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Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 157 - 170

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-157

Tectum, Baden-Baden
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Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung Es ist der wohl spannendste Aspekt jeder Religion: Woher wissen die Menschen eigentlich: a) wer Gott ist, b) wie er aussieht, c) was er von seinen Geschöpfen erwartet? Die Beantwortung dieser Kernfragen ist das A und O des Glaubens, denn ohne diese Antwort ist alles nichts (wert). Aber wie bloß sollen, wollen oder können es die Menschen geschafft haben, Kenntnis von Gottes unergründlichem Willen zu erhalten? Sie hatten selbst ja keinerlei Möglichkeit, diesen Prozess in Gang zu setzen oder in irgendeiner Weise zu forcieren. Eigentlich eine große, eine schwere Frage. Nicht aber für die römisch-katholische Kirche. Sie hat im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils am 18. November 1965 die „Dogmatische Konstitution“ Dei verbum verabschiedet. Darin heißt es schon zu Anfang unmissverständlich: „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun“. In Kapitel 1, Punkt 5 sagen die frommen Gottesmänner auch gleich, wie mit dieser Offenbarung umzugehen ist: „Dem offenbarenden Gott ist der Gehorsam des Glaubens zu leisten“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Gehorsam des Glaubens. Soll heißen: Gehorsam ist Pflicht (gegenüber denen, die das verlangen). Und, damit es auch der letzte Tor versteht, setzten der Papst und die Bischöfe noch einen drauf: Der Mensch müsse sich dem offenbarenden Gott „mit Verstand und Wille voll unterwerfen“ und der Offenbarung „willig zustimmen“. Aber auch das reicht noch nicht aus: Der Glaube könne nur vollzogen werden „durch die helfende Gnade Gottes und den inneren Beistand des Heiligen Geistes“. Ganz schön anstrengend, so eine Offenbarung. Was aber tun, wenn der innere Beistand ausbleibt? Wenn Gott die Gnade verweigert? Wenn der Verstand, den der Mensch selbst ja nicht kontrollieren kann, sich gegen den erzwungenen Glauben sträubt? Was ist dann mit diesen Kapitel 12 157 armen Geschöpfen: Müssen sie, weil ihr Verstand sie im Stich lässt und die Gnade ohne ihr Mitwirken an ihnen vorbei geht, in die ewige Hölle? Und, sollte die göttliche Botschaft so verstanden werden: Was ist dann mit jenen Menschen, die abseits der Erfahrungs- und Glaubenswelten des Christentums geboren und erzogen wurden und werden, die auch nicht getauft sind, in China etwa oder in Saudi-Arabien. Sind diese Heiden, Hindus, Moslems oder Buddhisten dann auf ewig verdammt? Die Kirche gibt darauf keine klare Antwort. Schon früh in der Kirchengeschichte wurde leidenschaftlich über das Verhältnis von Glaube und Vernunft gestritten. Und wie man sich denken kann, hat der Glaube jeweils über die Vernunft obsiegt. Dabei bedurfte es erheblicher intellektueller Verrenkungen, die zu vollführen die frommen Männer (Frauen hatten damals nichts zu sagen) sich nicht gescheut haben, um das Glaubensgebäude auf ein stabiles Fundament zu stellen und es dauerhaft zu verankern. Fides et ratio, Glaube und Vernunft. Papst Gregor XVI. war besonders intensiv damit befasst, wir kommen noch darauf zurück. Auch Papst Johannes Paul II. hat dazu (am 14. September 1998) eine Enzyklika verkündet, die wie üblich zu einem superlangen Schriftstück geraten ist, so schwierig zu lesen, dass es sein eigentliches Ziel verfehlt: All das, was die Kirche für notwendig erachtet, wird zwar gesagt – geht aber an den Gläubigen komplett vorbei. Sie kriegen es (die Enzyklika) entweder gar nicht mit, oder sie können nichts damit anfangen. Denn der Papst bedient sich einer komplizierten Pastoralsprache, die mehr vernebelt als erhellt. Immerhin scheint der Auftakt den modernen Zeiten angemessen, denn unter Punkt 5 gesteht Johannes Paul II. zu, dass die Kirche „nicht umhin (kann), den Einsatz der Vernunft für das Erreichen von Zielen anzuerkennen…“. Das ist ein klares Wort, sollte man meinen. Doch den schönen Worten folgen keine inhaltliche Konsequenzen. Dafür beginnt der Papst sogleich zu relativieren – und weist vorsichtshalber schon mal darauf hin, „dass die Offenbarung bis heute etwas Geheimnisvolles bleibt“. Dann erklärt er, wie das mit der Vernunft gemeint ist: „Der Vernunft, die das Geheimnis zu verstehen sucht, kommen auch die in der Offenbarung vorhandenen Zeichen zur Hilfe. Sie dienen dazu, die Wahrheitssuche gründlicher vorzunehmen und dem Verstand selbständige Erkundungen auch innerhalb des Geheimnisses zu ermöglichen. Diese Zei- Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 158 chen geben zwar einerseits der Vernunft größeres Gewicht, weil sie ihr erlauben, mit den ihr eigenen Mitteln, auf die sie zu Recht stolz ist, das Geheimnis von innen her zu ergründen; andererseits sind die Zeichen für die Vernunft Ansporn, über ihre zeichenhafte Wirklichkeit hinauszugehen, um deren jenseitige Bedeutung, die sie tragen, zu erfassen. In ihnen ist also eine verborgene Wahrheit bereits gegenwärtig, auf die der Verstand verwiesen wird und von der er nicht absehen kann, ohne das ihm angebotene Zeichen selbst zu zerstören“. Was soll das heißen? Zeichenhafte Wirklichkeit, was ist das? Verborgene Wahrheit? Welche Wahrheit ist verborgen und warum? Hier wird die Vermutung zur Gewissheit, dass es gerade diese verquaste Formelsprache der Amtskirche ist, die den Glauben so anstrengend macht. Weil sie die Lebenswirklichkeit der Menschen außer acht lässt. Das zeigt auch das nächste päpstliche Wortgetöse: „Die christliche Offenbarung ist der wahre Leitstern für den Menschen zwischen den Bedingtheiten der immanentistischen Denkweise und den Verengungen einer technokratischen Logik; sie ist die äußerste von Gott angebotene Möglichkeit, um den ursprünglichen Plan der Liebe, der mit der Schöpfung begonnen hat, vollständig wiederzufinden“. So geht es seitenlang weiter in der Enzyklika – bis dann eine erstaunliche Wendung eintritt: Die Vernunft, deren Gebrauch vorher angeblich noch so wichtig war, ist plötzlich nicht mehr zu gebrauchen – weil Adam und Eva gesündigt haben! Papst Johannes Paul zitiert den Apostel Paulus, warum die Fähigkeit zur Vernunft verloren gegangen ist: „Das Buch Genesis beschreibt auf anschauliche Weise den Zustand des Menschen, wie Gott ihn in den Garten Eden setzte, in dessen Mitte »der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse« stand. Das Symbol ist klar: Der Mensch war nicht in der Lage, von sich aus zu unterscheiden und zu entscheiden, was gut und was böse war, sondern musste sich auf ein höheres Prinzip berufen. Verblendung durch Überheblichkeit verführte unsere Stammeltern zu der trügerischen Täuschung, sie wären souverän und unabhängig und könnten auf die von Gott stammende Erkenntnis verzichten. In ihren Ur-Ungehorsam zogen sie jeden Mann und jede Frau hinein und fügten der Vernunft Wunden zu, die von da an den Weg zur vollen Wahrheit behindern sollten… Die Augen des Verstandes waren nun nicht mehr in der Lage, klar zu sehen: die Vernunft wurde zunehmend zur Gefangenen ihrer selbst.“ Ganz auf die Vernunft konnte und wollte die Kirche dann aber doch nicht verzichten. Als im 18. Jahrhundert der Fideismus aufkam (eine Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 159 Lehre, wonach nur der Glaube zählt und dieser absoluten Vorrang vor der Vernunft hat) und diese Lehre auch noch Anhänger gewann, läuteten im Vatikan die Alarmglocken. Pontifex Gregor XVI. reagierte sofort und formulierte Lehrsätze, die der fideistische Ketzer Louis Eugène Bautain aus Straßburg im Jahr 1840 unterschreiben musste. Darin legte der Vatikan kraft seiner Autorität fest, dass sich die Göttlichkeit der Offenbarung „mit Sicherheit“ auch jenseits des Glaubens beweisen lasse. Unter anderem sei der Beweis aus den „Wundern Jesu“ abzuleiten. Diese hat zwar kein Zeitgenosse des 19. Jahrhunderts sehen oder überprüfen können, sie seien aber trotzdem wahr. Im Übrigen gehe die Vernunft „dem Glauben voraus“ – obwohl sie „durch die Erbsünde schwach und dunkel geworden ist“ (Lehrsätze 5 und 6 in: „Der Glaube der Kirche“, Urkunden der Lehrverkündigung, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg). Auch Gregors Nachfolger Pius IX. musste sich gleich mehrfach in Rundschreiben (Qui Pluribus 1846 oder Syllabus 1864) und anderen Bekundungen zur Vernunft äußern – und setzte wiederum andere Akzente. Jetzt hieß es plötzlich: „Wohl steht der Glaube über der Vernunft“ (Lehrsatz 7). „Niemals“ könne die Religion von der menschlichen Vernunft abgeleitet oder vervollkommnet werden (Lehrsatz 9). Noch komplizierter wird es, wenn die Kirche wortreich versucht, ihren Begründungszwang auf die Spitze zu treiben: Untrennbar sei der Glaube mit „Gehorsam“ verbunden (was die Kirche sagt, muss geglaubt werden), aber auch das reiche noch nicht aus: Zum Gehorsam, bekräftigte Papst Pius, müsse sich natürlich auch noch „Gottes Gnade“ gesellen. Doch dummerweise wird diese Gnade nicht jedem zuteil, ein Problemfeld, das die Kirche gern umschifft. Für alle Seelen, welche die genannte Voraussetzungen erfüllen, sei „die natürliche Erkennbarkeit Gottes“ aber gegeben. Naja, das kommt wohl auf die Perspektive an. Denn dass die Sache mit der Offenbarung nicht einfach ist, zeigt sich auch in den Formulierungen des Katechismus der katholischen Kirche (KKK), in dem die Lehre offiziell erklärt wird. Im Jahr 1992 hatte Papst Johannes Paul II. den neuen Katechismus promulgiert (verkündet und in Kraft gesetzt) und zugleich eine Sonderkommission berufen, die aus dem etwas umfangreich geratenen Buch ein kompaktes „Kompendium“ erstellen sollte. Zum Chef dieser Kommission wurde der deutsche Kardinal Joseph Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 160 Ratzinger berufen, der später selbst Papst werden sollte. In diesem Katechismus heißt es also gleich in Kapitel 2, dass sich der gütige Gott selbstverständlich allen Menschen offenbart. Von Anfang an habe er mit Adam und Eva das Gespräch gesucht und den Kontakt auch nach dem Sündenfall nicht abreißen lassen. Nach der Sintflut habe er dann mit Noah einen „Bund“ geschlossen und später Abraham „zum Stammvater einer Menge von Völkern“ erwählt. Außerdem habe Gott die Israeliten zu seinem „auserwählten Volk“ erkoren. Zu guter Letzt würden die Propheten auch noch die „radikale Erlösung“ verkünden, aus dem Stamme Davids werde der sehnlichst erwartete Messias hervorgehen. Mit diesem Jesus, dem Sohn Gottes, so Punkt 9 des Katechismus, sei dann aber die letzte Stufe der Offenbarung erreicht worden. Um deren Endgültigkeit zu betonen, ließ Kardinal Ratzinger noch ein Zitat des Heiligen Johannes vom Kreuz anhängen, in dem es heißt, dass Gott „alles“ gesagt habe. Mehr sei nicht zu erwarten. Somit wenden wir uns nun den Propheten zu, die die Gunst der göttlichen Offenbarung persönlich genießen durften. Die Erfindung des Mediums Prophet hat es überhaupt erst möglich gemacht, einen Mittler zu haben, also eine Schnittstelle zwischen Gott und seinen Geschöpfen. Prophet kann man natürlich nicht lernen, es ist kein Beruf. Prophet wird man ausschließlich von Gottes Gnaden. Wer jetzt meint, diese ganz besondere Auszeichnung sei nur wenigen erlauchten Menschen zuteil geworden, irrt jedoch. Gott brauchte gleich mehrere Dutzend Propheten (die allesamt im babylonischen und judäischen Raum zuhause waren), um seine Botschaft zu verkünden. Denn darum ging und geht es: Ohne Offenbarung keine göttliche Botschaft, ohne Botschaft kein vermittelbarer Gott. Aber was ist nun genau eine Offenbarung, wie funktioniert sie, jenseits der offiziellen Dialektik? Nun, wir bemühen zur Definition einmal die (katholische) Kirche selbst, in Form diverser Verlautbarungen; zum anderen die Erklärungen der berühmten amerikanischen Bibelwissenschaftler William LaSor, David Hubbard und Frederic Bush, die das Monumentalwerk Old Testament Survey verfasst haben (Das Alte Testament, Brunnen Verlag Gießen, Abk. hier: DAT genannt). Dessen deutsche Bearbeitung umfasst stolze 1264 Seiten und stammt von dem evangelischen Theologieprofessor, Historiker und Missionar Helmuth Egelkraut. Darin heißt es, wie könnte es anders sein: „Die Of- Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 161 fenbarung ist die Grundfrage der Religion überhaupt“. Ohne Verständnis für die Offenbarung sei der Glaube an Gott nicht möglich. Das war natürlich auch dem Vatikan bewusst, der schon vor über 100 Jahren auf die Offenbarungs-Skepsis reagierte, und zwar mit der berühmten Enzyklika Providentissimus Deus von Papst Leo XIII im Jahr 1893. Dort erklärt der Heilige Vater unter Punkt IV, „wie die Heilige Schrift studiert werden soll“. Spannend zu lesen, wie sich der Pontifex dabei über die „Dreistigkeit“ der „Rationalisten“ (Verstandesmenschen) ereifert, „die hochheilige Wahrheit der göttlichen Bücher zu erschüttern“. Diese Leute würden die Bibel „durchspähen“ und Bücher, Broschüren sowie Zeitungen dazu nutzen, „um ihr tödliches Gift auszuschütten“. Nun, mit vernünftiger Argumentation hat dieser päpstliche Zorn nicht viel zu tun. Ähnlich verhält es sich mit den Enzykliken Spiritus Paraclitus von 1920 (Papst Benedikt XV) und Divino afflante Spiritu von 1943 (Papst Pius XII). Am wichtigsten ist aber ohne Frage die vorhin bereits erwähnte Konstitution Dei verbum (Das Wort Gottes), die man nach vierjähriger, mühseliger Arbeit – erst der fünfte Entwurf wurde akzeptiert – zum Ende des Konzils 1965 verabschiedet hat. Darin steht ein ebenso entscheidender wie fragwürdiger Satz: „Ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes kann der Glaube nicht vollzogen werden“ (DV 5). Ein Satz von erschreckender Unbarmherzigkeit, denn wenn die Gnade tatsächlich ein „Geschenk Gottes“ ist: Was kann der arme Sünder denn dafür, wenn er nicht in den Genuss der Gnade kommt und somit auch nicht glauben kann? Offenbaren, hebräisch galà, bedeutet soviel wie „offen legen, entblößen“. Das ist in diesem biblischen Kontext ein bisschen irreführend, denn Gott entblößt sich natürlich nicht, zudem hat der Ausdruck „offen legen“ etwas Zwanghaftes. Gemeint ist, dass Gott sich einem Menschen zuwendet und ihm etwas erzählt/verkündet/übermittelt. Nun darf man sich die Sache mit den Propheten nicht so vorstellen, dass der liebe Gott eines Tages zum Beispiel bei Jeremias zuhause erscheint, „Guten Tag“ wünscht und in freundlichem Ton sagt, er habe etwas Wichtiges mitzuteilen. Nein, die echte Offenbarung geschehe „mittelbar, d.h. vermittelt durch Menschen oder Geschehnisse, wobei Gott nicht unmittelbar sichtbar, hörbar oder greifbar ist“ (DAT, Seite 35). Das Indirekte sei nicht nur wichtig, sondern sogar notwendig, denn Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 162 der Mensch könne die unmittelbare Gottesbegegnung ohnehin „nicht ertragen“. Dabei verweisen die Autoren auf das 2. Buch Mose (Exodus 20,18-20), in dem erklärt wird, allenfalls ein ganz besonderer Mensch wie Moses könne vielleicht einen direkten Kontakt zu Gott (gehabt) haben. Aber selbst Gottes getreuem Diener Moses wurde die Gnade der Gottessicht nur sehr eingeschränkt zuteil, wir kommen gleich darauf zurück. Interessant ist vor allem, dass (mit Blick auf Psalm 147) auch hier Israel als das Volk genannt wird, „dem die besondere Offenbarung … zuteil wurde“. Wie der katholische Katechismus, zählen auch die protestantischen Autoren des DAT „die Befreiung und den Auszug aus Ägypten, die Bewahrung in der Wüste und den Einzug in das verhei- ßene Land“ (Kanaan) zu den „grundlegenden Offenbarungstaten Gottes“. Tatsächlich ist genau das die Interpretation, die zum Kernbestand des jüdischen und christlichen Glaubens gehört, also konstitutiv ist: Die Christen gestehen ihren jüdischen Glaubensbrüdern und -schwestern den einmaligen Sonderstatus als „auserwähltes Volk“ zu, den diese seit rund 3000 Jahren für sich reklamieren. Aber wie glaubwürdig ist solch eine Offenbarung? Warum sollte sich der liebe Gott auf der großen weiten Welt ausgerechnet ein kleines Volk an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident als „Bündnispartner“ ausgesucht haben? Ein „Volk“ zudem, das es damals, zu Abrahams und Isaaks Zeiten, noch gar nicht gab! Dass die Juden sich selbst als Gottes Lieblinge betrachten und diese herausragende Sonderstellung begrüßen, mag ja noch verständlich sein. Doch wäre es nicht merkwürdig, ungerecht und unverständlich, wenn der Allmächtige seinen Geschöpfen tatsächlich zweierlei Gunst gewährt und sie in „auserwählt“ (1. Wahl) und „nicht auserwählt“ (2. Wahl) sortiert? Die These von der Sonderstellung einer Volksgruppe widerspricht jedenfalls elementar dem göttlichen Prinzip der absoluten Gerechtigkeit, wonach „vor Gott alle Menschen gleich“ sind (Röm 2,11). Hinzu kommt, dass die Behauptung der „grundlegenden Offenbarungstaten Gottes“ wohl eher jüdisch-christlichem Wunschdenken entspricht: Eine Befreiung „des geknechteten Volkes“ und ein Auszug aus Ägypten sowie eine angeblich 40jährige Wanderschaft durch die (nahrungslose) Wüste sind ebenso wie der „Einzug ins gelobte Land“ nicht einmal im Ansatz belegbar! Wenn ein ganzes „Volk“ mit x-tau- Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 163 send Menschen jahrzehntelang durch die Wüste zieht und dort lebt, werden automatisch Spuren hinterlassen, und seien es nur Scherben eines zerbrochenen Kruges oder kaputte Töpfe und Waffen. Doch obwohl Bibelwissenschaftler und Archäologen jedes Sandkorn auf der Sinai-Halbinsel durchsiebt haben, fanden sie nichts, was der biblischen Darstellung auch nur im Entferntesten entspricht. Die renommierten Wissenschaftler und Autoren Israel Finkelstein und Neil Silberman haben darüber ein ganzes Buch geschrieben (Keine Posaunen vor Jericho, dtv), das sich in die lange Reihe jener Kritiken einreiht, die vom Märchen-Charakter der biblischen Geschichten überzeugt sind. Ein wahrhaft Gläubiger nimmt von Fakten indes keine Notiz. Beispielhaft dafür steht der renommierte Theologe Dietrich Bonhoeffer, der als Widerstandskämpfer von den Nazis ins KZ verfrachtet und noch kurz vor Ende des Krieges im Mai 1945 ermordet wurde. Bonhoeffer, der zurecht als wahrer Held verehrt wird, schrieb folgende Zeilen, die eindrucksvoll belegen, dass selbst kluge Köpfe der Bibel gern aufs Wort glauben: Das Jesuskind muss mit seinen Eltern fliehen. Hätte Gott es nicht auch in Bethlehem vor Herodes hüten können? Gewiss, aber nicht danach haben wir zu fragen, was Gott alles wollen und tun könnte, sondern was er wirklich will. Gott will, dass Jesus nach Ägypten flieht, er zeigt damit, dass der Weg Jesu gleich von Anfang an ein Weg der Verfolgung ist, aber er zeigt auch, dass er Jesus behüten kann und dass Jesus nichts zustoßen wird, solange es Gott nicht zulässt. Jesus lebt nun in Ägypten, dort, wo sein Volk einst in Knechtschaft und Not hatte leben müssen. Der König soll nun sein, wo sein Volk war. Er soll die Geschichte seines Volkes am eigenen Leibe durchleben. In Ägypten litt Israel Not, in Ägypten fing die Not Jesu an, in Ägypten mussten Gottes Volk und sein König in der Fremde im Elend leben. Aus Ägypten aber führte Gott sein Volk ins Gelobte Land, und aus Ägypten rief Gott seinen Sohn zurück in das Land Israel. Was soll man dazu sagen? Schon zu Bonhoeffers Zeiten war unter Bibelwissenschaftlern längst klar, dass es niemals eine Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten gegeben hat. Auch eine Ermordung männlicher Säuglinge durch Herodes ist nirgendwo belegt. Diese Geschichte wird übrigens auch nur bei Matthäus erwähnt (2,13), die anderen Evangelisten wissen nichts davon. Aber wenn es um Gott und um den Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 164 wahren Glauben geht, sind die Frommen offenbar besonders großzügig. Orthodoxe Juden nehmen auch heute noch „jedes Wort im Alten Testament für bare Münze“, sagt der renommierte Theologieprofessor Karl-Heinz Ohlig aus Saarbrücken. Christen sind sich diesbezüglich nicht ganz so sicher, aber auch sie halten tapfer am Alten Testament fest, das als unverrückbare Grundlage des christlichen Glaubens gilt. Gleichwohl werden Katholiken und Protestanten merkwürdig wortkarg, wenn es um die konkreten Umstände der Offenbarung geht – oder sie tauchen ihre halbkonkreten Erklärungsversuche in ein Meer der Worte, wo am Ende alles im Ungefähren verschwimmt. Dabei würde man zu gerne wissen: Hat der Prophet Jesaja nun Gottes Herrlichkeit schauen dürfen oder nicht? Und was ist mit dem begnadeten Anführer Moses, der Gott angeblich sehen durfte? In Exodus 33,11 heißt es: „Der Herr sprach mit Mose Auge in Auge wie ein Mensch mit einem anderen“. Doch tatsächlich stand nur eine „Wolkensäule“ vor ihm. Wenige Verse weiter spricht der Herr dann auch Klartext zu Moses: „Mein Gesicht darfst du nicht sehen; denn niemand, der mich sieht, bleibt am Leben“ (Ex 33,20). Mein Gesicht darfst du nicht sehen, den Rest aber schon. Ist das noch ein ernst zu nehmender biblischer Dialog? Grundsätzlich muss man an dieser Stelle fragen, was von einem Gott zu halten ist, der das Spiel „Du darfst mich nicht sehen!“ auf die Spitze treibt, indem er zu Moses wörtlich sagt: „Du kannst hier auf dem Felsen neben mir stehen, doch wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, darfst du nicht gucken. Ich werde dich in einen Felsspalt stellen und meine Hand vor deine Augen halten, bis ich vorüber bin“. Ein allmächtiger Gott, der sich selbst „meine Herrlichkeit“ nennt? Der Herr fügt laut Bibel übrigens noch hinzu: „Dann werde ich meine Hand wegnehmen und dann kannst du mir nachschauen. Aber von vorne darf mich niemand sehen!“ (Ex 33,23). Und was ist in diesem Zusammenhang eigentlich mit Vater Abraham? Hat der nicht mehrfach mit Gott reden dürfen und ihn dabei eigentlich auch sehen müssen? Auf diese Frage hat die Stuttgarter Erklärbibel eine spektakuläre Antwort: Abraham habe seine Offenbarungen „im Tiefschlaf “ erhalten, heißt es dort allen Ernstes. Es wäre wirklich interessant zu wissen, welche Quelle die Stuttgarter Theologen für diese Information reklamieren wollen. Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 165 Propheten wurden und werden fast immer als mittelalte Männer mit langem Bart und Schriftrolle dargestellt. Dieses Fresco aus der Herz-Jesu-Kirche in Berlin (Prenzlauer Berg) zeigt den Propheten Jesaja, der angeblich Gott sehen durfte – und dann doch nur vom „Saum“ des göttlichen Gewandtes berichtete. Aber noch interessanter ist: Warum glauben erwachsene Menschen solche offenkundigen Märchen? Geschichten, die erkennbar der blühenden Phantasie antik denkender und fühlender Menschen entsprungen sind? Wie zum Beispiel die Anschauung Gottes durch den Propheten Jesaja. Wer diese Passagen in der Bibel liest, braucht mehr als nur den wahren Glauben – er braucht Humor. Wir zitieren Jesaja, Kapitel 6 aus Die gute Nachricht von der Deutschen Bibelgesellschaft: „Es war in dem Jahr, als König Usija starb. Da sah ich Gott, den Herrn, er saß auf einem sehr hohen Thron. Der Saum seines Mantels erfüllte den ganzen Tempel. Er war umgeben von mächtigen Engeln. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel; mit zweien bedeckten sie ihr Gesicht, mit zweien den Leib, zwei hatten sie zum Fliegen. Die Engel riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr der Welt, die ganze Erde bezeugt seine Macht! Von ihrem Rufen bebten die Fundamente des Tempels und das Haus füllte sich mit Rauch. Vor Angst schrie ich auf: Ich bin verloren! Ich bin schuldig Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 166 und unwürdig, von Gott zu reden, genauso wie das Volk, in dem ich lebe. Und ich habe den König gesehen, den Herrn der ganzen Welt“. Normalerweise müsste man jetzt fragen: Was hat der gute Mann geraucht, als er das aufgeschrieben hat? Warum erzählt Jesaja uns vom „Saum des Mantels“, aber nichts vom Angesicht des Herrn, wenn er ihn denn nun schon mal gesehen hat? Stattdessen berichtet der Prophet von den Engeln, die an dieser Stelle wahrlich zweitrangig sind. Die Stuttgarter Erklärbibel sagt uns dazu, die Anschauung des Herrn sei „in Form einer Vision“ erfolgt. Gott sei eben so unfassbar groß, dass „allein der Saum seines Mantels die ganze Tempelhalle gefüllt“ habe… Aber es kommt noch besser, denn nun ergreift der Herr selbst das Wort – und verblüfft mit unerhörten Zerstörungsphantasien. Jesaja schreibt: „Dann hörte ich, wie der Herr sagte: Wen soll ich senden? Wer ist bereit, unser Bote zu sein? Ich antwortete: Ich bin bereit, Herr, sende mich! Da sagte er: Geh und sage dem Volk: Hört nur zu, ihr versteht doch nichts; seht hin, soviel ihr wollt, ihr erkennt doch nichts!“ Gott bescheinigt den Menschen, seinen eigenen Geschöpfen, dass sie zu nichts taugen. Und er setzt noch einen drauf, indem er gar nicht will, dass sie ihn (als Gott) erkennen. Er fordert Jesaja auf: „Rede zu ihnen, damit ihre Herzen verstockt werden, ihre Ohren verschlossen und ihre Augen verklebt, sodass sie mit ihren Augen nicht sehen, mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Verstand nicht erkennen. Ich will nicht, dass sie zu mir umkehren und geheilt werden!“ Jesaja, von dieser göttlichen Offenbarung komplett überfordert, fragt nicht nach dem Grund für Gottes merkwürdigen Wunsch, dass die Menschen ihn gar nicht erkennen sollen; sondern nur nach der Dauer des unverständlichen Banns: „Wie lange soll das dauern?“. Und Gott gibt die verstörende Antwort: „Bis die Städte zerstört sind und die Häuser leer stehen und das ganze Land zur Wüste geworden ist“. Warum der Herr erst einen Boten sucht, der dann aber doch nichts Göttliches mitteilen, sondern die Leute mit der Horrornachricht verunsichern soll, Gott habe keinerlei Lust auf sie und geheilt würden sie vorerst auch nicht, kann – richtig: nur ein Geheimnis des Glaubens sein. Erstaunlich an dieser unfassbaren Erzählung ist vor allem eins: Wie schaffen es die Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 167 Gläubigen in aller Welt, arme und reiche, junge und alte, kluge und dumme, solche Offenbarungen ernst zu nehmen? Wer genauer wissen will, was es mit dem Phänomen der Offenbarung und den Propheten auf sich hat, wird indes enttäuscht. Auch die frommen Autoren des DAT wissen es nicht, sie lassen ihre Leser hilfund ratlos zurück: „Die Wort-Offenbarung scheint mittels normaler Sprache geschehen zu sein. Wie das geschehen ist, wird von der Bibel nicht ausführlich erläutert“. Scheint geschehen zu sein? Die Theologen wissen es nicht. Dennoch behaupten sie in heiligem Ernst, es gehöre „zu den tiefsten Überzeugungen der Propheten, dass Gott mit ihnen in verständlichen Worten geredet hat“. Für etwaige Zweifler haben sie noch eine weitere, eher amüsante Erklärung: Es könne sich ja nur um den richtigen Gott gehandelt haben, denn die heidnischen Götter seien ja „nach atl. Sicht taubstumm“… (DAT, Seite 36). Zum Schluss des Themas Offenbarung noch zwei Episoden, bei denen nicht ganz klar ist, ob man darüber lachen oder weinen soll: Obwohl die abrahamitischen Religionen ja nachdrücklich darauf hingewiesen haben, dass Gott sein Offenbarungs-Soll erfüllt hat und weitere Offenbarungen nicht zu erwarten sind, wimmelte es im Amerika der Siedlerzeit von selbsternannten Propheten. Einer der erfolgreichsten Gottesmänner damals hieß Joseph Smith aus dem Staate New York. Der behauptete im Jahre 1827, ihm sei ein Engel namens Moroni erschienen, der ihm offenbart habe, auf versteckten Goldplatten seien heilige Schriften eingraviert, die (nur) er mit Hilfe von zwei Zaubersteinen (Urim und Tummin) übersetzen könne. Smith´s Geschichte ist echt krass, sie kann in Büchern und im Internet nachgelesen werden, deshalb hier nur ein kurzer Abriss: Aus seinem Hokuspokus zauberte der wortgewandte Mr. Smith erst ein Buch mit Namen „Mormon“, dann eine neue Religion mit christlicher Prägung. Das Ergebnis ist nicht mehr zum Lachen: Die Mormonen (oder auch: Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage) sind heute eine anerkannte Religionsgemeinschaft mit weltweit 15 Millionen Gläubigen! Sie zählen sich zur Christengemeinde, auch wenn die katholische und evangelische Verwandtschaft davon nichts wissen will… Die zweite Episode schließt das Thema ab. Auch hier reizt die Lektüre eher zum Kopfschütteln denn zu heiliger Ehrfurcht, aber das könnte der sündige Mensch bitter bereuen, denn auf Missachtung der Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 168 Heiligen Schrift steht die ewige Verdammnis. Auch diesmal geht es um die Offenbarung des Propheten Jesaja, nun Kapitel 8, das in der Bibel mit der Überschrift Eilebeute-Raubebald versehen ist. Nein, das ist kein Name aus dem „Räuber Hotzenplotz“, sondern der gottgegebene Name von Jesajas Sohn. Wörtlich heißt es: „Der Herr sagte zu mir: Nimm dir eine große Tafel und schreibe darauf in deutlich lesbarer Schrift: Eilebeute-Raubebald. Ich zeigte die Tafel zwei zuverlässigen Zeugen, dem Priester Urija und Secharja, dem Sohn Jeberechjas. Als ich dann mit meiner Frau, der Prophetin, schlief, wurde sie schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Da befahl mir der Herr: Nenn ihn Eilebeute-Raubebald! Denn bevor er Vater und Mutter sagen kann, werden die Reichtümer von Damaskus und die Schätze von Samaria dem König von Assyrien zur Beute fallen“. Gottes Offenbarung, sagt die Kirche, ist absolut wahr, auch wenn sie nicht immer mit dem Verstand zu fassen ist. Man benötige dazu nur das Himmelsgeschenk des Glaubens… Kapitel 12 Fides et ratio, die Sache mit der Offenbarung 169

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.