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Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 137 - 144

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-137

Tectum, Baden-Baden
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Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau Die Zahl der Kirchen, Kapellen, Kliniken und Kindergärten auf den Namen Maria ist unendlich groß. Niemand kann die exakte Zahl angeben, niemand weiß, wie viele tausend Grotten, Gedenk- oder Wallfahrtsorte es weltweit gibt, die der Muttergottes geweiht sind. Maria ist zur Übermutter für alle Christen dieser Welt geworden, offiziell allerdings nur der katholischen Christen; die Protestanten verehren sie heimlich. Aber auch für Ungläubige ist Maria der Inbegriff weiblicher Göttlichkeit, eine Heilige und Ikone, deren spirituelle Bedeutung kaum zu ermessen ist. Sie wird „angehimmelt“ wie keine zweite Frau auf dieser Welt, ihr Image als Inkarnation von Reinheit und Schönheit ist absolut. Das Problem dieser Vergöttlichung der biblischen Maria sei auch gleich genannt: So gut wie nichts an diesem Bild stimmt! Miryam aus Nazareth war weder Jungfrau, noch war sie göttlich. Wie sie ausgesehen hat, weiß auch niemand, und verehrt wurde sie zu Lebzeiten von keiner Menschenseele – im Gegenteil: Es gab sogar jemanden, der alles andere als freundlich zu ihr war: Ihr eigener Sohn, Jesus Christus. Wir kommen noch darauf zurück. Maria ist ein Paradebeispiel für das unstillbare Bedürfnis der Religion, eine bestimmte (menschliche) Figur zu ikonisieren und als „Heilige“ zu stilisieren. Auch die Religionsgründer Konfuzius, Buddha und Zarathustra gehören in diese Kategorie. Maria steht noch eine Stufe höher, denn sie kann Wunder bewirken (wenn man daran glaubt). Die flehentliche Bitte Maria hilf! ist fester Bestandteil marianischer Gebete oder Prozessionen überall in der christlichen Welt. Und dass Maria scheinbar tatsächlich geholfen hat, kann man in den unzähligen Kirchen und Kapellen nachlesen, wo dankbare Gläubige kleine Votiftafeln mit der Aufschrift Maria hat geholfen! neben einer Armada von Kerzen aufgestellt haben. Das Bedürfnis, die Gottesmutter anzubeten und an- Kapitel 10 137 zuflehen, ist jedenfalls grenzenlos. Die katholische Kirche bietet gleich 30 Gedenk- und Feiertage an, der Monat Mai ist gänzlich der Heiligen Jungfrau gewidmet. In zahlreichen Ländern der Erde kann man zudem in Wallfahrtsorte pilgern, Orte, in denen Maria angeblich schon „erschienen“ ist: In Lourdes (Frankreich), Fatima (Portugal), Aparecita (Brasilien) oder in Marpingen (Deutschland) und vielerorts sonstwo. Allein die vier genannten Orte besuchen jährlich bis zu 20 Millionen Menschen. Niemand hätte sich je vorstellen können, dass aus dem völlig unbekannten Mädchen aus dem Bergnest Nazareth in Galiläa die wichtigste Frau der Menschheitsgeschichte werden sollte. Zumal Maria, wenn die Berichte des Schriftgelehrten und Philosophen Celsus (ca 200 n.Chr.) zutreffen, womöglich ein schlimmes Schicksal widerfahren ist und sie Verführungsopfer eines römischen Soldaten namens Panthera wurde. Die so genannte Panthera-Legende geistert seit fast 2000 Jahren durch die Kirchengeschichte, und sie kann weder bestätigt noch widerlegt werden, auch wenn der Kirchenlehrer Origenes das intensiv versucht hat. Man kann auch darüber streiten, wer von den Kontrahenten fanatischer war: Celsus, der die erste kritische Schrift über das (neue) Christentum verfasst und dabei die Trinität (Dreifaltigkeit Gottes) als Hirngespinst dargestellt hat; oder Origenes, der sich so vehement in die neue Christenreligion verbissen hat, sodass er sich, um vor dem Herrn auch wirklich „rein“ zu bleiben, selbst kastriert hat. Auch in alten jüdischen Schriften wird behauptet, dass die damals etwa 15jährige Maria aus Nazareth von einem römischen Legionär geschwängert worden sei. Es gibt (christliche und jüdische) Autoren, die sogar offen davon sprechen, Jesus sei ein „Bastard“ gewesen. Deshalb habe auch Marias Mann Joseph ernsthaft überlegt, seine Verlobte zu verlassen. Mitunter wird zudem gemutmaßt, Marias (ungewollte) Schwangerschaft könne der Grund dafür gewesen sein, dass sie „eilends ins Gebirge“ zu ihrer Verwandten Elisabeth (der Mutter Johannes des Täufers) floh, wo sie „etwa drei Monate“ blieb (Lk 1,39 und 1,56). Wir wissen nicht, was damals wirklich passiert ist, auch die Evangelisten Matthäus, Markus und Johannes hatten keine Ahnung. Matthäus schreibt nur, dass Joseph von einem Engel des Herrn „im Traum“ über die Schwangerschaft seiner Maria informiert worden sei. Dann Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 138 zitiert Matthäus noch den Propheten Jesaja (7,14), der die Geburt des Herrn vorausgesagt hat, aber beim Namen (Immanuel) daneben lag. Markus und Johannes wissen gar nichts von der Geburtsgeschichte, bei ihnen ist Jesus schon erwachsen, als er in Erscheinung tritt. Lieblich, mit Engeln und Putten und Blumen und natürlich mit dem Kinde, wurde die Jungfrau Maria besonders gern dargestellt. Es ging den Künstlern vor allem darum, Sinnlichkeit zu wecken und die Vergöttlichung der Muttergottes zu fördern. Gemälde von Don Ramon Bayeu in der Kathedrale von Segovia/Spanien. Das Leben der Maria ist auch deshalb spannend, weil so gut wie nichts über sie bekannt ist! Eigentlich unglaublich, aber wahr: In der Bibel taucht der Name Maria nur wenige Male, und dann auch nur schattenhaft auf. Am besten kommt die Muttergottes noch in der „Weihnachtsgeschichte“ bei Lukas weg, danach versandet ihre Spur. Bei Johannes Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 139 taucht sie noch kurz anlässlich der Hochzeit zu Kana auf, als ihr Sohn Wasser zu Wein verwandelt; und bei Markus, als die Familie das merkwürdige Familienmitglied Jesus für „verrückt“ erklärt (Mk 21,3). Nach Angaben der Bibel soll sie beim Tod ihres Sohnes in Jerusalem dabei gewesen – und danach dem Jünger Johannes gefolgt sein (Joh 19,27), der nach Ephesos in Griechenland auswanderte. Die Legende besagt, dort sei sie auch gestorben, beziehungsweise in den Himmel aufgefahren. Offiziell nicht bekannt ist Marias Kindheitsgeschichte, die uns nur im Protevangelium des Jakobus überliefert ist. Diese Schrift wurde offenbar aus guten Gründen nicht kanonisiert, denn nach Angaben des Jakobus wurde Maria nicht kurz vor ihrer Empfängnis von einem Engel des Herrn über ihre große Aufgabe informiert, sondern es stand schon lange fest, dass sie etwas ganz Besonderes werden sollte. Nach Jakobus also hat Maria eine Spezialausbildung genossen, wie es sich für eine Gottesmutter gehört. „Unbefleckte Töchter der Hebräer“, also jüdische Jungfrauen, mussten sich um das Kind kümmern und für seine „Zerstreuung“ sorgen. Am ersten Geburtstag des prominenten Mädchens habe Vater Joachim ein großes Fest gegeben, zu dem er Hohepriester, Schriftgelehrte „und das ganze Volk Israel“ einlud (6,2). Die Priester segneten das Kind, Anna gab ihm die Mutterbrust und stimmte ein Loblied an: „Höret, Ihr zwölf Stämme Israels: Anna säugt!“ Als Maria drei Jahre alt war, gaben die Eltern das Kind weg – in den Tempel des Herrn nach Jerusalem! Gemeint ist wohl irgendein Umfeld des Tempels, denn das Allerheiligste durften Frauen nicht betreten. In Jerusalem wurde Maria laut Jakobus von sakralen Profis erzogen, bis zu ihrem zwölften Geburtstag. Ab diesem Alter galten Mädchen in der Antike als geschlechtsreif, was ein größeres Problem darstellte. Deshalb versammelten sich die Priester, um über Maria zu beraten, „dass sie den Tempel des Herrn nicht befleckt“ (8,2). Das klingt nicht nur befremdlich, das ist es auch: die künftige Muttergottes sollte irgendetwas beflecken können? Aber nun, es sollte noch „besser“ kommen: Denn Maria, so beschlossen die Hohepriester nach Angaben des Jakobus, sollte in einer Art göttlichem Losverfahren an den Mann gebracht werden! Allen Männern, die für Maria in Frage kamen, wurde also ein Stab überreicht, aus dem „Wunderzeichen“ kommen sollten. Das funktio- Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 140 nierte bei keinem der Anwärter – bis auf einen Mann mit Namen Joseph. Der war zwar schon ein älteres Semester, aber als er den Stab in die Hand nahm, „kam eine Taube daraus hervor und flog auf sein Haupt“. Damit war die Sache klar und Joseph „musste“ die Jungfrau Maria mit nach Hause nehmen. Sein Einspruch („Ich bin doch viel zu alt für sie“), ließen die Priester nicht gelten. Gott hatte – durch die Taube – gesprochen. Josef fügte sich in sein Schicksal und nahm Maria in Obhut. Vier Jahre gingen ins Land, dann wurde Maria plötzlich schwanger. Als der Bauhandwerker Joseph nach monatelanger Abwesenheit erschöpft von seiner Wanderarbeit zurück kam, fand er Maria zu seinem Entsetzen in anderen Umständen vor. Jakobus erzählt die Geschichte, als sei er persönlich dabei gewesen: Der brave Hebräer Joseph „schlug sein Angesicht, warf sich nieder auf den Sack und weinte bitterlich“. Dann fragte er voller Verzweiflung: „Wer hat mich hintergangen? Warum hast du das getan? Warum hast du deine Seele erniedrigt?“ Maria aber sprach: „So wahr der Herr lebt: Ich weiß nicht, woher mir das kommt!“ (Jakobus Kapitel 13). In der folgenden Nacht wurde dann endlich auch der arme Joseph informiert. Ein Engel des Herrn erschien ihm im Traum und sagte: „Fürchte dich nicht wegen dieses Mädchens. Denn das, was in ihr ist, stammt vom Heiligen Geist!“ Gott sei dank, nun war alles wieder gut. Josef wurde am Morgen erquickt wach „und lobte den Gott Israels, der ihm diese Gnade erwiesen hatte“ (14,2). Man mag heute über solche Märchen lächeln, doch in der Frühphase des Christentums wurden diese fabelhaften Geschichten von den Gläubigen begierig aufgesaugt. Nicht umsonst werden sie weiterhin, bis in die heutige Zeit hinein, gedruckt und veröffentlicht. Ob sie auch die im fünften Jahrhundert massiv einsetzende Marienverehrung befeuert haben, ist nicht nachprüfbar. Es war ein schleichender Prozess, der aus der „jungen Frau“ Maria erst (durch einen Übersetzungsfehler) die „Jungfrau“ Maria machte, und danach zur heiligen Ikone. Das Phänomen geht auch auf den weiblichen Teil der Gläubigen zurück, der sich offenbar nach einem femininen Aspekt in der männlich dominierten Götterwelt sehnte. Nach seriöser Reflexion aber war Maria, auch wenn sich das merkwürdig anhört, eher eine tragische Figur. Da die offizielle Bibel so gut Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 141 wie nichts über sie erzählt, kann nur aus dem Verhalten ihres Sohnes und der jüdischen Überlieferung aus jener Zeit geschlossen werden, dass die Muttergottes ein schwieriges, vielleicht sogar schlimmes Leben hatte. Ungeachtet dessen, ob man jetzt an die Zeugung durch den Heiligen Geist und die Jungfrauengeburt glaubt oder nicht: Wenn ihr „Verlobter“ Joseph wie berichtet nicht der Vater ihres (ersten) Kindes war, dann war sie in den Augen der Menschen damals entweder ein „Flittchen“, über das getuschelt wurde; oder eben das Opfer einer Vergewaltigung – über das genau so getuschelt wurde. Mit dieser Bürde zu leben, zumal in einer kleinen Gemeinde wie Nazareth, war sicherlich nicht leicht. Fest steht aber, das sagt auch die Bibel, dass Joseph und Maria auf natürliche Weise noch mehrere Kinder bekamen, und zwar mindestens noch vier Söhne und drei Töchter. Die Namen der Söhne sind bekannt (Jakobus, Joses, Judas und Simon), die der Töchter wurden wie üblich nicht genannt. Das heißt, Maria war eine ganz normale Frau und Mutter, die eine große Familie versorgen und entsprechend hart arbeiten musste. Ob sie durch ihr Schicksal „verhärmt“ wurde oder anderweitig litt, ist nicht bekannt. Aus der Bibel lässt sich aber zweifelsfrei entnehmen, dass sie ein problematisches Verhältnis zu ihrem Ältesten hatte, und dass Jesus – um es harmlos auszudrücken – sich schroff gegenüber seiner Mutter verhielt (Joh 2, 3-4). Es darf deshalb unterstellt werden, dass Jesus von seiner unehelichen Herkunft wusste (Joh 8,41) und vielleicht aus diesem Grund seiner Mutter gram war. Da wir zudem nichts über das Schicksal des (Stief-)Vaters Joseph wissen, der in der Bibel nach Jesu Geburt keine Erwähnung mehr findet, kann auch davon ausgegangen werden, dass Maria schon früh Witwe wurde. Eher unwahrscheinlich scheint indes, dass Maria ihrem Sohn zum Passafest nach Jerusalem gefolgt ist. Da Jesus offiziell nichts von ihr wissen wollte („Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?“, Mk 3,33), wird er sie wohl auch nicht mitgenommen haben, als er mit seinen Jüngern die 150 Kilometer weite Tour nach Jerusalem in Angriff nahm. Außerdem brach er mit Sicherheit von Karphanaum auf, wo er damals wohnte. Seine Mutter in Nazareth dürfte davon nichts mitbekommen haben. Und wenn doch, müsste sie ja (alleine oder mit anderen Frauen) dem Jesus-Tross nachgewandert sein. Aber auch das ergibt Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 142 keinen Sinn, denn zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass Jesus in Jerusalem am Kreuze sterben würde. Trotzdem taucht Maria plötzlich unter dem Kreuz auf, und zwar bei allen vier Evangelisten. Allerdings glaubte nur Johannes zu wissen, dass die Muttergottes künftig von dem „Jünger, den Jesus liebte“, betreut werden sollte. Dass sie dann mit diesem Jünger, vermutlich Johannes (nicht der Evangelist!), tatsächlich nach Ephesos in Griechenland ausgewandert ist, darf zumindest bezweifelt werden. Es bleibt, wie so vieles im Leben der „Jungfrau“ aus Nazareth, ein ewiges Geheimnis. So wie auch ihre angebliche Himmelfahrt, die zwar kein Zeitgenosse gesehen hat, die aber trotzdem von der katholischen Kirche weltweit am 15. August jeden Jahres zeremoniell gefeiert wird. Mancherorts sogar mit einem offiziellen, staatlich anerkannten Feiertag. Kapitel 10 Ikone Maria: Traurige Mutter, glorreiche Jungfrau 143

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.