Content

Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 219 - 230

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-219

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Warum Gott trotz allem niemals sterben wird Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität Der deutsche Literaturheilige Johann Wolfgang von Goethe hat viele kluge Sätze gesagt. Einer ist besonders weise: „Die Menschheit schreitet stetig voran; aber der Mensch bleibt immer derselbe“. So ist es. Da unsere Vorfahren vor x-tausend Jahren zwar über ein vergleichsweise geringes Wissen verfügten, aber – wie die Menschen heute noch – an Götter glaubten und Dämonen fürchteten, bleibt die Kernfrage der Menschheit zeitlos: Warum glauben die Leute eigentlich an höhere Wesen, warum glauben sie an ein Jenseits, warum an „Gott“? Die Antwort ist von verblüffender Schlichtheit: Weil sie es wollen! Die modernen Menschen 2.0 glauben im Gegensatz zu ihren steinzeitlichen Vorfahren aber nicht deshalb an Gott, weil sie von seiner Existenz überzeugt sind; sondern weil sie aus spirituellen Gründen eine Instanz namens „Gott“ brauchen. Nicht alle (siehe: Exkurs 2), aber die meisten Menschen brauchen die Inspiration von Gott, manche wie die Luft zum Atmen. Gewiss, die Projektion Gott ist abstrakt, so unglaublich abstrakt, dass man sich das göttliche Wesen nicht einmal ansatzweise vorstellen kann. Trotzdem verkörpert „ER“ genau jene Essentials, die ein Mensch auf Erden zur inneren Ruhe benötigt: einen Fixpunkt, einen Anker, Orientierung, Hoffnung. „Gott“ gibt dem Gläubigen ein gutes Gefühl. „Gott“ gibt Sicherheit, beruhigt Nerven, Herz und Verstand. Dabei wirkt dieser „Gott“ wie ein Placebo: ein gewisser Effekt ist spürbar, aber nicht erklärbar. „Gott“, beziehungsweise die Religion, das sagt auch der amerikanische Psychologe Jesse Bering, „ist eine nützliche Illusion“. Der Gottesglaube der Menschen ist deshalb auch in gewisser Weise nachvollziehbar, schon wegen der Alternative: sie ist trostlos. Ohne Kapitel 16 219 Gott kein Jenseits, keine Hoffnung, keine Perspektive. Wenn Gott nicht existiert, also der gesamte Kosmos auf dem Prinzip Zufall basiert, kommt mit dem Tod das schwarze Nichts! Eine schreckliche Vorstellung, für viele Menschen unerträglich. Mit der Gewissheit des absoluten Endes könnte zudem die Bereitschaft schwinden, sich in dem vergleichsweise kurzen Zustand der irdischen Existenz an ethischen Maßstäben zu orientieren und entsprechend zu handeln. Denn welchen Sinn sollte es machen, als „guter Mensch“ zu leben, sich an sittlichen Prinzipien auszurichten und dem Altruismus eine Chance zu geben, wenn in der Schlussbilanz nichts davon zählt? Es ist einer der wesentlichen Gründe, warum in der säkularisierten Gesellschaft von heute Gott weiterhin „lebt“. Und mitnichten „tot“ ist, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche einst proklamierte. Es ist zudem einer der wesentlichen Gründe, warum Gott niemals „sterben“ wird. Denn die Menschen, ob von der transzendenten Existenz einer höheren Macht überzeugt oder nicht, brauchen offenbar ein Mysterium, sie wollen Spiritualität. Spiritualität ist wichtig, weil sie der Seele ein Stück Beschwernis nimmt. Spiritualität bedeutet „Urlaub“ von der kalten Realität, den Kümmernissen des Alltags. Spirituell sein heißt, die geistige Dimension des Daseins zu begreifen und zu empfinden, mitunter an „übernatürliche“ Phänomene zu glauben oder auf sie zu hoffen, und mit dem Phänomen der Magie und der Phantasie die Sinne zu stimulieren. Mystik und Spiritualität stillen also die sinnlichen Bedürfnisse des Menschen. Dieses Phänomen ist sicht- und spürbar seit allen Zeiten, in allen Kulturen, jenseits aller politischen und sozialen Gegebenheiten. Ob in Südafrika, Japan oder Peru, in Irland, Dubai oder Indien, in Russland, Kenia oder Deutschland: Auf der ganzen Welt sind die Menschen religiös, überall beten sie zu „Gott“, glauben sie an Transzendenz (auch in China, das offiziell atheistisch ist). Dieser Gott der Menschen ist polymorph, er sieht überall anders aus, hat überall einen anderen Namen und wird mit den unterschiedlichsten Zeremonien verehrt. Es gibt sogar Religionen, die gar keinen Gott haben (Buddhismus) oder aber zigtausend Götter (Hinduismus). Insgesamt, so eine Zählung britischer Wissenschaftler, existieren weltweit über 9000 Religionen! Auch das Christentum ist wie viele andere aufgespalten in mehrere Dutzend Glaubensrichtungen, die sich zuweilen nur in Details unterscheiden, Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 220 aber stets einen eigenen Namen haben. Nach einer internationalen Befragung aus dem Jahr 2014 gaben fast Zweidrittel der Weltbevölkerung (63 Prozent) an, „religiös“ zu sein (siehe dazu www.pewresearch.org und Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung). Gleichwohl sind alle Menschen in irgendeiner Weise von Religion beeinflusst, denn alle Kontinente sind sozial und kulturell von den religiösen Sitten und Bräuchen ihrer Vorfahren nachhaltig geprägt. Religion ist zudem gruppenspezifisch von großer Bedeutung. Es liegt, von Ausnahmen abgesehen, in der Natur des Menschen, einer Gemeinschaft oder einer Gruppe angehören zu wollen. Am besten einer starken Gruppe, die Sicherheit, Ordnung und Selbstvertrauen vermittelt. Um eine Gemeinschaft zu bilden, muss man eine eigene Identität schaffen, spezifische Eigenheiten herausbilden, sich einen Markenkern zulegen – und sich abgrenzen. Genau das tun die Religionen. Abgrenzung ist wichtig, weil die Abgrenzung als Pendant zur Einigelung den Zusammenhalt der Gruppe stärkt. Der Mensch, bzw. die Gruppe will sich abgrenzen, um sich selbst erkennen und definieren zu können, daran wird auch die grassierende Globalisierung und der Abbau von Schlagbäumen nichts ändern. Das Bedürfnis nach Distinktion ist universell und zeitlos. Wir bleiben aber hier beim Christentum und stellen konkret die Frage, wer „unser“ Gott des Alten und des Neuen Testamentes denn nun eigentlich ist. Wie er aussehen könnte, wo er „wohnt“, und was er von seinen Geschöpfen (die ganz offenbar nicht nach dem Willen des Schöpfers geraten sind), eigentlich erwartet? Auch solche Fragen haben einen Sinn, denn die Projektion Gott, von der sich kein Mensch total befreien kann, orientiert sich an dem beschränkten menschlichen Geist, der außerstande ist, sich das Höchste aller Wesen jenseits des menschlichen „Ebenbildes“ vorzustellen. Deshalb haben die Künstler der Spätantike und des Mittelalters, die unsere Gottesvorstellung optisch geprägt haben, das Bild des älteren Mannes gewählt: Gott ist im fortgeschrittenen Alter, hat weiße lange Haare und einen Bart, und er sitzt in prächtigen Gewändern auf einem Thron. Obwohl jeder weiß, dass diese Rezeption nur eine kümmerliche Phantasie ist, lässt sie sich nicht mehr aus unserem Gedächtnis löschen. Der Grund dafür ist simpel: Weil wir kein anderes Bild haben. Weil sonst ein geistiges Vakuum entstehen würde. Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 221 Die Frage nach Gottes Aussehen ist auch deshalb elementarer Natur, weil sie dem menschlichen Bedürfnis nach Erkenntnis entspringt. Dieser Drang ist m.E. der stärkste von allen. Stärker als der Sexualtrieb, stärker als der Machttrieb, stärker als der Geltungstrieb. Der Mensch giert geradezu nach Erkenntnis, und sei es unbewusst. Sobald das Kind auf der Welt ist, beginnt es mit der Erforschung derselben. Schon Babys und Kleinkinder wollen, neben der notwendigen Nahrung als Energiequelle, vor allem eins: Sehen, hören, fühlen, tasten, riechen, schmecken – erkennen. Sie wollen wissen, mit was und wem sie es zu tun haben, was wertvoll oder nutzlos, „gut“ oder „böse“ ist. Genau so und nicht anders hat der Schöpfer (die Natur) sie programmiert. Heerscharen von Künstlern haben ihre Vision der göttlichen Optik zu Papier oder auf Leinwand gebracht. Viel Phantasie haben sie dabei nicht bewiesen, denn Gottvater wurde und wird fast ausschließlich als älterer Herr mit weißem Bart dargestellt, während der Heilige Geist als weiße Taube über allem schwebt. Jesus vervollständigt die Heilige Dreifaltigkeit, worüber die ersten Christen jahrzehntelang erbittert gestritten haben (Arianismus). Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 222 Wir erinnern uns: An dem zentralen Thema der Erkenntnis ist das göttliche Paradies-Projekt gescheitert! Adam und Eva wollten unbedingt vom „Baum der Erkenntnis“ essen und wagten dafür sogar den zivilen Ungehorsam gegen den Allmächtigen. Auf diesem erzählerischen Plot basiert die biblische Schöpfungsgeschichte und damit das gesamte Juden- und Christentum. Andererseits: Ist nicht, wie eben er- örtert, die Suche nach Erkenntnis womöglich das wahre Lebensziel, der eigentliche Sinn des Lebens? Nicht-Erkenntnis als (biblisches) Ziel des irdischen Daseins wäre doch absurd und könnte unmöglich der Wille des Allmächtigen sein! Denn aus welchem sinnhaften Grund sollte der Gott der Bibel nicht gewollt haben, dass seine Geschöpfe vom „Baum der Erkenntnis“ essen? Die Vorstellung ist ja schon deshalb grotesk, weil dies nach Logik der göttlichen Schöpfung bedeuten würde, dass der Schöpfer die Menschen dauerhaft erkenntnislos (= dumm) halten wollte! Aber wie hätte sich der Mensch die Erde „untertan“ machen sollen, wenn er erkenntnislos, also „blind“ geblieben wäre – und außerdem auch noch „unsterblich“? Zu gern würde man deshalb (nach biblischer Logik) wissen, warum Gott diesen Baum überhaupt gepflanzt hat. Genau in der Mitte des Paradieses und mit dem ausdrücklichen Gebot, von seinen Früchten nicht zu essen. Im christlichen Königsgebet des Vaterunser heißt es, „und führe uns nicht in Versuchung“ (ein Satz, den Papst Franziskus übrigens gern ändern möchte!). Aber was sonst sollte dieser Baum sein, wenn nicht die Inkarnation einer Versuchung? Der Baum hatte – die Logik liegt auf der Hand – einzig und allein den Sinn, den Menschen permanent in Versuchung zu führen. Was aber noch spannender ist: Deutet bei dieser biblischen Schlüsselszene nicht alles darauf hin, dass der Baum und das damit verzweigte Tabu, nämlich die Missachtung des Verbots, womöglich das eigentliche Ziel der göttlichen Schöpfung war? Des Plans der Abkoppelung der Geschöpfe von ihrem Schöpfer? Des Plans der menschlichen Emanzipation? Kein Geringerer als der deutsche Nationaldichter Friedrich Schiller (1759-1805) hat genau dies behauptet. In einem berühmten Essay apostrophierte er den Ungehorsam Evas und Adams als „den glücklichsten Moment der Weltgeschichte“. Denn von diesem Augenblick an, so der Poet und Professor, habe der Mensch „seine Freiheit beschrieben“. Das heißt, Schiller hat die biblische Symbolik der ersten Men- Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 223 schen so verstanden, dass sie als willenlose Geschöpfe des Allmächtigen allein ihren Natur-Instinkten folgten. Die Vertreibung aus dem Paradies sei deshalb keineswegs das biblische Drama gewesen, als das es immer dargestellt werde. Der Sündenfall sei vielmehr als „Übergang des Menschen zu Freiheit und Humanität“ zu verstehen! Das klingt nachvollziehbar und vernünftig. Vor allem, wenn man die Alternative betrachtet – und zu Ende denkt: Das dauerhafte Befolgen des göttlichen Gebots hätte unweigerlich zur Konsequenz gehabt, dass die Menschen a) in braver Demut im Paradies verblieben wären, und b) irgendwann vom (erlaubten) „Baum des Lebens“ gegessen hätten. Damit aber wären sie nach biblischer Lesart unsterblich, also gottgleich geworden! Was sich auf den ersten Blick vielleicht wünschenswert anhört (der dauerhafte Verbleib im Paradies), wäre indes alles andere als erstrebenswert gewesen: Denn das Paradies als Dauerzustand müsste, gemessen an unseren heutigen menschlichen Maßstäben (andere haben wir nicht!), ein ziemlich langweiliges Leben sein: Ein Leben dolce far niente, ohne Emotion und Leidenschaft, ohne Ansporn und Spannung, ohne Arbeitspflicht, Gewalt, Ehrgeiz und Neid – und ohne Sünde… Ein systematisiertes, auf Dauer unerträgliches Vorsichhinleben im verzückten Erstarrungszustand, ein Leben im goldenen Käfig und voller Müßiggang. Und das für alle Zeiten, ewiglich… Zum Glück ist uns dieses Paradies erspart geblieben. Wir haben es eingetauscht gegen eine irdische Welt, die von atemberaubender Vielfalt und Schönheit, aber auch von abgrundtiefer Brutalität ist. Eine Welt, die sich in einem Maße entwickelt hat, das selbst der Schöpfer verblüfft sein müsste: Die Menschen haben sich nicht nur wie gehei- ßen die Erde untertan gemacht; sie fliegen auch im All herum, sind auf dem Mond gelandet und schicken Satelliten in ferne Galaxien. Ein paar überragende Geistesblitze haben ihnen ausgereicht, um das Rad zu erfinden, den Webstuhl, den Buchdruck, die Gesetze der Physik und der Elektrizität zu entdecken und zu nutzen. „Im Schweiße ihres Angesichts“ haben sie Brücken, Hochhäuser und Staudämme gebaut, Schiffe, Autos und Flugzeuge entwickelt und Computer konstruiert, die schneller „denken“ und arbeiten können als jedes göttliche Geschöpf. Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 224 Damit nicht genug: Seit die Menschen an Götter glauben, bringen sie ihnen „Opfer“ dar, bauen riesige Kathedralen und spektakuläre Klöster, Kirchen und Kapellen, schneiden (sich) die Vorhaut ab, hüllen sich in Kutten oder andere merkwürdige Gewänder, veranstalten geheimnisvolle Zeremonien mit Feuer, Weihrauch und Myrrhe, laufen mit Blasen an den Füßen hunderte Kilometer zu Wallfahrtsorten, kriechen auf blutigen Knien, geißeln sich mit bleibestückten Lederriemen, fasten bis zum Koma, nuscheln auf langen Prozessionen Litaneien herunter, beten, singen und tanzen zuweilen bis zur Trance und absoluten Erschöpfung. Warum tun die Menschen das? Der griesgrämig veranlagte Philosoph Arthur Schopenhauer wusste es: Religion, schrieb er in seinem berühmten Essay Über den Tod, sei „das Gegengift zur Gewissheit des Todes“. Da ist was dran. Denn erstens ist der Tod nach allgemeiner Sichtweise nicht nur das schlimmste Ereignis, das dem Menschen zustoßen kann; in seinem kurzen Leben wird ihm auch noch auf schmerzliche Weise das Schicksal der Auslöschung seiner eigenen Existenz bewusst! In paradoxer Weise fürchtet der Mensch deshalb das Nicht(mehr)sein nach dem Tode – obwohl es sich um keinen Deut von der Nichtexistenz vor seiner Geburt unterscheidet. Erstaunt stellt Schopenhauer fest: „Ihn betrübt nicht, dass er vorher eine Unendlichkeit lang nicht da war. Aber dass er bald nicht mehr sein wird, das beschäftigt ihn zutiefst“. Diese existenzielle Furcht ist universell. Aber so interessant Schopenhauers Gedankengänge auch sein mögen, sie haben einen logischen Fehler: rückwirkend kann man sich nicht fürchten. Man fürchtet sich vor etwas, aber nicht nach etwas. Das ändert indes nichts am Grundproblem des Menschen, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem „Leben nach dem Tode“ bislang vergebens geforscht zu haben. Auch die schlauesten Köpfe sind nicht weiter gekommen. Vielleicht sollten sie sich ein Beispiel nehmen, wie angeblich „primitive“ Menschen im Bereich von Naturreligionen mit dem Problem umgehen. In Polynesien zum Beispiel wird ein sehr gelassener, verträumter und in sich versunkener Umgang mit den Göttern praktiziert. Dieser Umgang erinnert in sympathischer Weise an kleine Kinder, die mit einer Puppe oder jemandem sprechen, wenn sie alleine spielen. Jemand, der Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 225 sie versteht, der ihnen Trost gibt, der Anteil nimmt, der ihr „Vertrauter“ ist – jenseits der kalten Realo-Welt. Diese kindlichen Verhaltensweisen sind instinktiv und universell, sie sind enorm wichtig für den Seelenhaushalt der Kinder. Solch eine spirituelle Hingabe brauchen aber auch Erwachsene, nicht nur in Polynesien, Indien oder Lateinamerika, sondern überall auf der Welt. Und so haben sich die Religionen im Laufe der Evolution trotz gravierender Problemfelder zu einem veritablen Sinnstifter entwickelt, der emotionale Bedürfnisse stillt und praktische Lebenshilfe leistet. Unzählige Menschen, die sich alleine fühlen oder vor scheinbar unlösbaren Problemen stehen, finden Halt im Gebet zu einem „Gott“, der ihnen auf geheimnisvolle Weise Trost spendet. Sie denken nicht weiter über den Sinngehalt der Bibel nach, sie interessieren sich in solchen Momenten auch nicht für die Widersprüche und Fragwürdigkeiten der „Heiligen Schrift“. Alles was dann zählt, ist der Glaube – und der kann, wie das bekannte Sprichwort sagt, „Berge versetzen“. Alle Menschen sind irgendwann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Viele finden ihre spirituelle Erfüllung nicht (mehr) in der Religion, sondern in anderen Formen transzendenter Versunkenheit. Junge Frau beim Meditieren in freier Natur. Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 226 Fügt man diesem spirituellen Momentum noch die positiven Elemente jeder Religion zu, einem echten Kraft- und Energie-Spender, der sich auch in der Kultur und in sozialen und karitativen Institutionen in au- ßerordentlicher Weise artikuliert, dann dürften selbst Religionskritiker und erklärte Atheisten zu der Auffassung gelangen, dass Religion, gleich welcher Art, aus der Phantasie des Individuums und aus dem praktischen Leben der Menschen nicht (mehr) wegzudenken ist. Denn Religion ist Seelennahrung für die armen kleinen sterblichen Hänflinge, die sich auf ihrem kurzen Lebenstrip mal mehr und mal weniger an eine Hoffnung namens „Gott“ klammern. Um einen Halt und eine innere Perspektive zu haben für die Zeit der ewigen Stille, in der Freunde und Familie um einen trauern. Vermutlich ist dies der eigentliche Grund dafür, dass „Gott“, dieses überaus geheimnisvolle Wesen jenseits jeder irdischen Realität, niemals sterben wird. Exkurs 1: Gedankenspiele: Was wäre passiert, wenn? Wer an die biblische „Offenbarung“ glaubt, der soll und darf das natürlich tun. Aber gerade an diesem sensiblen Punkt, der überlieferten Aussage und der Schriften der „Propheten“, zeigt sich der enorme Einfluss der politischen Gegebenheiten und Zufälle: Denn was wäre etwa mit dem Land Israel und seinen Bewohnern passiert, was mit der biblischen Überlieferung, was mit dem Judentum, wenn etwa der assyrische König Nebukadnezar im Jahr 587 nicht in Jerusalem einmarschiert wäre und die jüdische Oberschicht nicht nach Babylon deportiert hätte? Was wäre mit Tora, Tanach und Talmud passiert, wenn ihre Autoren die Texte ohne babylonischen Einfluss geschrieben hätten? Wie hätte sich die Gedanken- und Gefühlswelt der Israelis entwickelt, wenn das Trauma der Entwurzelung und des drohenden Identitätsverlustes die Geschichte des Landes Israel nicht massiv beeinflusst hätte? Oder – man kann dieses Gedankenspiel ja weiterführen – was wäre passiert, wenn der römische Prokurator Pontius Pilatus (es hätte in seiner Macht gelegen!) nicht dem Willen jüdischer Eiferer nachgegeben und Jesus doch wie geplant begnadigt hätte? Dann wäre Christus nicht am Kreuz gestorben. Und die „Erlösung“ hätte dementsprechend gar nicht stattfinden können. Dann gäbe es keinen Heiland – und kein Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 227 Christentum. Die gesamte Geschichte des Abendlandes wäre komplett anders verlaufen! Wer solche Fragen und Alternativ-Modelle als unseriös ablehnt, sollte bedenken: Wenn der Mensch – wie von theologischer und philosophischer Seite immer wieder betont wird – tatsächlich über einen „freien Willen“ verfügt, dann hätte Pilatus durchaus auch anders entscheiden können. Wenn aber Pilatus so entscheiden musste, würde das in der Konsequenz wiederum bedeuten, dass die Passion Christi von „langer Hand“ vorherbestimmt war und demnach nicht anders passieren konnte und durfte. Dann hätte Gott es so und nicht anders gewollt! Und was Gott will, kann ja eigentlich nicht schlimm sein. Die Reihe methodischer Gedankenexperimente lässt sich übrigens mühelos verlängern. Sie sind deshalb erlaubt, weil zum höheren Ziel der Gewinnung von Erkenntnis selbstverständlich alle Fragen erlaubt sind. Was also wäre wohl (mit dem Christentum) passiert, – wenn es es die konstantinische Wende (siehe Glossar) nicht gegeben hätte? – wenn der jahrzehntelange Streit um den Arianismus – sind Gottvater, Gottsohn und der Hl. Geist „wesensgleich“? – anders ausgegangen wäre? – wenn der Christentums-Begründer Paulus, der eigenen Angaben zufolge nur knapp eine Steinigung überlebte, vorzeitig gestorben wäre? – wenn sich statt der ultrafrommen Apologeten Ambrosius und Augustinus die kritischen Christen Marcion, Pelagius, Celsus und Julianus von Aeclanum durchgesetzt hätten? Soll heißen: Das Christentum in seiner heutigen Form ist massiv auch von ganz irdischen, profanen Ereignissen beeinflusst und geprägt worden. Ohne den jeweiligen „Zufall“ wäre diese Religion (so) nicht entstanden – es sei denn, Gott der Allmächtige hätte alles so gewollt und entsprechend eingefädelt! Doch dann, siehe oben, hätte nicht der Mensch, aufgrund seiner Launen oder seines freien Willens, sondern Gott selbst den Lauf der Ereignisse bestimmt. Das aber wäre wiederum ein klarer Beleg für die systemrelevante Hypothese, dass der Mensch keinen freien Willen hat – und somit „unschuldig“ wäre… Kapitel 16 Warum Gott trotz allem niemals sterben wird 228 Exkurs 2: Die Religion der Gottlosen Nach Umfragen in (westlichen) Ländern gibt im Schnitt etwa ein Drittel der jeweiligen Bevölkerung an, nicht an Gott zu glauben. Diese „gottlosen“ Menschen – der Ausdruck war früher ein böses Schimpfwort – nennen sich selbst Atheisten, Agnostiker oder einfach „konfessionslos“. Mittlerweile hat die Wissenschaft begonnen, auch diese besondere Spezies Menschen zu erforschen. Dabei kommen interessante Details ans Licht. Die schlichte Vermutung gläubiger Menschen, die Ungläubigen seien „komische“ Zeitgenossen, die „sinnlos“ durchs Leben taumelten, keine Werte besäßen, und überhaupt unglücklich und „arme Seelen“ seien, ist haltlos. Es verhält sich nämlich, das wird manchen überraschen, eher umgekehrt: Nicht-Gläubige sind ganz normale Menschen, die über eine hohe Lebenszufriedenheit verfügen, genau wie andere (resp. die meisten) Menschen ethische Maßstäbe haben, und die auch ohne Gott ein „gutes“ Leben führen (können). Es sind, das hat die Studie „Konfessionsfreie Identitäten“ der Universität Wien ergeben, überdurchschnittlich gebildete und politisch eher links verortete Menschen. Sie seien, genau wie die Frommen, ebenso bereit, Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft zu übernehmen, sagte Studienleiterin Tatjana Schnell am 6. September 2017 im Deutschlandfunk. Die Kernthese dieser Menschen laute: „Ich schaue hin, wie ich lebe, und es liegt an mir. Ich lebe nicht einfach so vor mich hin, sondern versuche authentisch zu leben, wie ich es richtig finde“. Die Studie über das Wertesystem „gottloser“ Menschen erstreckte sich über Deutschland, Österreich, die Niederlanden und Dänemark. (Weitere Informationen: www.sinnforschung.org) Von der Sehnsucht der Menschen nach Mystik und Spiritualität 229

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.