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IV Kapitel Die Drucklegung der Editio princeps  in Salamanca 1563 in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani De Locis Theologicis Libri Duodecim, page 43 - 48

Studien zu Autor und Werk

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4219-9, ISBN online: 978-3-8288-7125-0, https://doi.org/10.5771/9783828871250-43

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die Drucklegung der Editio princeps in Salamanca 1563 Ausgangslage Obgleich unvollendet, erschien Canos Schrift postum erstmals 156396 in Salamanca, herausgegeben von Matías Gastio, hiernach in Löwen 1564, Venedig 1567, erneut Löwen 1569, Köln 1574 und zuletzt wiederum in Köln 1585. Alle späteren Ausgaben enthalten neben den loci auch Canos früh entstandene Relectiones, seit der in Padua 1714 besorgten Ausgabe von J.-H. Serry zusätzlich die von dem französischen Dominikaner als Rechtfertigung angefertigten Vindicationes.97 Bis heute ist umstritten, auf wessen Veranlassung die Publikation der Editio princeps erfolgte. Wenig Aufschluss darüber geben die bisweilen98 bereits in der Erstausgabe 1563 abgedruckten Dokumente, die die Unbedenklichkeit bestätigten und die daraus folgende Imprimatur der Schrift gewährten. Konkret handelt es sich hierbei zunächst um ein Gutachten, angefertigt im Auftrag der Inquisition, und zwei königliche Lizenzen, in denen die Erlaubnis zum Druck und Verkauf des Buches gewährt werden. IV Kapitel IV.1 96 Bisweilen wird auch das Jahr 1562 als Datum der Publikation genannt [vgl. u. a. Quétif, Échard (1721) 177; Llorente (1821) 87], obgleich die Erstausgabe auf das Jahr 1563 datiert. Möglicherweise wurde noch 1562 mit der Vorbereitung der Drucklegung begonnen, die endgültige Publikation jedoch erst 1563 realisiert. 97 Vgl. dazu Hogenmüller: Vindicationes (2017) 298–315. 98 Die mir vorliegende Ausgabe Salamanca 1563 enthält kurioserweise lediglich die beiden Königlichen Lizenzen, das Gutachten der Inquisition hingegen fehlt. Allerdings konnte ich im Rahmen dieser Arbeit weitere Ausgaben aus demselben Jahr einsehen, in denen alle drei Dokumente abgedruckt sind. Ab dem Jahr 1564 ist das Gutachten der Inquisition stets in den weiteren Editionen zu finden. 43 Das der Datierung nach früheste Dokument ist die von Rodrigo de Vadillo99, Bischof von Cefalù, im Auftrag des spanischen Großinquisitors Fernando de Valdés y Salas100 verfasste lateinische Censura vom 15. August 1562. Darin preist der Benediktiner, der zusammen mit Cano und Valdés im unrühmlichen Carranza Prozess (1558/59) tätig gewesen ist101, das Werk des Dominikaners über die Maßen (tum ob ejusdem operis magnam toti Ecclesiae utilitatem futuram), nennt den Großinquisitor Valdés als Erben der Schrift (quem hujus praeclari operis haeredem reliquit) und bestätigt dem Werk völlige Unbedenklichkeit aus Sicht der Inquisition (ut praetermittam valde catholicum, hisque calamitosis temporibus apprime utile, immo dicam necessarium).102 Das zweite, zeitlich der Censura am nächsten stehende Schreiben ist die auf den 27. August 1562 datierte (erste) Königliche Lizenz. In dieser auf Spanisch verfassten Licentia wird Pedro Serrano, Prokurator der spanischen Dominikaner, auf die Bitte hin, Canos Werk wegen seines hohen Wertes drucken zu dürfen, die Erlaubnis zum alleinigen Druck und Verkauf ausdrücklich unter Androhung von Strafe bei Zuwiderhandlung erteilt (diessemos licenciae facultad para que lo pudiesse des imprimir y vender mandando que por el tiempo que nuestra merced y voluntad fuere, otra ninguna personal o pudiesse imprimir y vender so graves penas o como la nuestra merced fuere). Gleichzeitig wird darin die Übereignung der loci an das Kloster Santo Domingo bzw. San Este- 99 Rodrigo de Vadillo, Bischof von Cefalù, geboren 1506 in Arévalo, gestorben am 1. Februar 1578 in Cefalù auf Sizilien, gehörte dem Benediktinerorden an und war maßgeblich am Verfahren gegen Carranza beteiligt, vgl. Menéndez Pelayo (1992) 63. 100 Fernando de Valdés y Salas, geboren 1483 in Salas (Asturien), gestorben 1568 in Madrid, zuletzt Erzbischof von Sevilla (August 1546 bis Dezember 1566), war Mitglied des Obersten Rates der spanischen Inquisition (seit 1516) und bekleidete das Amt des Großinquisitors von Spanien von 1547 bis 1566. In den Jahren 1551, 1554 und 1559 erließ er die ersten Verzeichnisse der durch die Inquisition für Spanien verbotenen Bücher (Index librorum prohibitorum). In seine Amtszeit fällt der Prozess gegen den Erzbischof von Toledo, Bartolomé Carranza, dessen Verlauf Valdés zunächst federführend mitbestimmte; vgl. dazu u. a. Tellechea Idígoras (1961) 289–324; ders. (1962) 373–400; Gonzáles Novalin (1971); ders. (1984) 538–555; Tellechea Idígoras (1992) 87–102. 101 Vgl. dazu Hogenmüller: Cano und Carranza (2012) 18–24. 102 De locis theologicis libri duodecim, Salamanca 1563, p. 2. IV Kapitel Die Drucklegung der Editio princeps in Salamanca 1563 44 ban in Salamanca erwähnt (lo habia dexado al monasterio de Sancto Domingo de la ciudad de Salamanca).103 Eine weitere, ebenfalls auf Spanisch verfasste und von Philipp II unterzeichnete Königliche Lizenz datiert auf den 22. November 1562. Diese, wiederum an Pedro Serrano gerichtet, wiederholt die Druckerlaubnis (que nos habiamos dado licencia para imprimir) und verweist explizit darauf, dass das Kloster als Erbe des unvollendeten Werkes um Privilegien für Publikation und Verkauf der loci gebeten hat (nos suplicasteis se diese privilegio al monasterio de San Esteban de la ciudad de Salamanca que habia heredado los dichos libros).104 Die Wertigkeit der Censura und der beiden Lizenzen Aus einer ersten Analyse der drei Dokumente kann sicher geschlossen werden, dass Cano bei seinem Tod wenigstens zwei (unvollendete) Exemplare der loci hinterlassen hat. Das eine war an Fernando de Valdés y Salas gerichtet, das andere dem Kloster San Esteban in Salamanca hinterlassen worden. Beide Institutionen bemühten sich den Gutachten zufolge als legitime „Erben“ unter großem Einsatz um die Erlaubnis zur Drucklegung – mit letztlich umfassendem Erfolg. Auf die Frage nach der Wertigkeit bzw. der Hierarchie der Dokumente dürfte eine recht einfache Antwort zu geben sein, wobei meines Erachtens die Chronologie des Gutachtens und der beiden Lizenzen Aufschluss über die Rangfolge gibt. Denkbar scheint, dass es sich bei der ersten Censura von Vadillo wohl um das zentrale Gutachten der Censura praevia handelt, die normalerweise durch den Bischof des Druckortes anzufertigen war. Darin wurde die notwendige Unbedenklichkeit – in Canos speziellem Fall besonders bedeutend aus Sicht der Inquisition – festgestellt. Dies war eine Grundvoraussetzung für die Drucklegung, da Cano ja bekanntermaßen durch einige seiner Äußerungen, möglicherweise auch seiner Handlungen und zuletzt wegen der loci als solcher in den Fokus der Inquisition geraten war. Dass es Valdés und Vadillo, die beide mit Ca- IV.2 103 De locis theologicis libri duodecim, Salamanca 1563, p. 3. 104 De locis theologicis libri duodecim, Salamanca 1563, p. 4. IV.2 Die Wertigkeit der Censura und der beiden Lizenzen 45 nos Biographie eng verbunden waren, zu verdanken ist, dass aller Anfangsverdacht gegenüber dem Dominikaner und dessen Werk beseitigt wurde, sticht meiner Meinung nach besonders hervor.105 An Vadillos Zensur anschließend und gewissermaßen als Grundlage für die Publikation sind die beiden Königlichen Lizenzen zu sehen, die als weltliche Bestätigung der geistlichen Imprimatur, die durch die Inquisition erteilt worden ist, gelten dürften. Sie bestätigen expressis verbis dem Dominikanerorden von Salamanca das Privileg zur Veröffentlichung und zum Verkauf des Buches.106 Wer nun, um zur ursprünglichen Frage zurückzukommen, rechtmäßiger Erbe von Canos opus magnum gewesen ist und sich letztlich der Publikation der loci rühmen darf, ist schwerlich mit letzter Genauigkeit zu beantworten. Caballero107 und Belda Plans108 sprechen sich gegen eine (Um-)Widmung der loci an Valdés mit der Begründung aus, dass Canos ursprünglicher Plan die Dedikation des Werkes an den zu früh verstorbenen Vater – im Oktober 1553 in Wien – gewesen sei. Ihrer Ansicht nach seine die Bücher an das Dominikanerkloster San Esteban nach Canos Tod vererbt worden. Als Grund nennen sie Canos lange Verbundenheit zu diesem. Das Kloster – und insbesondere Pedro Serrano als procurador – wiederum habe sich gemäß den königlichen Lizenzen als legitimer Erbe schließlich um die Drucklegung bemüht. Die Annahme der beiden Gelehrten erscheint zwar durchaus plausibel, allerdings wird der Bedeutung der von Vadillo im Auftrag von Valdés verfassten Censura dabei kaum Rechnung getragen, was meines Erachtens zu Unrecht geschieht. Um die Wertigkeit dieses Gutachtens zu erfassen, sollte durchaus erwogen werden, dass Cano mit voller Absicht die loci zunächst dem Großinquisitor von Spanien dedizierte, um dadurch die grundsätzliche Voraussetzung für den Druck der Schrift zu schaffen. Dass sich im Anschluss daran das Kloster San Esteban um die Veröffentlichung und den Verkauf des opus bemüht hat und dazu als legitimer Erbe durch die Lizenz des Königs anerkannt worden ist, 105 Vgl. Hogenmüller: Dedikation (2017) 125–143. 106 Zur Diskussion der Drucklegung und Widmung vgl. Caballero (1871) 377–378; Belda Plans (2013) 54–57. 107 Vgl. Caballero (1871) 377. 108 Vgl. Belda Plans (2013) 54–56. IV Kapitel Die Drucklegung der Editio princeps in Salamanca 1563 46 schmälert die genannte These in meinen Augen wenig. Vielmehr halte ich es für wahrscheinlich, dass die Übereignung der unvollendeten Schrift zweifach bzw. parallel erfolgte, um die Publikation letztlich sicher zu stellen. Letzte Sicherheit in dieser Frage dürfte trotz aller Bemühungen aus Mangel an weiteren Unterlagen nicht zu erreichen sein. Daher möchte ich in diesem Zusammenhang als zutreffend lediglich festhalten, dass alle drei Dokumente offenkundig nicht nur ein reges Interesse an der Veröffentlichung der theologischen Orte bezeugen, sondern auch gro- ßen Anteil an der weitreichenden Verbreitung besitzen. IV.2 Die Wertigkeit der Censura und der beiden Lizenzen 47

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Zusammenfassung

Der spanische Dominikaner Melchior Cano (1509 bis 1560) gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Theologie. Als Professor für Philosophie und Theologie in Salamanca, Berater Kaiser Karls V., Teilnehmer am Konzil von Trient und entschiedener Gegner der Jesuiten prägte er die katholische Gegenreformation im 16. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Sein Meisterwerk Über die Orte der Theologie (De Locis Theologicis Libri Duodecim) war für Jahrhunderte ein unübertroffenes Standardwerk theologischer Methodologie. Als solches inspirierte die Schrift einerseits bis weit in das 18. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer zur Abfassung eigener Abhandlungen über theologische Orte; andererseits wurde sie selbst in zahllosen Editionen nachgedruckt und herausgegeben, die jedoch nicht selten fehlerhaft sind.

Die vorliegende Studie widmet sich in acht Kapiteln jenen Fragen, die sich noch heute hinsichtlich Autor und Werk ergeben, und leistet damit einen weiteren Beitrag zur aktuellen Forschung.