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Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 33 - 44

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-33

Tectum, Baden-Baden
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Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte Die Basis des jüdischen Gottes Jahwe (genauer das Tetragramm JHWH, die Bedeutung ist umstritten, sinngemäß: Ich bin da; ich bin der, der ich bin oder: der das Werden verursacht) ist in der biblischen Urgeschichte von der Erschaffung der Welt zu suchen. Der Vorgang soll sich, wie bereits erwähnt, im Jahr 4004 v. Chr. ereignet haben, so glauben es teilweise noch heute fromme Juden und Christen, die sämtliche Stammbäume von David über Moses und Abraham bis zu Adam zurückgerechnet haben und der „Heiligen Schrift“ eine absolute Realität zubilligen. Allerdings gibt es auch hier Differenzen in der Kalkulation, denn offiziell rechnen die Juden anders: Nach ihrem Kalender, der nach wie vor gilt, hat die Welt vor 5778 Jahren begonnen (Stand 2018). Der grandiosen Phantasie der Schriftgelehrten ist es zu verdanken, dass sich die außerordentlichen Schöpfungsgeschichten in der Bibel bis heute gehalten haben: In den Schulen des jüdisch-christlichen Kulturkreises wird noch immer der Mythos von Adam und Eva gelehrt. Als seien Forschung und Wissenschaft spurlos an ihnen vorbei gegangen, lassen Politiker, Erzieher, Lehrer und Kultusbürokraten (und Eltern!) nach wie vor zu, dass im Religionsunterricht der Eindruck erweckt wird, die Urgeschichte der Menschheit habe sich so oder zumindest so ähnlich abgespielt, wie es die Bibel blumig beschreibt. Viele Religionslehrer, die ja konfessionell geprägt und weisungsgebunden sind, scheint dabei auch nicht zu stören, dass im Physik- und Biologie-Unterricht eine andere Version der Schöpfung gelehrt wird. Sie müssen allerdings am Alten Testament festhalten, als sei es – wie bei Moses – in Stein gemeißelt. Gewiss gibt es auch Lehrpersonal, das bei der Ver- Kapitel 3: 33 mittlung der Heiligen Schriften seriös differenziert und offen auf deren mythisch-fabulösen Charakter hinweist, insbesondere bei älteren Schülern. Gleichwohl ist es bis heute nicht gelungen, die biblischen Texte offiziell als das zu qualifizieren, was sie viel eher sind als das Wort Gottes: „Ein literarischer Versuch, die Einheit des Volkes Israel zu definieren“ (der Archäologe und Autor Israel Finkelstein). Die Theologin Lucia Scherzberg drückt es so aus: Jene altbiblischen Erzählungen, sagt die in Saarbrücken lehrende Professorin, seien „keine Texte, die die Entstehung der Welt und des Menschen naturwissenschaftlich erklären wollen“. Sie seien auch nicht historisch – aber aus der Historie heraus zu verstehen: Der Mensch damals habe seine Existenz als fragwürdig und erklärungsbedürftig empfunden und deshalb eine „imaginative Vergangenheit“ entworfen. Dabei sei Mythologie nicht von Geschichte getrennt worden. Diese Analyse ist erstens nachvollziehbar richtig und wirft zweitens eine elementare Frage auf: Warum weigert sich die Kirche bis heute, die notwendige Trennung wenigstens nachzuvollziehen und die biblischen Texte seriös, jenseits allegorischer Beliebigkeit, aufzuarbeiten? Jenseits von Fiktion und Wirklichkeit ist die Erfindung von Adam und Eva mit ihrer spektakulären Lebensgeschichte fraglos genial. Über Jahrtausende hinweg haben die Menschen im Vorderen Orient und im europäischen Raum (später auch in anderen Teilen der Welt) diese phantastische Geschichte ernsthaft geglaubt und die Existenz der beiden Urmenschen für bare Münze genommen. Kein Wunder. Die Schöpfungsgeschichte stillt(e) das Urbedürfnis der Menschen, den eigenen Ursprung, die eigene Herkunft kennen zu lernen und eine Welterklärung zu finden. Sich in mystischer Form selbst zu vergewissern und aus der daraus entstehenden Befindlichkeit und Glaubenserkenntnis einen Lebensentwurf abzuleiten. Nachdem die Wissenschaft dann aber zu der für Christen und Juden schockierenden Erkenntnis gelangt ist, dass die Vorläufer des Menschen als Affen auf den Bäumen turnten und sich erst allmählich, im Laufe von Jahrmillionen, den aufrechten Gang, die Sprache und später dann ein halbwegs zivilisiertes Verhalten angewöhnt hatten, war selbst im relativ aufgeklärten Europa des 19. Jahrhunderts die Not groß, sich mit dieser nicht zu widerlegenden Tatsache auseinanderzusetzen oder gar anzufreunden. Entsprechend biestig waren die Skepsis und offene Ablehnung, als Jean-Baptist de La- Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 34 marck (1744-1829), Charles Darwin (1809-1882) und Alfred Russel Wallace (1823–1913) ihre Evolutionstheorien entwickelt und veröffentlicht hatten. Die evolutionäre Erkenntnis der Forscher wurde zur revolutionären Erkenntnis bei den Geisteswissenschaftlern, besonders in der Theologie. Jetzt hatte man – die Kirche, die Theologen, die Kleriker – ein grundsätzliches Problem: Wo sollte der Allmächtige, jenseits des mutativen Zufallsgenerators der Entstehung der Arten, nun als Schöpfergott seinen ihm angemessenen Platz finden? Warum die Akzeptanz der Evolution so schwer fiel, wird in der „Sündenfall“-Erzählung von Adam und Eva deutlich. Diese war (und ist) so schlicht formuliert, dass sie von den Menschen problemlos verstanden werden konnte. Man darf getrost annehmen, dass die Bevölkerung der Antike – das Alte Testament wurde in der Zeit zwischen 1000 und 200 v. Chr. geschrieben – diesen per Mundpropaganda überlieferten Wunderglauben begierig in sich aufsaugte. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig: Die Menschen hatten als klassische Analphabeten keine Chance, ernsthafte Skepsis zu äußern, sie waren auf die „Wahrheiten“ der Schriftgelehrten oder Altvorderen angewiesen. Objektive Informationsquellen gab es nicht. Nun muss man wissen, dass die Schöpfungsgeschichten (Genesis, also das 1. Buch Mose) außerordentlich tiefgründig erforscht worden sind, weltweit von zigtausend Wissenschaftlern und so intensiv wie kein anderes Thema jemals zuvor. Aus der religiösen und wissenschaftlichen Dauerbeschäftigung wurde so – flankiert von Sakralbauten, Kunst und Musik, die in die Religionskultur einflossen – ein gigantisches, theologisch zementiertes Glaubensgebäude, an dem zu rütteln zwecklos ist. Das biblische Verhalten der beiden Ur-Menschen diente den Aposteln und Kirchenvätern der Spätantike auch als axiomatische Grundlage ihrer Glaubenslehre. Insbesondere der Apostel Paulus hat auf dieser Basis seine Theologie begründet, eine Theologie, die das Christentum nicht nur geprägt, sondern überhaupt erst ermöglicht hat. Ohne die Paulus-Mission wäre die „Jerusalemer Gemeinde“ der Jesus-Jünger wohl als neujüdische Sekte verkümmert, denn die aus dem Fischer-Milieu stammenden Jünger Petrus, Jakobus und die anderen Apostel hatten nicht die intellektuelle Kraft, ihrem jüdischen Glaubensverständnis eine neue Richtung zu geben. Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 35 Und als Gott erkannte, dass der Mensch nicht gern allein sei, schuf er Eva aus der Rippe des Mannes. Selbst diese skurille Erzählung haben die Menschen lange Zeit geglaubt – oder glauben es noch immer. Relief am Dom der italienischen Stadt Orvieto. Aber wie war es möglich, dass die naive Geschichte von den beiden „ersten Menschen“ Adam und Eva eine solch nachhaltige Wirkung erzielen konnte? Nun, obwohl die meisten (heutigen) Theologen immer wieder auf den allegorischen Charakter der Bibel verweisen, beharrt die Kirche unverdrossen auf ihrer eigenen Wahrheit: Der Bericht vom Sündenfall, so heißt es im offiziellen Katechismus der katholischen Kirche, beschreibe in „bildhafter Sprache“ ein „Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat“. Am köstlichsten formuliert hat den Märchencharakter der Bibel Papst Pius XII in seiner Enzyklika humani generis am 12. August 1950: „Wenn auch die alten Verfasser der Heiligen Bücher einiges aus den volkstümlichen Erzählungen nahmen – was ruhig zugegeben werden kann –, so darf man doch nie vergessen, dass sie es unter dem Beistand göttlicher Eingebung taten, der sie bei der Wahl und der Wertung dieser Dokumente Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 36 vor allem Irrtum bewahrte“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Märchenanteil in der Bibel, unter göttlicher Eingebung! Jedenfalls ist und bleibt der Sündenfallmythos von fundamentaler Bedeutung für die jüdisch-christliche Glaubenslehre. Deshalb kommen Kirche und Theologie auch nicht an der Schöpfungsgeschichte vorbei (genau genommen sind es zwei Geschichten, die in der Genesis miteinander verwoben wurden). Wir wollen sie hier in Kurzform rekapitulieren und analysieren: Demnach hat der ewige und allmächtige Gott „eines Tages“ beschlossen, eine Welt zu erschaffen. Der Herrgott ging bei seiner Schöpfung allerdings recht merkwürdig vor, so merkwürdig, dass es den Nachkommen seiner ersten Geschöpfe eigentlich schwer fallen müsste, den göttlichen Plan in der dargestellten Form zu verstehen und tatsächlich auch zu glauben. Denn dieser eine Gott, der alles kann und alles (im voraus) weiß, versagt bei seinem Vorhaben, ein Paradies mit Menschen „nach meinem Ebenbild“ zu schaffen, gleich mehrfach auf unbegreifliche Weise: Nach Genesis 2,18 merkt er erst nachträglich, dass „der Mensch nicht gern alleine ist“ und muss nachjustieren, indem er Eva „aus der Rippe Adams“ zaubert. Das ist mehr als bemerkenswert, denn bitte: Wieso hat der Herr den Adam dann schon vorher mit Geschlechtsorganen ausgestattet? Wie dem auch sei, jedenfalls versagen Gottes Ur-Geschöpfe schon gleich bei der ersten Prüfung – wobei zu fragen ist, wieso der Herr seine Erdenkinder überhaupt prüfen muss, wenn er sie doch gerade erst so erschaffen hat, wie er es haben wollte. Und er ohnehin weiß, wie sie reagieren. Noch spannender ist in diesem Kontext aber die Frage, warum der Allmächtige überhaupt zugelassen hat, dass Adam und Eva so reagieren – er hatte ja die Möglichkeit, den Lauf der Dinge in seinem Sinne zu korrigieren. Die biblische Sollbruchstelle mit dem Baum der Erkenntnis legt deshalb den interessanten Schluss nahe, dass der Herr es gar nicht anders wollte, ja dass er den Sündenfall bewusst provoziert hat! Im Premiumgebet der Christen, dem Vaterunser, heißt es: „Und führe uns nicht in Versuchung!“ Aber was war der „Baum der Erkenntnis“ anderes als die Versuchung schlechthin? Wir unterstellen mal – wie der Heilige Augustinus und alle anderen Kirchenväter – den Realitätsgehalt der biblischen Angaben, die in der Genesis mit ihren 50 Kapiteln die Kernsubstanz des jüdischen und Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 37 christlichen Glaubens darstellen. Und gehen zu apokryphen Schriften über, die aus dem gleichen religiösen Fundus stammen. In ihnen wird sogar über Geschehnisse im Himmel berichtet, wonach es in Folge der Schöpfung zu einem spektakulären Zerwürfnis gekommen sein soll: Der heilige Luzifer, ausgerechnet Luzifer, der erste, beste und schönste Engel in Gottes wunderbarer Heimstatt, soll sich demnach gegen den Allmächtigen aufgelehnt haben! Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Luzifer hatte, nach menschlicher Logik (eine andere haben wir nicht), auch noch Recht mit seinem obstruktiven Verhalten. Diese „blasphemische“ Behauptung bedarf natürlich der Erklärung. Also: Gott erschuf die Welt. Dafür brauchte er, so steht es geschrieben, sechs Tage, wobei wir darüber hinwegsehen, dass es zu Beginn der Schöpfung noch keine Tage gab. Als erstes schuf Gott Himmel und Erde sowie das Licht. Es folgten das Meer, die Pflanzen, Sonne, Mond und die Sterne, Vögel und Wassertiere sowie „Vieh, wilde Tiere und alles, was auf dem Boden kriecht“. Am sechsten Tag schließlich sagte Gott, im Pluralis majestatis: „Nun wollen wir den Menschen machen, nach unserem Ebenbild“ (Gen 1,26). Und am siebten Tage schließlich, so steht es geschrieben, musste Gott ruhen (Gen 2,2-3). Das ist zwar sympathischer Unsinn, denn Gott muss niemals ruhen, er wird ja nicht müde wie unsereins. Gleichwohl soll er an diesem Ruhetag (Quelle des jüdischen Sabbats und des christlichen Sonntags) allen Engeln befohlen haben, sein neuestes Werk, eben den Menschen Adam, ehrfürchtig anzubeten! Nun hat der liebe Gott es gewiss nicht nötig, seine Gebote zu begründen. Und natürlich wissen wir auch nicht, was er sich dabei gedacht hat, den Engeln die Anbetung seiner Kreation „Adam“ zu befehlen – wobei wir offenbar der Irritation unterliegen, Gott funktioniere wie wir Menschen und „denke“ auch so ähnlich. Dabei ist es eher fraglich, dass Gott denkt, denn Denken bedeutet „überlegen“ und „abwägen“ – und impliziert den Irrtum. Ein allmächtiger, allwissender und souveräner Gott muss natürlich nicht „nachdenken“. Er weiß es. Wie auch immer: Nach der alten Schrift „Apokalypse des Moses“ (Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit) verlangte der Herr tatsächlich die Anbetung des Adam, den er gerade erst aus einem Klumpen Lehm geformt hatte. Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 38 Angesichts der Dramatik dieses Verlangens ist es wenig verwunderlich, dass Luzifer und andere (namenlose) Engel über diese neue Hackordnung im Himmel verstört und konsterniert waren. Sie, Gottes engste Weggefährten seit ewigen Zeiten, sollten diesen irdischen Adam anbeten, der aus dem Nichts kam und noch nichts geleistet hatte? Sie sollten ein neues Geschöpf aus Lehm als etwas akzeptieren, dass über ihnen stand? Nun, der Stellvertreter Gottes auf Erden in Rom wird auch bei solchen Fragen nicht verlegen: Es war demnach „die riesengroße Intelligenz“ Luzifers, die das Drama verursachte. Der oberste Engel habe „diese Demütigung nicht ertragen können“, sagte Papst Franziskus am 29. September 2014 bei der Frühmesse im Vatikan. Deshalb habe Luzifer „vielleicht aus Neid“ so reagiert… Wie man sieht, hat auch der Pontifex in heutiger Zeit keinerlei Interesse daran, die himmlischen Narrative ihres mythologischen Charakters zu berauben. Wir bleiben bei diesem tatsächlich ersten Sündenfall: Wie später die Menschen, mussten demnach auch die Engel lernen, dass Gottes Wege unergründlich sind. An dieser Stelle wird es aber (schon wieder) heikel, denn natürlich wusste der Allmächtige bereits vorher, dass Luzifer und Konsorten sich gegen ihn auflehnen würden. Gott weiß ja bekanntlich alles. Also muss ihm von Anfang an klar gewesen sein, dass sein Adam-Experiment scheitern würde. Aber warum hat er es dann trotzdem durchgezogen? Die Irritation wird noch größer wenn man bedenkt, dass das Verhalten der göttlichen Entourage nur aufgrund einer freien Willensentscheidung der Engel möglich geworden sein kann. Das würde zwangsläufig bedeuten, dass der Herr auch seine Engel mit einem freien Willen ausgestattet hätte! In Kenntnis dieser Problematik hat die Kirche vorgebaut und schreibt im Katechismus allen Ernstes, dass die „von Gott ihrer Natur nach gut geschaffenen Geister“ natürlich „in freier Entscheidung“ gehandelt hätten und demnach „durch sich selbst böse“ geworden seien. Im übrigen sei ihre Sünde so schlimm, dass sie „nicht vergeben werden“ könne. Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 39 Zwei Erzengel im existentiellen Kampf: Michael (oben) obsiegt über Luzifer und jagt den abtrünnigen Kollegen ins „Reich der Finsternis“. Fortan gilt der ehemalige Diener Gottes Luzifer als Inkarnation des Teufels, zuständig für alles Schlechte in der Welt. Puh, jetzt sollen wir also auch noch glauben, dass die Engel an allem schuld sind. Aber weshalb um Himmels Willen sollten Engel, die ausschließlich zu Gottes Ehren erschaffen wurden, einen freien Willen und menschliche Gefühle haben? Doch so muss die himmlische Skandalgeschichte tatsächlich verstanden werden, sonst wäre das spektakuläre Verhalten Luzifers nicht erklärbar. Es sei denn, Gott hat ausdrücklich gewollt, dass Luzifer so reagiert – und damit in die Hölle relegiert werden konnte, um dort fortan als „Satan“ sein Unwesen zu treiben. In dieser Konsequenz aber wäre die Erschaffung des Teufels von langer Hand vorbereitet gewesen! Und Gott hätte, noch bevor irgend ein Mensch existierte und sündigen konnte, schon die Voraussetzungen für all das Böse im Himmel, im Paradies und auf Erden geschaffen… Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 40 Zurück zur Bibel, doch es wird nicht besser, die Irritationen häufen sich noch: Gott hatte also in sechs Tagen die Welt erschaffen, die beiden ersten Menschen lebten glücklich und zufrieden im Paradies. Wenn diese Version der „Wahrheit“ entspricht, wie die Kirchen unverdrossen behaupten, dann drängen sich spannende Fragen auf: Wie alt waren eigentlich Adam und Eva, als Gott sie erschaffen hat? Kamen sie als „Erwachsene“ auf die Welt, als Menschen ohne Kindheit und emotionale Wärme? Konnten sie gleich sprechen, fanden sie sich sofort zurecht im Paradies? Und, da sie ja jung und offenbar geschlechtsreif waren: Hatten sie Sex miteinander? Wer diese Fragen naiv und lächerlich findet, hat das volle Verständnis des Autors. Doch, und das ist logisch nun mal nicht zu bestreiten: Wer diese Fragen nicht ernst nimmt, darf auch die Historizität der Urmenschen nicht ernst nehmen – und somit auch nicht den konstitutiven „Sündenfall“ mit all seinen theologischen Implikationen. Die Irritationen beruhen jedenfalls nicht nur auf der Schwierigkeit, die wie Kaffee und Milch vermischte Historie und Mythologie gedanklich wieder voneinander zu trennen. Sondern vor allem auf der Logik: Wenn es richtig ist, dass Gott die Allmacht in sich vereint, dann fragen wir uns natürlich, warum der gütige und barmherzige Gott dem kommenden Unheil sehenden Auges seinen Lauf ließ. Wenn Gott etwas (anderes) will, kann er es doch mit einem Fingerschnippen richten! Für ihn ist doch, wie er später auch Urvater Abraham vor dessen Zelt in Mamre sagen sollte, „nichts unmöglich“ (1. Mos 18)! Warum also hat er auf das gerade erst installierte Paradies verzichtet und zugelassen, dass der Teufel in Gestalt einer Schlange ins Paradies schleichen konnte, um die naiven Eva und Adam zu etwas zu verleiten, was sie gar nicht kannten: die Sünde? Mussten die beiden ersten Menschen extra animiert werden, eine Sünde zu begehen? Und wo war der Herr, als die Schlange sich an die naive Eva heran machte? Saß er im Himmel auf seinem Thron und schaute sich das despektierliche Treiben konsterniert an? Die Fragen sind deswegen erlaubt, weil der Herrgott nach dem Sündenfall laut Bibel ja sofort zur Stelle war und scheinbar ahnungslos fragte: „Wo bist du, Adam?“ Und nachdem er die Sünder zusammengestaucht hatte, nähte der Herr sogar eigenhändig Felle für die Nackten zusammen (1. Mos 3,21). Aber wo kamen diese Felle plötzlich her? Mussten dafür vorher (von wem?) Tiere geschlachtet werden? Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 41 Man mag über solche Fragen schmunzeln. Man darf (oder muss) auch über Adam und Eva schmunzeln. Sie eben nicht ernst nehmen und in der Mythos-Schublade ablegen. Aber dann müsste man, nach den Gesetzen der Logik, auch die Bibel nicht für voll nehmen, denn dieses unentwirrbare Knäuel aus jüdischer Geschichte, polytheistischen Erzählungen, alten Mythen, Märchen und Legenden ist ein komplettes Kompendium naiver Narrative. Doch offiziell über die Bibel schmunzeln darf man nicht, denn auf diesen Überlieferungen steht das theologische Fundament, das die christlichen Kirchen seit nunmehr zwei Jahrtausenden durch alle Stürme der Skepsis und Häresie trägt. Aus dieser unglaublichen Schöpfungsgeschichte konstruierten Schriftgelehrte, Propheten, Philosophen und Kirchenväter ja auch das Diktum und die Dogmen der Hölle, der Erbsünde und Gnadenlehre. Diese makabren Lehren, die in der Folgezeit auf eine furchtbare Weise ernst genommen werden sollten, befrachten nach christlicher Lehre alle (!) Menschen von ihrer Geburt an mit einer von Gott gegebenen Grund-Schuld. Das klingt (und ist!) so grotesk, dass wir es hier wiederholen müssen: Offizielle Lehre der christlichen Kirche ist es, dass jeder Mensch, der lebend zur Welt kommt, ob Christ, Moslem oder Buddhist, ob gesund oder (körperlich/geistig) krank, dass also jeder mit einer Erbsünde behaftet ist, die ihn schnurstracks in die ewige Hölle führt – wenn er nicht vorher durch die Taufe „errettet“ wird. Für diese düstere Drohung haben die Kirchenväter eine abenteuerliche Begründung ersonnen, die bis heute gültig ist: Weil Adam als Urvater aller Menschen gesündigt habe, seien auch alle seine Nachfahren sündig. Selbst unschuldige Babys, sagt der Heilige Augustinus (was die „Internationale Theologische Kommission“ heute relativiert). Diese Schuld werde vererbt und quasi durch den Samen des Mannes in den Schoß der Frau appliziert und so auf jeden neuen Erdenbürger „automatisch“ übertragen! Erlösung von diesem schrecklichen Übel sei nur möglich durch die Taufe der heiligen Kirche und durch den Opfertod des Herrn Jesus Christus. Aber hier lauert schon die nächste Falle: Denn wer nicht zugleich auch von Gottes Gnade beseelt sei, so legte der heilige Augustinus noch einen drauf, der verbleibe trotzdem im Stande der Sünde und könne nicht erlöst werden (siehe auch Kapitel 11). Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 42 Wer bei solchen Sätzen nun glaubt, hier sei jemand nicht ganz bei Trost, der irrt. Solch ein Humbug ist nicht nur möglich, er gehört zur soteriologischen Substanz des christlichen Glaubens, zu den Grundprinzipien des Christentums! Auf dem Konzil von Trient wurde diese Lehre im Decretum de Peccato originali auf der 5. Sitzung am 17. April 1546 nicht nur bekräftigt, sondern deren Leugnung auch noch mit dem Bann belegt: Wer also behauptet, die These von der Erbsünde sei menschlicher Wirrnis entsprungener Unsinn, der wird von der Kirche offiziell verdammt. Auch dies kein Witz, sondern bitterer Ernst, der bis heute gültig ist. Nachzulesen in der Dokumentensammlung Der Glaube der Kirche von Neuner-Roos, redigiert von dem berühmten deutschen Theologen Karl Rahner (Verlag Friedrich Pustet, Regensburg). Die groteske Lehre von der Erbsünde fand also Eingang in den Kanon der Kirche. Päpste und Bischöfe, Priester und Laien haben sie adaptiert. Über Jahrtausende hinweg wurde der (vom Apostel Paulus im Römerbrief vorgeprägte) Aberwitz des Augustinus als offizielle Lehre der Christenheit in Schulen und Universitäten gelehrt und in Kirchen und Klöstern verkündet. Noch 1950 hat Papst Pius XII in seiner Enzyklika Humani generis darauf bestanden, dass die Erbsünde erklärbar sei durch den „Monogenismus“ (alle Menschen stammen von einem Menschenpaar ab). Der Glaube an die Erbsünde hat die gesamte Theologie der Christenheit geprägt und Milliarden von Menschen in Angst und Schrecken versetzt sowie in Kummer und Verzweiflung gestürzt: Sie waren ja schuldig, mussten sich schuldig fühlen – obwohl sie sich einer Schuld oft gar nicht bewusst waren! Obwohl sie treu und sittsam gemäß der Glaubenslehre gelebt, sich an alle auferlegten Regeln gehalten und unentwegt gebetet haben! Und damit sind wir beim eigentlichen Kern der biblischen Erzählung. Wer die Schöpfungsgeschichte aufmerksam reflektiert, kommt zu einer interessanten Schlussfolgerung: Es geht in den Heiligen Schriften (vor allem) um den Gehorsam! Das Alte Testament ist nicht nur als antike Gottes- und Welterklärung zu verstehen, sondern war und ist auch Mittel zum Zweck. Bekanntlich wurden die fünf Bücher Mose von Schriftgelehrten und Priestern verfasst, von hochgestellten Persönlichkeiten, die über die damals seltenen Fähigkeiten des Lesens und Schreibens verfügten – und oftmals Ratgeber und Komplizen der Mächtigen waren. Diese Machtelite hatte ein bestimmtes Interesse, das Wie ein Sündenfall, den es nie gab, das Christentum prägte 43 gleiche Interesse, das auch heutige Regenten haben: sie billigten sich selbst die Deutungshoheit in allen wesentlichen Fragen zu, und das Volk sollte dies akzeptieren – und gehorchen. Die abenteuerliche Geschichte von Adam und Eva ist deshalb nicht nur ein fundamentaler Baustein für den Schöpfungsmythos der Bibel, sondern auch die Basis für ein bis heute gültiges Prinzip: Das Prinzip des Gehorsams. Insbesondere die Hebräer/Israeliten/Israelis (aber auch die Christen) haben diesem Prinzip gehuldigt, was sich besonders gut ablesen lässt im Gesetzesgehorsam der Juden, der sich in den Verhaltens-, Reinheits- und Speisevorschriften artikuliert. Das Schicksal von Adam und Eva wurde auch entworfen, um den Menschen zu zeigen was ihnen blüht, wenn sie sich gegen göttliche Autoritäten (und ihre irdischen Vertreter!) auflehnen. Sie sollten anhand eines praktischen Strafenkalenders sehen und spüren, was demjenigen passiert, der sich Gottes Vorgaben verweigert. So konnte der Sündenfall zur idealen Projektionsfläche für die erste Ideologie der Menschheitsgeschichte werden: der Ideologie des Gehorsams, die auf dem Prinzip „Angst“ beruht. Dieses Prinzip hat die Zeiten überdauert, es gilt – abgeschwächt – noch immer, gerade auch in der römisch-katholischen Kirche, die sich zur größten, reichsten und mächtigsten Kirche der Welt entwickelt hat. Kapitel 3: Adam und Eva oder das Gehorsamsprinzip 44

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.