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VI Kapitel Die Rezeption der römischen Literatur – Cicero, Pacuvius und Agrippa von Nettesheim in den Loci theologici in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani De Locis Theologicis Libri Duodecim, page 57 - 68

Studien zu Autor und Werk

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4219-9, ISBN online: 978-3-8288-7125-0, https://doi.org/10.5771/9783828871250-57

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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Die Rezeption der römischen Literatur – Cicero, Pacuvius und Agrippa von Nettesheim in den Loci theologici Vorbemerkungen „Die Rezeption der römischen Literatur“, so Peter Lebrecht Schmidt111, „sowie der lateinischen Literatur der Spätantike in den und durch die karolingischen Reformbestrebungen ist ein für die europäische Kulturgeschichte derart epochaler und monumentaler Prozess, dass über die Ursachen der Relation von nunmehr Erhaltenem und endgültig Verlorenem nachzudenken sich immer wieder lohnt.“ Bei dieser Reflektion wiegt die Tatsache jedoch schwer, dass kein Genre der lateinischen Literatur hierbei einen größeren Verlust hinnehmen musste als das Drama: Der weitaus größte Teil der lateinischen Tragödie gilt als unwiederbringlich verloren; neben den wohl allein durch Zufall im 11. Jahrhundert wiederentdeckten Tragödien des Seneca112 sind keine weiteren Stücke klassischer Autoren vollständig überliefert worden113. Namentlich bekannt hingegen sind einige Autoren, die sich tragischer Dichtung verschrieben haben, so neben den Archegeten des 3. Jahrhunderts Livius Andronicus und Naevius die Trias Ennius, Pacuvius und Accius im zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Deren Werke jedoch bestehen in der heutigen Fassung größtenteils aus Fragmenten bestenfalls certae, häufiger jedoch incertae sedis. Umso wichtiger scheint es vor diesem traurigen Hintergrund, auch noch so beiläufigen Verweisen später Rezipienten klassischer Literatur nachzugehen, die bisweilen neue Erkenntnisse über die Zuweisung VI Kapitel VI.1 111 Vgl. Schmidt (2000) 111. 112 Vgl. dazu u. a. Maurach (42005) 211–222. 113 Vgl. u. a. Herzog, Schmidt (1989) 151–152. 57 und Einordnung solch unklarer Fragmente ans Tageslicht bringen könnten. Für die Rezeption antiker Literatur ist Canos umfangreiches Werk über die Orte der Theologie eine regelrechte Schatztruhe.114 Der Spanier nämlich verfügte über ein breit gefächertes Spektrum an klassischen Autoren115, auf deren Werke er zurückgriff und deren Inhalte er für seine gewandelte Intention gewinnbringend verwendete. Dabei finden sich neben den „Klassikern“ wie Aristoteles, Cicero und Platon auch Autoren, deren Bedeutung für die Theologie vordergründig geringer, für die Intention des Dominikaners jedoch nicht zu verachten war. Ein solcher, lediglich beiläufig erwähnter Autor ist der Tragödiendichter Pacuvius, auf dessen Verweis in Canos loci im weiteren Verlauf näher eingegangen werden soll. Pacuvius’ Antiopa Von den Tragödien des Marcus Pacuvius sind der modernen Forschung insgesamt zwölf Titel bekannt, die allesamt mythologische Themen behandeln: Antiopa, Atalanta, Armorum iudicium, Chryses, Dulorestes, Hermiona, Iliona, Medus, Niptra, Periboea, Teucer wie auch eine Praetexta mit Namen Paulus. Bezeugt sind sie jedoch allein fragmentarisch – für elf Tragödien wie auch den Paulus finden sich Erwähnungen und Zitate bei mehreren Autoren, den Pentheus hingegen nennt allein der Grammatiker Servius. Nicht eine aber ist vollständig erhalten. Dass Pacuvius’ Werke in der gesamten Antike bis in die Spät- VI.2 114 Vgl. Hogenmüller (2011) 413–416 und (2014) 320–330. 115 Die meist zitierten Autoren sind nach Belda Plans Zählung [(2006) CXIII–CXIV] Aristoteles mit 79 Stellen, Flavius Josephus mit 57, Cicero mit 39, Platon mit 14 und Herodot mit 12, gefolgt von Plinius dem Älteren mit sieben Stellen, Quintilian mit sechs, Titus Livius mit ebenso sechs Passagen, Diogenes Laertios mit drei, Horaz, Cäsar, Pindar, Varro, Porphyrios, Galen und Plutarch mit je zwei Stellen. Weitere Autoren, die allerdings nicht immer explizit in der Version der Editio princeps angeführt werden, sind u. a. Seneca, Ovid, Jamblich, Juvenal, Lukrez, Sallust, Ausonius, Laktanz, Valerius Maximus, Pomponius Leto, Euklid, Demosthenes, Dionysios von Halikarnass, Euripides und Ptolemaios. VI Kapitel Die Rezeption der römischen Literatur 58 antike viel gelesen und kommentiert wurden, bezeugen vielfache Stellungnahmen bekannter Autoren wie Cicero und Varro116. Nicht minder groß war das Interesse an Pacuvius im Mittelalter, wie ein breites Spektrum an interessierten Autoren bestätigen kann, die immer wieder Zitate aus den verschiedenen Werken des Dichters anführen117. Die für die Quantität der Fragmente bedeutendste Quelle jedoch ist das lexikographische Werk De compendiosa doctrina des Nonius Marcellus118. Darin überliefert der Autor 175 Fragmente mit der Autorenangabe Pacuvius, weitere fünf lassen sich einem der bekannten Stücke zuweisen. Die Vermutung liegt nahe, dass eine erweiterte Ausgabe des Nonius noch im 15. Jh. als Quelle antiker Zitate vorgelegen hat, allerdings kann diese These nicht gänzlich bestätigt werden119. Für die Antiopa, die im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen soll, sind zwölf Fragmente mit Autor- und Titelangabe überliefert, doch gibt es weitere vier Fragmente ohne Titelangabe (frg. 1. frg. 4, frg. 12, frg. 17120), die aufgrund ihrer inhaltlichen Erwägungen ebenfalls der Antiopa zugeordnet werden dürften. Die Antiopa selbst geht in der Fassung des Pacuvius wohl auf die gleichnamige Tragödie Antiope des Euripides zurück121. Zeitlich eng 116 Hier sind u .a. zu nennen L. Afranius (Zeitgenosse des Accius, 170–86 v. Chr.), C. Lucilius (ca. 180–103 v. Chr.), die anonyme Rhetorica ad Herennium (86/82 oder 60/50 v. Chr.), M. Tullius Cicero (100–43 v. Chr.), M. Terentius Varro (116– 27 v. Chr.), M. Fabius Quintilianus (ca. 35–100), C. Suetonius Tranquillus (ca. 70– nach 122), Aulus Gellius (ca. 125/130), Aelius Donatus (Mitte des 4. Jh.), Diomedes (Mitte/Ausgang des 4. Jh.), Servius (4./5. Jh.), Aurelius Augustinus (354–430) und Sergius (vor Beginn des 6. Jh.); dazu ausführlich Schierl (2006) 37–39. 117 Neben Beda (7./8 Jh.) sind dies insbesondere Paulus Diaconus (8./9. Jh.) und Albinus rhet. (9. Jh.). 118 Sein Leben fällt wahrscheinlich in die Zeit um 400, vgl. dazu Deufert (2001) 137– 149; ders.: (2002) 320 m. Anm. 139; Schierl (2006) 47–49. 119 Der Martial-Kommentar des Niccolò Perotti (Venedig 1489) bietet zahlreiche Beispiele antiker Autoren und verweist auf lexikographische und grammatische Schriften, wobei einige Bücher des Nonius fast vollständig übernommen werden. Einige, nicht aber alle, lassen sich verifizieren. 120 Ich beziehe mich bei der Nummerierung der Fragmente auf die Zählung von Schierl (2006). 121 Vgl. Mathiessen (2002) 253: „Die Antiope war im Altertum beliebt, und es wurde oft aus ihr zitiert. Dadurch besitzen wir etwa 120 bei antiken Autoren zitierte Verse, dazu noch etwa 30 Verse aus der Antiopa des Pacuvius, die sich wohl eng an Euripides anlehnte.“ Vgl. auch Schierl (2006) 93–94. VI.2 Pacuvius’ Antiopa 59 mit den Phoenissen und der Hypsipyle verwandt, wird die griechische Antiope auf das Jahr 410 v. Chr. datiert. Die Handlung ist in großen Teilen aus Hygin (fab. 7; fab. 8) und mit einigen Abweichungen aus Apollodoros (3,5,5) zu erschließen. Der Schlussteil des Stückes wiederum lässt sich aus einem Papyrusfragment (116 Verse) recht gut rekonstruieren122. Von besonderem Interesse ist das erste Epeisodion (frgg. 183–202), in dem es zu einem Zusammentreffen der beiden Brüder Zethos und Amphion kommt, das in der Aufforderung an Amphion endet, den Bruder, Zethos, auf die Jagd zu begleiten. Als Resultat aus Amphions Weigerung entsteht der berühmte Redestreit zwischen Zethos als dem Vertreter des praktischen und Amphion als jenem des theoretischen Lebens, der in dieser Form erstmals von Euripides ausformuliert wurde, bis zu Stobaios jedoch immer wieder aufgegriffen worden ist123. Dass auch Pacuvius den Agon der beiden Brüder, wenn auch in anderer Form und differenzierter Gewichtung als die euripidäische Vorlage124, in seine Version aufgenommen hat, scheint wahrscheinlich und wird jüngst von Petra Schierl in ihrem 2006 publizierten, sehr umfangreichen und äußerst aufschlussreichen Kommentar „Die Tragödien des Pacuvius“ angenommen. Dennoch ist die Überlieferung sehr dürftig125: „Zum Streitgespräch zwischen Amphion und Zethos gehören von den sicher für seine Antiopa überlieferten Fragmenten nur zwei (fr. 6, fr. 7). Dazu kommen wahrscheinlich ein ohne Titelangabe überliefertes Fragment (fr. 4) und eines, für das auch kein Autor genannt ist (fr. 5).“ Gerade das ohne Titelangabe überlieferte Fragment 4 offenbart eine aufgrund seines plakativen Inhalts besondere Qualität für die vorliegende Untersuchung, worauf im weiteren Verlauf eingegangen werden soll. Der Wortlaut selbst lautet bei Schierl folgendermaßen: odi ego homines ignava opera et philosopha sententia Ich hasse Menschen, die in ihrem Tun träge und in ihren Äußerungen philosophisch sind 122 Dazu ausführlich Mathiessen (2002) 253–254. 123 Ibid. 254. 124 Vgl. dazu D’Anna (1967) 45. Einen anderen Ansatz vertreten Garbarino (1973) 600 m. Anm. 2. und Bilinski (1962) 17. 125 Vgl. Schierl (2006) 99. VI Kapitel Die Rezeption der römischen Literatur 60 Schierl verweist auf Gellius (Gell. 13,8,4) als Quelle des Zitats. Die wahrscheinliche Einordnung in die Antiopa ergibt sich für sie aus der relativ guten Passung des Inhalts.126 Dass Schierl wie auch ihre Vorgänger127 das Fragment zu Recht in die Handlung der Antiopa eingeordnet haben, scheint eine recht unauffällig wirkende Stelle im IX. Buch der loci näher belegen zu können. Deren Kontext und Wortlaut soll nun genauere betrachtet werden, gibt er doch Anlass zu einigen interessanten Folgerungen. Aufbau des IX. Buches Cano, der als erster Theologe bekanntermaßen neben den klassischen theologischen Orten (Heilige Schrift, apostolische Tradition etc.) auch drei nicht theologischen Orten – natürliche Vernunft, (Natur-)Philosophie und profane Geschichte – die Fähigkeit zuspricht, in Dingen des Glaubens passende Argumente für die Auseinandersetzung mit Häretikern zu liefern, unterscheidet diese in ihrer Disposition. Die Diskussion, dass die Vernunft im Rahmen der Theologie häufig überbewertet wird, eröffnet im ersten Kapitel die Thematik des IX. Buches. Dennoch, so der Tenor des zweiten Kapitels, liegt bisweilen auch eine Unterbewertung vor, die insbesondere in der protestantischen Theologie zum Tragen kommt (Kapitel III). Kapitel IV liefert hiernach den Nachweis der Berechtigung und Notwendigkeit, der Vernunft in der Theologie den ihr zustehenden Platz einzuräumen. Einschlägige Aussagen der Kirchenväter dienen dem Spanier als Belege seiner These (Kapitel V), die er durch Verweis auf die Praxis der Apostel und anderer „heiliger Männer“ weiter bestärkt (Kapitel VI). Dass bei der Einbeziehung von Argumenten der Vernunft zwei Arten von Fehler auftreten können, die jedoch vermieden werden müssen, thematisiert er im siebten Kapitel. Durch die Bestimmung der argumentativen Kraft dieses theologischen Ortes innerhalb der Theologie im achten Kapitel untermauert Cano seine Entscheidung für die Rechtmäßig- VI.3 126 Ibid. 111. 127 Zuvor schon von Valckenaer [(1824) 77], Ribbeck [(1895) 287] und D’Anna [(1967) 49.186] vermutet. VI.3 Aufbau des IX. Buches 61 keit der Vernunft im Kanon der loci, worauf er, das Buch abschließend, nochmals auf die in Kapitel II geäußerten Einwände eingeht (Kapitel IX). Feinde der Philosophie – Luther – Agrippa – Zethos Bei der rechten Bestimmung und Einordnung der natürlichen Vernunft als theologischen Ort verweist der Spanier explizit darauf, dass insbesondere die Lutheraner der natürlichen Vernunft gegenüber feindlich eingestellt sind. Gerade Luthers Haltung sticht hierbei hervor: Lutherus etiam, qui omnes omnium haereticorum haereses in unam fecit Camarinam confluere, non modo asseruit philosophiam esse theologo inutilem et noxiam, verum etiam omnes speculativas disciplinas errores esse. Scilicet morum philosophiam novis hic Socrates mirifice complexus est: quae in contemplatione versatur, eam solum damnat. Cornelius quoque Agrippa, vir post hominum memoriam vanissimus, in suo illo libro, qui ‘de Vanitate scientiarum’ inscribitur, non, sicut Zethus ille Pacuvianus, philosophiae solum, sed omnibus humanis disciplinis, atque adeo divinis bellum indixit. Auch Luther, der alle Häresien aller Häretiker zu einem einzigen Unheil zusammenfließen lässt, hat nicht nur behauptet, dass die Philosophie für den Theologen unnütz und schädlich ist, sondern auch, dass alle theoretischen Disziplinen irrig sind. Sicher hat sich dieser ‚neue Sokrates’ in wundersamer Weise die Moralphilosophie umfassend angeeignet und verurteilt nur jene, die in der Anschauung verweilt. Auch Cornelius Agrippa, ein nach der Erinnerung der Menschen sehr eitler Mann, hat in seinem Buch, dessen Titel De vanitate scientiarum lautet, nicht nur, wie jener Zethus des Pacuvius, der Philosophie, sondern allen menschlichen und deshalb auch den göttlichen Lehren den Krieg erklärt. Allein die Häretiker, zu denen für Cano die Reformatoren gehörten, hielten die Philosophie für die Theologie unnütz und schädlich. Hauptvertreter dieser Einstellung sei Luther, der gerade die spekulativen Disziplinen als irrig aburteile. In seiner gegenüber der Philosophie feindlichen Haltung ähnele er stark den Ansichten des ihm und seinen Schriften zugetanen deutschen Gelehrten Cornelius Agrippa, auf den sich Cano explizit bezieht. Hinter diesem Namen verbirgt sich niemand anderes als der am 16. September 1486 in Köln geborene Heinrich Cornelius Agrippa von VI.4 VI Kapitel Die Rezeption der römischen Literatur 62 Nettesheim. Agrippa galt zu seiner Zeit als Universalgelehrter, der sich insbesondere mit Theologie, Jurisdiktion, Philosophie und Medizin auseinandergesetzt hat. Seinen ausgezeichneten Ruf verschaffte sich Agrippa durch seine Beschäftigungen mit Magie, Kabbala, Astrologie und Naturphilosophie wie auch durch seine zahlreichen Beiträge zur Religionsphilosophie. Nach seinem erfolgreichen Studium der Jurisprudenz und Medizin – und damit verbunden, einer allgemeinen Richtung der Zeit folgend, dem Studium des klassischen Altertums – in Köln (1499 bis 1502) und später in Paris (1502/1503 bis 1507) trat Agrippa erstmals 1509 als Dozent an der Universität im burgundischen Dôle mit Vorlesungen über Johannes Reuchlins Werk De verbo mirificio an die Öffentlichkeit. In Dôle verfasste er die Declamatio de nobilitate et praecellentia foeminei sexus zum Lob des weiblichen Geschlechts. Aus dem Jahr 1510 stammte die auf Anregung des berühmten Gelehrten Johannes Trithemius verfasste Schrift De occulta philosophia über die bis dahin bekannte Magie, die erstmalig eine systematische Zusammenfassung durch Verifizierung und Klassifizierung dieses Wissens seiner Zeit darstellte. Ende 1511 nahm er am Konzil zu Pisa teil, auf dem er nach eigenem Bekunden wie eine Vielzahl anderer Theologen unter dem Pontifikat Papst Julius II. exkommuniziert wurde. Wahrscheinlich war es eine Excommunicatio ferendae sententiae, also eine Exkommunikation auf Grund des öffentlichen Disputs mit Vertretern der Katholischen Kirche. Nach der Wahl Papst Leos X. wurde Agrippas Exkommunikation durch eine Rekonziliation aufgehoben (1513). Seit dem Jahr 1518 ist bei ihm ein vermehrtes Interesse an den Schriften der Reformatoren auszumachen, deren Werke – insbesondere jene von Martin Luther, Erasmus von Rotterdam und Lefèvre d’Étaples – er erwarb und an seine gelehrten Freunde verteilte. Ab 1524 hielt sich Agrippa in Lyon auf, wo er zunächst (1526) das Traktat Declamatio de sacramento matrimonii abfasste und hiernach sein zweites Hauptwerk De incertitudine et vanitate scientiarum vollendete (wohl 1527). Jedoch erst nach langen Verhandlungen erhielt er für die redigierte Fassung von De incertitudine et vanitate scientiarum und De occulta philosophia wie auch einen Teil seiner weiteren Schriften das Kaiserliche Privileg zum Druck seiner Werke. Mitte 1530 wurde das Buch De incertitudine et vanitate scientiarum von Agrippas Verleger VI.4 Feinde der Philosophie – Luther – Agrippa – Zethos 63 Cornelius Grapheus in Antwerpen gedruckt und veröffentlicht. Dieses Buch, in dem er die kirchlichen und politischen Zustände seiner Zeit angriff, verbreitete sich sehr schnell unter den Gelehrten Europas. Der Klerus der Katholischen Kirche, der das Buch verbieten wollte, sah darin allein das Wirken der Häresie und Ketzerei. Um die theologischen und rechtlichen Fragen abzuklären, wurde die Universität Löwen hinzugezogen, die aber ebenfalls das Buch verurteilte, ein generelles Verbot aber nicht beschließen wollte. In der Folge kam es zwar zu einzelnen Reaktionen – am 2. März 1531 verurteilte beispielsweise die Universität Sorbonne in Paris die französische Edition offiziell als Werk eines Ketzers –, durchschlagende Maßnahmen wurden jedoch weder gegen das Werk noch den Verfasser der Schrift eingeleitet. Agrippa starb nach einem bewegten Leben mit 49 Jahren am 18. Februar 1535 in Grenoble128. Agrippas Schrift De incertitudine et vanitate scientiarum bietet neben einer Vielzahl von Stellen den Beweis für eine grundsätzlich feindliche Haltung dieses Unterstützers der Reformation gegenüber der Philosophie. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte Cano wohl jene Stelle im letzten Kapitel – der Operis peroratio – vor Augen gehabt haben, als er die vorliegende Stelle der loci niederschrieb. Dort äußert sich Agrippa explizit zur Stellung der Philosophie: O stulti et impii, qui posthabentes dona Spiritus sancti, laboratis, ut a perfidis Philosophis, et errorum magistris discatis ea, quae a Christo et Spiritu sancto suscipere deberetis. An putabitis vos posse ex Socratis ignorantia haurire scientiam? Ex Anaxagorae tenebris lucem? Ex Democriti puteo virtutem? Ex Empedoclis insania prudentiam? Ex Diogenis dolio pietatem? Ex Carneadis Archesilai stupore sensum? Ex impio Aristotele et perfido Avarroe sapientiam? Ex Platonicorum superstitione fidem? Erratis admodum valde et decipiemini ab his, qui fuerunt decepti. O ihr gottlosen Narren, ihr missachtet die Gaben des Heiligen Geistes, wenn ihr von den ungläubigen Philosophen, den Meistern der Irrtümer, das lernen wollt, was ihr von Christus und dem Heiligen Geist annehmen solltet. Meint ihr etwa, ihr könntet aus dem Nicht-Wissen des Sokrates Wissen erhalten, aus dem Dunkel des Anaxagoras Licht, aus dem Brunnen des 128 Zu Vita und Werk des Cornelius Agrippa vgl. auch Schmidt-Biggemann (31993) 251–251; Orsier (1911) 12–48; Zambelli (1969) 264–295; Wollgast (1993) 273– 312. VI Kapitel Die Rezeption der römischen Literatur 64 Demokrit Tugend, aus dem Wahnsinn des Empedokles Klugheit, aus dem Fass des Diogenes Frömmigkeit, aus der Urteilsfähigkeit des Karneades und Arkesilaos Empfindungsfähigkeit, von dem ungläubigen Aristoteles oder dem falschgläubigen Avarroes Weisheit und von den abergläubischen Platonikern Glauben? Ihr irrt schrecklich und lasst euch von Leuten täuschen, die selbst getäuscht worden sind. Die Philosophie biete, so Agrippa, kein echtes Wissen, da die Philosophen selbst getäuscht worden seien. Als errorum magistri befänden sie sich im Irrtum und könnten die Gläubigen nichts anderes lehren. Um wahres Wissen zu erlangen, so Agrippa weiter, müsse der Mensch umkehren und die Nebelschwaden des Menschenwissens verlassen. Wahres Wissen komme allein von Gott. Dieses göttliche Wissen allein sei unerschöpflich und allumfassend. Doch um es zu erlangen, bedürfe es des Glaubens, nicht des Studierens. Ein geläuterter Verstand sei der Schlüssel zur Wahrheit129. Agrippa ein ‚alter Zethus’? Vergleicht man nun die Ausführungen Agrippas mit dem zuvor genannten Fragment der Tragödie des Pacuvius, so wird deutlich, dass sich der Tenor des Fragments sehr gut in den Worten des Agrippa widerspiegelt. Ja, es scheint sogar, dass gerade Agrippas pathetische Darstellung die konkrete Aussage des Fragmentes mit Inhalt zu füllen im Stande ist, dessen Fortlauf zu einer Kritik der Philosophie allgemein tendieren dürfte130. Die Stellungnahme des nicht eindeutig ausgewiesenen Sprechers des Fragmentes – er hasst Menschen, die in ihrem Tun VI.5 129 De incert. et vanit. scient., Peroratio: Sed revocate vosmetipsos, qui veritatis cupidi estis, descendite ab humanarum traditionum nebulis, adsciscite verum lumen. Vox ecce de coelo, vox de sursum docens, et sole clarius ostendens, quid vobis iniqui estis et sapientiam suscipere cunctamini? (...) Indeficiens enim est divina scientia, cui nihil elabitur, nihil accedit, sed comprehendit omnia. Scitote ergo nunc, quia non longi temporis studio, sed humilitate spiritus et munditia cordis, non librorum multorum sumptuosa supellectile, sed expurgato intellectu, et veritati veluti clavis cum cera coaptato. 130 Vgl. Schierl (2006) 111: „Während sich bei Gellius der Philosoph Macedo mit diesem Zitat gegen ‚falsche Philosophen’ wendet (...), dürfte Zethos in der Antiopa Kritik an der Philosophie überhaupt geäußert haben (...).“ VI.5 Agrippa ein ‚alter Zethus’? 65 träge und in ihren Äußerungen philosophisch sind – wird gewisserma- ßen zum Thema des Epilogs von De incertitudine. Geht man nun mit Petra Schierl davon aus, dass es sich bei diesem Fragment um einen Bruchteil aus dem berühmten Agon der Antiopa handelt, der gegen die sapientiae rationem et virtutis utilitatem gehalten worden ist, so liegen dreierlei Schlussfolgerungen nahe. Erstens scheint es relativ wahrscheinlich, den Fortlauf des Agons in ähnlicher Weise zu denken, wie ihn Agrippa in seinem Epilog formuliert hat: Eine ungenannte Person kritisiert Menschen, die ihre Zeit mit Philosophieren verbringen, und weist solche zurecht, die sich den philosophischen Ansätzen und Lehrmeinungen verschiedener Philosophen anschließen. Denkbar ist hierbei, dass Pacuvius seinen Sprecher durchaus bekannte Philosophen wie Anaxagoras, Demokrit, Empedokles, Aristoteles, Karneades, Arkesilaos oder Platon namentlich nennen ließ. Darin könnte somit eine gewisse Übereinstimmung mit Agrippas Formulierungen nicht allzu abwegig sein. Folglich dürfte man zweitens im Auftreten und der Haltung des Agrippa eine Übereinstimmung mit der Wesensart des namenlosen Kritikers der Philosophie in der Tragödie des Pacuvius erkennen, von dem lediglich seine ablehnende Haltung bekannt ist. Möglicherweise hat sich Agrippa bei der Gestaltung der Peroratio in De incertitudine von Pacuvius’ Charakterzeichnung des Kritikers inspirieren lassen. Den Eindruck jedenfalls vermittelte er Melchior Cano, der ihn in diesem speziellen Charakterzug mit einer persona, dem Zethos, der Pacuvianischen Tragödie in Verbindung brachte. Aus Petra Schierls vorsichtiger Zuweisung des Fragments in ihrem Kommentar zu den Werken des Pacuvius an Zethos131 ergibt sich die dritte maßgebliche Folgerung. Cano verweist allein in diesem einen speziellen Zusammenhang auf Cornelius Agrippas negative Haltung in seinem Hauptwerk De incertitudine. Dessen Abneigung gegenüber der Philosophie wiederum wird in aller Deutlichkeit lediglich im letzten Kapitel des Werkes, der Peroratio, thematisiert. Da Cano nun gleichzeitig als Vergleich für Agrippas Haltung gegenüber der Philosophie 131 Vgl. Schierl (2006) 111: „Der Vers fügt sich gut in die Handlung der Antiopa ein, wo sich Zethos in dem berühmten Agon in sapientiae rationem et virtutis utilitatem (T 45) auf diese Weise geäußert haben kann.“ VI Kapitel Die Rezeption der römischen Literatur 66 den Zethos bei Pacuvius anführt, scheint es durchaus wahrscheinlich, dass er die Parallelen zwischen Agrippa und Zethos erkannt hat. Achtet man nämlich auf die Formulierung – non, sicut Zethus ille Pacuvianus, philosophiae solum, sed omnibus humanis diciplinis, atque adeo divinis bellum indixit –, so wird deutlich, dass es sich hierbei um eine direkte Anspielung auf Ciceros Formulierung in De oratore 2,155 und deren fast wörtliche Übernahme handelt. Dort lautet die Wendung: quos tu cum haberes auctores, Antoni, miror cur philosophiae sicut Zethus ille Pacuvianus, prope bellum indixeris. Da du dich auf das Beispiel solcher Männer berufen konntest, so wundere ich mich, Antonius, warum du der Philosophie, wie jener Zethos bei Pacuvius, beinahe den Krieg angekündigt hast. (Übersetzung Raphael Kühner) Erneut tritt hierin eine für Cano typische Eigenart in den Vordergrund, die er bei der Benutzung seiner – häufig antiker – Quellen häufig an den Tag legt. Diese werden nicht einfach zitiert, sondern stets der Intention der zu konzipierenden Stelle angepasst und gewinnbringend modifiziert. Im vorliegenden Fall ergibt sich daraus neben der eigentlichen Kernaussage der Stelle, dem Plädoyer für die Anerkennung der Philosophie als Ort der Theologie, gleichzeitig die implizite Feststellung, in Cornelius Agrippa einen ‚alter Zethos’ zu sehen. VI.5 Agrippa ein ‚alter Zethus’? 67

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Zusammenfassung

Der spanische Dominikaner Melchior Cano (1509 bis 1560) gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Theologie. Als Professor für Philosophie und Theologie in Salamanca, Berater Kaiser Karls V., Teilnehmer am Konzil von Trient und entschiedener Gegner der Jesuiten prägte er die katholische Gegenreformation im 16. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Sein Meisterwerk Über die Orte der Theologie (De Locis Theologicis Libri Duodecim) war für Jahrhunderte ein unübertroffenes Standardwerk theologischer Methodologie. Als solches inspirierte die Schrift einerseits bis weit in das 18. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer zur Abfassung eigener Abhandlungen über theologische Orte; andererseits wurde sie selbst in zahllosen Editionen nachgedruckt und herausgegeben, die jedoch nicht selten fehlerhaft sind.

Die vorliegende Studie widmet sich in acht Kapiteln jenen Fragen, die sich noch heute hinsichtlich Autor und Werk ergeben, und leistet damit einen weiteren Beitrag zur aktuellen Forschung.