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VII Kapitel Die Rezeption der Römischen Historiographen – Sallustius Crispus und Cornelius Tacitus in den Loci theologici in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani De Locis Theologicis Libri Duodecim, page 69 - 80

Studien zu Autor und Werk

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4219-9, ISBN online: 978-3-8288-7125-0, https://doi.org/10.5771/9783828871250-69

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die Rezeption der Römischen Historiographen – Sallustius Crispus und Cornelius Tacitus in den Loci theologici132 Die Autorität der Profangeschichte (Auctoritas humanae historiae) spielt in Canos Werk erstmalig im Rahmen der Geschichte der Theologie eine zentrale Rolle, wie Wilhelm Schmidt-Biggemann zu verstehen gibt133: „Im Buch XI untersucht er (scil. Melchior Cano) die Geschichtsschreibung. Dieses Thema ist für ihn, der die Frage der Tradition als Legitimation kirchlicher Dogmatik zuerst systematisiert hat, zentral. Schließlich ist die Theologie der Tradition auf eine verlässliche Überlieferung schlechterdings angewiesen.“ Somit ist nachvollziehbar, dass der Dominikanertheologe der Autorität der Geschichte besonders gewichtet. Entgegen der Erwartung legt Cano den Schwerpunkt seiner Darlegung im XI. Buch nicht so sehr auf die Heilsgeschichte als vielmehr auf die Profangeschichte, in deren Behandlung er sich explizit auch mit den paganen Historiographen der römischen Antike auseinandersetzt. Die Verweise auf die Werke der Geschichtsschreiber sind nach Juan Belda Plans Auflistung134 zahlreich. Neben Flavius Josephus mit 57, Titus Livius mit sechs Passagen, Cäsar und Varro mit je zwei Stellen, die in der Version der Editio princeps explizit angeführt werden, finden sich auch Verweise auf Gaius Sallustius Crispus und Cornelius Tacitus, deren Werke Cano verwendet hat. VII Kapitel 132 Das vorliegende Kapitel ist die überarbeitete Version des Vortrags, den ich unter dem Titel ‚The authority of history in Melchior Cano’s De locis theologicis‘ am 19. August 2016 auf dem jährlich stattfindenden Symposium der ‚Sixteenth Century Society and Conference (SCSC)‘ in Brügge gehalten habe. 133 (2007) 322 134 (2006) CXIII–CXIV. 69 Die Tradition der taciteischen und sallustianischen Schriften – Von der Antike bis zur Renaissance Die Werke des römischen Historikers Cornelius Tacitus galten vom 6. bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts als verschollen135. Dennoch existierte eine Tradition der Monographien, die bis in karolingische Zeit reichte, wie Dieter Mertens zu verstehen gibt: „Die karolingische Überlieferung der kleineren Werke Germania, Agricola und Dialogus – zusammengebunden mit Suetons fragmentarischem De grammaticis et rhetoribus – gelangte im 15. Jahrhundert in Gestalt des von der Forschung so benannten Codex Hersfeldensis nach Italien, wurde aber sehr bald aufgeteilt und kopiert und ging danach wieder verloren.“136 Im Kloster Fulda lassen sich wiederholt Verwendungen von Texten des Historikers nachweisen – Rudolf von Fulda erwähnt in den sogenannten Annales Fuldenses oder Ostfränkischen Reichsannalen nicht nur zum Jahr 852 den Namen Cornelius Tacitus, sondern zitiert auch längere Passagen aus Tacitus’ Annalen und der Germania. Ab dem 14. Jahrhundert und der Wiederentdeckung des Mediceus II werden die Bezüge auf die Schriften des Historikers häufiger137, wobei jedoch ein besonderes Interesse an der Germania zu verzeichnen ist, wie Reminiszenzen in den Werken Enea Silvio Piccolominis und Giovanni Antonio Campanos beweisen können.138 Auf dem Konzil von Trient wiederum, auf dem Machiavellis Schrift ‚Il Principe’139, erschienen 1513, indiziert wurde, kam es zunächst wiederholt zu Erwähnungen und Verweisen auf Tacitus und dessen Schriften (1557), auf VII.1 135 Vgl. Kelley (1993) 152–167; 185–200. 136 Vgl. Mertens (2004) 40. 137 Boccacio zitierte Teile der Annalen 13, 14 und 15. 138 Der Italiener Enea Silvio Piccolomini, seit 1458 Papst Pius II., benutzte die Germania 1457, um in einem Streit mit deutschen Bischöfen zu zeigen, was sich nach der Christianisierung mit Hilfe der Kirche in Germanien verändert hatte. Sein ehemaliger Sekretär Giovanni Antonio Campano hingegen versuchte auf dem ‚Regensburger Christentag’ 1471, ein eher positives Bild Germaniens zu zeichnen, um die deutschen Fürsten zu einer Teilnahme am Kampf gegen die einfallenden Türken zu mobilisieren. 139 Niccolò Machiavelli (1469 bis 1527) kannte die Tiberius-Bücher der Annales 1513 noch nicht, weshalb er die Werke des römischen Historikers bei der Abfassung des ‚Principe‘ nicht verwenden konnte. VII Kapitel Die Rezeption der Römischen Historiographen 70 dem 1564 veröffentlichten Index jedoch zur generellen Zensur seiner Werke.140 Eine im weitesten Sinne ähnliche, doch im Detail differenzierte Tradition nahmen die Werke des Historikers Sallust. Während im frühen Mittelalter ein reger Gebrauch der Werke insbesondere bei den Kirchenvätern auszumachen war, die Sallusts moralisierende Ausführungen über die durch ambitio und avaritia ausgelöste moralische Dekadenz der römischen Gesellschaft des 1. Jahrhunderts vor Christus für die in Christi Geburt gipfelnde Heilsgeschichte nutzten, finden sich kaum Zeugnisse des Autors in karolingischer Zeit. Die frühesten Manuskripte datieren in das 9. Jahrhundert141, ab dem 10. Jahrhundert nehmen die Erwähnungen in den Bibliotheken zu142, wofür Anklänge des sallustianischen Catilina bei Widukind von Corvey stellvertretend Zeugnis ablegen.143 Ab dem 15. Jahrhundert ist eine rege Rezeption und Adaption der Werke des Sallust in Italien zu sehen – beispielsweise orientierte sich Leonardo Bruni bei der Abfassung seiner Stadtgeschichte von Florenz gedanklich an Sallust144 –, was sich insbesondere an den verschiedenen Druckausgaben zeigt. 1470 besorgte Vindelinus de Spira in Venedig die erste italienische Ausgabe des Catilina und des Bellum Iugurthinum, seit 1475 lagen die Reden, Briefe und die Cicero-Invektive in Druckform vor. Die weite Verbreitung und das breite Interesse an Sallust in Europa spiegeln sich in den 71 Ausgaben wider, die seit 1500 im Umlauf waren145, darunter auch verschiedene Übersetzungen wie beispielsweise die erste spanische Version aus dem Jahr 1493. Auf dem 140 Vgl. Augias (2011) 404–405: „Der beim Konzil von Trient aufgestellte Index erschien im Frühjahr 1564 (…). Die Kongregation hatte sich ein gigantisches Zensurprogramm zu allen Autoren und Werken vorgenommen, die aus irgendwelchen Gründen nicht im Einklang mit der offiziellen Lehre standen. Darunter fielen (…) Historiker wie Herodot, Tacitus, Thukydides; die Klassiker praktische vollständig: Ovid, Vergil, Horaz, Sallust, Livius, Plutarch, Homer, Cato, Plautus, Aesop.“ 141 Vgl. Stein (1977) 103–104. 142 Vgl. Zimmermann (1929). 143 Vgl. Vester (1949). 144 Vgl. dazu la Penna (1968) 409–431. 145 Vgl. Stein (1977) 189. VII.1 Die Tradition der taciteischen und sallustianischen Schriften 71 Konzil von Trient (1564) wurden Sallust und dessen Werke ebenso zensiert wie Tacitus. Die Autorität der Geschichte in den Loci theologici – Die Verwendung der Werke des Sallust und des Tacitus Die Autorität der menschlichen, d. h. profanen Geschichte ist explizit Thema des XI. Buches in der Abhandlung über die Orte der Theologie. Nach dem II. wie auch dem XII. Buch, das mitunter als praxisorientierter Teil des Gesamttraktats betrachtet wird146, ist dieser der in sieben Einzelkapitel unterteilte umfangreichste liber in der Beschreibung der Einzelorte.147 Das erste Kapitel des Buches widmet Cano der Nachricht vom plötzlichen Tode seines Vaters, woran sich in Kapitel II die Diskussion des unumstrittenen Nutzens historischer Kenntnisse anschließt. Kapitel III befasst sich mit der allen Orten zugrunde liegenden Frage nach der Autorität der Geschichte, wobei für den Spanier in diesem Kapitel zunächst die Frage nach den Argumenten im Vordergrund steht, die gegen diesen Ort angeführt werden können. Nach Canos Überzeugung in Kapitel IV können der Geschichte bisweilen eine auctoritas probabilis wie auch eine auctoritas certa zugesprochen werden, woran sich in den Kapiteln V und VII die Auseinandersetzung mit den in Kapitel III vorgebrachten Einwänden schließt. Als Einschub dazwischen steht Kapitel VI, das sich der Frage nach jenen Autoren widmet, die für den Theologen als verlässlich angesehen werden können. Allusionen auf die beiden genannten paganen Historiker finden sich mehrfach in diesem Buch, allerdings weisen kaum direkte Zitate auf eine explizite Verwendung bzw. Kenntnis von deren Werken hin. Vielmehr sind es Namensnennungen im Rahmen von indirekten Zitaten anderer Quellen, in denen Sallust und Tacitus aufgezählt werden. VII.2 146 Vgl. Körner (1994) 277 [„(...) nicht zu Unrecht hat man von einem Handbuch für Inquisitoren gesprochen.“]; Huerga (1961) 52 [„Vademecum sive manuale inquisitorum“]. 147 Vgl. Körner (1994) 265: „Canos letztes Buch über einen locus theologicus, das Buch über die auctoritas humanae historiae, ist nach dem Buch über die auctoritas sacrae Scripturae das zweitumfangreichste.“ VII Kapitel Die Rezeption der Römischen Historiographen 72 Sallust Am Ende des dritten Kapitels (De historiae humanae in theologiam utilitate) des XI. Buches führt Cano beispielsweise ein indirektes Zitat des Flavius Vopiscus an, in dem dieser wiederum behauptet, dass sowohl Sallusts als auch Tacitus’ Geschichtsschreibung in einigen Bereichen bisweilen fehlerhaft ist, ohne dabei jedoch eine genaue Stelle zu nennen: Quid in imperio Romanorum? An ulli exstant annales publici, quibus credere debeamus? Minime gentium. Sed quisque pro affectu suo res illorum gestas scripsit. Laudationibus porro, quod Tullius ait, de clar. Orator., historia rerum romanarum est facta mendacior. Quaedam autem in Livio esse, quaedam in Sallustio, quaedam in Cornelio Tacito, quaedam in Trogo, quorum fides manifestis testimoniis labefactari possit, Flavius Vopiscus, in vita Aureliani, verissime dixit. Wie sieht es im Römischen Reich aus? Gibt es dort etwa öffentlich zugängliche Annalen, denen man glauben darf? Bei Gott, nein! Sondern jeder hat die Taten jener Menschen nach Sympathie niedergeschrieben, wie Tullius sagt im Brutus de claris oratoribus [62]: Andererseits ist die römische Geschichte lügnerischer als Lobreden. Flavius Vopiscus sagt in seiner vita Aureliani sehr wahrheitsgemäß, dass es in Livius, in Sallust, in Cornelius Tacitus und in Trogus Stellen gibt, deren Zuverlässigkeit man durch sehr klare Zeugnisse in Frage stellen kann. Obgleich an der erwähnten Stelle von der Möglichkeit gesprochen wird, dass beiden Historikern bei ihren Darstellungen Fehler unterlaufen sein können, mindert dies für Canos eigene Intention nicht deren Glaubwürdigkeit; vielmehr sind sie Autoren, denen traditionsbedingt Verlässlichkeit zuerkannt werden kann, wie Cano an späteren Stellen zu verstehen gibt.148 VII.2.1 148 Zwei der Intention nach ähnlich gestaltete Passagen finden sich auch im sechsten Kapitel (Qui sint probatae fidei auctores, qui contra non sint) des XI. Buches. Dort werden in gleicher Weise wie zuvor eine Reihe antiker Historiker passim ohne direkten Bezug zu ihren Werken genannt: LT XI,6: Quaedam enim Iulius Caesar, quaedam Suetonius, quaedam Cornelius Tacitus, quaedam Plutarchus, quaedam Plinius narrant, quae auctores ipsi partim oculis aspexerunt, partim acceperunt ab his, qui ea praesentes aspexerant. (…) Quales sunt Caesar, Val. Max., Terentius Varro, Livius, Cornelius Tacitus, Seneca (…). VII.2 Die Autorität der Geschichte in den Loci theologici 73 Seine eigene Sicht auf die paganen Historiker äußert er direkt erstmals im sechsten Kapitel, hier im Hinblick auf Sallust. Dort ist zu lesen: Nequis negligentiae nos insimulet, si ullos aut laudando, aut vituperando transimus. Sed ais. Crispus Sallustius in perditis omnino moribus veridicus historiae scriptor est habitus. Sane quidem. At cum Sallustium obijcis, hominem obijcis: in quo si non honestatis pudor, at infamiae eius timor fuit, quam Romani cum primis declinarunt: ne mendaces, quemadmodum Graeci, in historiis haberentur. Deinde non mihi Sallustius videtur vitiis caruisse et gratiae et simultatis. Certe cum de Cicerone scribit, multa silentio praeterit: quae libentissime in aliorum gratiam retulisset. Sed haec duo vitia cum historicorum fere omnium communia sunt, tum quorundam quasi propria. Doch niemand soll mir Nachlässigkeit vorwerfen, wenn ich einige mit Lob oder Tadel übergehe. Aber man sagt: ‚Sallustius Crispus ist als wahrhafter Historiker mit Blick auf die ganz und gar verkommenen Sitten angesehen worden.‘ Sicher. Doch, wenn man gegen Sallust etwas einwendet, dann wendet man etwas gegen einen Menschen ein, der, wenn schon keine Scham vor Auszeichnung, so doch Furcht vor übler Nachrede hatte, die die Römer besonders verabscheut haben, um nicht wie die Griechen in der Geschichtsschreibung als Lügner zu gelten. Zweitens scheint mir Sallust nicht frei von solchen Fehlern wie Schmeichelei und Feindschaft gewesen zu sein. Sicher, wenn er über Cicero schreibt, übergeht er vieles mit Schweigen, was er sehr gerne erwähnt hätte, um andere zu begünstigen. Doch diese beiden Fehler sind fast allen Historikern gemeinsam, aber einigen gewissermaßen besonders eigentümlich. Bezogen auf die Argumente, die sich gegen eine Autorität der insbesondere paganen Historiker des dritten Kapitels richten, stellt Cano nun am Beispiel des Sallust dar, dass die vorgebrachten Einwände nicht den Historiker selbst, sondern den Menschen betreffen, der sich aufgrund der pudor honestatis bzw. der timor infamiae zu Zurückhaltung verleiten ließ. Das sei Sallust positiv anzurechnen, doch wäre auch er nicht frei von Schmeichelei (gratia) und Feindschaft (simultas), obgleich er gerade mit Blick auf Cicero vieles verschwiegen habe (multa silentio praeterit), was er zu Gunsten anderer hätte erwähnen können. Gekonnt, jedoch – wie vielfach in seinem Werk zu attestieren – ohne direkten Quellenbezug argumentiert Cano an dieser Stelle implizit durch den Hinweis auf das historisch verbürgte gespannte Verhältnis zwischen Sallust und Cicero, das aus Sallusts Schriften bekannt war. Gerade zwei Werke des Sallust, das Bellum Catilinae und sicherlich die VII Kapitel Die Rezeption der Römischen Historiographen 74 in der Forschung stets strittig beurteilte Invectiva in Ciceronem, sind hierfür von besonderer Qualität. Im Catilina selbst erwähnt Sallust an insgesamt 18 Stellen Cicero, ohne dabei jedoch polemisch oder kritisch über den Konsul des Jahrs 63 v. Chr. zu schreiben. Denkbar ist, dass gerade Sallusts eher neutrale Darstellung der Verhaltensweisen und Entscheidungen Ciceros während der Verschwörung Cano dazu bewogen hat, Sallust zu attestieren, vieles trotz besseren Wissens bezogen auf Cicero mit Schweigen übergangen zu haben. Dass Sallust jedoch über Cicero nicht nur geschwiegen hat, sondern durchaus polemisch gegen ihn vorgegangen ist, lässt sich plausibel nur dann erklären, wenn man Cano die Kenntnis der aus dem Jahr 54 v. Chr. stammenden Invektive gegen Cicero zuspricht149, in der der Historiker den Konsular wüst beleidigt hat. Dass Cano darauf angespielt hat, wird bei genauerer Betrachtung einer Passage der Invektive aus zweierlei Gründen plausibel. Dort heißt es: Verum, ut opinor, homo novus Arpinas, ex M. Crassi familia, illius virtutem imitatur, contemnit simultatem hominum nobilium, rem publicam caram habet, neque terrore neque gratia removetur a vero, amicitia tantum ac virtus est animi. Immo vero (...). Aber ich glaube gar, der Emporkömmling aus Arpinum aus der Gefolgschaft des Marcus Crassus ahmt dessen Tüchtigkeit nach, verachtet die Feindschaft der Nobilität, hat Liebe zum Staat und lässt sich weder durch Einschüchterungsversuche noch durch Gunst vom rechten Weg abbringen; er ist ganz Freundschaft und hohe Gesinnung. Das Gegenteil ist wahr. (Übersetzung Werner Eisenhut) Sallust charakterisiert Cicero an dieser Stelle zunächst voller Ironie als höchst aufrichtigen Mann, dessen integre Gesinnung durch keinerlei Irritation von außen beeinflusst werden kann, um im weiteren Verlauf der Stelle den ehemaligen Konsul mit harschen Worten zu diffamieren. Interessant ist Sallusts Wortwahl in diesem Zusammenhang, verwendet er doch die beiden Substantive simultas (Feindschaft) und gratia (Gunst), um Ciceros Verhalten negativ zu zeichnen: Cicero schrecke 149 Dass Cano Sallusts Invektive gekannt haben konnte, lässt sich aus der handschriftlichen Überlieferung wie auch gerade aus den gedruckten Ausgaben des 15. Jahrhunderts gut bezeugen, vgl. dazu Novokhatko (2009) 27–110; 111–118. VII.2 Die Autorität der Geschichte in den Loci theologici 75 nicht vor Feindschaft zurück, andererseits aber lasse er sich auch nicht durch Begünstigung von der Wahrheit abbringen. Beide Begriffe bezeichnen an dieser Stelle im Kern die zentralen Verfehlungen eines Politikers, die durch die Wendungen rem publicam caram (Liebe zum Staat), terrore (Einschüchterung), amicitia (Freundschaft) und virtus animi (hohe Gesinnung) an Präzision gewinnen. Die Semantik beider Begriffe scheint meines Erachtens auch Cano erkannt zu haben, verwendet er sie doch selber, wenn er Sallust zuspricht, dieser sei bei aller Objektivität (veredicus) nicht immer frei von den Fehlern (vitiis) der Feindschaft (simultatis) und der Parteilichkeit (gratiae) gewesen. Somit wird Sallusts eigener Vorwurf gegenüber Cicero, er habe stets die Feindschaft der Nobilität geachtet und sei durch Gunst von der Wahrheit abgekommen, in Canos Darstellung auf Sallust selbst gespiegelt, wie der Theologe durch den indirekten Verweis auf Sallusts Darstellung des Cicero im Catilina und der Invektive folgert. Ein markanter, diese These stützender weiterer Beweis ist auf stilistischer Ebene zu finden. Betrachtet man synoptisch Canos gesamte Schrift, wird deutlich, dass er an nur einer weiteren Stelle seines Werkes die Begrifflichkeit simultas überhaupt verwendet hat – im II. Buch, Kapitel X, in der Form simultates –, allein in der vorliegenden Passage jedoch wird die Kombination simultas und gratia angeführt. Auffällig ist dabei, dass simultas und gratia auch bei Sallust in unmittelbarer Nähe als zentrale Begriffe in der Beschreibung Ciceros stehen. Dass dies kein Zufall ist, sondern durchaus zu Canos Eigenart gehört, scheint sich mir aus verschiedenen anderen Passagen seines Werkes zu ergeben, an denen er bei Erwähnung antiker Autoren dazu neigt, Wendungen aus deren Werken zu entlehnen und diese nicht als wörtliche Zitate, sondern durch geschickte Veränderung der Worte in den Kontext jener der eigenen Intention folgenden Abschnitte einzupassen. Das lässt sich am deutlichsten im XI. Buch, Kapitel V, verifizieren, worin Cano die Anfangsverse von Juvenals erster Satire aufgreift, den Wortlaut ändert und die ursprüngliche Intention dem Kontext der loci anpasst.150 150 Vgl. dazu Hogenmüller (2014) 320–330. VII Kapitel Die Rezeption der Römischen Historiographen 76 Tacitus Eine ganz ähnliche Praktik lässt sich auch hinsichtlich der Werke des Cornelius Tacitus ausmachen. In den loci sind bekanntlich lediglich drei Namensnennungen des Historikers zu finden, doch an nur einer Stelle – interessanterweise nicht im XI., sondern im XII. Buch – kann eine Passage aus der Germania identifiziert werden, die Cano ohne Verweis auf ihren Ursprung zitiert hat. Die von Cano angeführte Stelle der Germania befindet sich im dreizehnten Kapitel des XII. Buches, in dem er über die Anwendung der theologischen Orte in der scholastischen Disputation verhandelt. In diesem Kontext gibt jenes Kapitel ein erstes Beispiel für die praktische Anwendung der loci in der Disputation (Exemplum primum, ubi principium Theologiae in quaestionem vertitur), „in der es um ein theologisches Prinzip geht (de eucharistiae sacrificio) (...).“151 Im Verlauf dieses Kapitels geht Cano dezidiert auf die Sichtweisen der Lutheraner ein und grenzt die eigene Position dabei scharf ab: Nach Art der Türken (Turcarum more) wollten die Lutheraner, so sein Vorwurf, das Priestertum gestalten (sacerdotium nostrum Lutherani informare cupiunt), bei denen sich die Priester selbst kaum vom gemeinen Volk unterschieden (a communi populo non multum sacerdotes differunt). Das stünde, wie er weiter zu verstehen gibt, im Gegensatz zu einer germanischen Tradition, auf die er sich folgendermaßen bezieht: Quanto religiosius antiqui olim Germani statuerunt, ut verberandi animadvertendique in hominem, nisi sacerdotum auctoritate, nullis esset concessa facultas, quod iudicia non humana, sed divina viderentur. Um wie viel frommer haben einst die alten Germanen festgelegt, dass niemandem die Möglichkeit gegeben war, einen Menschen zu strafen und zu züchtigen, wenn nicht durch die Autorität der Priester, da ihre Urteile nicht menschlich, sondern göttlich schienen. Für Cano steht fest, dass gerade die Sitte der alten Germanen, die Autorität der Priester (sacerdotum auctoritate) hochzuschätzen und ihre Urteile als nicht menschlich (non humana), sondern göttlich (divina) anzusehen, dem Priesterstand einen besonderen Status verleiht und VII.2.2 151 Vgl. Körner (1994) 277. VII.2 Die Autorität der Geschichte in den Loci theologici 77 somit einer größeren Frömmigkeit entspricht als die Praxis der Lutheraner. Die angeführte Passage wiederum geht eindeutig auf Canos fundierte Kenntnis der antiken Historiker zurück152, bezieht er sich doch auf eine Stelle in Tacitus’ Germania. Im siebten Kapitel (7,2) ist dort interessanterweise ein fast identischer Wortlaut zu finden: Ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem, nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nec ducis iussu, sed velut deo imperante, quem adesse bellantibus credunt. Übrigens hat weder zum Strafen, noch zum Binden, nicht einmal zum Züchtigen irgendjemand die Befugnis außer den Priestern, und auch diese nicht wie zur Strafe oder auf Geheiß des Anführers, sondern gewissermaßen auf Befehl des Gottes, von dem sie glauben, dass er den Kämpfenden zur Seite steht. Aus dem Vergleich der beiden Stellen zeigt sich eindeutig, dass Tacitus’ Ausführungen Vorbild und Quelle bei der Konzeption der Passage in den loci gewesen sein müssen. Cano hat nicht nur die Intention der Tacitusstelle übernommen, sondern auch den stilistischen und syntaktischen Aufbau des römischen Historikers weitestgehend nachgeahmt. Verändert wurde lediglich die bei Tacitus stehende Verbalform permissum, woraus bei Cano das Substantiv auctoritas geworden ist, wie auch die konkreten Begriffe ducis iussu und deo imperante, die in der Version des Spaniers zu den eher abstrahierten Wendungen iudicia non humana, sed divina verändert worden sind. Tacitus’ Verweis auf einen germanischen Gott, der den Kämpfenden beisteht (quem adesse bellantibus), ist von Cano weggelassen worden. Aus der zu Beginn dieser Studie angesprochenen Tradition der taciteischen Werke geht klar hervor, dass er Tacitus’ Germania gekannt und verwendet haben kann. Ob Cano ein Exemplar der Germania bei der Niederschrift des XII. Buches zur Hand hatte, oder aber auf dem Konzil von Trient damit in Kontakt gekommen war, wie dies wohl für 152 Dies hat auch der spanische Übersetzer des XI. Buches der loci, der klassische Philologe Salvador Villegas Guillén, in der Ausgabe von Juan Belda Plans [(2006)] gesehen und in einer Anmerkung aufgenommen [819 Anm. 403]. VII Kapitel Die Rezeption der Römischen Historiographen 78 die Schriften der Reformatoren zu gelten hat153, Exzerpte daraus gemacht und diese bei der Abfassung des Buches hatte einfließen lassen, wird unbeantwortet bleiben müssen. Ergebnis Wie eingangs behauptet, finden sich tatsächlich an verschiedenen Stellen innerhalb des XI. und XII. Buches der loci Verweise auf die Werke der römischen Historiker Sallust und Tacitus. Bemerkenswert ist dabei das Vorgehen, das Melchior Cano bei der Rezeption seiner Quellen an den Tag legt: Exzerpte aus den Schriften der beiden bedeutenden Historiker anzufertigen, Wendungen zu übernehmen, sofern sie der eigenen Intention angemessen sind, und in das eigene Werk einzufügen, ohne dabei den Duktus des Originals merklich zu verändern. Diese Praxis beweist einmal mehr Canos herausragende Kenntnis der antiken Quellen154, die es dem Theologen erlaubte, pagane Literatur nicht nur zu rezipieren, sondern gerade auch Aussagen antiker Schriftsteller der eigenen Intention unterzuordnen. Sein scharfsinniges Spiel mit der lateinischen Sprache155 und der Literatur der römischen Antike scheinen dabei einmal mehr jenes für den spanischen Dominikaner eigentümliche methodische Merkmal zu sein, das seinen Rang unter den bedeutendsten Theologen des 16. Jahrhunderts bestätigen dürfte. VII.3 153 Im Besitz des kaiserlichen Gesandten Diego de Mendoza waren eine große Anzahl von reformatorischen Schriften, die dieser den Konzilsteilnehmern zur Verfügung stellte, vgl. CT V, 589 Anm. 1; vgl. auch Bellinger (1970) 269–270; Stakemaier (1937) 59–60; Ehses (1925) 570. 154 Vgl. dazu Belda Plans (2006) XCIV–CXXXVI. 155 Vgl. Caballero (1871) 44; Menéndez y Pelayo (1940)117; Belda Plans (2006) CXIII–CXIV. VII.3 Ergebnis 79

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Zusammenfassung

Der spanische Dominikaner Melchior Cano (1509 bis 1560) gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Theologie. Als Professor für Philosophie und Theologie in Salamanca, Berater Kaiser Karls V., Teilnehmer am Konzil von Trient und entschiedener Gegner der Jesuiten prägte er die katholische Gegenreformation im 16. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Sein Meisterwerk Über die Orte der Theologie (De Locis Theologicis Libri Duodecim) war für Jahrhunderte ein unübertroffenes Standardwerk theologischer Methodologie. Als solches inspirierte die Schrift einerseits bis weit in das 18. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer zur Abfassung eigener Abhandlungen über theologische Orte; andererseits wurde sie selbst in zahllosen Editionen nachgedruckt und herausgegeben, die jedoch nicht selten fehlerhaft sind.

Die vorliegende Studie widmet sich in acht Kapiteln jenen Fragen, die sich noch heute hinsichtlich Autor und Werk ergeben, und leistet damit einen weiteren Beitrag zur aktuellen Forschung.