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Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 21 - 32

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-21

Tectum, Baden-Baden
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Als die Menschen Gott erfanden Eine kurze Geschichte der Religion Die im ersten Kapitel erwähnte Methode des trial and error wurde auch bei einem Phänomen angewandt, das die frühen Menschen genau so heimsuchte wie den modernen Weltbürger von heute: dem Phänomen des spirituellen Verlangens, der Sehnsucht nach Erklärung, Heimeligkeit, Geborgenheit, nach Sinn und Zukunft. Es war die naturgegebene Geisteskraft und Phantasie des Menschen, die ihn dazu befähigte, Götter zu „erfinden“ und sich so eine (innere) Welt zu schaffen, die jenseits des täglichen Überlebenskampfes einen spürbaren Funken Hoffnung entfachte. Hoffnung auf mehr als nur diesen armseligen Wimpernschlag zuckenden Lebens mit Hunger, Not und Elend, Sorgen, Kriegen, Katastrophen und Krankheiten – und dem darauf folgenden schwarzen und ewigen Nichts, das man Tod nennt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf der Erde, das sich seiner Endlichkeit bewusst ist. Das heißt, der Mensch weiß, dass er sterben wird, und auch deshalb dürfte der homo sapiens vor etwa 200 000 Jahren begonnen haben, in seiner Verzweiflung über die Unkenntnis des Woher und Wohin den Blick seufzend gen Himmel zu richten, wo es zuweilen unheimlich donnerte und blitzte. Was die Macht hat, solche Kräfte zu entfachen, musste etwas Besonderes, etwas „Göttliches“ sein. Und so gehörten zu den ersten Götterwesen, die von Menschen verehrt wurden, vor allem Sonne, Mond und Sterne. Aber auch Tiere und Pflanzen wurden schon früh als beseelte Wesen angesehen, es war der Anfang der Naturreligionen. In der Steinzeit kamen Baum- und Korngötter zum „Kanon“, die wichtigste Rolle aber behielten die Wettergötter. Sehr viel später, bei den alten Griechen, nannte man den Wettergott Zeus, bei den Ägyptern Ra, bei den Germanen Thor. Die Azteken verehrten diesen Gott mit dem schönen Namen Quetzalcoatl, die Sumerer sagten Iskur, die Japaner Raijin. Kapitel 2 21 Doch wie (fast) alles im Leben, war auch die Entdeckung der Götter ein evolutionärer Prozess. Ausschlaggebend neben den Naturgewalten war das Phänomen, dass die Urmenschen ihre Träume für real hielten (der britische Anthropologe Edward B. Tyler). Das „Erscheinen“ verstorbener Vorfahren im Schlaf führte zu der Vorstellung, dass die „Seele“ des Menschen den körperlichen Tod überleben könnte. Und so kam sukzessive die Erklärung auf, dass die Ahnen womöglich weiter lebten, irgendwo in einer anderen Welt, vielleicht sogar in einer besseren Welt. Mit diesem Erfahrungshorizont bestatteten die Menschen ihre Angehörigen bereits in der Altsteinzeit (nachweisbar ab ca 75 000 v. Chr.) rituell in Gräbern, denen man gewisse Gaben beilegte. Es war der Beginn vom transzendenten Denken an ein „Jenseits“, und es war der Anfang, sich eine Theorie auszumalen, mit der das unfassbare Geheimnis des Todes erklärt werden konnte. Damit verbunden war der Animismus (Beseeltheit der Dinge) und der Schamanismus (Geisterbeschwörung, z.T. durch rituelle Ekstase), die als Vorläufer aller Religionen gelten können: Die Menschen glaubten damals fest, alle Wesen und alle Dinge seien von „Geistern“ oder (später) „Göttern“ geschaffen und beseelt. Und so suchten sie aus ihrer Mitte einen Spezialisten aus, der die Sippe oder den Stamm mit „zauberhaften“ Zeremonien in Trance versetzte, um spirituelle (und damit tröstende) Gefühle zu entfachen. Es kann durchaus sein, dass diese ersten „Priester“ noch vor den ersten „Göttern“ existiert haben, aber das lässt sich nicht mehr feststellen. War der Tod das eine Mysterium, das die frühen Menschen beschäftigte, so war das Gegenteil, die Geburt, das andere Mysterium. Wer fruchtbar war, der galt als „reich“, und es liegt auf der Hand, dass aus dieser Logik Fruchtbarkeitskulte entstanden – und „Muttergottheiten“. Symbole für diese These sind die ersten Skulpturen und Statuetten, die von Menschenhand stammen. Da weit vor Erfindung der Schrift die Kunst der Malerei und der „Bildhauerei“ entstand, sind die ersten Zeugnisse des Fruchtbarkeitskultes in Form üppiger Frauenkörper überliefert. Besonders eindrucksvoll ist hierbei die Venus von Willendorf, eine Frauenstatue aus der Altsteinzeit (ca 25 000 Jahre v. Chr.), die heute im Wiener Neuhistorischen Museum zu bewundern ist. Oder die gebärende Göttin von Catal Hüyük, heute im Archäologischen Museum in Ankara/Türkei. Zeugnisse früher Fruchtbarkeitskul- Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 22 te sind aber auch den fantastischen Höhlenmalereien zu entnehmen, etwa in den Höhlen von Chauvet und Lascaux (beide Frankreich) oder Altamira (Spanien). Am beeindruckendsten aber ist vielleicht die Tempelanlage Göbekli Tepe, ebenfalls in der Türkei. Was man dort vor rund 11 000 Jahren „aus dem Boden stampfte“, grenzt an ein Wunder. Wie haben es die Menschen damals geschafft, auf einem felsigen Hügel in einer öden Bergebene gewaltige Räumlichkeiten mit mindestens 200 steinernen Säulen zu schaffen, die bis zu sechs Metern hoch sind und mehrere Tonnen Gewicht auf die Waage brachten? Wo kamen all die Arbeiter her, die dieses grandiose Werk geschaffen haben, denn dörfliche oder gar städtische Strukturen sind in der Gegend nirgendwo nachweisbar? Was hat die Menschen von Göbekli Tepe motiviert, die enormen Strapazen des sakralen Monumentalbaus über viele Jahrzehnte hinweg auf sich zu nehmen? Opfer- und Altarsteine zu Ehren der Götter. Die monumentale Stein-Anlage Stonehenge bei Salisbury (Südengland) ist mindestens 2500 Jahre, womöglich auch schon 11 000 Jahre alt. Hinsichtlich der begrenzten technischen Möglichkeiten der Antike ein wahres Wunderwerk. Es hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Eine kurze Geschichte der Religion 23 Mit dem Totenkult einher ging die Verehrung übersinnlicher Mächte, die (auch) in der Entstehung der Megalithkulturen ihren Ausdruck fand. Stonehenge in England ist eines der bekanntesten Beispiele für einen Kult, der zweifellos religiösen Charakter hatte. Es gab damals – wir reden hier von einer Zeit zwischen 5000 und 2000 v. Chr. – bereits zahlreiche Götter, deren Namen und Bedeutung allerdings nicht überliefert sind. Zumal am Anfang des religiösen Bewusstseins vielerorts vor allem regionale Götter oder „Stadtgötter“ standen, die nur für ein begrenztes Gebiet zuständig waren. Die ersten tatsächlich bekannten Götter stammen aus der Zeit der Entstehung erster Städte und der ältesten Hochkultur, der Sumerer in Mesopotamien (um 3500 v. Chr.). Sie wurden Enki und Enlil genannt, es folgten auch viele Göttinnen, so zahlreich, dass ihre Namen für Laien kaum von Interesse sind, Aruru, Ninmach, Gula und andere. Eine dieser Göttinnen aber überstrahlte alle, sie ist deshalb auch heute noch bekannt, und zwar unter den Namen Ianna oder Ischtar. Das weltberühmte, nach ihr benannte Ischtar- Tor von Babylon ist im Berliner Pergamonmuseum zu bewundern. Es ist eines der prächtigsten und eindrucksvollsten Beispiele antiker Baukunst überhaupt. Und weil die Menschen der Frühzeit ihre Götter eben selbst „erfunden“ haben, waren diese auch mit menschlichen Attributen ausgestattet – man kannte ja keine anderen. So hatte jeder Gott sein Zuständigkeitsgebiet, war für Wetter, Glück oder Gesundheit verantwortlich, aber auch für Unglücke oder irgendwelche Katastrophen. Enki etwa war für seine Trunksucht berüchtigt und seinen immensen Geschlechtstrieb, auch Ischtar galt als sexuell großzügig (und streitsüchtig), war dafür aber außerordentlich fruchtbar. Und natürlich gab es schon immer, als Gegenpol zu den Göttern, das Phänomen des Bösen: Schreckliche Dämonen, die in der Unterwelt hausten. Zum Beispiel die berühmten Galla-Dämonen, die im „Mythos von Dilmun“ eine besondere Rolle spielen. Dieser Mythos kann übrigens als erste „Paradies- Legende“ der Menschheit erzählt werden, und so ist es naheliegend, dass er einen gewissen Einfluss auf spätere Religionen ausübte. Die Parallelen zum biblischen Paradies sind jedenfalls verblüffend: Auch im Paradies Dilmun (eine Insel im Persischen Golf, mutmaßlich das heutige Bahrain) sprießen üppige Pflanzen und Bäume mit herrlichen Früchten, auch hier verhängt ein Gott, bzw. eine Göttin, ein Verzehr- Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 24 verbot für (acht) Früchte, auch hier wird das Verbot missachtet, wobei die abenteuerliche Geschichte um den „sündigen“ Gott Enki im Gegensatz zu Adam und Eva aber gut ausgeht. Zeus, der wichtigste und mächtigste aller Götter der griechischen Mythologie (bzw. die römische Version Jupiter) mit Hera, die zugleich seine Gattin und Schwester war. An dieser ungezwungenen Skulptur am Wiener Parlamentsgebäude offenbart sich der Unterschied zum Christentum: Die griechisch-römische Mythologie war eher sinnenfroh und „liberal“. Der später folgende Atramchasis-Mythos schildert die Erschaffung des Menschen, auch hier ist liegt der Vorbild-Charakter für die Adam-und- Eva-Erzählung nahe. Der Atramchasis-Mythos (ca 1800 Jahre v. Chr.) ist etwas verworren und vielschichtig, er handelt von (ersten) Göttern, die sich gegenseitig das Leben schwer machen und schließlich ihrerseits den Menschen „erfinden“. Auch hier spielt Gott Enki eine Hauptrolle, der dem Priester Atramchasis den Rat gibt, sich einer drohenden Sintflut mit einer selbstgebauten Arche zu entziehen. Aus diesem Mythos ist womöglich auch das berühmte Gilgamesch-Epos abgeleitet, das ebenfalls im alten Kulturland Mesopotamien spielt. Gilgamesch, König der sumerischen Stadt Uruk, war zu einem Drittel Mensch und zu Zweidrittel Gott. Mit seinem Freund Enkidu, Eine kurze Geschichte der Religion 25 einem wilden, menschenähnlichen Wesen, erlebte er zahlreiche Abenteuer. Enkidu wurde von der Muttergöttin Aururu geschaffen – interessanterweise aus Lehm, so wie später Adam in der biblischen Erzählung. Und auch im Gilgamesch-Epos geht es um eine große Flut, die alles Leben vernichtet, weshalb der Gott Enki dem Menschen Ziusudra dringend rät, sich ein rettendes Schiff zu bauen, um in dieser Arche zu überleben. Doch so interessant und spannend Gilgamesch auch sein mag, unser Thema in diesem Buch ist der jüdisch-christliche Glaube, der wie erwähnt erstaunliche Parallelen zu „göttlichen“ Überlieferungen aus dem altorientalischen Kulturkreis aufweist. Dies gilt insbesondere für den persischen Raum, und hier für den Religionsgründer Zarathustra. Dessen Zoroastrismus floss kulturell nicht nur nach Mesopotamien ein (Babylon), sondern auch ins Judentum. Die Verwandtschaft mit dem Judentum ist augenfällig: Der Zoroastrismus ist vermutlich die erste monotheistische Religion, sie hat einen Schöpfergott (Ormazd), der einen Hofstaat mit „Engeln“ (Amesa spenta) regiert und gegen einen teuflischen Gegenspieler (Ahriman) kämpft. Zarathustras Religion hat sogar einen Schöpfungsmythos, mit Erschaffung von Himmel und Erde, Pflanzen und Tieren und dem Urmenschen. Ja, es gibt bei den alten Persern sogar schon den Erlösungsglauben, mit einem Heiland namens Soaschjant, der über das Böse siegen und eine neue „ewige“ Welt schaffen wird, in der dann auch die Toten wieder „auferstehen“ können. Ganz ohne Zweifel spiegelt sich das Judentum und damit auch das Christentum im Zoroastrismus wider. Wer genau den jüdischen Gott Jahwe erfunden hat, ist nicht bekannt, dafür weiß man ungefähr, wann die Geschichte Israels, die auf das Engste mit der Religion der Juden verbunden ist, ihren Anfang nahm: zwischen 1400 und 1200 vor Christus. Nach Erkenntnissen des Saarbrücker Theologen Karl-Heinz Ohlig ist der Name Jahwe schon im vorisraelischen Umfeld in Ägypten bezeugt. Ohlig vermutet, dass einer der israelischen Stämme, die vom Osten her nach Kanaan eingewandert sind, womöglich „nach Süden abgedriftet ist“ und im Bereich der Sinai-Halbinsel in ägyptisches Gebiet geriet. Diese so genannte „Mosegruppe“ könnte den dort herrschenden Jahwe-Kult übernommen und diesen Gott zu ihrem einen Gott erhoben haben (Karl-Heinz Ohlig: Religion in der Geschichte der Menschheit, wbg Darmstadt). Auch die Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 26 Mainzer Professoren Michael Tilly und Wolfgang Zwickel schreiben in ihrer Religionsgeschichte Israels (ebenfalls wbg), die erste Erwähnung des Namens Jahwe sei auf zwei „Ortsnamenslisten“ aus Ägypten bezeugt. Dennoch sei die „Heimat“ dieses Gottes unklar, denn Jahwe sei offenbar ein Gott der Nomaden gewesen. Ein außerbiblischer Text aus Kuntilet Ajrut weise auf Jahwes Heimat in edomitischem Gebiet (heute Jordanien) hin. Durch die Schasu-Nomaden (die späteren Hebräer) sei Jahwe dann womöglich nach Ägypten gelangt. Es ist bis heute nicht geklärt, wie dieser merkwürdige Wettergott zum Nationalgott Israels werden konnte. Denn im damals polytheistischen Israel war, wie der Name schon sagt, El der wichtigste Gott. Isra- El lässt sich übersetzen mit „Gott kämpft“ oder „Gott herrscht“. Die Bibelexperten Tilly und Zwickel nehmen an, dass es (erst) König David war, der Jahwe zum Schutzgott für seine berüchtigte Söldnertruppe erkor (mit der er auch seine Machtbasis schuf). Mit der Übernahme des Königtums von Saul habe David dann Jahwe „zum Gott des Königshauses und so zum Gott des von ihm kontrollierten Volkes“ gemacht. Mit Jahwe war ein Gott in die Welt der Antike eingezogen, dessen Siegeszug bis heute anhält. Mit Jahwe begann (nach Zarathustras Ormazd und dem ägyptischen Intermezzo mit Eschnatons Aton) auch der klassische Monotheismus. Jahwe wurde, auf wundersame Weise, später auch zum Gott des Christentums (siehe Exkurs 2). Dieses Christentum, nicht gegründet von Jesus Christus, sondern von dem Juden Saul (Paulus) aus Tarsus, hat sich zur größten und mächtigsten Kirche auf dem Globus entwickelt. Heute glaubt rund ein Drittel der Erdbevölkerung von 7,6 Milliarden Menschen an den Erlösergott aus Nazareth. Dieser grandiose Erfolg gelang nicht, weil die christliche Religion „richtiger“ war als die Konkurrenz, sondern weil sie – nach durchaus schwierigen Startbedingungen – von einer günstigen gesellschaftlichen und politischen Thermik profitieren konnte. In einer Phase, als das römische Weltreich seinem Ende entgegen torkelte (und damit auch die damals verehrten Götter), konnte sich das Christentum besonders gut entwickeln: Das „Versagen“ der römischen Gottheiten Jupiter, Amor, Venus, Minerva etc, denen es nicht gelungen war, das Riesenreich stabil zu halten, öffnete die Türen für eine neue Religion. Weil das Judentum nicht sehr angesehen war in den Weltstätten Rom und Byzanz, die Gnosis als zu kompliziert galt und der Manichäismus Eine kurze Geschichte der Religion 27 als zu beliebig empfunden wurde, kam der „einfache“ Glaube an die jesuanische Heilsbotschaft gerade recht. Zudem bot der neue Glaube den Intellektuellen der damaligen Zeit ungeahnte Möglichkeiten der Interpretation und konzeptionellen Weiterentwicklung, wovon Geistesgrößen wie Athanasius, Hieronymus, Ambrosius, Augustinus u.v.a. regen Gebrauch machten und so die programmatische Grundlage für das Christentum schufen. Und da der neue Gott überhaupt schwer Eindruck machte, weil er offiziell „barmherzig“ war und sogar seinen eigenen Sohn für das Heil der Menschen geopfert hatte, wandten sich immer mehr Menschen dem Christentum zu. Als schließlich auch noch Kaiser Konstantin der Große zu dem neuen Glauben konvertierte und sein (späterer) Nachfolger Theodosius I das Christentum im Jahr 380 zur Staatsreligion erhob, war der Siegeszug der Jesus-Jünger nicht mehr aufzuhalten. Kaiser Karl der Große sorgte schließlich 400 Jahre später für den endgültigen Durchbruch, als er Eroberungskriege „im Namen Gottes“ führte und seinen Untertanen in Europa das Christentum per Dekret verordnete. Eschnatons Ein-Mann-Gott Aton Zu Lebzeiten des Pharaos Echnaton (ca 1370 – 1334 v. Chr.) der zuvor Amenhotep IV hieß und mit der berühmten Nofretete verheiratet war, galt Ägypten als führende Weltmacht. Die Fülle der Götter, denen sich die Ägypter damals verbunden fühlten, hatte ihnen auch zu einer Art nationaler Identität verholfen. Doch dann kam dieser neue Pharao und führte plötzlich den Monotheismus ein! Es war, wie Ägyptologen herausgefunden haben, ein Schock für die damalige Bevölkerung, zugleich eine enorme soziale Umwälzung, denn die mächtige Kaste der Priester und Tempeldiener wurde praktisch auf einen Schlag entmachtet: Die alten Götter zählten nicht mehr, vielerorts wurden ihre Bildnisse und Büsten entfernt, ebenso Inschriften, die sie benannten. Diese erste, religiös motivierte Kulturrevolution der Geschichte war umstürzend für das ägyptische Volk. Nahezu die gesamte Führungsschicht war vom Pharao entlassen und durch Vasallen ersetzt worden. Es kam zu schweren Unruhen, denn nicht nur die Verlierer des Prozesses waren entsetzt, sondern auch viele einfachen Ägypter, denen der Pharao ihre vertrauten Götter genommen hatte. Nun durfte Exkurs 1: Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 28 nur noch der neue Sonnengott Aton verehrt werden – der aber kein Jenseits kannte. Damit kamen die alten Ägypter, die fest an ein Leben im „Totenreich“ glaubten, nicht klar. Zudem wollte Eschnaton auch noch die Prachtstadt Theben verlassen und ließ deshalb auf mittlerer Strecke zur alten Hauptstadt Memphis eine neue Metropole bauen, die er zu Ehren seines neuen Gottes Achet-Aton nannte. Nun, der Kulturbruch war bekanntlich nicht von Dauer: Eschnatons übernächster Nachfolger, der nicht minder berühmte Tut-anch- Amun, ließ die neue Hauptstadt zerstören und erlaubte wieder den alten polytheistischen Götterglauben. Die Ägypter tilgten danach jede Erinnerung an die „dunkle“ Zeit des Monotheismus – und hatten wieder ihren Frieden. Allerdings blieb Eschnatons Experiment nicht ohne Folgen, denn der Ein-Gott-Glaube „strahlte hinüber bis nach Israel“, schrieb Der Spiegel unter Berufung auf Experten in seiner Titelgeschichte „Gott kam aus Ägypten“ (52/2006). Demnach seien sich die modernen Religionswissenschaftler heute weitgehend einig, dass der israelische Säulenheilige Moses „der Wiedergänger des Ketzer-Pharaos“ aus Ägypten gewesen sei. Wie Jesus zum „echten“ Gott wurde Fast das gesamte vierte Jahrhundert hindurch stritten die Christen erbittert über die Frage, wie „göttlich“ dieser Jesus von Nazareth denn nun eigentlich sei. Durfte er als „gleichberechtigt“ und damit wesensgleich mit „Gottvater“ (Jahwe) bezeichnet werden? Oder war er nur gottähnlich? Oder gar geschöpflich, also von Gottvater geschaffen („gezeugt“), und damit nachrangig? Richtig begann der so genannte „arianische Streit“ im Jahr 318 im ägyptischen Alexandria, als Bischof Alexander mit seinen Ältesten über die These des Priesters Arius diskutierte, ob Jesus „schon immer“ existiert habe. Arius bestritt dies und sagte (in vereinfachter Darstellung), Jesus sei ein Geschöpf seines Vaters und vorher nicht in Erscheinung getreten. Es gebe keine ewige „Präexistenz“ und damit auch keine „Dreifaltigkeit“ (Trinität). Die christlichen Traditionalisten waren empört. Es kam zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen, zu Synoden und Konzilen, auf denen leidenschaftlich gestritten wurde. Sogar Kaiser Konstantin schalte- Exkurs 2: Eine kurze Geschichte der Religion 29 te sich ein und berief 325 das Konzil von Nicäa, um eine Spaltung des Christentums zu verhindern. In Nicäa wurde die Lehre des Arius als ketzerisch verurteilt und Arius selbst verbannt. Doch seine Lehre gewann trotzdem zunehmend Anhänger, die Ansichten über Jesus als Gottessohn gingen oft quer durch die Gemeinden und Familien. Einige Jahre später – Arius war zwischenzeitlich rehabilitiert worden – nahm der Konflikt dramatische Züge an. Arius sollte im Jahr 335 bei Kaiser Konstantin in Konstantinopel (heute Istanbul) wieder zur Kommunion zugelassen werden – doch er starb kurz zuvor plötzlich und unerwartet. Skeptiker meinten später, er sei von seinen Gegnern, an deren Spitze der berühmte Bischof Athanasius von Alexandria stand, vergiftet worden. Doch auch nach seinem Tod ging der Streit unvermindert weiter. Ganze Völker (wie die Goten) konvertierten zum Arianismus, Kaiser, Päpste und Bischöfe bekannten sich mal zum Arianismus, mal zum Trinitarismus (wesensgleiche Dreifaltigkeit). Erst nach Jahrzehnten, im Jahr 381, konnte der Konflikt auf dem Konzil von Konstantinopel beigelegt werden: Jesus wurde, von der Mehrheit der Kirchenmänner, endgültig als „echter“ Gott akzeptiert. Wie das menschliche Gehirn „Gott“ erkannt hat Die Wissenschaftler in aller Welt haben Gottes biblische Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen, ernst genommen. Schon weit vor Christi Geburt begannen die (neuen) „Philosophen“ in Griechenland, sich tiefer gehende Gedanken über Gott und die Welt zu machen. Im Mittelalter kam dann in Europa die Scholastik zur Blüte, eine Methode der „Wahrheitsfindung“, die (auch) mit Quaestiones (Fragen) versuchte, den Kern eines Problems zu erschließen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Der berühmte Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat dies meisterhaft verstanden. Mit der Renaissance und der Aufklärung sind die Wissenschaften dann geradezu explodiert. Heute gibt es kaum noch eine mittelgroße Stadt in Europa, die nicht eine eigene Universität oder ein anderes Bildungsinstitut in ihren Mauern hätte. Deshalb wird heute alles genau erforscht, und die unglaubliche Entwicklung der Computertechnologie und der Datenverarbeitung hat dazu beigetragen, Lebensbereiche zu erkunden, die früher im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar waren. Bildgebende Verfahren (CT´s = Exkurs 3: Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 30 Computertomographien) ermöglichen es heute, „in den Kopf “ eines Menschen zu schauen und dabei sogar Experimente zu machen. Deshalb wissen Hirnforscher und Psychologen mittlerweile recht gut, wie die neuronalen Oszillatoren funktionieren, wie der Mensch „tickt“ und warum er an ein transzendentes Wesen namens „Gott“ glauben kann. In absolut geraffter Form: Die Evolution hat im menschlichen Gehirn Erfahrungen und Verhaltensweisen programmiert, die zum Überleben der Spezies unabdingbar waren. Dazu gehört die Neigung, sich Bezugspersonen zu schaffen, um ein Bindungssystem zu installieren und damit soziales Verhalten in der Gruppe zu ermöglichen. Bindungen und Gruppen verschaffen ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Eine ganz wichtige Voraussetzung für den Glauben. Zudem hat die Natur/Evolution beim Menschen die so genannte entkoppelte Kognition ermöglicht, also die Fähigkeit, Körper und Geist gedanklich voneinander zu trennen. Nach Ansicht des amerikanischen Psychiaters J. Anderson Thomson ist das der „Schlüssel zum religiösen Glauben“. Deshalb kann der Mensch auch über „den Geist anderer Menschen“, über deren Absichten, Gefühle und Wünsche reflektieren. Spielerische Experimente mit Kindern haben ergeben, dass schon die Kleinsten dazu in der Lage sind, Körperliches vom Geistigen zu trennen. Die entkoppelte Kognition ermöglicht es uns auch zum Beispiel, einen spannenden Thriller im Kino als „real“ zu erleben, obwohl wir genau wissen, dass die Szenen nur gespielt sind. Wichtig für die Glaubensbereitschaft der Menschen (also etwas anzunehmen, was man gar nicht sieht) ist nach Angaben Thomsons zudem die so genannte hyperaktive Akteurerkennung und das Denken in minimal kontraintuitiven Welten. Unter Ersterem versteht man die Fähigkeit des Menschen, in abstrakten Schatten, Bewegungen und Geräuschen etwas zu „erkennen“, ein Phänomen, das jeder schon mal erlebt hat. In Wolken sieht man plötzlich Tiere, in Schatten vermutet man den Einbrecher, man hört „Stimmen“ und so fort. Wenn unser Gehirn hier einen Zusammenhang herstellt, ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Glauben an Geisterwesen, schreibt Thomson in seinem Buch Warum wir (an Gott) glauben (Springer Spektrum). Das Herstellen von minimal kontraintuitiven Welten schließlich folgt aus dem automatischen Schließen von kognitiven Lücken: aus einem halbfertigen Bild „macht“ unser Gehirn ein ganzes Bild. Wie Eine kurze Geschichte der Religion 31 automatisch solche Prozesse ablaufen, zeigt ein Beispiel, das verblüffend wirkt. Nachfolgend ein Text, in dem die Buchstaben nur so durcheinander purzeln. Auf den ersten Blick das reine Chaos – doch dann geschieht ein „Wunder“ und unser Gehirn liest intuitiv das richtige: Ncah eienr Stidue der Cmabridge Uinversiaet ist es zimelich eagl, in wlehcer Reiehnfogle die Bchustbaen in Wortetrn vokrmomen. Es ist nur withcig, dsas der ertse und lettze Bchusatbe an der ricthgien Stlele steht. Der Effket tritt ein, wiel das mneschilche Geihrn nicht den eilnzenen Bchustbaen liset, sodnern das Wrot als Gaznes. Die menschliche Fähigkeit, von Grundannahmen Ableitungen auf etwas „Ganzes“ zu machen, förderte das Entstehen religiöser Ideen. Hinzu kommt das Vermögen des Gehirns, mithilfe von Neurotransmittern kognitive Mechanismen in Gang zu setzen. Deshalb konnte der Mensch zum Beispiel Rituale erfinden, die prägenden Charakter haben und unsere Vorfahren vor zigtausend Jahren in die Lage versetzten, mit Gesängen und Tänzen einen Trance-Zustand herbei zu führen. Einen Zustand, in dem sie tatsächlich eine „höhere Macht“ verspürten. Einen weiteren entscheidenden Beitrag zum Glauben an Gott lieferte schließlich die Phänomenologie des Träumens. Unsere Ahnen konnten sich nicht erklären, dass sie im Schlaf „Bilder“ sahen. „Lebhafte“ Träume, in denen Verstorbene plötzlich wieder auftauchten, erweckten in Verbindung mit der entkoppelten Kognition den Eindruck, die Imagination im Schlaf sei eine Art Realität. Wenn dann irgendwann vielleicht noch der Genuss halluzinogener oder oneirogener Kräuter und Pilze hinzu kam, war die Illusion des Göttlichen perfekt. Kapitel 2 Als die Menschen Gott erfanden 32

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.