtigkeit Gottes (Theodizee) sowie über die bigotte Lustfeindlichkeit des Christentums. Den Abschluss bildet ein (versöhnliches) Resumée, warum die Religion trotz aller Fehler und Fragwürdigkeiten ein essentieller Bestandteil des Lebens, der Politik, Prolog 8 der Gesellschaft und der Kultur (geworden) ist und wohl auch bleiben wird. Noch ein Wort zur Methodik: Im Nachklang der Aufklärung haben auch die Kirchen in einem mühevollen Lernprozess erkennen müssen, dass die biblischen Geschichten mit den Erkenntnissen der modernen Physik und Biologie nicht kompatibel sind. Der Vatikan hat darauf mit langatmigen Enzykliken reagiert, die Theologie mit der historisch-kritischen Exegese. Zur wirklichen Erhellung strittiger Punkte haben diese Prozesse aber nicht geführt, denn die Kernprobleme der (christlichen) Religion werden bis heute verdrängt. Diese Unwahrhaftigkeit der Kirche ist in einem gewissen Maße sogar nachvollziehbar, denn eine Preisgabe theologischer Grundpfeiler im Glaubensgebäude birgt natürlich die Gefahr des Zusammenbruchs. Deshalb beantwortet die Kirche (das Lehramt) auch bis heute nicht unmissverständlich die Frage, ob Adam und Eva nun historische oder mythologische Figuren sind. Stattdessen behauptet sie unverdrossen, der Sündenfall sei ein „Urereignis, das zu Beginn der Schöpfung stattgefunden hat“. Tja, ohne Sündenfall wäre tatsächlich die gesamte Erbsündenlehre gegenstandslos, und ohne die Erbsünde wiederum ließe sich der Erlösungsgedanke nicht sinnvoll erklären. Das gibt die Kirche sogar offen zu, und zwar im (römischen) Katechismus unter Punkt 389: „Die Kirche.. ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“. Als Autor dieses Buches bin ich mir, wie schon angedeutet, der elementaren Bedeutung des Glaubens für Mensch und Gesellschaft voll bewusst. Ich teile mit Milliarden Gläubigen in aller Welt die Ansicht, dass der (mystische) Glaube an übernatürliche Kräfte, an eine höhere Instanz, an den Schöpfergott, ganz offenbar ein unstillbares, elementares Bedürfnis des Menschen ist. Ich weiß zudem, dass der Glaube an eine göttliche Autorität und an eine himmlische Ordnung in zahlreichen Lebenssituationen Trost, Orientierung, Hilfe und Halt spenden kann. Und mir ist klar, dass die monotheistisch-abrahamitischen Religionen durch ihren immensen Beitrag zur kulturellen Entwicklung der Menschheit (Architektur! Musik! Philosophie!) eine unanfechtbare, irreversible Legitimität erworben haben. Das kann und darf aber nicht heißen, dass die Kirchen auch noch im 21. Jahrhundert nach Christus von (gut-)gläubigen Menschenkin- Prolog 9 dern unter indirekter Strafandrohung verlangen können, die biblischen Mythen, Märchen und Ungereimtheiten wie im Mittelalter gottergeben hinzunehmen. Mythen, die aus einer Zeit stammen, in der es noch keine allgemeine Bildung und keine Medien gab, keine Wissenschaft und keine urbane Gesellschaft, sondern eher primitive Nomaden, Sippen und Stämme, in denen die Hirten, Bauern und Mägde bei jedem Gewitter noch glaubten, nun zürnten die Götter im Himmel. Deshalb: In einer aufgeklärten Welt kann und darf Religionskritik nicht sakrosankt sein. Im Gegenteil, sie ist wichtiger denn je. Noch heute drohen in mindestens 43 Ländern der Erde Haftstrafen, wenn es jemand wagt, die (jeweils vorherrschende) Religion in Frage zu stellen (Report 2016 des Internationalen Humanistenverbandes IHEU). Glaubensfreiheit? In einem Dutzend Länder wird der „Abfall vom Glauben“ heute noch mit dem Tode bestraft! In manchen islamischen Staaten werden religiöse Minderheiten nach wie vor von Fanatikern verfolgt und diskriminiert oder gar mit Bomben in die Luft gesprengt. Und gerade weil die Religionen, alle Religionen, auch unendlich viel Leid verursacht haben, Anlass für Kriege und Kreuzzüge waren, über Jahrtausende hinweg Abermillionen Menschen körperlich und seelisch in grausamer Weise drangsaliert, malträtiert und massakriert haben, ist und bleibt es die moralische Verpflichtung eines jeden aufgeklärten Bürgers, kultische Handlungen und religiöse Zeremonien und Überzeugungen zwar zu akzeptieren und zu respektieren; sie aber auch jederzeit – grundsätzlich und kritisch – zu hinterfragen. Dazu will dieses Buch einen Beitrag leisten. Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Wenn jemand aus der Leserschaft glaubt, die kritisch-naive Betrachtung der Bibel in diesem Buch beruhe auf häretisch getunkten Vorurteilen oder fachlicher Unzulänglichkeit, dem sei dies unbenommen. Ich antworte darauf wie der große jüdisch-christliche und deutsch-französische Dichter Heinrich Heine, der sich ebenfalls des Glaubensthemas angenommen hat und in seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland schrieb: „Wenn Philosophen und Theologen vornehm die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt all dessen, was ich hier vorbringe, dann sollen sie das tun. Aber eben auch bedenken, dass das wenige, was ich hier sage, ganz klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre Prolog 10 eigenen Werke zwar gründlich, unermessbar gründlich, sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig – aber ebenso unverständlich sind“. Homburg/Saar und Tourrettes-sur-Loup/Frankreich, im Juli 2018 Bernard Bernarding Prolog 11 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte Adam war eigentlich ein armer Kerl, ein bedauernswerter Mensch. Sein spektakulärer Start ins Leben endete überaus tragisch, wie die biblische Geschichte bekundet. Das Geburtsdatum des ersten Menschen ist angeblich bekannt, der irische Theologe James Ussher (1581-1656) und ein paar andere christliche Kreationisten haben es genau ausgerechnet: Demnach erblickte Adam am 29. Oktober 4004 v. Chr. das Licht der Welt – und zwar als erwachsener, körperlich voll ausgebildeter Mensch. Jahwe, der Gott der Juden, hatte ihn aus dem Lehm der neuen Erde geformt und ihm den Odem des Lebens in die Nase gehaucht (Gen 2,7). Adam kam sechs Tage nach der Erschaffung der Welt ins Paradies, das der jüdisch-christliche Gott als Wohnort für seinen „Ebenbilder“ (Gen 1,26) vorgesehen hatte. Adam war deshalb ein armer Kerl, weil er Vollwaise war und nicht mal eine schlimme Kindheit hatte – er hatte gar keine. Weder Vater noch Mutter, noch sonstige Verwandtschaft oder irgendwelche Freunde. Adam kannte also weder Liebe noch Zuneigung und Fürsorge, und die erotische Liebe zu einer Frau kannte er anfangs auch nicht. Letzteres sollte sich immerhin ändern, und daran knüpft schon die erste Irritation der unfassbaren Schöpfungsgeschichte der christlichen Bibel an: Gott hatte nach Gen 2,18 vergessen einzukalkulieren, dass der Mensch „nicht gern allein“ ist, und so kam ihm erst nachträglich die Idee, ihm eine Frau zur Seite zu stellen. Dass er diese Frau nicht in bewährter Manier aus Lehm schuf und Odem in die Nase hauchte, sondern Eva operativ aus der rechten Rippe des ersten Menschen entnahm (Gen 2,21), ist zumindest merkwürdig. Man sollte auch nicht weiter darüber nachdenken, wie aus einer männlichen Rippe ein vollwertiges Weibsbild mit allem drum und dran werden konnte. Aber von solchen Merkwürdigkeiten wimmelt es in dieser alten Schrift, die „Genesis“ genannt und später als „heilig“, also unantastbar deklariert wurde. Kapitel 1 13 Auf die Entwicklungsgeschichte Adams und Evas, die wie erwähnt 4004 v. Chr. stattgefunden haben soll und nach neuester Forschung im Laufe des ersten Jahrtausends v. Chr. aufgeschrieben wurde, kommen wir in Kapitel 3 zurück. Zuvor wollen wir einen Blick auf die tatsächliche Entstehung der Welt werfen, so wie sie von wissenschaftlichen Kapazitäten akribisch erforscht wurde und heute in den Lehrbüchern steht. Dieser Blick offenbart eine drastisch andere Schöpfung als jene, die uns die Bibel erzählt: Und nach dem gültigen Stand der Wissenschaft ist die Welt natürlich nicht im Oktober des Jahres 4004 v. Chr. geschaffen worden, sondern mindestens 13,5 Milliarden Jahre zuvor. Die klügsten Astrophysiker der Erde – zu ihnen zählt auch das im März 2018 verstorbene Mathematik- und Physikgenie Stephen Hawking – sind sich weitgehend einig, dass die Erschaffung der Welt etwa folgendermaßen vor sich ging, nach dem so genannten Bottomup-Ansatz der Kosmologie: Am Anfang war: nichts. Beziehungsweise nur eine unfassbar verdichtete Materie. Irgendwann gab es einen „Urknall“ – und spätestens an diesem Punkt muss man zugeben, dass die physikalische Erklärung des Kosmos genau so unglaublich klingt wie die Behauptung der Religion(en), ein oder mehrere Geisterwesen göttlichen Zuschnitts hätten das All und somit die Welt erschaffen. Denn angeblich hatte das gesamte Universum damals nur einen winzigen Durchmesser. Nach der Explosion der Ur-Materie, ausgelöst durch – „Gott“?, dehnte sich der Raum jedenfalls mit rasender Geschwindigkeit und unaufhaltsam aus. Ab dieser kosmischen „Stunde Null“, in der gigantische Mengen an Energie frei gesetzt wurden, waren die physikalischen Gesetze aktiviert und entwickelten die (vier) Naturkräfte: – die starke Kernkraft – die schwache Kernkraft – die elektromagnetische Kraft – die Gravitation Die Stärke dieser Kräfte weicht in gravierender Weise voneinander ab, aber ihre Relation und Korrelation sind auf „göttliche“ Weise ausgeklügelt. Wenn die Kräfte auch nur einen Hauch anders justiert wären als sie sind, sagen Molekular-Biologen, hätte es niemals Sterne und Galaxien gegeben, mithin auch keine Atome und Aminosäuren – und somit kein Leben. Da wir in diesem Buch aber nicht in die Kosmologie Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 14 abdriften wollen, sei die weitere Expansion des Alls im absoluten Zeitraffer dargestellt: Nach etwa 400 Millionen Jahren bildeten sich die ersten Sterne, Galaxien und Planeten, das Weltall nahm Konturen an. Forscher schätzen, nach radiometrischen Gesteinsmessungen, dass unsere Erde vor etwa 4,53 Milliarden Jahren entstanden ist. Die Evolution brauchte also mehrere Milliarden Jahre, um Leben entstehen zu lassen. Man vermutet, dass die ersten Eukaryoten (Zellen mit Kern) vor rund 1,5 Milliarden Jahren entstanden sind, aus einer „Ursuppe“, die sich im Verlauf der chemischen Evolution, die auf die physikalische folgte, gebildet hat. Diese Ursuppe bestand aus dem Dunst der Meere, vermengt mit Methan, Ammoniak und Wasserstoff, die als Vulkanschwaden über der Erde schwebten. Eine der (vielen) Theorien besagt, dass elektrische Energie (Blitze) aus diesem Gasgemisch auf der Erde erste Aminosäuren erzeugt hat – die Bausteine des Lebens. Winzige Einzeller im Wasser, die Cyanobakterien, nutzten schließlich das helle Licht der Sonne zur Photosynthese und schufen so die Grundlage für „echtes“ Leben: Sauerstoff. Mit der Entstehung des Auges, erstmals bei den Trilobiten (insektenähnliche Organismen) nachgewiesen, wuchs dann das Ökosystem Erde, denn nun konnten die Lebewesen ihre Nahrung selbst suchen und finden. Vor 520 Millionen Jahren tauchten die ersten Wirbeltiere als kiefernlose Fische auf, danach Amphibien (370 Mio Jahre), Reptilien (310), schließlich die ersten Vögel und Säugetiere. Es entstanden Algen, Pilze und Pflanzen, die Erde wurde grün und allmählich „lebenswert“. Doch dann passierte, nicht zum ersten Mal, eine gigantische Katastrophe. Durchaus ein Grund, in diesem Zusammenhang über die Entität „Gott“ nachzudenken. Denn wenn ein Allmächtiger den Kosmos und die Erde erschaffen hat, so wie es die Religionen lehren, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Zerstörung, die am Ende des Perm-Zeitalters vor rund 250 Millionen Jahren die Erde traf. In einigen Teilen der Welt (vor allem im heutigen Sibirien) kam es zu gewaltigen Vulkanausbrüchen, die die Erde mit Lava bedeckten und Unmengen an Kohlendioxid (CO2) freisetzten. Hinzu kamen vermutlich Meteoriteneinschläge, die ihren Teil dazu beitrugen, dass damals 70 bis 80 Prozent aller bis dahin existierenden Arten zu Lande und zu Wasser ausstarben. Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 15 Immerhin, danach entwickelten sich neue Arten, unter anderem die Dinosaurier. Doch auch diesen Geschöpfen der Natur war kein dauerhaftes Leben auf der Erde vergönnt: Vor 66 Millionen Jahren traf ein riesiger Asteroid die Erde und schlug ein fünf Kilometer tiefes Loch in die Erdkruste. Der Krater in Chicxuluc bei Yucatan in Mexiko misst beeindruckende 170 Kilometer Durchmesser! Danach war für die meisten der tierischen Erdenbewohner abermals Zappenduster: Hitze-, Dampf- und Schuttwolken sowie verheerende Tsunamis löschten das Leben auf dem amerikanischen Kontinent komplett aus. Insgesamt gab es in der Geschichte der Erde fünf solcher Massenaussterben, doch die gottesfürchtigen Menschen der heutigen Zeit fragen nicht danach, was sich der liebe Gott dabei gedacht hat. Wie dem auch sei: die Erde drehte sich weiter um die Sonne, das Leben nahm seinen Lauf. Als vor ca 15 Millionen Jahren im heutigen Afrika die extremen Temperaturen zurückgingen und das Klima erträglicher wurde, drangen die ersten Affen in die Baumsavannen ein – und begannen irgendwann, auch aufrecht zu gehen. Es sollte noch weitere Millionen Jahre dauern, bis sich aus dieser Art (Australopithecine) die Gattung Homo abspaltete. Vor 2,5 Millionen Jahren war es dann endlich soweit: In Afrika tauchten die ersten menschenartigen Wesen auf, der homo rudolfensis und der homo habilis. Es folgte der homo erectus, und schließlich, vor rund 300 000 Jahren, der homo sapiens (neueste Funde bei Djebel Irhoud nördlich von Marrakesch in Marokko). Der moderne Mensch war geboren. Er hieß nicht Adam, seine Frau nicht Eva – und sie lebten nicht im Paradies. Nun, der Urknall ist lange lange her, und dass wir uns darunter nicht wirklich etwas vorstellen können, ist kaum verwunderlich, denn „das naive Wirklichkeitsverständnis des Menschen ist mit den Erkenntnissen der modernen Physik nicht vereinbar“, meinte der Physiker Hawking. Tatsächlich gilt diese Feststellung grundsätzlich, sogar für Genies wie Aristoteles, der die Auffassung vertrat: „Aus Nichts kann nichts entstehen“. Das klingt logisch – ist es aber offensichtlich nicht. Denn wo vor dem Urknall „Nichts“ war, ist heute der Kosmos, der sich durch „dunkle Energie“ (auch gemäß der Relativitätstheorie von Albert Einstein) mit irrsinniger Geschwindigkeit ausdehnt – ins weitere „Nichts“. Wer an dieser Stelle nichts mehr versteht, kann auf höhere Mächte hoffen: Für alle Gläubigen gab und gibt es den ewigen Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 16 Gott, der alles Materielle erschaffen hat. Also existierte nach dieser Lesart niemals ein echtes „Nichts“, sondern zumindest ein Gott als „erste Ursache“. Und da der Allmächtige wohl kaum „im Nichts“ gewohnt haben kann (und das auch noch seit ewigen Zeiten), muss es nach Adam Riese auch vorher „etwas“ gegeben haben. Aber was? So prächtig wie hier im Osten der Ukraine sahen die Menschen in der Antike den Sternenhimmel jede Nacht – damals gab es noch keine Luft- und Lichtverschmutzung. Hinter der phantastischen Urgewalt am Firmament verorteten die Menschen die „Himmelsmacht“, also Gott. Bevor wir nun aber ins Metaphysische abgleiten, möchten wir lieber bei der Natur bleiben, also beim physikalischen Wunder des Urknalls, der den Kosmos in der uns bekannten „Form“ erst ermöglicht hat. Da diese angenommene Initialzündung, eine Energie-Explosion von unvorstellbarem Ausmaß, aber recht weit zurückliegt, sind wir auch in dieser Kernfrage auf theoretische Antworten angewiesen. So wie es immer Modelle und Theorien gegeben hat, seit sich der menschliche Geist mit der philosophischsten (und theologischsten) aller Fragen beschäftigt: Woher kommt das Sein? Schwere Frage. Wer wollte sich anmaßen, sie auch nur halbwegs seriös beantworten zu können? Nun, es Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 17 hat sich gezeigt, dass die Menschen im Laufe der Evolution immer schlauer wurden und Entdeckungen machten, die alte Gewissheiten relativierten und neue Theorien begründeten. Das begann beim ersten Philosophen Thales von Milet, setzte sich über Platon und Aristoteles (und andere) fort zu den genialen Wissenschaftlern Kopernikus, Keppler und Newton bis hin zu Einstein und Hawking, und dieser evolutionäre Erkenntnisprozess wird sich fortsetzen bis ans Ende aller Tage. Soll heißen: Auch die heute favorisierte „M-Theorie“ der Astrophysiker, nach der es womöglich nicht bloß ein Universum gibt, sondern eine Vielzahl von Universen, „und diese auch nicht Gott gehorchen, sondern den Gesetzen der Physik“ (Hawking), wird irgendwann abgelöst werden von einer Theorie XY. Denn nur eines ist auf dieser Welt so sicher wie das Amen in der Kirche: dass nichts so bleibt wie es einmal war. Der Prozess der Erkenntnis auf unserer Erde ist jedenfalls unendlich – und diese logische Schlussfolgerung macht auch vor der Religion nicht Halt, die ja auch zuvor schon zahlreiche Entwicklungssprünge vollzogen hat: Die Geschichte der Religion reicht von den Wettergöttern der ersten denkfähigen Hominiden zu den Naturgöttern der späteren Naturvölker, den Göttern der Hetither, Skythen, Mongolen, Chinesen, Sumerer, Ägypter, Griechen, Römer, Germanen, Wikinger und den Göttern der Unterwelt bis hin zu „unserem“ Gott des Urvaters Abraham (siehe Kapitel 2). Gleiches gilt für die Götter-Welt in Asien, die sich vor allem aus taoistischen, konfuzianischen, buddhistischen und hinduistischen Philosophien speist. Die bisherige Erfahrung lehrt uns, dass dieser mythologisch-religiöse Entwicklungsprozess mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weitergeht und zukünftige Generationen demnach vermutlich „neue“ Götter anbeten oder diese zumindest für möglich halten. Allerdings muss an dieser Stelle der dänische Physiker Niels Bohr (1885-1962) zitiert werden, der einmal pfiffig konstatierte, dass jede Vorhersage außerordentlich schwierig sei, „vor allem, wenn sie die Zukunft betrifft“. Bohr sagte dies übrigens im Kontext eines Kommentars zur Heisenbergschen Unschärferelation, und das ist deshalb interessant, weil sich aus diesem Kernproblem der Quantenphysik auch ein Kernproblem der Religion ableiten lässt: So wie man vom gegenwärtigen Ort eines Elementarteilchens nicht auf seinen künftigen Ort schließen (ihn messen) kann, so lässt sich auch Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 18 nicht das zukünftige religiöse Verhalten der Menschen bestimmen. Zwar mag der Mensch in der Lage sein, (in) die Zukunft zu denken; jedoch nicht, (in) die Zukunft zu fühlen und diese zu spüren, denn ein Gefühl ist immer gegenwärtig. Und da Religion, der Glaube an Gott, keine Verstandessache, sondern eine Gefühlssache ist, glaubt der Mensch eben, dass sein derzeitiger Glaubenszustand der letztgültige sei. Nun muss man unseren Vorfahren aus der Urzeit natürlich zugute halten, dass sie von dem Wissen und den technischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, keinen Schimmer hatten, ja nicht mal träumen konnten. Die ersten Hominiden waren aufgrund ihrer geringen Gehirnmasse mit einem bescheidenen Intelligenzquotienten ausgestattet und froh, wenn sie beim Suchen nach Nahrung keine giftigen Früchte erwischten oder gar einem Löwen begegneten, der ebenfalls einen Bärenhunger hatte. Die ersten Hominiden waren klein, nackt, fellartig behaart, und sie lebten von der Hand in den Mund. Gedanken über metaphysische Probleme waren ihnen fremd und das Wort „Gott“ hatten sie noch nie gehört. Das sollte sich erst zwei Millionen Jahre später ändern, als der Entwicklungsprozess auf der Erde soweit fortgeschritten war, dass die zweibeinigen Lebewesen auf evolutionäre Weise begannen, über ihre Umwelt, ihre Lebensbedingungen und über sich selbst nachzudenken. Es darf mit Fug und Recht vermutet werden, dass der Punkt der Selbstvergewisserung auch derjenige war, der zu den ersten Fragen nach dem Woher und Wohin und nach dem Warum führte. Denn der genetische Code der Menschen (und der Tiere und Pflanzen) war schon programmiert. Daraus ergibt sich, dass eine der wesentlichsten Eigenschaften des Menschen in der DNA angelegt ist: die Wissbegierde. Diese war und ist die Triebfeder jeglicher Entwicklung, der Kern der Zivilisierung der Erde, die kybernetische Mutter aller von Menschenhand initiierten Prozesse. Immerzu wollte und will der Mensch wissen: Was ist das? Wie funktioniert das? Warum ist das? Und er gab (sich) erste Antworten mit einer heuristischen Methode, die noch heute aktuell ist und wohl bis in alle Ewigkeit bleiben wird: trial and error. Versuch und Irrtum. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Zeit auch Götterwelten, die auf- und untergingen, immer wieder abgelöst von neuen, „besseren“ Göttern. Ein Prozess der Selbstvergewisserung Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 19 des Menschen, der schließlich im abrahamitischen Monotheismus mündete. Zurück zur „Erschaffung“ der Welt und zum Starphysikus Hawking, der selbst wenig Neigung verspürte, an einen Schöpfergott zu glauben. Im Gegenteil: Noch im November 2017 hatte er in einem viel beachteten Vortrag am California Institute of Technology in Pasadena (USA) betont, für ihn sei Gott kein Faktor bei der Entstehung des Universums. Der Urknall sei vielmehr auf eine physikalische Initialzündung zurück zu führen. Hawking scheute sich nicht mal, blasphemisch zu werden: „Was hat Gott denn vor seiner göttlichen Schöpfung gemacht? Bereitete er die Hölle vor für diejenigen, die solche Fragen stellen?“ (Quelle: Los Angeles Times/ www.space.com) Bereits in seinen Büchern hatte der Physiker auf die Entwicklung der Naturwissenschaften und die große Leistung der alten Griechen (vor allem der Ionier) hingewiesen, die mit ihren bescheidenen Möglichkeiten schon früh die Welt der Atome definiert (Demokrit, 460– 370 v. Chr.) und physikalische Gesetze formuliert haben (Archimedes, 287–212 v. Chr.). Allerdings wollten sich auch wirklich kluge Köpfe wie die Philosophen Heraklit, Epikur oder Aristoteles nicht auf diese neuen, unheimlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaften verlassen. Sie sprachen lieber ihren eigenen Gottheiten eine Präferenz zu: Es sei „besser, dem Mythos der Götter zu folgen als sich sklavisch (den Naturgesetzen) zu unterwerfen“, meinte etwa Epikur. Tatsächlich hielt sich die allgemeine Ignoranz über die Realitäten der Physik und das Ptolemäische Weltbild noch fast 2000 Jahre lang. Erst mit Nikolaus Kopernikus, Johannes Keppler und Galilei Galileo setzte sich im 16. und 17. Jahrhundert die Einsicht durch, dass die Sonne eben doch nicht der Mittelpunkt des Universums ist – von der kleinen Erde im großen Kosmos mal ganz zu schweigen. Man kann sich vorstellen, dass dies ein schwerer Schlag war für das Christentum und seine vielen Exegeten, die Jahrtausende lang das Gegenteil gepredigt hatten – und nun mühsam versuchen mussten, das „Wort Gottes“ im Alten Testament mit den Erkenntnissen der Wissenschaften in Einklang zu bringen. Ein Vorhaben, soviel steht fest, das bis heute nicht gelungen ist. Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 20 Als die Menschen Gott erfanden Eine kurze Geschichte der Religion Die im ersten Kapitel erwähnte Methode des trial and error wurde auch bei einem Phänomen angewandt, das die frühen Menschen genau so heimsuchte wie den modernen Weltbürger von heute: dem Phänomen des spirituellen Verlangens, der Sehnsucht nach Erklärung, Heimeligkeit, Geborgenheit, nach Sinn und Zukunft. Es war die naturgegebene Geisteskraft und Phantasie des Menschen, die ihn dazu befähigte, Götter zu „erfinden“ und sich so eine (innere) Welt zu schaffen, die jenseits des täglichen Überlebenskampfes einen spürbaren Funken Hoffnung entfachte. Hoffnung auf mehr als nur diesen armseligen Wimpernschlag zuckenden Lebens mit Hunger, Not und Elend, Sorgen, Kriegen, Katastrophen und Krankheiten – und dem darauf folgenden schwarzen und ewigen Nichts, das man Tod nennt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf der Erde, das sich seiner Endlichkeit bewusst ist. Das heißt, der Mensch weiß, dass er sterben wird, und auch deshalb dürfte der homo sapiens vor etwa 200 000 Jahren begonnen haben, in seiner Verzweiflung über die Unkenntnis des Woher und Wohin den Blick seufzend gen Himmel zu richten, wo es zuweilen unheimlich donnerte und blitzte. Was die Macht hat, solche Kräfte zu entfachen, musste etwas Besonderes, etwas „Göttliches“ sein. Und so gehörten zu den ersten Götterwesen, die von Menschen verehrt wurden, vor allem Sonne, Mond und Sterne. Aber auch Tiere und Pflanzen wurden schon früh als beseelte Wesen angesehen, es war der Anfang der Naturreligionen. In der Steinzeit kamen Baum- und Korngötter zum „Kanon“, die wichtigste Rolle aber behielten die Wettergötter. Sehr viel später, bei den alten Griechen, nannte man den Wettergott Zeus, bei den Ägyptern Ra, bei den Germanen Thor. Die Azteken verehrten diesen Gott mit dem schönen Namen Quetzalcoatl, die Sumerer sagten Iskur, die Japaner Raijin. Kapitel 2 21 Doch wie (fast) alles im Leben, war auch die Entdeckung der Götter ein evolutionärer Prozess. Ausschlaggebend neben den Naturgewalten war das Phänomen, dass die Urmenschen ihre Träume für real hielten (der britische Anthropologe Edward B. Tyler). Das „Erscheinen“ verstorbener Vorfahren im Schlaf führte zu der Vorstellung, dass die „Seele“ des Menschen den körperlichen Tod überleben könnte. Und so kam sukzessive die Erklärung auf, dass die Ahnen womöglich weiter lebten, irgendwo in einer anderen Welt, vielleicht sogar in einer besseren Welt. Mit diesem Erfahrungshorizont bestatteten die Menschen ihre Angehörigen bereits in der Altsteinzeit (nachweisbar ab ca 75 000 v. Chr.) rituell in Gräbern, denen man gewisse Gaben beilegte. Es war der Beginn vom transzendenten Denken an ein „Jenseits“, und es war der Anfang, sich eine Theorie auszumalen, mit der das unfassbare Geheimnis des Todes erklärt werden konnte. Damit verbunden war der Animismus (Beseeltheit der Dinge) und der Schamanismus (Geisterbeschwörung, z.T. durch rituelle Ekstase), die als Vorläufer aller Religionen gelten können: Die Menschen glaubten damals fest, alle Wesen und alle Dinge seien von „Geistern“ oder (später) „Göttern“ geschaffen und beseelt. Und so suchten sie aus ihrer Mitte einen Spezialisten aus, der die Sippe oder den Stamm mit „zauberhaften“ Zeremonien in Trance versetzte, um spirituelle (und damit tröstende) Gefühle zu entfachen. Es kann durchaus sein, dass diese ersten „Priester“ noch vor den ersten „Göttern“ existiert haben, aber das lässt sich nicht mehr feststellen. War der Tod das eine Mysterium, das die frühen Menschen beschäftigte, so war das Gegenteil, die Geburt, das andere Mysterium. Wer fruchtbar war, der galt als „reich“, und es liegt auf der Hand, dass aus dieser Logik Fruchtbarkeitskulte entstanden – und „Muttergottheiten“. Symbole für diese These sind die ersten Skulpturen und Statuetten, die von Menschenhand stammen. Da weit vor Erfindung der Schrift die Kunst der Malerei und der „Bildhauerei“ entstand, sind die ersten Zeugnisse des Fruchtbarkeitskultes in Form üppiger Frauenkörper überliefert. Besonders eindrucksvoll ist hierbei die Venus von Willendorf, eine Frauenstatue aus der Altsteinzeit (ca 25 000 Jahre v. Chr.), die heute im Wiener Neuhistorischen Museum zu bewundern ist. Oder die gebärende Göttin von Catal Hüyük, heute im Archäologischen Museum in Ankara/Türkei. Zeugnisse früher Fruchtbarkeitskul- Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 22 te sind aber auch den fantastischen Höhlenmalereien zu entnehmen, etwa in den Höhlen von Chauvet und Lascaux (beide Frankreich) oder Altamira (Spanien). Am beeindruckendsten aber ist vielleicht die Tempelanlage Göbekli Tepe, ebenfalls in der Türkei. Was man dort vor rund 11 000 Jahren „aus dem Boden stampfte“, grenzt an ein Wunder. Wie haben es die Menschen damals geschafft, auf einem felsigen Hügel in einer öden Bergebene gewaltige Räumlichkeiten mit mindestens 200 steinernen Säulen zu schaffen, die bis zu sechs Metern hoch sind und mehrere Tonnen Gewicht auf die Waage brachten? Wo kamen all die Arbeiter her, die dieses grandiose Werk geschaffen haben, denn dörfliche oder gar städtische Strukturen sind in der Gegend nirgendwo nachweisbar? Was hat die Menschen von Göbekli Tepe motiviert, die enormen Strapazen des sakralen Monumentalbaus über viele Jahrzehnte hinweg auf sich zu nehmen? Opfer- und Altarsteine zu Ehren der Götter. Die monumentale Stein-Anlage Stonehenge bei Salisbury (Südengland) ist mindestens 2500 Jahre, womöglich auch schon 11 000 Jahre alt. Hinsichtlich der begrenzten technischen Möglichkeiten der Antike ein wahres Wunderwerk. Es hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Eine kurze Geschichte der Religion 23 Mit dem Totenkult einher ging die Verehrung übersinnlicher Mächte, die (auch) in der Entstehung der Megalithkulturen ihren Ausdruck fand. Stonehenge in England ist eines der bekanntesten Beispiele für einen Kult, der zweifellos religiösen Charakter hatte. Es gab damals – wir reden hier von einer Zeit zwischen 5000 und 2000 v. Chr. – bereits zahlreiche Götter, deren Namen und Bedeutung allerdings nicht überliefert sind. Zumal am Anfang des religiösen Bewusstseins vielerorts vor allem regionale Götter oder „Stadtgötter“ standen, die nur für ein begrenztes Gebiet zuständig waren. Die ersten tatsächlich bekannten Götter stammen aus der Zeit der Entstehung erster Städte und der ältesten Hochkultur, der Sumerer in Mesopotamien (um 3500 v. Chr.). Sie wurden Enki und Enlil genannt, es folgten auch viele Göttinnen, so zahlreich, dass ihre Namen für Laien kaum von Interesse sind, Aruru, Ninmach, Gula und andere. Eine dieser Göttinnen aber überstrahlte alle, sie ist deshalb auch heute noch bekannt, und zwar unter den Namen Ianna oder Ischtar. Das weltberühmte, nach ihr benannte Ischtar- Tor von Babylon ist im Berliner Pergamonmuseum zu bewundern. Es ist eines der prächtigsten und eindrucksvollsten Beispiele antiker Baukunst überhaupt. Und weil die Menschen der Frühzeit ihre Götter eben selbst „erfunden“ haben, waren diese auch mit menschlichen Attributen ausgestattet – man kannte ja keine anderen. So hatte jeder Gott sein Zuständigkeitsgebiet, war für Wetter, Glück oder Gesundheit verantwortlich, aber auch für Unglücke oder irgendwelche Katastrophen. Enki etwa war für seine Trunksucht berüchtigt und seinen immensen Geschlechtstrieb, auch Ischtar galt als sexuell großzügig (und streitsüchtig), war dafür aber außerordentlich fruchtbar. Und natürlich gab es schon immer, als Gegenpol zu den Göttern, das Phänomen des Bösen: Schreckliche Dämonen, die in der Unterwelt hausten. Zum Beispiel die berühmten Galla-Dämonen, die im „Mythos von Dilmun“ eine besondere Rolle spielen. Dieser Mythos kann übrigens als erste „Paradies- Legende“ der Menschheit erzählt werden, und so ist es naheliegend, dass er einen gewissen Einfluss auf spätere Religionen ausübte. Die Parallelen zum biblischen Paradies sind jedenfalls verblüffend: Auch im Paradies Dilmun (eine Insel im Persischen Golf, mutmaßlich das heutige Bahrain) sprießen üppige Pflanzen und Bäume mit herrlichen Früchten, auch hier verhängt ein Gott, bzw. eine Göttin, ein Verzehr- Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 24 verbot für (acht) Früchte, auch hier wird das Verbot missachtet, wobei die abenteuerliche Geschichte um den „sündigen“ Gott Enki im Gegensatz zu Adam und Eva aber gut ausgeht. Zeus, der wichtigste und mächtigste aller Götter der griechischen Mythologie (bzw. die römische Version Jupiter) mit Hera, die zugleich seine Gattin und Schwester war. An dieser ungezwungenen Skulptur am Wiener Parlamentsgebäude offenbart sich der Unterschied zum Christentum: Die griechisch-römische Mythologie war eher sinnenfroh und „liberal“. Der später folgende Atramchasis-Mythos schildert die Erschaffung des Menschen, auch hier ist liegt der Vorbild-Charakter für die Adam-und- Eva-Erzählung nahe. Der Atramchasis-Mythos (ca 1800 Jahre v. Chr.) ist etwas verworren und vielschichtig, er handelt von (ersten) Göttern, die sich gegenseitig das Leben schwer machen und schließlich ihrerseits den Menschen „erfinden“. Auch hier spielt Gott Enki eine Hauptrolle, der dem Priester Atramchasis den Rat gibt, sich einer drohenden Sintflut mit einer selbstgebauten Arche zu entziehen. Aus diesem Mythos ist womöglich auch das berühmte Gilgamesch-Epos abgeleitet, das ebenfalls im alten Kulturland Mesopotamien spielt. Gilgamesch, König der sumerischen Stadt Uruk, war zu einem Drittel Mensch und zu Zweidrittel Gott. Mit seinem Freund Enkidu, Eine kurze Geschichte der Religion 25 einem wilden, menschenähnlichen Wesen, erlebte er zahlreiche Abenteuer. Enkidu wurde von der Muttergöttin Aururu geschaffen – interessanterweise aus Lehm, so wie später Adam in der biblischen Erzählung. Und auch im Gilgamesch-Epos geht es um eine große Flut, die alles Leben vernichtet, weshalb der Gott Enki dem Menschen Ziusudra dringend rät, sich ein rettendes Schiff zu bauen, um in dieser Arche zu überleben. Doch so interessant und spannend Gilgamesch auch sein mag, unser Thema in diesem Buch ist der jüdisch-christliche Glaube, der wie erwähnt erstaunliche Parallelen zu „göttlichen“ Überlieferungen aus dem altorientalischen Kulturkreis aufweist. Dies gilt insbesondere für den persischen Raum, und hier für den Religionsgründer Zarathustra. Dessen Zoroastrismus floss kulturell nicht nur nach Mesopotamien ein (Babylon), sondern auch ins Judentum. Die Verwandtschaft mit dem Judentum ist augenfällig: Der Zoroastrismus ist vermutlich die erste monotheistische Religion, sie hat einen Schöpfergott (Ormazd), der einen Hofstaat mit „Engeln“ (Amesa spenta) regiert und gegen einen teuflischen Gegenspieler (Ahriman) kämpft. Zarathustras Religion hat sogar einen Schöpfungsmythos, mit Erschaffung von Himmel und Erde, Pflanzen und Tieren und dem Urmenschen. Ja, es gibt bei den alten Persern sogar schon den Erlösungsglauben, mit einem Heiland namens Soaschjant, der über das Böse siegen und eine neue „ewige“ Welt schaffen wird, in der dann auch die Toten wieder „auferstehen“ können. Ganz ohne Zweifel spiegelt sich das Judentum und damit auch das Christentum im Zoroastrismus wider. Wer genau den jüdischen Gott Jahwe erfunden hat, ist nicht bekannt, dafür weiß man ungefähr, wann die Geschichte Israels, die auf das Engste mit der Religion der Juden verbunden ist, ihren Anfang nahm: zwischen 1400 und 1200 vor Christus. Nach Erkenntnissen des Saarbrücker Theologen Karl-Heinz Ohlig ist der Name Jahwe schon im vorisraelischen Umfeld in Ägypten bezeugt. Ohlig vermutet, dass einer der israelischen Stämme, die vom Osten her nach Kanaan eingewandert sind, womöglich „nach Süden abgedriftet ist“ und im Bereich der Sinai-Halbinsel in ägyptisches Gebiet geriet. Diese so genannte „Mosegruppe“ könnte den dort herrschenden Jahwe-Kult übernommen und diesen Gott zu ihrem einen Gott erhoben haben (Karl-Heinz Ohlig: Religion in der Geschichte der Menschheit, wbg Darmstadt). Auch die Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 26 Mainzer Professoren Michael Tilly und Wolfgang Zwickel schreiben in ihrer Religionsgeschichte Israels (ebenfalls wbg), die erste Erwähnung des Namens Jahwe sei auf zwei „Ortsnamenslisten“ aus Ägypten bezeugt. Dennoch sei die „Heimat“ dieses Gottes unklar, denn Jahwe sei offenbar ein Gott der Nomaden gewesen. Ein außerbiblischer Text aus Kuntilet Ajrut weise auf Jahwes Heimat in edomitischem Gebiet (heute Jordanien) hin. Durch die Schasu-Nomaden (die späteren Hebräer) sei Jahwe dann womöglich nach Ägypten gelangt. Es ist bis heute nicht geklärt, wie dieser merkwürdige Wettergott zum Nationalgott Israels werden konnte. Denn im damals polytheistischen Israel war, wie der Name schon sagt, El der wichtigste Gott. Isra- El lässt sich übersetzen mit „Gott kämpft“ oder „Gott herrscht“. Die Bibelexperten Tilly und Zwickel nehmen an, dass es (erst) König David war, der Jahwe zum Schutzgott für seine berüchtigte Söldnertruppe erkor (mit der er auch seine Machtbasis schuf). Mit der Übernahme des Königtums von Saul habe David dann Jahwe „zum Gott des Königshauses und so zum Gott des von ihm kontrollierten Volkes“ gemacht. Mit Jahwe war ein Gott in die Welt der Antike eingezogen, dessen Siegeszug bis heute anhält. Mit Jahwe begann (nach Zarathustras Ormazd und dem ägyptischen Intermezzo mit Eschnatons Aton) auch der klassische Monotheismus. Jahwe wurde, auf wundersame Weise, später auch zum Gott des Christentums (siehe Exkurs 2). Dieses Christentum, nicht gegründet von Jesus Christus, sondern von dem Juden Saul (Paulus) aus Tarsus, hat sich zur größten und mächtigsten Kirche auf dem Globus entwickelt. Heute glaubt rund ein Drittel der Erdbevölkerung von 7,6 Milliarden Menschen an den Erlösergott aus Nazareth. Dieser grandiose Erfolg gelang nicht, weil die christliche Religion „richtiger“ war als die Konkurrenz, sondern weil sie – nach durchaus schwierigen Startbedingungen – von einer günstigen gesellschaftlichen und politischen Thermik profitieren konnte. In einer Phase, als das römische Weltreich seinem Ende entgegen torkelte (und damit auch die damals verehrten Götter), konnte sich das Christentum besonders gut entwickeln: Das „Versagen“ der römischen Gottheiten Jupiter, Amor, Venus, Minerva etc, denen es nicht gelungen war, das Riesenreich stabil zu halten, öffnete die Türen für eine neue Religion. Weil das Judentum nicht sehr angesehen war in den Weltstätten Rom und Byzanz, die Gnosis als zu kompliziert galt und der Manichäismus Eine kurze Geschichte der Religion 27 als zu beliebig empfunden wurde, kam der „einfache“ Glaube an die jesuanische Heilsbotschaft gerade recht. Zudem bot der neue Glaube den Intellektuellen der damaligen Zeit ungeahnte Möglichkeiten der Interpretation und konzeptionellen Weiterentwicklung, wovon Geistesgrößen wie Athanasius, Hieronymus, Ambrosius, Augustinus u.v.a. regen Gebrauch machten und so die programmatische Grundlage für das Christentum schufen. Und da der neue Gott überhaupt schwer Eindruck machte, weil er offiziell „barmherzig“ war und sogar seinen eigenen Sohn für das Heil der Menschen geopfert hatte, wandten sich immer mehr Menschen dem Christentum zu. Als schließlich auch noch Kaiser Konstantin der Große zu dem neuen Glauben konvertierte und sein (späterer) Nachfolger Theodosius I das Christentum im Jahr 380 zur Staatsreligion erhob, war der Siegeszug der Jesus-Jünger nicht mehr aufzuhalten. Kaiser Karl der Große sorgte schließlich 400 Jahre später für den endgültigen Durchbruch, als er Eroberungskriege „im Namen Gottes“ führte und seinen Untertanen in Europa das Christentum per Dekret verordnete. Eschnatons Ein-Mann-Gott Aton Zu Lebzeiten des Pharaos Echnaton (ca 1370 – 1334 v. Chr.) der zuvor Amenhotep IV hieß und mit der berühmten Nofretete verheiratet war, galt Ägypten als führende Weltmacht. Die Fülle der Götter, denen sich die Ägypter damals verbunden fühlten, hatte ihnen auch zu einer Art nationaler Identität verholfen. Doch dann kam dieser neue Pharao und führte plötzlich den Monotheismus ein! Es war, wie Ägyptologen herausgefunden haben, ein Schock für die damalige Bevölkerung, zugleich eine enorme soziale Umwälzung, denn die mächtige Kaste der Priester und Tempeldiener wurde praktisch auf einen Schlag entmachtet: Die alten Götter zählten nicht mehr, vielerorts wurden ihre Bildnisse und Büsten entfernt, ebenso Inschriften, die sie benannten. Diese erste, religiös motivierte Kulturrevolution der Geschichte war umstürzend für das ägyptische Volk. Nahezu die gesamte Führungsschicht war vom Pharao entlassen und durch Vasallen ersetzt worden. Es kam zu schweren Unruhen, denn nicht nur die Verlierer des Prozesses waren entsetzt, sondern auch viele einfachen Ägypter, denen der Pharao ihre vertrauten Götter genommen hatte. Nun durfte Exkurs 1: Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 28 nur noch der neue Sonnengott Aton verehrt werden – der aber kein Jenseits kannte. Damit kamen die alten Ägypter, die fest an ein Leben im „Totenreich“ glaubten, nicht klar. Zudem wollte Eschnaton auch noch die Prachtstadt Theben verlassen und ließ deshalb auf mittlerer Strecke zur alten Hauptstadt Memphis eine neue Metropole bauen, die er zu Ehren seines neuen Gottes Achet-Aton nannte. Nun, der Kulturbruch war bekanntlich nicht von Dauer: Eschnatons übernächster Nachfolger, der nicht minder berühmte Tut-anch- Amun, ließ die neue Hauptstadt zerstören und erlaubte wieder den alten polytheistischen Götterglauben. Die Ägypter tilgten danach jede Erinnerung an die „dunkle“ Zeit des Monotheismus – und hatten wieder ihren Frieden. Allerdings blieb Eschnatons Experiment nicht ohne Folgen, denn der Ein-Gott-Glaube „strahlte hinüber bis nach Israel“, schrieb Der Spiegel unter Berufung auf Experten in seiner Titelgeschichte „Gott kam aus Ägypten“ (52/2006). Demnach seien sich die modernen Religionswissenschaftler heute weitgehend einig, dass der israelische Säulenheilige Moses „der Wiedergänger des Ketzer-Pharaos“ aus Ägypten gewesen sei. Wie Jesus zum „echten“ Gott wurde Fast das gesamte vierte Jahrhundert hindurch stritten die Christen erbittert über die Frage, wie „göttlich“ dieser Jesus von Nazareth denn nun eigentlich sei. Durfte er als „gleichberechtigt“ und damit wesensgleich mit „Gottvater“ (Jahwe) bezeichnet werden? Oder war er nur gottähnlich? Oder gar geschöpflich, also von Gottvater geschaffen („gezeugt“), und damit nachrangig? Richtig begann der so genannte „arianische Streit“ im Jahr 318 im ägyptischen Alexandria, als Bischof Alexander mit seinen Ältesten über die These des Priesters Arius diskutierte, ob Jesus „schon immer“ existiert habe. Arius bestritt dies und sagte (in vereinfachter Darstellung), Jesus sei ein Geschöpf seines Vaters und vorher nicht in Erscheinung getreten. Es gebe keine ewige „Präexistenz“ und damit auch keine „Dreifaltigkeit“ (Trinität). Die christlichen Traditionalisten waren empört. Es kam zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen, zu Synoden und Konzilen, auf denen leidenschaftlich gestritten wurde. Sogar Kaiser Konstantin schalte- Exkurs 2: Eine kurze Geschichte der Religion 29 te sich ein und berief 325 das Konzil von Nicäa, um eine Spaltung des Christentums zu verhindern. In Nicäa wurde die Lehre des Arius als ketzerisch verurteilt und Arius selbst verbannt. Doch seine Lehre gewann trotzdem zunehmend Anhänger, die Ansichten über Jesus als Gottessohn gingen oft quer durch die Gemeinden und Familien. Einige Jahre später – Arius war zwischenzeitlich rehabilitiert worden – nahm der Konflikt dramatische Züge an. Arius sollte im Jahr 335 bei Kaiser Konstantin in Konstantinopel (heute Istanbul) wieder zur Kommunion zugelassen werden – doch er starb kurz zuvor plötzlich und unerwartet. Skeptiker meinten später, er sei von seinen Gegnern, an deren Spitze der berühmte Bischof Athanasius von Alexandria stand, vergiftet worden. Doch auch nach seinem Tod ging der Streit unvermindert weiter. Ganze Völker (wie die Goten) konvertierten zum Arianismus, Kaiser, Päpste und Bischöfe bekannten sich mal zum Arianismus, mal zum Trinitarismus (wesensgleiche Dreifaltigkeit). Erst nach Jahrzehnten, im Jahr 381, konnte der Konflikt auf dem Konzil von Konstantinopel beigelegt werden: Jesus wurde, von der Mehrheit der Kirchenmänner, endgültig als „echter“ Gott akzeptiert. Wie das menschliche Gehirn „Gott“ erkannt hat Die Wissenschaftler in aller Welt haben Gottes biblische Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen, ernst genommen. Schon weit vor Christi Geburt begannen die (neuen) „Philosophen“ in Griechenland, sich tiefer gehende Gedanken über Gott und die Welt zu machen. Im Mittelalter kam dann in Europa die Scholastik zur Blüte, eine Methode der „Wahrheitsfindung“, die (auch) mit Quaestiones (Fragen) versuchte, den Kern eines Problems zu erschließen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Der berühmte Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat dies meisterhaft verstanden. Mit der Renaissance und der Aufklärung sind die Wissenschaften dann geradezu explodiert. Heute gibt es kaum noch eine mittelgroße Stadt in Europa, die nicht eine eigene Universität oder ein anderes Bildungsinstitut in ihren Mauern hätte. Deshalb wird heute alles genau erforscht, und die unglaubliche Entwicklung der Computertechnologie und der Datenverarbeitung hat dazu beigetragen, Lebensbereiche zu erkunden, die früher im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar waren. Bildgebende Verfahren (CT´s = Exkurs 3: Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 30 Computertomographien) ermöglichen es heute, „in den Kopf “ eines Menschen zu schauen und dabei sogar Experimente zu machen. Deshalb wissen Hirnforscher und Psychologen mittlerweile recht gut, wie die neuronalen Oszillatoren funktionieren, wie der Mensch „tickt“ und warum er an ein transzendentes Wesen namens „Gott“ glauben kann. In absolut geraffter Form: Die Evolution hat im menschlichen Gehirn Erfahrungen und Verhaltensweisen programmiert, die zum Überleben der Spezies unabdingbar waren. Dazu gehört die Neigung, sich Bezugspersonen zu schaffen, um ein Bindungssystem zu installieren und damit soziales Verhalten in der Gruppe zu ermöglichen. Bindungen und Gruppen verschaffen ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Eine ganz wichtige Voraussetzung für den Glauben. Zudem hat die Natur/Evolution beim Menschen die so genannte entkoppelte Kognition ermöglicht, also die Fähigkeit, Körper und Geist gedanklich voneinander zu trennen. Nach Ansicht des amerikanischen Psychiaters J. Anderson Thomson ist das der „Schlüssel zum religiösen Glauben“. Deshalb kann der Mensch auch über „den Geist anderer Menschen“, über deren Absichten, Gefühle und Wünsche reflektieren. Spielerische Experimente mit Kindern haben ergeben, dass schon die Kleinsten dazu in der Lage sind, Körperliches vom Geistigen zu trennen. Die entkoppelte Kognition ermöglicht es uns auch zum Beispiel, einen spannenden Thriller im Kino als „real“ zu erleben, obwohl wir genau wissen, dass die Szenen nur gespielt sind. Wichtig für die Glaubensbereitschaft der Menschen (also etwas anzunehmen, was man gar nicht sieht) ist nach Angaben Thomsons zudem die so genannte hyperaktive Akteurerkennung und das Denken in minimal kontraintuitiven Welten. Unter Ersterem versteht man die Fähigkeit des Menschen, in abstrakten Schatten, Bewegungen und Geräuschen etwas zu „erkennen“, ein Phänomen, das jeder schon mal erlebt hat. In Wolken sieht man plötzlich Tiere, in Schatten vermutet man den Einbrecher, man hört „Stimmen“ und so fort. Wenn unser Gehirn hier einen Zusammenhang herstellt, ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Glauben an Geisterwesen, schreibt Thomson in seinem Buch Warum wir (an Gott) glauben (Springer Spektrum). Das Herstellen von minimal kontraintuitiven Welten schließlich folgt aus dem automatischen Schließen von kognitiven Lücken: aus einem halbfertigen Bild „macht“ unser Gehirn ein ganzes Bild. Wie Eine kurze Geschichte der Religion 31 automatisch solche Prozesse ablaufen, zeigt ein Beispiel, das verblüffend wirkt. Nachfolgend ein Text, in dem die Buchstaben nur so durcheinander purzeln. Auf den ersten Blick das reine Chaos – doch dann geschieht ein „Wunder“ und unser Gehirn liest intuitiv das richtige: Ncah eienr Stidue der Cmabridge Uinversiaet ist es zimelich eagl, in wlehcer Reiehnfogle die Bchustbaen in Wortetrn vokrmomen. Es ist nur withcig, dsas der ertse und lettze Bchusatbe an der ricthgien Stlele steht. Der Effket tritt ein, wiel das mneschilche Geihrn nicht den eilnzenen Bchustbaen liset, sodnern das Wrot als Gaznes. Die menschliche Fähigkeit, von Grundannahmen Ableitungen auf etwas „Ganzes“ zu machen, förderte das Entstehen religiöser Ideen. Hinzu kommt das Vermögen des Gehirns, mithilfe von Neurotransmittern kognitive Mechanismen in Gang zu setzen. Deshalb konnte der Mensch zum Beispiel Rituale erfinden, die prägenden Charakter haben und unsere Vorfahren vor zigtausend Jahren in die Lage versetzten, mit Gesängen und Tänzen einen Trance-Zustand herbei zu führen. Einen Zustand, in dem sie tatsächlich eine „höhere Macht“ verspürten. Einen weiteren entscheidenden Beitrag zum Glauben an Gott lieferte schließlich die Phänomenologie des Träumens. Unsere Ahnen konnten sich nicht erklären, dass sie im Schlaf „Bilder“ sahen. „Lebhafte“ Träume, in denen Verstorbene plötzlich wieder auftauchten, erweckten in Verbindung mit der entkoppelten Kognition den Eindruck, die Imagination im Schlaf sei eine Art Realität. Wenn dann irgendwann vielleicht noch der Genuss halluzinogener oder oneirogener Kräuter und Pilze hinzu kam, war die Illusion des Göttlichen perfekt. Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 32 Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte Die Basis des jüdischen Gottes Jahwe (genauer das Tetragramm JHWH, die Bedeutung ist umstritten, sinngemäß: Ich bin da; ich bin der, der ich bin oder: der das Werden verursacht) ist in der biblischen Urgeschichte von der Erschaffung der Welt zu suchen. Der Vorgang soll sich, wie bereits erwähnt, im Jahr 4004 v. Chr. ereignet haben, so glauben es teilweise noch heute fromme Juden und Christen, die sämtliche Stammbäume von David über Moses und Abraham bis zu Adam zurückgerechnet haben und der „Heiligen Schrift“ eine absolute Realität zubilligen. Allerdings gibt es auch hier Differenzen in der Kalkulation, denn offiziell rechnen die Juden anders: Nach ihrem Kalender, der nach wie vor gilt, hat die Welt vor 5778 Jahren begonnen (Stand 2018). Der grandiosen Phantasie der Schriftgelehrten ist es zu verdanken, dass sich die außerordentlichen Schöpfungsgeschichten in der Bibel bis heute gehalten haben: In den Schulen des jüdisch-christlichen Kulturkreises wird noch immer der Mythos von Adam und Eva gelehrt. Als seien Forschung und Wissenschaft spurlos an ihnen vorbei gegangen, lassen Politiker, Erzieher, Lehrer und Kultusbürokraten (und Eltern!) nach wie vor zu, dass im Religionsunterricht der Eindruck erweckt wird, die Urgeschichte der Menschheit habe sich so oder zumindest so ähnlich abgespielt, wie es die Bibel blumig beschreibt. Viele Religionslehrer, die ja konfessionell geprägt und weisungsgebunden sind, scheint dabei auch nicht zu stören, dass im Physik- und Biologie-Unterricht eine andere Version der Schöpfung gelehrt wird. Sie müssen allerdings am Alten Testament festhalten, als sei es – wie bei Moses – in Stein gemeißelt. Gewiss gibt es auch Lehrpersonal, das bei der Ver- Kapitel 3: 33 mittlung der Heiligen Schriften seriös differenziert und offen auf deren mythisch-fabulösen Charakter hinweist, insbesondere bei älteren Schülern. Gleichwohl ist es bis heute nicht gelungen, die biblischen Texte offiziell als das zu qualifizieren, was sie viel eher sind als das Wort Gottes: „Ein literarischer Versuch, die Einheit des Volkes Israel zu definieren“ (der Archäologe und Autor Israel Finkelstein). Die Theologin Lucia Scherzberg drückt es so aus: Jene altbiblischen Erzählungen, sagt die in Saarbrücken lehrende Professorin, seien „keine Texte, die die Entstehung der Welt und des Menschen naturwissenschaftlich erklären wollen“. Sie seien auch nicht historisch – aber aus der Historie heraus zu verstehen: Der Mensch damals habe seine Existenz als fragwürdig und erklärungsbedürftig empfunden und deshalb eine „imaginative Vergangenheit“ entworfen. Dabei sei Mythologie nicht von Geschichte getrennt worden. Diese Analyse ist erstens nachvollziehbar richtig und wirft zweitens eine elementare Frage auf: Warum weigert sich die Kirche bis heute, die notwendige Trennung wenigstens nachzuvollziehen und die biblischen Texte seriös, jenseits allegorischer Beliebigkeit, aufzuarbeiten? Jenseits von Fiktion und Wirklichkeit ist die Erfindung von Adam und Eva mit ihrer spektakulären Lebensgeschichte fraglos genial. Über Jahrtausende hinweg haben die Menschen im Vorderen Orient und im europäischen Raum (später auch in anderen Teilen der Welt) diese phantastische Geschichte ernsthaft geglaubt und die Existenz der beiden Urmenschen für bare Münze genommen. Kein Wunder. Die Schöpfungsgeschichte stillt(e) das Urbedürfnis der Menschen, den eigenen Ursprung, die eigene Herkunft kennen zu lernen und eine Welterklärung zu finden. Sich in mystischer Form selbst zu vergewissern und aus der daraus entstehenden Befindlichkeit und Glaubenserkenntnis einen Lebensentwurf abzuleiten. Nachdem die Wissenschaft dann aber zu der für Christen und Juden schockierenden Erkenntnis gelangt ist, dass die Vorläufer des Menschen als Affen auf den Bäumen turnten und sich erst allmählich, im Laufe von Jahrmillionen, den aufrechten Gang, die Sprache und später dann ein halbwegs zivilisiertes Verhalten angewöhnt hatten, war selbst im relativ aufgeklärten Europa des 19. Jahrhunderts die Not groß, sich mit dieser nicht zu widerlegenden Tatsache auseinanderzusetzen oder gar anzufreunden. Entsprechend biestig waren die Skepsis und offene Ablehnung, als Jean-Baptist de La- Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 34 marck (1744-1829), Charles Darwin (1809-1882) und Alfred Russel Wallace (1823–1913) ihre Evolutionstheorien entwickelt und veröffentlicht hatten. Die evolutionäre Erkenntnis der Forscher wurde zur revolutionären Erkenntnis bei den Geisteswissenschaftlern, besonders in der Theologie. Jetzt hatte man – die Kirche, die Theologen, die Kleriker – ein grundsätzliches Problem: Wo sollte der Allmächtige, jenseits des mutativen Zufallsgenerators der Entstehung der Arten, nun als Schöpfergott seinen ihm angemessenen Platz finden? Warum die Akzeptanz der Evolution so schwer fiel, wird in der „Sündenfall“-Erzählung von Adam und Eva deutlich. Diese war (und ist) so schlicht formuliert, dass sie von den Menschen problemlos verstanden werden konnte. Man darf getrost annehmen, dass die Bevölkerung der Antike – das Alte Testament wurde in der Zeit zwischen 1000 und 200 v. Chr. geschrieben – diesen per Mundpropaganda überlieferten Wunderglauben begierig in sich aufsaugte. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig: Die Menschen hatten als klassische Analphabeten keine Chance, ernsthafte Skepsis zu äußern, sie waren auf die „Wahrheiten“ der Schriftgelehrten oder Altvorderen angewiesen. Objektive Informationsquellen gab es nicht. Nun muss man wissen, dass die Schöpfungsgeschichten (Genesis, also das 1. Buch Mose) außerordentlich tiefgründig erforscht worden sind, weltweit von zigtausend Wissenschaftlern und so intensiv wie kein anderes Thema jemals zuvor. Aus der religiösen und wissenschaftlichen Dauerbeschäftigung wurde so – flankiert von Sakralbauten, Kunst und Musik, die in die Religionskultur einflossen – ein gigantisches, theologisch zementiertes Glaubensgebäude, an dem zu rütteln zwecklos ist. Das biblische Verhalten der beiden Ur-Menschen diente den Aposteln und Kirchenvätern der Spätantike auch als axiomatische Grundlage ihrer Glaubenslehre. Insbesondere der Apostel Paulus hat auf dieser Basis seine Theologie begründet, eine Theologie, die das Christentum nicht nur geprägt, sondern überhaupt erst ermöglicht hat. Ohne die Paulus-Mission wäre die „Jerusalemer Gemeinde“ der Jesus-Jünger wohl als neujüdische Sekte verkümmert, denn die aus dem Fischer-Milieu stammenden Jünger Petrus, Jakobus und die anderen Apostel hatten nicht die intellektuelle Kraft, ihrem jüdischen Glaubensverständnis eine neue Richtung zu geben. Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 35 Und als Gott erkannte, dass der Mensch nicht gern allein sei, schuf er Eva aus der Rippe des Mannes. Selbst diese skurille Erzählung haben die Menschen lange Zeit geglaubt – oder glauben es noch immer. Relief am Dom der italienischen Stadt Orvieto. Aber wie war es möglich, dass die naive Geschichte von den beiden „ersten Menschen“ Adam und Eva eine solch nachhaltige Wirkung erzielen konnte? Nun, obwohl die meisten (heutigen) Theologen immer wieder auf den allegorischen Charakter der Bibel verweisen, beharrt die Kirche unverdrossen auf ihrer eigenen Wahrheit: Der Bericht vom Sündenfall, so heißt es im offiziellen Katechismus der katholischen Kirche, beschreibe in „bildhafter Sprache“ ein „Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat“. Am köstlichsten formuliert hat den Märchencharakter der Bibel Papst Pius XII in seiner Enzyklika humani generis am 12. August 1950: „Wenn auch die alten Verfasser der Heiligen Bücher einiges aus den volkstümlichen Erzählungen nahmen – was ruhig zugegeben werden kann –, so darf man doch nie vergessen, dass sie es unter dem Beistand göttlicher Eingebung taten, der sie bei der Wahl und der Wertung dieser Dokumente Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 36 vor allem Irrtum bewahrte“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Märchenanteil in der Bibel, unter göttlicher Eingebung! Jedenfalls ist und bleibt der Sündenfallmythos von fundamentaler Bedeutung für die jüdisch-christliche Glaubenslehre. Deshalb kommen Kirche und Theologie auch nicht an der Schöpfungsgeschichte vorbei (genau genommen sind es zwei Geschichten, die in der Genesis miteinander verwoben wurden). Wir wollen sie hier in Kurzform rekapitulieren und analysieren: Demnach hat der ewige und allmächtige Gott „eines Tages“ beschlossen, eine Welt zu erschaffen. Der Herrgott ging bei seiner Schöpfung allerdings recht merkwürdig vor, so merkwürdig, dass es den Nachkommen seiner ersten Geschöpfe eigentlich schwer fallen müsste, den göttlichen Plan in der dargestellten Form zu verstehen und tatsächlich auch zu glauben. Denn dieser eine Gott, der alles kann und alles (im voraus) weiß, versagt bei seinem Vorhaben, ein Paradies mit Menschen „nach meinem Ebenbild“ zu schaffen, gleich mehrfach auf unbegreifliche Weise: Nach Genesis 2,18 merkt er erst nachträglich, dass „der Mensch nicht gern alleine ist“ und muss nachjustieren, indem er Eva „aus der Rippe Adams“ zaubert. Das ist mehr als bemerkenswert, denn bitte: Wieso hat der Herr den Adam dann schon vorher mit Geschlechtsorganen ausgestattet? Wie dem auch sei, jedenfalls versagen Gottes Ur-Geschöpfe schon gleich bei der ersten Prüfung – wobei zu fragen ist, wieso der Herr seine Erdenkinder überhaupt prüfen muss, wenn er sie doch gerade erst so erschaffen hat, wie er es haben wollte. Und er ohnehin weiß, wie sie reagieren. Noch spannender ist in diesem Kontext aber die Frage, warum der Allmächtige überhaupt zugelassen hat, dass Adam und Eva so reagieren – er hatte ja die Möglichkeit, den Lauf der Dinge in seinem Sinne zu korrigieren. Die biblische Sollbruchstelle mit dem Baum der Erkenntnis legt deshalb den interessanten Schluss nahe, dass der Herr es gar nicht anders wollte, ja dass er den Sündenfall bewusst provoziert hat! Im Premiumgebet der Christen, dem Vaterunser, heißt es: „Und führe uns nicht in Versuchung!“ Aber was war der „Baum der Erkenntnis“ anderes als die Versuchung schlechthin? Wir unterstellen mal – wie der Heilige Augustinus und alle anderen Kirchenväter – den Realitätsgehalt der biblischen Angaben, die in der Genesis mit ihren 50 Kapiteln die Kernsubstanz des jüdischen und Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 37 christlichen Glaubens darstellen. Und gehen zu apokryphen Schriften über, die aus dem gleichen religiösen Fundus stammen. In ihnen wird sogar über Geschehnisse im Himmel berichtet, wonach es in Folge der Schöpfung zu einem spektakulären Zerwürfnis gekommen sein soll: Der heilige Luzifer, ausgerechnet Luzifer, der erste, beste und schönste Engel in Gottes wunderbarer Heimstatt, soll sich demnach gegen den Allmächtigen aufgelehnt haben! Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Luzifer hatte, nach menschlicher Logik (eine andere haben wir nicht), auch noch Recht mit seinem obstruktiven Verhalten. Diese „blasphemische“ Behauptung bedarf natürlich der Erklärung. Also: Gott erschuf die Welt. Dafür brauchte er, so steht es geschrieben, sechs Tage, wobei wir darüber hinwegsehen, dass es zu Beginn der Schöpfung noch keine Tage gab. Als erstes schuf Gott Himmel und Erde sowie das Licht. Es folgten das Meer, die Pflanzen, Sonne, Mond und die Sterne, Vögel und Wassertiere sowie „Vieh, wilde Tiere und alles, was auf dem Boden kriecht“. Am sechsten Tag schließlich sagte Gott, im Pluralis majestatis: „Nun wollen wir den Menschen machen, nach unserem Ebenbild“ (Gen 1,26). Und am siebten Tage schließlich, so steht es geschrieben, musste Gott ruhen (Gen 2,2-3). Das ist zwar sympathischer Unsinn, denn Gott muss niemals ruhen, er wird ja nicht müde wie unsereins. Gleichwohl soll er an diesem Ruhetag (Quelle des jüdischen Sabbats und des christlichen Sonntags) allen Engeln befohlen haben, sein neuestes Werk, eben den Menschen Adam, ehrfürchtig anzubeten! Nun hat der liebe Gott es gewiss nicht nötig, seine Gebote zu begründen. Und natürlich wissen wir auch nicht, was er sich dabei gedacht hat, den Engeln die Anbetung seiner Kreation „Adam“ zu befehlen – wobei wir offenbar der Irritation unterliegen, Gott funktioniere wie wir Menschen und „denke“ auch so ähnlich. Dabei ist es eher fraglich, dass Gott denkt, denn Denken bedeutet „überlegen“ und „abwägen“ – und impliziert den Irrtum. Ein allmächtiger, allwissender und souveräner Gott muss natürlich nicht „nachdenken“. Er weiß es. Wie auch immer: Nach der alten Schrift „Apokalypse des Moses“ (Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit) verlangte der Herr tatsächlich die Anbetung des Adam, den er gerade erst aus einem Klumpen Lehm geformt hatte. Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 38 Angesichts der Dramatik dieses Verlangens ist es wenig verwunderlich, dass Luzifer und andere (namenlose) Engel über diese neue Hackordnung im Himmel verstört und konsterniert waren. Sie, Gottes engste Weggefährten seit ewigen Zeiten, sollten diesen irdischen Adam anbeten, der aus dem Nichts kam und noch nichts geleistet hatte? Sie sollten ein neues Geschöpf aus Lehm als etwas akzeptieren, dass über ihnen stand? Nun, der Stellvertreter Gottes auf Erden in Rom wird auch bei solchen Fragen nicht verlegen: Es war demnach „die riesengroße Intelligenz“ Luzifers, die das Drama verursachte. Der oberste Engel habe „diese Demütigung nicht ertragen können“, sagte Papst Franziskus am 29. September 2014 bei der Frühmesse im Vatikan. Deshalb habe Luzifer „vielleicht aus Neid“ so reagiert… Wie man sieht, hat auch der Pontifex in heutiger Zeit keinerlei Interesse daran, die himmlischen Narrative ihres mythologischen Charakters zu berauben. Wir bleiben bei diesem tatsächlich ersten Sündenfall: Wie später die Menschen, mussten demnach auch die Engel lernen, dass Gottes Wege unergründlich sind. An dieser Stelle wird es aber (schon wieder) heikel, denn natürlich wusste der Allmächtige bereits vorher, dass Luzifer und Konsorten sich gegen ihn auflehnen würden. Gott weiß ja bekanntlich alles. Also muss ihm von Anfang an klar gewesen sein, dass sein Adam-Experiment scheitern würde. Aber warum hat er es dann trotzdem durchgezogen? Die Irritation wird noch größer wenn man bedenkt, dass das Verhalten der göttlichen Entourage nur aufgrund einer freien Willensentscheidung der Engel möglich geworden sein kann. Das würde zwangsläufig bedeuten, dass der Herr auch seine Engel mit einem freien Willen ausgestattet hätte! In Kenntnis dieser Problematik hat die Kirche vorgebaut und schreibt im Katechismus allen Ernstes, dass die „von Gott ihrer Natur nach gut geschaffenen Geister“ natürlich „in freier Entscheidung“ gehandelt hätten und demnach „durch sich selbst böse“ geworden seien. Im übrigen sei ihre Sünde so schlimm, dass sie „nicht vergeben werden“ könne. Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 39 Zwei Erzengel im existentiellen Kampf: Michael (oben) obsiegt über Luzifer und jagt den abtrünnigen Kollegen ins „Reich der Finsternis“. Fortan gilt der ehemalige Diener Gottes Luzifer als Inkarnation des Teufels, zuständig für alles Schlechte in der Welt. Puh, jetzt sollen wir also auch noch glauben, dass die Engel an allem schuld sind. Aber weshalb um Himmels Willen sollten Engel, die ausschließlich zu Gottes Ehren erschaffen wurden, einen freien Willen und menschliche Gefühle haben? Doch so muss die himmlische Skandalgeschichte tatsächlich verstanden werden, sonst wäre das spektakuläre Verhalten Luzifers nicht erklärbar. Es sei denn, Gott hat ausdrücklich gewollt, dass Luzifer so reagiert – und damit in die Hölle relegiert werden konnte, um dort fortan als „Satan“ sein Unwesen zu treiben. In dieser Konsequenz aber wäre die Erschaffung des Teufels von langer Hand vorbereitet gewesen! Und Gott hätte, noch bevor irgend ein Mensch existierte und sündigen konnte, schon die Voraussetzungen für all das Böse im Himmel, im Paradies und auf Erden geschaffen… Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 40 Zurück zur Bibel, doch es wird nicht besser, die Irritationen häufen sich noch: Gott hatte also in sechs Tagen die Welt erschaffen, die beiden ersten Menschen lebten glücklich und zufrieden im Paradies. Wenn diese Version der „Wahrheit“ entspricht, wie die Kirchen unverdrossen behaupten, dann drängen sich spannende Fragen auf: Wie alt waren eigentlich Adam und Eva, als Gott sie erschaffen hat? Kamen sie als „Erwachsene“ auf die Welt, als Menschen ohne Kindheit und emotionale Wärme? Konnten sie gleich sprechen, fanden sie sich sofort zurecht im Paradies? Und, da sie ja jung und offenbar geschlechtsreif waren: Hatten sie Sex miteinander? Wer diese Fragen naiv und lächerlich findet, hat das volle Verständnis des Autors. Doch, und das ist logisch nun mal nicht zu bestreiten: Wer diese Fragen nicht ernst nimmt, darf auch die Historizität der Urmenschen nicht ernst nehmen – und somit auch nicht den konstitutiven „Sündenfall“ mit all seinen theologischen Implikationen. Die Irritationen beruhen jedenfalls nicht nur auf der Schwierigkeit, die wie Kaffee und Milch vermischte Historie und Mythologie gedanklich wieder voneinander zu trennen. Sondern vor allem auf der Logik: Wenn es richtig ist, dass Gott die Allmacht in sich vereint, dann fragen wir uns natürlich, warum der gütige und barmherzige Gott dem kommenden Unheil sehenden Auges seinen Lauf ließ. Wenn Gott etwas (anderes) will, kann er es doch mit einem Fingerschnippen richten! Für ihn ist doch, wie er später auch Urvater Abraham vor dessen Zelt in Mamre sagen sollte, „nichts unmöglich“ (1. Mos 18)! Warum also hat er auf das gerade erst installierte Paradies verzichtet und zugelassen, dass der Teufel in Gestalt einer Schlange ins Paradies schleichen konnte, um die naiven Eva und Adam zu etwas zu verleiten, was sie gar nicht kannten: die Sünde? Mussten die beiden ersten Menschen extra animiert werden, eine Sünde zu begehen? Und wo war der Herr, als die Schlange sich an die naive Eva heran machte? Saß er im Himmel auf seinem Thron und schaute sich das despektierliche Treiben konsterniert an? Die Fragen sind deswegen erlaubt, weil der Herrgott nach dem Sündenfall laut Bibel ja sofort zur Stelle war und scheinbar ahnungslos fragte: „Wo bist du, Adam?“ Und nachdem er die Sünder zusammengestaucht hatte, nähte der Herr sogar eigenhändig Felle für die Nackten zusammen (1. Mos 3,21). Aber wo kamen diese Felle plötzlich her? Mussten dafür vorher (von wem?) Tiere geschlachtet werden? Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 41 Man mag über solche Fragen schmunzeln. Man darf (oder muss) auch über Adam und Eva schmunzeln. Sie eben nicht ernst nehmen und in der Mythos-Schublade ablegen. Aber dann müsste man, nach den Gesetzen der Logik, auch die Bibel nicht für voll nehmen, denn dieses unentwirrbare Knäuel aus jüdischer Geschichte, polytheistischen Erzählungen, alten Mythen, Märchen und Legenden ist ein komplettes Kompendium naiver Narrative. Doch offiziell über die Bibel schmunzeln darf man nicht, denn auf diesen Überlieferungen steht das theologische Fundament, das die christlichen Kirchen seit nunmehr zwei Jahrtausenden durch alle Stürme der Skepsis und Häresie trägt. Aus dieser unglaublichen Schöpfungsgeschichte konstruierten Schriftgelehrte, Propheten, Philosophen und Kirchenväter ja auch das Diktum und die Dogmen der Hölle, der Erbsünde und Gnadenlehre. Diese makabren Lehren, die in der Folgezeit auf eine furchtbare Weise ernst genommen werden sollten, befrachten nach christlicher Lehre alle (!) Menschen von ihrer Geburt an mit einer von Gott gegebenen Grund-Schuld. Das klingt (und ist!) so grotesk, dass wir es hier wiederholen müssen: Offizielle Lehre der christlichen Kirche ist es, dass jeder Mensch, der lebend zur Welt kommt, ob Christ, Moslem oder Buddhist, ob gesund oder (körperlich/geistig) krank, dass also jeder mit einer Erbsünde behaftet ist, die ihn schnurstracks in die ewige Hölle führt – wenn er nicht vorher durch die Taufe „errettet“ wird. Für diese düstere Drohung haben die Kirchenväter eine abenteuerliche Begründung ersonnen, die bis heute gültig ist: Weil Adam als Urvater aller Menschen gesündigt habe, seien auch alle seine Nachfahren sündig. Selbst unschuldige Babys, sagt der Heilige Augustinus (was die „Internationale Theologische Kommission“ heute relativiert). Diese Schuld werde vererbt und quasi durch den Samen des Mannes in den Schoß der Frau appliziert und so auf jeden neuen Erdenbürger „automatisch“ übertragen! Erlösung von diesem schrecklichen Übel sei nur möglich durch die Taufe der heiligen Kirche und durch den Opfertod des Herrn Jesus Christus. Aber hier lauert schon die nächste Falle: Denn wer nicht zugleich auch von Gottes Gnade beseelt sei, so legte der heilige Augustinus noch einen drauf, der verbleibe trotzdem im Stande der Sünde und könne nicht erlöst werden (siehe auch Kapitel 11). Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 42 Wer bei solchen Sätzen nun glaubt, hier sei jemand nicht ganz bei Trost, der irrt. Solch ein Humbug ist nicht nur möglich, er gehört zur soteriologischen Substanz des christlichen Glaubens, zu den Grundprinzipien des Christentums! Auf dem Konzil von Trient wurde diese Lehre im Decretum de Peccato originali auf der 5. Sitzung am 17. April 1546 nicht nur bekräftigt, sondern deren Leugnung auch noch mit dem Bann belegt: Wer also behauptet, die These von der Erbsünde sei menschlicher Wirrnis entsprungener Unsinn, der wird von der Kirche offiziell verdammt. Auch dies kein Witz, sondern bitterer Ernst, der bis heute gültig ist. Nachzulesen in der Dokumentensammlung Der Glaube der Kirche von Neuner-Roos, redigiert von dem berühmten deutschen Theologen Karl Rahner (Verlag Friedrich Pustet, Regensburg). Die groteske Lehre von der Erbsünde fand also Eingang in den Kanon der Kirche. Päpste und Bischöfe, Priester und Laien haben sie adaptiert. Über Jahrtausende hinweg wurde der (vom Apostel Paulus im Römerbrief vorgeprägte) Aberwitz des Augustinus als offizielle Lehre der Christenheit in Schulen und Universitäten gelehrt und in Kirchen und Klöstern verkündet. Noch 1950 hat Papst Pius XII in seiner Enzyklika Humani generis darauf bestanden, dass die Erbsünde erklärbar sei durch den „Monogenismus“ (alle Menschen stammen von einem Menschenpaar ab). Der Glaube an die Erbsünde hat die gesamte Theologie der Christenheit geprägt und Milliarden von Menschen in Angst und Schrecken versetzt sowie in Kummer und Verzweiflung gestürzt: Sie waren ja schuldig, mussten sich schuldig fühlen – obwohl sie sich einer Schuld oft gar nicht bewusst waren! Obwohl sie treu und sittsam gemäß der Glaubenslehre gelebt, sich an alle auferlegten Regeln gehalten und unentwegt gebetet haben! Und damit sind wir beim eigentlichen Kern der biblischen Erzählung. Wer die Schöpfungsgeschichte aufmerksam reflektiert, kommt zu einer interessanten Schlussfolgerung: Es geht in den Heiligen Schriften (vor allem) um den Gehorsam! Das Alte Testament ist nicht nur als antike Gottes- und Welterklärung zu verstehen, sondern war und ist auch Mittel zum Zweck. Bekanntlich wurden die fünf Bücher Mose von Schriftgelehrten und Priestern verfasst, von hochgestellten Persönlichkeiten, die über die damals seltenen Fähigkeiten des Lesens und Schreibens verfügten – und oftmals Ratgeber und Komplizen der Mächtigen waren. Diese Machtelite hatte ein bestimmtes Interesse, das Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 43 gleiche Interesse, das auch heutige Regenten haben: sie billigten sich selbst die Deutungshoheit in allen wesentlichen Fragen zu, und das Volk sollte dies akzeptieren – und gehorchen. Die abenteuerliche Geschichte von Adam und Eva ist deshalb nicht nur ein fundamentaler Baustein für den Schöpfungsmythos der Bibel, sondern auch die Basis für ein bis heute gültiges Prinzip: Das Prinzip des Gehorsams. Insbesondere die Hebräer/Israeliten/Israelis (aber auch die Christen) haben diesem Prinzip gehuldigt, was sich besonders gut ablesen lässt im Gesetzesgehorsam der Juden, der sich in den Verhaltens-, Reinheits- und Speisevorschriften artikuliert. Das Schicksal von Adam und Eva wurde auch entworfen, um den Menschen zu zeigen was ihnen blüht, wenn sie sich gegen göttliche Autoritäten (und ihre irdischen Vertreter!) auflehnen. Sie sollten anhand eines praktischen Strafenkalenders sehen und spüren, was demjenigen passiert, der sich Gottes Vorgaben verweigert. So konnte der Sündenfall zur idealen Projektionsfläche für die erste Ideologie der Menschheitsgeschichte werden: der Ideologie des Gehorsams, die auf dem Prinzip „Angst“ beruht. Dieses Prinzip hat die Zeiten überdauert, es gilt – abgeschwächt – noch immer, gerade auch in der römisch-katholischen Kirche, die sich zur größten, reichsten und mächtigsten Kirche der Welt entwickelt hat. Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 44 Wie kam das Böse in die Welt? Vom Mörder Kain und und seinem Bruder Abel Mit der Erschaffung von Adam und Eva hatte Gott, man kann es nicht anders nennen, sein erstes großes Projekt auf der Erde in den Sand gesetzt. Ursprünglich wollte er ja ein dauerhaftes Paradies schaffen, in dem die neuen Menschen als sein „Ebenbild“ in Frieden und im Einvernehmen mit der göttlichen Natur leben sollten. Doch aus dem Plan wurde nichts: Seine eigenen Geschöpfe machten dem Herrn mit ihrer Konkupiszenz (Begierde, Sündhaftigkeit) einen Strich durch die Rechnung. Was sich nachgerade abenteuerlich anhört, nämlich dass die Geschöpfe agieren und der Schöpfer reagiert, provoziert indes elementare Fragen: Kann der Allmächtige etwa, wenn er etwas ernsthaft will, seine Pläne nicht problemlos durchsetzen? Oder wie sonst sollte es möglich sein, dass der Herrgott mit seinem kosmisch-irdischen Projekt an zwei kleinen Menschenkindern scheitert, die er selbst geschaffen hat – und zwar so geschaffen hat, wie er sie haben wollte? Solche Fragen liegen – nimmt man die Bibel ernst – auf der Hand. Und abermals muss irritieren, dass sie in der theologischen Diskussion nicht ernsthaft gestellt und wenn überhaupt, nur unzureichend beantwortet werden. Ungeachtet dessen sollte es in der Bibel noch viel schlimmer kommen: Denn Gott, beziehungsweise der von ihm geschaffene „Teufel“ (siehe auch: Das Buch Hiob), hatte im Dunstkreis der Schöpfung das Böse in die Welt gesetzt – und ließ es von Anfang an voll zur Geltung kommen! Mit der Vertreibung aus dem Paradies war auch das Erwachen der Sexualität verbunden, die zu einem der größten Ärgernisse und Problemfelder des (christlichen) Glaubens überhaupt werden sollte. Wir kommen noch darauf zurück (Kapitel 14). Um sich zu mehren, wie Gott es angeordnet hatte, mussten Adam und seine Nachkommen jedenfalls ihre Frau/en „erkennen“, wie die Bibel den frühen Sexus Kapitel 4 45 schamhaft nennt. Offensichtlich war der Geschlechtsverkehr für die ersten Menschen aber noch nicht mit den Problemen und Schuldgefühlen belastet, mit denen Priester und Theologen ihn später befrachten sollten. Denn nach der kreationistischen Glaubenslehre, die eine Realität der biblischen Geschichte nicht nur unterstellt, sondern ausdrücklich behauptet, kann der Start der Menschheit ja nur aufgrund permanenter Inzucht gelungen sein. Glaubt man den alten Schriften, dann müssen sich Adams und Evas Kinder gegenseitig befruchtet haben. Wir müssen also glauben, dass damals offenbar nicht so schlimm war, was heute als Straftat gilt. Jenseits dieses pikanten Aspekts kam es gleich zu Beginn der biblischen Entwicklung zu einem dramatischen Zwischenfall, der als erster „Mord“ in die Geschichte der Menschheit eingehen sollte. Auch hier spielt der barmherzige Gott, der aktiv in das Geschehen eingreift, eine entscheidende – und fragwürdige Rolle. Der Allmächtige schenkte nämlich, wie er es später auch mit den Zwillingen Esau und Jakob machen sollte, seine Liebe und Zuneigung nur einem der beiden Kinder von Adam und Eva. Nämlich dem jüngeren Abel. Dem erstgeborenen Kain gegenüber war er aus unerfindlichen Gründen kritisch eingestellt, seine Leistungen würdigte er geringer. In Gen 4, 3-5 wird dies klar dargestellt. Demnach brachten Kain und Abel dem Herrn jeweils ein Opfer dar – aber der gütige und barmherzige Gott beachtete nur dasjenige seines Lieblings Abel. „Kain und sein Opfer schaute er nicht an“, heißt es in der Bibel. Zu allem Überfluss ließ der Herr nicht einmal zu, dass der Zurückgesetzte darüber enttäuscht war: „Warum wirst du zornig?“ fragte er Kain vorwurfsvoll, „warum brütest du vor dich hin?“ Eine merkwürdige Frage für einen allwissenden Gott, der den Menschen genau so erschaffen hatte: mit der angeborenen Sehnsucht nach Anerkennung, mit einem instinktiven Gefühl für Gerechtigkeit, nach Gleichbehandlung eben. Und so weckte der Allmächtige mit seinem einseitigen Verhalten Reflexe im Wesen der Menschen, die diese bis dahin gar nicht kannten: Neid, Frust und Enttäuschung, das gallige Gefühl der Zurücksetzung. Es ist, wenn man so will, die erste „offizielle“, von Gott selbst provozierte Ungerechtigkeit, die erste Diskriminierung in der Geschichte der noch jungen Welt. Sie endete überaus tragisch, denn Kain erschlug anschließend seinen Bruder Abel. Aber warum tat er das? Aus „freiem Willen“? Weil er Kapitel 4 Wie kam das Böse in die Welt? 46 „böse“ war? Aus einem genetisch veranlagten Impuls heraus, einer Kurzschlusshandlung? Noch mehr als bei Adam und Eva, die sich zum „Bösen“ ja verführen ließen, stellt sich hier die grundsätzliche Frage, wer für das Böse bei Kain verantwortlich ist. Ist er als „schlechter Mensch“ auf die Welt gekommen (und wenn ja, warum)? War seine Veranlagung zur Gewalt nur bloßer Zufall? Oder, und an dieser Stelle wird es richtig pikant: War es etwa die (später von Augustinus erfundene) Prädestination, also die Vorsehung, die Kain so handeln ließ? Wenn Letzteres zuträfe, dann hätte Gott ja alles so gewollt… Wir wollen an dieser kritischen Stelle aber nicht zynisch werden, sondern nehmen das biblische Wort Gottes weiter ernst – und müssen irritiert feststellen, dass das merkwürdige Verhalten des Allmächtigen andauert. Abermals tut Gott so, als wüsste er nicht, was passiert ist: „Wo ist dein Bruder Abel?“, fragt er den Sünder. Und Kain spricht den denkwürdigen Satz, der bis heute alle Zeiten überdauert hat: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Ein Geschenk des Himmels für alle späteren Exegeten und Kirchenlehrer, denn so sollte es sein, so wollte man es haben. Nun konnte die bitterböse Geschichte von Kain und Abel in der gewünschten Form gedeutet werden, dass nämlich die billige Entschuldigung Kains nicht als Paradigma taugt: „Ja“, so werden es Päpste, Bischöfe und andere Seelsorger jahrtausendelang von der Kanzel predigen, „du bist der Hüter deines Bruders!“ Schließlich „sind wir alle Brüder (und Schwestern) im Herrn“ und entstammen alle demselben Elternpaar, nämlich Adam und Eva. Ob den Gläubigen dabei auch klar wird, dass die Bibel hier vom eigentlichen Thema geschickt ablenkt? Nämlich von der verstörenden Frage, warum Gott Kains Opfer in diskriminierender Art ignoriert und damit die emotionale Reaktion des Täters erst auslöst. In dieser Frage lauert auch das eigentliche Meta- und Mega-Thema der Religion, eine Frage, die des Schöpfers Göttlichkeit ganz wesentlich charakterisiert: Gerechtigkeit! Die Frage der Gerechtigkeit ist das A und O jeder Religion. Wenn Ungerechtigkeit „ungöttlich“ und der Ursprung des Bösen ist, warum war Gott dann ungerecht gegenüber Kain? Man stelle sich vor, eine liebende, treusorgende Mutter bewertet die Geschenke oder selbstgemalten Bilder ihrer Kinder ungleich – und betrübt durch Missachtung zutiefst eines der Kinder, das es genau so gut gemeint hat wie das andere. Würden wir solch ein Verhalten als „richtig“ empfin- Vom Mörder Kain und und seinem Bruder Abel 47 den? Und wenn die Antwort „nein“ heißt, was bedeutet das dann für das Verhalten Gottes gegenüber Kain? Mit dieser Geste Gottes kam das Böse in die Welt: Der Herr würdigt nur das Opfer seines Lieblings Abel, was dessen Bruder Kain präsentiert, nimmt der Allmächtige nicht zur Kenntnis. Mit der (grundlosen) Missachtung und Benachteiligung Kains begann die Geschichte der Diskriminierung. Bis heute versuchen Theologen, das unverständliche Handeln Gottes (um-) zu deuten. Nun, die Kain-und-Abel-Erzählung soll ja, so wünscht es die Kirche, als Parabel verstanden werden, um potenziellen Sündern – also uns allen – sinnbildlich die Konsequenz für falsches Verhalten vor Augen zu führen. Das Vorgehen des Herrn, der einseitig Partei ergreift, gilt dabei als nebensächlich: Gott darf sich ja so verhalten, er ist niemandem Rechenschaft schuldig. Deshalb spielt auch das weitere Prozedere in diesem ersten Kriminalfall der Geschichte keine große Rolle: Gott bestraft und schützt(!) den Sünder mit dem „Kainsmal“. Dieses Zeichen auf der Kapitel 4 Wie kam das Böse in die Welt? 48 Stirn sollte (nach Gen 4,15) allen Menschen zeigen, dass Kain nicht zur Rechenschaft gezogen werden durfte, sondern „unter dem Schutz des Herrn“ stand. Der Grund dafür ist auch diesmal nicht ersichtlich, denn tatsächlich war das göttliche Mal vor allem eins: eine Stigmatisierung. Zwar wurde Kain laut Bibel nach seinem Fehlverhalten des Feldes verwiesen und musste „als heimatloser Flüchtling umherirren“. Aber er durfte für seine Tat nicht getötet werden, genau dafür sollte das Kainsmal sorgen. Bloß: Vor wem sollte ihn das Kainsmal eigentlich schützen? Kain und Abel waren doch die ersten Kinder der ersten Menschen! An dieser Stelle machen wir einen kurze Pause mit der analytischen Exegese im Literalsinn und wenden uns einer „offiziellen“ Exegese zu. Der Berliner Theologe und Pfarrer Claus Westermann (1909-2000) hat über die Schöpfungsgeschichte – wie viele andere Theologen – ein ganzes Buch geschrieben (Genesis 1-11, WBG), in dem der Kain-und-Abel-Komplex eine bedeutende Passage einnimmt. Das entsprechende Kapitel dazu beginnt mit folgendem Satz: „Bei keinem der Texte der biblischen Urgeschichte zeigen sich so tiefe Gegensätze in der Geschichte der Auslegung wie in Gen 4,2 – 16.“ Übersetzt heißt das, die Experten sind sich nicht einig. Auch nicht nach 2000jährigem Brüten über den Schriften, die als „heilig“ und „von Gott inspiriert“ gelten. Es gibt laut Westermann die „individuelle Deutung“, dabei wird der Fall der Brüder Kain und Abel „naiv-historisch“ verstanden, so wie es jahrhundertelang üblich war in der jüdischen, hellenistischen, christlichen und islamischen Literatur. Dabei geht es vor allem um die „heilsgeschichtliche Deutung“: Nämlich um Kain als Synonym des Bösen, und Abel als den frommen Märtyrer, dessen Linie „bis hin zu Jesus Christus“ führe. Alternativ gibt es die „kollektive Deutung“. Dabei kommen die Exegeten zu dem Schluss, dass die Kain-und-Abel-Erzählung vor allem „die Entstehung und Eigenarten des Nomadenstammes der Keniter erklären“ soll. Die Umstände, wonach die Tat in der Bibel als Brudermord bezeichnet werde, beruhe auf dem geläufigen Bild zwischen Bauern und Beduinen, die man damals „Bruderschaft“ genannt habe. Und das Kainsmal sei dabei als „Stammeszeichen“ zu verstehen. Schließlich gibt es noch die „konventionelle Deutung“: Hierbei wird die Kain-Abel-Erzählung nicht als Fortsetzung von Genesis 2-3 Vom Mörder Kain und und seinem Bruder Abel 49 verstanden, sondern als eigenständige Geschichte aus der Urzeit, als schon weit mehr als nur vier Menschen auf der Erde lebten. Zusätzlich gibt es weitere Mischformen der Deutung, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen. Jedenfalls kommt der erwähnte Pfarrer Westermann am Schluss seiner exegetischen Ausführungen zu der wahrhaftig beeindruckenden Erkenntnis, dass „zum Menschsein auch das Brudersein“ gehört und dass „der Mensch nicht nur Adam und Eva, sondern auch Kain und Abel ist“… Nun, wenn eine solche Logik die Schlussfolgerung eines renommierten Theologen ist, dann bleiben wir lieber bei der naiv-wörtlichen Auslegung. Zumal die Genesis ja im ursprünglichen Literalsinn konstitutiv ist für den jüdischen und damit christlichen Glauben. Im internationalen Standardwerk Old Testament Survey von LaSor, Hubbard und Bush (deutsch von Helmuth Egelkraut: Das Alte Testament, Brunnen Verlag, Gießen) heißt es dazu: „Das erste Buch der Bibel offenbart Ursprung und Entstehung aller Dinge, des Kosmos wie der Menschheit, die Anfänge Israels und der Heilsgeschichte und ist damit grundlegend für den Glauben von Juden und Christen“. Zwar wird von den amerikanischen Theologen und ihrem deutschen Kollegen nicht bestritten, dass es zur biblischen Urgeschichte „altorientalische Parallelen“ gebe (gemeint sind Enuma Elisch, der babylonische Schöpfungsmythos und das berühmte Gilgamesch-Epos), doch diese Möglichkeit wird sogleich wieder relativiert: Dadurch, dass man das religionsgeschichtliche Vergleichsmaterial zur Kenntnis nehme, würden „Realität, Ereignischarakter und Einmaligkeit der Darstellung (in der Bibel) nicht infrage gestellt“, stellen die gottesfürchtigen Autoren unmissverständlich fest. Es bestehe „kein Anlass, diese Kapitel als Mythen zu verstehen“. Exkurs: Göttliche Diskriminierung, menschlicher Rassismus Der Rassismus, also die vorsätzliche Diskriminierung bestimmter Menschen oder Gruppen (Ethnien), ist eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit. Er ist universell und offenbar nicht ausrottbar, die Gründe dafür müssen an anderer Stelle erörtert werden. Was an dem Thema aber in beeindruckender Weise spannend ist, zeigt schon eine simple Frage: Warum diskriminieren Menschen in allen Kulturen Menschen aus anderen Kulturen? Ist diese Attitüde angeboren, also ge- Kapitel 4 Wie kam das Böse in die Welt? 50 netisch bedingt? Und warum ist kein Kraut gegen Rassismus und Diskriminierung gewachsen? Oder theologisch: Warum lässt Gott das zu? Nun haben wir in Kapitel 4 gerade erfahren, dass der Herr höchstselbst der erste offizielle Diskriminierer der (biblischen) Geschichte war und damit ein schlechtes Vorbild gegeben hat. Auch wenn sich die Experten deshalb noch so sehr bemühen und die Worte drechseln: Es wird ihnen nicht gelingen, das Verhalten des Allmächtigen auch nur halbwegs sinnvoll zu erklären. Leichter gelingt das (weltlichen) Experten gewiss bei der Frage, warum Menschen noch heute unentwegt, privat und am Arbeitsplatz, im In- oder Ausland, ob männlich oder weiblich, massiv diskriminiert werden. Zu diesem globalen Phänomen gibt es jede Menge Literatur – und eine brandneue Studie über den spannenden Teilaspekt der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt (Koopmans/Veit/Yemane: Ethnische Hierarchien in der Bewerberwahl: Ein Feldexperiment, WZB-Discussion, Mai 2018). Die Autoren kommen dabei zu der Erkenntnis, dass vor allem die Arbeitsmarkt-Diskriminierung (aber auch andere Formen des Rassismus) ziemlich eindeutig religiöse Ursachen hat. Die Ergebnisse der Studie belegen demnach klar, dass oftmals der muslimische Hintergrund der Bewerber für einen Arbeitsplatz dazu führt, bereits im Vorauswahlverfahren zu scheitern. Kommt zu dem Kriterium Religion noch die ethnologische Herkunft hinzu (schwarzer Phänotyp), dann hat der Berwerber im christlichen Abendland kaum noch Chancen, sich gegen „weiße“ und „christliche“ Mitbewerber durchzusetzen. Ähnliche Ergebnisse gibt es in anderen Studien bezüglich der Partnerwahl oder bei der Suche nach einer Wohnung. Auch wenn diese Erkenntnisse nicht überraschend sind, so wird leider viel zu selten nach den Ursachen der Diskriminierung geforscht: Warum trifft es so oft Muslime, die auf Ablehnung stoßen? Warum hat etwa der asiatische Phänotyp diesbezüglich deutlich weniger Probleme? Weil er seine (taoistische, hinduistische, buddhistische o.a.) Religion nicht so demonstrativ praktiziert wie ein Muslim? Weil die kulturhistsorischen Einflüsse der asiatischen Religionen in Europa weitaus weniger zum Tragen kommen? Oder kann es auch daran liegen, dass der Islam aus politisch-historischen Gründen (die Türken vor Wien, die Araber in Cordoba) und aufgrund seiner illiberalen, reaktionären Tradition („göttliches“ Scharia-Recht, Diskriminierung von Vom Mörder Kain und und seinem Bruder Abel 51 Frauen und Minderheiten, religiöse Intoleranz) auf die Ablehnung christlich sozialisierter Europäer stößt? Kapitel 4 Wie kam das Böse in die Welt? 52 Das Versagen des Allmächtigen Die Sintflut und der liebe Gott Das dritte Versagen Gottes, noch in der Anfangsphase der biblischen Menschheit, ist von solch gravierender Natur, dass es einen fröstelt: Der Allmächtige zertrümmert voller Zorn sein eigenes Schöpfungswerk, das er als grässlich misslungen erkannt hat. Gott ersäuft die Menschheit, mitsamt der Tierwelt! Und gewährt dabei – einmal notgedrungen, einmal bewusst – zwei Ausnahmen: die Meerestiere, die ja nicht ertrinken können; und die Familie Noah. Wir werden noch sehen, dass die Exegeten selbst für diese alles in den Schatten stellende Apokalypse eine Erklärung haben. Und wenn die Gläubigen oder andere Kritiker trotzdem Probleme mit dem Verständnis der alten Schriften äußern, bemüht die Kirche gern das Geheimnis des Glaubens. Intellektuell ergibt sich aus dem Geheimnis des Glaubens jedoch ein gravierendes Problem: Das, was wir nicht verstehen (können), sollen wir trotzdem glauben. Eine Anforderung, die besonders schwer zu erfüllen ist, nicht nur für den modernen Menschen in heutiger Zeit. Schon vor 1000 Jahren schwante klugen Leuten, dass die Widersprüche der christlichen Lehre gelegentlich die Grenze der Zumutbarkeit überschreiten. So wandten sich Studenten des berühmten Religionsphilosophen Petrus Abaelard (1079-1142) mit einer flehentlichen Eingabe an ihren Professor in Paris: „Wie soll man denn glauben, was man nicht verstehen kann?“, fragten die kritischen Jungakademiker. Es sei doch „lächerlich“, wenn ein Priester etwas predige, „was weder er selbst, noch jene, die er belehrt, mit dem Verstande fassen können“. (Petrus Abaelard: Briefwechsel mit Heloisa). Die Bibel, insbesondere das Alte Testament, hat zahlreiche solch irritierender Momente parat, und gleich zu Beginn der Schöpfungsgeschichte geht es, wie oben erwähnt, besonders krass zu. Schon nach wenigen Generationen, denen immerhin ein langes Leben geschenkt Kapitel 5 53 wurde (Adam wurde laut Genesis rund 930 Jahre alt!), geriet das Leben auf Gottes schöner Erde völlig aus dem Ruder. Als die Menschen anfingen, sich zu vermehren und wie gefordert über die Erde auszubreiten (Gen 6,1-2), geschah plötzlich Unglaubliches: Leibhaftige Engel des Herrn, in der Bibel Gottessöhne genannt, begehrten „die schönen Töchter der Menschen“ – und konnten oder wollten sich ihrer Triebhaftigkeit und Fleischeslust nicht erwehren. Die Frage ist, wo sie diese irdisch-profane Triebhaftigkeit und Sinneslust plötzlich her hatten? Waren sie als engelhafte Wesen nicht Gottes (erste) Geschöpfe, erschaffen in Reinheit nur zur Ehre des Allmächtigen? Wie dem auch sei: Die charakterschwachen Engel schwebten also zur Erde hinab, schnappten sich die hübschesten Mädchen und zeugten mit ihnen Kinder – die dann, offenbar zur Strafe, zu Riesen heranwuchsen. Und als der Herr mit jähem Entsetzen feststellen musste, dass ihm seine Geschöpfe völlig außer Kontrolle geraten waren und er ihr Denken und Handeln als „durch und durch böse“ (Gen 6,5) erkannte, da reute es ihn, dass er sie geschaffen hatte. Und sagte, so steht es wörtlich in der Bibel: „Ich will die Menschen wieder ausrotten!“. Gott fügte hinzu, was ziemlich enttäuscht und nach dem Eingeständnis des eigenen Versagens klingt: „Es wäre besser gewesen, wenn ich sie gar nicht erst erschaffen hätte!“ (Gen 6,7). Hallo? Hören wir richtig, lesen wir hier richtig? Gott ist resignativ und naiv? Er gibt offen zu, (abermals) gescheitert zu sein? Der Vollkommenste, Allerheiligste und Allermächtigste hat es nicht hinbekommen, „vernünftige“ und „gute“ Menschen zu schaffen? Aber wie sollte das möglich sein? Gott kann doch alles – wenn er will. Warum sollte er dann nicht die perfekte Umsetzung einer perfekten Idee gewollt haben? Und warum sagen uns die schlauen Bibelerklärer nicht, wie es zu diesem dramatischen Missverständnis auf höchster Instanz kommen konnte? Gott kapituliert vor seinem eigenen Werk und geht, mit dem brutalsten aller Mittel, zurück auf Los? Es ist die furchtbare Sintflut-Geschichte, die eigentlich alle Gläubigen sprachlos machen und an Gottes „Barmherzigkeit“ zweifeln lassen müsste. Sie geht so: Noah ist ein frommer Mann, Nachfolger Adams in der zehnten Generation. Er hat im Alter von 500 Jahren (!) drei Söhne gezeugt: Sem, Ham und Jafet. Wie alt seine Frau(en) zu diesem Zeitpunkt waren, sagt uns die Bibel nicht. Dieser Noah aus einem unbe- Kapitel 5 Das Versagen des Allmächtigen 54 kannten Ort im alten Orient soll aber der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde gewesen sein, „an dem der Herr Freude hatte“ (Gen 6,8). Und weil Gott, wohin er blickte, „nur Unrecht und Gewalt“ sah, machte er kurzen Prozess und beschloss wie oben erwähnt, „alle Menschen zu vernichten“ – außer Noah und seiner Familie, die brauchte er ja noch. Eine atemberaubende Art, Fehlentwicklungen zu korrigieren. An dieser Stelle sei im Interesse gutgläubiger Juden und Christen erwähnt, dass die Sintflut-Erzählung natürlich kein historisches Ereignis ist! Es gab zwar in der Geschichte immer mal wieder verheerende Überschwemmungen, bei denen Mensch, Tier und die Ernte tatsächlich vernichtet wurden. Doch die biblische Sintflut ist Fiktion. Eine schlimme Fiktion aber, denn sie wird in der „Heiligen Schrift“ transponiert bis heute und steht als Paradigma für „göttliches“ Handeln. Damit ist sie in eine andere Kategorie einzuordnen als die mesopotamischen Sintflut-Legenden. Bis heute gilt die Arche Noah als Sinnbild der (rettenden) Güte Gottes. Ein Ort, an dem man sich aufgehoben fühlen darf. Die groteske Kehrseite der Medaille – die Vernichtung allen Lebens auf der Welt durch den Schöpfer persönlich – wird meist ausgeblendet. Alter Stich von einem unbekannten Künstler. Die Sintflut und der liebe Gott 55 Wir bleiben bei der Bibel: Noah tat also wie geheißen. Er baute eine Arche, nahm von allen Tieren ein Männchen und ein Weibchen sowie genug Nahrung für alle, und wartete auf den großen Regen. Wir wollen an dieser Stelle nicht die alberne Frage aufwerfen, wie es der damals 600 Jahre alte Noah geschafft haben mag, alle (?) Tierarten ausfindig zu machen und nach einer Geschlechtsprüfung, die bei manchen Gattungen wahrlich ein geschultes Auge erfordert, auf sein Schiff einzuladen. Wir fragen auch nicht danach, wie er alle Vögel fangen konnte (und die Insekten?), wie brav die Bären und Löwen aufs Schiff getrottet sind oder wie die afrikanischen Elefanten und Giraffen so schnell nach Mesopotamien kamen. Erst recht fragen wir nicht danach, warum Gott alle Tiere „zu Lande und in der Luft“ töten wollte (die ja völlig schuldlos waren) – die Fische und anderes Wassergetier aber nicht. Jedenfalls kam die große Flut (die wir bereits aus dem Athrahasis-Mythos und dem Gilgamesch-Epos kennen) über die Erde und vernichtete wie angekündigt „alles Leben“. An dieser Stelle der kurze Hinweis, dass es (auch) in Genesis 6–9 zwei Erzählstränge gibt, die sich teilweise widersprechen und auch sonst nicht logisch sind. Jedenfalls soll es nach dem einen 40 Tage lang in Strömen geregnet haben, nach dem anderen dauerte es insgesamt ein Jahr, bis das Leben auf der Erde wieder normalisierte. Und abermals scheuten sich die antiken Autoren der biblischen Geschichten nicht, den grausamen Herrn im Himmel nach dieser bewusst herbeigeführten Katastrophe in einem außerordentlich milden Licht erscheinen zu lassen: Denn als Noah aus Dank für die Rettung ein Brandopfer darbrachte, „freute sich der Herr über den Duft und sprach zu sich selbst: Ich will die Erde nicht noch einmal bestrafen und alles Leben ausrotten, nur weil die Menschen so schlecht sind. Ihr Denken und Tun ist nun einmal böse von Jugend auf!“ (Gen 8,21). Es war schon immer interessant, wie Theologen und Religionswissenschaftler gewisse Bibelstellen interpretieren. Die schiere Menge der Deutungen und des Umfangs der Literatur dazu sprengen aber jeden Versuch, sich auch nur einen kleinen Überblick zu verschaffen. Der schon im Kapitel zuvor erwähnte Theologe Westermann zitiert in seinem Buch Genesis 1-11 Dutzende seiner Kollegen, die in der Sintflut- Geschichte nicht ein einmaliges Erlebnis historischer Dimension erkennen, sondern „das Widerspiegeln der Erfahrung totaler Bedroht- Kapitel 5 Das Versagen des Allmächtigen 56 heit der menschlichen Existenz“. Zugleich sagt Westermann, in der theologischen Deutung des Flutgerichts stehe die Forschung „erst am Anfang“. Trotzdem wagt der fromme Mann eine eigene Interpretation und sieht den ursprünglichen Sinn der Sintflut „in der Rettung der Menschheit“, für die Noah sinnbildlich stehe. Der Schöpfer sei zugleich der Bewahrende, zum Schöpfungsgeschehen trete hier „das Bewahrtwerden des Menschen“. Ja gewiss, so kann man das auch sehen… Zurück zum biblischen Noah und einem interessanten Nebenaspekt. Dem ersten Anschein nach ist es nur eine Randnotiz, wenn Gottesliebling Noah nach der Sintflut wieder in den Alltag zurückkehrt und im Schweiße seines Angesichts seinen Lebensunterhalt als Ackerbauer verdient. Doch der folgende Vorgang ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die „Heilige Schrift“ für die Gläubigen immer wieder neue Zumutungen parat hält: Denn der gottesfürchtige Noah verflucht auf einmal seinen Enkel Kanaan. Zu jener Zeit eine schlimme Strafe, die einer Verbannung aus der Familie gleichkam. Aber: der kleine Kanaan hatte gar nichts angestellt! Es war dessen Vater Ham (Noahs zweiter Sohn), der sich angeblich daneben benommen hatte. Doch Ham bleibt aus unerfindlichen Gründen von einer Strafe verschont. Warum? Noah war wie gesagt ein Bauer, der nach Angaben der Bibel auch den Wein erfunden hat. Er war „der erste, der einen Weinberg anlegte“ (Gen 9,20). Eines Tages nahm er offenbar einen Schluck zuviel von dem vergorenen Rebensaft. Beschwipst entledigte sich der Kleider und schlief im Zelt seinen Rausch aus. Dort fand ihn Sohn Ham entblößt liegen und erzählte dies seinen Brüdern Sem und Jafet. Doch das hätte er besser nicht getan, angeblich war es strikt verboten, den Vater nackt zu sehen. Als Noah wieder nüchtern war und den peinlichen Sachverhalt erfuhr, wurde er zornig und verhängte den eben erwähnten „Fluch über Kanaan“ (Gen 9,25). Warum der kleine Enkelsohn für eine Sünde seines Vaters büßen musste und zum „letzten Knecht“ degradiert wurde, wird nicht gesagt. Die Stuttgarter Erklärbibel hat dafür eine seltsame Erklärung: Hinter dieser Familienszene würden „Völkerschicksale sichtbar“. Sem stehe „für Israel“, Ham „für (das Land) Kanaan“. Wofür Jafet stehen soll, wissen die Experten nicht. Und schreiben, die Sache mit Jafet bleibe eben „rätselhaft“… Rätselhaft ist nach Ansicht des Midrasch (die professionelle Auslegung religiöser Texte im Judentum) aber etwas ganz anderes: nämlich Die Sintflut und der liebe Gott 57 der Grund für die biblische Verfälschung der Noah-Legende. Tatsächlich, heißt es im Midrasch (vergl. Genesis Rabbah 36,7), spielte sich die pikante Geschichte mit Noah nämlich ganz anders ab: Demnach hatte der fromme Noah nicht nur zu tief in den Weinbecher geschaut, sondern wollte danach „im Suff “ noch seine Frau begatten – und zwar in deren Zelt. Das wollen die Masoreten (altjüdische Textforscher von höchstem Rang) beim genauen Studium der alten Schriften herausgefunden haben. Deshalb wird die Szene im Midrasch auch anders dargestellt: Noahs Sohn Ham habe mitbekommen, dass sein Vater in volltrunkenem Zustand Sex suchte. Da Ham aus Neid verhindern wollte, dass weitere Brüder gezeugt werden, die womöglich irgendwelche Ansprüche stellen, sei er ins Zelt gegangen und habe seinen wehrlosen Vater – kastriert! Völlig unübersichtlich wird die heikle Geschichte, wenn man den israelischen Noah-Mythos mit den entsprechenden Mythen griechischer, ägyptischer, kanaanitischer und kenitischer Prägung verknüpft, wie es der britische Judaist Hyam Maccoby getan hat (in: „Der heilige Henker“, Jan Thorbecke Verlag, 1999). Demnach kastriert und tötet der Held/Schurke den König und nimmt dessen Platz ein. In der Überlieferung der Kanaaniter und Keniter war es Hams Sohn Kanaan, der die blutige Tat an seinem Großvater ausgeführt hat. Deshalb sei Kanaan auch verflucht worden. Und dieser Fluch wiederum sei der Grund dafür, dass das Land Kanaan und seine Bewohner später dazu „verdammt“ worden seien, von den Israeliten erobert zu werden… Ein Indiz für die Kastrations-These, sagen Forscher, sei auch der biblische Hinweis, „und Noah lebte (nach der Sintflut) noch 350 Jahre“, ohne den sonst üblichen Zusatz „und zeugte noch Söhne und Töchter“. Er habe eben keine Kinder mehr zeugen können. Jedenfalls ist Noah nach israelischer Darstellung 950 Jahre alt geworden – Weltrekord! Offenbar berauscht von diesem wahrlich makabren Märchen sind die antiken Autoren der Bibel zum Schluss noch übermütig geworden: Schon kurz nach der großen Sintflut lassen sie Noahs Söhne Sem, Ham und Jafet sowie Noahs Enkelkinder ganze „Städte gründen, Küstenländer und Inseln besiedeln“ und sogar „fremde Völker unterwerfen“ (Gen 10,8). Offenbar haben die eifrigen Schriftgelehrten übersehen, dass der Herr erst kurz zuvor „alles Leben auf der Erde vernichtet“ hatte (Gen 7,21-23). Kapitel 5 Das Versagen des Allmächtigen 58 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist Abraham. Die abenteuerliche Geschichte des Gottesfreundes Abraham zählt zu den spannendsten Erzählungen der Bibel – und wirkt weit darüber hinaus. Denn Abraham, der eigentlich Abram hieß und von Gott persönlich umgetauft wurde, gilt als Urvater nicht nur der Juden, sondern auch der Christen und Moslems. Nach dem Sintflut- Überlebenen Noah hatte sich Gott diesen schlichten Mann aus Ur (im heutigen Irak) als Lieblingsmenschen auserkoren. Mit ihm hat er einen „Bund“ geschlossen, was aus heutiger Sicht ziemlich merkwürdig klingt, denn warum um Gotteswillen sollte der Weltenschöpfer persönlich mit einem seiner Geschöpfe einen „Bund“ schließen, also eine Art Geschäftsvertrag? Nun, die nur aus der Überlieferung bekannte Figur Abraham sollte offenbar zu einer Art Sinnbild werden, zur Inkarnation des biblischen Gehorsamsprinzips (Kapitel 3). Quasi zu einem Anti- Adam, der bedingungslos glaubt und gehorcht – und deshalb reich belohnt wird. Es ist nicht bekannt, warum Abram mit seinem Vater Terach, seiner Frau Sarai und seinem Neffen Lot aus Ur im fruchtbaren Mesopotamien wegzog, um nach Haran (heute Türkei) auszuwandern. In der Bibel steht geschrieben (Gen 11,31), dass die kleine Truppe eigentlich ins Land Kanaan wollte, aber nur bis Haran gekommen sei. Von Ur nach Kanaan über Haran war ein gewaltiger Umweg, aber noch widersprüchlicher ist, dass Gott der Herr erst in Haran Kontakt zu Abram aufnimmt und ihn dort auffordert, in ein Land zu ziehen, „das ich dir zeigen werde“. Die Bibel sagt uns mit keinem Wort (im Gegensatz zur späteren Moses-Geschichte), wie diese Kontaktaufnahme vonstatten ging und in welcher Form Abram instruiert wurde. Es heißt in Gen Kapitel 6 59 12,1 nur lapidar: „Der Herr sagte zu Abram: Verlass deine Heimat…“ Das ist mehr als merkwürdig, wird aber in der einschlägigen Forschung und Literatur kaum thematisiert. Hat Abram geträumt? Hatte er eine Erscheinung? Oder nur eine Hallizunation? Und welchem Gott hat er überhaupt Folge geleistet: Als Chaldäer war er im Polytheismus Mesopotamiens aufgewachsen, und der jüdische Gott Jahwe hat sich erst 1000 Jahre später dem „Ägypter“ Moses vorgestellt. Jedenfalls zog Abram mit Frau Sarai, seinem Neffen Loth und einer Anzahl Sklaven (warum hat der gütige Gott seinem Bündnispartner eigentlich nicht das Halten von Sklaven verboten?) Richtung Kanaan, dem heutigen Israel. Es muss eine lange und beschwerliche Reise gewesen sein, doch auch darüber schweigt die Bibel. Kaum angekommen, brach in Kanaan eine Hungersnot aus, das konnte natürlich niemand voraussehen – außer Gott. Und so zog Abram gleich weiter ins benachbarte Ägypten. Doch abermals geschah „Unglaubliches“: An der Grenze zu Ägypten überkam Abram die schlimme Furcht, die Ägypter könnten ihn womöglich totschlagen, um an seine „schöne Frau“ zu kommen. Nun muss man wissen, dass Sarai zu dieser Zeit schon jenseits der 70 war, also eher ein altes Weib. Angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung von damals etwas über 40 Jahren war sie sogar eine echte „Oma“. Das hinderte Abram weder daran, sie nun als seine Schwester auszugeben (was teilweise stimmte, laut Bibel war sie seine Halbschwester); noch störte es den gottähnlichen Pharao, sich ausgerechnet die alte Sarai als (zusätzliche) Frau zu nehmen. Aber es sollte noch doller kommen: Aus Liebe zu Sarai schenkte der Pharao ihrem „Bruder“ eine hohe Anzahl „Schafe, Ziegen, Rinder, Esel, Kamele, Sklaven und Sklavinnen“ (Gen 12,16, in dieser Reihenfolge) und machte den Zuwanderer so zu einem reichen Mann. Aber auch das genügte den phantasiebegabten Autoren dieses fabelhaften Textes nicht, es sollte noch verrückter kommen: Weil der Pharao sich Abrams Frau genommen hatte (was er ja ohne Arg tat), „bestrafte der Herr den Pharao und seine Familie mit einer schweren Krankheit“. Warum der liebe Gott dies getan hat, erfahren wir leider nicht. Das angebliche Problem hätte sich ja auch lösen lassen, wenn der Herr die Liebe des Pharaos einfach in eine andere Richtung gelenkt hätte. Wieso der königliche Herrscher und seine Familie aber erst umständlich (und gegen jegliches Gerechtigkeitsempfinden) mit einer schweren Krankheit bestraft wurden, bis Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 60 Sarai endlich wieder in Abrams Arme kam, bleibt ein göttliches Geheimnis. Überhaupt veranstaltet der Allmächtige mit seinem auserwählten Menschen Abram atemberaubende Sachen. Abram musste, um den Bund mit Gott schließen zu können, eine Art Voodoo-Zauber veranstalten, wie ihn Jahrtausende später afrikanische Priester im Urwald zelebrieren würden: Auf Gottes Wunsch hin sollte er eine „dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Schafbock, eine Turteltaube und eine junge Taube“ besorgen, die Tiere (außer den Tauben) schlachten und der Länge nach teilen. Und als es dunkel wurde, fuhren „ein rauchender Ofen und eine brennende Fackel zwischen den zerteilten Tieren hindurch“ (Gen 15,9-17). „Auf diese Weise“, heißt es in der Bibel, „schloss der Herr den Bund mit Abram“. Durchaus möglich, dass sich an dieser Stelle dem irritierten Leser eine schlichte Frage stellt: Was soll dieser Mumpitz? Wieso sollen die Gläubigen noch im 21. Jahrhundert solche mythischen Gespinste als „Heilige Schrift“ lesen und den Zeilen mit Ehrfurcht begegnen? Nun, auch auf befremdliche Passagen in der Bibel hat die Kirche wie stets eine Antwort: Der Sinn der Tiertötungs-Aktion ergebe sich aus den Worten des Propheten Jeremias (Jer 34,18-19). Der Vorgang müsse verstanden werden als „Selbstverpflichtungszeremonie“. Wer nämlich seine Zusage (zum Bund) nicht einhalte, der ziehe „das Schicksal dieser Tiere auf sich“, heißt es in der „Stuttgarter Erklärbibel“… Als Abram 85 Jahre alt war, hatte er immer noch keine Kinder, dabei waren ihm vom Herrn persönlich bereits Jahre zuvor Nachkommen „wie Sterne am Himmel“ versprochen worden. Selbst die greise Sarai hatte schon Mitleid mit dem kinderlosen Mann und bot ihm deshalb (auch um ihre Stellung als Hauptfrau zu erhalten) ihre ägyptische Sklavin Hagar als Ersatzfrau an. Abram „war einverstanden“, heißt es in der Bibel, er hatte also offiziell Sex mit Hagar, die auch prompt schwanger wurde und einen Sohn gebar, den sie Ismael nannten. Danach kam es, wie in jeder guten Familie, zu Streitereien und Eifersuchtsszenen, und hier wird es hochinteressant. Der Bibelexperte Hermann Gunkel (1862-1932), zu seiner Zeit einer der prominentesten Theologen Deutschlands, wusste auch warum: Zu Abrams Zeiten – er soll in der frühen Bronzezeit um das Jahr 2000 v. Chr. gelebt haben – verehrten die Menschen zahlreiche Götter, Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 61 der Monotheismus war noch unbekannt. In Kanaan war damals besonders der Gott El in Mode, und als die schwangere Sklavin Hagar vor den Misshandlungen ihrer Herrin Sarai in die Wüste floh, erschien ihr dort ein Wesen, das die biblische Quelle „Jahwebote“ nennt. Gemeint war dabei der später noch oft in Erscheinung tretende „Engel des Herrn“. Interessanterweise wird das Kind, das dann geboren wird, nach dem Gott El genannt: Isma-el (Gott hört). In einer späteren Version der Hagar-Geschichte, die aus der Quelle „Elohist“ stammt, wird aus dem Gott El-Roi dann doch noch Jahwe, aber auf diese speziellen Details der Bibelforschung wollen wir hier nicht eingehen. Wichtiger ist, dass der Allmächtige abermals viele Jahre ins Land gehen ließ, ohne dass er sein Versprechen an Abram einlöste. Erst als Abram stolze 99 Jahre alt war, erschien ihm der Herr („Ich bin der Gott, der alle Macht hat“, Gen 17,1) und verlangte plötzlich, dass sich „alle Männer unter euch“ die Vorhaut am Penis abschneiden müssten, damit der (längst geschlossene!) „Bund mit Gott“ auch wirksam werden könne. Dafür versprach Gott seinem Bündnispartner, den er in diesem Zusammenhang in „Abraham“ umtaufte (und Sarai in „Sarah“), den Besitz des Landes Kanaan. Und dann wurde der liebe Gott aus heiterem Himmel, ohne erkennbaren Grund, sogar rabiat: Wer nicht gehorche und sich das Glied nicht beschneiden lasse, so drohte er düster, müsse „aus dem Volk ausgestoßen werden“. Ein solcher Schuft habe „sein Leben verwirkt“ (Gen 17,14). Kein Wunder, dass sich die Juden angesichts solch furchtbarer Konsequenzen bis heute fleißig die Vorhaut abschneiden. Wie göttlich die genannte Drohung ist, sei mal dahingestellt, das spielte damals auch keine Rolle. Entscheidend war und ist das biblische Prinzip, Menschen durch Androhung schlimmster Konsequenzen gefügig zu machen. Nun könnte man argumentieren, dass dieses Ritual ja aus einer Zeit stammt, da die Menschen ihrem Gott (oder den Göttern) opferten, also rituell Tiere (und Menschen!) schlachteten und „darbrachten“ (verbrannten). Dieses archaische Ritual ist aber – Gott sei Dank – ausgestanden: Nicht nur die Menschen haben eingesehen, dass dieser blutige Brauch ein ziemlicher Humbug ist – auch Gott persönlich hatte irgendwann genug von dieser Art der Verehrung. Über den Propheten Jesaja verlangte er (1000 Jahre nach Abraham) energisch, den rituellen Unsinn zu beenden: „Was soll ich mit euren vielen Opfern anfangen? Ich Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 62 habe genug von euren Schafböcken und dem Fett eurer Mastkälber; das Blut eurer Opfertiere ist mir zuwider!“ (Jes 1, 11). Manchmal war der Herr aber auch ausgesprochen freundlich. So tauchte er eines Tages bei Abraham, der mittlerweile „bei den Eichen von Mamre“ (nahe Hebron) wohnte, mit zwei männlichen Begleitern auf. Offenbar Engel, aber dazu schweigt die Bibel. Wir müssen an dieser Stelle fairerweise erwähnen, dass namhafte Bibelforscher (auch) diese Geschichte „zu den Märchen zählen“ (u.a. der Theologe Hermann Gunkel). Doch die antike Erzählung hat gleichwohl alle Zeiten überdauert und steht weiterhin an prominenter Stelle in der Heiligen Schrift (1. Mos 18). Abraham bekam also Besuch und wusste sofort, welch hohe Gäste da vor seinem Zelt standen, deshalb überschlug er sich auch vor Eilfertigkeit: Ehefrau Sarah musste „schnell vom besten Mehl“ Brotfladen backen, die Knechte sofort ein „schönes gesundes Kalb“ schlachten und zubereiten, was stundenlang gedauert haben muss. Egal. Abraham servierte seinen Gästen solange „eine kleine Erfrischung“. Der Zweck des Besuches wurde aber erst klar, als der feinste von den drei Herren Abraham scheinbar ahnungslos fragte, wo denn seine Frau Sarah sei. „Na, im Zelt“, sagte Abraham. Da sprach der Herr: „In einem Jahr komme ich wieder, dann wird deine Frau einen Sohn gebären“. Nach dieser denkwürdigen Aussage kam es zu einem spektakulären Wortwechsel, der ein interessantes Licht auf das damalige Gottesverständnis der Bibelautoren wirft: Sarah, die im Zelteingang saß und alles mitbekommen hatte, musste nämlich amüsiert lachen, sie war schließlich schon 90 Jahre alt und wusste, wie die biologische Uhr tickt. „Na, aus diesen Jahren bin ich heraus“, sagte sie zu sich selbst, „und mein Mann ist auch schon zu alt“. Doch da wurde der Herr drau- ßen vor dem Zelt zornig, verärgert fuhr er Adam an: „Warum lacht deine Frau?“ Für ihn, den Herrn, sei doch „nichts unmöglich!“ Sarah, die im Zelt wegen des nun barschen Tons Angst bekommen hatte, flüsterte spontan zu sich selbst: „Ich habe gar nicht gelacht!“ Aber der Herr, der alles hört, wusste es natürlich besser: „Doch, du hast gelacht!“ (Gen 18,15). Jahrtausende später sollten Gelehrte in Europa oder in Amerika solche grotesk-amüsante Episoden als „großartige Literatur“ qualifizieren und ihren Symbolgehalt herausstellen. Wobei merkwürdig ist, dass Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 63 religiöse Selbstverständlichkeiten (Gott kann alles) auf solch irrationale Weise dargestellt werden müssen. Der jüdische Historiker Michael Wolfssohn sagte dazu (am 14. August 2017 im Deutschlandfunk in der Sendung „Aus Religion und Gesellschaft“), dass „Großartiges eben großartig beschrieben“ werden müsse. Das mag ja sein; aber auch Homers Odysseus ist großartig geschrieben, zählt aber trotzdem nicht als „Heilige Schrift“, der bedingungslos zu glauben ist. Nach der Zelt-Episode bekam Sarah laut Bibel endlich den ersehnten Sohn (was einen sexuellen Akt des 100 Jahre alten Abraham mit seiner 90jährigen Frau voraussetzt), die späte Frucht der ehelichen Vereinigung wurde Isaak genannt. Die etymologische Bedeutung von Isaak (hebräisch) ist übrigens „Gott hat gelacht“ oder „Gott hat jemanden zum Lachen gebracht“, wenn man so will, ein Hinweis auf Sarah. Ungeachtet dessen, dass diesem Isaak noch eine schwere Prüfung bevorstehen sollte, passierte zuvor das Drama um Sodom und Gomorrah. Auch dies eine unfassbare Geschichte (nach Gunkel ebenfalls ein Märchen). Spektakulär nicht wegen der totalen Vernichtung zweier Städte, an solch grausame Methoden des Herrn ist man ja schon gewohnt. Sondern wegen des grotesken Verhaltens des Allmächtigen, der sich seiner Sache offenbar nicht recht sicher war: Gott machte sich nämlich Gedanken, ob er Abraham die Vernichtung der beiden Städte verheimlichen dürfe – und kam zu dem Schluss, dass er seinen irdischen Bündnispartner einweihen müsse. Also ging der Herr wieder mal zu Abraham und sagte, er könne nicht länger tatenlos zusehen, wie die Bewohner von Sodom und Gomorrah so schwer sündigten: „Ihre Schuld schreit zum Himmel!“ Abraham, dem Gott ein weiches Herz gegeben hatte, schwante Arges nach diesen Worten und so versuchte er voller Leidenschaft, das Schlimmste zu verhindern: „Aber Herr, willst du wirklich Schuldige und Schuldlose ohne Unterschied vernichten?“ Ja, das wollte der Herr – doch immerhin ließ er mit sich reden. Also handelte Abraham den Herrn „runter“ wie auf einem orientalischen Basar. Und erreichte nach einigem Hin und Her tatsächlich die Verschonung der Städte – wenn es mindestens „zehn Bewohner“ gäbe, die unschuldig seien. Zuvor hatte Abraham dem Allmächtigen tatsächlich noch eine Lektion in Sachen Ethik erteilt: „Herr, Du kannst doch nicht Unschuldige zusammen mit den Schuldigen töten! Du bist doch der oberste Richter auf der Erde, Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 64 darum darfst du doch nicht selbst gegen das Recht verstoßen!“ (Gen 18, 25). Respekt, kann man da nur sagen. Da hat sich Abraham wirklich was getraut. Fragt sich nur, was das für ein Gott ist, mit dem man so reden muss – und der dann trotzdem „gegen das Recht“ verstößt. Abrahams Eifer war jedenfalls umsonst, Gott ließ sich nicht umstimmen. Vielmehr legte er wie geplant Feuer und Schwefel über Sodom und Gomorrah, über Junge und Alte, Männer, Frauen und Kinder. Auch alle Tiere mussten bei dem apokalyptischen Inferno sterben. Dabei wurden übrigens nicht nur die beiden Sünder-Städte getroffen, sondern „sämtliche Städte in der Jordan-Gegend wurden zerstört, ihre Bewohner getötet und das Land verwüstet“ (Gen 19,25). Gott hatte in seiner Zerstörungswut mal wieder ganze Arbeit geleistet. Auch wenn das genau so in der Bibel steht – sollen wir es aber genau so nicht glauben! Denn auch diese Geschichte sei wie so vieles in der Heiligen Schrift nur sinnbildlich gemeint, sagen die Theologen. Der Mainzer Alttestamentler Wolfgang Zwickel formuliert es so: „Bei Sodom und Gomorrah geht es um den Kontrast zwischen der Lebensweise der Nomaden und der Städter“. Die Legende verherrliche auf diese Weise die nomadische Werteordnung und verurteile die städtische Sittenlosigkeit (in: Die Bibel irrt, Rowohlt-Verlag). Okay, aber worum geht es dann bei der Erzählung von Lot und seinen Töchtern? Es ist eine Geschichte, die verstörend wirkt: Vor der Vernichtungsaktion hatte der Herr dem geheimnisvollen Plan zugestimmt, dass Abrahams Neffe Lot und dessen zwei Töchter gerettet werden durften. Lots Frau hingegen musste als Symbol des Ungehorsams dran glauben und endete als erstarrte Salzsäule. Ein logischer Grund für die „positive Sippenhaft“ der beiden Töchter ist nicht ersichtlich. Lot verhielt sich zudem ausgesprochen fragwürdig, als sich abermals Ungeheuerliches ereignete: Die zwei Engel, die zusammen mit dem Herrn bei Abraham gespeist hatten, waren nach Sodom gegangen. Warum, weiß man nicht. Vermutlich, um Lot zu retten. Nachdem sie bei ihrem Gastgeber das Abendmahl vertilgt hatten und sich zur Ruhe betten wollten, kamen plötzlich laut Bibel „alle Männer von Sodom, jung und alt“ und umstellten Lots Haus. Mit drastischen Worten verlangten sie die Auslieferung der beiden Gäste: „Wir wollen mit ihnen (sexuellen) Verkehr haben!“. Merkwürdig, dass nicht nur ein Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 65 paar Verrückte, sondern „alle Männer“ dieses Ansinnen hatten. Aber nun ja, der Autor dieses heiligen Textes brauchte ja einen triftigen Grund, um die Verderbtheit der Bewohner von Sodom und Gomorrah zu dokumentieren. Merkwürdig und nach heutigem Verständnis geradezu pervers, dass Lot den geilen Sündern zwar seine Gäste verweigerte, ihnen dafür aber seine beiden Töchter zum Missbrauch anbot: „Sie sind noch von keinem Mann berührt, macht mit ihnen was Ihr wollt!“. Die Stuttgarter Erklärbibel gibt selbst dieser infamen Passage noch eine positive Deutung: „Lot achtet das Gastrecht so hoch, dass er lieber seine Töchter ausliefert“. Bei Richter 19,22-24 wird übrigens eine ähnliche Situation beschrieben. In Fall Lot kam es dann aber zu einer überraschenden Wendung, die an einen schlechten Film erinnert: Um den Spuk zu beenden, schlugen die beiden Engel des Herrn die lüsternen Männer von Sodom mit Blindheit (Gen 19,11). Damit war dieser Teil des Dramas vorbei. Allerdings ist bei der schrecklichen Sodom-und-Gomorrah- Story – wie auch schon bei der Sintflut – ein schwerer logischer Fehler eingebaut: Die Bibel und ihre Exegeten können nicht ansatzweise erklären, warum auch unschuldige Frauen und Kinder sowie alle dort lebenden Tiere der göttlichen Vernichtungsaktion zum Opfer fallen mussten. Die groteske Geschichte ist damit immer noch nicht zu Ende, sie geht weiter – und mit ihr geht die Phantasie der biblischen Autoren durch: Lot, der mit seinen beiden Töchtern ja verschont wurde, hatte sich in eine einsame Höhle oben in den Bergen retten können. Gleich nach der Katastrophe fiel den jungen Mädchen plötzlich auf, dass ihr Vater ja „alt“ werde und auch sonst weit und breit kein Kerl (zum Heiraten) in Sicht sei. Deshalb machten sie ihren Vater des Abends mit Wein betrunken (wo hatten sie den bloß her?), fuhrwerkten an Lots Lenden herum – und schafften angeblich, dass der besoffene Mann zwar „nichts merkte“, aber gleichwohl zum Geschlechtsakt bereit war. Oh Wunder! Im Gegensatz zu anderen biblischen Frauen wurden die beiden Töchter sofort schwanger vom eigenen Vater (Gen 19,36) und gebaren auf diese Weise die Urväter der Moabiter und der Ammoniter… Um es in Erinnerung zu rufen: Wir reden hier von „Heiligen Schriften“. Gläubige Juden, so der Saarbrücker Theologie-Professor Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 66 Karl-Heinz Ohlig, „glauben jedes Wort des Alten Testaments“. Die Christen sind diesbezüglich zwar zurückhaltender, aber auch sie weigern sich oft, symbolträchtige Horrorgeschichten ins Reich der Fabel zu verbannen. Wie zum Beispiel die „Opferung Isaaks“, in der abermals die Kraft des Gehorsams beschworen wird. Auch diese Erzählung ist grell grotesk, denn erneut wird die Logik über alle Maßen strapaziert: Eine der fragwürdigsten Szenen der ganzen Bibel: Gott will den Gehorsam seines getreuen Dieners Abraham überprüfen. Der setzt gerade an, seinen lange ersehnten (und von Gott versprochenen) Sohn Isaak zu töten, als ein „Engel des Herrn“ den göttlichen Mord in letzter Sekunde verhindert. Zeichnung von Julius Schnorr von Caroldsfeldt. Der Herr verlangte eines Tages von seinem treuen Diener Abraham, den lang ersehnten (und versprochenen) Sohn Isaak – nun ja: zu schlachten! Abraham sollte auf diese grässliche Weise seinen Glauben an Gott beweisen. In Gen 22 können wir detailliert nachlesen, wie Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 67 Gott Abraham „auf die Probe“ stellt. Eine Probe, die schon deshalb unsinnig war, weil der Herr als Allwissender den Ausgang ja schon vorher kennen musste. Die folgenden Zitate sind Originalton Bibel: „Abraham!“ rief der Herr. „Ja, mein Herr, ich höre dich“, antwortete Abraham. „Nimm deinen Sohn Isaak“, sagte der Herr, „deinen einzigen Sohn, der dir ans Herz gewachsen ist, und bring ihn mir als Brandopfer dar!“ Der Herr setzte nach: „Und geh mit ihm ins Land Morija auf einen Berg, den ich dir noch nennen werde“. Leider berichtet die Bibel nichts über Abrahams Reaktion, über seine Irritation, seine Verzweiflung oder innere Ablehnung dieser unfassbaren Forderung. Es steht nur geschrieben, dass Abraham am nächsten Morgen früh aufstand, Holz spaltete für das Opferfeuer, einen Esel belud und dann mit Isaak und zwei Knechten „auf den Berg (ging), den Gott ihm nannte“. Erst nach drei Tagen (warum so weit?) erreichten sie das Ziel. Und Abraham sagte zu den Knechten: „Bleibt hier mit dem Esel. Ich gehe mit dem Jungen auf den Berg dort drüben, um zu Gott zu beten“. Dann packte er seinem Sohn die mitgebrachten Holzscheite auf den Rücken, nahm das Messer und ein „Becken mit glühenden Kohlen“ und sie machten sich auf den Weg. Langsam dämmerte es Isaak, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. „Vater!“ „Ja, mein Sohn?“ „Vater, Feuer und Holz haben wir. Aber wo ist das Lamm für das Opfer?“ Abraham wurde verlegen. „Gott wird schon für ein Opferlamm sorgen“, sagte er knapp. Als sie angekommen waren an der Opferstelle, baute Abraham einen Altar und schichtete die Holzscheite auf. Dass ihn Zweifel an seinem Handeln überkamen, ist nicht überliefert. Stattdessen „fesselte er Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf den Holzstoß“. Dann nahm er das Messer, „um seinen Sohn zu schlachten“ (Gen 22, 9-10). Erst jetzt, auf dem Höhepunkt der dramatischen Szene, wie im Film in allerletzter Sekunde, kommt die ersehnte Hilfe: „Abraham, Abraham!“, rief ein Engel des Herrn. Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 68 „Ja, ich höre“, sagte Abraham. „Halt ein!“, sprach der Engel. „Tu dem Jungen nichts zuleide“. Und er fügte hinzu, was Gott eigentlich von Anfang an wissen musste: „Jetzt weiß ich, dass du Gott gehorsam bist!“ Und als „Belohnung dafür, dass du meinem Befehl gehorcht hast“ (Gen 22,18), versprach der Herr dem braven Abraham „Nachkommen so zahlreich wie Sterne am Himmel oder wie Sandkörner am Meeresstrand“. Das hatte er Abraham aber schon mehrfach versprochen – und zwar bevor dieser den ultimativen Stresstest erfolgreich bestanden hatte. Was nichts anderes bedeutet, als dass eines der zentralen Narrative der biblischen Geschichte, die unbedingte Opferbereitschaft Abrahams gegen jeglichen Verstand, auch nach der inneren Logik der Bibel ebenso unnötig wie unsinnig war. Abraham, der Prototyp des gehorsamen Gläubigen, dessen Gottesfurcht allenfalls noch von dem frommen Hiob erreicht wurde, wurde nach Angaben der Bibel 175 Jahre alt. Warum Gott die Lebenserwartung seiner Geschöpfe so drastisch reduziert hatte (Adam wurde ja 930 Jahre alt, Noah schaffte 950 Jahre), ist nicht überliefert. Nach wissenschaftlicher Erkenntnis lag die Lebenserwartung der normalen Bevölkerung in der frühen Bronzezeit übrigens bei 40 bis 45 Jahren… Moses. Nicht ganz so alt wie Abraham wurde die eigentliche Hauptfigur des Alten Testaments, Israels Übervater Moses. Auch die Moses- Geschichte ist voller Rätsel und Wunder, und es gelingt vermutlich nur sehr frommen Menschen, den unerforschlichen Schritten des Herrn im mosaischen Prozess Folge zu leisten. Moses, von den Juden verehrt wie kein zweiter, war ein Mörder. Das scheint aber niemanden gestört zu haben im Laufe der Jahrtausende, im Gegenteil: Moses ist für das theologische Verständnis des ersten Teils der Bibel die wichtigste Figur überhaupt. Denn dieser Moses hat „sein“ Volk nach der Legende nicht nur aus Ägypten ins gelobte Land geführt, sondern auch Gottes Gebote in Stein gemeißelt erhalten – und zwar vom Herrn persönlich. Eine Auszeichnung, die ohne Zweifel einzigartig ist. Damit trat Moses dauerhaft als Gottes Partner und Gehilfe auf den Plan. Der ägyptisch sozialisierte Hebräer, königlich erzogen, wurde so unversehens zum Feind der Ägypter und zum ersten Anführer Israels. Durch die biblische Leistung, ein „ganzes Volk“ 40 Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 69 Jahre lang durch die Wüste ins gelobte Land geführt zu haben, erlangte er gottähnlichen Status. Moses wurde zu einem privilegierten Heiligen mit zahlreichen Facetten: Gottes erster Ansprechpartner, Religionsgründer, Autor des Pentateuch, Heerführer, Zauberer, Prophet, Richter. Heute ist er die Identifikationsfigur der Juden. Und das, obwohl nicht mal sicher ist, ob es den historischen Moses überhaupt gegeben hat! Die Person des Moses ist voller Merkwürdigkeiten. Angeblich stammte er aus dem Geschlecht Levi, des dritten Sohnes von Urvater Jakob. Ausgerechnet diese Nachkommen (Leviten) hat Jakob aber nicht gesegnet, sondern ihnen vielmehr „die Leviten gelesen“. Kurz vor seinem Tod hatte Jakob seine zwölf Söhne versammelt und ihnen die Zukunft gesagt. Zu Levi (und Simeon) sagte er: „Ihr beiden Brüder könnt mich nie dafür gewinnen, mich euren Plänen anzuschließen; denn ihr kennt nichts als Wut und Willkür! Ganz sinnlos habt ihr Männer abgeschlachtet und starke Stiere ohne Grund verstümmelt. Deshalb wird euch Gottes Strafe treffen und eure Grausamkeit vergelten. Sein Urteil ist schon gesprochen: Ihr dürft nicht mehr zusammen bleiben, ich werde euch in Israel zerstreuen!“ (Gen 49, 5-7) Nun, Moses Eltern wurden – wie Jakobs gesamte Familie, deren Gott damals noch El hieß – erst mal in Ägypten zerstreut. Vater Amram hatte seine eigene Tante Jochebed zur Frau genommen. Diese gebar ihm Moses und Aaron. Tochter Myriam, die später ebenfalls eine gewisse Berühmtheit erlangen sollte, wird erst mal nicht erwähnt. Zu jener Zeit war der Pharao – gemeint ist wohl Ramses II, doch die Bibel nennt den Namen an keiner Stelle – nicht gut auf die Israelis zu sprechen. Denn sie „vermehrten sich so stark, dass sie sich über das ganze Land ausbreiteten“ (2. Mos 1,7). Da in den Schriften aber nichts von einer Einwanderung hebräischer Nomaden nach Ägypten geschrieben steht (außer der Familie von Jakob), ist nicht feststellbar, wie stark die Volksgruppe der „Ausländer“ – vermutlich Halbnomaden vom Stamme der Schasu und/oder Apiru – tatsächlich war. Nach Ansicht mancher Bibelforscher und Historiker war Moses übrigens kein Hebräer, sondern „ein vornehmer Ägypter“. Dies behauptet auch der weltberühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856-1939), der sein Judentum unter anderem mit dem Buch „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ aufgearbeitet hat. Freud glaubte, dass Moses („vielleicht ein Prinz der königlichen Dy- Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 70 nastie“) ein eifriger Anhänger des Ein-Gott-Glaubens war, den der Pharao Amenhotep IV (späterer Name Echnaton, verheiratet mit der berühmten Nofretete) um das Jahr 1350 v. Chr. als „Staatsreligion“ verordnet hatte. Enttäuscht davon, dass der Monotheismus nach dem Tod Echnatons wieder dem Polytheismus alter Prägung weichen musste, habe Moses dann beschlossen, sein Heimatland zu verlassen und „sich ein neues Volk zu schaffen“ (Freud in einem Brief vom 6.1.1935 an die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé). Moses habe sich dabei die semitischen Nomaden ausgesucht, die in Ägypten Fronarbeit leisten mussten und ein natürliches Interesse an besseren Lebensbedingungen hatten. Diesen Leuten habe er dann „seinen“ Gott Jahwe vorgestellt, ihnen habe er auch die Beschneidung verordnet, die damals nur in Ägypten üblich war. Das heißt, nicht Jahwe, sondern Moses habe (sich) ein Volk erwählt und so „den Juden geschaffen“. Sagt Sigmund Freud. Aber wir wollen hier nicht die vielen Theorien erörtern, die sich um Moses und das für Juden konstitutive Element des Exodus ranken, sondern die biblische Geschichte in dem Verständnis rezipieren, wie wir sie verstehen. Und nach der „Heiligen Schrift“ missfiel dem Pharao eben die enorme Fruchtbarkeit der Israeliten (die damals noch nicht so hießen). Als Zwangsarbeiter mussten sie die Städte Pitom und Ramses bauen, also Schwerstarbeit unter sengender Sonne verrichten (Anmerkung: der berühmte jüdische König Salomo ließ später in Israel den Bau seiner Tempel und Paläste ebenfalls in Fronarbeit errichten). Weil die Hebräer aber trotz Sklaverei „immer zahlreicher“ wurden, befahl der Pharao angeblich einen radikalen Schnitt: jeder männliche Nachkomme von ihnen sollte getötet werden. Die Bibel stellt Moses Biographie anders dar als Sigmund Freud. Als der Bub zur Welt kam, selbstverständlich „ein gesundes, schönes Kind“ (2. Mos 2,2), wollte Mutter Jochebed es natürlich vor den Häschern des Pharaos retten. Also bastelte sie ein Kästchen aus Holz, dichtete es mit Pech ab, legte das Kind hinein und setzte es ins Schilf am Ufer des Nils. Dort wurde der Knabe von der Tochter des Pharaos gefunden und von dieser als „königlicher Sohn“ adoptiert… Die Juden (und viele Christen) glauben diese fabelhafte Geschichte bis heute. Sie ignorieren den Märchencharakter der Erzählung und blenden aus, dass dieser mythische Stoff aus anderen Kulturen überliefert wurde. Insbesondere die akkadisch-sumerische Sargon-Legende Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 71 könnte als Vorlage der Moses-Erzählung gedient haben. Sargon, als Kind von seiner Mutter ebenfalls in einem abgedichteten Kästchen (auf dem Euphrat) ausgesetzt und von „Akki, dem Wasserschöpfer“ gefunden und adoptiert, stieg um das Jahr 2300 v. Chr. zum König von Akkad auf. Auch Moses machte eine königliche Karriere, mit der entsprechenden Erziehung, selbst wenn davon später nie mehr die Rede sein sollte. Immerhin passte die vornehme Sozialisation am Hof des Pharaos zum biblischen Duktus, der für Moses die größtmögliche Rolle vorgesehen hatte, die für einen Menschen möglich ist: als direkter Gesprächspartner Gottes, der durch ihn als Jahwe in die Welt trat. Warum die Autoren des Pentateuch (die fünf Bücher Moses) ihren Helden vor seiner göttlichen Berufung erst einmal zum Mörder gemacht haben, ist zwar merkwürdig, aber in dem Sinne nachvollziehbar, dass man ja einen Grund brauchte, um den „ägyptischen“ Königssohn wieder zum Hebräer zu machen. Und natürlich auch, um Moses zum heiligen Berg Horeb (Sinai) verfrachten zu können, wo ihm der Allmächtige erscheinen sollte. Jedenfalls behauptet die Bibel, Moses habe einen ägyptischen Aufseher, der einen Israeli malträtierte, in einem Akt der Selbstjustiz erschlagen und seine Leiche „im Sande verscharrt“ (Ex 2,12). Zwar passt auch die überstürzte Flucht des Königssohnes hier nicht ins Bild, denn als privilegiertes Familienmitglied des Hofes hätte Moses zweifelsfrei Gnade und Schutz beim Pharao finden können. Sei´s drum: Moses musste angeblich fliehen, weil ihn sein eigener „Großvater“ töten wollte, und so eilte er (alleine?) ins weit entfernte Land Midian jenseits des Roten Meeres. Dort wurde der vornehme Flüchtling erst einmal einfacher Schafhirte, danach Ehemann einer Priester-Tochter namens Zippora, die ihm zwei Söhne gebar. An dieser Stelle beginnt nun die biblische Geschichte des Mannes Moses als Gottesanbeter, und auch sie ist außerordentlich fabulös. Der heilige Text klingt, als stamme er direkt aus der Feder der Gebrüder Grimm: „Moses hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Als er die Herde durch die Steppe trieb, kam er eines Tages an den Gottesberg, den Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer lodernden Flamme, die aus einem Dornbusch schlug… Als der Herr sah, dass Moses näher kam, rief er aus dem Busch heraus: Mose! Mose!, und Mose antwortete: Ich höre! Da sagte der Herr: Komm nicht näher, zieh deine Schuhe aus, denn du stehst Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 72 auf heiligem Boden! Ich bin Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!“… (2. Mos 3). Was in keiner theologischen Schrift oder Exegese erwähnt wird, ist folgendes: Wie sollte Moses irgendetwas mit der Beschreibung „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ anfangen können? Er müsste zuerst ja mal diese Ur-, Ur-, Ur-Vorfahren gekannt haben. Machen Sie, liebe Leser, selbst mal den Test: Kennen Sie die Namen Ihrer Vorfahren, die vor 400 und 800 Jahren gelebt haben? Sie werden sie nicht kennen, trotz Büchern, Internet, Archiven und Bibliotheken. Medien, die es zur Zeit des Moses nicht gab. Woher also sollte Moses, der ja an einem ägyptischen Königshof mit dem Sonnengott Aton groß geworden war, die Namen Abraham, Isaak und Jakob kennen, die viele Jahrhunderte vor ihm mehrheitlich in einem anderen Land gelebt hatten? Auch interessant: Obwohl (gläubige) Wissenschaftler in zwei Tausend Jahren jedes Wort der fünf Bücher von Moses analysiert und jeden seiner Schritte erforscht und vermessen haben, ist bis heute nicht klar, wo dieser heilige Berg Horeb überhaupt liegen soll. In ihrer Not haben ihn die ersten Christen später mit dem Berg Sinai im südlichen Teil der gleichnamigen Halbinsel gleichgesetzt – aber erst im 4. Jahrhundert nach Christi! Diese Verortung bedarf einer regen Phantasie: Wie soll Moses mit seiner Schaf- und Ziegenherde aus Midian (dieses Land lag östlich des Golfs von Akaba im heutigen Saudi-Arabien) über hunderte Kilometer und über das Rote Meer zum völlig unwegsam-gebirgigen Sinai gekommen sein? Das Weidegebiet der Midianiter (sie waren Nomaden) lag zwischen Ras en-Naqb in Jordanien bis zum Golf von Akaba. Demnach hätte der heilige Berg viel eher im Gebiet der Edomiter liegen müssen als im fernen Sinai. Wie dem auch sei, Moses steht also laut dem Buch Exodus am Horeb vor einem (nicht ver-)brennenden Dornbusch, wird von einem Gott angesprochen, den er nicht kennt, den er nicht sehen kann und nicht sehen darf. Der schickt ihn nach Ägypten und schenkt ihm dazu einen Zauberstab, mit dem man Wasser aus dem Berg schlagen oder den Stab zu einer Schlange verwandeln kann. Und wenn man die Schlange beim Schwanz packt, wird sie wieder zum Stock. Selbst an dieser „zauberhaften“ Stelle der Bibel (2. Mos 4,2-4) werden echte Gläubige nicht stutzig – sie glauben es einfach. So wie sie auch nicht stutzig werden, wenn Gott der Allmächtige schon in dieser frühen Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 73 Phase verkündet: „Er (der Pharao) wird meine Macht zu spüren bekommen. Ich werde sein Land durch die schreckenerregenden Wunder bestrafen, die ich dort vollbringen werde“. (2. Mos 3,20). Gott legte später noch nach und sagte zu Moses: „Ich bevollmächtige dich, vor den Pharao hinzutreten als wärst du Gott, und dein Bruder Aaron wird dein Prophet sein. .. ich werde jedoch den Pharao starrsinnig machen, damit ich umso mehr meine Macht durch Zeichen und Wunder erweisen kann. Der Pharao wird eure Forderung (nach Auszug Israels aus Ägypten) ablehnen und dann werden die Ägypter meine harte Hand zu spüren bekommen… (2. Mos 7, 1-4). Das heißt nichts anderes, als dass nach Logik der Bibel alles vorherbestimmt war. Der Pharao konnte also gar nicht anders handeln, das Schicksal des unschuldigen ägyptischen Volkes war schon besiegelt. In dieser „gottverlassenen“ Gegend im Sinai-Gebirge soll der Herr seinem Diener Moses Anweisungen und die zehn Gebote übermittelt haben. Die Christen glaubten so sehr an diese biblische Legende, dass sie im sechsten Jahrhundert dort sogar ein (Katharinen-)Kloster errichtet haben. Es ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Und so schickte der Herr zehn Plagen übers Land, womit er wiederum das tat, wofür ihn sein Bündnispartner Abraham einst scharf gerügt Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 74 hatte: Gott bestrafte völlig unschuldige Menschen für die Sturheit des Pharaos – die er selbst veranlasst hatte! Die Problematik des Auszugs aus Ägypten, der konstitutiv ist für den jüdischen Glauben und bis heute mit dem Passahfest gefeiert wird, besteht zum einen in der Bestreitung des mythischen Charakters dieser grausamen Erzählung; Juden und viele Christen glauben felsenfest an die Historizität dieser Geschichte. Zum anderen in der einseitigen Perspektive, die das Los der Ägypter komplett ignoriert. Damit wird insinuiert, dass ein (jüdisches) Leben mehr wert sei als das andere – und dass Rache „gerecht“ sei: Wenn der Pharao erstgeborene jüdische Jungen ermorden lässt, dann wird eben mit gleicher Münze zurückgezahlt! „Mein ist die Rache“, spricht der Herr, „ich will vergelten!“ (5. Mos 32,35). Bei der Erfindung der Plagen war der Herr übrigens sehr kreativ: Trinkwasser wurde zu Blut, also ungenießbar; es gab eine Froschplage, eine Stechmückenschwemme, ein Ungeziefer-Tsunamie. Dann tötete die Pest viele Menschen und das ganze Vieh, es kam zu einer Geschwüren-Inflation, es gab Hagelregen, eine Heuschreckenplage, eine dreitägige Finsternis und schließlich, als „Krönung“ des göttlichen Strafgerichts, die Tötung aller Erstgeburten. Diese letzte Strafe Gottes hat es besonders in sich, denn der Herr ging, so sagt die Bibel, persönlich durchs Land, um alle Erstgeborenen zu töten. „Lautes Wehgeschrei erhob sich“, schreiben die Autoren, „denn es gab kein Haus bei den Ägyptern, in dem nicht ein Toter war“. Erst nach dieser mörderischen Nacht gab der Pharao klein bei und ließ die Israelis ziehen. Nach 430 Jahren im Exil verließen sie „über Nacht“ Ägypten, und seitdem bleiben sie an diesem Datum nachts wach „zu Ehren des Herrn“ und essen zum Passahfest nur ungesäuertes Brot, die so genannten „Matzen“. Wer sich vergegenwärtigt, wie der Allmächtige damals gewütet hat, wo er doch den selbst verursachten Starrsinn des Pharaos leicht hätte verhindern können, müsste eigentlich sprachlos sein. Denn was soll an diesem brutalen Gott, den die Christen später (in Kenntnis dieser Schriften!) als ihren Gott übernommen haben, göttlich, gütig und barmherzig sein? Und wie passt dieser Jahwe, der nach Logik der Christen ja „Gottvater“ ist, zum eher friedfertigen Jesus von Nazareth? Die SEB hält sich nicht lange auf mit solchen Fragen, sondern sagt lapidar: „Der Pharao hat den Herrn, den er nicht kennen wollte, nun von seiner erschreckenden Seite kennen gelernt“. Das ist die Botschaft: Wer Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 75 nicht hören will, muss fühlen! Auf das eigentliche Thema, die göttliche Inszenierung einer menschlichen Katastrophe, geht die Erklärbibel nicht ein, schließlich zählt in der Heiligen Schrift nur das Wohl Israels: „Jetzt endlich öffnete sich der Weg in die Freiheit“. Der Herr hat also unschuldige ägyptische Männer, Frauen und Kinder grausam bestraft, um sich (bei den Juden) als schützender und zorniger Gott präsentieren zu können, der nicht mit sich spaßen lässt. Das bekamen auch die Soldaten des Pharao zu spüren, die der israelischen Karawane mit Streitwagen nacheilen mussten, um den Aderlass womöglich doch noch zu stoppen: Gott ließ sie alle im Schilfmeer ersaufen, mitsamt ihren Pferden! Und abermals kam es, wie es kommen sollte: Und das Volk fürchtete den Herrn und sie glaubten ihm und seinem Knecht Moses (Ex 14, 31). Eigentlich hätte sich auch der Knecht selbst vor seinem Herrn fürchten müssen, denn auf dem Weg vom Sinai nach Ägypten war ihm zuvor etwas Schreckliches passiert. Man darf noch heute erstaunt sein, solche Passagen in der „Heiligen Schrift“ lesen zu müssen: Denn eines Tages – man traut seinen Augen und Ohren nicht – „fiel der Herr über Moses her und wollte ihn töten“. Warum Gott dies hätte tun sollen, wo er Moses doch gerade erst mit der heiklen Ägypten-Mission beauftragt hatte, bleibt völlig unklar. Die Familie des Moses war gerade unterwegs nach Ägypten und hatte das Nachtlager aufgeschlagen, als Gott seinen getreuen Knecht aus heiterem Himmel attackierte. Zum Glück sah Moses Frau Zippora das Drama kommen: Sie nahm gedankenschnell einen scharfen Stein – und …. nein: ging nicht auf den Angreifer los, sondern „schnitt die Vorhaut am Glied ihres Sohnes ab und berührte damit die Scham von Moses. Dabei sagte sie: Du bist mein Blutbräutigam!“ (2. Mos 4, 24-25). Danach, so heißt es in der heiligen Schrift, „ließ der Herr von Moses ab“… Die Erklärung der Theologen in der Stuttgarter Erklärbibel zu dieser „anstößigen Geschichte“ ist wie immer verständnisvoll. Womöglich diene die Erzählung dazu, „die Einführung der Kinderbeschneidung zu erklären“. Immerhin gibt die SEB zu, „dass Gott rätselhaft und unbegreiflich handeln kann und dem Menschen immer wieder auch seine dunkle Seite zuwendet“. Ein erstaunliches Fazit von offizieller Stelle: Gott, der Gütige und Allmächtige, die Inkarnation des Lichts, hat auch eine „dunkle Seite“? Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 76 Die hellen Seiten sind offenbar seine Wunder. Die Teilung des Wassers im Meer, das Manna, das vom Himmel fällt, die Überreichung der Gesetzestafeln auf dem Sinai: Diese biblischen Geschichten werden bis heute in (jüdischen und christlichen) Schulen gelehrt, wobei Moses stets als tapferer Held gefeiert wird. Dass die Wissenschaft längst auf dem Stand ist behaupten zu können, es habe niemals einen Massenexodus aus Ägypten gegeben, erst recht nicht in einer Größenordnung von 600 000 Personen, „Frauen und Kinder nicht mitgezählt“ (Ex 12,37), wird im Religionsunterricht selten oder nur am Rande behandelt. Auch die Erkenntnisse von seriösen Archäologen, wonach es nicht den geringsten Hinweis auf solch eine Hyper-Karawane gibt, vor allem nicht durch die Wüste, wo es naturgemäß an Wasser und Nahrung mangelt, ist für wahre Gläubige nicht von Belang. Sie glauben die Moses-Erzählung, wie sie geschrieben steht – obwohl der Bonner Alttestamentler Martin Noth (1902–1968) seriös nachgewiesen hat, „dass die Themenkomplexe von Ur- und Vätergeschichte, Exodus-, Sinai-, Wüstenwanderung- und Landnahmeerzählungen unabhängig voneinander entstanden und tradiert worden sind“. Der gesamte Pentateuch, so Theologe Noth, bilde keine Historie ab, sondern sei eine „religiöse Komposition“ (siehe auch: Mose, Eckart Otto, C.H.Beck). Komponiert wurde der Exodus-Text übrigens viel später als gemeinhin angenommen. Einer der berühmtesten deutschen Alttestamentler, der Orientalist Julius Wellhausen (1844–1918) zeigt in seiner Prolegomena zur Geschichte Israels auf, dass das zweite Buch Moses der jüngste Text des Alten Testaments ist und erst Jahrhunderte nach den angeblichen Ereignissen geschrieben wurde. Deshalb wissen die ersten Propheten auch nichts von einem Auszug aus Ägypten und nehmen keinen Bezug darauf. Auch der heilige Sabbath, der Ruhetag, stammt vermutlich aus babylonischer Tradition und wurde erst im siebten Jahrhundert vor Christus dort entwickelt. Aber bei den mosaischen Geboten spielte der Sabbath schon eine große Rolle – und Moses soll zurzeit des Pharaos Ramses II (ca 1303-1213 v. Chr.) gelebt haben. Das passt alles nicht zusammen. Für Wellhausen war der Moses-Gott Jahwe übrigens ein Wetter- und Kriegsgott, der sich nicht wesentlich von den damals üblichen Göttern der Ägypter und Kanaaniter unterschieden habe. Moses selbst, meint Wellhausen, sei vermutlich nichts weiter gewesen als ein „Richter in der Oase von Kadesch“. Auch der israeli- Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 77 sche Archäologe Israel Finkelstein ist nach jahrelangen Forschungen zur Auffassung gelangt, dass die mosaische Geschichtsdarstellung in der Bibel „keine wunderbare Offenbarung“ ist, sondern vielmehr ein „herausragendes Ergebnis menschlicher Einbildungskraft“ (in: Keine Posaunen vor Jericho, DTV). Ungeachtet einer tatsächlichen oder hypothetischen Historizität, die in der Forschung hinlänglich umstritten ist: Moses, der sich laut Bibel 40 Jahre lang vorbildlich als Führer von Gottes auserwähltem Volk bewährt hatte, der zudem als Religionsgründer (des Judentums) gilt und die „Zehn Gebote“ in Stein gemeißelt persönlich vom Herrn überreicht bekam, dieser Moses durfte den Einzug ins gelobte Land trotz seiner Verdienste nicht mehr erleben. Er starb, nachdem ihm der Herr zum Abschied immerhin noch das gelobte Land gezeigt hatte, auf dem Berg Nebo gegenüber Jericho, im gesegneten Alter von 120 Jahren. Begraben wurde er irgendwo im Tal bei Bet-Peor in Moab. Warum seine letzte Ruhestätte geheim bleiben sollte („von seinem Grab erfuhr niemand bis auf den heutigen Tag“) ist eines der vielen Rätsel, die diese bedeutendste Figur des Alten Testaments wohl ewig umgeben wird. David. Ein weiterer strahlender Held der jüdischen Geschichtsschreibung hört auf den schönen Namen David. David, bis heute inniglich verehrt, war nach der biblischen Beschreibung ein äußerst problematischer Mensch. Ein Schönling und Draufgänger, der keine Sünde ausgelassen hat. Doch wer die Gnade des Herrn erfährt, und das war bei David offenbar der Fall, bei dem drückt man gerne mal ein Auge zu. Oder auch beide, wenn man besonders fromm ist. Zur biblischen Geschichte gehören die Extreme. Denn nur große Karrieren und überraschende Wendungen regen zum Staunen an. Deshalb war David erst einmal ein kleiner Schafhirte, der nicht einmal dabei sein durfte, als der Prophet Samuel den künftigen König Israels unter den Söhnen des Juden Isai von Bethlehem aussuchen wollte. Alle sieben älteren Isai-Buben fielen bei der Prüfung durch, der Jüngste (David) musste erst mal von der Weide gerufen werden. Die Bibel beschreibt ihn als „schön und kräftig und seine Augen leuchteten“. Da sagte Gott zu Samuel: „Der ist es, salbe ihn!“ (1. Sam 16,12). Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 78 Auf solche Weise wird man auserwählt. Zum Helden wird man durch literarische Verherrlichung, an der es im Buch Samuel wahrlich nicht mangelt. Und zur klassischen Ikone wird man schließlich durch die Kunst: Michelangelos David, der in dreijähriger Arbeit (1501– 1504) aus einem über fünf Meter hohen und zwölf Tonnen schweren Block aus Carrara-Marmor gemeißelt wurde, ist die wohl beste und bekannteste Skulptur der Menschheitsgeschichte. Michelangelos Kunst und Perfektion haben maßgeblich zu dem „makellosen“ Bild beigetragen, das die David-Rezeption bis heute prägt. Neben Moses ist David der Nationalheilige Israels, er gilt als Idealfigur des Herrschers und Inkarnation des göttlich inspirierten Königs. Allerdings ist dieses Bild mehr als nur ein bisschen gefärbt: Wer genau hinschaut und sich die Bücher des Propheten Samuel sowie die Bücher Könige und Chronik zu Gemüte führt, lernt schnell den wahren Charakter der Person David kennen. Und die ist alles andere als „heilig“. David wird in Bethlehem geboren, als achter Sohn von Isai, der das Kind unehelich mit seiner Magd gezeugt haben soll. Deshalb sei der „Bastard“ David auch auf dem Feld versteckt worden, als der Prophet Samuel kam. Doch Gottes Wege sind ja bekanntlich unerforschlich, und so kam „mit der Salbung Davids Gottes Geist über David und wich von Saul“, heißt es bei 1. Sam 16,14. Dem armen König Saul wurde auf diese Weise nicht nur grundlos Gottes Segen entzogen, sondern er wurde auch noch von einem „bösen Geist“ befallen. Im US- Standardwerk Das Alte Testament heißt es dazu (Seite 397): „Hier setzte Gottes Gericht ein, Saul war nun dem Bösen ausgeliefert“. Wahrlich ein merkwürdiger Vorgang: Gott entzieht dem einen seine Gunst und gibt sie dem anderen, schafft damit „gut“ und „böse“ und eine bittere Konfrontation, die den Weg Davids zum König der Juden bis zu Sauls Tod kennzeichnet. Die Menschen können auf diese Entwicklung also nur machtlos reagieren. Schlimmer noch: Bis zu seinem Lebensende darf David von Gottes Segen und Beistand profitieren – obwohl er ein Leben in Saus und Braus führt und im Blut seiner „Feinde“ geradezu badet. Das Bild, das die Bibel von dem jüdischen Rabauken David zeichnet, ist eigentlich verheerend. Gerade deshalb haben Theologen, Exegeten und Historiker (und Künstler!) im Laufe der Jahrtausende nicht nur versagt, sondern auch eine Rezeption ermöglicht, die geradezu Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 79 skandalös ist: David wird in euphemistischer Verdrehung der Fakten als Held und Vorbild glorifiziert, als göttlich inspirierter König, als Inkarnation des edlen Menschen und tapferen Kriegers. Die weltberühmte David-Statue von Michelangelo. Sie hat das „Bild“ des jüdischen Nationalheiligen nachhaltig geprägt. Doch wie bei jeder biblischen Rezeption gilt auch hier: Niemand weiß, wie David wirklich aussah. Es ist nicht mal klar, ob er überhaupt gelebt hat. Die Bibel behauptet, David sei von Gott auserwählt, so wie das ganze jüdische Volk von Gott auserwählt worden sei. Glaubt man der heutigen Wissenschaft, dann war es genau umgekehrt: David wurde nicht auserwählt, er hat vielmehr selbst Jahwe zum Gott Israels erwählt/ bestimmt (Tilly/Zwickel: Religionsgeschichte Israels, WBG). Israel und Juda waren damals, wie die gesamte Levante, polytheistisch geprägt, Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 80 und Jahwe stammte vermutlich aus dem Gebiet des heutigen Süd-Jordanien, wo er als Wettergott verehrt wurde (auch in Ägypten wurde er erwähnt, auf zwei Namenslisten aus der späten Bronzezeit). Gottesliebling David wurde also an den Hof von König Saul gerufen, um den depressiven Monarchen mit seinem Harfe-Spiel aufzumuntern. Dann aber erweckt die Bibel beim legendären Aufeinandertreffen von David und dem Riesen Goliath plötzlich den Eindruck, als würde Saul den jungen Krieger gar nicht kennen: „Wessen Sohn bist du, mein Junge?“ (1. Sam 17,58), fragte Saul den tapferen Krieger, der so viel Mut bewiesen hatte. Nach der Tötung Goliaths, dem er auch noch den Kopf abschlägt, ist der Aufstieg Davids jedenfalls nicht mehr aufzuhalten. Saul nimmt ihn sogar in die königliche Familie auf, gibt ihm seine Tochter Michal zur Frau und verlangt als Brautpreis „100 Vorhäute der Philister“. Was reichlich makaber anmutet, war damals nicht verpönt, der „Beweis“ durch die Vorhäute belegte den Tod der Feinde. Die Philister waren eine Volksgruppe unbekannter Herkunft (vermutlich aus Griechenland oder dem Balkan), die sich an der Mittelmeerküste Israels, dem heutigen Gaza-Streifen, angesiedelt hatten (der Name Palästina wird etymologisch auf die Philister zurückgeführt). David machte sich einen Spaß daraus, Philister zu töten, um mit ihren Vorhäuten seine Braut zu bezahlen. Und weil er ein besonders wilder Krieger war, brachte er dem König nicht 100, sondern gleich 200 Vorhäute. Es ist nur ein kleiner Vers in der Bibel, aber was bedeutet der Vorgang tatsächlich? Nun, David hat mit seiner Horde, die später noch zu berüchtigten „Streifzügen“ aufbrechen sollte, einfach so mal 200 Philister getötet und ihre Leichen geschändet. Die Rivalität zwischen König Saul und David wird in der „Heiligen Schrift“ lang und breit erzählt, sie soll uns hier nicht interessieren. Aus ihr folgerte allerdings die Flucht Davids vor dem Schwiegervater, der ihm angeblich nach dem Leben trachtete. Die Flucht führte unter anderem ins eigentlich verfeindete Philisterland, wo David sich mit 400 seiner Leute niederlassen durfte und sogar die Stadt Ziglak als kleines „Königreich“ erhielt. In der Stuttgarter Erklärbibel heißt es dazu, David habe sich „aus Entrechteten und Gescheiterten eine Hausmacht aufgebaut“, Männern also, die sich der Schuldknechtschaft entziehen wollten oder als nicht erbberechtigte Söhne verbittert waren. Mit dieser Söldnertruppe machte David das Land unsicher, beging hunderte Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 81 Raubüberfälle, bei denen unzählige Menschen getötet wurden. Die Bibel scheut sich nicht, dies ausführlich zu schildern: „David zog hinauf mit seinen Männern und fiel in das Land der Geschuriter und Amalekiter ein; denn diese waren von altersher die Bewohner dieses Landes bis hin nach Schur und Ägypten. Und sooft David in das Land einfiel, ließ er weder Mann noch Frau leben und nahm Schafe, Rinder, Esel, Kamele und Kleider mit und kehrte wieder zurück. Kam er dann zu Aschich und Aschich sprach: Wo seid Ihr heute eingefallen?, so sprach David: In das Südland Judas, oder: In das Südland der Jeraschmeliter, oder: In das Südland der Keniter. David aber ließ weder Mann noch Frau lebend nach Gat kommen, denn er dachte: Sie könnten uns verraten. So tat es David, und das war seine Art, solange er im Philisterland lebte“ (1. Sam 8-11). Aber das war nur der Anfang seiner Krieger-Karriere: David, der sich von Gott behütet wähnte und sich auf Gottes Hilfe beim Töten seiner Gegner berufen durfte (siehe unten), verfügte als König von Juda und später ganz Israel über eine schlagkräftige Terrortruppe, mit der er im wesentlichen Angriffskriege führte (2. Sam 8). Als er die als uneinnehmbar geltende Festung Jerusalem eroberte, sprach er zu seinen Leuten: „Wer die Jebusiter schlägt und durch den Schacht hinaufsteigt (gemeint ist ein Wasserschacht), und wer die Lahmen und Blinden erschlägt, die David verhasst sind, der soll Hauptmann und Oberster sein“. Auch Jahwe selbst hatte keinerlei Probleme mit seinem blutrünstigen Liebling: „Und Davids Macht nahm immer mehr zu, und Gott der Herr war mit ihm“ (2. Sam 4,10). Der Herr fungierte sogar als Ratgeber und Protektor des kriegerischen Königs: „Und David befragte den Herrn: Soll ich hinaufziehen gegen die Philister? Und der Herr sprach zu David: Zieh hinauf, ich werde die Philister in deine Hand geben!“ (2. Sam 5,19). David, der seine Position in Juda durch Bestechung erlangt hatte („Der ganze Stamm Juda erkannte ihn als König an, dessen Anführer er durch Geschenke gewonnen hatte“. In: Histoire de la vie de David von Abbé de Choisy), nutzte seine Macht gnadenlos aus. Gegen seine Opfer ging er mit unfassbarer Brutalität vor: So mussten sich Davids Kriegsgefangene hintereinander auf den Boden legen, der Prophet Samuel beschreibt in seinem 2. Buch (8,2), was dann passierte: „Jeweils zwei Schnurlängen wurden getötet, und jeweils eine Schnurlänge ließ er am Leben“. Selbst die Pferde seiner Gegner mussten leiden: „Und David nahm von ihnen gefangen tausendundsiebenhundert Gespanne und Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 82 zwanzigtausend Mann Fußvolk und lähmte alle Pferde und behielt hundert übrig“ (2. Sam 8,4). Einmal ließ King David angeblich sogar 50 000 Mann (!) umbringen, nur weil sie die heilige Bundeslade gesehen hatten. In der alten Luther-Übersetzung ist dieser Massenmord auch beschrieben (1. Sam 6,19). Weil der heutigen Kirche solche Sentenzen aber offenbar zu brutal sind, haben die frommen Gottesmänner die Zahl einfach verfälscht. Heute heißt der Vers in der Bibel: „Der Herr aber bestrafte die Leute von Bet-Schemesch, weil sie die Bundeslade nicht mit der gebührenden Ehrfurcht angeschaut hatten; siebzig Männer mussten sterben“. Mit dieser Zensur-Methode wurde auch 2. Sam 12,31 bearbeitet. Da beschreibt der Prophet, was König David nach der Eroberung der Stadt Rabba mit seinen Gefangenen anstellte: „Aber das Volk drinnen führte er heraus und legte sie unter eiserne Sägen und Zacken und eiserne Keile und verbrannte sie in Ziegelöfen. So tat er allen Städten der Kinder Ammon“. In den frühen Schriften und der alten Lutherbibel steht diese Ungeheuerlichkeit auch so geschrieben, doch nach dem 2. Weltkrieg war den deutschen Kirchenmännern das Verbrennen von Menschen in Ziegelöfen offenbar peinlich. Sie änderten den biblischen Text deshalb in gravierender Weise ab: „Die Einwohner setzte er für Bauarbeiten ein; sie mussten Steine brechen und sie zurecht sägen, Ziegel herstellen und Baumstämme mit der Axt begraben“. Nun, das muss sich der Gläubige vergegenwärtigen: David durfte so handeln – der Herr war ja schließlich mit ihm! In der berühmten Nathansverheißung, die nach Ansicht amerikanischer Theologen „theologisch und historisch nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“ (DAT, Seite 416), heißt es wörtlich: „Gott, der Herr der Welt, lässt dir sagen: Ich habe dich von der Schafherde weggeholt und zum Herrscher über mein Volk gemacht. Bei allem, was du unternommen hast, habe ich dir geholfen und alle deine Feinde vernichtet. Ich habe dich berühmt gemacht und du wirst zu den Großen der Erde gezählt“ (2. Sam 7,8-9). Die Verheißung gipfelt in einem Versprechen: „Dein Königshaus wird für alle Zeiten bestehen!“ Wie skrupellos David war, zeigt auch sein Umgang mit Frauen. Obwohl der bisexuelle David ein Verhältnis mit Sauls Sohn Jonathan und zahlreichen Ehe- und Nebenfrauen hatte, nahm er sich jedes Weib, das ihm gefiel – und schreckte dafür auch vor Auftragsmorden nicht Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 83 zurück: Als er mal wieder seine Truppen in den Krieg geschickt hatten, „damit sie das Land der Ammoniter verheerten“, lustwandelte er eines Abends auf dem Dach seines Palastes und sah im Nachbargarten eine Frau beim Bade, die „von schöner Gestalt“ war. David ließ nach ihr rufen, doch dummerweise war sie verheiratet mit dem Hetiter Uria, einem seiner Offiziere. David schwängerte sie trotzdem, und um die schöne Batseba als Frau behalten zu können, musste Uria eben sterben (2. Sam 11). Das war nun offenbar selbst dem Herrn zuviel, der seinen Liebling deshalb bestrafte – mit dem Tod seines völlig unschuldigen Sohnes! „Und der Herr schlug das Kind, das Urias Frau dem David geboren hatte, sodass es todkrank wurde“ (2. Sam 12, 15). Was soll man zu soviel Güte und Gerechtigkeit Gottes sagen? Und wie soll man bewerten, dass die Autoren der Samuel-Bücher (im 7. Jahrhundert v. Chr.) die Episode mit dem Tod des Kindes womöglich erfunden haben, weil sie vertuschen wollten, dass dieses „Kind der Sünde“ (Salomo) später zum König Israels wurde? Nun, was wir glauben sollen, lehrt uns die Heilige Katholische Kirche: Jedes Wort in der Bibel sei „wahres Wort Gottes“ – und zwar „ohne Irrtum“ (Katechismus 101-123). Die Spitze der Bigotterie sind Davids „Dankeslieder“. Die lyrische Ader haben ihm seine späteren Verehrer angedichtet und behauptet, er sei der Autor der (meisten) Psalmen. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Der berühmteste Psalm wird übrigens bis heute nahezu täglich in irgendeiner Kirche rezitiert, und die Gläubigen sind dabei oft ganz ergriffen: „Der Herr ist meine Hirte, es wird mir an nichts mangeln“ (Psalm 23). Bei Davids Dank nach seinen Schlachten (Psalm 18) wird aber vorsichtshalber nur der Anfang gebetet: „Der Herr ist mein Fels und meine Burg, und mein Erretter.. mein Schutz und meine Zuflucht“. Die Verse 38 und 43 hingegen lässt man lieber weg: „Meinen Feinden jage ich nach und vertilge sie, und ich kehre nicht um, bis ich sie umgebracht habe… Ich will sie zerstoßen zu Staub der Erde, wie Dreck auf der Gasse will ich sie zerstäuben und zertreten“… Erstaunlich, dass angesichts solcher Zeilen, vor denen die Bibel nur so strotzt, David bis heute heroisiert und idealisiert wird. Schon in der karolingischen Kunst wurde David verherrlicht, neben Michelangelo haben ihm Donatello, Caravaggio, Verrocchio und Rembrandt kunstvolle Denkmäler gesetzt. Es gibt eine eigene Publikation, in der 245 von über 5000 Kunstwerken allein über David aufgelistet sind Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 84 (King David in the Index of christian Art). Die Legenden über David und seinen Sohn und Nachfolger Salomo, von Mönchen nach Europa gebracht und in Klöstern „kopiert“ (abgeschrieben, bzw. umgeschrieben), später sogar auf den Fassaden der Kathedralen „in Stein gemei- ßelt“, war ein gefundenes Fressen für Könige, Kaiser, Fürsten und klerikale Potentaten. So stark und triumphal wie David und so reich und weise wie Salomo, so wollten auch sie sein. Die antiken Vorbilder waren die perfekte Reflexionsfläche für den (eigenen) Traum von Macht und Herrlichkeit. Karl der Große war dafür ein typisches Beispiel. Bis heute wird David, und das ist besonders problematisch, als Vorbild für die Jugend dargestellt. In aktuellen „Kinderbibeln“ (z.B. von Eckard zur Nieden, SCM‑Verlag, oder von Anne de Vries, Neukirchener Verlagsgesellschaft) wird David als toller Hecht stilisiert, als Inkarnation des edlen Ritters. Im Religionsunterricht gibt es noch immer Bücher der Art „Mutig wie König David“ (von Chantal D. Horst) oder „David – was für ein Typ!“ (von Carsten Buck), die allesamt ein euphemistisches Bild vermitteln, das den David der biblischen Geschichte in fragwürdiger Weise verfälscht. Dabei ist nicht einmal sicher, ob die biblische Figur des israelischen Helden überhaupt historisch ist. Für ein davidisches Großreich um 1000 v. Chr. gibt es keinerlei archäologische Beweise. Israel Finkelstein, der jüdische Autor und Archäologe, glaubt deshalb auch nicht an die Existenz von David und seines Sohnes Salomo. Diese Figuren seien „biblische Erfindungen“, meint der Autor des Weltbestsellers Keine Trompeten vor Jericho. Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 85 Jesus von Nazareth, König der Juden Ein kleines Porträt des Größten von allen Gibt es irgendeinen Zweifel, dass Jesus von Nazareth die interessanteste Figur der Weltgeschichte ist? Ich glaube nicht. Mit seinem höchstens zweijährigen Wirken als Wanderprediger und Wunderheiler (für manche Forscher war Jesus nur ein Jahr lang „aktiv“) hat der jüdische Bauhandwerker den Lauf der Welt beeinflusst und verändert wie sonst niemand. Dabei deutete am Anfang so gut wie nichts auf die einmalige Karriere des Galiläers vom Höhlenbewohner eines winzigen Bergdorfs zum global agierenden „Sohn Gottes“ hin. Jesus kam praktisch aus dem Nichts, und er hat – gewiss auch aufgrund günstiger Umstände – die größtmögliche Wirkung erzielt. Selbst Atheisten oder Andersgläubige müssen akzeptieren, dass diese Leistung höchsten Respekt verdient. Über die Historizität der Person Jesus von Nazareth gibt es keine ernsthaften Zweifel. Dieser Mensch hat, wie wir auch aus den Schriften des römischen Historikers Flavius Josephus (37–100 n. Chr.) wissen, tatsächlich gelebt – und er ist natürlich auch gestorben. Es sind die Umstände seines Todes, die umstritten sind, wir kommen noch darauf zurück. Dass Jesus eine solch nachhaltige Wirkung erzielen konnte, war nicht im Geringsten zu erwarten. Sein Heimatdorf Nazareth an einem entlegenen Berghang war so unbedeutend, dass frühe Geschichtsschreiber es gar nicht erst erwähnten. Der Ort zählte nur ein paar Hundert Einwohner, die größtenteils in Höhlen hausten. Leider wissen wir so gut wie nichts über Kindheit und Jugend von Jesus, dessen (Stief-)Vater Joseph hieß und seine Mutter Maria. Und genau hier beginnt schon das erste Problem: Von seiner Dorfgemeinschaft wurde Jesus nicht nur skeptisch beäugt („Sie wollten nichts von ihm wissen“, Mk 6,3); sie sprachen auch abschätzig von ihm als „Marias Sohn“. Kapitel 7 87 Nach damaligem Verständnis war die Benennung der Mutter statt des Vaters die Umschreibung für „Bastard“, also für ein uneheliches Kind. Joseph, „der Verlobte von Maria“, war offensichtlich nicht der Vater von Jesus, der die größte aller denkbaren Karrieren machen sollte: Vom verachteten „Hurenkind“ zum „Messias“ und „Sohn Gottes“. Seriöse Bibel-Interpreten sind der Auffassung, Jesus habe unter seiner ungeklärten Herkunft gelitten und die Familie womöglich auch deswegen verlassen, um als Vagabund durch die Gegend zu ziehen. Tatsächlich ist sein gestörtes Verhältnis zur Mutter und den Geschwistern belegt (Mt 12,48 u.a.), ebenso seine Zuwendung zu Dirnen und Zöllnern, die wie er ein schlechtes Image hatten. Nach unendlich vielen persischen, babylonischen, ägyptischen, griechischen und römischen Göttern wurde vor 2000 Jahren (angeblich) in Bethlehem der Gott der Christen geboren. Die biblische Krippenszene wurde tausendfach rezipiert, nicht selten auch verkitscht. Dieses Gemälde von Pier Maria Bagnadore ist in der Kirche „Corpo di Cristo“ in Chiesa/Italien zu bewundern. Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 88 Stiefvater Joseph war übrigens nicht, wie oft behauptet wird, ein Zimmermann, denn in der holzarmen Gegend von Galiläa gab es diesen Beruf vermutlich gar nicht. Er war wahrscheinlich Bauhandwerker, und da es im kleinen Nazareth mit Sicherheit keine dauerhafte Beschäftigung gab, werden Joseph und seine Söhne ihren Lebensunterhalt vermutlich als Tagelöhner „auf Montage“ verdient haben. Und zwar vor allem in der nahen Residenzstadt Sepphoris – die in der Bibel interessanterweise nirgendwo erwähnt wird. Das hängt auch damit zusammen, dass der Wanderprediger Jesus diese Residenz des römischen Statthalters Herodes Antipas (nicht zu verwechseln mit seinem Vater, König Herodes, 73 – 4 v. Chr.) tunlichst mied: Jesus wusste um die Gefahr, die von Herodes ausging, hatte dieser doch Johannes den Täufer verhaften und ermorden lassen. Jesus stammte also aus Nazareth, wo er – wie seine vier Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon sowie seine (namenlosen) Schwestern – mit großer Sicherheit auch geboren wurde. Offiziell heißt es zwar, Jesus sei in Bethlehem zur Welt gekommen, weil der „Messias“ nach der prophetischen Überlieferung (Micha 5,1) aus der „Stadt Davids“ stammen musste. Doch selbst die vier Evangelisten widersprechen sich sowohl beim Geburtsjahr als auch beim Geburtsort des Gottessohnes. Während der erste Evangelist Markus von Jesu Geburt in Bethlehem gar nichts weiß, spricht der vierte Evangelist Johannes von „Meinungsverschiedenheiten“, was Jesu Herkunft betrifft (Joh 7, 41-43). Gleichzeitig sind sich Lukas und Matthäus nicht einig, wann Jesus überhaupt zur Welt kam. Lukas erzählt die (heute klassische) Weihnachtsgeschichte, wonach „Quirinius Statthalter von Syrien“ war, als Kaiser Augustus angeblich eine Volkszählung anordnete, die Joseph und Maria nach Bethlehem führen sollte. Bloß: Es gab damals keinen Zensus, er ist nirgendwo nachweisbar. Und Quirinius wurde erst im Jahr 6 nach Christus Statthalter von Syrien. Das heißt, Jesus könnte demnach frühestens im Jahre 6 geboren sein – also zehn Jahre nach dem Datum, das Matthäus angibt. Laut Matthäus fällt Jesu Geburt in die Zeit des Königs Herodes – der aber schon 4 vor Christus gestorben ist. Ungeachtet weiterer Widersprüche (bei Lukas sind die ersten Besucher des Jesuskindes „Hirten“, bei Matthäus „Magier“) ist für viele Bibelforscher klar, dass die Evangelisten vor allem eine Absicht verfolgten: Sie wollten mit ihren Berichten die Ankündigungen der Propheten (vor allem Ein kleines Porträt des Größten von allen 89 Samuel und Jesaja) bestätigen, wonach in Israel ein „Erlöser“ kommen und die Welt retten würde… Dabei glaubten die Evangelisten, unbedingt ein Bekenntnis zur jüdischen Königsideologie ablegen zu müssen: Demnach konnte der „Messias“ nur aus dem Hause Davids stammen. Und weil Davids Heimatstadt nun mal Bethlehem war, musste Jesus eben auch dort geboren sein. Und nicht in Nazareth, das immerhin 160 Kilometer (!) von Bethlehem entfernt liegt. Dass Joseph seine hochschwangere Verlobte Maria also in einer tagelangen Gewalttour über Stock und Stein durch Samaria und Judäa laufen ließ, um sich in seinem angeblichen Heimatort Bethlehem „schätzen“ zu lassen, ist wohl eher eine Mär für Gutgläubige. Auch die gern behauptete Abstammung Josephs aus dem Geschlechte Davids ist mehr als fragwürdig: Sie wirkt genealogisch konstruiert und ist schon deshalb obsolet, weil Joseph offiziell ja gar nicht der Vater von Jesus war. Wie bereits erwähnt, ist über Kindheit und Jugend des heranwachsenden Jesus nichts bekannt – außer zwei spektakulären Begebenheiten, die allerdings nur von jeweils einem Evangelisten registriert worden sind: Kurz nach der Geburt des Jesuskindes soll dem Stiefvater Joseph „ein Engel des Herrn“ im Traum erschienen sein und ihn aufgefordert haben, nach Ägypten zu fliehen. König Herodes trachte dem „Kindlein“ nach dem Leben (Mt 2,13). Joseph wurde daraufhin wach und zog „noch bei Nacht“ mit der Familie ins ferne Ägypten. Dort seien Jesus, Maria und Joseph geblieben, bis Herodes starb, dann durfte die Heilige Familie wieder zurück. Zwischendurch hat Herodes angeblich „alle Kinder in Bethlehem und Umgebung“ bis zum Alter von zwei Jahren umbringen lassen, aber auch diese Mär steht exklusiv nur bei Matthäus. Weder die anderen Evangelisten noch die offizielle Geschichtsschreibung wissen darüber irgendetwas zu berichten. So liegt der Verdacht nahe, dass Matthäus auch in diesem Fall bloß die Verhei- ßung des Propheten in Erfüllung gehen lassen wollte – und sogar offen darauf hinweist: „Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia“ (Mt 2,17). Was wie oben bereits erwähnt nicht nur kritischen Geistern zu denken geben sollte: Der angebliche Kindsmörder König Herodes ist bereits vier Jahre vor Jesu Geburt gestorben. Das zweite Spektakel ereignete sich im jüdischen Tempel zu Jerusalem, wo der 12-jährige Jesus „mit den Gesetzeslehrern“ diskutierte Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 90 und diese mit seinen klugen Aussagen „in Erstaunen“ versetzte (Lk 2,46). Diese Geschichte ist nur bei Lukas (und dem apokryphen Thomas-Evangelium) zu finden und auch sie klingt in hohem Maße unglaubwürdig. Zwar war es durchaus üblich, dass gläubige Juden wie Joseph und Maria zum Passafest ins ferne Jerusalem pilgerten; aber dass sie diese beschwerliche Reise angeblich „jedes Jahr“ (Lk 2,41) machten, ist angesichts der Gesamtstrecke von 300 Kilometern Fußmarsch zumindest fragwürdig. Jedenfalls merkten die Eltern auf dem Rückweg angeblich nicht, dass ihr Sohn Jesus fehlte. Nun muss man wissen, dass solche Pilgerreisen auch damals schon Gruppenreisen waren. Wer alleine unterwegs war, lebte gefährlich. Joseph und Maria suchten Jesus deshalb „abends unter ihren Verwandten und Bekannten“ – und gingen die weite Strecke nach Jerusalem wieder zurück, wo sie den verlorenen Sohn endlich „am dritten Tag im Tempel“ fanden. Interessant, dass der göttliche Junge dabei kein Jota Verständnis für die Nöte der besorgten Eltern aufbrachte: „Warum habt ihr mich gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Hause meines Vaters sein muss?“ (Lk 2,49). Immerhin ist dies die erste offiziell kolportierte Äußerung von Jesus, in der er sich selbst indirekt als Sohn Gottes bezeichnet. Nun, so schön diese Episode auch klingen mag, sie ist nicht ernst zu nehmen: Nach Erkenntnissen der Bibelforscher ist es ein schlichter Versuch, die Göttlichkeit des jungen Jesus zu beweisen. Deshalb auch das Alter von zwölf Jahren: Ab dem 13. Lebensjahr galt ein jüdischer Jüngling als Barmizwa, als „Sohn des Gesetzes“, also religionsmündig. Es sollte aber unbedingt dargestellt werden, dass ein unmündiges Kind den ehrwürdigen Schriftgelehrten überlegen war. Zu dieser Tempel-Sage gibt es eine bemerkenswerte Randnotiz: Künstler jeder Epoche haben stets und gerne biblische Szenen illustriert und so die Vorstellungswelt der Gläubigen nachhaltig geprägt. Auch der deutsch-jüdische Maler Max Liebermann (1847-1935) hat diesen Moment im Tempel festgehalten – und musste das Bild nach massivem Druck der Öffentlichkeit und Obrigkeit korrigieren: Weil er Jesus natürlich, als typisch jüdisch-orientalisches Kind, mit dunklem Haar, einfacher Kutte und barfuß gemalt hatte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die fromme Öffentlichkeit, insbesondere der Klerus, war schockiert. Am 15. Januar 1880 befasste sich gar der bayerische Landtag mit dem Skandal, und Liebermann musste sein Werk überar- Ein kleines Porträt des Größten von allen 91 beiten: Aus dem dunklen Jesus wurde nun ein blonder Jüngling in feinem Gewand und mit Sandalen. Dabei weiß kein Mensch seit 2000 Jahren, wie Jesus tatsächlich ausgesehen hat: Sämtliche Bildnisse vom „Sohn Gottes“ (das erste entstand im dritten Jahrhundert in den Calixtus-Katakomben von Rom) sind reine Phantasie-Gebilde. Der echte Jesus von Nazareth war weder blond noch groß, und er hatte mit großer Wahrscheinlichkeit einen dunklen Teint. Jesus von Nazareth. Niemand weiß, wie der „Sohn Gottes“ tatsächlich ausgesehen hat. Es gibt keinen einzigen Hinweis auf seinen Habitus, weder in der Bibel noch in anderen historischen Schriften. Die unzähligen Darstellungen (hier in der Hagia Sophia in Istanbul) basieren allesamt auf der Phantasie der Künstler. Glaubt man dem nicht kanonisierten Thomas-Evangelium (nicht zu verwechseln mit dem koptischen Thomas-Evangelium aus den Schriften von Nag Hammadi), dann war dieser Jesus als Junge übrigens kein sympathischer Lausbub, sondern ein ungezogener Lümmel mit geradezu tyrannischem Gebaren. Der Autor dieses Evangeliums scheut sich nicht, Jesus als frechen Angeber darzustellen, der ständig mit seinen göttlichen Fähigkeiten prahlt und Freunde wie Nachbarn schockt. Zwei Beispiele: Weil ein Spielkamerad („der Sohn des Schriftgelehrten Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 92 Annas“) etwas Wasser, das Jesus aus Bächlein oder Pfützen zusammen geleitet hatte, mit einem Weidenzweig zum Ablaufen brachte, flippte der Gottessohn aus und beschimpfte den Kameraden als „gottlos und dumm“. Zur Strafe ließ er den armen Sünder dann „verdorren“. Ein andermal stieß „ein herumlaufender Knabe“ den Gottessohn beim Spielen unbeabsichtigt an der Schulter. Das hätte er besser nicht getan, denn augenblicklich „wurde Jesus erbittert“ und ließ den Anrempler tot umfallen. Seinen Lehrer Zachäus blamierte Jesus bis auf die Knochen, andere Zeitgenossen ließ er erblinden – beim Evangelisten Thomas verhielt sich der junge Jesus alles andere als göttlich. Trotzdem stießen solche Räuberpistolen beim einfachen Volk, das gierig war auf „sensationelle Beweise“, auf großes Interesse, heißt es in den Apokryphen zum Neuen und Alten Testament (Manesse Bibliothek der Weltliteratur). Tatsächlich sammelte auch der Erzbischof von Genua, Jacobus de Voragine (1228-1298), allerlei Wunder-Geschichten, die er als Nova legenda und später als Legenda aurea unters Volk brachte – es sollte das mit Abstand erfolgreichste Buch des Mittelalters werden! Die Menschen waren ganz erpicht auf Jesus- und Heiligen-Legenden, das Werk des Bischofs wurde zum damals am weitesten verbreiteten Volksbuch und zu einer der wichtigsten Quellen der Heiligen-Verehrung (Die Legende Aurea des Jacobus de Voragine, neu übersetzt von Richard Benz, Gütersloher Verlagshaus 2004). Jenseits der apokryphen Schauergeschichten ist tatsächlich nichts über den jungen Jesus bekannt. Das ist schade, denn natürlich würden die (heutigen) Gläubigen gern wissen, was für ein Typ dieser ungewöhnliche Nazarener denn nun war. Ob er regelmäßig die Synagoge besuchte, ob er lesen und schreiben konnte oder nur aramäisch sprach (was den „Gottessohn“ sehr irdisch machen würde); ob er Freundschaften und Liebschaften pflegte – und ob er gegen erotische Verlockungen jeder Art gefeit war. Jedenfalls taucht dieser unglaubliche Jesus erst im gesetzten Mannesalter von 30 Jahren in der Öffentlichkeit auf, und dann auch noch als Außenseiter, der zuhause in Nazareth verspottet wurde: Die Leute aus seinem Heimatdorf wollten wie schon erwähnt „nichts von ihm wissen“ und als er an einem Sabbat trotzdem mal bei ihnen predigen wollte, „jagten sie ihn davon“. Hochspannend ist auch Jesu Verhältnis zu Johannes dem Täufer, der bereits etwas früher als radikaler Wanderprediger unterwegs war. Ein kleines Porträt des Größten von allen 93 Über diese Beziehung sind ganze Bücher geschrieben worden, ohne dass man dem Geheimnis der beiden „Brüder im Geiste“ auf die Spur kam. Waren die beiden Freunde, Kumpel oder Kollegen? Waren sie etwa Rivalen? Oder war Johannes sogar „Lehrer“ und Vorbild des etwa gleichaltrigen Jesus? Mit einiger Wahrscheinlichkeit, auch das ist nicht überall bekannt, waren sie miteinander versippt! Die Bibel teilt das genaue Verwandtschaftsverhältnis nicht mit, aber es muss eng gewesen sein, denn die Mütter der beiden waren befreundet und zur gleichen Zeit schwanger. Maria besuchte „ihre Verwandte“ Elisabeth, die Frau des Priesters Zacharias, sogar während der Schwangerschaft „im Bergland von Judäa“ (Lk 1,36). Und weil in der Bibel halt alles möglich ist, wusste Elisabeth schon bei Marias Ankunft (woher bloß?), dass dieser Besuch eine ganz besondere Ehre war: „Wer bin ich denn, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43). Aber warum, und das ist auch theologisch eine interessante Frage, taten Jesus und Johannes dann so, als hätten sie sich nicht gekannt? Die Vorgeschichte dazu ist sehr aufschlussreich: Die Evangelisten Markus, Lukas und Johannes lassen ihre Evangelien nicht mit Jesus, sondern mit Johannes beginnen! Und erwecken dabei den Eindruck, als sei Johannes nicht irgend ein frommer Prediger, von denen es damals viele gab. Sondern der von Gott gesandte Vorläufer des von den Juden erwarteten „Messias“. Und so beschreiben sie diesen Johannes als naturbelassenen Asketen, der sich in „Kamelhaar“ kleidete, „wilden Honig“ aß und auf Alkohol verzichtete. Damit war zugleich ein scharfer Kontrast gezogen zu dem Genussmenschen Jesus, der gerne „zu Tische lag“ und sich bedienen ließ. Sein Ruf diesbezüglich war so legendär, dass ihn die Pharisäer sogar als „Fresser und Weinsäufer“ beschimpften (Mt 11,19). Johannes, etwa sechs Monate älter als Jesus, sagte sich als Erster los von zuhause und verließ Freunde und Familie. Heute würde man sagen: als „Aussteiger“. Der Evangelist Markus lässt den Täufer „in der Wüste“ (gemeint ist das Gebiet Peräa, östlich des Jordan gegenüber von Jericho) als leidenschaftlichen Wanderprediger auftreten: „Ihr Schlangenbrut! Kehrt um! Lasst euch taufen! Fangt ein neues Leben an!“. Dabei versuchte Johannes, der Schriften kundig, die Vorhersagen des Propheten Jesaja zu erfüllen: „Bereitet den Weg für den Herrn!“ Und: Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 94 „Nach mir kommt einer, der viel mächtiger ist als ich. Ich bin nicht mal gut genug, ihm die Schuhriemen zu lösen!“ Allerdings packt Markus, dramaturgisch nicht sehr geschickt (oder bewusst mit dem Ziel des Verschleierns), die entscheidende Szene in einen einzigen Vers: „Um diese Zeit kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen“ (Mk 1,9). Ein Satz, der wie nachgeschoben wirkt. Dabei ist er von elementarer Bedeutung: Warum sollte sich „Gottes Sohn“ reinigen und taufen, sich also von Sünden freisprechen lassen? Hatte Jesus etwa (auch) gesündigt? Lukas macht die Szene noch kürzer: „Zusammen mit allen anderen hatte sich auch Jesus taufen lassen“ (Lk 3,21). Matthäus immerhin schmückt den Vorgang aus – und fügt einen brisanten Aspekt ein: „Um diese Zeit kam Jesus aus Galiläa zum Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzubringen und sagte: „Ich müsste eigentlich von dir getauft werden, und du kommst zu mir?!“ (Mt 3,13-14). Der vierte Evangelist Johannes wird theologisch und nennt Jesus in diesem Zusammenhang „das Opferlamm Gottes, das die Schuld der ganzen Welt auf sich nimmt“ – ein erster Hinweis auf die Erlösertheorie, mit der der Missionar Paulus das Christentum begründete (siehe Kapitel 8). Später lässt der Evangelist den Täufer noch behaupten, gar nicht gewusst zu haben, dass sein Freund Jesus der Auserwählte sei. Diese Erleuchtung sei ihm erst nach der Taufe gekommen, als der Heilige Geist sich „wie eine Taube aus Himmeln“ auf Jesus niedergelassen habe (Joh 1,29-34). In dieser Szene taucht übrigens zum ersten Mal im Neuen Testament der Heilige Geist auf. Im Alten Testament hatte er überhaupt keine Rolle gespielt, dort waren immer nur die „Engel des Herrn“ unterwegs. Zudem ist interessant, dass bei den Evangelisten Matthäus (3, 16-17) und Markus (1, 9-10) nicht Johannes den Geist sieht und die Stimme von oben hört, sondern nur Jesus selbst! Warum diese Verse so entscheidend sind, hat uns nicht ein namhafter Theologe oder Bibelwissenschaftler übermittelt, sondern ein „Privatmann“, nämlich der hanseatische Gymnasiallehrer Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Rund 40 Jahre lang wirkte der konservative Professor für orientalische Sprachen als Rektor des Akademischen Gymnasiums in Hamburg – und schrieb zuhause in der stillen Stube klammheimlich eine Bibelkritik, wie es sie zuvor noch nicht ge- Ein kleines Porträt des Größten von allen 95 geben hatte. Seine Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes – ein antichristliches Pamphlet ungekannter Schärfe war so brisant, dass Reimarus die Publikation selbst nicht wagte. Erst nach seinem Tod traute sich der berühmte Dichter Gotthold Ephraim Lessing (Nathan der Weise), damals Leiter der herzöglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, das Werk auszugsweise zu veröffentlichen. Wie nicht anders zu erwarten, brach ein Sturm der Entrüstung los, fromme Christen waren außer sich. Der spektakuläre Vorgang sollte als „Fragmentenstreit“ in die Geschichte eingehen. Dabei war Reimarus bei Lektüre der Bibel nur aufgefallen, was ja tatsächlich augenfällig ist: Nach den vorliegenden Informationen haben sich Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth nämlich nicht nur persönlich gekannt, sondern hatten offensichtlich auch die gleichen Ziele. Sie waren miteinander verwandt, „Brüder im Geiste“, und beide ließen das „bürgerliche“ Leben etwa zur gleichen Zeit hinter sich (was übrigens verpönt war und einem Im-Stich-lassen der eigenen Familie gleichkam), um fortan als Wanderprediger durch die Gegend zu ziehen. Und um eine Gottesherrschaft zu verkünden, die kurz bevorstünde. Reimarus störte sich daran, dass der Täufer „zwei malen öffentlich“ so tat, als habe er Jesus zuvor nicht gekannt. Detailliert weist der Hamburger Gelehrte in den Schriften auf Widersprüche hin, die „eine Verstellung und abgeredte Karte verraten“. Tatsächlich kommen gewisse Zweifel auf, wenn man Lukas, Kapitel 7 liest: Da hörte Johannes angeblich von seinen Jüngern, dass ein Mann namens Jesus drüben in Galiläa „Menschen von bösen Geistern befreit“, „Tote lebendig macht“, und „Blinden das Augenlicht wiedergibt“. Deshalb schickte Johannes zwei seiner Jünger zu Jesus, die ihn fragen sollten: „Bist du der Retter, der kommen soll; oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Warum Johannes das fragen lässt, wird nicht klar, schließlich hat er ja schon angeblich als Fötus im Leib seiner Mutter Elisabeth „vor Freude gehüpft“, als „die Mutter des Herrn“ zu ihnen kam. Jedenfalls ließ Jesus ihm antworten, er vollbringe tatsächlich Wunder. Gegenüber seinen eigenen Jüngern lobt Jesus den Vetter sodann über den grünen Klee: Johannes sei „mehr als ein Prophet“, er sei der „Bote Gottes“, der den Weg für den Erlöser bahne. Johannes sei „bedeutender als irgend ein anderer Mensch“ (Lk 7,18-28). Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 96 Kritische Geister könnten da schon mal fragen: Haben hier etwa zwei Kumpel über Bande gespielt? Der Skeptiker Reimarus glaubte fest daran. Außerdem ärgerte den Professor die Behauptung von Johannes, er habe nach Jesus Taufe diese Stimme aus dem Himmel gehört: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“. Tatsächlich aber, schreibt Reimarus, habe „kein Mensch von denen, die um Johannes und Jesum herum waren, das Geringste gesehen oder gehöret“. Für den frustrierten Christen aus Hamburg war die Sache klar: Die „Erdichtungen von Johanne“ hätten einzig den Zweck gehabt, „Jesu zu befördern“. Der Vorwurf ist starker Tobak, nicht nur für gläubige Christen – und zugleich schwerlich von der Hand zu weisen. Denn die Beförderung zum Heiland (Erlöser) war ja tatsächlich gelungen: Nachdem der Asket Johannes als angeblicher Unruhestifter getötet worden war, weil der römische Vasall Herodes Antipas sich von ihm provoziert fühlte, konzentrierte sich das öffentliche Interesse in Galiläa noch mehr auf Jesus, der mit bemerkenswerter Souveränität auftrat und immer mehr „Jünger“ anlockte. Dabei wurde zunehmend klar: Dieser Mann aus Nazareth hatte nicht nur Charme und rhetorisches Talent; er war auch charismatisch. Die Leute, vor denen er sprach, hingen an seinen Lippen – weil er sie im wahrsten Sinne des Wortes „verzauberte“. Das war der Punkt: Von Jesus ging ein Zauber aus. Er faszinierte die Menschen. Die Bibel ist voller Wundergeschichten, in denen er Kranke heilt, Lahme gehen und Blinde wieder sehen lässt. Nun muss man allerdings wissen, dass die Menschen damals (noch) abergläubischer waren als heute. Das gesamte Leben war religiös geprägt, der Glaube an höhere Mächte, an Gott/Götter und an Dämonen war allgegenwärtig. Wenn Jesus also „böse Geister“ austrieb, wurde sein Tun vom Publikum keineswegs als Hokuspokus abgetan. Zahlreiche Hinweise deuten darauf hin, dass Jesus sich den legendären Ruf als Wunderheiler vor allem durch seinen Exorzismus erwarb. Bei Maria Magdalena zum Beispiel: Angeblich hatte sich der Teufel dermaßen fest in dem Mädchen aus Magdala verbissen, dass Jesus gleich sieben Dämonen bei ihr austreiben musste! Das deutet auf ein längeres Exorzismus- Ritual hin – bei dem sich Jesus und Maria Magdalena womöglich näher gekommen sind? Die offizielle Bibel geht auf das tatsächliche Verhältnis leider nicht ein, doch als sicher gilt: Maria Magdalena folgte Ein kleines Porträt des Größten von allen 97 ihrem Guru nicht nur bei seinen Wanderungen auf Schritt und Tritt; sie sorgte (gemeinsam mit anderen Frauen) auch für seinen Unterhalt! Bei Lukas heißt es dazu: „Mit ihrem Vermögen“. Auch an dieser Stelle muss man abermals bedauernd sagen: Schade! Immer wenn es spannend wird in der Bibel, stoppt die göttliche Offenbarung auf geheimnisvolle Weise. Immerhin schreiben andere Evangelisten, die nicht die Gnade der Kanonisierung erfahren durften, von einer pikanten Begebenheit. Im apokryphen Evangelium des Philippus heißt es: „Die Gefährtin (des Erlösers Jesus) ist Maria Magdalena. Der (Erlöser) liebte sie mehr als (alle) Jünger und küsste sie (oft) auf ihren (Mund)“. Da auf diesem alten Fragment aus dem Fundus von Nag Hammadi mehrere Löcher klaffen, sind der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Nach dem Papyrus-Fund der US‑Historikerin Karen King von der Havard-Universität, in dem Jesus mit dem Satzfetzen „meine Frau“ zitiert wird, durfte abermals über die Hypothese diskutiert werden, ob Jesus womöglich mit Maria Magdalena liiert oder (mit einer anderen Frau) verheiratet war. Der Bestsellerautor Dan Brown hatte dies in seinem Buch Sakrileg („The Da Vinci Code“, 2003) behauptet. In jüdischen Schriften (auch der umstrittenen Toledoth Jeshu) wird übrigens fest davon ausgegangen, dass Jesus verheiratet war. Die Begründung dafür klingt einleuchtend: Der Jude Jesus, das ist bezeugt, wurde von seinen Jüngern mit „Rabbi“ angeredet. Ein unverheirateter Rabbi aber war im Judentum der Antike nicht vorstellbar, im Gegenteil: Wer nicht verheiratet war, hatte ein ernstes Problem, weil er seiner „staatsbürgerlichen Pflicht“ (Kinder zu zeugen) nicht genügte. Auch Martin Luther wusste, „dass die Gesetze im jüdischen Volk so geordnet und geboten waren, dass jeder ehelich werden musste. Darum sollten die Jugendlichen auch möglichst zeitig heiraten. Ledig zu sein galt nichts“. Ein Argument, was aber noch schwerer wiegt: Jesu Gegner, vor allem die Pharisäer und Sadduzäer, hätten einen ledigen Jesus mit Sicherheit zum Thema gemacht und weidlich genutzt, um den ungeliebten Prediger zu attackieren. Stattdessen haben sie ihm nur vorgeworfen, den Sabbat nicht hinreichend zu würdigen. Das heißt, da er auf dem Gebiet der Ehe nicht angegriffen wurde, war er wohl nicht angreifbar – also verheiratet. Der Hinweis christlicher Apologeten, eine Ehefrau des Herrn sei in der Bibel ja nirgendwo genannt, ist kein stich- Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 98 haltiges Argument: Auch die Frauen der Jünger werden im Neuen Testament mit keiner Silbe erwähnt. Dabei war (nicht nur) Petrus nachweisbar verheiratet. Mit Frauen hatte Jesus jedenfalls keine Berührungsängste. Was unter einfachen Christen weniger bekannt sein dürfte: Jesus zog nicht nur mit seinen „zwölf Aposteln“ durch die Gegend um den See Genezareth, sondern mit einer stetig wachsenden Gruppe von Anhängern und Sympathisanten, zu denen auch zahlreiche Frauen gehörten (Lk 8,1-3). Das ist deshalb bemerkenswert, weil Frauen im archaischen Verständnis des Altertums nur als Anhängsel (und „Dienerin“) des Mannes galten, wichtig allenfalls als Mutter und Hausfrau. Noch interessanter aber ist dieser Aspekt: Obwohl Jesus seine zuvorkommende, unverkrampfte Haltung gegenüber Frauen offen demonstrierte, war ausgerechnet das Verhältnis zu seiner eigenen Mutter schwer gestört. Maria wird in der Bibel, auch das ist außerordentlich interessant, nur an ganz wenigen Stellen erwähnt. Einmal bei der Hochzeit zu Kana – und da kanzelt der Sohn seine Mutter rüde ab. Dabei hatte Maria lediglich darauf hingewiesen, vermutlich in mütterlich-fürsorglichem Ton: „Jesus, die Gäste haben keinen Wein mehr“. Das aber war dem genervten Gottessohn schon zu viel: „Weib, was ich zu tun habe, ist meine Sache. Nicht deine!“, herrschte er sie an (Joh 2, 1-5). Weib! Zur eigenen Mutter! Eine schlimme Entgleisung zur damaligen Zeit, wie der jüdische Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin verwundert feststellt (in: Bruder Jesus, dtv/List-Verlag). Jesus verhielt sich des Öfteren ziemlich merkwürdig. So merkwürdig, dass sogar seine eigene Familie die Befürchtung beschlich, er sei womöglich „verrückt geworden“ (Mk 3,21). Bei Johannes 7,5 heißt es: „Nicht mal seine Brüder vertrauten ihm“. Jesus wohnte zu dieser Zeit nicht mehr in Nazareth, sondern in Karphanaum (Mt 4,13). Und hier wird es spannend: Während Lukas den Ort der folgenden Szene ganz ausspart, schreibt Markus vorsichtig: „Und sie gingen in ein Haus“ (Mk 3,20). Wir kommen gleich darauf zurück, warum das wichtig ist. Jesus war also mit einigen Jüngern in (s)einem Haus, wo viele Menschen hindrängten, die ihn hören wollten, sodass es ein Gedränge gab. Auch seine Angehörigen waren gekommen – doch Jesus wollte nichts von ihnen wissen. Auf die Nachricht: „Jesus, draußen sind deine Mutter, deine Brüder und Schwestern, sie wollen dich sprechen“, antworte- Ein kleines Porträt des Größten von allen 99 te er kühl: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ (die Schwestern erwähnte er nach Markus 3,31-35 und Matthäus 12,46-49 gar nicht erst). Geht man so mit Menschen um, die man liebt? Das genannte Haus ist deshalb wichtig, weil einige Bibelforscher und jüdische Quellen vermuten, dass es sich dabei um sein Haus handelte, das Jesus als Wohnstatt diente. Martin Luther hat dies in der Ursprungsbibel von 1545 auch in diesem Sinne übersetzt: „Und sie kamen nach Hause“. Das wäre ein weiteres Indiz dafür, dass Jesus verheiratet war, denn eine Junggesellen-„Bude“ zu bewohnen, war damals nicht üblich. Vers 3,21 („Er ist verrückt geworden“) scheint übrigens nur ein kleiner Satz beim Evangelisten Markus zu sein, aber er wirft ein grelles Licht auf die Persönlichkeit des „Messias“: Jesus polarisierte die Menschen und er verwirrte sie auch, wenn er in seinen Predigten völlig konträre Botschaften verkündete. Einmal forderte er die Leute dazu auf, selbst Feinde zu lieben: „Tut Gutes denen, die euch hassen!“ (Lk 6,27 und Mt 5,44). Dann legte er mit dem glatten Gegenteil ganz dick auf: „Wer nicht seinen Vater hasst und seine Mutter, sein Weib und seine Kinder, seine Brüder und Schwestern, ja auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,26). Selbst die zwölf Jünger, die er zu seinen Vertrauten wählte (Simon der Fischer, dem er den Namen Petrus gab, und dessen Bruder Andreas; sowie Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus von Alphäus, Thaddäus, Simon der Zelot und Judas Ischariot), waren des Öfteren irritiert. Ständig sprach Jesus in Gleichnissen – die kaum jemand verstand. Das merkte schließlich auch der Meister selbst: „Versteht ihr das denn nicht? Wie wollt ihr dann die anderen Gleichnisse verstehen?“ (Mk 4,13). Dann erklärte Jesus seine Beispiele auch noch mit widersprüchlichen Thesen, die er offensichtlich den Schriften des Propheten Jesaja (Jes 6,9-10) entnommen hatte: „Sie (die Menschen) sollen hinsehen, aber nicht erkennen; sie sollen zuhören, aber nichts verstehen. Damit sie ja nicht zu Gott umkehren und er ihnen ihre Schuld vergibt“ (Mk 4,12). Was soll das denn heißen? Oder ist mit Markus, Matthäus und Lukas (bei Johannes kommt diese Szene nicht vor) hier die Phantasie durchgegangen? Was auf jeden Fall feststeht: Die drei genannten Synoptiker bedienten sich der gleichen Quelle, nämlich der sogenann- Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 100 ten “Logienquelle Q“. Dahinter verbirgt sich eine Sammlung angeblicher Jesus-Sprüche, die in der nachchristlichen Zeit von Wanderpredigern in Galiläa weitergetragen wurden. Die schriftliche Fixierung und Endredaktion fand demnach etwa 40 Jahre nach dem Kreuzestod vermutlich im „südlichen syrischen Raum“ statt (Die Spruchquelle Q, WBG Darmstadt). Konkret heißt das: Die Jesus-Zitate wurden anfangs (auswendig) gelernt und jahrzehntelang nur erzählt, und zwar vorwiegend in aramäischer Sprache. Was dabei verändert oder vergessen wurde, lässt sich natürlich nicht mehr feststellen. Später wurden sie offiziell ins Griechische übersetzt, danach ins Lateinische und dann wiederum in zahlreiche andere Sprachen. Man muss wissen: Damals gab es noch keinen Buchdruck. Alles musste mühsam per Hand abgeschrieben werden. Über die Sorgfalt der Schreiber können wir uns kein Urteil bilden. Jesus zog also mit seiner Jünger-Truppe durch Galiläa, hauptsächlich um den See Genezareth herum. Er verblüffte die Leute durch seine Predigten, die er mit der Forderung nach einer Verschärfung des Jochs (Gesetze des Moses) würzte. Jesus, der sich vollständig als jüdischer Rabbi verstand, hatte deshalb auch keine Scheu, sich des jüdischen Schrifttums zu bedienen. Dazu gehörte die berühmte „Bergpredigt“ (Mt 5-7) mit ihren Seligpreisungen (Makarismen). Zudem nutzte er laut Matthäus mehrfach die Redewendung: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist… – ich aber sage euch: …“ So verschärfte Jesus zum Beispiel auch das sechste Gebot „Du sollst nicht ehebrechen!“. Er machte daraus: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur ansieht, sie zu begehren, der hat im Herzen bereits die Ehe gebrochen“. Dabei waren die mosaischen Gesetze schon recht scharf, auf Ehebruch stand offiziell die Todesstrafe (5. Mos 22,22). Aber wie heute, gab es damals zweierlei Recht: Eins für die da oben, ein anderes für das Normalvolk. Der gottgleich verehrte (König) David zum Beispiel hat sich von dem mosaischen Gesetz gegen Ehebruch nie beeindrucken lassen. Interessant ist in diesem Kontext, dass sich Jesus niemals, mit keiner Silbe, zum Thema Sex geäußert hat. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Umgang mit der (eigenen) Sexualität für die Menschen auch damals ein schwieriges Problem darstellte. Für ein paar nützliche Hinweise zum richtigen Umgang mit diesem Thema wären die Leute sicherlich dankbar gewesen. Doch Jesus schwieg. Schade eigentlich: Zu Ein kleines Porträt des Größten von allen 101 gerne hätte man gewusst, inwieweit der Menschensohn persönlich von der Macht der Hormone betroffen gewesen ist. Wenn Jesus wie beschrieben ganz Mensch war, mit normalem Organismus, dann lassen sich die natürlichen physiologischen Prozesse auch in seinem Körper nicht leugnen. Doch dieses Thema ist so heikel, dass es im Christentum als Tabu gilt. Es wird von Theologen so gut wie nie thematisiert. Aus heutiger Sicht irritierend ist Jesu zentrale Botschaft (wie auch des Wanderpredigers Johannes des Täufers), der sündigen Welt zu „entsagen“, um sich auf das bald anbrechende „Reich Gottes“ zu konzentrieren. Dieser Appell war und ist aber weder nachvollziehbar noch in sich schlüssig: Denn Gott(vater) hatte die Menschen ja selbst erschaffen mit dem ausdrücklichen Auftrag, Kinder zu zeugen und sich die Welt „untertan“ zu machen. Die Forderung Jesu, sich voll auf das Jenseits zu konzentrieren und „alles“ hinter sich zu lassen, läuft diesem gottgegebenen Weltsinn diametral zuwider. Ja, sie missachtet bewusst Gottes wunderbare Welt in einer Weise, die man sogar als Beleidigung der Schöpfung interpretieren kann. Wie der Philosoph und Religionskritiker Eduard von Hartmann (1842-1906), der Jesus in diesem Zusammenhang eine „Verachtung von Staat, Rechtspflege, Familie, Arbeit und Eigentum“ vorgeworfen hat. Jesus habe mit seiner asketischen Lehre eine „pessimistische Überzeugung von der Existenz-Unwürdigkeit dieser Welt“ offenbart. Doch damals beeindruckte der Prediger aus Nazareth die schlichten Menschen in Galiläa mit seinem Charisma und seiner suggestiven Heilkraft. Die zahlreichen „Wunder“, die er vollbracht haben soll, lassen sich zwar nicht belegen, aber was wichtiger ist: die Menschen rings um den See Genezareth glaubten daran, dass dieser selbstbewusste Sonderling über wundersame Fähigkeiten verfügte. Und genau darauf kam (und kommt) es an: Viele Menschen – später sollten es Milliarden werden! – glaubten an Jesus Christus und seine Heilsbotschaft, mit der er regelmäßig Massenaufläufe produzierte und für Gesprächsstoff sorgte. Das blieb der römischen Obrigkeit in Judäa und Samaria bis hinunter ins 150 Kilometer entfernte Jerusalem natürlich nicht verborgen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der merkwürdige Heilige bei der Staatsgewalt und dem jüdischen Establishment anecken würde. Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 102 An dieser sensiblen Stelle wird die biblische Geschichte theologisch. Denn ob Jesus nun durch seinen außergewöhnlichen Erfolg auf dem Lande und seiner zunehmenden Fangemeinde „übermütig“ wurde, oder ob er sich (plötzlich?) doch als der prophezeite Messias verstand: Vermutlich im Jahr 30 beschloss der damals 33jährige Jesus, mit seinen Jüngern zum Passafest nach Jerusalem zu pilgern. Es sollte seine letzte Reise werden. Eigentlich müsste er ja als „Sohn Gottes“ gewusst haben, was dort auf ihn zukommt – es sei denn, er war zu diesem Zeitpunkt noch zu 100 Prozent Mensch und wurde erst als toter Jesus (wieder) göttlich. Die Bibel stellt es so dar, als hätte das furchtbare Geschehen auf dem Golgotha verhindert werden können – wenn dieser böse Judas Ischariot den Heiland nicht schmählich verraten hätte. Doch spätestens hier häufen sich die Widersprüche: Schon die Geschichte vom Einzug nach Jerusalem ist fragwürdig, weil sie Irritationen aufweist, auf die Kirchenlehrer und Theologen nur ausweichend oder vernebelnd Antworten geben. Denn was genau wollte Jesus in Jerusalem: „Nur“ Passa feiern? Wollte er vorsätzlich die Obrigkeit provozieren? Sich selbst inszenieren? Oder stand, wie die augustinische Prädestinationslehre behauptet („alles ist vorherbestimmt“), der Ablauf ohnehin schon lange fest? Die letzten Stunden des Predigers aus Nazareth beginnen mit einem denkwürdigen Schauspiel: Jesus will offenbar dem Königsritual von König Jehu (2 Kön 9,12) und der Weissagung des Propheten Sarchaja (9,9) entsprechen und reitet auf „einem Esel und seinem Jungen“ (Mt 21) in Jerusalem ein. Sein Gefolge breitet ihm „Kleider als Teppich auf der Straße“ aus, ruft „Hosianna!“ und „gepriesen sei der Sohn Davids!“ Von den überraschten Bürgern aus Jerusalem befragt, wer denn hier so pompös einziehe, antwortet „die Menge, die Jesus begleitet“ aber nicht: „Der Messias!“, sondern: „Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth!“ Wir wissen nicht, ob diese Inszenierung eher peinlich wirkte, oder ob sie die Leute beeindruckt hat. Jedenfalls begab sich Jesus gleich nach dem Einzug in den Tempel und sorgte dort für einen handfesten Skandal: Laut schimpfend stieß er „die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um“ (im Vorhof des Tempels, nicht im Heiligsten selbst) und verscheuchte die Händler. Eine Szene, über die lange Artikel geschrieben wurden und Theologen bis heute beschäftigt. Ein kleines Porträt des Größten von allen 103 Jesus berief sich mit seiner (symbolischen) Tempelreinigung auf die Propheten Jesaja (Jes 56,7) und vor allem Jeremia: „Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Raum des Gebetes sein für alle Völker? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht!“ (Jer 7,11). Der Gottessohn muss sich ziemlich exzentrisch benommen haben, sein Verhalten deutet auf eine bewusste Provokation hin. Und so erreichte der Mann aus Nazareth, was er vermutlich wollte: Man sprach nun über ihn nicht mehr nur in der galiläischen Provinz, sondern auch im bedeutenden Jerusalem. Deshalb waren auch alsbald die Priester und Ältesten zur Stelle und verlangten Rechenschaft von dem Rebellen: „Wer hat dir erlaubt, im Tempel zu wüten?“ Jesus antwortete typisch jüdisch mit einer Gegenfrage: Ob die Herrschaften denn wüssten, woher Johannes der Täufer seinen Auftrag zum Predigen gehabt habe? Als die Honoratioren dies irritiert verneinten, meinte Jesus allen Ernstes: „Gut, dann sage ich euch auch nicht, wer mich bevollmächtigt hat“ (Mt 21,27). Wie schon mehrfach erwähnt: Die Bibel strotzt vor solchen Merkwürdigkeiten. Und während die Evangelisten das Wirken Jesu in Galiläa mit seinen Wundertaten in aller Ausführlichkeit beschreiben, behandeln sie den spektakulären Prozess vor dem Hohen Gericht zu Jerusalem relativ kurz. Nicht mal der Grund für die Verurteilung des Nazareners wird genannt, bis heute rätseln die Bibelforscher über das eigentliche Motiv. Die wahrscheinlichste Variante ist die, dass Jesus mit seiner Provokation im Tempel die jüdische Aristokratie, insbesondere die Sadduzäer, herausgefordert hat. Da Jerusalem so kurz vor dem Passafest voller Pilger war, wollte man offenbar Ruhe haben und keine Randalierer dulden. Fest steht, dass der Hohepriester Joseph Kaiphas den selbsternannten „König der Juden“ nach einem nächtlichen Vorprozess dem römischen Statthalter Pontius Pilatus (der sonst in Caesarea residierte und nur vorübergehend in der Stadt weilte) übergeben musste. Denn Jesus, der zuvor schon von Kaiphas Schwiegervater Hannas verhört worden war, wollte mit den Behörden nicht kooperieren. Er wählte in seinen Antworten gern die doppeldeutige Variante oder antwortete mit Gegenfragen. Auf seine Antwort zur Kernfrage: „Bist du der König der Juden?“, haben alle vier Evangelisten eine andere Erinnerung. Bei Matthäus sagt Jesus: „Du sagst es“; bei Markus: „Ich bin´s“; Lukas wählt die Dopplung: „Ihr sagt es, ich bin es“, und Johan- Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 104 nes braucht zwei Sätze: “Sagst du das von dir aus?“ Und: „Du sagst es, ich bin ein König!“ Wir wissen nicht, wie Jesus seine Worte betont hat. Meinte er: Du sagst es! Oder: Du sagst es? Eine andere Betonung gibt der Antwort auch einen anderen Sinn. Zuvor war bereits Judas Ischariot ins Spiel gekommen (Mk 14,10). Der Jünger sei zu „führenden Priestern“ gegangen, um Jesus zu verraten. Dieser angebliche Verrat ist aber aus zweierlei Gründen wenig glaubhaft und erst recht nicht sinnhaft: Erstens sind die angeblich gezahlten „30 Silberlinge“ eher ein symbolischer Preis, der Bezug nimmt auf das Alte Testament (2. Moses 21,32 und Sacharja 11,4-14). Zum zweiten war Jesus den römischen Besatzern und der jüdischen Aristokratie schon längst als Tempel-Randalierer bekannt. Wo immer Jesus auftrat, stand er im Mittelpunkt. Insofern war ein „Verrat“ gar nicht nötig, sondern eher überflüssig. Doch aus dramaturgischen Gründen brauchten die Evangelisten einen Schurken und Sündenbock, dem man die Schuld für Jesu Schicksal in die Schuhe schieben konnte. Genau genommen haben sich die Autoren des Neuen Testamentes dabei verkalkuliert: Denn nach der Erlöser-Logik der biblischen Geschichte musste Jesus ja sterben, weil er nur so die „Sünden der Menschheit“ auf sich nehmen konnte! Insofern wäre, wenn sich der Vorfall wie in den Evangelien beschrieben abgespielt hätte, der Verräter Judas unverzichtbarer Teil des göttlichen Plans gewesen. Man kann diesen Gedanken übrigens auch weiterspinnen: Was wäre passiert, wenn Judas seinen Meister Jesus nicht verraten hätte? Oder wenn Pontius Pilatus den Ruhestörer wie geplant begnadigt hätte und Jesus somit nicht am Kreuz gestorben wäre? Keine Erlösung…? Wir alle wissen, wie die Geschichte weiterging: Jesus wurde verurteilt. Obwohl Pilatus Jesus für unschuldig hielt, verlangten jüdische Bürger von Jerusalem laut Evangelium seinen Tod. Warum sie das taten, wird nicht klar, es sei denn, sie waren zuvor aufgehetzt worden. Doch darüber schreiben die Evangelisten nichts, ebenso wenig nennen sie die Zahl der angeblich Empörten. Auch die Kreuzigung selbst wird in der Bibel relativ knapp behandelt, obwohl es sich – historisch belegt – bei römischen Kreuzigungen um elend lange Prozeduren handelte und im Fall Jesu auch noch ein Folterprozess vorausging. Theologisch spielen die genauen Umstände des Todes aber keine Rolle – es sei denn, man legt die biblischen Worte des Sterbenden auf die Goldwaage. Laut Ein kleines Porträt des Größten von allen 105 Markus und Matthäus „schrie“ Jesus kurz vor dem Exitus laut auf: Eli, Eli, lama asabtani?! („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“) Das wäre als menschliche Reaktion verständlich, doch es klingt, als sei der Sohn vom Vater enttäuscht. Tatsächlich haben Markus und Matthäus aber nur Psalm 22 der hebräischen Bibel zitiert. Offen bleiben muss die Frage, ob Jesus gewusst hat, dass er „zur Vergebung der Sünden“ sterben muss. Dieser Vorgang ist ja die eigentliche Essenz des christlichen Glaubens. In der Stuttgarter Erklärbibel heißt es dazu: „Im Sühnetod Jesu hat Gott seine Gerechtigkeit erwiesen und die Schuld aller Menschen getilgt“ (Seite 1669). Das ist die Kurzform dessen, was Paulus in seinem berühmten Römerbrief etwas umständlich behauptet (Röm 3,21–4,25). Der Evangelist Lukas, der auch die „Weihnachtsgeschichte“ komponiert hat, erinnert sich an andere Worte des Sterbenden. Demnach soll sich Jesus in christlicher Demut seinem Schicksal treu ergeben haben: „Herr, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Wieder anders klingt die gleiche Szene bei Johannes. Hier seufzt Jesus, in Gewissheit seiner erfüllten Mission: „Es ist vollbracht!“ Johannes glaubt noch mehr zu wissen: Er nennt andere Personen als Matthäus, die bei Jesu Tod dabei waren. Nämlich „Maria, seine Mutter; eine Schwester von Jesus (wie üblich ohne Namen); Maria, die Frau des Klopas; und Maria Magdalena“. Ferner sei der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, dabei gewesen. Bei Lukas sind „alle seine Bekannten, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren“ vor Ort, beobachten das Trauerspiel aber nur „von ferne“. Die Ferne war wichtig, da es nach römischen Recht streng verboten war, Hingerichtete zu beklagen. Wer dabei erwischt wurde, musste selbst mit der Todesstrafe rechnen. Deshalb ist die Version des Evangelisten Johannes mehr als fragwürdig, der Jesus noch im Todeskampf am Kreuz mit den Seinen reden lässt: „Weib, siehe, das ist dein Sohn!“. Und zu seinem Lieblingsjünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“. Dass die Muttergottes aber tatsächlich beim Tod ihres Sohnes dabei und die weite Strecke von Nazareth zu Fuß gekommen war, obwohl Jesus in Jerusalem ja offiziell nur Passah feiern wollte (und von Karphanaum aus gestartet war), ist zweifelhaft. Noch unwahrscheinlicher ist, dass Maria, damals etwa 47 Jahre alt, nach dem Tod ihres Sohnes Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 106 die eigene Familie verlassen hat, um gemeinsam mit dem Jünger Johannes nach Ephesos (Griechenland) auszuwandern. Dort ist sie angeblich auch gestorben – doch an dieser Stelle wird es unübersichtlich: Denn nach katholischem Dogma (noch recht neu, aus dem Jahre 1950) ist Maria genau wie ihr Sohn Jesus leiblich in den Himmel aufgefahren. Gesehen hat dieses Wunder zwar niemand, aber die Christen feiern trotzdem jährlich am 15. August „Mariä Himmelfahrt“. Warum musste Jesus am Kreuz sterben? Was wäre passiert, wenn der römische Prokurator Pontius Pilatus den „Sohn Gottes“ nicht (wie ursprünglich geplant) zur Exekution freigegeben hätte? Das Rätsel um die Kreuzigung – nach der paulinischen Erlösungs-Logik war sie unabdingbar – ist eines der größten Geheimnisse des Christentums. Ein kleines Porträt des Größten von allen 107 Jesus war nun also tot. Über seine „Auferstehung“ drei Tage später muss man nicht so viele Worte verlieren. Zwar ist sie das eigentliche konstitutive Element des christlichen Erlösungsglaubens („Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unser Glaube leer“,1. Kor 15,14), doch wirken die entsprechenden Passagen im Neuen Testament dermaßen gekünstelt, dass allenfalls tiefgläubige Christen ernst nehmen können, was die Evangelisten dazu gedichtet haben (Mt 28, Mk 16, Lk 24, Joh 20). Heerscharen von Wissenschaftlern – Theologen, Bibelforscher, Historiker und sogar Pathologen – haben die Umstände des Kreuzestodes untersucht und analysiert, und wie üblich ganze Bibliotheken vollgeschrieben. Neue Erkenntnisse wurden nicht gewonnen, und Verstandes-Menschen sowie Mediziner bestreiten natürlich, dass ein Toter „auferstehen“ kann. Auch die „Himmelfahrt“ des Herrn wird selbst von manchen Katholiken nur als Mysterium akzeptiert. Tatsächlich würde eine leibliche Aufnahme des Herrn in den Himmel auch keinerlei Sinn machen: Was sollte ein menschlicher Korpus mit voll funktionierender Physiologie im göttlichen Jenseits, wo sich nach christlicher Überzeugung ja sonst nur „Engel“ und „Seelen“, also geisterhafte Wesen tummeln? Das Verblüffende ist aber, dass die Christologie, die der Apostel Paulus in das neue Christentum eingespeist hat, von den meisten Gläubigen gar nicht verstanden wird! Tatsächlich ist es eine echte Herausforderung für den menschlichen Geist, sich das Grundprinzip der paulinischen Erlösungslehre vor Augen zu führen: Mit Jesus ist der erwartete Messias angekommen, die Sünden der Welt werden mit seinem Tod gesühnt. Nun wartet die Menschheit auf die Wiederkehr des Gesalbten, die angeblich (kurz) bevorsteht. Aber: Warum sollte Jesus „bald“ wiederkehren, wenn er doch gerade erst gegangen ist? Besonders interessant: Jesus war ein frommer Jude, der das Judentum nie in Frage gestellt hat. Die Juden glauben aber gar nicht, dass Christus der Erlöser ist. Auch Jesus selbst hat nie davon gesprochen, dass durch seinen Tod die Sünden der Menschheit gelöscht würden. Diese These hat (der Jude) Paulus in die Welt gesetzt. Für die Juden war und ist Jesus kein Messias, sondern allenfalls ein Rabbi. Für Orthodoxe ist er gar ein „Verräter“, dessen „falsche Religion“ unendlich viel leid über das Judentum gebracht habe. Was zweifellos stimmt: Die ersten Juden-Pogrome wurden von den Christen initiiert. Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 108 Nach dem „gesunden Menschenverstand“ ist der Erlösungsgedanke auch deshalb nicht fassbar, weil er nicht die geringste Logik aufweist. Warum um Himmelswillen sollten Sünder in aller Welt plötzlich von ihrem Joch befreit sein, wenn in Jerusalem jemand ans Kreuz genagelt wird? Ein geheimnisvoller Effekt göttlich gewollter Koinzidenz (Kreuzestod – Sündenvergebung) könnte ja nur eintreten, wenn der Allmächtige dies zuvor auf wunderbare Weise so verfügt hätte. Im Christentum heißt es aber, Gott(vater) habe seinen Sohn (gemäß der Trinitätslehre also auch sich selbst) „für die Sünden der Welt“ geopfert. Aber wieso muss die höchste aller Instanzen ein „Opfer“ bringen? Und warum musste Gott die extrem brutale Methode des Mordes durch Kreuzigung wählen, wenn er doch allmächtig war/ist und jeden anderen Erlösungsmechanismus hätte nutzen können? Die fehlende Antwort darauf provoziert eine weitere, eine grundsätzliche Frage: Warum soll der Mensch etwas glauben, was er mit seinem (von Gott gegebenen!) Verstand als paradox und widersinnig empfindet? Und die Theologie der Merkwürdigkeiten geht noch weiter: Offenbar sind trotz Jesu Kreuzigung die Sünden der Menschen ja noch immer nicht richtig vergeben. Denn wer nicht getauft ist im Namen des Herrn, hat ein teuflisches Problem: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,15-16). Egal, ob er die Taufe selbst versemmelt hat oder ob seine Eltern nicht aufgepasst haben: die arme Seele ist verloren. Sagt allen Ernstes der Katechismus der katholischen Kirche (Neufassung von 1997, Satz Nr. 977). Zu allem Überfluss hat sich Jesus, der Sohn Gottes, auch noch wie ein ganz normaler Mensch geirrt! Unablässig hatte er gepredigt, das Ende der Welt stünde kurz bevor („Nahzeit-Erwartung“). Unmittelbar nach seiner Taufe im Jordan sagte er noch: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1,15). Doch die Vorhersage ist nicht eingetroffen – bis heute nicht. 2000 Jahre sind mittlerweile vergangen, ohne dass Gott mit seinem Jüngsten Gericht die Weltbühne betreten hätte. Und selbst wenn es noch weitere 10 000 Jahre bis zur Ankunft des Herrn dauern würde: Welchen Sinn sollte eine solch kurze Zeitspanne für den Allmächtigen machen? Für einen Gott, der jenseits von Zeit und Raum agiert und schlicht „ewiglich“ ist? Eine baldige Ankunft des Messias würde ja bedeuten, dass der Herrgott sein kosmisches Welt- Ein kleines Porträt des Größten von allen 109 Projekt wieder eindampfen müsste! Aber warum sollte er das tun? Warum sollte er das Unternehmen Erde überhaupt gestartet haben, wenn er es schon nach so kurzer Zeit („für Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag“) wieder aufgeben würde? Aus eschatologischer Sicht interessant wäre dann allenfalls noch die Frage, was am Ende des göttlichen Experiments der „Schöpfung“ eigentlich erreicht worden ist – außer einem gescheiterten Paradies, einem Teufel als Inkarnation des Bösen, einer „von Grund auf “ schlechten Welt voller Sünderinnen und Sünder, sowie Milliarden verlorener Seelen, die in der ewigen Hölle schmoren müssen. Und, wahrlich der Gipfel: Es macht nicht den geringsten Sinn, wenn der Allmächtige sein Werk so schnell wieder verwerfen würde, wo es ihm doch so prächtig gelungen ist: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 110 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf Die nach Jesus interessanteste Figur des Neuen Testaments ist ganz ohne Zweifel Paulus, ein römischer Jude aus Tarsus (heutige Türkei) der sich selbst zum Apostel ernannte. Seine historische und theologische Bedeutung ist außerordentlich: Ohne den frommen Abenteurer, der nach eigener Aussage vom Herrgott persönlich zur Umkehr animiert wurde, wäre das Christentum nicht entstanden und somit auch nicht zur Weltreligion geworden. Paulus war der entscheidende Motor, ein kluger Eiferer, der den Christianisierungs-Prozess mit unglaublicher Energie und verblüffender Selbstgewissheit vorantrieb. Ohne seine Kraft und Ausdauer, ohne seine Raffinesse und Leidenschaft wäre das historische Schicksal des „Königs der Juden“ mit großer Wahrscheinlichkeit im orientalischen Sande verlaufen. Nicht Jesus von Nazareth ist der Begründer des Christentums, sondern Paulus. Man kann es nicht oft genug betonen: Jesus war Jude, ein thoratreuer Jude, der sich erst als Prophet, dann als Messias, schließlich als „Sohn Gottes“ sah. Die Schaffung einer neuen Religion mit neuen Schriften und einem antijüdischen Glaubensverständnis hatte er nie im Sinn. Auch seine unmittelbaren Nachfolger, die so genannten „Nazarener“ (Jerusalemer Gemeinde), bei denen sein Bruder Jakobus und sein erster Jünger Petrus den Ton angaben, waren nie von der Absicht beseelt, eine neue Religion zu gründen. Die Jesus-Gemeinde von Jerusalem stand sogar in scharfer Konkurrenz zu dem Ideologen Paulus, der sich als Christus-Erklärer aufspielte und mehr als einmal für Ärger sorgte. Dass sich der Exot Paulus dennoch durchsetzen konnte, lag nicht nur an seinem unbändigen Ehrgeiz und seinem unzweifelhaften Charisma, sondern auch am Zufall: die politischen Umstände brachten es mit sich, dass die Römer den aufsässigen Juden in Jerusalem endgültig zeigen wollten, wer Herr im Lande ist. Im Jahre 70 Kapitel 8 111 n. Chr. zerstörten die Römer das jüdische Heiligtum, den Tempel von Jerusalem, und machten die Stadt dem Erdboden gleich. Auch die Nazarener mussten fliehen und zerstreuten sich in alle Winde. Als schließlich noch ihre führenden Köpfe Jakobus und Petrus hingerichtet wurden, war der Weg frei für die neue Christenlehre des Apostels Paulus. Paulus, dessen Beruf in der Apostelgeschichte mit „Zeltmacher“ angegeben wird (andere Quellen nennen ihn „Lederarbeiter“ = Sattler), stammte offenbar aus bürgerlichen Verhältnissen. Einiges deutet darauf hin, dass es der unruhige Geist faustdick hinter den Ohren hatte und seine Biografie galant frisierte. So behauptete er des Öfteren, Pharisäer (gewesen) zu sein sowie „römischer Bürger“. Es gibt seriöse Bibelforscher, die beides bestreiten oder zumindest in Frage stellen. Der britische Paulus-Experte Hyam Maccoby (Leeds) ist davon überzeugt, dass Paulus zwar gerne Pharisäer gewesen wäre (damals waren die Pharisäer entgegen ihrem heutigen Image hochgeachtete Gelehrte), doch in Wahrheit nur „ein bewährter Polizeiagent“ des Hohepriesters Kaiphas war. Auch seine römische Bürgerschaft „von Geburt an“ sei zweifelhaft, Paulus habe das Bürgerrecht vielmehr später käuflich erworben. Ja es sei nicht mal sicher, ob Paulus als „Saul“ überhaupt Jude gewesen sei und nicht Heide. Jedenfalls stammte Saulus/Paulus aus der „nicht unbedeutenden Stadt“ Tarsus. Ob er dort auch geboren wurde, ist nicht bekannt. Attraktiv war dieser merkwürdige Heilige nicht, eher im Gegenteil: Er wird als „klein von Gestalt, mit schütterem Haar, krummen Beinen, prägnanter Nase und buschigen Augenbrauen“ beschrieben (Die Taten der Thekla, Kap 3). Nach eigenem Bekunden war er unerbittlicher Christenverfolger der ersten Stunde: In Jerusalem soll er sogar dabei gewesen sein, als der Christ Stephanus von aufgebrachten Juden zu Tode gesteinigt und damit zum ersten Märtyrer des Christentums wurde. Danach, auf dem Weg nach Damaskus, wo er angeblich „im Auftrag“ des Hohepriesters von Jerusalem „und dem ganzen Rat der Ältesten“ Anhänger der neuen Religion „fesseln und zur Bestrafung nach Jerusalem bringen“ sollte , sei ihm plötzlich, aus heiterem Himmel, der Herr erschienen. Und habe vorwurfsvoll gefragt: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 112 Interessant dabei, dass nur die Apostelgeschichte (geschrieben von Paulus-Freund Lukas) von diesem existenziellen Ereignis berichtet. Der Hauptdarsteller selbst verliert in seinen vielen Briefen kein Wort über das einschneidendste Ereignis seines Lebens. Warum? Weil seine „Erscheinung“ in Wahrheit, wie manche Bibelforscher meinen, ein epileptischer Anfall war? Der jüdische Historiker Joseph Klausner glaubte fest daran (in: Von Jesus zu Paulus, deutsche Ausgabe 1950) und stellte Paulus in die Reihe großer Gestalten der Geschichte, die ebenfalls an Epilepsie gelitten haben: Cäsar, Augustinus, Mohammed, Rousseau, Napoleon, Dostojewski. Der jüdische Arzt Arthur Stern hielt am 12. Oktober 1955 auf dem Neurologen-Kongress in Jerusalem sogar einen Vortrag mit dem Titel „Zum Problem der Epilepsie bei Paulus“. Er vertrat allerdings die Auffassung, dass Paulus vermutlich kein Epileptiker war. Möglicherweise, so der deutsch-jüdische Autor Schalom Ben-Chorin in seinem Paulus-Buch (dtv 1980), deute das Ereignis von Damaskus auf eine „psychogene Natur des Leidens bei einem körperlich schwachen, neuropathischen und ekstatischen Menschen“ hin. Wie dem auch sei, schon die Behauptung von Paulus, er habe im Auftrag des Hohepriesters in Damaskus Christen jagen und verhaften sollen, ist fragwürdig. Der Hohepriester von Jerusalem hatte keinerlei Befugnisse im über 300 km entfernten Damaskus. Zudem – Jesus war erst wenige Jahre tot, bzw. in den Himmel aufgefahren – gab es damals so gut wie keine Christen in Damaskus: die Missionierung hatte ja noch gar nicht richtig begonnen, und die braven Nazarener agierten vorzugsweise in Jerusalem und Umgebung. Auch das „Damaskus-Erlebnis“ selbst wirft mehr Fragen auf, als dass es Antworten gibt. Denn die angebliche Gottes-Erscheinung wird auch von Lukas nur merkwürdig knapp erzählt. Man muss sich das vorstellen: Da glaubt jemand, der Herrgott höchstselbst komme zu ihm auf die Erde und spreche ihn an. Und dann passiert – so gut wie nichts. Jesus habe Saul lediglich gefragt, warum er ihn verfolge und gesagt: „Gehe in die Stadt, dort wird man dir sagen, was du tun sollst“ (Apg 9,6). Das klingt nicht nur märchenhaft, das ist es auch. Ausgerechnet der angebliche Pharisäer Saul, der geradezu bösartig Christen verfolgte, soll mit einem Schlag nicht nur Christ, sondern der leidenschaftlichste Prediger für Christus geworden sein, den man sich vorstellen kann. Bei der Damaskus-Tour waren auch ein paar Begleiter von Saulus da- Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 113 bei, die Gott selbst nicht sahen, aber „eine Stimme hörten“. Sie mussten den geblendeten Saulus „an der Hand“ in die Stadt führen, wo er drei Tage lang blind war und weder aß noch trank (Apg 9, ferner Kap 22 und 26). So schreibt es jedenfalls Lukas, der auch das gleichnamige Evangelium verfasst hat – allerdings erst in den 80er Jahren, also mehr als 50 Jahre nach Jesu Tod. Die Bekehrung des Saulus zum Paulus soll im Jahr 35 stattgefunden haben (Daten der Kirchengeschichte, marixverlag). Was danach geschah, ist im wahrsten Sinne des Wortes „unglaublich“. Aber in diesem Fall stimmt es und es ist einzigartig: Ohne christologische Vorkenntnisse und praktisch im Alleingang fängt dieser Paulus nun weitab von Jerusalem an, Juden und Heiden für das Christentum zu missionieren – ein Christentum, das es zu dieser Zeit noch gar nicht gab! In Synagogen und Privathäusern erzählte er die Geschichte eines Gottes, von dem zuvor nie jemand etwas gehört hatte. Um die phantastische Dimension des Vorgangs zu verstehen, muss man wissen, dass es damals noch keine Evangelien gab und die Wundertaten von Jesus Christus nur mündlich überliefert waren, und zwar vor allem in Judäa und Galiäa, nicht aber weitab vom Schuss im römisch-griechischen Kernland. Hinzu kommt, dass dieser Paulus den „Messias“ aus Nazareth persönlich überhaupt nicht gekannt hat, anfangs nicht mal dessen Apostel. Die Startbedingungen waren also alles andere als ideal, aber auch hier, wo es richtig spannend zu werden verspricht, etwa beim ersten Treffen des Paulus mit den echten Jüngern Jesu, bleibt die Apostelgeschichte leider vage. Das lässt die Vermutung zu, dass der Autor (Lukas) gewisse Umstände lieber verschweigen wollte. Die Jerusalemer Gemeinde war jedenfalls nicht begeistert von dem forschen Fremden aus Tarsus, der schon gleich zu Beginn den Anspruch erhob, den Status eines Apostels zu erhalten. Paulus selbst schreibt in Gal 1,18 nur recht knapp, er sei „drei Jahre später“ (nach der Bekehrung) nach Jerusalem gereist, „um Kephas (Petrus) kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm“. Dabei habe er noch Jakobus getroffen, den Jesus-Bruder, sonst aber keine Apostel. Warum Paulus danach schreibt: „Gott weiß, ich lüge nicht!“ (Gal 1,20) ist zumindest merkwürdig. In der Apostelgeschichte erfahren wir, dass Paulus danach in der Weltgeschichte herum reiste und christliche Gemeinden gründete. Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 114 Paulus missionierte auf Zypern und in Pisidien, in Ikonion und Lystra, in Galatien und Phrygien, in Thessalonich, Beröa und Athen, in Korinth und Ephesus. Dabei konnte nicht ausbleiben, dass der Paulus- „Biograph“ Lukas seinem Helden auch Wundertaten andichtete, wie sie auch bei den Aposteln der Jerusalemer Gemeinde üblich werden sollten. Fast amüsant klingt dabei die Geschichte des jungen Eutychus, der trotz eines anstrengenden Arbeitstages abends „im dritten Stock“ eines Privathauses in Troas dem Starredner Paulus zuhören wollte. Da der Saal oder das Zimmer völlig überfüllt war, fand Eutychus nur noch Platz auf dem Fenstersims, wobei man wissen muss, dass die „Fenster“ im ersten Jahrhundert fensterlos waren. Kurz: Der junge Mann schlief vor Erschöpfung ein – und purzelte dabei auf der falschen Seite hinunter, mitten in den Hof. Der Sturz war so schwer, dass der Arme an Ort und Stelle verstarb. Paulus ging ungerührt nach unten, „warf sich über ihn“ und sagte den Umstehenden: „Macht kein Getümmel, es ist Leben in ihm!“ (Apg 20,10). Nun war auch Paulus ein Heiliger, der Wunder vollbringen konnte. Er ist der wahre Gründer des Christentums: Saulus von Tarsus (heute Türkei), der als „Paulus“ ein wahres Jahrtausendwerk vollbrachte. Auch im Gefängnis kümmerte er sich um seine Mission und schrieb unermüdlich Briefe an die Gemeinden in Thessalonich, Korinth oder Rom. Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 115 Im seinem Brief an die Galater macht Paulus einen großen erzählerischen Sprung. Gerade noch war er beim ersten Besuch in Jerusalem (Gal 1), da erzählt er schon, wie es „vierzehn Jahre später“ weiterging (Gal 2). Hier tauchen erste Andeutungen auf, dass es zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten mit „Jerusalem“ gekommen sein muss. „Ich aber zog hinauf aufgrund einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden“. Das heißt übersetzt: Die echten Apostel und der selbsternannte Apostel wollten und mussten ihre göttliche Botschaft miteinander abstimmen. Ganz offenbar gab es dabei Differenzen. Die Nazarener verstanden sich selbstverständlich weiter als gesetzestreue Juden, die vor allem die Thora befolgen wollten. Aus dieser Gruppe der Judenchristen kam die Forderung, auch Heiden müssten sich beschneiden lassen, wenn sie dem (neuen) Volk Gottes angehören wollten. Wer hier genau welche Position vertreten hat, wird nicht überliefert. Aber offenbar setzten sich die Fremden durch (Paulus hatte noch seine Mitstreiter Barnabas und Titus im Schlepptau): Bekehrte Heiden mussten sich demnach nicht mehr dem jüdischen Gesetz unterwerfen. Und der Verkündigungsauftrag (Mk 16,15 und Mt 28,19) wie Paulus ihn verstand, wurde nun auch von der Jerusalemer Gemeinde akzeptiert. Dass es aber gekracht haben muss zwischen den Parteien, wird deutlich, als Paulus – wieder im Galaterbrief – den Konflikt mit Petrus offen anspricht: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widersprach ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn“ (Gal 2,11). Es sieht so aus, als habe Paulus den Streit gesucht. Vielleicht wollte er auch klare Verhältnisse schaffen und die Machtfrage regeln. Das traute er sich dann in Antiochia, wohin auch Petrus mit einer Gruppe der „Jakobus-Fraktion“ gekommen war. Die Details des Streits wollen wir hier aussparen, es ging im Prinzip darum, wer bestimmen durfte und das Sagen hatte. Petrus saß in Antiochia gemeinsam mit Heiden an einem Tisch, jüdische Speisevorschriften spielten also keine Rolle. Das änderte sich, als ein paar Jakobus-Leute dazu kamen, Judenchristen also, die gemäß der Thora lebten. Weil dies unvereinbar war, zog sich Petrus vom Tisch zurück – und wurde von dem aufgebrachten Paulus deshalb als „Heuchler“ beschimpft (Gal 2,11-14). Diese Geschichte lehrt uns folgendes: Paulus war nicht an einer gütlichen Einigung und an einem guten Verhältnis zu Petrus interes- Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 116 siert; er nutzte vielmehr jede Gelegenheit, sich zu distanzieren. Zweitens war das Problem der jüdischen Gesetze für die Heidenchristen weiter ungelöst. Und drittens, ein durchaus pikanter Aspekt: Petrus, der erste Apostel des Herrn, verschwand ab diesem Streit in Antiochia aus dem biblischen Geschehen. Er wird in der Apostelgeschichte danach mit keinem Wort mehr erwähnt. Übrigens trifft den Bannstrahl auch Barnabas, den langjährigen Weggefährten des Paulus. Auch ihn lässt Lukas, Autor der Apostelgeschichte und glühender Paulus-Fan, künftig außen vor. Die allermeisten Christen der heutigen Zeit haben vermutlich keine Ahnung, was für ein Mensch dieser Apostel Paulus tatsächlich war. In den Schulen und im Katechismus-Unterricht werden den Kindern lediglich Informationen der Art gegeben, der „böse Saulus“ sei durch das Bekehrungserlebnis zum „guten Paulus“ geworden, danach habe er furchtlos das „Wort Gottes“ verkündet. Unbestritten ist, dass Paulus ein Genie war. Ein Abenteurer, Schlitzohr und Überzeugungstäter, der besessen seiner Mission nachging. Mit verblüffender Selbstverständlichkeit fand er in den Predigten die richtigen Worte, und obwohl er rhetorisch angeblich nicht sonderlich begabt war, hat er seine Zuhörer in Korinth, Ephesus oder wo immer er auch auftrat, gefesselt. Heute würde man sagen, er wirkte glaubwürdig und authentisch. Paulus verkündete die frohe Botschaft von Jesus Christus, der für „uns“, für die „Sünden der Menschen“ gestorben sei. Ein Christus (= Messias), der wiederkommen werde, um das Gottesreich zu vollenden und all jene ins Paradies zu geleiten, die an ihn glauben. Vor allem in Kapitel 15 des ersten Korintherbriefes legt er seine Theologie im „Evangelium von Christus“ dar. Kernpunkte: Jesus ist der Sohn Gottes, dessen Kreuzestod und Auferstehung die göttlichen Heilsversprechen, verkündet von den Propheten, erfüllen. Und: Christus ist gestorben und auferstanden „um unseretwillen“ (1. Thess. 4,14). Paulus predigte aber nicht nur und gründete fleißig Gemeinden, er schrieb diesen Gemeinden auch zahlreiche Briefe, in denen er die neue Religion interpretierte und von Jesus sowie von sich selbst erzählte. Der wichtigste aller Briefe ist sein Brief an die Römer, auf den wir noch zu sprechen kommen. Der schönste Brief aber war der erste Brief an die Korinther, in dem Paulus eine Liebes-Hymne komponierte, die Weltgeschichte schrieb. Wir zi- Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 117 tieren Auszüge aus 1. Korinther 13 in einer modernisierten Luther- Übersetzung. Wenn ich in der Sprache der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nur dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste, wenn ich alle Glaubenskraft besäße und damit Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, dann wäre ich nichts. … Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, sie ist nicht mutwillig, sie bläht sich nicht auf. Die Liebe verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht ihren Vorteil, sie lässt sich nicht erbittern. Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Die Liebe hört niemals auf. … Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, handelte wie ein Kind. Als ich aber ein Mann war, redete ich wie ein Mann, dachte wie ein Mann und handelte wie ein Mann. … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Am größten aber ist die Liebe. Dieses wunderbare „Hohelied“ ist die eine Seite des Apostels Paulus. Die andere Seite ist schärfer, mächtiger, unbarmherziger, und sie formuliert eine Theologie, die vordergründig auf Glaube, Hoffnung und Liebe setzt, tatsächlich aber mit dem Mittel der Angst agiert und bedingungslosen Gehorsam verlangt. Eine Theologie übrigens, die behauptet, ein ordentliches, gesetzestreues Leben des Erdenbürgers reiche nicht aus. Nur durch die Gnade Gottes sei ewige Glückseligkeit erreichbar. Paulus` Brief an die Römer, vermutlich im Jahr 56 in Ephesos geschrieben, ist die zentrale Botschaft des Apostels. Keine Schrift wurde intensiver erforscht, keine wurde öfters kommentiert. Heerscharen von Theologen und Philosophen haben sich mit dem Römerbrief beschäftigt, ungezählte Bücher sind darüber entstanden. Angeblich ist dieser Brief auch „schuld“ an dem Erweckungserlebnis eines jungen Manich- äers namens Augustinus, der zum wichtigsten Kirchenlehrer des Christentums werden sollte: Als Augustinus im Sommer 386 n. Chr., Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 118 er war gerade Rhetorikprofessor am kaiserliche Hof in Mailand, eher zufällig zwei Verse des Römerbriefes las, gingen ihm schlagartig die Augen auf und es strömte ihm „Gewissheit als ein Licht ins kummervolle Herz, dass alle Nacht des Zweifels hin und her verschwand“ (Bekenntnisse, 8,12,29). Danach war er entschlossen, Christ zu werden. Was aber ist das Besondere am Römerbrief, der eine solch durchschlagende Wirkung erzielte, dass das Christentum ohne ihn nicht vorstellbar ist? Nun, ganz einfach: In den 16 Kapiteln an die Römer sind sämtliche Grundlagen der paulinischen Theologie fixiert: Die Botschaft des Glaubens, die Gerechtigkeit Gottes, die alles entscheidende Gnade des Herrn, die Macht der Sünde und die Bedeutung der Barmherzigkeit. Nicht nur bei Augustinus löste die paulinische Botschaft deshalb einen Erkenntnisschub aus, sondern auch über 1000 Jahre später beim Reformator Martin Luther, der diese Epistel als „das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium“ bezeichnete. Auch Luther las aus dem Römerbrief eine entscheidende Botschaft heraus, nämlich die der „Rechtfertigung“. Sie wurde zum zentralen Inhalt der Reformation von 1517, die die Welt verändern sollte. Paulus, dem es an Selbstbewusstsein wahrlich nicht mangelte, hätte sich solch einen durchschlagenden Erfolg seiner Lehre sicherlich nicht träumen lassen. Er führte das Leben eines Vagabunden, war immer auf Achse, stets begleitet von Mitstreitern, die ihn bedingungslos verehrten. Das Faszinierende an der Person Paulus ist sicherlich auch die Unverdrossenheit, mit der er seinen Auftrag im Namen Jesu Christi ausführte: Obwohl er bei seinen Missionsreisen des Öfteren auf massiven Widerstand stieß, mehrfach verdroschen und (nach eigenen Angaben) einmal sogar gesteinigt wurde, obwohl ihm also Juden und Römer mehrfach nach dem Leben trachteten, dachte er keine Sekunde daran, sich sesshaft zu machen und ein normales Leben zu führen. Die Droge der Macht und der Bedeutung hatte ihn fest im Griff. Paulus ging seinen Weg bis zum bitteren Ende. Das Finale begann in Jerusalem und endete in Rom. Wie es sich für einen Heiligen gehört, wusste Paulus schon im Voraus, was ihn in der Stadt der Juden erwarten würde. In einer larmoyanten „Abschiedsrede in Ephesus“ (Apg 20,17-37), sagte er zwar, er wisse nicht genau, was ihm dort blühe, doch der Heilige Geist habe ihm schon bezeugt, Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 119 dass „Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten“. So kam es denn auch: Paulus wurde verhaftet, nachdem „Juden aus der Provinz Asien“ ihm vorgeworfen hatten, das Allerheiligste entweiht zu haben. Paulus hatte befreundete „Griechen“ (also Heiden) in den Tempel geführt, was bei Todesstrafe verboten war. Es begann ein Prozess, der sich in der Apostelgeschichte seitenlang hinzieht. Paulus diskutiert mit Hauptmännern und Obersten, mit Pharisäern und Sadduzäern, mit dem Statthalter Felix und am Ende in Cäsarea sogar mit König Agrippa und dessen Ehefrau Berenike (die zugleich seine Schwester war). Paulus verteidigte sich geschickt, erzählte immer wieder eindrucksvoll die Geschichte seiner Bekehrung, von seinem göttlichen Auftrag. Das half durchaus: Paulus wurde nicht hingerichtet, sondern nach Rom deportiert, unterwegs bei Sturm und Schiffbruch vor Kreta bewies er unerschütterliches Gottvertrauen. Über die Insel Malta kam er schließlich nach Rom, wo er noch „volle zwei Jahre“ im Hausarrest leben und wirken konnte. An dieser Stelle bricht die Apostelgeschichte des Lukas abrupt ab. Nirgendwo gibt es belastbare Hinweise, wie lange Paulus noch lebte und wann und wie er gestorben ist. Interessierte Kreise der Kirche haben später die Sage von seinem Märtyrertod unter Kaiser Nero verbreitet, aber in den römischen Annalen ist nichts davon zu finden. Paulus war jetzt jedenfalls weit weg von Jerusalem, und so musste er die Zerstörung der heiligen Stadt mitsamt der prächtigen Tempelanlage nicht miterleben. Die ständige staatliche und religiöse Unterdrückung durch die römischen Besatzer hatte zum Widerstand der Juden und schließlich zum Krieg geführt. Die Einheimischen kämpften zwar tapfer, doch gegen die römische Logistik und militärische Übermacht hatten sie keine Chance: Im Jahr 70 wurde Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht, die prächtige Tempelanlage war am Ende nur noch ein Trümmerhaufen. Jerusalem war jahrzehntelang nicht mehr bewohnbar, eine neu gegründete Kolonie in der Nähe wurde Aelia Capitolina genannt. In diesem furchtbaren „jüdischen Krieg“, der nicht auf Jerusalem beschränkt war, starben insgesamt über eine Million Menschen. Diese Katastrophe war nicht nur das vorläufige Ende der jüdischen Heimstatt, sondern zugleich das Ende der „Jerusalemer Gemeinde“, der Jesus-Bewegung. Auch die Nazarener waren Opfer des Krieges geworden, tot oder vertrieben, die Gemeinde-Strukturen hatten sich auf- Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 120 gelöst. Mit der Folge, dass die so lange schwelende Machtfrage zwischen der paulinischen Christus-Bewegung und der Jerusalemer Jesusgemeinde automatisch entschieden war. Paulus hatte sich mit seiner Theologie, auch aufgrund der politischen Entwicklung, endgültig durchgesetzt. Das neue Zentrum des Christentums war nunmehr Rom. Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 121 Der Herr und das Weib Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte Ist Gott ein Mann oder eine Frau? Für Feministinnen ist die Sache klar… Aber Scherz beiseite: Gott ist weder Mann noch Frau, er ist überhaupt nicht menschlich, auch nicht materialistisch, und selbstverständlich ist „er“ ungeschlechtlich. Deshalb hat „der liebe Gott“ auch keinen langen Bart, wie ihn Künstler aller Epochen immer wieder dargestellt haben, und demnach ist er auch nicht der ältere Herr, der im Alten Testament gelegentlich auftritt. Allerdings, und das sollte den Gläubigen zu denken geben: Warum haben die Erzväter, Propheten und Apostel immer vom „Herrn“ gesprochen? Warum hat Gottvater seinen „Sohn“ auf die Erde geschickt, um die Menschheit zu erlösen? Warum hat auch Jesus selbst immer von seinem Abba gesprochen, was übrigens nicht „Vater“, sondern „Papi“ heißt. Er meinte das weder metaphorisch, noch meinte er Josef, den braven Mann an der Seite Marias, die als „Muttergottes“ zur „ewigen Jungfrau“ wurde – obwohl sie biblisch belegt noch mehr Kinder und Jesus damit eine Reihe von Geschwistern hatte. Ganz konkret, weil die Kirche das Thema so gerne mit einem Tabu belegt: Maria hatte Sex! Das Frauenbild der Bibel, es ist auf spektakuläre Weise doktrinär und männlich geprägt. Es beginnt mit Eva, die als leicht verführbares Weib geschildert wird, deren Aufgabe sich nach dem Sündenfall vor allem in der Produktion und Aufzucht von Kindern sowie der Führung des „Haushalts“ erschöpft. Die Kinder sollen dabei vorzugsweise männlichen Geschlechts sein, Mädchen werden in den ersten biblischen Genealogien gar nicht erwähnt. Auch bei der ersten großen Katastrophe der biblischen Geschichte, der Sintflut (Gen 6–8), bleiben die Frauen – Noahs Gattin und die Schwiegertöchter – namenlos. Mit Abrams Frau Sarai beginnt in der Bibel dann die lange Liste der Frauen, denen der Herrgott „den Leib verschlossen“ hatte, die also Kapitel 9 123 unfruchtbar waren, bevor der Allmächtige sich dann doch noch erweichen ließ und ihren Schoß öffnete. In zahlreichen Episoden wird durch diese Metaphorik immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig im Altertum die Mutterschaft war: Wer keine Nachkommen hatte, galt als minderwertig und von Gott verflucht. Kinderlosigkeit war das schwerste Los, das eine Frau in archaischen Zeiten treffen konnte. Kinder waren nicht nur Ausdruck von Wohlstand und göttlichem Wohlgefallen, sondern auch enorm wichtig für die Altersversorgung der Eltern. Zudem glaubten die Menschen damals, ein Weiterleben nach dem Tod sei eben nur durch Nachkommen möglich. So wichtig Frauen für die Produktion des Nachwuchses auch waren – viel zu sagen hatten (haben) sie in den abrahamitischen Religionen dennoch nicht. Ganz im Gegenteil: Das weibliche Geschlecht wurde auch wegen der patriarchalischen Grundstrukturen der Religionen und der Gesellschaft über Jahrtausende hinweg auf geradezu unglaubliche Weise diskriminiert – und die „Herren der Schöpfung“ legitimierten ihr egoistisches Verhalten auch noch mit dem göttlichen Willen. Von Anfang an haben sie Eva die Schuld an dem Sünden-Schlamassel im Paradies angelastet – und die Frauen haben es sich gefallen lassen. Womöglich auch deshalb, weil Gott persönlich der Nachrangigkeit des weiblichen Geschlechts den Weg bereitete: „Unter Schmerzen wirst du deine Kinder gebären“, sagte der Herr zu Eva, nachdem sie gesündigt hatte. „Und du hast Verlangen nach deinem Mann, er aber wird über dich herrschen“ (Gen 3,16). Damit war die Richtung vorgegeben. Als erste Frau der Weltgeschichte wurde diese Eva, hebräisch chawwa, das bedeutet „Leben“, auch zur ersten Sünderin. Laut Genesis 2,18-24 wurde sie nachträglich als „Gefährte“ des Adam aus dessen Rippe entnommen (in Gen 1,27 schafft Gott den Menschen dagegen gleich „als Mann und Frau“). Damit wird in dieser zweiten Schöpfungsversion Evas „Geburtsvorgang“ praktisch umgedreht: Nicht die Frau gebiert, sondern der Mann. Aus Adams Leib entstammt Eva, jene Frau also, die fortan das Frauenbild der Menschheit prägen sollte. Obwohl die Welt von Anfang an bipolar aufgebaut war, weil Gott in seiner großen Weisheit ja wusste, dass nur Gegensätze Spannung erzeugen können (die zur dynamischen Entwicklung des Lebens notwendig ist!), unterschied sich Eva biologisch nur durch ein kleines Chromosom von Kapitel 9 Der Herr und das Weib 124 Adam. Doch dieses Chromosom hat(te) es in sich: Frauen denken und fühlen nicht nur anders als Männer, meist sensitiver; sie sind dem Mann, der dank seines natürlichen Testosteronspiegels in jungen Jahren vor Kraft oft strotzt, in der Regel körperlich unterlegen. Womöglich ist diese (gottgewollte?) biologische Prädisposition der eigentliche Grund, warum sich ein Patriarchat entwickeln und über Jahrtausende hinweg behaupten konnte. Das Schicksal der Eva-Figur steht jedenfalls beispielhaft für das verkorkste Verhältnis, das die abrahamitischen Religionen zu Frauen entwickelt haben. Interessant, dass sich die Feministinnen der heutigen Zeit so wenig auf die biblischen Autoren eingeschossen und die Rolle Evas klaglos akzeptiert haben. Manche, wie die bekannte protestantische Theologin Dorothee Sölle (1929 – 2003) haben sogar versucht, der historisierten Figur Eva etwas Gutes abzugewinnen (Gottes starke Töchter, Verlagsgemeinschaft topos). Doch viel mehr als pastoraler Euphemismus ist nicht dabei herausgekommen. Dabei wäre in solch einer wichtigen Frage durchaus Klartext angesagt. Denn bereits in der Urgeschichte der Bibel ist der Kompass der Geschlechter kalibriert worden, nutzten die (männlichen) Autoren der „heiligen Schriften“ den Vorteil ihrer Bildung, um das Rollenverhältnis der Geschlechter zu zementieren. Demnach war Eva angeblich so charakterschwach und naiv, sich von einer Schlange verführen zu lassen. Im Hintergrund dieser These summt die Unterstellung mit, Adam wäre das wohl nicht passiert. Immerhin wird der Sündenfall auch mit Adam verknüpft, und erst durch diesen fatalen Fehltritt des ersten Menschenpaars „kam die Sünde in die Welt“, stellte der Apostel Paulus mit Bezug auf Jesus Sirach fest (Röm 5,12). Eine groteske Annahme, über die Theologen und Philosophen damals wie heute erstaunlich großzügig hinweg sehen: Denn obwohl die phantastische Urgeschichte in der Genesis zweifelsfrei als Mythos und/oder Märchen erkannt ist und von seriösen Wissenschaftlern als „narrative Anthropologie“ bezeichnet wird, gelten theologische Ableitungen aus diesem Narrativ (die Erbsünde) als Dogma! Wer Verständnis für diese Logik entwickeln will, muss berücksichtigen, dass die Gesellschaft im Altertum streng patriarchal strukturiert war. Der Mann galt als Maß aller Dinge, Frauen wurden nahezu ausnahmslos über ihre Männer definiert. Die Bibel ist ein Spiegelbild die- Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte 125 ser Philosophie. Besonders deutlich wird dies in Exodus 20,17 mit dem Gebot: „Du sollst die Frau deines Nachbarn nicht begehren, auch nicht nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin verlangen, noch seinem Rind und seinem Esel“. Die Einreihung der Frau unter die Besitztümer des Mannes sagt alles über die Rolle der Frau in der Antike aus. Ihre Wertschätzung bezog sie vor allem aus der Anzahl der geborenen Söhne. Ein Mann durfte auch, wenn er es sich wirtschaftlich leisten konnte, mehrere Frauen haben; für Frauen galt das umgekehrt natürlich nicht. Sie durften/mussten die Kinder erziehen, den Haushalt managen, insbesondere Wasser aus oft weit entfernten Brunnen holen und für die Mahlzeiten sorgen. Ansonsten hatten sie dem Mann nach dessen Belieben (sexuell) zur Verfügung zu stehen. Das galt vor allem auch für die Sklavinnen, die dem Hausherrn in absoluter Weise ausgeliefert waren. Es ist nicht bekannt, dass der gütige Gott sich über die Praxis der Sklaverei jemals echauffiert hätte – im Gegenteil: aufgrund seiner unerforschlichen Wege ließ er die Sklavin Hagar von Abraham schwängern – noch bevor Sarah (im Alter von angeblich über 90 Jahren) endlich ihren Sohn Isaak gebären konnte. Der Legende nach stammen die fünf Bücher Moses übrigens von Moses persönlich, auch dies wurde und wird von Millionen Menschen in aller Welt bedingungslos geglaubt. Wenn man aber die persönliche Autorenschaft des hebräisch-ägyptischen Prinzen ernsthaft unterstellt, hätte auch diese wichtigste Person des Judentums die Weichen zur dauerhaften Diskriminierung der Frauen gestellt. Im Pentateuch gibt es dafür zahlreiche Belege, jene im fünften Buch Moses (Deuteronomium) sind besonders heftig: Dort erlaubt der barmherzige Gott, dass Mädchen und Frauen, die ihre Unschuld verloren haben, gesteinigt werden dürfen. Wörtlich heißt es in der „Heiligen Schrift“, offiziell geschrieben von Moses: „Hat der Ehemann mit seiner Beschuldigung recht gehabt (das Mädchen sei keine Jungfrau mehr gewesen) und die Eltern können die Unberührtheit ihrer Tochter nicht beweisen, so wird die Frau vor das Haus ihres Vaters geführt und dort von den Männern der Stadt durch Steinigung hingerichtet“ (Deut 22,20). Immerhin: Wenn ein Mann ein bereits verlobtes Mädchen vergewaltigt hatte, musste auch er sterben. Vergewaltigte er aber ein noch nicht verlobtes Mädchen, drückte der liebe Gott ein Auge zu: „Dann muss der Mann dem Vater des Mädchens 50 Silberstücke geben und das Mädchen zur Kapitel 9 Der Herr und das Weib 126 Frau nehmen“ (Deut 22, 28-29). Für die Betroffene ein Vorgeschmack der Hölle: Sie musste dem Mann, der sie vergewaltigt hat, auch noch zeitlebens als Ehefrau zur Verfügung stehen. Im Namen des Herrn. Auch der Autor des „Weisheitsbuches“ Jesus Sirach, das rund 200 Jahre vor Christi Geburt geschrieben wurde und als kanonisch gilt, reihte sich in die frauenfeindliche Linie ein. Er schrieb, mit Verweis auf Eva: „Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang; ihretwegen müssen wir alle sterben“ (Sir 25,24). Diesen antiken Unsinn saugten der selbsternannte Apostel Paulus und sein strebsamer Schüler Timotheus begierig auf. Timotheus befand, eine Frau habe sich grundsätzlich „still zu verhalten“. Schließlich sei zuerst Adam, danach erst Eva erschaffen worden. „Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Verbot“ (1 Tim 2,12-14). Timotheus begründet also die Zurückstellung der Frau ausdrücklich mit der Urgeschichte von Adam und Eva. Interessant in diesem Kontext ist der Umstand, dass ausgerechnet Jesus von Nazareth – in deutlichem Kontrast zu seinen frommen Dienern – die Frauen nicht diskriminierte. Jesus ging offen mit Frauen um, sein Verhalten hat ihnen (mit Ausnahme ausgerechnet seiner Mutter Maria!) ein Stück Würde zurückgegeben, das ihnen die patriarchalischen Machos der Antike genommen hatten. Doch wie nachhaltig die Religion den Frauen ihre Gleichberechtigung verweigert hat, sieht man eben auch am Beispiel Jesu: Nicht mal dem Gottessohn war es vergönnt, den Frauen nachhaltig mehr Chancengleichheit zu verschaffen. Mit allen möglichen Tricks haben die Herren der Schöpfung nach dem Tod des Messias versucht, ihre Privilegien zu retten. Vor allem der Apostel Paulus trug entscheidend dazu bei, das fragwürdige Frauenbild des Alten Testaments aufs Neue Testament zu übertragen. Ob im ersten Korintherbrief (14,34) oder im Brief an die Epheser, die Richtung war stets klar: „Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter wie dem Herrn“ (5,22). So geht es unentwegt in der Bibel. Auch in Schriften, die später von „Heiligen Männern“ geschrieben wurden. Paulus´ Weggefährte Timotheus hielt gar nichts von der Gleichberechtigung, die Kirchenväter Augustinus und Thomas von Aquin zementierten die untergeordnete Stellung der Frau zusätzlich mit ideologischem Beton. Augustinus war davon überzeugt, es sei göttliche Vorsehung, „dass die Frauen den Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte 127 Männern zu dienen haben“. Sein Frauenbild, das in der Jugend noch einigermaßen „normal“ gewesen sein muss (wie seine Liebschaften und sexuellen Eskapaden nahe legen), geriet als konvertierter Christ komplett auf den alttestamentarischen Trip: „Das Weib (ist) ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht nach seinem Ebenbild geschaffen wurde“. Noch schlimmer äußerte sich der Heilige Thomas von Aquin, der in der katholischen Kirche und theologischen Kreisen bis heute höchstes Ansehen genießt. Thomas behauptete allen Ernstes, ein männlicher Fötus werde bereits nach 40 Tagen „Mensch“, ein weiblicher aber erst nach 80 Tagen. Mädchen entstünden (bei der Zeugung) „durch schadhaften Samen oder feuchte Winde“. Wie Thomas und seine christlichen Glaubensbrüder die Frauen tatsächlich einschätzten, verriet der hochgeschätzte Professor aus Aquin mit diesem denkwürdigen Satz: „Der wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen“. Eher zum Schmunzeln (oder Weinen!) sind die wertenden Worte, die der biblische Autor Jesus Sirach (ca 200 v. Chr.) zum Besten gibt. Er hat dem Thema in seinem Buch, dass es trotz apokrypher Natur in die Bibel geschafft hat, sogar eigene Kapitel gewidmet. Überschrift: „Die böse Frau“ (Sir 25,17 – 26,24). Dort heißt es unter anderem: „Es ist keine Bosheit so schlimm wie Frauenbosheit… Ich wollte lieber bei Löwen und Drachen wohnen als bei einer bösen Frau… Alle Schlechtigkeit ist gering gegen die Schlechtigkeit einer Frau… Eine böse Frau schafft ein betrübtes Herz, ein trauriges Angesicht und Herzeleid… Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau. Ihretwegen müssen wir alle sterben… Eine lüsterne Frau erkennt man an ihrem Blick und ihren frechen Augen…“ All dies steht in der Bibel, ist „Gottes Wort“ und „irrtumsfrei“! Das Nicht-ernst-nehmen von Frauen und ihre permanente Diskriminierung durch heilige Schriften und höchste Würdenträger hat sich über die Jahrhunderte hinweg im Bewusstsein der Menschen festgefressen. Bis zur „heiligen“ Inquisition und zur Hexenverfolgung war es da nur noch ein kleiner Schritt. Am Ende wurden Frauen nicht bloß gering geschätzt und missachtet; sie wurden oftmals auch für Fehler und Sünden (der Männer) verantwortlich gemacht, und als „Hexen“ gefoltert, vergewaltigt oder umgebracht. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Kapitel 9 Der Herr und das Weib 128 Exkurs: Berühmte Frauen der Bibel Nach Eva die erste Frau, die in der Bibel Erwähnung findet, ist Abrahams Frau Sarai, die Gott später persönlich in Sarah umtaufte (Gen 17,15). Sie spielt eine tragende Rolle, weil sie angeblich so schön war, dass gleich zwei Könige scharf auf sie wurden (der Pharao von Ägypten und Abimelech, der König von Gerar). Mit Sarai beginnt auch der Sex in der Bibel, wird a) die Willenlosigkeit der Frau beschrieben, die sich dem Wunsch des Mannes zu fügen hat; und b) die Attraktivität des weiblichen Geschlechts, bei denen Männer schwach werden (Gen 12,15). Obwohl Sarai bei der Ankunft in Ägypten bereits 75 Jahre alt war und sich nach den Gesetzen der Biologie in einem faltenreichen Stadium befunden haben muss, entflammte das Herz des Pharao angeblich so vehement, dass er sie zur Frau haben wollte. Und weil Abram Angst hatte, dass ihn die Ägypter lynchen könnten, um an seine schöne Frau zu kommen, gab er sie lieber als seine „Schwester“ aus. Feige und/oder ohnmächtig ließ er zu, dass seine „Schwester“ in den Palast des Pharaos gebracht wurde. Exegeten behaupten, Abram habe keine andere Wahl gehabt als Sarai preiszugeben, da er sonst „verhungert“ wäre (Stuttgarter Erklärbibel, Seite 25). Ungeachtet dessen beschenkte der verliebte Pharao den „Bruder“ seiner neuen Frau mit „Schafen, Rindern, Eseln, Knechten, Mägden, Eselinnen und Kamelen“ (Gen 12,16). Das half Abram zwar über seine wirtschaftliche Not hinweg, doch zur Fortsetzung der biblischen Geschichte brauchte er ja seine Frau zurück. Also musste Gott persönlich eingreifen: der arme Pharao wurde mit furchtbaren Krankheiten gequält, sodass er Sarai entnervt wieder frei gab. Sehr praktisch für Abram: nun war er ein gemachter Mann, denn die Geschenke durfte er behalten und seine Frau bekam er auch zurück. Als Abram mit Sarai nach dem ägyptischen Abenteuer weiter „ins Südland“ zog, war er „sehr reich an Vieh, Silber und Gold“ (Gen 13,2). Die Rolle der biblischen Rebekka ist noch spezieller als die von Sarah. Als junges Mädchen wurde Rebekka extra aus Abrahams alter Heimat Haran herbeigeschafft, da der Vater nicht wollte, dass sein Sohn eine Kanaaniterin heiratet. Der 40jährige Isaak nahm also Rebekka zur Frau, und wie in der Bibel üblich, war sie erst mal unfrucht- Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte 129 bar. Doch selbstverständlich ließ sich der Herr erweichen und so wurde Rebekka doch noch schwanger – mit Zwillingen! Damit begann ein Drama, das weitreichende religionsphilosophische Konsequenzen haben sollte und Theologen und Bibelwissenschaftler bis heute beschäftigt. Die Zwillinge machten nämlich schon im Mutterleib Rabbatz, strampelten gegen den Bauch der Mutter, sodass Rebekka unruhig „hin ging, um den Herrn zu befragen“ (das heißt, sie konsultierte einen Priester). An dieser Stelle wird es kompliziert und heikel, denn aus der Antwort des Priesters spricht nach biblischer Logik Gott der Herr persönlich: „Zwei Völker wohnen in deinem Leib, und ein Volk wird dem anderen überlegen sein. Und der Ältere wird dem Jüngeren dienen“ (Gen 25,23). Diese kleine Episode ist theologisch von überragender Bedeutung. Denn aus dieser göttlichen Antwort leiteten Schriftgelehrte, Propheten und Apostel später eine furchtbare Ideologie ab: Der Prophet Maleachi gab die Richtung vor und zitierte den Allmächtigen: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst!“ (Mal 1,2-3). Daraus wiederum formulierte der Apostel Paulus die göttliche Willkür-These: „Ich schenke Erbarmen, wem ich will; und ich erweise Gnade, wem ich will“ (Röm 9,15). Der Kirchenvater Augustinus begründete mit dieser Formel schließlich seine unselige Gnadenlehre (De diversis quaestionibus ad Simplicianum). Sie besagt Ungeheuerliches: Der Mensch kann tun und lassen, was er will, Gutes oder Schlechtes. Doch wenn er Gottes Gnade nicht erfährt, hat er keine Chance auf Erlösung. Dann wartet auf ihn – die ewige Hölle! Abermals wird deutlich, dass es in der Bibel, speziell auch in der folgenden Jakob-Legende, fast ausschließlich um das Befolgen der Gesetze, also um Gehorsam geht – und um das männliche Geschlecht. Frauen sind zum Dienen und zum Gebären da, oder für hinterlistige Tricks. So half Rebekka ihrem Lieblingssohn Jakob nicht nur, den Erstgeburtssegen des erblindeten Vaters zu erschwindeln; sie schickte Jakob auch in die alte Heimat Haran, um ihn vor dem Zorn des betrogenen Bruders Esau zu schützen. Immerhin entspann sich aus dieser Entwicklung „die schönste Liebesgeschichte der Bibel“ (die Theologin Dorothee Sölle). Interessant, dass manche Theologen das so sehen wollen. Als sei eine Liebesstory schon deshalb schön, weil die Lieben- Kapitel 9 Der Herr und das Weib 130 den aus dramaturgischen Gründen erstmal nicht zueinander finden. Jedenfalls traf Jakob an einer Tränke vor der Stadt die Tochter seines Onkels Laban, die attraktive Rahel, in die er sich sofort verliebte. Am Ende der „schönsten Liebesgeschichte“ hatte Jakob dann vier Frauen (Rahels ältere Schwester Lea, die ihm Onkel Laban zuerst unterjubelte; Rahel, für die er den ganzen Stress auf sich nahm; sowie die Sklavinnen Silpa und Bilha). Dafür hat er insgesamt 20 Jahre lang bei Laban arbeiten müssen. Belohnt wurde er immerhin mit zwölf Söhnen (die Zahl seiner Töchter wird nicht genannt), aus denen die zwölf Stämme Israels hervorgehen sollten. Außerdem war Jakob in Parallele zu seinem Opa Abraham reich geworden und konnte als gemachter Mann zurück in seine Heimat Kanaan reisen. Auch hier spielt nur einer die Hauptrolle: der Mann. Den Frauen bleiben Nebenrollen – die immerhin durch die typische biblische Unfruchtbarkeit (diesmal bei Jakobs Lieblingsfrau Rahel) auf ergreifende Weise dramatisiert werden. „Mach mir Kinder, sonst sterbe ich!“ (1. Mose 30,1), fleht sie ihren Mann an. Weil Kinderlosigkeit im Altertum als schwerer Makel galt, war es üblich, dass im Notfall Sklavinnen als „Leihmütter“ herhalten mussten. Und da Rahel die üblichen Schwierigkeiten hatte, musste sich Jakob eben mit dem „Erkennen“ der Sklavinnen Silpa und Bilha um den ersehnten Nachwuchs bemühen. Lieblingssohn Josef, der eine herausragende Rolle im weiteren Verlauf der biblischen Geschichte spielen sollte, wurde nach Öffnung des Schoßes durch den gütigen Herrn natürlich von Jakobs Lieblingsfrau Rahel geboren… Nicht typisch für die Bibel ist hingegen das Wirken der Jüdin Judith. Die ebenso attraktive wie reiche Witwe des Kaufmanns Manasse wurde auserwählt, die bedrohten Juden vor dem Terrorregime des babylonischen Königs Nebukadnezar (605-562) zu retten. Nun war Nebukadnezar (der II.) zwar ein frommer Mann, er betete die alten mesopotamischen Götter Marduk und Nabu an – und wurde selbst von seinen Untertanen als Gott verehrt. Das aber durfte natürlich nicht sein, und muss auch die offizielle Rezeption der Judith-Geschichte verstanden werden: Der Herrschafts- und Gottes-Anspruch des Nebukadnezar ging (den Juden) zu weit. Deshalb entmachtete Jahwe den Götzen aus Babylon und ließ „sein“ Israel durch die mutige (und blutige) Hand der gottesfürchtigen Judith retten. Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte 131 Stellvertretend für Nebukadnezar musste allerdings dessen Hauptmann Holofernes dran glauben. Dieser Krieger belagerte im Rahmen eines babylonischen Eroberungsfeldzuges die kleine Stadt Bethulia (nördlich von Hebron), um ihre Bewohner zur Aufgabe zu zwingen. In dieser schwierigen Lage tritt Judith auf den Plan – und trickst mit weiblicher List und weiblichen Reizen den scheinbar unbesiegbaren Krieger Holofernes aus. Judith wendet im letzten Moment die Katastrophe ab, indem sie sich herausputzt, ihre besten Kleider anlegt und „sich salbt mit köstlichem Wasser“ (Parfum), um dann mit ihrer Magd (die einen Schlauch voll schweren Weines und einen Beutel mit Feigenkuchen tragen muss) zum Zelt von Holofernes zu pirschen. Die Wächter täuscht sie mit der Mär, dem Feldherrn alles aus der Stadt Bethulia verraten zu wollen. Weil Judith so schön ist, lässt man sie durch. Holofernes ist entzückt und entflammt sofort in heftiger Leidenschaft. Um es kurz zu machen: Judith diniert mit Holofernes, die Diener ziehen sich diskret zurück – und Judith schenkt dem Feldherrn ein: Erst Wein, bis er betrunken ist; dann das Schwert, das über dem Bett hing. Der gütige Gott verschonte die selbstlose Judith dabei vor der sexuellen Schande, und so konnte sie ohne Befleckung aus dem betrunkenen Hauptmann einen Mann ohne Haupt machen. Den abgeschlagenen Kopf wickelte sie mit ihrer Magd in einen Vorhang und nahm ihn mit in ihre Stadt, die danach aus dem Häuschen war. Am nächsten Morgen fanden die Assyrer den Torso ihres Hauptmannes Holofernes und ergriffen panisch die Flucht. So wurde Judith zur Retterin des Volkes Israel. Ihre heutige Berühmtheit erlangte die heroische Märchengestalt Judith aber vor allem durch die kreative Rezeption der Künstler im Mittelalter: Michelangelo, Botticelli, Lucas Cranach der Ältere, Caravaggio und viele andere schufen phantastische Bildmotive, Vivaldi und von Reznicek komponierten wunderbare Judith-Melodien. Und Anna seufzte zum Himmel empor. Dieser Satz aus dem Protevangelium des Jakobus (eine apokryphe Schrift aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.) ist aus gutem Grund zum Titel dieses Buches gewählt worden, denn er ist sinnbildlich gleich in dreifacher Hinsicht: 1. für die biblische Logik, die grundsätzlich Unterwürfigkeit und Apotheose verlangt; 2. für das Schicksal der Menschen, die mit den göttlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht klar kommen; und 3. für das Drama der Frauen, die über Jahrtausende hinweg mit Gottes Segen be- Kapitel 9 Der Herr und das Weib 132 nachteiligt und diskriminiert wurden. Anna, die Mutter Marias und damit Großmama von Jesus, steht sinnbildlich für die armen Menschenkinder, die sich in ihrem Kummer gen Himmel wenden. Dort, wo sie den barmherzigen „Vater“ vermuten. Den gütigen Gott, der alles weiß und alles kann. Anna brauchte Hilfe, weil sie – man ahnt es schon – nicht schwanger wurde. Der Herr hatte, wie auch schon beim biblischen Anna-Vorbild Hanna (der Mutter des Propheten Samuel) ihren „Leib verschlossen“. Warum der Herr dies tat, bleibt wie immer unklar. Die heilige Anna, berühmt geworden als Großmutter von Jesus. Zahlreiche Künstler (hier ein Ausschnitt aus dem berühmten Gemälde „Anna Selbtritt“ von Leonardo da Vinci) haben ihr ein Denkmal gesetzt. Annas Kopf soll heute tatsächlich in der deutschen Kleinstadt Düren ruhen (siehe Text über Anna). Annas Mann hieß Joachim, und der war nicht nur reich, sondern auch schlau: Er brachte alle Opfergaben für den Herrn doppelt dar, um auf der sicheren Seite zu sein. Dieser Trick half ihm aber auch nicht weiter, denn eines Tages bekam er Stress mit der Gemeinde, weil er „für Israel“ noch keine Nachkommen gezeugt hatte. Also wurde Joachim traurig und ging in die Wüste, um dort 40 Tage und 40 Nächte lang zu fasten. Wie ernst er seine Sühne nahm, ist nicht bekannt, schließlich war er ja allein; aber Joachim hat diese Tortur gesund überstanden – was sich seine Frau Anna offenbar nicht vorstellen konnte, denn sie stimm- Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte 133 te „ein zwiefaches Klagelied“ an. Einmal wegen ihrer Kinderlosigkeit, zum anderen wegen der nun vermuteten Witwenschaft. Also wusch sie ihr Haupt, legte Brautkleider an, setzte sich im Garten unter einen Lorbeerbaum – und seufzte zum Himmel empor (Jakobus 3,1). Kapitel 4 des Protevangeliums beginnt mit den Worten: „Und siehe, ein Engel des Herrn trat zu ihr und sprach: „Anna, Anna, der Herr hat deine Bitte erhört. Du wirst empfangen und gebären, und deine Nachkommenschaft wird in der ganzen Welt genannt werden“. Ein anderer Engel kam zum Ehemann, weil der ja ebenfalls über die Neuigkeit informiert werden musste: „Joachim, Joachim, siehe Anna, dein Weib, hat in ihrem Leib empfangen!“ Alle freuten sich riesig, und es blieb offen, auf welche Weise Anna empfangen hatte, denn ihr Ehemann war ja 40 Tage lang nicht zuhause gewesen. Aber Joachim wusste nun eben, „dass Gott der Herr mir gnädig ist, und mir alle meine Sünden vergeben hat“ (5,1). Nach Aussage des Jakobus gebar Anna im siebten Monat und gab dem Mädchen den Namen Maria. Diese Leistung Annas genügte, um von der katholischen Kirche heilig gesprochen zu werden. Obwohl von ihr außer der Mutterschaft Marias nichts bekannt ist und sie in den offiziellen Evangelien überhaupt nicht erwähnt wird, entstand im frühen Mittelalter ein regelrechter Kult um die Oma von Jesus. Der Anna-Hype begann um das Jahr 550, als Kaiser Justinian in Konstantinopel (heute Istanbul) eine Kirche bauen ließ, die er nach ihr benannte. Anna war übrigens dreimal verheiratet, die (zahlreichen) Kinder aus diesen Beziehungen wären damit allesamt Verwandte von Jesus gewesen, auch Johannes der Täufer gehörte zur Sippe. Annas Verehrung erreichte dann zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt, als in ganz Europa immer mehr Anna-Altäre, Anna-Statuen und Anna-Kapellen errichtet wurden. Die Kirche schreckte damals nicht einmal davor zurück, „Anna-Gürtel“ zu vertreiben, die gegen Unfruchtbarkeit helfen sollten… An dieser Stelle noch ein kleiner Exkurs zur Heiligen Anna, der so makaber ist, dass er nicht verschwiegen werden darf: Zwar wurde die gute Frau nach ihrem Ableben ganz normal beerdigt – doch ihre Totenruhe wurde gleich mehrfach und nachhaltig gestört. Fromme Freunde der Reliquien-Tradition trennten nämlich nicht nur Annas Kopf vom Leichnam ab, was schon schaurig genug ist. Der Kopf musste auch noch eine Odyssee antreten, die geradezu unglaublich verlief. Kapitel 9 Der Herr und das Weib 134 Heute ruht das Haupt der heiligen Anna – in der deutschen Kleinstadt Düren bei Aachen! Kein Witz. Es war eine echte Räuberpistole: Im Jahr 1212, da war Annas Seele bereits 1200 Jahre im Himmel, wurde das Haupt der Heiligen von Bethlehem nach Mainz überführt. Wer das warum und mit welcher Berechtigung veranlasst hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. In Mainz am Rhein ruhte Annas Kopf dann weitere 300 Jahre in der Kirche St. Stephanus – bis eines Tages ein frecher Steinmetz aus Kornelimünster (bei Aachen) sich der Reliquie räuberisch bemächtigte und mit nach Hause nahm. Danach fing das Gezerre erst richtig an: Der Abt des Klosters von Kornelimünster wollte keine Schuld auf sich laden, lehnte das „Geschenk“ des Steinmetzes dankend ab und transportierte den Totenkopf persönlich zu seinen Franziskaner-Brüdern nach Düren, damit er von dort zurück nach Mainz gebracht werde. Aber der Abt hatte die Rechnung ohne den frommen Herzog von Jülich gemacht! Dieser Edelmann, so steht es in den Annalen der Stadt, erhob lautstark Einspruch gegen den Rücktransport, sodass der Stadtrat von Düren in heiligem Eifer beriet – und die Reliquie einfach konfiszierte! Auch die Fürsprache der Erzbischöfe von Köln und Mainz fruchtete nichts, die Dürener rückten ihren Schatz nicht mehr heraus. Der Streit ums heilige Haupt schwelte weiter, bis im Jahr 1506 Papst Julius II. persönlich ein Machtwort sprach – zugunsten von Düren. Dort wird Annas Haupt seitdem unter einem kostbaren Schrein aufbewahrt. Zwar wurde die Annakirche im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff im November 1944 vollständig zerstört. Doch angeblich hat man die Reliquie der heiligen Anna aus den Trümmern retten können. Göttliche Gnade floss auch Maria Magdalena zu, der „Gefährtin Jesu“, wie sie von den Evangelisten genannt wird. Sie ist, trotz der Muttergottes, die vielleicht interessanteste Frauenfigur im Neuen Testament, was auf das geheimnisvolle Verhältnis zu ihrem Guru Jesus zurückzuführen ist. Denn jeder Gläubige, der sich für die Bibel im Allgemeinen und für Maria Magdalena im Besonderen interessiert, kommt an einer gewissen Frage nicht vorbei: Haben die beiden – sich etwa geliebt? Die Frage ist pikant: Hatte Jesus Christus, Menschensohn und Gottessohn in einem, etwa auch menschliche, also erotische Gefühle? Womöglich gar ein Sexualleben? Im Evangelium des Philippus (apo- Wie die Bibel das Frauenbild nachhaltig prägte 135 kryph), das zum berühmten Nag-Hammadi-Codex zählt, heißt es vieldeutig: „Und die Gefährtin [des Erlösers] ist Maria Magdalena. Der [Erlöser liebte] sie mehr als [alle] Jünger und er küsste sie [oft] auf ihren [Mund]“ (II,3 Vers 55). Das Wort „Mund“ ist eine Interpretation der Bibelforscher, das Original-Papyrus ist an dieser Stelle beschädigt, was Raum für Spekulationen lässt. Was wir aber wissen ist die Tatsache, dass Jesus ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Maria Magdalena hatte. Umgekehrt darf man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Maria aus Magdala diesen spannenden Typ Jesus geliebt hat. Verehrt und mit „ihrem Vermögen“ ausgehalten hat sie ihn (Lk 8,2-3), seit Jesus sie exorziert und von „sieben bösen Geistern“ befreit hatte. Sie war auch die erste Frau, die Jesus nach seiner Auferstehung sehen – aber nicht berühren durfte (Joh 20,17). Künstler wie Angelico, da Correggio und Holbein der Jüngere haben aus diesem noli me tangere-Motiv („Berühr mich nicht!“) weltberühmte Ikonografien geschaffen. Auch dies ein interessanter Aspekt: Der „ungläubige Thomas“ durfte den Herrn nach dessen Auferstehung berühren (Joh 20,27). Warum er, Magdalena aber nicht? Weil sie eine Frau war? Kapitel 9 Der Herr und das Weib 136 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau Die Zahl der Kirchen, Kapellen, Kliniken und Kindergärten auf den Namen Maria ist unendlich groß. Niemand kann die exakte Zahl angeben, niemand weiß, wie viele tausend Grotten, Gedenk- oder Wallfahrtsorte es weltweit gibt, die der Muttergottes geweiht sind. Maria ist zur Übermutter für alle Christen dieser Welt geworden, offiziell allerdings nur der katholischen Christen; die Protestanten verehren sie heimlich. Aber auch für Ungläubige ist Maria der Inbegriff weiblicher Göttlichkeit, eine Heilige und Ikone, deren spirituelle Bedeutung kaum zu ermessen ist. Sie wird „angehimmelt“ wie keine zweite Frau auf dieser Welt, ihr Image als Inkarnation von Reinheit und Schönheit ist absolut. Das Problem dieser Vergöttlichung der biblischen Maria sei auch gleich genannt: So gut wie nichts an diesem Bild stimmt! Miryam aus Nazareth war weder Jungfrau, noch war sie göttlich. Wie sie ausgesehen hat, weiß auch niemand, und verehrt wurde sie zu Lebzeiten von keiner Menschenseele – im Gegenteil: Es gab sogar jemanden, der alles andere als freundlich zu ihr war: Ihr eigener Sohn, Jesus Christus. Wir kommen noch darauf zurück. Maria ist ein Paradebeispiel für das unstillbare Bedürfnis der Religion, eine bestimmte (menschliche) Figur zu ikonisieren und als „Heilige“ zu stilisieren. Auch die Religionsgründer Konfuzius, Buddha und Zarathustra gehören in diese Kategorie. Maria steht noch eine Stufe höher, denn sie kann Wunder bewirken (wenn man daran glaubt). Die flehentliche Bitte Maria hilf! ist fester Bestandteil marianischer Gebete oder Prozessionen überall in der christlichen Welt. Und dass Maria scheinbar tatsächlich geholfen hat, kann man in den unzähligen Kirchen und Kapellen nachlesen, wo dankbare Gläubige kleine Votiftafeln mit der Aufschrift Maria hat geholfen! neben einer Armada von Kerzen aufgestellt haben. Das Bedürfnis, die Gottesmutter anzubeten und an- Kapitel 10 137 zuflehen, ist jedenfalls grenzenlos. Die katholische Kirche bietet gleich 30 Gedenk- und Feiertage an, der Monat Mai ist gänzlich der Heiligen Jungfrau gewidmet. In zahlreichen Ländern der Erde kann man zudem in Wallfahrtsorte pilgern, Orte, in denen Maria angeblich schon „erschienen“ ist: In Lourdes (Frankreich), Fatima (Portugal), Aparecita (Brasilien) oder in Marpingen (Deutschland) und vielerorts sonstwo. Allein die vier genannten Orte besuchen jährlich bis zu 20 Millionen Menschen. Niemand hätte sich je vorstellen können, dass aus dem völlig unbekannten Mädchen aus dem Bergnest Nazareth in Galiläa die wichtigste Frau der Menschheitsgeschichte werden sollte. Zumal Maria, wenn die Berichte des Schriftgelehrten und Philosophen Celsus (ca 200 n.Chr.) zutreffen, womöglich ein schlimmes Schicksal widerfahren ist und sie Verführungsopfer eines römischen Soldaten namens Panthera wurde. Die so genannte Panthera-Legende geistert seit fast 2000 Jahren durch die Kirchengeschichte, und sie kann weder bestätigt noch widerlegt werden, auch wenn der Kirchenlehrer Origenes das intensiv versucht hat. Man kann auch darüber streiten, wer von den Kontrahenten fanatischer war: Celsus, der die erste kritische Schrift über das (neue) Christentum verfasst und dabei die Trinität (Dreifaltigkeit Gottes) als Hirngespinst dargestellt hat; oder Origenes, der sich so vehement in die neue Christenreligion verbissen hat, sodass er sich, um vor dem Herrn auch wirklich „rein“ zu bleiben, selbst kastriert hat. Auch in alten jüdischen Schriften wird behauptet, dass die damals etwa 15jährige Maria aus Nazareth von einem römischen Legionär geschwängert worden sei. Es gibt (christliche und jüdische) Autoren, die sogar offen davon sprechen, Jesus sei ein „Bastard“ gewesen. Deshalb habe auch Marias Mann Joseph ernsthaft überlegt, seine Verlobte zu verlassen. Mitunter wird zudem gemutmaßt, Marias (ungewollte) Schwangerschaft könne der Grund dafür gewesen sein, dass sie „eilends ins Gebirge“ zu ihrer Verwandten Elisabeth (der Mutter Johannes des Täufers) floh, wo sie „etwa drei Monate“ blieb (Lk 1,39 und 1,56). Wir wissen nicht, was damals wirklich passiert ist, auch die Evangelisten Matthäus, Markus und Johannes hatten keine Ahnung. Matthäus schreibt nur, dass Joseph von einem Engel des Herrn „im Traum“ über die Schwangerschaft seiner Maria informiert worden sei. Dann Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 138 zitiert Matthäus noch den Propheten Jesaja (7,14), der die Geburt des Herrn vorausgesagt hat, aber beim Namen (Immanuel) daneben lag. Markus und Johannes wissen gar nichts von der Geburtsgeschichte, bei ihnen ist Jesus schon erwachsen, als er in Erscheinung tritt. Lieblich, mit Engeln und Putten und Blumen und natürlich mit dem Kinde, wurde die Jungfrau Maria besonders gern dargestellt. Es ging den Künstlern vor allem darum, Sinnlichkeit zu wecken und die Vergöttlichung der Muttergottes zu fördern. Gemälde von Don Ramon Bayeu in der Kathedrale von Segovia/Spanien. Das Leben der Maria ist auch deshalb spannend, weil so gut wie nichts über sie bekannt ist! Eigentlich unglaublich, aber wahr: In der Bibel taucht der Name Maria nur wenige Male, und dann auch nur schattenhaft auf. Am besten kommt die Muttergottes noch in der „Weihnachtsgeschichte“ bei Lukas weg, danach versandet ihre Spur. Bei Johannes Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 139 taucht sie noch kurz anlässlich der Hochzeit zu Kana auf, als ihr Sohn Wasser zu Wein verwandelt; und bei Markus, als die Familie das merkwürdige Familienmitglied Jesus für „verrückt“ erklärt (Mk 21,3). Nach Angaben der Bibel soll sie beim Tod ihres Sohnes in Jerusalem dabei gewesen – und danach dem Jünger Johannes gefolgt sein (Joh 19,27), der nach Ephesos in Griechenland auswanderte. Die Legende besagt, dort sei sie auch gestorben, beziehungsweise in den Himmel aufgefahren. Offiziell nicht bekannt ist Marias Kindheitsgeschichte, die uns nur im Protevangelium des Jakobus überliefert ist. Diese Schrift wurde offenbar aus guten Gründen nicht kanonisiert, denn nach Angaben des Jakobus wurde Maria nicht kurz vor ihrer Empfängnis von einem Engel des Herrn über ihre große Aufgabe informiert, sondern es stand schon lange fest, dass sie etwas ganz Besonderes werden sollte. Nach Jakobus also hat Maria eine Spezialausbildung genossen, wie es sich für eine Gottesmutter gehört. „Unbefleckte Töchter der Hebräer“, also jüdische Jungfrauen, mussten sich um das Kind kümmern und für seine „Zerstreuung“ sorgen. Am ersten Geburtstag des prominenten Mädchens habe Vater Joachim ein großes Fest gegeben, zu dem er Hohepriester, Schriftgelehrte „und das ganze Volk Israel“ einlud (6,2). Die Priester segneten das Kind, Anna gab ihm die Mutterbrust und stimmte ein Loblied an: „Höret, Ihr zwölf Stämme Israels: Anna säugt!“ Als Maria drei Jahre alt war, gaben die Eltern das Kind weg – in den Tempel des Herrn nach Jerusalem! Gemeint ist wohl irgendein Umfeld des Tempels, denn das Allerheiligste durften Frauen nicht betreten. In Jerusalem wurde Maria laut Jakobus von sakralen Profis erzogen, bis zu ihrem zwölften Geburtstag. Ab diesem Alter galten Mädchen in der Antike als geschlechtsreif, was ein größeres Problem darstellte. Deshalb versammelten sich die Priester, um über Maria zu beraten, „dass sie den Tempel des Herrn nicht befleckt“ (8,2). Das klingt nicht nur befremdlich, das ist es auch: die künftige Muttergottes sollte irgendetwas beflecken können? Aber nun, es sollte noch „besser“ kommen: Denn Maria, so beschlossen die Hohepriester nach Angaben des Jakobus, sollte in einer Art göttlichem Losverfahren an den Mann gebracht werden! Allen Männern, die für Maria in Frage kamen, wurde also ein Stab überreicht, aus dem „Wunderzeichen“ kommen sollten. Das funktio- Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 140 nierte bei keinem der Anwärter – bis auf einen Mann mit Namen Joseph. Der war zwar schon ein älteres Semester, aber als er den Stab in die Hand nahm, „kam eine Taube daraus hervor und flog auf sein Haupt“. Damit war die Sache klar und Joseph „musste“ die Jungfrau Maria mit nach Hause nehmen. Sein Einspruch („Ich bin doch viel zu alt für sie“), ließen die Priester nicht gelten. Gott hatte – durch die Taube – gesprochen. Josef fügte sich in sein Schicksal und nahm Maria in Obhut. Vier Jahre gingen ins Land, dann wurde Maria plötzlich schwanger. Als der Bauhandwerker Joseph nach monatelanger Abwesenheit erschöpft von seiner Wanderarbeit zurück kam, fand er Maria zu seinem Entsetzen in anderen Umständen vor. Jakobus erzählt die Geschichte, als sei er persönlich dabei gewesen: Der brave Hebräer Joseph „schlug sein Angesicht, warf sich nieder auf den Sack und weinte bitterlich“. Dann fragte er voller Verzweiflung: „Wer hat mich hintergangen? Warum hast du das getan? Warum hast du deine Seele erniedrigt?“ Maria aber sprach: „So wahr der Herr lebt: Ich weiß nicht, woher mir das kommt!“ (Jakobus Kapitel 13). In der folgenden Nacht wurde dann endlich auch der arme Joseph informiert. Ein Engel des Herrn erschien ihm im Traum und sagte: „Fürchte dich nicht wegen dieses Mädchens. Denn das, was in ihr ist, stammt vom Heiligen Geist!“ Gott sei dank, nun war alles wieder gut. Josef wurde am Morgen erquickt wach „und lobte den Gott Israels, der ihm diese Gnade erwiesen hatte“ (14,2). Man mag heute über solche Märchen lächeln, doch in der Frühphase des Christentums wurden diese fabelhaften Geschichten von den Gläubigen begierig aufgesaugt. Nicht umsonst werden sie weiterhin, bis in die heutige Zeit hinein, gedruckt und veröffentlicht. Ob sie auch die im fünften Jahrhundert massiv einsetzende Marienverehrung befeuert haben, ist nicht nachprüfbar. Es war ein schleichender Prozess, der aus der „jungen Frau“ Maria erst (durch einen Übersetzungsfehler) die „Jungfrau“ Maria machte, und danach zur heiligen Ikone. Das Phänomen geht auch auf den weiblichen Teil der Gläubigen zurück, der sich offenbar nach einem femininen Aspekt in der männlich dominierten Götterwelt sehnte. Nach seriöser Reflexion aber war Maria, auch wenn sich das merkwürdig anhört, eher eine tragische Figur. Da die offizielle Bibel so gut Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 141 wie nichts über sie erzählt, kann nur aus dem Verhalten ihres Sohnes und der jüdischen Überlieferung aus jener Zeit geschlossen werden, dass die Muttergottes ein schwieriges, vielleicht sogar schlimmes Leben hatte. Ungeachtet dessen, ob man jetzt an die Zeugung durch den Heiligen Geist und die Jungfrauengeburt glaubt oder nicht: Wenn ihr „Verlobter“ Joseph wie berichtet nicht der Vater ihres (ersten) Kindes war, dann war sie in den Augen der Menschen damals entweder ein „Flittchen“, über das getuschelt wurde; oder eben das Opfer einer Vergewaltigung – über das genau so getuschelt wurde. Mit dieser Bürde zu leben, zumal in einer kleinen Gemeinde wie Nazareth, war sicherlich nicht leicht. Fest steht aber, das sagt auch die Bibel, dass Joseph und Maria auf natürliche Weise noch mehrere Kinder bekamen, und zwar mindestens noch vier Söhne und drei Töchter. Die Namen der Söhne sind bekannt (Jakobus, Joses, Judas und Simon), die der Töchter wurden wie üblich nicht genannt. Das heißt, Maria war eine ganz normale Frau und Mutter, die eine große Familie versorgen und entsprechend hart arbeiten musste. Ob sie durch ihr Schicksal „verhärmt“ wurde oder anderweitig litt, ist nicht bekannt. Aus der Bibel lässt sich aber zweifelsfrei entnehmen, dass sie ein problematisches Verhältnis zu ihrem Ältesten hatte, und dass Jesus – um es harmlos auszudrücken – sich schroff gegenüber seiner Mutter verhielt (Joh 2, 3-4). Es darf deshalb unterstellt werden, dass Jesus von seiner unehelichen Herkunft wusste (Joh 8,41) und vielleicht aus diesem Grund seiner Mutter gram war. Da wir zudem nichts über das Schicksal des (Stief-)Vaters Joseph wissen, der in der Bibel nach Jesu Geburt keine Erwähnung mehr findet, kann auch davon ausgegangen werden, dass Maria schon früh Witwe wurde. Eher unwahrscheinlich scheint indes, dass Maria ihrem Sohn zum Passafest nach Jerusalem gefolgt ist. Da Jesus offiziell nichts von ihr wissen wollte („Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?“, Mk 3,33), wird er sie wohl auch nicht mitgenommen haben, als er mit seinen Jüngern die 150 Kilometer weite Tour nach Jerusalem in Angriff nahm. Außerdem brach er mit Sicherheit von Karphanaum auf, wo er damals wohnte. Seine Mutter in Nazareth dürfte davon nichts mitbekommen haben. Und wenn doch, müsste sie ja (alleine oder mit anderen Frauen) dem Jesus-Tross nachgewandert sein. Aber auch das ergibt Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 142 keinen Sinn, denn zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass Jesus in Jerusalem am Kreuze sterben würde. Trotzdem taucht Maria plötzlich unter dem Kreuz auf, und zwar bei allen vier Evangelisten. Allerdings glaubte nur Johannes zu wissen, dass die Muttergottes künftig von dem „Jünger, den Jesus liebte“, betreut werden sollte. Dass sie dann mit diesem Jünger, vermutlich Johannes (nicht der Evangelist!), tatsächlich nach Ephesos in Griechenland ausgewandert ist, darf zumindest bezweifelt werden. Es bleibt, wie so vieles im Leben der „Jungfrau“ aus Nazareth, ein ewiges Geheimnis. So wie auch ihre angebliche Himmelfahrt, die zwar kein Zeitgenosse gesehen hat, die aber trotzdem von der katholischen Kirche weltweit am 15. August jeden Jahres zeremoniell gefeiert wird. Mancherorts sogar mit einem offiziellen, staatlich anerkannten Feiertag. Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 143 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher Der Heilige Augustinus, von dem jeder Christ irgendwann mal gehört hat, ohne nähere Details von diesem berühmtesten aller Kirchenlehrer zu kennen, beschäftigt die Theologen in aller Welt seit über 1600 Jahren. Manche glühen vor Ehrfurcht und Begeisterung, wenn das Gespräch auf den Bischof von Hippo kommt. Andere ziehen eine Schnute über den frommen Eiferer, der das Christentum neben Paulus geprägt hat wie kein Zweiter. Augustinus selbst ist ohne seinen Bruder im Geiste, Ambrosius von Mailand, kaum denkbar. Deshalb betrachten wir hier die beiden Naturtalente gemeinsam, zumal sie auch zur selben Zeit lebten. Augustinus war eine krasse Type, ein Frauenschwarm und Lebemensch, der hoch hinaus wollte und dies auch schaffte. Lange Jahre irrte er als Sinnsucher durchs Leben, immer auf der Pirsch nach der Wahrheit und dem „echten Glauben“, stets zweifelnd und unzufrieden mit sich und der Welt – bis zu seinem persönlichen „Damaskus-Erlebnis“, das ihm sein verehrter Lehrmeister Paulus indirekt bescherte. Ursprünglich war Augustinus Heide gewesen, dann Manichäer, eine Mode-Religion zu jener Zeit, die ihren Ursprung im Gnostizismus und Neoplatonismus hatte. Augustinus war fasziniert von Ambrosius (339–397), der ein ausgesprochen fixer Kopf gewesen sein muss, wie sich an seiner spektakulären Turbo-Karriere ablesen lässt: Ambrosius, als Sohn eines römischen Aristokraten in Trier geboren, war und ist der erste und einzige Christ, der noch vor seiner Taufe zum Bischof gewählt wurde. Innerhalb einer einzigen Woche wurde er tatsächlich Diakon, Priester und Bischof! Das kam so: In Mailand wurde 374 der Bischofsstuhl vakant, nachdem Amtsinhaber Auxentius gestorben war. Zur Wahl des Nachfolgers in der Basilika kam auch der politische Präfekt der Provinz Aemilia-Liguria, eben jener Ambrosius, um mögliche Unruhen zu ver- Kapitel 11 145 hindern. Er ergriff das Wort für eine kurze Ansprache – und wurde spontan aufgefordert (angeblich von einem Kind), selbst als Bischof zu kandidieren. Nun, er wurde es dann, wie wir wissen, und er wurde ein richtig starker „politischer“ Bischof, der sogar dem Kaiser die Stirn bot, wenn auch auf fragwürdige Weise: Weil Kaiser Theodosius I. einen Bischof in Kallinikon bestrafen wollte, der den Plebs zu einem Juden- Progrom mit zahlreichen Toten aufgehetzt hatte, schritt Ambrosius ein und verhinderte das kaiserliche Edikt. Später demütigte er Theodosius abermals, als er ihm die Exkommunikation androhte, wenn er nicht öffentlich Buße täte für das „Massaker von Thessaloniki“ (dort war es zu einem blutigen Aufstand im Hippodrom gekommen). Der Kaiser kuschte vor dem Bischof und parierte. Ambrosius hatte auch den Rhetoriker Augustinus in seinen Bann gezogen. Anfangs ging dieser nur deshalb in die Mailänder Kirche, weil er die famosen Predigten des Ambrosius hören wollte. Doch so schlau Ambrosius auch war, in seinem Werk de paradiso („Über das Paradies“) unterlief ihm ein gravierender Fehler (der m.E. von den Theologen nicht hinreichend gewürdigt wird): Ambrosius kam in seiner Genesis-Analyse über den „Baum der Erkenntnis“ zu der interessanten Feststellung, dass „dieser Baum im Paradies zur Vollendung des göttlichen Plans gewachsen“ sei, um „die überragende Geltung des Guten erkennen zu können“. Ohne Kenntnis den Guten könne man das Böse ja nicht erkennen und umgekehrt. Und ohne Kenntnis des Bösen, so Ambrosius in erhellender Logik, „wüssten wir nicht, dass das Gute gut ist“. Das ist eine simple Wahrheit – aber theologisch nicht zu Ende gedacht. Denn aus dieser zwingenden Logik folgert ja die Konsequenz, dass „gut“ und „böse“ einander bedingen, das Böse also notwendig ist! Zudem ist diese Wahrheit überaus fragwürdig für die offizielle Lehre der Kirche, die den Menschen weismachen will, nicht der gütige Gott, sondern der schlechte Mensch sei schuld am Übel in der Welt. Wenn aber der „Baum der Erkenntnis“, dessen einziger Sinn darin bestand, Adam und Eva (= den Menschen) die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu ermöglichen, Teil des „göttlichen Plans“ war, dann heißt das schlicht: Gott hat es so gewollt – mithin auch den Sündenfall. Demnach wären die Menschen aber aus dem Schneider! Sie wären nicht mehr die furchtbaren Sünder, die Gottes herrliches Weltenwerk Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 146 durch ihre ungezügelte Begierde jäh zerstört haben. Sondern ausführender Teil eines göttlichen Plans. Zwei Brüder im Geiste, die das Christentum maßgeblich geprägt haben: Der heilige Ambrosius (links) und der von ihm getaufte Startheologe und Kirchenlehrer Augustinus. Ambrosius hat auch ein paar bemerkenswerte Urteile über Frauen gefällt, die sein Verehrer Augustinus nur allzu gerne übernommen hat. Für Ambrosius war klar: „Die Frau verführte den Mann von der Wahrheit zur Sünde“. Gott in seiner unvergleichlichen Güte habe der Sünderin allerdings vergeben, „damit sie ihrem Mann in Zuwendung diene“. In einem ganz entscheidenden Satz des Bischofs ist wie so oft in christlichen Schriften die Diskriminierung der Frau mit einem versteckten Vorwurf verbunden – und mit der Verherrlichung des Mannes: „Die Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 147 Frau ist Symbol unserer Sinnlichkeit, der Mann Symbol des Geistes“. Geradezu bösartig verdreht Ambrosius die Verhältnisse beim archaischen Zwist der biblischen Brüder Jakob und Esau, der für die Gnadenlehre des Augustinus von entscheidender Bedeutung werden sollte: Ambrosius deutete den skandalösen Vorgang nämlich einfach um. Dreist behauptete der Bischof, Isaaks Sohn Esau habe „durch seine Genusssucht“ sein Erstgeburtsrecht „verkauft“. Tatsächlich war es genau umgekehrt: Gottesliebling Jakob hatte seinen Bruder Esau schlicht erpresst (1. Mos 25,29-33). Während sich die theologische Bedeutung des Bischofs von Mailand aber in Grenzen hielt, war das unermüdliche Schaffen seines Freundes und Gesinnungsgenossen Augustinus von immenser Wirkung. Augustinus galt und gilt nicht nur als größter Kirchenvater und Kirchenlehrer, er hat das Christentum und damit das politische und gesellschaftliche Leben weit mehr als tausend Jahre lang maßgeblich geprägt. War der Apostel Paulus der eigentliche Begründer des Christentums, so steht Augustinus die Rolle des christlichen Chef-Ideologen zu: Er hat die theologische Programmatik geschaffen, an denen sich Päpste, Bischöfe, Pfarrer und Gläubige jahrhundertelang orientieren sollten. Augustinus brachte nicht nur unfassbar viel zu Papier (er schrieb mehrere Dutzend Bücher sowie hunderte Schriften und Predigten), allein sein opulentes Werk „Über den Gottesstaat“ (de civitate die) umfasst 22 Bücher. Über Augustinus selbst und seine Theologie sind in der Folgezeit ganze Bibliotheken entstanden, das Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg zählt über 50 000 Bücher an Sekundärliteratur. Die Werke von und über Augustinus sind so immens, dass sie selbst für Experten unüberschaubar wurden. Das Interesse an dem Mann aus Afrika ist aber auch deshalb so außergewöhnlich, weil er in seiner vielleicht wichtigsten Schrift Rechenschaft über sich und sein Leben abgelegt hat: Seine Confessiones („Bekenntnisse“), vollgespickt mit Psalmen und Gebeten, lesen sich wie ein schonungsloser autobiographischer Beicht-Roman. Da diese leidenschaftliche Offenbarung vollständig erhalten ist, sind wir also aus erster Hand über die Person Augustinus informiert. Geboren 354 in Thagaste (heutiges Algerien), Schulausbildung in Kathargo, Sohn eines mittleren Staatsbeamten, zu dem er im Gegen- Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 148 satz zu Mutter Monika nur eine lose Beziehung hatte. Augustinus war kein besonders eifriger Schüler. Als junger Mann musste er das Studium der Rhetorik abbrechen, da Papas Finanzen knapp wurden. 17Jährig hatte er sich in Kathargo in ein Mädchen verliebt, mit dem er dann im damals üblichen Konkubinat zusammenlebte. Schon mit 18 Jahren wurde er Vater eines Sohnes („Adeodatus“ = der von Gott gegebene), zu dem er ebenfalls keine emotionale Beziehung aufbauen konnte. Auf der Suche nach geistiger Erfüllung fand Augustinus dann Zuflucht beim Manichäismus, einer Religion des persischen Philosophen Mani (eine gnostisch beeinflusste Offenbarungsreligion, die strenge Askese vorschrieb). Nach einer Zwischenstation in Rom, wo er sich enttäuscht vom Manichäismus wieder abwandte, kam Augustinus als gesetzter Mann von 30 Jahren schließlich in die Kaiserstadt Mailand, um dort als Rhetorikprofessor zu arbeiten. Hier erlebte er dann eine religiöse „Erweckung“, die sein Leben radikal verändern sollte. Wir lassen Augustinus selbst reden, denn gerade in der ihm eigenen blumig-leidenschaftlichen Sprache, für die er auch berühmt werden sollte, wird seine schillernde Persönlichkeit am besten sichtbar. Die Szene spielt im Garten seiner Mailänder Residenz, wo er sich mit seinem Freund Alypius aufhielt. Schon länger plagten ihn Depressionen und schwere innere Konflikte, an diesem Nachmittag wurden sie übermächtig. Sein psychischer Ausnahmezustand und das „tiefe Nachdenken über mein ganzes Elend“ führten schließlich zu einem „gewaltigen Tränensturz“. Beschämt verließ er Alypius. „Ich warf mich unter einen Feigenbaum nieder und ließ meinen Tränen freien Lauf “. Heftig schluchzend wandte er sich, obwohl noch kein Christ, immer wieder an den Gott der Christen/Juden, unter eifriger Benutzung von Psalmen aus den alten Schriften: „Herr, wie lange noch? Wirst du mir bis ans Ende zürnen? Ach gedenke nicht meiner alten Sünden!“ (Ps 7,4). Dann geht es spannend wie in einem Krimi weiter: „Und auf einmal hörte ich aus einem Nachbarhaus die Stimme eines Knaben oder Mädchens wiederholt laut sagen: Nimm und lies, nimm und lies! Sogleich veränderte sich meine Gesicht (gemeint ist: Gemüt)… Ich dämmte den Tränenfluss und stand auf, ich wusste keine andere Deutung, als dass Gott mir befehle, ein Buch zu öffnen und die Stelle zu lesen, auf die ich als erste stieß“. Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 149 So kehrte er eilends auf den Platz zurück, wo Alypius saß, dort hatte er nämlich beim Aufstehen das Buch des Apostels (Paulus) hingelegt. „Ich nahm es, schlug es auf und las die erste Stelle, worauf meine Augen fielen: Nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Beischlaf und Unzucht, nicht in Streit und Gezänk, sondern zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt nicht den Leib zur Erregung der Begierlichkeit. Weiter wollte ich nicht lesen, es war nicht nötig. Denn kaum hatte ich den Satz zu Ende gelesen, ergoss sich wie ein Licht die Gewissheit in mein Herz, und alle Schatten des Zweifels waren zerstoben“. Ein (konstruiertes?) Weltereignis, das sich wie eine Passage aus einer Schnulze von Hedwig Courths-Mahler liest. Wir wissen nicht, wie ehrlich die Geschichte erzählt ist, ob der Autor seiner Phantasie freien Lauf ließ, oder wie zufällig diese Bibelstelle (Röm 13,13-14) tatsächlich war. Mit diesen zwei Versen aus dem Römerbrief des Apostels Paulus war jedenfalls der Gotteskrieger Augustinus geboren, dessen Theologie das gesamte Christentum und darüber hinaus die Philosophie bis zur heutigen Zeit entscheidend prägen sollte. Ein Jahr später (387) ließ sich Augustinus taufen, natürlich in der Mailänder Basilika und von Bischof Ambrosius persönlich. Wie oben erwähnt, war dieser Ambrosius wie die Jungfrau zum Kinde zur Bischofsehre von Mailand gekommen, was den theologischen Autodidakten aber nicht daran hinderte, die Evangelien und die Briefe des Christengründers Paulus so zu interpretieren, wie er sie verstand, beziehungsweise verstehen wollte. An dieser speziellen Methode der Allegorese nahm sich Augustinus ein Beispiel und begann, das wohl umfassendste theologische Gesamtwerk der Geschichte zu schreiben. Da es unmöglich ist, Augustins monumentale Bücher und Schriften an dieser Stelle auch nur annähernd zu erläutern, wollen wir uns auf eine kleine Rezeption der historischen Figur Augustinus konzentrieren. Diese besteht zuerst einmal darin, Augustinus als einen der größten Geister zu bezeichnen, die je gelebt haben. Selbst seine (zahlreichen) Gegner müssen unumwunden zugeben, dass dieser ungewöhnliche Mann aus Nordafrika sich mit einer Leidenschaft und Energie in das (neue) Christentum stürzte und den „Heiligen Schriften“ ein inhaltliches Fundament gab, die ihresgleichen suchen. Nur wenige Gelehrte konnten mit der Geistes- und Argumentationskraft des Augustinus mithalten, niemand erreichte den Grad der Besessenheit, mit der Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 150 er sein künftiges Leben ausschließlich und kompromisslos Jesus Christus und der neuen Lehre widmete. Auch seiner Schaffenskraft hatte niemand etwas entgegen zu setzen, und so blieben schließlich selbst so kluge Konzepte wie die des Marcion und Julianus von Aeclanum sowie Celsus und Pelagius chancenlos gegen die intellektuelle Urkraft des (späteren) Bischofs von Hippo. Augustinus ging systematisch vor. Da er sich mit jeder Faser seiner Seele dem Christentum verschrieben hatte, musste er zuerst eine theologische Begründung für die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schriften finden. Dabei kam ihm Ambrosius zu Hilfe, der ebenfalls fleißig Texte schrieb und predigte, und dabei wie erwähnt gern zum Mittel der allegorischen Deutung griff. Mit dieser Methode konnte der Mailänder Bischof angeblich „Dunkelheiten und Unstimmigkeiten des Alten Testaments aufhellen“ (der Theologe Ernst Dassmann in seinem Buch Augustinus, Verlag Kohlhammer). Diese Behauptung des Bonner Professors ist typisch für eines der Kernprobleme nicht nur des Christentums, sondern nahezu aller Religionen: Man deutet und interpretiert es einfach so, wie man es gern hätte. Die „Dunkelheiten und Unstimmigkeiten des AT“ wurden jedenfalls weder von Ambrosius noch von Augustinus oder sonst jemandem aufgehellt. Sie sind und bleiben so dunkel und unstimmig, wie sie immer waren. Daran änderte auch Augustinus ´ Chuzpe nichts, bei einem Widerspruch zwischen einem Satz in der Bibel und einer „klar erkannten Wahrheit“ nicht etwa den Bibelsatz als falsch zu akzeptieren – sondern ihn „so auszulegen, dass der Widerspruch sich löst“ (Dassmann, Seite 96). Wenn man all die Augustinus-Versteher und -Verehrer liest (es gibt sie massenhaft), die den armen Konvertiten bedauern, weil er sich an der Gottesfrage zermürbt habe, weil er Gott anthropomorph dachte und glaubte, alles Seiende müsse „irgendwie stofflich“ gedacht werden, da bekommt man fast Mitleid mit Augustinus. Obwohl ihm doch die „befreiende Erkenntnis“ zuteil wurde, dass es neben dem Stofflichen noch ein „rein geistiges Sein“ gibt und Gott als „Urgrund des Seins“ – ein Geist ist! Als der Gesinnungsbruder Ambrosius dann noch predigte, Gottes Allmacht und seine Allwissenheit seien grenzenlos, ihm sei „kein Ding unmöglich“ (in: de fide libri V), wusste Augustinus endgültig Bescheid. Zweifel an der biblischen Kernaussage, Gott sei grundsätzlich „immer gerecht“, ließ er fortan nicht mehr zu. Und so versuch- Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 151 te der Heilige Augustinus, seine unselige Gnadenlehre ausgerechnet mit einer der größten Ungerechtigkeiten der Bibel zu erklären: der willkürlichen Benachteiligung von Esau gegenüber seinem Bruder Jakob durch Gott (Maleachi 1,2-3 und Römer 9,13). Wir kommen noch darauf zurück. Die Lehren Augustins zur Prädestination und zur Erbsünde sollten den Glauben der Menschen für Jahrhunderte nachhaltig prägen. Sie formten das Christentum zu einer regelrechten Religion der Angst. Abermillionen, ja Milliarden Menschen glaub(t)en seitdem, dass – alles im Leben vorherbestimmt ist; – jeder Mensch mit einer Erbsünde auf die Welt kommt; – sexuelle Lust und Begierde „aus sich heraus böse“ sind; – der Mensch allein durch Gottes Gnade „erlöst“ werden kann. Augustinus behauptete – um seine Gnadenlehre zu begründen – allen Ernstes, dass der Heilsplan Gottes seit ewigen Zeiten feststehe und entsprechend „alles“ im Leben vorherbestimmt sei. Gläubig und damit vorbereitet für das Heil werde der Mensch allein aufgrund der electio (Erwählung) durch Gott. Die electio sei aber ein reiner Gnadenakt, also vom Willen des Menschen nicht beeinflussbar. In seiner Spätschrift de praedestinatione sanctorum versteigt sich Augustinus gar zu der Behauptung, Gottes Barmherzigkeit konzentriere sich zwar auf die von ihm Erwählten, doch der Herr sei deshalb mitnichten ungerecht, sondern lasse eben nur zu, das der sündige Mensch bekomme, was er verdiene: Gottesferne durch die ewige Verdammnis. In seiner Begründung für diese Absurdität beruft sich Augustinus immer wieder auf den Apostel Paulus (Röm 9,16-20). Kritik oder irgendwelche Einwände werden mit dem paulinisch-augustinischen Totschlagargument abgebügelt: „Mensch, wer bist du, dass du mit Gott rechten willst!?“ Wurde wenigstens die Prädestinationslehre Augustins keine offizielle Kirchenmeinung, so machte seine Erbsündenlehre Karriere bis hin zum Dogma. Auf dem Konzil von Trient wurde am 17. April 1546 die Lehre über die Erbsünde in Stein gemeißelt (Ut fides nostra catholica). Auch heute noch (!) heißt es im Neuner-Roos-Lehrbuch Der Glaube der Kirche: „Adam hat gesündigt…. (seine) Sünde ist auf alle seine Nachkommen übergegangen und haftet einem jeden Menschen an. Übertragen wird die Erbsünde … mittels der Zeugung“. Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 152 Man muss sich das vor Augen führen: Allen Ernstes sagte Augustinus, dass mit dem natürlichsten Prozess der Natur, der Fortpflanzung, die Sünde verbunden sei! Dass jeder Mensch mit einer Erbsünde auf die Welt komme. Und zwar durch jenen Akt der Zeugung, den Augustinus verteufelt und zur „bösen“ Begierde (concupiscentia) stilisiert hat. Die Erbsünden-Theorie des Heiligen von Hippo ist jedenfalls dermaßen grotesk, dass man sich wundern muss über den Eifer frommer Theologen, die das Thema seit 1600 Jahren nach allen Regeln der Kunst analysieren – und trotzdem noch ernst nehmen. Wie ist es möglich, dass intelligente Menschen solch eine grandiose Beleidigung des menschlichen Geistes akzeptieren: Weil der „erste Mensch“ Adam (den es gar nicht gab, siehe Kapitel 1), gegen ein Verbot verstoßen haben soll (das es, weil es Adam nicht gab, auch nicht gegeben haben kann), sollen alle Menschen, die jemals geboren wurden und werden, schon als Babys mit einer Sünde belastet sein, die ohne reinigende Taufe zur ewigen Verdammnis führt! Eine schlimme Theorie ähnlichen Kalibers ist seine Gnadenlehre, die eng mit der Lehre vom freien Willen, der Prädestination und der Erbsünde verwoben ist. Völlig zurecht hat sie der Universalgelehrte Kurt Flasch (Mainz) als „Logik des Schreckens“ bezeichnet. Sie basiert, wie üblich, auf Schriften des Apostels Paulus, ohne den die Theologie von Augustinus nicht denkbar ist. Damit man dessen Gnadenlehre aber überhaupt verstehen kann, muss man Kapitel 9 des Römerbriefes kennen. Darin nimmt Paulus Bezug auf das 1. Buch Mose und auf den Propheten Maleachi. Es geht um die Ungeheuerlichkeit, dass Gott Isaaks Zwillingssöhne Esau und Jakob unterschiedlich beurteilt. Noch bevor sie geboren sind, sagt der Herr: „Der Ältere (Esau) wird dem Jüngeren (Jakob) dienen“. Und, noch schlimmer: „Jakob habe ich geliebt; Esau aber habe ich gehasst!“ Die Kurzform der Augustinischen Gnadenlehre geht so: Der Mensch ist grundsätzlich, wegen Adams und Evas Ungehorsam, ein Sünder. Und Sünder fallen der ewigen Verdammnis anheim. Jetzt kommt´s: Da Gott aber gütig und barmherzig ist, „wählt“ er bestimmte Menschen aus, die „erlöst“ und „gerechtfertigt“ werden. Diese erlangen dann, wenn sie sich auch sonst im Leben anständig verhalten, die ewige Glückseligkeit. Die Freiheit Gottes, ungeachtet irgendwelcher Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 153 Verdienste des Menschen erwählen zu können, wen er will, wird „Gnade“ genannt. Wer die Langform der Augustinischen Gnadenlehre lesen will, hat die Auswahl unter mehreren Tausend Büchern, denn seit Augustinus das Thema in einem Schreiben an den Mailänder Bischof Simplician (De diversis quaestionibus ad Simplicianum I 2) erörtert hat, befassen sich die Gelehrten weltweit in heiligem Eifer mit diesen Thesen. Voraussetzung für die Gnade Gottes ist demnach der freie Wille des Menschen, Gutes oder Böses zu tun. In nachvollziehbarer Logik schreibt Augustinus: „Unser Wille wäre kein Wille, wenn er nicht in unserer Macht stünde. Aber weil er in unserer Macht steht, ist er frei“. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn der Mensch ist ja nicht wirklich frei: „Die Begierde“ (Konskupiszenz) hat ihn fest im Griff, zumindest sieht das Augustinus so. Aus seinem Dilemma komme der Mensch nur heraus, wenn er der Begierde entsagt und an Jesus Christus glaubt. Aber, eine weitere Hürde: zum unabdingbaren Glauben ist zusätzlich Gottes Gnade erforderlich. Daraus ergibt sich eine entscheidende Frage: Nach welchen Kriterien gewährt Gott denn seine Gnade? Wenn der Mensch diese nicht kennt, kann er sich ja auch nicht danach richten. Die Antwort, die Augustinus gibt, klingt billig und dürftig. Was er als Antwort versteht, ist die stete Wiederholung der paulinischen Standard-Formel: „Der Herr erbarmt sich, wessen er will; und er verstockt, wen er will!“ (Röm 9,18). Wer diesen Vers tatsächlich ernst nimmt in all seinen Konsequenzen und als Gottes wahres Wort begreift, braucht an dieser Stelle eigentlich nicht weiter nachzudenken. Er zeigt damit, dass er seinen (von Gott gegebenen) Verstand an der Kirchentür abgegeben hat. Denn mit seiner schicksalhaften Behauptung sagt Paulus ja nichts anderes, als dass der Allmächtige willkürlich handelt, sich also nicht an (ethischen) Maßstäben orientiert. Damit sitzt der Mensch aber in der Falle: Er ist dem Willen, bzw. der Gnade des Herrn vollkommen ausgeliefert. Selbst kann er nichts zu seiner Erlösung beitragen, weder durch intensiven Glauben noch durch gute Taten oder ein gottesfürchtiges Leben. Der Herr erbarmt sich, wessen er will; und er verstockt, wen er will. Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 154 Normalerweise müsste man eine solch fragwürdige These einfach ignorieren. Doch die Geschichte lehrt etwas anderes: Die Augustinische Gnadenlehre machte Karriere, und zwar auf verhängnisvolle Weise! Sie wurde erst in Kirchenkreisen, dann in der Gesellschaft als Legitimation für Gewaltanwendung verstanden und missbraucht. Der Historiker Kurt Flasch nennt Augustins Gnaden- und Erbsündenlehre „ein Ferment der europäischen Geschichte, das Staatsereignisse bestimmte“. Zum Beispiel bei der Verfolgung der Katharer und der Vertreibung der Hugenotten. Vor allem aber habe diese furchtbare Lehre die Kultur der Angst in Europa verschärft. Flasch zitiert seinen französischen Kollegen Jean Delumeau, dessen berühmtes Buch Angst im Abendland – die Geschichte kollektiver Ängste in Europa einen prominenten Hauptdarsteller hat: Augustinus. Noch im vergangenen Jahrhundert, so Delumeau, haben fromme Mütter ihre Neugeborenen nicht geküsst, bevor diese nicht getauft waren! Die Babys waren ja „kontaminiert“ mit der Erbsünde… Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 155 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung Es ist der wohl spannendste Aspekt jeder Religion: Woher wissen die Menschen eigentlich: a) wer Gott ist, b) wie er aussieht, c) was er von seinen Geschöpfen erwartet? Die Beantwortung dieser Kernfragen ist das A und O des Glaubens, denn ohne diese Antwort ist alles nichts (wert). Aber wie bloß sollen, wollen oder können es die Menschen geschafft haben, Kenntnis von Gottes unergründlichem Willen zu erhalten? Sie hatten selbst ja keinerlei Möglichkeit, diesen Prozess in Gang zu setzen oder in irgendeiner Weise zu forcieren. Eigentlich eine große, eine schwere Frage. Nicht aber für die römisch-katholische Kirche. Sie hat im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils am 18. November 1965 die „Dogmatische Konstitution“ Dei verbum verabschiedet. Darin heißt es schon zu Anfang unmissverständlich: „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun“. In Kapitel 1, Punkt 5 sagen die frommen Gottesmänner auch gleich, wie mit dieser Offenbarung umzugehen ist: „Dem offenbarenden Gott ist der Gehorsam des Glaubens zu leisten“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Gehorsam des Glaubens. Soll heißen: Gehorsam ist Pflicht (gegenüber denen, die das verlangen). Und, damit es auch der letzte Tor versteht, setzten der Papst und die Bischöfe noch einen drauf: Der Mensch müsse sich dem offenbarenden Gott „mit Verstand und Wille voll unterwerfen“ und der Offenbarung „willig zustimmen“. Aber auch das reicht noch nicht aus: Der Glaube könne nur vollzogen werden „durch die helfende Gnade Gottes und den inneren Beistand des Heiligen Geistes“. Ganz schön anstrengend, so eine Offenbarung. Was aber tun, wenn der innere Beistand ausbleibt? Wenn Gott die Gnade verweigert? Wenn der Verstand, den der Mensch selbst ja nicht kontrollieren kann, sich gegen den erzwungenen Glauben sträubt? Was ist dann mit diesen Kapitel 12 157 armen Geschöpfen: Müssen sie, weil ihr Verstand sie im Stich lässt und die Gnade ohne ihr Mitwirken an ihnen vorbei geht, in die ewige Hölle? Und, sollte die göttliche Botschaft so verstanden werden: Was ist dann mit jenen Menschen, die abseits der Erfahrungs- und Glaubenswelten des Christentums geboren und erzogen wurden und werden, die auch nicht getauft sind, in China etwa oder in Saudi-Arabien. Sind diese Heiden, Hindus, Moslems oder Buddhisten dann auf ewig verdammt? Die Kirche gibt darauf keine klare Antwort. Schon früh in der Kirchengeschichte wurde leidenschaftlich über das Verhältnis von Glaube und Vernunft gestritten. Und wie man sich denken kann, hat der Glaube jeweils über die Vernunft obsiegt. Dabei bedurfte es erheblicher intellektueller Verrenkungen, die zu vollführen die frommen Männer (Frauen hatten damals nichts zu sagen) sich nicht gescheut haben, um das Glaubensgebäude auf ein stabiles Fundament zu stellen und es dauerhaft zu verankern. Fides et ratio, Glaube und Vernunft. Papst Gregor XVI. war besonders intensiv damit befasst, wir kommen noch darauf zurück. Auch Papst Johannes Paul II. hat dazu (am 14. September 1998) eine Enzyklika verkündet, die wie üblich zu einem superlangen Schriftstück geraten ist, so schwierig zu lesen, dass es sein eigentliches Ziel verfehlt: All das, was die Kirche für notwendig erachtet, wird zwar gesagt – geht aber an den Gläubigen komplett vorbei. Sie kriegen es (die Enzyklika) entweder gar nicht mit, oder sie können nichts damit anfangen. Denn der Papst bedient sich einer komplizierten Pastoralsprache, die mehr vernebelt als erhellt. Immerhin scheint der Auftakt den modernen Zeiten angemessen, denn unter Punkt 5 gesteht Johannes Paul II. zu, dass die Kirche „nicht umhin (kann), den Einsatz der Vernunft für das Erreichen von Zielen anzuerkennen…“. Das ist ein klares Wort, sollte man meinen. Doch den schönen Worten folgen keine inhaltliche Konsequenzen. Dafür beginnt der Papst sogleich zu relativieren – und weist vorsichtshalber schon mal darauf hin, „dass die Offenbarung bis heute etwas Geheimnisvolles bleibt“. Dann erklärt er, wie das mit der Vernunft gemeint ist: „Der Vernunft, die das Geheimnis zu verstehen sucht, kommen auch die in der Offenbarung vorhandenen Zeichen zur Hilfe. Sie dienen dazu, die Wahrheitssuche gründlicher vorzunehmen und dem Verstand selbständige Erkundungen auch innerhalb des Geheimnisses zu ermöglichen. Diese Zei- Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 158 chen geben zwar einerseits der Vernunft größeres Gewicht, weil sie ihr erlauben, mit den ihr eigenen Mitteln, auf die sie zu Recht stolz ist, das Geheimnis von innen her zu ergründen; andererseits sind die Zeichen für die Vernunft Ansporn, über ihre zeichenhafte Wirklichkeit hinauszugehen, um deren jenseitige Bedeutung, die sie tragen, zu erfassen. In ihnen ist also eine verborgene Wahrheit bereits gegenwärtig, auf die der Verstand verwiesen wird und von der er nicht absehen kann, ohne das ihm angebotene Zeichen selbst zu zerstören“. Was soll das heißen? Zeichenhafte Wirklichkeit, was ist das? Verborgene Wahrheit? Welche Wahrheit ist verborgen und warum? Hier wird die Vermutung zur Gewissheit, dass es gerade diese verquaste Formelsprache der Amtskirche ist, die den Glauben so anstrengend macht. Weil sie die Lebenswirklichkeit der Menschen außer acht lässt. Das zeigt auch das nächste päpstliche Wortgetöse: „Die christliche Offenbarung ist der wahre Leitstern für den Menschen zwischen den Bedingtheiten der immanentistischen Denkweise und den Verengungen einer technokratischen Logik; sie ist die äußerste von Gott angebotene Möglichkeit, um den ursprünglichen Plan der Liebe, der mit der Schöpfung begonnen hat, vollständig wiederzufinden“. So geht es seitenlang weiter in der Enzyklika – bis dann eine erstaunliche Wendung eintritt: Die Vernunft, deren Gebrauch vorher angeblich noch so wichtig war, ist plötzlich nicht mehr zu gebrauchen – weil Adam und Eva gesündigt haben! Papst Johannes Paul zitiert den Apostel Paulus, warum die Fähigkeit zur Vernunft verloren gegangen ist: „Das Buch Genesis beschreibt auf anschauliche Weise den Zustand des Menschen, wie Gott ihn in den Garten Eden setzte, in dessen Mitte »der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse« stand. Das Symbol ist klar: Der Mensch war nicht in der Lage, von sich aus zu unterscheiden und zu entscheiden, was gut und was böse war, sondern musste sich auf ein höheres Prinzip berufen. Verblendung durch Überheblichkeit verführte unsere Stammeltern zu der trügerischen Täuschung, sie wären souverän und unabhängig und könnten auf die von Gott stammende Erkenntnis verzichten. In ihren Ur-Ungehorsam zogen sie jeden Mann und jede Frau hinein und fügten der Vernunft Wunden zu, die von da an den Weg zur vollen Wahrheit behindern sollten… Die Augen des Verstandes waren nun nicht mehr in der Lage, klar zu sehen: die Vernunft wurde zunehmend zur Gefangenen ihrer selbst.“ Ganz auf die Vernunft konnte und wollte die Kirche dann aber doch nicht verzichten. Als im 18. Jahrhundert der Fideismus aufkam (eine Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 159 Lehre, wonach nur der Glaube zählt und dieser absoluten Vorrang vor der Vernunft hat) und diese Lehre auch noch Anhänger gewann, läuteten im Vatikan die Alarmglocken. Pontifex Gregor XVI. reagierte sofort und formulierte Lehrsätze, die der fideistische Ketzer Louis Eugène Bautain aus Straßburg im Jahr 1840 unterschreiben musste. Darin legte der Vatikan kraft seiner Autorität fest, dass sich die Göttlichkeit der Offenbarung „mit Sicherheit“ auch jenseits des Glaubens beweisen lasse. Unter anderem sei der Beweis aus den „Wundern Jesu“ abzuleiten. Diese hat zwar kein Zeitgenosse des 19. Jahrhunderts sehen oder überprüfen können, sie seien aber trotzdem wahr. Im Übrigen gehe die Vernunft „dem Glauben voraus“ – obwohl sie „durch die Erbsünde schwach und dunkel geworden ist“ (Lehrsätze 5 und 6 in: „Der Glaube der Kirche“, Urkunden der Lehrverkündigung, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg). Auch Gregors Nachfolger Pius IX. musste sich gleich mehrfach in Rundschreiben (Qui Pluribus 1846 oder Syllabus 1864) und anderen Bekundungen zur Vernunft äußern – und setzte wiederum andere Akzente. Jetzt hieß es plötzlich: „Wohl steht der Glaube über der Vernunft“ (Lehrsatz 7). „Niemals“ könne die Religion von der menschlichen Vernunft abgeleitet oder vervollkommnet werden (Lehrsatz 9). Noch komplizierter wird es, wenn die Kirche wortreich versucht, ihren Begründungszwang auf die Spitze zu treiben: Untrennbar sei der Glaube mit „Gehorsam“ verbunden (was die Kirche sagt, muss geglaubt werden), aber auch das reiche noch nicht aus: Zum Gehorsam, bekräftigte Papst Pius, müsse sich natürlich auch noch „Gottes Gnade“ gesellen. Doch dummerweise wird diese Gnade nicht jedem zuteil, ein Problemfeld, das die Kirche gern umschifft. Für alle Seelen, welche die genannte Voraussetzungen erfüllen, sei „die natürliche Erkennbarkeit Gottes“ aber gegeben. Naja, das kommt wohl auf die Perspektive an. Denn dass die Sache mit der Offenbarung nicht einfach ist, zeigt sich auch in den Formulierungen des Katechismus der katholischen Kirche (KKK), in dem die Lehre offiziell erklärt wird. Im Jahr 1992 hatte Papst Johannes Paul II. den neuen Katechismus promulgiert (verkündet und in Kraft gesetzt) und zugleich eine Sonderkommission berufen, die aus dem etwas umfangreich geratenen Buch ein kompaktes „Kompendium“ erstellen sollte. Zum Chef dieser Kommission wurde der deutsche Kardinal Joseph Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 160 Ratzinger berufen, der später selbst Papst werden sollte. In diesem Katechismus heißt es also gleich in Kapitel 2, dass sich der gütige Gott selbstverständlich allen Menschen offenbart. Von Anfang an habe er mit Adam und Eva das Gespräch gesucht und den Kontakt auch nach dem Sündenfall nicht abreißen lassen. Nach der Sintflut habe er dann mit Noah einen „Bund“ geschlossen und später Abraham „zum Stammvater einer Menge von Völkern“ erwählt. Außerdem habe Gott die Israeliten zu seinem „auserwählten Volk“ erkoren. Zu guter Letzt würden die Propheten auch noch die „radikale Erlösung“ verkünden, aus dem Stamme Davids werde der sehnlichst erwartete Messias hervorgehen. Mit diesem Jesus, dem Sohn Gottes, so Punkt 9 des Katechismus, sei dann aber die letzte Stufe der Offenbarung erreicht worden. Um deren Endgültigkeit zu betonen, ließ Kardinal Ratzinger noch ein Zitat des Heiligen Johannes vom Kreuz anhängen, in dem es heißt, dass Gott „alles“ gesagt habe. Mehr sei nicht zu erwarten. Somit wenden wir uns nun den Propheten zu, die die Gunst der göttlichen Offenbarung persönlich genießen durften. Die Erfindung des Mediums Prophet hat es überhaupt erst möglich gemacht, einen Mittler zu haben, also eine Schnittstelle zwischen Gott und seinen Geschöpfen. Prophet kann man natürlich nicht lernen, es ist kein Beruf. Prophet wird man ausschließlich von Gottes Gnaden. Wer jetzt meint, diese ganz besondere Auszeichnung sei nur wenigen erlauchten Menschen zuteil geworden, irrt jedoch. Gott brauchte gleich mehrere Dutzend Propheten (die allesamt im babylonischen und judäischen Raum zuhause waren), um seine Botschaft zu verkünden. Denn darum ging und geht es: Ohne Offenbarung keine göttliche Botschaft, ohne Botschaft kein vermittelbarer Gott. Aber was ist nun genau eine Offenbarung, wie funktioniert sie, jenseits der offiziellen Dialektik? Nun, wir bemühen zur Definition einmal die (katholische) Kirche selbst, in Form diverser Verlautbarungen; zum anderen die Erklärungen der berühmten amerikanischen Bibelwissenschaftler William LaSor, David Hubbard und Frederic Bush, die das Monumentalwerk Old Testament Survey verfasst haben (Das Alte Testament, Brunnen Verlag Gießen, Abk. hier: DAT genannt). Dessen deutsche Bearbeitung umfasst stolze 1264 Seiten und stammt von dem evangelischen Theologieprofessor, Historiker und Missionar Helmuth Egelkraut. Darin heißt es, wie könnte es anders sein: „Die Of- Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 161 fenbarung ist die Grundfrage der Religion überhaupt“. Ohne Verständnis für die Offenbarung sei der Glaube an Gott nicht möglich. Das war natürlich auch dem Vatikan bewusst, der schon vor über 100 Jahren auf die Offenbarungs-Skepsis reagierte, und zwar mit der berühmten Enzyklika Providentissimus Deus von Papst Leo XIII im Jahr 1893. Dort erklärt der Heilige Vater unter Punkt IV, „wie die Heilige Schrift studiert werden soll“. Spannend zu lesen, wie sich der Pontifex dabei über die „Dreistigkeit“ der „Rationalisten“ (Verstandesmenschen) ereifert, „die hochheilige Wahrheit der göttlichen Bücher zu erschüttern“. Diese Leute würden die Bibel „durchspähen“ und Bücher, Broschüren sowie Zeitungen dazu nutzen, „um ihr tödliches Gift auszuschütten“. Nun, mit vernünftiger Argumentation hat dieser päpstliche Zorn nicht viel zu tun. Ähnlich verhält es sich mit den Enzykliken Spiritus Paraclitus von 1920 (Papst Benedikt XV) und Divino afflante Spiritu von 1943 (Papst Pius XII). Am wichtigsten ist aber ohne Frage die vorhin bereits erwähnte Konstitution Dei verbum (Das Wort Gottes), die man nach vierjähriger, mühseliger Arbeit – erst der fünfte Entwurf wurde akzeptiert – zum Ende des Konzils 1965 verabschiedet hat. Darin steht ein ebenso entscheidender wie fragwürdiger Satz: „Ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes kann der Glaube nicht vollzogen werden“ (DV 5). Ein Satz von erschreckender Unbarmherzigkeit, denn wenn die Gnade tatsächlich ein „Geschenk Gottes“ ist: Was kann der arme Sünder denn dafür, wenn er nicht in den Genuss der Gnade kommt und somit auch nicht glauben kann? Offenbaren, hebräisch galà, bedeutet soviel wie „offen legen, entblößen“. Das ist in diesem biblischen Kontext ein bisschen irreführend, denn Gott entblößt sich natürlich nicht, zudem hat der Ausdruck „offen legen“ etwas Zwanghaftes. Gemeint ist, dass Gott sich einem Menschen zuwendet und ihm etwas erzählt/verkündet/übermittelt. Nun darf man sich die Sache mit den Propheten nicht so vorstellen, dass der liebe Gott eines Tages zum Beispiel bei Jeremias zuhause erscheint, „Guten Tag“ wünscht und in freundlichem Ton sagt, er habe etwas Wichtiges mitzuteilen. Nein, die echte Offenbarung geschehe „mittelbar, d.h. vermittelt durch Menschen oder Geschehnisse, wobei Gott nicht unmittelbar sichtbar, hörbar oder greifbar ist“ (DAT, Seite 35). Das Indirekte sei nicht nur wichtig, sondern sogar notwendig, denn Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 162 der Mensch könne die unmittelbare Gottesbegegnung ohnehin „nicht ertragen“. Dabei verweisen die Autoren auf das 2. Buch Mose (Exodus 20,18-20), in dem erklärt wird, allenfalls ein ganz besonderer Mensch wie Moses könne vielleicht einen direkten Kontakt zu Gott (gehabt) haben. Aber selbst Gottes getreuem Diener Moses wurde die Gnade der Gottessicht nur sehr eingeschränkt zuteil, wir kommen gleich darauf zurück. Interessant ist vor allem, dass (mit Blick auf Psalm 147) auch hier Israel als das Volk genannt wird, „dem die besondere Offenbarung … zuteil wurde“. Wie der katholische Katechismus, zählen auch die protestantischen Autoren des DAT „die Befreiung und den Auszug aus Ägypten, die Bewahrung in der Wüste und den Einzug in das verhei- ßene Land“ (Kanaan) zu den „grundlegenden Offenbarungstaten Gottes“. Tatsächlich ist genau das die Interpretation, die zum Kernbestand des jüdischen und christlichen Glaubens gehört, also konstitutiv ist: Die Christen gestehen ihren jüdischen Glaubensbrüdern und -schwestern den einmaligen Sonderstatus als „auserwähltes Volk“ zu, den diese seit rund 3000 Jahren für sich reklamieren. Aber wie glaubwürdig ist solch eine Offenbarung? Warum sollte sich der liebe Gott auf der großen weiten Welt ausgerechnet ein kleines Volk an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident als „Bündnispartner“ ausgesucht haben? Ein „Volk“ zudem, das es damals, zu Abrahams und Isaaks Zeiten, noch gar nicht gab! Dass die Juden sich selbst als Gottes Lieblinge betrachten und diese herausragende Sonderstellung begrüßen, mag ja noch verständlich sein. Doch wäre es nicht merkwürdig, ungerecht und unverständlich, wenn der Allmächtige seinen Geschöpfen tatsächlich zweierlei Gunst gewährt und sie in „auserwählt“ (1. Wahl) und „nicht auserwählt“ (2. Wahl) sortiert? Die These von der Sonderstellung einer Volksgruppe widerspricht jedenfalls elementar dem göttlichen Prinzip der absoluten Gerechtigkeit, wonach „vor Gott alle Menschen gleich“ sind (Röm 2,11). Hinzu kommt, dass die Behauptung der „grundlegenden Offenbarungstaten Gottes“ wohl eher jüdisch-christlichem Wunschdenken entspricht: Eine Befreiung „des geknechteten Volkes“ und ein Auszug aus Ägypten sowie eine angeblich 40jährige Wanderschaft durch die (nahrungslose) Wüste sind ebenso wie der „Einzug ins gelobte Land“ nicht einmal im Ansatz belegbar! Wenn ein ganzes „Volk“ mit x-tau- Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 163 send Menschen jahrzehntelang durch die Wüste zieht und dort lebt, werden automatisch Spuren hinterlassen, und seien es nur Scherben eines zerbrochenen Kruges oder kaputte Töpfe und Waffen. Doch obwohl Bibelwissenschaftler und Archäologen jedes Sandkorn auf der Sinai-Halbinsel durchsiebt haben, fanden sie nichts, was der biblischen Darstellung auch nur im Entferntesten entspricht. Die renommierten Wissenschaftler und Autoren Israel Finkelstein und Neil Silberman haben darüber ein ganzes Buch geschrieben (Keine Posaunen vor Jericho, dtv), das sich in die lange Reihe jener Kritiken einreiht, die vom Märchen-Charakter der biblischen Geschichten überzeugt sind. Ein wahrhaft Gläubiger nimmt von Fakten indes keine Notiz. Beispielhaft dafür steht der renommierte Theologe Dietrich Bonhoeffer, der als Widerstandskämpfer von den Nazis ins KZ verfrachtet und noch kurz vor Ende des Krieges im Mai 1945 ermordet wurde. Bonhoeffer, der zurecht als wahrer Held verehrt wird, schrieb folgende Zeilen, die eindrucksvoll belegen, dass selbst kluge Köpfe der Bibel gern aufs Wort glauben: Das Jesuskind muss mit seinen Eltern fliehen. Hätte Gott es nicht auch in Bethlehem vor Herodes hüten können? Gewiss, aber nicht danach haben wir zu fragen, was Gott alles wollen und tun könnte, sondern was er wirklich will. Gott will, dass Jesus nach Ägypten flieht, er zeigt damit, dass der Weg Jesu gleich von Anfang an ein Weg der Verfolgung ist, aber er zeigt auch, dass er Jesus behüten kann und dass Jesus nichts zustoßen wird, solange es Gott nicht zulässt. Jesus lebt nun in Ägypten, dort, wo sein Volk einst in Knechtschaft und Not hatte leben müssen. Der König soll nun sein, wo sein Volk war. Er soll die Geschichte seines Volkes am eigenen Leibe durchleben. In Ägypten litt Israel Not, in Ägypten fing die Not Jesu an, in Ägypten mussten Gottes Volk und sein König in der Fremde im Elend leben. Aus Ägypten aber führte Gott sein Volk ins Gelobte Land, und aus Ägypten rief Gott seinen Sohn zurück in das Land Israel. Was soll man dazu sagen? Schon zu Bonhoeffers Zeiten war unter Bibelwissenschaftlern längst klar, dass es niemals eine Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten gegeben hat. Auch eine Ermordung männlicher Säuglinge durch Herodes ist nirgendwo belegt. Diese Geschichte wird übrigens auch nur bei Matthäus erwähnt (2,13), die anderen Evangelisten wissen nichts davon. Aber wenn es um Gott und um den Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 164 wahren Glauben geht, sind die Frommen offenbar besonders großzügig. Orthodoxe Juden nehmen auch heute noch „jedes Wort im Alten Testament für bare Münze“, sagt der renommierte Theologieprofessor Karl-Heinz Ohlig aus Saarbrücken. Christen sind sich diesbezüglich nicht ganz so sicher, aber auch sie halten tapfer am Alten Testament fest, das als unverrückbare Grundlage des christlichen Glaubens gilt. Gleichwohl werden Katholiken und Protestanten merkwürdig wortkarg, wenn es um die konkreten Umstände der Offenbarung geht – oder sie tauchen ihre halbkonkreten Erklärungsversuche in ein Meer der Worte, wo am Ende alles im Ungefähren verschwimmt. Dabei würde man zu gerne wissen: Hat der Prophet Jesaja nun Gottes Herrlichkeit schauen dürfen oder nicht? Und was ist mit dem begnadeten Anführer Moses, der Gott angeblich sehen durfte? In Exodus 33,11 heißt es: „Der Herr sprach mit Mose Auge in Auge wie ein Mensch mit einem anderen“. Doch tatsächlich stand nur eine „Wolkensäule“ vor ihm. Wenige Verse weiter spricht der Herr dann auch Klartext zu Moses: „Mein Gesicht darfst du nicht sehen; denn niemand, der mich sieht, bleibt am Leben“ (Ex 33,20). Mein Gesicht darfst du nicht sehen, den Rest aber schon. Ist das noch ein ernst zu nehmender biblischer Dialog? Grundsätzlich muss man an dieser Stelle fragen, was von einem Gott zu halten ist, der das Spiel „Du darfst mich nicht sehen!“ auf die Spitze treibt, indem er zu Moses wörtlich sagt: „Du kannst hier auf dem Felsen neben mir stehen, doch wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, darfst du nicht gucken. Ich werde dich in einen Felsspalt stellen und meine Hand vor deine Augen halten, bis ich vorüber bin“. Ein allmächtiger Gott, der sich selbst „meine Herrlichkeit“ nennt? Der Herr fügt laut Bibel übrigens noch hinzu: „Dann werde ich meine Hand wegnehmen und dann kannst du mir nachschauen. Aber von vorne darf mich niemand sehen!“ (Ex 33,23). Und was ist in diesem Zusammenhang eigentlich mit Vater Abraham? Hat der nicht mehrfach mit Gott reden dürfen und ihn dabei eigentlich auch sehen müssen? Auf diese Frage hat die Stuttgarter Erklärbibel eine spektakuläre Antwort: Abraham habe seine Offenbarungen „im Tiefschlaf “ erhalten, heißt es dort allen Ernstes. Es wäre wirklich interessant zu wissen, welche Quelle die Stuttgarter Theologen für diese Information reklamieren wollen. Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 165 Propheten wurden und werden fast immer als mittelalte Männer mit langem Bart und Schriftrolle dargestellt. Dieses Fresco aus der Herz-Jesu-Kirche in Berlin (Prenzlauer Berg) zeigt den Propheten Jesaja, der angeblich Gott sehen durfte – und dann doch nur vom „Saum“ des göttlichen Gewandtes berichtete. Aber noch interessanter ist: Warum glauben erwachsene Menschen solche offenkundigen Märchen? Geschichten, die erkennbar der blühenden Phantasie antik denkender und fühlender Menschen entsprungen sind? Wie zum Beispiel die Anschauung Gottes durch den Propheten Jesaja. Wer diese Passagen in der Bibel liest, braucht mehr als nur den wahren Glauben – er braucht Humor. Wir zitieren Jesaja, Kapitel 6 aus Die gute Nachricht von der Deutschen Bibelgesellschaft: „Es war in dem Jahr, als König Usija starb. Da sah ich Gott, den Herrn, er saß auf einem sehr hohen Thron. Der Saum seines Mantels erfüllte den ganzen Tempel. Er war umgeben von mächtigen Engeln. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel; mit zweien bedeckten sie ihr Gesicht, mit zweien den Leib, zwei hatten sie zum Fliegen. Die Engel riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr der Welt, die ganze Erde bezeugt seine Macht! Von ihrem Rufen bebten die Fundamente des Tempels und das Haus füllte sich mit Rauch. Vor Angst schrie ich auf: Ich bin verloren! Ich bin schuldig Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 166 und unwürdig, von Gott zu reden, genauso wie das Volk, in dem ich lebe. Und ich habe den König gesehen, den Herrn der ganzen Welt“. Normalerweise müsste man jetzt fragen: Was hat der gute Mann geraucht, als er das aufgeschrieben hat? Warum erzählt Jesaja uns vom „Saum des Mantels“, aber nichts vom Angesicht des Herrn, wenn er ihn denn nun schon mal gesehen hat? Stattdessen berichtet der Prophet von den Engeln, die an dieser Stelle wahrlich zweitrangig sind. Die Stuttgarter Erklärbibel sagt uns dazu, die Anschauung des Herrn sei „in Form einer Vision“ erfolgt. Gott sei eben so unfassbar groß, dass „allein der Saum seines Mantels die ganze Tempelhalle gefüllt“ habe… Aber es kommt noch besser, denn nun ergreift der Herr selbst das Wort – und verblüfft mit unerhörten Zerstörungsphantasien. Jesaja schreibt: „Dann hörte ich, wie der Herr sagte: Wen soll ich senden? Wer ist bereit, unser Bote zu sein? Ich antwortete: Ich bin bereit, Herr, sende mich! Da sagte er: Geh und sage dem Volk: Hört nur zu, ihr versteht doch nichts; seht hin, soviel ihr wollt, ihr erkennt doch nichts!“ Gott bescheinigt den Menschen, seinen eigenen Geschöpfen, dass sie zu nichts taugen. Und er setzt noch einen drauf, indem er gar nicht will, dass sie ihn (als Gott) erkennen. Er fordert Jesaja auf: „Rede zu ihnen, damit ihre Herzen verstockt werden, ihre Ohren verschlossen und ihre Augen verklebt, sodass sie mit ihren Augen nicht sehen, mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Verstand nicht erkennen. Ich will nicht, dass sie zu mir umkehren und geheilt werden!“ Jesaja, von dieser göttlichen Offenbarung komplett überfordert, fragt nicht nach dem Grund für Gottes merkwürdigen Wunsch, dass die Menschen ihn gar nicht erkennen sollen; sondern nur nach der Dauer des unverständlichen Banns: „Wie lange soll das dauern?“. Und Gott gibt die verstörende Antwort: „Bis die Städte zerstört sind und die Häuser leer stehen und das ganze Land zur Wüste geworden ist“. Warum der Herr erst einen Boten sucht, der dann aber doch nichts Göttliches mitteilen, sondern die Leute mit der Horrornachricht verunsichern soll, Gott habe keinerlei Lust auf sie und geheilt würden sie vorerst auch nicht, kann – richtig: nur ein Geheimnis des Glaubens sein. Erstaunlich an dieser unfassbaren Erzählung ist vor allem eins: Wie schaffen es die Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 167 Gläubigen in aller Welt, arme und reiche, junge und alte, kluge und dumme, solche Offenbarungen ernst zu nehmen? Wer genauer wissen will, was es mit dem Phänomen der Offenbarung und den Propheten auf sich hat, wird indes enttäuscht. Auch die frommen Autoren des DAT wissen es nicht, sie lassen ihre Leser hilfund ratlos zurück: „Die Wort-Offenbarung scheint mittels normaler Sprache geschehen zu sein. Wie das geschehen ist, wird von der Bibel nicht ausführlich erläutert“. Scheint geschehen zu sein? Die Theologen wissen es nicht. Dennoch behaupten sie in heiligem Ernst, es gehöre „zu den tiefsten Überzeugungen der Propheten, dass Gott mit ihnen in verständlichen Worten geredet hat“. Für etwaige Zweifler haben sie noch eine weitere, eher amüsante Erklärung: Es könne sich ja nur um den richtigen Gott gehandelt haben, denn die heidnischen Götter seien ja „nach atl. Sicht taubstumm“… (DAT, Seite 36). Zum Schluss des Themas Offenbarung noch zwei Episoden, bei denen nicht ganz klar ist, ob man darüber lachen oder weinen soll: Obwohl die abrahamitischen Religionen ja nachdrücklich darauf hingewiesen haben, dass Gott sein Offenbarungs-Soll erfüllt hat und weitere Offenbarungen nicht zu erwarten sind, wimmelte es im Amerika der Siedlerzeit von selbsternannten Propheten. Einer der erfolgreichsten Gottesmänner damals hieß Joseph Smith aus dem Staate New York. Der behauptete im Jahre 1827, ihm sei ein Engel namens Moroni erschienen, der ihm offenbart habe, auf versteckten Goldplatten seien heilige Schriften eingraviert, die (nur) er mit Hilfe von zwei Zaubersteinen (Urim und Tummin) übersetzen könne. Smith´s Geschichte ist echt krass, sie kann in Büchern und im Internet nachgelesen werden, deshalb hier nur ein kurzer Abriss: Aus seinem Hokuspokus zauberte der wortgewandte Mr. Smith erst ein Buch mit Namen „Mormon“, dann eine neue Religion mit christlicher Prägung. Das Ergebnis ist nicht mehr zum Lachen: Die Mormonen (oder auch: Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage) sind heute eine anerkannte Religionsgemeinschaft mit weltweit 15 Millionen Gläubigen! Sie zählen sich zur Christengemeinde, auch wenn die katholische und evangelische Verwandtschaft davon nichts wissen will… Die zweite Episode schließt das Thema ab. Auch hier reizt die Lektüre eher zum Kopfschütteln denn zu heiliger Ehrfurcht, aber das könnte der sündige Mensch bitter bereuen, denn auf Missachtung der Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 168 Heiligen Schrift steht die ewige Verdammnis. Auch diesmal geht es um die Offenbarung des Propheten Jesaja, nun Kapitel 8, das in der Bibel mit der Überschrift Eilebeute-Raubebald versehen ist. Nein, das ist kein Name aus dem „Räuber Hotzenplotz“, sondern der gottgegebene Name von Jesajas Sohn. Wörtlich heißt es: „Der Herr sagte zu mir: Nimm dir eine große Tafel und schreibe darauf in deutlich lesbarer Schrift: Eilebeute-Raubebald. Ich zeigte die Tafel zwei zuverlässigen Zeugen, dem Priester Urija und Secharja, dem Sohn Jeberechjas. Als ich dann mit meiner Frau, der Prophetin, schlief, wurde sie schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Da befahl mir der Herr: Nenn ihn Eilebeute-Raubebald! Denn bevor er Vater und Mutter sagen kann, werden die Reichtümer von Damaskus und die Schätze von Samaria dem König von Assyrien zur Beute fallen“. Gottes Offenbarung, sagt die Kirche, ist absolut wahr, auch wenn sie nicht immer mit dem Verstand zu fassen ist. Man benötige dazu nur das Himmelsgeschenk des Glaubens… Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 169 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? „Warum schleppt sich blutend, elend/ unter Kreuzlast der Gerechte/ während glücklich als ein Sieger/ trabt auf hohem Ross der Schlechte? Woran liegt die Schuld? Ist etwa/ unser Herr nicht ganz allmächtig?/ Oder treibt er selbst den Unfug?/ Ach, das wäre niederträchtig!“ Heinrich Heine: „Zum Lazarus“ Ist Gott, der Allmächtige, nicht nur gütig und barmherzig, sondern tatsächlich auch gerecht? Es ist eines der spannendsten Kapitel jeder Religion und das zentrale Thema der Menschheitsgeschichte: die Frage der Gerechtigkeit. Verstanden natürlich als Gerechtigkeit nach menschlichem Empfinden: Warum bin ich krank und muss leiden, ich habe doch nichts Böses getan? Warum bin ich hässlich, die Kollegin aber schön? Warum bin ich arm, der Nachbar aber reich? Warum ist der eine talentiert, der andere aber nicht, dieser schlau, jener dumm? Das Thema der (sozialen) Gerechtigkeit ist eine Frage, die alle Menschen, gleich welcher Herkunft und welchen Glaubens, intensiv beschäftigt. Sie ist auch Kernthema der Politik. Und, aus theologischer Sicht, ein Fixpunkt der Erkennbarkeit Gottes. Genau genommen müsste die Frage eigentlich lauten: Behandelt der Schöpfer seine Geschöpfe gerecht, also gleich? Oder macht er Unterschiede, und wenn ja, warum? Oder ist solch eine Frage per se obsolet, weil der Allmächtige selbstverständlich und grundsätzlich das immerwährende Recht hat, jenseits des menschlichen Gerechtigkeitsempfindens, genau das zu tun was er will – und zwar ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen? Für die abrahamitischen Religionen, auf die wir uns hier konzentrieren wollen, ist die Antwort klar: Gott ist nicht nur gerecht, er ist die Gerechtigkeit selbst! Gott handelt, da sind sich gläubige Juden, Christen und Moslems einig, immer richtig. Kapitel 13 171 Tja, wenn es so einfach wäre! Die klaffende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist offenkundig. Schon die Tatsache, dass sich seit Jahrtausenden Heerscharen von Philosophen, Theologen, Politiker und Juristen fortwährend mit dieser Frage beschäftigen, zeigt deutlich, dass Zweifel am göttlichen Gerechtigkeitsempfinden vorhanden sind: Die Erfahrungen seit Menschengedenken und die menschliche Wahrnehmung erzählen zudem eine ganz andere Geschichte: Die Welt, die Gott erschaffen hat, quillt geradezu über vor Mühsal und Leid, Terror und Not, Unglücken und Katastrophen. Eine gerechte Äquivalenz zur Schönheit und Glückseligkeit des Lebens ist objektiv nicht feststellbar, sie wird zudem individuell höchst unterschiedlich empfunden. Denn genau danach begreift sich ja die Gerechtigkeitsfrage: Warum ich?! Warum bin ich benachteiligt, warum ziehe ich das kürzere Hölzchen? Und tatsächlich: Während Person A in Wohlstand und Gesundheit ein langes und schönes Leben genießen darf, hat Person B schon von Geburt an mit diversen Handikaps zu kämpfen und keine Chance auf Gleichheit vor dem Herrn. Was soll daran gerecht sein, wenn ein ganzer Kontinent (Afrika) an gravierender Mangelernährung leidet und oftmals im Elend lebt, ein anderer Kontinent (Europa) dagegen dauerhaft in relativem Wohlstand? Wer ist für die enorme Diskrepanz verantwortlich: Der Mensch selbst? Das Klima? Der Zufall? Oder doch „der liebe Gott“? Nun könnte man argumentieren: Gott hat ein anderes Gerechtigkeitsempfinden als der Mensch. Das wäre nicht weiter verwunderlich, denn schon der Gedanke, dass der Mensch genau so oder ähnlich empfinden könnte wie der Allmächtige, klingt für Gläubige vermessen. Andererseits hat der Herrgott den Menschen so erschaffen wie er ist, was unweigerlich zur Konsequenz hat, dass der Mensch eben nur diese „irdische“ Gerechtigkeit empfinden kann. Er muss so fühlen, auch weil Empfindungen intuitiv oder impulsiv und damit nicht steuerbar sind. Zwar ist zweifelsfrei erwiesen, dass kulturelle, medizinische oder soziologische Entitäten einen enormen Einfluss auf das spezifische Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen haben können. Aber das ändert nichts am natürlichen Empfinden des Menschen, das universal ist: Ein unverdientes Privileg wird ebenso wie eine unbegründete Benachteiligung in jeder Kultur als ungerecht empfunden. Und in der Welt, in der wir leben, wimmelt es vor Privilegien und Benachteiligungen. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 172 Die religiöse (und politische) Brisanz des Themas ist gewaltig. Denn die Feststellung, selbst die allerhöchste Instanz sei womöglich ungerecht und handele gelegentlich willkürlich, könnte das theistische Glaubensgebäude massiv ins Wanken bringen. Ein solches definitives Urteil würde das Vertrauen der Menschen zerstören, ihr ethisches Koordinatensystem durcheinanderwirbeln und den echten und tiefen Glauben an einen verständnisvollen, gütigen und barmherzigen Gott praktisch unmöglich machen. Aber wie soll man sich aus dem existentiellen Dilemma der Theodizee befreien? Der Begriff „Theodizee“ wurde von dem deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) geprägt und bedeutet sinngemäß „Gottes Gerechtigkeit“ oder „Rechtfertigung Gottes“. Leibnizens philosophische Aussage, die Menschen lebten in der „besten aller möglichen Welten“, wurde vielfach missverstanden, impliziert sie doch a) dass Gott (aus experimentellen Gründen?) mehrere Welten geschaffen haben könnte – oder b) dass er unsere Welt genau so schaffen wollte, wie sie jetzt ist. Denn dass der Allmächtige eine Welt erschaffen haben könnte, die er gar nicht wollte, ist unmöglich, weil diese Annahme dem göttlichen Axiom der Allmacht und Vollkommenheit widerspricht. Leibniz hat seinen Satz allerdings – und das relativiert ihn durchaus – in metaphysischem Sinne verstanden, dass eine Welt nie statisch, sondern immer dynamisch ist (also kontinuierlich besser wird). Zugleich war für den klugen Wissenschaftler klar, dass selbst ein allmächtiger Gott tatsächlich nicht alles vermag: „Logische Wahrheiten“ etwa, wie die gegenseitige Bedingtheit von Gut und Böse, oder die Gesetze der Mathematik und Physik, könne er nicht aufheben, meinte Leibniz. Was zweifellos stimmt: Auch Gott kann nicht einfach mal aus 2 x 2 eine 5 machen. Die Rechnung würde nicht aufgehen. Bislang haben auch die intelligentesten Leute der Erde keine überzeugende Erklärung für das Theodizeeproblem gefunden. Es wäre mü- ßig, all die Kirchenlehrer und Philosophen zu zitieren, die sich mehr oder weniger komplex und akademisch dazu geäußert haben. Wir wollen hier deshalb unsere eigenen Gedankengänge formulieren und unterscheiden dazu – im Sinne von Leibniz – drei Grundformen des Übels: a) das natürliche Übel, zu dem Unglücke und (Natur-)Katastrophen zählen (malum physicum); Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 173 b) das moralische Übel, das von der Bosheit der Menschen herrührt (malum morale); c) das metaphysische Übel, das aus der menschlichen Unvollkommenheit resultiert und etwa Krankheit und Sterblichkeit betrifft (malum metaphysicum). Demnach ist der Tod durch ein Erdbeben ein malum physicum. Der Tod durch Mord ist ein malum morale. Und der Tod durch Herzversagen ein malum metaphysicum. Aber schon an diesem Punkt beginnen die Definitionsprobleme: Was ist dann der Tod durch einen Verkehrsunfall, der aufgrund von Unwohlsein des Fahrers oder mangelnder Aufmerksamkeit eines Beteiligten geschieht? Was ist mit Tod und Zerstörung durch schwere Unwetter, die durch den menschlich verschuldeten Treibhauseffekt verursacht worden sind? Morale, physicum, metaphysicum? Man könnte nun, Gottes Existenz vorausgesetzt, mit Fug und Recht behaupten, dass die Verhinderung oder zumindest Abmilderung des malum physicum für den allmächtigen Gott kein echtes Problem darstellen dürfte. Zwar würde eine göttliche Einflussnahme die temporäre Außerkraftsetzung physikalischer Gesetze erforderlich machen (was laut Leibniz nicht geht), aber bitte: Wer eine ganze Welt und den unermesslichen Kosmos erschaffen kann, Sterne und Nebelhaufen und Galaxien, der müsste eigentlich auch in der Lage sein, ein Erdbeben zu verhindern. Der müsste fähig sein, Wirbelstürme im Zaun zu halten oder zu steuern. Der müsste ermöglichen können, dass die Zellen im menschlichen Organismus „normal“ wachsen und nicht entarten. Und was das malum morale betrifft, so ist nicht nur für gläubige Menschen leicht vorstellbar, dass Gott – wenn er denn wollte – die Menschen genetisch und moralisch durchaus „gut“ veranlagen könnte. Ihnen den Hass und die Aggressivität, den Neid und die Missgunst nimmt. Und sie allesamt mit einer altruistischen Güte ausstattet, wie man sie gelegentlich bei Ordensschwestern findet. Doch wir alle wissen: die Wirklichkeit ist eine andere. Während Gott, der im Alten Testament unentwegt das Wort ergreift und mit auserwählten Menschen lange Dialoge führt, seit dem Kreuzestod seines Sohnes beharrlich schweigt, versuchen die irdischen Schäfchen in frommem Eifer seit Jahrtausenden, die Wege des Hirten verstandesmäßig zu erforschen – mit einem deprimierenden Ergebnis: Die Schäf- Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 174 chen sind grandios gescheitert! Selbst klügste Köpfe (wie David Hume) und prominente Theologen (wie Karl Rahner) haben resigniert und wollen das „unlösbare“ Theodizeeproblem „als wirklich unbegreiflich“ stehen lassen. Auch kritische Theologen wie Eugen Drewermann und Hans Küng halten die Theodizeefrage für „offensichtlich unbeantwortbar“. Küng, der offiziell als liberal gilt, denkt in dieser Frage allerdings recht konservativ und verlässt sogar den Boden der Vernunft: Es stehe dem Menschen nicht zu, die Theodizee-Frage überhaupt zu stellen, meinte er allen Ernstes. Dies sei eine zensorische „Anmaßung“. Ein Urteil über Gottes Gerechtigkeit könne man sich „nur über den Glauben“ bilden (Hans Küng: Christ sein, Piper Verlag). Eine fragwürdige Einstellung: Wenn es problematisch wird, soll der Mensch das Denken einstellen? Das hält (auch) der Fundamentaltheologe Prof. Armin Kreiner für „völlig abwegig“. Der Verzicht auf vernünftige Kriterien bei der Beurteilung theologischer Kernprobleme heilige nicht den Glaubensgehorsam, sondern entehre ihn zum „blinden Obskurantismus“ (Armin Kreiner: Gott im Leid, Herder Verlag). In „Meyers Lexikon“ wird Obskurantismus so beschrieben: „Das Bestreben, Menschen bewusst in Unwissenheit zu halten, ihr selbstständiges Denken zu verhindern und sie an Übernatürliches glauben zu lassen“. Auch der Theologe Klaus von Stosch hat sich des Themas angenommen und versucht in seinem Buch Theodizee (utb) ausführlich, die „Unmöglichkeit von Verbesserungen unserer Naturgesetze“ zu begründen. Dazu bemüht er den im Jahr 2017 verstorbenen Naturphilosophen Bernulf Kanitscheider. Demnach sind die Naturkonstanten in unserem Kosmos (Lichtgeschwindigkeit, Gravitation etc) absolut perfekt aufeinander abgestimmt und können nur in exakt dieser Zusammensetzung die Biogenese und Anthropogenese ermöglichen. Soll hei- ßen: Wenn Gott in diese „natürliche Ordnung der Welt“ eingreifen würde, bedeutete dies eine völlig andere Welt – oder das Ende dieser Welt. Da aber theologisch nicht ernsthaft bestritten wird, dass Gott die Weltordnung aus seinem souveränen Willen heraus ganz bewusst so geschaffen hat, wie sie nun ist, ergibt sich ein logisches Problem, das der antike Philosoph Laktanz so formuliert hat: Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er das Böse verbannen. Oder er hat die Welt genau so gewollt, dann will er das Böse nicht verbannen. Oder, die pikante Vari- Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 175 ante: Er will es zwar, kann es aber nicht. Dann aber wäre Gott nicht allmächtig… An dieser Stelle wird es richtig spannend. Denn die Logik von Leibniz, wonach ein vollkommenes Wesen keine unvollkommene Welt schaffen kann, ist ja zwingend. Was ein Gott erschafft, ist eo ipso perfekt. Und tatsächlich: Wer den unfassbaren Kosmos betrachtet, die kleine Erde als perfektes Teilchen des gigantischen Sonnensystems, wer die wunderbare Artenvielfalt von Flora und Fauna, wer das faszinierende Wunder des physiologischen und psychologischen Lebens in all seinen Verästelungen betrachtet, der kann dahinter absolut den „Plan und Willen eines göttlichen Schöpfers entdecken“ (der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne). Aber, die Gretchenfrage folgt auf dem Fuß: Warum ist der Mensch, Gottes Premium-Geschöpf, dann so fatal missraten? Warum ist der Mensch zu einem unvollkommenen Wesen voller Boshaftigkeit und Egoismus mutiert, dass selbst der Schöpfer darüber zürnte – und sogar seinen eigenen Sohn „opfern“ musste, um die Menschen aus ihrem furchtbaren Sünden-Dilemma zu befreien? Die nüchterne Betrachtung der irdischen Realität bringt die Beste- Welt-Hypothese von Leibniz jedenfalls augenblicklich ins Wanken: Erdbeben, Überschwemmungen, Missernten, Hungersnöte, Brandkatastrophen, Kriege, Krankheiten, Missbildungen, Kriminalität, Gier – die Liste der Faktoren, die „die beste aller möglichen Welten“ massiv in Frage stellen, ist lang. Wie soll man es nennen, wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt oder das Kind tot zur Welt kommt? Wenn – neueste Unicef-Studie aus 2018 – jährlich weltweit 2,6 Millionen Babys den ersten Lebensmonat nicht überleben? Was soll man sagen, wenn ein Despot auf seine Bürger Bomben und Giftgas regnen und unschuldige Menschen grausam foltern lässt? Wie soll man bewerten, wenn irgendeine Seuche ganze Volksstämme ausrottet (allein an der Spanischen Grippe vor 100 Jahren starben rund 70 Millionen Menschen!) oder ständige Trockenheit in zahlreichen Regionen der Erde Menschen und Tiere verenden lässt? Pech? Schicksal? Strafe? Strafe für was? Oder ist am Ende alles nur Zufall – oder etwa doch Gottes Wille? Wir wissen es nicht. Was aber ganz offensichtlich ist: „Die beste aller möglichen Welten“ kann man sich durchaus anders vorstellen, besser nämlich, viel Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 176 besser. Der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell drückte es so aus: „Meinen Sie denn, wenn Ihnen (wie Gott) Allmacht und Allwissenheit und Jahrmillionen zur Verfügung stehen, um Ihre Welt zu vervollkommnen, dass Sie dann nichts Besseres als den Ku- Klux-Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?“ Auch der gänzlich unverdächtige jüdische Publizist und Überlebende des Holocaust, Elie Wiesel, hat eine klare Meinung zum Thema Schuld: „Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten… wie sollte ich nicht die Schöpfung verfluchen…“ (Elie Wiesel: Alle Flüsse fließen ins Meer, Hoffmann & Campe). Bei allem Respekt vor dem Genius Leibniz: Es ist ziemlich offensichtlich, dass wir nicht in der besten aller möglichen Welten leben. Warum aber der Herrgott in seiner Vollkommenheit eine unvollkommene Welt geschaffen hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Denn selbst wenn wir Gott fragen, ernsthaft, demütig und in aufrichtigem Gebet: Er antwortet nicht. Gott hat noch nie geantwortet, es sei denn, die geträumten, phantasierten und halluzinierten Antworten, von denen „Propheten“ und andere emotional Verzückte berichten, lässt man ernsthaft gelten. Den Menschen bleibt, so traurig das für fromme Zeitgenossen auch sein mag, nichts anderes übrig, als sich ihres (gottgegebenen) Verstandes zu bedienen und eigene Antworten zu finden. Und dabei erst einmal die so genannte Willensfreiheit zu definieren. Die Willensfreiheit, da sind sich die Experten einig, ist nicht nur unabdingbare Voraussetzung für den Glauben; sondern auch zwingende Handlungs-Voraussetzung für das Individuum. Hätte der Mensch keinen freien Willen, sagt der Philosoph Immanuel Kant, wäre kein ethisch begründetes Handeln möglich: der Mensch wäre fremdbestimmt und damit ohne Schuld. In der Konsequenz würde das aber bedeuten, dass Gott persönlich die Verantwortung für das Böse trüge! Diese These würde indes das Vorstellungsvermögen der (meisten) Gläubigen sprengen: Der Gedanke, Gott höchstselbst sei für das Grauen in der Welt verantwortlich, muss den göttlichen Nukleus aus Glaube, Hoffnung und Liebe ja geradezu zerstören. Insofern bleibt wenig Raum, die Willensfreiheit des Menschen ernsthaft in Frage zu stellen. Andererseits: Wenn der Wille wie von Gott gewollt absolut frei wäre, Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 177 würde das nach den Gesetzen der Logik bedeuten, dass die Zukunft nicht vorherbestimmbar wäre, Gott also nicht allwissend sein könnte! Denn wenn er als „Allwissender“ schon vorher wüsste, wie sich ein Mensch beim Auftauchen des Problems X entscheidet, stünde dessen Entscheidung ja schon fest – und wäre nicht mehr frei. Die Frage der Willensfreiheit hat schon die ehrwürdigen Denker und Theologen Erasmus von Rotterdam (1466-1536) und Martin Luther (1483-1546) intensiv beschäftigt. Während der niederländische Kosmopolit und Philosoph die Willensfreiheit absolut bejahte (in: de libero arbitrio), verneinte der deutsche Reformator sie ebenso energisch (in: de servo arbitrio). Wobei die Argumente des Holländers deutlich logischer klingen: „Was soll unser allseits gelobter Gehorsam, … wenn wir für Gott … nur ein solches Werkzeug sind wie die Axt für den Zimmermann?“ Wenn die Leugner des freien Willens behaupteten, alles sei (von Gott) vorherbestimmt, bedeute dies ja wohl auch, dass Gott nicht nur die guten Werke bewirke, sondern auch die schlechten. Daraus folgere, wie Erasmus präzise schloss, dass der Mensch nicht für die Sünde verantwortlich gemacht werden könne. Luther hielt dagegen. Doch der konfliktfreudige Mönch aus Wittenberg, eigentlich bekannt für eine klare und deftige Sprache, schwurbelt in seinem Artikel in einem theologischen Kauderwelch, das für Normalgläubige kaum zu verstehen ist. Er spricht von „dreierlei Licht“, dem Licht der Gnade, dem Licht der Natur und dem Licht der Herrlichkeit, und die beiden ersten Lichter würden besagen, „dass die Schuld nicht des armen Menschen, sondern des ungerechten Gottes sei. Denn sie können nicht anders über Gott urteilen, der die gottlosen Menschen umsonst ohne Verdienste krönt und einen anderen nicht krönt, sondern verdammt, der vielleicht weniger oder wenigstens nicht mehr gottlos ist. Aber das Licht der Herrlichkeit redet anders und wird alsdann zeigen, dass Gott… die gerechteste und offenkundigste Gerechtigkeit zugehört“… Na, alles klar? Luther kann allerdings auch besser formulieren: „Wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, … dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will“. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 178 „Hier stehe ich und kann nicht anders“: Martin-Luther-Statue in Worms. Der Mönch aus Wittenberg hat den verkrusteten römischen Katholizismus aufgebrochen und mit seiner „Reformation“ die Welt verändert. Wie man sieht, ist die Frage der Theodizee wahrlich nicht leicht zu beantworten. Wir gehen jetzt in unserer Prämisse mal davon aus, dass der Wille des Menschen tatsächlich frei ist. Wie muss diese Freiheit dann definiert werden, wenn sie eigentlich gar nicht absolut sein kann – weil sich die Parameter ständig verändern? Seriöserweise muss man nämlich konzedieren, dass die Voraussetzungen zur aktiven Wahrnehmung der Willensfreiheit bei jedem Individuum anders gelagert sind. Denn Menschen werden ja, durch Kultur und Erziehung, (vor allem als Kinder) sozialisiert, indoktriniert und manipuliert. Jüdische Kinder werden jüdisch geprägt, christliche christlich, moslemische islamisch. Vorprägungen religiöser, kultureller oder auch politischer Art haben aber zweifellos signifikanten Einfluss auf (spätere) Entscheidungsfindungen. Wem etwa von klein auf eingetrichtert wird, dass Schweinefleisch „unrein“ sei, wird nicht mehr frei pro oder kontra Bulette entscheiden können. Wem von Kindesbeinen an eingeflüstert wird, nur Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 179 Allah sei der richtige Gott und Mohammed sein Prophet, ist nicht mehr wirklich frei in der Wahl seiner Religion. Hinzu kommt, dass jede kulturelle Sozialisation durch das (gottgegebene!) Naturell und den genetisch vorgeprägten Charakter des Individuums ergänzt wird: Ein Pianist reagiert wesentlich anders auf intellektuelle oder existenzielle Herausforderungen als ein Holzfäller, ein Kommunist anders ein Kapitalist, ein Pazifist anders als ein Militarist. Das heißt in zwingender Logik: Die Freiheit des Willens, etwas Gutes/Böses zu tun oder zu lassen, ist immer relativ und situativ, aber niemals absolut. Deshalb stellt sich die Frage, wie frei der Wille tatsächlich ist, wenn er durch individuelle und externe Komponenten massiv beeinflusst wird. Wie frei in seiner Entscheidung ist ein Soldat, der einen Befehl zum Töten erhält? Wie frei war Martin Luther, als er vor dem Wormser Reichstag eingestand: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“? Ist der Mensch wirklich „frei“ in seinem Willen, wenn die „innere Stimme“ oder eine Überzeugung ihn zu einem bestimmten Verhalten drängt? Und, ketzerisch gefragt: Wie frei waren eigentlich Moses und Joshua in ihrer Entscheidung, nach Israel/Judäa zu ziehen, um das fremde Land zu „nehmen“ und seine Einwohner gnadenlos zu töten? Dieser letzte Aspekt wird in den zahllosen Abhandlungen über Gottes Gerechtigkeit so gut wie nie thematisiert. Dabei berührt es ein Kernproblem der Theodizee: Wie soll seriös über die Gerechtigkeit Gottes geurteilt werden, wenn ein entscheidender Punkt gar nicht berücksichtigt wird? Dass nämlich jeder Hinweis auf die Problematik des Bösen obsolet wird, wenn ausgerechnet der Herrgott selbst das schlechteste Vorbild ist! Denn welche „Gerechtigkeit“ steckt hinter einer Philosophie, die den Weg des auserwähltes Volkes in das versprochene Land mit schlimmsten Gräueltaten an den unschuldigen Bewohnern legitimiert? Nach Lesart der Bibel ist es Gott persönlich, der das Böse anordnet. Wir zitieren aus Dtn 2, 24-25 und 2, 32-35: „Brecht jetzt auf “, sagte der Herr, „und überschreitet den Arnonfluss! Ich habe den Amoriterkönig Sihon, der in Heschbon regiert, in eure Gewalt gegeben. Eröffnet den Kampf gegen ihn und nehmt sein Land in Besitz. Von heute an sollen alle Völker der Erde vor euch zittern. Dafür werde ich sorgen“… Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 180 „Als nun Sihon mit seiner ganzen Kriegsmacht uns entgegenzog, gab der Herr ihn in unsere Gewalt, und wir töteten ihn, seine Söhne und alle seine Kriegsleute. Dann nahmen wir alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an ihren Bewohnern, den Männern, Frauen und Kindern. Niemand ließen wir lebend entkommen. Nur das Vieh verschonten wir, und nahmen es wie alles, was sonst noch von Wert war, als Beute“. Das gleiche Schicksal ereilte den König Og von Baschan, auch hier im Namen und Auftrag des Herrn. Das war noch unter Moses. Dessen Nachfolger Joshua profitierte in noch viel stärkerem Maße von der gütigen (?) Hand des Herrn, der in Jericho die Stadtmauern einstürzen ließ, um „seinem Volk“ zu ermöglichen, die gesamte Stadt dem Erdboden gleich zu machen und alle Bewohner (bis auf die Hure Harab) zu töten. Die gesamte Landnahme von Kanaan war angeblich im Interesse und Sinne des helfenden Herrn – wobei der biblische Begriff „Landnahme“ ein zynischer Euphemismus ist, der die gewaltsame Eroberung eines bewohnten Landes und die Gräuel des Krieges kaschieren soll. Wo also kommt das Böse her und wie gerecht ist unser Gott? Schon der Apostel Paulus hat sich in seinen Briefen mit Vehemenz darum bemüht, den grausamen Gott des Alten Testaments als Inkarnation der Gerechtigkeit darzustellen. Ungeachtet der biblischen Wirklichkeit zeichnet Paulus in seinen Briefen ein butterweiches Gottesbild und weist selbst offensichtliche Ungerechtigkeiten göttlicher Natur entschieden zurück. Das prominenteste Beispiel ist Gottes Umgang mit den Zwillingen Esau und Jakob. Tatsächlich hat der Herr an den Söhnen des Urvaters Isaak ein Exempel der Willkür statuiert, das seinesgleichen sucht. Da Gottes Wege ja unerforschlich sind, weiß man halt nicht, was den Herrn geritten hat, als er schon vor der Geburt der Kinder seine Sympathien klar verteilte: „Jakob habe ich geliebt; Esau aber habe ich gehasst“ (Mal 1, 2-3). An dieser spektakulären und unbegreiflichen Aussage haben sich im Laufe der Jahrtausende unzählige Theologen abgearbeitet. Stets geleitet von dem Ziel, Gottes Autorität zu wahren und sein Verhalten als zwar unbegreiflich, aber sakrosankt zu erklären. „Ist Gott also ungerecht?“, fragt Paulus im Römerbrief, und gibt sich selbst die Antwort: „Das sei ferne!“ Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit wurde erstmals im biblischen Buch Hiob thematisiert. Diese kanonische Schrift wird bis heute in vielfältiger Weise rezipiert und besonders von den Kirchen als Beispiel für Gottes umfassende Güte gepriesen. Von vielen Theologen wird das Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 181 Buch Hiob geradezu schwärmerisch verehrt und in den Rang eines der „bedeutendsten Werke der Weltliteratur“ (Jerusalemer Bibellexikon) erhoben. Deshalb widmen wir uns kurz dem Buch Hiob, das die Stuttgarter Erklärbibel eine „Volkserzählung“ nennt. Eine verschämte Umschreibung für den Ausdruck „Märchen“. Denn tatsächlich ist märchenhaft, was dem frommen Hiob passiert: Der offenbar mittelalte Mann lebt rechtschaffen mit großer Familie und großem Vermögen (Vieh und Ländereien) im Lande Uz. Eines Tages hält der Herrgott im Himmel eine Versammlung seiner Engel ab, wobei eine wahrhaft groteske Merkwürdigkeit auftritt: Auch der Teufel ist zur Konferenz geladen! Der Satan persönlich sitzt mit an Gottes rundem Tisch! Und es passiert eine weitere Ungeheuerlichkeit, über die biblische Exegeten gern großzügig hinweg sehen: Der Teufel animiert Gott dazu, den gottesfürchtigen Hiob auf die Probe zu stellen! Man müsse, so flüstert der Satan dem Herrn ins Ohr, Hiobs Reaktion testen. Ob der scheinbar rechtschaffene Mann tatsächlich so glaubenstreu sei, wie er sich geriert. Obwohl der Allmächtige ja alles weiß und Hiobs Glaubenstiefe also kennen müsste, geschieht das Unfassbare: Gott paktiert mit dem Teufel und erlaubt ihm, den braven Hiob zu „prüfen“. Satan, ganz in seinem Element, tut dies mit teuflischem Geschick und beginnt erstmal mit der Vernichtung von Hiobs materieller Existenz: Der brave Mann verliert sämtliches Hab und Gut. Als das nichts fruchtet und Hiob unverdrossen den Allmächtigen lobpreist, nimmt ihm der Teufel auch seine sieben Söhne und drei Töchter. Trotz dieser furchtbaren Schläge hält Hiob weiterhin dem Herrn die Treue. Deshalb forciert der Chef der Finsternis (mit Gottes Einverständnis!) den himmlischen Plan: Hiob wird nun auch noch mit schlimmen Krankheiten geschlagen, üble Geschwüre am ganzen Körper zermürben ihn schließlich und treiben ihn an den Rand des Wahnsinns. Erst jetzt beginnt das Opfer (gegenüber vier Freunden, die ihn besuchen), über sein bitteres Los zu klagen. Die Diskussion der Männer über Gottes (Un-)Gerechtigkeit und die Anmaßung des Menschen, sich darüber zu beschweren, zieht sich im Buch Hiob über fast 40 Kapitel hin, die teilweise redundant sind. Man weiß nicht warum, aber am Ende widerruft Hiob seine Klagen gegen Gott und bereut sein „Geschwätz“. Es folgt ein Happy End wie in Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 182 einem schlechten Hollywoodfilm: Der Herr verzeiht Hiob (was eigentlich?), schickt ihm seinen göttlichen Segen und beschenkt ihn überreichlich mit (neuen) Kindern, (neuer) Gesundheit und (neuem) Vermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind… Ist Hiob einfach nur ein Märchen – oder hochklassige Literatur? Nun, die entscheidende Frage lautet ganz anders: Was will uns die Bibel mit dieser grotesken Geschichte eigentlich sagen? Wie heißt die Botschaft dieser Story, die von begeisterten Hiob-Fans zum Weltkulturerbe erkoren wird? Warum spielt das Schicksal von Hiobs Frau keinerlei Rolle, obwohl ja auch sie durch den Verlust ihrer Kinder massiv betroffen ist? Was als einfache Fragen erscheint, entpuppt sich tatsächlich als schwerwiegendes Problem. Denn trotz mannigfacher Rezeption (allein die Rezeptionsgeschichte ist ein eigenständiges Thema der Literatur) gibt es keine klare, erst recht keine verbindliche Aussage, welche Weisheit sich hinter diesem unglaublichen Schicksal des Mannes aus Uz verbergen soll. Ist Hiob eine Geschichte des Gottvertrauens? Der Selbstverleugnung? Des Kadavergehorsams? Der (banalen) Erkenntnis, dass der kleine Wurm Mensch gegen den allmächtigen Gott nicht ankommt? Es liegt m. E. auf der Hand: Hiob taugt nicht als Paradigma für Gottes glorreiche Gerechtigkeit. Das Buch mag zwar ein philosophisches Werk sein, das zum Nachdenken anregt und Kernpunkte der menschlichen Psyche und seines Verhaltens zu höheren Mächten aufgreift und hinterfragt. Doch diese „Volkserzählung“ ist genau so fabelhaft wie die Geschichten von Aesop. Deshalb kann „Hiob“ auch keine Metapher sein für den Umgang des Menschen mit Gottes unerforschlichen Wegen. Eine Heilige Schrift des jüdisch-christlichen Kanons, deren Plot ein faustischer Pakt Gottes mit dem Teufel ist, taugt allenfalls als literarische Vorlage für einen Psychothriller, nicht aber für eine religiöse Kernbotschaft. Damit nicht genug der Merkwürdigkeiten: Die spektakuläre Geschichte des Brüderpaares Esau und Jakob, aufgeschrieben im 1. Buch Mose (ab Kapitel 25,19), ist genau so schlimm. Sie wird, seit Paulus und Augustinus, als treffliches Beispiel für Gottes unerklärliches Handeln und seine übergroße Gnade herangezogen. Dabei machen die bib- Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 183 lischen Autoren in aller Deutlichkeit „aktenkundig“, dass Gott tatsächlich – ungerecht ist! Und zwar auf eine Weise, die sprachlos macht: Rebekka, die chaldäische Frau von Abrahams Sohn Isaak, erwartet den ersehnten Nachwuchs. Sogar Zwillinge sollen es werden. Noch während der Schwangerschaft meldet sich Gott zu Wort und ordnet an, dass „der Ältere dem Jüngeren (zu) dienen“ habe. Esau ist der Ältere, Jakob der Jüngere. Es ist eine komplette Umkehrung der Verhältnisse, denn in der Antike galt das eherne Gesetz, wonach allein der Erstgeborene der legitime Erbe und Nachfolger des Vaters werden kann. Gott dreht dieses Prinzip nun um, ohne Anlass, ohne Erklärung. Nur der Prophet Maleachi nennt Gottes ebenso lapidare wie ungeheuerliche Begründung: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst!“ (Mal 1,2-3). Solch eine Aussage ist nicht nur höchst fragwürdig, sie ist unfassbar. Denn ein nachvollziehbarer Grund für die ungleiche Sympathie- Verteilung ist nicht im Ansatz erkennbar. Warum ist ausgerechnet Jakob der Liebling Gottes? Warum kann der Herr den Esau nicht leiden? Und das schon zu einem Zeitpunkt, als die Kinder nicht mal das Licht der Welt erblickt haben. Die Antwort darauf ist einfach, denn: Es gibt keine Antwort! Da die ungeborenen Kinder weder durch ihr Aussehen noch durch ihren individuellen Charakter oder ein spezielles Verhalten Einfluss auf die Sympathieverteilung nehmen konnten, gibt es nur eine mögliche Erklärung: Gott wollte es so, basta! Wie später bei Moses und dem Pharao galt auch hier: „Der Herr erbarmt er sich, wessen er will, und er verstockt, wen er will“. Was aus dieser Logik folgt, ist klar: Verhaltensweisen, die weder erklärbar noch begründbar sind, nennt man Willkür. Der Heilige Augustinus wollte davon natürlich nichts wissen: „Bei Gott gibt es keine Ungerechtigkeit!“, behauptete er ein ums andere Mal. In seitenlangen Abhandlungen versuchte er einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, denn die Logik, dass Gott als „Erstverursacher“ selbst der Ursprung des Übels sein könnte, durfte so nicht stehenbleiben. Augustinus scheute auch vor abstrusen Vergleichen nicht zurück, wobei sein paulinisches Töpfer-Bild (das eigentlich von Jesus Sirach stammt) am bekanntesten ist: Ein Töpfer habe ja schließlich auch „die Gewalt“ über den Ton. Er könne aus dem gleichen Stoff entweder ein Gefäß zur Ehre (z.B. einen Kelch) oder ein Gefäß zur Schande (z.B. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 184 einen Nachttopf) machen. Die gleiche Logik gelte für Künstler: „Sagt etwa ein Gebilde zum Maler: Warum hast du mich so gemacht?“ Um seine verwegenen Thesen, die totes Ton-Material mit Gottes Premium- Geschöpfen vergleicht, zu untermauern, zitiert Augustinus immer wieder Paulus: „Mensch, wer bist du denn, das du mit Gott rechten willst!?“ Aber ist es wirklich „rechten mit Gott“, wenn man hinterfragt, warum die Welt, in der wir leben, ein Sinnbild der Ungerechtigkeit ist? Wenn Gott diese Welt so erschaffen hat, wie sie ist, mit all ihren schrecklichen Facetten, dann leitet sich daraus eine unabweisbare Konsequenz ab, die auch die paulinisch-augustinische Rabulistik nicht entkräften kann: Dann wollte Gott diese Welt so und nicht anders. Dann wollte er eine Welt, in der (auch) das Böse zuhause ist. In der es Kriege und Bomben, Gemetzel und Zerstörung gibt, Überschwemmungen, Erdbeben, Waldbrände, Seuchen und andere Katastrophen. In der Krebs, Pest, MS, Tuberkulose und HIV wüten, in der schöne und hässliche, kluge und dumme, arme und reiche Menschen leben. Gott hat sich offenbar etwas dabei gedacht, als er das Böse in die Welt implantierte. Und wenn der Mensch seinen Verstand benutzt, versteht er auch warum: Nur die gegenseitige Bedingtheit und Ergänzung zweier Pole, die korrelative Polarität, ergibt ein sinnvolles System. So wie „oben“ ein „unten“ erfordert, „dunkel“ ein „hell“, so wie Temperatur nicht ohne den Unterschied zwischen „heiß“ und „kalt“ auskommt, so braucht das Gute auch das Böse als komplementäres Gegengewicht. Das Gute ist nur als Kontrast zum Bösen gut, sonst wäre es neutral. Tatsächlich lässt sich eine Welt ohne das „Böse“ auch gar nicht denken. Das Schlechte ist der Treiber für die notwendige Dynamik, die das ausgeklügelte System in Gang hält. Die hypothetische Vorstellung, der Menschheit ginge es ohne das Böse besser, ist nicht mal im Ansatz konsequent durchdacht. Denn: Nach den Gesetzen der Logik würde eine „rein gute“ Welt die Instrumente, die zur Bekämpfung des Bösen notwendig sind, komplett überflüssig machen. Man bräuchte dann keine Soldaten und keine Waffenindustrie mehr, keine Polizei, keine Gerichte, keine Gefängnisse. Es gäbe auch keine Mörder, Räuber und Betrüger mehr, damit auch keine Krimis, keine Thriller, keine spannenden Bücher und Filme, weil sie in ihrer Grundstruktur allesamt vom konträren Dualismus leben, von der Kraft des Bösen, das vom Guten Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 185 besiegt wird. Ja, in einer Welt ohne den Teufel, ohne böse Absichten, Begierden und Intrigen gäbe es in zwangsläufiger Konsequenz auch keine Sünde mehr – und damit auch keine Kirche und keine Religion! Letztlich würde sogar Gott selbst überflüssig werden in einer Welt, in der nur Gutes geschieht: Jesus und sein Kreuzestod wären obsolet gewesen! Und, auch interessant: Eine Welt ohne Arg und List, ohne Hass und Neid, und vor allem ohne Gewalt, wäre nach aller Logik, die uns zur Verfügung steht, weder wünschenswert noch lebensfähig! Sie würde, weil jede Spannung aus ihr weichen würde, sofort verdorren, vor Langeweile eingehen, geistig und emotional ersticken. Auch wenn fromme Zeitgenossen es nicht wahrhaben wollen: Die Initialzündung für all das Böse und Schlechte, das im malum physicum, malum morale und malum metaphysicum seinen irdischen Ausdruck findet, lässt sich nach Lage der Dinge nur dem Schöpfer, nicht aber den Geschöpfen zuweisen. Denn ein Wesen, das nicht aus sich selbst heraus existiert, kann auch nicht aus sich selbst heraus handeln. Es kann nur gemäß den Prinzipien handeln, die ihm „von der Natur“ (Gott?) mitgegeben wurden. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 186 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Geschenk Gottes“, heißt es in der Stuttgarter Erklärbibel. Das ist zweifellos richtig, denn als der Herrgott Adam und Eva erschuf, dachte er an Sex: In weiser Voraussicht hat der Allmächtige seinen Geschöpfen Geschlechtsorgane mit Lust-Rezeptoren spendiert und damit eine geniale Fortpflanzungsmethode erfunden. Weil die geschlechtsreifen Menschen seither eine solch starke körperliche „Lust“ aufeinander haben, dass es ihnen nicht (immer) möglich ist, den damit einher gehenden physiologischen Prozess der Erregung einzudämmen oder gar zu verhindern, war der Nachwuchs für alle Zeiten gesichert. Doch obwohl der Herr das Lustprinzip gewollt hat, sollte sich genau diese sensitiv-emotionale Körperlichkeit zu einem der größten Probleme der Religion (und der Menschheit) entwickeln. Denn mit dem sexuellen Trieb, der nur begrenzt steuerbar ist, hatten die Menschen seit Anbeginn der biblischen Schöpfung ihre Schwierigkeiten. Vor allem, wenn sie gläubig waren. Adam und Eva kamen nackt auf die Welt, „wie Gott sie schuf “. Wir wissen leider nicht, wie lange sich die beiden Urmenschen im Paradies tummeln durften, bis dann die Sache mit dem Apfelbaum passierte. Nach menschlicher Erfahrung müsste man davon ausgehen, dass sich Adam und Eva schon bald „erkannt“ haben, wie das in der Bibel verschämt ausgedrückt wird. Auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass das erste Liebespaar der Welt im Paradies den Geschlechtsverkehr praktiziert hat, weil dieser heilige Ort mit ekstatischen Handlungen nicht so recht kompatibel ist: Gott hat seinen Geschöpfen eine Sexualität mitgegeben, die genau so natürlich betrachtet werden muss wie alle anderen physiologischen Vorgänge (schlafen, essen, trinken, verdauen etc). Deshalb ist es überaus spannend zu erforschen, wie einer der natürlichsten Prozesse des Menschseins zu einer schweren „Sünde“ verkommen konnte. Kapitel 14 187 Vielleicht sind Glaube und Sexualität ja natürliche Gegner, weil sie beide geheimnisvoll und irgendwie unheimlich sind. Beide sind schwer zu verstehen, und beide sorgen sie seit Menschengedenken für Streit, Zorn, Frust, Enttäuschung und Gewalt. Vor allem, weil der „eifersüchtige Gott“ (2. Mos 20,5) das emotionale Laster der Eifersucht auch seinen Geschöpfen eingepflanzt hat, besonders bei der erotischen Liebe. Hier funktioniert nämlich auch auf Erden das egoistische Gottesprinzip, der Einzige sein zu wollen: „Ich bin der Herr, dein Gott! Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!“ So empfinden auch Milliarden Menschen beim sexuellen Sparring: „Ich bin dein Freund und Partner. Du sollst keine fremden Männer/Frauen neben mir haben!“ Schön wär´s. Die Liebe geht eigene Wege, eigentümliche Wege, sie sind oft nicht mal für die Betreffenden selbst zu verstehen, geschweige denn für einen Dritten. Deshalb kann auch das Diktum des Nazareners Jesus Christus als weltfremd betrachtet werden, der gerne Moses zitierte: „Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!“ (5. Mos 6,5). Dazu ganz allgemein: Wie soll man denn jemanden lieben, den man gar nicht kennt? Und im besonderen: Wie soll man ausgerechnet den Gott des Alten Testaments lieben können, der wie ein zorniger Tyrann unentwegt seinen Geschöpfen droht, sie noch „bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern“ zu verfolgen, wenn sie nicht parieren (2. Mos 20,5)? Wie soll man einen barbarischen Gott lieben, der seine Geschöpfe unterschiedslos, Mensch und Tier, bei einer Sintflut ersaufen lässt? Liebe ist kein Gefühl, das sich verordnen lässt oder durch Drohungen erzwungen werden kann. Wer zwanghaft liebt, liebt unehrlich. Das hätte Jesus eigentlich wissen müssen. Doch wir sind hier beim Thema Sex. Das hat zwar zweifellos etwas mit Liebe zu tun, aber nur am Rande. Denn Sex kann der Mensch, wie die Natur und die Erfahrung lehren, durchaus auch ohne emotionale Wärme praktizieren. Kalt und mechanisch, wenn es sein muss, „wie die Tiere“. Dann geht es hauptsächlich um Triebabfuhr, eine ärgerliche Veranlagung von Lebewesen, deren Hormone sich nicht um den Willen des Körpers oder gar des Geistes scheren. Schon der Heilige Augustinus hat sich darüber aufgeregt, dass „es“ immer dann kommt, wenn man „es“ nicht braucht. Und oft gerade dann den Dienst verweigert, wenn man(n) dringend darauf angewiesen ist… Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 188 Die Leibfeindlichkeit in Religion und Gesellschaft hat schleichend eingesetzt. Anthropologen und Ethnologen vermuten, dass die frühen Menschen noch recht ungeniert kopuliert haben. Auch zur Königszeit des Alten Testaments (ca 1000 – 587 v. Chr.) war man wahrlich nicht prüde, wie die Bücher der Könige und des Propheten Samuel zeigen. Schon vor seiner Zeit als König Israels war David ein Frauenheld, der sich nahm, was er wollte, auch wenn die Frau verheiratet war. Wie ungeniert man zu jener Zeit mit der körperlichen Liebe umging, zeigt vor allem das „Hohelied der Liebe“, das König Salomo zugeschrieben wird (der eine leidenschaftliche Beziehung zur Königin von Saba unterhalten haben soll). Dieses Lied hat, obwohl an einigen Stellen durchaus pikant, trotz der Prüderie des Christentums die Aufnahme in die „Heiligen Schrift“ geschafft (Ausschnitte): Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. Er erquickt mich mit Traubenkuchen, und labt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt mich… Siehe, meine Freundin, du bist schön. Siehe, schön bist du!… Deine Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter Lilien weiden… Wir schön und lieblich bist du, die Liebe voller Wonnen! … Lass deinen Mund sein wie guter Wein, der meinem Gaumen glatt eingeht, und Lippen und Zähne mir netzt! Meinem Freund gehöre ich, und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld gehen, und unter Zyperblumen die Nacht verbringen… Die sexuelle Libertinage war phasenweise in allen Kulturen zuhause, aber nie von Dauer. Schon bei den Babyloniern und den alten Griechen fanden sich immer wieder asketische Geister, die auf „tugendhafte“ Lebensweise pochten. Im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen Selloi (Wahrsagepriester) und Bakiden (Sühneschreier) körperliche Kasteiung als Seelenbeglückung Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 189 zu predigen, und schon früh wurde der Geschlechtsakt mit dem Begriff der „Befleckung“ in Verbindung gebracht. Bei vielen Völkern und Stämmen wurde es üblich, nach dem Akt eine Bad zu nehmen (um sich zu reinigen) und ein Weihrauchopfer zu bringen. Damit war die Verbindung zum Sakralen hergestellt. Ihren ersten Höhepunkt erlebte die asketische Entwicklung im 6. Jahrhundert v. Chr., als die „Orphiker“ (benannt nach dem musischen Mythos Orpheus) zur Blüte kamen und eine Art „Erlösungsreligion“ praktizierten. Asketisches Leben mit der Verleugnung des Leibes wurde modern, bis der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras („a2+b2=c2“) anfing, die Frau als „schlechtes Prinzip“ zu diffamieren. Damit war der Bann gebrochen. Es begann eine Periode der Leibfeindlichkeit, vor der sogar große Geister nicht gefeit waren. So meinte etwa der berühmte Philosoph Platon (428-348 v. Chr.) allen Ernstes, der Leib sei „ein Übel für die Seele“. Zwar hatte Platon eine Geliebte, um seiner „Natur zu genügen“, doch allzuviel hielt er weder von Frauen noch von Sex allgemein. Platons nicht minder prominenter Schüler Aristoteles, (384-322 v. Chr.) sah das Problem weniger eng, betonte aber ebenfalls den Vorteil der Tugendhaftigkeit. Erst Epikur (341-270 v. Chr.) predigte wieder die Lust als Prinzip. Allerdings meinte er vor allem „Lebenslust“ und „Seelenheil“. Die hedonistische Interpretation seiner Lehre war die Reaktion seiner (späteren) Kritiker. Auch der Apostel Paulus neigte zur Leibfeindlichkeit. Der Humanist und Schriftsteller Karlheinz Deschner (1924-2014) nannte Paulus in seinem Bestseller Das Kreuz mit der Kirche den „größten Prediger christlicher Sündenpsychose“. Tatsächlich hat der Apostel schon in seinem Römerbrief die Menschen als „Sklaven und Knechte der Sünde“ gegeißelt und unentwegt davor gewarnt, dass der Leib „von der Sünde beherrscht“ sei. Doch erst der innige Paulus-Verehrer Augustinus hat die Sexualität des Menschen theologisch systematisiert. Der später zum wichtigsten Kirchenvater und -lehrer aufgestiegene Augustinus entwickelte sich zu einem wahren Sexualneurotiker. Vor seiner Konvertierung zum Christentum der sinnlichen Begierde durchaus zugetan, spazierte er in jungen Jahren nach eigener Aussage „in den Bädern“ sogar mit einer Erektion umher, die sein Vater „vergnügt“ zur Kenntnis nahm und den Sohn bei der Mutter verpetzte, gerade so, „als könnte er dadurch schon mit Enkeln rechnen“ (Bekenntnisse, 2. Buch, Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 190 III). Augustin meinte sich bei seinen Altersgenossen schämen zu müssen, „wenn ich es weniger schamlos trieb als sie“. Nun, später machte der reuige Sünder ja alles wieder gut. Wie sehr ihn der Sexualtrieb in seinen testosterongesteuerten Jahren quälte, wird aus einem seiner besten Zitate deutlich: „Herr gib mir Keuschheit – aber noch nicht jetzt!“ Obwohl die frühen Päpste, Bischöfe, Priester und Mönche auch am eigenen Leib spürten, wie heftig das sexuelle Verlangen sein konnte, und obwohl sie wussten, dass die Sexualität des Menschen „gottgewollt“ und notwendiger Teil der Fortpflanzung war, verteufelten sie die Lust – der anderen. Selbst nahmen sie es mit der Keuschheit nicht so genau, wie hinlänglich belegt ist. Sogar viele Päpste hatten Kinder und Mätressen. Diese Abbildung eines unbekannten Künstlers um 1700 geht auf den holländischen Maler Cornelis van Haarlem zurück und zeigt eine Nonne, die recht offenherzig dem Drängen eines Mönches nachgibt. Das theologische Problem ist aber nicht, wie Augustinus persönlich mit seiner Sexualität umging, sondern welche Konsequenzen er für die christliche Lehre daraus zog. Augustinus prägte in seinen Schriften wie kein anderer die christliche Moralvorstellung hinein bis in die Neuzeit Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 191 und verteufelte die „Konkupiszenz“ (Begierde, Neigung zur Sünde). Ja, er ging soweit, selbst den ehelichen Beischlaf grundsätzlich zu verurteilen und alles Sexuelle mit den Attributen „scheußlich“, „höllisch“ und „eklig“ zu belegen. Wenn es denn gar nicht anders ginge, meinte er (wie Paulus) allen Ernstes, müsse man zur Zeugung des Nachwuchses halt miteinander verkehren, aber ratsam sei auch für Eheleute die Enthaltsamkeit. Am allerbesten sei, wie seine theologischen Nachfolger Wilhelm von Champeaux und Robertus Pullus propagierten, wenn der eheliche Akt „ohne Hitze“ vollzogen würde, also sachlich-mechanisch. Um sich persönlich von der furchtbaren Konkupiszenz zu befreien, griffen fromme Geister wie der Heilige Origenes sogar zur ultima ratio: sie kastrierten sich selbst, um dem drängenden Trieb im Unterleib den Garaus zu machen und dem Herrn in göttlicher Keuschheit dienen zu können. Fragt sich nur, ob der Herr diese „Reinheit“ tatsächlich gewünscht hat – schließlich gab er dem Menschen ja sowohl Geschlechtsorgane als auch den Geschlechtstrieb (und damit die Lust) ganz bewusst mit hinein ins irdische Leben. Interessant ist in diesen Zusammenhang, dass sich Jesus Christus selbst nie direkt zum Thema Sexualität geäu- ßert hat. Zwar kann man aus seinen Worten durchaus entnehmen, dass Ehebruch für ihn ein schlimmes Vergehen war. Die Sittengesetze stammten ja aus dem jüdischen Tanach, und Jesus war ein orthodoxer Jude. Schade aber, dass niemals bekannt wurde, wie der Gottes- und Menschensohn als junger Mann selbst mit seinen erektilen Problemen umgegangen ist. Vor allem jüdische Quellen (die Juden nahmen die Geschichtsschreibung schon damals sehr ernst) legen die Vermutung nahe, dass Jesus diesbezüglich völlig normal war – weil er verheiratet gewesen sein muss. Was Christen als absolutes Tabu betrachten und in heller Empörung ablehnen, ist für das Judentum (aus dem das Christentum entstand) eine Selbstverständlichkeit: Jesus war verheiratet. Der Beweis für die Ehelichkeit des Predigers aus Nazareth wird indirekt erbracht und die Logik ist zwingend: Obwohl Jesus schon zu Lebzeiten in Galiläa und in Jerusalem bekannt und berühmt war, steht in den Evangelien oder anderen Schriften kein Sterbenswörtchen über seinen Familienstand. Ledig, verheiratet, verwitwet, kinderlos? Das verräterische Schweigen darüber erfährt seine besondere Bedeutung aufgrund der Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 192 Tatsache, dass Verheiratetsein im Judentum und im gesamten nahöstlichen Kulturraum praktisch eine Pflicht war. Wer als Mann nicht verheiratet war, wurde verachtet. Aber es gibt noch eine Reihe weiterer Indizien, die nahelegen, „dass Jesus tatsächlich verheiratet war“ (der jüdische Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin): Der Nazarener wurde von seinen Jüngern mit „Rabbi“ angeredet. Ein unverheirateter Rabbi aber war im alten Judentum nicht denkbar. Jesus war Jude und er hat sich streng am Gesetz orientiert. Dort steht unmissverständlich geschrieben: „Wer kein Weib hat, ist ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück, ohne Tora, ohne Mauer (gegen die Begierde), ohne Frieden. Ein Mann ohne ein Weib ist kein Mensch!“ (Jebamoth 62b). Zudem hätten Jesu Jünger ihren Meister mit Sicherheit danach gefragt, warum er denn nicht verheiratet sei. Das wichtigste Argument aber: Seine Gegner, insbesondere die Pharisäer und Sadduzäer, hätten seine Ehelosigkeit mit Gewissheit instrumentalisiert und ihm diese „Schande“ vorgeworfen! Doch dazu schweigen die Evangelisten – mit einer interessanten Ausnahme: Ausgerechnet der Evangelist Johannes lässt Jesus in seinem achten Kapitel mit den Pharisäern diskutieren, die ihm vorwerfen, ein falsches Zeugnis abzulegen, weil er zu seinen Thesen keine Beweise liefere: „Du gibst nur Zeugnis von dir selbst!“ Dann fragen sie: „Wo ist dein Vater?“, bis sie schließlich, offenbar in Kenntnis der wabernden Gerüchte, einen schlimmen Verdacht nähren: „Wir sind nicht unehelich geboren!“ (8,41). Vermutlich waren die Pharisäer auch irritiert, dass Jesus so ungeniert die Nähe zu Zöllnern (=Sündern) und Dirnen (=Sünderinnen) pflegte. Diese Randgruppen der Gesellschaft hat Jesus nie verurteilt, im Gegenteil: Die lüsternen Pharisäer, die sich über eine angebliche Ehebrecherin aufregten, blamierte er mit einem genialen Spruch, der alle Zeiten überdauern wird: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Steinewerfen war im Altertum übrigens groß in Mode. Jahwe höchstselbst war der Ansicht, dass Sünder und ungehorsame Söhne gesteinigt werden müssen (5. Mos 21,18-21). In Kapitel 20 des 3. Buches Moses ist seitenlang aufgezeichnet, welche Strafen der Allmächtige für die Sünden der Unzucht vorgesehen hat: Wenn jemand die Ehe bricht oder mit seiner Schwiegertochter „Umgang pflegt“, wenn jemand mit der Frau seines Oheims verkehrt, „bei einem Tier liegt“ oder Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 193 „bei einem Mann wie bei einer Frau“, dann sollen alle diese Sünder „ausgerottet werden“ und „des Todes sterben“. Da kannte der Herr kein Pardon. Wie später auch viele seiner Apologeten. Das viele Gift, das eifernde Kostverächter wie Paulus, Origenes, Augustinus oder Thomas von Aquin (und viele andere Scheinheilige) mit ihren Brandreden gegen den Sexus verspritzt haben, war außerordentlich nachhaltig, mit einer Halbwertzeit wie Plutonium: Jahrtausende lang litten die Menschen unter den Schuldgefühlen, die ihnen von den Klerikern eingeredet wurden. Abermillionen Männer und Frauen waren und blieben sexuell verklemmt, der eigentlich so sinnenfrohe Geschlechtsakt machte ihnen permanent ein schlechtes Gewissen. Unendlich viele Pubertierende, deren Geschlechtstrieb erwachte, stöhnten im wahrsten Wortsinn über dem Gebot der Keuschheit, das auf natürlichem Wege nicht einzuhalten war: Die Produktion der Samenflüssigkeit ist von der Natur ebenso physiologisch gesteuert wie der zwangsläufige Erguss (Pollution). Der Heilige Augustinus ging bei seiner Sittenlehre professionell vor. Seine unumstößliche Prämisse war: Gott ist gerecht! Wenn Gott also gerecht ist, und der Mensch eine Strafe erfährt, dann muss der Mensch, so Augustins Logik, in Adam sündig geworden sein. Und weil die Sünde durch die fleischliche Begierde (Konkupiszenz) ausgelöst werde, folgerte der Kirchenvater, sei der Zeugungsakt mitschuldig an der Misere. Damit war die Grundlage für eine jahrtausendelange Verfemung der Sexualität gelegt. Theologen und Priester im frühen Mittelalter formulierten immer schärfere Regeln, verboten den Beischlaf an Sonntagen, Feiertagen, oft auch an bestimmten Wochentagen, wochenlang vor und nach einer Geburt, während der Menstruation, am Ende sogar drei Tage vor dem Kirchgang, weil das Ehepaar ja „unrein“ war und sich „befleckt“ hatte. Zum christlichen Ideal wurde die „Josefs- Ehe“ erhoben, wobei die Groteske darin bestand, dass Josef und Maria ja gerade keine geschlechtslose Ehe geführt haben: Jesus hatte, ausweislich der Bibel, noch mindestens vier Brüder und drei Schwestern. Doch der Sexualpessimismus der späteren Kirche hatte da längst seine Wirkung entfaltet: Selbst im 20. Jahrhundert noch weigerten sich fromme Frauen, ihre „eheliche Pflicht“ bei (Tages-)Licht zu erfüllen. Viele hängten sogar das Kreuz im Schlafzimmer ab oder drehten Jesusbilder um – der Herr sollte den „schmutzigen“ Akt nicht sehen. Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 194 Die Doppelmoral in Klöstern und Pfarrhäusern, aber auch bei frommen Familien, nahm atemberaubende Ausmaße an. Während sich lustgeplagte Mönche und Nonnen tagelang geißelten, um die sündige Begierde gewaltsam zu vertreiben, erlagen viele immer wieder der Schwäche des Fleisches, was ihr Gewissen noch mehr belastete. Der Autor Karlheinz Deschner hat auf fast 500 Seiten unglaubliche Vorkommnisse zusammengetragen, die allesamt historisch belegt sind (Das Kreuz mit der Kirche, Econ-Verlag). Demnach wurde die Selbst- Kasteiung im Mittelalter zur Tugend erhoben, praktisch alles unterhalb der Gürtellinie war tabu. Generationen von Jugendlichen wurde die Onanie mit der Warnung madig gemacht, Selbstbefriedigung sei nicht nur eine Todsünde, sondern führe zu „Aussatz“ und „Rückenmarksschwund“. Homosexualität wurde als abartig angesehen und als peccata in coelum clamantia, als eine „himmelschreiende Sünde“ verunglimpft. Die Diskussion wurde so absurd, dass der berühmte Kirchenlehrer Thomas von Aquin den Frauen empfahl, ihre lüsternen Ehemänner mit „eifrigstem Bemühen“ vom Beischlaf abzuhalten. Einmal wurde der Sex mit einer schönen Frau als größere Sünde diffamiert, weil er „mehr ergötze“ (der Theologe Petrus Cantor); ein andermal war der Verkehr mit einem schönen Weib weniger schlimm, weil der Mann durch den betörenden Anblick „ja mehr gezwungen wird“ (der Theologe Alanus von Lille). Die Sexualneurose der Kirchenmänner wurde so grotesk, dass am Ende gepredigt wurde, Sex während der Stillzeit würde die Muttermilch verderben, und häufiger Geschlechtsverkehr lasse die Menschen „schneller altern“, weil die „Gehirnzellen zerfallen“. Selbst unfreiwillige Lust wurde bestraft: Wer aufgrund seiner keuschen Lebensweise „gegen seinen Willen eine Pollution erleidet“, so hieß es in einem mittelalterlichen Bußebuch, der müsse „sieben Tage Buße tun, 50 Psalmen beten und am Mittwoch und Freitag bis zur Vesper fasten“ (Peter Browe: Sexualethik im Mittelalter, Breslau 1932). Die Sexualmoral der christlichen Kirche verfiel immer mehr, erst ins Groteske, dann sogar ins Kriminelle. Die – fast ausschließlich von Männern dominierte Debatte – führte zur Verklemmung ganzer Generationen und war mitentscheidend für die dauerhafte Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Eine unbekannte Zahl bigotter Eiferer der Kirche, die ihre Konkupiszenz selbst nicht in den Griff bekamen, Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 195 missbrauchten Schutzbefohlene bis in die heutige Zeit hinein. Nicht selten gingen sie danach ins Haus Gottes und predigten Keuschheit. Im Namen des Herrn. Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 196 Religion als Quelle der Gewalt Oder: Was der Glaube angerichtet hat „Ich bilde das Licht und schaffe die Finsternis, ich bewirke das Heil und schaffe das Unheil, ich bin´s, Jahwe, der dies alles tut“ (Jes 45,7) Gläubige Menschen gelten in der Regel als friedfertige Zeitgenossen, die zu ihrem Gott beten und zumindest versuchen, ein „anständiges Leben“ zu führen, ein „guter Mensch“ zu sein und die Gebote der Kirche, bzw. der Religion zu befolgen. Dieser ethisch wertvolle Ansatz, der als moralische Essenz fast jeder Religion und als Gottes Kernbotschaft für das Leben auf der Erde verstanden wird, hat einen Ursprung (auch) in den „Zehn Geboten“ der Juden und Christen. Zugleich stellen diese Gebote in allgemeiner Form einen universellen Anspruch der Menschheit dar, der nicht nur theologisch begründet ist. Auch in Naturreligionen und bei Atheisten gehören die ethischen Prinzipien, Vater und Mutter zu ehren, anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen und deren Hab und Gut zu respektieren, zum grundsätzlichen Bestandteil ihrer inneren und äußeren Verfasstheit. Soweit zur Theorie. Die Praxis erzählt uns eine andere Geschichte, eine blutige Geschichte, eine Geschichte des Grauens. Denn seit die Menschen sesshaft geworden sind (als Nomaden waren sie viel mehr aufeinander angewiesen), hauen sich „Gottes edelste Geschöpfe“ gegenseitig die Köpfe ein, erbeuten oder stehlen Hab und Gut der anderen, okkupieren deren Land und versklaven, unterdrücken oder erniedrigen Mitmenschen. Die Geschichte der Welt ist eine wahnwitzige Geschichte des Krieges, der Barbarei und der Zerstörung. Alle nur denkbaren Verbrechen, an Mensch, Tier und der Natur, sind begangen worden und werden weiter begangen. Kein Gott und keine Moral, kein Gesetz und keine Regeln haben daran je etwas ändern können. Der Kapitel 15 197 Mensch, so könnte die Schlussfolgerung nun lauten, ist demnach tatsächlich – wie von Gott selbst beklagt – „von Grund auf schlecht“ (1. Mos 6,5). Das Problem von Schuld und Sühne auf Gottes schöner Erde wurde bereits an anderer Stelle erörtert (Kapitel 12). Hier wollen wir uns jetzt auf die Frage konzentrieren, was im Namen Gottes schon alles verbrochen wurde und wer dafür verantwortlich ist – und da fällt uns als erster der Allmächtige selbst ein! Wer die Bibel aufmerksam liest, kommt nicht an der Tatsache vorbei, dass der Gott der Juden und Christen seinen Geschöpfen ein wahrhaftig schlechtes Beispiel gegeben hat. Seine Worte und sein ganzes Verhalten lassen keinen anderen Schluss zu, wie jeder Leser selbst beurteilen kann, wenn sie/er den folgenden Abschnitt „Worte des barmherzigen Gottes“ liest. Selbst die Kirche in Rom, sonst nie verlegen, die Welt der Bibel in den schönsten Farben zu malen, gibt offen zu: „Eines der großen Hindernisse, um die ganze Bibel als inspiriertes Wort Gottes anzunehmen, sind Gewalt und Grausamkeit, besonders im Alten Testament, die in vielen Fällen Gott selber befiehlt.“ (Päpstliche Bibelkommission, 22. Februar 2014). Allerdings wäre die Kirche nicht die Kirche, würde sie nicht doch einen (Aus-)Weg finden, Gewalt und Grausamkeit so zu erklären, dass sie am Ende ganz niedlich daher kommen und immer einen gewissen Sinn haben. In der Verlautbarung des Heiligen Stuhls Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift ist dies unter Punkt 125 ff nachzulesen. Die folgende Auflistung der „wahren Worte Gottes“, die allesamt aus der Bibel stammen und offiziell also „irrtumsfrei“ sind (Katechismus der Katholischen Kirche, neu herausgegeben von Papst Benedikt XVI. am 28. Juni 2005) und die Liste der Kriege und Verbrechen, die im Namen Gottes verübt worden sind, erheben selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist nur eine kleine Auswahl. Worte des barmherzigen Gottes „Ich will die Menschen, die ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis zum Vieh, dem Gewürm und den Vögeln unter dem Himmel. Denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe“ (1. Mos 6, 7) Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 198 „Da ließ der Herr Feuer und Schwefel regnen über Sodom und Gomorrah, und vernichtete die Städte und die ganze Gegend, alle Einwohner und was auf dem Lande gewachsen war“ (1. Mos 19, 24-25) „Isaak habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst!“ (Mal 1,2-3) „So spricht der Herr: Um Mitternacht will ich durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt im Land soll sterben, vom ersten Sohn des Pharao an bis ersten Sohn der Magd“ (2. Mos 11,4-5) „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde“ (2. Mos 21,24-25) „Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ (2. Mos 22,17) „Du sollst die Götter der anderen (Völker) nicht anbeten, noch tun, was sie tun, sondern du sollst ihre Steinmale (Heiligtümer) umreißen und zerbrechen“ (2. Mos 23,24) „Werdet ihr mir aber nicht gehorchen und meine Gesetze befolgen,… so will ich euch heimsuchen mit Schrecken, mit Auszehrung und Fieber, dass euch die Augen erlöschen und das Leben hinschwindet“ (3. Mos 26,14-16) „Als die Israeliten in der Wüste waren, fanden sie einen Mann, der Holz auflas am Sabbat. … Der Herr aber sprach zu Moses: Der Mann soll des Todes sterben, die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager“ (4. Mos 15,32-35) „Und sie zogen aus zum Kampf gegen die Midianiter, wie der Herr es Moses geboten hatte, und töteten alles, was männlich war. …Und die Israeliten nahmen gefangen die Frauen der Midianiter und ihre Kinder. All ihr Vieh, ihre Habe und alle ihre Güter raubten sie, und verbrannten mit Feuer all ihre Städte“ (4. Mos 31,9-11) „Und Moses wurde zornig über die Hauptleute des Heeres, und sprach zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen leben lassen? … So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrau sind. Aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch am Leben“ (4. Mos 31,14-18) „Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht,…. so sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe“ (5. Mos 21,18-21) „Wenn zwei Männer miteinander raufen und die Frau des einen hinzukommt, um ihren Mann aus der Gewalt des anderen zu befreien, und wenn sie die Hand ausstreckt und dessen Schamteile ergreift, dann sollst du ihr die Hände abhacken. Du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen“ (Dtn, 25,11-12) Oder: Was der Glaube angerichtet hat 199 „Da erhob das Volk ein Kriegsgeschrei und man blies die Posaunen. Da fiel die Mauer (von Jericho) um und das Volk stieg zur Stadt hinauf, ein jeder stracks vor sich hin. So eroberten sie die Stadt und vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwertes, an Mann und Weib, Jung und Alt, Rindern, Schafen und Eseln“ (Jos 6,20-21) „Gepriesen sei unter den Frauen Jael, … sie griff mit ihrer Hand den Pflock, und mit ihrer Rechten den Schmiedehammer, und zerschlug Siseras Haupt, und zermalmte und durchbohrte seine Schläfe“ (Ri 5,24-26) „Da sandte die Gemeinde zwölftausend streitbare Männer und gebot ihnen: Geht hin und erschlagt mit der Schärfe des Schwertes die Bürger von Jabesch in Gilead mit Weib und Kind!“ (Ri 21,10) „Und sie geboten den Benjaminern: Geht hin und legt euch auf die Lauer in den Weinbergen. Wenn ihr dann seht, dass die Töchter Silos zum Reigentanz hinausgehen, so brecht hervor und raubt euch jeder eine Frau“ (Ri 21, 21) „Und so ziehe nun hin und schlage Amalek, und vollstrecke den Bann an allem, was er hat und schone ihn nicht; sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel!“ (1. Sam 15,3) „Wenn du aber nicht gehorchen willst dem Herrn deinem Gott,… so wird der Herr dir die Pest anhängen, bis er dich vertilgt hat… dich schlagen mit Auszehrung, Entzündung, Fieber, Getreidebrand und Dürre… Der Herr wird dich schlagen mit ägyptischem Geschwür, mit Pocken, Grind und Grätze, dass du nicht geheilt werden kannst… Er wird dich schlagen mit Wahnsinn, Blindheit und der Verwirrung des Geistes…“ (Dtn 28). Was die Religion (bislang) angerichtet hat (Um zu zeigen, dass Gewalt im Namen Gottes kein christliches, sondern allgemein ein religiöses und universelles Phänomen ist, sind in dieser Auflistung auch Vorgänge enthalten, die von Gläubigen anderer Religionen verübt wurden). Menschenopfer Mit der „Erfindung“ der Religion, seit der Mensch in früher Vorzeit sein Denkvermögen und ein Selbst-Bewusstsein entwickelt hat, geht der Opferbrauch einher. Um höhere Wesen und Götter milde zu stimmen, und um „böse Geister“ zu vertreiben, haben die Menschen „Opfer“ dargebracht. Am Anfang waren es Trank- Speise- und Rauchopfer, dann Tieropfer – und für eine lange Zeit sogar Menschenopfer. Viele der Mythen, Märchen und Sagen, die in der Stein- oder Bronzezeit Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 200 entstanden sind, haben deshalb durchaus einen realen Hintergrund: die Menschen damals glaubten fest an Götter und Dämonen, sie glaubten an die Macht der Riten. Sie glaubten, den Göttern Opfer darbringen zu müssen, um ihre Gunst zu erhalten oder zu gewinnen, damit das Land fruchtbar werde. Sie glaubten den phantastischen Beschwörungen der Priester und Schamanen. Weil sich aus diesem übernatürlichen Geisterglauben heraus überall auf der Welt die Lebenswirklichkeit abgeleitet hat, gehören Riten und Religionen, Beschwörungen, Überlieferungen und "heilige Schriften" zum kulturellen Erbe der Menschheit, die zum tieferen Verständnis unserer Geschichte beitragen. Diese Geschichte aber, wer wüsste das nicht, hat erschreckende Seiten. Zu welchen Handlungen unsere Ahnen fähig waren, welch abenteuerliche Vorstellungen und Phantasien sie entwickelt haben, wirkt heute unfassbar, ja surreal. Viele der schlimmsten Auswüchse metaphysischer Verirrung sind zwar überwunden, aber sie wirken nach, und sie prägen noch heute die Riten und Relationen der praktizierten Religionen auf unserem Planeten. Generationen von Menschen, von der Steinzeit über die Antike bis ins späte Mittelalter hinein, waren geradezu besessen von dem Drang, die Götter und Dämonen zu besänftigen. Dabei machten sie auch vor Menschenopfern nicht Halt. Dieses Phänomen war weltweit zu beobachten und keineswegs auf den Orient oder Europa beschränkt. Der schottische Ethnologe James George Frazer hat dazu erschütternde Beispiele zusammengetragen (in: Der goldene Zweig, rowohlt). So haben etwa die Menschen in Ecuador alljährlich Kinder für die Ernte geopfert. Ähnlich in Peru, Mexiko oder bei den Pawnees (Sioux-Indianer), bei denen nur Mädchen das Opferschicksal erleiden mussten. In Lagos (Guinea) war es lange Zeit Sitte, ein junges Mädchen zum Frühlingsanfang zu pfählen, um eine gute Ernte zu erlangen. Als „bekanntesten Fall von Menschenopferung“ nennt Frazer die Praxis der Khonds in Bengalen, der Erdgöttin Tari Pennu Kindsopfer darzubringen. Ob bei den Kelten oder Druiden, ob in Phönizien und im alten Ägypten, überall sieht der Anthropologe Frazer „Beweise“ dafür, dass die Götter durch Menschenopfer beschwichtigt werden sollten. Besonders pikant für das Juden- und Christentum: Die Opferung Isaaks durch Abraham. Dieser Vorgang sei nicht etwa, wie die Bibel behauptet, in letzter Sekunde durch einen „Engel des Herrn“ verhin- Oder: Was der Glaube angerichtet hat 201 dert worden; sondern – die Existenz der Figur Abraham unterstellt – tatsächlich erfolgt (Hyam Maccoby in: Der heilige Henker). Das könne man auch aus der Bibel selbst schließen, denn Abraham kehrte nach dem Opferakt alleine zu seinen Knechten zurück (1. Mos 22,19). Aber wenn wir uns als Christen über die Opferpraxis unserer Ahnen aufregen sollten, müssten wir uns dann nicht auch über den Allerhöchsten aufregen? Hat nicht auch Gottvater persönlich ein Menschenopfer dargebracht, als er seinen Sohn Jesus „zur Erlösung der Sünden“ am Kreuz sterben ließ…? Wie auch immer, es sind Geschichten, die verstörend wirken. Wenn über Jahrtausende hinweg Kinder, Heranwachsende, Alte oder alle möglichen Tiere auf brutalste Art und Weise erstochen, erschlagen, gepfählt, geköpft, zerhackt und verbrannt wurden, um die Götter milde zu stimmen, dann deuten diese furchtbaren Rituale unserer Vorfahren darauf hin, dass rationales Abwägen und emotionales Empfinden der frühen Menschen offenbar noch nicht hinreichend entwickelt war. Oder aber, dass die Macht des Irrationalen, Transzendenten, des „Göttlichen" weitaus stärker ausgeprägt war als der natürliche Abwehrreflex vor der eigenen Grausamkeit. Ohne Zweifel scheint festzustehen, dass unsere Vorfahren etwas anders tickten als wir heute, „robuster“, wenn man so will, und dass der Kopf (Glaube, resp. Aberglaube) dem Herz oder Bauch offenbar überlegen war. Allerdings genügt schon der schlichte Hinweis auf die noch immer nachwirkenden Weltkriege unserer Väter und Großväter, oder auf den globalen Terrorismus islamischer Gotteskrieger, dass die Menschen nichts oder nur erschreckend wenig aus der Geschichte gelernt haben: sie quälen und metzeln und morden noch immer – auch im Namen Gottes. Religionskriege und Kreuzzüge Das Wesen der (monotheistischen) Religion – die Gläubigen werden es nicht gerne hören – ist grundsätzlich intolerant: Meine Religion ist richtig, deine ist falsch! Die universelle Logik jeder Religion, im Besitz der (alleinigen) Wahrheit zu sein, ist zugleich Brutstätte für Misstrauen, Unverständnis und Gewalt. Und weil auch die alten Götter in den Mythen der Sumerer, Ägypter, Griechen oder Germanen niemals zimperlich waren und wahre Blutbäder (untereinander) anrichteten, dachten Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 202 die Menschen, Gewalt sei ein probates Mittel zum Zweck. Der Gott der Juden und Christen, auf den wir uns hier konzentrieren, war diesbezüglich ebenso gewaltig wie gewalttätig: Das Alte Testament trieft vor Blut, der Herr persönlich gab „seinem Volk“ den Auftrag, das Land Kanaan gewaltsam einzunehmen. Dort lebten zwar bereits Menschen – die aber das Pech hatten, die falschen Götter anzubeten. Die „Landnahme“ der Israelis in Kanaan war der erste Religionskrieg der Geschichte (siehe Buch Joshua). Gleiches gilt für die Schaffung des Staatswesens „Israel“ durch die Könige Saul, David und Salomo. Sie war geprägt von unzähligen Kriegen und Gewaltakten. Insbesondere über den angeblichen Helden David hielt Gott seine schützende Hand, obwohl David ein skrupelloser Bandenchef, aggressiver Heerführer und lüsterner Frauenheld war (siehe Bücher des Propheten Samuel und Buch der Könige). David hat seine Beutezüge und Eroberungskriege stets mit dem Auftrag des Herrn legitimiert – und viele Despoten überall auf der Welt sollten es ihm nachahmen und sich über Jahrtausende hinweg ebenfalls auf den Herrn berufen. Skythen, Hetither, Mongolen, Babylonier, Assyrer, Ägypter, Griechen, Perser, Makedonier, Römer, Araber, Germanen, Franken, Gothen, Wikinger, Hunnen, Spanier, Portugiesen, Briten: Die Eroberungsfeldzüge in der Antike bis zum Mittelalter waren gewiss keine reinen Religionskriege, denn letztlich ging es immer (auch) um Macht und Einfluss, Ruhm und Geld. Gleichwohl beteten die Könige und Kaiser, Feldherren und Heerführer immer um „höheren“ Beistand, brachten die Eroberer ihre Kultur und damit ihre Religion mit Gewalt in den neuen Herrschaftsbereich. Das beste Beispiel dafür ist Südamerika: Dort sind die Naturreligionen der Indios fast ausgestorben. Seit der brutalen Conquista der Spanier und Portugiesen mit der Zwangschristianisierung der Indios beten die Menschen dort mehrheitlich zu Jesus Christus. Damals wurden die Indios von den christlichen Eroberern aber nicht nur zwangsbekehrt, sondern auch noch versklavt: In Silberminen wie in Potosi (Bolivien) oder auf Plantagen mussten sie unter unfassbaren Bedingungen zum Nutzen der gottesfürchtigen Konquistadoren schuften. Eindeutig als Religionskrieg kann der Makkabäer-Aufstand 165 v. Chr. bezeichnet werden. Nachdem der Einfluss des Hellenismus in Is- Oder: Was der Glaube angerichtet hat 203 rael immer stärker wurde, begannen sich die Juden gegen die schleichende Entwertung ihrer Religion zu wehren. Und als der seleukidische König Antiochos IV im Jahr 168 v. Chr. das Judentum verbieten wollte, geriet der grummelnde Widerstand zum blutigen Aufstand. Die Juden erhoben sich unter einer „Makkabäer“ genannten priesterlichen Führungsschicht – und konnten sich am Ende tatsächlich in jahrzehntelangen Kämpfen und Scharmützeln gegen die syrische Besatzungsmacht behaupten. Keine Chance gegen die (späteren) römischen Okkupanten hatten die Juden dagegen in der Zeit nach Jesus. Nachdem die Hebräer immer wieder mit trotzigem Mut ihren Selbstbehauptungswillen demonstriert hatten, schickte Kaiser Nero im Jahr 67 eine Armee mit 30 000 Mann nach Israel. Dieser erste „Jüdische Krieg“ dauerte sieben Jahre, dabei starben 1,1 Millionen Menschen, zehntausende wurden versklavt. Den entscheidenden Schlag gegen die Juden führte der junge Offizier Titus, der im Jahr 70 Jerusalem eroberte und die Stadt mit ihrem heiligen Tempel in Schutt und Asche legte. Später folgten zwei weitere Kriege („Diaspora-Aufstand“ um 116 n. Chr. und „Bar-Kochba-Aufstand“ 132 n. Chr.). Reine Religionskriege waren die Kreuzzüge, die vom Vatikan und vom „Heiligen römischen Reich deutscher Nation“ angezettelt wurden, um Jerusalem zu „befreien“. Vorausgegangen war eine islamische Invasion, die nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 ihren Anfang nahm. Die Araber eroberten Ägypten, Syrien und Palästina, drangen östlich bis nach Konstantinopel und westlich bis nach Spanien vor. Der erste Kreuzzug (zu dem Papst Urban II aufgerufen hatte) begann im Jahr 1096 als „Pilgerzug“ bewaffneter Laien, eskortiert von mehreren Ritterzügen aus Deutschland, Frankreich und Sizilien. Er endete nach viel Gemetzel drei Jahre später mit der Rückeroberung Jerusalems. Der zweite Kreuzzug (1147-1149), zu dem (der später heilig gesprochene) Bernhard von Clairvaux mit martialischen Predigten aufgerufen hatte, endete als Misserfolg, da die politische Lage im Heiligen Land und der gesamten Levante völlig unübersichtlich geworden und der Kampfeswille der Muslime neu entflammt war. Die abermalige Eroberung Jerusalems durch Sultan Saladin im Jahr 1187 war schließlich der Anlass für den dritten Kreuzzug (1189-1192). Dieser Kriegszug Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 204 war sehr prominent besetzt, die „Soldaten Christi“ wurden angeführt vom deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa (der auf dieser Tour allerdings ums Leben kam), Frankreichs Regent Philipp II, und dem englischen Hero Richard Löwenherz. Wie viele Opfer diese christlich inspirierten Kreuzzüge auf beiden Seiten gekostet haben, lässt sich nicht mehr ermitteln. Bis heute ziehen religiöse Fanatiker und Machtpolitiker, die sich auf „Gott“ berufen, gegeneinander zu Felde. Der bekannteste und geopolitisch heikelste Konflikt ist der Kampf zwischen Juden und Moslems ums Heilige Land. Der unerbittliche Krieg um die Oberhoheit in Israel und Palästina hat unzählige Todesopfer gefordert und der Welt eine neue Form des Terrorismus gebracht: Flugzeugentführungen, Attentate, Geißelnahmen (Olympia 1972 in München!), Selbstmord-Anschläge auf öffentlichen Plätzen. Das kleine Israel hat sich mit Unterstützung der großen USA zu einer Atommacht entwickelt, und spätestens seit der iranischen Revolution 1979 mit der Errichtung eines islamischen „Gottesstaates“ ist der gesamte Nahe Osten zum Pulverfass geworden. Auch im angeblich befriedeten Europa, das der Welt die Reformation und die Aufklärung schenkte, bekriegen sich die Konfessionen bis heute. Erinnert sei an den noch immer schwelenden Nordirland-Konflikt, wo sich Christen jahrzehntelang gegenseitig massakriert haben (unter Anführung des protestantischen Geistlichen Ian Paisley, der eine Gleichberechtigung der Katholiken als „Pakt mit dem Teufel“ ablehnte). Oder an das Massaker von Srebrenica 1995, als „christliche“ Serben mehr als 7000 bosnische Moslems unter den Augen der Weltöffentlichkeit kaltblütig erschossen und verscharrten. Die schlimmste Form eines Religionskrieges war aber der Holocaust. Millionen Menschen wurden während der Nazi-Diktatur allein aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vertrieben, erschossen oder vergast, oder sie starben nach schrecklichen Misshandlungen. Es spielt dabei keine Rolle, dass das Hauptziel der Nazis die Eroberung „neuen Lebensraums“ (im Osten) und eine Art größenwahnsinnige Weltherrschaft war. Fakt ist, dass sich (auch) die christlichen Kirchen dem Hitler-Regime gegenüber fragwürdig verhielten und insbesondere Papst Pius XII eine beklemmende Zurückhaltung an den Tag legte. Er hatte (als Kardinalstaatssekretär) im Juli 1933 sogar den ersten internationa- Oder: Was der Glaube angerichtet hat 205 len Vertrag mit dem aggressiven Nazi-Staat („Reichskonkordat“) unterschrieben. Auch an eine Exkommunizierung des Massenmörders Hitler traute sich der Vatikan nicht ran. Angeblich wegen des Römerbriefs von Paulus, Kapitel 13, Vers 1 und 2: „Jedermann sei untertan der (staatlichen) Obrigkeit, denn sie kommt von Gott… Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung“… Mord und Verfolgung Es gibt einen gewissen Unterschied zwischen den Religionsformen Polytheismus und Monotheismus: Die polytheistisch geprägten Menschen der Antike waren toleranter, was den Umgang mit Göttern anging. Für sie war selbstverständlich, dass es nicht nur einen Gott gab, sondern viele Götter für jeden Lebensbereich. Jahwe, der anfangs als Wettergott verehrt wurde, entwickelte sich erst bei den Hebräern zu dem „Einen“, dem „eifersüchtigen Gott“, als den er sich selbst bezeichnete. Nicht umsonst heißt sein erstes Gebot, das er mit neun anderen auf zwei Tafeln am Sinai dem Moses überreichte: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!“ Dieses Alleinstellungsmerkmal muss ihm also besonders wichtig gewesen sein, und wer sich anmaßte, das Gebot zu übertreten, war dem Tode geweiht. Ein mörderisches Kapitel waren auch die Christenverfolgungen in den ersten drei Jahrhunderten nach Christi. Hier waren die Anhänger der neuen Religion nicht Täter, sondern Opfer. Aber die Religion war die Ursache der Gewalt: Weil sich die Juden in Rom im Jahr 38, also wenige Jahre nach Jesu Tod, lautstark über die „Götzenbilder“ der Römer aufregten, wurde das Judentum kurzerhand verboten. Einige Jahre später ließ Kaiser Claudius die Judenchristen gar des Landes verweisen. Zur grausamen Christenverfolgung kam es dann Mitte der 60er Jahre, als Kaiser Nero zur Christenhatz aufrief. Nach einem furchtbaren Brand in Rom, der den Christen angelastet wurde (obwohl es Gerüchte gab, Nero selbst habe die Brandstiftung veranlasst), wurden die ersten Christen verhaftet. Der römische Dichter Tacitus hat uns hinterlassen, was mit den bedauernswerten Geschöpfen geschah: „Man steckte sie in Tierfelle, und ließ sie von Hunden zerfleischen, man schlug sie ans Kreuz oder zündete sie an, und ließ sie nach Einbruch der Dunkelheit als Fackeln brennen“. Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 206 Systematisch verfolgt wurden die Christen unter Kaiser Decius (249-251). Decius wollte Juden, Heiden und vor allem die immer stärker werdenden Christen dazu zwingen, die römischen Götter anzubeten. Dazu erließ er folgendes Dekret: „Wer die Götter Roms nicht verehrt und dem allmächtigen Kaiser das Opfer verweigert, ist des Religionsfrevels und des Majestätsverbrechens schuldig“. Am häufigsten weigerten sich Christen, dem Dekret Folge zu leisten – und das machte sie nachgerade berühmt. Menschen, die „freiwillig“ in den Tod gingen für ihren Gott, das ließ aufhorchen. Für besonders eifrige Gottesanbeter wurde es plötzlich sogar erstrebenswert, als Märtyrer in das ewige Himmelreich einzugehen… Der fromme Krieger: Karl der Große Karl der Große ist ein klangvoller Name. Französisch wird er Charlemagne genannt, was noch besser klingt. Im Geschichtsunterricht lernen die Kinder Europas, was für ein toller Herrscher dieser Kaiser gewesen ist und warum er „Vater Europas“ genannt wird. Dass er ein frommer und brutaler Krieger war, der für die Zwangs-Christianisierung der Menschen über viele Tausend Leichen ging, wird manchmal auch erwähnt, aber eher nebenbei. Mit den dunklen Seiten von Helden befasst man sich nicht so gern, das haben wir schon bei König David gesehen. Da die Welt offenbar Helden braucht, drückt man gern ein Auge (oder beide!) zu, vor allem, wenn die Helden lange tot sind: David! Alexander der Große! Julius Caesar! Karl der Große! Napoleon! Was die nicht alles erobert haben! Historiker schnalzen mit der Zunge. Tatsächlich haben diese historischen Despoten Millionen Menschenleben auf dem Gewissen, weil sie ihren Machtanspruch mit Feuer und Schwert erkämpft und verteidigt haben. Eines der schlimmsten Verbrechen Karls des Großen war das „Blutgericht von Verden“, als der Regent gleich mehrere Tausend „Rädelsführer“ eines Aufstands mit dem Schwert hinrichten ließ. Mitten während seiner Sachsenkriege (772-804) wurde Karl in Rom zum Kaiser gekrönt – natürlich vom Papst (Leo III) persönlich. Ein Gegenpapst (Paschalis III) hat den martialischen Kaiser sogar mal „heilig“ gesprochen. Dabei war die Hauptbeschäftigung Karls das Unterwerfen anderer Völker. Insbesondere die Sachsen (sie besiedelten Oder: Was der Glaube angerichtet hat 207 damals das heutige Mittel- und Ostdeutschland) hatten es ihm angetan, auch weil sie „Heiden“ waren. In mehreren Feldzügen, die über 30 Jahre währten, zwang er die zähen Sachsen schließlich in die Knie – und ordnete ihre Zwangsbekehrung an. Karl selbst war ein frommer Mann, der enorm viel zur kirchlichen Konsolidierung im frühen Mittelalter beigetragen hat. Er räumte der Bekämpfung des Heidentums im Ausland und der Stabilisierung der Kirche im Innern hohe Priorität ein und verlangte von seinen Untertanen eine „christliche Lebensführung“. Seine Missionierungspolitik, die er mit brutaler Gewalt durchsetzen ließ, stieß sogar bei seinem engsten Berater Alkuin auf Widerstand. Bis heute ein klangvoller Name, hochverehrt und vor allem in Europa geschätzt: Kaiser Karl der Große (Mitte). Die Stadt Aachen, wo er seine letzte Ruhe fand, hat ihm dieses Monumentalgemälde gewidmet. Noch heute wird in Aachen jährlich der „Karlspreis“ verliehen – und angesichts des stets prominent besetzten Medienspektakels interessiert sich niemand (mehr) dafür, dass Karl das Christentum mit Feuer und Schwert durchgesetzt hat und dafür über ungezählte Leichen ging. Bereits die Merowinger hatten die Kirche in ihre Herrschaftskonzeption eingebunden und daran haben die Karolinger angeknüpft. Karl forcierte diesen Prozess durch den massiven Ausbau der klerikalen Infrastruktur. So ließ er zahlreiche Klöster gründen und Bistümer einrich- Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 208 ten, wobei es für den Kaiser selbstverständlich war, die Bischöfe selbst zu ernennen. Zudem erließ er ein Sondergesetz (Capitulatio de partibus Saxoniae), welches die Missachtung der christlichen Reichsordnung – etwa Verunglimpfung eines Priesters oder der Kirche, die Feuerbestattung oder das Essen von Fleisch an Fastentagen – mit der Todesstrafe bedrohte. Gezielt sollen von Karl auch Deportationen als Mittel der Unterwerfung und Befriedung eingesetzt worden sein. Karls Brutalität und Kompromisslosigkeit trugen ihm den Namen „Sachsenschlächter“ ein. Diese Charakterisierung war üblich, bis ein gewisser Despot die „Verunglimpfung“ seines großen Vorbildes verbot. Der Mann hieß Adolf Hitler… Die Heilige Inquisition Eine der schlimmsten Auswüchse religiöser Verirrung firmiert unter dem Namen Heilige Inquisition („Untersuchung“). Die Voraussetzung für diese mörderische Methode zur Abschreckung von Ketzern und Häretikern schuf Papst Innozenz III (1161-1216). Es sollte eines der düstersten Kapitel in der Geschichte des Christentums werden. Da die „heilige Mutter Kirche“ schon früh den Anspruch erhob, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, leitete sie daraus auch das „göttliche“ Recht ab, Abweichlern den Prozess zu machen und sie entsprechend zu bestrafen. Begonnen hatte das Drama in Südfrankreich, wo die Gläubigen, erzürnt und frustriert vom privilegierten und ausschweifenden Leben der klerikalen Oberschicht, das Christentum anders definierten und auch anders leben wollten. Asketischer, frommer. Die „Katharer“ (die Reinen) und die „Waldenser“ (nach dem Gründer Petrus Valdes aus Lyon) fanden immer mehr Zulauf, was im Vatikan die Alarmglocken läuten ließ. In seiner Not rief der Papst den König und die Bischöfe zum Kreuzzug gegen die Häretiker (Abweichler) auf, und damit begann eine jahrhundertelange Ära des Mordens, Verfolgens und der Denunziation. Im Namen des Herrn zogen päpstliche Inquisitoren von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf, um „Ketzer“ ausfindig zu machen, zu verurteilen und sie der irdischen Gerichtsbarkeit zu übergeben, die dann die Drecksarbeit erledigen musste. Für alle möglichen Vergehen wurden die angeblichen oder tatsächlichen Delinquenten ohne viel Federlesens an den Pranger gestellt Oder: Was der Glaube angerichtet hat 209 oder gar ins Jenseits befördert. Wer eine abweichende Meinung vertrat, „das Falsche“ glaubte oder einfach nur beschuldigt wurde, musste exzellente Argumente oder Fürsprecher haben, sonst drohte im schlimmsten Fall der Scheiterhaufen. Eines der bekanntesten Opfer des Inquisitionswahns war der tschechische Priester und Prediger Jan Hus, der auf dem Konzil von Konstanz 1415 des Abweichlertums bezichtigt und öffentlich verbrannt wurde – obwohl ihm König Sigismund „freies Geleit“ zugesichert hatte! Drei Bischöfe und ein Kardinal waren für das Todesurteil verantwortlich. Ebenfalls qualvoll sterben musste der Priester, Philosoph, Abenteurer und Astronom Giordano Bruno (1548-1600). Dieser unruhige Geist aus Süditalien lehrte an mehreren Universitäten und lebte unter anderem in Neapel, Paris, Toulouse, London, Wittenberg, Helmstedt, Frankfurt, Prag, Genf, Zürich und Venedig. Bruno, der persönlich eine komplizierte Theologie mit Elementen des Pantheismus favorisierte, wurde Anfang 1600 nach siebenjähriger Kerkerhaft in Rom wegen „Ketzerei und Magie“ schuldig gesprochen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein noch prominenteres Opfer, aber mit dem Leben davongekommen, war Galileo Galilei (1564–1641). Der Florentiner Universalgelehrte wurde von der Kirche ultimativ aufgefordert, die Verbreitung des kopernikanischen Weltbildes zu unterlassen. Als er sich nicht daran hielt, traten die Inquisitoren auf den Plan und drohten dem frommen Katholiken mit Verurteilung. Galilei, der auf ein Leben im Jenseits noch keine Lust hatte, gab nach und schwor den Glaubens- Eid („Ich glaube, was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, prediget und lehret“) und kam mit Kerkerhaft und Hausarrest davon. Die genaue Zahl der Opfer christlicher Verirrung ist nicht bekannt. Schätzungen zufolge wurden im Laufe der Jahrhunderte (das letzte Opfer, Cayetano Ripoll, starb 1826 in Valencia) über 100 000 Menschen dem Tribunal unterzogen, mindestens 12 000 davon wurden hingerichtet. Am schlimmsten wütete die „heilige Inquisition“ mit ihrem religiösen Gesinnungsterror in Spanien, wo zu den Autodafés (Glaubensgerichte) oft mehrere tausend Schaulustige kamen. Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 210 Die Hexenjagden Glaube befähigt Menschen nicht nur, an Götter und Geisterwesen zu glauben, sondern auch an Magie und Hexerei. Das ist das Wesen des Glaubens: man meint, es sei so. Man weiß es nicht, ist aber trotzdem davon überzeugt. Menschen, die sehr fest im Glauben sind, können durch sachliche Argumente und vernünftige Ansprache kaum noch erreicht werden. Deshalb hat der Glaube, ganz allgemein, oft gravierende Folgen. Besonders im frühen Mittelalter glaubten die Leute in nahezu allen Kulturkreisen, der Teufel treibe sein übles Werk vor allem im Menschen. Was in der Antike die Dämonen waren, das war nun der Teufel als Widersacher Gottes. Er nahm Besitz von einer Person, wütete in ihrem Körper und machte sie „besessen“. Die „Hexen“ waren geboren, verfluchte Gestalten, die „zaubern“ konnten und mit dem Teufel im Bund standen. Klar, dass man dagegen vorgehen musste. Es gibt vielfältige Erklärungsmuster, wie der Hexenwahn des Mittelalters entstand und wer dafür verantwortlich ist. Das Christentum ist nicht ursächlich schuld an dem Jahrhunderte währenden Wahn, der Millionen Opfer und mehrere zehntausend Tote gefordert hat. Aber die Religion spielte eine nicht unerhebliche Rolle in diesem Prozess, da sie aktiv unterstellte, der Teufel habe bei Hexerei und „Schadenzauber“ (magische Praktiken, die angeblich jemanden Schaden zufügen) seine böse Hand im Spiel. Die Hexenjagden sind ein „gutes“ Beispiel dafür, zu welch furchtbaren Handlungen Menschen in der Lage sind, wenn sie glauben, etwas Richtiges zu tun. Als die Pest (Mitte des 14. Jahrhunderts) und die „kleine Eiszeit“ (Klimasturz zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert mit Hungersnöten und Verelendung) über Europa kamen, wurde nach „Schuldigen“ gesucht. Dabei öffnete sich die Tür für die Denunziation von „Hexen“ sperrangelweit. Und wenn die angeblichen Missetäterinnen (mehr als Dreiviertel der Beschuldigten waren Frauen) nicht „gestehen“ wollten, musste man eben nachhelfen. Das ging stufenweise: Als erstes wurde die der Hexerei bezichtigte Person befragt. Das ging sehr detailliert zu, am meisten interessierte die Ankläger und Richter das sexuelle Verhalten der Hexen, denen in der Regel Ge- Oder: Was der Glaube angerichtet hat 211 schlechtsverkehr mit dem Teufel unterstellt wurde („Teufelsbuhlschaft“). Es folgte die Forderung nach einem Geständnis, denn ohne Geständnis durfte damals niemand verurteilt werden. Im Nachhinein betrachtet wäre den Frauen ein frühes Geständnis anzuraten gewesen, denn wer „leugnete“, kam nicht etwa frei mangels Beweisen, sondern dem drohte die Territion („Schreckung“). Dabei wurden den Angeklagten Folterinstrumente vorgeführt oder schon mal angelegt. Wer jetzt immer noch den Mut hatte, seine Vergehen abzustreiten, musste mit der Tortur rechnen, auch „peinliche Befragung“ genannt (peinlich von Pein, Schmerz). Auf deutsch: Folter. Besonders beliebt waren Daumenschrauben, die Streckbank und sexuelle Erniedrigungen jeder Art. Die sonst übliche Begrenzung der Folter auf eine Stunde galt in diesem Fall nicht: Hexerei war ein crimen exceptum („Ausnahmeverbrechen“), da gab es kein Erbarmen. Wenn auch die Tortur nichts fruchtete, wurden die Hexen mancherorts dann noch „auf die Probe“ gestellt. Es gab die Wasserprobe, die Feuerprobe, die Nadelprobe, die Tränenprobe, die Wiegeprobe. Eine kurze Beschreibung der Wasserprobe soll hier ausreichen, um die Verirrung menschlichen Geistes zu bekunden: Bei der Heißwasserprobe musste der Delinquent mit der Hand eine Münze aus einem Topf mit siedend heißem Wasser holen. Der verbrühte Arm wurde verbunden, und wenn er nach ein paar Tagen nicht eiterte, galt der Schwerverletzte als unschuldig. Schlimmer noch war die Kaltwasserprobe: Die Hexe wurde gefesselt in einen Bottich oder Tümpel geworfen. Schwamm sie obenauf, dann war sie schuldig. Ging sie unter, war sie unschuldig – aber oft auch schon ertrunken. Der Dominikanerpater Heinrich Kramer (1430-1505) war ein besonders eifriger Hexenjäger. Er gab den so genannten „Hexenhammer“ heraus, eine Publikation zum trefflichen Umgang mit Hexen und Zauberern. Kramer gelang es, den damaligen Papst Innozenz VIII zu einer „Hexenbulle“ zu bewegen (summis desiderantes affectibus). Damit ermächtigte der Pontifex die Inquisitoren in Deutschland, gegen Zauberer und Hexen gerichtlich vorzugehen. Es sollte mehr als 500 Jahre dauern, bis sich die Kirche dafür entschuldigt hat, „dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens….auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen“ (Kardinal Jo- Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 212 seph Ratzinger im Jahr 2000). Auch Papst Franziskus verurteilte die Mitwirkung der Kirche an Hexenverfolgungen. Dies sei „Unrecht“ gewesen, sagte er am 11. April 2016 im Rahmen einer Messe im Vatikan. Die Bartholomäusnacht Der heilige Bartholomäus war ein Jünger Jesu, der nicht weiter aufgefallen war. In der Bibel spielt er keine Rolle. Berühmt wurde er erst als Märtyrer, als man ihm im fernen Armenien, wo er missionierte, angeblich bei lebendigem Leib die Haut abzog und dann mit dem Kopf nach unten kreuzigte. Sein Leichnam muss danach ganz schön gefleddert worden sein, denn nach dem Ableben wurden seine Gebeine quer durch ganz Europa transportiert. „Reliquien“ vom heiligen Bartholomäus sollen in türkischen, mesopotamischen, englischen, deutschen, französischen und italienischen Kirchen liegen. Traurige Berühmtheit erlangte sein Name aber durch ein Massaker, das zufällig an seinem Gedenktag am 24. August 1572 stattfand. In dieser Nacht wurden auf Anordnung der Königinmutter Katharina de Medici in Paris über 2000 Hugenotten (Protestanten) ermordet. Eine Folge der internen Machtkämpfe des Königshauses mit dem dominierenden Adelsgeschlecht des Hauses Guise aus Lothringen. Die politische Konstellation in Frankreich zur damaligen Zeit war zu kompliziert, um sie hier in Kürze darstellen zu können. Deshalb nur die wichtigsten Punkte im Zeitraffer: Katharina gewährte den sich immer stärker ausbreitenden Protestanten in Frankreich durch ein Edikt Religionsfreiheit. Sie tat das aus taktisch-politischen Gründen, um das katholische Haus Guise zu schwächen. Der Machtkampf zwischen Katholiken und Protestanten eskalierte dann im „Blutbad von Vassy“ am 1. März 1562, als Anhänger der beiden Religionen in dem kleinen Ort in der Normandie aneinander gerieten und sich gegenseitig abmetzelten. Der Vorfall führte zu den (acht) „Hugenottenkriegen“, die Frankreich über viele Jahre lähmten und große Opfer auf allen Seiten kosteten. Unrühmlicher Höhepunkt des Dramas um Macht und Glauben war dann die Bartholomäusnacht. Es gibt keine gesicherten Quellen, wie der Ablauf tatsächlich war, denn beiden Seiten stellten natürlich nur ihre Sicht der Dinge dar. Jedenfalls wurde nahezu die gesamte Führungsschicht der Hugenotten von den Katholiken ermordet. Die Oder: Was der Glaube angerichtet hat 213 Protestanten wehrten sich und es kam auf den Straßen von Paris (und in den Tagen danach in ganz Frankreich) zu pogromartigen Szenen. Dabei starben bis zu 2000 Menschen. Das Verhältnis der „christlichen“ Parteien, Katholiken und Protestanten, war auf Jahrzehnte hinweg schwer belastet. Das Jonestown-Drama Wie weit Fanatismus und religiöse Verblendung gehen können, zeigte das furchtbare Drama der Sekte „Peoples Temple“, die im Dschungel von Guyana (im Nordosten Südamerikas) ihre Glauben praktizieren wollte. Dort hatte der Religionsgründer und Prediger Jim Jones in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Camp aufgebaut, in dem abseits der Zivilisation rund 1000 Anhänger seiner Lehre unter KZ-ähnlichen Bedingungen lebten und arbeiteten. Am 18. November 1978 kam es zur Katastrophe: Der selbst ernannte Guru Jones zwang seine Anhänger zum Massenselbstmord. Gewiss, auch wenn die verquere Ideologie des Sektengründers Jones, der gern von einem „apostolischen Sozialismus“ sprach, keine echte Religion war, so basierte sie gleichwohl auf dem gleichen Prinzip: Die Anhänger glaubten den Worten und Predigten ihres Vorbeters. Sie suchten in der „Volkstempel“-Kirche jene Hoffnung und Zuversicht, die ihnen das harte Leben in Amerika verwehrte: Jones gewann vor allem Außenseiter der Gesellschaft, diskriminierte Schwarze und Gestrauchelte, die seinen Prophezeiungen nach einem besseren Leben vertrauten. Der frühere Methodisten-Pfarrer, der die Sekte 1956 gegründet und nach einem zehnjährigen Intermezzo in Kalifornien nach Guayana geführt hatte, nutzte die Abhängigkeit seiner Gläubigen schamlos aus. Als die Berichte über totalitäre Strukturen, Drogenexzesse und sexuellen Missbrauch nicht enden wollten, besuchte der demokratische US-Kongressabgeordnete Leo G. Ryan mit drei Journalisten das Camp – und kam nicht mehr zurück: Bewaffnete Garden des wahnsinnigen Sektenchefs, der den Eingriff der Behörden und damit das Ende seines „Tempels“ befürchtete, erschossen die vier Besucher. Danach befahl der unter akutem Verfolgungswahn leidende „Vater“ Jones seinen „Jüngern“ den gemeinsamen Tod. Erst bekamen die Kinder einen Giftcocktail, dann tranken auch die Erwachsenen aus Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 214 dem bereitgestellten Todesbecher. Am Ende lagen mehr als 900 Leichen im Dschungel von Guayna. Das Goldstein-Massaker Am 25. Februar 1994 betrat der israelische Sanitätsoffizier Baruch Goldstein morgens um fünf Uhr im palästinensischen Hebron die „Höhle Machpela“, die als Grabstätte der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob gilt. Goldstein trug seine Uniform und hatte ein Sturmgewehr sowie vier prall gefüllte Magazine dabei. Unvermittelt eröffnete er das Feuer auf die dort betenden Muslime und erschoss wahllos Männer, Frauen und Kinder. Bei dem Massaker starben 29 Menschen, rund 150 weitere wurden teils schwer verletzt. Nachdem die Magazine aufgebraucht waren, wurde Goldstein von Überlebenden überwältigt und mit einem Feuerlöscher erschlagen. Nach Angaben der Nachrichtenagenturen kam es nach dem Terroranschlag zu tagelangen Ausschreitungen, bei denen weitere 24 Menschen starben. Goldstein war ein fanatischer Gottesanbeter, der in den USA aufgewachsen war und dort Medizin studiert hatte. Er emigrierte nach Israel und arbeitete als Militärarzt. Was den gottesfürchtigen Juden letztlich zu seiner mörderischen Tat getrieben hat, konnte nicht geklärt werden. So schlimm wie das Massaker selbst war auch die Reaktion der ultrarechten Kach-Bewegung, der Goldstein angehörte. Sie verherrlicht den Massenmörder Goldstein bis heute als Zaddik („Gerechter“), der als „Märtyrer“ gestorben sei. Besonders fromme Verehrer des Täters errichteten in Hebron ein Denkmal, das die Inschrift trug: „Hier ruht der Heilige Dr. Baruch Kappel Goldstein, gesegnet sei das Andenken dieses aufrichtigen und heiligen Mannes. Möge der Herr sein Blut rächen, der seine Seele den Juden, der jüdischen Religion und dem jüdischen Land geweiht hat“. Das Denkmal wurde verboten und abgerissen. Seitdem feiern seine Anhänger am Grab ihres Idols, das zum Wallfahrtsort für ultrareligiöse Israelis wurde. Alle Beteiligten – der Täter, seine Anhänger und die Opfer – glaubten fest an Gott. An den gerechten und barmherzigen Gott. Oder: Was der Glaube angerichtet hat 215 Nine eleven Als schlimmster Terroranschlag in der Geschichte der Menschheit gilt eine Attacke islamistischer Fanatiker, die als „Nine eleven“ (9/11) in die Annalen einging. Am Morgen des 11. September 2001 kaperten insgesamt 19 Entführer, 15 davon aus Saudi-Arabien, in den Vereinigten Staaten von Amerika vier Passagier-Flugzeuge. Zwei davon lenkten sie in die Zwillingstürme des World Trade Center (WTC) in New York City, eines in das Verteidigungsministerium (Pentagon) in Washington, das vierte stürzte in der Nähe von Shanksville (Pennsylvania) ab, nachdem die Passagiere an Bord vehement Widerstand geleistet hatten. Bei dem islamistischen Terrorakt, der beispiellos in der Geschichte ist, starben rund 3000 Menschen. In Schriften, die (später) gefunden und den Attentätern zugeordnet werden konnten, hieß es u.a.: „Öffne dein Herz, heiße den Tod im Namen Gottes willkommen … denn du bist nur einen kurzen Moment entfernt von dem guten, ewigen Leben in der Gesellschaft von Märtyrern“. Der Anschlag war eindeutig religiös motiviert, auch wenn politische, soziale und kulturelle Gründe eine große Rolle spielten. Die islamische Terror-Organisation „Al-Quaida“, die den Terrorakt zehn Jahre lang geplant und vorbereitet hatte, begriff sich selbst als verlängerten Arm Gottes auf Erden, um „Ungläubige“ und „Imperialisten“ mit dem Dschihad (Heiliger Krieg) zu bestrafen. Als Mastermind hinter den Anschlägen wurde der Terroristenführer Osama Bin-Laden aus Saudi- Arabien idendifiziert, der sich später auch dazu bekannte und weitere Attentate ankündigte. Bin-Laden, der sich damals in Afghanistan versteckt hatte, war jahrelang auf der Flucht vor den Sonderkommandos des FBI. Er wurde schließlich doch ausfindig gemacht und am 2. Mai 2011 bei der Operation Neptun´s Spear in Pakistan getötet. Der amerikanische Präsident George W. Bush, ein gläubiger Christ, ordnete unmittelbar nach den Anschlägen die Bombardierung von Terrorzielen in Afghanistan an, wo Al-Quaida ihr Hauptquartier hatte. Daraus sollte sich ein jahrelanger Krieg in dem islamischen Land anschließen, das in den 1990er Jahren bereits durch die sowjetische Invasion verwüstet worden war. Auch den Irakkrieg (ab 2003) begründete Präsident Bush mit den angeblichen Terrorkontakten des irakischen Diktators Saddam Hussein mit Al-Quaida. Vor seiner Kriegsentschei- Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 216 dung hatte Bush nach eigenen Angaben Gott angerufen und um Beistand gebetet. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, aber durch „Nine-eleven“ und in den darauf folgenden Kriegen sind insgesamt mindestens 250 000 Menschen ums Leben gekommen. Andere Quellen (die Zahl der Zivilopfer ist nicht zu ermitteln) sprechen sogar von 600 000 Toten. Auch die Zahl der Verletzten, Vertriebenen und anders Geschädigten sowie der materielle Schaden ist nicht seriös zu beziffern. Die Kosten des Krieges „gegen den (islamistischen) Terror“ sollen sich allein auf amerikanischer Seite auf weit über zwei Billionen Dollar belaufen. Die Spätfolgen des Krieges (Zerfall des Irak, Entstehung des „Islamischen Staates“) dauern bis heute an. Die mörderischen Buddhisten von Myanmar Dem Buddhismus wird allgemein ein friedfertiger Charakter bescheinigt. Das dies ein Trugschluss ist, wissen wir spätestens seit Anfang des Jahres 2017, als die Vertreibung des Volkes der Rohingua in Myanmar in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet. Im Jahr zuvor hatten die frommen Mönche der Buddhisten begonnen, unter Führung ihres Abtes Ashin Wirathu die muslimische Minderheit der Rohinguas zu drangsalieren und zu vertreiben. Wirathu ist Führer der rassistischen Bewegung „696“ und wird „Burmas Hitler“ genannt. Im Bundesstaat Rakhine traf es die Rohinguas besonders hart. Zwar sind die Konflikte in Myanmar (früher: Burma) eine Folge der Kolonialisierung durch die Briten sowie durch die jahrzehntelange Militärdiktatur, als ethnische Probleme nicht gelöst, sondern mit Gewalt unterdrückt wurden. Doch ändert die Ursache nichts an den verheerenden Folgen: Mindestens 700 000 Rohingua sind seitdem aus ihren Dörfern vertrieben worden und mussten ins benachbarte Bangladesh fliehen. Dort hausen sie unter unfassbaren Elendsbedingungen – und die Welt schaut zu. Zwar gab es durchaus Initiativen und Care-Aktionen, um die verzweifelten Menschen wenigstens vor dem Hungertod zu retten, doch blieb das Engagement der Vereinten Nationen eher bescheiden. Mehr als die offizielle Politik sahen sich halbstaatliche und private Hilfsorganisationen in der Pflicht, den entwurzelten Menschen mit dem Nötigsten zu helfen. Und während die Politik weiter in präch- Oder: Was der Glaube angerichtet hat 217 tigen Konferenzsälen verhandelt und zu keinem Ergebnis kommt, haben die „frommen“ Mönche von Myanmar ganze Arbeit geleistet: Hunderte Dörfer der vertriebenen Muslime wurden im Januar und Februar 2018 dem Erdboden gleichgemacht. Der Konflikt, der bereits zigtausend Menschen das Leben gekostet hat und etwa eine Million Rohinguas heimatlos machte, schwelt weiter. Ein Ende ist nicht abzusehen. Kapitel 15 Religion als Quelle der Gewalt 218 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität Der deutsche Literaturheilige Johann Wolfgang von Goethe hat viele kluge Sätze gesagt. Einer ist besonders weise: „Die Menschheit schreitet stetig voran; aber der Mensch bleibt immer derselbe“. So ist es. Da unsere Vorfahren vor x-tausend Jahren zwar über ein vergleichsweise geringes Wissen verfügten, aber – wie die Menschen heute noch – an Götter glaubten und Dämonen fürchteten, bleibt die Kernfrage der Menschheit zeitlos: Warum glauben die Leute eigentlich an höhere Wesen, warum glauben sie an ein Jenseits, warum an „Gott“? Die Antwort ist von verblüffender Schlichtheit: Weil sie es wollen! Die modernen Menschen 2.0 glauben im Gegensatz zu ihren steinzeitlichen Vorfahren aber nicht deshalb an Gott, weil sie von seiner Existenz überzeugt sind; sondern weil sie aus spirituellen Gründen eine Instanz namens „Gott“ brauchen. Nicht alle (siehe: Exkurs 2), aber die meisten Menschen brauchen die Inspiration von Gott, manche wie die Luft zum Atmen. Gewiss, die Projektion Gott ist abstrakt, so unglaublich abstrakt, dass man sich das göttliche Wesen nicht einmal ansatzweise vorstellen kann. Trotzdem verkörpert „ER“ genau jene Essentials, die ein Mensch auf Erden zur inneren Ruhe benötigt: einen Fixpunkt, einen Anker, Orientierung, Hoffnung. „Gott“ gibt dem Gläubigen ein gutes Gefühl. „Gott“ gibt Sicherheit, beruhigt Nerven, Herz und Verstand. Dabei wirkt dieser „Gott“ wie ein Placebo: ein gewisser Effekt ist spürbar, aber nicht erklärbar. „Gott“, beziehungsweise die Religion, das sagt auch der amerikanische Psychologe Jesse Bering, „ist eine nützliche Illusion“. Der Gottesglaube der Menschen ist deshalb auch in gewisser Weise nachvollziehbar, schon wegen der Alternative: sie ist trostlos. Ohne Kapitel 16 219 Gott kein Jenseits, keine Hoffnung, keine Perspektive. Wenn Gott nicht existiert, also der gesamte Kosmos auf dem Prinzip Zufall basiert, kommt mit dem Tod das schwarze Nichts! Eine schreckliche Vorstellung, für viele Menschen unerträglich. Mit der Gewissheit des absoluten Endes könnte zudem die Bereitschaft schwinden, sich in dem vergleichsweise kurzen Zustand der irdischen Existenz an ethischen Maßstäben zu orientieren und entsprechend zu handeln. Denn welchen Sinn sollte es machen, als „guter Mensch“ zu leben, sich an sittlichen Prinzipien auszurichten und dem Altruismus eine Chance zu geben, wenn in der Schlussbilanz nichts davon zählt? Es ist einer der wesentlichen Gründe, warum in der säkularisierten Gesellschaft von heute Gott weiterhin „lebt“. Und mitnichten „tot“ ist, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche einst proklamierte. Es ist zudem einer der wesentlichen Gründe, warum Gott niemals „sterben“ wird. Denn die Menschen, ob von der transzendenten Existenz einer höheren Macht überzeugt oder nicht, brauchen offenbar ein Mysterium, sie wollen Spiritualität. Spiritualität ist wichtig, weil sie der Seele ein Stück Beschwernis nimmt. Spiritualität bedeutet „Urlaub“ von der kalten Realität, den Kümmernissen des Alltags. Spirituell sein heißt, die geistige Dimension des Daseins zu begreifen und zu empfinden, mitunter an „übernatürliche“ Phänomene zu glauben oder auf sie zu hoffen, und mit dem Phänomen der Magie und der Phantasie die Sinne zu stimulieren. Mystik und Spiritualität stillen also die sinnlichen Bedürfnisse des Menschen. Dieses Phänomen ist sicht- und spürbar seit allen Zeiten, in allen Kulturen, jenseits aller politischen und sozialen Gegebenheiten. Ob in Südafrika, Japan oder Peru, in Irland, Dubai oder Indien, in Russland, Kenia oder Deutschland: Auf der ganzen Welt sind die Menschen religiös, überall beten sie zu „Gott“, glauben sie an Transzendenz (auch in China, das offiziell atheistisch ist). Dieser Gott der Menschen ist polymorph, er sieht überall anders aus, hat überall einen anderen Namen und wird mit den unterschiedlichsten Zeremonien verehrt. Es gibt sogar Religionen, die gar keinen Gott haben (Buddhismus) oder aber zigtausend Götter (Hinduismus). Insgesamt, so eine Zählung britischer Wissenschaftler, existieren weltweit über 9000 Religionen! Auch das Christentum ist wie viele andere aufgespalten in mehrere Dutzend Glaubensrichtungen, die sich zuweilen nur in Details unterscheiden, Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 220 aber stets einen eigenen Namen haben. Nach einer internationalen Befragung aus dem Jahr 2014 gaben fast Zweidrittel der Weltbevölkerung (63 Prozent) an, „religiös“ zu sein (siehe dazu www.pewresearch.org und Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung). Gleichwohl sind alle Menschen in irgendeiner Weise von Religion beeinflusst, denn alle Kontinente sind sozial und kulturell von den religiösen Sitten und Bräuchen ihrer Vorfahren nachhaltig geprägt. Religion ist zudem gruppenspezifisch von großer Bedeutung. Es liegt, von Ausnahmen abgesehen, in der Natur des Menschen, einer Gemeinschaft oder einer Gruppe angehören zu wollen. Am besten einer starken Gruppe, die Sicherheit, Ordnung und Selbstvertrauen vermittelt. Um eine Gemeinschaft zu bilden, muss man eine eigene Identität schaffen, spezifische Eigenheiten herausbilden, sich einen Markenkern zulegen – und sich abgrenzen. Genau das tun die Religionen. Abgrenzung ist wichtig, weil die Abgrenzung als Pendant zur Einigelung den Zusammenhalt der Gruppe stärkt. Der Mensch, bzw. die Gruppe will sich abgrenzen, um sich selbst erkennen und definieren zu können, daran wird auch die grassierende Globalisierung und der Abbau von Schlagbäumen nichts ändern. Das Bedürfnis nach Distinktion ist universell und zeitlos. Wir bleiben aber hier beim Christentum und stellen konkret die Frage, wer „unser“ Gott des Alten und des Neuen Testamentes denn nun eigentlich ist. Wie er aussehen könnte, wo er „wohnt“, und was er von seinen Geschöpfen (die ganz offenbar nicht nach dem Willen des Schöpfers geraten sind), eigentlich erwartet? Auch solche Fragen haben einen Sinn, denn die Projektion Gott, von der sich kein Mensch total befreien kann, orientiert sich an dem beschränkten menschlichen Geist, der außerstande ist, sich das Höchste aller Wesen jenseits des menschlichen „Ebenbildes“ vorzustellen. Deshalb haben die Künstler der Spätantike und des Mittelalters, die unsere Gottesvorstellung optisch geprägt haben, das Bild des älteren Mannes gewählt: Gott ist im fortgeschrittenen Alter, hat weiße lange Haare und einen Bart, und er sitzt in prächtigen Gewändern auf einem Thron. Obwohl jeder weiß, dass diese Rezeption nur eine kümmerliche Phantasie ist, lässt sie sich nicht mehr aus unserem Gedächtnis löschen. Der Grund dafür ist simpel: Weil wir kein anderes Bild haben. Weil sonst ein geistiges Vakuum entstehen würde. Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 221 Die Frage nach Gottes Aussehen ist auch deshalb elementarer Natur, weil sie dem menschlichen Bedürfnis nach Erkenntnis entspringt. Dieser Drang ist m.E. der stärkste von allen. Stärker als der Sexualtrieb, stärker als der Machttrieb, stärker als der Geltungstrieb. Der Mensch giert geradezu nach Erkenntnis, und sei es unbewusst. Sobald das Kind auf der Welt ist, beginnt es mit der Erforschung derselben. Schon Babys und Kleinkinder wollen, neben der notwendigen Nahrung als Energiequelle, vor allem eins: Sehen, hören, fühlen, tasten, riechen, schmecken – erkennen. Sie wollen wissen, mit was und wem sie es zu tun haben, was wertvoll oder nutzlos, „gut“ oder „böse“ ist. Genau so und nicht anders hat der Schöpfer (die Natur) sie programmiert. Heerscharen von Künstlern haben ihre Vision der göttlichen Optik zu Papier oder auf Leinwand gebracht. Viel Phantasie haben sie dabei nicht bewiesen, denn Gottvater wurde und wird fast ausschließlich als älterer Herr mit weißem Bart dargestellt, während der Heilige Geist als weiße Taube über allem schwebt. Jesus vervollständigt die Heilige Dreifaltigkeit, worüber die ersten Christen jahrzehntelang erbittert gestritten haben (Arianismus). Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 222 Wir erinnern uns: An dem zentralen Thema der Erkenntnis ist das göttliche Paradies-Projekt gescheitert! Adam und Eva wollten unbedingt vom „Baum der Erkenntnis“ essen und wagten dafür sogar den zivilen Ungehorsam gegen den Allmächtigen. Auf diesem erzählerischen Plot basiert die biblische Schöpfungsgeschichte und damit das gesamte Juden- und Christentum. Andererseits: Ist nicht, wie eben er- örtert, die Suche nach Erkenntnis womöglich das wahre Lebensziel, der eigentliche Sinn des Lebens? Nicht-Erkenntnis als (biblisches) Ziel des irdischen Daseins wäre doch absurd und könnte unmöglich der Wille des Allmächtigen sein! Denn aus welchem sinnhaften Grund sollte der Gott der Bibel nicht gewollt haben, dass seine Geschöpfe vom „Baum der Erkenntnis“ essen? Die Vorstellung ist ja schon deshalb grotesk, weil dies nach Logik der göttlichen Schöpfung bedeuten würde, dass der Schöpfer die Menschen dauerhaft erkenntnislos (= dumm) halten wollte! Aber wie hätte sich der Mensch die Erde „untertan“ machen sollen, wenn er erkenntnislos, also „blind“ geblieben wäre – und außerdem auch noch „unsterblich“? Zu gern würde man deshalb (nach biblischer Logik) wissen, warum Gott diesen Baum überhaupt gepflanzt hat. Genau in der Mitte des Paradieses und mit dem ausdrücklichen Gebot, von seinen Früchten nicht zu essen. Im christlichen Königsgebet des Vaterunser heißt es, „und führe uns nicht in Versuchung“ (ein Satz, den Papst Franziskus übrigens gern ändern möchte!). Aber was sonst sollte dieser Baum sein, wenn nicht die Inkarnation einer Versuchung? Der Baum hatte – die Logik liegt auf der Hand – einzig und allein den Sinn, den Menschen permanent in Versuchung zu führen. Was aber noch spannender ist: Deutet bei dieser biblischen Schlüsselszene nicht alles darauf hin, dass der Baum und das damit verzweigte Tabu, nämlich die Missachtung des Verbots, womöglich das eigentliche Ziel der göttlichen Schöpfung war? Des Plans der Abkoppelung der Geschöpfe von ihrem Schöpfer? Des Plans der menschlichen Emanzipation? Kein Geringerer als der deutsche Nationaldichter Friedrich Schiller (1759-1805) hat genau dies behauptet. In einem berühmten Essay apostrophierte er den Ungehorsam Evas und Adams als „den glücklichsten Moment der Weltgeschichte“. Denn von diesem Augenblick an, so der Poet und Professor, habe der Mensch „seine Freiheit beschrieben“. Das heißt, Schiller hat die biblische Symbolik der ersten Men- Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 223 schen so verstanden, dass sie als willenlose Geschöpfe des Allmächtigen allein ihren Natur-Instinkten folgten. Die Vertreibung aus dem Paradies sei deshalb keineswegs das biblische Drama gewesen, als das es immer dargestellt werde. Der Sündenfall sei vielmehr als „Übergang des Menschen zu Freiheit und Humanität“ zu verstehen! Das klingt nachvollziehbar und vernünftig. Vor allem, wenn man die Alternative betrachtet – und zu Ende denkt: Das dauerhafte Befolgen des göttlichen Gebots hätte unweigerlich zur Konsequenz gehabt, dass die Menschen a) in braver Demut im Paradies verblieben wären, und b) irgendwann vom (erlaubten) „Baum des Lebens“ gegessen hätten. Damit aber wären sie nach biblischer Lesart unsterblich, also gottgleich geworden! Was sich auf den ersten Blick vielleicht wünschenswert anhört (der dauerhafte Verbleib im Paradies), wäre indes alles andere als erstrebenswert gewesen: Denn das Paradies als Dauerzustand müsste, gemessen an unseren heutigen menschlichen Maßstäben (andere haben wir nicht!), ein ziemlich langweiliges Leben sein: Ein Leben dolce far niente, ohne Emotion und Leidenschaft, ohne Ansporn und Spannung, ohne Arbeitspflicht, Gewalt, Ehrgeiz und Neid – und ohne Sünde… Ein systematisiertes, auf Dauer unerträgliches Vorsichhinleben im verzückten Erstarrungszustand, ein Leben im goldenen Käfig und voller Müßiggang. Und das für alle Zeiten, ewiglich… Zum Glück ist uns dieses Paradies erspart geblieben. Wir haben es eingetauscht gegen eine irdische Welt, die von atemberaubender Vielfalt und Schönheit, aber auch von abgrundtiefer Brutalität ist. Eine Welt, die sich in einem Maße entwickelt hat, das selbst der Schöpfer verblüfft sein müsste: Die Menschen haben sich nicht nur wie gehei- ßen die Erde untertan gemacht; sie fliegen auch im All herum, sind auf dem Mond gelandet und schicken Satelliten in ferne Galaxien. Ein paar überragende Geistesblitze haben ihnen ausgereicht, um das Rad zu erfinden, den Webstuhl, den Buchdruck, die Gesetze der Physik und der Elektrizität zu entdecken und zu nutzen. „Im Schweiße ihres Angesichts“ haben sie Brücken, Hochhäuser und Staudämme gebaut, Schiffe, Autos und Flugzeuge entwickelt und Computer konstruiert, die schneller „denken“ und arbeiten können als jedes göttliche Geschöpf. Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 224 Damit nicht genug: Seit die Menschen an Götter glauben, bringen sie ihnen „Opfer“ dar, bauen riesige Kathedralen und spektakuläre Klöster, Kirchen und Kapellen, schneiden (sich) die Vorhaut ab, hüllen sich in Kutten oder andere merkwürdige Gewänder, veranstalten geheimnisvolle Zeremonien mit Feuer, Weihrauch und Myrrhe, laufen mit Blasen an den Füßen hunderte Kilometer zu Wallfahrtsorten, kriechen auf blutigen Knien, geißeln sich mit bleibestückten Lederriemen, fasten bis zum Koma, nuscheln auf langen Prozessionen Litaneien herunter, beten, singen und tanzen zuweilen bis zur Trance und absoluten Erschöpfung. Warum tun die Menschen das? Der griesgrämig veranlagte Philosoph Arthur Schopenhauer wusste es: Religion, schrieb er in seinem berühmten Essay Über den Tod, sei „das Gegengift zur Gewissheit des Todes“. Da ist was dran. Denn erstens ist der Tod nach allgemeiner Sichtweise nicht nur das schlimmste Ereignis, das dem Menschen zustoßen kann; in seinem kurzen Leben wird ihm auch noch auf schmerzliche Weise das Schicksal der Auslöschung seiner eigenen Existenz bewusst! In paradoxer Weise fürchtet der Mensch deshalb das Nicht(mehr)sein nach dem Tode – obwohl es sich um keinen Deut von der Nichtexistenz vor seiner Geburt unterscheidet. Erstaunt stellt Schopenhauer fest: „Ihn betrübt nicht, dass er vorher eine Unendlichkeit lang nicht da war. Aber dass er bald nicht mehr sein wird, das beschäftigt ihn zutiefst“. Diese existenzielle Furcht ist universell. Aber so interessant Schopenhauers Gedankengänge auch sein mögen, sie haben einen logischen Fehler: rückwirkend kann man sich nicht fürchten. Man fürchtet sich vor etwas, aber nicht nach etwas. Das ändert indes nichts am Grundproblem des Menschen, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem „Leben nach dem Tode“ bislang vergebens geforscht zu haben. Auch die schlauesten Köpfe sind nicht weiter gekommen. Vielleicht sollten sie sich ein Beispiel nehmen, wie angeblich „primitive“ Menschen im Bereich von Naturreligionen mit dem Problem umgehen. In Polynesien zum Beispiel wird ein sehr gelassener, verträumter und in sich versunkener Umgang mit den Göttern praktiziert. Dieser Umgang erinnert in sympathischer Weise an kleine Kinder, die mit einer Puppe oder jemandem sprechen, wenn sie alleine spielen. Jemand, der Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 225 sie versteht, der ihnen Trost gibt, der Anteil nimmt, der ihr „Vertrauter“ ist – jenseits der kalten Realo-Welt. Diese kindlichen Verhaltensweisen sind instinktiv und universell, sie sind enorm wichtig für den Seelenhaushalt der Kinder. Solch eine spirituelle Hingabe brauchen aber auch Erwachsene, nicht nur in Polynesien, Indien oder Lateinamerika, sondern überall auf der Welt. Und so haben sich die Religionen im Laufe der Evolution trotz gravierender Problemfelder zu einem veritablen Sinnstifter entwickelt, der emotionale Bedürfnisse stillt und praktische Lebenshilfe leistet. Unzählige Menschen, die sich alleine fühlen oder vor scheinbar unlösbaren Problemen stehen, finden Halt im Gebet zu einem „Gott“, der ihnen auf geheimnisvolle Weise Trost spendet. Sie denken nicht weiter über den Sinngehalt der Bibel nach, sie interessieren sich in solchen Momenten auch nicht für die Widersprüche und Fragwürdigkeiten der „Heiligen Schrift“. Alles was dann zählt, ist der Glaube – und der kann, wie das bekannte Sprichwort sagt, „Berge versetzen“. Alle Menschen sind irgendwann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Viele finden ihre spirituelle Erfüllung nicht (mehr) in der Religion, sondern in anderen Formen transzendenter Versunkenheit. Junge Frau beim Meditieren in freier Natur. Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 226 Fügt man diesem spirituellen Momentum noch die positiven Elemente jeder Religion zu, einem echten Kraft- und Energie-Spender, der sich auch in der Kultur und in sozialen und karitativen Institutionen in au- ßerordentlicher Weise artikuliert, dann dürften selbst Religionskritiker und erklärte Atheisten zu der Auffassung gelangen, dass Religion, gleich welcher Art, aus der Phantasie des Individuums und aus dem praktischen Leben der Menschen nicht (mehr) wegzudenken ist. Denn Religion ist Seelennahrung für die armen kleinen sterblichen Hänflinge, die sich auf ihrem kurzen Lebenstrip mal mehr und mal weniger an eine Hoffnung namens „Gott“ klammern. Um einen Halt und eine innere Perspektive zu haben für die Zeit der ewigen Stille, in der Freunde und Familie um einen trauern. Vermutlich ist dies der eigentliche Grund dafür, dass „Gott“, dieses überaus geheimnisvolle Wesen jenseits jeder irdischen Realität, niemals sterben wird. Exkurs 1: Gedankenspiele: Was wäre passiert, wenn? Wer an die biblische „Offenbarung“ glaubt, der soll und darf das natürlich tun. Aber gerade an diesem sensiblen Punkt, der überlieferten Aussage und der Schriften der „Propheten“, zeigt sich der enorme Einfluss der politischen Gegebenheiten und Zufälle: Denn was wäre etwa mit dem Land Israel und seinen Bewohnern passiert, was mit der biblischen Überlieferung, was mit dem Judentum, wenn etwa der assyrische König Nebukadnezar im Jahr 587 nicht in Jerusalem einmarschiert wäre und die jüdische Oberschicht nicht nach Babylon deportiert hätte? Was wäre mit Tora, Tanach und Talmud passiert, wenn ihre Autoren die Texte ohne babylonischen Einfluss geschrieben hätten? Wie hätte sich die Gedanken- und Gefühlswelt der Israelis entwickelt, wenn das Trauma der Entwurzelung und des drohenden Identitätsverlustes die Geschichte des Landes Israel nicht massiv beeinflusst hätte? Oder – man kann dieses Gedankenspiel ja weiterführen – was wäre passiert, wenn der römische Prokurator Pontius Pilatus (es hätte in seiner Macht gelegen!) nicht dem Willen jüdischer Eiferer nachgegeben und Jesus doch wie geplant begnadigt hätte? Dann wäre Christus nicht am Kreuz gestorben. Und die „Erlösung“ hätte dementsprechend gar nicht stattfinden können. Dann gäbe es keinen Heiland – und kein Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 227 Christentum. Die gesamte Geschichte des Abendlandes wäre komplett anders verlaufen! Wer solche Fragen und Alternativ-Modelle als unseriös ablehnt, sollte bedenken: Wenn der Mensch – wie von theologischer und philosophischer Seite immer wieder betont wird – tatsächlich über einen „freien Willen“ verfügt, dann hätte Pilatus durchaus auch anders entscheiden können. Wenn aber Pilatus so entscheiden musste, würde das in der Konsequenz wiederum bedeuten, dass die Passion Christi von „langer Hand“ vorherbestimmt war und demnach nicht anders passieren konnte und durfte. Dann hätte Gott es so und nicht anders gewollt! Und was Gott will, kann ja eigentlich nicht schlimm sein. Die Reihe methodischer Gedankenexperimente lässt sich übrigens mühelos verlängern. Sie sind deshalb erlaubt, weil zum höheren Ziel der Gewinnung von Erkenntnis selbstverständlich alle Fragen erlaubt sind. Was also wäre wohl (mit dem Christentum) passiert, – wenn es es die konstantinische Wende (siehe Glossar) nicht gegeben hätte? – wenn der jahrzehntelange Streit um den Arianismus – sind Gottvater, Gottsohn und der Hl. Geist „wesensgleich“? – anders ausgegangen wäre? – wenn der Christentums-Begründer Paulus, der eigenen Angaben zufolge nur knapp eine Steinigung überlebte, vorzeitig gestorben wäre? – wenn sich statt der ultrafrommen Apologeten Ambrosius und Augustinus die kritischen Christen Marcion, Pelagius, Celsus und Julianus von Aeclanum durchgesetzt hätten? Soll heißen: Das Christentum in seiner heutigen Form ist massiv auch von ganz irdischen, profanen Ereignissen beeinflusst und geprägt worden. Ohne den jeweiligen „Zufall“ wäre diese Religion (so) nicht entstanden – es sei denn, Gott der Allmächtige hätte alles so gewollt und entsprechend eingefädelt! Doch dann, siehe oben, hätte nicht der Mensch, aufgrund seiner Launen oder seines freien Willens, sondern Gott selbst den Lauf der Ereignisse bestimmt. Das aber wäre wiederum ein klarer Beleg für die systemrelevante Hypothese, dass der Mensch keinen freien Willen hat – und somit „unschuldig“ wäre… Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 228 Exkurs 2: Die Religion der Gottlosen Nach Umfragen in (westlichen) Ländern gibt im Schnitt etwa ein Drittel der jeweiligen Bevölkerung an, nicht an Gott zu glauben. Diese „gottlosen“ Menschen – der Ausdruck war früher ein böses Schimpfwort – nennen sich selbst Atheisten, Agnostiker oder einfach „konfessionslos“. Mittlerweile hat die Wissenschaft begonnen, auch diese besondere Spezies Menschen zu erforschen. Dabei kommen interessante Details ans Licht. Die schlichte Vermutung gläubiger Menschen, die Ungläubigen seien „komische“ Zeitgenossen, die „sinnlos“ durchs Leben taumelten, keine Werte besäßen, und überhaupt unglücklich und „arme Seelen“ seien, ist haltlos. Es verhält sich nämlich, das wird manchen überraschen, eher umgekehrt: Nicht-Gläubige sind ganz normale Menschen, die über eine hohe Lebenszufriedenheit verfügen, genau wie andere (resp. die meisten) Menschen ethische Maßstäbe haben, und die auch ohne Gott ein „gutes“ Leben führen (können). Es sind, das hat die Studie „Konfessionsfreie Identitäten“ der Universität Wien ergeben, überdurchschnittlich gebildete und politisch eher links verortete Menschen. Sie seien, genau wie die Frommen, ebenso bereit, Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft zu übernehmen, sagte Studienleiterin Tatjana Schnell am 6. September 2017 im Deutschlandfunk. Die Kernthese dieser Menschen laute: „Ich schaue hin, wie ich lebe, und es liegt an mir. Ich lebe nicht einfach so vor mich hin, sondern versuche authentisch zu leben, wie ich es richtig finde“. Die Studie über das Wertesystem „gottloser“ Menschen erstreckte sich über Deutschland, Österreich, die Niederlanden und Dänemark. (Weitere Informationen: www.sinnforschung.org) Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 229 Epilog Was soll das bedeuten: Ein Buch, das die Widersprüche und Fragwürdigkeiten der (christlichen) Religion beschreibt, das deutliche Kritik an den Kirchen und dem „Lehramt“ übt, das zudem für einen modernen, ideologiefreien Religionsunterricht plädiert – und dann im letzten Kapitel trotzdem zu der Auffassung kommt, Religion sei durchaus sinnhaft, weil der Glaube an eine höhere Macht Trost und Halt spenden könne und ein offensichtliches Bedürfnis der Menschen artikuliere. Nun, ein gewisser Widerspruch ist wahrlich nicht zu leugnen, doch auch wenn die Faktenlage eindeutig und die Vernunft gegenüber dem Glauben klar im Vorteil ist, kann die unglaubliche Kraft der Religion nicht ernsthaft bestritten werden. Eine Kraft, die so gewaltig ist, dass sie die soziokulturelle Welt auf der gesamten Erde seit Jahrtausenden prägt und phasenweise sogar weltliche Mächte in die Knie gezwungen hat („Canossa“), muss trotz ihres transzendenten Charakters ernst genommen werden. So wie man auch Placebos ernst nehmen muss, weil sich die angestrebte Wirkung eben messbar nachweisen lässt. Wenn Menschen überall auf der Welt, gleich welcher Herkunft, gleich welcher Bildung, seit der (r)evolutionären Transformation des Hominiden zum homo sapiens an höhere Mächte glauben, dann entsteht durch diesen spirituellen Prozess tatsächlich eine neue Realität. Der antike Philosoph Platon nannte dieses Phänomen in seiner berühmten Ideenlehre „metaphysische Realität“. Und da zweifelsfrei erkennbar ist, dass alle anderen Lebewesen (= Tiere) keine Götter anbeten und entsprechend auch keine „Erlösung“ erwarten, ist der Götterglaube nirgendwo anders zu suchen als im Selbst-Bewusstsein des Menschen. Wie wir in Kapitel 2 erfahren haben, ist sich der homo sapiens in diesem Erkenntnis-Prozess seiner eigenen Endlichkeit bewusst geworden – und scheitert seither an dem Unterfangen, die düstere Perspektive der ewigen Nicht-mehr-Existenz auch intellektuell zu akzep- 231 tieren. Es ist ein wesentlicher Grund, warum „die Krone der Schöpfung“ seit Menschengedenken versucht, über das Diesseits hinaus ein Jenseits zu denken, in dem ein transzendentes Weiterleben möglich scheint. Der Befund ändert aber nichts daran, dass die Bibel ein problematisches Buch ist, in dem Krieg und Gewalt, Sklaverei und Diskriminierung gerechtfertigt werden. Die Jubelarien über das „Buch der Bücher“ sind zwar nachvollziehbar, denn kein anderes Druckwerk auf der Welt wurde auch nur annähernd so oft verkauft wie die Bibel. Doch die Hymnen sind parteiisch, sie stammen mehrheitlich von Gläubigen, die über die Fähigkeit verfügen, ihre Wahrnehmung steuern und unliebsame Fakten ausblenden zu können. Diese Menschen wollen der Bibel und damit der Kirche glauben, sie wollen ernst nehmen, was die Propheten und Evangelisten aus uralten Zeiten offenbart und überliefert haben. Sie haben kein Interesse an der schnöden, nüchternen und „trostlosen“ Realität. Trotz der in diesem Buch hinreichend erwähnten Problematik aller Religionen dürfen die positiven Aspekte des Glaubens also nicht unterschätzt werden. Es zeugt von Souveränität, wenn auch Atheisten offen zugeben, dass Religion unendlich vielen Menschen Nähe, Wärme, Vertrauen, Spiritualität, soziale Gemeinschaft und kulturelle Identität schenken kann. Religion ist eben nicht nur die erste Philosophie der Menschheit, sie ist auch die eigentliche Philosophie, denn sie stellt „die Kernfragen des Lebens, denen niemand ausweichen kann“ (Papst Johannes Paul II): Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich nach meinem Tode? Weil es den Kirchen aber nicht gelingt, diese elementaren Fragen auch nur annähernd oder gar zeitgemäß zu beantworten, verliert die (christliche) Religion zunehmend an Bedeutung. In vielen westlichen Ländern befindet sie sich bereits seit geraumer Zeit in einem Schrumpfungsprozess, schreibt der Saarbrücker Theologe Prof. Karl- Heinz Ohlig in seinen „Überlegungen zur Situation des Christentums“ (imprimatur 4/2016). Die Gründe sind, jenseits der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft, im wesentlichen hausgemacht: Der Beruf des Priesters ist nicht mehr attraktiv, weil der Geistliche seine Mittlerrolle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits verloren hat. Die jungen Menschen interessieren sich nicht mehr für die alten Rituale Epilog 232 und Versprechungen, sie suchen ihre Bestätigung eher in „sozialen Medien“ (siehe auch die Jugendstudie Generation What? vom April 2017). Zugleich reduziert der schwindende Glaube die Zahl der Gottesdienstbesucher, infolge dessen sich die Bischöfe wiederum gezwungen sehen, die Gemeinden neu und größer (= unpersönlicher) zu strukturieren. Schließlich, der vielleicht wichtigste Grund: Die Kirchen halten völlig irrational und verbissen an den archaischen Dogmen und Ethiken der Spätantike und des Mittelalters fest, gerade so, als habe sich die Welt nicht radikal verändert. Theologe Ohlig: „Die Gläubigen werden mit einer mythischen Welt verflossener Zeiten konfrontiert und ohne interpretative Hilfestellung allein gelassen“. Das ist das Problem: Im Zeitalter der Mondflüge, des world wide web und der digitalen Wissens-Potenzierung versuchen die Kirchen (und Schulen!) den Menschen weiterhin ein Gottesbild zu vermitteln, das vor 3000 Jahren entstanden ist. Dabei wissen die Theologen ganz genau, dass kein einziges kirchliches Dogma eine biblische Grundlage hat, weder die Trinität (Dreifaltigkeit Gottes), noch die Erbsündenlehre, noch Mariä Himmelfahrt oder sonstwas. Gleichwohl weigern sich die Kirchen in heiligem Trotz, die entwicklungsgeschichtlich und kulturhistorisch vielleicht sogar begründbaren Dogmen einer Generalrevision zu unterziehen. Das rächt sich, wie ein Blick in die Kirchen während der Gottesdienste zeigt: sie sind werktags gähnend leer, sonntags leidlich und lediglich an Weihnachten gut besucht. Dann also, wenn die Menschen sentimental werden und sich an ihre Kindheit erinnern. Als Fazit bleibt: Auch wenn Gott als „Idee“ zweifellos einen funktionalen Sinn und viele positive Seiten hat, so bedarf das Christentum, resp. der Glaube an Gott gleichwohl einer Erneuerung. An Gott kann man nämlich, wenn das Bedürfnis nach Spiritualität nicht zu stillen ist, auch anders glauben: ohne Dogmen, ohne Hölle, ohne Zwang, ohne Angst. Man kann, soll und darf die fabelhaften Geschichten des Alten und des Neuen Testaments ja durchaus als kulturelles Erbe der Menschheit bewahren, so wie auch die babylonischen, chinesischen, ägyptischen, griechischen, aztekischen oder germanischen Mythen einen festen Platz in der historischen Schatzkammer der Menschheit haben. Doch es ist an der Zeit, dass der Mensch der digitalen Moderne Epilog 233 den traum- und märchenhaften Geistes-Zustand der Antike verlässt. Es ist an der Zeit, Gott neu zu denken. Epilog 234 Glossar Agnostiker: jemand, der nicht an Gott glaubt, die Möglichkeit einer göttlichen Existenz aber auch nicht bestreitet Allegorie: bildliche Darstellung eines (abstrakten) Sachverhalts Anthropogenese: stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen Anthropologie: Wissen(schaft) vom/über den Menschen apodiktisch: unwiderlegbar, felsenfest Apokryphen: antike Schriften/Evangelien, die nicht in den Kanon der Kirche/n aufgenommen wurden Apologeten: Verteidiger der (christlichen) Lehre Apotheose: Verherrlichung, Vergöttlichung (eines Menschen) Arianismus: Streit in der Frühkirche, ob Jesus göttlich oder nur gott- ähnlich ist Axiom: Grundsatz, der als wahr gilt und nicht begründet werden muss Biogenese: Das Entstehen von Leben aus einem existierenden Organismus Blasphemie: Gotteslästerung Christologie: Lehre über die Bedeutung und die Person Jesu von Nazareth Deismus: der Glaube an Gott als Schöpfer der Welt, der aber nicht in das Geschehen eingreift. Deisten sind kritische Gläubige, die nicht an Wunder glauben und die „Offenbarung“ ablehnen Deuteronomium: „zweites Gesetz“ = das fünfte Buch Moses Deuteropaulinen: Die nicht echten Paulus-Briefe, z.B. an die Kolosser Distinktion: Abgrenzung (von einer sozialen Schicht) Elohist: Autor(en) des Alten Testaments, der den Namen Elohim für Gott gebrauchte Entität: philosophischer Sammelbegriff für Ding, Substanz, etwas Seiendes Enzyklika: belehrendes, ermahnendes, erklärendes Schreiben des Papstes an die Gläubigen 235 Eschatologie: Lehre von den letzten Dingen, Vollendung der Schöpfung Etymologie: Herkunft, Geschichte (und Bedeutung) eines Wortes Evolution: Die allmähliche, natürliche Entwicklung einer Population Gnosis: (=Erkenntnis). Religiöse Lehre verschiedener Strömungen in der Antike, die den Gnostikern („Erkennenden“) vorbehalten war Häresie: Abweichung vom Glauben heuristisch: analytisches Verfahren, mit begrenzten Mitteln zu einem guten Ergebnis zu kommen Hominiden: Menschenaffen homo sapiens: der aufrecht gehende, „weise“ (denkende) Mensch Ikone: Kult- oder Heiligenbild, Typus einer Figur Jahwist: Autor(en) des Alten Testaments, der den Namen Jawhe für Gott benutzte Kanon: Maßstab, Richtschnur. Bezeichnet in der Religionswissenschaft eine festgelegte Zusammenstellung bestimmter Schriften Klerus: Gesamtheit der Angehörigen eines geistlichen Standes konstantinische Wende: Prozess ab dem Jahr 313, ausgelöst durch Kaiser Konstantin, der das Christentum legitimierte konstitutiv: elementar, wesentlich Konvertieren: Umkehren, einer anderen Religion beitreten Kreationist: Jemand, der buchstäblich glaubt, was in der Bibel steht Literalsinn: Der wörtliche Sinn eines Textes Logos: (breitgefächerte Bedeutung) Wort, Sinn, Lehre, Rede, Vernunft Manichäismus: Offenbarungsreligion der Spätantike mit gnostischen Einflüssen Metaphysik: griech. jenseits der Natur. Philosophische Lehre, die sich mit dem Nicht-Erfahrbaren, Nicht-Erkennbaren befasst und nach den letzten Dingen fragt Mutation: (spontane) Veränderung (des Erbguts) Neuplatonismus: wichtig(st)e philosophische Lehre der Antike, wonach „das Eine“ (z.B. Gott) das oberste Prinzip ist, aus dem sich alles ableitet Oxymoron: Widerspruch in sich Glossar 236 Pantheismus: Lehre, wonach Gott alles ist – also die gesamte Natur Paradigma: Muster, Beispiel, grundsätzliche Denkweise Parameter: Kenngröße, Regelsystem, Eigenschaft Patristik: Wissenschaft (und Zeit) der Kirchenväter Pelagianismus: Lehre (nach dem irischen Mönch Pelagius), wonach der Mensch nicht mit der Erbsünde belastet ist Pentateuch: „fünf Schriftrollen“, die fünf Bücher Moses = Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium Placebo: Arznei, die keine Wirkmittel enthält, Scheineffekt polymorph: vielgestaltig Prädestination: Vorherbestimmung des Menschen (von Anfang an) Präexistenz: Lehre, wonach Jesus „schon immer“ existiert habe Prüderie: Empfindliche (und rückständige) Einstellung gegenüber Sitte/Moral Ptolemäisches Weltbild: antike Auffassung, wonach die Erde der Mittelpunkt des Universums ist Redundanz: Überfluss, (unnötige) Wiederholung Rezeption: die (geistige) Aufnahme und Verarbeitung von etwas sakrosankt: unantastbar, hochheilig Säkularisation: Verweltlichung Scholastik: Strömung im Mittelalter, schwierige (religiöse) Fragen durch eine bestimmte Beweisführung – z.B. These, Antithese, Synthese – und Diskussion zu lösen Soteriologie: Lehre von der Erlösung des Menschen Talmud: jüdische Gesetzessammlung plus Kommentierung Tanach: die fünf Bücher Moses und weitere jüdische Schriften Theismus: Lehre, wonach ein (transzendenter) Gott existiert und lenkend in die Geschicke der Welt eingreift Theodizee: (die Frage/das Problem der) Gerechtigkeit Gottes Thora: Anweisung, Vorschrift = die fünf Bücher Moses = 1. Teil des Tanach = Pentateuch Transsubstantiationslehre: (umstrittene) Lehre, wonach Brot und Wein in der Hl. Messe real zu Leib und Blut Christi umgewandelt werden Transzendenz: Übernatürlichkeit, jenseits der menschlichen Sinneswahrnehmung Trinität: Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Hl. Geist Glossar 237 Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen Abaelard, Peter: Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen; Verlag der Weltreligionen 2008 Abdel-Samad, Hamed: Mohamed. Eine Abrechnung; Droemer Verlag 2015 Albert, Hans: Zur Analyse und Kritik der Religionen; Alibri Verlag 2017 Ambrosius von Mailand: Über das Paradies; Johannes Verlag 2013 Aquin, Thomas von: Summa theologica; Pustet Verlag 1936 Augustinus, Aurelius: Die Bekenntnisse; Johannes Verlag 2016 Bayle, Pierre: Historisches und kritisches Wörterbuch; Felix Meiner Verlag 2003 Becker, Uwe: Exegese des Alten Testaments; Mohr Siebeck Verlag 2015 Benedikt XVI.: Die Offenbarung des Johannes. (K)ein Buch mit sieben Siegeln; St. Benno Verlag Ben-Chorin, Schalom: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht; dtv 1982 Ben-Chorin, Schalom: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht; dtv 1982 Ben-Chorin, Schalom: Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht; dtv 1980 Bering, Jesse: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf; Piper Verlag 2010 Beutel, Albrecht: Johann Joachim Spalding. Meistertheologe im Zeitalter der Aufklärung; Mohr Siebeck Verlag 2014 Biesinger, Albert / Kohler-Spiegel, Helga / Hiller, Simone: Warum dürfen Adam und Eva keine Äpfel essen? Kinderfragen zur Bibel – Forscherinnen und Forscher antworten; Kösel Verlag 2014 Binder, Alfred: Jahwe, Jesus und Allah. Eine kurze Kritik der monotheistischen Götter; Alibri Verlag 2013 Bobzin, Hartmut: Der Koran. Eine Einführung; C.H. Beck Verlag 2014 Böhmann, Stefanie / Kriege-Egert, Ina: Mama, wo wohnen die Engel? Mit Kindern die Welt des Glaubens entdecken; Brunnen Verlag 2010 Böttrich, Christfried / Ego, Beate / Eißler, Friedmann: Adam und Eva im Judentum, Christentum und Islam; Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 2011 Brown, Peter: Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums; Hanser Verlag 1991 239 Brunier, Serge: Das Universum. Eine Reise in die Unendlichkeit; Kosmos Verlag 2002 Brunner-Traut, Emma: Die fünf großen Weltreligionen; Herder Verlag 1974 Buggle, Franz: Denn sie wissen nicht, was sie glauben; Alibri Verlag 2012 Bultmann, Rudolf: Das Urchristentum; dtv 1992 Ceming, Katharina / Werlitz, Jürgen: Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften; Piper Verlag 2007 Cicero: De natura de orum. Über das Wesen der Götter; Reclam Verlag 1995 Dahlheim, Werner: Augustus. Aufrührer, Herrscher, Heiland; C.H. Beck Verlag 2010 Darwin, Charles: Die Entstehung der Arten; Nikol Verlag 2016 Dassmann, Ernst: Augustinus. Heiliger und Kirchenlehrer; Verlag W. Kohlhammer 1993 Dawkins, Richard: Der Gotteswahn; Ullstein Verlag 2007 Denzler, Georg: Die verbotene Lust. 2000 Jahre kirchliche Sexualmoral; Gemini Verlag 2013 Deschner, Karlheinz: Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums; Econ Verlag 1974 Dietrich, Walter: David. Der Herrscher mit der Harfe; Evangelische Verlagsanstalt 2016 Dietz, Karl-Martin: Platon und Aristoteles. Das Erwachen des europäischen Denkens; Verlag Freies Geistesleben 1989 Dreier, Horst: Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne; C.H. Beck Verlag 2018 Drewermann, Eugen: Das Wichtigste im Leben. Worte mit Herz und Verstand; Patmos Verlag 2015 Ebner, Martin: Jesus von Nazaret. Was wir von ihm wissen können; Verlag Katholisches Bibelwerk 2016 Egelkraut, Helmuth (Hrsg.): Das Alte Testament. Entstehung – Geschichte – Botschaft; Brunnen Verlag 2012 Ehrman; Bart D.: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden. Wie die Bibel wurde, was sie ist; Gütersloher Verlagshaus 2008 Epikur: Philosophie der Freude; Insel Verlag 2013 Erasmus von Rotterdam: Papst Julius vor der Himmelstür; Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 2011 Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen 240 Feldbauer, Peter / Liedl, Gottfried: Die islamische Welt 1000 bis 1517; Mandelbaum Verlag 2008 Finkelstein, Israel / Silberman, Neil A.: David und Salomo; dtv 2009 Finkelstein, Israel / Silberman, Neil A.: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel; dtv 2004 Flasch, Kurt: Eva und Adam. Wandlungen eines Mythos; C.H. Beck Verlag 2004 Flasch, Kurt: Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire; Vittorio Klostermann 2008 Flasch, Kurt: Warum ich kein Christ bin; C.H. Beck Verlag 2015 Flasch, Kurt: Logik des Schreckens. Die Gnadenlehre von Augustinus; DVB 1990 Flasch, Kurt: Was ist Gott? Das Buch der 24 Philosophen; C.H. Beck Verlag 2011 Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums; Anaconda Verlag 2014 Frazer, James George: Der Goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker; Rowohlts Enzyklopädie 1989 Frenschkowski, Marco: Die Hexen. Eine kulturgeschichtliche Analyse; Marix Verlag 2012 Frenschkowski, Marco: Heilige Schriften der Weltreligionen und religiösen Bewegungen; Marix Verlag 2007 Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion; Reclam Verlag 2010 Friedman, Richard Elliott: Wer schrieb die Bibel? So entstand das Alte Testament; Anaconda Verlag 2007 Fromer, Jakob: Der babylonische Talmud; Anaconda Verlag 2013 Graf, Friedrich W.: Moses Vermächtnis. Über göttliche und menschliche Gesetze; C.H. Beck Verlag 2006 Graf, Friedrich W. (Hrsg.): Klassiker der Theologie.Von Tertullian bis Calvin; C.H. Beck Verlag 2005 Graf, Friedrich W. / Meier, Heinrich (Hrsg.): Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart; C.H. Beck Verlag 2013 Großbongardt, Annette / Pieper, Dietmar (Hrsg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums; Deutsche Verlagsanstalt 2012 Gemeinhardt, Peter: Antonius, der erste Mönch; C.H. Beck Verlag 2013 Gunkel, Hermann: Das Märchen im Alten Testament; Athenaeum Verlag 1987 Harnack, Adolf von: Das Wesen des Christentums; Siebenstern Verlag 1964 Harnack, Adolf von: Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott; Hinrichs'sche Buchhandlung 1921 Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen 241 Harris, Sam: Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft; Edition Spuren 2007 Hartmann, Eduard von: Die Selbstzersetzung des Christentums und die Religion der Zukunft; Duncker's Verlag 1874 Hartmann, Gerhard: Daten der Kirchengeschichte; Marix Verlag 2013 Hawking, Stephen / Mlodinow, Leonard: Der große Entwurf. 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Wie die Christen sich ihren Gott erschufen; Tectum Verlag 2013 Lacarrière, Jacques: Die Gottesnarren. Aus dem Leben der Wüstenväter; Tyrolia- Verlag 2004 Langenhorst, Georg: Kinder brauchen Religion. Orientierung für Erziehung und Bildung; Herder Verlag 2014 Leppin, Volker: Die christliche Mystik; C.H. Beck Verlag 2007 Lohse, Eduard: Paulus. Eine Biographie; C.H. Beck Verlag 2009 Lüdemann, Gerd: Der echte Jesus. Seine historischen Taten und Worte; zu Klampen Verlag 2013 Lüdemann, Gerd: Die Auferstehung Jesu. Historie, Erfahrung, Theologie; Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 1994 Lütz, Manfred: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums; Herder Verlag 2018 Maccoby, Hyam: Der heilige Henker. Die Menschenopfer und das Vermächtnis der Schuld; Thorbecke Verlag 1999 Maccoby, Hyam: Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums; Ahriman-Verlag 2007 Merk, Otto / Meiser, Martin: Das Leben Adams und Evas. Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit, Band II; Gütersloher Verlagshaus 1998 Metzger, Paul: Der Teufel; marixverlag 2012 Mey, Constanze: Die Circumcellionen. Studienarbeit; Grin Verlag 2004 Miles, Jack: Gott. Eine Biografie; dtv 1996 Milton, John: Das verlorene Paradies; Anaconda Verlag 2008 Nestle, Wilhelm (Hrsg.): Platon. Hauptwerke; Kröner Verlag 1973 Neuner, Josef / Roos, Heinrich: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung; Pustet Verlag 1971 Nieden, Eckart zur: Die Kinderbibel; SCM‑Verlag 2016 Nixey, Catherine: The Darkening Age. The christian destruction of the classical world; McMillan Verlag 2017 Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen 243 Nydahl, Lama Ole: Von Tod und Wiedergeburt; Knaur Verlag 2014 Nyssa, Gregor von: Das Leben des Mose oder Das vollkommene Leben; Dieter Hattrup 2015 Ohlig, Karl-Heinz: Religion in der Geschichte der Menschheit. Die Entwicklung des religiösen Bewusstseins; WBG 2006 Otto, Eckart: Mose. Geschichte und Legende; C.H. 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Ein Bahnbrecher in drei Disziplinen; Carl Friedrich von Siemens Stiftung 2006 Smend, Rudolf: Wilhelm Martin Leberecht de Wettes Arbeit am Alten und am Neuen Testament; Verlag Helbing & Lichtenhahn 1958 Sölle, Dorothee: Gottes starke Töchter. Große Frauen der Bibel; Verlagsgemeinschaft topos plus 2013 Speidel, Kurt A.: Das Urteil des Pilatus; Verlag Katholisches Bibelwerk 1988 Spinoza, Baruch de: Kurzer Traktat über Gott, den Menschen und dessen Glück; Felix Meiner Verlag 2014 Spinoza, Baruch de: Theologisch-politische Abhandlung; Michael Holzinger 2016 Steck, Odil Hannes: Die Paradieserzählung. Eine Auslegung von Genesis 2,4b bis 3,24; Neukirchener Verlag 1970 Stegemann, Wolfgang: Jesus und seine Zeit; Verlag W. Kohlhammer 2010 Stosch, Klaus von: Theodizee; Schöningh Verlag 2013 Strauss, David Friedrich: Das Leben Jesu; Elibron Classics 2006 Strohmaier, Gotthard: Avicenna; C.H. Beck Verlag 2006 Tetens, Holm: Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie; Reclam Verlag 2015 Theobald, Michael: Römerbrief Kapitel 1-11. Stuttgarter Kleiner Kommentar; Verlag Katholisches Bibelwerk 1992 Thomson, J. Anderson: Warum wir (an Gott) glauben; Springer Spektrum 2014 Tilly, Michael: Das Judentum; marixverlag 2015 Tilly, Michael/Zwickel, Wolfgang: Religionsgeschichte Israels; WBG 2011 Tolstoj, Leo: Kurze Darlegung des Evangelium; Verlag Philipp Reclam jun. 1892 Vogel, Walter/Kügerl, Johannes: Das Christentum; marixverlag 2012 Vogt-Lüerssen, Maike: Der Alltag im Mittelalter; Vogt-Lüerssen 2006 Vries, Anne de: Die Kinderbibel; Neukirchener Verlagsgesellschaft 2016 Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen 245 Wehr, Gerhard: Jakob Böhme. Der Mystiker; marixverlag 2012 Weinreich, Rolf: Die Sache mit dem Glauben. Über Gott, Jesus und so; Brendow Verlag 2004 Wellhausen, Julius: Das Evangelium Lucae; Georg Reimer Verlag 1904 Westermann, Claus: Genesis 1-11; WBG 1993 Zahrnt, Heinz: Gott kann nicht sterben; Piper Verlag 1970 Zahrnt, Heinz: Jesus aus Nazareth. Ein Leben; Piper Verlag 1987 Zahrnt, Heinz: Wie kann Gott das zulassen? Hiob – der Mensch im Leid; Piper Verlag 1996 Zenger, Erich: Der Gott der Bibel; Verlag Katholisches Bibelwerk 1979 Zwickel, Wolfgang: Das heilige Land. Geschichte und Archäologie; C.H. Beck Verlag 2009 Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen 246

Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.

References
Bibliographie zum Nach- und Weiterlesen
Abaelard, Peter: Gespr�ch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen; Verlag der Weltreli-gionen 2008
Abdel-Samad, Hamed: Mohamed. Eine Abrechnung; Droemer Verlag 2015
Albert, Hans: Zur Analyse und Kritik der Religionen; Alibri Verlag 2017
Ambrosius von Mailand: �ber das Paradies; Johannes Verlag 2013
Aquin, Thomas von: Summa theologica; Pustet Verlag 1936
Augustinus, Aurelius: Die Bekenntnisse; Johannes Verlag 2016
Bayle, Pierre: Historisches und kritisches W�rterbuch; Felix Meiner Verlag 2003
Becker, Uwe: Exegese des Alten Testaments; Mohr Siebeck Verlag 2015
Benedikt XVI.: Die Offenbarung des Johannes. (K)ein Buch mit sieben Siegeln; St. Benno Verlag
Ben-Chorin, Schalom: Bruder Jesus. Der Nazarener in j�discher Sicht; dtv 1982
Ben-Chorin, Schalom: Mutter Mirjam. Maria in j�discher Sicht; dtv 1982
Ben-Chorin, Schalom: Paulus. Der V�lkerapostel in j�discher Sicht; dtv 1980
Bering, Jesse: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf; Piper Verlag 2010
Beutel, Albrecht: Johann Joachim Spalding. Meistertheologe im Zeitalter der Aufkl�rung; Mohr Sie-beck Verlag 2014
Biesinger, Albert / Kohler-Spiegel, Helga / Hiller, Simone: Warum d�rfen Adam und Eva keine �p-fel essen? Kinderfragen zur Bibel � Forscherinnen und Forscher antworten; K�sel Verlag 2014
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Bobzin, Hartmut: Der Koran. Eine Einf�hrung; C.H. Beck Verlag 2014
B�hmann, Stefanie / Kriege-Egert, Ina: Mama, wo wohnen die Engel? Mit Kindern die Welt des Glaubens entdecken; Brunnen Verlag 2010
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Darwin, Charles: Die Entstehung der Arten; Nikol Verlag 2016
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Dawkins, Richard: Der Gotteswahn; Ullstein Verlag 2007
Denzler, Georg: Die verbotene Lust. 2000 Jahre kirchliche Sexualmoral; Gemini Verlag 2013
Deschner, Karlheinz: Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums; Econ Verlag 1974
Dietrich, Walter: David. Der Herrscher mit der Harfe; Evangelische Verlagsanstalt 2016
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Dreier, Horst: Staat ohne Gott. Religion in der s�kularen Moderne; C.H. Beck Verlag 2018
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Flasch, Kurt: Warum ich kein Christ bin; C.H. Beck Verlag 2015
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Jochum, Uwe: Der Urkonflikt des Christentums. Paulus � Petrus � Jakobus und die Entstehung der Kirche; Verlagsgemeinschaft topos plus 2011
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K�nig, Siegfried: Die Welt der Religionen. K�nig 2016
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Nixey, Catherine: The Darkening Age. The christian destruction of the classical world; McMillan Verlag 2017
Nydahl, Lama Ole: Von Tod und Wiedergeburt; Knaur Verlag 2014
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Zahrnt, Heinz: Gott kann nicht sterben; Piper Verlag 1970
Zahrnt, Heinz: Jesus aus Nazareth. Ein Leben; Piper Verlag 1987
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Zenger, Erich: Der Gott der Bibel; Verlag Katholisches Bibelwerk 1979
Zwickel, Wolfgang: Das heilige Land. Geschichte und Arch�ologie; C.H. Beck Verlag 2009

Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.