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Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 87 - 110

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-87

Tectum, Baden-Baden
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Jesus von Nazareth, König der Juden Ein kleines Porträt des Größten von allen Gibt es irgendeinen Zweifel, dass Jesus von Nazareth die interessanteste Figur der Weltgeschichte ist? Ich glaube nicht. Mit seinem höchstens zweijährigen Wirken als Wanderprediger und Wunderheiler (für manche Forscher war Jesus nur ein Jahr lang „aktiv“) hat der jüdische Bauhandwerker den Lauf der Welt beeinflusst und verändert wie sonst niemand. Dabei deutete am Anfang so gut wie nichts auf die einmalige Karriere des Galiläers vom Höhlenbewohner eines winzigen Bergdorfs zum global agierenden „Sohn Gottes“ hin. Jesus kam praktisch aus dem Nichts, und er hat – gewiss auch aufgrund günstiger Umstände – die größtmögliche Wirkung erzielt. Selbst Atheisten oder Andersgläubige müssen akzeptieren, dass diese Leistung höchsten Respekt verdient. Über die Historizität der Person Jesus von Nazareth gibt es keine ernsthaften Zweifel. Dieser Mensch hat, wie wir auch aus den Schriften des römischen Historikers Flavius Josephus (37–100 n. Chr.) wissen, tatsächlich gelebt – und er ist natürlich auch gestorben. Es sind die Umstände seines Todes, die umstritten sind, wir kommen noch darauf zurück. Dass Jesus eine solch nachhaltige Wirkung erzielen konnte, war nicht im Geringsten zu erwarten. Sein Heimatdorf Nazareth an einem entlegenen Berghang war so unbedeutend, dass frühe Geschichtsschreiber es gar nicht erst erwähnten. Der Ort zählte nur ein paar Hundert Einwohner, die größtenteils in Höhlen hausten. Leider wissen wir so gut wie nichts über Kindheit und Jugend von Jesus, dessen (Stief-)Vater Joseph hieß und seine Mutter Maria. Und genau hier beginnt schon das erste Problem: Von seiner Dorfgemeinschaft wurde Jesus nicht nur skeptisch beäugt („Sie wollten nichts von ihm wissen“, Mk 6,3); sie sprachen auch abschätzig von ihm als „Marias Sohn“. Kapitel 7 87 Nach damaligem Verständnis war die Benennung der Mutter statt des Vaters die Umschreibung für „Bastard“, also für ein uneheliches Kind. Joseph, „der Verlobte von Maria“, war offensichtlich nicht der Vater von Jesus, der die größte aller denkbaren Karrieren machen sollte: Vom verachteten „Hurenkind“ zum „Messias“ und „Sohn Gottes“. Seriöse Bibel-Interpreten sind der Auffassung, Jesus habe unter seiner ungeklärten Herkunft gelitten und die Familie womöglich auch deswegen verlassen, um als Vagabund durch die Gegend zu ziehen. Tatsächlich ist sein gestörtes Verhältnis zur Mutter und den Geschwistern belegt (Mt 12,48 u.a.), ebenso seine Zuwendung zu Dirnen und Zöllnern, die wie er ein schlechtes Image hatten. Nach unendlich vielen persischen, babylonischen, ägyptischen, griechischen und römischen Göttern wurde vor 2000 Jahren (angeblich) in Bethlehem der Gott der Christen geboren. Die biblische Krippenszene wurde tausendfach rezipiert, nicht selten auch verkitscht. Dieses Gemälde von Pier Maria Bagnadore ist in der Kirche „Corpo di Cristo“ in Chiesa/Italien zu bewundern. Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 88 Stiefvater Joseph war übrigens nicht, wie oft behauptet wird, ein Zimmermann, denn in der holzarmen Gegend von Galiläa gab es diesen Beruf vermutlich gar nicht. Er war wahrscheinlich Bauhandwerker, und da es im kleinen Nazareth mit Sicherheit keine dauerhafte Beschäftigung gab, werden Joseph und seine Söhne ihren Lebensunterhalt vermutlich als Tagelöhner „auf Montage“ verdient haben. Und zwar vor allem in der nahen Residenzstadt Sepphoris – die in der Bibel interessanterweise nirgendwo erwähnt wird. Das hängt auch damit zusammen, dass der Wanderprediger Jesus diese Residenz des römischen Statthalters Herodes Antipas (nicht zu verwechseln mit seinem Vater, König Herodes, 73 – 4 v. Chr.) tunlichst mied: Jesus wusste um die Gefahr, die von Herodes ausging, hatte dieser doch Johannes den Täufer verhaften und ermorden lassen. Jesus stammte also aus Nazareth, wo er – wie seine vier Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon sowie seine (namenlosen) Schwestern – mit großer Sicherheit auch geboren wurde. Offiziell heißt es zwar, Jesus sei in Bethlehem zur Welt gekommen, weil der „Messias“ nach der prophetischen Überlieferung (Micha 5,1) aus der „Stadt Davids“ stammen musste. Doch selbst die vier Evangelisten widersprechen sich sowohl beim Geburtsjahr als auch beim Geburtsort des Gottessohnes. Während der erste Evangelist Markus von Jesu Geburt in Bethlehem gar nichts weiß, spricht der vierte Evangelist Johannes von „Meinungsverschiedenheiten“, was Jesu Herkunft betrifft (Joh 7, 41-43). Gleichzeitig sind sich Lukas und Matthäus nicht einig, wann Jesus überhaupt zur Welt kam. Lukas erzählt die (heute klassische) Weihnachtsgeschichte, wonach „Quirinius Statthalter von Syrien“ war, als Kaiser Augustus angeblich eine Volkszählung anordnete, die Joseph und Maria nach Bethlehem führen sollte. Bloß: Es gab damals keinen Zensus, er ist nirgendwo nachweisbar. Und Quirinius wurde erst im Jahr 6 nach Christus Statthalter von Syrien. Das heißt, Jesus könnte demnach frühestens im Jahre 6 geboren sein – also zehn Jahre nach dem Datum, das Matthäus angibt. Laut Matthäus fällt Jesu Geburt in die Zeit des Königs Herodes – der aber schon 4 vor Christus gestorben ist. Ungeachtet weiterer Widersprüche (bei Lukas sind die ersten Besucher des Jesuskindes „Hirten“, bei Matthäus „Magier“) ist für viele Bibelforscher klar, dass die Evangelisten vor allem eine Absicht verfolgten: Sie wollten mit ihren Berichten die Ankündigungen der Propheten (vor allem Ein kleines Porträt des Größten von allen 89 Samuel und Jesaja) bestätigen, wonach in Israel ein „Erlöser“ kommen und die Welt retten würde… Dabei glaubten die Evangelisten, unbedingt ein Bekenntnis zur jüdischen Königsideologie ablegen zu müssen: Demnach konnte der „Messias“ nur aus dem Hause Davids stammen. Und weil Davids Heimatstadt nun mal Bethlehem war, musste Jesus eben auch dort geboren sein. Und nicht in Nazareth, das immerhin 160 Kilometer (!) von Bethlehem entfernt liegt. Dass Joseph seine hochschwangere Verlobte Maria also in einer tagelangen Gewalttour über Stock und Stein durch Samaria und Judäa laufen ließ, um sich in seinem angeblichen Heimatort Bethlehem „schätzen“ zu lassen, ist wohl eher eine Mär für Gutgläubige. Auch die gern behauptete Abstammung Josephs aus dem Geschlechte Davids ist mehr als fragwürdig: Sie wirkt genealogisch konstruiert und ist schon deshalb obsolet, weil Joseph offiziell ja gar nicht der Vater von Jesus war. Wie bereits erwähnt, ist über Kindheit und Jugend des heranwachsenden Jesus nichts bekannt – außer zwei spektakulären Begebenheiten, die allerdings nur von jeweils einem Evangelisten registriert worden sind: Kurz nach der Geburt des Jesuskindes soll dem Stiefvater Joseph „ein Engel des Herrn“ im Traum erschienen sein und ihn aufgefordert haben, nach Ägypten zu fliehen. König Herodes trachte dem „Kindlein“ nach dem Leben (Mt 2,13). Joseph wurde daraufhin wach und zog „noch bei Nacht“ mit der Familie ins ferne Ägypten. Dort seien Jesus, Maria und Joseph geblieben, bis Herodes starb, dann durfte die Heilige Familie wieder zurück. Zwischendurch hat Herodes angeblich „alle Kinder in Bethlehem und Umgebung“ bis zum Alter von zwei Jahren umbringen lassen, aber auch diese Mär steht exklusiv nur bei Matthäus. Weder die anderen Evangelisten noch die offizielle Geschichtsschreibung wissen darüber irgendetwas zu berichten. So liegt der Verdacht nahe, dass Matthäus auch in diesem Fall bloß die Verhei- ßung des Propheten in Erfüllung gehen lassen wollte – und sogar offen darauf hinweist: „Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia“ (Mt 2,17). Was wie oben bereits erwähnt nicht nur kritischen Geistern zu denken geben sollte: Der angebliche Kindsmörder König Herodes ist bereits vier Jahre vor Jesu Geburt gestorben. Das zweite Spektakel ereignete sich im jüdischen Tempel zu Jerusalem, wo der 12-jährige Jesus „mit den Gesetzeslehrern“ diskutierte Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 90 und diese mit seinen klugen Aussagen „in Erstaunen“ versetzte (Lk 2,46). Diese Geschichte ist nur bei Lukas (und dem apokryphen Thomas-Evangelium) zu finden und auch sie klingt in hohem Maße unglaubwürdig. Zwar war es durchaus üblich, dass gläubige Juden wie Joseph und Maria zum Passafest ins ferne Jerusalem pilgerten; aber dass sie diese beschwerliche Reise angeblich „jedes Jahr“ (Lk 2,41) machten, ist angesichts der Gesamtstrecke von 300 Kilometern Fußmarsch zumindest fragwürdig. Jedenfalls merkten die Eltern auf dem Rückweg angeblich nicht, dass ihr Sohn Jesus fehlte. Nun muss man wissen, dass solche Pilgerreisen auch damals schon Gruppenreisen waren. Wer alleine unterwegs war, lebte gefährlich. Joseph und Maria suchten Jesus deshalb „abends unter ihren Verwandten und Bekannten“ – und gingen die weite Strecke nach Jerusalem wieder zurück, wo sie den verlorenen Sohn endlich „am dritten Tag im Tempel“ fanden. Interessant, dass der göttliche Junge dabei kein Jota Verständnis für die Nöte der besorgten Eltern aufbrachte: „Warum habt ihr mich gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Hause meines Vaters sein muss?“ (Lk 2,49). Immerhin ist dies die erste offiziell kolportierte Äußerung von Jesus, in der er sich selbst indirekt als Sohn Gottes bezeichnet. Nun, so schön diese Episode auch klingen mag, sie ist nicht ernst zu nehmen: Nach Erkenntnissen der Bibelforscher ist es ein schlichter Versuch, die Göttlichkeit des jungen Jesus zu beweisen. Deshalb auch das Alter von zwölf Jahren: Ab dem 13. Lebensjahr galt ein jüdischer Jüngling als Barmizwa, als „Sohn des Gesetzes“, also religionsmündig. Es sollte aber unbedingt dargestellt werden, dass ein unmündiges Kind den ehrwürdigen Schriftgelehrten überlegen war. Zu dieser Tempel-Sage gibt es eine bemerkenswerte Randnotiz: Künstler jeder Epoche haben stets und gerne biblische Szenen illustriert und so die Vorstellungswelt der Gläubigen nachhaltig geprägt. Auch der deutsch-jüdische Maler Max Liebermann (1847-1935) hat diesen Moment im Tempel festgehalten – und musste das Bild nach massivem Druck der Öffentlichkeit und Obrigkeit korrigieren: Weil er Jesus natürlich, als typisch jüdisch-orientalisches Kind, mit dunklem Haar, einfacher Kutte und barfuß gemalt hatte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die fromme Öffentlichkeit, insbesondere der Klerus, war schockiert. Am 15. Januar 1880 befasste sich gar der bayerische Landtag mit dem Skandal, und Liebermann musste sein Werk überar- Ein kleines Porträt des Größten von allen 91 beiten: Aus dem dunklen Jesus wurde nun ein blonder Jüngling in feinem Gewand und mit Sandalen. Dabei weiß kein Mensch seit 2000 Jahren, wie Jesus tatsächlich ausgesehen hat: Sämtliche Bildnisse vom „Sohn Gottes“ (das erste entstand im dritten Jahrhundert in den Calixtus-Katakomben von Rom) sind reine Phantasie-Gebilde. Der echte Jesus von Nazareth war weder blond noch groß, und er hatte mit großer Wahrscheinlichkeit einen dunklen Teint. Jesus von Nazareth. Niemand weiß, wie der „Sohn Gottes“ tatsächlich ausgesehen hat. Es gibt keinen einzigen Hinweis auf seinen Habitus, weder in der Bibel noch in anderen historischen Schriften. Die unzähligen Darstellungen (hier in der Hagia Sophia in Istanbul) basieren allesamt auf der Phantasie der Künstler. Glaubt man dem nicht kanonisierten Thomas-Evangelium (nicht zu verwechseln mit dem koptischen Thomas-Evangelium aus den Schriften von Nag Hammadi), dann war dieser Jesus als Junge übrigens kein sympathischer Lausbub, sondern ein ungezogener Lümmel mit geradezu tyrannischem Gebaren. Der Autor dieses Evangeliums scheut sich nicht, Jesus als frechen Angeber darzustellen, der ständig mit seinen göttlichen Fähigkeiten prahlt und Freunde wie Nachbarn schockt. Zwei Beispiele: Weil ein Spielkamerad („der Sohn des Schriftgelehrten Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 92 Annas“) etwas Wasser, das Jesus aus Bächlein oder Pfützen zusammen geleitet hatte, mit einem Weidenzweig zum Ablaufen brachte, flippte der Gottessohn aus und beschimpfte den Kameraden als „gottlos und dumm“. Zur Strafe ließ er den armen Sünder dann „verdorren“. Ein andermal stieß „ein herumlaufender Knabe“ den Gottessohn beim Spielen unbeabsichtigt an der Schulter. Das hätte er besser nicht getan, denn augenblicklich „wurde Jesus erbittert“ und ließ den Anrempler tot umfallen. Seinen Lehrer Zachäus blamierte Jesus bis auf die Knochen, andere Zeitgenossen ließ er erblinden – beim Evangelisten Thomas verhielt sich der junge Jesus alles andere als göttlich. Trotzdem stießen solche Räuberpistolen beim einfachen Volk, das gierig war auf „sensationelle Beweise“, auf großes Interesse, heißt es in den Apokryphen zum Neuen und Alten Testament (Manesse Bibliothek der Weltliteratur). Tatsächlich sammelte auch der Erzbischof von Genua, Jacobus de Voragine (1228-1298), allerlei Wunder-Geschichten, die er als Nova legenda und später als Legenda aurea unters Volk brachte – es sollte das mit Abstand erfolgreichste Buch des Mittelalters werden! Die Menschen waren ganz erpicht auf Jesus- und Heiligen-Legenden, das Werk des Bischofs wurde zum damals am weitesten verbreiteten Volksbuch und zu einer der wichtigsten Quellen der Heiligen-Verehrung (Die Legende Aurea des Jacobus de Voragine, neu übersetzt von Richard Benz, Gütersloher Verlagshaus 2004). Jenseits der apokryphen Schauergeschichten ist tatsächlich nichts über den jungen Jesus bekannt. Das ist schade, denn natürlich würden die (heutigen) Gläubigen gern wissen, was für ein Typ dieser ungewöhnliche Nazarener denn nun war. Ob er regelmäßig die Synagoge besuchte, ob er lesen und schreiben konnte oder nur aramäisch sprach (was den „Gottessohn“ sehr irdisch machen würde); ob er Freundschaften und Liebschaften pflegte – und ob er gegen erotische Verlockungen jeder Art gefeit war. Jedenfalls taucht dieser unglaubliche Jesus erst im gesetzten Mannesalter von 30 Jahren in der Öffentlichkeit auf, und dann auch noch als Außenseiter, der zuhause in Nazareth verspottet wurde: Die Leute aus seinem Heimatdorf wollten wie schon erwähnt „nichts von ihm wissen“ und als er an einem Sabbat trotzdem mal bei ihnen predigen wollte, „jagten sie ihn davon“. Hochspannend ist auch Jesu Verhältnis zu Johannes dem Täufer, der bereits etwas früher als radikaler Wanderprediger unterwegs war. Ein kleines Porträt des Größten von allen 93 Über diese Beziehung sind ganze Bücher geschrieben worden, ohne dass man dem Geheimnis der beiden „Brüder im Geiste“ auf die Spur kam. Waren die beiden Freunde, Kumpel oder Kollegen? Waren sie etwa Rivalen? Oder war Johannes sogar „Lehrer“ und Vorbild des etwa gleichaltrigen Jesus? Mit einiger Wahrscheinlichkeit, auch das ist nicht überall bekannt, waren sie miteinander versippt! Die Bibel teilt das genaue Verwandtschaftsverhältnis nicht mit, aber es muss eng gewesen sein, denn die Mütter der beiden waren befreundet und zur gleichen Zeit schwanger. Maria besuchte „ihre Verwandte“ Elisabeth, die Frau des Priesters Zacharias, sogar während der Schwangerschaft „im Bergland von Judäa“ (Lk 1,36). Und weil in der Bibel halt alles möglich ist, wusste Elisabeth schon bei Marias Ankunft (woher bloß?), dass dieser Besuch eine ganz besondere Ehre war: „Wer bin ich denn, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43). Aber warum, und das ist auch theologisch eine interessante Frage, taten Jesus und Johannes dann so, als hätten sie sich nicht gekannt? Die Vorgeschichte dazu ist sehr aufschlussreich: Die Evangelisten Markus, Lukas und Johannes lassen ihre Evangelien nicht mit Jesus, sondern mit Johannes beginnen! Und erwecken dabei den Eindruck, als sei Johannes nicht irgend ein frommer Prediger, von denen es damals viele gab. Sondern der von Gott gesandte Vorläufer des von den Juden erwarteten „Messias“. Und so beschreiben sie diesen Johannes als naturbelassenen Asketen, der sich in „Kamelhaar“ kleidete, „wilden Honig“ aß und auf Alkohol verzichtete. Damit war zugleich ein scharfer Kontrast gezogen zu dem Genussmenschen Jesus, der gerne „zu Tische lag“ und sich bedienen ließ. Sein Ruf diesbezüglich war so legendär, dass ihn die Pharisäer sogar als „Fresser und Weinsäufer“ beschimpften (Mt 11,19). Johannes, etwa sechs Monate älter als Jesus, sagte sich als Erster los von zuhause und verließ Freunde und Familie. Heute würde man sagen: als „Aussteiger“. Der Evangelist Markus lässt den Täufer „in der Wüste“ (gemeint ist das Gebiet Peräa, östlich des Jordan gegenüber von Jericho) als leidenschaftlichen Wanderprediger auftreten: „Ihr Schlangenbrut! Kehrt um! Lasst euch taufen! Fangt ein neues Leben an!“. Dabei versuchte Johannes, der Schriften kundig, die Vorhersagen des Propheten Jesaja zu erfüllen: „Bereitet den Weg für den Herrn!“ Und: Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 94 „Nach mir kommt einer, der viel mächtiger ist als ich. Ich bin nicht mal gut genug, ihm die Schuhriemen zu lösen!“ Allerdings packt Markus, dramaturgisch nicht sehr geschickt (oder bewusst mit dem Ziel des Verschleierns), die entscheidende Szene in einen einzigen Vers: „Um diese Zeit kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen“ (Mk 1,9). Ein Satz, der wie nachgeschoben wirkt. Dabei ist er von elementarer Bedeutung: Warum sollte sich „Gottes Sohn“ reinigen und taufen, sich also von Sünden freisprechen lassen? Hatte Jesus etwa (auch) gesündigt? Lukas macht die Szene noch kürzer: „Zusammen mit allen anderen hatte sich auch Jesus taufen lassen“ (Lk 3,21). Matthäus immerhin schmückt den Vorgang aus – und fügt einen brisanten Aspekt ein: „Um diese Zeit kam Jesus aus Galiläa zum Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzubringen und sagte: „Ich müsste eigentlich von dir getauft werden, und du kommst zu mir?!“ (Mt 3,13-14). Der vierte Evangelist Johannes wird theologisch und nennt Jesus in diesem Zusammenhang „das Opferlamm Gottes, das die Schuld der ganzen Welt auf sich nimmt“ – ein erster Hinweis auf die Erlösertheorie, mit der der Missionar Paulus das Christentum begründete (siehe Kapitel 8). Später lässt der Evangelist den Täufer noch behaupten, gar nicht gewusst zu haben, dass sein Freund Jesus der Auserwählte sei. Diese Erleuchtung sei ihm erst nach der Taufe gekommen, als der Heilige Geist sich „wie eine Taube aus Himmeln“ auf Jesus niedergelassen habe (Joh 1,29-34). In dieser Szene taucht übrigens zum ersten Mal im Neuen Testament der Heilige Geist auf. Im Alten Testament hatte er überhaupt keine Rolle gespielt, dort waren immer nur die „Engel des Herrn“ unterwegs. Zudem ist interessant, dass bei den Evangelisten Matthäus (3, 16-17) und Markus (1, 9-10) nicht Johannes den Geist sieht und die Stimme von oben hört, sondern nur Jesus selbst! Warum diese Verse so entscheidend sind, hat uns nicht ein namhafter Theologe oder Bibelwissenschaftler übermittelt, sondern ein „Privatmann“, nämlich der hanseatische Gymnasiallehrer Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Rund 40 Jahre lang wirkte der konservative Professor für orientalische Sprachen als Rektor des Akademischen Gymnasiums in Hamburg – und schrieb zuhause in der stillen Stube klammheimlich eine Bibelkritik, wie es sie zuvor noch nicht ge- Ein kleines Porträt des Größten von allen 95 geben hatte. Seine Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes – ein antichristliches Pamphlet ungekannter Schärfe war so brisant, dass Reimarus die Publikation selbst nicht wagte. Erst nach seinem Tod traute sich der berühmte Dichter Gotthold Ephraim Lessing (Nathan der Weise), damals Leiter der herzöglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, das Werk auszugsweise zu veröffentlichen. Wie nicht anders zu erwarten, brach ein Sturm der Entrüstung los, fromme Christen waren außer sich. Der spektakuläre Vorgang sollte als „Fragmentenstreit“ in die Geschichte eingehen. Dabei war Reimarus bei Lektüre der Bibel nur aufgefallen, was ja tatsächlich augenfällig ist: Nach den vorliegenden Informationen haben sich Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth nämlich nicht nur persönlich gekannt, sondern hatten offensichtlich auch die gleichen Ziele. Sie waren miteinander verwandt, „Brüder im Geiste“, und beide ließen das „bürgerliche“ Leben etwa zur gleichen Zeit hinter sich (was übrigens verpönt war und einem Im-Stich-lassen der eigenen Familie gleichkam), um fortan als Wanderprediger durch die Gegend zu ziehen. Und um eine Gottesherrschaft zu verkünden, die kurz bevorstünde. Reimarus störte sich daran, dass der Täufer „zwei malen öffentlich“ so tat, als habe er Jesus zuvor nicht gekannt. Detailliert weist der Hamburger Gelehrte in den Schriften auf Widersprüche hin, die „eine Verstellung und abgeredte Karte verraten“. Tatsächlich kommen gewisse Zweifel auf, wenn man Lukas, Kapitel 7 liest: Da hörte Johannes angeblich von seinen Jüngern, dass ein Mann namens Jesus drüben in Galiläa „Menschen von bösen Geistern befreit“, „Tote lebendig macht“, und „Blinden das Augenlicht wiedergibt“. Deshalb schickte Johannes zwei seiner Jünger zu Jesus, die ihn fragen sollten: „Bist du der Retter, der kommen soll; oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Warum Johannes das fragen lässt, wird nicht klar, schließlich hat er ja schon angeblich als Fötus im Leib seiner Mutter Elisabeth „vor Freude gehüpft“, als „die Mutter des Herrn“ zu ihnen kam. Jedenfalls ließ Jesus ihm antworten, er vollbringe tatsächlich Wunder. Gegenüber seinen eigenen Jüngern lobt Jesus den Vetter sodann über den grünen Klee: Johannes sei „mehr als ein Prophet“, er sei der „Bote Gottes“, der den Weg für den Erlöser bahne. Johannes sei „bedeutender als irgend ein anderer Mensch“ (Lk 7,18-28). Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 96 Kritische Geister könnten da schon mal fragen: Haben hier etwa zwei Kumpel über Bande gespielt? Der Skeptiker Reimarus glaubte fest daran. Außerdem ärgerte den Professor die Behauptung von Johannes, er habe nach Jesus Taufe diese Stimme aus dem Himmel gehört: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“. Tatsächlich aber, schreibt Reimarus, habe „kein Mensch von denen, die um Johannes und Jesum herum waren, das Geringste gesehen oder gehöret“. Für den frustrierten Christen aus Hamburg war die Sache klar: Die „Erdichtungen von Johanne“ hätten einzig den Zweck gehabt, „Jesu zu befördern“. Der Vorwurf ist starker Tobak, nicht nur für gläubige Christen – und zugleich schwerlich von der Hand zu weisen. Denn die Beförderung zum Heiland (Erlöser) war ja tatsächlich gelungen: Nachdem der Asket Johannes als angeblicher Unruhestifter getötet worden war, weil der römische Vasall Herodes Antipas sich von ihm provoziert fühlte, konzentrierte sich das öffentliche Interesse in Galiläa noch mehr auf Jesus, der mit bemerkenswerter Souveränität auftrat und immer mehr „Jünger“ anlockte. Dabei wurde zunehmend klar: Dieser Mann aus Nazareth hatte nicht nur Charme und rhetorisches Talent; er war auch charismatisch. Die Leute, vor denen er sprach, hingen an seinen Lippen – weil er sie im wahrsten Sinne des Wortes „verzauberte“. Das war der Punkt: Von Jesus ging ein Zauber aus. Er faszinierte die Menschen. Die Bibel ist voller Wundergeschichten, in denen er Kranke heilt, Lahme gehen und Blinde wieder sehen lässt. Nun muss man allerdings wissen, dass die Menschen damals (noch) abergläubischer waren als heute. Das gesamte Leben war religiös geprägt, der Glaube an höhere Mächte, an Gott/Götter und an Dämonen war allgegenwärtig. Wenn Jesus also „böse Geister“ austrieb, wurde sein Tun vom Publikum keineswegs als Hokuspokus abgetan. Zahlreiche Hinweise deuten darauf hin, dass Jesus sich den legendären Ruf als Wunderheiler vor allem durch seinen Exorzismus erwarb. Bei Maria Magdalena zum Beispiel: Angeblich hatte sich der Teufel dermaßen fest in dem Mädchen aus Magdala verbissen, dass Jesus gleich sieben Dämonen bei ihr austreiben musste! Das deutet auf ein längeres Exorzismus- Ritual hin – bei dem sich Jesus und Maria Magdalena womöglich näher gekommen sind? Die offizielle Bibel geht auf das tatsächliche Verhältnis leider nicht ein, doch als sicher gilt: Maria Magdalena folgte Ein kleines Porträt des Größten von allen 97 ihrem Guru nicht nur bei seinen Wanderungen auf Schritt und Tritt; sie sorgte (gemeinsam mit anderen Frauen) auch für seinen Unterhalt! Bei Lukas heißt es dazu: „Mit ihrem Vermögen“. Auch an dieser Stelle muss man abermals bedauernd sagen: Schade! Immer wenn es spannend wird in der Bibel, stoppt die göttliche Offenbarung auf geheimnisvolle Weise. Immerhin schreiben andere Evangelisten, die nicht die Gnade der Kanonisierung erfahren durften, von einer pikanten Begebenheit. Im apokryphen Evangelium des Philippus heißt es: „Die Gefährtin (des Erlösers Jesus) ist Maria Magdalena. Der (Erlöser) liebte sie mehr als (alle) Jünger und küsste sie (oft) auf ihren (Mund)“. Da auf diesem alten Fragment aus dem Fundus von Nag Hammadi mehrere Löcher klaffen, sind der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Nach dem Papyrus-Fund der US‑Historikerin Karen King von der Havard-Universität, in dem Jesus mit dem Satzfetzen „meine Frau“ zitiert wird, durfte abermals über die Hypothese diskutiert werden, ob Jesus womöglich mit Maria Magdalena liiert oder (mit einer anderen Frau) verheiratet war. Der Bestsellerautor Dan Brown hatte dies in seinem Buch Sakrileg („The Da Vinci Code“, 2003) behauptet. In jüdischen Schriften (auch der umstrittenen Toledoth Jeshu) wird übrigens fest davon ausgegangen, dass Jesus verheiratet war. Die Begründung dafür klingt einleuchtend: Der Jude Jesus, das ist bezeugt, wurde von seinen Jüngern mit „Rabbi“ angeredet. Ein unverheirateter Rabbi aber war im Judentum der Antike nicht vorstellbar, im Gegenteil: Wer nicht verheiratet war, hatte ein ernstes Problem, weil er seiner „staatsbürgerlichen Pflicht“ (Kinder zu zeugen) nicht genügte. Auch Martin Luther wusste, „dass die Gesetze im jüdischen Volk so geordnet und geboten waren, dass jeder ehelich werden musste. Darum sollten die Jugendlichen auch möglichst zeitig heiraten. Ledig zu sein galt nichts“. Ein Argument, was aber noch schwerer wiegt: Jesu Gegner, vor allem die Pharisäer und Sadduzäer, hätten einen ledigen Jesus mit Sicherheit zum Thema gemacht und weidlich genutzt, um den ungeliebten Prediger zu attackieren. Stattdessen haben sie ihm nur vorgeworfen, den Sabbat nicht hinreichend zu würdigen. Das heißt, da er auf dem Gebiet der Ehe nicht angegriffen wurde, war er wohl nicht angreifbar – also verheiratet. Der Hinweis christlicher Apologeten, eine Ehefrau des Herrn sei in der Bibel ja nirgendwo genannt, ist kein stich- Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 98 haltiges Argument: Auch die Frauen der Jünger werden im Neuen Testament mit keiner Silbe erwähnt. Dabei war (nicht nur) Petrus nachweisbar verheiratet. Mit Frauen hatte Jesus jedenfalls keine Berührungsängste. Was unter einfachen Christen weniger bekannt sein dürfte: Jesus zog nicht nur mit seinen „zwölf Aposteln“ durch die Gegend um den See Genezareth, sondern mit einer stetig wachsenden Gruppe von Anhängern und Sympathisanten, zu denen auch zahlreiche Frauen gehörten (Lk 8,1-3). Das ist deshalb bemerkenswert, weil Frauen im archaischen Verständnis des Altertums nur als Anhängsel (und „Dienerin“) des Mannes galten, wichtig allenfalls als Mutter und Hausfrau. Noch interessanter aber ist dieser Aspekt: Obwohl Jesus seine zuvorkommende, unverkrampfte Haltung gegenüber Frauen offen demonstrierte, war ausgerechnet das Verhältnis zu seiner eigenen Mutter schwer gestört. Maria wird in der Bibel, auch das ist außerordentlich interessant, nur an ganz wenigen Stellen erwähnt. Einmal bei der Hochzeit zu Kana – und da kanzelt der Sohn seine Mutter rüde ab. Dabei hatte Maria lediglich darauf hingewiesen, vermutlich in mütterlich-fürsorglichem Ton: „Jesus, die Gäste haben keinen Wein mehr“. Das aber war dem genervten Gottessohn schon zu viel: „Weib, was ich zu tun habe, ist meine Sache. Nicht deine!“, herrschte er sie an (Joh 2, 1-5). Weib! Zur eigenen Mutter! Eine schlimme Entgleisung zur damaligen Zeit, wie der jüdische Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin verwundert feststellt (in: Bruder Jesus, dtv/List-Verlag). Jesus verhielt sich des Öfteren ziemlich merkwürdig. So merkwürdig, dass sogar seine eigene Familie die Befürchtung beschlich, er sei womöglich „verrückt geworden“ (Mk 3,21). Bei Johannes 7,5 heißt es: „Nicht mal seine Brüder vertrauten ihm“. Jesus wohnte zu dieser Zeit nicht mehr in Nazareth, sondern in Karphanaum (Mt 4,13). Und hier wird es spannend: Während Lukas den Ort der folgenden Szene ganz ausspart, schreibt Markus vorsichtig: „Und sie gingen in ein Haus“ (Mk 3,20). Wir kommen gleich darauf zurück, warum das wichtig ist. Jesus war also mit einigen Jüngern in (s)einem Haus, wo viele Menschen hindrängten, die ihn hören wollten, sodass es ein Gedränge gab. Auch seine Angehörigen waren gekommen – doch Jesus wollte nichts von ihnen wissen. Auf die Nachricht: „Jesus, draußen sind deine Mutter, deine Brüder und Schwestern, sie wollen dich sprechen“, antworte- Ein kleines Porträt des Größten von allen 99 te er kühl: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ (die Schwestern erwähnte er nach Markus 3,31-35 und Matthäus 12,46-49 gar nicht erst). Geht man so mit Menschen um, die man liebt? Das genannte Haus ist deshalb wichtig, weil einige Bibelforscher und jüdische Quellen vermuten, dass es sich dabei um sein Haus handelte, das Jesus als Wohnstatt diente. Martin Luther hat dies in der Ursprungsbibel von 1545 auch in diesem Sinne übersetzt: „Und sie kamen nach Hause“. Das wäre ein weiteres Indiz dafür, dass Jesus verheiratet war, denn eine Junggesellen-„Bude“ zu bewohnen, war damals nicht üblich. Vers 3,21 („Er ist verrückt geworden“) scheint übrigens nur ein kleiner Satz beim Evangelisten Markus zu sein, aber er wirft ein grelles Licht auf die Persönlichkeit des „Messias“: Jesus polarisierte die Menschen und er verwirrte sie auch, wenn er in seinen Predigten völlig konträre Botschaften verkündete. Einmal forderte er die Leute dazu auf, selbst Feinde zu lieben: „Tut Gutes denen, die euch hassen!“ (Lk 6,27 und Mt 5,44). Dann legte er mit dem glatten Gegenteil ganz dick auf: „Wer nicht seinen Vater hasst und seine Mutter, sein Weib und seine Kinder, seine Brüder und Schwestern, ja auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,26). Selbst die zwölf Jünger, die er zu seinen Vertrauten wählte (Simon der Fischer, dem er den Namen Petrus gab, und dessen Bruder Andreas; sowie Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus von Alphäus, Thaddäus, Simon der Zelot und Judas Ischariot), waren des Öfteren irritiert. Ständig sprach Jesus in Gleichnissen – die kaum jemand verstand. Das merkte schließlich auch der Meister selbst: „Versteht ihr das denn nicht? Wie wollt ihr dann die anderen Gleichnisse verstehen?“ (Mk 4,13). Dann erklärte Jesus seine Beispiele auch noch mit widersprüchlichen Thesen, die er offensichtlich den Schriften des Propheten Jesaja (Jes 6,9-10) entnommen hatte: „Sie (die Menschen) sollen hinsehen, aber nicht erkennen; sie sollen zuhören, aber nichts verstehen. Damit sie ja nicht zu Gott umkehren und er ihnen ihre Schuld vergibt“ (Mk 4,12). Was soll das denn heißen? Oder ist mit Markus, Matthäus und Lukas (bei Johannes kommt diese Szene nicht vor) hier die Phantasie durchgegangen? Was auf jeden Fall feststeht: Die drei genannten Synoptiker bedienten sich der gleichen Quelle, nämlich der sogenann- Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 100 ten “Logienquelle Q“. Dahinter verbirgt sich eine Sammlung angeblicher Jesus-Sprüche, die in der nachchristlichen Zeit von Wanderpredigern in Galiläa weitergetragen wurden. Die schriftliche Fixierung und Endredaktion fand demnach etwa 40 Jahre nach dem Kreuzestod vermutlich im „südlichen syrischen Raum“ statt (Die Spruchquelle Q, WBG Darmstadt). Konkret heißt das: Die Jesus-Zitate wurden anfangs (auswendig) gelernt und jahrzehntelang nur erzählt, und zwar vorwiegend in aramäischer Sprache. Was dabei verändert oder vergessen wurde, lässt sich natürlich nicht mehr feststellen. Später wurden sie offiziell ins Griechische übersetzt, danach ins Lateinische und dann wiederum in zahlreiche andere Sprachen. Man muss wissen: Damals gab es noch keinen Buchdruck. Alles musste mühsam per Hand abgeschrieben werden. Über die Sorgfalt der Schreiber können wir uns kein Urteil bilden. Jesus zog also mit seiner Jünger-Truppe durch Galiläa, hauptsächlich um den See Genezareth herum. Er verblüffte die Leute durch seine Predigten, die er mit der Forderung nach einer Verschärfung des Jochs (Gesetze des Moses) würzte. Jesus, der sich vollständig als jüdischer Rabbi verstand, hatte deshalb auch keine Scheu, sich des jüdischen Schrifttums zu bedienen. Dazu gehörte die berühmte „Bergpredigt“ (Mt 5-7) mit ihren Seligpreisungen (Makarismen). Zudem nutzte er laut Matthäus mehrfach die Redewendung: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist… – ich aber sage euch: …“ So verschärfte Jesus zum Beispiel auch das sechste Gebot „Du sollst nicht ehebrechen!“. Er machte daraus: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur ansieht, sie zu begehren, der hat im Herzen bereits die Ehe gebrochen“. Dabei waren die mosaischen Gesetze schon recht scharf, auf Ehebruch stand offiziell die Todesstrafe (5. Mos 22,22). Aber wie heute, gab es damals zweierlei Recht: Eins für die da oben, ein anderes für das Normalvolk. Der gottgleich verehrte (König) David zum Beispiel hat sich von dem mosaischen Gesetz gegen Ehebruch nie beeindrucken lassen. Interessant ist in diesem Kontext, dass sich Jesus niemals, mit keiner Silbe, zum Thema Sex geäußert hat. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Umgang mit der (eigenen) Sexualität für die Menschen auch damals ein schwieriges Problem darstellte. Für ein paar nützliche Hinweise zum richtigen Umgang mit diesem Thema wären die Leute sicherlich dankbar gewesen. Doch Jesus schwieg. Schade eigentlich: Zu Ein kleines Porträt des Größten von allen 101 gerne hätte man gewusst, inwieweit der Menschensohn persönlich von der Macht der Hormone betroffen gewesen ist. Wenn Jesus wie beschrieben ganz Mensch war, mit normalem Organismus, dann lassen sich die natürlichen physiologischen Prozesse auch in seinem Körper nicht leugnen. Doch dieses Thema ist so heikel, dass es im Christentum als Tabu gilt. Es wird von Theologen so gut wie nie thematisiert. Aus heutiger Sicht irritierend ist Jesu zentrale Botschaft (wie auch des Wanderpredigers Johannes des Täufers), der sündigen Welt zu „entsagen“, um sich auf das bald anbrechende „Reich Gottes“ zu konzentrieren. Dieser Appell war und ist aber weder nachvollziehbar noch in sich schlüssig: Denn Gott(vater) hatte die Menschen ja selbst erschaffen mit dem ausdrücklichen Auftrag, Kinder zu zeugen und sich die Welt „untertan“ zu machen. Die Forderung Jesu, sich voll auf das Jenseits zu konzentrieren und „alles“ hinter sich zu lassen, läuft diesem gottgegebenen Weltsinn diametral zuwider. Ja, sie missachtet bewusst Gottes wunderbare Welt in einer Weise, die man sogar als Beleidigung der Schöpfung interpretieren kann. Wie der Philosoph und Religionskritiker Eduard von Hartmann (1842-1906), der Jesus in diesem Zusammenhang eine „Verachtung von Staat, Rechtspflege, Familie, Arbeit und Eigentum“ vorgeworfen hat. Jesus habe mit seiner asketischen Lehre eine „pessimistische Überzeugung von der Existenz-Unwürdigkeit dieser Welt“ offenbart. Doch damals beeindruckte der Prediger aus Nazareth die schlichten Menschen in Galiläa mit seinem Charisma und seiner suggestiven Heilkraft. Die zahlreichen „Wunder“, die er vollbracht haben soll, lassen sich zwar nicht belegen, aber was wichtiger ist: die Menschen rings um den See Genezareth glaubten daran, dass dieser selbstbewusste Sonderling über wundersame Fähigkeiten verfügte. Und genau darauf kam (und kommt) es an: Viele Menschen – später sollten es Milliarden werden! – glaubten an Jesus Christus und seine Heilsbotschaft, mit der er regelmäßig Massenaufläufe produzierte und für Gesprächsstoff sorgte. Das blieb der römischen Obrigkeit in Judäa und Samaria bis hinunter ins 150 Kilometer entfernte Jerusalem natürlich nicht verborgen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der merkwürdige Heilige bei der Staatsgewalt und dem jüdischen Establishment anecken würde. Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 102 An dieser sensiblen Stelle wird die biblische Geschichte theologisch. Denn ob Jesus nun durch seinen außergewöhnlichen Erfolg auf dem Lande und seiner zunehmenden Fangemeinde „übermütig“ wurde, oder ob er sich (plötzlich?) doch als der prophezeite Messias verstand: Vermutlich im Jahr 30 beschloss der damals 33jährige Jesus, mit seinen Jüngern zum Passafest nach Jerusalem zu pilgern. Es sollte seine letzte Reise werden. Eigentlich müsste er ja als „Sohn Gottes“ gewusst haben, was dort auf ihn zukommt – es sei denn, er war zu diesem Zeitpunkt noch zu 100 Prozent Mensch und wurde erst als toter Jesus (wieder) göttlich. Die Bibel stellt es so dar, als hätte das furchtbare Geschehen auf dem Golgotha verhindert werden können – wenn dieser böse Judas Ischariot den Heiland nicht schmählich verraten hätte. Doch spätestens hier häufen sich die Widersprüche: Schon die Geschichte vom Einzug nach Jerusalem ist fragwürdig, weil sie Irritationen aufweist, auf die Kirchenlehrer und Theologen nur ausweichend oder vernebelnd Antworten geben. Denn was genau wollte Jesus in Jerusalem: „Nur“ Passa feiern? Wollte er vorsätzlich die Obrigkeit provozieren? Sich selbst inszenieren? Oder stand, wie die augustinische Prädestinationslehre behauptet („alles ist vorherbestimmt“), der Ablauf ohnehin schon lange fest? Die letzten Stunden des Predigers aus Nazareth beginnen mit einem denkwürdigen Schauspiel: Jesus will offenbar dem Königsritual von König Jehu (2 Kön 9,12) und der Weissagung des Propheten Sarchaja (9,9) entsprechen und reitet auf „einem Esel und seinem Jungen“ (Mt 21) in Jerusalem ein. Sein Gefolge breitet ihm „Kleider als Teppich auf der Straße“ aus, ruft „Hosianna!“ und „gepriesen sei der Sohn Davids!“ Von den überraschten Bürgern aus Jerusalem befragt, wer denn hier so pompös einziehe, antwortet „die Menge, die Jesus begleitet“ aber nicht: „Der Messias!“, sondern: „Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth!“ Wir wissen nicht, ob diese Inszenierung eher peinlich wirkte, oder ob sie die Leute beeindruckt hat. Jedenfalls begab sich Jesus gleich nach dem Einzug in den Tempel und sorgte dort für einen handfesten Skandal: Laut schimpfend stieß er „die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um“ (im Vorhof des Tempels, nicht im Heiligsten selbst) und verscheuchte die Händler. Eine Szene, über die lange Artikel geschrieben wurden und Theologen bis heute beschäftigt. Ein kleines Porträt des Größten von allen 103 Jesus berief sich mit seiner (symbolischen) Tempelreinigung auf die Propheten Jesaja (Jes 56,7) und vor allem Jeremia: „Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Raum des Gebetes sein für alle Völker? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht!“ (Jer 7,11). Der Gottessohn muss sich ziemlich exzentrisch benommen haben, sein Verhalten deutet auf eine bewusste Provokation hin. Und so erreichte der Mann aus Nazareth, was er vermutlich wollte: Man sprach nun über ihn nicht mehr nur in der galiläischen Provinz, sondern auch im bedeutenden Jerusalem. Deshalb waren auch alsbald die Priester und Ältesten zur Stelle und verlangten Rechenschaft von dem Rebellen: „Wer hat dir erlaubt, im Tempel zu wüten?“ Jesus antwortete typisch jüdisch mit einer Gegenfrage: Ob die Herrschaften denn wüssten, woher Johannes der Täufer seinen Auftrag zum Predigen gehabt habe? Als die Honoratioren dies irritiert verneinten, meinte Jesus allen Ernstes: „Gut, dann sage ich euch auch nicht, wer mich bevollmächtigt hat“ (Mt 21,27). Wie schon mehrfach erwähnt: Die Bibel strotzt vor solchen Merkwürdigkeiten. Und während die Evangelisten das Wirken Jesu in Galiläa mit seinen Wundertaten in aller Ausführlichkeit beschreiben, behandeln sie den spektakulären Prozess vor dem Hohen Gericht zu Jerusalem relativ kurz. Nicht mal der Grund für die Verurteilung des Nazareners wird genannt, bis heute rätseln die Bibelforscher über das eigentliche Motiv. Die wahrscheinlichste Variante ist die, dass Jesus mit seiner Provokation im Tempel die jüdische Aristokratie, insbesondere die Sadduzäer, herausgefordert hat. Da Jerusalem so kurz vor dem Passafest voller Pilger war, wollte man offenbar Ruhe haben und keine Randalierer dulden. Fest steht, dass der Hohepriester Joseph Kaiphas den selbsternannten „König der Juden“ nach einem nächtlichen Vorprozess dem römischen Statthalter Pontius Pilatus (der sonst in Caesarea residierte und nur vorübergehend in der Stadt weilte) übergeben musste. Denn Jesus, der zuvor schon von Kaiphas Schwiegervater Hannas verhört worden war, wollte mit den Behörden nicht kooperieren. Er wählte in seinen Antworten gern die doppeldeutige Variante oder antwortete mit Gegenfragen. Auf seine Antwort zur Kernfrage: „Bist du der König der Juden?“, haben alle vier Evangelisten eine andere Erinnerung. Bei Matthäus sagt Jesus: „Du sagst es“; bei Markus: „Ich bin´s“; Lukas wählt die Dopplung: „Ihr sagt es, ich bin es“, und Johan- Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 104 nes braucht zwei Sätze: “Sagst du das von dir aus?“ Und: „Du sagst es, ich bin ein König!“ Wir wissen nicht, wie Jesus seine Worte betont hat. Meinte er: Du sagst es! Oder: Du sagst es? Eine andere Betonung gibt der Antwort auch einen anderen Sinn. Zuvor war bereits Judas Ischariot ins Spiel gekommen (Mk 14,10). Der Jünger sei zu „führenden Priestern“ gegangen, um Jesus zu verraten. Dieser angebliche Verrat ist aber aus zweierlei Gründen wenig glaubhaft und erst recht nicht sinnhaft: Erstens sind die angeblich gezahlten „30 Silberlinge“ eher ein symbolischer Preis, der Bezug nimmt auf das Alte Testament (2. Moses 21,32 und Sacharja 11,4-14). Zum zweiten war Jesus den römischen Besatzern und der jüdischen Aristokratie schon längst als Tempel-Randalierer bekannt. Wo immer Jesus auftrat, stand er im Mittelpunkt. Insofern war ein „Verrat“ gar nicht nötig, sondern eher überflüssig. Doch aus dramaturgischen Gründen brauchten die Evangelisten einen Schurken und Sündenbock, dem man die Schuld für Jesu Schicksal in die Schuhe schieben konnte. Genau genommen haben sich die Autoren des Neuen Testamentes dabei verkalkuliert: Denn nach der Erlöser-Logik der biblischen Geschichte musste Jesus ja sterben, weil er nur so die „Sünden der Menschheit“ auf sich nehmen konnte! Insofern wäre, wenn sich der Vorfall wie in den Evangelien beschrieben abgespielt hätte, der Verräter Judas unverzichtbarer Teil des göttlichen Plans gewesen. Man kann diesen Gedanken übrigens auch weiterspinnen: Was wäre passiert, wenn Judas seinen Meister Jesus nicht verraten hätte? Oder wenn Pontius Pilatus den Ruhestörer wie geplant begnadigt hätte und Jesus somit nicht am Kreuz gestorben wäre? Keine Erlösung…? Wir alle wissen, wie die Geschichte weiterging: Jesus wurde verurteilt. Obwohl Pilatus Jesus für unschuldig hielt, verlangten jüdische Bürger von Jerusalem laut Evangelium seinen Tod. Warum sie das taten, wird nicht klar, es sei denn, sie waren zuvor aufgehetzt worden. Doch darüber schreiben die Evangelisten nichts, ebenso wenig nennen sie die Zahl der angeblich Empörten. Auch die Kreuzigung selbst wird in der Bibel relativ knapp behandelt, obwohl es sich – historisch belegt – bei römischen Kreuzigungen um elend lange Prozeduren handelte und im Fall Jesu auch noch ein Folterprozess vorausging. Theologisch spielen die genauen Umstände des Todes aber keine Rolle – es sei denn, man legt die biblischen Worte des Sterbenden auf die Goldwaage. Laut Ein kleines Porträt des Größten von allen 105 Markus und Matthäus „schrie“ Jesus kurz vor dem Exitus laut auf: Eli, Eli, lama asabtani?! („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“) Das wäre als menschliche Reaktion verständlich, doch es klingt, als sei der Sohn vom Vater enttäuscht. Tatsächlich haben Markus und Matthäus aber nur Psalm 22 der hebräischen Bibel zitiert. Offen bleiben muss die Frage, ob Jesus gewusst hat, dass er „zur Vergebung der Sünden“ sterben muss. Dieser Vorgang ist ja die eigentliche Essenz des christlichen Glaubens. In der Stuttgarter Erklärbibel heißt es dazu: „Im Sühnetod Jesu hat Gott seine Gerechtigkeit erwiesen und die Schuld aller Menschen getilgt“ (Seite 1669). Das ist die Kurzform dessen, was Paulus in seinem berühmten Römerbrief etwas umständlich behauptet (Röm 3,21–4,25). Der Evangelist Lukas, der auch die „Weihnachtsgeschichte“ komponiert hat, erinnert sich an andere Worte des Sterbenden. Demnach soll sich Jesus in christlicher Demut seinem Schicksal treu ergeben haben: „Herr, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Wieder anders klingt die gleiche Szene bei Johannes. Hier seufzt Jesus, in Gewissheit seiner erfüllten Mission: „Es ist vollbracht!“ Johannes glaubt noch mehr zu wissen: Er nennt andere Personen als Matthäus, die bei Jesu Tod dabei waren. Nämlich „Maria, seine Mutter; eine Schwester von Jesus (wie üblich ohne Namen); Maria, die Frau des Klopas; und Maria Magdalena“. Ferner sei der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, dabei gewesen. Bei Lukas sind „alle seine Bekannten, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren“ vor Ort, beobachten das Trauerspiel aber nur „von ferne“. Die Ferne war wichtig, da es nach römischen Recht streng verboten war, Hingerichtete zu beklagen. Wer dabei erwischt wurde, musste selbst mit der Todesstrafe rechnen. Deshalb ist die Version des Evangelisten Johannes mehr als fragwürdig, der Jesus noch im Todeskampf am Kreuz mit den Seinen reden lässt: „Weib, siehe, das ist dein Sohn!“. Und zu seinem Lieblingsjünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“. Dass die Muttergottes aber tatsächlich beim Tod ihres Sohnes dabei und die weite Strecke von Nazareth zu Fuß gekommen war, obwohl Jesus in Jerusalem ja offiziell nur Passah feiern wollte (und von Karphanaum aus gestartet war), ist zweifelhaft. Noch unwahrscheinlicher ist, dass Maria, damals etwa 47 Jahre alt, nach dem Tod ihres Sohnes Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 106 die eigene Familie verlassen hat, um gemeinsam mit dem Jünger Johannes nach Ephesos (Griechenland) auszuwandern. Dort ist sie angeblich auch gestorben – doch an dieser Stelle wird es unübersichtlich: Denn nach katholischem Dogma (noch recht neu, aus dem Jahre 1950) ist Maria genau wie ihr Sohn Jesus leiblich in den Himmel aufgefahren. Gesehen hat dieses Wunder zwar niemand, aber die Christen feiern trotzdem jährlich am 15. August „Mariä Himmelfahrt“. Warum musste Jesus am Kreuz sterben? Was wäre passiert, wenn der römische Prokurator Pontius Pilatus den „Sohn Gottes“ nicht (wie ursprünglich geplant) zur Exekution freigegeben hätte? Das Rätsel um die Kreuzigung – nach der paulinischen Erlösungs-Logik war sie unabdingbar – ist eines der größten Geheimnisse des Christentums. Ein kleines Porträt des Größten von allen 107 Jesus war nun also tot. Über seine „Auferstehung“ drei Tage später muss man nicht so viele Worte verlieren. Zwar ist sie das eigentliche konstitutive Element des christlichen Erlösungsglaubens („Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unser Glaube leer“,1. Kor 15,14), doch wirken die entsprechenden Passagen im Neuen Testament dermaßen gekünstelt, dass allenfalls tiefgläubige Christen ernst nehmen können, was die Evangelisten dazu gedichtet haben (Mt 28, Mk 16, Lk 24, Joh 20). Heerscharen von Wissenschaftlern – Theologen, Bibelforscher, Historiker und sogar Pathologen – haben die Umstände des Kreuzestodes untersucht und analysiert, und wie üblich ganze Bibliotheken vollgeschrieben. Neue Erkenntnisse wurden nicht gewonnen, und Verstandes-Menschen sowie Mediziner bestreiten natürlich, dass ein Toter „auferstehen“ kann. Auch die „Himmelfahrt“ des Herrn wird selbst von manchen Katholiken nur als Mysterium akzeptiert. Tatsächlich würde eine leibliche Aufnahme des Herrn in den Himmel auch keinerlei Sinn machen: Was sollte ein menschlicher Korpus mit voll funktionierender Physiologie im göttlichen Jenseits, wo sich nach christlicher Überzeugung ja sonst nur „Engel“ und „Seelen“, also geisterhafte Wesen tummeln? Das Verblüffende ist aber, dass die Christologie, die der Apostel Paulus in das neue Christentum eingespeist hat, von den meisten Gläubigen gar nicht verstanden wird! Tatsächlich ist es eine echte Herausforderung für den menschlichen Geist, sich das Grundprinzip der paulinischen Erlösungslehre vor Augen zu führen: Mit Jesus ist der erwartete Messias angekommen, die Sünden der Welt werden mit seinem Tod gesühnt. Nun wartet die Menschheit auf die Wiederkehr des Gesalbten, die angeblich (kurz) bevorsteht. Aber: Warum sollte Jesus „bald“ wiederkehren, wenn er doch gerade erst gegangen ist? Besonders interessant: Jesus war ein frommer Jude, der das Judentum nie in Frage gestellt hat. Die Juden glauben aber gar nicht, dass Christus der Erlöser ist. Auch Jesus selbst hat nie davon gesprochen, dass durch seinen Tod die Sünden der Menschheit gelöscht würden. Diese These hat (der Jude) Paulus in die Welt gesetzt. Für die Juden war und ist Jesus kein Messias, sondern allenfalls ein Rabbi. Für Orthodoxe ist er gar ein „Verräter“, dessen „falsche Religion“ unendlich viel leid über das Judentum gebracht habe. Was zweifellos stimmt: Die ersten Juden-Pogrome wurden von den Christen initiiert. Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 108 Nach dem „gesunden Menschenverstand“ ist der Erlösungsgedanke auch deshalb nicht fassbar, weil er nicht die geringste Logik aufweist. Warum um Himmelswillen sollten Sünder in aller Welt plötzlich von ihrem Joch befreit sein, wenn in Jerusalem jemand ans Kreuz genagelt wird? Ein geheimnisvoller Effekt göttlich gewollter Koinzidenz (Kreuzestod – Sündenvergebung) könnte ja nur eintreten, wenn der Allmächtige dies zuvor auf wunderbare Weise so verfügt hätte. Im Christentum heißt es aber, Gott(vater) habe seinen Sohn (gemäß der Trinitätslehre also auch sich selbst) „für die Sünden der Welt“ geopfert. Aber wieso muss die höchste aller Instanzen ein „Opfer“ bringen? Und warum musste Gott die extrem brutale Methode des Mordes durch Kreuzigung wählen, wenn er doch allmächtig war/ist und jeden anderen Erlösungsmechanismus hätte nutzen können? Die fehlende Antwort darauf provoziert eine weitere, eine grundsätzliche Frage: Warum soll der Mensch etwas glauben, was er mit seinem (von Gott gegebenen!) Verstand als paradox und widersinnig empfindet? Und die Theologie der Merkwürdigkeiten geht noch weiter: Offenbar sind trotz Jesu Kreuzigung die Sünden der Menschen ja noch immer nicht richtig vergeben. Denn wer nicht getauft ist im Namen des Herrn, hat ein teuflisches Problem: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,15-16). Egal, ob er die Taufe selbst versemmelt hat oder ob seine Eltern nicht aufgepasst haben: die arme Seele ist verloren. Sagt allen Ernstes der Katechismus der katholischen Kirche (Neufassung von 1997, Satz Nr. 977). Zu allem Überfluss hat sich Jesus, der Sohn Gottes, auch noch wie ein ganz normaler Mensch geirrt! Unablässig hatte er gepredigt, das Ende der Welt stünde kurz bevor („Nahzeit-Erwartung“). Unmittelbar nach seiner Taufe im Jordan sagte er noch: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1,15). Doch die Vorhersage ist nicht eingetroffen – bis heute nicht. 2000 Jahre sind mittlerweile vergangen, ohne dass Gott mit seinem Jüngsten Gericht die Weltbühne betreten hätte. Und selbst wenn es noch weitere 10 000 Jahre bis zur Ankunft des Herrn dauern würde: Welchen Sinn sollte eine solch kurze Zeitspanne für den Allmächtigen machen? Für einen Gott, der jenseits von Zeit und Raum agiert und schlicht „ewiglich“ ist? Eine baldige Ankunft des Messias würde ja bedeuten, dass der Herrgott sein kosmisches Welt- Ein kleines Porträt des Größten von allen 109 Projekt wieder eindampfen müsste! Aber warum sollte er das tun? Warum sollte er das Unternehmen Erde überhaupt gestartet haben, wenn er es schon nach so kurzer Zeit („für Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag“) wieder aufgeben würde? Aus eschatologischer Sicht interessant wäre dann allenfalls noch die Frage, was am Ende des göttlichen Experiments der „Schöpfung“ eigentlich erreicht worden ist – außer einem gescheiterten Paradies, einem Teufel als Inkarnation des Bösen, einer „von Grund auf “ schlechten Welt voller Sünderinnen und Sünder, sowie Milliarden verlorener Seelen, die in der ewigen Hölle schmoren müssen. Und, wahrlich der Gipfel: Es macht nicht den geringsten Sinn, wenn der Allmächtige sein Werk so schnell wieder verwerfen würde, wo es ihm doch so prächtig gelungen ist: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Kapitel 7 Jesus von Nazareth, König der Juden 110

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.