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Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 145 - 156

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-145

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher Der Heilige Augustinus, von dem jeder Christ irgendwann mal gehört hat, ohne nähere Details von diesem berühmtesten aller Kirchenlehrer zu kennen, beschäftigt die Theologen in aller Welt seit über 1600 Jahren. Manche glühen vor Ehrfurcht und Begeisterung, wenn das Gespräch auf den Bischof von Hippo kommt. Andere ziehen eine Schnute über den frommen Eiferer, der das Christentum neben Paulus geprägt hat wie kein Zweiter. Augustinus selbst ist ohne seinen Bruder im Geiste, Ambrosius von Mailand, kaum denkbar. Deshalb betrachten wir hier die beiden Naturtalente gemeinsam, zumal sie auch zur selben Zeit lebten. Augustinus war eine krasse Type, ein Frauenschwarm und Lebemensch, der hoch hinaus wollte und dies auch schaffte. Lange Jahre irrte er als Sinnsucher durchs Leben, immer auf der Pirsch nach der Wahrheit und dem „echten Glauben“, stets zweifelnd und unzufrieden mit sich und der Welt – bis zu seinem persönlichen „Damaskus-Erlebnis“, das ihm sein verehrter Lehrmeister Paulus indirekt bescherte. Ursprünglich war Augustinus Heide gewesen, dann Manichäer, eine Mode-Religion zu jener Zeit, die ihren Ursprung im Gnostizismus und Neoplatonismus hatte. Augustinus war fasziniert von Ambrosius (339–397), der ein ausgesprochen fixer Kopf gewesen sein muss, wie sich an seiner spektakulären Turbo-Karriere ablesen lässt: Ambrosius, als Sohn eines römischen Aristokraten in Trier geboren, war und ist der erste und einzige Christ, der noch vor seiner Taufe zum Bischof gewählt wurde. Innerhalb einer einzigen Woche wurde er tatsächlich Diakon, Priester und Bischof! Das kam so: In Mailand wurde 374 der Bischofsstuhl vakant, nachdem Amtsinhaber Auxentius gestorben war. Zur Wahl des Nachfolgers in der Basilika kam auch der politische Präfekt der Provinz Aemilia-Liguria, eben jener Ambrosius, um mögliche Unruhen zu ver- Kapitel 11 145 hindern. Er ergriff das Wort für eine kurze Ansprache – und wurde spontan aufgefordert (angeblich von einem Kind), selbst als Bischof zu kandidieren. Nun, er wurde es dann, wie wir wissen, und er wurde ein richtig starker „politischer“ Bischof, der sogar dem Kaiser die Stirn bot, wenn auch auf fragwürdige Weise: Weil Kaiser Theodosius I. einen Bischof in Kallinikon bestrafen wollte, der den Plebs zu einem Juden- Progrom mit zahlreichen Toten aufgehetzt hatte, schritt Ambrosius ein und verhinderte das kaiserliche Edikt. Später demütigte er Theodosius abermals, als er ihm die Exkommunikation androhte, wenn er nicht öffentlich Buße täte für das „Massaker von Thessaloniki“ (dort war es zu einem blutigen Aufstand im Hippodrom gekommen). Der Kaiser kuschte vor dem Bischof und parierte. Ambrosius hatte auch den Rhetoriker Augustinus in seinen Bann gezogen. Anfangs ging dieser nur deshalb in die Mailänder Kirche, weil er die famosen Predigten des Ambrosius hören wollte. Doch so schlau Ambrosius auch war, in seinem Werk de paradiso („Über das Paradies“) unterlief ihm ein gravierender Fehler (der m.E. von den Theologen nicht hinreichend gewürdigt wird): Ambrosius kam in seiner Genesis-Analyse über den „Baum der Erkenntnis“ zu der interessanten Feststellung, dass „dieser Baum im Paradies zur Vollendung des göttlichen Plans gewachsen“ sei, um „die überragende Geltung des Guten erkennen zu können“. Ohne Kenntnis den Guten könne man das Böse ja nicht erkennen und umgekehrt. Und ohne Kenntnis des Bösen, so Ambrosius in erhellender Logik, „wüssten wir nicht, dass das Gute gut ist“. Das ist eine simple Wahrheit – aber theologisch nicht zu Ende gedacht. Denn aus dieser zwingenden Logik folgert ja die Konsequenz, dass „gut“ und „böse“ einander bedingen, das Böse also notwendig ist! Zudem ist diese Wahrheit überaus fragwürdig für die offizielle Lehre der Kirche, die den Menschen weismachen will, nicht der gütige Gott, sondern der schlechte Mensch sei schuld am Übel in der Welt. Wenn aber der „Baum der Erkenntnis“, dessen einziger Sinn darin bestand, Adam und Eva (= den Menschen) die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu ermöglichen, Teil des „göttlichen Plans“ war, dann heißt das schlicht: Gott hat es so gewollt – mithin auch den Sündenfall. Demnach wären die Menschen aber aus dem Schneider! Sie wären nicht mehr die furchtbaren Sünder, die Gottes herrliches Weltenwerk Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 146 durch ihre ungezügelte Begierde jäh zerstört haben. Sondern ausführender Teil eines göttlichen Plans. Zwei Brüder im Geiste, die das Christentum maßgeblich geprägt haben: Der heilige Ambrosius (links) und der von ihm getaufte Startheologe und Kirchenlehrer Augustinus. Ambrosius hat auch ein paar bemerkenswerte Urteile über Frauen gefällt, die sein Verehrer Augustinus nur allzu gerne übernommen hat. Für Ambrosius war klar: „Die Frau verführte den Mann von der Wahrheit zur Sünde“. Gott in seiner unvergleichlichen Güte habe der Sünderin allerdings vergeben, „damit sie ihrem Mann in Zuwendung diene“. In einem ganz entscheidenden Satz des Bischofs ist wie so oft in christlichen Schriften die Diskriminierung der Frau mit einem versteckten Vorwurf verbunden – und mit der Verherrlichung des Mannes: „Die Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 147 Frau ist Symbol unserer Sinnlichkeit, der Mann Symbol des Geistes“. Geradezu bösartig verdreht Ambrosius die Verhältnisse beim archaischen Zwist der biblischen Brüder Jakob und Esau, der für die Gnadenlehre des Augustinus von entscheidender Bedeutung werden sollte: Ambrosius deutete den skandalösen Vorgang nämlich einfach um. Dreist behauptete der Bischof, Isaaks Sohn Esau habe „durch seine Genusssucht“ sein Erstgeburtsrecht „verkauft“. Tatsächlich war es genau umgekehrt: Gottesliebling Jakob hatte seinen Bruder Esau schlicht erpresst (1. Mos 25,29-33). Während sich die theologische Bedeutung des Bischofs von Mailand aber in Grenzen hielt, war das unermüdliche Schaffen seines Freundes und Gesinnungsgenossen Augustinus von immenser Wirkung. Augustinus galt und gilt nicht nur als größter Kirchenvater und Kirchenlehrer, er hat das Christentum und damit das politische und gesellschaftliche Leben weit mehr als tausend Jahre lang maßgeblich geprägt. War der Apostel Paulus der eigentliche Begründer des Christentums, so steht Augustinus die Rolle des christlichen Chef-Ideologen zu: Er hat die theologische Programmatik geschaffen, an denen sich Päpste, Bischöfe, Pfarrer und Gläubige jahrhundertelang orientieren sollten. Augustinus brachte nicht nur unfassbar viel zu Papier (er schrieb mehrere Dutzend Bücher sowie hunderte Schriften und Predigten), allein sein opulentes Werk „Über den Gottesstaat“ (de civitate die) umfasst 22 Bücher. Über Augustinus selbst und seine Theologie sind in der Folgezeit ganze Bibliotheken entstanden, das Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg zählt über 50 000 Bücher an Sekundärliteratur. Die Werke von und über Augustinus sind so immens, dass sie selbst für Experten unüberschaubar wurden. Das Interesse an dem Mann aus Afrika ist aber auch deshalb so außergewöhnlich, weil er in seiner vielleicht wichtigsten Schrift Rechenschaft über sich und sein Leben abgelegt hat: Seine Confessiones („Bekenntnisse“), vollgespickt mit Psalmen und Gebeten, lesen sich wie ein schonungsloser autobiographischer Beicht-Roman. Da diese leidenschaftliche Offenbarung vollständig erhalten ist, sind wir also aus erster Hand über die Person Augustinus informiert. Geboren 354 in Thagaste (heutiges Algerien), Schulausbildung in Kathargo, Sohn eines mittleren Staatsbeamten, zu dem er im Gegen- Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 148 satz zu Mutter Monika nur eine lose Beziehung hatte. Augustinus war kein besonders eifriger Schüler. Als junger Mann musste er das Studium der Rhetorik abbrechen, da Papas Finanzen knapp wurden. 17Jährig hatte er sich in Kathargo in ein Mädchen verliebt, mit dem er dann im damals üblichen Konkubinat zusammenlebte. Schon mit 18 Jahren wurde er Vater eines Sohnes („Adeodatus“ = der von Gott gegebene), zu dem er ebenfalls keine emotionale Beziehung aufbauen konnte. Auf der Suche nach geistiger Erfüllung fand Augustinus dann Zuflucht beim Manichäismus, einer Religion des persischen Philosophen Mani (eine gnostisch beeinflusste Offenbarungsreligion, die strenge Askese vorschrieb). Nach einer Zwischenstation in Rom, wo er sich enttäuscht vom Manichäismus wieder abwandte, kam Augustinus als gesetzter Mann von 30 Jahren schließlich in die Kaiserstadt Mailand, um dort als Rhetorikprofessor zu arbeiten. Hier erlebte er dann eine religiöse „Erweckung“, die sein Leben radikal verändern sollte. Wir lassen Augustinus selbst reden, denn gerade in der ihm eigenen blumig-leidenschaftlichen Sprache, für die er auch berühmt werden sollte, wird seine schillernde Persönlichkeit am besten sichtbar. Die Szene spielt im Garten seiner Mailänder Residenz, wo er sich mit seinem Freund Alypius aufhielt. Schon länger plagten ihn Depressionen und schwere innere Konflikte, an diesem Nachmittag wurden sie übermächtig. Sein psychischer Ausnahmezustand und das „tiefe Nachdenken über mein ganzes Elend“ führten schließlich zu einem „gewaltigen Tränensturz“. Beschämt verließ er Alypius. „Ich warf mich unter einen Feigenbaum nieder und ließ meinen Tränen freien Lauf “. Heftig schluchzend wandte er sich, obwohl noch kein Christ, immer wieder an den Gott der Christen/Juden, unter eifriger Benutzung von Psalmen aus den alten Schriften: „Herr, wie lange noch? Wirst du mir bis ans Ende zürnen? Ach gedenke nicht meiner alten Sünden!“ (Ps 7,4). Dann geht es spannend wie in einem Krimi weiter: „Und auf einmal hörte ich aus einem Nachbarhaus die Stimme eines Knaben oder Mädchens wiederholt laut sagen: Nimm und lies, nimm und lies! Sogleich veränderte sich meine Gesicht (gemeint ist: Gemüt)… Ich dämmte den Tränenfluss und stand auf, ich wusste keine andere Deutung, als dass Gott mir befehle, ein Buch zu öffnen und die Stelle zu lesen, auf die ich als erste stieß“. Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 149 So kehrte er eilends auf den Platz zurück, wo Alypius saß, dort hatte er nämlich beim Aufstehen das Buch des Apostels (Paulus) hingelegt. „Ich nahm es, schlug es auf und las die erste Stelle, worauf meine Augen fielen: Nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Beischlaf und Unzucht, nicht in Streit und Gezänk, sondern zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt nicht den Leib zur Erregung der Begierlichkeit. Weiter wollte ich nicht lesen, es war nicht nötig. Denn kaum hatte ich den Satz zu Ende gelesen, ergoss sich wie ein Licht die Gewissheit in mein Herz, und alle Schatten des Zweifels waren zerstoben“. Ein (konstruiertes?) Weltereignis, das sich wie eine Passage aus einer Schnulze von Hedwig Courths-Mahler liest. Wir wissen nicht, wie ehrlich die Geschichte erzählt ist, ob der Autor seiner Phantasie freien Lauf ließ, oder wie zufällig diese Bibelstelle (Röm 13,13-14) tatsächlich war. Mit diesen zwei Versen aus dem Römerbrief des Apostels Paulus war jedenfalls der Gotteskrieger Augustinus geboren, dessen Theologie das gesamte Christentum und darüber hinaus die Philosophie bis zur heutigen Zeit entscheidend prägen sollte. Ein Jahr später (387) ließ sich Augustinus taufen, natürlich in der Mailänder Basilika und von Bischof Ambrosius persönlich. Wie oben erwähnt, war dieser Ambrosius wie die Jungfrau zum Kinde zur Bischofsehre von Mailand gekommen, was den theologischen Autodidakten aber nicht daran hinderte, die Evangelien und die Briefe des Christengründers Paulus so zu interpretieren, wie er sie verstand, beziehungsweise verstehen wollte. An dieser speziellen Methode der Allegorese nahm sich Augustinus ein Beispiel und begann, das wohl umfassendste theologische Gesamtwerk der Geschichte zu schreiben. Da es unmöglich ist, Augustins monumentale Bücher und Schriften an dieser Stelle auch nur annähernd zu erläutern, wollen wir uns auf eine kleine Rezeption der historischen Figur Augustinus konzentrieren. Diese besteht zuerst einmal darin, Augustinus als einen der größten Geister zu bezeichnen, die je gelebt haben. Selbst seine (zahlreichen) Gegner müssen unumwunden zugeben, dass dieser ungewöhnliche Mann aus Nordafrika sich mit einer Leidenschaft und Energie in das (neue) Christentum stürzte und den „Heiligen Schriften“ ein inhaltliches Fundament gab, die ihresgleichen suchen. Nur wenige Gelehrte konnten mit der Geistes- und Argumentationskraft des Augustinus mithalten, niemand erreichte den Grad der Besessenheit, mit der Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 150 er sein künftiges Leben ausschließlich und kompromisslos Jesus Christus und der neuen Lehre widmete. Auch seiner Schaffenskraft hatte niemand etwas entgegen zu setzen, und so blieben schließlich selbst so kluge Konzepte wie die des Marcion und Julianus von Aeclanum sowie Celsus und Pelagius chancenlos gegen die intellektuelle Urkraft des (späteren) Bischofs von Hippo. Augustinus ging systematisch vor. Da er sich mit jeder Faser seiner Seele dem Christentum verschrieben hatte, musste er zuerst eine theologische Begründung für die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schriften finden. Dabei kam ihm Ambrosius zu Hilfe, der ebenfalls fleißig Texte schrieb und predigte, und dabei wie erwähnt gern zum Mittel der allegorischen Deutung griff. Mit dieser Methode konnte der Mailänder Bischof angeblich „Dunkelheiten und Unstimmigkeiten des Alten Testaments aufhellen“ (der Theologe Ernst Dassmann in seinem Buch Augustinus, Verlag Kohlhammer). Diese Behauptung des Bonner Professors ist typisch für eines der Kernprobleme nicht nur des Christentums, sondern nahezu aller Religionen: Man deutet und interpretiert es einfach so, wie man es gern hätte. Die „Dunkelheiten und Unstimmigkeiten des AT“ wurden jedenfalls weder von Ambrosius noch von Augustinus oder sonst jemandem aufgehellt. Sie sind und bleiben so dunkel und unstimmig, wie sie immer waren. Daran änderte auch Augustinus ´ Chuzpe nichts, bei einem Widerspruch zwischen einem Satz in der Bibel und einer „klar erkannten Wahrheit“ nicht etwa den Bibelsatz als falsch zu akzeptieren – sondern ihn „so auszulegen, dass der Widerspruch sich löst“ (Dassmann, Seite 96). Wenn man all die Augustinus-Versteher und -Verehrer liest (es gibt sie massenhaft), die den armen Konvertiten bedauern, weil er sich an der Gottesfrage zermürbt habe, weil er Gott anthropomorph dachte und glaubte, alles Seiende müsse „irgendwie stofflich“ gedacht werden, da bekommt man fast Mitleid mit Augustinus. Obwohl ihm doch die „befreiende Erkenntnis“ zuteil wurde, dass es neben dem Stofflichen noch ein „rein geistiges Sein“ gibt und Gott als „Urgrund des Seins“ – ein Geist ist! Als der Gesinnungsbruder Ambrosius dann noch predigte, Gottes Allmacht und seine Allwissenheit seien grenzenlos, ihm sei „kein Ding unmöglich“ (in: de fide libri V), wusste Augustinus endgültig Bescheid. Zweifel an der biblischen Kernaussage, Gott sei grundsätzlich „immer gerecht“, ließ er fortan nicht mehr zu. Und so versuch- Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 151 te der Heilige Augustinus, seine unselige Gnadenlehre ausgerechnet mit einer der größten Ungerechtigkeiten der Bibel zu erklären: der willkürlichen Benachteiligung von Esau gegenüber seinem Bruder Jakob durch Gott (Maleachi 1,2-3 und Römer 9,13). Wir kommen noch darauf zurück. Die Lehren Augustins zur Prädestination und zur Erbsünde sollten den Glauben der Menschen für Jahrhunderte nachhaltig prägen. Sie formten das Christentum zu einer regelrechten Religion der Angst. Abermillionen, ja Milliarden Menschen glaub(t)en seitdem, dass – alles im Leben vorherbestimmt ist; – jeder Mensch mit einer Erbsünde auf die Welt kommt; – sexuelle Lust und Begierde „aus sich heraus böse“ sind; – der Mensch allein durch Gottes Gnade „erlöst“ werden kann. Augustinus behauptete – um seine Gnadenlehre zu begründen – allen Ernstes, dass der Heilsplan Gottes seit ewigen Zeiten feststehe und entsprechend „alles“ im Leben vorherbestimmt sei. Gläubig und damit vorbereitet für das Heil werde der Mensch allein aufgrund der electio (Erwählung) durch Gott. Die electio sei aber ein reiner Gnadenakt, also vom Willen des Menschen nicht beeinflussbar. In seiner Spätschrift de praedestinatione sanctorum versteigt sich Augustinus gar zu der Behauptung, Gottes Barmherzigkeit konzentriere sich zwar auf die von ihm Erwählten, doch der Herr sei deshalb mitnichten ungerecht, sondern lasse eben nur zu, das der sündige Mensch bekomme, was er verdiene: Gottesferne durch die ewige Verdammnis. In seiner Begründung für diese Absurdität beruft sich Augustinus immer wieder auf den Apostel Paulus (Röm 9,16-20). Kritik oder irgendwelche Einwände werden mit dem paulinisch-augustinischen Totschlagargument abgebügelt: „Mensch, wer bist du, dass du mit Gott rechten willst!?“ Wurde wenigstens die Prädestinationslehre Augustins keine offizielle Kirchenmeinung, so machte seine Erbsündenlehre Karriere bis hin zum Dogma. Auf dem Konzil von Trient wurde am 17. April 1546 die Lehre über die Erbsünde in Stein gemeißelt (Ut fides nostra catholica). Auch heute noch (!) heißt es im Neuner-Roos-Lehrbuch Der Glaube der Kirche: „Adam hat gesündigt…. (seine) Sünde ist auf alle seine Nachkommen übergegangen und haftet einem jeden Menschen an. Übertragen wird die Erbsünde … mittels der Zeugung“. Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 152 Man muss sich das vor Augen führen: Allen Ernstes sagte Augustinus, dass mit dem natürlichsten Prozess der Natur, der Fortpflanzung, die Sünde verbunden sei! Dass jeder Mensch mit einer Erbsünde auf die Welt komme. Und zwar durch jenen Akt der Zeugung, den Augustinus verteufelt und zur „bösen“ Begierde (concupiscentia) stilisiert hat. Die Erbsünden-Theorie des Heiligen von Hippo ist jedenfalls dermaßen grotesk, dass man sich wundern muss über den Eifer frommer Theologen, die das Thema seit 1600 Jahren nach allen Regeln der Kunst analysieren – und trotzdem noch ernst nehmen. Wie ist es möglich, dass intelligente Menschen solch eine grandiose Beleidigung des menschlichen Geistes akzeptieren: Weil der „erste Mensch“ Adam (den es gar nicht gab, siehe Kapitel 1), gegen ein Verbot verstoßen haben soll (das es, weil es Adam nicht gab, auch nicht gegeben haben kann), sollen alle Menschen, die jemals geboren wurden und werden, schon als Babys mit einer Sünde belastet sein, die ohne reinigende Taufe zur ewigen Verdammnis führt! Eine schlimme Theorie ähnlichen Kalibers ist seine Gnadenlehre, die eng mit der Lehre vom freien Willen, der Prädestination und der Erbsünde verwoben ist. Völlig zurecht hat sie der Universalgelehrte Kurt Flasch (Mainz) als „Logik des Schreckens“ bezeichnet. Sie basiert, wie üblich, auf Schriften des Apostels Paulus, ohne den die Theologie von Augustinus nicht denkbar ist. Damit man dessen Gnadenlehre aber überhaupt verstehen kann, muss man Kapitel 9 des Römerbriefes kennen. Darin nimmt Paulus Bezug auf das 1. Buch Mose und auf den Propheten Maleachi. Es geht um die Ungeheuerlichkeit, dass Gott Isaaks Zwillingssöhne Esau und Jakob unterschiedlich beurteilt. Noch bevor sie geboren sind, sagt der Herr: „Der Ältere (Esau) wird dem Jüngeren (Jakob) dienen“. Und, noch schlimmer: „Jakob habe ich geliebt; Esau aber habe ich gehasst!“ Die Kurzform der Augustinischen Gnadenlehre geht so: Der Mensch ist grundsätzlich, wegen Adams und Evas Ungehorsam, ein Sünder. Und Sünder fallen der ewigen Verdammnis anheim. Jetzt kommt´s: Da Gott aber gütig und barmherzig ist, „wählt“ er bestimmte Menschen aus, die „erlöst“ und „gerechtfertigt“ werden. Diese erlangen dann, wenn sie sich auch sonst im Leben anständig verhalten, die ewige Glückseligkeit. Die Freiheit Gottes, ungeachtet irgendwelcher Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 153 Verdienste des Menschen erwählen zu können, wen er will, wird „Gnade“ genannt. Wer die Langform der Augustinischen Gnadenlehre lesen will, hat die Auswahl unter mehreren Tausend Büchern, denn seit Augustinus das Thema in einem Schreiben an den Mailänder Bischof Simplician (De diversis quaestionibus ad Simplicianum I 2) erörtert hat, befassen sich die Gelehrten weltweit in heiligem Eifer mit diesen Thesen. Voraussetzung für die Gnade Gottes ist demnach der freie Wille des Menschen, Gutes oder Böses zu tun. In nachvollziehbarer Logik schreibt Augustinus: „Unser Wille wäre kein Wille, wenn er nicht in unserer Macht stünde. Aber weil er in unserer Macht steht, ist er frei“. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn der Mensch ist ja nicht wirklich frei: „Die Begierde“ (Konskupiszenz) hat ihn fest im Griff, zumindest sieht das Augustinus so. Aus seinem Dilemma komme der Mensch nur heraus, wenn er der Begierde entsagt und an Jesus Christus glaubt. Aber, eine weitere Hürde: zum unabdingbaren Glauben ist zusätzlich Gottes Gnade erforderlich. Daraus ergibt sich eine entscheidende Frage: Nach welchen Kriterien gewährt Gott denn seine Gnade? Wenn der Mensch diese nicht kennt, kann er sich ja auch nicht danach richten. Die Antwort, die Augustinus gibt, klingt billig und dürftig. Was er als Antwort versteht, ist die stete Wiederholung der paulinischen Standard-Formel: „Der Herr erbarmt sich, wessen er will; und er verstockt, wen er will!“ (Röm 9,18). Wer diesen Vers tatsächlich ernst nimmt in all seinen Konsequenzen und als Gottes wahres Wort begreift, braucht an dieser Stelle eigentlich nicht weiter nachzudenken. Er zeigt damit, dass er seinen (von Gott gegebenen) Verstand an der Kirchentür abgegeben hat. Denn mit seiner schicksalhaften Behauptung sagt Paulus ja nichts anderes, als dass der Allmächtige willkürlich handelt, sich also nicht an (ethischen) Maßstäben orientiert. Damit sitzt der Mensch aber in der Falle: Er ist dem Willen, bzw. der Gnade des Herrn vollkommen ausgeliefert. Selbst kann er nichts zu seiner Erlösung beitragen, weder durch intensiven Glauben noch durch gute Taten oder ein gottesfürchtiges Leben. Der Herr erbarmt sich, wessen er will; und er verstockt, wen er will. Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 154 Normalerweise müsste man eine solch fragwürdige These einfach ignorieren. Doch die Geschichte lehrt etwas anderes: Die Augustinische Gnadenlehre machte Karriere, und zwar auf verhängnisvolle Weise! Sie wurde erst in Kirchenkreisen, dann in der Gesellschaft als Legitimation für Gewaltanwendung verstanden und missbraucht. Der Historiker Kurt Flasch nennt Augustins Gnaden- und Erbsündenlehre „ein Ferment der europäischen Geschichte, das Staatsereignisse bestimmte“. Zum Beispiel bei der Verfolgung der Katharer und der Vertreibung der Hugenotten. Vor allem aber habe diese furchtbare Lehre die Kultur der Angst in Europa verschärft. Flasch zitiert seinen französischen Kollegen Jean Delumeau, dessen berühmtes Buch Angst im Abendland – die Geschichte kollektiver Ängste in Europa einen prominenten Hauptdarsteller hat: Augustinus. Noch im vergangenen Jahrhundert, so Delumeau, haben fromme Mütter ihre Neugeborenen nicht geküsst, bevor diese nicht getauft waren! Die Babys waren ja „kontaminiert“ mit der Erbsünde… Kapitel 11 Ambrosius und Augustinus, Brüder im Geiste und Sündenmacher 155

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.