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I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani De Locis Theologicis Libri Duodecim, page 1 - 26

Studien zu Autor und Werk

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4219-9, ISBN online: 978-3-8288-7125-0, https://doi.org/10.5771/9783828871250-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung Stand der Forschung Zu den Hauptschriften aus dem umfangreichen Œuvre1 des spanischen Dominikaners Melchior Cano (1509 – 1560) zählt die zwischen den Jahren 1543 (?) und 1560 in Unterbrechungen verfasste, doch erst 1563 postum publizierte Abhandlung De locis theologicis. Als Grundlagentext der katholischen Theologie des 16. Jahrhunderts beeinflusste diese Schrift die neuzeitliche Theologiegeschichte nachhaltig. In ihrer Programmatik, von der Albert Lang sagt, sie stelle „den ersten systematischen Versuch und zugleich einen Jahrhunderte unüberbotenen Höhepunkt theologischer Erkenntnislehre und Methodologie“2 dar, ist sie auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts für die Erkenntnis- und Prinzipienlehre der Theologie von nicht zu missachtender Bedeutung. Dass Canos zentrales Werk jüngst erneut in den Blick der modernen Forschung geraten ist, belegen eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen in Spanien.3 Vor allem die „Schule von Salamanca“, deren Hauptvertreter die Dominikaner Francisco de Vitoria (gest. 1545), Melchior Cano (gest. 1560), Domingo de Soto (gest. 1560) und Canos Schüler I Kapitel I.1 1 Neben De locis theologicis liegen veröffentlicht folgende Schriften vor: Relectio de sacramentis in genere und Relectio de sacramento poenitentiae (Salamanca 1550); Tratado de la Victoria de sí mismo (Valladolid 1550); Canos Voten auf dem Konzil von Trient in den Konzilsakten (1551)(= CT VII/1,124–127. 261–264. 387–390); Canos Gutachten für den Kaiser: Parecer de Fr. Melchor Cano sobre la guerra con el Papa Paulo IV (1556); La censura de Melchor Cano y Domingo de Cuevas al Catacismo y otros escritos de Carranza (1559); vgl. dazu auch Lang (1925) 7; Belda Plans (1982) 27; Körner (1994) 71–75. 2 Vgl. Lang (1958) 918. 3 Aus der großen Fülle seien hier stellvertretend die Arbeiten von Caballero (1871; ND 1980), Beltrán de Heredia (1933) 178–208, Sanz y Sanz (1959), Casado (1972) 55–81, Muños Delgado (1980), Pérez Ramírez (1984) 95–128, wie auch einige aufschlussreiche Studien Belda Plans (1982), (2000), (2006) und (2013) genannt. 1 Domingo Báñez (gest. 1604) waren, steht seit geraumer Zeit im Mittelpunkt dieser Forschung.4 Auch im deutschsprachigen Raum ist ein wachsendes Interesse an Canos Schriften im letzten Jahrhundert festzustellen, was die Aktualität dieses Autors zu beweisen vermag.5 Noch immer fehlen jedoch eine deutschsprachige Übersetzung wie auch eine zeitgemäße Edition des lateinischen Textes, die den modernen wissenschaftlichen Vorgaben gerecht wird. Um diese Lücke zu schließen, startete am 1. Februar 2006 unter der Leitung des Würzburger Fundamentaltheologen Elmar Klinger das von der DFG geförderte Forschungsprojekt „Melchior Cano, De locis theologicis. Textkritische Edition des lateinischen Textes und deutschsprachige Übersetzung“. Das nach drei Jahren endende Projekt brachte neben der deutschen Übersetzung und Edition des Textes auch neue Erkenntnisse in der Cano-Forschung hervor. Die Publikation der Übersetzungen ist jedoch noch nicht erfolgt. Canos Biographie Melchior bzw. Melchor Cano gilt als Zeitgenosse Martin Luthers und war wie dieser eine illustre Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts. Geboren am 6. Januar 15096 (oder 1506)7 in Tarancón in der Diözese Cuenca8 – als Sohn des Juristen Fernando Cano und dessen Frau Maria Del- I.2 4 Zu erwähnen sind insbesondere die Arbeiten von Borobio (2006), Jericó Bermejo (2005), Orrego Sánchez (2004) und nochmals Belda Plans (2000). 5 Neben A. Lang (1925) seien in chronologischer Reihenfolge die Beiträge von Beumer (1954) 53–72, Horst (1960) 207–223, Giersaths (1962) 3–29, Klinger (1978), Seckler (1987) 37–65, Körner (1994), Klinger (2005) 139–152, und Seckler (2006) 17–43 erwähnt. 6 Vgl. zur Diskussion des Geburtsortes Pérez Ramírez (1984) 95–128; zur Diskussion des Geburtsjahres Caballero (1871) 183–189; dazu Belda Plans (2006) XXXIII; ders. (2013) 2. 7 Juan Belda Plans gab sein Buch zu Canos 500. Geburtstag heraus, spricht jedoch von seinem Tod im Alter von knapp 52 Jahren [Belda Plans (2006) LXIV und (2013) 33]. 8 Vgl. Lang (1925) 2. Dem gegenüber tritt Juan Sanz y Sanz (1959) dafür ein, dass Cano in Pastrana, wo dessen Vater ab 1510 als Jurist tätig war, geboren ist. Dieses Da- I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 2 gado del Valle9 –, trat er im August des Jahres 1524 mit 15 Jahren in den Dominikanerorden ein. Im Jahr 1527 begann er das Studium der Theologie und Philosophie in Salamanca und Valladolid unter den zur damaligen Zeit hoch angesehenen Lehrern Diego de Astudillo und Francisco de Vitoria, dem er 1546 als Professor für Theologie in Salamanca nachfolgen sollte. Canos philosophische Lehrtätigkeit begann 1533 im Konvent San Gregorio in Valladolid, ab 1536 lehrte er dort auch Theologie und wurde 1542 zum Professor für Philosophie an die Universität Alcalá de Henares berufen. Im Studienjahr 1546/47 und 1547/48 las er zunächst über das Vierte Sentenzenbuch des Petrus Lombardus (Pietro Lombardo, geb. um 1095/1100 in Lumellogno bei Novara, gest. 1160 in Paris). Aus diesen Vorlesungen gingen die beiden Relectiones (de sacramentis in genere, 1548; de sacramento poenitentiae, 1549) hervor. Auf Veranlassung Kaiser Karls V., den Cano in theologischen Fragen beriet, wurde der Dominikaner am 30. Dezember 1550 als Konzilsberater nominiert10 und nahm am zweiten Teil des Konzils von Trient (1551/52) teil. In den Beratungen über die Eucharistie, die Buße und zur Frage des Opfercharakters der Heiligen Messe trat er aktiv in den Vordergrund.11 Nach der Rückkehr vom Konzil wurde Cano von Papst Julius III. zum Bischof der Kanarischen Inseln ernannt (1553); dieses Amt trat er jedoch nicht an, verzichtete in der Folge sowohl auf das Bistum als auch auf seine Professur in Salamanca (1553/54) und zog sich in den Konvent Piedrafita bei Avila zurück. Im Jahr 1554 wurde Cano Rektor des San Gregorio-Kollegs in Valladolid, 1557 Prior von St. Esteban in Salamanca. Seine ebenfalls in dieses Jahr fallende Wahl zum Ordensprovinzial wurde nicht durch den Papst bestätigt. Wegen einiger Äußerungen, die Papst Paul IV. missfielen, wurtum scheint allerdings aufgrund einer Verwechslung falsch zu sein, vgl. Körner (1994) 71 Anm. 6. 9 Vgl. Caballero (1871) 43. 10 Die Gründe dafür liegen wohl in Canos Arbeiten über die Sakramente (1546/1547: Relectio de sacramentis in genere; 1547/1548: Relectio de sacramento poenitentiae), denen die nachfolgenden Sessionen des Konzils gelten sollten, vgl. Körner (1994) 72. 11 Vgl. Körner (1994) 72: „In der 13. Session meldet er sich am 9. September 1551 zum Sakrament der Eucharistie zu Wort, in der 14. Session am 24. Oktober 1551 zum Bußsakrament und in der 15. Session am 9. Dezember 1551 zur Frage des Opfercharakters der Heiligen Messe [...].“ I.2 Canos Biographie 3 de Cano 1556 nach Rom berufen. Diese Reise trat der Dominikaner jedoch erst im Jahr 1560 an, nachdem Pius IV. Papst geworden war. Dort wurde er von allen Vorwürfen freigesprochen. Während desselben Romaufenthalts im Jahr 1560 erhielt Cano nach seiner erneuten Wahl zum Ordensprovinzial die endgültige päpstliche Bestätigung. Bereits am 21. Mai 1559 hielt Cano die Predigt zum Autodafé in Valladolid. Bei diesem wurden 66 evangelische Christen verurteilt, darunter Antonio Herrezuelo zum Tode durch Verbrennen und Leonor de Cisnere zu einer Bußstrafe. Am 30. September12 1560 verstarb Melchior Cano überraschend im Alter von 51 Jahren im Kolleg Petrus Martyr in Toledo.13 Weder die genaue Ursache seines Todes noch sein Grab sind bekannt. Canos Schriften Noch zu Lebzeiten zirkulierten aus Canos reichem Œuvre die folgenden Schriften14: 1. Relectio de sacramentis in genere und Relectio de sacramento poenitentiae (Salamanca 1550) – eine Abhandlung über die Sakramente im Allgemeinen und das Sakrament der Buße, hervorgegangen aus Canos Vorlesungen 1547 bis 1549. 2. Tratado de la Victoria de sí mismo (Valladolid 1550) – eine Schrift über die sieben Todsünden und der Möglichkeit, ihnen zu entgegnen. 3. Canos Äußerungen auf dem Konzil von Trient finden sich gesammelt in den Konzilsdokumenten (1551) (= CT VII / 1.124–127. 261–264. 387-390). 4. Consulta de theologos, si Su Magestad puede pedir á Su Santidad para vender los vasallos de las Iglesias de España y Respuesta de los Theologos (Valladolid 1553). I.3 12 Nach einer Angabe in der 14. Vindicatio in der Ausgabe von H. Serry (Padua 1714) starb Cano am 6. November 1560. 13 Zum Todesort vgl. Caballero (1871) 43. Vgl. zu Canos Biographie die ausführliche Darstellung bei Lang (1925) 2–12; Körner (1994) 71–73; Belda Plans (2013) 2–33; Doskey (2018) 14–51. 14 Vgl. Doskey (2018) 52–80. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 4 5. Parecer de Fr. Melchor Cano sobre la guerra con el Papa Paulo IV (1556) – das von Cano erstellte Gutachten für Kaiser Philipp II legitimiert die grundsätzliche Kriegsführung gegen den Papst als weltlichen Herrscher des Kirchenstaates. Darin ist wohl ein Grund dafür zu sehen, dass Cano später in den Fokus der spanischen Inquisition geraten ist. 6. La censura de Melchor Cano y Domingo de Cuevas al Catacismo y otros escritos de Carranza (1559) – Canos von dem Großinquisitor Fernando de Valdés y Salas in Auftrag gegebene Gutachten über die Schrift des Ordensbruders Bartolomé Carranza. 7. Censura y paracer que dio contra el Instituto de los PP. Jesuitas. – das Manuskripts des vorliegenden Gutachtens wurde 1977 zufällig in London entdeckt und enthält Canos äußerst negatives Urteil über den Jesuitenorden. Die Entstehungszeit wird in den Zeitraum zwischen 1552 und 1556 gelegt.15 8. Aus den Jahren 1543 bis 1559 liegt eine große Anzahl von Briefen vor, die neben offiziellen Schreiben auch solche aus dem privaten Umfeld beinhalten.16 Aus der Reihe der bekannten Schriften ist Canos Hauptwerk De locis theologicis besonders hervorzuheben. Die Editio princeps des Werkes wurde 1563 postum in Salamanca veröffentlicht. Weitere Drucke entstanden 1564 in Löwen, 1567 in Venedig, 1569 in Löwen, 1574 und 1585 in Köln.17 In den heute bekannten zwölf Büchern – Cano selber plante die Abfassung von 14 Büchern, sein plötzlicher Tod verhinderte jedoch die Vollendung – wurde erstmals in der Geschichte der Theologie der Versuch unternommen, aus dem reichen Fundus der Orte (loci) diejenigen auszuwählen, die der Theologie eigen sind, und sie ihrer inneren Stärke und Bedeutung im Hinblick auf die Disputation anzuordnen. Cano bezog sich dabei indirekt auf die berühmte Abhandlung De inventione dialectica des Rudolph Agricola, die erstmals 1515 veröffentlicht wurde. Darin erläuterte Agricola den Hauptzweck der Dialektik als die Auffindung von Argumenten (inventio) und die Struktur der 15 Vgl. O`Reilly (1992) 369–380. 16 Vgl. dazu die Appendix in Caballero (1871) 456–638. 17 Zu den verschiedenen Editionen vgl. Caballero (1871) 373–386; Belda Plans (2006) LXXXV–LXXXIX; ders. (2013) 51–56. I.3 Canos Schriften 5 Argumentation (dispositio) gemäß der rhetorischen Theorie des Antike. Den Prinzipien Agricolas folgend und gleichzeitig auf theologische Fragen anwendend, bestimmt Cano zehn „Orte der Theologie“, die ihrer Bedeutung nach geordnet, in den nachfolgenden Büchern behandelt werden. Ziel ist es dabei, die argumentative Kraft (vis) des diskutierten Ortes zu definieren und schließlich zu bestimmen, aus welchem Ort argumenta certa bzw. lediglich argumenta probabilia extrahiert werden können.18 Canos Auswahl folgend gibt es sieben der Theologie eigene Orte (proprii loci) – darunter ist neben der Autorität der heiligen Schriften auch die Autorität der Kirchenväter und die der Konzilien zu verstehen –, diese enthalten die Worte von jenen Männern, die in Anwesenheit oder unter dem Einfluss des Heiligen Geistes (spiritu sancto adspirante) geschrieben bzw. gesprochen haben. Hinzu kommen drei weitere Orte, die der Theologe zu untersuchen hat, obwohl sie der Theologie nicht zu eigen sind: die Philosophie, die Autorität der Naturphilosophen – damit sind die alten heidnischen Philosophen wie Plato und Aristoteles gemeint – und die Autorität der Profangeschichte. Obgleich es sich um Orte handelt, die der Theologie fremd sind (loci alieni), enthalten sie dennoch zuverlässige (argumenta certa) oder zumindest wahrscheinliche Argumente (argumenta probabilia). Daraus leitet Cano ab, dass auch diesen fremden Orten Autorität in der theologischen Diskussion zugesprochen werden sollte. Folglich ist es notwendig, beide Quellen (fontes) von Argumenten zu verwenden, das Eigentümliche und das Fremde, um in jeder Diskussion in Sachen des Glaubens Erfolg zu haben. Um seine Methode zu beweisen, gibt Cano drei verschiedene praktische Beispiele im XII. Buch (De locorum usu in Scholastica Disputatione), von denen das letzte der Frage nach der Unsterblichkeit der Seele (De immortalitate animae) gewidmet ist.19 Dieses Thema sei nach Canos eigener Aussage von besonderer Güte, da die Diskussion über diesen Gegenstand beide Arten von Argumenten berühre und folglich zur endgültigen Widerlegung des Gegners sowohl argumenta propria als auch argumenta aliena benötigt würden. 18 Zur Lehre der loci theologici und deren Vorgeschichte vgl. Körner (2014) 93–111. 19 Vgl. dazu Hogenmüller: Dogmatischer Beweis (2013) 301–323. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 6 Dieses neue und geradezu innovative Theologieverständnis beeinflusste die sich etablierende systematische Theologie in den nachfolgenden Jahrhunderten und regte gerade im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder namhafte Theologen wie Gaspard Juénin, Girolamo Buzi, Johann Opstraet und Benedict Stattler dazu an, weitere, sich in Anordnung und Gewichtung abgrenzende Traktate über die „Orte der Theologie“ zu verfassen.20 I.4 Die Auswahl der loci Nach Canos Einteilung gliedert sich die Reihenfolge der zehn Orte der Theologie in den Büchern II–XI21 folgendermaßen22: Primus igitur locus est auctoritas Sacrae Scripturae, quae libris canonicis continetur. Secundus est auctoritas traditionum Christi et apostolorum, quas, quoniam scriptae non sunt, sed de aure in aurem ad nos pervenerunt, vivae vocis oracula rectissime dixeris. Tertius est auctoritas Ecclesiae Catholicae. Quartus auctoritas Conciliorum, praesertim generalium, in quibus Ecclesiae Catholicae auctoritas residet. 20 Vgl. dazu Hogenmüller: Orte der Theologie (2012) 169–184. 21 Während Buch I ein die Gesamtschrift einleitendes Proömium darstellt, wird in Buch XII über die Verwendung der Orte in der scholastischen Disputation erörtert; über die ursprünglich von Cano beabsichtigte Gliederung vgl. Belda Plans (2000) 564: „1) Introducción. Noción, enumeración y división de los lugares teológicos en general (libro 1); 2) Parte teorética. Exposición detallada de la naturaleza y valor probativo en la argumentación teológica de cada uno de los diez lugares teológicos (libros 2 a 11); 3) Parte practica. Exposición del uso de los lugares teológicos en la disputa escolástica, en la exposición de Sagrada Escritura y en la controversia teológica con los herejes y paganos (libros 12 a 14). De todo este plan sólo se escribieron los 12 primeros libros, quedando así la obra De locis incompleta, aunque bastante avanzada (sólo faltaron dos libros de los 14 previstos).“ Vgl. dazu auch LT I,1; Lang (1925) 80–86; Körner (1994) 93–108; Belda Plans (2006) LXXXIV; ders. (2013) 49–51. 22 LT I,3. I.3 Canos Schriften 7 Quintus auctoritas Ecclesiae Romanae, quae divino privilegio et est et vocatur Apostolica. Sextus est auctoritas sanctorum veterum. Septimus est auctoritas theologorum scholasticorum, quibus adiungamus etiam juris pontificii peritos. Nam juris huius doctrina, quasi ex altera parte, scholasticae theologiae respondet. Octavus ratio naturalis est, quae per omnes scientias naturali lumine inventas latissime patet. Nonus est auctoritas philosophorum, qui naturam ducem sequuntur; in quibus sine dubio sunt Caesarei jurisconsulti, qui veram et ipsi, ut jureconsultus ait, philosophiam profitentur. Postremus denique est humanae auctoritas historiae, sive per auctores fide dignos scriptae, sive de gente in gentem traditae, non superstitiose atque aniliter, sed gravi constantique ratione. Den Vorrang vor allen anderen Orten nimmt die Autorität der Heiligen Schrift ein, die in den kanonischen Büchern begründet liegt. Daran anschließend fügt Cano als zweiten Ort die Autorität der apostolischen Tradition an, die schriftlich und mündlich überliefert worden ist. Der dritte Ort ist die Autorität der Katholischen Kirche, gefolgt von der Autorität der Konzilien und jener der Römischen Kirche. Die Orte sieben und acht enthalten die Autorität der alten Heiligen bzw. der Kirchenväter und die der scholastischen Theologen und Gelehrten des kanonischen Rechts. Die nicht theologischen Orte neun, zehn und elf sind der natürlichen Vernunft – sie jedoch besitzt keine Autorität –, der Autorität der Philosophen und der Autorität der Profangeschichte zugesprochen. Auffallend erscheint in Canos Aufzählung, dass es aus seiner Sicht neben den sieben erstgenannten fachspezifischen theologischen loci (peculiares quosdam theologiae locos), die sich aus der theologischen I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 8 Autorität begründen lassen, drei weitere nicht fachspezifische theologische Orte geben muss.23 Mag es auch möglich sein, die beiden genannten loci ohne größere Schwierigkeiten nachzuvollziehen, so ändert sich dies sicher vor dem Hintergrund des zweiten der drei nicht theologischen Orte, den Cano als die auctoritas philosophorum bezeichnet. Dass gerade Philosophen, qui naturam ducem sequuntur, eine nicht zu leugnende Autorität zugesprochen wird, wirft einerseits die Frage auf, in welcher Beziehung die Philosophie für Cano einen locus bietet, aus dem der Theologe Argumente für seine Disputation entnehmen kann, andererseits aber auch, welchen Philosophen aus Canos Sicht explizit diese Autorität zukommen sollte. Die chronologische Entstehung der Loci theologici Ein besonders großes und bis heute noch immer unzureichend geklärtes Problem der Forschung zu den Loci theologici betrifft die Frage nach deren zeitlichen Entstehung.24 Grundsätzlich muss bei der Annäherung an diese Fragestellung Canos Biographie näher betrachtet werden, um auf dieser Grundlage I.5 23 Aus diesen drei letztgenannten loci können zwar keine (glaubensspezifische) argumenta propria, jedoch für die Theologie durchaus notwendige argumenta ascripta bzw. argumenta velut ex alieno emendicata entnommen werden. Im zweiten Kapitel führt Cano die grundlegende Unterscheidung zwischen einer Argumentation a ratione und einer Argumentation ab auctoritate ein. Die Theologie besitzt im Vergleich zu den anderen Wissenschaften, die ihre argumentatio a ratione führen, den Sonderstatus der argumentatio ab auctoritate, so dass es zwangsläufig zwei Arten von loci geben muss (LT I,2: Duplices loci, uni ex auctoritate, alteri ex ratione). Doch es ist nach Canos Überzeugung dem Theologen bei seiner Auseinandersetzung mit Häretikern bedingt möglich, beide Arten des Argumentierens heranzuziehen (LT I,3: Nam cum sint, ut supra dixi, duo genera argumentandi, unum per auctoritatem, alterum per rationem, cumque illud proprium sit theologi, hoc philosophi, confugiendum theologo est ad posterius, si ut ei non licet superiori. Quamquam licet aliquando utrumque simul argumentandi genus adhibere, ut suo postea loco demonstraturi sumus). 24 Vgl. Bernhard Körners Schlussfolgerung (1994) 87: „Im strikten Sinne des Wortes beweisen kann man beim vorliegenden Informationsstand nur, dass die letzte, heute vorliegende Fassung der Bücher I bis X nicht vor 1548 niedergeschrieben worden ist, die letzte Fassung der Bücher XI und XII nicht vor 1553.“ I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 9 diejenigen zeitlichen Abschnitte einzugrenzen, in denen es ihm möglich gewesen wäre, seine Loci theologici schriftlich zu fixieren. Fünf mögliche Zeiträume stechen dabei hervor: 1. Der früheste Zeitraum ist in Canos Studienzeit bei seinem Lehrer Francisco de Vitoria in Salamanca zwischen 1525 und 1531 zu setzen. 2. Der zweite liegt in der Zeit nach 1533 bis 1542, als Cano in Valladolid zuerst Philosophie, ab 1536 Theologie lehrte. 3. Ein dritter möglicher Zeitraum ist zwischen den Jahren 1542 und 1546 während Canos Lehrtätigkeit an der Universität von Alcalá de Henares anzunehmen. 4. Das vierte Intervall liegt zwischen 1546 und Canos Abreise zum Konzil von Trient im Jahr 1551. In dieser Zeit lehrte er Theologie an der Universität von Salamanca. 5. Der letzte Zeitraum ist zwischen Canos Rückkehr vom Konzil (1552), dem Rückzug in den Konvent von Piedrafita und seinem Tod im Jahr 1560 anzunehmen. Die Forschung der letzten 100 Jahre, obwohl nicht völlig eindeutig, scheint diese zeitlichen Überlegungen wie auch die These zu bestätigen, dass Cano mit Unterbrechung an der Abfassung der loci gearbeitet hat.25 Bereits Albert Lang spricht sich 1925 für eine Zweiteilung in der Abfassung der Bücher aus. Während die Bücher I bis X in Alcalá und Salamanca zwischen 1543 und 1550 entstanden und nach 1553 überarbeitet worden sein sollen, sieht er die Abfassungszeit der Bücher XI und XII nach Canos Rückzug in den Konvent von Piedrafita im Jahr 1553 bis zu seinem Tod 1560.26 Vincente Beltrán de Heredia wiederum hält den Beginn der Abfassung nach Canos Arbeiten an seinem Kommentar zur Summa theologiae des Aquinaten (1544, oder aber in seiner Lehrzeit in Salamanca 1548) für wahrscheinlich. Bernhard Körner wiederum bietet im eigentlichen Sinn keine neuen Ansätze, weist aber auf Grundlage der Ergebnisse von Juan Sanz y Sanz27 nochmals expli- 25 Cano selbst gibt im Proömium des ersten Buches explizit zu verstehen, dass die Entstehung der Schrift lange vor der endgültigen Fassung begonnen haben muss, vgl. dazu LT, Proömium: Saepe mecum cogitavi (...) me diu cogitantem (...). 26 Vgl. Lang (1925) 18. 27 Vgl. Sanz y Sanz (1959) 269–285. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 10 zit auf eine wahrscheinliche Abfassungszeit der Bücher XI und XII nach 1553 hin.28 Ulrich Horst wiederum sieht die Abfassung der Bücher III bis V in den Salmatiner Jahren bis zur Abreise nach Trient im Jahr 1551, die nach 1553 überarbeitet wurden.29 Die jüngste, ausführliche Untersuchung der Chronologie unternahm Juan Belda Plans im Jahr 200030. Nach seiner dort formulierten Ansicht begann Canos Beschäftigung mit den loci während seiner Lehrtätigkeit in Alcalá (1543–1546); aus dieser Zeit dürften die ersten drei Bücher stammen. In der Zeit von Salamanca (1546–1551) müssen, so Belda Plans, die Bücher IV bis IX entstanden sein, wenn Canos Angabe im XI. Buch der Wahrheit entspricht, er habe nach Vollendung des X. Buches vom plötzlichen Tod seines Vaters im Oktober 1553 erfahren. Die Abfassungszeit des X. Buches legt Belda Plans daher in die Zeit nach Canos Rückkehr vom Tridentinum im November 1552 bis in den Oktober 1553. Die Bücher XI und XII wären folglich in den Jahren 1554 und 1560 abgefasst worden, wobei Buch XI seiner Ansicht nach zwischen 1554 und 1556, Buch XII zwischen 1556 und 1557 entstanden sein dürfte.31 Dass diese Ansätze jedoch eine eingehendere Untersuchung verlangen, gestand Belda Plans selbst im gleichen Atemzug ein.32 Es soll daher erklärtes Ziel sein, diesem Wunsch erneut nachzukommen, um möglicherweise die letzten Unklarheiten zu beseitigen.33 Es bietet sich hierbei an, zunächst der Reihenfolge der einzelnen Bücher nachzugehen und textimmanente Verweise herauszustellen, die Aussagen über die chronologische Einordnung des jeweiligen Buches ermöglichen. Ausgenommen sei das I. Buch, in dem keinerlei innere Verweise auszumachen sind. Da Cano hier jedoch noch den ur- 28 Vgl. Körner (1994) 87–89. 29 Vgl. Horst (2003) 99. 30 Vgl. Belda Plans (2000) 553. Ein ähnlicher Ansatz bereits (1982) 48–57. Hierzu auch (2006) LXXIII. 31 Zur Chronologie vgl. Belda Plans (2000) 560–562; ders. (2013) 45–51. 32 Vgl. Belda Plans (2000) 562. 33 Meine im Jahr 2010 verschriftlichte Studie zur Chronologie liegt dieser Untersuchung zugrunde. Das vorliegende Kapitel wird versuchen, neue Erkenntnisse einfließen zu lassen. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 11 sprünglichen Plan, 14 Bücher abzufassen34, verfolgte, kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass es sich um ein frühes, wenn nicht sogar das erste niedergeschriebene Buch handelt. Ein absolutes Datum ist allerdings nicht zu ermitteln. Ausgangspunkt der Untersuchung sollen die bereits erwähnten drei historischen Eckpunkte sein, die Cano selbst in seiner Schrift bietet: Das Konzil von Trient, an dem er teilgenommen hat und an dessen Beschlüsse mehrfach in den loci erinnert wird, der Tod von Canos Vater im Oktober 1553, den der Autor zu Beginn des XI. Buches erwähnt, und Canos Berufung auf das 1553 publizierte Werk des Juan Vergara im XI. Buch der loci. LT II: Auctoritas sacrae scripturae Gegenstand des II. Buches ist der erste der zehn von Cano vorgestellten loci theologici, dargestellt in 18 Kapiteln: die Autorität der Heiligen Schrift.35 Dieser erste Ort ist nach Canos Ansicht ein beweiskräftiger locus von göttlicher Autorität, da er jene Bücher behandelt, die die heiligen Schriftsteller unter Eingebung des Heiligen Geistes verfasst haben. Sie stammen nicht von Menschen, sondern haben Gott als ihren Autor.36 I.5.1 34 LT I,1: De locis ego theologicis perpetuam orationem habiturus, totam mox in quatuordecim libros partiri constitui. Quorum primus breviter enumeret locos e quibus idonea possit argumenta depromere, sive conclusiones suas theologus probare cupit, seu refutare contrarias. Decem reliqui erunt, qui fusius et accuratius doceant, quam vim unusquisque locorum contineat, hoc est, unde argumenta certa, unde vero probabilia solum eruantur. In duodecimo et tertiodecimo disseretur, quem usum eiusmodi loci habeant, tum in scholastica pugna, tum in Sacrarum Literarum expositione. Nam in concione populari quis eorum sit usus, haud sane difficile dictu est: sed praetereundum tamen, ne ab scholae instituto aliena videatur oratio. Postremus denique liber, quoniam non omnes loci omni disputationi conveniunt, sigillatim ostendet, quibusnam argumentis proprie adversum haereticos, quibus peculiariter adversum et Judaeos et Saracenos, quibus vero tandem adversum Paganos transigenda theologo disputatio sit, si quando sit cum his pro fide catholica decertandum. 35 LT I,3: Primus igitur locus est auctoritas Sacrae Scripturae, quae libris canonicis continetur. 36 LT II,1: Ac primus quidem locus sine controversia firmus est divina eademque gravissima auctoritate. Nam libros sacros et canonicos appellamus quos, Spiritu sancto dictante, sacri auctores exceperunt. Quos igitur tales esse constiterit, eos dubio procul I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 12 Cano selbst verweist in diesem umfangreichen Buch mehrfach auf die Beschlüsse der ersten Trienter Periode (Dezember 1545 bis März 1547), seine Relectio de sacramentis in genere (1547) wie auch in zwei Kapiteln auf seine 1549 entstandene Relectio de sacramento poenitentiae.37 In Kapitel XI, das sich inhaltlich u. a. mit der Frage nach dem Verfasser eines biblischen Buches und der Kanonizität auseinandersetzt, bezieht sich der Spanier explizit auf jene letztgenannte Relectio: Ad primam igitur rationem, quoniam in Relectione de poenitentia accurate sane ac diligenter illa Apostoli loca explicata sunt, non est necesse modo respondere. Auf die erste Überlegung muss keine Antwort mehr erteilt werden, da jene Stellen [aus dem Brief des] Apostels genau und umsichtig in der Relectio de poenitentia erklärt worden sind. Die endgültige Niederschrift des II. Buches ist somit nach Abfassung der Relectio zu sehen, was auf einen Zeitraum um 1549 schließen lässt.38 LT III: Auctoritas traditionum Christi et Apostolorum In der von Cano selbst vorgegebenen Chronologie der loci folgt auf die Abhandlung der Schriftautorität die Auctoritas traditionum Christi et Apostolorum.39 Im Gegensatz zum II. Buch sind Verweise auf zeitgenössische Literatur wie auch auf Canos eigene Schriften in diesem Buch nicht zu finden. Einzig am Ende des sechsten Kapitels beruft sich Cano explizit auf das Dekret der vierten Sitzung des Konzils von Trient. Im Rahmen des Beweises der Geltung der Traditionen – Cano führt u. a. die lateinische Übersetzung des auf dem zweiten Konzil von Nicäa I.5.2 certissimos ac verissimos esse credemus. (...) Quarum scripturarum auctor est non homo, sed Deus. 37 Im elften und 18. Kapitel. 38 Dieser Ansatz ist mit Belda Plans (2006) LXXVIII vereinbar. 39 Es bleibt ungeklärt, ob Cano von Anfang an daran dachte, die apostolischen Traditionen unter seine Loci theologici aufzunehmen, oder ob er zuerst ohne sie auskommen wollte, wie er es noch in seinen Kommentaren zur Summa theologiae praktiziert hatte. Zur Frage vgl. Körner (1994) 191–193. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 13 (24. September bis 23. Oktober 787) auf Griechisch verfassten Dekrets der siebten Sitzung an – zitiert der Spanier das Konzil selektiv: Et concilium Tridentinum sessione 4, idem definit his verbis: Sacrosancta Tridentina synodus, prospiciens veritatem Evangelii salutarem et morum doctrinam contineri in libris scriptis, et sine scripto traditionibus ipsius Christi, quae ab Apostolis acceptae, aut ab ipsis Apostolis Spiritu sancto dictante, quasi per manus traditae, ad nos usque pervenerunt (…).40 Und das Konzil von Trient, vierte Sitzung, hat dasselbe mit folgenden Worten festgesetzt: Die hochheilige Synode von Trient, da sie sieht, dass die heilsame Wahrheit des Evangeliums und die Lehre von den Gebräuchen sowohl in geschriebenen Büchern als auch ohne schriftliche Aufzeichnung in den Traditionen Christi selbst enthalten sind, die von den Aposteln empfangen oder von den Aposteln selbst sozusagen von Hand zu Hand überliefert, wobei der Heilige Geist sie ihnen eingab, bis zu uns gelangt sind (…). Der vorliegende Verweis auf das Dekret der vierten Sitzung des Tridentinums (8. April 1546) lässt den Schluss zu, dass auch das III. Buch wie das II. Buch nach 1546 entstanden sein muss. Denkbar ist jedoch auch, dass Cano seine Ausführungen im III. Buch erst nach der Rückkehr vom Konzil überarbeitet und angepasst hat. Den Beginn der Abfassung sehe ich jedoch noch immer vor Canos Abreise zum Konzil.41 LT IV: Auctoritas ecclesiae catholicae Das IV. Buch widmet sich einer speziellen Thematik: „Noch vor der Autorität des Papstes, der Konzilien oder gar der Väter und der scho- I.5.3 40 Cano zitiert den Text des Tridentinums in einer Variante. Der Wortlaut des Konzils nach Denzinger-Hühnermann lautet (1501): Sacrosancta oecumenica et generalis Tridentina Synodus (...) perspiciens (…) hanc veritatem et disciplinam contineri in libris scriptis et sine scripto traditionibus, quae ab ipsius Christi ore ab Apostolis acceptae, aut ab ipsis Apostolis Spiritu Sancto dictante quasi per manus traditae ad nos usque pervenerunt (...) traditiones ipsas, tum ad fidem, tum ad mores pertinentes, tamquam vel ore tenus a Christo, vel a Spiritu Sancto dictatas et continua succesione in Ecclesia catholica conservatas, pari pietatis affectu ac reverentia suscipit et veneratur. (...) Si quis autem (...) traditiones praedicatas sciens et prudens contempserit: anathema sit. Zur Position des Konzils von Trient vgl. Congar (1965) 192–21; Ortiguez (1951) 317–321. 41 Ähnlich auch Belda Plans (2006) LXXIX. Ebenso Horst (2003) 99. Anders Körner (1994) 193 [Abfassung nach Canos Rückkehr vom Konzil]. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 14 lastischen Theologen führt Cano die auctoritas Ecclesiae Catholicae als eigenen locus theologicus ein.“42 Der einzige offensichtliche Verweis, der eine chronologische Einordnung des Buches ermöglicht, ist am Ende des vierten Kapitels zu sehen. Dieses setzt sich mit der näheren Bestimmung der Autorität der katholischen Kirche in Glaubensangelegenheiten auseinander: In concilio item Trident., sess. 3, definitum est, Ecclesiae esse judicare de vero sensu et interpretatione Scripturarum. Ebenso ist in der dritten Sitzung des Konzils von Trient bestimmt worden, dass es Aufgabe der Kirche ist, über den wahren Sinn und die Auslegung der Schriften zu urteilen. Cano beruft sich erneut auf ein Dekret des Tridentinums, hier konkret auf die dritte Sitzung des vom 4. Februar 1546. Aus diesem resultiert das Dekret über das Glaubensbekenntnis. Der Verweis darauf lässt den Schluss zu, die endgültige Abfassung des IV. Buches ähnlich wie für das II. und III. Buch nach der Veröffentlichung der Dekrete der ersten Trienter Periode wie auch nach der Bologneser Periode des Konzils zu sehen. LT V: Auctoritas conciliorum Thema des V. Buches ist die Diskussion der Autorität der Konzilien. Aussagen zur Entstehung dieses Buches lassen sich einzig anhand Canos mehrfacher Verweise auf das Konzil von Trient treffen.43 Besonderes Interesse dürfte einer Stelle zukommen, an der Cano zweimal auf die 13. Sitzung der 2. Trienter Periode am 11. Oktober 1551 verweist, aus der das Dekret über das Sakrament der Eucharistie I.5.4 42 Vgl. Körner (1994) 195. 43 Auffällig in diesem Zusammenhang allerdings scheint, dass Cano einerseits lediglich im fünften Kapitel das Tridentinum erwähnt, andererseits dreimal auf die erste Periode des Konzils und zweimal auf die 13. Sitzung der 2. Trienter Periode verweist. Interessant ist ein expliziter Verweis auf die erste Periode des Konzils, das die Frage nach dem wahren Sinn und der Auslegung der Heiligen Schriften betrifft. Dabei beruft sich Cano auf die dritte Sitzung des Konzils vom 4. Februar 1546, worin festgelegt wird, dass der Papst und das Konzil darüber urteilen sollen. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 15 hervorgeht. Cano gibt in diesem Zusammenhang den originären Wortlaut des elften Kanons wieder: Exemplum est de haereticis, cap. Cum Christus, et cap. Ad abolendam, in concilio tamen Trident., sess. habit. 11 octobris anni 1551, de Eucharistiae sacramento definitum est, confessionem sacramentalem ecclesiasticae praemittendam esse, si conscientia peccati mortalis gravat. Et protinus: „Si quis, ait synodus, contrarium docere, praedicare, vel pertinaciter asserere, seu etiam publice disputando defendere praesumpserit, eo ipso excommunicatus existat.“ Dennoch ist auf dem Konzil von Trient nach der Sitzung am 11. Oktober 1551 über das Sakrament der Eucharistie festgelegt worden, dass das sakramentale Bekenntnis der Eucharistie vorausgeschickt werden muss, wenn das Wissen um eine Todsünde sie belastet. Sogleich heißt es in der Synode: „Wenn es sich jemand herausgenommen hat, etwas Gegenteiliges zu lehren, zu verkünden, hartnäckig zu behaupten oder auch nur öffentlich in der Erörterung zu verteidigen, dann soll er dadurch als Exkommunizierten gelten.“ Gerade der Verweis auf die 2. Trienter Periode des Konzils, die Anführung des Wortlauts des Dekrets und die Tatsache, dass Cano selbst an der 13. Sitzung teilnahm und sich am 9. September 1551 zum Sakrament der Eucharistie, in der 14. Sitzung am 24. Oktober 1551 zum Bußsakrament und in der 15. Sitzung am 9. Dezember 1551 zur Frage des Opfercharakters der Heiligen Messe zu Wort meldete, lässt darauf schließen, dass die endgültige Niederschrift des V. Buches erst nach Canos Rückkehr vom Konzil erfolgt ist, im Gegensatz zu den vorherigen nach seiner Rückkehr vom Konzil, d. h. nach 1552 und vor 1557.44 LT VI: Auctoritas ecclesiae Romanae An sechster Stelle der loci steht nach Canos Einteilung die Autorität der Römischen Kirche. Der Umstand, dass die Autorität des Apostolischen Stuhls von allen Häretikern attackiert worden sei, bietet ihm den I.5.5 44 Die Möglichkeit einer Überarbeitung nach Canos Rückkehr vom Konzil sieht Ulrich Horst [(2003) 99]. Dabei verweist er im Hinblick auf die Abfassung von LT V auf ein wenig beachtetes Datum in einem vor 1557 von Cano abgefassten Brief an seinen Mitbruder Miguel de Arcos [Beltrán de Heredia (1931) 169–180; bes. 179– 180]. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 16 Einstieg in die Materie. Auch darin lassen sich einige Verweise auf die 1549 entstandene Relectio de sacramento poenitentiae45 wie auch auf die nach 1546 veröffentlichten Dekrete der ersten Periode des Konzils von Trient ausmachen, die zumindest einen terminus post quem der Entstehungszeit des sechsten Buches zulassen.46 Die endgültige Abfassung des Buches ist mit Sicherheit nach 1549 anzusiedeln. LT VII: Auctoritas sanctorum veterum Das VII., lediglich vier Kapitel umfassende Buch behandelt die Autorität der alten Heiligen. In diesem an Umfang kleinen Buch ist an einer einzigen Stelle ein eindeutiger Verweis auszumachen, der eine chronologische Einordnung zulässt. Im dritten Kapitel, in dem die meisten Gegenargumente des ersten Kapitels widerlegt werden, bezieht sich Cano zunächst allgemein auf das Konzil von Trient47, an einer späteren Stelle explizit auf die am 8. April 1546 stattgefundene vierte Sitzung und das daraus resultierende Dekret über die Vulgata-Ausgabe der Bibel und die Auslegungsweise der Heiligen Schrift: Est praeterea idem definitum apertius in synodo Trident. sess. 4, in haec verba: Decrevit sancta synodus ad coercenda petulantia ingenia, ut nemo suae prudentiae innixus, in rebus fidei et morum ad aedificationem doctrinae christianae pertinentium, sacram Scripturam ad suos sensus contorqueat, aut contra eum sensum, quem tenuit et tenet sancta mater Ecclesia, I.5.6 45 Zu finden im siebten Kapitel, wo Cano auf seine Schrift gegen die Irrlehre des Petrus von Osma explizit verweist. 46 Canos eigener Hinweis, ihm selbst seien ausführliche Arbeiten zum Thema des fünften locus bekannt (LT VI,1: In eum locum incidimus, quem longe lateque patentem theologi, praesertim iuniores, copiose tractare solent, propterea quod Sedis Apostolicae non auctoritas modo et gravitas, verum etiam omnis omnino vis et facultas, cum semper ab haereticis impugnata est, tum multo magis hoc tempore a Lutheranis impetitur, quorum in Romanam Ecclesiam contentio pertinax et odium aeternum est), ist für eine chronologische Einordnung des Buches leider wenig hilfreich, da keine eindeutigen Verweise erbracht werden. 47 LT VII,3: Atque ex causa est, nisi toto coelo animus meus errat, quamobrem nec Sixtus IV, nec concil. Lateranense, sub Leone X, nec synodus Trident., sub Paulo et Julio tertiis inchoata, eam quaestionem definierunt. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 17 aut etiam contra unanimem consensum Patrum, ipsam Scripturam sacram interpretari audeat. Hactenus concil. Trident.48 Außerdem ist dasselbe auf der Synode von Trient, vierte Sitzung49, recht offensichtlich mit diesen Worten definiert worden: „Die heilige Synode hat, um frivole Geister zu maßregeln, festgelegt, dass niemand, auf seine Klugheit gestützt, in Dingen des Glaubens und der Sitten, die sich auf die Erbauung der christlichen Lehre beziehen, die Heilige Schrift nach eigenem Gutdünken verdrehen oder es wagen darf, gegen jene Bedeutung, an der die heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält oder auch gegen die einmütige Übereinkunft der Väter die Heilige Schrift selbst auszulegen.“ Soweit das Konzil von Trient. Das vorliegende Zitat der vierten Sitzung lässt den Schluss zu, dass Cano mit der endgültigen Abfassung dieses Buches wohl erst nach Ende dieser Sitzung begonnen hat, weshalb ein Zeitraum nach 1546 am wahrscheinlichsten ist. Man darf davon ausgehen, dass die Konzilsbeschlüsse von Trient bereits bei der Niederschrift des Buches vorgelegen haben. Ein definitiver Entstehungszeitpunkt des Buches ist allerdings nicht zu erschließen. Exkurs: Die Besonderheit des VIII. und IX. Buches Zur chronologischen Einordnung des VIII. Buches bemerkt Juan Belda Plans50: „En los dos siguientes libros, sobre los teólogos escolásticos (octavo) y sobre la Razón natural (noveno), no aparece ninguna referencia cronológica concreta que nos sea de utilitad.“ Dies mag durchaus richtig sein, sofern eine chronologische Einordnung allein aufgrund von Canos Verweisen auf seine eigenen Schriften wie auch die Dekrete des Tridentinums erfolgt. Solche Verweise fehlen in den fol- I.5.7 48 Cano zitiert in diesem Zusammenhang eine Variante des publizierten Dekrets, dessen Text nach Denzinger-Hühnermann folgendermaßen lautet (1507): Praeterea ad coercenda petulantia ingenia decernit, ut nemo, suae prudentiae innixus, in rebus fidei et morum, ad aedificationem doctrinae christianae pertinentium, sacram Scripturam ad suos sensus contorquens, contra eum sensum, quem tenuit et tenet sancta mater Ecclesia, cuius est iudicare de vero sensu et interpretatione Scripturarum sanctarum, aut etiam contra unanimem consensum Patrum ipsam Scripturam sacram interpretari audeat (…) . 49 Decretum de Vulgata editione et de modo interpretandi Sacra Scriptura. 50 Belda Plans (2006) LXXIX. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 18 genden beiden Büchern völlig. Ihr Fehlen jedoch verlangt nach einer Änderung der Methodik, die sich nun viel mehr dem Nachweis offensichtlicher Verweise wie auch verdeckter Anspielungen auf zeitgenössische Schriften widmen soll. Der kritischen Analyse des Textes soll dabei das Hauptaugenmerk geschenkt werden, um Belda Plans’ Forderung gerecht zu werden.51 LT VIII: Auctoritas theologorum scholasticorum Der siebte Ort nach Canos Zählung behandelt die Autorität der scholastischen Theologen, den letzten theologischen locus. Im Gegensatz zu den bereits besprochenen Büchern, in denen sich stets direkte bzw. indirekte Verweise auf Canos eigene Schriften wie auch auf die Dekrete des Tridentinums finden ließen, ist dies im vorliegenden Buch nicht möglich. Zitate zeitgenössischer Autoren geraten somit in den Mittelpunkt der Untersuchung, von denen es zwar lediglich im ersten Kapitel – dort aber umso deutlichere – Spuren gibt52, die eindeutig auf einen Entstehungszeitraum nach 1523 schließen lassen. I.5.8 51 Belda Plans (2006) LXXXII: „Digamos, para terminar, que aunque ya disponemos da algunos puntos de apoyo firmes para establecer la cronología del De locis, sin embargo el trabajo dista mucho de estar concluido; se debe esperar todavía a un estudio más específico que analice críticamente todo el texto del tratado extrayendo de ahí nuevas precisiones y dataciones concretas.“ 52 Cano verweist direkt sowohl auf Luthers Rationis Latomianae confutatio und De abroganda missa, verfasst 1521 [vgl. dazu Hermann (1961) 104–118, hier 105], als auch auf Melanchthons im Juni 1521 entstandener Schrift Adversus furiosum Parisiensium Theologastrorum decretum Philippi Melanchthonis pro Luthero apologia. Indirekt wird auch die erstmals 1523 in Basel von Erasmus von Rotterdam veranstaltete Edition der Opera divi Hilarii Pictavorum episcopi erwähnt. Erasmus hatte seit den 1520er Jahren mit zahlreichen Mitarbeitern die Schriften einiger Kirchenväter herausgegeben: Cyprian 1521, Arnobius 1522, Hilarius 1523, Irenäus 1526, Ambrosius 1527, Origenes 1527, Augustinus zwischen 1527 und 1529, Chrysostomus 1530. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 19 LT IX: De octavo loco qui rationis naturalis argumenta continet Die Argumente, die aus der natürlichen Vernunft gezogen werden können, stehen thematisch im Mittelpunkt des IX. Buches. Auch hier fehlen Bezüge zu Canos eigenen Werken wie zu den Dekreten des Trienter Konzils völlig. Verweise auf zeitgenössische Autoren bieten somit allein die Möglichkeit, einer Datierung näher zu kommen. Cano selbst verweist an zwei Stellen des dritten Kapitels auf die Schriften zweier Zeitgenossen. Zunächst ist es Luthers 1521 erschienene Rationis Latomianae confutatio, die Cano indirekt zitiert, hiernach wird die De incertitudine et vanitate omnium scientiarum et artium et de excellentia verbi Dei betitelte und 1530 erschienene Schrift des Cornelius Agrippa53 angeführt. In ihr habe der Verfasser nicht nur der Philosophie, sondern allen menschlichen und sogar den göttlichen Lehren den Krieg erklärt: Cornelius quoque Agrippa, vir post hominum memoriam vanissimus, in suo illo libro, qui de vanitate scientiarum inscribitur, non, sicut Zethus ille Pacuvianus, philosophiae solum, sed omnibus humanis diciplinis, atque adeo divinis bellum indixit. Auch Cornelius Agrippa, ein nach Meinung der Menschen äußerst prahlerischer Mann, hat in seinem Buch De vanitate scientiarum nicht wie jener Zethus des Pacuvius allein der Philosophie, sondern allen menschlichen Wissenschaften und sogar der göttlichen den Krieg erklärt. Aufgrund der beiden Zitationen kann es als sicher angesehen werden, dass die endgültige Niederschrift des Buches nach Erscheinen der Schrift Agrippas erfolgt sein muss. Als terminus post quem ergibt sich somit wohl ein Zeitraum nach 1530. Wegen der thematischen Nähe des IX. zum X. Buch wie auch des geringen Umfangs der beiden Bücher scheint es plausibel, dass Cano die Bücher IX und X in relativ kurzer Zeit – nacheinander oder gar parallel – verfasst hat, wohl in der Zeit zwischen 1551 und Herbst 1553. I.5.9 53 Vgl. dazu das Kapitel: „Die Rezeption der römischen Literatur – Cicero, Pacuvius und Agrippa von Nettesheim in den Loci theologici.“ I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 20 LT X: Auctoritas philosophorum naturam ducem sequentium quae nono loco posita est Thema des X. Buches ist die Autorität der Philosophen, die der Führung der Natur folgen. Eine Rechtfertigung dafür, dass sich Cano ausgiebig der Schultheologie – in den loci VII bis IX – gewidmet hat, stellt das erste Kapitel dar. Die chronologische Einordnung des X. Buches ist aufgrund eines Verweises des Verfassers im ersten Kapitel des XI. Buches eindeutig. Dort äußert sich Cano selbst über ein Ereignis seiner eigenen Zeit folgendermaßen: Superiorem locum vixdum finieram, et ecce nuntius affertur, parentem meum charissimum Viennae diem extremum obiisse. Ich hatte gerade [das Buch über] den vorausgegangenen Ort beendet, als mir unerwartet die Nachricht überbracht wurde, dass mein über alles geliebter Vater in Wien gestorben war. Der Tod des Vaters war Cano nach eigenen Aussagen kurz nach Fertigstellung des X. Buches übermittelt worden. Gestorben war Fernando Cano im Oktober des Jahres 1553, was folglich zu dem Schluss führt, dass Cano das X. Buch davor fertiggestellt haben muss.54 Gleiches mag für das vorausgehende Buch IX gelten, das, wie bereits angesprochen, thematisch Buch X nahesteht. LT XI: Auctoritas humanae historiae Die chronologische Einordnung des XI. Buches fällt, wie die des X., aufgrund des textimmanenten Hinweises auf den Tod des Vaters leichter als die der vorausgegangenen Bücher. Als terminus post quem ist definitiv der Oktober des Jahres 1553 anzunehmen. Wie lange Cano jedoch an diesem umfangreichen Buch gearbeitet hat, wird sicher nicht eindeutig zu klären sein. Dass der Spanier besonders in diesem Buch auf zeitgenössische Literatur zurückgegriffen hat, ergibt sich aus dem Vorwurf, er habe keine I.5.10 I.5.11 54 Der einzige Hinweis auf zeitgenössische Literatur findet sich im am Ende des zweiten Kapitels, wo Cano aus Luthers im September 1521 erschienener Schrift Rationis Latomianae confutatio wörtlich zitiert. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 21 eigenständigen inhaltlichen Ergebnisse vorgelegt, sondern fremde bewusst aus anderer Quelle übernommen. So prangert schon der Jesuit Benedict Pereira im elften Buch seiner 1588 erschienenen Commentariorum in Danielem Prophetam libri XVI an, Cano habe bei der Kritik des Johannes Annius im fünften und siebten Kapitel dieses Buches vieles aus Juan Vergaras Tratado de las ocho questiones del templo (Toledo 1552) übernommen,55 und bezichtigte ihn des Plagiats. Aus heutiger Sicht der Forschung scheint diese Kritik zu hart, da Cano selbst im sechsten Kapitel sagt, er habe Vergara viel zu verdanken: Atque eas omnes sigillatim Ioannes Vergara, canonicus Toletanus, vir graecae ac latinae linguae peritissimus, in libro octo quaestionum Hispane edito, accuratius refutavit. Cujus nos opera et diligentia multum hoc loco adjuti sumus. All diese hat Juan Vergara, Stiftsherr von Toledo, ein Mann, der sehr kundig ist im Griechischen und Lateinischen, in seinem auf Spanisch erschienen Büchlein der acht Quästionen56 recht sorgfältig widerlegt. Seinem Fleiß und seiner Sorgfalt habe ich an diesem Ort viel zu verdanken. Obgleich weitere Verweise auf zeitgenössische Literatur zu finden sind (Johannes Driedo57 und Juan Luis Vives58), können sie in diesem Zusammenhang außer Acht gelassen werden, da ihr Erscheinen vor dem Jahr 1553 liegt. Es ist folglich angemessen, als terminus post quem der Abfassung des XI. Buches den Spätherbst des Jahres 1553 zu sehen.59 55 Vgl. zu den Übereinstimmungen Sanz y Sanz (1959) 269–281. 56 Vgl. Juan Vergara: Tratado de las ocho questiones del templo (Toledo 1552). 57 Cano erwähnt u. a. die im Jahr 1533 erschienene Schrift des Theologen und Philosophen Johannes Driedo (1492–1535), eines zusammen mit Jakob Latomus entschiedenen Gegners der Reformation, De ecclesiasticis scripturis et dogmatibus libri quattuor. Diese hatte er bereits zuvor in LT II,7 zitiert. Aufgrund mehrerer Verweise auf die später entstandenen Werke Canos konnte jedoch auch dort auf ein näheres Eingehen auf Driedo verzichtet werden. 58 Juan Luis Vives (1492–1540) war ein bedeutender Philosoph, der Kontakte zu Erasmus und Karl V. unterhielt. Letzterem widmete er die 1529 erschienenen Schriften De concordia et discordia in humano genere und den Liber de pacificatione. Vives war einer der meist gelesenen Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts. Cano zitiert an mehreren Stellen des XI. Buches Vives’ 1531 in Brügge erschienene Schrift De tradendis disciplinis. Zu Vives vgl. Wried (2003) 173–175; Zeller (2006). Cano erwähnt Vives bereits in LT X,9 59 Vgl. Belda Plans (2000) 561: „Es de suponer que el año siguinte (1554) redactaría el libro 11 (sobre la autoridad de la Historia) [...].“ I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 22 LT XII: De locorum usu in scholastica disputatione Die Einordnung des XII. Buches ist relativ einfach. Man darf mit gutem Recht davon ausgehen, dass Cano in den letzten Jahren seines Lebens an diesem Buch geschrieben hat, zumal das letzte Kapitel der Druckversion unvermittelt in der Argumentation abbricht, und eine vom Herausgeber hinzugefügte Notiz darauf hinweist, dass Cano aufgrund seines plötzlichen Todes nicht mehr in der Lage war, das XII. Buch zu vervollständigen oder zu überarbeiten. In diesem etwa ein Drittel des Gesamtwerkes einnehmenden Traktat beginnt Cano die Ausführungen über die Möglichkeiten der Verwendung der loci theologici. Das erste Kapitel bildet hierbei ein Proömium, in dem Cano insbesondere seinem Lehrer Francisco de Vitoria ein Denkmal setzt. Bernhard Körner60 schreibt dazu: „Canos Reminiszenzen beziehen sich in erster Linie auf den achtungsvollen, aber nie sklavischen Umgang seines Meisters mit den Autoritäten, der davon auch Thomas von Aquin nicht ausgenommen habe. Was die Anwendungsmöglichkeiten der loci theologici betrifft, so hätte sie bereits de Vitoria mit höchster Autorität und größter Ausführlichkeit darlegen können.“ Besonderes Interesse erhält im Rahmen der Datierung das erste im dreizehnten Kapitel genannte Beispiel, von dem Bernhard Körner sagt: „Die Disputation über den Opfercharakter der Heiligen Messe ... verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sich Melchior Cano zu dieser Frage auf dem Konzil von Trient zu Wort gemeldet hat.“ Es ist sehr wahrscheinlich, dass der aufgeführte Text „mit nur geringen Änderungen und leichten Überarbeitungen“61 die Rede des Konzilstheologen Melchior Cano wiedergibt. Für die chronologische Einordnung des Buches ist dieser indirekte Verweis auf Canos Rede vor dem Konzil in der 15. Session am 9. Dezember 1551 nicht hilfreich, da Cano das Buch nach 1554 verfasst hat. Auch die zahlreichen Querverweise auf zeitgenössische Literatur62 I.5.12 60 Vgl. Körner (1994) 276. 61 Lang (1925) 5 Anm. 5. 62 Zu nennen seien u. a. Cajetans Kommentar zum Hebräerbrief aus dem Jahr 1532, Luthers De abroganda missa privata aus dem Oktober des Jahres 1521. I.5 Die chronologische Entstehung der Loci theologici 23 sind wegen ihres Erscheinens vor 1550 unzureichend, um eine Datierung des Buches zu ermöglichen. Cano selber gibt implizit zu verstehen, dass er Buch XI im Spätherbst 1553 niederzuschreiben begonnen hat. Der Umfang des zehnten Ortes wiederum lässt darauf schließen, dass die Arbeiten daran erst im Jahr 1554, womöglich aber auch erst im Jahr 1555 beendet waren. Cano kann daher frühestens im Laufe des Jahres 1555 mit der Abfassung des XII Buches begonnen haben, was auf eine Konzeption und Abfassung zwischen 1555 und 155763 schließen lässt. Chronologie Synoptisch betrachtet ergibt sich nun eine erste Chronologie: Der zeitliche Rahmen der Abfassungszeit erstreckt sich über eine Spanne von etwa 20 Jahren, 1540 bis 1560, wobei davon auszugehen ist, dass Cano aufgrund äußerer Gründe mit Unterbrechungen an seinem Werk geschrieben hat. Das I. Buch, das einem einleitenden Vorwort gleicht, dürfte ziemlich früh verfasst worden sein, wohl noch vor dem II. Buch, enthält es doch noch den ursprünglichen Plan der 14 Bücher. Die endgültige Abfassung der Bücher II, III und IV wiederum scheint um bzw. nach 1546 erfolgt zu sein. Buch V hat insofern eine Sonderstellung, als dort Verweise auf Konzilsdekrete des Jahres 1551 zu finden sind. Ungewiss bleibt die Frage, ob Cano an diesem Buch bereits vor seiner Abreise zum Konzil gearbeitet hat. Auch wenn es durchaus denkbar ist, dass das gedankliche Grundkonzept des V. Buches für Cano bereits vor seiner Abordnung als Konzilsberater feststand, erfolgte die endgültige Abfassung wohl erst nach seiner Rückkehr vom Konzil 1552. Die Abfassungszeit der Bücher VI und VII wiederum dürfte ebenso wie die der Bücher II, III und IV noch in der Zeit vor Canos Abreise zum Konzil zu suchen sein. Als terminus post quem ist das Jahr 1546 anzunehmen. I.6 63 Dagegen Belda Plans (2000) 561 [zwischen 1555 und 1558]; (2006) LXXXI [zwischen 1556 und 1557]. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 24 Die genaue zeitliche Einordnung des VIII. Buches stellte sich als schwierig heraus, da, wie schon Belda Plans64 bemerkt hatte, Verweise auf zeitgenössische Literatur nicht zu finden sind. Bei genauerer Untersuchung finden sich jedoch einige Bezüge u. a. zu Erasmus von Rotterdam, die jedoch für eine definitive chronologische Einordnung der Bücher wegen des relativ frühen Erscheinungsdatums um 1535 wenig hilfreich sind. Relativ eindeutig lassen sich die Bücher IX, X, XI und XII chronologisch einordnen. Der Verweis im ersten Kapitel des XI. Buches auf die Fertigstellung des X. Buches und die Nachricht vom Tod des Vaters im Oktober 1553 bieten sowohl den definitiven terminus ante quem des X. Buches (vor Oktober 1553) wie auch den terminus post quem der Bücher XI (nach Oktober 1553) und XII (nach 1554 bzw. 1555). Aus der Annahme der parallelen Abfassung von Buch IX und X aufgrund des Umfangs wie auch der thematischen Nähe der beiden Bücher zueinander dürfte man für die Niederschrift des IX. Buches die Zeit um 1553 folgern. Löst man sich von der Vorstellung der sukzessiven Entstehung der einzelnen Bücher, so ergibt sich meines Erachtens eine modifizierte Chronologie. Die Entstehung der Bücher I bis VII sehe ich mit Juan Belda Plans in der Zeit von Salamanca, zwischen 1546 und 1551, wobei Buch V durchaus nach Canos Rückkehr vom Konzil überarbeitet worden sein kann. Allerdings besteht keine Notwendigkeit, dass die einzelnen Bücher nacheinander entstanden sein müssen. Ein paralleles Arbeiten mag denkbar erscheinen. Für Buch VIII hingegen halte ich es für plausibel, dass Cano schon früh begonnen hat, sich mit der Materie dieses locus auseinanderzusetzen, und erste Entwürfe bereits in den Jahren nach 1535 niedergeschrieben hat, als er im Konvent San Gregorio in Valladolid und Alcalá lehrte. Dass er dieses Buch einer Revision in den Lehrjahren von Salamanca unterzog, ist nicht unwahrscheinlich. Die Entstehung der Bücher IX, X, XI und XII wiederum dürfte in den Jahren nach Canos Rückkehr vom Konzil zu suchen sein. 64 Vgl. Belda Plans (2006) LXXIX. I.6 Chronologie 25 Somit ergibt sich folgende graphische Darstellung der Chronologie: 1523 – 1546 Valladolid/Alcalá 1546 – 1551 Salamanca 1553 – 1560 mögliche (Vor-)Arbeit LT I – VII LT IX, X, XI, XII LT VIII Überarbeitung LT VIII Überarbeitung LT V Während der Jahre 1553 und 1560 halte ich eine stete Revision und Überarbeitung der bereits abgefassten Bücher für wahrscheinlich. Dennoch fordert die vorliegende Chronologie für sich keine dogmatische Gültigkeit, sondern versteht sich als Diskussionsgrundlage einer wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossenen Fragestellung. Ob es überhaupt jemals gelingen wird, über eine Annäherung hinaus zu definitiven Daten in Fragen der chronologischen Entstehung der Bücher zu gelangen, scheint mir selbst weiterhin fraglich.65 65 Vgl. auch Doskey (2018) 82–106. I Kapitel Melchior Cano De locis theologicis – Überlegungen zur Entstehung 26

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Zusammenfassung

Der spanische Dominikaner Melchior Cano (1509 bis 1560) gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Theologie. Als Professor für Philosophie und Theologie in Salamanca, Berater Kaiser Karls V., Teilnehmer am Konzil von Trient und entschiedener Gegner der Jesuiten prägte er die katholische Gegenreformation im 16. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Sein Meisterwerk Über die Orte der Theologie (De Locis Theologicis Libri Duodecim) war für Jahrhunderte ein unübertroffenes Standardwerk theologischer Methodologie. Als solches inspirierte die Schrift einerseits bis weit in das 18. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer zur Abfassung eigener Abhandlungen über theologische Orte; andererseits wurde sie selbst in zahllosen Editionen nachgedruckt und herausgegeben, die jedoch nicht selten fehlerhaft sind.

Die vorliegende Studie widmet sich in acht Kapiteln jenen Fragen, die sich noch heute hinsichtlich Autor und Werk ergeben, und leistet damit einen weiteren Beitrag zur aktuellen Forschung.