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Prolog in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 1 - 12

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-1

Tectum, Baden-Baden
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Prolog „Suchet, und Ihr werdet finden; klopfet an, und es wird Euch aufgetan!“ (Mt 7,7 und Lk 11,9) „Wo läufst du denn hin? Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden!“ (aus dem Gilgamesch-Epos) Es war einmal ein großer gewaltiger Gott von unendlicher Weisheit, Güte und Allmacht. Er lebte ohne Anfang, also seit jeher, mutterseelenallein irgendwo in den unendlichen Weiten des Firmaments. Ob er sich dabei einsam fühlte, wissen wir nicht, auch haben wir nicht den Schimmer einer Ahnung, was er eine Ewigkeit lang getan hat. Wir wissen auch nicht, ob Gott sich überhaupt mit etwas „beschäftigen“ muss, oder ob er einfach wie ein Buddha regungslos verharrt. Was wir wissen – wenn stimmt, was die christliche Bibel sagt – ist die Existenz engelhafter Wesen, die sich Gott irgendwann geschaffen hat. Was diese Engel wiederum „den ganzen Tag" lang machten, ist uns ebenfalls unbekannt. Nur ein Prophet namens Jesaja wusste es, er durfte mal einen kurzen Blick ins Allerheiligste werfen, wie er uns in seinem gleichnamigen Buch, Kapitel 6, erzählt: Demnach priesen die Engel den Herrn ohne Unterlass und riefen verzückt: "Heilig, heilig, heilig!" Ob Gott sich darüber gefreut hat oder ob es ihm irgendwann langweilig wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Nur soviel scheint klar: der allmächtige Herr, der solange alleine war, hatte offenbar Gefallen gefunden an „lebendigen“ Wesen, an „Gesellschaft“ oder wie immer man es nennen mag. Deshalb schuf er noch einen gewaltigen Kosmos und eine Welt mit Menschen nach seinem Ebenbild, die er auf dem Planeten Erde platzierte. Diese märchenhafte Erzählung ist der Grundtenor der Schöpfungsgeschichte(n), wie sie die monotheistischen Religionen überliefert haben. Sie ist gewiss schon fantastisch genug, doch was nach jüdisch-christlicher Lesart dann geschah, im Paradies und auf der Erde, 1 sprengt die menschliche Vorstellungskraft vollends: Gott schuf seine Wesen zwar so, wie er sie haben wollte – doch die neuen Menschen taten dem Vernehmen nach, was sie wollten! Sie widersetzten sich dem göttlichen Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, sie zeugten sogar Babys mit den Engeln des Herrn (!), so steht es tatsächlich in der Bibel geschrieben (1. Mos 6). Wer an dem grandiosen Dilemma schuld war, lässt sich nicht mehr feststellen, jedenfalls hatte der Allmächtige schon bald genug von seinen undankbaren Geschöpfen – und beschloss kurzerhand, „alles Leben auf Erden“ wieder zu vernichten. Auch das ist in der Heiligen Schrift nachzulesen (1. Mos 6,7). Aber die furchtbare Sintflut war erst der Anfang eines nicht enden wollenden Dramas, denn Gott hatte eine einzige Familie – sie trug den Namen Noah – von der ultimativen Bestrafung ausgenommen. Deren Nachkommen waren jedoch ebenfalls „durch und durch schlecht“ (O-Ton Gott), und so ging das ganze Theater von vorne los: Die Menschen sündigten ohne Unterlass, selbst Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrah brachten sie nicht zur Räson. Bis der Allmächtige schließlich zur ultima ratio griff und seinen eigenen Sohn auf die Erde schickte, der dort – am Kreuze sterben sollte. In seiner großen Güte hatte Gott, um die sündigen Geschöpfe „von ihrer großen Schuld zu erlösen“, tatsächlich ein Menschenopfer dargebracht! Wer jetzt glaubt, bei dieser Schilderung handele es sich um eine nicht ganz ernst zu nehmende Volkserzählung aus längst verflossener Zeit, der hat natürlich Recht – und irrt trotzdem gewaltig! Denn dieses altorientalische Märchen ist zwar erkennbar von Mythen, Sagen und Legenden durchwoben – was die christlichen Kirchen aber nicht daran hindert, in heiligem Eifer darauf zu beharren, bei der Schöpfungsgeschichte (Genesis) handele es sich absolut ernsthaft um „Gottes wahres Wort“. Und zwar „irrtumsfrei“, wie es im Katechismus heißt, der die Glaubenslehre der Christen verbindlich beschreibt. Und so glauben es denn auch die etwa 2,5 Milliarden Christen (Quelle: Pew Research) in aller Welt. Wenn sie es glauben.. Derzeit leben rund 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Laut „monogenistischer Lehre“ der Kirche allesamt Nachkommen von Adam und Eva. Jeder einzelne von ihnen hat Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen, jeder hat Sorgen, Ängste und Kummer. Und, ganz wichtig: Jeder Mensch auf dieser Erde glaubt an etwas. Mindestens Prolog 2 fünf Milliarden glauben an (einen) Gott, der Rest entweder an eine nicht definierbare Macht oder an den Zufall. Auch die Atheisten glauben etwas, nämlich dass es keinen Gott gibt. Zudem glaubt der Mensch, dass er einzigartig sei. Das stimmt sogar, zumindest hinsichtlich seiner individuellen genetischen Veranlagung. Tatsächlich ist der Mensch aber bloß Abkömmling der Hominiden und ein winziges Teilchen im riesigen Biosystem Erde. Und diese ist wiederum nur ein winziges Teilchen im astronomischen System Kosmos. Etwa so bedeutend wie eine einzelne Ameise im brasilianischen Urwald. Natürlich ist der Mensch, „die Krone der Schöpfung“, nicht mit einer gemeinen Ameise zu vergleichen. Nach allem, was wir wissen, ist er auf Erden das einzige Lebewesen, das sich seiner selbst bewusst ist und Dinge nicht nur intuitiv erfassen kann. Der Mensch hat nämlich, im Gegensatz zu den Tieren, einen Verstand. Den konnte er dazu nutzen, sich „die Erde untertan“ zu machen, so wie der Gott der Bibel ja ausdrücklich gefordert hat. Beim Glauben an eben jenen Gott soll der Verstand dann allerdings zurückstehen, meint die „Heilige Mutter Kirche“ der Christen. Denn wichtiger als dieser ach so menschliche, zum Irrtum neigende Verstand sei das Geheimnis des Glaubens. Das ist der Punkt: Das Geheimnis des Glaubens. Dieses Geheimnis ist ebenso paradox wie universell. Überall auf dem Globus glauben die Menschen seit ihrer Bewusstseinswerdung an höhere Wesen, an Geister und göttliche Gestalten. Sie bauen ihnen unfassbar prächtige Tempel und Kathedralen, sie beten Steine an und Kruzifixe, seufzen zum Himmel empor und knien nieder, feiern Gottesdienste und pilgern zu Gedenkstätten, opfern Geld, Zeit und die Gesundheit, schneiden sich die Haare ab oder die Vorhaut, fasten und geißeln sich, singen und tanzen auf Prozessionen, manchmal bis zur Trance. Warum tun die Menschen das? Und warum tun die Kirchen so, als seien selbst albernste Zeremonien vollkommen in Ordnung, wenn sie nur der Ehre Gottes dienen? Warum setzen die christlichen Kirchen (und der Islam) das „Geheimnis des Glaubens“ als Generalwaffe gegen Zweifler ein und beharren auf der furchtbaren Drohung: Wer nicht glaubt, der wird verdammt? Wäre es nicht langsam Zeit, die Erkenntnisse moderner Theologie in die Praxis umzusetzen und die alten Erzählungen und Erdichtungen der Propheten als das zu verstehen, was sie viel eher sind als „Gottes Wort“, nämlich „der Versuch einer Welter- Prolog 3 klärung in antiker Zeit“ (die Theologin Prof. Dr. Lucia Scherzberg, Universität Saarbrücken). Vor allem aber: Müssten die Kirchen nicht endlich dazu übergehen, den zornigen, eifersüchtigen und gewalttätigen Gott des Alten Testaments ins Museum zu schicken? Davon handelt dieses Buch. Es will dem globalen Phänomen auf die Spur kommen, warum die Menschen noch heute zu Gott oder Göttern beten, die vor grauer Vorzeit erfunden worden sind. Erfunden von frühen Vorfahren, die noch keinen Schimmer von Naturwissenschaften hatten und glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Das Buch will der Frage nachgehen, warum sich ausgerechnet der ägyptisch-jüdische Wettergott Jahwe – im Gegensatz zu seinen mythischen Kollegen El, Baal, Re, Orisis, Zarathustra, Marduk, Zeus, Jupiter etc. bis in die heutige High-Tech-Zeit hinein „lebendig“ erhalten konnte. Und warum die Schüler der westlichen Hemisphäre noch immer die alten biblischen Geschichten von Adam und Eva, Kain und Abel lernen müssen – aber nicht explizit als Mythen und Märchen, sondern oft als quasi-reale, göttlich inspirierte Wahrheiten. Noch heute meint nahezu jeder fünfte Europäer, der Mensch sei durch einen Schöpfungsakt Gottes entstanden, in den USA glaubt dies fast die Hälfte der Bevölkerung! (siehe dazu auch: Institute for Creation Research, USA oder Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Deutschland). Die Menschheit hat im Laufe der Zeit außerordentlich viele Religionen hervorgebracht, Wissenschaftler schätzen ihre Zahl auf über 9000. Im Atlas der Weltreligionen (Oxford University Press Inc. New York/Calmann & King Ltd, deutsch: Könemann Verlagsgesellschaft, Köln) und im Internet (www.atla.com u.v.a.) sind die wichtigsten davon aufgeführt und erklärt. Götter gab es aber noch viel mehr, vor allem in der Antike: Die alten Griechen und Ägypter haben gleich mehrere hundert Götter verehrt, auch die Germanen hatten die Qual der Wahl, zu wem sie denn nun beten sollten. Im Hinduismus lassen sich noch heute zigtausend Götter verherrlichen, während der Buddhismus ganz ohne Gott auskommt. Wir wollen uns in diesem Buch aber auf die jüdisch-christliche Tradition konzentrieren, weil sie unseren Kontinent Europa und unsere kulturelle Verwandtschaft in Amerika am stärksten geprägt hat. Und diese Religion ist, wie auch das Judentum und der Islam, abrahamitisch und monotheistisch: Es gibt nur einen Gott. Und der Urvater heißt Abraham. Prolog 4 Der Gott des Alten Testaments verhält sich allerdings, und diese Erkenntnis bleibt nicht ohne Irritation, außerordentlich merkwürdig. Ein Gott, der in heiligem Zorn seine eigene Schöpfung ersäuft, ständig als unerbittlicher Kriegsgott auftritt und dabei zur Vernichtung ganzer Stämme aufruft. Der mit seinem Geschöpf Abraham einen exklusiven „Bund“ schließt, Frauen gern zappeln lässt, bis sie endlich Kinder kriegen, und der schließlich einem kleinen Volk im Nahen Osten (das zu dieser Zeit noch gar nicht existiert!), einen privilegierten Sonderstatus verpasst und das Land Kanaan „verspricht“ – wobei die dort lebenden Menschen erst noch getötet oder vertrieben werden müssen… Wirklich verblüffend war und ist in diesem Kontext aber die eingangs erwähnte christliche Kernbotschaft, wonach sich der allmächtige Gott nicht mehr anders zu helfen wusste, als seinen eigenen „Sohn“ (von dessen Präexistenz vorher niemand etwas wusste) auf die Erde zu schicken, um dort ans Kreuz genagelt zu werden. Dieser Christus (Messias = „der Gesalbte“) war übrigens kein Christ, sondern Jude. Das, woran Jesus selbst glaubte (nämlich an seinen „Vater“, den Gott der Juden), gilt zwar bis heute als gültiges Wort Gottes – aber nur im Judentum! Das Christentum hat seit seiner Gründung durch den Apostel Paulus eine eigene Glaubenslehre. Da man nun aber schlecht die Ansicht vertreten kann, ausgerechnet Jesus von Nazareth habe sich womöglich in der Religion geirrt, müsste das Judentum eigentlich das wahre Christentum sein. Tatsächlich aber sind es zwei verschiedene Religionen, die zwar ein gemeinsames Erbe haben, sich aber viele Jahrhunderte hinweg feindlich gesinnt waren (die ersten Juden-Pogrome gingen von Christen aus!). Die Juden akzeptieren Jesus nicht als Gottes Sohn, sie glauben weder an den Erlösertod des Nazareners noch an seine Auferstehung. Dafür glauben sie, genau wie christliche Kreationisten, an jeden einzelnen Buchstaben im Alten Testament. Ein Testament, das vor Blut, Terror, Krieg, Intrigen, Schändungen und merkwürdigen Wundern nur so strotzt. Der Autor des vorliegenden Buches hat keine Ahnung, ob dieser Gott tatsächlich existiert, woher sollte er es auch wissen? Er kann allenfalls glauben, was ihm seine Lehrer und Erzieher im wahrsten Sinne des Wortes „vorgebetet“ haben – so wie Lehrer und Erzieher in allen Kulturen den Kindern etwas (anderes!) vorbeten. Im Judentum und dem Islam müssen oft schon Kleinkinder die Heiligen Schriften aus- Prolog 5 wendig lernen („Du sollst es deinen Kindern einschärfen!“, 5. Mos 6,7). Auch meine eigene sehr fromme Mutter hat mir bereits als Baby die Händchen gefaltet, mir vom „gütigen Vater im Himmel“ erzählt und dabei Gebete gemurmelt. Ich durfte schon als siebenjähriger Bub Messdiener werden und später meine gymnasiale Schulbildung in einem klösterlichen Internat bei den „Steyler Missionaren“ genießen. Trotz dieser tiefreligiösen Erziehung musste ich eines Tages aber verblüfft feststellen, dass mir „das Geheimnis des Glaubens" zunehmend entglitt. Persönlich hatte ich gar nicht viel dazu beigetragen, aber irgendwann begann die biblische Botschaft, sich selbst zu entzaubern. Vielleicht auch deshalb, weil bei der Lektüre des Alten Testaments die von Gott gegebene Vernunft in scharfe Opposition zum Glauben geriet. Denn die Bibel verherrlicht (göttliche) Gewalt in einem völlig inakzeptablen Maße (siehe Kapitel 3, 4, 5 und 15). Unterstützt wurde mein religiöser Ablösungsprozess von Texten großer Denker wie Marcion, Celsus, Julian von Aeclanum, David Hume, Immanuel Kant, Bertrand Russell und vielen anderen. Auch deren faszinierende Gedankenkraft hat mich dazu ermutigt, bei der Reflexion über Gott wie das Kind in dem Andersen-Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ scheinbar naive Fragen zu stellen: – Warum hat „der liebe Gott“ die Menschen eigentlich nicht so geschaffen, wie er sie gern haben wollte? – Warum hat der Allmächtige zugelassen, dass diese Welt so schlecht wurde, dass er sie selbst per Sintflut wieder vernichten musste? – Wieso hat ein Gott es nötig, seinen eigenen „Sohn“ zu opfern? – Wie funktioniert das Erlöser-Prinzip: Die Sünden der Menschen sind einfach weg, weil Jesus am Kreuz gestorben ist? – Warum lässt der Allmächtige den Teufel sein Unwesen treiben – und geht sogar einen Pakt mit ihm ein (Buch Noah)? – Warum dürfen die „Ebenbilder Gottes“ im kosmischen Maßstab nur für einen Wimpernschlag auf der Erde verweilen, während sie aber „ewig“ für ihre Sünden büßen sollen? Von solchen Fragen handelt diese Streitschrift. Das Buch will auf das Angst einflößende Gottesbild hinweisen, das im Alten Testament vermittelt wird, und Fragen nachgehen, die im Religionsunterricht oft nur peripher behandelt werden. Vor allem aber will es die Bibel ernst nehmen, wie es einem „Wort Gottes“ gebührt, und die Heilige Schrift auf Prolog 6 eine natürliche Weise hinterfragen, im Literalsinn (wörtlich/sinngemäß) und mit der lutherischen Methode sola scriptura (allein durch die Schrift). Ausdrücklich will es sich dabei nicht der Sichtweise der Kirchen und ihrer akademischen Exegeten bedienen, sondern der Sichtweise eines normalen Gläubigen, der gelegentlich oder regelmä- ßig betet, sonntags in die Kirche geht, „den Bund fürs Leben“ vor einem Geistlichen schließt und seine Kinder „im Namen Gottes“ taufen lässt. Die biblische Betrachtung aus professioneller Perspektive soll den Theologen, Alttestamentlern, Historikern, Bibelwissenschaftlern und Philosophen überlassen bleiben. Diese sollen ruhig weiter über Arianismus, Deuteropaulinen oder die Transsubstantiationslehre sinnieren, oder jenseits der Lebenswirklichkeit der Menschen die Bibliotheken vollschreiben über pantheistische, animistische, etymologische, anthropologische, soteriologische und eschatologische Fragen. Selbstverständlich maße ich mir nicht an, die Forschungen und Erkenntnisse der Wissenschaftler in Frage zu stellen. Auch bestreite ich weder die Bedeutung der Bibel als spirituelle Basis unserer christlich-abendländischen Kultur, noch leugne ich historisch belegbare Fakten und Mythen, die zur Identitätsfindung eines Volkes beigetragen haben. Ganz energisch bestreite ich aber die Behauptung christlicher Apologeten, Gott habe sein Wort bewusst verklausuliert, und nur (ordinierte) Theologen seien befugt und in der Lage, es richtig auszulegen. Mit Verlaub, das ist Humbug! Warum sollte ein allmächtiger Gott seine „frohe Botschaft“ an die eigenen Geschöpfe in verquaster Sprache und in kryptischen Formeln verkünden? Weshalb sollte er zu den Propheten in rätselhaften Allegorien gesprochen haben? Nein, es waren interessierte Kreise, Priester und Schriftgelehrte, die diese biblischen Texte in einem jahrhundertelangen Reflexions- und Redaktionsprozess kompiliert und komponiert haben. Phantasievolle Geister, die vorgingen wie Bäcker beim Brotbacken: Sie vermengten die Zutaten (Überlieferungen, Sagen, Legenden und historische Fakten) zu einem leckeren Teig, und schufen daraus geistige Nahrung für das Volk. Die Heilige Schrift, das bestreitet heute kein seriöser Wissenschaftler mehr, ist Menschenwerk! In ihrer Not hat die Kirche deshalb die Losung Gotteswort in Menschenwort erfunden, womit sie sagen will, Gott habe durch (auserwählte) Menschen gesprochen, die vom „Heiligen Geist“ inspiriert worden seien. Die eigentliche Botschaft, so der Vatikan als oberste Prolog 7 Instanz der katholischen Christen, sei und bleibe gleichwohl göttlich. Diese Überzeugung haben alle Christen, auch jene, die dem römischen Weg nicht gefolgt sind. Nun, die Leserinnen und Leser können und sollen sich selbst ein Bild machen. Auch mein Buch beginnt mit der Schöpfungsgeschichte, aber mit einer realitätsnahen Version der Schöpfungsgeschichte. Sie wurde nicht von antiken Propheten und hebräischen Priestern mit Babylon-Syndrom geschrieben, sondern von exzellenten Naturwissenschaftlern. In Kapitel 2 folgt eine kurze Geschichte der Erfindung der Götter (durch die Menschen), danach eine kritische Analyse der Genesis und ihrer Hauptdarsteller. Die Kapitel 3 – 6 sind bewusst „naiv“ und provokativ gehalten, weil sie sich nicht dem Diktum christlicher Bibelkommissionen nach einem allegorischen Verständnis der Heiligen Schriften beugen, sondern Abrahams Odyssee ins gelobte Land, Moses wundersame Erlebnisse in der Wüste und Davids angebliche Heldentaten so rezipieren, wie sie tatsächlich geschrieben stehen. Die offizielle Formel der Kirchen und vieler Theologen, wonach das alles nicht so gemeint sei – Sündenfall, Sintflut, Sodom & Gomorrah, Isaaks Opferung, Auszug aus Ägypten, „Landnahme“ von Kanaan – erfährt deshalb keine Berücksichtigung, weil auch die paulinische Christologie und die patristische Glaubenslehre ausdrücklich auf den wörtlichen Sinn der Bibel Bezug nehmen. In manchen Kapiteln kommen auch Apokryphen (alte Schriften, die es nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben) zur Sprache. Das ist wichtig, weil diese Texte, die sich bei den frühen Christen großer Beliebtheit erfreuten, enorm zum Verständnis des Christentums beitragen. Den Mittelteil des Buches prägen kompakte Porträts der wichtigsten biblischen Figuren, von Abraham über Moses, David, zu Jesus und Maria sowie Paulus (und natürlich des umstrittenen Kirchenlehrers Augustinus!) – aber nicht im schwärmerischen Duktus der Theologen, sondern im Ton respektvoll-kritischer Distanz. Es folgen durchaus ungewöhnliche Betrachtungen über das Phänomen der „Offenbarung“, über die umstrittene Gerechtigkeit Gottes (Theodizee) sowie über die bigotte Lustfeindlichkeit des Christentums. Den Abschluss bildet ein (versöhnliches) Resumée, warum die Religion trotz aller Fehler und Fragwürdigkeiten ein essentieller Bestandteil des Lebens, der Politik, Prolog 8 der Gesellschaft und der Kultur (geworden) ist und wohl auch bleiben wird. Noch ein Wort zur Methodik: Im Nachklang der Aufklärung haben auch die Kirchen in einem mühevollen Lernprozess erkennen müssen, dass die biblischen Geschichten mit den Erkenntnissen der modernen Physik und Biologie nicht kompatibel sind. Der Vatikan hat darauf mit langatmigen Enzykliken reagiert, die Theologie mit der historisch-kritischen Exegese. Zur wirklichen Erhellung strittiger Punkte haben diese Prozesse aber nicht geführt, denn die Kernprobleme der (christlichen) Religion werden bis heute verdrängt. Diese Unwahrhaftigkeit der Kirche ist in einem gewissen Maße sogar nachvollziehbar, denn eine Preisgabe theologischer Grundpfeiler im Glaubensgebäude birgt natürlich die Gefahr des Zusammenbruchs. Deshalb beantwortet die Kirche (das Lehramt) auch bis heute nicht unmissverständlich die Frage, ob Adam und Eva nun historische oder mythologische Figuren sind. Stattdessen behauptet sie unverdrossen, der Sündenfall sei ein „Urereignis, das zu Beginn der Schöpfung stattgefunden hat“. Tja, ohne Sündenfall wäre tatsächlich die gesamte Erbsündenlehre gegenstandslos, und ohne die Erbsünde wiederum ließe sich der Erlösungsgedanke nicht sinnvoll erklären. Das gibt die Kirche sogar offen zu, und zwar im (römischen) Katechismus unter Punkt 389: „Die Kirche.. ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“. Als Autor dieses Buches bin ich mir, wie schon angedeutet, der elementaren Bedeutung des Glaubens für Mensch und Gesellschaft voll bewusst. Ich teile mit Milliarden Gläubigen in aller Welt die Ansicht, dass der (mystische) Glaube an übernatürliche Kräfte, an eine höhere Instanz, an den Schöpfergott, ganz offenbar ein unstillbares, elementares Bedürfnis des Menschen ist. Ich weiß zudem, dass der Glaube an eine göttliche Autorität und an eine himmlische Ordnung in zahlreichen Lebenssituationen Trost, Orientierung, Hilfe und Halt spenden kann. Und mir ist klar, dass die monotheistisch-abrahamitischen Religionen durch ihren immensen Beitrag zur kulturellen Entwicklung der Menschheit (Architektur! Musik! Philosophie!) eine unanfechtbare, irreversible Legitimität erworben haben. Das kann und darf aber nicht heißen, dass die Kirchen auch noch im 21. Jahrhundert nach Christus von (gut-)gläubigen Menschenkin- Prolog 9 dern unter indirekter Strafandrohung verlangen können, die biblischen Mythen, Märchen und Ungereimtheiten wie im Mittelalter gottergeben hinzunehmen. Mythen, die aus einer Zeit stammen, in der es noch keine allgemeine Bildung und keine Medien gab, keine Wissenschaft und keine urbane Gesellschaft, sondern eher primitive Nomaden, Sippen und Stämme, in denen die Hirten, Bauern und Mägde bei jedem Gewitter noch glaubten, nun zürnten die Götter im Himmel. Deshalb: In einer aufgeklärten Welt kann und darf Religionskritik nicht sakrosankt sein. Im Gegenteil, sie ist wichtiger denn je. Noch heute drohen in mindestens 43 Ländern der Erde Haftstrafen, wenn es jemand wagt, die (jeweils vorherrschende) Religion in Frage zu stellen (Report 2016 des Internationalen Humanistenverbandes IHEU). Glaubensfreiheit? In einem Dutzend Länder wird der „Abfall vom Glauben“ heute noch mit dem Tode bestraft! In manchen islamischen Staaten werden religiöse Minderheiten nach wie vor von Fanatikern verfolgt und diskriminiert oder gar mit Bomben in die Luft gesprengt. Und gerade weil die Religionen, alle Religionen, auch unendlich viel Leid verursacht haben, Anlass für Kriege und Kreuzzüge waren, über Jahrtausende hinweg Abermillionen Menschen körperlich und seelisch in grausamer Weise drangsaliert, malträtiert und massakriert haben, ist und bleibt es die moralische Verpflichtung eines jeden aufgeklärten Bürgers, kultische Handlungen und religiöse Zeremonien und Überzeugungen zwar zu akzeptieren und zu respektieren; sie aber auch jederzeit – grundsätzlich und kritisch – zu hinterfragen. Dazu will dieses Buch einen Beitrag leisten. Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Wenn jemand aus der Leserschaft glaubt, die kritisch-naive Betrachtung der Bibel in diesem Buch beruhe auf häretisch getunkten Vorurteilen oder fachlicher Unzulänglichkeit, dem sei dies unbenommen. Ich antworte darauf wie der große jüdisch-christliche und deutsch-französische Dichter Heinrich Heine, der sich ebenfalls des Glaubensthemas angenommen hat und in seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland schrieb: „Wenn Philosophen und Theologen vornehm die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt all dessen, was ich hier vorbringe, dann sollen sie das tun. Aber eben auch bedenken, dass das wenige, was ich hier sage, ganz klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre Prolog 10 eigenen Werke zwar gründlich, unermessbar gründlich, sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig – aber ebenso unverständlich sind“. Homburg/Saar und Tourrettes-sur-Loup/Frankreich, im Juli 2018 Bernard Bernarding Prolog 11

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.