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Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 111 - 122

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-111

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf Die nach Jesus interessanteste Figur des Neuen Testaments ist ganz ohne Zweifel Paulus, ein römischer Jude aus Tarsus (heutige Türkei) der sich selbst zum Apostel ernannte. Seine historische und theologische Bedeutung ist außerordentlich: Ohne den frommen Abenteurer, der nach eigener Aussage vom Herrgott persönlich zur Umkehr animiert wurde, wäre das Christentum nicht entstanden und somit auch nicht zur Weltreligion geworden. Paulus war der entscheidende Motor, ein kluger Eiferer, der den Christianisierungs-Prozess mit unglaublicher Energie und verblüffender Selbstgewissheit vorantrieb. Ohne seine Kraft und Ausdauer, ohne seine Raffinesse und Leidenschaft wäre das historische Schicksal des „Königs der Juden“ mit großer Wahrscheinlichkeit im orientalischen Sande verlaufen. Nicht Jesus von Nazareth ist der Begründer des Christentums, sondern Paulus. Man kann es nicht oft genug betonen: Jesus war Jude, ein thoratreuer Jude, der sich erst als Prophet, dann als Messias, schließlich als „Sohn Gottes“ sah. Die Schaffung einer neuen Religion mit neuen Schriften und einem antijüdischen Glaubensverständnis hatte er nie im Sinn. Auch seine unmittelbaren Nachfolger, die so genannten „Nazarener“ (Jerusalemer Gemeinde), bei denen sein Bruder Jakobus und sein erster Jünger Petrus den Ton angaben, waren nie von der Absicht beseelt, eine neue Religion zu gründen. Die Jesus-Gemeinde von Jerusalem stand sogar in scharfer Konkurrenz zu dem Ideologen Paulus, der sich als Christus-Erklärer aufspielte und mehr als einmal für Ärger sorgte. Dass sich der Exot Paulus dennoch durchsetzen konnte, lag nicht nur an seinem unbändigen Ehrgeiz und seinem unzweifelhaften Charisma, sondern auch am Zufall: die politischen Umstände brachten es mit sich, dass die Römer den aufsässigen Juden in Jerusalem endgültig zeigen wollten, wer Herr im Lande ist. Im Jahre 70 Kapitel 8 111 n. Chr. zerstörten die Römer das jüdische Heiligtum, den Tempel von Jerusalem, und machten die Stadt dem Erdboden gleich. Auch die Nazarener mussten fliehen und zerstreuten sich in alle Winde. Als schließlich noch ihre führenden Köpfe Jakobus und Petrus hingerichtet wurden, war der Weg frei für die neue Christenlehre des Apostels Paulus. Paulus, dessen Beruf in der Apostelgeschichte mit „Zeltmacher“ angegeben wird (andere Quellen nennen ihn „Lederarbeiter“ = Sattler), stammte offenbar aus bürgerlichen Verhältnissen. Einiges deutet darauf hin, dass es der unruhige Geist faustdick hinter den Ohren hatte und seine Biografie galant frisierte. So behauptete er des Öfteren, Pharisäer (gewesen) zu sein sowie „römischer Bürger“. Es gibt seriöse Bibelforscher, die beides bestreiten oder zumindest in Frage stellen. Der britische Paulus-Experte Hyam Maccoby (Leeds) ist davon überzeugt, dass Paulus zwar gerne Pharisäer gewesen wäre (damals waren die Pharisäer entgegen ihrem heutigen Image hochgeachtete Gelehrte), doch in Wahrheit nur „ein bewährter Polizeiagent“ des Hohepriesters Kaiphas war. Auch seine römische Bürgerschaft „von Geburt an“ sei zweifelhaft, Paulus habe das Bürgerrecht vielmehr später käuflich erworben. Ja es sei nicht mal sicher, ob Paulus als „Saul“ überhaupt Jude gewesen sei und nicht Heide. Jedenfalls stammte Saulus/Paulus aus der „nicht unbedeutenden Stadt“ Tarsus. Ob er dort auch geboren wurde, ist nicht bekannt. Attraktiv war dieser merkwürdige Heilige nicht, eher im Gegenteil: Er wird als „klein von Gestalt, mit schütterem Haar, krummen Beinen, prägnanter Nase und buschigen Augenbrauen“ beschrieben (Die Taten der Thekla, Kap 3). Nach eigenem Bekunden war er unerbittlicher Christenverfolger der ersten Stunde: In Jerusalem soll er sogar dabei gewesen sein, als der Christ Stephanus von aufgebrachten Juden zu Tode gesteinigt und damit zum ersten Märtyrer des Christentums wurde. Danach, auf dem Weg nach Damaskus, wo er angeblich „im Auftrag“ des Hohepriesters von Jerusalem „und dem ganzen Rat der Ältesten“ Anhänger der neuen Religion „fesseln und zur Bestrafung nach Jerusalem bringen“ sollte , sei ihm plötzlich, aus heiterem Himmel, der Herr erschienen. Und habe vorwurfsvoll gefragt: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 112 Interessant dabei, dass nur die Apostelgeschichte (geschrieben von Paulus-Freund Lukas) von diesem existenziellen Ereignis berichtet. Der Hauptdarsteller selbst verliert in seinen vielen Briefen kein Wort über das einschneidendste Ereignis seines Lebens. Warum? Weil seine „Erscheinung“ in Wahrheit, wie manche Bibelforscher meinen, ein epileptischer Anfall war? Der jüdische Historiker Joseph Klausner glaubte fest daran (in: Von Jesus zu Paulus, deutsche Ausgabe 1950) und stellte Paulus in die Reihe großer Gestalten der Geschichte, die ebenfalls an Epilepsie gelitten haben: Cäsar, Augustinus, Mohammed, Rousseau, Napoleon, Dostojewski. Der jüdische Arzt Arthur Stern hielt am 12. Oktober 1955 auf dem Neurologen-Kongress in Jerusalem sogar einen Vortrag mit dem Titel „Zum Problem der Epilepsie bei Paulus“. Er vertrat allerdings die Auffassung, dass Paulus vermutlich kein Epileptiker war. Möglicherweise, so der deutsch-jüdische Autor Schalom Ben-Chorin in seinem Paulus-Buch (dtv 1980), deute das Ereignis von Damaskus auf eine „psychogene Natur des Leidens bei einem körperlich schwachen, neuropathischen und ekstatischen Menschen“ hin. Wie dem auch sei, schon die Behauptung von Paulus, er habe im Auftrag des Hohepriesters in Damaskus Christen jagen und verhaften sollen, ist fragwürdig. Der Hohepriester von Jerusalem hatte keinerlei Befugnisse im über 300 km entfernten Damaskus. Zudem – Jesus war erst wenige Jahre tot, bzw. in den Himmel aufgefahren – gab es damals so gut wie keine Christen in Damaskus: die Missionierung hatte ja noch gar nicht richtig begonnen, und die braven Nazarener agierten vorzugsweise in Jerusalem und Umgebung. Auch das „Damaskus-Erlebnis“ selbst wirft mehr Fragen auf, als dass es Antworten gibt. Denn die angebliche Gottes-Erscheinung wird auch von Lukas nur merkwürdig knapp erzählt. Man muss sich das vorstellen: Da glaubt jemand, der Herrgott höchstselbst komme zu ihm auf die Erde und spreche ihn an. Und dann passiert – so gut wie nichts. Jesus habe Saul lediglich gefragt, warum er ihn verfolge und gesagt: „Gehe in die Stadt, dort wird man dir sagen, was du tun sollst“ (Apg 9,6). Das klingt nicht nur märchenhaft, das ist es auch. Ausgerechnet der angebliche Pharisäer Saul, der geradezu bösartig Christen verfolgte, soll mit einem Schlag nicht nur Christ, sondern der leidenschaftlichste Prediger für Christus geworden sein, den man sich vorstellen kann. Bei der Damaskus-Tour waren auch ein paar Begleiter von Saulus da- Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 113 bei, die Gott selbst nicht sahen, aber „eine Stimme hörten“. Sie mussten den geblendeten Saulus „an der Hand“ in die Stadt führen, wo er drei Tage lang blind war und weder aß noch trank (Apg 9, ferner Kap 22 und 26). So schreibt es jedenfalls Lukas, der auch das gleichnamige Evangelium verfasst hat – allerdings erst in den 80er Jahren, also mehr als 50 Jahre nach Jesu Tod. Die Bekehrung des Saulus zum Paulus soll im Jahr 35 stattgefunden haben (Daten der Kirchengeschichte, marixverlag). Was danach geschah, ist im wahrsten Sinne des Wortes „unglaublich“. Aber in diesem Fall stimmt es und es ist einzigartig: Ohne christologische Vorkenntnisse und praktisch im Alleingang fängt dieser Paulus nun weitab von Jerusalem an, Juden und Heiden für das Christentum zu missionieren – ein Christentum, das es zu dieser Zeit noch gar nicht gab! In Synagogen und Privathäusern erzählte er die Geschichte eines Gottes, von dem zuvor nie jemand etwas gehört hatte. Um die phantastische Dimension des Vorgangs zu verstehen, muss man wissen, dass es damals noch keine Evangelien gab und die Wundertaten von Jesus Christus nur mündlich überliefert waren, und zwar vor allem in Judäa und Galiäa, nicht aber weitab vom Schuss im römisch-griechischen Kernland. Hinzu kommt, dass dieser Paulus den „Messias“ aus Nazareth persönlich überhaupt nicht gekannt hat, anfangs nicht mal dessen Apostel. Die Startbedingungen waren also alles andere als ideal, aber auch hier, wo es richtig spannend zu werden verspricht, etwa beim ersten Treffen des Paulus mit den echten Jüngern Jesu, bleibt die Apostelgeschichte leider vage. Das lässt die Vermutung zu, dass der Autor (Lukas) gewisse Umstände lieber verschweigen wollte. Die Jerusalemer Gemeinde war jedenfalls nicht begeistert von dem forschen Fremden aus Tarsus, der schon gleich zu Beginn den Anspruch erhob, den Status eines Apostels zu erhalten. Paulus selbst schreibt in Gal 1,18 nur recht knapp, er sei „drei Jahre später“ (nach der Bekehrung) nach Jerusalem gereist, „um Kephas (Petrus) kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm“. Dabei habe er noch Jakobus getroffen, den Jesus-Bruder, sonst aber keine Apostel. Warum Paulus danach schreibt: „Gott weiß, ich lüge nicht!“ (Gal 1,20) ist zumindest merkwürdig. In der Apostelgeschichte erfahren wir, dass Paulus danach in der Weltgeschichte herum reiste und christliche Gemeinden gründete. Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 114 Paulus missionierte auf Zypern und in Pisidien, in Ikonion und Lystra, in Galatien und Phrygien, in Thessalonich, Beröa und Athen, in Korinth und Ephesus. Dabei konnte nicht ausbleiben, dass der Paulus- „Biograph“ Lukas seinem Helden auch Wundertaten andichtete, wie sie auch bei den Aposteln der Jerusalemer Gemeinde üblich werden sollten. Fast amüsant klingt dabei die Geschichte des jungen Eutychus, der trotz eines anstrengenden Arbeitstages abends „im dritten Stock“ eines Privathauses in Troas dem Starredner Paulus zuhören wollte. Da der Saal oder das Zimmer völlig überfüllt war, fand Eutychus nur noch Platz auf dem Fenstersims, wobei man wissen muss, dass die „Fenster“ im ersten Jahrhundert fensterlos waren. Kurz: Der junge Mann schlief vor Erschöpfung ein – und purzelte dabei auf der falschen Seite hinunter, mitten in den Hof. Der Sturz war so schwer, dass der Arme an Ort und Stelle verstarb. Paulus ging ungerührt nach unten, „warf sich über ihn“ und sagte den Umstehenden: „Macht kein Getümmel, es ist Leben in ihm!“ (Apg 20,10). Nun war auch Paulus ein Heiliger, der Wunder vollbringen konnte. Er ist der wahre Gründer des Christentums: Saulus von Tarsus (heute Türkei), der als „Paulus“ ein wahres Jahrtausendwerk vollbrachte. Auch im Gefängnis kümmerte er sich um seine Mission und schrieb unermüdlich Briefe an die Gemeinden in Thessalonich, Korinth oder Rom. Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 115 Im seinem Brief an die Galater macht Paulus einen großen erzählerischen Sprung. Gerade noch war er beim ersten Besuch in Jerusalem (Gal 1), da erzählt er schon, wie es „vierzehn Jahre später“ weiterging (Gal 2). Hier tauchen erste Andeutungen auf, dass es zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten mit „Jerusalem“ gekommen sein muss. „Ich aber zog hinauf aufgrund einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden“. Das heißt übersetzt: Die echten Apostel und der selbsternannte Apostel wollten und mussten ihre göttliche Botschaft miteinander abstimmen. Ganz offenbar gab es dabei Differenzen. Die Nazarener verstanden sich selbstverständlich weiter als gesetzestreue Juden, die vor allem die Thora befolgen wollten. Aus dieser Gruppe der Judenchristen kam die Forderung, auch Heiden müssten sich beschneiden lassen, wenn sie dem (neuen) Volk Gottes angehören wollten. Wer hier genau welche Position vertreten hat, wird nicht überliefert. Aber offenbar setzten sich die Fremden durch (Paulus hatte noch seine Mitstreiter Barnabas und Titus im Schlepptau): Bekehrte Heiden mussten sich demnach nicht mehr dem jüdischen Gesetz unterwerfen. Und der Verkündigungsauftrag (Mk 16,15 und Mt 28,19) wie Paulus ihn verstand, wurde nun auch von der Jerusalemer Gemeinde akzeptiert. Dass es aber gekracht haben muss zwischen den Parteien, wird deutlich, als Paulus – wieder im Galaterbrief – den Konflikt mit Petrus offen anspricht: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widersprach ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn“ (Gal 2,11). Es sieht so aus, als habe Paulus den Streit gesucht. Vielleicht wollte er auch klare Verhältnisse schaffen und die Machtfrage regeln. Das traute er sich dann in Antiochia, wohin auch Petrus mit einer Gruppe der „Jakobus-Fraktion“ gekommen war. Die Details des Streits wollen wir hier aussparen, es ging im Prinzip darum, wer bestimmen durfte und das Sagen hatte. Petrus saß in Antiochia gemeinsam mit Heiden an einem Tisch, jüdische Speisevorschriften spielten also keine Rolle. Das änderte sich, als ein paar Jakobus-Leute dazu kamen, Judenchristen also, die gemäß der Thora lebten. Weil dies unvereinbar war, zog sich Petrus vom Tisch zurück – und wurde von dem aufgebrachten Paulus deshalb als „Heuchler“ beschimpft (Gal 2,11-14). Diese Geschichte lehrt uns folgendes: Paulus war nicht an einer gütlichen Einigung und an einem guten Verhältnis zu Petrus interes- Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 116 siert; er nutzte vielmehr jede Gelegenheit, sich zu distanzieren. Zweitens war das Problem der jüdischen Gesetze für die Heidenchristen weiter ungelöst. Und drittens, ein durchaus pikanter Aspekt: Petrus, der erste Apostel des Herrn, verschwand ab diesem Streit in Antiochia aus dem biblischen Geschehen. Er wird in der Apostelgeschichte danach mit keinem Wort mehr erwähnt. Übrigens trifft den Bannstrahl auch Barnabas, den langjährigen Weggefährten des Paulus. Auch ihn lässt Lukas, Autor der Apostelgeschichte und glühender Paulus-Fan, künftig außen vor. Die allermeisten Christen der heutigen Zeit haben vermutlich keine Ahnung, was für ein Mensch dieser Apostel Paulus tatsächlich war. In den Schulen und im Katechismus-Unterricht werden den Kindern lediglich Informationen der Art gegeben, der „böse Saulus“ sei durch das Bekehrungserlebnis zum „guten Paulus“ geworden, danach habe er furchtlos das „Wort Gottes“ verkündet. Unbestritten ist, dass Paulus ein Genie war. Ein Abenteurer, Schlitzohr und Überzeugungstäter, der besessen seiner Mission nachging. Mit verblüffender Selbstverständlichkeit fand er in den Predigten die richtigen Worte, und obwohl er rhetorisch angeblich nicht sonderlich begabt war, hat er seine Zuhörer in Korinth, Ephesus oder wo immer er auch auftrat, gefesselt. Heute würde man sagen, er wirkte glaubwürdig und authentisch. Paulus verkündete die frohe Botschaft von Jesus Christus, der für „uns“, für die „Sünden der Menschen“ gestorben sei. Ein Christus (= Messias), der wiederkommen werde, um das Gottesreich zu vollenden und all jene ins Paradies zu geleiten, die an ihn glauben. Vor allem in Kapitel 15 des ersten Korintherbriefes legt er seine Theologie im „Evangelium von Christus“ dar. Kernpunkte: Jesus ist der Sohn Gottes, dessen Kreuzestod und Auferstehung die göttlichen Heilsversprechen, verkündet von den Propheten, erfüllen. Und: Christus ist gestorben und auferstanden „um unseretwillen“ (1. Thess. 4,14). Paulus predigte aber nicht nur und gründete fleißig Gemeinden, er schrieb diesen Gemeinden auch zahlreiche Briefe, in denen er die neue Religion interpretierte und von Jesus sowie von sich selbst erzählte. Der wichtigste aller Briefe ist sein Brief an die Römer, auf den wir noch zu sprechen kommen. Der schönste Brief aber war der erste Brief an die Korinther, in dem Paulus eine Liebes-Hymne komponierte, die Weltgeschichte schrieb. Wir zi- Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 117 tieren Auszüge aus 1. Korinther 13 in einer modernisierten Luther- Übersetzung. Wenn ich in der Sprache der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nur dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste, wenn ich alle Glaubenskraft besäße und damit Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, dann wäre ich nichts. … Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, sie ist nicht mutwillig, sie bläht sich nicht auf. Die Liebe verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht ihren Vorteil, sie lässt sich nicht erbittern. Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Die Liebe hört niemals auf. … Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, handelte wie ein Kind. Als ich aber ein Mann war, redete ich wie ein Mann, dachte wie ein Mann und handelte wie ein Mann. … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Am größten aber ist die Liebe. Dieses wunderbare „Hohelied“ ist die eine Seite des Apostels Paulus. Die andere Seite ist schärfer, mächtiger, unbarmherziger, und sie formuliert eine Theologie, die vordergründig auf Glaube, Hoffnung und Liebe setzt, tatsächlich aber mit dem Mittel der Angst agiert und bedingungslosen Gehorsam verlangt. Eine Theologie übrigens, die behauptet, ein ordentliches, gesetzestreues Leben des Erdenbürgers reiche nicht aus. Nur durch die Gnade Gottes sei ewige Glückseligkeit erreichbar. Paulus` Brief an die Römer, vermutlich im Jahr 56 in Ephesos geschrieben, ist die zentrale Botschaft des Apostels. Keine Schrift wurde intensiver erforscht, keine wurde öfters kommentiert. Heerscharen von Theologen und Philosophen haben sich mit dem Römerbrief beschäftigt, ungezählte Bücher sind darüber entstanden. Angeblich ist dieser Brief auch „schuld“ an dem Erweckungserlebnis eines jungen Manich- äers namens Augustinus, der zum wichtigsten Kirchenlehrer des Christentums werden sollte: Als Augustinus im Sommer 386 n. Chr., Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 118 er war gerade Rhetorikprofessor am kaiserliche Hof in Mailand, eher zufällig zwei Verse des Römerbriefes las, gingen ihm schlagartig die Augen auf und es strömte ihm „Gewissheit als ein Licht ins kummervolle Herz, dass alle Nacht des Zweifels hin und her verschwand“ (Bekenntnisse, 8,12,29). Danach war er entschlossen, Christ zu werden. Was aber ist das Besondere am Römerbrief, der eine solch durchschlagende Wirkung erzielte, dass das Christentum ohne ihn nicht vorstellbar ist? Nun, ganz einfach: In den 16 Kapiteln an die Römer sind sämtliche Grundlagen der paulinischen Theologie fixiert: Die Botschaft des Glaubens, die Gerechtigkeit Gottes, die alles entscheidende Gnade des Herrn, die Macht der Sünde und die Bedeutung der Barmherzigkeit. Nicht nur bei Augustinus löste die paulinische Botschaft deshalb einen Erkenntnisschub aus, sondern auch über 1000 Jahre später beim Reformator Martin Luther, der diese Epistel als „das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium“ bezeichnete. Auch Luther las aus dem Römerbrief eine entscheidende Botschaft heraus, nämlich die der „Rechtfertigung“. Sie wurde zum zentralen Inhalt der Reformation von 1517, die die Welt verändern sollte. Paulus, dem es an Selbstbewusstsein wahrlich nicht mangelte, hätte sich solch einen durchschlagenden Erfolg seiner Lehre sicherlich nicht träumen lassen. Er führte das Leben eines Vagabunden, war immer auf Achse, stets begleitet von Mitstreitern, die ihn bedingungslos verehrten. Das Faszinierende an der Person Paulus ist sicherlich auch die Unverdrossenheit, mit der er seinen Auftrag im Namen Jesu Christi ausführte: Obwohl er bei seinen Missionsreisen des Öfteren auf massiven Widerstand stieß, mehrfach verdroschen und (nach eigenen Angaben) einmal sogar gesteinigt wurde, obwohl ihm also Juden und Römer mehrfach nach dem Leben trachteten, dachte er keine Sekunde daran, sich sesshaft zu machen und ein normales Leben zu führen. Die Droge der Macht und der Bedeutung hatte ihn fest im Griff. Paulus ging seinen Weg bis zum bitteren Ende. Das Finale begann in Jerusalem und endete in Rom. Wie es sich für einen Heiligen gehört, wusste Paulus schon im Voraus, was ihn in der Stadt der Juden erwarten würde. In einer larmoyanten „Abschiedsrede in Ephesus“ (Apg 20,17-37), sagte er zwar, er wisse nicht genau, was ihm dort blühe, doch der Heilige Geist habe ihm schon bezeugt, Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 119 dass „Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten“. So kam es denn auch: Paulus wurde verhaftet, nachdem „Juden aus der Provinz Asien“ ihm vorgeworfen hatten, das Allerheiligste entweiht zu haben. Paulus hatte befreundete „Griechen“ (also Heiden) in den Tempel geführt, was bei Todesstrafe verboten war. Es begann ein Prozess, der sich in der Apostelgeschichte seitenlang hinzieht. Paulus diskutiert mit Hauptmännern und Obersten, mit Pharisäern und Sadduzäern, mit dem Statthalter Felix und am Ende in Cäsarea sogar mit König Agrippa und dessen Ehefrau Berenike (die zugleich seine Schwester war). Paulus verteidigte sich geschickt, erzählte immer wieder eindrucksvoll die Geschichte seiner Bekehrung, von seinem göttlichen Auftrag. Das half durchaus: Paulus wurde nicht hingerichtet, sondern nach Rom deportiert, unterwegs bei Sturm und Schiffbruch vor Kreta bewies er unerschütterliches Gottvertrauen. Über die Insel Malta kam er schließlich nach Rom, wo er noch „volle zwei Jahre“ im Hausarrest leben und wirken konnte. An dieser Stelle bricht die Apostelgeschichte des Lukas abrupt ab. Nirgendwo gibt es belastbare Hinweise, wie lange Paulus noch lebte und wann und wie er gestorben ist. Interessierte Kreise der Kirche haben später die Sage von seinem Märtyrertod unter Kaiser Nero verbreitet, aber in den römischen Annalen ist nichts davon zu finden. Paulus war jetzt jedenfalls weit weg von Jerusalem, und so musste er die Zerstörung der heiligen Stadt mitsamt der prächtigen Tempelanlage nicht miterleben. Die ständige staatliche und religiöse Unterdrückung durch die römischen Besatzer hatte zum Widerstand der Juden und schließlich zum Krieg geführt. Die Einheimischen kämpften zwar tapfer, doch gegen die römische Logistik und militärische Übermacht hatten sie keine Chance: Im Jahr 70 wurde Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht, die prächtige Tempelanlage war am Ende nur noch ein Trümmerhaufen. Jerusalem war jahrzehntelang nicht mehr bewohnbar, eine neu gegründete Kolonie in der Nähe wurde Aelia Capitolina genannt. In diesem furchtbaren „jüdischen Krieg“, der nicht auf Jerusalem beschränkt war, starben insgesamt über eine Million Menschen. Diese Katastrophe war nicht nur das vorläufige Ende der jüdischen Heimstatt, sondern zugleich das Ende der „Jerusalemer Gemeinde“, der Jesus-Bewegung. Auch die Nazarener waren Opfer des Krieges geworden, tot oder vertrieben, die Gemeinde-Strukturen hatten sich auf- Kapitel 8 Saulus Paulus, ein Genie vor dem Herrn 120 gelöst. Mit der Folge, dass die so lange schwelende Machtfrage zwischen der paulinischen Christus-Bewegung und der Jerusalemer Jesusgemeinde automatisch entschieden war. Paulus hatte sich mit seiner Theologie, auch aufgrund der politischen Entwicklung, endgültig durchgesetzt. Das neue Zentrum des Christentums war nunmehr Rom. Wie der Jude aus Tarsus das Christentum schuf 121

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.