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V Kapitel Melchioris Cani Vindicationes, Padua 1714 in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani De Locis Theologicis Libri Duodecim, page 49 - 56

Studien zu Autor und Werk

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4219-9, ISBN online: 978-3-8288-7125-0, https://doi.org/10.5771/9783828871250-49

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Melchioris Cani Vindicationes, Padua 1714 V Kapitel 49 In der großen Anzahl von Editionen, die im Laufe der Jahrhunderte erschienen sind, markiert die von François-Jacques-Hyazinth Serry109 besorgte Ausgabe Padua 1714 einen besonders interessanten Einschnitt. Diese nämlich enthält neben den De locis theologicis libri duodecim und den beiden Relectiones erstmals einen umfangreichen, 14 Kapitel umfassenden Prolog, dessen Zusammenstellung Serry selber zugeschrieben wird.110 109 Zur Biographie vgl. Quétif, Coulon III (1914) 618–633; Gorce (1941) 1957–1963; Tenge-Wolf (1964) 490; Hogenmüller: Serry (2012) 83–85. 110 Fermín Caballero gibt explizit zu verstehen [(1871) 375], dass H. Serrys Ausführungen in den Vindicationes erstmals in der 1720 in Padua erschienenen Ausgabe enthalten sind. Dem ist entgegenzuhalten, dass bereits in der früheren Ausgabe von 1714 die Vindicationes Teil der Edition waren [so auch Belda Plans (2006), LXXXVI]. V Kapitel Melchioris Cani Vindicationes, Padua 1714 50 Ziel dieses Vorworts war es, die unterschiedlichen theologisch-literarischen Vorwürfe und Kritikpunkte zu widerlegen, die seit 1563 an Canos Person und an dessen Hauptwerk geäußert worden waren. Dementsprechend lautet der Titel dieses speziellen Prologs in extenso: Melchioris Cani Vindicationes, Quibus nonnullorum in ejus libros de locis Theologicis accusationes refelluntur. Die literarische Vindicatio des 16. Jahrhunderts Unter dem Begriff vindicatio ist im 16. Jahrhundert zunächst die ‚Rechtfertigung’ gegenüber Anfeindungen zu verstehen, die lediglich dem Anschein nach gerichtliche Präsenz besitzt. Vielmehr ist ihre Verwendung im literarischen Kontext von schriftlich geäußerter Kritik und Widerlegung der spezifische Ausdruck für eine ‚Verteidigungs-‘ bzw. ‚Rechtfertigungsschrift’ zu finden, wie sich anhand verschiedener ähnlich lautender Werke seit dem 16. Jahrhundert belegen lässt. Aus dem Jahr 1523 ist beispielsweise eine Responsio ad convicia Martini Lutheri des Sir Thomas More bekannt, die den Untertitel Vindicatio Henrici Octavi trägt. Ihr Ziel war es, Heinrich VIII. gegen den von Luther geäußerten Tadel zu rechtfertigen. Eine ähnliche Absicht verfolgten auch die im Jahr 1601 erschienenen Schriften des Heidelberger Theologen David Pareus [Wängler] (Calvinus orthodoxus, sive vindicatio Calvini de Trinitate et Divinitate Christi) und des Johannes Piscator [Fischer] (Appendix ad Analysis Matthaei. Vindicatio a falsa expositione Roberti Bellarmini). Im Jahr 1649 veröffentlichte Kardinal Pietro Sforza Pallavicino gegen die Vorwürfe des Julius Clemens Scotti eine Verteidigung der Jesuiten, deren Titel Vindicationes Societatis Jesu, quibus multorum accusationes in eius institutum, leges, gymnasia, mores refelluntur lautet. Ebenso ist eine Schrift des Johann Amos Comenius aus dem Jahr 1659 bekannt, die Vindicatio famae et conscientiae überschrieben ist und eine Schutzschrift gegen an Comenius gerichtete Vorwürfe darstellt. In Serrys Konzeption ist die Vindicatio somit eine schriftliche Rechtfertigung gegen Kritikpunkte, die im Vorfeld ebenso schriftlich vorgebracht worden sind. V.1 V.1 Die literarische Vindicatio des 16. Jahrhunderts 51 Gliederung und Inhalt der Vindicationes Der jener 1714 erschienenen Edition der loci beigefügte Prolog gliedert sich in insgesamt 14 Kapitel: Caput Primum. Egregia virorum illustrium de Melchiore Cano testimonia Caput II. Diluitur prima in Melchiorem Canum accusatio, de laeso Gregorio Magno in Dialogis, et Venerabili Beda in Anglorum Historia Caput III. Altera Criminatio refellitur, de eodem Gregorio laeso in Epistola 31 Caput IV. Tertia de laeso Doctore Angelico accusatio depellitur Caput V. De oppugnato Divo Hieronymo querela refutatur Caput VI. De actis sextae Synodi oecumenicae oscitanter lectis, ac temere usurpatis querimoniae diluunter Caput VII. Cani sententia de Sacramenti Matrimonii administro ab aemulorum censuris eximitur Caput VIII. Pia Melchioris Cani sententia De Christi Domini tristitia in passione, a reprehensorum morsibus vindicator Caput IX. Melchior Canus Divo Stephano Protomartyri nequaquam injurius ostenditur Caput X. Accusatio de vellicato nomine Societatis Jesu depellitur Caput XI. Judicii Pontificii in Religiosis institutis approbandis indeficientia, qualis a Melchiore Cano negata sit, explicatur Caput XII. De S. Augustino temere depresso, circa immortalitatem, et originem animarum, querela repellitur V.2 V Kapitel Melchioris Cani Vindicationes, Padua 1714 52 Caput XIII. De Commissis invicem Romanis Pontificibus Pio II. et Sixto IV. Caput XIV. De objecta Pontificibus negligentia, et oscitantia in castigandis Divorum historiis Das erste der insgesamt 14 Kapitel behandelt im Gegensatz zu den anderen keine Anschuldigungen (accusationes), die gegen Cano wegen kritischer Äußerungen gegenüber Einzelpersonen, kirchlichen Einrichtungen wie auch eigener Ansichten vorgebracht worden sind, sondern besteht aus einer großen Anzahl durchweg positive Zeugnisse namhafter Theologen unterschiedlicher Ordenszugehörigkeit über ihn (Caput Primum. Egregia virorum illustrium de Melchiore Cano testimonia). Der erste zu widerlegende Kritikpunkt im zweiten Kapitel betrifft den Vorwurf, Cano habe sowohl Gregor den Großen und seine Aussagen in den Dialogi als auch Beda Venerabilis in der Angelorum historia angegriffen (Diluitur prima in Melchiorem Canum accusatio, de laeso Gregorio Magno in Dialogis, et Venerabili Beda in Anglorum Historia). Im dritten Kapitel steht die Zurückweisung der Anklage im Mittelpunkt, Cano habe Gregor ein weiteres Mal in dessen 31. Brief kritisiert (Altera Criminatio refellitur, de eodem Gregorio laeso in Epistola 31). Kapitel IV behandelt wiederum Canos vermeintliche Kritik an Thomas von Aquin, den Doctor Angelicus (Tertia de laeso Doctore Angelico accusatio depellitur), woran sich im fünften Kapitel die Rechtfertigung gegenüber der Klage anschließt, Cano habe dem heiligen Hieronymus widersprochen (De oppugnato Divo Hieronymo querela refutatur). Im sechsten Kapitel werden Anschuldigungen widerlegt, die Cano Leichtfertigkeit bei der Verwendung der Akten der Sechsten Synode unterstellen (De actis sextae Synodi oecumenicae oscitanter lectis, ac temere usurpatis querimoniae diluunter). Kapitel VII thematisiert die Kritik an Canos Äußerungen über den Spender des Ehesakraments (Cani sententia de Sacramenti Matrimonii administro ab aemulorum censuris eximitur), woran sich im achten Kapitel die Widerlegung der Kritik an der Meinung des Spaniers hinsicht- V.2 Gliederung und Inhalt der Vindicationes 53 lich Christi Trauer während der Passion anfügt (Pia Melchioris Cani sententia De Christi Domini tristitia in passione, a reprehensorum morsibus vindicatur). Der Nachweis gerechten Verhaltens gegenüber dem Protomärtyrer Stephanus ist Thema des neunten Kapitels (Melchior Canus Divo Stephano Protomartyri nequaquam injurius ostenditur). In Kapitel X kommt es zur Entgegnung und Widerlegung des Vorwurfs, Cano habe die Bezeichnung Societas Iesu kritisiert (Accusatio de vellicato nomine Societatis Jesu depellitur). Welche Art von Unfehlbarkeit des päpstlichen Urteils Cano bei der Anerkennung religiöser Institutionen bestritten hat, wird im elften Kapitel näher spezifiziert (Judicii Pontificii in Religiosis institutis approbandis indeficientia, qualis a Melchiore Cano negata sit, explicatur). Kapitel XII behandelt und widerlegt die Klage über die leichtfertige Herabsetzung des heiligen Augustinus hinsichtlich der Unsterblichkeit und des Ursprungs der Seelen (De S. Augustino temere depresso, circa immortalitatem, et originem animarum, querela repellitur). Im vorletzten Kapitel werden Canos vermeintlich ungerechte Äu- ßerungen gegenüber den Päpsten Pius II. und Sixtus IV. näher betrachtet (De Commissis invicem Romanis Pontificibus Pio II. et Sixto IV.), während in Kapitel XIV seine vermeintliche Kritik an jenen Päpsten widerlegt wird, denen er Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit bei der Einschränkung von Heiligengeschichten vorgeworfen habe (De objecta Pontificibus negligentia, et oscitantia in castigandis Divorum historiis). Die Bedeutung der Vindicationes Serrys erklärtes Ziel, das er mit der Abfassung der Vindicationes verfolgte, war es offenkundig, den spanischen Ordensbruder gegen die negativen Äußerungen der Nachwelt – insbesondere von jesuitischer Seite – zu verteidigen bzw. dessen Standpunkte zu rechtfertigen. Die Behandlung der einzelnen Anschuldigungen erfolgte dabei nach einer erkennbaren Systematik. Nach der grundlegenden Analyse des Sachverhaltes und der Identifikation der kritisierten Textstellen in den loci führte Serry neben theologischen auch historische Argumente an, um V.3 V Kapitel Melchioris Cani Vindicationes, Padua 1714 54 die Kritiker zurückzuweisen. Dabei verzichtete Serry jedoch darauf, Belege aus Canos eigener Schrift zu entnehmen. Als Unterstützung dienten ihm hingegen zahlreiche Zitate aus den Werken angesehener Kirchenhistoriker und Theologen unterschiedlicher Ordenszugehörigkeit. Deren Zeugnisse bestätigen und unterstützen Serrys grundsätzlich positive Wahrnehmung des Schaffens seines Ordensbruders. Der besondere Stellenwert der Vindicationes Melchioris Cani de locis theologicis ergibt sich aus dem Umstand, dass in ihnen eine detaillierte Sammlung umfangreicher, gegen Cano als dem ersten und berühmtesten Gegner der Societas Iesu geäußerter Kritikpunkte vorliegt. Somit bietet sie aus Sicht der modernen Forschung ein eindrucksvolles Zeugnis für die Rezeptionsgeschichte, die kontroverse Diskussion und kritische Wahrnehmung sowohl der Loci theologici als auch ihres Verfassers im 18. Jahrhundert. V.3 Die Bedeutung der Vindicationes 55

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Zusammenfassung

Der spanische Dominikaner Melchior Cano (1509 bis 1560) gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Theologie. Als Professor für Philosophie und Theologie in Salamanca, Berater Kaiser Karls V., Teilnehmer am Konzil von Trient und entschiedener Gegner der Jesuiten prägte er die katholische Gegenreformation im 16. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Sein Meisterwerk Über die Orte der Theologie (De Locis Theologicis Libri Duodecim) war für Jahrhunderte ein unübertroffenes Standardwerk theologischer Methodologie. Als solches inspirierte die Schrift einerseits bis weit in das 18. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer zur Abfassung eigener Abhandlungen über theologische Orte; andererseits wurde sie selbst in zahllosen Editionen nachgedruckt und herausgegeben, die jedoch nicht selten fehlerhaft sind.

Die vorliegende Studie widmet sich in acht Kapiteln jenen Fragen, die sich noch heute hinsichtlich Autor und Werk ergeben, und leistet damit einen weiteren Beitrag zur aktuellen Forschung.