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Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 187 - 196

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-187

Tectum, Baden-Baden
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Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Geschenk Gottes“, heißt es in der Stuttgarter Erklärbibel. Das ist zweifellos richtig, denn als der Herrgott Adam und Eva erschuf, dachte er an Sex: In weiser Voraussicht hat der Allmächtige seinen Geschöpfen Geschlechtsorgane mit Lust-Rezeptoren spendiert und damit eine geniale Fortpflanzungsmethode erfunden. Weil die geschlechtsreifen Menschen seither eine solch starke körperliche „Lust“ aufeinander haben, dass es ihnen nicht (immer) möglich ist, den damit einher gehenden physiologischen Prozess der Erregung einzudämmen oder gar zu verhindern, war der Nachwuchs für alle Zeiten gesichert. Doch obwohl der Herr das Lustprinzip gewollt hat, sollte sich genau diese sensitiv-emotionale Körperlichkeit zu einem der größten Probleme der Religion (und der Menschheit) entwickeln. Denn mit dem sexuellen Trieb, der nur begrenzt steuerbar ist, hatten die Menschen seit Anbeginn der biblischen Schöpfung ihre Schwierigkeiten. Vor allem, wenn sie gläubig waren. Adam und Eva kamen nackt auf die Welt, „wie Gott sie schuf “. Wir wissen leider nicht, wie lange sich die beiden Urmenschen im Paradies tummeln durften, bis dann die Sache mit dem Apfelbaum passierte. Nach menschlicher Erfahrung müsste man davon ausgehen, dass sich Adam und Eva schon bald „erkannt“ haben, wie das in der Bibel verschämt ausgedrückt wird. Auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass das erste Liebespaar der Welt im Paradies den Geschlechtsverkehr praktiziert hat, weil dieser heilige Ort mit ekstatischen Handlungen nicht so recht kompatibel ist: Gott hat seinen Geschöpfen eine Sexualität mitgegeben, die genau so natürlich betrachtet werden muss wie alle anderen physiologischen Vorgänge (schlafen, essen, trinken, verdauen etc). Deshalb ist es überaus spannend zu erforschen, wie einer der natürlichsten Prozesse des Menschseins zu einer schweren „Sünde“ verkommen konnte. Kapitel 14 187 Vielleicht sind Glaube und Sexualität ja natürliche Gegner, weil sie beide geheimnisvoll und irgendwie unheimlich sind. Beide sind schwer zu verstehen, und beide sorgen sie seit Menschengedenken für Streit, Zorn, Frust, Enttäuschung und Gewalt. Vor allem, weil der „eifersüchtige Gott“ (2. Mos 20,5) das emotionale Laster der Eifersucht auch seinen Geschöpfen eingepflanzt hat, besonders bei der erotischen Liebe. Hier funktioniert nämlich auch auf Erden das egoistische Gottesprinzip, der Einzige sein zu wollen: „Ich bin der Herr, dein Gott! Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!“ So empfinden auch Milliarden Menschen beim sexuellen Sparring: „Ich bin dein Freund und Partner. Du sollst keine fremden Männer/Frauen neben mir haben!“ Schön wär´s. Die Liebe geht eigene Wege, eigentümliche Wege, sie sind oft nicht mal für die Betreffenden selbst zu verstehen, geschweige denn für einen Dritten. Deshalb kann auch das Diktum des Nazareners Jesus Christus als weltfremd betrachtet werden, der gerne Moses zitierte: „Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!“ (5. Mos 6,5). Dazu ganz allgemein: Wie soll man denn jemanden lieben, den man gar nicht kennt? Und im besonderen: Wie soll man ausgerechnet den Gott des Alten Testaments lieben können, der wie ein zorniger Tyrann unentwegt seinen Geschöpfen droht, sie noch „bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern“ zu verfolgen, wenn sie nicht parieren (2. Mos 20,5)? Wie soll man einen barbarischen Gott lieben, der seine Geschöpfe unterschiedslos, Mensch und Tier, bei einer Sintflut ersaufen lässt? Liebe ist kein Gefühl, das sich verordnen lässt oder durch Drohungen erzwungen werden kann. Wer zwanghaft liebt, liebt unehrlich. Das hätte Jesus eigentlich wissen müssen. Doch wir sind hier beim Thema Sex. Das hat zwar zweifellos etwas mit Liebe zu tun, aber nur am Rande. Denn Sex kann der Mensch, wie die Natur und die Erfahrung lehren, durchaus auch ohne emotionale Wärme praktizieren. Kalt und mechanisch, wenn es sein muss, „wie die Tiere“. Dann geht es hauptsächlich um Triebabfuhr, eine ärgerliche Veranlagung von Lebewesen, deren Hormone sich nicht um den Willen des Körpers oder gar des Geistes scheren. Schon der Heilige Augustinus hat sich darüber aufgeregt, dass „es“ immer dann kommt, wenn man „es“ nicht braucht. Und oft gerade dann den Dienst verweigert, wenn man(n) dringend darauf angewiesen ist… Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 188 Die Leibfeindlichkeit in Religion und Gesellschaft hat schleichend eingesetzt. Anthropologen und Ethnologen vermuten, dass die frühen Menschen noch recht ungeniert kopuliert haben. Auch zur Königszeit des Alten Testaments (ca 1000 – 587 v. Chr.) war man wahrlich nicht prüde, wie die Bücher der Könige und des Propheten Samuel zeigen. Schon vor seiner Zeit als König Israels war David ein Frauenheld, der sich nahm, was er wollte, auch wenn die Frau verheiratet war. Wie ungeniert man zu jener Zeit mit der körperlichen Liebe umging, zeigt vor allem das „Hohelied der Liebe“, das König Salomo zugeschrieben wird (der eine leidenschaftliche Beziehung zur Königin von Saba unterhalten haben soll). Dieses Lied hat, obwohl an einigen Stellen durchaus pikant, trotz der Prüderie des Christentums die Aufnahme in die „Heiligen Schrift“ geschafft (Ausschnitte): Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. Er erquickt mich mit Traubenkuchen, und labt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt mich… Siehe, meine Freundin, du bist schön. Siehe, schön bist du!… Deine Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter Lilien weiden… Wir schön und lieblich bist du, die Liebe voller Wonnen! … Lass deinen Mund sein wie guter Wein, der meinem Gaumen glatt eingeht, und Lippen und Zähne mir netzt! Meinem Freund gehöre ich, und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld gehen, und unter Zyperblumen die Nacht verbringen… Die sexuelle Libertinage war phasenweise in allen Kulturen zuhause, aber nie von Dauer. Schon bei den Babyloniern und den alten Griechen fanden sich immer wieder asketische Geister, die auf „tugendhafte“ Lebensweise pochten. Im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen Selloi (Wahrsagepriester) und Bakiden (Sühneschreier) körperliche Kasteiung als Seelenbeglückung Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 189 zu predigen, und schon früh wurde der Geschlechtsakt mit dem Begriff der „Befleckung“ in Verbindung gebracht. Bei vielen Völkern und Stämmen wurde es üblich, nach dem Akt eine Bad zu nehmen (um sich zu reinigen) und ein Weihrauchopfer zu bringen. Damit war die Verbindung zum Sakralen hergestellt. Ihren ersten Höhepunkt erlebte die asketische Entwicklung im 6. Jahrhundert v. Chr., als die „Orphiker“ (benannt nach dem musischen Mythos Orpheus) zur Blüte kamen und eine Art „Erlösungsreligion“ praktizierten. Asketisches Leben mit der Verleugnung des Leibes wurde modern, bis der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras („a2+b2=c2“) anfing, die Frau als „schlechtes Prinzip“ zu diffamieren. Damit war der Bann gebrochen. Es begann eine Periode der Leibfeindlichkeit, vor der sogar große Geister nicht gefeit waren. So meinte etwa der berühmte Philosoph Platon (428-348 v. Chr.) allen Ernstes, der Leib sei „ein Übel für die Seele“. Zwar hatte Platon eine Geliebte, um seiner „Natur zu genügen“, doch allzuviel hielt er weder von Frauen noch von Sex allgemein. Platons nicht minder prominenter Schüler Aristoteles, (384-322 v. Chr.) sah das Problem weniger eng, betonte aber ebenfalls den Vorteil der Tugendhaftigkeit. Erst Epikur (341-270 v. Chr.) predigte wieder die Lust als Prinzip. Allerdings meinte er vor allem „Lebenslust“ und „Seelenheil“. Die hedonistische Interpretation seiner Lehre war die Reaktion seiner (späteren) Kritiker. Auch der Apostel Paulus neigte zur Leibfeindlichkeit. Der Humanist und Schriftsteller Karlheinz Deschner (1924-2014) nannte Paulus in seinem Bestseller Das Kreuz mit der Kirche den „größten Prediger christlicher Sündenpsychose“. Tatsächlich hat der Apostel schon in seinem Römerbrief die Menschen als „Sklaven und Knechte der Sünde“ gegeißelt und unentwegt davor gewarnt, dass der Leib „von der Sünde beherrscht“ sei. Doch erst der innige Paulus-Verehrer Augustinus hat die Sexualität des Menschen theologisch systematisiert. Der später zum wichtigsten Kirchenvater und -lehrer aufgestiegene Augustinus entwickelte sich zu einem wahren Sexualneurotiker. Vor seiner Konvertierung zum Christentum der sinnlichen Begierde durchaus zugetan, spazierte er in jungen Jahren nach eigener Aussage „in den Bädern“ sogar mit einer Erektion umher, die sein Vater „vergnügt“ zur Kenntnis nahm und den Sohn bei der Mutter verpetzte, gerade so, „als könnte er dadurch schon mit Enkeln rechnen“ (Bekenntnisse, 2. Buch, Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 190 III). Augustin meinte sich bei seinen Altersgenossen schämen zu müssen, „wenn ich es weniger schamlos trieb als sie“. Nun, später machte der reuige Sünder ja alles wieder gut. Wie sehr ihn der Sexualtrieb in seinen testosterongesteuerten Jahren quälte, wird aus einem seiner besten Zitate deutlich: „Herr gib mir Keuschheit – aber noch nicht jetzt!“ Obwohl die frühen Päpste, Bischöfe, Priester und Mönche auch am eigenen Leib spürten, wie heftig das sexuelle Verlangen sein konnte, und obwohl sie wussten, dass die Sexualität des Menschen „gottgewollt“ und notwendiger Teil der Fortpflanzung war, verteufelten sie die Lust – der anderen. Selbst nahmen sie es mit der Keuschheit nicht so genau, wie hinlänglich belegt ist. Sogar viele Päpste hatten Kinder und Mätressen. Diese Abbildung eines unbekannten Künstlers um 1700 geht auf den holländischen Maler Cornelis van Haarlem zurück und zeigt eine Nonne, die recht offenherzig dem Drängen eines Mönches nachgibt. Das theologische Problem ist aber nicht, wie Augustinus persönlich mit seiner Sexualität umging, sondern welche Konsequenzen er für die christliche Lehre daraus zog. Augustinus prägte in seinen Schriften wie kein anderer die christliche Moralvorstellung hinein bis in die Neuzeit Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 191 und verteufelte die „Konkupiszenz“ (Begierde, Neigung zur Sünde). Ja, er ging soweit, selbst den ehelichen Beischlaf grundsätzlich zu verurteilen und alles Sexuelle mit den Attributen „scheußlich“, „höllisch“ und „eklig“ zu belegen. Wenn es denn gar nicht anders ginge, meinte er (wie Paulus) allen Ernstes, müsse man zur Zeugung des Nachwuchses halt miteinander verkehren, aber ratsam sei auch für Eheleute die Enthaltsamkeit. Am allerbesten sei, wie seine theologischen Nachfolger Wilhelm von Champeaux und Robertus Pullus propagierten, wenn der eheliche Akt „ohne Hitze“ vollzogen würde, also sachlich-mechanisch. Um sich persönlich von der furchtbaren Konkupiszenz zu befreien, griffen fromme Geister wie der Heilige Origenes sogar zur ultima ratio: sie kastrierten sich selbst, um dem drängenden Trieb im Unterleib den Garaus zu machen und dem Herrn in göttlicher Keuschheit dienen zu können. Fragt sich nur, ob der Herr diese „Reinheit“ tatsächlich gewünscht hat – schließlich gab er dem Menschen ja sowohl Geschlechtsorgane als auch den Geschlechtstrieb (und damit die Lust) ganz bewusst mit hinein ins irdische Leben. Interessant ist in diesen Zusammenhang, dass sich Jesus Christus selbst nie direkt zum Thema Sexualität geäu- ßert hat. Zwar kann man aus seinen Worten durchaus entnehmen, dass Ehebruch für ihn ein schlimmes Vergehen war. Die Sittengesetze stammten ja aus dem jüdischen Tanach, und Jesus war ein orthodoxer Jude. Schade aber, dass niemals bekannt wurde, wie der Gottes- und Menschensohn als junger Mann selbst mit seinen erektilen Problemen umgegangen ist. Vor allem jüdische Quellen (die Juden nahmen die Geschichtsschreibung schon damals sehr ernst) legen die Vermutung nahe, dass Jesus diesbezüglich völlig normal war – weil er verheiratet gewesen sein muss. Was Christen als absolutes Tabu betrachten und in heller Empörung ablehnen, ist für das Judentum (aus dem das Christentum entstand) eine Selbstverständlichkeit: Jesus war verheiratet. Der Beweis für die Ehelichkeit des Predigers aus Nazareth wird indirekt erbracht und die Logik ist zwingend: Obwohl Jesus schon zu Lebzeiten in Galiläa und in Jerusalem bekannt und berühmt war, steht in den Evangelien oder anderen Schriften kein Sterbenswörtchen über seinen Familienstand. Ledig, verheiratet, verwitwet, kinderlos? Das verräterische Schweigen darüber erfährt seine besondere Bedeutung aufgrund der Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 192 Tatsache, dass Verheiratetsein im Judentum und im gesamten nahöstlichen Kulturraum praktisch eine Pflicht war. Wer als Mann nicht verheiratet war, wurde verachtet. Aber es gibt noch eine Reihe weiterer Indizien, die nahelegen, „dass Jesus tatsächlich verheiratet war“ (der jüdische Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin): Der Nazarener wurde von seinen Jüngern mit „Rabbi“ angeredet. Ein unverheirateter Rabbi aber war im alten Judentum nicht denkbar. Jesus war Jude und er hat sich streng am Gesetz orientiert. Dort steht unmissverständlich geschrieben: „Wer kein Weib hat, ist ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück, ohne Tora, ohne Mauer (gegen die Begierde), ohne Frieden. Ein Mann ohne ein Weib ist kein Mensch!“ (Jebamoth 62b). Zudem hätten Jesu Jünger ihren Meister mit Sicherheit danach gefragt, warum er denn nicht verheiratet sei. Das wichtigste Argument aber: Seine Gegner, insbesondere die Pharisäer und Sadduzäer, hätten seine Ehelosigkeit mit Gewissheit instrumentalisiert und ihm diese „Schande“ vorgeworfen! Doch dazu schweigen die Evangelisten – mit einer interessanten Ausnahme: Ausgerechnet der Evangelist Johannes lässt Jesus in seinem achten Kapitel mit den Pharisäern diskutieren, die ihm vorwerfen, ein falsches Zeugnis abzulegen, weil er zu seinen Thesen keine Beweise liefere: „Du gibst nur Zeugnis von dir selbst!“ Dann fragen sie: „Wo ist dein Vater?“, bis sie schließlich, offenbar in Kenntnis der wabernden Gerüchte, einen schlimmen Verdacht nähren: „Wir sind nicht unehelich geboren!“ (8,41). Vermutlich waren die Pharisäer auch irritiert, dass Jesus so ungeniert die Nähe zu Zöllnern (=Sündern) und Dirnen (=Sünderinnen) pflegte. Diese Randgruppen der Gesellschaft hat Jesus nie verurteilt, im Gegenteil: Die lüsternen Pharisäer, die sich über eine angebliche Ehebrecherin aufregten, blamierte er mit einem genialen Spruch, der alle Zeiten überdauern wird: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Steinewerfen war im Altertum übrigens groß in Mode. Jahwe höchstselbst war der Ansicht, dass Sünder und ungehorsame Söhne gesteinigt werden müssen (5. Mos 21,18-21). In Kapitel 20 des 3. Buches Moses ist seitenlang aufgezeichnet, welche Strafen der Allmächtige für die Sünden der Unzucht vorgesehen hat: Wenn jemand die Ehe bricht oder mit seiner Schwiegertochter „Umgang pflegt“, wenn jemand mit der Frau seines Oheims verkehrt, „bei einem Tier liegt“ oder Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 193 „bei einem Mann wie bei einer Frau“, dann sollen alle diese Sünder „ausgerottet werden“ und „des Todes sterben“. Da kannte der Herr kein Pardon. Wie später auch viele seiner Apologeten. Das viele Gift, das eifernde Kostverächter wie Paulus, Origenes, Augustinus oder Thomas von Aquin (und viele andere Scheinheilige) mit ihren Brandreden gegen den Sexus verspritzt haben, war außerordentlich nachhaltig, mit einer Halbwertzeit wie Plutonium: Jahrtausende lang litten die Menschen unter den Schuldgefühlen, die ihnen von den Klerikern eingeredet wurden. Abermillionen Männer und Frauen waren und blieben sexuell verklemmt, der eigentlich so sinnenfrohe Geschlechtsakt machte ihnen permanent ein schlechtes Gewissen. Unendlich viele Pubertierende, deren Geschlechtstrieb erwachte, stöhnten im wahrsten Wortsinn über dem Gebot der Keuschheit, das auf natürlichem Wege nicht einzuhalten war: Die Produktion der Samenflüssigkeit ist von der Natur ebenso physiologisch gesteuert wie der zwangsläufige Erguss (Pollution). Der Heilige Augustinus ging bei seiner Sittenlehre professionell vor. Seine unumstößliche Prämisse war: Gott ist gerecht! Wenn Gott also gerecht ist, und der Mensch eine Strafe erfährt, dann muss der Mensch, so Augustins Logik, in Adam sündig geworden sein. Und weil die Sünde durch die fleischliche Begierde (Konkupiszenz) ausgelöst werde, folgerte der Kirchenvater, sei der Zeugungsakt mitschuldig an der Misere. Damit war die Grundlage für eine jahrtausendelange Verfemung der Sexualität gelegt. Theologen und Priester im frühen Mittelalter formulierten immer schärfere Regeln, verboten den Beischlaf an Sonntagen, Feiertagen, oft auch an bestimmten Wochentagen, wochenlang vor und nach einer Geburt, während der Menstruation, am Ende sogar drei Tage vor dem Kirchgang, weil das Ehepaar ja „unrein“ war und sich „befleckt“ hatte. Zum christlichen Ideal wurde die „Josefs- Ehe“ erhoben, wobei die Groteske darin bestand, dass Josef und Maria ja gerade keine geschlechtslose Ehe geführt haben: Jesus hatte, ausweislich der Bibel, noch mindestens vier Brüder und drei Schwestern. Doch der Sexualpessimismus der späteren Kirche hatte da längst seine Wirkung entfaltet: Selbst im 20. Jahrhundert noch weigerten sich fromme Frauen, ihre „eheliche Pflicht“ bei (Tages-)Licht zu erfüllen. Viele hängten sogar das Kreuz im Schlafzimmer ab oder drehten Jesusbilder um – der Herr sollte den „schmutzigen“ Akt nicht sehen. Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 194 Die Doppelmoral in Klöstern und Pfarrhäusern, aber auch bei frommen Familien, nahm atemberaubende Ausmaße an. Während sich lustgeplagte Mönche und Nonnen tagelang geißelten, um die sündige Begierde gewaltsam zu vertreiben, erlagen viele immer wieder der Schwäche des Fleisches, was ihr Gewissen noch mehr belastete. Der Autor Karlheinz Deschner hat auf fast 500 Seiten unglaubliche Vorkommnisse zusammengetragen, die allesamt historisch belegt sind (Das Kreuz mit der Kirche, Econ-Verlag). Demnach wurde die Selbst- Kasteiung im Mittelalter zur Tugend erhoben, praktisch alles unterhalb der Gürtellinie war tabu. Generationen von Jugendlichen wurde die Onanie mit der Warnung madig gemacht, Selbstbefriedigung sei nicht nur eine Todsünde, sondern führe zu „Aussatz“ und „Rückenmarksschwund“. Homosexualität wurde als abartig angesehen und als peccata in coelum clamantia, als eine „himmelschreiende Sünde“ verunglimpft. Die Diskussion wurde so absurd, dass der berühmte Kirchenlehrer Thomas von Aquin den Frauen empfahl, ihre lüsternen Ehemänner mit „eifrigstem Bemühen“ vom Beischlaf abzuhalten. Einmal wurde der Sex mit einer schönen Frau als größere Sünde diffamiert, weil er „mehr ergötze“ (der Theologe Petrus Cantor); ein andermal war der Verkehr mit einem schönen Weib weniger schlimm, weil der Mann durch den betörenden Anblick „ja mehr gezwungen wird“ (der Theologe Alanus von Lille). Die Sexualneurose der Kirchenmänner wurde so grotesk, dass am Ende gepredigt wurde, Sex während der Stillzeit würde die Muttermilch verderben, und häufiger Geschlechtsverkehr lasse die Menschen „schneller altern“, weil die „Gehirnzellen zerfallen“. Selbst unfreiwillige Lust wurde bestraft: Wer aufgrund seiner keuschen Lebensweise „gegen seinen Willen eine Pollution erleidet“, so hieß es in einem mittelalterlichen Bußebuch, der müsse „sieben Tage Buße tun, 50 Psalmen beten und am Mittwoch und Freitag bis zur Vesper fasten“ (Peter Browe: Sexualethik im Mittelalter, Breslau 1932). Die Sexualmoral der christlichen Kirche verfiel immer mehr, erst ins Groteske, dann sogar ins Kriminelle. Die – fast ausschließlich von Männern dominierte Debatte – führte zur Verklemmung ganzer Generationen und war mitentscheidend für die dauerhafte Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Eine unbekannte Zahl bigotter Eiferer der Kirche, die ihre Konkupiszenz selbst nicht in den Griff bekamen, Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 195 missbrauchten Schutzbefohlene bis in die heutige Zeit hinein. Nicht selten gingen sie danach ins Haus Gottes und predigten Keuschheit. Im Namen des Herrn. Kapitel 14 Oh welche Lust: Das Kreuz mit dem Sex 196

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.