Content

Epilog in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 231 - 234

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-231

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Epilog Was soll das bedeuten: Ein Buch, das die Widersprüche und Fragwürdigkeiten der (christlichen) Religion beschreibt, das deutliche Kritik an den Kirchen und dem „Lehramt“ übt, das zudem für einen modernen, ideologiefreien Religionsunterricht plädiert – und dann im letzten Kapitel trotzdem zu der Auffassung kommt, Religion sei durchaus sinnhaft, weil der Glaube an eine höhere Macht Trost und Halt spenden könne und ein offensichtliches Bedürfnis der Menschen artikuliere. Nun, ein gewisser Widerspruch ist wahrlich nicht zu leugnen, doch auch wenn die Faktenlage eindeutig und die Vernunft gegenüber dem Glauben klar im Vorteil ist, kann die unglaubliche Kraft der Religion nicht ernsthaft bestritten werden. Eine Kraft, die so gewaltig ist, dass sie die soziokulturelle Welt auf der gesamten Erde seit Jahrtausenden prägt und phasenweise sogar weltliche Mächte in die Knie gezwungen hat („Canossa“), muss trotz ihres transzendenten Charakters ernst genommen werden. So wie man auch Placebos ernst nehmen muss, weil sich die angestrebte Wirkung eben messbar nachweisen lässt. Wenn Menschen überall auf der Welt, gleich welcher Herkunft, gleich welcher Bildung, seit der (r)evolutionären Transformation des Hominiden zum homo sapiens an höhere Mächte glauben, dann entsteht durch diesen spirituellen Prozess tatsächlich eine neue Realität. Der antike Philosoph Platon nannte dieses Phänomen in seiner berühmten Ideenlehre „metaphysische Realität“. Und da zweifelsfrei erkennbar ist, dass alle anderen Lebewesen (= Tiere) keine Götter anbeten und entsprechend auch keine „Erlösung“ erwarten, ist der Götterglaube nirgendwo anders zu suchen als im Selbst-Bewusstsein des Menschen. Wie wir in Kapitel 2 erfahren haben, ist sich der homo sapiens in diesem Erkenntnis-Prozess seiner eigenen Endlichkeit bewusst geworden – und scheitert seither an dem Unterfangen, die düstere Perspektive der ewigen Nicht-mehr-Existenz auch intellektuell zu akzep- 231 tieren. Es ist ein wesentlicher Grund, warum „die Krone der Schöpfung“ seit Menschengedenken versucht, über das Diesseits hinaus ein Jenseits zu denken, in dem ein transzendentes Weiterleben möglich scheint. Der Befund ändert aber nichts daran, dass die Bibel ein problematisches Buch ist, in dem Krieg und Gewalt, Sklaverei und Diskriminierung gerechtfertigt werden. Die Jubelarien über das „Buch der Bücher“ sind zwar nachvollziehbar, denn kein anderes Druckwerk auf der Welt wurde auch nur annähernd so oft verkauft wie die Bibel. Doch die Hymnen sind parteiisch, sie stammen mehrheitlich von Gläubigen, die über die Fähigkeit verfügen, ihre Wahrnehmung steuern und unliebsame Fakten ausblenden zu können. Diese Menschen wollen der Bibel und damit der Kirche glauben, sie wollen ernst nehmen, was die Propheten und Evangelisten aus uralten Zeiten offenbart und überliefert haben. Sie haben kein Interesse an der schnöden, nüchternen und „trostlosen“ Realität. Trotz der in diesem Buch hinreichend erwähnten Problematik aller Religionen dürfen die positiven Aspekte des Glaubens also nicht unterschätzt werden. Es zeugt von Souveränität, wenn auch Atheisten offen zugeben, dass Religion unendlich vielen Menschen Nähe, Wärme, Vertrauen, Spiritualität, soziale Gemeinschaft und kulturelle Identität schenken kann. Religion ist eben nicht nur die erste Philosophie der Menschheit, sie ist auch die eigentliche Philosophie, denn sie stellt „die Kernfragen des Lebens, denen niemand ausweichen kann“ (Papst Johannes Paul II): Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich nach meinem Tode? Weil es den Kirchen aber nicht gelingt, diese elementaren Fragen auch nur annähernd oder gar zeitgemäß zu beantworten, verliert die (christliche) Religion zunehmend an Bedeutung. In vielen westlichen Ländern befindet sie sich bereits seit geraumer Zeit in einem Schrumpfungsprozess, schreibt der Saarbrücker Theologe Prof. Karl- Heinz Ohlig in seinen „Überlegungen zur Situation des Christentums“ (imprimatur 4/2016). Die Gründe sind, jenseits der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft, im wesentlichen hausgemacht: Der Beruf des Priesters ist nicht mehr attraktiv, weil der Geistliche seine Mittlerrolle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits verloren hat. Die jungen Menschen interessieren sich nicht mehr für die alten Rituale Epilog 232 und Versprechungen, sie suchen ihre Bestätigung eher in „sozialen Medien“ (siehe auch die Jugendstudie Generation What? vom April 2017). Zugleich reduziert der schwindende Glaube die Zahl der Gottesdienstbesucher, infolge dessen sich die Bischöfe wiederum gezwungen sehen, die Gemeinden neu und größer (= unpersönlicher) zu strukturieren. Schließlich, der vielleicht wichtigste Grund: Die Kirchen halten völlig irrational und verbissen an den archaischen Dogmen und Ethiken der Spätantike und des Mittelalters fest, gerade so, als habe sich die Welt nicht radikal verändert. Theologe Ohlig: „Die Gläubigen werden mit einer mythischen Welt verflossener Zeiten konfrontiert und ohne interpretative Hilfestellung allein gelassen“. Das ist das Problem: Im Zeitalter der Mondflüge, des world wide web und der digitalen Wissens-Potenzierung versuchen die Kirchen (und Schulen!) den Menschen weiterhin ein Gottesbild zu vermitteln, das vor 3000 Jahren entstanden ist. Dabei wissen die Theologen ganz genau, dass kein einziges kirchliches Dogma eine biblische Grundlage hat, weder die Trinität (Dreifaltigkeit Gottes), noch die Erbsündenlehre, noch Mariä Himmelfahrt oder sonstwas. Gleichwohl weigern sich die Kirchen in heiligem Trotz, die entwicklungsgeschichtlich und kulturhistorisch vielleicht sogar begründbaren Dogmen einer Generalrevision zu unterziehen. Das rächt sich, wie ein Blick in die Kirchen während der Gottesdienste zeigt: sie sind werktags gähnend leer, sonntags leidlich und lediglich an Weihnachten gut besucht. Dann also, wenn die Menschen sentimental werden und sich an ihre Kindheit erinnern. Als Fazit bleibt: Auch wenn Gott als „Idee“ zweifellos einen funktionalen Sinn und viele positive Seiten hat, so bedarf das Christentum, resp. der Glaube an Gott gleichwohl einer Erneuerung. An Gott kann man nämlich, wenn das Bedürfnis nach Spiritualität nicht zu stillen ist, auch anders glauben: ohne Dogmen, ohne Hölle, ohne Zwang, ohne Angst. Man kann, soll und darf die fabelhaften Geschichten des Alten und des Neuen Testaments ja durchaus als kulturelles Erbe der Menschheit bewahren, so wie auch die babylonischen, chinesischen, ägyptischen, griechischen, aztekischen oder germanischen Mythen einen festen Platz in der historischen Schatzkammer der Menschheit haben. Doch es ist an der Zeit, dass der Mensch der digitalen Moderne Epilog 233 den traum- und märchenhaften Geistes-Zustand der Antike verlässt. Es ist an der Zeit, Gott neu zu denken. Epilog 234

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.