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Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 59 - 86

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-59

Tectum, Baden-Baden
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Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist Abraham. Die abenteuerliche Geschichte des Gottesfreundes Abraham zählt zu den spannendsten Erzählungen der Bibel – und wirkt weit darüber hinaus. Denn Abraham, der eigentlich Abram hieß und von Gott persönlich umgetauft wurde, gilt als Urvater nicht nur der Juden, sondern auch der Christen und Moslems. Nach dem Sintflut- Überlebenen Noah hatte sich Gott diesen schlichten Mann aus Ur (im heutigen Irak) als Lieblingsmenschen auserkoren. Mit ihm hat er einen „Bund“ geschlossen, was aus heutiger Sicht ziemlich merkwürdig klingt, denn warum um Gotteswillen sollte der Weltenschöpfer persönlich mit einem seiner Geschöpfe einen „Bund“ schließen, also eine Art Geschäftsvertrag? Nun, die nur aus der Überlieferung bekannte Figur Abraham sollte offenbar zu einer Art Sinnbild werden, zur Inkarnation des biblischen Gehorsamsprinzips (Kapitel 3). Quasi zu einem Anti- Adam, der bedingungslos glaubt und gehorcht – und deshalb reich belohnt wird. Es ist nicht bekannt, warum Abram mit seinem Vater Terach, seiner Frau Sarai und seinem Neffen Lot aus Ur im fruchtbaren Mesopotamien wegzog, um nach Haran (heute Türkei) auszuwandern. In der Bibel steht geschrieben (Gen 11,31), dass die kleine Truppe eigentlich ins Land Kanaan wollte, aber nur bis Haran gekommen sei. Von Ur nach Kanaan über Haran war ein gewaltiger Umweg, aber noch widersprüchlicher ist, dass Gott der Herr erst in Haran Kontakt zu Abram aufnimmt und ihn dort auffordert, in ein Land zu ziehen, „das ich dir zeigen werde“. Die Bibel sagt uns mit keinem Wort (im Gegensatz zur späteren Moses-Geschichte), wie diese Kontaktaufnahme vonstatten ging und in welcher Form Abram instruiert wurde. Es heißt in Gen Kapitel 6 59 12,1 nur lapidar: „Der Herr sagte zu Abram: Verlass deine Heimat…“ Das ist mehr als merkwürdig, wird aber in der einschlägigen Forschung und Literatur kaum thematisiert. Hat Abram geträumt? Hatte er eine Erscheinung? Oder nur eine Hallizunation? Und welchem Gott hat er überhaupt Folge geleistet: Als Chaldäer war er im Polytheismus Mesopotamiens aufgewachsen, und der jüdische Gott Jahwe hat sich erst 1000 Jahre später dem „Ägypter“ Moses vorgestellt. Jedenfalls zog Abram mit Frau Sarai, seinem Neffen Loth und einer Anzahl Sklaven (warum hat der gütige Gott seinem Bündnispartner eigentlich nicht das Halten von Sklaven verboten?) Richtung Kanaan, dem heutigen Israel. Es muss eine lange und beschwerliche Reise gewesen sein, doch auch darüber schweigt die Bibel. Kaum angekommen, brach in Kanaan eine Hungersnot aus, das konnte natürlich niemand voraussehen – außer Gott. Und so zog Abram gleich weiter ins benachbarte Ägypten. Doch abermals geschah „Unglaubliches“: An der Grenze zu Ägypten überkam Abram die schlimme Furcht, die Ägypter könnten ihn womöglich totschlagen, um an seine „schöne Frau“ zu kommen. Nun muss man wissen, dass Sarai zu dieser Zeit schon jenseits der 70 war, also eher ein altes Weib. Angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung von damals etwas über 40 Jahren war sie sogar eine echte „Oma“. Das hinderte Abram weder daran, sie nun als seine Schwester auszugeben (was teilweise stimmte, laut Bibel war sie seine Halbschwester); noch störte es den gottähnlichen Pharao, sich ausgerechnet die alte Sarai als (zusätzliche) Frau zu nehmen. Aber es sollte noch doller kommen: Aus Liebe zu Sarai schenkte der Pharao ihrem „Bruder“ eine hohe Anzahl „Schafe, Ziegen, Rinder, Esel, Kamele, Sklaven und Sklavinnen“ (Gen 12,16, in dieser Reihenfolge) und machte den Zuwanderer so zu einem reichen Mann. Aber auch das genügte den phantasiebegabten Autoren dieses fabelhaften Textes nicht, es sollte noch verrückter kommen: Weil der Pharao sich Abrams Frau genommen hatte (was er ja ohne Arg tat), „bestrafte der Herr den Pharao und seine Familie mit einer schweren Krankheit“. Warum der liebe Gott dies getan hat, erfahren wir leider nicht. Das angebliche Problem hätte sich ja auch lösen lassen, wenn der Herr die Liebe des Pharaos einfach in eine andere Richtung gelenkt hätte. Wieso der königliche Herrscher und seine Familie aber erst umständlich (und gegen jegliches Gerechtigkeitsempfinden) mit einer schweren Krankheit bestraft wurden, bis Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 60 Sarai endlich wieder in Abrams Arme kam, bleibt ein göttliches Geheimnis. Überhaupt veranstaltet der Allmächtige mit seinem auserwählten Menschen Abram atemberaubende Sachen. Abram musste, um den Bund mit Gott schließen zu können, eine Art Voodoo-Zauber veranstalten, wie ihn Jahrtausende später afrikanische Priester im Urwald zelebrieren würden: Auf Gottes Wunsch hin sollte er eine „dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Schafbock, eine Turteltaube und eine junge Taube“ besorgen, die Tiere (außer den Tauben) schlachten und der Länge nach teilen. Und als es dunkel wurde, fuhren „ein rauchender Ofen und eine brennende Fackel zwischen den zerteilten Tieren hindurch“ (Gen 15,9-17). „Auf diese Weise“, heißt es in der Bibel, „schloss der Herr den Bund mit Abram“. Durchaus möglich, dass sich an dieser Stelle dem irritierten Leser eine schlichte Frage stellt: Was soll dieser Mumpitz? Wieso sollen die Gläubigen noch im 21. Jahrhundert solche mythischen Gespinste als „Heilige Schrift“ lesen und den Zeilen mit Ehrfurcht begegnen? Nun, auch auf befremdliche Passagen in der Bibel hat die Kirche wie stets eine Antwort: Der Sinn der Tiertötungs-Aktion ergebe sich aus den Worten des Propheten Jeremias (Jer 34,18-19). Der Vorgang müsse verstanden werden als „Selbstverpflichtungszeremonie“. Wer nämlich seine Zusage (zum Bund) nicht einhalte, der ziehe „das Schicksal dieser Tiere auf sich“, heißt es in der „Stuttgarter Erklärbibel“… Als Abram 85 Jahre alt war, hatte er immer noch keine Kinder, dabei waren ihm vom Herrn persönlich bereits Jahre zuvor Nachkommen „wie Sterne am Himmel“ versprochen worden. Selbst die greise Sarai hatte schon Mitleid mit dem kinderlosen Mann und bot ihm deshalb (auch um ihre Stellung als Hauptfrau zu erhalten) ihre ägyptische Sklavin Hagar als Ersatzfrau an. Abram „war einverstanden“, heißt es in der Bibel, er hatte also offiziell Sex mit Hagar, die auch prompt schwanger wurde und einen Sohn gebar, den sie Ismael nannten. Danach kam es, wie in jeder guten Familie, zu Streitereien und Eifersuchtsszenen, und hier wird es hochinteressant. Der Bibelexperte Hermann Gunkel (1862-1932), zu seiner Zeit einer der prominentesten Theologen Deutschlands, wusste auch warum: Zu Abrams Zeiten – er soll in der frühen Bronzezeit um das Jahr 2000 v. Chr. gelebt haben – verehrten die Menschen zahlreiche Götter, Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 61 der Monotheismus war noch unbekannt. In Kanaan war damals besonders der Gott El in Mode, und als die schwangere Sklavin Hagar vor den Misshandlungen ihrer Herrin Sarai in die Wüste floh, erschien ihr dort ein Wesen, das die biblische Quelle „Jahwebote“ nennt. Gemeint war dabei der später noch oft in Erscheinung tretende „Engel des Herrn“. Interessanterweise wird das Kind, das dann geboren wird, nach dem Gott El genannt: Isma-el (Gott hört). In einer späteren Version der Hagar-Geschichte, die aus der Quelle „Elohist“ stammt, wird aus dem Gott El-Roi dann doch noch Jahwe, aber auf diese speziellen Details der Bibelforschung wollen wir hier nicht eingehen. Wichtiger ist, dass der Allmächtige abermals viele Jahre ins Land gehen ließ, ohne dass er sein Versprechen an Abram einlöste. Erst als Abram stolze 99 Jahre alt war, erschien ihm der Herr („Ich bin der Gott, der alle Macht hat“, Gen 17,1) und verlangte plötzlich, dass sich „alle Männer unter euch“ die Vorhaut am Penis abschneiden müssten, damit der (längst geschlossene!) „Bund mit Gott“ auch wirksam werden könne. Dafür versprach Gott seinem Bündnispartner, den er in diesem Zusammenhang in „Abraham“ umtaufte (und Sarai in „Sarah“), den Besitz des Landes Kanaan. Und dann wurde der liebe Gott aus heiterem Himmel, ohne erkennbaren Grund, sogar rabiat: Wer nicht gehorche und sich das Glied nicht beschneiden lasse, so drohte er düster, müsse „aus dem Volk ausgestoßen werden“. Ein solcher Schuft habe „sein Leben verwirkt“ (Gen 17,14). Kein Wunder, dass sich die Juden angesichts solch furchtbarer Konsequenzen bis heute fleißig die Vorhaut abschneiden. Wie göttlich die genannte Drohung ist, sei mal dahingestellt, das spielte damals auch keine Rolle. Entscheidend war und ist das biblische Prinzip, Menschen durch Androhung schlimmster Konsequenzen gefügig zu machen. Nun könnte man argumentieren, dass dieses Ritual ja aus einer Zeit stammt, da die Menschen ihrem Gott (oder den Göttern) opferten, also rituell Tiere (und Menschen!) schlachteten und „darbrachten“ (verbrannten). Dieses archaische Ritual ist aber – Gott sei Dank – ausgestanden: Nicht nur die Menschen haben eingesehen, dass dieser blutige Brauch ein ziemlicher Humbug ist – auch Gott persönlich hatte irgendwann genug von dieser Art der Verehrung. Über den Propheten Jesaja verlangte er (1000 Jahre nach Abraham) energisch, den rituellen Unsinn zu beenden: „Was soll ich mit euren vielen Opfern anfangen? Ich Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 62 habe genug von euren Schafböcken und dem Fett eurer Mastkälber; das Blut eurer Opfertiere ist mir zuwider!“ (Jes 1, 11). Manchmal war der Herr aber auch ausgesprochen freundlich. So tauchte er eines Tages bei Abraham, der mittlerweile „bei den Eichen von Mamre“ (nahe Hebron) wohnte, mit zwei männlichen Begleitern auf. Offenbar Engel, aber dazu schweigt die Bibel. Wir müssen an dieser Stelle fairerweise erwähnen, dass namhafte Bibelforscher (auch) diese Geschichte „zu den Märchen zählen“ (u.a. der Theologe Hermann Gunkel). Doch die antike Erzählung hat gleichwohl alle Zeiten überdauert und steht weiterhin an prominenter Stelle in der Heiligen Schrift (1. Mos 18). Abraham bekam also Besuch und wusste sofort, welch hohe Gäste da vor seinem Zelt standen, deshalb überschlug er sich auch vor Eilfertigkeit: Ehefrau Sarah musste „schnell vom besten Mehl“ Brotfladen backen, die Knechte sofort ein „schönes gesundes Kalb“ schlachten und zubereiten, was stundenlang gedauert haben muss. Egal. Abraham servierte seinen Gästen solange „eine kleine Erfrischung“. Der Zweck des Besuches wurde aber erst klar, als der feinste von den drei Herren Abraham scheinbar ahnungslos fragte, wo denn seine Frau Sarah sei. „Na, im Zelt“, sagte Abraham. Da sprach der Herr: „In einem Jahr komme ich wieder, dann wird deine Frau einen Sohn gebären“. Nach dieser denkwürdigen Aussage kam es zu einem spektakulären Wortwechsel, der ein interessantes Licht auf das damalige Gottesverständnis der Bibelautoren wirft: Sarah, die im Zelteingang saß und alles mitbekommen hatte, musste nämlich amüsiert lachen, sie war schließlich schon 90 Jahre alt und wusste, wie die biologische Uhr tickt. „Na, aus diesen Jahren bin ich heraus“, sagte sie zu sich selbst, „und mein Mann ist auch schon zu alt“. Doch da wurde der Herr drau- ßen vor dem Zelt zornig, verärgert fuhr er Adam an: „Warum lacht deine Frau?“ Für ihn, den Herrn, sei doch „nichts unmöglich!“ Sarah, die im Zelt wegen des nun barschen Tons Angst bekommen hatte, flüsterte spontan zu sich selbst: „Ich habe gar nicht gelacht!“ Aber der Herr, der alles hört, wusste es natürlich besser: „Doch, du hast gelacht!“ (Gen 18,15). Jahrtausende später sollten Gelehrte in Europa oder in Amerika solche grotesk-amüsante Episoden als „großartige Literatur“ qualifizieren und ihren Symbolgehalt herausstellen. Wobei merkwürdig ist, dass Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 63 religiöse Selbstverständlichkeiten (Gott kann alles) auf solch irrationale Weise dargestellt werden müssen. Der jüdische Historiker Michael Wolfssohn sagte dazu (am 14. August 2017 im Deutschlandfunk in der Sendung „Aus Religion und Gesellschaft“), dass „Großartiges eben großartig beschrieben“ werden müsse. Das mag ja sein; aber auch Homers Odysseus ist großartig geschrieben, zählt aber trotzdem nicht als „Heilige Schrift“, der bedingungslos zu glauben ist. Nach der Zelt-Episode bekam Sarah laut Bibel endlich den ersehnten Sohn (was einen sexuellen Akt des 100 Jahre alten Abraham mit seiner 90jährigen Frau voraussetzt), die späte Frucht der ehelichen Vereinigung wurde Isaak genannt. Die etymologische Bedeutung von Isaak (hebräisch) ist übrigens „Gott hat gelacht“ oder „Gott hat jemanden zum Lachen gebracht“, wenn man so will, ein Hinweis auf Sarah. Ungeachtet dessen, dass diesem Isaak noch eine schwere Prüfung bevorstehen sollte, passierte zuvor das Drama um Sodom und Gomorrah. Auch dies eine unfassbare Geschichte (nach Gunkel ebenfalls ein Märchen). Spektakulär nicht wegen der totalen Vernichtung zweier Städte, an solch grausame Methoden des Herrn ist man ja schon gewohnt. Sondern wegen des grotesken Verhaltens des Allmächtigen, der sich seiner Sache offenbar nicht recht sicher war: Gott machte sich nämlich Gedanken, ob er Abraham die Vernichtung der beiden Städte verheimlichen dürfe – und kam zu dem Schluss, dass er seinen irdischen Bündnispartner einweihen müsse. Also ging der Herr wieder mal zu Abraham und sagte, er könne nicht länger tatenlos zusehen, wie die Bewohner von Sodom und Gomorrah so schwer sündigten: „Ihre Schuld schreit zum Himmel!“ Abraham, dem Gott ein weiches Herz gegeben hatte, schwante Arges nach diesen Worten und so versuchte er voller Leidenschaft, das Schlimmste zu verhindern: „Aber Herr, willst du wirklich Schuldige und Schuldlose ohne Unterschied vernichten?“ Ja, das wollte der Herr – doch immerhin ließ er mit sich reden. Also handelte Abraham den Herrn „runter“ wie auf einem orientalischen Basar. Und erreichte nach einigem Hin und Her tatsächlich die Verschonung der Städte – wenn es mindestens „zehn Bewohner“ gäbe, die unschuldig seien. Zuvor hatte Abraham dem Allmächtigen tatsächlich noch eine Lektion in Sachen Ethik erteilt: „Herr, Du kannst doch nicht Unschuldige zusammen mit den Schuldigen töten! Du bist doch der oberste Richter auf der Erde, Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 64 darum darfst du doch nicht selbst gegen das Recht verstoßen!“ (Gen 18, 25). Respekt, kann man da nur sagen. Da hat sich Abraham wirklich was getraut. Fragt sich nur, was das für ein Gott ist, mit dem man so reden muss – und der dann trotzdem „gegen das Recht“ verstößt. Abrahams Eifer war jedenfalls umsonst, Gott ließ sich nicht umstimmen. Vielmehr legte er wie geplant Feuer und Schwefel über Sodom und Gomorrah, über Junge und Alte, Männer, Frauen und Kinder. Auch alle Tiere mussten bei dem apokalyptischen Inferno sterben. Dabei wurden übrigens nicht nur die beiden Sünder-Städte getroffen, sondern „sämtliche Städte in der Jordan-Gegend wurden zerstört, ihre Bewohner getötet und das Land verwüstet“ (Gen 19,25). Gott hatte in seiner Zerstörungswut mal wieder ganze Arbeit geleistet. Auch wenn das genau so in der Bibel steht – sollen wir es aber genau so nicht glauben! Denn auch diese Geschichte sei wie so vieles in der Heiligen Schrift nur sinnbildlich gemeint, sagen die Theologen. Der Mainzer Alttestamentler Wolfgang Zwickel formuliert es so: „Bei Sodom und Gomorrah geht es um den Kontrast zwischen der Lebensweise der Nomaden und der Städter“. Die Legende verherrliche auf diese Weise die nomadische Werteordnung und verurteile die städtische Sittenlosigkeit (in: Die Bibel irrt, Rowohlt-Verlag). Okay, aber worum geht es dann bei der Erzählung von Lot und seinen Töchtern? Es ist eine Geschichte, die verstörend wirkt: Vor der Vernichtungsaktion hatte der Herr dem geheimnisvollen Plan zugestimmt, dass Abrahams Neffe Lot und dessen zwei Töchter gerettet werden durften. Lots Frau hingegen musste als Symbol des Ungehorsams dran glauben und endete als erstarrte Salzsäule. Ein logischer Grund für die „positive Sippenhaft“ der beiden Töchter ist nicht ersichtlich. Lot verhielt sich zudem ausgesprochen fragwürdig, als sich abermals Ungeheuerliches ereignete: Die zwei Engel, die zusammen mit dem Herrn bei Abraham gespeist hatten, waren nach Sodom gegangen. Warum, weiß man nicht. Vermutlich, um Lot zu retten. Nachdem sie bei ihrem Gastgeber das Abendmahl vertilgt hatten und sich zur Ruhe betten wollten, kamen plötzlich laut Bibel „alle Männer von Sodom, jung und alt“ und umstellten Lots Haus. Mit drastischen Worten verlangten sie die Auslieferung der beiden Gäste: „Wir wollen mit ihnen (sexuellen) Verkehr haben!“. Merkwürdig, dass nicht nur ein Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 65 paar Verrückte, sondern „alle Männer“ dieses Ansinnen hatten. Aber nun ja, der Autor dieses heiligen Textes brauchte ja einen triftigen Grund, um die Verderbtheit der Bewohner von Sodom und Gomorrah zu dokumentieren. Merkwürdig und nach heutigem Verständnis geradezu pervers, dass Lot den geilen Sündern zwar seine Gäste verweigerte, ihnen dafür aber seine beiden Töchter zum Missbrauch anbot: „Sie sind noch von keinem Mann berührt, macht mit ihnen was Ihr wollt!“. Die Stuttgarter Erklärbibel gibt selbst dieser infamen Passage noch eine positive Deutung: „Lot achtet das Gastrecht so hoch, dass er lieber seine Töchter ausliefert“. Bei Richter 19,22-24 wird übrigens eine ähnliche Situation beschrieben. In Fall Lot kam es dann aber zu einer überraschenden Wendung, die an einen schlechten Film erinnert: Um den Spuk zu beenden, schlugen die beiden Engel des Herrn die lüsternen Männer von Sodom mit Blindheit (Gen 19,11). Damit war dieser Teil des Dramas vorbei. Allerdings ist bei der schrecklichen Sodom-und-Gomorrah- Story – wie auch schon bei der Sintflut – ein schwerer logischer Fehler eingebaut: Die Bibel und ihre Exegeten können nicht ansatzweise erklären, warum auch unschuldige Frauen und Kinder sowie alle dort lebenden Tiere der göttlichen Vernichtungsaktion zum Opfer fallen mussten. Die groteske Geschichte ist damit immer noch nicht zu Ende, sie geht weiter – und mit ihr geht die Phantasie der biblischen Autoren durch: Lot, der mit seinen beiden Töchtern ja verschont wurde, hatte sich in eine einsame Höhle oben in den Bergen retten können. Gleich nach der Katastrophe fiel den jungen Mädchen plötzlich auf, dass ihr Vater ja „alt“ werde und auch sonst weit und breit kein Kerl (zum Heiraten) in Sicht sei. Deshalb machten sie ihren Vater des Abends mit Wein betrunken (wo hatten sie den bloß her?), fuhrwerkten an Lots Lenden herum – und schafften angeblich, dass der besoffene Mann zwar „nichts merkte“, aber gleichwohl zum Geschlechtsakt bereit war. Oh Wunder! Im Gegensatz zu anderen biblischen Frauen wurden die beiden Töchter sofort schwanger vom eigenen Vater (Gen 19,36) und gebaren auf diese Weise die Urväter der Moabiter und der Ammoniter… Um es in Erinnerung zu rufen: Wir reden hier von „Heiligen Schriften“. Gläubige Juden, so der Saarbrücker Theologie-Professor Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 66 Karl-Heinz Ohlig, „glauben jedes Wort des Alten Testaments“. Die Christen sind diesbezüglich zwar zurückhaltender, aber auch sie weigern sich oft, symbolträchtige Horrorgeschichten ins Reich der Fabel zu verbannen. Wie zum Beispiel die „Opferung Isaaks“, in der abermals die Kraft des Gehorsams beschworen wird. Auch diese Erzählung ist grell grotesk, denn erneut wird die Logik über alle Maßen strapaziert: Eine der fragwürdigsten Szenen der ganzen Bibel: Gott will den Gehorsam seines getreuen Dieners Abraham überprüfen. Der setzt gerade an, seinen lange ersehnten (und von Gott versprochenen) Sohn Isaak zu töten, als ein „Engel des Herrn“ den göttlichen Mord in letzter Sekunde verhindert. Zeichnung von Julius Schnorr von Caroldsfeldt. Der Herr verlangte eines Tages von seinem treuen Diener Abraham, den lang ersehnten (und versprochenen) Sohn Isaak – nun ja: zu schlachten! Abraham sollte auf diese grässliche Weise seinen Glauben an Gott beweisen. In Gen 22 können wir detailliert nachlesen, wie Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 67 Gott Abraham „auf die Probe“ stellt. Eine Probe, die schon deshalb unsinnig war, weil der Herr als Allwissender den Ausgang ja schon vorher kennen musste. Die folgenden Zitate sind Originalton Bibel: „Abraham!“ rief der Herr. „Ja, mein Herr, ich höre dich“, antwortete Abraham. „Nimm deinen Sohn Isaak“, sagte der Herr, „deinen einzigen Sohn, der dir ans Herz gewachsen ist, und bring ihn mir als Brandopfer dar!“ Der Herr setzte nach: „Und geh mit ihm ins Land Morija auf einen Berg, den ich dir noch nennen werde“. Leider berichtet die Bibel nichts über Abrahams Reaktion, über seine Irritation, seine Verzweiflung oder innere Ablehnung dieser unfassbaren Forderung. Es steht nur geschrieben, dass Abraham am nächsten Morgen früh aufstand, Holz spaltete für das Opferfeuer, einen Esel belud und dann mit Isaak und zwei Knechten „auf den Berg (ging), den Gott ihm nannte“. Erst nach drei Tagen (warum so weit?) erreichten sie das Ziel. Und Abraham sagte zu den Knechten: „Bleibt hier mit dem Esel. Ich gehe mit dem Jungen auf den Berg dort drüben, um zu Gott zu beten“. Dann packte er seinem Sohn die mitgebrachten Holzscheite auf den Rücken, nahm das Messer und ein „Becken mit glühenden Kohlen“ und sie machten sich auf den Weg. Langsam dämmerte es Isaak, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. „Vater!“ „Ja, mein Sohn?“ „Vater, Feuer und Holz haben wir. Aber wo ist das Lamm für das Opfer?“ Abraham wurde verlegen. „Gott wird schon für ein Opferlamm sorgen“, sagte er knapp. Als sie angekommen waren an der Opferstelle, baute Abraham einen Altar und schichtete die Holzscheite auf. Dass ihn Zweifel an seinem Handeln überkamen, ist nicht überliefert. Stattdessen „fesselte er Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf den Holzstoß“. Dann nahm er das Messer, „um seinen Sohn zu schlachten“ (Gen 22, 9-10). Erst jetzt, auf dem Höhepunkt der dramatischen Szene, wie im Film in allerletzter Sekunde, kommt die ersehnte Hilfe: „Abraham, Abraham!“, rief ein Engel des Herrn. Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 68 „Ja, ich höre“, sagte Abraham. „Halt ein!“, sprach der Engel. „Tu dem Jungen nichts zuleide“. Und er fügte hinzu, was Gott eigentlich von Anfang an wissen musste: „Jetzt weiß ich, dass du Gott gehorsam bist!“ Und als „Belohnung dafür, dass du meinem Befehl gehorcht hast“ (Gen 22,18), versprach der Herr dem braven Abraham „Nachkommen so zahlreich wie Sterne am Himmel oder wie Sandkörner am Meeresstrand“. Das hatte er Abraham aber schon mehrfach versprochen – und zwar bevor dieser den ultimativen Stresstest erfolgreich bestanden hatte. Was nichts anderes bedeutet, als dass eines der zentralen Narrative der biblischen Geschichte, die unbedingte Opferbereitschaft Abrahams gegen jeglichen Verstand, auch nach der inneren Logik der Bibel ebenso unnötig wie unsinnig war. Abraham, der Prototyp des gehorsamen Gläubigen, dessen Gottesfurcht allenfalls noch von dem frommen Hiob erreicht wurde, wurde nach Angaben der Bibel 175 Jahre alt. Warum Gott die Lebenserwartung seiner Geschöpfe so drastisch reduziert hatte (Adam wurde ja 930 Jahre alt, Noah schaffte 950 Jahre), ist nicht überliefert. Nach wissenschaftlicher Erkenntnis lag die Lebenserwartung der normalen Bevölkerung in der frühen Bronzezeit übrigens bei 40 bis 45 Jahren… Moses. Nicht ganz so alt wie Abraham wurde die eigentliche Hauptfigur des Alten Testaments, Israels Übervater Moses. Auch die Moses- Geschichte ist voller Rätsel und Wunder, und es gelingt vermutlich nur sehr frommen Menschen, den unerforschlichen Schritten des Herrn im mosaischen Prozess Folge zu leisten. Moses, von den Juden verehrt wie kein zweiter, war ein Mörder. Das scheint aber niemanden gestört zu haben im Laufe der Jahrtausende, im Gegenteil: Moses ist für das theologische Verständnis des ersten Teils der Bibel die wichtigste Figur überhaupt. Denn dieser Moses hat „sein“ Volk nach der Legende nicht nur aus Ägypten ins gelobte Land geführt, sondern auch Gottes Gebote in Stein gemeißelt erhalten – und zwar vom Herrn persönlich. Eine Auszeichnung, die ohne Zweifel einzigartig ist. Damit trat Moses dauerhaft als Gottes Partner und Gehilfe auf den Plan. Der ägyptisch sozialisierte Hebräer, königlich erzogen, wurde so unversehens zum Feind der Ägypter und zum ersten Anführer Israels. Durch die biblische Leistung, ein „ganzes Volk“ 40 Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 69 Jahre lang durch die Wüste ins gelobte Land geführt zu haben, erlangte er gottähnlichen Status. Moses wurde zu einem privilegierten Heiligen mit zahlreichen Facetten: Gottes erster Ansprechpartner, Religionsgründer, Autor des Pentateuch, Heerführer, Zauberer, Prophet, Richter. Heute ist er die Identifikationsfigur der Juden. Und das, obwohl nicht mal sicher ist, ob es den historischen Moses überhaupt gegeben hat! Die Person des Moses ist voller Merkwürdigkeiten. Angeblich stammte er aus dem Geschlecht Levi, des dritten Sohnes von Urvater Jakob. Ausgerechnet diese Nachkommen (Leviten) hat Jakob aber nicht gesegnet, sondern ihnen vielmehr „die Leviten gelesen“. Kurz vor seinem Tod hatte Jakob seine zwölf Söhne versammelt und ihnen die Zukunft gesagt. Zu Levi (und Simeon) sagte er: „Ihr beiden Brüder könnt mich nie dafür gewinnen, mich euren Plänen anzuschließen; denn ihr kennt nichts als Wut und Willkür! Ganz sinnlos habt ihr Männer abgeschlachtet und starke Stiere ohne Grund verstümmelt. Deshalb wird euch Gottes Strafe treffen und eure Grausamkeit vergelten. Sein Urteil ist schon gesprochen: Ihr dürft nicht mehr zusammen bleiben, ich werde euch in Israel zerstreuen!“ (Gen 49, 5-7) Nun, Moses Eltern wurden – wie Jakobs gesamte Familie, deren Gott damals noch El hieß – erst mal in Ägypten zerstreut. Vater Amram hatte seine eigene Tante Jochebed zur Frau genommen. Diese gebar ihm Moses und Aaron. Tochter Myriam, die später ebenfalls eine gewisse Berühmtheit erlangen sollte, wird erst mal nicht erwähnt. Zu jener Zeit war der Pharao – gemeint ist wohl Ramses II, doch die Bibel nennt den Namen an keiner Stelle – nicht gut auf die Israelis zu sprechen. Denn sie „vermehrten sich so stark, dass sie sich über das ganze Land ausbreiteten“ (2. Mos 1,7). Da in den Schriften aber nichts von einer Einwanderung hebräischer Nomaden nach Ägypten geschrieben steht (außer der Familie von Jakob), ist nicht feststellbar, wie stark die Volksgruppe der „Ausländer“ – vermutlich Halbnomaden vom Stamme der Schasu und/oder Apiru – tatsächlich war. Nach Ansicht mancher Bibelforscher und Historiker war Moses übrigens kein Hebräer, sondern „ein vornehmer Ägypter“. Dies behauptet auch der weltberühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856-1939), der sein Judentum unter anderem mit dem Buch „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ aufgearbeitet hat. Freud glaubte, dass Moses („vielleicht ein Prinz der königlichen Dy- Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 70 nastie“) ein eifriger Anhänger des Ein-Gott-Glaubens war, den der Pharao Amenhotep IV (späterer Name Echnaton, verheiratet mit der berühmten Nofretete) um das Jahr 1350 v. Chr. als „Staatsreligion“ verordnet hatte. Enttäuscht davon, dass der Monotheismus nach dem Tod Echnatons wieder dem Polytheismus alter Prägung weichen musste, habe Moses dann beschlossen, sein Heimatland zu verlassen und „sich ein neues Volk zu schaffen“ (Freud in einem Brief vom 6.1.1935 an die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé). Moses habe sich dabei die semitischen Nomaden ausgesucht, die in Ägypten Fronarbeit leisten mussten und ein natürliches Interesse an besseren Lebensbedingungen hatten. Diesen Leuten habe er dann „seinen“ Gott Jahwe vorgestellt, ihnen habe er auch die Beschneidung verordnet, die damals nur in Ägypten üblich war. Das heißt, nicht Jahwe, sondern Moses habe (sich) ein Volk erwählt und so „den Juden geschaffen“. Sagt Sigmund Freud. Aber wir wollen hier nicht die vielen Theorien erörtern, die sich um Moses und das für Juden konstitutive Element des Exodus ranken, sondern die biblische Geschichte in dem Verständnis rezipieren, wie wir sie verstehen. Und nach der „Heiligen Schrift“ missfiel dem Pharao eben die enorme Fruchtbarkeit der Israeliten (die damals noch nicht so hießen). Als Zwangsarbeiter mussten sie die Städte Pitom und Ramses bauen, also Schwerstarbeit unter sengender Sonne verrichten (Anmerkung: der berühmte jüdische König Salomo ließ später in Israel den Bau seiner Tempel und Paläste ebenfalls in Fronarbeit errichten). Weil die Hebräer aber trotz Sklaverei „immer zahlreicher“ wurden, befahl der Pharao angeblich einen radikalen Schnitt: jeder männliche Nachkomme von ihnen sollte getötet werden. Die Bibel stellt Moses Biographie anders dar als Sigmund Freud. Als der Bub zur Welt kam, selbstverständlich „ein gesundes, schönes Kind“ (2. Mos 2,2), wollte Mutter Jochebed es natürlich vor den Häschern des Pharaos retten. Also bastelte sie ein Kästchen aus Holz, dichtete es mit Pech ab, legte das Kind hinein und setzte es ins Schilf am Ufer des Nils. Dort wurde der Knabe von der Tochter des Pharaos gefunden und von dieser als „königlicher Sohn“ adoptiert… Die Juden (und viele Christen) glauben diese fabelhafte Geschichte bis heute. Sie ignorieren den Märchencharakter der Erzählung und blenden aus, dass dieser mythische Stoff aus anderen Kulturen überliefert wurde. Insbesondere die akkadisch-sumerische Sargon-Legende Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 71 könnte als Vorlage der Moses-Erzählung gedient haben. Sargon, als Kind von seiner Mutter ebenfalls in einem abgedichteten Kästchen (auf dem Euphrat) ausgesetzt und von „Akki, dem Wasserschöpfer“ gefunden und adoptiert, stieg um das Jahr 2300 v. Chr. zum König von Akkad auf. Auch Moses machte eine königliche Karriere, mit der entsprechenden Erziehung, selbst wenn davon später nie mehr die Rede sein sollte. Immerhin passte die vornehme Sozialisation am Hof des Pharaos zum biblischen Duktus, der für Moses die größtmögliche Rolle vorgesehen hatte, die für einen Menschen möglich ist: als direkter Gesprächspartner Gottes, der durch ihn als Jahwe in die Welt trat. Warum die Autoren des Pentateuch (die fünf Bücher Moses) ihren Helden vor seiner göttlichen Berufung erst einmal zum Mörder gemacht haben, ist zwar merkwürdig, aber in dem Sinne nachvollziehbar, dass man ja einen Grund brauchte, um den „ägyptischen“ Königssohn wieder zum Hebräer zu machen. Und natürlich auch, um Moses zum heiligen Berg Horeb (Sinai) verfrachten zu können, wo ihm der Allmächtige erscheinen sollte. Jedenfalls behauptet die Bibel, Moses habe einen ägyptischen Aufseher, der einen Israeli malträtierte, in einem Akt der Selbstjustiz erschlagen und seine Leiche „im Sande verscharrt“ (Ex 2,12). Zwar passt auch die überstürzte Flucht des Königssohnes hier nicht ins Bild, denn als privilegiertes Familienmitglied des Hofes hätte Moses zweifelsfrei Gnade und Schutz beim Pharao finden können. Sei´s drum: Moses musste angeblich fliehen, weil ihn sein eigener „Großvater“ töten wollte, und so eilte er (alleine?) ins weit entfernte Land Midian jenseits des Roten Meeres. Dort wurde der vornehme Flüchtling erst einmal einfacher Schafhirte, danach Ehemann einer Priester-Tochter namens Zippora, die ihm zwei Söhne gebar. An dieser Stelle beginnt nun die biblische Geschichte des Mannes Moses als Gottesanbeter, und auch sie ist außerordentlich fabulös. Der heilige Text klingt, als stamme er direkt aus der Feder der Gebrüder Grimm: „Moses hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Als er die Herde durch die Steppe trieb, kam er eines Tages an den Gottesberg, den Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer lodernden Flamme, die aus einem Dornbusch schlug… Als der Herr sah, dass Moses näher kam, rief er aus dem Busch heraus: Mose! Mose!, und Mose antwortete: Ich höre! Da sagte der Herr: Komm nicht näher, zieh deine Schuhe aus, denn du stehst Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 72 auf heiligem Boden! Ich bin Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!“… (2. Mos 3). Was in keiner theologischen Schrift oder Exegese erwähnt wird, ist folgendes: Wie sollte Moses irgendetwas mit der Beschreibung „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ anfangen können? Er müsste zuerst ja mal diese Ur-, Ur-, Ur-Vorfahren gekannt haben. Machen Sie, liebe Leser, selbst mal den Test: Kennen Sie die Namen Ihrer Vorfahren, die vor 400 und 800 Jahren gelebt haben? Sie werden sie nicht kennen, trotz Büchern, Internet, Archiven und Bibliotheken. Medien, die es zur Zeit des Moses nicht gab. Woher also sollte Moses, der ja an einem ägyptischen Königshof mit dem Sonnengott Aton groß geworden war, die Namen Abraham, Isaak und Jakob kennen, die viele Jahrhunderte vor ihm mehrheitlich in einem anderen Land gelebt hatten? Auch interessant: Obwohl (gläubige) Wissenschaftler in zwei Tausend Jahren jedes Wort der fünf Bücher von Moses analysiert und jeden seiner Schritte erforscht und vermessen haben, ist bis heute nicht klar, wo dieser heilige Berg Horeb überhaupt liegen soll. In ihrer Not haben ihn die ersten Christen später mit dem Berg Sinai im südlichen Teil der gleichnamigen Halbinsel gleichgesetzt – aber erst im 4. Jahrhundert nach Christi! Diese Verortung bedarf einer regen Phantasie: Wie soll Moses mit seiner Schaf- und Ziegenherde aus Midian (dieses Land lag östlich des Golfs von Akaba im heutigen Saudi-Arabien) über hunderte Kilometer und über das Rote Meer zum völlig unwegsam-gebirgigen Sinai gekommen sein? Das Weidegebiet der Midianiter (sie waren Nomaden) lag zwischen Ras en-Naqb in Jordanien bis zum Golf von Akaba. Demnach hätte der heilige Berg viel eher im Gebiet der Edomiter liegen müssen als im fernen Sinai. Wie dem auch sei, Moses steht also laut dem Buch Exodus am Horeb vor einem (nicht ver-)brennenden Dornbusch, wird von einem Gott angesprochen, den er nicht kennt, den er nicht sehen kann und nicht sehen darf. Der schickt ihn nach Ägypten und schenkt ihm dazu einen Zauberstab, mit dem man Wasser aus dem Berg schlagen oder den Stab zu einer Schlange verwandeln kann. Und wenn man die Schlange beim Schwanz packt, wird sie wieder zum Stock. Selbst an dieser „zauberhaften“ Stelle der Bibel (2. Mos 4,2-4) werden echte Gläubige nicht stutzig – sie glauben es einfach. So wie sie auch nicht stutzig werden, wenn Gott der Allmächtige schon in dieser frühen Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 73 Phase verkündet: „Er (der Pharao) wird meine Macht zu spüren bekommen. Ich werde sein Land durch die schreckenerregenden Wunder bestrafen, die ich dort vollbringen werde“. (2. Mos 3,20). Gott legte später noch nach und sagte zu Moses: „Ich bevollmächtige dich, vor den Pharao hinzutreten als wärst du Gott, und dein Bruder Aaron wird dein Prophet sein. .. ich werde jedoch den Pharao starrsinnig machen, damit ich umso mehr meine Macht durch Zeichen und Wunder erweisen kann. Der Pharao wird eure Forderung (nach Auszug Israels aus Ägypten) ablehnen und dann werden die Ägypter meine harte Hand zu spüren bekommen… (2. Mos 7, 1-4). Das heißt nichts anderes, als dass nach Logik der Bibel alles vorherbestimmt war. Der Pharao konnte also gar nicht anders handeln, das Schicksal des unschuldigen ägyptischen Volkes war schon besiegelt. In dieser „gottverlassenen“ Gegend im Sinai-Gebirge soll der Herr seinem Diener Moses Anweisungen und die zehn Gebote übermittelt haben. Die Christen glaubten so sehr an diese biblische Legende, dass sie im sechsten Jahrhundert dort sogar ein (Katharinen-)Kloster errichtet haben. Es ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Und so schickte der Herr zehn Plagen übers Land, womit er wiederum das tat, wofür ihn sein Bündnispartner Abraham einst scharf gerügt Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 74 hatte: Gott bestrafte völlig unschuldige Menschen für die Sturheit des Pharaos – die er selbst veranlasst hatte! Die Problematik des Auszugs aus Ägypten, der konstitutiv ist für den jüdischen Glauben und bis heute mit dem Passahfest gefeiert wird, besteht zum einen in der Bestreitung des mythischen Charakters dieser grausamen Erzählung; Juden und viele Christen glauben felsenfest an die Historizität dieser Geschichte. Zum anderen in der einseitigen Perspektive, die das Los der Ägypter komplett ignoriert. Damit wird insinuiert, dass ein (jüdisches) Leben mehr wert sei als das andere – und dass Rache „gerecht“ sei: Wenn der Pharao erstgeborene jüdische Jungen ermorden lässt, dann wird eben mit gleicher Münze zurückgezahlt! „Mein ist die Rache“, spricht der Herr, „ich will vergelten!“ (5. Mos 32,35). Bei der Erfindung der Plagen war der Herr übrigens sehr kreativ: Trinkwasser wurde zu Blut, also ungenießbar; es gab eine Froschplage, eine Stechmückenschwemme, ein Ungeziefer-Tsunamie. Dann tötete die Pest viele Menschen und das ganze Vieh, es kam zu einer Geschwüren-Inflation, es gab Hagelregen, eine Heuschreckenplage, eine dreitägige Finsternis und schließlich, als „Krönung“ des göttlichen Strafgerichts, die Tötung aller Erstgeburten. Diese letzte Strafe Gottes hat es besonders in sich, denn der Herr ging, so sagt die Bibel, persönlich durchs Land, um alle Erstgeborenen zu töten. „Lautes Wehgeschrei erhob sich“, schreiben die Autoren, „denn es gab kein Haus bei den Ägyptern, in dem nicht ein Toter war“. Erst nach dieser mörderischen Nacht gab der Pharao klein bei und ließ die Israelis ziehen. Nach 430 Jahren im Exil verließen sie „über Nacht“ Ägypten, und seitdem bleiben sie an diesem Datum nachts wach „zu Ehren des Herrn“ und essen zum Passahfest nur ungesäuertes Brot, die so genannten „Matzen“. Wer sich vergegenwärtigt, wie der Allmächtige damals gewütet hat, wo er doch den selbst verursachten Starrsinn des Pharaos leicht hätte verhindern können, müsste eigentlich sprachlos sein. Denn was soll an diesem brutalen Gott, den die Christen später (in Kenntnis dieser Schriften!) als ihren Gott übernommen haben, göttlich, gütig und barmherzig sein? Und wie passt dieser Jahwe, der nach Logik der Christen ja „Gottvater“ ist, zum eher friedfertigen Jesus von Nazareth? Die SEB hält sich nicht lange auf mit solchen Fragen, sondern sagt lapidar: „Der Pharao hat den Herrn, den er nicht kennen wollte, nun von seiner erschreckenden Seite kennen gelernt“. Das ist die Botschaft: Wer Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 75 nicht hören will, muss fühlen! Auf das eigentliche Thema, die göttliche Inszenierung einer menschlichen Katastrophe, geht die Erklärbibel nicht ein, schließlich zählt in der Heiligen Schrift nur das Wohl Israels: „Jetzt endlich öffnete sich der Weg in die Freiheit“. Der Herr hat also unschuldige ägyptische Männer, Frauen und Kinder grausam bestraft, um sich (bei den Juden) als schützender und zorniger Gott präsentieren zu können, der nicht mit sich spaßen lässt. Das bekamen auch die Soldaten des Pharao zu spüren, die der israelischen Karawane mit Streitwagen nacheilen mussten, um den Aderlass womöglich doch noch zu stoppen: Gott ließ sie alle im Schilfmeer ersaufen, mitsamt ihren Pferden! Und abermals kam es, wie es kommen sollte: Und das Volk fürchtete den Herrn und sie glaubten ihm und seinem Knecht Moses (Ex 14, 31). Eigentlich hätte sich auch der Knecht selbst vor seinem Herrn fürchten müssen, denn auf dem Weg vom Sinai nach Ägypten war ihm zuvor etwas Schreckliches passiert. Man darf noch heute erstaunt sein, solche Passagen in der „Heiligen Schrift“ lesen zu müssen: Denn eines Tages – man traut seinen Augen und Ohren nicht – „fiel der Herr über Moses her und wollte ihn töten“. Warum Gott dies hätte tun sollen, wo er Moses doch gerade erst mit der heiklen Ägypten-Mission beauftragt hatte, bleibt völlig unklar. Die Familie des Moses war gerade unterwegs nach Ägypten und hatte das Nachtlager aufgeschlagen, als Gott seinen getreuen Knecht aus heiterem Himmel attackierte. Zum Glück sah Moses Frau Zippora das Drama kommen: Sie nahm gedankenschnell einen scharfen Stein – und …. nein: ging nicht auf den Angreifer los, sondern „schnitt die Vorhaut am Glied ihres Sohnes ab und berührte damit die Scham von Moses. Dabei sagte sie: Du bist mein Blutbräutigam!“ (2. Mos 4, 24-25). Danach, so heißt es in der heiligen Schrift, „ließ der Herr von Moses ab“… Die Erklärung der Theologen in der Stuttgarter Erklärbibel zu dieser „anstößigen Geschichte“ ist wie immer verständnisvoll. Womöglich diene die Erzählung dazu, „die Einführung der Kinderbeschneidung zu erklären“. Immerhin gibt die SEB zu, „dass Gott rätselhaft und unbegreiflich handeln kann und dem Menschen immer wieder auch seine dunkle Seite zuwendet“. Ein erstaunliches Fazit von offizieller Stelle: Gott, der Gütige und Allmächtige, die Inkarnation des Lichts, hat auch eine „dunkle Seite“? Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 76 Die hellen Seiten sind offenbar seine Wunder. Die Teilung des Wassers im Meer, das Manna, das vom Himmel fällt, die Überreichung der Gesetzestafeln auf dem Sinai: Diese biblischen Geschichten werden bis heute in (jüdischen und christlichen) Schulen gelehrt, wobei Moses stets als tapferer Held gefeiert wird. Dass die Wissenschaft längst auf dem Stand ist behaupten zu können, es habe niemals einen Massenexodus aus Ägypten gegeben, erst recht nicht in einer Größenordnung von 600 000 Personen, „Frauen und Kinder nicht mitgezählt“ (Ex 12,37), wird im Religionsunterricht selten oder nur am Rande behandelt. Auch die Erkenntnisse von seriösen Archäologen, wonach es nicht den geringsten Hinweis auf solch eine Hyper-Karawane gibt, vor allem nicht durch die Wüste, wo es naturgemäß an Wasser und Nahrung mangelt, ist für wahre Gläubige nicht von Belang. Sie glauben die Moses-Erzählung, wie sie geschrieben steht – obwohl der Bonner Alttestamentler Martin Noth (1902–1968) seriös nachgewiesen hat, „dass die Themenkomplexe von Ur- und Vätergeschichte, Exodus-, Sinai-, Wüstenwanderung- und Landnahmeerzählungen unabhängig voneinander entstanden und tradiert worden sind“. Der gesamte Pentateuch, so Theologe Noth, bilde keine Historie ab, sondern sei eine „religiöse Komposition“ (siehe auch: Mose, Eckart Otto, C.H.Beck). Komponiert wurde der Exodus-Text übrigens viel später als gemeinhin angenommen. Einer der berühmtesten deutschen Alttestamentler, der Orientalist Julius Wellhausen (1844–1918) zeigt in seiner Prolegomena zur Geschichte Israels auf, dass das zweite Buch Moses der jüngste Text des Alten Testaments ist und erst Jahrhunderte nach den angeblichen Ereignissen geschrieben wurde. Deshalb wissen die ersten Propheten auch nichts von einem Auszug aus Ägypten und nehmen keinen Bezug darauf. Auch der heilige Sabbath, der Ruhetag, stammt vermutlich aus babylonischer Tradition und wurde erst im siebten Jahrhundert vor Christus dort entwickelt. Aber bei den mosaischen Geboten spielte der Sabbath schon eine große Rolle – und Moses soll zurzeit des Pharaos Ramses II (ca 1303-1213 v. Chr.) gelebt haben. Das passt alles nicht zusammen. Für Wellhausen war der Moses-Gott Jahwe übrigens ein Wetter- und Kriegsgott, der sich nicht wesentlich von den damals üblichen Göttern der Ägypter und Kanaaniter unterschieden habe. Moses selbst, meint Wellhausen, sei vermutlich nichts weiter gewesen als ein „Richter in der Oase von Kadesch“. Auch der israeli- Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 77 sche Archäologe Israel Finkelstein ist nach jahrelangen Forschungen zur Auffassung gelangt, dass die mosaische Geschichtsdarstellung in der Bibel „keine wunderbare Offenbarung“ ist, sondern vielmehr ein „herausragendes Ergebnis menschlicher Einbildungskraft“ (in: Keine Posaunen vor Jericho, DTV). Ungeachtet einer tatsächlichen oder hypothetischen Historizität, die in der Forschung hinlänglich umstritten ist: Moses, der sich laut Bibel 40 Jahre lang vorbildlich als Führer von Gottes auserwähltem Volk bewährt hatte, der zudem als Religionsgründer (des Judentums) gilt und die „Zehn Gebote“ in Stein gemeißelt persönlich vom Herrn überreicht bekam, dieser Moses durfte den Einzug ins gelobte Land trotz seiner Verdienste nicht mehr erleben. Er starb, nachdem ihm der Herr zum Abschied immerhin noch das gelobte Land gezeigt hatte, auf dem Berg Nebo gegenüber Jericho, im gesegneten Alter von 120 Jahren. Begraben wurde er irgendwo im Tal bei Bet-Peor in Moab. Warum seine letzte Ruhestätte geheim bleiben sollte („von seinem Grab erfuhr niemand bis auf den heutigen Tag“) ist eines der vielen Rätsel, die diese bedeutendste Figur des Alten Testaments wohl ewig umgeben wird. David. Ein weiterer strahlender Held der jüdischen Geschichtsschreibung hört auf den schönen Namen David. David, bis heute inniglich verehrt, war nach der biblischen Beschreibung ein äußerst problematischer Mensch. Ein Schönling und Draufgänger, der keine Sünde ausgelassen hat. Doch wer die Gnade des Herrn erfährt, und das war bei David offenbar der Fall, bei dem drückt man gerne mal ein Auge zu. Oder auch beide, wenn man besonders fromm ist. Zur biblischen Geschichte gehören die Extreme. Denn nur große Karrieren und überraschende Wendungen regen zum Staunen an. Deshalb war David erst einmal ein kleiner Schafhirte, der nicht einmal dabei sein durfte, als der Prophet Samuel den künftigen König Israels unter den Söhnen des Juden Isai von Bethlehem aussuchen wollte. Alle sieben älteren Isai-Buben fielen bei der Prüfung durch, der Jüngste (David) musste erst mal von der Weide gerufen werden. Die Bibel beschreibt ihn als „schön und kräftig und seine Augen leuchteten“. Da sagte Gott zu Samuel: „Der ist es, salbe ihn!“ (1. Sam 16,12). Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 78 Auf solche Weise wird man auserwählt. Zum Helden wird man durch literarische Verherrlichung, an der es im Buch Samuel wahrlich nicht mangelt. Und zur klassischen Ikone wird man schließlich durch die Kunst: Michelangelos David, der in dreijähriger Arbeit (1501– 1504) aus einem über fünf Meter hohen und zwölf Tonnen schweren Block aus Carrara-Marmor gemeißelt wurde, ist die wohl beste und bekannteste Skulptur der Menschheitsgeschichte. Michelangelos Kunst und Perfektion haben maßgeblich zu dem „makellosen“ Bild beigetragen, das die David-Rezeption bis heute prägt. Neben Moses ist David der Nationalheilige Israels, er gilt als Idealfigur des Herrschers und Inkarnation des göttlich inspirierten Königs. Allerdings ist dieses Bild mehr als nur ein bisschen gefärbt: Wer genau hinschaut und sich die Bücher des Propheten Samuel sowie die Bücher Könige und Chronik zu Gemüte führt, lernt schnell den wahren Charakter der Person David kennen. Und die ist alles andere als „heilig“. David wird in Bethlehem geboren, als achter Sohn von Isai, der das Kind unehelich mit seiner Magd gezeugt haben soll. Deshalb sei der „Bastard“ David auch auf dem Feld versteckt worden, als der Prophet Samuel kam. Doch Gottes Wege sind ja bekanntlich unerforschlich, und so kam „mit der Salbung Davids Gottes Geist über David und wich von Saul“, heißt es bei 1. Sam 16,14. Dem armen König Saul wurde auf diese Weise nicht nur grundlos Gottes Segen entzogen, sondern er wurde auch noch von einem „bösen Geist“ befallen. Im US- Standardwerk Das Alte Testament heißt es dazu (Seite 397): „Hier setzte Gottes Gericht ein, Saul war nun dem Bösen ausgeliefert“. Wahrlich ein merkwürdiger Vorgang: Gott entzieht dem einen seine Gunst und gibt sie dem anderen, schafft damit „gut“ und „böse“ und eine bittere Konfrontation, die den Weg Davids zum König der Juden bis zu Sauls Tod kennzeichnet. Die Menschen können auf diese Entwicklung also nur machtlos reagieren. Schlimmer noch: Bis zu seinem Lebensende darf David von Gottes Segen und Beistand profitieren – obwohl er ein Leben in Saus und Braus führt und im Blut seiner „Feinde“ geradezu badet. Das Bild, das die Bibel von dem jüdischen Rabauken David zeichnet, ist eigentlich verheerend. Gerade deshalb haben Theologen, Exegeten und Historiker (und Künstler!) im Laufe der Jahrtausende nicht nur versagt, sondern auch eine Rezeption ermöglicht, die geradezu Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 79 skandalös ist: David wird in euphemistischer Verdrehung der Fakten als Held und Vorbild glorifiziert, als göttlich inspirierter König, als Inkarnation des edlen Menschen und tapferen Kriegers. Die weltberühmte David-Statue von Michelangelo. Sie hat das „Bild“ des jüdischen Nationalheiligen nachhaltig geprägt. Doch wie bei jeder biblischen Rezeption gilt auch hier: Niemand weiß, wie David wirklich aussah. Es ist nicht mal klar, ob er überhaupt gelebt hat. Die Bibel behauptet, David sei von Gott auserwählt, so wie das ganze jüdische Volk von Gott auserwählt worden sei. Glaubt man der heutigen Wissenschaft, dann war es genau umgekehrt: David wurde nicht auserwählt, er hat vielmehr selbst Jahwe zum Gott Israels erwählt/ bestimmt (Tilly/Zwickel: Religionsgeschichte Israels, WBG). Israel und Juda waren damals, wie die gesamte Levante, polytheistisch geprägt, Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 80 und Jahwe stammte vermutlich aus dem Gebiet des heutigen Süd-Jordanien, wo er als Wettergott verehrt wurde (auch in Ägypten wurde er erwähnt, auf zwei Namenslisten aus der späten Bronzezeit). Gottesliebling David wurde also an den Hof von König Saul gerufen, um den depressiven Monarchen mit seinem Harfe-Spiel aufzumuntern. Dann aber erweckt die Bibel beim legendären Aufeinandertreffen von David und dem Riesen Goliath plötzlich den Eindruck, als würde Saul den jungen Krieger gar nicht kennen: „Wessen Sohn bist du, mein Junge?“ (1. Sam 17,58), fragte Saul den tapferen Krieger, der so viel Mut bewiesen hatte. Nach der Tötung Goliaths, dem er auch noch den Kopf abschlägt, ist der Aufstieg Davids jedenfalls nicht mehr aufzuhalten. Saul nimmt ihn sogar in die königliche Familie auf, gibt ihm seine Tochter Michal zur Frau und verlangt als Brautpreis „100 Vorhäute der Philister“. Was reichlich makaber anmutet, war damals nicht verpönt, der „Beweis“ durch die Vorhäute belegte den Tod der Feinde. Die Philister waren eine Volksgruppe unbekannter Herkunft (vermutlich aus Griechenland oder dem Balkan), die sich an der Mittelmeerküste Israels, dem heutigen Gaza-Streifen, angesiedelt hatten (der Name Palästina wird etymologisch auf die Philister zurückgeführt). David machte sich einen Spaß daraus, Philister zu töten, um mit ihren Vorhäuten seine Braut zu bezahlen. Und weil er ein besonders wilder Krieger war, brachte er dem König nicht 100, sondern gleich 200 Vorhäute. Es ist nur ein kleiner Vers in der Bibel, aber was bedeutet der Vorgang tatsächlich? Nun, David hat mit seiner Horde, die später noch zu berüchtigten „Streifzügen“ aufbrechen sollte, einfach so mal 200 Philister getötet und ihre Leichen geschändet. Die Rivalität zwischen König Saul und David wird in der „Heiligen Schrift“ lang und breit erzählt, sie soll uns hier nicht interessieren. Aus ihr folgerte allerdings die Flucht Davids vor dem Schwiegervater, der ihm angeblich nach dem Leben trachtete. Die Flucht führte unter anderem ins eigentlich verfeindete Philisterland, wo David sich mit 400 seiner Leute niederlassen durfte und sogar die Stadt Ziglak als kleines „Königreich“ erhielt. In der Stuttgarter Erklärbibel heißt es dazu, David habe sich „aus Entrechteten und Gescheiterten eine Hausmacht aufgebaut“, Männern also, die sich der Schuldknechtschaft entziehen wollten oder als nicht erbberechtigte Söhne verbittert waren. Mit dieser Söldnertruppe machte David das Land unsicher, beging hunderte Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 81 Raubüberfälle, bei denen unzählige Menschen getötet wurden. Die Bibel scheut sich nicht, dies ausführlich zu schildern: „David zog hinauf mit seinen Männern und fiel in das Land der Geschuriter und Amalekiter ein; denn diese waren von altersher die Bewohner dieses Landes bis hin nach Schur und Ägypten. Und sooft David in das Land einfiel, ließ er weder Mann noch Frau leben und nahm Schafe, Rinder, Esel, Kamele und Kleider mit und kehrte wieder zurück. Kam er dann zu Aschich und Aschich sprach: Wo seid Ihr heute eingefallen?, so sprach David: In das Südland Judas, oder: In das Südland der Jeraschmeliter, oder: In das Südland der Keniter. David aber ließ weder Mann noch Frau lebend nach Gat kommen, denn er dachte: Sie könnten uns verraten. So tat es David, und das war seine Art, solange er im Philisterland lebte“ (1. Sam 8-11). Aber das war nur der Anfang seiner Krieger-Karriere: David, der sich von Gott behütet wähnte und sich auf Gottes Hilfe beim Töten seiner Gegner berufen durfte (siehe unten), verfügte als König von Juda und später ganz Israel über eine schlagkräftige Terrortruppe, mit der er im wesentlichen Angriffskriege führte (2. Sam 8). Als er die als uneinnehmbar geltende Festung Jerusalem eroberte, sprach er zu seinen Leuten: „Wer die Jebusiter schlägt und durch den Schacht hinaufsteigt (gemeint ist ein Wasserschacht), und wer die Lahmen und Blinden erschlägt, die David verhasst sind, der soll Hauptmann und Oberster sein“. Auch Jahwe selbst hatte keinerlei Probleme mit seinem blutrünstigen Liebling: „Und Davids Macht nahm immer mehr zu, und Gott der Herr war mit ihm“ (2. Sam 4,10). Der Herr fungierte sogar als Ratgeber und Protektor des kriegerischen Königs: „Und David befragte den Herrn: Soll ich hinaufziehen gegen die Philister? Und der Herr sprach zu David: Zieh hinauf, ich werde die Philister in deine Hand geben!“ (2. Sam 5,19). David, der seine Position in Juda durch Bestechung erlangt hatte („Der ganze Stamm Juda erkannte ihn als König an, dessen Anführer er durch Geschenke gewonnen hatte“. In: Histoire de la vie de David von Abbé de Choisy), nutzte seine Macht gnadenlos aus. Gegen seine Opfer ging er mit unfassbarer Brutalität vor: So mussten sich Davids Kriegsgefangene hintereinander auf den Boden legen, der Prophet Samuel beschreibt in seinem 2. Buch (8,2), was dann passierte: „Jeweils zwei Schnurlängen wurden getötet, und jeweils eine Schnurlänge ließ er am Leben“. Selbst die Pferde seiner Gegner mussten leiden: „Und David nahm von ihnen gefangen tausendundsiebenhundert Gespanne und Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 82 zwanzigtausend Mann Fußvolk und lähmte alle Pferde und behielt hundert übrig“ (2. Sam 8,4). Einmal ließ King David angeblich sogar 50 000 Mann (!) umbringen, nur weil sie die heilige Bundeslade gesehen hatten. In der alten Luther-Übersetzung ist dieser Massenmord auch beschrieben (1. Sam 6,19). Weil der heutigen Kirche solche Sentenzen aber offenbar zu brutal sind, haben die frommen Gottesmänner die Zahl einfach verfälscht. Heute heißt der Vers in der Bibel: „Der Herr aber bestrafte die Leute von Bet-Schemesch, weil sie die Bundeslade nicht mit der gebührenden Ehrfurcht angeschaut hatten; siebzig Männer mussten sterben“. Mit dieser Zensur-Methode wurde auch 2. Sam 12,31 bearbeitet. Da beschreibt der Prophet, was König David nach der Eroberung der Stadt Rabba mit seinen Gefangenen anstellte: „Aber das Volk drinnen führte er heraus und legte sie unter eiserne Sägen und Zacken und eiserne Keile und verbrannte sie in Ziegelöfen. So tat er allen Städten der Kinder Ammon“. In den frühen Schriften und der alten Lutherbibel steht diese Ungeheuerlichkeit auch so geschrieben, doch nach dem 2. Weltkrieg war den deutschen Kirchenmännern das Verbrennen von Menschen in Ziegelöfen offenbar peinlich. Sie änderten den biblischen Text deshalb in gravierender Weise ab: „Die Einwohner setzte er für Bauarbeiten ein; sie mussten Steine brechen und sie zurecht sägen, Ziegel herstellen und Baumstämme mit der Axt begraben“. Nun, das muss sich der Gläubige vergegenwärtigen: David durfte so handeln – der Herr war ja schließlich mit ihm! In der berühmten Nathansverheißung, die nach Ansicht amerikanischer Theologen „theologisch und historisch nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“ (DAT, Seite 416), heißt es wörtlich: „Gott, der Herr der Welt, lässt dir sagen: Ich habe dich von der Schafherde weggeholt und zum Herrscher über mein Volk gemacht. Bei allem, was du unternommen hast, habe ich dir geholfen und alle deine Feinde vernichtet. Ich habe dich berühmt gemacht und du wirst zu den Großen der Erde gezählt“ (2. Sam 7,8-9). Die Verheißung gipfelt in einem Versprechen: „Dein Königshaus wird für alle Zeiten bestehen!“ Wie skrupellos David war, zeigt auch sein Umgang mit Frauen. Obwohl der bisexuelle David ein Verhältnis mit Sauls Sohn Jonathan und zahlreichen Ehe- und Nebenfrauen hatte, nahm er sich jedes Weib, das ihm gefiel – und schreckte dafür auch vor Auftragsmorden nicht Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 83 zurück: Als er mal wieder seine Truppen in den Krieg geschickt hatten, „damit sie das Land der Ammoniter verheerten“, lustwandelte er eines Abends auf dem Dach seines Palastes und sah im Nachbargarten eine Frau beim Bade, die „von schöner Gestalt“ war. David ließ nach ihr rufen, doch dummerweise war sie verheiratet mit dem Hetiter Uria, einem seiner Offiziere. David schwängerte sie trotzdem, und um die schöne Batseba als Frau behalten zu können, musste Uria eben sterben (2. Sam 11). Das war nun offenbar selbst dem Herrn zuviel, der seinen Liebling deshalb bestrafte – mit dem Tod seines völlig unschuldigen Sohnes! „Und der Herr schlug das Kind, das Urias Frau dem David geboren hatte, sodass es todkrank wurde“ (2. Sam 12, 15). Was soll man zu soviel Güte und Gerechtigkeit Gottes sagen? Und wie soll man bewerten, dass die Autoren der Samuel-Bücher (im 7. Jahrhundert v. Chr.) die Episode mit dem Tod des Kindes womöglich erfunden haben, weil sie vertuschen wollten, dass dieses „Kind der Sünde“ (Salomo) später zum König Israels wurde? Nun, was wir glauben sollen, lehrt uns die Heilige Katholische Kirche: Jedes Wort in der Bibel sei „wahres Wort Gottes“ – und zwar „ohne Irrtum“ (Katechismus 101-123). Die Spitze der Bigotterie sind Davids „Dankeslieder“. Die lyrische Ader haben ihm seine späteren Verehrer angedichtet und behauptet, er sei der Autor der (meisten) Psalmen. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Der berühmteste Psalm wird übrigens bis heute nahezu täglich in irgendeiner Kirche rezitiert, und die Gläubigen sind dabei oft ganz ergriffen: „Der Herr ist meine Hirte, es wird mir an nichts mangeln“ (Psalm 23). Bei Davids Dank nach seinen Schlachten (Psalm 18) wird aber vorsichtshalber nur der Anfang gebetet: „Der Herr ist mein Fels und meine Burg, und mein Erretter.. mein Schutz und meine Zuflucht“. Die Verse 38 und 43 hingegen lässt man lieber weg: „Meinen Feinden jage ich nach und vertilge sie, und ich kehre nicht um, bis ich sie umgebracht habe… Ich will sie zerstoßen zu Staub der Erde, wie Dreck auf der Gasse will ich sie zerstäuben und zertreten“… Erstaunlich, dass angesichts solcher Zeilen, vor denen die Bibel nur so strotzt, David bis heute heroisiert und idealisiert wird. Schon in der karolingischen Kunst wurde David verherrlicht, neben Michelangelo haben ihm Donatello, Caravaggio, Verrocchio und Rembrandt kunstvolle Denkmäler gesetzt. Es gibt eine eigene Publikation, in der 245 von über 5000 Kunstwerken allein über David aufgelistet sind Kapitel 6 Fragwürdige Helden: Abraham, Moses, David 84 (King David in the Index of christian Art). Die Legenden über David und seinen Sohn und Nachfolger Salomo, von Mönchen nach Europa gebracht und in Klöstern „kopiert“ (abgeschrieben, bzw. umgeschrieben), später sogar auf den Fassaden der Kathedralen „in Stein gemei- ßelt“, war ein gefundenes Fressen für Könige, Kaiser, Fürsten und klerikale Potentaten. So stark und triumphal wie David und so reich und weise wie Salomo, so wollten auch sie sein. Die antiken Vorbilder waren die perfekte Reflexionsfläche für den (eigenen) Traum von Macht und Herrlichkeit. Karl der Große war dafür ein typisches Beispiel. Bis heute wird David, und das ist besonders problematisch, als Vorbild für die Jugend dargestellt. In aktuellen „Kinderbibeln“ (z.B. von Eckard zur Nieden, SCM‑Verlag, oder von Anne de Vries, Neukirchener Verlagsgesellschaft) wird David als toller Hecht stilisiert, als Inkarnation des edlen Ritters. Im Religionsunterricht gibt es noch immer Bücher der Art „Mutig wie König David“ (von Chantal D. Horst) oder „David – was für ein Typ!“ (von Carsten Buck), die allesamt ein euphemistisches Bild vermitteln, das den David der biblischen Geschichte in fragwürdiger Weise verfälscht. Dabei ist nicht einmal sicher, ob die biblische Figur des israelischen Helden überhaupt historisch ist. Für ein davidisches Großreich um 1000 v. Chr. gibt es keinerlei archäologische Beweise. Israel Finkelstein, der jüdische Autor und Archäologe, glaubt deshalb auch nicht an die Existenz von David und seines Sohnes Salomo. Diese Figuren seien „biblische Erfindungen“, meint der Autor des Weltbestsellers Keine Trompeten vor Jericho. Warum das Alte Testament eine „religiöse Komposition“ ist 85

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.