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III Kapitel Der Einfluss des Grobianismus auf die Entstehung der Loci theologici in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani De Locis Theologicis Libri Duodecim, page 33 - 42

Studien zu Autor und Werk

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4219-9, ISBN online: 978-3-8288-7125-0, https://doi.org/10.5771/9783828871250-33

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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Der Einfluss des Grobianismus auf die Entstehung der Loci theologici Canos geradezu einzigartig anmutende Fähigkeit, die Regeln der lateinischen Sprache kunstgerecht anzuwenden, hat die Bewunderung der modernen Forschung immer wieder hervorgerufen. Gerade seine latinitas, die ihn solch bedeutenden spanischen Theologen wie Francisco de Vitoria und Domingo de Soto einreihte, stand hierbei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dennoch konnte bei allem Lob eine Eigenart in Canos Stil nicht verborgen werden, die man gerne aus seinem kontrovers beurteilten Charakter ableitete. Von seinen Zeitgenossen wurde diese Eigentümlichkeit bisweilen als verletzendes Ärgernis empfunden, wofür sich insbesondere in den im 18. Jh. verfassten Vindicationes an mehreren Stellen beeindruckende Zeugnisse finden; eines der deutlichsten lautet dort folgendermaßen: Quamquam tot virorum illustrium praeconiis celebratus sit Canus noster, nonnullorum tamen censuras expertus est, qui sublime licet ingenium, et omnigenam eruditionem demirati, nonnullas tamen illius opiniones improbarunt, nimiamque in alienis carpendis licentiam objecere. Obwohl unser Cano durch die Lobreden so bedeutender Männer gefeiert wurde, hat er dennoch ein Urteil von einigen Männern erfahren, die, obgleich sie seinen erhabenen Verstand und seine verschiedenartige Bildung bewunderten, doch manche seiner Ansichten missbilligten und ihm seine allzu große Freizügigkeit, andere zu kritisieren, vorhielten. Gerade Canos unverhohlene Neigung zu harscher Kritik an ‚anderen’ (nimiamque in alienis carpendis licentiam), so der Verfasser der angeführten Vindicatio, die erstmals in der Ausgabe von H. Serry erschienen ist (1714)79, war ein wahrnehmbares Kennzeichen von Canos Stil, III Kapitel 79 Vgl. dazu Belda Plans (2006) LXXXVI: „En la edición de Padua de 1714 aparece un extenso Prólogo (14 capítulos) de H. Serry en el que se recogen y refutan una serie de objeciones teológico-literarias que se han hecho contra la obra de Cano. A 33 das auch in späterer Zeit von der modernen Forschung in dieser Form explizit verzeichnet wurde. Fermín Caballero schreibt bereits 1871 in seiner Cano gewidmeten Biographie von dessen verletzender Ausdrucksweise, die sich zornig und anmaßend gegen Kontrahenten und Gegner richtete.80 Gerade Canos Polemik gegenüber den Jesuiten81 und sein unbeirrbares Vorgehen gegen seinen Ordensbruder, den späteren Erzbischof von Toledo und Primas von Spanien, Bartolomé Carranza,82 sind hierfür beispielhaft und „verdunkeln“, wie Bernhard Körner sagt83, das Bild dieses großen Mannes. Die Gründe für Canos fast sprichwörtlich gewordene harsche, ja martialische Ausdrucksweise liegen meines Erachtens jedoch nur zu einem geringen Teil im Wesen des Spaniers verborgen. Vielmehr dürften äußere Einflüsse auf Cano eingewirkt und seinen Stil geprägt haben, zumal zu Canos Blütezeit im 16. Jahrhundert das Aufkommen einer literarischen Strömung zu bemerken war, zu deren Eigentümlichkeit grobe und äußerst polemische Ausdrucksweise gehört, die man modern mit dem Begriff ‚Grobianismus’ bezeichnet. Dass diese Strömung nachhaltig auf Canos Stil eingewirkt hat, soll in diesem Kapitel beispielhaft bewiesen werden. Grobianismus Unter dem Begriff ‚Grobianismus84’ ist allgemein eine stilistische Sonderform der Ausdrucksweise zu verstehen, die sich im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert im Zuge der Reformation und III.1 partir de este momento todas las ediciones posteriores recogen este esmerado trabajo de Serry.“ 80 Vgl. Caballero (1871) 435: „Cano era ardiente en la polémica, enérgico en las espresion, osado en los ataques, violento y hasta fiero en la defensa y en las réplicas (...): la vehemencia, los ímpetus, la soberbia y la ira quedeban reservados para contender con los émulos, para confundir á los adversarios.“ 81 Vgl. Hogenmüller: Jesuiten (2013) 389–396. 82 Vgl. dazu Tellechea (1962) 5–93; ders. (1968). 83 Vgl. Körner (1994) 74. 84 Zum Grobianismus vgl. u. a. Fränkel (1891) 181–193; Reumann (1966); Corell (1982); Gutzen (1985) 256–259. III Kapitel Der Einfluss des Grobianismus auf die Entstehung der Loci theologici 34 aufkommenden Gegenreformation in Europa entwickelte. Ihre Kennzeichen sind eine besonders metaphorische und mit Bildern der Umgangssprache geprägte Ausdrucksweise, in der Wortspiele, hyperbolischer Tadel, die Häufung negativer Eigenschaften und die Verwendung von Übertreibungs- und Unsagbarkeitstopoi in großer Zahl nachzuweisen sind. Schriftstücke dieser Art richten sich insbesondere an persönliche Gegner in der reformatorischen Auseinandersetzung. Beispielhaft steht hierfür eine Vielzahl von Luthers Schriften, die deutlich grobianische Merkmale aufweisen.85 Das Substantiv bzw. Adjektiv grobianus erscheint erstmals in Conrad Zeningers Vocabularius theutonicus86, erschienen 1482, als Synonym von rusticus in der Bedeutung „grob, bäurisch, unerzogen“. Anklänge an Satirisches im Grobianismus sind nicht zu leugnen, zumal in der lateinischen Satire des Marburger Theologen Friedrich Dedekind [Grobianus. De morum simplicitate (Frankfurt 1549)] zugleich der Prototyp und das erfolgreichste Werk grobianischer Literatur vorliegen. Der Begriff Grobianismus selbst erscheint erstmals fast 200 Jahre nach dem Erstbeleg in Christian Weises Die drei ärgsten Erznarren, publiziert 1673.87 In der modernen Literaturwissenschaft unterscheidet man heute zwischen dem Grobianismus als Bezeichnung für „Verhaltens- und Sprachformen, die sich durch Rohheit, Unanständigkeit und Ungebildetheit von den am Höfischen orientierten Anstandsnormen des Bürgertums unterscheiden“88 und der Gattung der grobianischen Dichtungen als einer „didaktischen Literaturgattung vornehmlich des 16. Jh.s, die entweder in satirischer Absicht als negative Enkomiastik grobiani- 85 Genannt seien u. a. Luthers polemische Schriften Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet und Wider Hans Worst. 86 Conrad Zeninger, geboren in Mainz, war seit 1480 in Nürnberg als Drucker aktiv. Das Wörterbuch Vocabularius theutonicus in quo vulgares dictiones ordine alphabetico praeponuntur [...] Kolophon: impressus Nuremberge per cunradū zeninger Anno d i M.CCCC. lxxxij. gilt in der Forschung als eines der beiden ersten gedruckten Wörterbücher, das nach dem Deutschen alphabetisiert ist; vgl. in der Ausgabe von Grubmüller (1976) V–VII. 87 Vgl. Grimm, Grimm (1935) 418. 88 Vgl. Schweikle, Schweikle (1990) [Grobianismus] 185 III.1 Grobianismus 35 sche Sitten beschreibt (...) oder in direktem polemischem Angriff bloßstellt“.89 Der Bezug des Grobianismus auf didaktische Literatur allein scheint jedoch strittig, zumal B. Meister in seiner 2003 eingereichten, nicht publizierten Lizentiatsarbeit aus guten Gründen auf eine weitere Beziehung insistiert90: „Sinnvoll erscheint mir einerseits eine deutliche Unterscheidung zwischen Grobianismus und grobianischer Literatur im Sinn der (...) Definition (...), anderseits eine präzise Fassung des Terminus Grobianismus im Rahmen der Trichotomie Welt, Text und Intention und seine deutliche Abgrenzung zu anderen Begriffen.“ Gerade zum Welt-Anteil gehöre, so Meister weiter91, „die Gesamtheit literarischer Verfahren, die sich dem Grobianismus dienlich machen könnten: Von der Ironie über die Satire hin (...) bis zu Verfahren zur Zeichnung von Figuren und Sachverhalten.“ Insbesondere die überspitzte Zeichnung (Ethopoiie) von Personen, bei denen es sich um ideologische Gegner handelt, und deren Handlungen, um über sie ein harsches, ja häufig durchaus ‚grobes’ Urteil zu fällen, ist ein probates und weit verbreitetes Mittel in Canos Konzeption der loci. Belegen kann diese These eine Vielzahl von Passagen, einige der anschaulichsten, an denen Cano insbesondere mit den Begriffen rusticus und stultus operiert, wenn es darum geht, mögliche Einwände von Gegnern zu widerlegen, sollen beispielhaft im Folgenden herausgestellt werden. Die Spuren des Grobianismus in den Loci theologici Eine besonders eindrucksvolle Verwendung von rusticus im Sinne des grobianischen Verständnisses findet sich im sechsten Kapitel des XII. Buches, das De variis errorum gradibus, primumque de haeresi et haeretica propositione überschrieben ist. Dort heißt es: Primam [scil. causam], quod nisi ita esset, aliqua propositio ab uno affirmata esset haeresis, ab alio non esset; ut si homo doctus sciens contrarium in sacris libris contineri, assereret, Moysen non Judaeum fuisse, sed Aegypti- III.2 89 Ibid. 90 Meister (2003) 10. 91 Ibid. 12. III Kapitel Der Einfluss des Grobianismus auf die Entstehung der Loci theologici 36 um; tunc illam propositionem haereticam esse, haesitari non potest. At si eadem inscite ab aliquo homine rustico et idiota affirmaretur, haeretica non esset. Zum ersten Grund: Wenn es sich nicht so verhalten würde, dass eine These von dem einen als Häresie behauptet wäre, von einem anderen aber nicht. So wie wenn ein gebildeter Mensch, der weiß, dass das Gegenteil in den heiligen Schriften enthalten ist, behaupten würde, dass Moses kein Jude war, sondern ein Ägypter. Dann kann man nicht zögern zu sagen, dass dies eine häretische These ist. Doch wenn dieselbe These aus Unwissenheit von einem ungebildeten Menschen und rechten Idioten behauptet würde, wäre sie nicht häretisch. Eine These (propositionem), so Canos Ansicht, sei dann häretisch (haereticam), wenn sie von einem gebildeten Mann (homo doctus) vorgebracht werde, der sich über Wahrheit des Gegenteils (contrarium) im Klaren sei (sciens). Daran könne kein Zweifel herrschen (haesitari non potest). Doch wenn dieselbe These unwissentlich (inscite) von einem Menschen vorgebracht würde, der ungebildet (rustico) und ein rechter Idiot (idiota) sei, dann wäre sie nicht häretisch (haeretica non esset). Deutlich ist hier zu erkennen, dass Cano das Adjektiv rusticus im Sinne des grobianischen Sprachgebrauchs (bäuerlich = ungebildet) verwendet, dessen Semantik durch die Hinzunahme des latinisierten Substantivs idiota noch verstärkt wird. Das Zusammenspiel dieses als Hendiadyoin konzipierten Ausdrucks charakterisiert in aller Deutlichkeit die Eigenart eines solchen ‚unwissenden’ Menschen in vollem Umfang und ganzer Härte. Gerade aber die zu verzeichnende Vehemenz im Ausdruck sind deutliche Kennzeichen grobianischer Sprechweise, deren sich Cano an dieser Stelle wahrnehmbar bedient hat. Eine weitere Stelle, an der eindeutig die grobianische Semantik des Begriffes rusticus bzw. rusticitas vorliegt, verbirgt sich in einer Wendung im IX. Buch. Dort heißt es im vierten Kapitel: Nam philosophia, et omni ratione disputandi sublata, cum fide sancta rusticitas manet, quae, ut Hieronymus ad Paulinum scribit, quantum prodest vitae merito, tantum simplicitate nocet, si adversariis non resistat. Denn wenn die Philosophie und jede Methode der Disputation abgeschafft ist, dann bleibt mit dem Glauben die heilige Einfalt, die, wie Hieronymus an Paulinus schreibt, ihrem Verdienst nach dem Leben ebensoviel nützt wie sie durch Einfalt schadet, wenn sie den Widersachern keinen Widerstand leistet. III.2 Die Spuren des Grobianismus in den Loci theologici 37 Wenn Philosophie (philosophia), so Cano, und jede Methode der Disputation (ratione disputandi) abgeschafft seien, bliebe mit dem Glauben (cum fide) fromme ‚Plumpheit’ (sancta rusticitas), die, wie Hieronymus an Paulinus schreibt, ihrem Verdienst nach dem Leben so viel nütze (quantum prodest), wie sie durch ihre Einfalt schade (simplicitate nocet), wenn sie den Gegnern keinen Widerstand leiste (adversariis non resistat). Die Semantik des Substantivs rusticitas liegt in diesem Zusammenhang nahe an der des Adjektivs rusticus, dessen Bedeutung im grobianischen Sprachgebrauch auch ‚plump’, ‚ungebildet’ und ‚unerzogen’ heißen kann. Dass Cano diese Semantik vor Augen hatte, scheint durch den Hinweis geschehen zu sein, dass simplicitas im negativen Sinn von ‚Naivität’ und ‚Einfalt’ Teil der rusticitas ist. Obgleich in dieser Passage keine ‚grobe’, im Sinne einer verletzenden Sprechweise vorliegt, ist dennoch gerade im ironischen Unterton der Wendung ein Zeichen grobianischer Sprechweise zu erkennen, zumal explizit auch das Ironisch-Satirische ein Charakteristikum des Grobianismus ist. Ähnlich eindeutig wie die Verwendung der Wortgruppe von rusticus verhält es sich hinsichtlich Canos Gebrauchs von stultus. Die Fülle von Passagen, an denen sich der Spanier dieses Adjektivs im Komparativ bzw. des Substantivs stultitia bedient, ist so eindeutig wahrnehmbar, dass an dieser Stelle nur ein besonders auffälliges Beispiel besprochen sei. Dieses findet sich im vierten Kapitel des IV. Buches. Dort äußert sich Cano gegenüber dem Reformator Calvin und einer seiner Ansichten folgendermaßen: Quid ad hoc respondeat Calvinus, audiamus. ‚Hoc’, ait, ‚tametsi habet nonnullam veri speciem, verum tamen esse nego’. O stultum hominem, et repugnantem manifestae veritati! An ignorat, quae Spiritus sancti dona singulis membris distribuuntur, in communem conferri omnia? An videt oculus, et non magis homo videt? An non lucerna corporis est oculus? Quid eo absurdius, quam membrum posse quidquam quod corpus nequeat efficere, partem habere quod non habet totum? Wollen wir hören, was Calvin darauf zur Antwort gibt: „Obwohl es den Anschein der Wahrheit besitzt, bestreite ich dennoch, dass es die Wahrheit ist.“ O dummer Mensch, der du dich der offensichtlichen Wahrheit widersetzest! Weiß er denn nicht, dass alles, was einzelnen Gliedern als III Kapitel Der Einfluss des Grobianismus auf die Entstehung der Loci theologici 38 Geschenk des Heiligen Geistes zugeteilt wird, zum gemeinsamen Nutzen gleichmäßig verteilt wird? Oder sieht das Auge und nicht im höheren Ma- ße der Mensch? Ist nicht das Auge das Licht des Körpers? Was aber könnte widersinniger sein, als dass ein Glied etwas vermag, was der Körper nicht fertigbringen kann, dass ein Teil etwas besitzt, was der ganze Körper nicht besitzt? Cano spricht im Kontext der Stelle von willentlichen Wortverdrehungen (tergiversio), wie sie häufig bei Luthers Anhängern zu finden sind. Als Beispiel hierfür dient ihm Calvin, der, so Canos Argument, gesagt habe (ait), dass er, obwohl etwas den Anschein der Wahrheit besitze (hoc tametsi habet nonnullam veri speciem), dennoch bestreite (tamen nego), dass es die Wahrheit sei (verum tamen esse). Mittels einer Apostrophe, die durchaus Züge einer vituperatio aufweist, spricht Cano Calvin an, bezeichnet ihn als ‚dummen Menschen’ (stultum hominem), der sich der eindeutigen Wahrheit widersetzt (repugnantem manifestae veritati), und weist mit vier rhetorischen Fragen dessen Unwissenheit nach. Gerade aber der beißend satirisch-ironische Unterton, die Verwendung der rhetorischen Sinnfiguren92 Apostrophe und Interrogatio wie auch die relativ grobe Bezeichnung Calvins als stultus homo weisen meines Erachtens deutliche Übereinstimmung mit der literarischen Strömung des Grobianismus auf. Ebenso deutliche Anklänge an grobianische Ausdrucksweise vermittelt eine Passage im vierten Kapitel (Quaenam sit Ecclesiae catholicae in fidei dogmate auctoritas) des IV. Buches, in der sich Cano ein weiteres Mal gegen Calvin (Sed redeo ad Calvinum) äußert. Dort heißt es: Verumenimvero inter suos hic mirifice garrit, et vel stulte ignorat, vel malitiose mentitur, cum dicit, nos id pro oraculo fidei habere, quod homines sine Dei revelatione censuerint. Aber tatsächlich schwatzt er unter den Seinen in wunderlicher Weise und weiß es entweder dummerweise nicht oder lügt boshafterweise, wenn er sagt, wir sollen das für eine Prophezeiung des Glaubens ansehen, was Menschen ohne Gottes Offenbarung angeordnet haben. Calvin, so Cano, schwatze (garrit) in wunderlicher Weise (mirifice) und wisse es entweder dummerweise nicht (stulte ignorat) oder lüge 92 Vgl. zu den Sinnfiguren allgemein Fuhrmann (22008) 135–138. III.2 Die Spuren des Grobianismus in den Loci theologici 39 boshafterweise (malitiose mentitur), wenn er sagt, man solle das für eine Prophezeiung des Glaubens ansehen (pro oraculo fidei habere), was Menschen ohne Gottes Offenbarung angeordnet hätten (sine Dei revelatione censuerint). Deutlich grob sind auch in diesem Zusammenhang die Begriffe, mit denen Cano Calvin abqualifiziert. Die Unterstellung, Calvins Thesen seien Geschwätz aus Dummheit oder gar Boshaftigkeit, zeichnen mit durchaus verletzenden Worten ein negatives Bild des ideologischen Gegners. Auf der Sprachebene wird dieses Bild durch die Verwendung der rhetorischen Figuren Ethopoiie und Invektive wie durch Metaphorik in der Ausdrucksweise (garrit) erzeugt, worauf Cano auch an dieser Stelle zurückgegriffen hat. Gleichzeitig liegt in dem dreigliedrigen Ausdruck (mirifice garrit, et vel stulte ignorat, vel malitiose mentitur) eine erkennbare hyperbolische Klimax vor, die den negativen Eindruck weiter verstärkt. Dass sich Cano bei der Konzeption der Passage damit eindeutig Regeln unterworfen hat, die der Strömung des Grobianismus zuzuordnen sind, dürfte sowohl anhand der Wirkung auf den Leser als auch der sprachlichen Analyse der Stelle leicht zu erkennen sein. Schlussfolgerung Die Gründe für Canos bisweilen grobe Ausdrucksweise93, die, wie ja bereits angesprochen, gerne auf seinen Charakter zurückgeführt wird, III.3 93 Ein ebenso markantes Beispiel für Canos ‚grobianische’ Ausdrucksweise, auf das hier noch kurz verwiesen sei, findet sich an einer Stelle des VII. Buches, in der Cano Cajetan mit folgenden Worten kritisiert (LT VII,3 p. 257): Te nunc, Cajetane pater, si filio patrem appellare licet, appello te; Cajetane, inquam, appello te, in concilium voco, te non in lyceum aut academiam induco, sed in sanctorum Patrum pacificum honorandumque conventum. Pone tibi ob oculos, rogo te, tam numerosam seriem eruditissimorum virorum, quos in hunc usque diem tot saeculorum consensus approbavit, quos praeter admirabilem sacrarum litterarum peritiam, vitae quoque pietas mira commendat. Aspice illos, obsecro te, quodam modo aspicientes te, et mansuete ac leniter dicentes tibi: Itane nos, fili Cajetane, in sacrarum expositione litterarum simul omnes erramus? Itane nobis omnibus, quos Ecclesiae Christus praeceptores dedit, spiritus intelligentiae defuit? Itane tu unus adversum nos pugnare audes, et Ecclesiam credis unius sensum hominis secuturam, hujus vero gravissimi sanctissimique senatus commune judicium deserturam? Utrum plus tribuendum esse judicas tot III Kapitel Der Einfluss des Grobianismus auf die Entstehung der Loci theologici 40 sollte aufgrund der vorliegenden Ergebnisse weniger in seinem Wesen gesucht werden als vielmehr in den auf ihn wirkenden literarischen Strömungen des 16. Jahrhunderts. Dass Cano sich bei der Konzeption derartig polemischer Passagen, die von unverhohlenem Spott und Hohn gegenüber ideologischen Gegnern geprägt sind, an antiken Vorbildern, beispielsweise der pseudosallustianischen Invektive gegen Cicero94, orientiert haben könnte, ist durchaus denkbar. Dennoch widerspricht dies in keiner Weise der These, dass die Konzeption der loci von grobianischen Gattungsmerkmalen beeinflusst wurde. Die Blüte des Grobianismus nämlich fällt mit dem Höhepunkt jener geistigen Strömung zusammen, die eben an die feine Eleganz und den Stil der Bildungsideale der Antike, zu denen die kunstfertige Konzeption von Invektiven ebenso gehörte wie die Abfassung von Deklamationen, anzuknüpfen versuchte – mit dem des Humanismus. Deren Träger, zu denen Cano unzweifelhaft zu rechnen ist, gelten nicht zu Unrecht auch als geistige Väter des Grobianismus.95 eruditorum, sanctorum, martyrumque praejudiciis, an tuo singulari privatoque judicio? Respondebisne ad haec, aut omnino hiscere audebis. Dass dabei die rhetorischen Mittel der Apostrophe, der Repraesentatio, Ethopoiie und der Invektive zum Ausdruck kommen, hat jüngst C. Oser-Grote in ihrem Beitrag „Die Autorität der Kirchenväter bei Melchior Cano (De locis theologicis, Buch VII)“ nachgewiesen. 94 Vgl. dazu von Albrecht (21994) 368; Syme (1964); Schmal (2001) 24–25. 95 Vgl. dazu auch Kohlhage (1987) Sp. 673–674. III.3 Schlussfolgerung 41

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Zusammenfassung

Der spanische Dominikaner Melchior Cano (1509 bis 1560) gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Theologie. Als Professor für Philosophie und Theologie in Salamanca, Berater Kaiser Karls V., Teilnehmer am Konzil von Trient und entschiedener Gegner der Jesuiten prägte er die katholische Gegenreformation im 16. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Sein Meisterwerk Über die Orte der Theologie (De Locis Theologicis Libri Duodecim) war für Jahrhunderte ein unübertroffenes Standardwerk theologischer Methodologie. Als solches inspirierte die Schrift einerseits bis weit in das 18. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer zur Abfassung eigener Abhandlungen über theologische Orte; andererseits wurde sie selbst in zahllosen Editionen nachgedruckt und herausgegeben, die jedoch nicht selten fehlerhaft sind.

Die vorliegende Studie widmet sich in acht Kapiteln jenen Fragen, die sich noch heute hinsichtlich Autor und Werk ergeben, und leistet damit einen weiteren Beitrag zur aktuellen Forschung.