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Kapitel 5 Das Versagen des Allmächtigen in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 53 - 58

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-53

Tectum, Baden-Baden
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Das Versagen des Allmächtigen Die Sintflut und der liebe Gott Das dritte Versagen Gottes, noch in der Anfangsphase der biblischen Menschheit, ist von solch gravierender Natur, dass es einen fröstelt: Der Allmächtige zertrümmert voller Zorn sein eigenes Schöpfungswerk, das er als grässlich misslungen erkannt hat. Gott ersäuft die Menschheit, mitsamt der Tierwelt! Und gewährt dabei – einmal notgedrungen, einmal bewusst – zwei Ausnahmen: die Meerestiere, die ja nicht ertrinken können; und die Familie Noah. Wir werden noch sehen, dass die Exegeten selbst für diese alles in den Schatten stellende Apokalypse eine Erklärung haben. Und wenn die Gläubigen oder andere Kritiker trotzdem Probleme mit dem Verständnis der alten Schriften äußern, bemüht die Kirche gern das Geheimnis des Glaubens. Intellektuell ergibt sich aus dem Geheimnis des Glaubens jedoch ein gravierendes Problem: Das, was wir nicht verstehen (können), sollen wir trotzdem glauben. Eine Anforderung, die besonders schwer zu erfüllen ist, nicht nur für den modernen Menschen in heutiger Zeit. Schon vor 1000 Jahren schwante klugen Leuten, dass die Widersprüche der christlichen Lehre gelegentlich die Grenze der Zumutbarkeit überschreiten. So wandten sich Studenten des berühmten Religionsphilosophen Petrus Abaelard (1079-1142) mit einer flehentlichen Eingabe an ihren Professor in Paris: „Wie soll man denn glauben, was man nicht verstehen kann?“, fragten die kritischen Jungakademiker. Es sei doch „lächerlich“, wenn ein Priester etwas predige, „was weder er selbst, noch jene, die er belehrt, mit dem Verstande fassen können“. (Petrus Abaelard: Briefwechsel mit Heloisa). Die Bibel, insbesondere das Alte Testament, hat zahlreiche solch irritierender Momente parat, und gleich zu Beginn der Schöpfungsgeschichte geht es, wie oben erwähnt, besonders krass zu. Schon nach wenigen Generationen, denen immerhin ein langes Leben geschenkt Kapitel 5 53 wurde (Adam wurde laut Genesis rund 930 Jahre alt!), geriet das Leben auf Gottes schöner Erde völlig aus dem Ruder. Als die Menschen anfingen, sich zu vermehren und wie gefordert über die Erde auszubreiten (Gen 6,1-2), geschah plötzlich Unglaubliches: Leibhaftige Engel des Herrn, in der Bibel Gottessöhne genannt, begehrten „die schönen Töchter der Menschen“ – und konnten oder wollten sich ihrer Triebhaftigkeit und Fleischeslust nicht erwehren. Die Frage ist, wo sie diese irdisch-profane Triebhaftigkeit und Sinneslust plötzlich her hatten? Waren sie als engelhafte Wesen nicht Gottes (erste) Geschöpfe, erschaffen in Reinheit nur zur Ehre des Allmächtigen? Wie dem auch sei: Die charakterschwachen Engel schwebten also zur Erde hinab, schnappten sich die hübschesten Mädchen und zeugten mit ihnen Kinder – die dann, offenbar zur Strafe, zu Riesen heranwuchsen. Und als der Herr mit jähem Entsetzen feststellen musste, dass ihm seine Geschöpfe völlig außer Kontrolle geraten waren und er ihr Denken und Handeln als „durch und durch böse“ (Gen 6,5) erkannte, da reute es ihn, dass er sie geschaffen hatte. Und sagte, so steht es wörtlich in der Bibel: „Ich will die Menschen wieder ausrotten!“. Gott fügte hinzu, was ziemlich enttäuscht und nach dem Eingeständnis des eigenen Versagens klingt: „Es wäre besser gewesen, wenn ich sie gar nicht erst erschaffen hätte!“ (Gen 6,7). Hallo? Hören wir richtig, lesen wir hier richtig? Gott ist resignativ und naiv? Er gibt offen zu, (abermals) gescheitert zu sein? Der Vollkommenste, Allerheiligste und Allermächtigste hat es nicht hinbekommen, „vernünftige“ und „gute“ Menschen zu schaffen? Aber wie sollte das möglich sein? Gott kann doch alles – wenn er will. Warum sollte er dann nicht die perfekte Umsetzung einer perfekten Idee gewollt haben? Und warum sagen uns die schlauen Bibelerklärer nicht, wie es zu diesem dramatischen Missverständnis auf höchster Instanz kommen konnte? Gott kapituliert vor seinem eigenen Werk und geht, mit dem brutalsten aller Mittel, zurück auf Los? Es ist die furchtbare Sintflut-Geschichte, die eigentlich alle Gläubigen sprachlos machen und an Gottes „Barmherzigkeit“ zweifeln lassen müsste. Sie geht so: Noah ist ein frommer Mann, Nachfolger Adams in der zehnten Generation. Er hat im Alter von 500 Jahren (!) drei Söhne gezeugt: Sem, Ham und Jafet. Wie alt seine Frau(en) zu diesem Zeitpunkt waren, sagt uns die Bibel nicht. Dieser Noah aus einem unbe- Kapitel 5 Das Versagen des Allmächtigen 54 kannten Ort im alten Orient soll aber der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde gewesen sein, „an dem der Herr Freude hatte“ (Gen 6,8). Und weil Gott, wohin er blickte, „nur Unrecht und Gewalt“ sah, machte er kurzen Prozess und beschloss wie oben erwähnt, „alle Menschen zu vernichten“ – außer Noah und seiner Familie, die brauchte er ja noch. Eine atemberaubende Art, Fehlentwicklungen zu korrigieren. An dieser Stelle sei im Interesse gutgläubiger Juden und Christen erwähnt, dass die Sintflut-Erzählung natürlich kein historisches Ereignis ist! Es gab zwar in der Geschichte immer mal wieder verheerende Überschwemmungen, bei denen Mensch, Tier und die Ernte tatsächlich vernichtet wurden. Doch die biblische Sintflut ist Fiktion. Eine schlimme Fiktion aber, denn sie wird in der „Heiligen Schrift“ transponiert bis heute und steht als Paradigma für „göttliches“ Handeln. Damit ist sie in eine andere Kategorie einzuordnen als die mesopotamischen Sintflut-Legenden. Bis heute gilt die Arche Noah als Sinnbild der (rettenden) Güte Gottes. Ein Ort, an dem man sich aufgehoben fühlen darf. Die groteske Kehrseite der Medaille – die Vernichtung allen Lebens auf der Welt durch den Schöpfer persönlich – wird meist ausgeblendet. Alter Stich von einem unbekannten Künstler. Die Sintflut und der liebe Gott 55 Wir bleiben bei der Bibel: Noah tat also wie geheißen. Er baute eine Arche, nahm von allen Tieren ein Männchen und ein Weibchen sowie genug Nahrung für alle, und wartete auf den großen Regen. Wir wollen an dieser Stelle nicht die alberne Frage aufwerfen, wie es der damals 600 Jahre alte Noah geschafft haben mag, alle (?) Tierarten ausfindig zu machen und nach einer Geschlechtsprüfung, die bei manchen Gattungen wahrlich ein geschultes Auge erfordert, auf sein Schiff einzuladen. Wir fragen auch nicht danach, wie er alle Vögel fangen konnte (und die Insekten?), wie brav die Bären und Löwen aufs Schiff getrottet sind oder wie die afrikanischen Elefanten und Giraffen so schnell nach Mesopotamien kamen. Erst recht fragen wir nicht danach, warum Gott alle Tiere „zu Lande und in der Luft“ töten wollte (die ja völlig schuldlos waren) – die Fische und anderes Wassergetier aber nicht. Jedenfalls kam die große Flut (die wir bereits aus dem Athrahasis-Mythos und dem Gilgamesch-Epos kennen) über die Erde und vernichtete wie angekündigt „alles Leben“. An dieser Stelle der kurze Hinweis, dass es (auch) in Genesis 6–9 zwei Erzählstränge gibt, die sich teilweise widersprechen und auch sonst nicht logisch sind. Jedenfalls soll es nach dem einen 40 Tage lang in Strömen geregnet haben, nach dem anderen dauerte es insgesamt ein Jahr, bis das Leben auf der Erde wieder normalisierte. Und abermals scheuten sich die antiken Autoren der biblischen Geschichten nicht, den grausamen Herrn im Himmel nach dieser bewusst herbeigeführten Katastrophe in einem außerordentlich milden Licht erscheinen zu lassen: Denn als Noah aus Dank für die Rettung ein Brandopfer darbrachte, „freute sich der Herr über den Duft und sprach zu sich selbst: Ich will die Erde nicht noch einmal bestrafen und alles Leben ausrotten, nur weil die Menschen so schlecht sind. Ihr Denken und Tun ist nun einmal böse von Jugend auf!“ (Gen 8,21). Es war schon immer interessant, wie Theologen und Religionswissenschaftler gewisse Bibelstellen interpretieren. Die schiere Menge der Deutungen und des Umfangs der Literatur dazu sprengen aber jeden Versuch, sich auch nur einen kleinen Überblick zu verschaffen. Der schon im Kapitel zuvor erwähnte Theologe Westermann zitiert in seinem Buch Genesis 1-11 Dutzende seiner Kollegen, die in der Sintflut- Geschichte nicht ein einmaliges Erlebnis historischer Dimension erkennen, sondern „das Widerspiegeln der Erfahrung totaler Bedroht- Kapitel 5 Das Versagen des Allmächtigen 56 heit der menschlichen Existenz“. Zugleich sagt Westermann, in der theologischen Deutung des Flutgerichts stehe die Forschung „erst am Anfang“. Trotzdem wagt der fromme Mann eine eigene Interpretation und sieht den ursprünglichen Sinn der Sintflut „in der Rettung der Menschheit“, für die Noah sinnbildlich stehe. Der Schöpfer sei zugleich der Bewahrende, zum Schöpfungsgeschehen trete hier „das Bewahrtwerden des Menschen“. Ja gewiss, so kann man das auch sehen… Zurück zum biblischen Noah und einem interessanten Nebenaspekt. Dem ersten Anschein nach ist es nur eine Randnotiz, wenn Gottesliebling Noah nach der Sintflut wieder in den Alltag zurückkehrt und im Schweiße seines Angesichts seinen Lebensunterhalt als Ackerbauer verdient. Doch der folgende Vorgang ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die „Heilige Schrift“ für die Gläubigen immer wieder neue Zumutungen parat hält: Denn der gottesfürchtige Noah verflucht auf einmal seinen Enkel Kanaan. Zu jener Zeit eine schlimme Strafe, die einer Verbannung aus der Familie gleichkam. Aber: der kleine Kanaan hatte gar nichts angestellt! Es war dessen Vater Ham (Noahs zweiter Sohn), der sich angeblich daneben benommen hatte. Doch Ham bleibt aus unerfindlichen Gründen von einer Strafe verschont. Warum? Noah war wie gesagt ein Bauer, der nach Angaben der Bibel auch den Wein erfunden hat. Er war „der erste, der einen Weinberg anlegte“ (Gen 9,20). Eines Tages nahm er offenbar einen Schluck zuviel von dem vergorenen Rebensaft. Beschwipst entledigte sich der Kleider und schlief im Zelt seinen Rausch aus. Dort fand ihn Sohn Ham entblößt liegen und erzählte dies seinen Brüdern Sem und Jafet. Doch das hätte er besser nicht getan, angeblich war es strikt verboten, den Vater nackt zu sehen. Als Noah wieder nüchtern war und den peinlichen Sachverhalt erfuhr, wurde er zornig und verhängte den eben erwähnten „Fluch über Kanaan“ (Gen 9,25). Warum der kleine Enkelsohn für eine Sünde seines Vaters büßen musste und zum „letzten Knecht“ degradiert wurde, wird nicht gesagt. Die Stuttgarter Erklärbibel hat dafür eine seltsame Erklärung: Hinter dieser Familienszene würden „Völkerschicksale sichtbar“. Sem stehe „für Israel“, Ham „für (das Land) Kanaan“. Wofür Jafet stehen soll, wissen die Experten nicht. Und schreiben, die Sache mit Jafet bleibe eben „rätselhaft“… Rätselhaft ist nach Ansicht des Midrasch (die professionelle Auslegung religiöser Texte im Judentum) aber etwas ganz anderes: nämlich Die Sintflut und der liebe Gott 57 der Grund für die biblische Verfälschung der Noah-Legende. Tatsächlich, heißt es im Midrasch (vergl. Genesis Rabbah 36,7), spielte sich die pikante Geschichte mit Noah nämlich ganz anders ab: Demnach hatte der fromme Noah nicht nur zu tief in den Weinbecher geschaut, sondern wollte danach „im Suff “ noch seine Frau begatten – und zwar in deren Zelt. Das wollen die Masoreten (altjüdische Textforscher von höchstem Rang) beim genauen Studium der alten Schriften herausgefunden haben. Deshalb wird die Szene im Midrasch auch anders dargestellt: Noahs Sohn Ham habe mitbekommen, dass sein Vater in volltrunkenem Zustand Sex suchte. Da Ham aus Neid verhindern wollte, dass weitere Brüder gezeugt werden, die womöglich irgendwelche Ansprüche stellen, sei er ins Zelt gegangen und habe seinen wehrlosen Vater – kastriert! Völlig unübersichtlich wird die heikle Geschichte, wenn man den israelischen Noah-Mythos mit den entsprechenden Mythen griechischer, ägyptischer, kanaanitischer und kenitischer Prägung verknüpft, wie es der britische Judaist Hyam Maccoby getan hat (in: „Der heilige Henker“, Jan Thorbecke Verlag, 1999). Demnach kastriert und tötet der Held/Schurke den König und nimmt dessen Platz ein. In der Überlieferung der Kanaaniter und Keniter war es Hams Sohn Kanaan, der die blutige Tat an seinem Großvater ausgeführt hat. Deshalb sei Kanaan auch verflucht worden. Und dieser Fluch wiederum sei der Grund dafür, dass das Land Kanaan und seine Bewohner später dazu „verdammt“ worden seien, von den Israeliten erobert zu werden… Ein Indiz für die Kastrations-These, sagen Forscher, sei auch der biblische Hinweis, „und Noah lebte (nach der Sintflut) noch 350 Jahre“, ohne den sonst üblichen Zusatz „und zeugte noch Söhne und Töchter“. Er habe eben keine Kinder mehr zeugen können. Jedenfalls ist Noah nach israelischer Darstellung 950 Jahre alt geworden – Weltrekord! Offenbar berauscht von diesem wahrlich makabren Märchen sind die antiken Autoren der Bibel zum Schluss noch übermütig geworden: Schon kurz nach der großen Sintflut lassen sie Noahs Söhne Sem, Ham und Jafet sowie Noahs Enkelkinder ganze „Städte gründen, Küstenländer und Inseln besiedeln“ und sogar „fremde Völker unterwerfen“ (Gen 10,8). Offenbar haben die eifrigen Schriftgelehrten übersehen, dass der Herr erst kurz zuvor „alles Leben auf der Erde vernichtet“ hatte (Gen 7,21-23). 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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.