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Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 13 - 20

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-13

Tectum, Baden-Baden
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De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte Adam war eigentlich ein armer Kerl, ein bedauernswerter Mensch. Sein spektakulärer Start ins Leben endete überaus tragisch, wie die biblische Geschichte bekundet. Das Geburtsdatum des ersten Menschen ist angeblich bekannt, der irische Theologe James Ussher (1581-1656) und ein paar andere christliche Kreationisten haben es genau ausgerechnet: Demnach erblickte Adam am 29. Oktober 4004 v. Chr. das Licht der Welt – und zwar als erwachsener, körperlich voll ausgebildeter Mensch. Jahwe, der Gott der Juden, hatte ihn aus dem Lehm der neuen Erde geformt und ihm den Odem des Lebens in die Nase gehaucht (Gen 2,7). Adam kam sechs Tage nach der Erschaffung der Welt ins Paradies, das der jüdisch-christliche Gott als Wohnort für seinen „Ebenbilder“ (Gen 1,26) vorgesehen hatte. Adam war deshalb ein armer Kerl, weil er Vollwaise war und nicht mal eine schlimme Kindheit hatte – er hatte gar keine. Weder Vater noch Mutter, noch sonstige Verwandtschaft oder irgendwelche Freunde. Adam kannte also weder Liebe noch Zuneigung und Fürsorge, und die erotische Liebe zu einer Frau kannte er anfangs auch nicht. Letzteres sollte sich immerhin ändern, und daran knüpft schon die erste Irritation der unfassbaren Schöpfungsgeschichte der christlichen Bibel an: Gott hatte nach Gen 2,18 vergessen einzukalkulieren, dass der Mensch „nicht gern allein“ ist, und so kam ihm erst nachträglich die Idee, ihm eine Frau zur Seite zu stellen. Dass er diese Frau nicht in bewährter Manier aus Lehm schuf und Odem in die Nase hauchte, sondern Eva operativ aus der rechten Rippe des ersten Menschen entnahm (Gen 2,21), ist zumindest merkwürdig. Man sollte auch nicht weiter darüber nachdenken, wie aus einer männlichen Rippe ein vollwertiges Weibsbild mit allem drum und dran werden konnte. Aber von solchen Merkwürdigkeiten wimmelt es in dieser alten Schrift, die „Genesis“ genannt und später als „heilig“, also unantastbar deklariert wurde. Kapitel 1 13 Auf die Entwicklungsgeschichte Adams und Evas, die wie erwähnt 4004 v. Chr. stattgefunden haben soll und nach neuester Forschung im Laufe des ersten Jahrtausends v. Chr. aufgeschrieben wurde, kommen wir in Kapitel 3 zurück. Zuvor wollen wir einen Blick auf die tatsächliche Entstehung der Welt werfen, so wie sie von wissenschaftlichen Kapazitäten akribisch erforscht wurde und heute in den Lehrbüchern steht. Dieser Blick offenbart eine drastisch andere Schöpfung als jene, die uns die Bibel erzählt: Und nach dem gültigen Stand der Wissenschaft ist die Welt natürlich nicht im Oktober des Jahres 4004 v. Chr. geschaffen worden, sondern mindestens 13,5 Milliarden Jahre zuvor. Die klügsten Astrophysiker der Erde – zu ihnen zählt auch das im März 2018 verstorbene Mathematik- und Physikgenie Stephen Hawking – sind sich weitgehend einig, dass die Erschaffung der Welt etwa folgendermaßen vor sich ging, nach dem so genannten Bottomup-Ansatz der Kosmologie: Am Anfang war: nichts. Beziehungsweise nur eine unfassbar verdichtete Materie. Irgendwann gab es einen „Urknall“ – und spätestens an diesem Punkt muss man zugeben, dass die physikalische Erklärung des Kosmos genau so unglaublich klingt wie die Behauptung der Religion(en), ein oder mehrere Geisterwesen göttlichen Zuschnitts hätten das All und somit die Welt erschaffen. Denn angeblich hatte das gesamte Universum damals nur einen winzigen Durchmesser. Nach der Explosion der Ur-Materie, ausgelöst durch – „Gott“?, dehnte sich der Raum jedenfalls mit rasender Geschwindigkeit und unaufhaltsam aus. Ab dieser kosmischen „Stunde Null“, in der gigantische Mengen an Energie frei gesetzt wurden, waren die physikalischen Gesetze aktiviert und entwickelten die (vier) Naturkräfte: – die starke Kernkraft – die schwache Kernkraft – die elektromagnetische Kraft – die Gravitation Die Stärke dieser Kräfte weicht in gravierender Weise voneinander ab, aber ihre Relation und Korrelation sind auf „göttliche“ Weise ausgeklügelt. Wenn die Kräfte auch nur einen Hauch anders justiert wären als sie sind, sagen Molekular-Biologen, hätte es niemals Sterne und Galaxien gegeben, mithin auch keine Atome und Aminosäuren – und somit kein Leben. Da wir in diesem Buch aber nicht in die Kosmologie Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 14 abdriften wollen, sei die weitere Expansion des Alls im absoluten Zeitraffer dargestellt: Nach etwa 400 Millionen Jahren bildeten sich die ersten Sterne, Galaxien und Planeten, das Weltall nahm Konturen an. Forscher schätzen, nach radiometrischen Gesteinsmessungen, dass unsere Erde vor etwa 4,53 Milliarden Jahren entstanden ist. Die Evolution brauchte also mehrere Milliarden Jahre, um Leben entstehen zu lassen. Man vermutet, dass die ersten Eukaryoten (Zellen mit Kern) vor rund 1,5 Milliarden Jahren entstanden sind, aus einer „Ursuppe“, die sich im Verlauf der chemischen Evolution, die auf die physikalische folgte, gebildet hat. Diese Ursuppe bestand aus dem Dunst der Meere, vermengt mit Methan, Ammoniak und Wasserstoff, die als Vulkanschwaden über der Erde schwebten. Eine der (vielen) Theorien besagt, dass elektrische Energie (Blitze) aus diesem Gasgemisch auf der Erde erste Aminosäuren erzeugt hat – die Bausteine des Lebens. Winzige Einzeller im Wasser, die Cyanobakterien, nutzten schließlich das helle Licht der Sonne zur Photosynthese und schufen so die Grundlage für „echtes“ Leben: Sauerstoff. Mit der Entstehung des Auges, erstmals bei den Trilobiten (insektenähnliche Organismen) nachgewiesen, wuchs dann das Ökosystem Erde, denn nun konnten die Lebewesen ihre Nahrung selbst suchen und finden. Vor 520 Millionen Jahren tauchten die ersten Wirbeltiere als kiefernlose Fische auf, danach Amphibien (370 Mio Jahre), Reptilien (310), schließlich die ersten Vögel und Säugetiere. Es entstanden Algen, Pilze und Pflanzen, die Erde wurde grün und allmählich „lebenswert“. Doch dann passierte, nicht zum ersten Mal, eine gigantische Katastrophe. Durchaus ein Grund, in diesem Zusammenhang über die Entität „Gott“ nachzudenken. Denn wenn ein Allmächtiger den Kosmos und die Erde erschaffen hat, so wie es die Religionen lehren, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Zerstörung, die am Ende des Perm-Zeitalters vor rund 250 Millionen Jahren die Erde traf. In einigen Teilen der Welt (vor allem im heutigen Sibirien) kam es zu gewaltigen Vulkanausbrüchen, die die Erde mit Lava bedeckten und Unmengen an Kohlendioxid (CO2) freisetzten. Hinzu kamen vermutlich Meteoriteneinschläge, die ihren Teil dazu beitrugen, dass damals 70 bis 80 Prozent aller bis dahin existierenden Arten zu Lande und zu Wasser ausstarben. Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 15 Immerhin, danach entwickelten sich neue Arten, unter anderem die Dinosaurier. Doch auch diesen Geschöpfen der Natur war kein dauerhaftes Leben auf der Erde vergönnt: Vor 66 Millionen Jahren traf ein riesiger Asteroid die Erde und schlug ein fünf Kilometer tiefes Loch in die Erdkruste. Der Krater in Chicxuluc bei Yucatan in Mexiko misst beeindruckende 170 Kilometer Durchmesser! Danach war für die meisten der tierischen Erdenbewohner abermals Zappenduster: Hitze-, Dampf- und Schuttwolken sowie verheerende Tsunamis löschten das Leben auf dem amerikanischen Kontinent komplett aus. Insgesamt gab es in der Geschichte der Erde fünf solcher Massenaussterben, doch die gottesfürchtigen Menschen der heutigen Zeit fragen nicht danach, was sich der liebe Gott dabei gedacht hat. Wie dem auch sei: die Erde drehte sich weiter um die Sonne, das Leben nahm seinen Lauf. Als vor ca 15 Millionen Jahren im heutigen Afrika die extremen Temperaturen zurückgingen und das Klima erträglicher wurde, drangen die ersten Affen in die Baumsavannen ein – und begannen irgendwann, auch aufrecht zu gehen. Es sollte noch weitere Millionen Jahre dauern, bis sich aus dieser Art (Australopithecine) die Gattung Homo abspaltete. Vor 2,5 Millionen Jahren war es dann endlich soweit: In Afrika tauchten die ersten menschenartigen Wesen auf, der homo rudolfensis und der homo habilis. Es folgte der homo erectus, und schließlich, vor rund 300 000 Jahren, der homo sapiens (neueste Funde bei Djebel Irhoud nördlich von Marrakesch in Marokko). Der moderne Mensch war geboren. Er hieß nicht Adam, seine Frau nicht Eva – und sie lebten nicht im Paradies. Nun, der Urknall ist lange lange her, und dass wir uns darunter nicht wirklich etwas vorstellen können, ist kaum verwunderlich, denn „das naive Wirklichkeitsverständnis des Menschen ist mit den Erkenntnissen der modernen Physik nicht vereinbar“, meinte der Physiker Hawking. Tatsächlich gilt diese Feststellung grundsätzlich, sogar für Genies wie Aristoteles, der die Auffassung vertrat: „Aus Nichts kann nichts entstehen“. Das klingt logisch – ist es aber offensichtlich nicht. Denn wo vor dem Urknall „Nichts“ war, ist heute der Kosmos, der sich durch „dunkle Energie“ (auch gemäß der Relativitätstheorie von Albert Einstein) mit irrsinniger Geschwindigkeit ausdehnt – ins weitere „Nichts“. Wer an dieser Stelle nichts mehr versteht, kann auf höhere Mächte hoffen: Für alle Gläubigen gab und gibt es den ewigen Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 16 Gott, der alles Materielle erschaffen hat. Also existierte nach dieser Lesart niemals ein echtes „Nichts“, sondern zumindest ein Gott als „erste Ursache“. Und da der Allmächtige wohl kaum „im Nichts“ gewohnt haben kann (und das auch noch seit ewigen Zeiten), muss es nach Adam Riese auch vorher „etwas“ gegeben haben. Aber was? So prächtig wie hier im Osten der Ukraine sahen die Menschen in der Antike den Sternenhimmel jede Nacht – damals gab es noch keine Luft- und Lichtverschmutzung. Hinter der phantastischen Urgewalt am Firmament verorteten die Menschen die „Himmelsmacht“, also Gott. Bevor wir nun aber ins Metaphysische abgleiten, möchten wir lieber bei der Natur bleiben, also beim physikalischen Wunder des Urknalls, der den Kosmos in der uns bekannten „Form“ erst ermöglicht hat. Da diese angenommene Initialzündung, eine Energie-Explosion von unvorstellbarem Ausmaß, aber recht weit zurückliegt, sind wir auch in dieser Kernfrage auf theoretische Antworten angewiesen. So wie es immer Modelle und Theorien gegeben hat, seit sich der menschliche Geist mit der philosophischsten (und theologischsten) aller Fragen beschäftigt: Woher kommt das Sein? Schwere Frage. Wer wollte sich anmaßen, sie auch nur halbwegs seriös beantworten zu können? Nun, es Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 17 hat sich gezeigt, dass die Menschen im Laufe der Evolution immer schlauer wurden und Entdeckungen machten, die alte Gewissheiten relativierten und neue Theorien begründeten. Das begann beim ersten Philosophen Thales von Milet, setzte sich über Platon und Aristoteles (und andere) fort zu den genialen Wissenschaftlern Kopernikus, Keppler und Newton bis hin zu Einstein und Hawking, und dieser evolutionäre Erkenntnisprozess wird sich fortsetzen bis ans Ende aller Tage. Soll heißen: Auch die heute favorisierte „M-Theorie“ der Astrophysiker, nach der es womöglich nicht bloß ein Universum gibt, sondern eine Vielzahl von Universen, „und diese auch nicht Gott gehorchen, sondern den Gesetzen der Physik“ (Hawking), wird irgendwann abgelöst werden von einer Theorie XY. Denn nur eines ist auf dieser Welt so sicher wie das Amen in der Kirche: dass nichts so bleibt wie es einmal war. Der Prozess der Erkenntnis auf unserer Erde ist jedenfalls unendlich – und diese logische Schlussfolgerung macht auch vor der Religion nicht Halt, die ja auch zuvor schon zahlreiche Entwicklungssprünge vollzogen hat: Die Geschichte der Religion reicht von den Wettergöttern der ersten denkfähigen Hominiden zu den Naturgöttern der späteren Naturvölker, den Göttern der Hetither, Skythen, Mongolen, Chinesen, Sumerer, Ägypter, Griechen, Römer, Germanen, Wikinger und den Göttern der Unterwelt bis hin zu „unserem“ Gott des Urvaters Abraham (siehe Kapitel 2). Gleiches gilt für die Götter-Welt in Asien, die sich vor allem aus taoistischen, konfuzianischen, buddhistischen und hinduistischen Philosophien speist. Die bisherige Erfahrung lehrt uns, dass dieser mythologisch-religiöse Entwicklungsprozess mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weitergeht und zukünftige Generationen demnach vermutlich „neue“ Götter anbeten oder diese zumindest für möglich halten. Allerdings muss an dieser Stelle der dänische Physiker Niels Bohr (1885-1962) zitiert werden, der einmal pfiffig konstatierte, dass jede Vorhersage außerordentlich schwierig sei, „vor allem, wenn sie die Zukunft betrifft“. Bohr sagte dies übrigens im Kontext eines Kommentars zur Heisenbergschen Unschärferelation, und das ist deshalb interessant, weil sich aus diesem Kernproblem der Quantenphysik auch ein Kernproblem der Religion ableiten lässt: So wie man vom gegenwärtigen Ort eines Elementarteilchens nicht auf seinen künftigen Ort schließen (ihn messen) kann, so lässt sich auch Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 18 nicht das zukünftige religiöse Verhalten der Menschen bestimmen. Zwar mag der Mensch in der Lage sein, (in) die Zukunft zu denken; jedoch nicht, (in) die Zukunft zu fühlen und diese zu spüren, denn ein Gefühl ist immer gegenwärtig. Und da Religion, der Glaube an Gott, keine Verstandessache, sondern eine Gefühlssache ist, glaubt der Mensch eben, dass sein derzeitiger Glaubenszustand der letztgültige sei. Nun muss man unseren Vorfahren aus der Urzeit natürlich zugute halten, dass sie von dem Wissen und den technischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, keinen Schimmer hatten, ja nicht mal träumen konnten. Die ersten Hominiden waren aufgrund ihrer geringen Gehirnmasse mit einem bescheidenen Intelligenzquotienten ausgestattet und froh, wenn sie beim Suchen nach Nahrung keine giftigen Früchte erwischten oder gar einem Löwen begegneten, der ebenfalls einen Bärenhunger hatte. Die ersten Hominiden waren klein, nackt, fellartig behaart, und sie lebten von der Hand in den Mund. Gedanken über metaphysische Probleme waren ihnen fremd und das Wort „Gott“ hatten sie noch nie gehört. Das sollte sich erst zwei Millionen Jahre später ändern, als der Entwicklungsprozess auf der Erde soweit fortgeschritten war, dass die zweibeinigen Lebewesen auf evolutionäre Weise begannen, über ihre Umwelt, ihre Lebensbedingungen und über sich selbst nachzudenken. Es darf mit Fug und Recht vermutet werden, dass der Punkt der Selbstvergewisserung auch derjenige war, der zu den ersten Fragen nach dem Woher und Wohin und nach dem Warum führte. Denn der genetische Code der Menschen (und der Tiere und Pflanzen) war schon programmiert. Daraus ergibt sich, dass eine der wesentlichsten Eigenschaften des Menschen in der DNA angelegt ist: die Wissbegierde. Diese war und ist die Triebfeder jeglicher Entwicklung, der Kern der Zivilisierung der Erde, die kybernetische Mutter aller von Menschenhand initiierten Prozesse. Immerzu wollte und will der Mensch wissen: Was ist das? Wie funktioniert das? Warum ist das? Und er gab (sich) erste Antworten mit einer heuristischen Methode, die noch heute aktuell ist und wohl bis in alle Ewigkeit bleiben wird: trial and error. Versuch und Irrtum. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Zeit auch Götterwelten, die auf- und untergingen, immer wieder abgelöst von neuen, „besseren“ Göttern. Ein Prozess der Selbstvergewisserung Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 19 des Menschen, der schließlich im abrahamitischen Monotheismus mündete. Zurück zur „Erschaffung“ der Welt und zum Starphysikus Hawking, der selbst wenig Neigung verspürte, an einen Schöpfergott zu glauben. Im Gegenteil: Noch im November 2017 hatte er in einem viel beachteten Vortrag am California Institute of Technology in Pasadena (USA) betont, für ihn sei Gott kein Faktor bei der Entstehung des Universums. Der Urknall sei vielmehr auf eine physikalische Initialzündung zurück zu führen. Hawking scheute sich nicht mal, blasphemisch zu werden: „Was hat Gott denn vor seiner göttlichen Schöpfung gemacht? Bereitete er die Hölle vor für diejenigen, die solche Fragen stellen?“ (Quelle: Los Angeles Times/ www.space.com) Bereits in seinen Büchern hatte der Physiker auf die Entwicklung der Naturwissenschaften und die große Leistung der alten Griechen (vor allem der Ionier) hingewiesen, die mit ihren bescheidenen Möglichkeiten schon früh die Welt der Atome definiert (Demokrit, 460– 370 v. Chr.) und physikalische Gesetze formuliert haben (Archimedes, 287–212 v. Chr.). Allerdings wollten sich auch wirklich kluge Köpfe wie die Philosophen Heraklit, Epikur oder Aristoteles nicht auf diese neuen, unheimlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaften verlassen. Sie sprachen lieber ihren eigenen Gottheiten eine Präferenz zu: Es sei „besser, dem Mythos der Götter zu folgen als sich sklavisch (den Naturgesetzen) zu unterwerfen“, meinte etwa Epikur. Tatsächlich hielt sich die allgemeine Ignoranz über die Realitäten der Physik und das Ptolemäische Weltbild noch fast 2000 Jahre lang. Erst mit Nikolaus Kopernikus, Johannes Keppler und Galilei Galileo setzte sich im 16. und 17. Jahrhundert die Einsicht durch, dass die Sonne eben doch nicht der Mittelpunkt des Universums ist – von der kleinen Erde im großen Kosmos mal ganz zu schweigen. Man kann sich vorstellen, dass dies ein schwerer Schlag war für das Christentum und seine vielen Exegeten, die Jahrtausende lang das Gegenteil gepredigt hatten – und nun mühsam versuchen mussten, das „Wort Gottes“ im Alten Testament mit den Erkenntnissen der Wissenschaften in Einklang zu bringen. Ein Vorhaben, soviel steht fest, das bis heute nicht gelungen ist. Kapitel 1 De structura mundi: Die (echte) Schöpfungsgeschichte 20

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.