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Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
KONTEXT Kunst Vermittlung Kulturelle Bildung KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung Band 17 Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung – die Kreativserie Topmodel Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen von Eva Miriam Capell Tectum Verlag Eva Miriam Capell Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung – die Kreativserie Topmodel Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung. Band 17 ePDF: 978-3-8288-7120-5 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4215-1 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1868-6060 Zugl. Dissertation an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn, Institut für Kunst, 2018 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung einer Zeichnung von Lisa, 9 J., 2014, DIN A4 +, mit freundlicher Genehmigung © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 5 Inhalt 1. Zwischen Mädchenzeichnung und jugendkulturellem Ausdruck 9 2. Mädchenrollen im 21. Jahrhundert 15 2.1 Umgang mit stereotypen Rollenmustern 16 2.2 Widersprüchliche Erwartungen 17 2.3 Körperkult und Medien 20 3. Die Mädchenzeichnung im historischen Vergleich 25 3.1 Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976 26 3.2 Mädchenzeichnungen aus den Jahren 2002 und 2003 42 3.3 Mädchenzeichnungen zur Kreativserie Topmodel aus den Jahren 2013 bis 2015 58 3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse 77 4. Das Phänomen Topmodel im europäischen Printmedium und Web 2.0 87 4.1 Das Topmodel Creative Magazine 87 4.1.1 Die Inhalte im Überblick 88 4.1.2 Das Layout 90 4.1.3 Im Fokus: Das Creative Studio 92 4.2 Das Topmodel-Forum 94 4.2.1 Die Funktionen im Überblick 95 4.2.2 Das Layout 97 4.2.3 Im Fokus: Der Designertisch 99 5. Gender – Materialität – Kinderzeichnung 103 5.1 Bedeutung von Materialität in der Kreativserie Topmodel am Beispiel des Malbuchs Topmodel Glamour Special 104 5.1.1 Muster 105 5.1.2 Farbigkeit 109 5.1.3 Wertigkeit des Materials 112 5.2 Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung 114 6 6. Ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community 117 6.1 Konstruktion weiblicher Ästhetik 117 6.2 Kommis, Glitzersterne & Co. als Formen der Kommunikation 120 6.3 Lob und Anerkennung als Motivation bildnerischen Schaffens 125 6.4 Sehnsucht, Traum und Paradies – Die Schaffung einer Gegenwelt 128 6.5 Der verlorene Raum 131 7. Produktionsmethoden und Kommunikationsstrukturen in der Topmodel-Community am Beispiel dreier Userinnen 135 7.1 Bildnerische Produktionen von Siley 135 7.1.1 Bildbeschreibung „Fairy Love“ 136 7.1.2 Bildanalyse „Fairy Love“ 137 7.1.3 Bildbeschreibung „Galaxy“ 140 7.1.4 Bildanalyse „Galaxy“ 141 7.2 Bildnerische Produktionen von Nici-99 143 7.2.1 Bildbeschreibung „Mystic Mermaid“ 144 7.2.2 Bildanalyse „Mystic Mermaid“ 145 7.2.3 Bildbeschreibung „Kriegerin“ 148 7.2.4 Bildanalyse „Kriegerin“ 148 7.3 Bildnerische Produktionen von Moddeline 152 7.3.1 Bildbeschreibung „Victorias-Secret-Angel“ 152 7.3.2 Bildanalyse „Victorias-Secret-Angel“ 153 7.3.3 Bildbeschreibung „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ 156 7.3.4 Bildanalyse „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ 157 7.4 Reflexion der Ergebnisse 161 8. Methode 169 8.1 Problemstellung 169 8.1.1 Konzeption des Interviewleitfadens 169 8.1.2 Performanz im öffentlichen und privaten Raum 170 8.1.3 Reflexion der methodischen Praxis 172 8.2 Datenerhebung 175 8.2.1 Auswahl der Interviewpartnerinnen 175 8.2.2 Gesprächsinhalte und -verlauf 176 7 8.3 Auswertung 178 8.3.1 Die Teilnehmerinnen 178 8.3.2 Auswertung der Interviews 179 8.4 Erste Ergebnisse 182 8.4.1 Disziplin und Widerstand 182 8.4.2 Hierarchisierung 194 8.5 Bildnerische Produktionen der Probandinnen 202 8.5.1 Kurzprofil Lisa 202 8.5.2 Bildnerische Produktionen von Lisa 203 8.5.3 Kurzprofil Svea 211 8.5.4 Bildnerische Produktionen von Svea 212 8.5.5 Kurzprofil Josy 219 8.5.6 Bildnerische Produktionen von Josy 220 9. Zusammenfassung der Ergebnisse 229 10. Resümée 235 11. Forschungsausblick 239 12. Persönliches Schlusswort 243 13. Danksagung 245 14. Bibliografie 247 15. Abbildungsverzeichnis 253 16. Tabellenverzeichnis 256 9 1. Zwischen Mädchenzeichnung und jugendkulturellem Ausdruck […] Mit dem steten Wandel unserer Gesellschaft verändert sich […] die heutige Kindheit und Jugend – das heißt, es verändern sich auch die kindlichen und jugendkulturellen Ausdrucksformen. Nicht nur die Medien prägen Lebensgewohnheiten, auch verschiedene gesellschaftliche Bedingungen führen zu neuen Lebensentwürfen und veränderten Kindheitserfahrungen. Versteht man die Kinder- wie auch die Jugendzeichnung als Aneignung, Verarbeitung und Darstellung von Lebensgeschehen sowie als Ausdruck interner Lebensentwürfe, wird deutlich, dass auch die Zeichnung von Kindern und Jugendlichen einem kulturellen Wandel unterliegt und immer weiterer Untersuchung bedarf.1 Insbesondere in den letzten dreißig Jahren hat die Kinder- und Jugendzeichnung enorme Veränderungen in Bezug auf die ästhetische Qualität, aber auch in Hinblick auf die Verlagerung von Methoden und Techniken erfahren. Dass die Gründe für diese Veränderungen vielfältig sind und sich aus einem komplexen Gefüge unterschiedlichster Faktoren zusammensetzen, stellt Wiegelmann-Bals in einer Studie zum historischen Vergleich von Kinderzeichnungen heraus. Ihr Forschungsvorhaben umfasste den Vergleich von Kinderzeichnungen 10- bis 13-jähriger Mädchen und Jungen aus den 60er und 70er Jahren sowie Zeichnungen aus den Jahren 1999–2002.2 Grundlegende Veränderungen der Zeichnungen ließen sich mit Blick auf Bildkomposition, Raumorganisation und Farbkonzepte beobachten. Neben komplexeren und differenzierteren Bildkompositionen und einer ausgeprägteren Flächentiefe ließ sich in den bildnerischen Kompositionen älteren Datums ein stärkerer Ausdruckswert durch Farbgebungen und Farbkombinationen beobachten. Generell kann in Bezug auf die prozessuale Zeichentätigkeit der Kinder die Vermutung formuliert werden, dass diese vor etwa 35 Jahren beim Anfertigen der hier vorliegenden Arbeiten konzentrierter und ausdauernder bildnerisch gearbeitet haben. Die dadurch intensivere inhaltliche und formal zeichnerische Auseinandersetzung manifestiert sich in komplexeren und differenzierteren Bildkompositionen.3 Wie bereits erwähnt, stellt neben den soziokulturellen Einflüssen im Allgemeinen die zunehmende Etablierung der Medien im Alltag der Kinder und Jugendlichen einen wesentlichen Faktor für die Veränderung von Kindheit und damit auch für die Veränderung von Kinder- und Jugendzeichnungen dar.4 Wiegelmann-Bals macht für die Veränderung der Kinderzeichnung 1 Kirchner, Constanze; Kirschenmann, Johannes; Miller, Monika: Forschungsstand und Forschungsperspektiven zur Kinder- und Jugendzeichnung. In: Kirchner, Constanze (Hrsg.) (u. a.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Kopaed, 2010. S. 9. 2 Vgl. Wiegelmann-Bals, Annette: Die Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien. Eine qualitativempirische Studie von zeichnerischen Arbeiten zu Computerspielen. Oberhausen: Athena 2009. 3 Ebd., S. 35. 4 Vgl. Ströter-Bender, Jutta: Danke für Age of Empires. Bild-Eindrücke in der ästhetischen Sozialisation durch Computerspiele. In: Mattenklott, Gundula; Rora, Constanze (Hrsg.): Ästhetische Sozialisation. Weinheim: Juventa 2004. 10 das Zusammenwirken folgender Faktoren verantwortlich: einen veränderten Modus der Kulturaneignung, geringe zeitliche Ressourcen für das Ausbilden zeichnerischer Fähigkeiten und Fertigkeiten, einen Mangel an realen Erfahrungen und eine Standardisierung von stereotypen Zeichenschemata und Zeichenstrategien.5 Was diese Einflüsse im Einzelnen bedeuten, soll an dieser Stelle kurz erläutert werden. Aufgrund des medialen Zeitalters weisen die Bilder, die Kinder und Jugendliche umgeben, einen zunehmend dynamischen Charakter auf, was unter anderem zu einem veränderten Modus der Kulturaneignung führen kann. Das Leben stellt sich oft nicht mehr in statischen Einzelbildern, sondern prozessual dar. Die kognitiven, insbesondere die rezeptiven Fähigkeiten der Kinder haben sich dieser qualitativ modifizierten Wahrnehmung angepasst. Die hohe Wechselfrequenz verdrängt das kontemplative Rezipieren grafischer Zeichensysteme. Realitäts- und Wahrnehmungskonzepte adaptieren zunehmend den Charakter fluktuierender medialer Bildwirklichkeiten.6 Die Veränderung ästhetischen Erlebens verlangt eine Umstrukturierung innerer Vorstellungen und Bilder. Das Repertoire an klassischen, stark vernetzten Motiven verringert sich zugunsten neuer, sich beständig wandelnder Bilder. Dieses Phänomen zeigt sich vor allem in Jungenzeichnungen, die die Bildfläche zunehmend als Handlungsspielraum begreifen.7 Einen weiteren möglichen Grund für die Veränderungen von Kinder- und Jugendzeichnungen stellen die geringen zeitlichen Ressourcen für das Ausbilden zeichnerischer Fähigkeiten und Fertigkeiten dar, die eng an die historischen Veränderungen des Kunstunterrichts geknüpft sind. Lehrpläne schreiben vielfältigere und komplexere Zielsetzungen fest, die Unterrichtsstunden im Fach Kunst sind hingegen in den letzten Jahren reduziert worden. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verstärkt mit den Angeboten der neuen Informationstechnologien gestalten und sich währenddessen nicht ästhetisch-produktiven Aktivitäten widmen. „Stattdessen tritt ein medial geprägter Modus der Aneignung der materiellen und kulturellen Welt in den Vordergrund, der sich in der Ausbildung anderer Fähigkeiten und Fertigkeiten manifestiert“.8 Damit eng verknüpft ist die Vermutung, dass sich der Mangel an realen Erfahrungen auf die Qualität der bildnerischen Produktionen Heranwachsender auswirkt. Die räumliche Verinselung von Kindheit, die zunehmende Distanz zu Erlebnisräumen außerhalb des eigenen Zimmers führt unter anderem dazu, dass Kinder und Jugendliche immer mehr Informationen ‚aus zweiter Hand‘ erhalten. „Es stellt sich die Frage, ob dieses Defizit beim Begreifen im Zusammenhang steht mit dem zeichnerischen Gestalten der Formen“.9 Da Wirklichkeitskriterien eng mit Relevanzkriterien verbunden sind, liegt die Vermutung nahe, dass sich die bildnerischen Produktionen Heranwachsender auch deswegen verändert haben, weil diese Kriterien aufgrund medialer Einflüsse neu definiert werden (müssen).10 5 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 6 Ebd., S. 36. 7 Vgl. ebd. 8 Ebd., S. 37. 9 Ebd., S. 37. 10 Vgl. ebd. 11 Ebenso wesentlich für die Veränderung von Kinder- und Jugendzeichnungen erscheint die zunehmende Standardisierung von stereotypen Zeichenschemata und Zeichenstrategien. „Aus der Flut medial-inszenierter Bildwelten resultiert nicht nur eine mögliche Kolonialisierung der Fantasie, sondern auch eine Popularität und Dominanz diverser medialer Figuren“.11 Bei Heranwachsenden entsteht dabei häufig der Anspruch, diese Figuren möglichst perfekt wiederzugeben. Daraus resultiert eine Reproduktion bestimmter Motive, die dem freien Zeichnen und dem offenen Ausdruck widerspricht.12 Beispielhaft für dieses Phänomen sind Mangas, die mittlerweile vor allem in Form bildnerischer Produktionen in Fanart-Foren des Web 2.0 Verbreitung finden. Doch sie stellen längst nicht mehr ein einzelnes Phänomen dar. Das Forschungsvorhaben dieser Arbeit widmet sich deshalb einer hochaktuellen Schnittstelle zwischen Kinderzeichnung und jugendkulturellem Ausdruck in einem digitalen Fanart-Forum, das fast ausschließlich von Mädchen genutzt wird. Die Verlagerung der ästhetisch-produktiven Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. „Im Vergleich zu den unidirektionalen Massenmedien eröffnen die digitalen Medien ihren Nutzern erweiterte Partizipationsmöglichkeiten – im Social Web des Internets gekennzeichnet durch die technischen Möglichkeiten der partizipativen Interaktion, Annotation, Zitation, Kollaboration und Kommentierung […].“13 Diese und ähnliche Phänomene verlangen geradezu nach der Etablierung einer Archiv-Institution, die sich exemplarisch wie wissenschaftlich der Dokumentation der leicht verschwindenden Welt der digitalen Zeichnungen annimmt. Nichts ist so kurzlebig, so undurchsichtig wie der Kosmos Internet. Es ist das größte Archiv der Welt, es sammelt, speichert und bewahrt – und zerstört doch ebenso schnell. Was gestern noch war, ist morgen schon nicht mehr. Eine Zeichnung, die gestern noch als besonders gelungen galt, gelobt und besonders großzügig bewertet wurde, wird gelöscht, ist verloren in den Tiefen des Internets, nicht mehr greifbar. An ihre Stelle tritt eine neue. Und so setzt es sich fort, immer wieder. Das Blatt Papier, auf der sie geboren wurde, ist längst nichts mehr wert, liegt herausgerissen und unbeachtet zwischen verstaubten Kladden. Dabei ist sie das wohl bedeutendste, nichtwissenschaftliche historische Zeugnis, das, wenn man es als solches wahr- und annimmt, unendliche Geschichten erzählt. In ihr ist zu „lesen“, was Kind-sein in einer bestimmten Zeit bedeutet, in welcher Art von Gesellschaft sich Heranwachsende bewegen und welche Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse sie dabei begleiten. Sie wird der nächsten, übernächsten und überübernächsten Generation Bericht erstatten, von Zeiten erzählen, die teilweise vergangen, teilweise geblieben sind, sie ist Zeugin einer ganz persönlichen Geschichte und gleichzeitig Spiegelbild einer ganzen Gesellschaft. 11 Ebd., S. 37. 12 Vgl. ebd. 13 Hugger, Kai-Uwe: Digitale Jugendkulturen: Eine Einleitung. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Digitale Jugendkulturen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010. S. 10. 12 Im Vordergrund der Untersuchung stehen in den Foren vorgestellte ästhetisch-produktive Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zur kommerziell sehr erfolgreichen und europaweit verbreiteten Kreativserie Topmodel. Die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufene Serie (‚Creative Studio by Depesche‘) bietet Mädchen neben Kosmetik-, Dekorations- und Modeartikeln Zeichenmaterial in Form von Malbüchern, Stiften und Schablonen. Die breite Produktpalette wirkt auf verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben. Die Produkte der Kreativserie erhalten dadurch eine Omnipräsenz, die nicht zuletzt auch die Diskussion über die „[…] Komplexität kindlicher Dingwelten zwischen Pädagogik und Kommerz, zwischen Realität und Magie, zwischen erwachsener Zweckbestimmung und einem Medium der kindlichen Selbst- und Weltreflexion“ fordert.14 Der inhaltliche Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt auf der Einbettung bildnerischer Produktionen zur Kreativserie Topmodel in einen historischen Vergleich mit Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976 sowie 2002 und 2003. Dieser historische Überblick gewährt für das Forschungsvorhaben geradezu notwendige Einblicke in die unterschiedlichen Formen ästhetischer Sozialisation in den genannten Perioden, in ihre Einflussbereiche und -möglichkeiten auf Mädchen sowie in gesellschaftspolitische und (sozio-)kulturelle Systeme. An diesen historischen Vergleich von Mädchenzeichnungen schließt sich die Darstellung und Diskussion von Mädchenrollen im 21. Jahrhundert sowie die Beschreibung und Darstellung der Kreativserie Topmodel in Printmedium und Web 2.0, der Kommunikationsstrukturen im Topmodel-Forum und die Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegeben Produkten an. Der geschilderten Untersuchung liegt die Fragestellung zugrunde, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation von Mädchen hineinwirken, sodass mit dieser Arbeit auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird. Da es sich bei der Kreativserie um ein breites europäisches Phänomen handelt, bezieht sich der Forschungskontext in erster Linie auf das deutsche, teilweise auch auf das französische Fanart-Forum, wobei sich die Analyse ausgewählter Werke vor allem auf deutsche Zeichnerinnen konzentriert. Exemplarisch ergänzt wird die Diskussion über die ästhetisch-produktiven Aktivitäten der Mädchen im Forum um eine qualitative Empirie. Mithilfe von Interviews mit acht Probandinnen sowie ihrer bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel wird das Forschungsvorhaben um neue Perspektiven, Fragestellungen und Ergebnisse – vor allem vor dem Hintergrund privater und öffentlicher Inszenierungen – erweitert. Da der Begriff der Kindheit im Zuge dieser Überlegungen mehrfach aufgegriffen wird, soll an dieser Stelle der Versuch einer Definition unternommen werden. 14 Fuhs, Burkhard: Der Zauber der Dinge in der Kindheit. Materielle Kinderkultur im Kontext von Sach- und Erinnerungsforschung. In: Schachtner, Christina: Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und Farb- Labs. Bielefeld: Transcript, 2014. S. 69. 13 Zunächst sei darauf hingewiesen, dass, obschon in dieser Arbeit von ‚der Kindheit‘ die Rede ist, stets die Tatsache in den Blick genommen wird, dass der Begriff streng genommen nicht im Singular existiert. Korrekterweise müsste es Kindheiten heißen15 Eine Professoren-Tochter hat eine andere als ein Klempner, die Kindheit eines türkischen Immigranten unterscheidet sich von der eines Kleinstadt-Arztsohnes, die eines Einzelkindes von der eines mittleren von drei Geschwistern, Jungen haben eine andere als Mädchen, und die paar Unterschiede sind noch gar nichts im postmodern-multikulturell-mobilen Pluralismus. […] Vor allem ist die Kindheit als Freiraum und Schonfrist keineswegs ein Naturgesetz, sondern eine gesellschaftlich geprägte Idealvorstellung; man muss nur in die Vergangenheit schauen oder in andere Länder, wo Kinder bei härtester Arbeit nach wie vor ausgebeutet werden, die Verantwortung für Haus und Geschwister tragen, sogar in Kriegen kämpfen müssen. Und selbst hierzulande war das Bild vom ‚unbeschwerten’ Kind, das die Erwachsenen entwarfen, vom ‚Kindsein’ weit entfernt; und wenn es sie gab, dann meist als bürgerliches Privileg.16 Wenn in dieser Arbeit folglich von Kindheit die Rede ist, meint dies in erster Linie einen zu schützenden Raum, den es allen Nostalgie-Vorwürfen zum Trotz zu verteidigen gilt.17 Postman bezeichnet den sozialen Idealismus, der sich hinter dieser Vorstellung von Kindheit verbirgt, als eine gewisse ‚Scheinheiligkeit‘18 und fügt gleichzeitig hinzu: „Kindheit, wie wir sie uns als Ideal vorstellen, kann es ohne ein gewisses Maß an ‚Scheinheiligkeit‘ nicht geben.“19 Die Überlegungen zum Begriff Kindheit spiegeln die Schwierigkeit wider, ihm eine allgemeingültige Definition zugrunde zu legen. Das Bild von Kindheit, das den vorangegangen Überlegungen zugrunde liegt, erscheint vor dem Hintergrund dieses Forschungsvorhabens umso bedeutsamer. 15 Vgl. Grefe, Christiane: Ende der Spielzeit – Wie wir unsere Kinder verplanen. Berlin: Rowohlt, 1995. 16 Ebd., S. 14 f. 17 Vgl. ebd. 18 Vgl. Postman, Neil: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt a. M.: Fischer, 1987. 19 Ebd., S. 109. 15 2. Mädchenrollen im 21. Jahrhundert Beschäftigt man sich mit den unterschiedlichen Formen jugendkulturellen Ausdrucks im 21. Jahrhundert, so erscheint es unumgänglich, in Erfahrung zu bringen, woher Jugendliche im Allgemeinen und Mädchen im Besonderen Inspiration, Ideen und Bilder beziehen, inwiefern diese Einfluss nehmen auf ihr produktiv-ästhetisches Verhalten, auf die Wahl der Inhalte und, so abstrakt das im ersten Moment erscheinen mag, auch und vor allem auf das Verständnis ihrer Rolle in unserer Gesellschaft. Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen, sozialisatorischen und genderbezogenen Fragestellungen auf der einen und dem ästhetischen Empfinden und Aktivwerden auf der anderen Seite schärft und erweitert den Blick für die komplexen und zuweilen problematischen Mädchenrollen im 21. Jahrhundert. Wie früh lassen sich diese Bilder in die Kindheit von Mädchen zurückverfolgen? Wer ist an der Konstruktion von stereotypen Rollenmustern beteiligt? Wie gehen Mädchen mit diesen Erwartungen um? Und wie hoch ist der Einfluss der Medien bei der Konstruktion dieser stereotypen Rollenbilder? Unumgänglich ist hierbei natürlich die Auseinandersetzung mit Prozessen ‚doing gender‘ und ihrer Bedeutung für die Etablierung geschlechtsstereotyper Zuschreibungen in der Gesellschaft. Das Konzept geht auf Candace West und Don Zimmermann zurück, die gender als soziale Konstruktion verstehen und den Begriff damit von Termini wie sex (biologisches Geschlecht) und sex-category (soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie) abgrenzen.20 Die Prozesse ‚doing gender‘ [verweisen] darauf, dass Geschlechter verschieden sind, weil sie unterschieden werden – d. h. als verschieden betrachtet werden. Geschlecht ist ein Tun. Wie manifestiert sich das Tun? Indem wir Geschlecht gekonnt wahrnehmen, gekonnt darstellen, im Alltag stets reproduzieren (z. B. durch Klischees als Brücken).21 Wie diese Prozesse in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts funktionieren, wird nicht nur im folgenden Kapitel, das den Umgang mit stereotypen Rollenmustern in den Blick nimmt, sondern auch und vor allem im Hinblick auf die Kreativserie Topmodel deutlich werden. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung die ‚Mädchen‘ und die ‚Jungen‘ jederzeit unter Berücksichtigung der Heterogenität beider Geschlechter genutzt wird und ausschließlich der sprachlichen Einfachheit halber Verwendung findet. Da es sich bei dem Fanart-Forum der Kreativserie Topmodel um ein Internetportal handelt, das fast ausschließlich von Mädchen genutzt wird, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Darstellung weiblicher Sozialisation und ihres Einflusses auf weibliche Rollenbilder. 20 Vgl. Gender-Portal Universität Duisburg-Essen. 21 Ebd. 16 2.1 Umgang mit stereotypen Rollenmustern So selbstverständlich im alltäglichen Sprachgebrauch auch mit dem Begriff Stereotyp umgegangen wird, so wesentlich erscheint eine kurze Diskussion des Begriffs, die deutlich werden lässt, wie wichtig ein kompetenter und bewusster Umgang mit diesem Terminus ist. Bischof-Köhler bietet eine Definition, die eine ausschließlich negative Konnotation des Begriffs darlegt, „da sie [die Stereotype] die Tendenz haben, Personen grob vereinfachend und ohne Rücksicht auf ihre Individualität zu etikettieren“.22 Die Vereinfachung, die Stereotypen zu Grunde liegt, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. In einer komplexen, sich beständig wandelnden Welt wie der unseren erfüllen stereotype Zuschreibungen in erster Linie den Zweck der Orientierung. Aus diesem Grund erscheint die synonyme Verwendung der Begriffe „Stereotyp“ und „Vorurteil“, wie Bischof-Köhler sie vornimmt, unzureichend differenziert. Während Vorurteile ohne Ausnahme negativ besetzt sind, müssen Stereotype nicht ‚von Natur aus‘ mit rein negativen Bewertungen assoziiert werden. Nichtsdestotrotz ist ein sensibler Umgang mit stereotypen Zuschreibungen insbesondere mit Blick auf die Rollenerwartungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft absolut notwendig. Hier zeigt sich in besonders heftiger Weise die nicht nur pauschale, sondern häufig auch eingrenzende Funktion der Stereotypisierung. In derselben Weise, wie einem Geschlecht eine bestimmte Eigenschaft zugesprochen wird, wird sie dem anderen abgesprochen.23 Das Signifikante mit Blick auf das Forschungsanliegen dieser Arbeit ist, dass geschlechtsbezogene Unterschiede, wie sie von einem Kind zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen wahrgenommen werden, von Bedeutung sind, bevor das Kind die Geschlechter richtig zu benennen weiß. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen, Interessen, Vorlieben und Aufgaben von Männern und Frauen nehmen Säuglinge bereits im ersten Lebensjahr wahr. Untersuchungen ergaben, dass ein siebenmonatiges Kind unterschiedlich auf Männer- und Frauenstimmen reagiert und ein einjähriges Kind die visuelle Erscheinung der richtigen Stimmlage zuordnen kann.24 „Es erscheint durchaus plausibel, dass solche Feststellungen nicht nur dazu verhelfen, die Geschlechter richtig zu bezeichnen, sondern auch die Grundlage für die Stereotypenbildung abgeben“.25 Zwischen 18 Monaten und dem 3. Lebensjahr entwickeln Kinder eine klare Vorstellung von ihrer eigenen Geschlechtszugehörigkeit, mit 5 Jahren zeigen sich bereits deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Hinblick auf ihr Verhalten und ihre Interessen. Verstanden als ein „permanenter Prozeß der Konstruktion von Wirklichkeit“26 fordert die Lebenswirklichkeit von Mädchen und Jungen sehr früh eine Selbst-Konstruktion des eigenen Geschlechts, die eine wesentliche Rolle in der Entwicklung des Kindes spielt.27 22 Bischof-Köhler, Doris: Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: Kohlhammer, 2002/2004. S. 3. 23 Vgl. ebd. 24 Vgl. ebd. 25 Ebd., S. 73. 26 Dorner, Birgit: Pluralismen. Differenzen. Positionen kunstpädagogischer Frauenforschung in Deutschland und in den USA seit dem Ende der 60er Jahre. Münster: LIT, 1999. S. 87. 27 Vgl. ebd. 17 Die Sozialisation von Mädchen und Jungen in der heutigen Zeit meint nicht mehr nur die Entwicklung fester Eigenschaften, sondern beinhaltet eine Vielzahl von Erwartungen, die nicht selten widersprüchlich erscheinen und zu Identitätskrisen führen können. Traditionelle Gruppierungen wie zum Beispiel Familie, Verwandtschaft oder Bildungseinrichtungen geben einen Teil ihres erzieherischen Potenzials an andere Bereiche ab. Zusätzlich werden Alltagswelt, Meinungsbildung und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen unter anderem auch von den Medien geprägt. Trotzdem bleibt der Einfluss des Elternhauses besonders in frühen Jahren wesentlich. Kinder und Jugendliche beobachten die familiäre Situation sehr sensibel, erkennen schnell bestimmte Umgangsweisen, Rollenmuster oder Regeln in der Arbeitsteilung u. ä.28 Vor allem weibliche Jugendliche geraten häufig in einen Konflikt, wenn sie versuchen, die unterschiedlichen Erwartungshaltungen, die an sie gerichtet sind, in ihrem Verhalten miteinander zu vereinbaren. „Sie spüren, von einer wirklichen Gleichstellung der Frau in der Familie und im Haushalt kann heute noch nicht die Rede sein, denn die traditionelle Zuständigkeit der Mütter für Kindererziehung und Haushaltsführung ist in den allermeisten Familien auch heute noch gegeben“.29 Gleichzeitig treffen sie außerhalb ihres familiären Umfeldes auf Erwartungen, die sich von denen der eigenen Familie unterscheiden. Die Suche nach Vorbildern gestaltet sich dementsprechend schwierig. Um diesen häufig widersprüchlichen Erwartungen gerecht zu werden, sind Mädchen dazu gezwungen, unterschiedliche Identitäten für diese unterschiedlichen Lebenswelten zu konstruieren. 2.2 Widersprüchliche Erwartungen Im vorangegangenen Kapitel ist deutlich geworden, wie aktuell die Diskussion über stereotype Rollenmuster auch im 21. Jahrhundert immer noch ist. Kennzeichnend für diese Gesellschaft ist vor allem, dass die Zuschreibungen zunehmend kontrovers erscheinen und ein enormes Repertoire an Identitäten fordern, das diese widersprüchlichen Erwartungen erfüllen kann. In der Adoleszenz, einer Phase, die für viele Mädchen mit vielfältigen Leiden, Verwirrungen und Benachteiligungen30 einhergeht, gewinnt die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Rollenerwartungen an das eigene Geschlecht an Bedeutung. Dorner geht davon aus, dass „die Sozialisation von Mädchen […] zunächst ein verhältnismäßig breites Spektrum an Verhaltensmöglichkeiten und Fähigkeiten [hervorbringt], von individuellen Unterschieden einmal abgesehen, die sich mit denen der Jungen weitgehend überschneiden“.31 Ob und auf welche Art und Weise diese Möglichkeiten von Mädchen und Frauen genutzt werden können, hängt von einer Vielzahl sozialer, kultureller und ökonomi- 28 Vgl. Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim/München: Juventa, 2007. 29 Ebd., S. 109. 30 Vgl. Dangendorf, Sarah: Kleine Mädchen und High Heels. Über die visuelle Sexualisierung frühadoleszenter Mädchen. Bielefeld: Transcript, 2012. 31 Dorner 1999, S. 88. 18 scher Faktoren ab. Denn so aufgeklärt und emanzipiert unsere Gesellschaft auch erscheinen mag, so tief verwurzelt sind in vielen Köpfen auch heute noch traditionelle Geschlechtsstereotypen und mit ihnen die starre Festlegung von Rollenzuschreibungen. Grundlegende Diskrepanzen zeigen sich in der weiblichen Adoleszenz vor allem in den Erwartungen von Familie und Kulturgemeinschaft.32 „Während die Familie ein Ort der Tradition, Intimität, Geborgenheit und Verleugnung [darstellt], [wird] die Gesellschaft als Sphäre der Arbeit, Öffentlichkeit und Vernunft wahrgenommen“.33 Anforderungen, in denen sich nicht nur Kontroversen in Bezug auf das soziale Geschlecht, sondern auch auf den Umgang mit dem eigenen biologischen Geschlecht auftun. Letzteres wird unter Berücksichtigung der zentralen Fragestellung des folgenden Kapitels an dieser Stelle nur in wenigen Worten erläutert. Die Veränderungen des Körpers in der Adoleszenz stellt für Mädchen eine deutlich größere Problematik dar als für Jungen. Weiblichkeit wird in dieser Zeit häufig als Einschränkung empfunden.34 Mädchen beobachten ihre körperliche Entwicklung sehr genau, reagieren sensibel auf Veränderungen, fühlen sich mit ihnen überfordert. Damit ändert sich bei vielen Mädchen das Selbstwertgefühl. Der Schönheitsanspruch, den sie von außen erfahren und folglich an sich selbst stellen, spielt zunehmend eine entscheidende Rolle.35 Während die Auseinandersetzung mit dem eigenen Äußeren von Eltern meist kritisch betrachtet und häufig erst spät akzeptiert wird, forcieren gesellschaftliche Instanzen diese Auseinandersetzung enorm. Hierbei spielen die Peergroup und die Medien zweifelsohne eine wesentliche Rolle. Die Selbsteinschätzung und Selbstbewertung von Mädchen ist keinesfalls unabhängig von der gesellschaftlichen Wertschätzung zu betrachten, die sie erfahren. „Daß die männliche Geschlechterrolle bei beiden Geschlechtern als die vorgeordnete, höher bewertete und insofern eher zu akzeptierende betrachtet wird, gilt dabei als […] gesellschaftlicher Konsens“.36 Im Gegensatz zu Jungen und Männern manifestiert sich die Selbstdefinition von Mädchen und Frauen meist im Kontext menschlicher Beziehungen. Höheres gesellschaftliches Ansehen genießen jedoch die angeblich typisch männlichen Attribute, wie „die Fähigkeit zu autonomen Denken, zu klaren Entscheidungen und entschlossenem Handeln“.37 Diese Charaktereigenschaften sind wesentliche Kriterien für die Festlegung von Reife und Erwachsensein, gelten jedoch gleichzeitig als ‚unweiblich‘. ‚Typisch weibliche‘ Eigenschaften erfahren weitaus weniger Wertschätzung, werden zuweilen gar als Schwäche oder Defizit ausgelegt.38 Marianne Horstkemper verweist hierbei auf einen grundlegenden Widerspruch nicht in Einklang zu bringender Ideologien.39 Die Weiblichkeitsideologie formuliert die Vorstellung darüber, „welche Eigenschaften Frauen haben sollten oder angeborenerweise haben“40, wohingegen die Leistungsideologie „mit eben diesen Eigenschaften unvereinbare Ansprüche an Kompetenz, Status- und Erfolgsstre- 32 Vgl. Dangendorf 2012. 33 Ebd., S. 123. 34 Vgl. Dorner 1999. 35 Vgl. ebd. 36 Horstkemper, Marianne (u. a.) (Hrsg.): Mädchen und Jungen – Männer und Frauen in der Schule. Weinheim: Juventa, 1990. S. 26. 37 Ebd., S. 27. 38 Vgl. ebd. 39 Vgl. ebd. 40 Ebd., S. 27. 19 ben [stellt], die erst Selbstachtung ermöglichen“.41 Ähnliche Ansichten über die Unvereinbarkeit innerer und äußerer Ansprüche finden sich schon bei Freud. Der Versuch, Teil einer Gemeinschaft zu werden und gleichzeitig nach persönlichem Glück zu streben, mündet häufig in Unzufriedenheit.42 Die Frage, die es zu klären gilt, ist nun, inwiefern diese Widersprüchlichkeit den Aufbau des Selbstbildes beeinflusst. Wesentliche Anforderungen der Weiblichkeitsideologie sind emotionale Expressivität, Sanftheit, Passivität, Bereitschaft zu Unterordnung, Abhängigkeit und Fürsorge. Im Gegensatz dazu stehen die männlich orientierten Erfolgsstrategien, die instrumentelles Verhalten, Aktivität, technische Kompetenz etc. wünschen und sogar fordern.43 Die Entwicklung der weiblichen Identität kann also als eine aktive Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen Weiblichkeit und Selbstachtung angesehen werden, verbunden mit der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Anpassung und Widerstand.44 So kritisch auch der gesellschaftliche Einfluss und die damit einhergehenden geschlechtstypischen Zuschreibungen in den Blick genommen werden müssen, so wesentlich ist der gleichzeitige Einfluss von familiären, freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen in der Adoleszenz. Um den inhaltlichen Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll an dieser Stelle nur kurz auf den Einfluss dieser Beziehungen eingegangen werden. Als besonders prägend in jungen Jahren wird in der Entwicklungspsychologie die Mutter- Tochter-Beziehung beschrieben. Eine nicht selten konfliktbehaftete Entwicklungsaufgabe von Mädchen besteht darin, sich mit zunehmendem Alter von der Mutter zu lösen.45 Von der Qualität der Mutter-Tochter-Beziehung scheint wesentlich abzuhängen, ob Mädchen das ihnen vorgelebte Weiblichkeitsbild unreflektiert übernehmen oder ob es in der Auseinandersetzung mit der Mutter zu einer Änderung dieses Bildes kommt. Ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter anhaltend harmonisch, kann dies entweder darauf zurückzuführen sein, dass die Mutter sehr tolerant und offen mit den Konstruktionen von Weiblichkeit ihrer Tochter umgeht oder dass die Tochter das Weiblichkeitsbild ihrer Mutter unangefochten übernommen hat.46 „Dies muss nicht per se problematisch sein, stimmt aber nachdenklich, hat man im Blick, daß Weiblichkeitsbilder und Vorstellungen über Zukunft sich im Laufe einer Generation durchaus wandeln können“.47 Die Problematik dieses Ablösungsprozesses hängt folglich zum einen von der Nähe zwischen Mutter und Tochter ab, die eine Ablösung häufig schwer macht und nicht selten mit Schuldgefühlen der Mutter gegenüber verbunden ist. Zum anderen ist festzuhalten, dass alternative Weiblichkeitsbilder rar sind und Töchter zwischen Zustimmung und Ablehnung des mütterlichen Vorbildes hin- und hergerissen sind.48 41 Ebd., S. 27. 42 Vgl. Dangendorf 2012. 43 Vgl. Horstkemper 1997. 44 Vgl. ebd. 45 Vgl. Liebsch, Katharina: Vom Weib zur Weiblichkeit? Psychoanalytische Konstruktionen in feministischer Theorie. Bielefeld: Kleine, 1994. 46 Vgl. ebd. 47 Ebd., S. 215. 48 Vgl. ebd. 20 Eine weitere wichtige Beziehung in der weiblichen Sozialisation stellen Freundschaften zu Gleichaltrigen dar. Eine besondere Rolle bei der Stärkung des Selbstwertgefühls wird der Mädchenfreundschaft zugesprochen. Allgemein besteht die Hoffnung, „hier könne sich wechselseitige, weibliche Wertschätzung und Eigenständigkeit etablieren“.49 Die Mädchenfreundschaft wird im Vergleich zu Freundschaften unter Jungen von einigen Autoren als intimer und wichtiger betrachtet. Diese enge Bindung zwischen zwei Mädchen wird jedoch nicht selten gestört, wenn eines oder beide Mädchen partnerschaftliche Beziehungen eingehen.50 Der Mädchenfreundschaft wird demnach weniger Bedeutung beigemessen als der Beziehung zum Partner. Hier wird einmal mehr deutlich, dass die durch die Gesellschaft vorgegebene Orientierung auf den Mann in die Mädchenfreundschaften greift und es vielen Mädchen schwer fällt, Bedürfnisse, die außerhalb dieser Norm liegen, wahrzunehmen.51 Obschon dieses Kapitel, angesichts der vielfältigen Literatur zum Thema, nur einen groben Überblick über die Konstruktion von Weiblichkeit in der Sozialisation von Mädchen geben konnte, ist doch deutlich geworden, dass diese Lebensphase solange nicht als Chance gesehen werden kann, wie geschlechtsstereotype Zuschreibungen und gesellschaftlichen Normen die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts vorantreiben. 2.3 Körperkult und Medien Der Wunsch der Menschen nach Schönheit und Jugend ist nicht neu. Bereits in den alten Kulturen haben Menschen ihren Körper geschmückt; bei Plato zählte Schönheit neben Gesundheit und Reichtum zu einem von drei Wünschen eines jeden Mannes. 1564 stellte Lucas Cranach der Ältere in seinem bekannten Gemälde ‚Der Jungbrunnen‘ dar, wie alte Frauen auf der linken Seite in den Jungbrunnen steigen und auf der rechten Seite als junge Frau wieder herauskommen.52 Die Beschäftigung mit dem eigenen Körper ist folglich kein Phänomen der Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Und doch bedarf es eines neuen Blicks auf den Umgang mit dem eigenen Körper, auf heutige Schönheitsideale, ihren Ursprung und ihre Wirkung auf Mädchen und Frauen in Kindheit und Jugend. In demselben Maße wie die Gesellschaft einem ständigen Wandel unterliegt, verändern sich auch ihre Schönheitsideale. Galten beispielweise im Zeitalter des Barock üppige Frauen mit weiblichen Rundungen als besonders attraktiv, sind es heute knabenhafte Mädchen und Frauen mit schmalen Taillen und langen, dünnen Beinen, die Bewunderung finden. Körperliche Attraktivität gewinnt nicht nur für Erwachsene, sondern zunehmend auch für adoleszente und frühadoleszente Mädchen an Bedeutung. Die Orientierung an der Schönheitsnorm ist auch in dieser Altersgruppe nicht neu.53 Nichtsdestotrotz scheint sich die Visualisierung dieser Norm am eigenen Körper früher nicht in dem Maße manifestiert zu haben, wie es heutzutage der Fall ist. Dangendorf äußert sich verwundert über die Tatsache, dass in Anbetracht der Präsenz „vermeintlich visuell se- 49 Ebd., S. 216. 50 Vgl. ebd. 51 Vgl. ebd. 52 Hinz, Andreas (u. a.): Verbreitung von Körperschmuck und Inanspruchnahme von Lifestyle-Medizin in Deutschland. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Körper. Köln: Moeker/Merkur 2006. S. 7. 53 Vgl. Dangendorf 2012. 21 xualisierter Mädchen“54 und der Sorge um sie verhältnismäßig wenige Publikationen zu diesem Thema existieren. Eine Studie zur Sexualisierung frühadoleszenter Mädchen stammt von der American Psychological Association (APA) aus den USA. Diese sieht vor allem junge Mädchen in Gefahr, sexualisiert zu werden. „Da sich die Heranwachsenden noch in der Entwicklung befinden […], [verfügen] sie noch nicht über eine ausreichende, mentale Stabilität für freie Entscheidungen bezüglich ihrer Sexualität“.55 Das Ziel dieser Studie besteht nicht nur darin, Beweise für die Verbreitung visueller Sexualisierung zu finden, sondern Möglichkeiten aufzuzeigen, diesem Prozess entgegenzuwirken. Die APA ist der Meinung, dass Sexualisierung in drei Bereichen stattfinden kann: in der Gesellschaft, hier spielt auch der Einfluss von Medien eine Rolle, im sozialen Umfeld, wie z. B. durch Freunde und Familie, und auf der persönlichen Ebene durch Selbst-Objektivierung.56 „Sozialisierungstheorien folgend, geht die APA von schwerwiegenden Konsequenzen der Sexualisierung für die physische wie psychische Gesundheit aus. Das weibliche Schönheitsideal trägt laut der APA damit im hohen Maß zur Unterdrückung von Mädchen bei“.57 Zudem wird die weibliche Existenz auf Äußerlichkeiten reduziert, die nicht im Ansatz der Komplexität von Weiblichkeit entsprechen. Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2006 erhob aktuelle repräsentative Daten zum Körperbewusstsein von Jungen und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren. Tab. 1 54 Ebd., S. 20. 55 Ebd., S. 21. 56 Vgl. ebd. 57 Ebd., S. 21. 22 Die Studie belegt, was die vorangegangenen Überlegungen bereits vermuten lassen, weist gleichzeitig aber auch nach, dass die Beschäftigung mit dem Körper auch für Jungen eine Rolle spielt. Körperpflege und Styling betreffend zeigen die Mädchen hingegen ein deutlich größeres Interesse (Tabelle 1). Körperliche Fitness hingegen scheint für Jungen wichtiger zu sein als für Mädchen. Tab.2 Tabelle 2 liefert noch eindeutigere Ergebnisse. Die Aussage „Ich fühle mich zu dünn“ beantworten 13 % der Jungen und nur 7 % der Mädchen mit ‚ja‘. 25 % der Mädchen stimmen der Aussage zu, sich zu dick zu fühlen. Einer Studie des Deutschen Ärzteblattes zufolge schätzen sich 42 % der Schülerinnen an Gymnasien als übergewichtig ein, obwohl nur 8 % unter ihnen ein zu hohes Gewicht auf die Waage bringen.58 Den positiv formulierten Satz „Ich fühle mich wohl in meinem Körper“ können zwei Drittel der Jungen (62 %), aber nicht einmal die Hälfte der Mädchen (46 %) mit ‚ja‘ beantworten. Ebenso auffällig erscheint die Tatsache, dass nur ein Drittel (35 %) der Mädchen ihren Körper als schön bezeichnet. Das folgende Zitat fasst eindrucksvoll zusammen, was die Zahlen nur ansatzweise ausdrücken können: „Der Körper ist aus Sicht der Mädchen für alles Unglück verantwortlich. Wenn er perfekt wäre, wäre die Welt in Ordnung. Alle inneren Spannungen, Konflikte, Wünsche nach Autonomie werden auf dem ‚Schlachtfeld Körper‘ ausgetragen“.59 58 Luca, Renate: Körper und Körperbilder – Medienkritik und medienpädagogische Bildungsarbeit. Kritisch-konstruktive Betrachtungen aus der Genderperspektive. In: Neuß, Norbert (Hrsg.) (u. a.): Körper – Kult – Medien. Bielefeld: AJZ, 2007. S. 40. 59 Ebd., S. 40. 23 In dieser Arbeit ist bereits mehrfach deutlich geworden, dass sich Mädchen im Laufe ihrer Sozialisation an unterschiedlichen Vorbildern orientieren, die Teil ihrer eigenen Konstruktion von Wirklichkeit werden. Verbindet man diese Annahme mit der Entwicklung des Körperbewusstseins der Mädchen, so wird auch hier deutlich, dass nicht nur reale, leibliche Personen, sondern ebenso mediale Angebote, Bilder und Umgebungen aller Art als Orientierung dienen. Bilder spielen bei der Produktion von Wirklichkeit und damit bei der Produktion von Welt eine ganze wesentliche Rolle. Sehen kommt vor Sprechen. In der Welt des Kindes sind es zuerst die Bilder, denen die Begriffe folgen. Das Sehen und die daher stammenden inneren Bilder ermöglichen und bedingen erst Denken, Sprechen, Sprache. Diese Bilder und Metaphern unseres Denkens und Sprechens sind an Überlieferung und damit an Tradition und Kultur gebunden. Es sind sowohl sprachliche Bilder, Metaphern, als auch reale anschaubare Bilder, die unseren Alltag visuell-akustisch begleiten (Massenmedien, Werbung) und die als solche von jedem verstanden werden.60 Wie eng die Wahrnehmung medial vermittelter Bilder mit dem eigenen Körperbewusstsein zusammenhängen kann und welche Faktoren hierbei außerdem noch eine Rolle spielen, macht Schemer in seiner Publikation unter der Fragestellung „Die Medien als heimliche Verführer?“61 deutlich. Da Medien zunehmend sozialisatorische Aufgaben im Leben junger Mädchen übernehmen, muss deren Einfluss zweifelsohne kritisch hinterfragt werden. Für die wachsende Kritik medialer Inhalte macht Schemer zwei Entwicklungen verantwortlich. Zum einen nennt er die immer größer werdende Kluft zwischen dem Gewicht von Medienakteurinnen und dem, am BMI gemessen, steigenden Übergewicht der Rezipientinnen. Zum anderen habe die wachsende Verbreitung von psychogenen Essstörungen die kritische Sichtweise auf Medien maßgeblich beeinflusst.62 Auf ähnliche Zusammenhänge macht auch Dangendorf aufmerksam und warnt vor der Gefahr einer immer früheren und stärkeren Sexualisierung von Mädchen, die sich negativ auf die eigene Körperwahrnehmung auswirken kann.63 Mögliche, durch die Präsenz attraktiver Medienakteurinnen hervorgerufene Wirkungen fasst der Autor wie folgt zusammen: • „verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers als zu dick • geringere Zufriedenheit mit dem eigenen Körper • negative Gefühle wie Schuld, Scham oder depressive Stimmung • geringe Einschätzung der eigenen Attraktivität • geringes körperbezogenes Selbstwertgefühl • ausgeprägtes Schlankheitsbedürfnis“.64 60 Ebd., S. 41. 61 Vgl. Schemer, Christian: Medien als heimliche Verführer? Der Einfluss attraktiver Medienpersonen auf das Körperbild von Rezipientinnen und Rezipienten. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Körper. Köln: Moeker/Merkur 2006. 62 Vgl. ebd. 63 Vgl. Dangendorf 2012. 64 Ebd., S. 13. 24 Das Wirkungspotenzial kann nicht pauschalisiert werden, sondern hängt von einer Vielzahl zusätzlicher Faktoren ab, wie z. B. einem geringen Selbstwertgefühl, einer starken Identifikation mit den Medienfiguren, mangelnder sozialer Unterstützung oder bereits vorhandenen Essstörungen.65 Schemer hält fest, dass, dem aktuellen Forschungsstand zufolge, attraktive Medienakteurinnen einen negativen Einfluss vor allem auf junge Rezipientinnen haben können, die Entstehungsbedingungen für diese negative Selbstwahrnehmung jedoch nicht auf einen Einflussfaktor reduziert werden können. Hier wird noch einmal deutlich, und darauf weist Wiegelmann-Bals in ihrer Arbeit ebenfalls hin, „dass bis heute keine Theorie […] in der Lage ist, die Einflüsse der Medien auf [die] Rezipienten vollständig nachvollziehbar zu machen“.66 Ein aufgeklärter Umgang mit Medien erscheint mit Blick auf diese Erkenntnis zunehmend wichtiger und sollte nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch in gesellschaftlichen Institutionen wie Schulen verstärkt in den Mittelpunkt der Aufklärung gerückt werden, „um Kindern und Jugendlichen die Medienkompetenz zu vermitteln, die sie letztlich auch vor einer unangemessenen Abwertung des eigenen Körpers durch mediale Vorbilder schützt“.67 65 Vgl. ebd. 66 Wiegelmann-Bals 2009, S. 51. 67 Schemer 2006, S. 15. 25 3. Die Mädchenzeichnung im historischen Vergleich Bereits zu Beginn dieser Arbeit konnte herausgestellt werden, dass die Kinder- und Jugendzeichnung in den letzten 30 Jahren einen enormen kulturellen wie auch gesellschaftlichen Wandel erlebte, der nicht zuletzt in veränderten Entstehungskontexten, ästhetischen Produktionsformen und Bildmotiven sichtbar wird. Dieser Wandel fordert vonseiten der Kinder- und Jugendzeichnungsforschung einen veränderten Blick auf die produktiv-ästhetischen Aktivitäten Heranwachsender, verbunden mit der Frage, auf welche Art und Weise sich die genannten Veränderungen ganz konkret in ihnen zeigen. Denn so wesentlich die Beobachtung und Analyse auch ist, so allgemein und ungreifbar bleibt sie doch ohne eine unmittelbare Bezugnahme auf konkrete Bildbeispiele, die intime Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Kindes geben, die einen Eindruck davon vermitteln, was Kindsein, vor allem aber Mädchensein, zu einer bestimmten Zeit bedeutet, woran dieses Mädchensein geknüpft und mit welchen Wünschen und Bedürfnissen dies verbunden ist. Bezugnehmend auf Kirchner et al., die die Verbindung von einem kulturell und gesellschaftlich bedingten Wandel mit Veränderungen in der Kinder- und Jugendzeichnung in besonderem Maße hervorheben68, und Wiegelmann-Bals, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Analyse ausgewählter Kinderzeichnungen aus den Jahren 1966 bis 1970 und 1999 bis 2002 für einen historischen Vergleich in den Blick zu nehmen69, soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, einen historischen Vergleich von Mädchenzeichnungen anzustellen, der sich bildnerischen Produktionen aus folgenden Zeiträumen widmet: 1962 bis 1976, 2001 bis 2003 sowie 2013 bis 2015. Wiegelmann-Bals konnte in der Analyse von Kinderzeichnungen (von Mädchen und Jungen) aus den genannten Jahrgängen bereits frappierende Unterschiede in Bezug auf Bildkomposition, Farbkonzepte und Raumorganisation ausmachen und diese in Bezug setzen zu gesellschaftlichen, kulturellen und sozialisatorischen Veränderungen (vgl. Kapitel 1). Die bereits erläuterten Ergebnisse dienen als Grundlage für den in diesem Kapitel unternommenen Versuch eines historischen Vergleichs. Gleichzeitig unterscheidet sich dieser von den Ansätzen Wiegelmann-Bals’ in zwei wesentlichen Punkten: Es werden ausschließlich Mädchenzeichnungen zur Analyse herangezogen. Das vorangegangene Kapitel zu Mädchenrollen im 21. Jahrhundert hat deutlich werden lassen, dass die Diskussion um ästhetische Sozialisation verbunden mit ästhetischem Empfinden und Aktivwerden nicht isoliert geführt werden kann, sondern stets in Bezug gesetzt werden muss zu Fragestellungen, die eine ganze Gesellschaft und ihre Lebensformen, Überzeugungen und Werte in den Blick nimmt. So wird die Mädchenzeichnung zum Spiegelbild einer Gesellschaft. 68 Vgl. Kirchner (u. a.) 2010. 69 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 26 Außerdem wird ein hoch aktuelles Phänomen der Mädchenzeichnung in die vergleichende Analyse aufgenommen, das als besonders aufschlussreiches Beispiel für den Wandel der Kinder- und Jugendzeichnung gelten kann und gleichzeitig brisante Fragestellungen im Bereich der Genderforschung aufwirft. Es handelt sich dabei um eine Auswahl bildnerischer Produktionen zur Kreativserie Topmodel von Mädchen im Alter von neun bis 12 Jahren, die im Rahmen dieser Forschung interviewt wurden. Eine detaillierte Vorstellung der Studie, verbunden mit der Analyse ausgewählter ästhetischer Produktionen der Probandinnen, erfolgt in Kapitel 8. Die Analyse der Zeichnungen im historischen Vergleich erfolgt auf zwei Ebenen: Zum einen werden die von Wiegelmann-Bals entwickelten Instrumentarien zur Bildanalyse im Fokus stehen. Die ästhetischen Produktionen der Mädchen werden folglich hinsichtlich der Bildkomposition, Raumorganisation und Farbkonzepte untersucht. Zum anderen gilt es, zeit- und gesellschaftsspezifische Charakteristika vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen zu diskutieren. Es handelt sich bei der folgenden Untersuchung um eine exemplarische Studie, die zwar keinen Querschnitt ermöglicht, dennoch für die gewählten Zeiträume einen repräsentativen Überblick über Phänomene in der Mädchenzeichnung gewährt. Die Analyse der Zeichnungen im historischen Vergleich ist der Versuch, historische Veränderungen in der Mädchenzeichnung deutlich zu machen und diese nicht zuletzt unter Berücksichtigung bereits vorangegangener Fragestellungen zur Genderproblematik in Beziehung zu setzen. 3.1 Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976 Fünf der ausgewählten sechs Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976 stammen aus dem digitalen Archiv für Kinderzeichnungen Kinderkunst e. V. in Erfurt, das insgesamt rund 12.000 Kinder- und Jugendzeichnungen aus den vergangenen hundert Jahren beinhaltet.70 Eine weitere Mädchenzeichnung entstammt einer privaten Sammlung. Die Auswahl der bildnerischen Produktionen stützt sich auf drei wesentliche Kriterien: 1. Alter der Mädchen 2. Technik 3. Thema / Bildmotiv 4. Gestalterische Umsetzung Die genannten Auswahlkriterien orientieren sich an den für dieses Forschungsprojekt wesentlichen kunstpädagogischen und genderbezogenen Fragestellungen, ausgehend von aktuellen Mädchenzeichnungen zur Kreativserie Topmodel, die im Zuge dieser Untersuchung einer detaillierten Analyse unterzogen werden. An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Beobachtungen zu den bildnerischen Produktionen aus den Jahren 1962 bis 1975 weder den situativen Kontext der Zeichnungen noch persönliche Angaben über beziehungsweise durch die Urheberinnen berücksichtigen können. Obschon oder gerade weil die Kreativserie Topmodel ein Phänomen des 21. Jahrhunderts darstellt, erscheint es umso spannender zu erfahren, ob es in Zeichnungen älteren Datums 70 Vgl. Archiv für Kinderzeichnungen; Erfurt, Kinderkunst e. V. 27 bereits Hinweise auf mögliche ‚Vorläufer‘ gibt, Hinweise auf vergleichbare Motive und nicht zuletzt auch Hinweise darüber, ob überhaupt ein Interesse an diesen und ähnlichen Bildmotiven zu jener Zeit bestand. Das digitale Archiv für Kinderzeichnungen in Erfurt enthält eine große Sammlung von Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren, vor allem auch Zeichnungen aus der ehemaligen DDR. Es ist die Zeit nach dem Krieg, der Wiederaufbau ist abgeschlossen, der Aufbau der BRD sowie der DDR Anfang der 60er Jahre ist in vollem Gange. „Die ‚langen 60er Jahre‘ waren eine Zeit des Neuanfangs, des Ausbruchs aus den vermeintlichen Gewissheiten der ersten Nachkriegszeit.“71 Was haben junge Mädchen in diesen Jahren des vergangenen Jahrhunderts gezeichnet? Welche Themen haben sie bewegt? Welche Motive lassen sich finden? Was sagt das über die Zeit aus, in der die Mädchen gelebt haben? Welche Einblicke werden dadurch ermöglicht? Woher nahmen Mädchen Inspirationen, Ideen, Bilder? Wie haben sie diese Bildideen umgesetzt? Eine erste Antwort soll bereits an dieser Stelle gegeben werden und gilt gleichzeitig als auschlaggebendes Argument für die getroffene Auswahl des Bildmaterials aus den Jahren 1962 bis 1976: Unter den im digitalen Archiv für Kinderzeichnungen in Erfurt beherbergten bildnerischen Produktionen finden sich keinerlei Modezeichnungen in der Art, wie sie die Kreativserie Topmodel hervorbringt. Trotz aufsehenerregender Veränderungen in der Spielzeugindustrie, wie z. B. durch das Aufkommen der ersten Barbiepuppe in Deutschland in den frühen 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, scheint die Mädchenzeichnung von solchen und ähnlichen Entwicklungen größtenteils unberührt geblieben zu sein. Einen interessanten Einblick zur Entwicklung der Barbie-Puppe sowie ihrer Vorläuferinnen, die für die Generation der Mädchen aus den 60er und 70er Jahren von Bedeutung waren, gewährt Ruth Handler, Mitbegründerin der Firma Mattel: Meine Idee für die Barbie-Puppe entstand Anfang der 50er Jahre. Damals spielten meine Tochter Barbara und ihre Freundinnen häufig mit Ausschneidepuppen aus Papier, deren Bekleidung und Modezubehör sie entsprechend änderten. Diese Ausschneidepuppen waren ‚erwachsene Puppen’ und die erdachten Spielsituationen betrafen demnach das Leben der Erwachsenen. In unserer Designabteilung diskutierten wir über die Produktion einer dreidimensionalen Ausfertigung dieser erwachsenen Puppen. Doch wir zögerten mit der Umsetzung des Projektes, da wir Bedenken hatten, die Qualität und die vorgestellten Details zu einem erschwinglichen Preis realisieren zu können.72 Entstanden war die Idee zur Barbie-Puppe, beschreibt Handler weiter, durch ihre Vorgängerin, der Bild-Lilli, die ihren Namen erhielt, nachdem sie täglich als Zeichnung in der Bildzeitung, begleitet von einem sie betreffenden Witz, erschienen war. Als Handler der Lilli- Puppe in dreidimensionaler Form das erste Mal in der Schweiz begegnete, wollte auch sie eine solche Puppe produzieren lassen.73 71 Golz, Hans-Georg im Editorial zu Aus Politik und Zeitgeschichte. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. Frankfurt a. M., 2003. S. 2. 72 Gessat, Karl-Heinz: Barbie – vom Kinder- zum Sammlertraum. Erfurt: Weingarten, 1993. S. 7. 73 Vgl. ebd. 28 „Ein schlankes, langbeiniges Geschöpf mit Pferdeschwanz-Frisur, schwindelerregend hohen Absätzen und einem superkurzen Rock (10 Jahre vor der Mini-Mode), fand ihr Interesse.“74 Es ist also durchaus nicht so, als hätten keine modischen Vorbilder aus der Spielzeugindustrie existiert. Die Barbiepuppe, die vielmehr einer „Miniatur-Schönheitskönigin“75 glich als einem Spielzeug für Mädchen, scheint trotz ihrer zunehmenden Präsenz, auch in den Kinderzimmern, kaum Auswirkungen auf die Bildmotivik von Mädchenzeichnungen aus diesen Jahren genommen zu haben. Zumindest zeigt sich das Bildmaterial, das dem digitalen Archiv für Kinderzeichnungen in Erfurt im Zuge dieser Forschung untersucht wurde, – abgesehen von einigen Prinzessinnendarstellungen – weitestgehend unberührt von solchen Entwicklungen. Bereits dieses erste Forschungsergebnis, das aus der Sichtung von 12.000 Kinder- und Jugendzeichnungen hervorgeht, wirft spannende Fragen auf und unterstreicht einmal mehr die Brisanz des Forschungsvorhabens. Eine Zusammenfassung der aus diesem Vergleich hervorgehenden Ergebnisse erfolgt im Anschluss an dieses Kapitel. Da die vorliegenden Zeichnungen ursprünglich größtenteils aus dem Besitz von Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen stammen, muss davon ausgegangen werden, dass Bildmotive und Art der Umsetzung Ergebnisse bestimmter Aufgabenstellungen sind, demnach nicht als sogenannte ‚freie‘ Zeichnungen bezeichnet werden können, wobei der Begriff der freien Kinderzeichnung ohnehin vielfach diskutiert, da häufig missverstanden wird. Freies Gestalten ist keineswegs unbeeinflusst, aber es entsteht aus eigenem Antrieb, es ist intrinsisch motiviert und entspringt dem unmittelbaren Bildbedürfnis von Kindern. Das freie Gestalten ist als explorierendes Handeln eine unverzichtbare, weil dem einzelnen Kind je adäquate Beschäftigung mit inhaltlichen wie gestalterischen Problemen und Aspekten. Es kommt dem individuellen und lustbetonten Darstellungsbedürfnis von Kindern entgegen.76 Die folgenden Mädchenzeichnungen (Abb. 1 und 2), die der Feder zweier Mädchen unterschiedlichen Alters entstammen, stellen jedoch Motive dar, die in Zeichnungen dieser Jahrgänge mehrfach zu finden sind. 74 Ebd., S. 8. 75 Ebd., S. 8. 76 Uhlig, Bettina: Die eigene Bildsprache entdecken, entwickeln, differenzieren – zur Förderung bildsprachlicher Kompetenz im Kunstunterricht. In: Kirchner, Constanze (u. a.) (Hrsg.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Kopaed, 2010. S. 17. 29 Abb. 1: Schlittschuhläufer, w 14, 1962, DIN A4 + Abbildung 1 mit dem Titel „Schlittschuhläufer“ wurde von einem 14-jährigen Mädchen im Jahr 1962 angefertigt. Es handelt sich um eine Buntstiftzeichnung. Die Bildfläche kann in Vorder-, Mittel- und Hintergrund eingeteilt werden, wobei Vorder- und Mittelgrund eine zusammenhängende Fläche ausmachen, die ca. 4/5 des gesamten Bildformats füllt. Der Hintergrund, der ca. 1/5 des Bildformats einnimmt, ist als solcher deutlich durch seine kontrastierende Farbgebung von Vorder- und Mittelgrund unterscheidbar. Zu sehen sind sechs Personen, zwei davon im Vordergrund im seitlichen Profil und vier weitere im Mittelgrund; eine Figur befindet sich mit dem Rücken zum Betrachter, zwei weitere frontal, wobei eine von ihnen auf dem Boden liegt, und eine letzte Figur in der linken oberen Bildecke zeigt sich im seitlichen Profil. Die Bildkomposition der vorliegenden Farbzeichnung beinhaltet als zentrale Bildgegenstände die genannten sechs Figuren, die aufgrund des Bildtitels als Schlittschuhläuferinnen und -läufer identifiziert werden können. Ihre Anordnung auf der Bildfläche scheint weniger aus ästhetischen Gründen erfolgt zu sein als vielmehr aus dem Wunsch des Mädchens heraus, alle Aktivitäten, die auf einer Eisfläche möglich sind, darstellen zu können. Es scheint, als habe die Zeichnerin eine Geschichte erzählen wollen, und um diese Geschichte erzählen zu können, mussten alle Personen sichtbar sein, durfte keine Aktivität fehlen. Die dargestellten Personen bilden einen Kreis, in dessen Mitte sich ein Mädchen mit einem roten Mantel befindet, das dem Betrachter den Rücken zuwendet. Geleitet durch den erhobenen rechten Arm des Mädchens, der sich winkend an zwei vermutlich männliche Personen richtet, wandert der Blick im Uhrzeigersinn zu den übrigen Personen auf der Bildfläche. Sowohl aufgrund ihrer tatsächlichen Größe als auch hinsichtlich der dynamischen Linienführung, die hauptsächlich durch in unterschiedliche Richtungen weisende Gliedmaßen entsteht, dominieren die dargestellten Personen die Bildfläche; sie nehmen fast den gesamten Raum ein. Dieser Eindruck wird durch die Tatsache unterstützt, dass die Bewegungen der Personen aus dem Bild ‚heraus gehen‘. Sie laufen nicht in Richtung Bildmitte, sondern nach links außen (zwei Figuren in der linken Bildhälfte) und nach rechts außen (liegende Figur in der rechten oberen Bildhälfte). 30 Die Bildfiguren treten in Beziehung zueinander, gehen gemeinsamen Aktivitäten nach (s. Jungen mit Eishockeyschlägern), winken einander zu (Mädchen im roten Mantel und stehender Junge ihr gegenüber). Flächentiefe erzeugt die Zeichnerin zum einen durch die Unterteilung in Vorder- und Hintergrund, deutlich gekennzeichnet durch die dominierende weiße Fläche und den Horizont in Dunkelbraun. Zum anderen aber auch durch die Unterscheidung von größer dargestellten Personen im Vorder- und kleiner gezeichneten Personen im Hintergrund. Das Farbkonzept der Zeichnung gestaltet sich äußerst komplex. Neben der flächenmäßig dominierenden Farbe weiß, gemischt mit Gelb und Hellblau, dominieren kräftige Rot- und Rotbrauntöne das Bild, so zum Beispiel Oberteil und Schuhe der Person in der linken unteren Bildhälfte, Mütze, Rock und Schlittschuhe der Person in der linken oberen Bildecke oder auch der bereits erwähnte rote Mantel des Mädchens in der Mitte des Bildes. Daneben finden sich alle erdenklichen Farbtöne der Buntstiftpalette wieder: Ein kräftiges Grasgrün, komplementär dazu ein Orangeton, Dunkelblau, Dunkelgrau, Schwarz, Ocker, Beige, Gelb und Orange. Der auffällige Hell-Dunkel-Kontrast, hervorgerufen durch ein dunkles Braun am Horizont und die große, weiße Eisfläche, setzt die in kräftigen Farbtönen gestalteten Bildfiguren in Szene. Die Tatsache, dass die Eisfläche farblich gestaltet wurde und nicht der Einfachheit halber unbemalt blieb, obwohl das Weiß des Untergrundes ebenso das Weiß der Fläche wiedergeben könnte, ist vor allem mit Blick auf die Zeichnungen jüngeren Datums an dieser Stelle unbedingt hervorzuheben. Die Materialität des gefrorenen Wassers wird spürbar, das Kratzen der Schlittschuhkufen beinah hörbar. Besonders spannend erscheint hierbei auch die Kombination von Lokal- und Ausdrucksfarbe. Als Lokalfarbe wird diejenige Farbe bezeichnet, „welche dem Gegenstand zugeordnet wird bzw. (psychologisch gesehen) als Merkmal des Gegenstandes gespeichert worden ist.“77 Der Begriff der Ausdrucksfarbe bezeichnet hingegen die „emotional/affektiv[e] Qualität von Farben. Sie dient dabei der Ausdruckssteigerung auf dem Hintergrund einer persönlichkeitsbestimmten Farbwahl […].“78 Die Urheberin der vorliegenden Zeichnung erzielt aus der offensichtlichen Verknüpfung beider Farbphänomene, wenn auch nicht zwangsläufig bewusst, ein abwechslungsreiches Farbkonzept. Während die Figuren, vor allem ihre Kleidung, in relativ gegenstandsnahen Farben koloriert wurden, erhält insbesondere der Himmel eine eher ungewöhnliche Farbe in dunklem Braun. Auch die farbliche Gestaltung der Eisfläche, die sich aus Weiß, Gelb und Hellblau zusammensetzt, enthält ein beinahe künstlerisches Moment. Eine besondere Qualität dieser Zeichnung liegt auch in der Darstellung der menschlichen Bewegungen. Dieser Aspekt wird vor allem mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen, die im Rahmen dieses Vergleichs vorgestellt werden, von besonderer Bedeutung sein. Die Zeichnerin hat sich damit an eine Problematik herangewagt, die viele Kinder und Jugendliche vermeiden. Insbesondere gegen Ende der Kinderzeichnung ist der Anspruch an die eigene zeichnerische Fähigkeit so hoch, dass die tatsächlichen Fertigkeiten diesem nicht ausreichend gerecht werden können.79 Dies ist häufig einer der Gründe dafür, dass Jugendliche das Zeichnen aufgeben. Die Zeichnerin dieser bildnerischen Produktion hat ganz genau beobachtet, 77 Richter, Hans-Günther: Die Kinderzeichnung. Entwicklung, Interpretation, Ästhetik. Berlin: Cornelsen 1997. S. 89. 78 Ebd., S. 90. 79 Richter spricht vom Ende der Kinderzeichnung ungefähr ab dem 12./13. Lebensjahr, Vgl. ebd. 31 aufgenommen, analysiert und auf beeindruckende Weise zeichnerisch umgesetzt: Der Betrachter sieht eine Eiskunstläuferin, der Körper parallel zur Eisfläche, das rechte Bein gestreckt, die Arme in der Waage, ein Mädchen in rotem Rock mit im Lauf angewinkeltem Bein, eine liegende Person mit angewinkelten Beinen, die soeben gefallen zu sein scheint, und eine Person im Vordergrund, die ihre Arme den Fußspitzen entgegenstreckt. Die menschliche Gestalt wird in all ihren Facetten wiedergegeben. Jede Figur wird durch ein nur ihr zugeschriebenes Merkmal einzigartig, keine Figur gleicht der anderen. Richter sieht in der starken Konzentration auf die menschliche Gestalt und ihre Ausarbeitung ein ‚typisches‘ Merkmal dieser Entwicklungsphase.80 Die Unterscheidung von Mädchen und Jungen wird durch entsprechende Kleidung angedeutet, dennoch ist eine endgültige Geschlechtszuschreibung nicht möglich. Vielmehr scheint die menschliche Gestalt dazu genutzt zu werden, eine Geschichte zu erzählen, sie füllt diese Geschichte mit Leben. Abb. 2: Tanzunterricht, w 10, 1975, DIN A4 Eine ähnlich lebhafte Szene zeigt sich in Abbildung 2 mit dem Titel „Tanzunterricht“ aus dem Jahr 1975. Zu sehen sind fünf Personen im Vordergrund, drei Personen in der vordersten Reihe, zwei weitere eine Reihe dahinter, sowie eine weitere Person in der linkeren oberen Bildecke im Hintergrund. Vorder- und Hintergrund halbieren die Bildfläche relativ gleichmäßig. Während der Vordergrund als zentrale Bildelemente die fünf Personen hervorbringt (eine davon mit dem Gesicht frontal zum Betrachter gerichtet, vier weitere im Profil), finden sich im Hintergrund neben der auf einem Stuhl und vor einem Sekretär sitzenden Person (im Profil abgebildet) rechts davon ein Schrank mit geöffneter Tür, eine Bank, die über den rechten Bildrand hinausgeht, sowie diverse Kleidungsstücke im Schrank und an der Wand. Über der Garderobe, die oberhalb der Bank angebracht ist, befindet sich ein Bild mit floralem Muster. Außerdem sind zwei Deckenleuchten mit jeweils drei Glühbirnen, eine davon in der linken oberen Bildhälfte, eine weitere in der rechten oberen Bildhälfte, zu sehen. Es handelt sich hierbei um eine Wasserfarbmalerei. Die Bildkomposition konzentriert sich im Wesentlichen auf die fünf Personen im Vorder- bzw. Mittelgrund, die sowohl aufgrund ihrer Anordnung in der Bildmitte als auch durch ihre ein- 80 Vgl. ebd. 32 heitliche Farbgestaltung die Bildfläche dominieren. Die Bildelemente im Hintergrund reihen sich auf der Horizontlinie an der Wand entlang von der linken zur rechten Bildecke. Die flächenmäßig relativ gleiche Aufteilung in Vorder- und Hintergrund scheint nicht zufällig gewählt. Sowohl der Vordergrund mit den Tänzerinnen und Tänzern als zentrale Bildelemente als auch der Hintergrund, der wesentliche Elemente des Interieurs zeigt, tragen zur Nachvollziehbarkeit der dargestellten Szene und zu ihrer direkten Einordnung in einen bestimmten Kontext bei. Die Raumorganisation gestaltet sich dynamisch. Die Tanzlehrerin, obschon von den Schülerinnen und Schülern etwas abseits stehend, tritt mit ihnen durch ihre Bewegungsvorgabe in Beziehung. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Mädchen und Jungen die Bewegungen ihrer Lehrerin imitieren, die Gesichter sind dabei in Richtung Tanzpartner/in gewandt. Diese gemeinschaftliche Choreografie sorgt nicht nur für Lebhaftigkeit, sondern auch für ein einheitliches Bildelement, bestehend aus diesen fünf Personen, das für sich steht und auch ohne den bildlichen Kontext als Tanzgruppe erkennbar wäre. Flächentiefe erzeugt die Urheberin zum einen durch die Einteilung des Bildes in Vorder- und Hintergrund. Zum anderen durch den Versuch, die im Hintergrund befindlichen Bildgegenstände größenmäßig an die Bildfiguren im Vordergrund anzupassen. Dies gelingt weniger bei der Darstellung des Mobiliars, dafür jedoch umso besser hinsichtlich der in der linken Bildecke sitzenden Person. Die farbliche Gestaltung dieser Malerei bringt drei Hauptfarben hervor: ein lasierend aufgetragenes Gelbgrün, ein kräftiges Rotbraun sowie ein zartes Beigegrün. Dazu gesellen sich Farbakzente vor allem im Hintergrund in den Grundfarben Blau, Rot und Gelb. Die starke Blickführung zu der Tanzgruppe hin wird nicht zuletzt durch einen Komplementärkontrast, bestehend aus der grünen Kleidung der Tanzlehrerin sowie ihrer Schülerinnen und Schüler und dem rot-braun kolorierten Boden, hervorgerufen. Die Liebe zum Detail zeigt sich auch hier nicht zuletzt in der genauen Beobachtung von Materialität. Durch einen unterschiedlich dicken und in Linien verlaufenden Farbauftrag ist der Boden klar als Holzboden erkennbar. Ähnlich präzise gestaltet sich die Darstellung der Holzbank im Hintergrund. Statt eine Fläche mit vier Beinen darzustellen, scheint auf eine originalgetreue Umsetzung Wert gelegt worden zu sein, die die Bank mit einem langen Mittelsteg und mehreren kurzen Stützstreben zeigt. Stärker als in der vorherigen Zeichnung wird bei dieser auf die Unterscheidung von weiblichen und männlichen Personen Wert gelegt. Die Rolle von Mädchen und Jungen scheint aus Sicht der Zeichnerin für das Motiv des Tanzens bedeutsam gewesen zu sein. Die Lehrerin ist im Vergleich zu den Jungen und Mädchen größer dargestellt, trägt mittellanges, braunes Haar, eine Kette mit einem Anhänger und ein Kleid in derselben Form und Farbe wie die Kleider der Mädchen. Über die Bedeutung der Größe von Bildfiguren schreibt Schuster: „Wer größer ist, ist für das Kind älter und mächtiger, eben erwachsen. Also ist die Größe eine aus der unmittelbaren Entwicklungserfahrung heraus verständliche Visualisierung der Macht.“81 Dieses Phänomen kann auch mit dem Begriff der Bedeutungsgröße beschrieben werden.82 Die Macht, die von 81 Schuster, Martin: Kinderzeichnungen: Wie sie entstehen, was sie bedeuten. München: Ernst Reinhardt, 2001. S. 115. 82 Vgl. ebd. 33 der erwachsenen Person in Abbildung 2 ausgeht, scheint von der Urheberin nicht negativ bewertet zu werden. Im Gegenteil deutet der freundliche Gesichtsausdruck aller Bildfiguren auf eine positive Bewertung der Situation durch die Urheberin hin. Neben der Körpergröße weist auch die stärkere Betonung des Dekolletés auf einen größeren Altersunterschied zwischen der Lehrerin und den Schülerinnen hin. Die Mädchen haben langes, hell- bis dunkelbraunes Haar, das bei beiden von einer roten Schleife zusammengehalten wird. Ihr Mund ist ebenfalls in einem kräftigen Rot koloriert. Die beiden Jungen, die den lächelnden Mädchen gegenüberstehen, tragen deutlich kürzeres, wenn auch nicht ganz kurzes hell- bzw. dunkelbraunes Haar und passend zu der Kleidung der Mädchen ein grünes Oberteil und eine grüne Hose. An der Garderobe im Hintergrund hängen mehrere Kleidungsstücke, darunter ein Oberteil mit Hose sowie ein Kleid. Vor der Bank stehen zwei Paar braune und schwarze Absatzschuhe. Die Kleidung scheint für die Darstellung der Tanzszene bedeutsam gewesen zu sein. Das Motiv verlangt in gewissem Maße auch danach. Die Kleider, die Frisuren, die Absatzschuhe – all das scheint einen gewissen Reiz ausgemacht zu haben, den viele Mädchen, dies ging aus Forschungsgesprächen mit Vertreterinnen dieser Generation (geb. ab 1950) hervor, verspürt haben und der nicht zuletzt auch durch die eleganten und graziösen Vorbilder aus dem Fernsehen ausgelöst wurde. Gleichzeitig bietet diese Bildszene so viel mehr als die Faszination am Tanzen selbst – sie scheint den Fokus auf eine ganz bestimmte Atmosphäre lenken zu wollen, eine Atmosphäre, in der sich das Mädchen wohl gefühlt hat (die freundlich lächelnden Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer vermitteln ein positive Stimmung). Der Betrachter hat das Gefühl, im Tanzsaal anwesend zu sein, vielleicht ein Eltern- oder Geschwisterteil, ein Freund oder eine Freundin. Es wirkt ganz so, als habe die Malerin erzählen wollen, was sie in der letzten Tanzstunde erlebt, was sie gelernt hat. Anders als in Abbildung 1 ruft nicht zuletzt der geschlossene, geschützte Raum des Tanzsaals eine intime Atmosphäre hervor, zu der nicht jede/jeder automatisch Zutritt hat. Erst durch die Malerei erlaubt die Urheberin einen ganz persönlichen Einblick in ihren Alltag. Abb. 3: Hochzeit, w 10, 1972 Abbildung 3 stammt von einem 10-jährigen Mädchen aus dem Jahr 1972. Sie stellt eine Hochzeitsgesellschaft dar, bestehend aus 18 Personen, zwei davon sind Braut und Bräutigam. Die Zeichnung ist deutlich in Vorder-, Mittel- und Hintergrund eingeteilt. Der Vordergrund 34 besteht aus einem schmalen, hellen Streifen, der am unteren Bildrand entlangläuft und auf dem sich das Brautpaar gemeinsam mit einem Mädchen befindet, das den Schleier der Braut trägt. Die übrigen Personen stehen am Rand des hellen Streifens, teilweise aber auch auf der grünen Fläche im Mittelgrund. Dieser setzt sich in Form und Farbe deutlich vom Hintergrund ab, läuft diagonal von der linken unteren Bildecke ungefähr zur rechten oberen, wobei die Fläche im oberen Teil angeschnitten wird und über den Bildrand hinausläuft. Der Hintergrund bildet die Form betreffend das Gegenstück zum Mittelgrund. Die Bildkomposition der vorliegenden Filzstiftzeichnung gestaltet sich äußerst komplex, lenkt den Blick des Betrachters trotz der hohen Anzahl an Personen direkt auf das Brautpaar, das sich in der Mitte der Bildfläche befindet und als solches zentraler Bildgegenstand ist. ‚Liest‘ man die vorliegende Zeichnung von links nach rechts – das ungewöhnlich lange Format unterstützt die ‚Leserichtung‘ – so finden sich links vom Brautpaar zehn Hochzeitgäste, vermutlich drei Frauen, fünf Männer und zwei Mädchen; rechts vom Brautpaar auf der Wiese stehen zwei Frauen, ein Mann und zwei Kinder. Den Schleier der Braut trägt ein blondes Mädchen mit langem Haar. In der rechten oberen Bildecke kommt ein Teil eines Dorfes zum Vorschein, in dessen Mitte sich eine auffällig große Kirche befindet, die als solche aufgrund ihrer sakralen Architekturmerkmale, der farbigen Kirchenfenster und eines Kreuzes über dem Hauptportal zu identifizieren ist. Ein besonders auffälliges Bildelement ist die große, gelbe Sonne am blauen Himmel, die über den Köpfen des Brautpaars und seiner Gäste scheint. Die Raumorganisation zeichnet sich vor allem durch die aufwändige Darstellung von Flächentiefe aus, die mit Blick auf das Alter der Urheberin außergewöhnlich differenziert erscheint. Sowohl das Brautpaar als auch die Gäste am Wegrand sind ungefähr so groß wie der Bildträger. Die Hochzeitsgäste im Mittelgrund sind ähnlich groß wie die Figuren im Vordergrund. Die Häuser des im Hintergrund liegenden Dorfes hingegen sind deutlich kleiner dargestellt. Die Hochzeitsgesellschaft muss demnach einen längeren Fußweg von der Kirche bis hin zu der Stelle, wo sie sich nun auf dem Bild befindet, zurückgelegt haben. Sie steht auf dem Wegstreifen, der direkt zur Dorfkirche führt. Die Farbigkeit der Filzstiftzeichnung gestaltet sich äußerst vielfältig. Besonders auffällig, da flächenmäßig am größten, sind die grüne Wiese und der blaue Himmel. Hinzu kommen alle erdenklichen Farben wie Gelb, Orange, Rot, Rosa, Pink, Hell- und Dunkelgrau, Schwarz und ein hoher Weiß- bzw. Beigeanteil. Aus der Farbkombination ergibt sich eine farbenfrohe Zeichnung, die den festlich-fröhlichen Anlass unterstreicht. Die vorliegende Zeichnung beeindruckt ebenso wie die vorangegangen Zeichnungen durch eine enorme Beobachtungsgabe. Mit Blick auf die Merkmale von Mädchenzeichnungen im historischen Vergleich wird auch an dieser Stelle ein besonderes Augenmerk auf die Darstellung der menschlichen Gestalt gelegt. Trotz der vielen Hochzeitsgäste und deren differenzierter Ausformulierung wird augenblicklich deutlich, welches Bildelement im Vordergrund steht: das Brautpaar. Seiner Darstellung scheint eine besondere Gewichtung durch die Urheberin zugrunde zu liegen. Nicht nur die Anordnung auf der Bildfläche ist dafür entscheidend, sondern auch und vor allem die Größe der Bildfiguren im Vergleich zu den übrigen Bildelementen. Die Braut mit ihrem auffallend weißen Kleid und dem langem Schleier, die die gesamte Fläche von der Bildmitte bis zur 35 rechten Bildecke einnimmt, dominiert die rechte Bildhälfte. Das Hauptaugenmerk liegt demnach unweigerlich auf der Braut. Auch in diesem Fall kann mit großer Sicherheit davon ausgegangen, dass der Braut in den Augen der Urheberin eine besonders große Bedeutung zukommt, deswegen folglich mehr Platz auf der Bildfläche einnimmt als andere Figuren (Bedeutungsgröße). Der Bräutigam ist als solcher an der Seite der Braut aufgrund seiner Garderobe inklusive eines Zylinders eindeutig als solcher zu erkennen, scheint jedoch für die Darstellung weniger wichtig zu sein. Er befindet sich vom Betrachter aus gesehen hinter der Braut, zu sehen sind lediglich sein Gesicht im Profil sowie ein Teil seines Oberkörpers. Die Braut hingegen sticht in den Farben Weiß und Rosa hervor. Haare, Umrisse des Kleides und Teile des Musters auf ihrem Schleier sind rosa; ihr Gesicht, das Kleid selbst und der Schleier sind weiß, wobei der Schleier neben den rosafarbenen Punkten eine graue Netzstruktur aufweist. Die Materialität des Schleiers setzt sich dadurch deutlich von der des Kleides ab. Gemeinsam mit dem Mädchen, das ihn trägt, ergibt sich ein einheitliches, einen großen Teil der Bildfläche einnehmendes Bildelement. Es ist bereits angeklungen, dass die Ausformulierung der Bildfiguren in dieser Zeichnung einmal mehr auf eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe zurückzuführen ist. Jede einzelne der 18 Bildfiguren zeichnet sich durch ihre ganz eigenen Charakteristika aus. Keine Frisur gleicht der anderen, kein Kleidungsstück findet sich zweimal; es sei denn, die Dopplung erfüllt einen bestimmten Zweck, wie beispielsweise bei der Kleiderwahl der Braut und des Mädchens, das ihren Schleier trägt, oder bei den beiden Damen im Hintergrund, deren schwarz-weiß gestreiften Kleider mit Schürze der Garderobe einer Magd gleichen. Die Gestaltung der Bildfiguren erfolgte hoch differenziert, durchdacht, klug und mit einer beeindruckenden Geduld und Ausdauer. Der Darstellung der menschlichen Gestalt liegt ein immenser Detailreichtum zugrunde. Die Zeichnerin hat sich nicht davor gescheut, sie in all ihren Facetten wiederzugeben. Obschon die Braut für diese Zeichnung besonders wichtig zu sein scheint, ist die Ausformulierung der übrigen Bildfiguren nicht weniger differenziert. Im Gegenteil: Jede von ihnen steht für sich, verkörpert ein bestimmtes Geschlecht, Alter, eine bestimmte berufliche Funktion, transportiert eine bestimmte Emotion (besonders sichtbar bei der Dame im schwarzen Kleid und mit grauem Haar in der linken Bildecke). Es sind die unterschiedlichsten Charaktere, die der Hochzeit beiwohnen. Der Mensch wird hier als Individuum begriffen, als ein Wesen, das sich durch die unterschiedlichsten inneren wie äußeren Merkmale von anderen unterscheidet. Diese Tatsache ist mit Blick auf die Zeichnungen aus den Jahren 2003 und 2004 ebenso wie auf die bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel besonders hervorzuheben. Ebenso beeindruckend erscheint die Gestaltung des Hintergrundes, der als Bühne für die Hochzeitsszenerie gesehen werden kann. Durch die Wegführung hin zur Dorfkirche ist er außerdem unmittelbar mit dem Vordergrund verbunden, er erfüllt einen ganz bestimmten Zweck. Er trägt zur Erzählung und Nachvollziehbarkeit der Geschichte bei. Er dient der Erklärung dieser Geschichte, macht deutlich, wo die Geschichte begonnen hat (in der Kirche) und wo sie nun fortgeführt oder beendet wird. Im Gegensatz zu den bereits vorgestellten bildnerischen Produktionen ist in dieser Zeichnung ein deutlich medialer Einfluss erkennbar, der aufgrund eines Hinweises durch die Urheberin als solcher konkret benannt werden kann. Der Kleiderstil der Bildfiguren ist von amerikani- 36 schen Fernsehserien wie Bonanza beeinflusst. Bei Bonanza handelt es sich um eine US-amerikanische Serie aus den 1960er Jahren, die im Western-Milieu der 1860er Jahre spielt. Besonders augenfällig erscheinen dabei die langen, hoch geschlossenen Kleider der Frauen, häufig in Kombination mit einer weißen, ab der Taille beginnenden Schürze, und bei den Männern dichte Bärte und Kopfbedeckung, nicht selten in Form eines Zylinders. Ob es sich bei dem Bildmotiv um eine konkrete Filmszene oder um eine frei erfundene handelt, ist nicht klar. Aus Gesprächen mit Vertreterinnen dieser Generation geht hervor, dass Bilder, die über das Fernsehen transportiert wurden, nicht selten Einfluss nahmen auf die Motivgestaltung von Kinder- und Jugendzeichnungen, vor allem auch mit Blick auf modische Vorbilder. Die Einführung des Farbfernsehens (in der BRD im Jahr 1967, in der ehemaligen DDR 1969) spielte dabei sicherlich eine nicht unwesentliche Rolle, wobei Farbfernsehgeräte aus finanziellen Gründen zu dieser Zeit noch längst nicht für jedermann zugänglich waren. Die vorliegende Zeichnung ist folglich zum einen ein Beispiel dafür, dass Medien, vor allem das Fernsehen, auch schon in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ganz allgemein Einfluss auf Kinder- und Jugendzeichnungen genommen haben. Gleichzeitig ist dieser Einfluss aufgrund der nur sehr begrenzten Zugangsmöglichkeiten und der weniger starken Präsenz im Alltag der Kinder- und Jugendlichen deutlich geringer und deswegen möglicherweise auch weniger deutlich in bildnerischen Produktionen dieser Zeit erkennbar. Zudem gibt dieses Bildbeispiel konkrete Hinweise darauf, dass das Fernsehen in seiner Funktion als Transporteur für modische Vorbilder schon damals nicht zu unterschätzen war. Die Tatsache, dass die Motivwahl in der vorliegenden Zeichnung von US-amerikanischen Serien beeinflusst war, macht nicht zuletzt auch die Begeisterung für das Fremde, die Faszination für das, was nicht gewöhnlich, nicht heimisch ist, deutlich. Die Realisierung des Motivs auf der Bildfläche kann so als eine Form des Wünschens verstanden werden.83 Abbildung 4 zeigt ebenfalls eine Hochzeitsszene, ein „Tanzendes Brautpaar“, das von einem achtjährigen Mädchen im Jahr 1976 gezeichnet wurde und sich nicht nur aufgrund des Altersunterschiedes zur vorherigen Zeichnerin, sondern auch mit Blick auf Technik, Kontext und die Art und Weise der Darstellung von der vorangegangenen bildnerischen Produktion in vielerlei Hinsicht unterscheidet. Es handelt sich hierbei um eine Kombination aus Tuschezeichnung und Wasserfarbmalerei. Die Komposition des Bildes beinhaltet als zentralen Bildgegenstand das relativ mittig am unteren Bildrand platzierte, tanzende Brautpaar bestehend aus einer Frau zur linken und einem Mann zur rechten Seite (Vordergrund). Oberhalb des Brautpaares, ungefähr auf Kopfhöhe beider Bildfiguren, zieht sich von der linken zur rechten Bildecke bogenförmig eine Häuserreihe bestehend aus fünf unterschiedlich großen Häusern (Hintergrund). Über den Dächern der Häuser zieren blaue Wolken den Himmel. Die Fläche von Vorder- und Hintergrund steht ungefähr im Verhältnis 2:1. Umrahmt wird diese Szenerie von einer Kombination aus schwarzen, mit Tusche gezeichneten Blüten und zarten Schraffuren. 83 Vgl. Ströter-Bender, Jutta: „Masters of the Universe“ 1985–1986 (MoTu). In: Kirchner, Constanze (u. a.) (Hrsg.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Ko paed 2010. 37 Der Bildraum wird eingenommen durch das tanzende Brautpaar, das sich dem Betrachter einander anblickend und händehaltend im Profil präsentiert. Seine Bedeutung für die Zeichnung wird nicht zuletzt durch seine enorme Größe im Vergleich zu den umliegenden Häusern unterstrichen. Gleichzeitig kann nicht von einer klaren Trennung von Vorder- und Hintergrund gesprochen werden, und nicht zuletzt in dieser Tatsache liegt das außerordentlich künstlerische Moment dieser Zeichnung begründet: Farben, Formen und Bewegungen, vor allem die in die Luft gehobenen Arme des Brautpaars, die einen Kreis bilden, verschmelzen mit dem Hintergrund. Das Brautpaar präsentiert sich in wallender Kleidung, die Braut schmückt ein pompöses Kleid in Rot- und Violetttönen, mit floralen Elementen und fließendem Stoff. Alles scheint in Bewegung geraten zu sein, nichts bleibt unberührt von dieser unbändigen Dynamik, von der kindlichen Expressivität, der grenzenlosen Energie. Was sich auf zwischenmenschlicher Ebene hier in besonderem Maße zeigt, ist die unaufhaltsame Freude am Miteinander. Die vorliegende Zeichnung präsentiert sich ähnlich farbenfroh wie die vorangegangen bildnerischen Produktionen, erscheint jedoch gleichzeitig in der Auswahl der Farben impulsiver, weniger überlegt. Vielmehr scheinen die Farben Ausdruck einer bestimmten Stimmung zu sein, Transporteure konkreter Emotionen (vgl. Ausdrucksfarbe nach Richter).84 Ehrenzweig, den Kläger in seinem Werk zur Kinderzeichnung zitiert, beschreibt dieses Phänomen als Stimulation „tiefere[r] seelische[r] Schichten“.85 Ein Grund dafür ist sicherlich der Altersunterschied zwischen den Zeichnerinnen, der nicht zuletzt mit veränderten Vorstellungen, Ansprüchen und Intentionen an eine Zeichnung einhergeht. 84 Vgl. Richter 1997. 85 Kläger, Max: Phänomen Kinderzeichnung. Baltmannsweiler: Pädagogischer Verlag Burgbücherei Schneider, 1989. S. 14. Abb. 4: Tanzendes Brautpaar, w 8, 1976, 20 x 20 cm 38 Kräftige Orangerot-, Pink- und Violetttöne dominieren das Bildgeschehen. Dazwischen mischen sich kräftiges Gelb und Blau. Alles fließt wässrig ineinander, Blau mischt sich mit Rot, letzteres mit Gelb. Die schwarzen Tuschekonturen geben den Bildgegenständen ihre Form, verzieren sie mal mit zackigen, mal mit fließenden Linien. Diese bildnerische Produktion transportiert die positivsten aller menschlichen Gefühle: die Freude am Leben, die Liebe, den Frieden, die Unbeschwertheit. Es steckt so viel kindlicher Leichtsinn in dieser Zeichnung, so viel kindliche Fantasie, so viel Frohsinn, wie es kein Erwachsener empfinden, kein Erwachsener zu übermitteln vermag. Schönemann beschreibt die Bildwirkung wie folgt: „Ein Tanz der Freude und Liebe, denn ein Flor von Herzen schwebt über dem Schleier des tanzenden Mädchens. Die wundersame Architektur auf dem Platz, Häuser mit orientalischen Kuppeln, mit schwebendem Dekor verführen in eine wunderbare Zauberwelt“.86 Diese bildnerische Produktion scheint geradezu ein Paradebeispiel für den Blick auf die Welt durch die Augen eines Kindes zu sein. Das Motiv des Hochzeitspaars ist eigentlich ein so bodenständiges, wird hier jedoch in einen beinah surrealen Kontext gesetzt. Dem Betrachter präsentiert sich eine Welt, wie sie nur im Kopf eines Kindes existieren, wie sie nur ein Kind wahrnehmen und zu Papier bringen kann. Abb. 5: Schneeweißchen und Rosenrot, w 10, 1974, DIN A3 Abbildung 5 mit dem Titel „Schneeweißchen und Rosenrot“ wurde von einem 10-jährigen Mädchen im Jahr 1974 gemalt. Es handelt sich um eine Wasserfarbmalerei. Ebenso wie bei den bereits vorgestellten Mädchenzeichnungen steht die menschliche Figur im Mittelpunkt der Bildkomposition. Zu sehen sind drei Personen, zwei Mädchen (links und rechts) und ein Junge (in der Mitte), die den Betrachter frontal anblicken, lächelnd. Das vom Betrachter aus zur linken Seite des jungen Mannes stehende Mädchen trägt braunrotes, lockiges Haar mit einer blauen Schleife, auffällig roten Lippenstift sowie ein überwiegend weißes Kleid mit blauen Applikationen. Auch ihre Augen sind blau. Sie steht etwas abseits, hält dennoch die Hand des Jungen, der seinerseits die Hand des auf der rechten Seite stehen- 86 Schönemann, Herbert: Bilder vom Menschen. In: Kinderkunst e. V. Erfurt (Hrsg.): Kinderkunst. Dr.-Birgit-Dettke- Archiv. Weimar: 2003. S. 64. 39 den Mädchens hält. Sie stehen einander näher zugewandt. Der Junge trägt eine Krone, mittellanges, braunrotes Haar, einen schwarzen Frack mit weißem Hemd darunter, eine grüne, bis zum Knie reichende Ballonhose, weiße Kniestrümpfe und schwarze Schuhe. Das Mädchen auf der rechten Seite fällt besonders durch ihr langes, blondes Haar auf. Ebenso wie das andere Mädchen hat sie blaue Augen und tiefrote Lippen. Ihr Kleid ist rosa, Kragen, Verzierungen und Rüschen hellblau. Gemeinsam bilden die drei Bildfiguren eine Art Kette. Mittel- und Hintergrund der Malerei sind in Grüntönen gehalten, rote Tupfen stechen hervor. Den Hintergrund schmücken drei Bäume in der linkeren oberen Bildhälfte sowie ein einzelner Baum mit rot-grünem Blattwerk in der rechten oberen Bildecke. Ein Himmel ist in Form eines kurzen, blauen Streifens angedeutet, der sich über die Köpfe der Bildfiguren erstreckt. Vor allem mit Blick auf das Alter der Urheberin und ihrer bildnerischen Entwicklungsstufe erscheint die (gedankliche) Erweiterung der Bildfläche in Form angeschnittener Bildelemente (Bäume) zur linken und rechten Seite außergewöhnlich. Dieses Stilmittel erzeugt eine Spannung innerhalb der Bildkomposition und verdeutlicht gleichzeitig, dass sich die Urheberin aus dem kindlichen Verständnis der Bildfläche als geschlossene Einheit bereits gelöst hat. Die Farben sind kräftig, leuchtend: Grün in all seinen Facetten, Rot, Blau, Gelb, Rosa und Weiß bringt diese Zeichnung hervor. Dominiert wird das Farbkonzept insgesamt von der auch flächenmäßig dominierenden grünen Farbigkeit des Hintergrundes. Im Vordergrund bilden die beiden Mädchen nicht nur aufgrund ihrer Anordnung, sondern auch farblich einen Rahmen, der den jungen Prinzen in der Mitte umschließt. Räumliche Wirkung erzielt die vorliegende Malerei durch ihre deutliche Einteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Den Vordergrund dominieren die drei Bildfiguren aufgrund ihrer Größe und auffälligen Farbigkeit. Der in grünen Farbflächen kolorierte Mittelgrund verliert seine Farbigkeit zum Hintergrund hin und macht Platz für den Horizont. Diese bildnerische Produktion stellt im Rahmen dieser Untersuchung ein besonders spannendes Bildbeispiel aufgrund seiner Motivik dar. Die Thematisierung von Märchen in Kinderund Jugendzeichnungen ist für Zeichnungen älteren Datums durchaus typisch, nimmt jedoch bei Zeichnungen jüngeren Datums zunehmend ab.87 Allenfalls Szenen aus den berühmten Disney-Darstellungen, wie von Cinderella, Die Schöne und das Biest oder Die Eiskönigin finden in Kinderzeichnungen aus dem Zeitalter der sogenannten neuen Medien noch Platz. Vor allem Malbücher mit Motiven der Disney-Figuren, wie sie in den Spielwarenabteilungen für Mädchen zu finden sind, dienen als Grundlage dieser Zeichnungen. Die Malerin dieser bildnerischen Produktion hingegen scheint das Märchen um Schneeweißchen und Rosenrot bestens zu kennen. Wer das Märchen kennt, wird die Szene sofort als jene identifizieren, in der sich der Bär in den Königssohn verwandelt. Das braune Bärenfell, das er bei der Verwandlung verliert, liegt zu seinen Füßen. Das Motiv der Verwandlung, der Prozess, ist ausschlaggebend für die dynamische Bildkomposition. Gleichzeitig geht mit der Transformation eine positive Bildwirkung einher: Der Bär wird zum guten Prinzen. Die Geschichte findet ihr Happy End. 87 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 40 Auch das Setting, der Wald, den die Urheberin in Grün-, Braun- und Rottönen als solchen wiederzugeben versucht, ist für die Szene und das Märchen allgemein von großer Bedeutung, sind Schneeweißchen und Rosenrot doch nicht zuletzt aufgrund ihrer Namen eng mit der Natur verwurzelt. Die Beziehung der Figuren zueinander wird durch die Position der Bildfiguren deutlich. Der Prinz und Schneeweißchen stehen enger beieinander als der Prinz und Rosenrot, denn es ist Schneeweißchen, die den Prinzen zum Mann nehmen wird. Ihre Schwester heiratet in der Grimm’schen Erzählung dessen Bruder. Dennoch, und auch das ist für das Beziehungsgefüge wesentlich, bilden die Bildfiguren eine Einheit, die sicherlich nicht zuletzt durch die harmonische Beziehung zwischen den Schwestern getragen wird; ganz im Gegensatz zu vielen anderen Zwei-Schwestern-Märchen, in denen die Schwestern in Konkurrenz zueinander stehen (so zum Beispiel bei Frau Holle). Diese zwischenmenschliche Harmonie wird durch die freundlichen Gesichtsausdrücke der Bildfiguren in Form lächelnder Münder unterstrichen. Ein Blick auf die Kleidung der Figuren, vor allem auf die von Schneeweißchen und Rosenrot, spiegelt eine nicht zu unterschätzende Faszination der Urheberin für das äußere Erscheinungsbild der Protagonistinnen wider. Schneeweißchen und Rosenrot, die zwei guten und schönen Schwestern, präsentieren sich in auffallend pompösen Prinzessinnenkleidern, ganz so, wie man sich in kindlicher Fantasie eine Prinzessin gemeinhin vorstellt. Vor allem Schneeweißchen scheint der stereotypen Vorstellung von einer Prinzessin mit blondem, langem, glänzendem Haar und einem voluminösen, aufwändig verzierten rosafarbenen Kleid nahe zu kommen. Die großen blauen Augen mit den langen Wimpern und die roten, sanft geschwungenen Lippen runden dieses Bild einer märchenhaften Prinzessin ab. Doch auch der Königssohn präsentiert sich in feiner Garderobe, bei der viel Wert auf Details gelegt wurde. Er bildet nicht zuletzt durch die große Krone den Bildmittelpunkt. Der Begriff des Wünschens, dem Ströter-Bender im Zuge ihrer Forschungen zur Kinderzeichnung eine besondere Qualität beimisst, scheint bei der Darstellung von Märchen eine besonders bedeutende Rolle zu spielen. Die Faszination, die nur Märchen auslösen können, weil sie dem irdischen Leben gleichzeitig so fern und der Fantasie des Kindes doch so nah sind, ist zumeist eng an den Wunsch geknüpft, Teil der Geschichte zu sein. Möglicherweise besteht sogar der Wunsch darin, eine ganz bestimmte Figur, zum Beispiel die Prinzessin, zu sein oder gar die Märchenfiguren vom Blatt Papier in das eigene Kinderzimmer zu holen. In einer Zeit, in der Disneys Darstellungen von Cinderella noch nicht die Kinderzimmer eroberten, entstanden Malereien wie diese, die das Märchen in all seiner Komplexität und Fülle, mit allem, was die Geschichte auszeichnete, mit allem, was sie zu transportieren versuchte, zu erfassen vermochten. Abschließend folgt nun die Analyse einer Wasserfarbmalerei eines 10-jährigen Mädchens mit dem Titel „Bunte Kostüme“ aus dem Jahr 1974. Zu sehen sind vier Personen, die sich auf einer imaginären Linie in der unteren Bildhälfte vom linken zum rechten Bildrand an den Händen halten. Die Fläche um die Bildfiguren herum schmücken unterschiedlich kolorierte Farbkleckse in Punkt- oder Linienform. Zentrale Bildgegenstände dieser Komposition sind die vier beschriebenen Figuren, wobei der Blick des Betrachters zunächst auf die beiden Bildfiguren in der Mitte – ein Mädchen 41 und ein Junge – gelenkt wird. Die beiden übrigen Figuren sind Teil dieser ‚Viererkette‘, scheinen jedoch aufgrund ihrer Positionierung im Raum nicht die Hauptrolle zu spielen. Die Position der Figuren innerhalb der Bildfläche ist nicht klar definierbar, da hier nicht im klassischen Sinne von Vorder-, Mittel- oder Hintergrund gesprochen werden kann. Im Gegensatz zu den bereits vorgestellten bildnerischen Produktionen gestaltet sich diese mit Blick auf die Raumorganisation relativ einfach. Es ist bereits angeklungen, dass eine Einteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund nicht vorgenommen werden kann. Der Wegfall dieser Raumkoordinaten sorgt dafür, dass keine Flächentiefe entstehen beziehungsweise definiert werden kann. Die Bildfiguren scheinen im Raum zu schweben. Dieser Eindruck wird nicht zuletzt durch die willkürlich auf der Bildfläche platzierten Farbakzente, die Luftschlangen und Konfetti gleichen, verstärkt. Die Bildfiguren selbst, aber auch die Fläche, die sie umgibt, sind Teil eines prächtigen Farbenmeers. Neben kräftigen Rot-Orange-Tönen sowie größeren Flächen in Braun und Schwarz sind farbenfrohe Akzente in Gelb, Grün, Blau und Weiß gesetzt. Die Bildfläche ist nicht vollständig koloriert. Zwischen den Farbakzenten sind größere Weißflächen erkennbar, teilweise als solche koloriert, teilweise in Form der weißen Farbe des Bildträgers. Vor allem wegen der erläuterten Beobachtungen zur Raumorganisation erscheint diese bildnerische Produktion im direkten Vergleich zu den vorangegangenen Zeichnungen noch sehr kindlich, wobei an dieser Stelle darauf hingewiesen sei, dass einige der vorgestellten bildnerischen Produktionen in ihrer Bildsprache weit über dem Durchschnitt liegen. Insbesondere das Thema der Raumtiefe gilt nach Richter als ein Merkmal der Auflösung des sogenannten Schemabildes ab dem 12. und 13. Lebensjahr.88 Gleichzeitig scheint die Erzeugung von Raumtiefe, die Einteilung in Vorder- und Hintergrund für diese Malerei nicht von besonderer Wichtigkeit gewesen zu sein. Die Stimmung, die das Bild vermitteln soll, die Freude am Feiern, Verkleiden, Tanzen und Beisammensein, steht im Vordergrund. Die Schmückung der Bildfläche mit farbigen Punkten und Kringeln ist der Szene Raum genug. Möglicherweise ist es auch das, was die Urheberin von ihrer letzten 88 Vgl. Richter 1997. Abb. 6: Bunte Kostüme, w 10, 1974, DIN A3 42 Karnevals- oder Faschingsfeier in Erinnerung behalten hat, was das Fest für sie so bedeutsam machte. Die Bildfiguren, der Clown, die Prinzessin, der Junge in dunkler Kleidung mit Zylinder sowie die Katze, transportieren diese Freude über ihren Gesichtsausdruck. Sie blicken den Betrachter alle vier frontal, lächelnd an. Die Ausarbeitung der einzelnen Bildfiguren unterscheidet sich nur geringfügig. Am wenigsten detailliert präsentiert sich das Kostüm des Jungen in dunkler Garderobe und Zylinder, der vom Betrachter aus gesehen rechts vom Mädchen im Prinzessinnenkostüm steht. Die Kostüme des Clowns zur linken Seite, der Prinzessin und der Katze am rechten Bildrand sind problemlos als solche zu identifizieren. Der Clown trägt ein besonders farbenfrohes Kostüm in Gelb und Grün, einen gelben Hut sowie auffällig rot geschminkte Augen und Lippen. Die Prinzessin fällt durch ihr voluminöses Kleid in Blau, Weiß und Rot auf. Die blaue Bluse mit weißem Kragen betont die schmale Taille. Der Rock, der aus einem Über- und einem Unterrock besteht, ist mit schwarz-weißen Applikationen verziert. Ungewöhnlich für das Kostüm scheint der orangefarbene Hut. Die Katze trägt einen schwarzen Ganzkörperanzug und eine ebenso schwarze Kopfbedeckung mit spitzen Ohren sowie schwarze Schnurrbarthaare auf der Nase. Obschon nicht mittig platziert und nicht wesentlich differenzierter ausgearbeitet als die soeben vorgestellten Bildfiguren, nimmt das Mädchen im Prinzessinnenkostüm dennoch eine besondere Stellung innerhalb der Gruppe ein. Nur sie trägt die Farben Rot, Blau und Weiß. Das kräftige Weiß ihres Unterrocks zieht den Blick des Betrachters auf sich. Von dieser Beobachtung ausgehend, wirken die übrigen Bildfiguren wie der Hofstaat der Prinzessin. Obschon sich hinter dem Motiv der Prinzessin ein altbekannter Wunschtraum nach Schönheit, Reichtum und Erfolg zu verbergen vermag, der Ursprung einer generationsübergreifenden Faszination ist, scheint dieser Gedanke nicht im Mittelpunkt dieses Bildmotivs zu stehen. Ähnlich wie bei der vorangegangenen Zeichnung mit tanzendem Brautpaar ergibt sich aus der Dynamik dieser bildnerischen Produktion, die in diesem Fall nicht in erster Linie von den Bildfiguren, sondern von der farbigen Gestaltung des Hintergrundes ausgeht, eine lebendige und heitere Bildszene, wie sie nur ein Kind auf diese Weise zu vermitteln vermag. 3.2 Mädchenzeichnungen aus den Jahren 2002 und 2003 Die folgenden bildnerischen Produktionen stammen von zwei Mädchen, Miriam und Anna (beide Jahrgang 1988), und sind eine Auswahl von insgesamt 70 Zeichnungen dieser Art. Es handelt es sich nun, 30 bis 40 Jahre später, um Modezeichnungen, die beide Urheberinnen unabhängig voneinander im Alter zwischen 13 bis 15 Jahren angefertigt haben. Die Generation der späten 80er bis frühen 90er Jahrgänge des vergangenen Jahrhunderts stellt in der aktuellen Kinder- und Jugendzeichnungsforschung eine besonders wertvolle Quelle für bildnerische Produktionen dar. Kindheit und Jugend dieser Geburtenjahrgänge waren in Deutschland weitestgehend geprägt von medialen Phänomenen wie Jugendzeitschriften (wie z. B. Bravo, Girl oder Mädchen), CDs oder vom Fernsehen – und erst spät von Handy oder Internet. 43 Diese Generation erinnert sich noch an das erste eigene Handy in der Größe eines Walkie-Talkies, das nur in Notfällen genutzt werden durfte. Außerdem an ein Modem, das dem/der Nutzer/in wertvolle Minuten im Internet schenkte und gleichzeitig die Telefonleitungen im ganzen Haus blockierte. Smartphones zu jeder Tages- und Nachtzeit, in jeder möglichen und unmöglichen Lebenssituation, eine 24-Stunden-Präsenz auf Seiten wie Facebook, Instagram und Youtube bestimmen die Freizeitgestaltung vieler Kinder und Jugendlicher heute. In den vergangenen 40 Jahren hat sich viel verändert. Nicht nur der Umgang mit Medien, die Freizeitaktivitäten und Interessen von Kindern und Jugendlichen haben sich verändert. Normen und Werte, die das eigene Leben, die eigene Person, aber auch und vor allem den Umgang mit- und untereinander bestimmen, erfuhren einen Umbruch. Eine Gesellschaft sieht sich neuen Herausforderungen gegenüber. Eine ganze Kultur unterliegt einem Wandel. Eine Folge von vielen ist nicht zuletzt auch eine veränderte Sicht auf und ein anderes Verständnis von Kindheit und Jugend. Die Generation der späten 80er und 90er Jahre des 20. Jahrhunderts ist eine, die sich zwar einem nicht zu unterschätzenden Medienangebot gegenübersah, dennoch die große Freiheit besaß, sich diesem zu entziehen, sich Aktivitäten zu widmen, die Geduld, Ausdauer, Fantasie, Erfindungsreichtum und Abenteuerlust verlangten. Die bildnerischen Produktionen von Miriam und Anna befinden sich an einer hoch interessanten Schnittstelle. Die Zeichnungen stammen aus Privatbesitz und können als Spiegelbilder für die damalige ästhetische Sozialisation verstanden werden. Sie unterscheiden sich deutlich von dem, was Mädchen in den 60er und 70er Jahren gemalt zu haben scheinen, nähern sich dennoch dem an, was die Kreativserie Topmodel seit 2008 erfolgreich vermarktet, und sind gleichzeitig mit Blick auf Technik, zeichnerische Fähigkeiten und Umsetzung weit davon entfernt. Die vorliegende Buntstiftzeichnung (Abb. 7) stammt von der 15-jährigen Anna aus dem Jahr 2003. Die Zeichnung ist Teil einer ganzen Serie, die sich mit Mode, teilweise sogar mit ganz konkreten Modelabels, wie z. B. Victoria’s Secret (s. Abb. 9), beschäftigt. Zentraler und einziger Bildgegenstand dieser Zeichnung ist die Figur, die sich links von der Bildmitte befindet und frontal zum Betrachter steht. Ihre Größe entspricht ungefähr 2/3 der Bildhöhe. Die Signatur in der rechten Bildecke weist auf den Namen der Urheberin sowie das Entstehungsdatum hin. Ein weiterer Verweis auf die Zeichnerin ist direkt in das Bildmotiv in Form dreier Ketten integriert, die die Initialen ihrer beider Vornamen, Anna und Katharina, als Anhänger tragen. Die Raumorganisation gestaltet sich einfach, kann die zentrale Bildfigur doch mit keinem weiteren Bildelement in Beziehung gesetzt werden. Durch die ebenmäßige und gleichzeitig kaum sichtbare Kolorierung des Hintergrundes kann keine Raumtiefe entstehen. Eine Andeutung von Räumlichkeit erzielt Anna lediglich durch eine zarte Bodenlinie zu den Füßen der Bildfigur. 44 Bei der Bildfigur handelt es sich um ein Mädchen, dessen schwarzes Haar zu einem hoch sitzenden Pferdeschwanz gebunden ist. Augen, Nase und Mund sind mit Bleistift gezeichnet, nicht koloriert. Lediglich die Wangen sind leicht rosa gefärbt. Das Mädchen trägt einen hellgrauen Rollkragenpullover, dessen Ärmel in weiter Form Arme andeuten und bis zum Oberschenkel reichen. Darüber trägt die Figur ein Oberteil in knalligem Rot mit tiefem V-Ausschnitt, der das Dekolleté betont. Eine grüne, mit roten Punkten verzierte, eng anliegende Hose und braune, über das Knie reichende Stiefel sorgen für einen auffälligen Komplementärkontrast, der das Farbkonzept dieser bildnerischen Produktion dominiert. Ansonsten erfolgt der Umgang mit Farbe eher sparsam, vor allem Gesicht und Oberkörper präsentieren sich in einem nüchternen Bleistiftgrau. Der Hintergrund ist in einem zarten Blauton koloriert. Im Vergleich dazu soll an dieser Stelle Abbildung 8 herangezogen werden. Mit der seriellen Anfertigung von Zeichnungen geht der Gebrauch wiederkehrender Charakteristika einher, die erst im direkten Vergleich entsprechend erläutert und in ihrer Komplexität begriffen werden können. Die Buntstiftzeichnung mit der Signatur „J’aime la pluie“ stammt ebenfalls von Anna, wurde im selben Jahr und auf demselben Format wie Abbildung 7 angefertigt. Zu sehen ist auch Abb. 7: Ohne Titel, Anna 15 J., 2003, DIN A4 45 hier eine Figur, die sich ungefähr in der Mitte der Bildfläche befindet, frontal zum Betrachter blickend. Sie trägt eine große pinke Mütze, einen langen, pinkfarbenen Mantel mit gelben Taschen, der bis zum Knie reicht, darunter einen blauen Bikini sowie hohe, rote Stiefel. In der linken Hand hält sie einen kleinen, blau und gelb gestreiften Regenschirm. Ihr blondes Haar ist zu einem Zopf geflochten, der über die rechte Schulter fällt; die Wangen sind in kräftigem Rosa koloriert. Die formalästhetische Analyse dieser Zeichnung gleicht in wesentlichen Beobachtungspunkten der von Abbildung 7. Einer seriellen Arbeit entsprechend ergeben sich mit Blick auf Technik, Bildaufbau und -motiv deutliche Übereinstimmungen. Die Raumorganisation dieser bildnerischen Produktion gestaltet sich diesen Beobachtungen folgend ähnlich einfach wie bei der vorangegangenen Zeichnung, unterscheidet sich jedoch mit Blick auf die Hintergrundgestaltung. Der Hintergrund ist als solcher aufgrund senkrecht auf die Bodenlinie treffender Bleistiftstriche zu erkennen, die, darauf weisen Regenschirm und die Aussage „J’aime la pluie“ hin, als Regen definiert werden können. Eine kurze, kräftige Bodenlinie zwischen den Füßen der Bildfigur sorgt für eine konkrete Verortung der Figur Abb. 8: J’aime la pluie, Anna, 15 J., 2003, DIN A4 46 im Raum. Flächentiefe kann aufgrund mangelnder Bildelemente, die in Beziehung zur Bildfigur gesetzt werden könnten, dennoch nicht entstehen. Das Farbkonzept der Zeichnung beschränkt sich auf die Farben Pink, Rot, Gelb und Blau. In Kombination mit dem leicht getönten Hintergrund und der zu den Füßen der Bildfigur stehenden Aussage „J’aime la pluie“ ergibt sich daraus ein farbenfrohes Ensemble, das dem Grau des Regens gegenübersteht und zugleich die Bildbotschaft widerspiegelt. Für das Alter außergewöhnlich erscheint die Linienführung, der Duktus, mit dem die Figur gezeichnet wurde. Kräftige, dynamische Blei- bzw. Buntstiftlinien bestimmen die Zeichnung. Die Linien wurden nicht durchgezogen, sondern beinah skizzenhaft, wie aus Modeskizzen oder -entwürfen bekannt, kraftvoll aneinandergesetzt. Konturen werden so nicht getrennt gezogen, sondern unmittelbar mit Faltenwurf und Farbigkeit eines Kleidungsstücks verbunden (so zum Beispiel beim grauen Oberteil in Abbildung 7). Dieser kräftige Duktus steht der starren Bildkomposition gegenüber. Die Konzentration auf ein einzelnes Bildelement scheint, dies verrät ein Blick auf die folgenden Zeichnungen und nicht zuletzt auf die bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel, ein wesentliches Merkmal für Modezeichnungen zu sein. Im Mittelpunkt steht nicht das Erfinden oder Erzählen einer Geschichte, wie beispielsweise bei den Schlittschuhläufern oder dem tanzenden Brautpaar, sondern das Mädchen (oder die Frau) als eine Art Mode- oder Trendbotschafterin, als Inbegriff von Attraktivität und Schönheit. Sie wird nicht in einen sinnstiftenden Bildkontext gesetzt, sondern völlig isoliert betrachtet. Anna traf die Entscheidung, keinen Hintergrund zu gestalten, meist bewusst. Für sie stand die Mode im Vordergrund. Gleichzeitig beschreibt sie sich als ungeduldig, besaß häufig nicht die Ausdauer, sich lange mit einer Zeichnung zu beschäftigen. War das vordergründige Ziel der Zeichnung erreicht, nahm sie von der Zeichnung Abstand. Diese Tatsache macht es schwierig, dem Bild eine bestimmte Stimmung oder bestimmte Emotionen zu entnehmen. Das Bildmotiv ist Spiegelbild der Interessen eines 15-jährigen Mädchens: Annas Freude an Mode, an aktuellen Trends, an Farbkombinationen und nicht zuletzt eine gewisse Bewunderung für das Modebusiness und die Models, die dafür stehen. Im Gegensatz zu den Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, die vor lauter Lebensfreude, Spontaneität und kindlichem Glück nur so strotzen, ist in Annas Zeichnungen nichts Kindliches, nichts Naives oder Unüberlegtes mehr zu finden. Sie gehören schon zu sehr zu einer Welt, in der Kindsein (vorerst) nicht mehr erstrebenswert ist, in der alles Kindliche kindisch zu sein scheint. Als modische Vorbilder galten für Anna die in den 90er Jahren berühmten Spice Girls sowie die Models in den Modezeitschriften, die sie mit 12 Jahren zu lesen begann. Vor allem die Zeitschrift Vogue nutze sie häufig als Inspiration für eigene Kleiderentwürfe. Die Begeisterung für die Modewelt der Erwachsenen zeigt sich nicht zuletzt in der Kleidung, die die Bildfiguren in Abbildung 7 und 8 tragen. Vor allem Abbildung 8 zeichnet das Bild einer sehr schlanken weiblichen Figur, die nur mit Bikini und Regenmantel bekleidet im Regen steht. Die Andeutung eines Dekolletés, die schmale Hüfte und die langen Beine, von denen eines vorangestellt ist, folgen dem Schönheitsideal dieser Zeit; eines, das sich auch 15 Jahre später noch hält, wenn nicht sogar extremer geworden ist (vgl. auch Kapitel 3.3). 47 Abb. 9: AK for Victoria’s Secret, Anna 15 J., 2003, DIN A4 Ein besonders augenfälliges Beispiel dafür liefert Annas Zeichnung mit dem Titel „AK for Victoria’s Secret“ aus dem Jahr 2003. Im Gegensatz zu den bereits vorgestellten Zeichnungen präsentiert sich die Bildfigur bis zum Oberschenkel im seitlichen Profil, das Gesicht vom Betrachter abgewandt. Sie befindet sich in der Bildmitte, etwas oberhalb einer imaginären horizontalen Mittellinie. Der Oberkörper ist nach vorne, in Richtung linke Bildhälfte gebeugt. Das braune, lange Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, der von einem dicken, pinkfarbenen Zopfgummi zusammenhalten wird. Am linken Ohr trägt die Bildfigur einen großen, schwarzen, dreieckigen Ohrring. Gekleidet ist sie in ein transparentes, knapp über den Po reichendes Kleidchen, das einem Negligé gleicht. Ein pinkfarbener Slip mit Schleifen an der Seite kommt darunter zum Vorschein. Obschon sich die Bildkomposition ähnlich einfach wie bei den übrigen Zeichnungen gestaltet – eine weibliche Bildfigur als zentrales und einziges Bildelement, sie kann zu keinen anderen Elementen in Beziehung gesetzt werden, dadurch kann keine Flächentiefe erzeugt werden –, wirkt diese Zeichnung dynamischer als die anderen. Grund dafür ist die Körperhaltung des Mädchens: Statt frontal und gerade zum Betrachter stehend, präsentiert sich diese Bildfigur im Profil, ihr Körper scheint in Schwung zu sein, er zeichnet eine leichte S-Linie. Zu dieser Dynamik tragen nicht zuletzt der Duktus und die fließende Form des 48 Pferdeschwanzes bei. Auch das Anschneiden der Figur im unteren Bereich sorgt für einen Bruch in der Komposition; ein eher untypisches Bild in der Sammlung. Das Farbkonzept gestaltet sich hier äußerst zurückhaltend. Die Vorzeichnung mit dem Bleistift ist deutlich zu erkennen. Lediglich die Wangen, das Haar und das Negligé mit Unterwäsche sind koloriert: Braun und Pink dominieren das Farbkonzept. Die Zurückhaltung in der Farbwahl nimmt der Figur, unabhängig von ihrer körperlichen Erscheinung, jeglichen kindlichen Ausdruck. Gemäß dem Slogan Victoria’s Secret scheint die Figur, nicht zuletzt aufgrund ihres vom Betrachter abgewandten Blicks, etwas Geheimnisvolles, dadurch Erotisches, Reizvolles zu verkörpern. Der vom Betrachter abgewandte Blick wirkt selbstbewusst, beinahe arrogant. Der linke Arm sowie das linke Bein des Models präsentieren sich sehr schlank. Die scheinbar perfekt modellierten Rundungen von Brust und Po werden bei auffällig schlankem Körper durch die Haltung ‚in Szene gesetzt‘, die Anna als charakteristisch für die Models der Marke Victoria’s Secret ausgemacht zu haben scheint. Was sich hier bereits zeigt und sich mit Blick auf die Zeichnungen zur Kreativserie Topmodel potenzieren wird, ist die unmittelbare Kombination von ‚süß‘ und ‚sexy‘. Man bedenke, dass die Models der Marke Victoria’s Secret als Angels (Engel) bezeichnet werden; ein trügerischer Ausdruck. Auch Annas Zeichnung scheint die zarte Gestalt des Models, die schlanken, zerbrechlich wirkenden Gliedmaßen mit erotisch anmutenden Elementen wie dem transparenten Negligé, dem knappen Slip oder den eindeutigen Körperrundungen kombinieren und damit das Ebenbild eines erfolgreichen Models – die Verträge bei Victoria’s Secret gelten als die lukrativsten in der Branche – schaffen zu wollen. Das Motiv, das Anna für diese Zeichnung ausgewählt hat, lässt sich aufgrund seiner Eindeutigkeit und konkreten Anspielung auf ein bestimmtes Modelabel nur bedingt in die seriellen Produktionen zur Modezeichnung einordnen. Die übrigen 53 Zeichnungen orientieren sich am Schema der Abbildungen 7 und 8, in einigen wenigen Fällen an dem von Abbildung 10. Die konkrete Bezugnahme auf eine Marke kann nicht nur als Zeugnis des persönlichen Interesses der Urheberin gesehen werden, sondern spiegelt vielmehr das zunehmende Markenbewusstsein dieser Generation wider, die mit dem Begriff der Marke, der sich in den späten 80er Jahren etablierte, groß, d. h. sozialisiert wurde. „[…] Markenprodukte sind feste Bestandteile des kindlichen und jugendlichen Alltags. Sie liefern Inspiration für die Lebens- und Selbstorientierung der Kinder und Jugendlichen und haben prägenden Einfluss auf deren ästhetische Bedürfnisse und Praxen.“89 Der Begriff der Inspiration in Verbindung mit dem der Marke erscheint mit Blick auf die bildnerische Produktion von Anna absolut zutreffend. Trotz des eher einseitigen Bildmotivs der Zeichnungen ergeben sich, wie bereits erwähnt, Besonderheiten mit Blick auf die zeichnerischen Fähigkeiten im Allgemeinen und den Zeichenstil im Besonderen. Die bildnerischen Produktionen von Anna zeichnen sich durch eine auffällig kräftige und sichere Linienführung aus. Auch die differenzierte Ausarbeitung der Gesichtszüge, die Annäherung an naturgetreue Darstellungen der Augen-, Nasen- und Mundpartie beweisen eine für das Alter hohe zeichnerische Reife. Die Umsetzung des Bildmotivs 89 Writze, Birgit: Ästhetik in der Dingwelt der Kinder. In: Schachtner, Christina: Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FarbLabs. Bielefeld: Transcript, 2014. S. 137. 49 lässt außerdem auf eine sehr genaue Beobachtung schließen, die eine detaillierte Gestaltung der Kleidungsstücke zur Folge hat. Insbesondere die kniehohen Stiefel (Abb. 7) und der pinkfarbene Mantel (Abb. 8) beeindrucken durch charakteristische Details, wie zum Beispiel die Krempe der Stiefel auf Kniehöhe mit Schlaufen an beiden Seiten oder der typisch kantige Mantelkragen. Ebenso genau scheint Anna anatomische Details in den Blick genommen zu haben. Der Arm, dessen Hand den Schirm hält (Abb. 8), beugt sich in der Elle gerade so, dass der Unter- den Oberarm in seiner frontalen Ansicht nicht komplett verdeckt. Anna, die in einem kunstnahen Umfeld aufwuchs, erinnert sich daran, dass sie früh an zeichnerische Grundregeln herangeführt wurde. Auch ihr Sinn für Ästhetik, ihre Freude an Kunst und dem eigenen künstlerischen Aktivwerden scheinen Spiegelbild einer frühen Auseinandersetzung mit künstlerischen Vorbildern und Praktiken zu sein. Insgesamt ergeben sich mit Blick auf die von Anna angefertigten Zeichnungen folgende formalästhetische wie inhaltliche Gemeinsamkeiten: 1. Die Zeichnungen wurden mit Bunt- und Bleistift angefertigt. Letzterer wurde vor allem zur Vorzeichnung genutzt. 2. Die Linienführung erfolgt dynamisch, skizzenhaft. Eine ‚Handschrift‘ ist erkennbar. 3. Jede Zeichnung wurde von Anna signiert, teilweise mit Widmung. Diese Beobachtung gewinnt nicht zuletzt mit Blick auf die bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel an Bedeutung. 4. Jede Zeichnung enthält als zentrales Bildelement eine weibliche Figur, die einem bestimmten Schema folgt. 5. Diese befindet sich stets mittig auf der Bildfläche. 6. Die Bildfigur blickt den Betrachter stets frontal an. 7. In seltenen Fällen wird die Figur in einen inhaltlichen Kontext in Form eines ausgestalteten Hintergrundes gesetzt. Nur bei vier von insgesamt 54 Zeichnungen wurde der Hintergrund ausformuliert. Ein letztes Bildbeispiel von Anna (Abb. 10) soll die Analyse der Modezeichnungen abschlie- ßen und kann gleichzeitig nicht in die bisher formulierten Beobachtungen eingebunden werden. Dennoch erscheint seine Vorstellung mit Blick auf das Forschungsvorhaben von wesentlicher Bedeutung. Abbildung 10 mit dem Titel „Believe in the next summer“ ist eine von insgesamt sieben Zeichnungen dieser Art, die Kleiderentwürfe unabhängig von einer menschlichen Gestalt, die sie trägt, präsentieren. Zu sehen sind sechs zentrale Bildelemente, die in zwei Dreierreihen auf der Bildfläche angeordnet sind. Einen optischen Rahmen bilden sowohl über der ersten als auch unterhalb der zweiten Reihe die Worte „Believe in the next summer“. Bei den sechs Bildelementen handelt es sich um Bademode in Form von Bikinis und Badeanzügen. Jedes Kleidungsstück ist mit einem Namen einer Person versehen, der dieses Kleidungsstück gewidmet ist. 50 Abb. 10: Believe in the next summer, Anna 15 J., 2003, DIN A4 Ebenso wie die vorangegangenen Zeichnungen ist auch diese mit dem Namen und dem Entstehungsdatum in der Farbe Pink in der rechten unteren Bildecke signiert. Das Farbkonzept dieser bildnerischen Produktion gestaltet sich dem Titel des Bildes entsprechend äußerst farbenfroh: Grün, Gelb, Blau, Violett, Rot und Pink finden sich in den Badeanzügen und Bikinis wieder. Auch hier wurde die Vorzeichnung mit Bleistift angefertigt. Das Grau des Bleistifts ist unter der farbigen Kolorierung deutlich sichtbar. Als Eyecatcher dienen die bereits erwähnten Schriftzüge in knalligem Türkis. Die Gestaltung der Bademode lässt ähnlich wie die übrigen Modezeichnungen von Anna auf ein gesteigertes Interesse an aktuellen Trends und auf ein entsprechend ausgereiftes Wissen um Modetrends schließen. Anna unterschied nicht nur in Badeanzug und Bikini, sondern entwarf von beiden die unterschiedlichsten Varianten. Neben einem Badeanzug mit gerafftem Bustier und Neckholder-Trägern (für Sarah) und einem aus einem Minimum an Stoff bestehenden Monokini (für Kerstin) entwarf die Urheberin einen Badeanzug mit tiefem Aus- 51 schnitt, der bis zum Bauchnabel reicht und von einem schmalen Band auf Brusthöhe zusammengehalten wird. Ähnlich differenziert gestalten sich die Entwürfe der Bikinis: einer präsentiert sich mit einem längeren Oberteil und einer Bikinihose mit ebenfalls längerem Bein, ein anderer (für Anna) besteht aus knappen Körbchen mit zarten Trägern, die im Nacken geschnürt werden, sowie grauen Schleifen an Hose und Oberteil und ein dritter (für Domi) zeigt sich in schlichtem Design in den Farben Blau und Rot. Die Vielfalt der Kleidungsstücke ist Spiegelbild einer genauen Beobachtung, die auf einer intensiven Beschäftigung mit der Thematik beruht. Gleichzeitig wird auch hier einmal mehr deutlich, wie sehr Anna darum bemüht war, sich von kindlichen Motiven zu distanzieren und sich der Welt der Erwachsenen, die im Alter von 15 Jahren deutlich reizvoller zu sein scheint als die der Kinder, zu nähern. Eng mit der Welt der Erwachsenen verknüpft scheint für Anna das Brechen von kindlichen Tabus zu sein, das offensichtliche Zurschaustellen des eigenen Körpers; in diesem konkreten Fall wird dies vor allem durch die Betonung von Körperstellen wie Dekolleté und Hüfte/Taille durch entsprechend knappe und figurbetonte Kleidungsstücke sichtbar. Die Verschmelzung von Kinder- und Erwachsenenwelt, wie sie in den Zeichnungen von Anna sichtbar wird, bezeichnet Postman als eine Folge medialer Einflüsse. Er schreibt: Angehörige der älteren Generation werden sich […] erinnern, daß es einmal einen bedeutsamen Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenenkleidung gegeben hat. Im letzten Jahrzehnt hat die Kinderbekleidungsindustrie einen derart raschen Wandel durchgemacht, daß die ‚Kinderkleidung‘ praktisch verschwunden ist.90 Seine Beobachtungen aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts beschreiben eine Entwicklung, deren Diskussion vor dem Hintergrund der Forschungsfragen und mit Blick auf die bildnerischen Produktionen, die im Zuge dieser Arbeit untersucht werden, aktueller denn je erscheint. Eine Zeichnung von Miriam, die Abbildung 10 von Anna sehr ähnlich ist, stammt aus dem Jahr 2002. Aus Gesprächen mit ihr geht hervor, dass sie sich in den Jahren 2001 bis 2004 vermehrt Modezeichnungen gewidmet hat. Das Zeichnen hatte in ihrer Kindheit und frühen Jugend immer einen hohen Stellenwert. Sowohl vor dem genannten Zeitraum als auch danach sind keine Zeichnungen dieser Art (mehr) entstanden. Bei Abbildung 11 handelt es sich um eine Kombination von Filz- und Bleistiftzeichnung, die in drei Spalten angeordnete Kleiderentwürfe zeigt. Die Bildfläche im DIN A4-Format wurde vollständig genutzt. Zu sehen sind insgesamt 12 Kleiderkombinationen bestehend aus zwei Reihen à sechs Kombinationen, die in Vierergruppen durch zarte Bleistiftlinien voneinander getrennt sind. Wie bei Annas Zeichnung (Abb. 10) präsentieren sich die Entwürfe auf einer weißen Fläche. Die Darstellung erinnert an Kleiderkataloge jener Zeit, die sich noch deutlich von denen unterschieden, die heute von großen Kaufhäusern in Umlauf gebracht werden. Die Urheberin selbst erinnert sich daran, dass die Zeichnungen zu einer Zeit entstanden sind, in der sie anfing, Kleidung über entsprechende Kataloge zu bestellen. Dies war in den frühen 2000er Jahren noch längst nicht so verbreitet wie heute. 90 Postman 1987, S. 13. 52 Abb. 11: Ohne Titel, Miriam 13 J., 2002, DIN A4 Das Besondere an dieser Zeichnung ist, dass die Kleidungsstücke nicht getrennt voneinander präsentiert werden, sondern stets als vollständiges Outfit, das meist aus einem Oberteil, einer Hose oder einem Rock, Schuhen und teilweise sogar aus einer dazu passenden Tasche besteht. Miriam erklärt weiterhin, dass sich hinter diesen Kleiderkombination häufig ganze Familiengeschichten verbargen und sie für jedes Familienmitglied – Männer ausgenommen – Kleidungsstücke entwarf. Dafür spricht die Tatsache, dass der Kleidungsstil der Kombinationen teilweise stark divergiert. Besonders sichtbar wird dies mit Blick auf die Outfits in Spalte 1 und Spalte 3. Die Kleidung in Spalte 3 präsentiert sich noch deutlich kindlicher hinsichtlich der Schnitte und Motive als die langen Abendkleider und hohen Absatzschuhe in Spalte 1. Interessant ist auch die Andeutung der weiblichen Brust in den Entwürfen auf der linken Seite und der Verzicht auf die Betonung entsprechender Körperpartien bei den Oberteilen auf der rechten Seite. Die farbliche Gestaltung der Entwürfe erfolgte äußerst differenziert und überlegt, mit viel Liebe zum Detail. Kleidungsstücke, die mit Buntstift gezeichnet wurden, zeichnen sich durch sanfte Farbverläufe in Grün, Gelb und Blau oder Dunkelblau, Hellblau und Violett aus. Auch erdige Töne wie Beige und Braun lassen sich finden. Die Kleidungsstücke, die mit dem Filzstift gemalt wurden, präsentieren sich deutlich knalliger in Gelb, Grün, Pink, Rosa, Violett, Türkis und Blau und in stärker geometrischen Mustern, weniger zart als die Buntstiftentwürfe. Dass Miriam bei der Gestaltung der Kleidungsstücke viel Wert auf eine präzise und detailreiche Darstellung Wert legte, zeigt sich auch in dem Versuch, unterschiedliche Stofflich- 53 keiten darzustellen. Die parallele Verwendung von Bunt- und Filzstift spielt dabei eine große Rolle. Die Entscheidung für beide Techniken war zweifelsohne eine bewusste. Mit dem beigefarbenen Filzstift gelingt die Darstellung von robustem, vielleicht sogar ledrigem Material, wohingegen der Buntstift für die Darstellung zarter, seidenähnlicher Stoffe genutzt wurde. Auch dem Bleistift, mit dem zarte Vorzeichnungen angefertigt wurden, kommt eine Bedeutung bei der Darstellung bestimmter Materialitäten zu, so zum Beispiel bei der Gestaltung der rosafarbenen Elemente, die das beigefarbene Kostüm auf der linken Seite zieren. In allen Kleidungsstücken ist deutlich die Mode der 2000er Jahre wiederzuerkennen: wahlweise enge, bauchfreie Oberteile oder lange Tuniken, die über der Hose getragen wurden, asymmetrische Schnitte bei Pullovern und Kleidern, Schuhe mal mit Block-, mal mit Stilettoabsatz. An die Begeisterung für Schuhe mit Absatz erinnert sich Miriam noch heute. Mit 13 Jahren war der Wunsch, selbst solche Schuhe zu besitzen, besonders groß. Schuhe der Mutter oder älteren Schwester wurden anprobiert; gleichzeitig war sie in den Augen der Eltern noch nicht alt genug, um diese Art Schuhe im Alltag tragen zu dürfen. Der Konflikt zwischen ‚Kindsein, aber nicht mehr Kindsein wollen‘, wird in den Entwürfen, ähnlich wie bei denen von Anna, deutlich. Sie schwanken zwischen kindlicher Freude für kräftige Farben und lustige Motive einerseits und körperbetonten Schnitten, die viel nackte Haut zeigen, andererseits. Insgesamt zeigt sich vor allem in den Spalten 1 und 2 eine deutliche Hinwendung zu einem schlanken Schönheitsideal. Die Kleidungsstücke sind äußerst figurbetont, auffällig schmal in der Taille und in ihrer Art nur für besonders schlanke Figuren gemacht. Die Urheberin erinnert sich, dass die Figuren, die sie sich dazu ausdachte, Teil einer Familie waren, in der jedes Mitglied schön, beliebt und beruflich erfolgreich war. Ihre Geschichten sponnen sich um Mütter, die leitende Positionen in Firmen innehatten, um Väter, die beruflich in der ganzen Welt unterwegs waren, und um Kinder, meist Töchter, die Highschools und Internate besuchten und besonders modebewusst waren. In diesen Geschichten konnte sich Miriam verlieren. Sie saß oft stundenlang an Zeichnungen wie diesen, wählte jede Farbe, jedes Motiv mit Bedacht aus, widmete sich den Details voller Hingabe. Die Ausdauer und Geduld zeigt sich in der differenzierten und akkuraten Ausformulierung der Bildgegenstände. Obschon die Modezeichnung unter den Mädchenzeichnungen als verpönt, weil zunächst einmal oberflächlich, gilt – Beispiele wie die zur Kreativserie Topmodel lassen erahnen, warum dem so ist – zeigt sich hier eines ganz klar: das einzigartige Potenzial der Kinderzeichnung, in und mit ihr Geschichten zu erfinden, Fantasie zu wecken, sich in ihr zu verlieren. Darin liegt nur eine ihrer bedeutenden Qualitäten. Hier muss die Modezeichnung in ihrer offensichtlichen Oberflächlichkeit ganz klar von dieser Art bildnerischen Produktion unterschieden werden. In gewisser Weise gegensätzlich und in der Sammlung von Miriams Zeichnungen nur in geringer Zahl vorzufinden sind die folgenden bildnerischen Produktionen (Abb. 12 und Abb. 13). 54 Abb. 12: Ohne Titel, Miriam 13 J., 2002, DIN A4 Beide Zeichnungen wurden mit Bleistift angefertigt und sind nach Vorbildern aus einem Zeichenbuch entstanden. Da sich die bildnerischen Produktionen hinsichtlich Bildkomposition, Flächenorganisation und Farbkonzept kaum bis gar nicht voneinander unterscheiden, wird auf eine zweigeteilte Analyse verzichtet. Abbildung 12 stammt aus dem Jahr 2002 und zeigt zwei weibliche Figuren, die den Betrachter frontal anblicken. Sie sind die zentralen und gleichzeitig einzigen Bildgegenstände und entsprechen in ihrer Größe ungefähr der Bildhöhe. Die Bildfiguren folgen mit Blick auf Körperhaltung und -proportionen ein und demselben Schema. Sie unterscheiden sich lediglich hinsichtlich ihrer Haarlänge sowie Kleidung. Es handelt sich um zwei Mädchen oder junge Frauen. Während die linke Bildfigur langes, glattes Haar trägt, das ihr bis zur Mitte des Rückens reicht, und dazu ein trägerloses, schlichtes Kleid, das auf Höhe der linken Schulter ein florales Element ziert, präsentiert sich die rechte Bildfigur mit kurzem, welligem Haar und einem mit Spiralen und organisch anmutendem Muster verzierten, asymmetrisch geschnittenen Kleid. 55 Die Figur in Abbildung 13 (2003) ist ebenfalls zentrales und einziges Bildelement und befindet sich als solches in der Bildmitte. Sie ist etwas größer als die Figuren in Abbildung 12, blickt den Betrachter jedoch ebenfalls frontal an. Im Gegensatz zu den Bildfiguren in Abbildung 12 trägt sie mittellanges, glattes Haar, ein Oberteil mit V-Ausschnitt, dazu einen kurzen Faltenrock mit einem breiten Gürtel und bis zum Knie reichende Stiefel mit Absatz. Die Figuren in beiden Abbildungen scheinen auf der Bildfläche zu schweben. Es ist kein konkreter Raum erkennbar. Lediglich zu den Füßen der rechten Bildfigur in Abbildung 12 ist ein schwacher Schattenwurf erkennbar. Da es sich ausschließlich um Bleistiftzeichnungen handelt, können keine Angaben zum Farbkonzept gemacht werden. Abgesehen von einigen wenigen Mustern und leichten Schraffuren sind kaum Kontraste auszumachen. Die vorliegenden bildnerischen Produktionen sind aus vielerlei Hinsicht für die Urheberin ungewöhnlich. Das Abzeichnen von Vorlagen macht nur eine sehr kurze Phase ihrer zeichnerischen Aktivität aus. Außerhalb dieser Phase kam es für sie nicht in Frage, Motive aus Büchern abzuzeichnen. Der überwiegende Teil ihrer bildnerischen Produktionen sind Produkte ihrer Fantasie. Miriam erinnert sich, dass sie das Abzeichnen der Models weniger aus Freude am Motiv, als vielmehr aus dem Anspruch heraus, sich der menschlichen Figur Abb. 13: Ohne Titel, Miriam 14 J., 2003, DIN A4 56 zeichnerisch anzunähern, erfolgte. Um die Proportionen des menschlichen Körpers nachvollziehen zu können, nahm sie das Zeichenbuch, das ihr geschenkt wurde, zur Hilfe. Der unmittelbare Vergleich dieser bildnerischen Produktion mit der Zeichnung zu den Kleiderentwürfen (Abb. 11) unterstützt Miriams Aussage, das stupide Abzeichnen und das Üben dieser Figuren habe sie nicht mit Leidenschaft betrieben. Während die Kleiderentwürfe voller Hingabe und mit Liebe zum Detail auch und vor allem mit Blick auf die Farbwahl gezeichnet wurden, präsentieren sich die Models – nicht zuletzt mit Blick auf die Farbigkeit – äußerst nüchtern. Im Gespräch mit der Urheberin wird deutlich, dass sie sich in Zeichnungen wie diesen nie verlieren konnte, dass sie gar nicht ausreichend Zeit investierte, um sich den Figuren voll und ganz hinzugeben. Sie empfand die Anfertigung von Zeichnungen dieser Art nicht selten als mühsam. Die scheinbar perfekte Vorlage im Buch setzte sie unter Druck, sie befürchtete stets, ihre eigenen Zeichnungen könnten mit der Vorlage nicht ‚mithalten‘. Dieser Aspekt erscheint mit Blick auf die bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel von immenser, auch kunstpädagogischer Bedeutung zu sein und wird an anderer Stelle ausführlich diskutiert werden. Auch die Geschichten, die sich Miriam häufig zu ihren Zeichnungen ausdachte, spielten beim Zeichnen dieser Figuren keine Rolle. Es scheint, als nähme die Tatsache, dass die Figuren bereits auf einem anderen Blatt in Form einer Vorlage existieren, die Motivation, Geschichten um die Bildfiguren herum zu spinnen, da es sich eigentlich um eine fremde, nicht aus dem Kopf eines Mädchens stammende Figur handelt. Auch das einseitige Bildmotiv lässt wenig Platz für Fantasie. Ein Verlust, der vor allem mit Blick auf die übrigen bildnerischen Produktionen von Miriam, die vor Erfindungsreichtum nur so strotzen, umso bedeutsamer erscheint. Die Einschränkung der eigenen zeichnerischen Fähigkeiten wird nicht zuletzt auch mit Blick auf die Kleidung der Bildfiguren deutlich. Statt einer Vielfalt an Schnitten, Mustern und Farben wie in Abbildung 11 präsentieren sich die Kleider der Models in Abbildung 12 und 13 einseitig, sie variieren nur geringfügig voneinander. Darauf angesprochen äußert Miriam heute, sie habe nicht gewusst, wie sie andere Kleidung als die, die durch die Vorlage vorgegeben war, hätte realisieren können. Es einfach auszuprobieren, stellte für sie keine Option dar, war die Sorge doch zu groß, dass die ursprüngliche Zeichnung durch den eigenen Entwurf misslingen könnte. An dieser Stelle scheinen sich deutliche Gegensätze zwischen Miriam und Anna aufzutun. Die bildnerischen Produktionen von Anna wirken selbstbewusst, bringen die Freude am Ausprobieren und Entwerfen zum Ausdruck, auch eine hohe Sicherheit im Umgang mit der Darstellung des menschlichen Körpers ist zu erkennen. Die Modelzeichnungen von Anna sind Ausdruck einer tiefen Passion, Spiegelbild einer Leidenschaft, die sich in der präzisen Ausarbeitung und einem dynamischen Duktus zeigt. Obschon sich die Zeichnungen von Anna hinsichtlich Bildkomposition und Flächenorganisation kaum voneinander unterscheiden, ist doch jede einzelne von ihnen voller Hingabe entstanden. Auch das äußere Erscheinungsbild der Models scheint bei Anna von großer Bedeutung und bewusst in dieser Form gezeichnet worden zu sein. Kleidungsstücke sind deutlich figurbetonter, sexualisierender als die Entwürfe von Miriam. 57 Betrachtet man die Models in Abbildung 12 und 13 genau, so fällt auf, dass sich ihre Figuren im Gegensatz zu Annas Darstellung (Abb. 9) oder im Vergleich zu den bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel nicht auffällig schlank präsentieren. Diese Tatsache wird durch Miriams Aussage unterstrichen, es sei ihr nicht in erster Linie darum gegangen, Models zu zeichnen, sondern den menschlichen Körper in seinen Proportionen erfassen zu können, da sie sich lange Zeit nicht bewusst damit auseinandergesetzt habe und im Jugendalter den Anspruch entwickelte, sich von den eher kindlichen Menschenfiguren zu lösen und ihr zeichnerisches Repertoire weiterzuentwickeln. Sie habe zwar gewollt, dass die Bildfiguren ‚schön‘ aussehen, diese Empfindung war jedoch nicht an körperliche Proportionen der Models gekoppelt, sondern vielmehr an Äußerlichkeiten wie Gesicht, Haare oder Kleidung. Ob die Models in den Vorlagen dünner dargestellt waren als ihre eigenen, kann Miriam heute nicht mehr sagen. Die Unsicherheit, die in Miriams Zeichnungen zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch in der fehlenden Darstellung der Hände. Keine der Bildfiguren hat Hände. Die Arme enden wahlweise in flatternde Stoffe gehüllt in einer Art Handtasche oder mit dem Ende eines Pullover- ärmels. Auch Anna verzichtete in einigen ihrer bildnerischen Produktionen (s. Abb. 7 und Abb. 9) auf das Zeichnen der Hände. Sie erinnert sich, ähnlich wie Miriam, dass ihr das Zeichnen der Hände oft sehr mühsam erschien. Wenn Zeit oder Geduld fehlte, entschied sie sich, der Darstellung zu entgehen. So verschwinden die Hände nicht selten in Mantel-, Hosen- oder Rocktaschen; teilweise auch hinter dem Rücken der Bildfiguren. Der menschliche Körper stellt ohnehin eine nicht zu unterschätzende zeichnerische Herausforderung dar. Der Versuch, die menschlichen Gliedmaßen naturgetreu darstellen zu wollen, endet häufig in Verzweiflung. Die Hand stellt da keine Ausnahme dar. Sie ist ein verhältnismäßig kleiner Teil des menschlichen Körpers, und gleichzeitig oder gerade deswegen erfordert ihre zeichnerische Umsetzung ein hohes Maß an Geduld und Feinmotorik. Auch eine genaue Beobachtung des Körperteils ist vonnöten. Reicht es im Kindesalter noch, eine Hand als Teller mit fünf Strichen daran darzustellen, reifen im Jugendalter konkrete Anforderungen und Vorstellungen von einer ‚guten‘ zeichnerischen Darstellung heran. Nicht selten mündet die zeitintensive Konzentration in auffällig große Darstellungen der Hand, die den übrigen Körperproportionen nicht entsprechen. Miriam bezeichnet nachträglich die Vermeidung von Handdarstellungen auch als Verdrängung. Statt sich dieser Problematik anzunehmen und das Zeichnen von Händen zu üben, verwehrte sie sich dem Zeichnen von Händen so gut wie vollständig. Anna hingegen nahm sich dieser Herausforderung an – und beweist dabei einmal mehr ein beeindruckendes Beobachtungsvermögen, gepaart mit einem sicheren Umgang mit dem Bleistift (s. Abb. 8). Ein weiterer Beobachtungspunkt, der sich aus dem Vergleich von Miriams und Annas Zeichnungen ergibt und mit dem die Analyse der Modezeichnungen aus den 2000er Jahren abgeschlossen werden soll, ist die Präsenz (bei Anna) beziehungsweise das Fehlen einer Signatur (bei Miriam). 58 Viele Kinder- und Jugendzeichnungen sind mit auffälligen Signaturen oder Widmungen versehen, mit deren Hilfe der/die Urheber/in teilweise ihre Zeichnungen zu erklären versucht. Miriams Zeichnungen sind lediglich auf der Rückseite mit ihrem Namen und einem Datum versehen, teilweise passierte dies sogar nachträglich. Im Fall von Anna scheint der Signatur eine besondere Bedeutung zuzukommen. Sie gilt nicht nur als Zuordnung zur Urheberin der Zeichnung, sondern scheint teilweise Ausdruck einer Fantasie- oder gar Wunschvorstellung von Anna zu sein. Vor allem der Hinweis „AK for Victoria’s Secret“ in Abbildung 9 lässt darauf schließen. Das Kürzel „AK“ wirkt in diesem Fall wie der Name eines Designlabels oder einer konkreten Designerin, die für die Firma Victoria’s Secret entwirft. Im Gespräch bestätigt Anna diese Annahme. Ihre intensive Auseinandersetzung mit aktuellen Modetrends bestärkte sie in dem Wunsch, selbst aktiv zu werden und nach ihren Wünschen Kleidung zu entwerfen, die sie selbst gerne getragen hätte. Die auffällige, oft mit kräftigem Duktus und gut sichtbar gezeichnete Signatur scheint das Spiegelbild eines selbstbewussten Mädchens zu sein, das zwanglos, experimentierfreudig und voller Begeisterung zeichnete. Gleichzeitig scheint es ebenso ins Bild zu passen, dass Miriam, die nach eigenen Angaben in dieser Zeit äußerst kritisch zu ihren eigenen Zeichnungen stand und nur selten zufrieden mit dem, was sie geschaffen hatte, war, ihre Zeichnungen nicht auffällig signierte. Die Modezeichnungen von Miriam und Anna können zwar als Vorläufer für Zeichnungen wie die zur Kreativserie Topmodel gesehen werden, sind gleichzeitig, das wird in einer abschließenden Reflexion deutlich werden, klar von den Topmodel-Malbüchern zu trennen. Die angestellten Beobachtungen zu Miriams und Annas Zeichnungen sind in dieser Form keinesfalls auf Malvorlagen wie die der Kreativserie Topmodel übertragbar. 3.3 Mädchenzeichnungen zur Kreativserie Topmodel aus den Jahren 2013 bis 2015 Die in diesem Kapitel vorgestellten Mädchenzeichnungen sind unter Zuhilfenahme von Malvorlagen zur Kreativserie Topmodel entstanden. Urheberinnen sind sechs Mädchen im Alter von neun bis 12 Jahren, die im Rahmen dieser Forschung zu ihren zeichnerischen Aktivitäten hinsichtlich der Topmodel-Serie interviewt wurden. Der Vergleich von Zeichnungen aus den 1960er und 1970er Jahren, aus den frühen 2000er Jahren und den Jahren 2013 bis 2015 ermöglicht, wenn auch nur exemplarisch, hochspannende Einblicke in die Entwicklung der Mädchenzeichnung in den letzten 50 Jahren und gibt nicht zuletzt Aufschluss darüber, wie sich das Bild von Mädchen- beziehungsweise Frausein im Laufe dieser Jahre verändert hat. Hat es sich überhaupt verändert? Ist die Gesellschaft im Jahr 2015 so viel aufgeklärter, so viel liberaler als im Jahr 1960? Welche Antworten können Mädchenzeichnungen darauf geben? Aus diesen Fragen ergeben sich unabhängig von der Kinder- und Jugendzeichnungsforschung bedeutende Erkenntnisse für die Genderforschung, die die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kritisch in den Blick nehmen. Zudem ermöglichen die Zeichnungen Einblicke in eine Zeit, in der sich Kinder zunehmend einer industriellen Massenkultur gegenübersehen, die „mit einer Equipierung der Kindheit 59 und ihrer Kommerzialisierung einher[geht].“91 Vor dem Hintergrund des Forschungsgegenstandes kommt hierbei vor allem dem sogenannten ‚Tweenmarkt‘, der Produkte für die Neun- bis Dreizehnjährigen vermarktet92, eine tragende Rolle zu. „Neben Mode, Kosmetik, Medien und Spielsachen umfasst das Angebot v. a. in den USA auch Schönheitssalons. Russel/Tyler (2002) erkennen in letzteren ein Beispiel für die komplexe Verbindung von Konsumkultur und dem Prozess der Mädchen-Werdung.“93 Obschon sich Hugger in seinen Untersuchungen weniger der Kindheit als der Jugend widmet, erscheint sein Hinweis doch auch in diesem Zusammenhang relevant: Die Kommerzialisierung ist […] nur ein Aspekt der gegenwärtigen Mediatisierung der Jugend. Der andere besteht in der Besonderheit der aktuellen Mediensozialisation bzw. Medienkompetenzentwicklung. Nicht nur die Jugend ist zu einer Medien-Jugend geworden, sondern die Gesellschaft auch zu einer Wissens- bzw. Medien-Gesellschaft.94 Die Kinderzeichnung als Spiegelbild gesellschaftlicher wie kultureller Gegebenheiten birgt die Möglichkeit, diese Entwicklungen sichtbar zu machen und die Diskussion über sie zu erweitern. Da in den Einführungen zu den Zeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976 sowie 2003 bis 2004 ein kurzer Abriss über die medialen Entwicklungen dieser Zeit gegeben wurde, soll auch an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass sich vor allem die Nutzung von Medien in den 10 Jahren, die zwischen den Zeichnungen von Anna und Miriam und denen zur Kreativserie Topmodel liegen, stark verändert hat. Hugger fast diese Veränderung treffend zusammen: In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat ein bemerkenswerter Medienwandel stattgefunden, der mit den Begriffen Digitalisierung (Umstellung von analoger auf digitale Technologie bzw. Umwandlung analoger Signale in digitale Daten, die mit dem Computer weiterverarbeitet werden können), Konvergenz (Zusammenwachsen unterschiedlicher Medien, z. B. die Konvergenz von Fernsehen und Internet, Internet und Handy, auditiven Medien und Computer), Pluralisierung (Vervielfachung von Medien, angetrieben durch die Digitalisierung: MP3-Player, iPod, Smartphones, multimediafähige Spielkonsolen etc.) und Diversifizierung (Spezialisierung der medialen Nutzungsangebote wie die Zunahme von speziellen Fernseh- und Radiokanälen sowie die Entwicklung des geradezu unübersehbaren Angebots an Webangeboten) zu kennzeichnen ist.95 Obschon diese Entwicklungen nicht auf alle Zeichnungen, die im Zuge dieses Kapitels vorgestellt werden, direkt anwendbar sind, muss ihr (indirekter) Einfluss dennoch in der Diskussion um Veränderungen in der Mädchenzeichnung berücksichtigt werden. Die Analyse der Zeichnungen erfolgt nur eingeschränkt unter Zuhilfenahme einiger persönlicher Aussagen, die die Mädchen im Zuge der Interviews machten. Erst nach Vorstellung 91 Fuhs 2014, S. 65. 92 Vgl. Dangendorf 2012. 93 Ebd., S. 101. 94 Friedrichs, Henrike; Sander, Uwe: Die Verschränkung von Jugendkulturen und digitalen Medienwelten. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Jugendkulturen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010. S. 29. 95 Hugger 2010, S. 8. 60 der qualitativen Empirie können die Zeichnungen einer komplexen Analyse auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse unterzogen werden. Aus insgesamt 32 Mädchenzeichnungen wurden für diesen Vergleich sechs ausgewählt. Die folgenden bildnerischen Produktionen (Abb. 14 und Abb. 15) stammen von zwei Mädchen: Philine, 11 Jahre alt, und Svea, 12 Jahre alt. Abb. 14: Ohne Titel, Philine 10 J., 2014, DIN A4 + Philine wurde im Zuge dieser Untersuchung gemeinsam mit ihrer Schwester Julie, die zwei Jahre jünger ist als Philine, interviewt und erinnert sich, dass sie sich mit sieben Jahren erstmals der Kreativserie Topmodel widmete. Ihre Buntstiftzeichnung aus dem Jahr 2014 präsentiert sich in ‚Topmodel-typischer‘ Manier: Zu sehen ist eine zarte, äußerst schlanke weibliche Bildfigur, die sich, wie alle Malvorlagen der Kreativserie, dem Betrachter frontal zuwendet. Ihre auffällig großen, schwarzen Augen mit den langen Wimpern blicken den Betrachter direkt an. Die Arme streckt das Model über ihren Kopf, die Hüfte ist nach links geneigt, ihr vom Betrachter aus gesehen rechtes Bein ist in einem leichten Ausfallschritt vorangestellt. Die Figur steht auf Zehenspitzen. Die Malvorlage entstammt dem Topmodel- Buch ‚Dance‘, in dem unterschiedliche Tanzstile inklusive Malvorlage zu jedem Tanzstil von fiktiven Topmodel-Charakteren verkörpert werden. 61 Wie bei den meisten Topmodel-Zeichnungen üblich, ist die weibliche Bildfigur zentraler und einziger Bildgegenstand. Sie befindet sich in der Mitte der Bildfläche. Ihre Körpergröße entspricht der Bildhöhe. Den Hintergrund gestaltete Philine nicht. Dadurch sind keine weiteren Bildelemente vorhanden, die in Beziehung zur zentralen Figur gesetzt werden könnten. So entsteht keine Flächentiefe. Als Bodenlinie dient lediglich die untere Bildkante. Abb. 15: Ohne Titel, Svea, 12 J., 2015, DIN A4 + Das Model trägt blondes Haar, in gelbem Buntstift dargestellt, das zu einem hohen Dutt gebunden ist, ein rosafarbenes, figurbetontes Kleid ohne Träger in Bustierform, das über dem Knie endet und dazu Ballettschuhe, die bis zum Knie über Kreuz geschnürt sind. Diese sind ebenfalls rosa. Auch das Gesicht, das durch große, mandelförmige schwarz-blaue Augen besticht, ist auf Wangen und Mund in der Farbe Rosa koloriert. Freie Körperstellen wie Arme und Beine sind nicht farbig gestaltet. Aus der sehr eingeschränkten Farbwahl ergibt sich ein Ton-in-Ton-Bild, das sich – dem Thema Ballett entsprechend – äußerst zart präsentiert. Der Duktus ist nicht sehr kräftig, die Konturen der Malvorlagen sind unter den von Philine gestalteten Bildelementen deutlich zu erkennen. Die Konturen sind zwar zart, jedoch aufgrund des Grautons nur schwer mit der 62 eigenen Zeichnung zu kombinieren. Vor allem Philine, die fast ausschließlich mit Buntstiften zeichnet, stößt dabei an ihre Grenzen. Auch die von Philine angefertigte Vorzeichnung mit dem Bleistift ist zu sehen. Sowohl das Zeichnen mit Buntstift als auch die Vorzeichnung scheinen für Philines Vorstellung von einer gelungenen Zeichnung wesentlich zu sein. I: Gibt es einen besonderen Grund, warum ihr mit Buntstiften malt? Vielleicht auch unabhängig voneinander? PHILINE: Also, ich kann mit Buntstiften ordentlicher malen, und das sieht dann ein bisschen schöner aus. I: Ja, mhm (verständnisvoll). PHILINE: Finde ich zumindest. I: Wann würdest du denn sagen, Philine, wann ist für dich eine Zeichnung besonders gelungen? PHILINE: Ähm (…) I: Kannst du das definieren? PHILINE: Eigentlich unterschiedlich. Wenn’s halt nicht zu grob gemalt ist, die Stifte halt nicht so fest draufgedrückt sind oder nicht so oft immer übern Rand malt oder so. (I2: S. 337–338) Die Aussagen, die Philine über das Gelingen einer Zeichnung auch in Verbindung mit der gewählten Technik trifft, haben im Rahmen dieser Forschung einen immensen Wert. Dass eine ordentliche, sorgfältig ausformulierte Zeichnung gleichzeitig eine gelungene ist, scheint in der Topmodel-Community eine weit verbreitete Meinung zu sein. Gleichzeitig handelt es sich hierbei um ein uraltes Phänomen, dessen Ursprünge bis in die frühe Geschichte des Zeichenunterrichts zurückzuverfolgen sind. Auch heute existiert diese Überzeugung weiterhin. In der Topmodel-Welt wird dieses antiquierte Verständnis von einer ‚schönen‘ Zeichnung in besonderer Weise verbreitet. Damit entpuppt sich die Kreativserie einmal mehr als Transporteur veralteter Ansichten und Denkweisen. Durch die äußerst sparsame Kolorierung der Farbzeichnung entsteht gleichzeitig der Eindruck, sie sei noch nicht fertig gestellt. Ein Blick auf Philines übrige Zeichnungen und auf Zeichnungen zur Kreativserie überhaupt macht jedoch deutlich, dass eine vollständig kolorierte Zeichnung außerhalb des Fanart-Forums äußerst selten ist. Das Weglassen des Hintergrundes erscheint weniger ein Makel als vielmehr eine festgeschriebene Regel zu sein. Lediglich bei einer der insgesamt 32 Topmodel-Zeichnungen wurde ein Hintergrund dargestellt. Ein Phänomen, das nicht nur, aber in besonderem Maße bei Topmodel-Zeichnungen zu erkennen ist. Mögliche Gründe dafür werden an anderer Stelle und mit Blick auf die Aussagen durch die Probandinnen in Kapitel 8 diskutiert. 63 Ein zu geringes Interesse am Motiv selbst kann zumindest mit Blick auf diese Zeichnung von Philine nicht der Grund für die sparsame Kolorierung sowie das Fehlen des Hintergrundes sein. Philine erklärt im Interview, dass ihr insbesondere die Topmodel-Malbücher zum Thema Tanzen gefallen. Überhaupt scheinen die Topmodel-Malbücher mit dem Titel ‚Dance‘ äußerst beliebt zu sein. Jede der insgesamt acht Probandinnen besaß ein Dance-Malbuch. Die Begeisterung liegt in diesem Fall nicht zuletzt darin begründet, dass ein Großteil der interviewten Mädchen in der Freizeit Hip-Hop-Unterricht nimmt. Die Malbücher rund ums Tanzen knüpfen demnach direkt an die Lebenswirklichkeit der Mädchen. Sie scheinen der Realität am nächsten zu sein, während Malbücher mit Titeln wie ‚Glamour‘ oder ‚Fantasy‘ vermeintliche Träume und Wünsche der Mädchen – ganz im Sinne der ‚Topmodel-Ästhetik‘ – aufgreifen und dadurch ihr Anziehungspotenzial erhöhen. Die Topmodel-Figur selbst präsentiert sich gewohnt freizügig. Das herzförmige Gesicht mit den großen Rehaugen, die zarte Nase und der üppige Schmollmund, der ungewöhnlich schlanke Körper, die schmale Taille, die langen, dünnen Beine sowie die erotisch anmutende Pose zeichnen das Bild eines Mädchens, das gleichzeitig süß und sexy ist: eine Lolita. Der Schleier des Harmlosen legt sich über dieses zarte Wesen, das den Betrachter unschuldig anblickt und sich in dem sanften, rosa Kleidchen und den schmalen Ballettschläppchen feengleich gibt. Das Motiv der Balletttänzerin, das Philine für ihre Zeichnung wählte, bedient dieses Bild von Weiblichkeit, das einseitiger nicht sein könnte. Auch die Zeichnung von Svea (Abb. 15) fügt sich in dieses Bild, wenn auch weniger offensichtlich. Ihre Zeichnung unterscheidet sich aus formalästhetischer Sicht kaum von Philines bildnerischer Produktion. Sowohl mit Blick auf Bildkomposition als auch Raumorganisation ergeben sich deutliche Parallelen. Bei aller Veränderlichkeit weisen die Bildkonzepte der Heranwachsenden, besonders zu Beginn des Jugendalters, aber starke Züge von Konventionalität auf: die Art der Darstellung soll sich zwar von ‚Kinderzeichnungen‘ und von den Gestaltungen, welche die Erwachsenen präferieren, abheben, aber sich gleichzeitig möglichst wenig von den Zeichnungen Gleichaltriger unterscheiden. Diese Angleichung verschafft der/dem Zeichnenden Sicherheit, die Anerkennung ihrer/seiner ‚künstlerischen‘ Talente und die Genugtuung, die kulturellen Vorstellungen der Erwachsenen ablehnen zu können.96 Die von Richter formulierte Beobachtung erscheint mit Blick auf die Kreativserie Topmodel von immenser Bedeutung zu sein. Die Konformität der Zeichnungen, die durch zahlreiche Hilfsmittel in den Malbüchern inklusive der Vorlagen forciert wird, wird von den Mädchen selbst nicht als negativ wahrgenommen, sondern im Gegenteil ihrem Wunsch nach Sicherheit und Zugehörigkeit gerecht. Die Kreativserie Topmodel scheint sich die Unsicherheit ihrer Konsumentinnen und das daraus resultierende Bedürfnis nach Absicherung zunutze zu machen und für eigene Marketingstrategien zu gebrauchen. 96 Richter 1997, S. 73. 64 Doch obschon die Gemeinsamkeiten unter den Zeichnungen frappierend sind, lassen sich ebenso einige Unterschiede festmachen. Ein wesentlicher Unterschied liegt – vergleicht man die bildnerische Produktion von Svea mit der von Philine – in der Kolorierung und der Ausarbeitung der Figur. Die Topmodel-Figur von Svea trägt langes, blondes Haar, ein rosafarbenes Oberteil mit einem hellblauen Mantel und einem hellblau-grau karierten Schal, darunter einen hellblauen, kurzen Rock, der Falten schlägt, eine Strumpfhose mit Netzmuster und hellbraune Stiefeletten mit Absatz. Die Haut des Models ist in einem sanften Beigeton koloriert. Die Zeichnung von Svea ist Spiegelbild einer intensiven Beschäftigung mit der Figur verbunden mit konkreten modischen wie farblichen Vorstellungen. Dieser Eindruck verstärkt sich vor dem Hintergrund des persönlichen Gesprächs, in dem Svea ihrer Begeisterung für die Kreativserie Topmodel, das Zeichnen der Topmodel-Motive sowie für aktuelle Modetrends zum Ausdruck bringt. Ihre Ansprüche an eigene Zeichnungen sind hoch, auch ihre Vorstellungen von einer gelungenen Zeichnung fügen sich in das Bild der Topmodel-Serie. I: Und wenn du sagst, manchmal findest du die nicht so gelungen, wann findest du eine Zeichnung denn besonders gelungen, wann gefällt sie dir am besten? SVEA: Also, wenn die richtig gute Schattierung hat und auch die Haare gut gelungen sind. Also, hier in diesem Buch habe ich noch eine Zeichnung, die mir sehr gut gefällt (sucht). Diese Zeichnung (zeigt eine Zeichnung). (…) SVEA: Also, meine beste Freundin und ich, wir sind komplett gleich, und wir sind ein bisschen pingelig. Zum Beispiel, wenn wir ein Bild ohne Schattierungen und ohne 3D-Formen sehen, dann flippen wir aus (verlegenes Lachen) (…). (I7: S. 460 und S. 467) Die konkreten Vorstellungen von einer gelungenen Zeichnung lassen sich in Sveas bildnerischer Produktion wiederfinden. Sie zeichnet sehr sorgfältig, achtet darauf, dass sie die Konturen der Malvorlage einhält oder, falls nötig, unkenntlich macht. Durch Muster und Schattierungen versucht sie, der Figur die Flächigkeit zu nehmen und stattdessen eine plastische Wirkung zu erzielen (s. Mantel und Oberteil). Während Philines Zeichnung den Eindruck vermittelt, die Hauptaufgabe läge darin, das Model anzukleiden, scheint Svea der zeichnerische Akt verbunden mit der vollständigen Gestaltung der Figur am Herzen zu liegen. Jeder Körperteil des Models wurde in die Gestaltung einbezogen. Bei Philine scheint der Anspruch ein anderer gewesen zu sein. Für die Darstellung der Ballerina brauchte es nicht mehr als ein rosafarbenes Kleid und – natürlich – die charakteristischen Ballettschuhe. Der Betrachter erkennt die Tänzerin sofort. Auch diese Einfachheit, die sich in der Ausgestaltung des Motivs widerspiegelt, ist einer der Grundsätze der Kreativserie Topmodel, der oft dankend von den Zeichnerinnen angenommen zu werden scheint. 65 Die Malvorlagen fordern keine intensive Beschäftigung mit der Figur. Das Ziel, dem nackten Model etwas ‚anzuziehen‘, ist ohne allzu großen Aufwand schnell erreicht. Traut man den Mädchen, die sich den Topmodel-Figuren widmen, nicht mehr zu? Ein bisschen verzieren, hier und da schmücken – ist das alles, was man ihnen überlässt? Ohne die Diskussion dahingehend öffnen zu wollen, ob die Kinderzeichnung als Kunst zu bezeichnen sei oder nicht, erinnert diese subtile Botschaft doch an seit Jahrzehnten geführte Diskussionen über die Ungleichheit der Wertschätzung der Kunst des Mannes und der Frau (vor allem in Bezug aufeinander).97 Im Fall der Simplifizierung der Mädchenzeichnung, wie sie die Kreativserie Topmodel vornimmt, scheint sich der Gedanke an weiblichen Dilettantismus und alltägliche Trivialität zu halten, der bereits im 19. Jahrhundert propagiert wurde.98 Die Subtilität der Botschaft macht sie nicht weniger dramatisch; sie erreicht damit im Gegenteil eine Perfidität, die kaum zu übertreffen ist. Svea, die das Topmodel-Zeichnen äußerst passioniert und zeitaufwändig betreibt, ist eine möglichst originalgetreue Darstellung der Bildelemente wichtig. Ihre Vorstellung von einer gelungenen Zeichnung scheint sich nicht zuletzt auch im Farbkonzept ihrer bildnerischen Produktion wiederzufinden. Die zarten Pastelltöne schaffen einen Simultankontrast, der sich nur allzu treffend in die ‚Topmodel-Ästhetik‘ fügt. Nichts scheint die Harmonie des Motivs zu trüben, kein falscher Strich, kein ‚unpassender‘ Farbton, der das Auge stört. Über allem scheint ein sanfter Schleier zu liegen, der einmal mehr die Harmlosigkeit des Motivs suggeriert. Dabei hat die Figur bis auf die bereits genannten Merkmale, die sich ins Kindchenschema fügen, nichts mit einem (früh-)adoleszenten Mädchen zu tun. Die Kleidung, die Svea für das Model gewählt hat, wirkt äußerst erwachsen. Der kurze Rock, die durchsichtige Netzstrumpfhose sowie die Absatzschuhe sind nicht unbedingt die Kleidungsstücke, die man im Kleiderschrank eines 11-jährigen Mädchens erwartet. Hierin zeigt sich eine Entwicklung, auf die Postman schon in den 80er Jahren aufmerksam machte: „Wohin man sieht, überall stellt man fest, daß sich das Verhalten, die Sprache, die Einstellungen und die Wünsche – und selbst die äußere Erscheinung – von Erwachsenen und Kindern immer weniger voneinander unterscheiden.“99 Heute, 30 Jahre später, zeigen Zeichnungen wie die zur Kreativserie Topmodel vor allem vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen in der Genderproblematik, dass dieses Phänomen über die Jahre hinweg noch extremer geworden ist. Aus der Wahl des Outfits ergibt sich eine Absurdität, die den Topmodel-Figuren eigen zu sein scheint: Es gibt keine Zeichnung, in der eine Bildfigur vollständig bekleidet ist. Ist das Topmodel mit dickem Mantel und Schal bekleidet, braucht es an anderer Stelle besonders viel nackte Haut. Dem gegenüber steht in Sveas Zeichnung nicht zuletzt auch das engelsgleiche Gesicht, das durch blaue Augen, einen zart rosa kolorierten Mund und langes, blondes Haar besticht. Daraus ergibt sich das Bild eines Models, wie es im Buche steht. 97 Vgl. Aissen-Crewett, Meike: Sexuelle Gleichberechtigung in der Kunsterziehung. Was können wir von der Diskussion in den USA lernen? In: Staudte, Adelheid; Voigt, Barbara (Hrsg.): Frauen – Kunst – Pädagogik. Frankfurt a. M.: Ulrike Helmer, 1991. 98 Vgl. Kämpf-Jansen, Helga: Männlicher Blick und weibliche Ästhetik. In: Staudte, Adelheid; Voigt, Barbara (Hrsg.): Frauen – Kunst – Pädagogik. Frankfurt a. M.: Ulrike Helmer, 1991. 99 Postman 1987, S. 14. 66 Abb. 16: Ohne Titel, Lisa 9 J., 2013, DIN A4 Etwas weniger zarte Darstellungen präsentieren Lisa (Abb. 16) und Julie (Abb. 17). Lisas Kombination aus Filz- und Buntstiftzeichnung aus dem Jahr 2015 zeigt zwei Bildfiguren, die sich frontal auf den Betrachter zubewegen. Die linke Bildfigur trägt langes blondes Haar mit orangefarbenen Strähnen, ihre Augenbrauen sind ebenfalls auffällig orange gefärbt, der Mund in einem knalligen Rot. Zur kurzen blauen Hose mit den Buchstaben T und M (für ‚Topmodel‘) trägt das Model ein schwarz-violettes T-Shirt, aus dem violette Träger herausschauen, sowie blaue Schuhe mit einer grünen Sohle. Die Figur zur rechten Seite trägt kurzes, schwarz-violettes Haar, ebenfalls orangene Augenbrauen sowie kräftig rote Lippen, ein lediglich die Brüste bedeckendes Oberteil in der Farbe Blau mit grünen Neckholder-Trägern und grünen Initialen aus den Buchstaben T und M, eine kurze grüne Hose sowie blaue, flache Schuhe mit einem grünen Zehensteg. Die Bildkomposition gestaltet sich gewohnt einseitig. Die beschriebenen Bildfiguren sind die einzigen Bildelemente. Sie befinden sich auf weißem Hintergrund ohne weitere Bezugselemente. Dadurch ist keine Flächentiefe erkennbar. 67 Abb. 17: Ohne Titel, Julie 8 J., 2014, ca. 16 x 29 cm Das Farbkonzept, das ist in der Bildbeschreibung bereits deutlich geworden, gestaltet sich monoton. Es dominieren die Farben Grün, Blau und Schwarz-Violett. Letzterer kommt mithilfe eines speziellen Filzstifts aus der Topmodel-Kollektion zustande, der als sogenannter ‚Zauberstift‘ die Farbe wechselt. Die Auswahl der Farben scheint nicht zufällig getroffen. Lisa erklärt im Interview, dass ihre Lieblingsfarben Blau, Grün und Violett sind. Das Fehlen des Hintergrunds erläutert sie wie folgt: I: Malst du denn bei deinen Zeichnungen oft Hintergründe? LISA: Nee, meistens lasse ich die weg. Nur weil ich jetzt hier halt noch Zeit hatte und das halt / das fand ich halt schön, und da wollte ich das Bild noch schöner machen. I: Findest du Bilder also mit Hintergrund eigentlich schöner? LISA: Ja, aber meistens hab ich dann die Geduld nicht mehr. Beim Malen habe ich dann immer nicht so die Geduld. (I4: S. 415) 68 Aus dieser Aussage ergibt sich eine Problematik, die bereits Wiegelmann-Bals in ihrer Forschung zur Kinder- und Jugendzeichnung thematisierte. Ihre Vermutung, die wenig intensive und formal zeichnerische Auseinandersetzung bei aktuellen Kinderzeichnungen manifestiere sich in weniger komplexen und ausdifferenzierten Bildmotiven100, scheint mit Blick auf die bildnerischen Produktionen von Lisa und einigen anderen Probandinnen einleuchtend. Ein Mangel an Geduld und Zeit scheint ausschlaggebend für unvollständige Zeichnungen zu sein. Gleichzeitig scheint das eine das andere zu bedingen. Die Terminkalender der Mädchen sind oft eng getaktet, viel Zeit fürs Zeichnen, das Ruhe und Muße fordert, bleibt da nicht. I: (…) Und früher habt ihr euch richtig zum Malen getroffen? LISA: Ja, also, wir haben uns halt getroffen, und dann wussten wir halt nicht, was wir machen sollten. Und dann haben wir eben was gemalt. Und dann haben wir eben zu zweit was gemalt. (I4: S. 394) Das Zeichnen ist nicht selten ‚Lückenbüßer‘ zwischen Schule und terminlich festgelegten Freizeitaktivitäten. Die Mädchen zeichnen häufig ‚zwischendurch‘, zwischen ‚Tür und Angel‘, wenn sie Zeit überbrücken müssen oder Langeweile haben. Lisa beschreibt hier ein Phänomen, das bei vielen ihrer Mitschülerinnen in gleichem Maße zu beobachten ist. Diese Problematik wird in Kapitel 8 in Verbindung mit den Untersuchungsergebnissen ausführlich beleuchtet. Obschon sich Lisas Zeichnung in die bekannte ‚Topmodel-Ästhetik‘ fügt – ein Abweichen davon ist aufgrund der vorgegebenen Schemata ohnehin nur sehr eingeschränkt möglich – lassen sich mit Blick auf die Ausgestaltung der Figuren Besonderheiten erkennen. Die Kombination von Filz- und Buntstiftzeichnung ist auch hinsichtlich der bildnerischen Produktionen im deutschen und französischen Topmodel-Forum eher ungewöhnlich. Gleichzeitig erscheint die Nutzung des Buntstifts für die Kolorierung der Haut bewusst gewählt, da kaum eine Filzstiftfarbe einen so zarten, leicht gebräunten Teint darzustellen vermag wie der Buntstift. Obschon der Farbauftrag mit Buntstift deutlich weniger kräftig ausfällt als bei den Filzstiftelementen, ist der Duktus derselbe. An einigen Stellen ist er zart, an anderen kräftiger und dadurch deutlich sichtbar. In diesem Punkt unterscheiden sich die Zeichnungen der Probandinnen deutlich von denen, die in den Topmodel-Foren von besonders aktiven Userinnen online gestellt werden. Die Kleidung, die die Topmodels tragen, hat Lisa selbst erfunden. Nichtsdestotrotz bedient sie sich wie automatisch der Topmodel-typischen Merkmale, die die Kleidung der Models bestimmen. Obschon es sich nach Lisas eigenen Angaben um Sportkleidung handelt, sind die Gesichter stark geschminkt, Augen und Mund in kräftigen Rot- und Orangetönen koloriert. Vor allem die rechte Bildfigur präsentiert sich äußerst freizügig. Ohne Lisas Erklärungen wäre das Motiv nicht in einen sportlichen Kontext einzubetten; ein Phänomen, das beinah allen Topmodel-Vorlagen eigen ist. Der Bildkontext wird niemals über die Gestaltung eines 100 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 69 Hintergrundes oder charakteristischer Bildelemente deutlich, sondern ausschließlich – und auch hier nur bedingt, wie Lisas Zeichnung zeigt – über die Kleidung, die die Models tragen. Die Starrheit des Motivs macht die Zeichnung jederzeit austauschbar. Julies Zeichnung (Abb. 17) ist ebenfalls ein solches Beispiel. Zentraler Bildgegenstand ist eine einzelne Figur, die den Betrachter frontal anblickt. Die Vorlage, die Julie zum Ausmalen genutzt hat, ist in einem zarten Beigeton konturiert. Anders als die Vorlagen in den vorangegangenen Topmodel-Zeichnungen deutet diese eine Frisur an und präsentiert ein bereits vollständig koloriertes Gesicht, das sich mit schmalen, hellbraunen Augenbrauen, schwarzen Augen und langen geschwungenen Wimpern sowie zart rosa kolorierten Lippen zeigt. Das Model trägt außerdem ein blau-schwarz gemustertes Oberteil mit dem schwarzen Schriftzug „Bang Boum Oh wow“, eine kurze, schwarze, eng anliegende Hose, darunter eine schwarze Netzstrumpfhose und schwarze, offene Schuhe. In der linken Hand hält sie eine schwarze Rose mit schwarzen Dornen. In der linken unteren Bildecke ist ein roter Kussmund mit der Signatur „Louise“ zu erkennen. Es handelt sich dabei um die Signatur eines fiktiven Charakters aus der Topmodel-Welt. Nicht jede Malvorlage ist zwangsläufig mit einer gedruckten Signatur versehen. Gleichzeitig ist die Signatur ein besonderes Kennzeichen der Topmodel-Zeichnungen, wird jedoch von den Probandinnen selbst nur sehr eingeschränkt zur Kennzeichnung genutzt. Das Farbkonzept beschränkt sich auf die Farben Schwarz, Blau und Gelb. Julie erklärt zu dieser Zeichnung, sie habe versuchen wollen, ein „rockiges Outfit“ zu malen. Kennzeichnend dafür ist zum einen die Farb-, zum anderen die Musterwahl. Statt weicher Farbverläufe besticht die Kleidung durch einen dynamischen Duktus und geometrische Formen. Der Kopf mit den blonden Haaren und den treu blickenden Augen steht im starken Kontrast zum düsteren Outfit. Mit Blick auf die Ausgestaltung des Bildmotivs ergeben sich deutliche Parallelen zu den vorangegangenen Topmodel-Zeichnungen. Weder Hautfarbe noch Hintergrund wurden von Julie koloriert. Lediglich die zarten Konturen der Vorlage trennen die nicht bekleideten Körperstellen vom weißen Hintergrund. Auch hier entsteht der Eindruck einer unfertigen Zeichnung. Vorbilder nutzt Julie, so betont sie, nur selten. Meistens entstammen ihre Motive ihrer Fantasie. Diese Aussage treffen auch andere Probandinnen; sie muss im Hinblick auf die Topmodel-Zeichnungen mit besonderer Vorsicht genossen werden. Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie groß die Möglichkeiten sind, aus der eigenen Fantasie zu schöpfen, wenn etliche Vorlagen bereits vorhanden sind. Gleichzeitig ist der Begriff der Fantasie ein bekanntermaßen schwer greifbarer, da der Mensch, der von der eigenen Fantasie spricht, nicht bewusst zu begreifen vermag, welche Einflüsse auf sein Denken, seine Ideen, seine Wahrnehmung einwirken, die zur Entstehung seiner Fantasie beitragen, jedoch nicht mehr von dem eigenen, ursprünglichen Repertoire zu trennen sind. Wenn die Probandinnen folglich von ‚Fantasie‘ sprechen, müssen äußere Einflüsse berücksichtigt werden. Je nach Bildmotiv sind diese mal deutlich, mal weniger deutlich zu erkennen. Obschon der Kontext des Bildes nicht klar wird, ist es Julie gelungen, ihre Idee von einem rockigen Outfit umzusetzen. Auch sie begibt sich dabei in die stereotypen Topmodel-Darstellungen. Das herzförmige Gesicht mit den zarten Konturen und dem blonden, leicht 70 welligen Haar wirkt ‚mädchenhaft-süß‘, niedlich, unschuldig. Das Outfit hingegen erinnert an ‚Lack und Leder‘, die schwarze Netzstrumpfhose auf nacktem Bein unterstreicht das sexy Outfit. Es ist kaum zu glauben, dass dieses Motiv ihrer kindlichen Fantasie entsprungen ist. Ein Beispiel, bei dem Einflüsse deutlich erkennbar sind, stellt die bildnerische Produktion von Sarah (Abb. 18) dar. Es handelt sich um eine Buntstiftzeichnung. Abb. 18: Ohne Titel, Sarah 10 J., 2015, DIN A4 Dem Topmodel-Schema folgend, lassen sich bezüglich Bildkomposition und Raumorganisation die gleichen Beobachtungspunkte festhalten wie bei den vorangegangenen Zeichnungen. Die Figur in der Mitte der Bildfläche ist einziger und damit zentraler Bildgegenstand. Der Hintergrund ist nicht ausformuliert. Das Farbkonzept beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Farben: Schwarz und Violett. Letztere, erklärt Sarah, sei eine ihrer Lieblingsfarben. Das Model trägt schwarzes, glattes Haar und eine Kombination aus einem violetten Bandeauoberteil und einem wallenden, langen, ebenso violettfarbenen Rock, der die Beine des Models trapezförmig umschließt. Am rechten Armgelenk trägt die Bildfigur ein violett-schwarz- 71 gestreiftes Armband, außerdem an beiden Händen mehrere zarte Ringe. Die Füße schmücken violette Schuhe mit schwarzem Absatz. In den Händen hält das Model ein graues Tuch, das sich hinter ihrem Rücken in einer langen, ovalen Form ausbreitet. Das Gesicht ist düster geschminkt. Die Augen sind auffällig schwarz umrandet, die Iris rot. Die Lippen sind violett koloriert. Die Haut der Figur ist weiß geblieben. Oberhalb des Rocksaums zur rechten Seite befindet sich ein mit Bleistift geschriebener Schriftzug, der den Namen „Leyeler“ erkennen lässt. Als konkretes Vorbild für diese Zeichnung nennt Sarah eine Figur aus dem Malbuch ‚Dance‘, die eine Bauchtänzerin aus dem Orient darstellen soll. Auch Sarahs Figur erinnert an eine Bauchtänzerin. Typische Merkmale scheinen für Sarah, nicht zuletzt aufgrund der Malvorlage, die Art der Kleidung – ein lediglich die Brüste bedeckendes Oberteil sowie ein langer Rock aus fließendem Stoff – sowie viel Schmuck, auch in Form eines Bauchnabelpiercings, und fließende, teils transparente Stoffe zu sein. Insbesondere die Farbwahl lässt auf ein weiteres Vorbild schließen, über das Sarah während des Interviews spricht: I: (…) Aber ich sehe auch gerade, du hast Monster High Puppen (…) SARAH: Ja. I: Was ist das genau? SARAH: Das sind so Monster, die beschäftigen sich mit Mode und erleben Abenteuer. I: Aha, und das sind Puppen (…) SARAH: Ja (kurze Pause), und im Zimmer von meiner Schwester, da steht auch so ’ne Monster High Puppe. I: Und damit spielst du auch? SARAH: Ja, und ich hab gerade auch eine hier (sucht). Hier (zeigt die Puppe, bewegt ihre Gelenke). Die haben auch noch mehr an, aber ich fand sie so jetzt schöner. I: Hast du die also selbst angezogen? SARAH: Ähm (kurze Pause), nee, aber man kann das Outfit wechseln und selber, also, erstellen, was man gerade so möchte und ausprobieren. Ja, und die sehen auch anders aus. Und das ist jetzt so ein Motiv, also, so ’ne Puppe, die besteht aus nur Knochen. Und das ist Skelita (…) (I6: S. 446–447) Die Bezugnahme auf sogenannte Monster High Puppen, eine im Jahr 2010 auf den Markt gebrachte Produktlinie der Firma Mattel, ist unverkennbar. Ihr düsteres, unheimliches Erscheinungsbild, das nicht zuletzt aufgrund der Tatsache entsteht, dass die Figuren, wie Sarah bereits beschreibt, nur aus Knochen bestehen, gleicht Sarahs Topmodel-Darstellung besonders 72 auffällig. Auch die Kombination aus weißer Haut und dunklem Augen-Makeup ist den Monster High Puppen eigen. In ihrer Erscheinung und der damit verbundenen mehr oder weniger unterschwelligen Botschaft ähneln sie den Topmodels in vielerlei Hinsicht, gleichzeitig treiben sie die ohnehin schon offensichtliche Sexualisierung der Topmodels auf die Spitze. Die Körper der Monster High Puppen sind nicht nur dünn, sondern dürr, die zerbrechlich wirkenden Beine können in jede erdenkliche Position gebracht werden, die Kleidung ist sexy, erinnert an berüchtigte Lack-und-Leder-Outfits. Die Monster High Puppe mit dem Namen Elissabat beispielsweise trägt zu einem eng geschnürten Corsage-Kleid, das knapp über den Po reicht, Plateau-Lackstiefel; eine Puppe, die an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen ist. So stehen in den Mädchenzimmern lauter kleine Dominas, die von 10-Jährigen bewundert und als Modeinspiration genutzt werden. Der Begriff der Inspiration scheint für Sarah eine besondere Bedeutung in Hinblick auf ihre Zeichenaktivität zu haben. Sie betont mehrfach, dass sie Inspirationen für ihre Zeichnungen im Fernsehen, in der Topmodel-Serie und bei Zeichnungen von Freundinnen findet. Die Qualität von Topmodel sieht sie vor allem darin, ihre Fantasie spielen zu lassen. I: Hast du denn ein Malbuch, in dem du am liebsten malst? SARAH: Fantasy, tanzen und ja (…) I: Das macht dir am meisten Spaß!? SARAH: Ja, dass ich selbst erfinden kann. (I6: S. 438–439) Ebenso wie Julie empfindet Sarah das Zeichnen von Topmodel-Figuren als fantasieanregend. Titel der Malbücher wie beispielsweise ‚Fantasy‘ suggerieren den Mädchen schließlich auch eine gewisse Form von Kreativität. Sarahs Zeichnung ist in der Zeichenweise deutlich als Kinderzeichnung erkennbar. Sowohl der dynamische Duktus als auch die Darstellung der Schuhe der Figur, die ein wenig wie ein Klappbild funktionieren, um auf die Art des Schuhs aufmerksam zu machen, verraten zumindest das ungefähre Alter der Zeichnerin. Das Motiv selbst hingegen scheint kaum etwas mit einer Kinderzeichnung zu tun zu haben. Sarahs Bildfigur präsentiert sich verrucht, sexy und verführerisch. Die Neugier für die Welt der Erwachsenen, die nicht zuletzt auch Sarahs Zeichnungen zugrunde liegt, die Faszination, die die Erwachsenenwelt auf die Mädchen ausübt, ist nichts, was grundsätzlich besorgniserregend oder gar schädlich erscheint. Die Annäherung an die Welt der Erwachsenen scheint für die Sozialisation des Kindes eine bedeutsame, ja notwendige Erfahrung zu sein, der eine Neugier zugrunde liegt, die bestimmend für die Welt des Kindes ist. Das Problem ist ein anderes: […] sie [die Neugier] entfaltet sich nur dann, wenn das Kind immer deutlicher erfährt, daß wohlgeordnete Fragen die Macht besitzen, Geheimnisse aufzuschließen. Die Brücke von der Welt des Bekannten zu der des Unbekannten schlagen das Staunen und die Ver- 73 wunderung. Staunen gibt es jedoch vor allem dort, wo die Welt des Kindes von der Erwachsenenwelt geschieden ist, wo sich die Kinder durch ihre Fragen den Zugang zur Erwachsenenwelt erst suchen müssen. Wenn die Medien beide Welten miteinander verschmelzen, wenn die vom noch ungelüfteten Geheimnis ausgehende Spannung abnimmt, verändert sich das Staunen selbst. An die Stelle der Neugier tritt Zynismus oder, schlimmer noch, Arroganz. Wir haben dann Kinder, die sich nicht mehr auf die Erwachsenen und deren Wissen verlassen, sondern auf Nachrichten aus dem Nirgendwo. Wir haben Kinder, die Antworten bekommen auf Fragen, die sie nie gestellt haben. Kurzum, wir haben keine Kinder mehr.101 So drastisch Postmans Überlegungen auch erscheinen mögen, so sehr treffen sie doch auf die Beobachtungen zu, die im Zuge dieses historischen Vergleichs bis hierhin angestellt werden konnten. Die Mädchen sind nicht fasziniert von der Welt der Erwachsenen, weil sie so weit davon entfernt sind, weil sie etwas Fremdes für sie darstellt. Das Interesse rührt daher, dass sie mit neun, zehn oder elf Jahren längst Teil dieser Welt sind. Die Grenze zwischen Kinderund Erwachsenenwelt ist kaum mehr sichtbar. Bilder, Meinungen und Denkweisen, die die Mädchen verinnerlichen, unterscheiden sich nur geringfügig von denen ihrer Eltern. So entstehen Zeichnungen wie die von Sarah, die, inspiriert durch angeblich für Kinder produziertes Spielzeug, nur noch aufgrund des Alters der Urheberin und der damit verbundenen zeichnerischen Ausdrucksweise als Kinderzeichnung identifiziert werden kann, nicht jedoch aufgrund ihrer Motivik. Das Wesen (Abb. 20), das nicht von dieser Welt zu sein scheint, wirkt geheimnisvoll, seine roten Augen geradezu beängstigend. Was wäre wohl möglich gewesen, wenn sich Sarah, die ohnehin eine große Leidenschaft fürs Zeichnen hat, ihrer kindlichen Fantasie, fernab von Monster High und Topmodel, bedient hätte? Welche Art Bildmotiv wäre dann entstanden? „Katzen, Pferde und halt Sachen, die ich leicht und gut malen kann“, antwortet Sarah, als sie auf ihre Lieblingsmotive angesprochen wird. Abbildung 19 zeigt eine Zeichnung von Lena, die sie im Alter von neun Jahren angefertigt hat. Es handelt sich um eine Buntstiftzeichnung im Querformat. Das für Topmodel-Zeichnungen eher ungewöhnliche Bildformat geht mit einer ebenso ungewöhnlichen Topmodel- Figur einher, die sich beinah über das gesamte Querformat streckt. Der Kopf der Figur präsentiert sich in bekannter Herzform mit großen, dunklen Augen und langen, geschwungenen Wimpern, einer zart angedeuteten Nasenspitze sowie einem Schmollmund. Die Arme sind in die linke und rechte Bildecke zeigend vom Oberkörper gestreckt. Letzterer ist dem Betrachter frontal zugewandt, das rechte Bein ist angewinkelt, das linke Bein streckt sich leicht geneigt in Richtung rechte Bildhälfte und trifft dabei ungefähr auf die Mitte der Bildhöhe. Die gesamte Figur ist in einem mitteldunklen Braunton koloriert. Die Augen sind mit neongelbem Textmarker ausgemalt. An den Füßen trägt die Figur, die Lenas Erklärungen folgend als Fledermaus zu identifizieren ist, Ballettschuhe, deren Konturen mit Bleistift gezeichnet wurden. 101 Postman 1987, S. 107. 74 Aus der Kombination von menschlicher Gestalt, vorgegeben durch die Topmodel-Malvorlage, und Fledermaus ist ein Fantasiewesen entstanden, das zwar in die Reihe der Fantasy- Malbücher passt, gleichzeitig hinsichtlich seiner Motivwahl und Umsetzung ungewöhnlich erscheint. Interessant bei Lenas Darstellung ist das Ausbrechen aus und Ignorieren von den vorgegebenen Konturen. Betrachtet man die Topmodel-Zeichnungen in den Fanart-Foren oder auch vor dem Hintergrund der durchgeführten Interviews, so wird deutlich, dass das Einhalten der Malvorlagen ein wesentliches Kriterium für eine gute Zeichnung ist. Werden die vorgezeichneten Linien überschritten, dann nur, um ein bestimmtes Kleidungsstück zu entwerfen, z. B. einen Rock oder ein Kleid, das das Einhalten der Konturen unmöglich macht. In diesem Fall gilt es jedoch, die Konturen unkenntlich zu machen. Lena hat sich über diese (unausgesprochene) Regel hinweggesetzt und die Konturen der vorgezeichneten Figur sichtbar gelassen. So sind Arme, Oberkörper und Beine der ursprünglichen Bildfigur noch deutlich unter der braunen Kolorierung zu erkennen. Die Flügel der Fledermaus deutet sie mit kräftigem Strich unterhalb der beiden Arme in großen Flächen an. Ungewöhnlich erscheint die Kombination mit den Ballettschuhen, die eindeutig auf eine Balletttänzerin hinweisen. Da Lena neben Hip-Hop selbst Ballett tanzt, scheint die Begeisterung für das Motiv naheliegend. Dennoch erscheint die Kombination der Balletttänzerin mit der Fledermaus nicht ganz schlüssig. Die Unstimmigkeiten im Bildmotiv scheinen die Unschlüssigkeit der Urheberin während des Zeichenprozesses widerzuspiegeln. Lena erklärt dies wie folgt: Abb. 19: Ohne Titel, Lena 9 J., 2014, DIN A4 75 I: …eine Fledermaus, oder!? Sehe ich das richtig? LENA: (Lachen) Ja (Lachen), das sollte eigentlich hier nur sowas, und dann dachte ich, ich komm nicht weiter, und dann hab ich das einfach so gemacht. (I3: S. 366) Ihr Lachen verrät, dass sie ihre eigene Zeichnung nicht erst nimmt, sie als einen misslungenen Versuch sieht und es ihr ein wenig unangenehm ist, darüber zu sprechen. Danach wechselt sie rasch das Thema. Die Unschlüssigkeit über das Bildmotiv geht außerdem mit einer sehr eingeschränkten Farbwahl einher, die ganz so wirkt, als habe Lena die Zeichnung schnell zu Ende bringen wollen, da sie nicht zufrieden war. Das Braun ist nur sehr leicht aufgetragen, der Duktus führt in alle denkbaren Bildrichtungen. Der Farbton wurde mit keiner anderen Farbe gemischt. Was sich hier einmal mehr zeigt, ist der Verlust von Beobachtungsgabe gepaart mit einem Mangel an Ausdauer und Geduld bei der zeichnerischen Umsetzung dessen, was man beobachtet hat. Dies wird besonders im Vergleich zu den Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts deutlich. Während die damaligen Zeichnungen Spiegelbild einer intensiven Beschäftigung mit dem Bildmotiv in der Realität, aber auch auf der Bildfläche sind, lassen die Topmodel-Zeichnungen erahnen, dass dies keine Kriterien mehr für eine gelungene Zeichnung darstellen. Das Topmodel-Motiv fordert dies in vielerlei Hinsicht nicht. Der Zeichnung von Lena liegt keine genaue Beobachtung, z. B. einer Fledermaus, zugrunde. Lenas Darstellung einer Fledermaus ist als solche nur mit Mühe zu erkennen. Die Art der Umsetzung deutet auf Ungeduld und einen Mangel an Ausdauer hin. Das ist auch Thema im Gespräch mit Lena und ihrer Mutter: I: Malst du denn auch gerne, wenn es nicht Topmodel ist? LENA: Ja, aber ich glaube, Topmodels male ich mehr als so, also, wenn ich einfach so male, das ist eigentlich immer in der Schule so, also, wir haben nach der richtigen Pause immer noch Zeit, und da male ich eigentlich. I: Mhm (verständnisvoll) (…) LENA: Aber sonst male ich eigentlich nicht mehr so viel. I: Also insgesamt gar nicht mehr so viel? LENA: Also, Topmodels male ich jetzt schon im Moment noch was, aber so richtig (verlegenes Lachen). Ist dann auch nicht mehr. MUTTER VON LENA: Darf ich dazu mal ganz kurz was sagen? I: Ja, klar. 76 MUTTER VON LENA: Also, ich habe als Kind sehr viel gemalt, und ich, ähm, ich finde, dass die Mädels heute / die malen kaum, einfach nur so irgendwie was, und die malen immer nur diese Vorlagen. Ich finde das manchmal richtig verstörend, muss ich ganz ehrlich sagen. Und wenn sie in der Schule irgendwelche Aufgaben haben, was weiß ich, dass sie irgendwas / ein bestimmtes Thema malen sollen, ist das alles super. Sie steht auch eins in Kunst, aber hat so gar keine Lust, was eigenständig zu malen. (…) MUTTER VON LENA: Ja, Ballett haben wir jetzt abgemeldet. Und ich denke auch / es wechseln ja jetzt alle demnächst die Schule, dass sich dann auch noch mal was ändert. Aber dadurch haben die ja auch kaum Zeit. Sich mal eben mit so ’nem Topmodel-Buch / kann man sich mal aufs Bett legen und ein bisschen rumkritzeln. Ist ja was Anderes als, ähm, sowas zu malen (deutet auf die ‚freien‘ Kinderzeichnungen von Lena). (I3: S. 367–368 und S. 371) Zeitmangel scheint bei der Anfertigung der Zeichnungen eine große Rolle zu spielen. Das Zeichnen zur Kreativserie Topmodel erfordert deutlich weniger Zeit als das freie Zeichnen. Man braucht kein eigenes Motiv zu entwickeln, das ist bereits vorhanden, mehrfach. Sogar das, was einem schwierig erscheint, ist bereits vorgezeichnet. Man braucht sich keine Zeit mehr dafür zu nehmen, nach Ideen zu suchen oder erste Versuche zu starten, die vielleicht nicht auf Anhieb gelingen. Eine Topmodel-Zeichnung gelingt nur sehr selten nicht. Das ist auch beinah unmöglich, da die Figur nur ausgemalt werden muss. Frustration wird verhindert, der Anspruch, es selbst zu versuchen, allerdings auch. Dadurch, das geht aus dem Gespräch mit Lena und ihrer Mutter hervor, kommt es häufig zu Motiven, die ‚mal eben‘ entstanden sind, zwischen Schule und Ballett, um der Langeweile zu trotzen. Dennoch stellt Lenas Zeichnung ein hoch spannendes Beispiel im Vergleich zu den übrigen Topmodel-Zeichnungen dar. Als eine der sehr wenigen Zeichnerinnen ist sie aus der ursprünglichen Form ausgebrochen, hat sich von der Vorlage gelöst, sich nicht ‚einengen‘ lassen. Aus wissenschaftlicher wie auch kunstpädagogischer Sicht zeigt sich darin eine Chance, ein wichtiger Schritt. Doch Lena macht deutlich, dass ihr dieser Ausbruch nicht behagt, dass es viel mehr ein Versehen als eine bewusste Entscheidung war und die Andersartigkeit ihrer Zeichnung im Vergleich zu anderen Topmodel-Zeichnungen nichts ist, auf das sie mit Stolz blickt. Durch die Erweiterung der Malvorlage hat sie sich aus der Sicherheitszone herausbegeben, war auf eigene Ideen, auf das eigene Motivrepertoire angewiesen. Als sie feststellen musste, dass ihr das Motiv nicht so gelang, wie sie es sich vorgestellt hatte, wurde sie unsicher und sorgte dafür, dass die Zeichnung schnell zu einem Ende gebracht wurde. Was wird ihr Fazit sein? Wohin führt sie diese Erkenntnis? Inwiefern nehmen diese und ähnliche Erfahrungen Einfluss auf die eigene Zeichentätigkeit? 77 Es reicht wohl als Antwort, wenn an dieser Stelle darauf hingewiesen wird, dass dies die einzige Zeichnung in Lenas Sammlung ist, in der sie sich von der ursprünglichen Malvorlage gelöst und sich einem eigenen Motiv zugewandt hat. 3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse Im Anschluss an die Analysen der Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1975, 2001 bis 2003 und 2013 bis 1015 sollen an dieser Stelle wesentliche, aus dem Vergleich hervorgegangene Erkenntnisse zusammengefasst und vor dem Hintergrund kunstpädagogischer sowie gesellschaftlicher, soziokultureller und genderbezogener Fragestellungen diskutiert werden. Ein Untersuchungsergebnis, auf das bereits zu Beginn des Kapitels hingewiesen wurde, erscheint mit Blick auf den angestellten Vergleich von besonderer Bedeutung zu sein und lässt bereits erste Schlüsse über die Entwicklung der Kinder- und Jugendzeichnung auf der einen Seite und die Bedeutung von Mädchensein zu einer bestimmten Zeit auf der anderen Seite zu. Die Tatsache, dass unter den 12.000 Kinder- und Jugendzeichnungen im Archiv für Kinderund Jugendzeichnungen in Erfurt keine Modezeichnungen von Mädchen im Alter von 8 bis 15 Jahren zu finden sind, wirft spannende Fragen auf. Gleichzeitig muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Zeichnungen, die das Archiv für Kinderzeichnungen in Erfurt beherbergt, größtenteils den Sammlungen von Kunsterzieherinnen und Kunsterziehern entstammen. Die untersuchten Zeichnungen sind demnach nicht zwangsläufig Produkte einer selbst gewählten Freizeitbeschäftigung. Dennoch, und dies erscheint vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen umso bedeutsamer, spiegeln die Zeichnungen nicht zuletzt auch die Wertschätzung des Faches Kunst und der Ausbildung künstlerischer Fähigkeiten wider. Die Ergebnisse werden unter folgenden Beobachtungspunkten vergleichend zusammengefasst: • Bildgestaltung (Bildkomposition, Raumorganisation, Farbkonzept) • Materialitäten • Menschendarstellung • Erfindungsreichtum • Narratives Moment • Emotionales Moment Bildgestaltung Der Begriff der Bildgestaltung nimmt im Wesentlichen die von Wiegelmann-Bals in den Fokus genommenen Kriterien wie Bildkomposition, Raumorganisation und Farbkonzept in den Blick. Die Beobachtungen, die im direkten Vergleich der Mädchenzeichnungen in diesem Kapitel festgehalten werden konnten, unterstützen eindeutig die These von Wiegelmann-Bals, der 78 enorme Wandel der Kinder- und Jugendzeichnung kristallisiere sich hinsichtlich dieser Kriterien besonders deutlich heraus. Gleichzeitig ergeben sich mit Blick auf die Modezeichnung phänomenspezifische Charakteristika bei der Bildgestaltung, die unbedingt berücksichtig werden müssen. Die Mädchenzeichnungen aus den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beweisen in jeder Altersstufe eine außergewöhnlich differenzierte und detaillierte Bildgestaltung. Die Bildkompositionen sind Spiegelbild einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, einer geduldigen Hand sowie eines enormen Ideenreichtums. Die genaue Beobachtung durch die Zeichnerinnen zeigt sich außerdem in der klugen Gestaltung des Raumes verbunden mit dem Wissen um perspektivische Grundregeln. Obschon dieser Aspekt aufgrund des Altersunterschiedes zwischen den Zeichnerinnen variiert, ist selbst bei den Zeichnungen der jüngeren Mädchen der Wille zur Darstellung von Räumlichkeit bereits sichtbar. Die meist deutliche Aufteilung in Vorder-, teilweise Mittel- und Hintergrund erlaubt es dem Betrachter, das Bild auf mehreren Ebenen ‚zu lesen‘. Ein einzelner Blick reicht oft nicht, um das Bild im Ganzen verstehen zu können. Eine so mühevoll konzipierte Bildgestaltung fordert eine eingehende Betrachtung, die dem Bild die Wertschätzung entgegenbringt, die es verdient. Die Farbkonzepte, die die Urheberinnen aus den Jahren 1962 bis 1975 für ihre bildnerischen Produktionen wählten, sind ebenfalls besonders hervorzuheben. Jede einzelne Zeichnung weist mindestens fünf, meist mehr Farben auf. Es macht den Eindruck, als sei die Farbwahl stets bewusst getroffen worden. Während die Bunt- und Filzstiftzeichnungen nur wenige Möglichkeiten geben, die Farben miteinander zu mischen, ergeben sich bei den mit Wassermalfarben angefertigten Malereien ausdrucksstarke Farbverläufe, die den Bildern nicht zuletzt auch eine gewisse Dynamik verleihen. Besonders auffällig ist dies im Bild des tanzenden Brautpaares von einem achtjährigen Mädchen. Die Modezeichnung erlaubt diese Art der Bildgestaltung schon von sich aus kaum. Ihr Fokus ist ein anderer. Mit Blick auf die Bildkomposition sind bei den Zeichnungen von Anna und Miriam nur geringfügige Unterschiede zu den bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel auszumachen. Hier scheint bereits die Phänomenspezifik zu greifen, die eine komplexe Ausformulierung der Bildfläche nicht fordert. Die besondere Problematik, die sich dabei auftut, ist folgende: Die Phase der Kinderzeichnung, zu der die Mädchen, deren Topmodel-Zeichnungen vorgestellt wurden, gezählt werden können, ist eine, die hinsichtlich der Bildgestaltung mit enormen Veränderungen einhergeht. Vor allem die Möglichkeiten der Raumorganisation erweitern sich, d. h. ungefähr ab dem 9. Lebensjahr kommt es zu einem veränderten Verständnis von Raum. Richter spricht von der Ausbildung von Flächentiefe.102 Entwicklungen wie diese werden den Mädchen durch die Kreativserie Topmodel vollständig verwehrt. Die Weiterentwicklung der eigenen zeichnerischen Fähigkeiten wird unterbunden. Sowohl Anna als auch einige Probandinnen, die im Rahmen der Untersuchung interviewt wurden, bestätigen, dass die vollständige Gestaltung der Bildfläche nicht an erster Stelle steht. Im Vordergrund steht das Model. Die Gestaltung des Hintergrunds ist dabei irrelevant. Nicht 102 Vgl. Richter 1997. 79 selten scheint, das ging aus den Gesprächen hervor, die Ungeduld das größte Problem zu sein. Ist die zentrale Bildfigur erst einmal ‚geschafft‘, ist es mit der Ausdauer auch schon vorbei. Daraus ergeben sich häufig starre Bildkompositionen, bei denen im Gegensatz zu den differenzierten Ausformulierungen aus den 1960er und 70er Jahren ein Blick genügt, um das Bild im Ganzen begreifen zu können. Dennoch ergeben sich auch innerhalb der Modezeichnungen Unterschiede vor allem hinsichtlich des Farbkonzepts. Die Zeichnungen von Anna und Miriam (die Bleistiftzeichnungen ausgenommen) beweisen einen sicheren und sehr bewussten Umgang mit Farbe. Die Entscheidung für beziehungsweise gegen einen Farbton scheint sowohl bei Anna als auch bei Miriam mit einem hohen ästhetischen Anspruch verbunden zu sein – hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Vor allem die Kleiderentwürfe von Miriam zeigen ihr außergewöhnliches Gespür für Farben, Farbkombinationen und Farbmischungen. Der Farbauftrag deutet außerdem auf eine sehr präzise und motorisch anspruchsvolle Herangehensweise hin, die von Geduld und Ausdauer geprägt war. Die Topmodel-Zeichnungen hingegen sprechen der Farbe ihre Bedeutung für die Kinderzeichnung völlig ab. Grund dafür sind vor allem die Malvorlagen, die weder zu einem eigenen Farbkonzept noch zum Experimentieren mit Farbe anregen. Eine Balletttänzerin ist rosa, eine Fee und ein braves Mädchen sind es auch, der verführerische sexy Vamp präsentiert sich in den Farben Schwarz oder Rot, das Gute in hellen Farbtönen, das Böse in dunklen. So trägt Philines Balletttänzerin ein rosa Kleid mit rosafarbenen Schläppchen, die verruchte Tänzerin von Sarah eine figurbetonte Kombination aus Schwarz und Violett und Julies Rockerin ein fetziges Outfit in Schwarz und Blau. Materialitäten Dem Begriff der Materialität wird im Zuge dieser Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet, da sich die Kreativserie Topmodel in der Diskussion um die Darstellung von Materialität in der Kinder- und Jugendzeichnung in besonderem Maße für eine Untersuchung eignet. An dieser Stelle werden wesentliche Unterschiede zwischen den Zeichnungen im historischen Vergleich daher nur kurz zusammengefasst. Wie bereits während der Analysen der Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren mehrfach betont wurde, gewinnen die bildnerischen Produktionen aufgrund ihres außergewöhnlichen Plastizität an Qualität. Die Bildelemente sind zum Greifen nah. Der Betrachter kann die Zeichnung nicht nur sehen, sondern buchstäblich hören und fühlen. Den Mädchen ist es damals in besonderer Weise gelungen, ihre Zeichnungen greifbar und damit leichter zugänglich zu machen. Jede Farbe, jede Struktur, jedes Bildelement hat eine eigene Bedeutung. Das Darstellen unterschiedlicher Materialitäten ist eine Herausforderung, vor der sich selbst Kunststudentinnen und Kunststudenten scheuen. Lehrerinnen und Lehrer, Dozentinnen und Dozenten, die sich dieser Herausforderung gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern sowie Studentinnen und Studenten stellen, sind äußerst selten. Dass es sich lohnt, Zeit in das Üben dieser Fertigkeiten zu investieren, zeigen die frühen Mädchenzeichnungen. 80 Auch die Zeichnungen von Anna und Miriam beweisen in diesem Punkt, wenn auch in reduzierter Form, ein Gespür für die Darstellung unterschiedlicher Materialitäten. Die entworfenen Kleidungsstücke werden je nach Material stärker oder weniger stark koloriert, mal mit Bunt-, ein anderes Mal mit Filzstift, in zartem oder kräftigem Duktus. Man sollte meinen, die Modezeichnung sei geradezu prädestiniert dafür, das Darstellen unterschiedlichster Materialitäten einzuüben. Ein Stück Seide schimmert sanft, fällt weich und fließend. Ein Stück Leinen ist faserig, unregelmäßig in der Oberflächenstruktur. Ein Stück Leder ist je nach Ursprung glatt oder von gröberer Struktur, meist unbeweglicher als ein Stück Stoff. Während die Unterscheidung dieser und ähnlicher Materialien für Modezeichnungen älteren Datums zumindest teilweise von Bedeutung zu sein scheinen, finden die verschiedenen Stofflichkeiten bei den Topmodel-Zeichnungen keine Beachtung mehr. Der Grund dafür ist schnell gefunden. Die Topmodel-Malbücher bieten etliche Sticker, Schablonen und Stoffimitate auf festem DIN A4-Papier. Jede erdenkliche Schmuck-, Schuh- und Taschenform ist als Sticker zu haben. Es glitzert und glänzt überall. Kein Ohrring, keine Haarspange, keine Schleife, kein Handschuh, kein Bustier, kein High Heel muss auf Diamanten verzichten. Auch die Stoffimitate mit aufwändigen Faltenwürfen bezaubern mit diamantenbesetzten Bordüren und Spitzeneinsätzen. Samt, Seide, Tüll, paillettenbesetzte Stoffe – das Topmodel-Malbuch beinhaltet alles, was das Herz begehrt. Warum dann noch üben, wenn es doch so schön einfach ist? Warum sich die Mühe machen, erste Entwürfe verwerfen und noch einmal neu beginnen, wofür das alles, wenn es das doch alles schon konfektioniert gibt? Und für den Fall, dass man es doch selbst probieren möchte, gibt es ja noch die kolorierten Malvorlagen in jedem Buch, die zeigen, wie man es ‚richtig‘ macht. Die Wahrnehmung der Mädchen wird nicht mehr geschult. Sie werden nicht mehr dazu angehalten, ein Objekt eingehend zu betrachten, es anzufassen und im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen, zu verstehen, was es ausmacht, was charakteristisch für diesen Gegenstand ist. Sie werden nicht mehr dazu angeregt, aus sich heraus zu schöpfen, ihre eigenen Ideen und Vorstellungen in ihre Zeichnungen einzubringen. Das eigene Ideenrepertoire wird in dem Moment wertlos, in dem die eigenen Vorstellungen von einer beeindruckenden Vielzahl an Mal- und Bastelvorlagen in den Hintergrund gedrängt werden. Die Mädchen wissen: Keine ihrer Zeichnungen wird so ‚perfekt‘, so fehlerfrei und so täuschend echt aussehen wie die Malvorlage, die durch sanfte Farbverläufe, edle Lichtreflexe und dreidimensionale Faltenwürfe beeindruckt. Menschendarstellung Der Mensch stellt in der Kinder- und Jugendzeichnung ein aufschlussreiches und tiefsinniges Bildelement dar. Seine Bedeutung im historischen Vergleich muss aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und diskutiert werden. Wesentliche Veränderungen in der Darstellung des Menschen und seiner Bedeutung für die Mädchenzeichnung können wie folgt zusammengefasst werden: a.) Mensch in der Gemeinschaft vs. Mensch als Einzelgänger b.) Mensch als Teil einer Geschichte vs. Mensch als leere Hülle 81 c.) Mensch als Individuum vs. Mensch als stereotypes Schema d.) Mensch als emotionales Wesen vs. Mensch/Frau als (Sex-)Objekt In den Mädchenzeichnungen älteren Datums wird der Mensch in der Gemeinschaft dargestellt. Die Freude am Miteinander, die gemeinsame Gestaltung der Freizeit und das In-Beziehung-Treten zueinander stehen im Vordergrund der bildnerischen Produktionen aus den 60er und 70er Jahren. Daraus ergeben sich lebendige Bildszenen, die vor kindlicher Lebenslust und Sorglosigkeit geradezu sprühen. Im absoluten Gegensatz dazu steht die Modezeichnung. Sie konzentriert sich meist auf nur eine Bildfigur. Das Model braucht die Gemeinschaft nicht, um seine beruflich sehr eingeschränkten Aufgaben, schön und erfolgreich zu sein, realisieren zu können. Hier unterschieden sich die Zeichnungen aus den frühen 2000er Jahren kaum von denen zur Kreativserie Topmodel. Die Modezeichnung erlaubt von sich heraus kaum eine andere Darstellung des Menschen als die des Einzelgängers. Im Vordergrund steht das ‚Ich‘, nicht das ‚Wir‘. Erfolg braucht keine Freunde. Erfolg macht einsam. In diese Sichtweise fügt sich der Gegensatz von Mensch als Teil einer Geschichte vs. Mensch als leere Hülle. Die Menschen in den Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1975 sind Teil eines großen Ganzen. Indem sie sich einander zuwenden, miteinander in Interaktion treten, werden sie zu Akteuren einer Geschichte, die von einem Nachmittag mit Freunden auf dem zugefrorenen See erzählt, von einer erfolgreichen Tanzstunde oder einer besonders bunten Kostümparty. Welche Geschichten vermögen hingegen die Models zu erzählen, die den Betrachter ausdruckslos, starr anblicken? Schon bei den bildnerischen Produktionen von Anna und Miriam befinden sie sich meist in einem luftleeren Raum, der Kontext fehlt. Welche Geschichten können sie da schon erzählen? Die Oberflächlichkeit des Bildmotivs spricht der menschlichen Gestalt eine tiefgründigere Bedeutung ab. Besonders deutlich wird dies in den Malvorlagen der Topmodel-Serie. Die Tatsache, dass die menschliche Gestalt nicht aus der Feder eines Kindes stammt, sondern eine von Marketingstrategen und Grafikern entworfene Figur ist, verhindert den kreativen Prozess, sie zu einem Teil einer Geschichte werden zu lassen. Denn mit jedem Strich, aus dem eine Figur geboren wird, wird ein weiterer Gedanke gesponnen, und am Ende ist aus diesen Gedanken eine ganze Geschichte geworden, die vom Menschen selbst erst getragen, die von und mit ihm erzählt wird. Daran knüpft sich nicht zuletzt auch seine Bedeutung als Individuum. Betrachtet man die Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren, so wird deutlich, dass jede Figur die Handschrift ihrer Urheberin trägt. Keine menschliche Darstellung gleicht der anderen. Jede Zeichnerin hat ihre eigene Art, den Menschen darzustellen. Ähnlichkeiten ergeben sich lediglich aus entwicklungstypischen Merkmalen heraus, die Aufschluss geben über die bildnerische Ontogenese der Urheberin, über ihren individuellen Stil und ihre Sicht auf den Menschen.103 103 Vgl. Schuster, Martin: Die Psychologie der Kinderzeichnung. Berlin/Heidelberg: Springer, 1990. 82 Dieser Aspekt geht in den Topmodel-Darstellungen zur Kreativserie völlig verloren. Sie geben keinen Aufschluss darüber, wie alt die Zeichnerin ist, wie weit in ihrer zeichnerischen Ausdrucksweise, wie sicher oder unsicher in ihrer Bildsprache. Aus den Topmodel-Vorlagen ergibt sich eine Konformität, die keine Rückschlüsse mehr auf die Urheberinnen zulässt. Die bildnerische Ontogenese wird unterbrochen. Der persönliche Ausdruck, die Stimmung, die ein Kind mittels einer Zeichnung zu vermitteln vermag und sie zu einem einzigartigen Dokument werden lässt,104 sind in den Topmodel-Zeichnungen nicht auszumachen. Es kommt nicht darauf an, den Menschen in seiner Vielfalt zu begreifen. Der Mensch wird zu einem Schema, das nicht mehr unterscheidet in jung oder alt, dick oder dünn, fröhlich oder traurig. Keine Figur unterscheidet sich von der anderen. Der Begriff ‚Mensch‘ scheint mit Blick auf die Kreativserie Topmodel ohnehin unpassend. Es geht nicht um den Menschen. Es geht um das Model, um seine Schönheit, seine Eleganz, seine Grazie, seine verführerischen Lippen und seine elfenhafte Erscheinung. Die Schemata der Malvorlagen machen aus der menschlichen Gestalt ein Objekt. Mehr noch: ein Sexobjekt. Während bei den Zeichnungen früheren Datums der Mensch ‚einfach nur‘ Mensch ist, wird das Mädchen oder die Frau in den Topmodel-Malvorlagen zu einem Objekt, einem Objekt der Begierde. Die bloße Unterscheidung von Mann und Frau, wie sie in den Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren mithilfe der Darstellung äußerer Merkmale wie Kleidung oder Haare erfolgt, reicht längst nicht mehr aus. Frausein heißt schön sein – für den Mann. Frausein heißt sexy sein. Frausein heißt verführerisch sein. Frausein heißt Lolita sein. Frausein heißt widersprüchlich sein. Frausein heißt Engel und Teufel zugleich sein. Die Unterscheidung von Mädchen- oder Frausein ist kaum mehr nötig, da die Kreativserie nicht zwischen Mädchen und Frauen unterscheidet. Niemand weiß, wie alt die Models, die die Cover der Malbücher schmücken, sein sollen. Auch bei den Mädchen, die sie zeichnen, herrscht große Unsicherheit darüber. Sind sie 16, 25 oder 40 Jahre alt? Macht das überhaupt noch einen Unterschied? Fakt ist: Diejenigen, die sie zeichnen, die sie bewundern und die ihnen nacheifern, sind nicht selten acht Jahre alt, manchmal jünger. Das Bild von Weiblichkeit, das die Kreativserie Topmodel zeichnet, ist so einseitig und antiquiert wie ihr gesamtes Marketingkonzept – und dennoch oder gerade deswegen so erfolgreich. Erfindungsreichtum Der Begriff des Erfindungsreichtums ist in den vorangegangenen Überlegungen bereits mehrfach angeklungen. Aus dem Vergleich der Mädchenzeichnungen hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein enormer Rückgang des Erfindungsreichtums abgezeichnet. Doch nicht nur zwischen den Epochen, sondern auch innerhalb eines Zeitraums werden Unterschiede sichtbar. Während Miriams Model-Darstellungen auf dem Abzeichnen bestimmter Vorlagen beruhte, das, wie sie selbst erklärte, weniger aus der Begeisterung für das Motiv heraus geschah als vielmehr aus der Notwendigkeit heraus, die Darstellung der menschlichen Gestalt üben zu wollen, ist Anna in die Modewelt eingetaucht und hat sich in die Rolle der Designerin be- 104 Vgl. ebd. 83 geben. Obschon die Modezeichnung nur in begrenzter Weise zur Bilderfindung anregt, ist es Anna doch gelungen, sich in ihren Zeichnungen zu verlieren und ihnen ihre eigene Handschrift zu verleihen. Der wohl deutlichste Unterschied und – diese Wertung kann an dieser Stelle nun vorgenommen werden – größte Qualitätsverlust zeichnet sich im Vergleich der bildnerischen Produktionen aus den 1960er und 70er Jahren mit denen zur Kreativserie Topmodel ab. Die Zeichnungen früheren Datums sind Ergebnisse eines unendlichen Erfindungsreichtums. Die Komplexität der Bildgestaltung sowie die differenzierte Ausarbeitung fügen sich zu einem vielseitigen Bildgefüge, das auf unterschiedlichen Ebenen gelesen werden kann. Frei von Vorlagen wurde die Bilderfindung angeregt, konnten diese lebendigen Bildszenen entstehen. Sie sind wichtige Dokumente darüber, was entstehen kann, wenn Kinder aus sich heraus schöpfen. „Phantasien verbinden [das kindliche Innenleben, BF] mit Bildung aus der äußeren Wirklichkeit. Damit wird die innere Wirklichkeit strukturiert und ein Stück weit ‚denkbar‘gemacht […].“105 Die Repression der Individualität hinsichtlich der Topmodel-Zeichnungen wird hier einmal mehr deutlich. In Vorgaben und stereotype Schemata gepresst, unterwerfen sich die Mädchen den ästhetischen Vorstellungen der Kreativserie. Sie werden nicht dazu angeregt, ein eigenes ästhetisches Verständnis von Kunst zu entwickeln. Kunst muss ‚schön‘ sein, ordentlich. Kunst muss in die Vorgaben passen, darf nicht aus der Form brechen. Die Schöpfungskraft des Kindes, seine inneren Kräfte und Ausdrucksformen werden unterdrückt. Fantasie hat keine Bedeutung mehr. Das Kind wird einer Fähigkeit beraubt, die Kindsein so sehr prägt und gleichzeitig so wertvoll macht. Narratives Moment Das narrative Moment ist eng an den Erfindungsreichtum einer bildnerischen Produktion geknüpft. Beides ist in den Mädchenzeichnungen älteren Datums in besonderem Maße vorhanden. Je komplexer die Bildszene, desto höher ihr narratives Moment. Die Zeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1975 erzählen Geschichten, zu der jedes einzelne Bildelement ihren Beitrag leistet. Der Betrachter, dessen Blick über die Bildfläche wandert, blickt nicht nur von außen auf das Bild, sondern wird zu einem Teil davon und damit zu einem Teil der Geschichte. Dieses wertvolle Potenzial, das die Kinder- und Jugendzeichnung in sich trägt, erfährt in diesem historischen Vergleich besondere Wertschätzung. Es sind Geschichten vom Kindsein zu einer Zeit, in der Medien noch eine weitaus untergeordnetere Rolle spielten. Die Zeichnungen von Anna und Miriam bergen dieses wertvolle Potenzial insofern in sich, als das Erfinden von Geschichten häufig Grundlage ihrer Modezeichnungen war. Vor allem hinter Miriams bildnerischen Produktionen, von denen nur eine kleine Auswahl in dieser Arbeit vorgestellt wurde, verbergen sich fantasiereiche, oft komplexe Erzählungen von glücklichen Familien, die einem bestimmten Muster folgen: Ihre Mitglieder sind stets beliebt, erfolgreich und gut aussehend. Die Interdependenz von Erfolg und gutem Aussehen scheint schon früh Teil der Selbst- und Fremdwahrnehmung junger Mädchen zu sein (s. Kapitel 2.3). 105 Fuhs 2014, S. 70. 84 Zweifelsohne stehen auch die Topmodels von Philine, Svea, Lisa, Julie, Sarah und Lena für Erfolg und Schönheit, Geschichten erzählen sie jedoch nicht. Die starre Bildkomposition, die Beschränkung auf ein einziges Bildelement und die Tatsache, dass die Figur nicht aus der Fantasie entstehen konnte, sondern Produkt einer Druckvorlage ist, verwehren der Zeichnung geradezu die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen. Nichts bremst die Fantasie, die Kreativität und die kindliche Schöpferkraft mehr aus als Malvorlagen, die wieder und wieder dasselbe Motiv zeigen und nicht mehr verlangen als ihre ständige Reproduktion. Außerdem wird das Erfinden von Geschichten meist als Bestandteil der kindlichen Fantasiewelt gesehen. Die Topmodel-Welt hat jedoch nur wenig mit Kind- beziehungsweise Mädchensein zu tun. Das Kindliche wird vermieden, die Nähe zur Erwachsenenwelt ist gewünscht. In diese Welt passen keine Geschichten, die ihre Wurzeln in der farbenfrohen Gedankenwelt eines zehnjährigen Mädchens haben. Emotionales Moment Ein besonderes Merkmal der Kinder- und Jugendzeichnung und zugleich wichtiges Mittel der Interpretation ist das emotionale Moment, das eine Zeichnung zu transportieren vermag. Ausdruck dieses emotionalen Moments müssen nicht zwangsläufig Menschendarstellungen sein. Auch menschenlose Bildkompositionen sind in der Lage, bestimmte Stimmungen oder Emotionen zu vermitteln. Im Fall der im Rahmen dieses historischen Vergleichs untersuchten Mädchenzeichnungen handelt es sich ausschließlich um Menschendarstellungen. Da das emotionale Moment eng an die vorangegangenen Beobachtungspunkte geknüpft ist, gelten die folgenden Überlegungen als Ergänzungen zu bereits formulierten Äußerungen. Es wurde bereits mehrfach betont, dass die Zeichnungen älteren Datums eine besonders ausdrucksstarke Bildsprache aufweisen, die in besonderem Maße zur Stimmung eines Bildes beitragen kann. Diese Zeichnungen sind Spiegelbild kindlicher Erinnerungen, Wünsche, Träume und Fantasien. Die Menschen in ihnen machen sie lebendig, erwecken sie zum Leben. Neben der Farbgestaltung geben die Gesichter der Bildfiguren Aufschluss über ihr Wohlbefinden, nicht selten auch über das Wohlbefinden des Kindes während des Zeichnens oder in der Erinnerung an die dargestellte Szene. So erscheinen die bildnerischen Produktionen als Spiegel der kindlichen Seele. Den Zeichnungen von Anna und Miriam gelingt der emotionale Ausdruck schon in deutlich geringerem Maße. Die Modezeichnung scheint auch hier einschränkend zu wirken. Der Ausdruck von Emotionen ist nicht ihr Hauptanliegen. Anna gleicht diese Ausdruckslosigkeit aus, indem sie persönliche Worte notiert, Äußerungen, die auf ihre Wünsche, Interessen oder Vorlieben aufmerksam machen. Der Ausdruck von Emotionen allein über die Figur gelingt ihr jedoch nicht. Aufgrund ihrer zeichnerischen Fähigkeiten wäre sie durchaus dazu in der Lage gewesen. Sie scheint jedoch erkannt zu haben, dass die emotionale Ebene nicht die ist, die Modezeichnungen vorrangig zu transportieren versuchen. 85 Die Topmodel-Darstellungen nehmen auch hier eine Sonderstellung ein. Die Malvorlagen könnten ausdrucksloser nicht sein. Da außer der Bildfigur in der Regel keine anderen Elemente für die Bildgestaltung bedeutsam sind, sind Emotionen, wenn überhaupt, nur über sie transportierbar. Schon der Gedanke daran erscheint, ein Blick auf die Vorlagen genügt, absurd. Jede Figur gleicht der anderen. Jedes Gesicht blickt starr zum Betrachter. Der Gesichtsausdruck ist nicht einzuordnen. Ein ‚Poker-Face‘. Die Gliedmaßen befinden sich, von einigen wenigen Varianten abgesehen, immer in derselben Position. Alles wirkt neutral, kontrolliert – professionell, könnte man meinen. Wo bleibt da noch die Möglichkeit, der Zeichnung eine eigene Handschrift zu verleihen? Wie viel Raum bleibt da noch für den Ausdruck persönlicher Gefühle? Wie kann sich die eine Zeichnerin da noch von der anderen unterscheiden? Die in diesem Vergleich vorgestellten Topmodel-Zeichnungen liefern aufschlussreiche Antworten auf diese Fragen und verlangen nach einer kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen in der Kinder- und Jugendzeichnung, die aufdeckt, analysiert und auf unterschiedlichen Ebenen diskutiert. 87 4. Das Phänomen Topmodel im europäischen Printmedium und Web 2.0 Die Kreativserie Topmodel ist ein Produkt der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, die im Jahr 1985 von Kjeld Schiøtz in Hamburg gegründet wurde. Heute leiten er, seine Frau Dine Schiøtz und Tom Graulich das Unternehmen.106 Die Firma beschäftigt rund 300 Mitarbeiter und zählt in Europa zu den führenden Grußkarten- und Geschenkartikelanbietern. Seit 1990 liegt der zentrale Fokus des Unternehmens auf dem Vertrieb von Trendartikeln. Unter der Dachmarke ‚Creative Studio by Depesche‘ entwickelte das Unternehmen im Jahr 2008 eine Topmodel-Kollektion, die zunächst den Verkauf von Schreibwaren und Malbüchern umfasste, mittlerweile jedoch um zahlreiche Kosmetik-, Dekorations- und Modeartikel erweitert wurde. Der Erfolg der Serie zeigt sich in der rasanten Entwicklung und Ausweitung des Geschäftsfeldes; 2009 in Form eines Fanart-Forums in Zusammenarbeit mit schalk&friends, einer Agentur für neue Medien, und im folgenden Jahr mit der Markteinführung des Topmodel-Magazins.107 Die Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG beschreibt die Anfänge des ‚Creative Studio‘ wie folgt: „Die überaus verkaufsstarken Malbücher mit unterschiedlichsten Themenspektren waren der Auftakt zum Topmodel-Sortiment für junge Glamour-Girls.“108 Das ‚Creative Studio by Depesche‘ richtet sich vor allem an Mädchen ab einem Alter von acht Jahren und etabliert sich zunehmend als Mal- und Zeichenschule. Als Vorlagen dienen die fiktiven Topmodel-Charaktere, die sich den Mädchen sowohl in der Topmodel-Zeitschrift als auch auf der entsprechenden Website präsentieren. Die Zeichnungen folgen demnach einem ganz bestimmten Schema, das durch genaue Anleitungen in der Zeichenschule und in diversen Malbüchern vorgegeben wird. Wie diese Schemata aussehen und wie sie in der Diskussion um Schönheitsideale und deren Einfluss auf die ästhetische Sozialisation von Mädchen bewertet werden können, soll im Laufe dieser Arbeit in der Analyse konkreter Bildbeispiele deutscher und französischer Userinnen deutlich werden. 4.1 Das Topmodel Creative Magazine Nach dem Erfolg der Topmodel-Produkte bekommt die Serie im Jahr 2010 ihr eigenes Magazin, das sich an Leserinnen ab einem Alter von acht Jahren richtet. Das Magazin ist in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden, Italien, Polen, der Türkei und seit 2012 auch in England, Frankreich und Spanien erhältlich. Die deutschsprachige und die niederländisch/belgische Ausgabe werden in Deutschland erstellt, die anderen Ausgaben von Lizenzpartnern in den jeweiligen Ländern. Mit der Juli-Ausgabe 2012 übertraf das deutschsprachige Magazin erstmals die Marke von 70.000 verkauften Exemplaren.109 106 Vgl. Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 107 Vgl. ebd. 108 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG (Broschüren). 109 Vgl. ebd. 88 Das ‚Topmodel Creative Magazine‘ setzt in erster Linie auf die Kreativität der jungen Leserinnen. Das Heft bietet Style-, Deko- und Basteltipps zum ‚Pimpen‘ von Kleidungsstücken, zur Verschönerung des eigenen Zimmers usw. Ein Herzstück ist das ‚Creative Studio‘ mit Tipps und Tricks zum professionellen Zeichnen und vier Seiten Designvorlagen in der Heftmitte sowie einem großen Bastel-/Kreativ-Bogen. Sehr beliebt sind die ‚Topmodel‘-Charaktere: Leserinnen können ihr Lieblings-‚Topmodel‘ stylen und seine Abenteuer in Comics mit verfolgen.110 4.1.1 Die Inhalte im Überblick Die Darstellung des ‚Creative Magazines‘ orientiert sich an einer deutschen Ausgabe von November 2013. Die Inhalte des Magazins sind stets in fünf Rubriken unterteilt, die sich unter folgenden Überschriften präsentieren: 1. Topmodel Inside 2. Creative Studio 3. Trends 4. Fun & More 5. Facts Sowohl die Bezeichnung ‚Creative Magazine‘ als auch die Titulierung der Rubriken in Form von Anglizismen deuten auf ein multinationales Publikum hin. Außerdem, und darin liegt zweifelsohne die Marketingstrategie der Redaktion, schafft dies Authentizität und die Möglichkeit der Identifikation. Die Modewelt bewegt sich in internationalen Sphären und setzt unter anderem voraus, dass sich die Models in englischer Sprache weltweit verständigen können. Anglizismen klingen im jugendkulturellen Sprachgebrauch ‚hip‘ und geben den Mädchen das Gefühl, durch den Gebrauch entsprechender Ausdrücke selbst ‚in‘ zu sein. Unter der Rubrik ‚Topmodel Inside‘ erhalten die Mädchen Einblick in die fiktive Welt der Topmodel-Charaktere, als da wären Hayden, die Ehrgeizige, Jenny, das Partygirl, Fergie, die Verrückte, Louise, die Elegante, Nyela, das Powergirl, Nadja, die Verträumte, Janet, die Zicke, Lexy, die Chaotin, Miju, die Aufgedrehte, Candy, die Romantische, Liv, der Sonnenschein, Christy, das It-Girl und Talita, der Tanzfan.111 Die Namen der Topmodels in Verbindung mit einer bestimmten Charaktereigenschaft und einem dazugehörigen Steckbrief mit Angabe des Sternzeichens, des Geburtstages, der Größe, Augen- und Haarfarbe, dem Style, der BFF (Best Friend Forever = beste Freundin) und des Lebensmottos112 animieren die Leserinnen, sich mit einem der Charaktere zu identifizieren. Die Rubrik ‚Topmodel Inside‘ lässt die Mädchen am fiktiven Alltag der Models teilhaben. In Form von Tagebucheinträgen aus der Ich-Perspektive erhalten die Leserinnen Einblick in die Arbeit als Model, die damit verbundenen Castings und in das Jetset-Leben der Charaktere. Die Topmodels lassen die Leserinnen an ihrer Gefühlswelt teilhaben, an ihren Sorgen 110 Ebd. 111 Vgl. Topmodel Creative Magazine by Depesche. 112 Vgl. ebd. 89 und Problemen, aber auch an ihren Erfolgen. Indem die Leserinnen in Entscheidungen der Models einbezogen werden, werden sie aktiv in das Leben der Charaktere eingebunden. So sollen die Leserinnen der Ausgabe 11/2013 Hayden bei der Wahl des Dufts für ihr erstes Parfum behilflich sein. Den Topmodel-Duft können die Mädchen über eine angegebene Internetseite bestellen. Die fiktive Geschichte, verbunden mit dem Verkauf dieses Parfums in der realen Welt, suggeriert den Mädchen eine wahrhaftige Verbindung zwischen Fiktion und Realität und lässt die Grenzen uneindeutig werden. So bekommen die Mädchen in demselben Heft die Möglichkeit, dem fiktiven Charakter des Designers Nuno Nanini, eindeutig einem realen Vorbild nachempfunden, beim Entwurf eines Kleides für das Model Nyela behilflich zu sein. Die Entwürfe können die Leserinnen in Form von Zeichnungen an die Redaktion schicken und somit am Gewinnspiel teilnehmen. Der ‚Klassiker‘ einer jeden Mädchenzeitschrift, die Bildergeschichte, findet ebenfalls in dieser Rubrik Platz. Der Topmodel-Comic beschäftigt sich mit Themen, die viele Mädchen in dem Alter beschäftigen: Liebe, Freundschaft und Familie. Die Akteurinnen des Comics sind den Mädchen aus der ‚Topmodel-Welt‘ bekannt. Das ‚Creative Studio‘ enthält Bastelideen, Tipps zum Dekorieren und eine ‚Malschule‘. Letztere wird in diesem Kapitel noch genauer analysiert. Das ‚Creative Studio‘ präsentiert sich in den Farben Pink, Rosa und Hellblau, kombiniert mit Mustern wie Sternen, Blumen oder Punkten. In Heft 11/2013 erhalten die Leserinnen unter dem Titel ‚Advent, Advent, diese Kalender sind Trend‘ eine Schritt-für-Schritt-Bastelanleitung zur Anfertigung eines Adventskalenders. Hier setzt sich die typische Topmodel-Ästhetik in Form von pastell- und bonbonfarbenen Materialien, wie z. B. Schleifen, Glitzerpulver oder Häkelblumen, fort. Die Bastel- und Dekorationsanleitungen legen auf eine sehr saubere und präzise Arbeitsweise wert. In der visuellen Darstellung der Arbeitsschritte sind immer wieder Hinweise auf die Verwendung von Schreibwaren aus der Topmodel-Reihe erkennbar, wie z. B. Stifte oder Lineale. Unter der Rubrik ‚Trends‘ finden die Leserinnen aktuelle Tipps zur Mode der Saison, präsentiert von den fiktiven Topmodel-Charakteren sowie von realen Personen aus dem öffentlichen Leben, wie z. B. der Sängerin Lady Gaga oder den Topmodels Cara Delevingne und Toni Garrn; Vorbilder, die eindeutig älter sind als die Leserinnen. Dementsprechend kritisch sind auch die Modetipps zu sehen. Enge Röhrenjeans, kurze Kleider aus Spitze oder ‚Hipster- Outfits‘ sind nicht unbedingt die Kleidungsstücke, die man bei (früh-)adoleszenten Mädchen erwartet. Ebenso angepriesen werden Produkte der aktuellen Topmodel-Kollektion, wie z. B. das Topmodel-Parfum oder neue Malbücher. Insgesamt fällt auf, dass das Magazin nur für eigene Produkte wirbt und keine Anzeigen anderer Unternehmen integriert. Die Werbung für die Produkte der Topmodel-Marke erfolgt eher unterschwellig. Hinweise auf Neuerscheinungen werden direkt in die Inhalte integriert und dadurch weniger deutlich als Werbung wahrgenommen. 90 In der Ausgabe 11/2013 lernen die Leserinnen Lara, einen 15-jährigen Topmodel-Fan, kennen, die sich unter dem Motto ‚Topmodel für einen Tag‘ einer Vorher-Nachher-Verwandlung unterzieht. Das Foto vor der Verwandlung zeigt Lara ungeschminkt, als natürliches Mädchen, mit langen, braunen Haaren. Nach der Verwandlung präsentiert sie sich im ‚Hippie-Look‘, perfekt geschminkt und gestylt. Der von Dangendorf geprägte Begriff der visuellen Sexualisierung113 wird an diesem konkreten Beispiel deutlich. Nichts erinnert mehr an ein 15-jähriges Mädchen: Mit Lidschatten und Lippenstift, Nagellack, diversem Schmuck und im engen Minirock wirkt die Leserin sehr feminin und ihrem Alter weit voraus. Die Modetrends, die das Magazin publiziert, unterscheiden sich kaum bis gar nicht von denen in Modezeitschriften für erwachsene Frauen. Die Rubrik ‚Fun & More‘ beinhaltet das Horoskop, Leserbriefe, Rätsel, die Zeichnungen der ‚Designerin des Monats‘ und Tipps und Tests rund um ‚Love & Life‘.114 Die Horoskope betreffen Themen, die im Leben der Leserinnen von Bedeutung sind: Liebe, Schule und Familie. Sie verfolgen augenscheinlich den Zweck, die Mädchen in einer Phase, die häufig von Unsicherheit geprägt ist, zu stärken und ihnen Tipps zu geben, um sich im Zwist von Liebe, Schule und Familie zurechtzufinden. Die Leserbriefe werden häufig genutzt, um der Redaktion des ‚Creative Magazine‘ eigene Bastelideen zu zeigen, wie z. B. Taschen, Schmuck oder Dekorationsartikel. Außerdem berichten Mädchen von ihren besten Freundinnen, schicken Fotos oder Widmungen an Userinnen des Topmodel-Forums in Form von Zeichnungen. Die Rätselseiten des Magazins beziehen sich auf die Inhalte des aktuellen Heftes. Gestellt werden ausschließlich Fragen zur Topmodel-Welt, die sich durch Nachlesen der entsprechenden Inhalte schnell und einfach beantworten lassen. Der kognitive Anspruch der Rätsel ist daher sehr gering. Abgeschlossen wird jede Ausgabe mit den ‚Facts‘. Darunter befinden sich der Herstellernachweis, das Impressum, die Rätselauflösung des aktuellen Heftes sowie die Vorschau auf das nächste Heft. 4.1.2 Das Layout Die Analyse des Zeitschriften-Layouts stützt sich auf die folgenden fünf Kriterien: 1. Format 2. Schrift in Überschriften und Fließtexten 3. Weißraum 4. Verhältnis Text zu Bild 5. Farbklima 113 Vgl. Dangendorf 2012. 114 Vgl. Topmodel Creative Magazine 11/2013. 91 Die Angaben zum Format sind schnell zusammengefasst: Das ‚Creative Magazine‘ misst ca. 23 x 28 cm und entspricht damit dem gängigen europäischen Zeitschriftenformat. Ein erster Blick auf das Cover, das Inhaltverzeichnis und die Texte erfasst eine enorme Vielfalt an Schriftarten und Schriftgrößen. Die am häufigsten verwendete Schriftart, diejenige also, die sich mehrfach auf dem Cover, im Inhaltsverzeichnis und in kleineren Fließtexten wiederfindet, ist Eurostile von Microsoft Word. Die Schriftgröße variiert je nach Textfeld, bewegt sich aber zu einem Großteil zwischen 12 und 14 Punkten, in Überschriften meist fett gedruckt. Längere Fließtexte präsentieren sich in Times New Roman und Schriftgröße 12. Im Gegensatz zum eher traditionellen Schriftbild des Times New Roman wirkt Eurostile jünger, moderner und weniger ausgeschmückt. Das Schriftbild von Eurostile zeigt sich unabhängig von der Farbigkeit nüchtern und ‚schnörkellos‘. Besonders auffallend sind die Schriftarten in Textpassagen, in denen sich die fiktiven Charaktere der Topmodel-Welt direkt an die Leserinnen wenden, z. B. in Form von Sprechblasen, Notizen oder kleinen Briefen. Um den intimen Charakter dieser Nachricht zu unterstreichen und den Mädchen das Gefühl zu geben, es handle sich tatsächlich um eine persönliche Nachricht ihres Lieblingsmodels, werden Schriftarten, wie z. B. Handwriting-Dakota, genutzt, die ein natürliches, handschriftliches Erscheinungsbild haben. Neben den drei dominanten Schriftarten existiert noch eine Vielzahl anderer Schriften, die in unterschiedlichsten Größen, dick oder kursiv, über Artikeln und diversen Bildern prangen. Insgesamt präsentiert sich das Schriftbild des ‚Creative Magazine‘ äußerst ungeordnet, beinah willkürlich und verstärkt so den allgemein flutartigen Charakter des Layouts. Die Platzierung der Bildelemente, ihre Abstände zueinander und die Bildgrößen sind von ebenso großer Vielfalt. Das Layout setzt, das wird auf den ersten Blick deutlich, in erster Linie auf eine stark bildhafte Darstellung der Inhalte. Es präsentiert sich als eine Flut von Bildelementen, die, einer Pinnwand gleich, an allen möglichen und unmöglichen Stellen auf der Bildfläche Platz finden. Mit der gewohnten Lesrichtung von links nach rechts wird zugunsten einer freien, von ursprünglichen Konventionen gelösten Gestaltung gebrochen. Die Abstände der einzelnen Bildelemente reduzieren sich durch deren massige Präsenz auf ein Minimum, der sogenannte Weißraum ist auf 90 % der Seiten vollflächig ausgeschöpft. Kennzeichnend für das Layout dieser Zeitschrift ist weiterhin die inhaltliche Verknüpfung zweier Seiten, d. h. ein Großteil der Themen präsentiert sich auf einer Doppelseite. Durch diese ‚Überlappung‘ wird der Pinnwandcharakter verstärkt, die Unordnung größer. Eine erkennbare Ordnung der Bildelemente zeigt sich in deutlich höherem Maß auf den wenigen Seiten mit einem größeren Textanteil. Das Farbspektrum des Layouts umfasst überwiegend zarte Pastelltöne wie Rosé, Flieder, Hellblau, Mintgrün oder leichtes Türkis, ebenso wie kräftige Farben, z. B. Magenta, Purpur oder Rot. Das Cover wirkt in der Geschäftsauslage in direkter Nachbarschaft zu anderen Zeitschriften durch ein krasses Pink und viele zusätzliche Glitzereffekten besonders dominant und kaufanregend. Die Farbwahl von solchen und ähnlichen Mädchenzeitschriften trägt 92 wesentlich mit dazu bei, dass sich in unserer Gesellschaft ein zunehmend konformes Bild einer Mädchenästhetik durchsetzt, die auf Pink und Glitzer reduziert wird.115 Ingesamt präsentiert sich das ‚Creative Magazine‘ als eine riesige Pinnwand verschiedener Bildelemente, deren Ordnung nur schwer erkennbar ist. Dem Motto folgend ‚mehr ist mehr‘ sehen sich die Leserinnen einer Flut von Text- und vor allem Bildinformationen gegenüber, die auf wenigen Seiten widerspiegelt, was ‚leben‘ für Mädchen und junge Frauen in der heutigen Gesellschaft bedeutet. 4.1.3 Im Fokus: Das Creative Studio „Ein Herzstück [des Magazins] ist das ‚Creative Studio‘ mit Tipps und Tricks zum professionellen Zeichnen und vier Seiten Designvorlagen in der Heftmitte“.116 Die ‚Zeichenschule‘ im Heft ist eine reduzierte Form der Malbücher, die Teil der immensen Produktpalette des ‚Creative Studio by Depesche‘ sind. Als Vorbild dient den Zeichnerinnen eine bereits fertig gestellte Zeichnung eines Models, das die aktuellen Modetrends der Saison präsentiert. Der Zeichnung sind außerdem Fotografien von realen Personen der Öffentlichkeit beigefügt, die ähnliche Kleidung tragen und den Mädchen zeigen, wie sie die aktuellen Trends umsetzen können. Auffällig ist, dass die realen Modevorbilder deutlich über dem Altersdurchschnitt der Topmodel-Leserinnen liegen. Es erscheint fraglich, ob die von ihnen präsentierte Mode für Mädchen ab einem Alter von acht Jahren angemessen ist. Im ‚Creative Studio‘ finden die Zeichnerinnen Schritt-für-Schritt- Anweisungen zur Fertigstellung der Zeichnung, die zusätzlich anhand von Bildern visualisiert werden. Der Prozess des Abmalens wird dadurch deutlich erleichtert. Sowohl das ‚Creative Studio‘ des Magazins als auch diverse Malbücher der Kreativserie legen den Fokus des Zeichenprozesses auf die Orientierung an konkreten Vorlagen. Die Mädchen werden dazu angehalten, nicht ihre Kreativität im Erfindungsreichtum und der Umsetzung eigener individueller Ideen zu manifestieren, sondern die Vorlagen eins zu eins zu übernehmen. Diese Beobachtung regt eigentlich eine wesentliche Diskussion der Kinderzeichnungsforschung über das Prinzip der Nachahmung an, soll an dieser Stelle jedoch nur in wenigen Worten zusammengefasst werden. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion leistet die Autorin Uhlig.117 Sie vertritt die Meinung, dass Vorbilder grundsätzlich nicht verboten sondern gerade für Kinder ganz wesentlich seien, um sich davon ausgehend ein eigenes ‚Bild‘ machen zu können. Nachahmung sei dann sinnvoll, so Uhlig, wenn sie zur Erweiterung der jeweils eigenen Sichtweisen und bildnerischen Artikulationsmöglichkeiten genutzt werde, d. h. wenn Nachahmung im Sinne einer produktiven Aneignung, weniger als mechanische Übernahme stattfinde. Eine so verstandene Nachahmung schule die genaue Beobachtung, das Einschätzen von Größenverhältnissen und Proportionen.118 115 Vgl. Dorner 1999. 116 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 117 Vgl. Uhlig 2010. 118 Vgl. ebd. 93 Es erscheint einleuchtend, dass Kinder diese Vorbilder vor allem in jungen Jahren benötigen, um sich orientieren und sich davon ausgehend ein eigenes Bild der Wirklichkeit machen zu können. So beschreibt es auch Writze: „Im mimetischen Handeln machen sich Kinder fremde Bilderwelten zu eigen. Das fertige Produkt empfinden die Kinder nicht als minderwertige Kopie, sondern als eigenständiges Werk […].“119 Im Fall der Topmodel-Leserinnen muss jedoch davon ausgegangen werden, dass sie bereits eine Bildkompetenz besitzen, dass sie dieses Stadium also bereits hinter sich gelassen und sich schon längst eigene Vorstellungen von den Dingen, die sie umgeben, gemacht haben. Demnach sind die nicht mehr darauf angewiesen, nach Vorlagen zu zeichnen. Diese Vorlagen werden ihren bereits gewonnenen Kompetenzen im ästhetisch-produktiven Bereich nicht gerecht. Sie werden nicht ansatzweise ausgeschöpft. Vielmehr bewirken die Schritt- für-Schritt- Anweisungen eine Einschränkung, ein Verharren im vorgegebenen bildnerisch-ästhetischen Niveau. Man traut ihnen gerade einmal zu, die Silhouette auf dem Papier mit Kleidungsstücken zu schmücken, sie einzukleiden. In den Malbüchern der Kreativserie passiert dies mithilfe von Schablonen und Stickern in noch viel simplerer Weise. Selbst in der Farbwahl sind die Zeichnerinnen nicht frei. Jedes Bildelement unterliegt einer farblichen Vorgabe. Um nach der Vorlage zeichnen zu können, stehen den Mädchen vier Seiten Zeichenpapier im Heft zur Verfügung. Jede Seite ist mit der Silhouette eines Topmodels bedruckt. Die Figur selbst müssen die Mädchen demnach nicht eigenständig zeichnen. Ihre Aufgabe ist allein die ‚Ausschmückung‘ der Figur. Diese präsentiert sich unbekleidet, mit einem großen, herzförmigen Kopf, langem, gewelltem Haar, mit weit auseinander stehenden großen, dunklen Augen, langen, geschwungenen Wimpern, einer feinen Nase und einem Schmollmund mit vollen Lippen. Besonders markant sind im Gegensatz zum verhältnismäßig großen Kopf die schmale Taille und die sehr langen Beine. Die Hüfte ist nach links geneigt, die Figur steht auf Zehenspitzen. Das Nichtvorhandensein von weiblichen Geschlechtsmerkmalen lässt den sehr schmalen, zarten Körper beinahe androgyn wirken. Was man hier beobachtet, ist das allseits bekannte Kindchenschema. Das Gesicht vermittelt dem Betrachter den Eindruck, ein Kind mit all seinen kindlich-typischen Merkmalen (große, ‚treue‘ Augen, Stupsnase etc.) zu sehen. Dem widersprechen jedoch die erotisch anmutende Pose, die geneigte Hüfte und die langen Beine. Es ist die Kind-Frau, die ‚Lolita‘, die man in ihr wiedererkennt. „Süß und sexy – das sind die neuen Kinder mit XX-Chromosomen“.120 In ihrem Buch „Living Dolls“ beschreibt die britische Autorin Natasha Walter, wie Disney-Prinzessinnen, Kinder-Kosmetiksets und Castingshows den Kleinen allesamt vermitteln, Frauen müssten sich über ihr Äußeres definieren – und daran arbeiten, ihre Schönheit und Sexyness zu optimieren. Du kannst aufsteigen, wirst geliebt, wenn du deinen Körper trimmst. Walter spricht von der Rückkehr des Sexismus.121 119 Writze 2014, S. 141. 120 Wiedemann, Carolin: Rosa Rollback. Wenn man so tut, als gäbe es keinen Sexismus mehr, werden Mädchen wieder zu Puppen. Über die Pinkifizierung der kindlichen Lebenswelt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, 2012. 121 Ebd. 94 Die visuelle Sexualisierung von Mädchen manifestiert sich in der Malvorlage des Topmodel-Magazins besonders stark. Es wäre zu einfach zu behaupten, es handle sich hier lediglich um eine Zeichenvorlage und hätte mit einer allgemeinen Vorbildfunktion nichts zu tun. Insbesondere in der Adoleszenz kämpfen Mädchen mit der Veränderung ihres Körpers. Er verliert seine kindlichen Formen, wird weiblicher, runder. Die meisten Mädchen empfinden diese Veränderungen als problematisch.122 Die Topmodel-Vorlage vermittelt ein Bild von Körperlichkeit, wie es in der Realität kaum anzutreffen ist. Die offensichtliche Sexualisierung dieser Figur liegt nicht nur in ihrer Darstellung, sondern auch in ihrer Botschaft, dass ein solcher Körper ‚normal‘ sei. Wie sehr mediale Bilder Einfluss auf die Körperwahrnehmung adoleszenter Mädchen nehmen und welche Folgen damit einhergehen können, hat Schemer in seiner Studie anschaulich erläutert (vgl. Kapitel 2.3). Es wäre demnach fatal, die Wirkung solcher Bilder zu unterschätzen. Wie sehr die Topmodel-Darstellungen der Kreativserie den Wunsch von Mädchen wecken, diesen Vorbildern möglichst nahe zu kommen, verrät ein Blick in das Topmodel-Forum. 4.2 Das Topmodel-Forum „Weltweit existieren zahlreiche Fanart-Portale, die entweder ihren Schwerpunkt auf Manga und Anime legen oder eine große Bandbreite von kreativen Fanart-Sektionen anbieten. Dabei weisen die meisten Portale formale Gemeinsamkeiten auf“.123 Auf der Topmodel-Website, in Deutschland seit 2009 online, findet man unter den Allgemeinen Nutzungsbedingungen klare Regeln für den Umgang der Mitglieder untereinander sowie Hinweise und Kriterien für die Bewertung und Veröffentlichung der Zeichnungen, die im Forum ausgestellt werden dürfen. Sind die Zeichnungen der Userinnen aus rechtlichen, technischen oder qualitativen Gesichtspunkten nicht akzeptabel, können die Betreiber der Website entsprechende Einsendungen ablehnen. Wird ein zunächst abgelehntes Werk hinsichtlich der Kritik überarbeitet, ist es durchaus möglich, dass es beim nächsten Mal online zugelassen wird. Besonders ausdrücklich wird auf das Verbot von Sex- oder Gewaltdarstellungen und nationalsozialistischer Symbolik hingewiesen.124 Anders als bei Fanart-Portalen wie beispielsweise Animexx bietet die Topmodel-Website diverse Möglichkeiten der Nutzung über ästhetisch-produktive Aktivitäten hinaus. Ähnlich wie das entsprechende Magazin, schafft das Forum für die Userinnen eine eigene ‚Topmodel- Welt‘, in die sie sich auf unterschiedlichste Art und Weise einbringen können. Die mehrsprachige Topmodel-Website zählt über zwei Millionen Aufrufe im Monat und mehr als 500.000 Mitglieder.125 122 Vgl. Dorner 1999. 123 Zaremba, Jutta: FanArt – Zu Praktiken und Ausdrucksformen aktueller JugendKunstOnline. In: Kirchner, Constanze (Hrsg.) (u. a.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Kopaed, 2010. S. 176. 124 Vgl. ebd. 125 Vgl. Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG (Broschüren). 95 Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, alle Funktionen der Website vorzustellen. Stattdessen werden die folgenden Kapitel einen Überblick über die wichtigsten Angebote geben. Vorgestellt wird die deutsche Website der Kreativserie. Die inhaltliche Gestaltung der deutschen und französischen Website unterscheidet sich nicht. Lediglich der formale Aufbau weist geringfügige Unterschiede auf. 4.2.1 Die Funktionen im Überblick Ein Überblick über die wesentlichen Funktionen im Topmodel-Forum öffnet sich mit einem Klick auf den Menü-Button im oberen Frame der Website. Die Funktionen sind in folgende sieben Rubriken unterteilt: Creative Studio, Community & Forum, Sedcard, Tipps, Tricks & Tests, Topmodel-Welt, Spielen & Gewinnen und Boutique.126 Ähnlich wie im Topmodel- Magazin dominiert auch hier die Nutzung von Anglizismen. Die Wirkungen ihres Gebrauchs wurden bereits in Kapitel 3.1 erläutert. Unter ‚Creative Studio‘ finden die Userinnen den Kleiderschrank, den Designertisch, die Zeichenschule, das Auktionshaus, das Lookbook sowie das Haustier-Zimmer. Einige der genannten Funktionen, wie z. B. der Kleiderschrank, das Auktionshaus oder das Lookbook, können nur dann genutzt werden, wenn man einen eigenen Account hat und eingeloggt ist. Unter ‚Kleiderschrank‘ haben die Userinnen die Möglichkeit, ein fiktives Model zu erstellen, das sie mit Kleidung, Accessoires und Schminke aus dem Kleiderschrank ausstatten können. Mit sogenannten ‚Fashion Credits‘ kann man mit dem Topmodel-Charakter die größten Weltund Modemetropolen bereisen, um neue Kleidung zu kaufen. In Rechnung gestellt werden außerdem Kosten für den Hin- und Rückflug, die je nach Ziel variieren. ‚Fashion Credits‘ erhalten die Userinnen, wenn sie unter ‚Create your Style‘ eigene Designs entwerfen. Zusätzlich enthält jede Ausgabe des Topmodel-Magazins sogenannte ‚Bonus Fashion Credits‘, „mit denen die Leserinnen online virtuell shoppen und die Kleiderschränke der ‚Topmodel‘- Charaktere bestücken können“.127 Der ‚Designertisch‘, die zweite Unterrubrik des ‚Creative Studio‘, stellt den Schwerpunkt des Portals dar. Hier stellen die Userinnen ihre Zeichnungen verbunden mit der Angabe des Themas, einem erläuternden Kommentar und einem persönlichen Nutzerprofil online.128 Neben den Wochen-, Monats- und Jahrescharts und den Favoriten des Topmodel-Teams können die Userinnen Designs zu bestimmten Themen, wie z. B. Gesichter und Make-up, Stars oder Hände und Nägel, aufrufen. „Alle Portal-Mitglieder sind nachdrücklich aufgefordert, zu den Arbeiten der anderen Kommentare (‚Kommis‘) zu schreiben, kurze Bewertungen (‚Noten‘) vorzunehmen und eine Favoritenliste (‚Favos‘) anzulegen“.129 126 Vgl. Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 127 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 128 Vgl. Zaremba 2010. 129 Ebd., S. 176. 96 In der ‚Zeichenschule‘ erhalten die Mitglieder des Forums Tipps und Ratschläge zum Zeichnen. Nach bekannter Vorlage können sich die Userinnen im Zeichnen von Make-up, Haaren oder bestimmten Modetrends erproben. Das ‚Auktionshaus‘ kann aktiv von den Mitgliedern genutzt werden, um eigene Kleiderentwürfe zu versteigern oder aber um die Entwürfe von anderen Userinnen zu ersteigern. Hat man ein Kleidungsstück versteigert, erhält man ‚Fashion Credits‘. Im ‚Lookbook‘ haben die Userinnen die Möglichkeit, Fotos von sich in ihrem Lieblingsoutfit hochzuladen und dieses von den anderen Mitgliedern bewerten zu lassen. Das Bewertungssystem funktioniert hier in derselben Weise wie bei den Zeichnungen, die unter der Rubrik ‚Designertisch‘ zu finden sind. In vielen Fällen handelt es sich um private Urlaubsfotos der Userinnen. Das ‚Haustier-Zimmer‘ beherbergt alle Haustiere, die eine Userin mit ihrem fiktiven Topmodel-Charakter auf der Website mittels ‚Fashion-Credits‘ gekauft hat. Es ist mit Schränken, einem Waschtisch, Teppich und einem Sofa ausgestattet. Sind noch keine Haustiere vorhanden, führt der Button ‚Zum Shop‘ direkt zur virtuellen Tierhandlung. Unter der zweiten Hauptrubrik im Frame ‚Community & Forum‘ erfahren die Userinnen in ‚Best of Community‘, wer neu, am aktivsten und am beliebtesten im Forum ist. Mit einem Klick auf die Fotos der Userinnen, die sich unter den entsprechenden Rubriken befinden, erscheint ein Steckbrief mit persönlichen Angaben. Außerdem können sich die Mitglieder in ihrem Steckbrief direkt an die anderen Userinnen wenden und persönliche Kommentare zu ihrer Aktivität oder zu Aktivitäten anderer Mitglieder im Forum formulieren. Roxanaa, eine der beliebtesten Userinnen, lässt die anderen Mitglieder in ihrem Steckbrief wissen, dass es sie „nicht im geringsten“ interessiere, wenn andere sie als arrogant oder eingebildet bezeichneten. Das sei „bloß Zeitverschwendung und über Menschen, die man nicht kennt, sollte man eh nicht urteilen, da man im Endeffekt keine Ahnung über sie hat:)“. Unter ‚Forum‘ können die Mitglieder „diskutieren, tratschen, helfen, [ihr] Herz ausschütten, Probleme lösen und wertvolle Tipps geben“.130 Der ‚Freunde Finder‘ hilft den Mitgliedern, bereits bekannte Personen zu finden oder unbekannte Mitglieder aus dem Forum kennenzulernen. In den unterschiedlichen Topmodel-Chats, geleitet von den fiktiven Charakteren der Topmodel-Welt, haben die Userinnen die Möglichkeit, sich mit Freunden oder Community- Mitgliedern zu treffen und auszutauschen. Die dritte, große Rubrik des Forums nennt sich ‚Sedcard‘. Die ‚Sedcard‘ beinhaltet alle persönlichen Informationen der Userinnen und ist deswegen auch nur dann aufzurufen, wenn man einen eigenen Account in der Topmodel-Community hat. Hier finden die Mitglieder unter anderem ihre eigene Sedcard mit Informationen zur Person, die den anderen Mitgliedern zugänglich sind, ein Postfach, ein Gästebuch und einen eigenen Designertisch, auf dem man sehen kann, wie viele und welche Designs man selbst schon hochgeladen hat. 130 Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 97 Unter der Rubrik ‚Tipps, Tricks & Tests‘ können sich die Mädchen Ratschläge des Topmodel-Teams, z. B. zu Mode, Styling oder Körperpflege einholen und sich Persönlichkeitstests unterziehen. Themen wie Liebeskummer oder Probleme in der Familie finden ebenfalls Beachtung. An dieser Stelle wird besonders stark deutlich, dass sich „die Webseiten den Mädchen eher als Freunde denn in ihrer tatsächlichen Rolle als ‚Handlanger‘ der Schönheitsindustrie darstellen“.131 Auch die fünfte Rubrik, die ‚Topmodel-Welt‘, ist nur der eingeloggten Userin zugänglich. Hier erfahren die Userinnen alle Neuigkeiten rund um die Topmodel-Charaktere oder wie sie sich in einer Agentur bewerben können, um ‚Fashion Credits‘ zu erlangen. Außerdem wird an dieser Stelle auf das Topmodel-Magazin und die Einlösung der durch das Magazin erworbenen ‚Bonus Fashion Credits‘ hingewiesen. Die Mädchen spüren in dieser Rubrik besonders deutlich, dass sie Teil einer Community sind, und tauchen durch ihre eigenen Aktivitäten vollständig in die Topmodel-Welt ein. Auch eine Topmodel-CD „ist zum Download und Streaming bereit“132. Die Songs sind für 0,69€ pro Lied über Streamingdienste wie iTunes, Amazon oder Spotify zu kaufen. Die vorletzte Rubrik im Frame ‚Spielen & Gewinnen‘ macht auf aktuelle und abgelaufene Gewinnspiele aufmerksam und auf sonstige Spiele, die die Topmodel-Community den Userinnen bietet. Nicht selten sind diese Spiele mit Aufgaben verbunden, die den fiktiven Topmodel-Charakteren dabei helfen, sich z. B. bei einer Modelagentur oder auf dem Catwalk zu beweisen. Daneben gibt es jedoch auch klassische Spiele wie ‚Vier gewinnt‘ oder diverse Kartenspiele, die stets in irgendeiner Form in die Topmodel-Welt eingebunden sind. Die letzte Rubrik ‚Boutique‘ dient der Werbung für die breite Produktpalette der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. Angepriesen werden Taschen, Federmappen, Kosmetikartikel, diverse Malbücher, Blöcke und Stifte. Die Auswahl an Topmodel-Produkten ist enorm. Die Werbung für eigene Produkte der Kreativserie erfolgt an dieser Stelle explizit, an anderer Stelle erscheint sie deutlich subtiler und in entsprechende inhaltliche Kontexte (z. B. Topmodel-Stifte in der Zeichenschule) eingebettet, sodass häufig kaum eine erkennbare Unterscheidung zwischen journalistischen Beiträgen und Werbung auszumachen ist.133 4.2.2 Das Layout Die Layout-Analyse der Internetseite stützt sich auf zwei wesentliche Kriterien: 1. formale Struktur 2. Farbgebung Die grundlegende formale Struktur der Website ist durch einen horizontal ausgerichteten Frame gegeben, der alle wichtigen Rubriken der Website beinhaltet (s. Kapitel 3.2.1). Durch die farbliche Absetzung des Frames in Magenta wird die Aufmerksamkeit trotz diverser Text- und Bildelemente auf den Menü-Button mit Themenübersicht gelenkt. 131 Dangendorf 2012, S. 87. 132 Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 133 Vgl. ebd. 98 Innerhalb dieses Frames befinden sich das Topmodel-Logo, rechts davon Symbole für ‚Mein Profil‘, ‚Mein Handy‘, die Anzahl der Freunde, die aktuell online sind, die Anzahl der Freundschaftsanfragen, der eingegangen Nachrichten sowie der Jobs, die der eigene, fiktive Topmodel-Charakter aktuell ausübt. Daneben befinden sich die Eingabefelder für das Login in den eigenen Account oder, sofern man noch nicht Mitglied ist, unterhalb des Frames für die Registrierung. Die Fläche unterhalb des Frames nimmt ca. fünf Sechstel der Gesamtfläche ein. Durch die Scroll-Funktion gelangt man ans Ende des Willkommen-Bildschirms mit Verweisen auf Facebook und Twitter sowie mit rechtlichen Angaben zur Website. Durch wechselnde Bildelemente, mit denen die Website auf Neuigkeiten aufmerksam macht, ist die Startseite der Topmodel-Website ständig in Bewegung. Besonders auffällig ist das große Fenster unterhalb des Hauptframes, das ungefähr die Hälfte der restlichen Fläche einnimmt und auf Neuigkeiten in der Topmodel-Community aufmerksam macht. Darunter präsentiert sich ein in Blockform angeordnetes Puzzle aus unterschiedlich großen Funktionsfeldern, die sowohl über den Menü-Frame als auch direkt über den Startbildschirm genutzt werden können. Durch den auffällig magentafarbenen Hauptframe gestaltet sich das Surfen auf der Topmodel-Website auf den ersten Blick übersichtlich. Das Klicken auf die puzzleförmig angeordneten Funktionsfelder ermöglicht denjenigen Userinnen, die sich auf der Website auskennen, eine schnellere Bedienung. Für Community-Mitglieder hingegen, die mit den Strukturen der Website noch nicht ausreichend vertraut sind, ergibt sich aus dem Bilderjungle erst auf den zweiten Blick eine nachvollziehbare Struktur. Hier empfiehlt sich ein erstes Kennenlernen der Website über den Hauptframe, der eine klare Struktur aufweist und frei von Bildelementen jeder Art ist. Obgleich die Inhalte der Website aufgrund ihrer aufwändigen formalen Gestaltung auf den ersten Blick nicht sofort zu fassen sind, bringt ihre Anordnung in Rubriken eine erkennbare Struktur hinein, die dem Topmodel-Magazin in jeglicher Hinsicht fehlt. Eng verbunden mit der formalen Struktur der Website ist das Farbklima. Während die Zeitschrift durch ein enormes Repertoire an Farben Unordnung im Layout schafft, ist die Farbwahl des Forums dezenter und weniger unruhestiftend. Das Farbspektrum bewegt sich von Magenta, über dunkles Violett und Purpur bis hin zu Pastelltönen wie Rosé oder leichtem Türkis. Besonders dominant sind Magenta und ein mittelkräftiges Türkis, die abwechselnd als Hintergrund für die puzzleförmige Anordnung der Rubriken auf dem Starbildschirm fungieren. Die Darstellung der Rubriken über dem Menü-Button setzt sich nicht nur hinsichtlich ihrer formalen Struktur, sondern auch in der Farbwahl deutlich vom übrigen Layout ab. Die Einteilung in Themenblöcke in weißer Schrift auf dunkelviolettem Hintergrund wirkt ruhig, wie eine Pause für das Auge, das in der Topmodel-Welt sonst nur selten zur Ruhe kommt. Der Hell-Dunkel-Kontrast, der sich aus den Farben Weiß und Dunkelviolett ergibt, unterstützt diese Wahrnehmung. 99 Insgesamt präsentiert sich den Userinnen ein typisches ‚Topmodel-Layout‘, das sich aus unterschiedlichen Pink- und Violetttönen zusammensetzt und mit besonderen Glitzereffekten an unterschiedlichen Stellen vervollständigt wird. Der kindliche Charakter, den das Printmedium vor allem aufgrund seiner Aufmachung und Farbwahl aufweist, ist auf der Website nur noch bedingt zu finden. Vielmehr präsentiert sich die Website als eine sehr ‚erwachsene‘ Welt, die auf den ersten Blick nur wenig mit der Lebenswirklichkeit (früh-)adoleszenter Mädchen zu tun hat. Im Vordergrund steht eine scheinbar glamouröse Topmodel-Welt, in der Themen wie Schönheit, Mode, der eigene Körper, Liebe, Erfolg und Misserfolg eine wesentliche Rolle spielen. Als virtueller Raum ist es der Website in höherem Maße als der Zeitschrift möglich, eine Traumwelt zu schaffen, in der Mädchen Anerkennung und Rückhalt suchen und ihnen das Gefühl vermittelt wird, wichtig zu sein und ernst genommen zu werden. Denn in Anbetracht „parallel existierender Praktiken der Abwertung von Jugendlichen untereinander (mobben, dissen, flamen, haten…), scheinen FanArt-Portale eine sichere Bank der Unterstützung zu bieten“.134 4.2.3 Im Fokus: Der Designertisch Der ‚Designertisch‘ der Topmodel-Website ist, wie bereits erwähnt, der Ort, an dem die Userinnen ihre eigenen bildnerischen Produktionen online stellen. Zaremba unterscheidet grundsätzlich drei verschiedene Arten von Fanart-Werken, „die nach dem Grad ihrer digitalen Intervention eingeteilt werden können: 1. Primär-digital: Werke werden durchweg mit Grafiksoftware wie Photoshop, Open Canvas o. ä. produziert und auf die Portal-Website hochgeladen. 2. Sekundär-digital: Werke werden in Teilen vorab – als gezeichneter Hintergrund o. ä. – erstellt, danach mit Grafikprogrammen weiterbearbeitet und hochgeladen. 3. Tertiär-digital: Werke werden vollständig vorab – als Zeichnung, Malerei etc. – erstellt, und erst danach eingescannt und hochgeladen“.135 Im Fanart-Forum der Topmodel-Community stellen Userinnen überwiegend sekundär-digitale beziehungsweise tertiär-digitale Werke online. Im ‚Designertisch‘ befinden sich die Wochen-, Monats- und Jahrescharts, eine Galerie der insgesamt beliebtesten Zeichnungen sowie die Favoriten des Topmodel-Teams. Die insgesamt ca. 2800 Zeichnungen lassen sich den Themen ‚Allgemein‘, ‚Gesichter & Make up‘, ‚Stars‘, ‚Special Glamour‘, ‚T-Shirts‘, ‚Tiere‘ und ‚Hände & Nägel‘ zuordnen. Eine Auswahl von Zeichnungen können die Mitglieder über die Selektionskriterien ‚Malvorlagen‘, ‚Thema‘ und ‚Altersklasse‘ aufrufen. 134 Zaremba 2010, S. 187. 135 Ebd., S. 180. 100 Um der Topmodel-Community eine Zeichnung präsentieren zu können, müssen die Userinnen ein ‚Design‘ in ihr Topmodel-Malbuch zeichnen, die fertig gestellte Zeichnung fotografieren bzw. scannen und anschließend in das Fanart-Forum hochladen. Versehen mit dem Nicknamen der Userin und einem Titel wird die vom Topmodel-Team geprüfte Zeichnung den anderen Userinnen öffentlich zugänglich gemacht. Die Zeichnungen können auch von Besucherinnen und Besuchern eingesehen werden, die nicht eingeloggt sind. Die Kommunikation über die Zeichnungen basiert auf Kommentaren (‚Kommis‘), die die Mitglieder posten, und auf der Benotung der Werke mithilfe von sogenannten Glitzersternen. Insgesamt können zehn Glitzersterne für eine bildnerische Produktion gegeben werden. Besonders viel Anerkennung erhalten Zeichnungen, die sehr sorgfältig und ordentlich ausgeführt wurden, ebenso wie aus Sicht der Userinnen besonders ‚kreative‘ und ‚ausgefallene‘ Ideen. Sehr beliebt ist in den Zeichnungen auch der Einsatz von Glitzer- und Glanzeffekten, die mithilfe von Copic-Markern oder digitalen Bildbearbeitungsprogrammen erzeugt werden. Man könnte meinen, die Userinnen ließen sich im wahrsten Sinne des Wortes von den sehr künstlich wirkenden Zeichnungen blenden, wobei ‚künstlich‘ im Sprachgebrauch der Community-Mitglieder offensichtlich gleichgesetzt wird mit ‚künstlerisch‘. Abb. 20 Abb. 21 Abb. 22 Besonders augenfällige Beweise für diese Annahme liefert die deutsche Userin MxRot2001. Eine ihrer Zeichnungen mit der Überschrift „No Name für den Ausmalwetti von Antoniia, schon 2. Runde“ (Abb. 20) wird im Durchschnitt mit acht Glitzersternen bewertet und bekommt viel positives Feedback. Die Zeichnung verdeutlicht, warum die Auseinandersetzung mit solchen und ähnlichen bildnerischen Produktionen im Forschungsfeld der Kinder- und Jugendzeichnung und vor allem bezüglich der aktuellen Genderforschung unbedingt notwendig ist. Das ‚Topmodel‘ präsentiert sich in einem knappen, schwarz-roten Corsage-Kleid. Overknee-Strümpfe und das Strumpfband am rechten Bein erinnern an Strapse. Ihre Zeichnungen lassen eher an Werbeplakate eines Erotikshops denken als an bildnerische Produktionen eines adoleszenten Mädchens. 101 […] die Behauptung, die menschliche Sexualität sei schmutzig und gemein […] ist etwas ganz anderes als die Behauptung, die öffentliche Darbietung der Sexualität beraube sie ihres Geheimnisses und ihrer Würde und verändere Charakter und Bedeutung sowohl der Sexualität als auch der kindlichen Entwicklung.136 Ohne Zweifel liegt dieser Aussage von Postman ein Idealismus zugrunde, der mit Blick auf die Entwicklungen im 21. Jahrhundert möglicherweise altmodisch, ja geradezu naiv erscheint. Bezugnehmend auf den Begriff der Kindheit, wie er zu Beginn der Arbeit definiert wurde (vgl. Kapitel 1), wird dieser Idealismus nach Postman von einer gewissen Scheinheiligkeit begleitet, die auf der Überzeugung beruht, Kinder vor gewissen Bildern (im wörtlichen wie übertragenen Sinne) schützen zu wollen.137 Die Befürchtung, die sich hinter diesen Gedanken verbirgt, ist möglicherweise besser zu verstehen, wenn sich die folgende Aussage anschließt: „Es geht […] um den Unterschied von öffentlichem und privatem Wissen und darum, welche Auswirkungen die Abschaffung des privaten Wissens durch die Medien der totalen Enthüllung hat.“138 Dies bedeute längst nicht nur, dass die Kindheit ihre ‚Unschuld‘ verloren habe, suggeriere der Ausdruck doch, dass sie bloß ein wenig Charme eingebüßt habe,139 sondern dass die Verbreitung solcher und ähnlicher Bilder zu ihrer Akzeptanz und damit zu dem von Postman prophezeiten Verschwinden der Kindheit führt. Ebenso sexistisch wie die vorangegangen Bildfiguren präsentiert sich die Figur in einer Zeichnung für den Heavy Metal Wettbewerb (Abb. 21) oder das Model in Design „Blau, Pink, Grün“ (Abb. 22). Das Topmodel-Team ist von ihren Entwürfen begeistert und wählt die Designs der Userin zu seinen Favoriten. 136 Postman 1987, S. 109. 137 Vgl. ebd. 138 Ebd., S. 109. 139 Vgl. ebd. Abb. 23 Abb. 24 Abb. 25 102 Ähnliche Zeichnungen stellt die französische Userin TalitaKD vor. „Dance2“ (Abb. 23) wird mit durchschnittlich acht Glitzersternen bewertet. Kommentare wie „c trop beau tu c trop bien dessiner“ (Das ist zu schön, du kannst super gut zeichnen.) oder „je ne trouve pas d’autre mot que : magnifique!“ (Ich finde dafür kein anderes Wort als: wunderschön.) bestärken die Userin darin, mehr Zeichnungen im gleichen Stil zu veröffentlichen (Abb. 24 und 25). Enge, kurze Kleider, weite Ausschnitte und Netzstrümpfe verleihen den treu dreinblickenden Lolita-Figuren eine Ausstrahlung, die an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen ist. Wie unkritisch mit solchen Darstellungen auch und vor allem seitens der Medienbranche umgegangen wird, zeigt die Wertschätzung ebensolcher Zeichnungen durch das Topmodel-Team. Die Werke von MxRot2001 und TalitaKD zeigen eine kleine Auswahl dessen, was die Userinnen im Topmodel-Forum präsentieren, und spiegeln nur begrenzt wider, wie komplex die Fülle der bildnerischen Produktionen tatsächlich ist. Die ästhetische Sozialisation von Mädchen, wie sie sich hier präsentiert, ist das Spiegelbild einer Gesellschaft, der eine zeitgemäße Form des Sexismus zugrunde [liegt]. Eine, die sich entfaltet, wenn Neoliberalismus auf postfeministische Gesellschaften trifft. Beide Logiken hängen zusammen und verstärken einander. Dann heißt es, Frauen hätten doch die Wahl und seien vielleicht einfach gern ein bisschen Sexobjekt, und: ‚Es gab doch die Frauenbewegung.‘ Letztere hat zwar gleiche Rechte und formal gleiche Chancen für beide Geschlechter erreicht. Doch wer damit die Gleichberechtigung der Geschlechter für verwirklicht [hält], [ignoriert], dass ein Bild der Frau als Objekt, das dem Mann gefallen müsse, bestehen [bleibt] und somit stärker [wird].140 140 Wiedemann 2012. 103 5. Gender – Materialität – Kinderzeichnung Die Begriffe Gender, Materialität und Kinderzeichnung wurden bis hierhin weitestgehend getrennt voneinander diskutiert. Ihre Verortung in einen sinnstiftenden Zusammenhang er- öffnet neue Blickwinkel und Perspektiven, die einen erweiterten Diskurs über ihre Interdependenz und damit über ihre Bedeutung füreinander erlauben. Im Mittelpunkt aller Überlegungen steht der Begriff der Materialität. Seine Diskussion ist nicht zuletzt dem neue[n] Bedürfnis [geschuldet], das Materielle zu fassen, die materiell-konkreten Grundlagen der Kultur zu durchdringen und zu verstehen. Das Sichtbarmachen des Konkreten, das Erfühlen und Ertasten des haptisch Erfahrbaren, Handhabbaren erlebt derzeit eine erstaunliche Konjunktur, ob in der Mode, im Comeback besonderer, naturnaher Materialien, in der modernen Kunst oder in den neueren Tendenzen der Kulturwissenschaften.141 Die Diskussion um Materialität kann und muss auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden. Die Verbindung dieses Begriffs mit dem der Kinderzeichnung ist folglich nur eine Möglichkeit von vielen und erscheint nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller technischer Entwicklungen, die auch an der Kinder- und Jugendzeichnung nicht spurlos vorübergehen (vgl. Kapitel 1), von besonderer Bedeutung zu sein. Es wäre sogar zu überlegen, ob nicht die jüngste Generation der Handy- und Smartphone-Gestaltung, die fulminante Hochkonjunktur von iPhone und Touchscreens, sich der geheimen Sehnsucht verdankt, die fortschrittlichsten, dem Laien unzugänglichen Medientechniken wieder in handliche Nähe zu rücken und ihnen körperhafte, materiellkonkrete Präsenz zu verleihen. Das Apple-iPhone präsentiert dem Benutzer Fenster in die virtuellen Räume des Internets zum Anfassen, gibt ihm neben dem Designcharakter eine beruhigende Handlichkeit und portable Vertrautheit, beheimatet die insubstantiellen Spaziergänge im World Wide Web, die man nunmehr als portable Kleinigkeit in der Handtasche oder Westentasche mitnehmen kann.142 Simonis’ Überlegungen treffen den sprichwörtlichen Zahn der Zeit. Die Verlagerung von ästhetisch-produktiven Aktivitäten in virtuelle Räume der neuesten Internetgeneration, wie Kirchner et al. das Phänomen beschreiben143, verlangt geradezu nach einer Annäherung an den Materialitätsbegriff über die Frage, welche Bedeutung ihm in einer digitalisierten Welt wie dieser, in der alles glatt, makellos, geradezu ‚perfekt‘ zu sein scheint, überhaupt noch zukommt. Die Frage um die Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung erscheint vor dem Hintergrund dieser Überlegungen von besonderer Brisanz und Aktualität zu sein. 141 Simonis, Annette: Der Traum der Materialität – Ein ästhetischer Diskurs über Visualität und Materialität in den Künsten. In: Strässle, Thomas (u. a.) (Hrsg.): Das Zusammenspiel der Materialitäten in den Künsten. Theorien – Praktiken – Perspektiven. Bielefeld: Transcript, 2013. S. 221. 142 Ebd., S. 221 f. 143 Vgl. Kirchner et al. 2010. 104 Gleichzeitig sind sie im Rahmen dieser Forschung nicht von genderspezifischen Fragestellungen zu trennen. Die Verbindung der Begriffe Materialität und Gender ist keine, die sich auf den ersten Blick zu erschließen vermag. Ein zweiter Blick auf die Malbücher der Kreativserie Topmodel verrät jedoch, warum die Diskussionen der Begriffe nicht mehr länger unabhängig voneinander geführt werden können. 5.1 Bedeutung von Materialität in der Kreativserie Topmodel am Beispiel des Malbuchs Topmodel Glamour Special In diesem Kapitel soll die Frage nach der Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung konkretisiert und anhand eines Malbuchs aus dem ‚Creative Studio‘ der Kreativserie Topmodel erläutert werden. Es wird darum gehen, die Bedeutung von Materialität hinsichtlich der Kreativserie Topmodel zu analysieren, ihren Wert, ihre Art und Weise der Darstellung sowie den Anspruch, den ihre Darstellung verfolgt, zu hinterfragen und die neu gewonnenen Erkenntnisse in einer anschließenden Diskussion zusammenzufassen. Wertvolle, für diesen Kontext hoch spannende Denkanstöße liefert Schachtner mit ihrem Buch zur Beziehung von Kindern zu Dingen und der Aussage, ausgehend von Untersuchungen durch Lewin, beide stünden in einer wechselseitigen Beziehung zueinander.144 Aus einer sozialpsychologischen Perspektive führte Kurt Lewin in den 20er Jahren den ‚Aufforderungscharakter‘ der Dinge ein. Er wollte darauf aufmerksam machen, dass sich die Menschen nicht einer neutralen, sondern einer stimulierenden Dingwelt gegen- übersehen, die ihnen freundlich oder feindlich begegnet, die lockt, motiviert, erschreckt. Dinge sind, wie Lewin beschreibt, mit ‚willensartigen Tendenzen‘ ausgestattet, die sich bereits dem Kleinkind offenbaren.145 Die Bezugnahme auf den Begriff des Aufforderungscharakters erscheint in der Diskussion um Materialitäten in der Kreativserie Topmodel und ihre Bedeutung unumgänglich. Die Untersuchung des Malbuchs Topmodel Glamour Special erfolgt unter besonderer Beobachtung der verwendeten Muster, der Farbwahl sowie der Wertigkeit der Materialien. In den Blick genommen werden dafür folgende Bestandteile des Malbuchs: 1. Cover 2. Sticker 3. Stoffimitate 4. Schablonen 144 Schachtner, Christina: Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FabLabs. Bielefeld: Transcript, 2014. 145 Ebd., S. 9. 105 5.1.1 Muster Der Begriff des Musters nimmt in der Kreativserie Topmodel eine in zweierlei Hinsicht bedeutsame Rolle ein. Das Muster im engen Sinn des Wortes, d. h. als ästhetisches Gestaltungsmittel, ist als solches in unterschiedlichen Ausführungen Teil der ästhetischen Gestaltung der Topmodel-Produkte und gleichzeitig Erkennungsmerkmal der Topmodel-Serie. Bestimmte Muster tauchen immer wieder auf. Dasselbe gilt für das Muster im weiteren Sinne des Wortes, d. h. in seiner Bedeutung als Denkmuster, das eine bestimmte Botschaft zu transportieren vermag. Die Reproduktion von Mustern – beide Wortbedeutungen einschließend – zieht sich wie ein roter Faden durch die Kreativserie Topmodel. Cover Das Cover des Topmodel Glamour Special-Malbuchs wird von zwei fiktiven Topmodel- Charakteren geschmückt, deren Namen – Candy und Hayden – in verschnörkelter Silberschrift auf Hüfthöhe der beiden Models zu erkennen sind. Candy ist dem Betrachterauge ganz nah, ihr Oberkörper mit dem großen, herzförmigen Kopf präsentiert sich in der linken Bildhälfte, während Hayden in gewohnter Topmodel-Catwalk- P ose im Hintergrund zu sehen ist. Die Darstellung der beiden Topmodel-Figuren folgt einem bestimmten Muster, das sich in den Malvorlagen in x-facher Ausführung wiederfindet. Daraus ergibt sich ein Stereotyp, dessen Darstellung vor dem Hintergrund der Genderproblematik unbedingt diskutiert werden muss. Kapitel 4 nimmt sich dieser Diskussion in besonderem Maße an. Das Muster, das sich aus der Figurendarstellung ergibt, lässt sich wie folgt beschreiben: Besonders auffällig erscheint der große Kopf, der aufgrund seiner Maße die ohnehin naturfernen Proportionen der Topmodel-Körper unterstreicht. Er passt nur ungefähr 4 ½-mal in den Körper der Figur und ist damit weit von allseits bekannten Proportionsregeln entfernt, die die Größe der menschlichen Figur an sieben bis acht Kopflängen messen. Ein immer wiederkehrendes Muster ist außerdem das Gesicht der Topmodels. Es besticht stets durch übergroße, mandelförmige Augen mit einer stark geweiteten, schwarzen Pupille, einer zart angedeuteten Stupsnase, wie sie sonst nur bei Neugeborenen zu sehen ist, sowie einem meist rosagefärbten Schmollmund. Die übrigen Körperproportionen sind an der fiktiven Bildfigur Hayden auszumachen; besonders deutlich zu erkennen sind sie – da unbekleidet – auf den Malvorlagen. Sie folgen ebenfalls ein und demselben Schema. Die Unnatürlichkeit der Körperproportionen wird hier ein weiteres Mal durch die Länge der Beine im Vergleich zum Oberkörper unterstrichen. Der Oberkörper, kurz und mit auffällig schlanker Taille, passt ungefähr dreimal in die ebenso dünnen Beine der Figur. Besondere Aufmerksamkeit wird der Länge der Beine durch den hohen Schlitz des langen Kleides geschenkt, das Hayden auf dem Cover trägt und dessen Muster einen ersten Hinweis darauf gibt, welche Art von Stoffimitaten im Malbuch zu finden sind. 106 Unabhängig von den Topmodels weist das Cover Muster auf, die charakteristisch für die Glamour-Serie der Topmodel-Malbücher sind. Besonders auffällig präsentieren sich die silberfarbenen Ranken, die den Rand des Buches verzieren. Ihre zarten Linien und floralen Formen fügen sich in das Bild einer glanzvollen und glamourösen Topmodel-Welt. Die haptische Erfahrung, die sich beim Betasten dieser und weiterer Bildelemente ergibt, spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Ebenso typisch für die Glamour-Serie erscheinen die sternförmigen Glitzereffekte, die sich über die Bildfläche verteilen. Insgesamt ergibt sich aus dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Muster in Form von kristallisch glänzendem Schmuck, Stoffimitaten und weiteren dekorativen Bildelementen eine Musterflut, die auf den ersten Blick kaum zu bewältigen ist und gleichzeitig unendliche Möglichkeiten der Gestaltung suggeriert. Malvorlagen Da die Malvorlagen eigentlich nicht Teil der Analyse sind, soll an dieser Stelle nur kurz darauf eingegangen werden. Sie nicht zu beachten, wäre an dieser Stelle unangemessen, da sie das Muster schlechthin der Kreativserie Topmodel darstellen. Die Erscheinung der Malvorlage wurde bereits unter dem Stichpunkt ‚Cover‘ erläutert. Seine Bedeutung als Muster erschließt sich besonders eindrücklich mit einem Blick auf die Malvorlagen, die 25fach in diesem Malbuch zu finden sind. Dies bedeutet konkret: Mädchen, die sich dem Zeichnen von Topmodel-Malvorlagen widmen, produzieren 25fach dasselbe Motiv; und das in nur einem einzigen Malbuch. Bei der Anzahl der Malbücher, die in den Zimmern der Mädchen zu finden sind, ergibt sich daraus eine höhere dreistellige Zahl. Das glatzköpfige Model, das wie eine leere Hülle auf dem weißen Blatt Papier platziert ist, wird zigfach in der gleichen Weise ausgemalt. Der nackte Kopf erhält eine voluminöse Haarpracht, wie sie nur Models haben, den Körper schmückt ein glamouröses, seidenes Kleid, das die ‚richtigen‘ und ‚wichtigen‘ Stellen des dünnen Körpers in Szene setzt, und an den Füßen befinden sich hochhackige, diamantenbesetzte High Heels, die die ohnehin schon langen Beine noch länger und noch dünner erscheinen lassen. Den Hintergrund zieren in den Bildecken zarte rosafarbene Ranken, wie sie schon auf dem Cover zu finden sind. Sticker Die große Auswahl an Stickern, die am Ende des Topmodel Glamour Special-Malbuchs auf zwei Seiten zu finden sind, stellt in der Gruppe der Zusatzmaterialien, zu denen auch die Stoffimitate und Schablonen zählen, ein weiteres Hilfsmittel dar, das der selbst ernannten Funktion des ‚Creative Studio‘ als Zeichenschule entgegensteht. Die Sticker sind Nachbildungen folgender Modeaccessoires und Kleidungsstücke: Ohrringe aller Art, Ketten, Armbänder, Ringe, Broschen, Handtaschen, Clutches, Gürtel, Schuhe, Dekorationselemente wie Blüten, Glitzersteine oder Schleifen, Handschuhe, die bis zum Ellbogen reichen, Pelzstolas, bauchfreie Tops, mal hoch geschlossen, mal tief ausgeschnitten, und Kleider. 107 Insgesamt stehen den Mädchen in diesem Malbuch ungefähr 500 Sticker zur Verfügung. Genug, um jede einzelne der 25 Model-Vorlagen damit zu bestücken. Die Vielfalt der sich daraus ergebenen Muster ist enorm. Jedes von ihnen verfolgt den Anspruch einer möglichst naturgetreuen Wiedergabe des Materials. Im Folgenden seien nur einige genannt. Besonders auffällig sind Kleidungsstücke wie Schuhe, Oberteile oder Kleider. Die Schuhe weisen unterschiedliche Muster auf, während sie in ihrer Form sehr ähnlich sind. Stilettos beeindrucken durch schimmernde Pailletten oder Krokodillederimitat, aus dem sich ein feingliederiges, netzartiges Muster ergibt, dessen Struktur trotz der Kleinteiligkeit der Sticker deutlich zu erkennen ist. Kleidungsstücke wie Oberteile oder Kleider sind exakt den Stoffmustern nachempfunden, die auf 16 Seiten im Anhang des Malbuchs zu finden sind. So finden sich diverse paillettenbesetzte, tief ausgeschnittene und gleichzeitig bauchfreie Tops wieder, ein Neckholder-Oberteil mit floralen Elementen und Leopardenmuster oder zarte Seidenstoffe, die je nach Schnürung horizontale, vertikale oder diagonale Faltenmuster werfen. Die Schmuck-Sticker erhalten ihre Musterung meist durch die Anordnung der Steine, die sie zieren. Häufig ergibt sich daraus ein Zopfmuster, so zum Beispiel bei auffälligen Colliers oder Armbändern. Ebenso populär scheinen schwere Ketten mit floralen Mustern zu sein, wie wertvolle Schmuckstücke aus einer anderen Zeit. Dem gegenüber stehen zarte Schmuckstücke aus feinen Materialimitaten wie Federn oder feinen Baumwollfäden, die zu auffälligen Quasten gebunden sind. Das Vorhandensein von bereits fertigen Kleidungsstücken in Form von Stickern macht die Stoffimitate, deren Beschreibung im Anschluss folgt, so gut wie überflüssig. Wozu selbst Hand anlegen, Schablonen abzeichnen und zur Schere greifen, wenn die Kleidung längst da ist? So saubere Konturen wie die der fertigen Sticker gelingen mit der Schere ohnehin nicht. Auch die zarten Ohrringe, über und über mit bunten Steinen besetzt, sind für zehnjährige Mädchen in dieser Form zeichnerisch nicht umsetzbar. Das müssen, sollen sie auch gar nicht. Stoffimitate Die Stoffimitate, die ebenfalls am Ende des Malbuchs zu finden sind, präsentieren sich auf insgesamt acht beidseitig bedruckten Seiten. Die Seiten sind leicht aus dem Buch herauszutrennen und können so zum Zuschneiden von Kleidungsstücken genutzt werden. Die Muster dieser Imitationen weisen stets stilistische Nähe zu unterschiedlichen Textilien auf und „können deswegen auf der Folie des Materialtransfers als mögliche Textilnachbildungen befragt werden.“146 Im Folgenden werden vier der insgesamt 16 Stoffvorlagen vorgestellt. 146 Hausmann, Stella: Goldleder – Es ist nicht alles Gold, was glänzt. In: Strässle, Thomas (u. a.) (Hrsg.): Das Zusammenspiel der Materialitäten in den Künsten. Theorien – Praktiken – Perspektiven. Bielefeld: Transcript, 2013. S. 157. 108 Das erste Stoffimitat in diesem Malbuch besticht durch unterschiedlich dunkle Fliedertöne in vielfältigen Mustern. Das obere Viertel weist eine zarte Netzstruktur mit am oberen Rand verlaufenden Schmetterlingsformen auf, die an einigen Stellen übereinanderliegen. Das zweite Viertel der oberen Bildhälfte grenzt sich durch eine wellenförmig verlaufende Bordüre aus Glitzersteinimitaten vom oberen Viertel ab. Auch das Muster unterscheidet sich deutlich von dem vorherigen. Starke Raffungen sorgen für einen auffälligen Faltenwurf. Die untere Hälfte in dunklem Violett wird durch eine aus mehreren Glitzersteinimitaten bestehende Bordüre von diesem Teil abgegrenzt. Ein seidig schimmernder Stoff mit Lichtreflexen und zarten Faltenwürfen prägt sein Erscheinungsbild. Den unteren Rand des Stoffes zieren ebenso zarte Schmetterlinge in demselben Farbton. Das Stoffimitat auf der Rückseite ist dem vorherigen farblich sehr ähnlich, weist jedoch andere Stoffstrukturen auf. Das obere Drittel dieser Vorlage präsentiert sich in einem relativ nüchternen Beigeton, der jedoch mit Glitzer- und Glanzeffekten an Exklusivität gewinnt. Struktur entsteht durch zarte, unterschiedlich stark kolorierte und mit Glanzeffekten versehende Farbsprenkel, die je nach Größe florale Formen aufweisen. Sowohl farblich als auch mit Blick auf das Muster unterscheidet sich das obere Drittel deutlich vom Rest der Fläche. Ein fliederfarbenes, leichte Falten werfendes Band trennt die unterschiedlichen Stoffimitate voneinander. Es ist mit drei Blumen auf der rechten Seite versehen, die sowohl aus dem Stoffimitat des Bandes, das seidenähnlich scheint, als auch aus dem Tüllimitat bestehen, das die restliche Fläche ziert. Die Mitte der Blüten zieren Perlmuttnachbildungen. Die restliche Bildfläche besteht aus einem rüschenförmig drapierten Tüllstoffimitat in einem Fliederton. Die zarte Netzstruktur des Tülls sowie die umgenähten Kanten sind deutlich zu erkennen und lassen keinen Zweifel daran, dass es sich hierbei um ein Tüllimitat handelt. Die unterschiedlich dicke Überlagerung des Stoffs an einigen Stellen sorgt für unterschiedlich starke Licht- und Schattenwürfe. Ein weiteres Stoffimitat beeindruckt durch eine paillettenbesetzte Fläche, die ungefähr ein Viertel der gesamten Fläche ausmacht. Dieser Teil des Stoffimitats ist über und über mit goldenen Paillettennachbildungen besetzt. Es glitzert, glänzt und funkelt überall. Die wellenförmig verlaufende Fläche wird zusätzlich von einem über Kreuz laufenden floralen Muster in Orange geschmückt, das über den Pailletten liegt. Die übrigen drei Viertel des Stoffimitats bestehen aus einer Seidennachbildung in kräftigem Orange mit einem gold-ockerfarbenen Leopardenmuster, das aufgrund seines fleckig-runden Musters die Form der Pailletten aufgreift. Die Falten des Seidenimitats fließen sanft, werfen unterschiedlich starke Schatten und laufen nach unten hin aus. Ein weiteres Stoffimitat vereint ebenfalls unterschiedliche Stoffarten und damit auch verschiedene Muster. Die gesamte Bildfläche kann in zwei Hälften eingeteilt werden, wobei die obere Hälfte aus zwei unterschiedlichen Nachbildungen besteht. Das obere Viertel besteht aus kleinsten, silberfarbenen Paillettennachbildungen, über die vertikal in einem Abstand von ungefähr einem Zentimeter schmale Stoffbänder in türkiser Seidenoptik verlaufen. Diese treffen senkrecht auf eine Bordüre aus ebenso türkisfarbenen 109 Rosen aus demselben Material. Die Stoffbahn unterhalb der Rosen wird von einer weiteren Rosenbordüre im unteren Bereich eingegrenzt. Dazwischen ist das Imitat eines schweren Seidenstoffs zu sehen – als solches zu erkennen aufgrund der stark geometrischen Faltenwürfe in horizontaler Richtung. Unterhalb der zweiten Rosenbordüre schlägt die Nachbildung eines deutlich dünneren Seiden- oder Taftstoffs sanfte Falten. Verziert ist der Stoff mit türkisfarbenen Glitzersteinen, die wie Wassertropfen auf Stoff perlen. Aus der Kombination der Stoffnachbildungen sowie der Farbigkeit in edlem Grau-Silber und dunklem Türkis ergibt sich ein wertvoll wirkender Materialmix. Die kräftigen Glanzeffekte sorgen auch hier für den notwendigen ‚Wow-Faktor‘ und glamourösen ‚Red-Carpet-Stil‘. Insgesamt präsentieren sich die Stoffnachbildungen verblüffend echt. Sie wecken den Wunsch, sie anfassen zu wollen, den kratzigen Tüll, die zarte Seide oder den schweren Samt in den Händen zu spüren. Schablonen Die herausnehmbaren Schablonen im Topmodel Glamour Special-Malbuch bestehen aus rosa- und magentafarbenen Kunststoffseiten, zwei an der Zahl, die Ausstanzungen in Form von Oberteilen, Handschuhen, Handtaschen, Unter- und Oberröcken, Kleidern und Schuhen aufweisen. Auch rein dekorative Formen wie die eines Herzens oder eines Sterns sind zu finden. Die Schablonen ähneln Nähmustern, wie sie für die Anfertigung von Kleidung genutzt werden. Die Formen der Kleidungsstücke sind stark vereinfacht und ihre Maße sind den Malvorlagen angepasst. So gelingt das Zeichnen ohne große Mühe und fehlerfrei. Beides kann als charakteristisch und gleichzeitig, vor allem letzteres, als Voraussetzung für die Topmodel-Zeichnungen gesehen werden. Für den Fall, dass ein Mädchen (nach eigener Einschätzung) weder zeichnen kann noch will, weder ausreichend Zeit noch Geduld hat, eine Zeichnung aus eigener Hand anzufertigen, bleibt ihm immer noch die Möglichkeit, sich all diesen Widerständen und Anstrengungen zu entziehen und eine Topmodel-Vorlage ohne zeichnerische Mittel zu vervollständigen. Da erscheint es ebenso praktisch, dass das Gesicht bei jeder Vorlage schon vorhanden ist. So bleibt auch das mühevolle Zeichnen von Augen-, Nasen- und Mundpartie aus. Dasselbe gilt für Hände und Füße. Die Schablonen erreichen außerdem gemeinsam mit den Stickern sowie den Stoffnachbildungen eine Vielzahl an unterschiedlichen Mustern, deren Darstellung mittels Hand und Stift ein Vielfaches an Zeit in Anspruch nehmen würden. 5.1.2 Farbigkeit Farbe spielt bei der Kreativserie Topmodel eine große Rolle. Sowohl die Topmodel-Mal bücher als auch diverse andere Produkte der Kreativserie, das Fanart Forum eingeschlossen – präsentieren sich in dem immer gleichen Farbspektrum, sind unter anderem deswegen deutlich der Topmodel-Serie zuzuordnen. Ein Gang in die Spielzeugwarenabteilung für Mädchen 110 macht ein Übersehen der Topmodel-Produkte unmöglich. Es glitzert überall, alles schimmert Rosa oder Pink, umhüllt von einem sanften Schleier in Silber oder Gold. Sieht nicht jedes Spielzeug in der Abteilung für Mädchen – natürlich ist diese von der Spielzeugabteilung der Jungen strikt getrennt – genau so aus? „[R]echts Pirat Sharky, Autos, Bagger, links Lillifee, Barbie, Plastikpuppenhäuser in Pink, Pink, Pink [?]“147 Eine berechtigte Frage. Und dennoch scheint die Kreativserie Topmodel die Protagonistin dieser Szenerie zu sein, alle anderen Produkte wirken dagegen wie Nebendarstellerinnen. Nichts weckt die Aufmerksamkeit der Kundinnen mehr als die niedlichen Topmodel- Gesichter, deren dunkle Rehaugen sie so sanft und liebevoll anblicken. Nichts ist so überzeugend wie das Versprechen, das die ‚Topmodels‘ den Mädchen geben: das Versprechen für eine Märchenwelt, in der alle gleich schön, erfolgreich und beliebt sind. Cover So fügt sich auch das Cover des Topmodel Glamour Special-Malbuchs in die bereits bekannte rosafarbene Glitzerästhetik. Besonders dominant ist die Farbe Magenta, die den Hintergrund des Covers schmückt. Aus der Kombination von Magenta und Pastelltönen wie Rosa oder Mint ergibt sich ein Simultankontrast, der die Harmonie der Farben betont. Während der magentafarbene Hintergrund über und über mit silbernen Glitzerpartikeln und hell schimmernden Lichtreflexen versehen ist, präsentieren sich die Topmodel-Charaktere in rosa- und mintfarbenen Kleidern – auch diese sind selbstverständlich mit Pailletten und Glitzersteinen aller Art verziert – und golden- bis nougatfarbener Haarpracht. Dazu mischt sich der zarte Pfirsichton von Gesicht, Dekolleté, Armen und Beinen. So sehr es auch glitzert und schimmert, so matt und glanzlos präsentieren sich die Grundfarben des Covers. Daraus entsteht erst recht der Eindruck einer besonders hochwertigen farblichen wie auch materiellen Gestaltung, die Teil einer glamourösen, luxuriösen Welt ist. Der Farbton Magenta scheint seit geraumer Zeit die ewig pastellfarbenen Spielzeuge für Mädchen um eine kräftigere, weniger ‚liebliche‘ Farbe zu ergänzen. Die Kreativserie Topmodel ist auf diesen Zug aufgesprungen und würde die Aussage der Kinderschutzorganisation Plan, die seit 2012 jährlich den Welt-Mädchentag ausrichtet,148 höchstwahrscheinlich unterstützen: „Steht ein pastelliges Rosa vor allem für Lieblichkeit und Romantik, hat das kräftige Pink […] eine starke Signalkraft und vermittelt Power, Lebensfreude und Mut zur Offensive […].“149 Diese Interpretation der Farbe Magenta passt zu den Stichworten, die die Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG in Zusammenhang mit dem ‚Creative Studio‘ anbringt. Die Welt der Topmodels wird mit den Worten „cool, stylish, kreativ und aktiv“150 beschrieben. Von der Bedeutung der einzelnen Worte für die Topmodel-Serie einmal abgesehen – vor allem der Begriff der Kreativität erscheint diskussionswürdig – passen sie scheinbar in das Bild eines selbstbewussten, mutigen und abenteuerlustigen Mädchens. 147 Steinberger, Petra: Ich. Will. Rosa. In: Süddeutsche Zeitung online, 2013. 148 Vgl. Website des Kinderhilfswerks Plan International Deutschland e. V. 149 Steinberger 2013. 150 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 111 Doch auch hier gibt es, wie soll es anders sein, Grenzen. Ein bisschen Abenteuerlust, ein bisschen Power, ein bisschen Mut darf sein, solange das Mädchen auch in gleichem Maße anpassungsfähig, brav, liebevoll und ‚süß‘ ist; so zart und harmlos wie das Rosé, das Wangen, Lippen und Kleider schmückt. So entsteht das Bild eines Topmodel-Malbuchs, wie es zigfach in den Regalen der Kaufhäuser steht – und dazu beiträgt, dass die Spielwarenabteilung für die Mädchen auch weiterhin als solche zu erkennen ist. Sticker Die Sticker setzen in ihrer Farbigkeit offenbar auf das Motto: mehr ist mehr. Die Anzahl der Sticker ist für ein Malbuch mit 25 Seiten ohnehin beeindruckend. Ihre Farbigkeit setzt dieser Zahl das ‚Krönchen auf‘. Die unterschiedlichen Schmuckarten von Ohrringen und Ketten über Broschen und Armbänder präsentieren sich hauptsächlich aus Fassungen in Gold- und Silberoptik, kombiniert mit Schmucksteinen in Rosa, Rot, Violett, Blau, Grün, Gelb und Schwarz. Accessoires wie Hüftbänder oder Gürtel, Taschen oder dekorative Details wie Stoffblüten leuchten in den Farben Rosa, Pink, Flieder, Violett, Kobaltblau, kräftigem Türkis und Sonnengelb. Jedes dieser Stücke enthält Applikationen in Form von Perlen oder Glitzersteinen in Silber oder Gold. Die Farbigkeit der Schuh-Sticker gleicht der der Accessoires. Rosafarbene und pinke, hellblaue, azurblaue und mintgrüne, orangene und gold-gelbe sowie silberne und schwarze High Heels zieren die Sticker-Seiten. Die Kleidungsstücke zum Aufkleben reichen von Gold und Silber, Orange und Rot über Rosé und Pink, Flieder und dunklem Violett bis hin zu hell- und dunkelgrünfarbenen Varianten. Die Vielfalt der Sticker wird um Diamantenimitate ergänzt, die ebenfalls zum Aufkleben genutzt werden können. Schachtner geht davon aus, dass Menschen nicht nur etwas mit Dingen tun, sondern Dinge auch etwas mit Menschen.151 An dieser Stelle erscheint der Gedanke besonders treffend. Die Masse des zur Verfügung stehenden Materials, das über und über mit Glitzereffekten versehen ist, fordert die Mädchen auf, es unbedingt zu verwenden. „Die Dinge sind nicht stumm. Sie sprechen zu uns, erzählen von […] Wünschen, von erfüllten und unerfüllten […].“152 In dem Wunsch, die vermeintlich edlen Schmuckstücke und Accessoires selbst zu besitzen und damit ein Stück ‚Glamour‘ in das eigene Leben zu holen, das oft nur wenig mit der glamourösen Welt der Topmodels zu tun hat, scheint die wesentliche Faszination für den Gebrauch der Sticker und die Beschäftigung mit ihnen begründet. Die Flächendichte der Sticker erzeugt eine Glanz- und Lichtreflexflut, die die des Covers noch weit übertrifft. Die enorme Kleinteiligkeit der Sticker unterstützt diesen Eindruck. Keine Fläche bleibt frei von gold- und silberfarbenen Diamanten, Pailletten und Perlen. 151 Vgl. Schachtner 2014. 152 Ebd., S. 25. 112 Die Farbflächen, die nicht silbern oder golden schimmern, werden stets mit einem entsprechenden Highlight versehen. Ähnlich wie beim Cover wird auch hier mit dem Gegensatz von mattem und glänzendem Farbauftrag gespielt. Besonders wertvoll erscheinen die Pumps in mattem Mint, Bordeauxrot oder Schwarz und silberner Plateausohle. Diese Kombination ist ein Merkmal der Kreativserie Topmodel, das bei der Gestaltung diverser Produkte zum Einsatz kommt. Stoffimitate Die Farbwahl, die den Stoffimitaten zugrunde liegt, überschneidet sich im Wesentlichen mit der Farbigkeit der Sticker. Anders als beim Cover und den Schablonen ist hier eine größere Anzahl Farben vorzufinden, wobei die Auswahl trügt: Der Eindruck einer vielfarbigen Gestaltung beruht vielmehr auf der Tatsache, dass sich die Topmodel-Malbücher in ihrer farblichen Erscheinung in der Regel kaum voneinander unterscheiden. Rosa und Pink sind stets die dominanten Farben. Da erscheint ein kräftiges Gelb oder Grün beinahe außergewöhnlich. Ähnlich verhält es sich mit der Farbigkeit der Stoffimitate. Folgende Farben sind zu finden: Weiß, Beige, Elfenbein, Apricot, Gelb-Orange, Orange, Rosa, Pink, Flieder, Violett, Mint, Hellgrün, Türkis, Hellblau, Blau, Dunkelgrau, Silber und Gold. Zehn der insgesamt 16 Seiten enthalten die Farben Rosa, Pink oder Violett. 15 der 16 Seiten sind mit Glitzereffekten in Form von Diamant-, Perlen- oder Paillettennachbildungen verziert. Schablonen Die Farbigkeit der Schablonen ist schnell beschrieben: Eine Schablonenseite ist rosa, die andere magentafarben. Beide sind matt. Abgesehen von den fehlenden Glanz- und Glitzereffekten ist alles wie gewohnt: Rosa und Pink. 5.1.3 Wertigkeit des Materials Die Kreativserie Topmodel betont in diversen Werbekampagnen auf der eigenen Website, dem Forum, den Zeitschriften, Malbüchern und anderen Produkten stets, ein besonderes Augenmerk auf die Wertigkeit der verwendeten Materialien zu legen. Zertifikate wie die des TÜV Rheinland oder des FSC (Forest Stewardship Council) stehen für diesen Anspruch. Auf der Website der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG wird auf emotionaler Ebene mit Überschriften wie „kompromisslos hochwertig“, „Übererfüllung der gesetzlichen Auflagen“ oder „gerechte Arbeitsbedingungen“153 für die Produkte geworben. Neben den zertifizierten Qualitätsstandards gibt es außerdem eine Reihe wertvoller Merkmale, die die Produkte des ‚Creative Studio‘ zu etwas ‚Besonderem‘ machen. Mit welchen ästhetischen Mitteln dies gelingt, wird im Folgenden beschrieben. 153 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 113 Cover Ein besonders augenfälliges Beispiel für die scheinbar hochwertige Gestaltung der Topmodel- Produkte stellt das Cover beziehungsweise die äußere Gestaltung des Malbuchs Topmodel Glamour Special dar. Die Form einer Tasche vorgebend – mit Tragegriff und herzförmigem Verschluss – macht das Malbuch zu einem wahren Hingucker. Als Malbuch zu erkennen ist es nur noch aufgrund der Spiralbindung an der unteren Längsseite des Buches. Es wirkt vielmehr wie ein hochwertiges Accessoire. Ein Grund dafür ist nicht zuletzt auch die Beschaffenheit des Kartons, aus dem Cover und Rückseite bestehen. Er ist robust, widerstandsfähig. Die Oberflächengestaltung in mattem Magenta kombiniert mit Glitzereffekten aller Art unterstützt den Eindruck eines luxuriösen Utensils. Die Haptik macht diesen Eindruck vollkommen. Die Glitzerpartikel glänzen nicht nur; jede einzelne Silberranke, jedes Steinchen, jedes Blättchen kann ertastet werden. Fährt man mit der Fingerspitze über das Cover, wird der Tastsinn immer wieder überrascht. Mal ist es ein kaum spürbarer Silbertropfen mal ein etwas größerer, mal eine zarte, mal eine etwas breitere Linie. Doch statt alles glitzern und funkeln zu lassen, werden edle Akzente gesetzt. Man denkt dabei an anspruchsvolle Konsumentinnen, an kleine Mädchen, die den Wert des Materials zu schätzen wissen, die sich vom luxuriösen Schein des Produkts beeindrucken lassen. Das Cover ist wahrlich ein Fest für die Sinne. Wer kann da schon widerstehen? Sticker Die Sticker stellen hier keine Ausnahme dar. Gleichzeitig scheint kaum eine Fläche frei von silber- und goldfarbenen Akzenten zu sein. Jeder Ohrring, jedes Armband, jedes Collier und jede Tasche sind über und über mit Diamantimitaten besetzt. „Es handelt sich dabei um einen als Materialtransfer zu bezeichnenden Modus der Intermaterialität, bei dem ein Material erscheint, als ob es ein anderes wäre.“154 Die Sticker sind Nachbildungen wertvoller und zugleich teurer Schmuckstücke und Accessoires, wie sie auf den roten Teppichen dieser Welt und in besonders zahlungskräftigen Kreisen zu finden sind. Was hat das mit der Lebenswirklichkeit der Mädchen zu tun? Welches zehnjährige Mädchen kann derlei Luxus sein Eigentum nennen? Für die Augen eines Erwachsenen erscheinen die vielen Einzelteile auf Glanzfolie billig, wie wertloser Trash – die Masse tut ihr Übriges, lässt sie umso wertloser erscheinen. Kinderaugen aber erkennen den trügerischen Schein nicht, blicken nicht mit kritischem Auge auf die zahllosen Diamantennachbildungen und perlenbesetzten Juwelen. Die Mädchen, die sich in den Topmodel-Abteilungen über die neuesten Trends informieren und jedes Produkt begeistert in die Hand nehmen, sind hingerissen von dieser Welt, die so gar nichts mit der ihren zu tun hat. Sie ist rosa, glitzert, ist glamourös und bietet alles, was das Herz begehrt. In ihr ist alles möglich, nichts ist zu teuer, nichts unerreichbar. Wie so oft in der Topmodel-Welt ist es der schöne Schein, der lockt und gleichzeitig so trügerisch ist. Der Gestaltung der Produkte kommt eine weitaus höhere Bedeutung zu als eine rein ästheti- 154 Hausmann 2013, S. 153. 114 sche. Tügel erkennt darin ein Phänomen der ‚Kaufrauschglitzercybergesellschaft‘, in der Produkte für Kinder zunehmend Teil einer „Inszenierung ganzheitlicher Lifestyle-Konzepte“155 werden. Die Produktgestaltung transportiert einen bestimmten Lebensstil, eine ganz konkrete Vorstellung davon, was wichtig ist im Leben und impliziert Wünsche, die für die Mehrzahl der Mädchen nicht realisierbar sind. Stoffimitate Die Stoffimitate, die in den vorangegangenen Kategorien bereits eingehend beschrieben wurden, sind in der Diskussion um die Wertigkeit der verwendeten Materialien von besonders großer Bedeutung. Sie bilden originalgetreu Materialien wie Seide, Samt, Tüll oder Spitze nach. Ihre Nähe zum Original lässt sie hochwertig erscheinen, die Imitate sind täuschend echt. Diesem Eindruck steht jedoch die ewig glatte, leicht glänzende Papieroberfläche gegenüber, die aller Authentizität zum Trotz nicht die einzigartige Haptik ersetzen kann, die einen echten Stoff kennzeichnet. Schablonen Den Schablonen des Topmodel Glamour Special Malbuchs kommt in der Diskussion um Wertigkeit eine weniger bedeutende Rolle zu. Sie sollen an dieser Stelle folglich nur in Kürze erläutert werden. Gleichzeitig scheint aber auch ihre Ästhetik bestimmten Ansprüchen zu folgen, obschon der verwendete Kunststoff nur wenig Möglichkeiten der Gestaltung – zumindest in Bezug auf seine Funktion als Schablone – zulässt. An Wert gewinnt der Kunststoff durch seine samtig-glänzende Optik. Im Gegensatz zu den kleinteiligen Stickern nimmt er sich in seiner Farb- und Formgebung deutlich zurück. Diese Zurückhaltung sorgt ähnlich wie der matte Farbauftrag auf dem Cover des Malbuchs neben all den Glitzer- und Glanzeffekten für eine gewisse Wertigkeit. Die glatte Oberfläche fügt sich außerdem in das ohnehin künstliche Erscheinungsbild der Topmodel-Produkte, das für Perfektion und Vollkommenheit steht. 5.2 Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung Die Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung wurde bereits im Anschluss an den Vergleich von Mädchenzeichnungen aus unterschiedlichen Perioden in den Blick genommen. Die eingehende Analyse des Malbuchs Topmodel Glamour Special fordert eine Vertiefung dieser Gedanken und zeigt in besonderem Maße die Entwicklung von Materialbewusstsein in der Kinderzeichnung über Jahrzehnte. 155 Tügel, Hanne: Kult ums Kind: Großwerden in der Kaufrauschglitzercybergesellschaft. München: C.H. Beck, 1996. S. 87. 115 Die Ansprüche an Materialität scheinen sich verändert zu haben. Simonis macht dafür vor allem technische Fortschritte im Bereich der Computerentwicklung verantwortlich und kommt damit zu einem auf den ersten Blick überraschenden Ergebnis: Das Bedürfnis nach Materialität sei durch die Smartphone-, Tablet- und Touchscreenkultur nicht zurückgegangen, sondern im Gegenteil größer geworden.156 Man könnte das Zeitalter von Computer und Internet als ein fortgesetztes Spiel mit den Möglichkeiten des Virtuellen, der Simulation und des Immateriellen sehen, das alle bisherigen ästhetischen Illusionstechniken […] um ein Vielfaches verblassen lässt. Die Faszination des virtuellen Raums und der Simulation zieht immer größere Kreise und sämtliche Generationen in ihren Bann, erfordert immer schnellere Rechner, weckt insbesondere, aber keineswegs ausschließlich bei Jugendlichen den Wunsch nach immer leistungsstärkeren und lebensechteren Computerspielen.157 Alles ist möglich. Es wird eine Parallelwelt erschaffen, die kaum mehr von der Wirklichkeit zu unterscheiden ist. Die Ansprüche an Materialität werden auf die Spitze getrieben. Welche sind die Folgen? So beeindruckend die Ergebnisse auch sind, so kritisch müssen sie doch gesehen werden. Wenn alles in Perfektion vorhanden ist, wenn der Verbraucher/ die Verbraucherin auf nichts mehr verzichten muss, per Knopfdruck auf alles zugreifen kann, auf virtuelle Welten, die die Realität in Perfektion abbilden, wohin wird das führen? Verknüpft man diese Überlegungen mit dem Forschungsgegenstand dieser Arbeit, werden Folgen dieser Entwicklung auch und vor allem in Hinblick auf die Kinderzeichnung sichtbar. Die Kreativserie Topmodel stellt hier ein besonderes prägnantes Beispiel dar und zeigt, in welchem Maße diese (technischen) Entwicklungen ästhetische Sozialisation prägen. Bereits im historischen Vergleich wurde herausgestellt, dass Zeichnungen älteren Datums ein hohes Maß an Beobachtungsgabe seitens der Urheberinnen bewiesen, die sich in einer besonders differenzierten Motivgestaltung niederschlug. Diese Beobachtungen konnten bei der Untersuchung der Topmodel-Zeichnungen nicht mehr gemacht werden. Nach eingehender Analyse des Malbuchs Topmodel Glamour Special werden die Gründe für den Verlust von Materialität in der Kinderzeichnung umso deutlicher. Der Anspruch an die Topmodel-Zeichnungen ist eng an die Vorstellung geknüpft, alles müsse möglichst echt aussehen, möglichst nah am Original sein. Zeichnungen, die ‚wie gedruckt‘ aussehen, in denen die Handschrift der Urheberin kaum mehr sichtbar ist, werden in der Topmodel-Community gemeinhin als besonders gelungen wahrgenommen und entsprechend positiv bewertet. Dies bedeutet konkret: Das Bedürfnis nach Materialität, wie es auch Simonis beschreibt, erscheint aktueller denn je. 156 Vgl. Simonis 2013. 157 Ebd., S. 221. 116 Gleichzeitig ist – nimmt man die Topmodel-Malbücher in den Blick – alles schon da, nichts muss mehr aus eigener Hand gefertigt werden. Die Anzahl an Hilfsmitteln ist so hoch, dass eine Gestaltung der Bildfläche mit dem Stift nicht mehr zwangsläufig notwendig ist. Auch die kolorierten Malvorlagen am Anfang jedes Malbuchs – und teilweise zwischen den Seiten – sind derart plastisch, der Farbauftrag dank digitaler Bildbearbeitungsprogramme so makellos, dass eine entsprechende Darstellung mit dem Stift nicht möglich ist. Der Computer schafft eine Vollkommenheit, die der kindlichen Hand verwehrt bleibt. Die zarten Farbverläufe der Malvorlagen, die Lichtreflexe auf dem blonden Haar des Topmodels, die täuschend echten Faltenwürfe des Abendkleides und die zarte Pfirsichhaut, die leicht schimmert, sind mit dem Stift kaum umsetzbar. Auch der Schmuck glänzt und glitzert und ist über und über mit Diamanten besetzt. Die Konturen müssen ebenfalls sehr genau eingehalten werden, um ein sauberes Ergebnis zu erhalten – und nur ordentliche Zeichnungen sind gelungene Zeichnungen. Auch die Farbverläufe, die mit dem Stift gemalt werden, gelingen nicht so, wie es die Vorlage vorgibt. Übergänge sind deutlich zu erkennen, das Rot fließt nicht sanft ins Orange. Die Haare des Topmodels schimmern seidig, fallen in sanften Wellen über die Schulter. Mit dem gelben Buntstift stößt man rasch an seine Grenzen. Welch ein Glück, dass es für diese Fälle Sticker gibt, deren Aufkleben nur wenige Sekunden dauert, während das Zeichnen viele Minuten mehr in Anspruch nehmen würde. Aus den Interviews, die im Rahmen dieser Forschung geführt worden, geht hervor, dass Sticker oder andere Hilfsmittel dann genutzt werden, wenn die Zeichnung eines bestimmten Bildgegenstands zu kompliziert erscheint. Häufig fehlen Geduld und Zeit, sich dieser Herausforderung zu stellen. Gleichzeitig ist der Anspruch, eine möglichst realitätsnahe Darstellung zu schaffen, hoch. Die Funktion von Stickern oder Schablonen als angebliche Hilfsmittel ist trügerisch. Sie mögen für den Moment helfen, vermeiden Frustration und sorgen rasch für Zufriedenheit. Auf lange Sicht gesehen sind sie jedoch alles andere als hilfreich. Sie unterbinden im Gegenteil Erfahrungen, die für die zeichnerische Entwicklung eines Kindes so wertvoll sind: Das Ertragen von Frustration, das Austesten von Grenzen, das Experimentieren und das Erfolgserlebnis, das sich einstellt, wenn es dann endlich, nach zahlreichen Versuchen, gelungen ist, bleiben den Mädchen verwehrt. Dabei sind diese Erfahrungen bedeutsame Begleiter auf dem Weg zu einer eigenen Bildsprache, zur eigenen, unverwechselbaren Individualität eines jeden Kindes. Die so eingehandelten Defizite stehen im Widerspruch zur Werbeaussage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, man setze „in erster Linie auf die Kreativität der Kernzielgruppe.“158 Die Topmodel-Malbücher führen zu einer Entwertung der Kinderzeichnung. Die Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren haben gezeigt, was einmal möglich war. Es handelt sich dabei nicht um Gedanken, die einer ‚Früher-war-alles-besser-Nostalgie‘ anhängen. Es geht vielmehr darum, nachvollziehen zu können, wie es zu dieser fatalen Rückläufigkeit kommen konnte, um von dieser Erkenntnis ausgehend Möglichkeiten herausstellen zu können, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. 158 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG (Broschüren). 117 6. Ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community Sowohl das äußere Erscheinungsbild der Topmodel-Community als auch die breite Produktpalette der Kreativserie machen deutlich, dass die Topmodel-Ästhetik grundsätzlich keine neu erfundene ist, sondern vielmehr alte, scheinbar überholte Klischees aufgreift und in einer besonders übersteigerten Art und Weise zusammenfügt. Wiedemann beschreibt das Phänomen wie folgt: Der Zwang zur Binarität ist zurück. In den achtziger und neunziger Jahren sahen Kinder wie Kinder aus, heute ist klar, wer die Mädchen sind: Sie tragen Rosa und Pink, langes Haar und besitzen wenigstens ein Accessoire aus der Prinzessin-Lillifee-Serie. ‚Pinkifizierung‘ nennen Wissenschaftler den neuen alten Trend, mit dem Mädchen immer mehr zu Mädchen gemacht werden – und liefern eine einfache Erklärung: die Spielzeugindustrie. Schafft man die Zielgruppe ‚Kinder‘ ab und führt Jungen und Mädchen ein, kann man doppelt so viele Trends setzen, doppelt so viel herstellen.159 Der enorme Erfolg von Serien wie Barbie, Lillifee oder Topmodel zeigen, dass die Medienindustrie genug Abnehmer in unserer Gesellschaft findet, die dieser Marketingstrategie erliegen. Wie sollen Mädchen dann noch dazu angehalten werden, der Stereotypisierung, die ihre (ästhetische) Sozialisation bestimmt, entgegenzuwirken? Wenn sie in ihrem familiären Umfeld nicht zur kritischen Reflexion solcher Stereotype angeregt werden, dann erst recht nicht durch ihren Freundeskreis, Medien oder die Werbung. Der Eindruck, dass zur Pinkifizierung weiblicher Lebenswelten eine weitere Komponente hinzukommt, die nicht ins Bild zu passen scheint, ergibt sich nicht nur mit Blick auf die Topmodel-Produkte. „Dass Produkte für Mädchen immer pinker sind, ist ein Teil des Trends – dass sie sexualisierender sind, auch“.160 Man fragt sich, wie das zusammenpasst. Gar nicht, wäre wohl die richtige Antwort. Die Kreativserie Topmodel sieht das anders. Und zeigt, wie erfolgreich es funktioniert. 6.1 Konstruktion weiblicher Ästhetik Der Begriff ‚Mädchenästhetik‘ wurde zu Beginn der 80er Jahre in die Diskussion gebracht […] und stellt eine notwendige Ausdifferenzierung der ‚Weiblichen Ästhetik‘ wie der ‚Jugendästhetik‘ dar. Er geht von der Voraussetzung aus, daß die ästhetischen Erfahrungen, Vorlieben, Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Produktionen von Mädchen andere sind als die von Jungen. Der Begriff grenzt sich gegen traditionelle Positionen der ästhetischen Erziehung ab, wonach die ästhetischen Interessen und Produktionen von Mädchen entweder unter die von Jungen subsummiert bzw. nicht weiter beachtet werden oder aber mit negativen Werteurteilen belegt sind (Mädchen ahmen nach, verwenden Klischees, neigen zu dekorativen Lösungen, lieben kitschige Bildmotive etc.).161 159 Ebd. 160 Ebd. 161 Kämpf-Jansen, Helga: Mädchenästhetik – Annäherung an einen Begriff. In: Staudte, Adelheid; Voigt, Barbara (Hrsg.): Frauen – Kunst – Pädagogik. Frankfurt a. M.: Ulrike Helmer, 1991. S. 103. 118 Die größten Unterschiede zwischen ästhetischen Interessen von Jungen und Mädchen lassen sich in der Adoleszenz ausmachen. Wie im vorangegangen Kapitel bereits deutlich wurde, orientieren sich Mädchen (und Jungen) an den von der Gesellschaft über die Medien vermittelten ästhetischen Leitbildern und den damit einhergehenden Erwartungen an ihr Geschlecht.162 „Ein wichtiges Spielfeld für ästhetisches Probehandeln stellt bei den Mädchen der eigene Körper dar, die Haare, das Gesicht“.163 Nach wie vor wird ‚Weiblichkeit‘ gleichgesetzt mit ‚Körperlichkeit‘, mit der Forderung, sich dem eigenen Aussehen schon früh zu widmen.164 Die Medien wissen, wie sie diese Bilder schon früh, im Kindesalter, an Mädchen herantragen können und so hinsichtlich weiblicher Stereotype zu einer gezielten Indoktrination beitragen. Die Konstruktion weiblicher Ästhetik in der Topmodel-Community erfolgt in ähnlicher Weise wie schon bei ihren Vorgängerinnen Barbie und Lillifee; mit dem Unterschied, dass die damalige teils heftige Kritik an der sexualisierten Aufmachung von Barbiefiguren mittlerweile beinah übertrieben erscheint, wenn man die Figuren der Topmodel-Serie vergleichend hinzuzieht. Die Konstruktion von Weiblichkeit in der Topmodel-Welt spiegelt die widersprüchlichen Erwartungen wider, denen Mädchen in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt sind. Es reicht nicht mehr, ‚nur‘ Kind zu sein. Was in der Topmodel-Community vermittelt wird, ist ein Bild von einem Mädchen, das gleichzeitig süß, verspielt und kindlich, aber auch sexy, schön und leidenschaftlich ist. Damit reihen sich die Topmodel-Hersteller in eine allgemein von Medien verbreitete Vorstellung von Weiblichkeit. Die ‚Vogue‘ fotografierte letztes Jahr das Model Thylane Loubry Blondeau auf einem Tigerfell: Ihre perfekt geschminkten Augen blicken lasziv in die Kamera, die langen Haare in einer aufwendigen Hochstekfrisur, die glattrasierten Beine in die Luft gestreckt, an den Füßen Stilettos – sie ist zehn Jahre alt. Im April erzählte die achtjährige Daisey Mae aus Camden, Indiana, in der amerikanischen Fernsehsendung ‚Toddlers & Tiaras‘, die wichtigste Sache im Leben sei ein attraktives Gesicht.165 Wie sehr diese und ähnliche Bilder die ästhetische Sozialisation von Mädchen bestimmen, zeigen die Malvorlagen (und diverse andere Produkte) der Kreativserie. Die Malbücher des ‚Creative Studio‘ visualisieren die gängigen Merkmale von Mädchen- ästhetik besonders eindrücklich. Malbücher mit den Titeln ‚Make up‘, ‚Wedding Special‘ oder ‚Glamour Special‘ lassen, ohne vorab einen Blick auf das Cover zu werfen, bereits vermuten, mit welchen Stereotypen Mädchen hier konfrontiert werden. Die Layouts der Bücher setzen der Vorahnung ‚das Krönchen auf‘: Es glitzert silbern, gold und rosa, kein Pink, kein Rosé oder Flieder ist matt, alles „glänzt samtig, schimmert wie Seide“166, wirkt magisch, verzaubert wie in einer Märchenwelt. Mit zarter Pfirsichhaut, vollen Lippen und großen, treuen Augen blickt das Topmodel den Betrachter an. Es wirkt unschuldig, unsicher, harmlos auf den ersten Blick. Das herzförmige Gesicht, die goldenen Locken und die rosa- 162 Vgl. ebd. 163 Dorner 1999, S. 132. 164 Vgl. ebd. 165 Wiedemann 2012. 166 Kämpf-Jansen, Helga: Mädchen-Dinge und Jungen-Dinge, Aspekte einer geschlechtspezifischen ästhetischen Erziehung. In: Staudte, Adelheid (Hrsg.): Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim/Basel: Beltz, 1993. S. 64. 119 farbenen Wangen fügen sich zu einem Bild von einem Mädchen, wie es in Disneys Darstellungen von Cinderella oder Dornröschen zu finden ist. Beinah zu schön, um wahr zu sein. Verständlich, dass kleine Mädchen diese scheinbare Perfektion, diese Schönheit beeindruckt. Die Seiten der Malbücher zeigen zwanzig-, dreißigfach diese eine Silhouette in eindeutiger Pose: die Hüfte ist geneigt, eines der langen, dünnen Beine vorangestellt, die Hände stützen sich in die sehr schmale Hüfte, der herzförmige Kopf ist leicht geneigt, die Augen mit den langen, geschwungenen Wimpern blicken groß und dunkel zum Betrachter. Der Kopf ist unbehaart, kahl, weibliche Geschlechtsteile fehlen, der Körper präsentiert sich knabenhaft. Diese nahezu geschlechtslose Figur steht im Kontrast zum traditionellen vollbusigen, rundlichen, eindeutig weiblichen Stereotyp. Sicher ist, dass keines dieser Motive notwendig wäre, um Mädchen zu ästhetisch-produktiven Aktivitäten zu ermutigen. Das hat früher auch funktioniert. Da zeichneten Kinder alte Sagenund Märchenfiguren oder Situationen aus ihrem Alltag.167 Das tun Kinder heute auch. Mädchen, die Topmodel-Motive malen, zeichnen Dinge aus ihrem Alltag. Die Auseinandersetzung mit Schönheit, dem eigenen Körper, Schminke und Kleidung ist Teil ihres Alltags (vgl. Kapitel 2.3). Wer meint, das sei nur Spielerei und habe mit der Lebenswirklichkeit der Mädchen nichts zu tun, verschließt die Augen vor einer gravierenden Entwicklung. „Achieving beauty has become a continuous and allencompassing project for adolescent girls – a goal the media portray as necessary“.168 Es sind nicht die Mädchen, denen man einen Vorwurf machen kann. Wie sollen sie erkennen, dass diese Bilder falsch sind, wenn unsere Gesellschaft ihnen das Gefühl gibt, das alles sei ‚normal‘? Natürlich stürzen sie sich mit Begeisterung auf diese Bilder. Und wenn es dann noch so einfach ist mit Vorlagen und Schablonen, dann können sogar die Mädchen malen, die sonst immer von sich behaupteten, sie könnten es nicht, sie hätten kein ‚Talent‘. Schließlich geht es nur darum, die Figuren im Malbuch anzukleiden, ihnen Schmuck in Form von Stickern anzulegen, die Augen ein wenig zu schminken und die Haare zu stylen. Mehr erwartet man gar nicht. Es ist simpel und etwas, von dem man glaubt, dass es Mädchen gerne machen. Das ist alles, was man ihnen zutraut. Sind die Mädchen erst einmal Mitglied der Topmodel-Community und laden sie ihre Zeichnungen hoch, erhalten sie schnell Bestätigung für das, was sie tun. Die anderen Userinnen sind begeistert von süßen Topmodels in knappen Outfits, kurzen, gerüschten Kleidchen, neckischen Strumpfbändern und High Heels. „Einfach übertrieben schöön:)“, „so sweet“ und „richtig krass schön“ finden sie das. Sie erkennen nicht die offensichtliche Sexualisierung, die dahintersteckt, weil sie täglich davon umgeben sind, weil sie in ihrem Leben überall präsent ist. 167 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 168 Labre, Magdala Peixoto; Walsh-Childers, Kim: Friendly advice? Beauty messages in web sites of teen magazines. In: Mass Communication and Society 6, 2003. S. 379. 120 Mädchen in dem Alter erkennen nicht die Gefahr, die sich hinter der selbstverständlichen Übernahme dieser Bilder verbirgt, wenn nicht Eltern oder Lehrpersonen sie darauf aufmerksam machen. Und selbst ihr Einfluss wird von den überzeugenden Taktiken der Marketingstrategen deutlich geschmälert. Die Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG wird es freuen, dass ihr neues altes Mädchenbild auch im 21. Jahrhundert immer noch Gewinn garantiert. 6.2 Kommis, Glitzersterne & Co. als Formen der Kommunikation „Das kommunikative Mitteilungsbedürfnis zum eigenen medialen Handeln ist bei Jugendlichen enorm groß, was erst recht auf kreative Exponate Heranwachsender zuzutreffen scheint […]“.169 Gerade im interaktiven Web 2.0 ergeben sich daraus Kommunikationsformen, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Neue Mitglieder des Topmodel-Forums erkennen schnell, dass es sich bei der Community, wie bei anderen Fanportalen auch, um eine Gemeinschaft handelt, deren Kommunikationsformen sich von denen der realen Welt unterscheiden. Dies ist erst einmal nichts Neues, sondern ein altbekanntes Phänomen. Zum einen hat man längst herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche untereinander allgemein andere Sprachcodes nutzen als Erwachsene oder gängige Codes um eigene ergänzen. Zum anderen bieten und fordern virtuelle Räume aber auch andere Formen der Kommunikation. [Die] Stilsprache ist Ausdruck von szenenspezifischen Darstellungs- und Distiktionsformen und Kristallisationspunkt für jugendeigene kleine Lebenswelten, deren mediengebundenes Symbolkapital neben einer Überhöhung und Ästhetisierung des Alltäglichen unterschiedliche Zeichensysteme, Kommunikationsmuster und Handlungsfelder generiert, in denen eigene Normen und Präferenzen gelten, die gleichermaßen die Optionen für selbstgewählte Ich-Darstellungen erweitern wie den Spezialisierungsgrad der außerberuflichen, persönlichen und privaten Identitäten erhöhen.170 Möchte man Teil dieser Gemeinschaft sein, gilt es, sich mit ihren Regeln vertraut zu machen und sie in die eigene „Cybersprache“ zu integrieren. Mit ‚Kommis‘ (Kurzform für ‚Kommentare‘) sind grundsätzlich alle schriftlichen Äußerungen im Forum gemeint. Im französischen Forum entspricht die Abkürzung ‚comm‘ (Kurzform für ‚commentaire‘) der deutschen Abkürzung ‚Kommi‘. In Bezug auf die ästhetischen Produktionen der Userinnen zeigen sich diese vor allem in Form von positiver und negativer Kritik. Die formale Struktur der Kommentare gestaltet sich meist sehr simpel, auf korrekte Kommasetzung sowie Groß- und Kleinschreibung wird häufig verzichtet. Auch grammatikalische Regeln bleiben teilweise ungeachtet. Durch schnelles Tippen auf der Tastatur entstehen außerdem Tippfehler, die vor der Veröffentlichung von den Urheberinnen nicht korrigiert werden. Nicht selten sind Kommentare wie: „ ich finde es ist das coolste was ich je gesehen habe,wol- 169 Zaremba 2010, S. 186. 170 Vogelsang, Waldemar (unter Mitarbeit von Minas, Heiderose): Digitale Medien – Jugendkulturen – Identität. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Jugendkulturen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010. S. 49. 121 len wir freundschaft schliesen?“ oder „ Das ist echt wunderschön gewordne ovll Katzen mässig. einer meiner Lieblings looks“. Ähnliche Beispiele finden sich in der Kommunikation der französischen Userinnen. Äußerungen wie „ je te veut amis ma belle ta du talents ta le dont enplus c‘est pas beau c‘est maggnifique“ (Ich möchte mit dir befreundet sein, meine Schöne, du hast Talent, Begabung. Außerdem ist es nicht schön, es ist wunderschön) oder „je quife . telement c bien fait je pourais te dire que c pas toit qui la fait“ (Das finde ich so geil. Das ist so gut, dass ich sagen würde, dass nicht du das gemacht hast) zeigen, dass auch hier wesentliche Rechtschreibregeln keine Beachtung finden (z. B. „je te veut“ statt „je te veux“; „telement“ statt „tellement“; „dont“ statt „don“). Außerdem manifestieren sich in diesen und ähnlichen Zitaten sprachliche Besonderheiten jugendkulturellen Ausdrucks, auf die eingangs bereits verwiesen wurde (z. B.: „c“ statt „c’est“; „ouais“ statt „oui“; „si nn“ statt „sinon“). Die Problematik, die sich hinter diesen Beispielen verbirgt, ist, dass Kinder und Jugendliche, die zunehmend über Computer oder Handy kommunizieren oder mit ihrer Hilfe Texte verfassen, wesentliche Regeln der Rechtschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Kommasetzung und der Syntax verlernen. Teilweise sind ihnen diese Regeln auch bekannt, es ist ihnen aber zu lästig, sie zu beachten. Ein wesentliches Problem hierbei stellen zweifelsohne die Autokorrektur-Programme auf den Smartphones bzw. Tablets dar. Die Jugendlichen müssen sich keine Gedanken mehr darum machen, wie ein Wort geschrieben wird – das übernimmt normalerweise ihr Smartphone für sie, nicht aber der Texteditor im Forum. Diese technischen Entwicklungen kommen der Schnelllebigkeit des Alltags der Kinder und Jugendlichen entgegen. Sie verursachen einen zunehmenden Verlust sprachlichen Gefühls und führen zu problematischen Ergebnissen. Obige Beispiele zeigen jedoch auch die Art und Weise, wie im Topmodel-Forum Kritik ge- äußert wird. Konkrete Regeln für die Kommunikation im Forum gibt es nicht. Die Betreiber der Website weisen lediglich darauf hin, dass „Einträge mit kommerziellem, pornografischem, rechtsradikalem Gedankengut oder persönlichen Diffamierungen, sowie mit sonstigem rechtsverletzendem Charakter“171 nicht erlaubt sind und von der Redaktion gelöscht werden. In der Topmodel-Community herrscht insgesamt ein sehr respektvoller Umgangston. Kritik wird meist dazu genutzt, um anderen Userinnen Anerkennung für ihre Produktionen auszusprechen („Franchement continu comme ça je Kiff trop t‘a vrement un talent de Ding“, übersetzt: Im Ernst, mach weiter so. Ich finde das so geil, du hast wirklich unglaubliches Talent.), besonders gelungene Bildelemente hervorzuheben („OMG wie gail ich finde das türkise ende des Zopfes echt schön“) und Bewunderung entgegenzubringen, häufig verbunden mit der Abwertung eigener Fähigkeiten („Tu peux noter mes création stp c’est trop ce que tu fait je veux trop dessine pareil que toi“, übersetzt: Kannst du bitte meine Designs bewerten? Das ist unglaublich, was du machst. Ich würde zu gerne so zeichnen wie du.). Negative Kritik geht in der Regel mit einem vorangegangen Kompliment einher („Trop beau mais repasse les contours“, zu Dt.: Zu schön, aber lass die Konturen weg.) oder erscheint in Form eines Ratschlags, wie der einer Freundin, der die Kritik nett ‚zu verpacken‘ versucht („Cool, hier und da könnte man Details verbessern aber ich will man nicht so auf winzigkeiten achten ;D Ist schön geworden!“). Der Respekt vor den Kreationen anderer lässt sich 171 Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 122 damit erklären, dass Fantum von großer Begeisterung und hohem zeitlichen Aufwand geprägt ist.172 Dessen sind sich alle Mitglieder des Forums bewusst. Kommentare, die beleidigenden oder abwertenden Charakter haben, sind deshalb in den Foren sehr rar. Trotzdem gibt es einige wenige, die es sich nicht nehmen lassen, ihr Missfallen deutlich zu machen: „Ojemine diesen anblick hättest du mir sparen können“ oder „ehm ich denke du hast noch nie einen echten cheerleader gesehen die sehen ganz anders aus“. Die stichprobenartige Untersuchung der Kommentare im französischen Topmodel-Forum bringt eine höhere Anzahl kritischer Äußerungen hervor. In den meisten Fällen begründet sich die Kritik an den bildnerischen Produktionen anderer Mitglieder darin, dass ihre eigenständige Anfertigung angezweifelt wird („non elle a tricher je voulais la demander en amie mais quen g vue que tu as tricher je t refuser“, übersetzt: Nein, sie hat geschummelt. Ich wollte sie fragen, ob wir Freunde sein wollen, aber als ich gesehen habe, dass du gemogelt hast, habe ich meine Anfrage zurückgezogen.; ebenso wie „Bon, je ne crois pas que c’est toi qui l’a faite mais elle très belle“, übersetzt: Na ja, ich glaube nicht, dass du sie gemalt hast, aber sie ist sehr schön.). Natürlich müssen sich Jugendliche auch im realen Leben mit kritischen Äußerungen auseinandersetzen. Kommunikation geschieht auch dort nicht immer respektvoll und diplomatisch. Der Unterschied zum Fanart-Forum ist jedoch, dass es sich nicht um das private Umfeld der Mädchen handelt, sondern um eine breite, weitgehend anonyme Öffentlichkeit. Mitglied in einem Fanart-Portal zu sein, fordert von den Mitgliedern demnach ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Standhaftigkeit. Im Zuge dieser Arbeit wird jedoch deutlich werden, dass dies genau das ist, was vielen Mädchen fehlt, und dass Lob und Anerkennung einerseits und Geringschätzung beziehungsweise Abwertung andererseits auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstbild der Mädchen wesentlichen Einfluss nehmen. Neben den Kommentaren dienen im Topmodel-Forum sogenannte Glitzersterne der Bewertung von Exponaten. Der Begriff ‚Glitzersterne‘ fügt sich geradezu passgenau ins Bild der typischen Topmodel-Ästhetik. Im französischen Forum hingegen beschränkt man sich auf den Begriff ‚étoiles‘ (zu Dt.: Sterne). Ihre goldene Erscheinung vermittelt den Mädchen das Gefühl, etwas wirklich Wertvolles zu vergeben und zu empfangen. Für Mädchen, die sich ohnehin von der glamourösen Glitzerwelt der Topmodel-Community angezogen fühlen, bedeuten die Sterne vor allem für diejenigen, die sie erhalten, eine besonders wertvolle Form der Anerkennung. Im Forum hat jedes Mitglied die Möglichkeit, die Produktionen anderer Mitglieder mit ein bis zehn Glitzersternen bzw. étoiles zu bewerten. Klickt man das Werk einer Userin an, erscheint neben der Zeichnung die Anzahl der Sterne, die durchschnittlich für diese Arbeit vergeben wurden. Die Glitzersterne stellen im Vergleich zur Verbalisierung eine vereinfachte, aber auch weniger differenzierte Form der Kritik dar. Um die Anzahl der gegebenen Glitzersterne zu begründen, nutzen viele Userinnen die Möglichkeit, ihre Bewertung zusätzlich durch einen persönlichen Kommentar zu ergänzen. Eine Zeichnung, die im Durchschnitt mit fünf Glitzersternen bewertet wurde, erhält in der Regel weniger Kommentare (positiver und negativer Art) als eine Zeichnung mit neun oder zehn Glitzersternen. Sie zieht also deut- 172 Vgl. Zaremba 2010. 123 lich weniger Aufmerksamkeit auf sich, wird weniger beachtet. Für einige Mädchen zweifelsohne eine ernüchternde Erkenntnis. Insgesamt fällt auf, dass die durchschnittliche Vergabe von zehn Glitzersternen bzw. étoiles sowohl im deutschen als auch im französischen Forum äußerst selten ist, obwohl die Kommentare auf eine entsprechende Bewertung hindeuten. Neben den bereits genannten Phänomenen fallen im Forum Begriffe wie ‚Widdi‘ (Kurzform für ‚Widmung‘) oder ‚Wetti‘ (Kurzform für ‚Wettbewerb‘) auf. Entsprechende Kurzformen in französischer Sprache existieren im französischen Forum nicht. Widmungen (‚Widdi‘) für andere Mitglieder erfolgen sehr häufig und werden im Titel des Bildes als solche kenntlich gemacht (z. B. „Hawaii-Mädchen, widmung für StellaStar99, ich hoffe es gefällt dir “). Meist erfolgen diese Widmungen auf konkrete Wünsche hin, die eine Userin an ein anderes Mitglied öffentlich oder als private Nachricht gerichtet hat. Ein besonders eindrucksvoller Dialog ergibt sich anlässlich einer Widmung der Userin Antoniia für eine andere Userin namens FashionLoveLife (Abb. 26). Abb. 26 Die Zeichnung wurde von den anderen Mitgliedern im Durchschnitt mit neun Glitzersternen bewertet, die Kommentare sind entsprechend positiv. FashionLoveLife, der die Widmung gilt, reagiert deutlich kritischer: „ Uui dankeschön c: Die Haare find ich sehr schön, bloß das sie ein bisschen am Kopf kleben, bei der Haut allgemein kannst du mehr Schatten setzen. Der Drache ist sehr süß, aber auch hier mehr Schatten. Die Falten am Kleid kannst du noch mehr ausarbeiten, der schwarze Strumpf ist toll, am Fuß wirkt er allerdings nicht so echt. Der Bogen ist sehr gut gelungen, allerdings hättest du das Spann Dingens noch echter wirken lassen, so sieht es aus wie ein Strich. Das wars auch schon wieder von mir, nochmal ein großes Dankeschön“. Antoniia reagiert, wie man es in der Topmodel-Community eigentlich immer tut: „danke für deine tipps und es tut mir leid das ich einen Namen falsch geschreiben habe ich habe Live statt Life geschrieben :/ sorrry“. Den belehrenden Charakter der Äußerung 124 von FashionLoveLife scheint Antoniia nicht als Degradierung ihrer eigenen Person bzw. ihrer Fähigkeiten zu verstehen. Sie erkennt vielmehr die ‚wertvollen Tipps‘, die sie dazu ermutigen, weiterhin zu üben und es beim nächsten Mal besser zu machen. Solche und ähnliche Dialoge zeigen sich im Forum in vielfältiger Form. In der Widmung tritt eine klare Hierarchie zwischen derjenigen, die widmet, und der Userin, der etwas gewidmet wird, zu Tage. Die ‚Widmende‘ begibt sich automatisch in die Position einer ‚Schülerin‘, während die ‚Gewidmete‘ mit erhobenem Zeigefinger die Rolle einer ‚Lehrerin‘ übernimmt. Diese Art von Hierarchie kann auch in der Weise sichtbar werden, dass sich diejenige, der ein Bild gewidmet wird, nicht öffentlich zu dieser Widmung äußert. Abb. 27 Abbildung 27 zeigt eine Widmung der französischen Userin Demi-Aure für coco99. Auf der Pinnwand unterhalb der Zeichnung sucht man vergeblich nach einem entsprechenden Kommentar von coco99. Stattdessen sind 19 andere Mitglieder des Forums voll des Lobes für „Pour coco99“ („j’adore je voudrais la même pour mon mariage!!!“, übersetzt: Ich liebe es. Ich hätte gerne dasselbe für meine Hochzeit.; ebenso wie „on dirait une princesse, elle est sublime magnifique et parfaite!“, übersetzt: Man könnte sagen: eine Prinzessin, sie ist überwältigend schön und perfekt.). Obschon die Kritik der anderen Userinnen durchweg positiv ausfällt, wird der Wunsch der Zeichnerin nach Anerkennung durch coco99 nicht erfüllt. In der Topmodel-Community gehört es sozusagen zum guten Ton, seine Dankbarkeit für eine Widmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Diese inoffizielle ‚Regel‘ spiegelt den Wert der Kommentare wider, die die Mitglieder auf den Pinnwänden der Zeichnerinnen hinterlassen. Fehlende Kommentare, insbesondere solche, die sich auf Widmungen beziehen, gelten aus Sicht der Mitglieder als Mangel an Anerkennung für eine bildnerische Produktion und machen einmal mehr deutlich, wie Hierarchien im Forum entstehen können. Eine weitere Besonderheit in Fanart-Foren stellen Wettbewerbe (‚Wettis‘) dar. Im Gegensatz zu der Vielfalt von Wettbewerben zu unterschiedlichen Bereichen in anderen Fanart-Foren173, 173 Vgl. ebd. 125 beschränken sich die ‚Wettis‘ in der Topmodel-Community auf bestimmte Themen. Jedes Mitglied des Topmodel-Forums ist dazu berechtigt, einen Wettbewerb zu leiten, Ausgeschrieben werden die Wettbewerbe unter der Rubrik ‚Forum & Community‘ mit Festlegung klarer Regeln und der Bekanntgabe des Gewinns. Der Gewinnerin winken wahlweise eine bestimmte Anzahl von ‚Fashion Credits‘, Widmungen der Wettbewerbs-Leiterin, Kommentare und Bewertungen des virtuellen Kleiderschranks der Gewinnerin durch die Leiterin oder eine bestimmte Anzahl selbst entworfener Kleidungsstücke für den Kleiderschrank der Gewinnerin. Ähnlich wie bei den Widmungen ergibt sich auch hier eine klare Hierarchisierung zwischen Wettbewerbsleiterinnen und den Teilnehmerinnen, zwischen denjenigen, die die Regeln festlegen, und denen, die sie zu befolgen haben. Insgesamt manifestieren sich in der Art der Kommunikation im virtuellen Topmodel-Forum wesentliche Merkmale, die auch in kommunikativen Prozessen und Situationen realer Räume erkennbar sind. Der wesentliche Unterschied besteht jedoch darin, dass sich die Mitglieder des Forums nicht zwangsläufig außerhalb des virtuellen Raums kennen, sich somit noch nie real begegnet sind. Dies nimmt erheblichen Einfluss auf die Art und Weise, miteinander zu kommunizieren. Besonders auffällig ist die deutlich geringere Hemmschwelle, überhaupt miteinander in Kontakt zu treten, darüber hinaus persönliche Angaben zur eigenen Person preiszugeben (z. B. in Form eines Steckbriefs) oder persönliche Meinungen und Einstellungen zu publizieren. Das Kapitel hat verdeutlicht, dass sich eine zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen realen und virtuellen Lebenswelten vollzieht, die einen wesentlichen Einfluss auf den sozialen Umgang der Jugendlichen untereinander hat. Seit der Etablierung von sozialen Netzwerken wie Schüler-VZ, Facebook oder Twitter im Alltag der Kinder und Jugendlichen ist diese Erkenntnis schon lange keine neue mehr. Dennoch: Kann es ein heranwachsendes Mädchen wirklich interessieren, was Person X, Y oder Z über es oder seine Fähigkeiten denkt? Kann es wünschen, dass wildfremde Menschen über es urteilen? Die Mädchen, die ihre Zeichnungen im Topmodel-Forum präsentieren, wünschen zweifelsohne genau das, sie verlangen geradezu danach. Aber warum? Was steckt dahinter? Und was macht das mit ihnen und ihrer Sicht auf sich selbst? Die folgenden Kapitel versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden. 6.3 Lob und Anerkennung als Motivation bildnerischen Schaffens „Die Zugehörigkeit zu einer Fanwelt ist Teil der jugendlichen Lebensbewältigung der Postmoderne, denn in der Gemeinschaft der Fans können Jugendliche emotionale Allianzen eingehen, außeralltäglichen Beschäftigungen nachgehen […] und sich mit ihrer Lebenssituation als Heranwachsende auseinandersetzen“.174 Und doch wird Fantum von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hauptsächlich unter negativen Gesichtspunkten betrachtet. Für die einen sind Fans „obsessive, lobotomi- 174 Winter, Rainer: Medien und Fans. Zur Konstitution von Fan-Kulturen. In: Krüger, Heinz-Hermann; Richard, Birgit (Hrsg.): Inter-Cool 3.0. Jugend – Bild – Medien. Ein Kompendium zur aktuellen Jugendkulturforschung. München: Wilhelm Fink, 2010. S. 52. 126 sierte Fanatiker, die sich enthusiastisch und exzessiv ihrem jeweiligen Kultobjekt widmen“175, für die anderen „gefährdete Opfer der Kultur- und Freizeitindustrie, die phantasielos, vereinsamt und desorientiert seien“.176 Während erstere ein äußerst radikales, geradezu abwertendes Bild von Fantum haben, äußert sich in der zweiten Formulierung eine gewisse Sorge, vielleicht sogar ein gewisses Verständnis für die Situation von Fans, gleichzeitig aber auch der Verdacht, dass sie sich nicht unbedingt freiwillig in diese Rolle bringen, sondern aufgrund mangelnder Orientierungspunkte zum Fantum finden. Winter beschreibt im einleitenden Zitat ein Phänomen, das mit dem Aufkommen von Internetforen und sozialen Netzwerken an Bedeutung gewonnen hat. „ Wie bislang keine anderen Institutionen, haben Fanart-Portale den Wert und die Wichtigkeit jugendlichen Medien-Fantums verstanden und sich deren Archivierung, Präsentation, Förderung und Transfer zur Aufgabe gemacht“.177 Ebenso wie diverse andere Fanart-Portale stellt das Topmodel-Forum für Mädchen zwischen acht und 14 Jahren (und darüber hinaus) einen Ort dar, an dem sie auf eine Gemeinschaft treffen, die sie aufzufangen scheint. Mädchen, die in Gesellschaft, in Schule oder in Peer Group möglicherweise eine Außenseiterrolle übernehmen, bekommen in der Topmodel-Community das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der sie akzeptiert werden und im besten Fall sogar wirklich beliebt sind. Das Forum erlaubt ihnen, in ihrem Profil nur das preiszugeben, von dem sie glauben, dass es bei den anderen Userinnen ‚gut ankommt‘. Das, was sie in der realen Welt vielleicht zum Außenseiter macht, z. B. ihr Verhalten, ihr Umgang mit Anderen, ein ungewöhnliches Äußeres o. ä., können sie den anderen Mitgliedern im Portal verschweigen. Im Forum sind scheinbar alle gleich. Und das Wichtigste ist, dass sie eines gemeinsam haben: ihre Vorliebe für die Topmodel-Kreativserie. Damit schafft die virtuelle Welt etwas ganz Wesentliches, was die reale Welt nicht schafft. Nirgendwo sonst trifft man so schnell und einfach auf Gleichgesinnte wie in Fanforen. Im wahren Leben könnte niemand so schnell Freundschaft schließen. Für das ‚Wir-Gefühl‘ sorgen jedoch nicht nur die Mitglieder des Forums, sondern auch und vor allem die Betreiber der Website. Und gerade deshalb ist diese Vertrautheit so trügerisch. Der scheinbar private Raum ist in Wahrheit die größtmögliche Öffentlichkeit, in die sich die Mädchen begeben können. Die Informationen, die sie preisgeben, ihre scheinbar ‚privaten‘ Nachrichten untereinander, alles ist von irgendeiner Seite einsehbar. Aber es ist genau dieses Gefühl, diese Atmosphäre, die notwendig ist, um etwas von sich preiszugeben – und dazu zählt auch die Veröffentlichung von eigenen bildnerischen Produktionen. Freunden zeigt man schließlich, was man geschaffen hat. Und Freunde bittet man auch um ihre Meinung. Die Anerkennung und Wertschätzung, die die Mädchen für ihre Arbeiten im Forum bekommen, ist möglicherweise das, was sie zu Hause, in ihrer Familie oder bei Freunden vergeblich suchen. Das mediale Expertentum der Heranwachsenden bezüglich Internet, TV, Film, Computerspiele etc. wird vonseiten der Eltern und Erzieher oft ignoriert oder misstrauisch zur 175 Ebd., S. 41. 176 Ebd., S. 41. 177 Zaremba 2010, S. 185. 127 Kenntnis genommen. Daher wählen Fanartists ihre eigenen, favorisierten Kulturgüter aus, die jenseits legitimer Kunst angesiedelt sind. Über die für sie persönlich bedeutungsvollen Werke führen sie intensive, kenntnisreiche Dialoge […].178 Ein erster Einblick in die Kommunikationsstrukturen im Topmodel-Forum wurde bereits in Kapitel 6.2 gegeben. Dass positive Kritik, Lob und Anerkennung die Zeichenaktivität der Userinnen beeinflussen, soll am Beispiel einiger Userinnen des deutschen und französischen Topmodel-Forums deutlich gemacht werden. Die deutsche Userin Antoniia, die bereits im vorangegangen Kapitel mit einer Arbeit vorgestellt wurde, ist seit dem 22. Juli 2012 Mitglied im Topmodel-Forum. Seitdem hat sie 155 Zeichnungen hochgeladen. Ihre Motivation für das Zeichnen scheint nicht zuletzt durch die positive Resonanz verstärkt zu werden, die sie für ihre Produktionen erhält. Äußerungen wie „Wow echt hammmer!!! das sieht soooooo tolll und hübsch aus!!!!!! Wow echt hammmmmmmmer ich wünschte ich könnte auch so malen!!!!!!!!!“ oder „und schon wieder habe ich ein naturtalent gefunden“ schmeicheln der Zeichnerin zweifelsohne, schließlich kommen sie von ‚Topmodel-Expertinnen‘. „[Hierin] zeigt sich der Stellenwert vom öffentlichen sozialen Austausch unter Fanartists: Bekommt ein Werk viele (gute) Kommentare und Bewertungen, ist das eine positive öffentliche Sanktion, für die es sich ‚lohnt‘, ebenfalls Zeit und Aufwand zu investieren“.179 Eine ähnliche Wirkung scheint auch auf die zeichnerische Aktivität von Dannylynn zuzutreffen (Mitglied des deutschen Topmodel-Forums seit dem 27. Juli 2012, 95 veröffentliche Zeichnungen). Ihre Exponate sind mit denen von Antoniia im Hinblick auf Technik und Ausarbeitung vergleichbar. Beide achten auf eine sehr präzise und saubere Arbeitsweise, ihre Designs sind hip und kommen bei den Mädchen gut an. Entsprechend positiv sind auch die 178 Ebd., S. 185. 179 Ebd., S. 182. Abb. 29Abb. 28 128 Reaktionen. Angel99 findet, „besser hätte man das nicht malen können“ und auch PiaLotti ist überwältigt: „das ist wünderschön geworden!!!! Danke für die tolle Wittmung!“. Wer sich auf Wettbewerbe innerhalb der Topmodel-Community einlässt, kann auf noch mehr Zuspruch, vor allem seitens der Wettbewerbsleiterin, hoffen.180 In dem Fall haben die Zeichnerinnen sowohl die Aufmerksamkeit ihrer Konkurrentinnen sicher als auch das Interesse der Userinnen, die nicht am Wettbewerb teilnehmen, sich aber dennoch zu den Produktionen äußern. Für ihre Zeichnung, die im Rahmen des Wettbewerbs von YumiLyoko entstanden ist (Abb. 28), erhält die französische Userin Demi-Aure 64 Bewertungen und durchschnittlich acht étoiles. YumiLyoko lobt: „Bravo , elle est vraiment magnifique !:) Il suffit juste d’attendre les résultats maintenant !;)“ (übersetzt: Klasse, sie ist wirklich wunderschön. Jetzt gilt es nur noch, die Ergebnisse abzuwarten.). Auch die anderen Userinnen verleihen ihrer Begeisterung Ausdruck („Il n’y a pas de mot pour ça c’est juste trop beau“, übersetzt: Dafür gibt es keine Worte. Das ist einfach zu schön.; ebenso wie „sublim tu dois être styliste“, übersetzt: überwältigend. Du musst eine Designerin sein.). Die Teilnahme an einem Wettbewerb zum Thema ‚Rettet den Regenwald‘ von Tappy-Star (Abb. 29) beschert der deutschen Userin Gogolino ähnlich viel Lob. Tappy-Star selbst findet „besonders die Haut und die Kleidung“ gelungen. Diese Zeichnung ist eine der wenigen, bei der nicht nur die Topmodel-Figur, sondern auch der Hintergrund ausgearbeitet wurde. Dies wird von einer Userin besonders gelobt („Ich finde es toll das du den hintergrund gemacht hast“). Dass die Gestaltung eines Hintergrundes besonders lobend hervorgehoben wird, und das nicht nur in dieser Zeichnung, lässt im Übrigen eine grundlegende Wandlung mit Blick auf die Gestaltung der Bildfläche in Zeichnungen Heranwachsender erahnen, die in Kapitel 5 anhand konkreter Bildbeispiele analysiert werden wird. Die Beispiele für Lob und Anerkennung als Motivation bildnerischen Schaffens sind endlos. Ein Blick ins Topmodel-Forum verrät, dass der Ursprung für die hohe Zeichenmotivation tatsächlich erst in der Veröffentlichung der eigenen Werke liegt. Wenn ihr viel positives Feedback folgt, ist das ein Grund mehr, sich anzustrengen und die Figuren in teils stundenlanger Arbeit zur Perfektion zu bringen. Darin spiegelt sich ein Phänomen wider, wie es zunächst nicht ungewöhnlich ist. Es ist längst bekannt, dass die Quantität der ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen unter anderem auch davon abhängt, wie sehr ihre Arbeiten von ihrem Umfeld geschätzt werden. Ein ganz wesentlicher Unterschied zu dem eigentlich altbekannten Phänomen ist jedoch, dass sich die Räume, in denen man nach Lob und Anerkennung sucht, längst aus dem familiären Umfeld gelöst haben und in virtuelle Lebenswelten verlagert wurden. Es sind nicht mehr Eltern, Tanten oder Onkel, denen Zeichnungen gewidmet werden, sondern Mädchen, die sich FashionLoveLife, Bella7xx oder Siley nennen. 180 Vgl. ebd. 129 6.4 Sehnsucht, Traum und Paradies – Die Schaffung einer Gegenwelt Die Konstruktion von Welt, wie sie in der Topmodel-Community stattfindet, ist insofern kritisch zu betrachten, als sie gleichzeitig zu einer Konstruktion von Wirklichkeit beiträgt, die ihre Mitglieder glauben lässt, die Topmodel-Welt sei die einzig wahre und erstrebenswerte. Manch eine/r mag diese Hypothese übertrieben finden. Dass Kinder und Jugendliche häufig dazu neigen, sich in unterschiedlichsten Kontexten und Situationen eine eigene Welt zu schaffen (das Zeichnen stellt hier keine Ausnahme dar), ist zunächst einmal nichts Beunruhigendes, es stellt im Gegenteil einen wesentlichen Beitrag zur Konstruktion ihrer eigenen Lebenswirklichkeit dar. „Die mediale Lust an der Magie führt zur Aufhebung der starren naturwissenschaftlichen Alltagswelt und schafft Räume für Kinder, die intermediär wieder Innen- und Außenwelten fantasievoll zusammenführen und zu einer Remythologisierung der Lebenswelt führen.“181 Trotzdem müssen diese Traumwelten, die gleichzeitig die Funktion von Gegenwelten übernehmen, differenziert betrachtet werden. Es soll nicht der Eindruck entstehen, Internetforen hätten eine grundsätzlich gefährdende Wirkung auf Kinder- und Jugendliche und beeinflussten die Lebenswelt ihrer Mitglieder ausnahmslos negativ. Dieses Kapitel soll lediglich den Blick für die durch die Foren erschaffenen Gegenwelten schärfen, und kritisch hinterfragen, welche Bedeutung diesen Gegenwelten zukommt und inwiefern sie auf die Lebenswirklichkeit der Mädchen Einfluss nehmen. Wie ästhetische Sozialisation im Topmodel-Forum funktioniert, wurde in den vorangegangenen Kapiteln bereits vorgestellt. Außerdem ist deutlich geworden, welche möglichen Auswirkungen die ‚Topmodel-Ästhetik‘ auf das Körperempfinden, das Verständnis von Weiblichkeit und auf die Wahrnehmung geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen von Mädchen haben kann. Eine ganz wesentliche Botschaft, die nicht nur die Topmodel-Community, sondern Medien allgemein vermitteln, ist, dass Erfolg an Schönheit gekoppelt ist. Wer schön ist, „[erlebt] eher romantische Beziehungen […], [wird] moralisch besser bewertet und am Ende eher belohnt“.182 Dieses Bild wird im Topmodel-Forum in vielerlei Hinsicht verbreitet. Diskussionsforen mit Titeln wie „Cellulite-Kampf“ (Frz.: Combattre la cellulite), „Sieben Tage Fitnessplan“ (Frz.: Sport) oder „Iss dich schick“ (Frz.: Alimentation) vermitteln den Mädchen (bereits ab einem Alter von acht Jahren!) das Gefühl, ihr einziges Lebensziel sei es, schön zu sein.183 Die Werteerziehung, die diesen Botschaften zugrunde liegt, kann verheerende Folgen haben. Darüber vergessen Mädchen, was wirklich wichtig ist in ihrem Leben, was sie wirklich glücklich macht. Solche und ähnliche Bilder bewirken genau das Gegenteil und können vor allem bei adoleszenten Mädchen in Unzufriedenheit mit sich, dem eigenen Körper und folglich in Essstörungen münden.184 Das Topmodel-Forum schafft für Mädchen eine Welt, in der scheinbar alles möglich, alles erreichbar ist. 181 Fuhs 2014, S. 69. 182 Schemer 2006, S. 12 f. 183 Vgl. Dangendorf 2012. 184 Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass allgemein von multifaktoralen Einflüssen ausgegangen wird, die für Essstörungen verantwortlich sind. Der mediale Einfluss ist demnach nur ein Faktor von vielen. 130 Das Zeichnen spielt bei der Konstruktion dieser Gegenwelt eine wesentliche Rolle. Die Malvorlagen, Stifte, alle Produkte der Kreativserie, die die Mädchen zum Zeichnen benutzen, sind Teil dieser pinkifizierten Welt. Farben, Glitzersteinchen, Rüschchen, Schleifchen – alles erinnert an ein Märchen. Das Zeichnen in Form von Reproduktionen immer gleicher Motive kann als eine „Form des Wünschens“185 verstanden werden, als eine Art Magie, die es den Mädchen ermöglicht, die ersehnte und gewünschte Figur ‚in ihr Zimmer zu holen‘.186 Die Zeichnungen, die entstehen, fügen sich perfekt in das Bild einer zauberhaften Topmodel-Welt. Alles wird in einen Glanz getaucht, präsentiert sich wie durch eine rosa-rote Brille. In dieser Welt müssen sie nicht endlose Diskussionen mit Eltern führen, keine Streitereien mit Freundinnen ausstehen, sich nicht über Lehrerinnen und Lehrer ärgern, nicht mühsam lernen und Hausaufgaben machen. In der Topmodel-Welt ist das alles nicht wichtig. Sie ist ein Ort, an dem sie sich (translokal) in eine imaginierte Gemeinschaft eingebunden fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können. Im Internet tauschen sie sich nicht nur mit Menschen aus, die – oftmals im Gegensatz zu engen Familienangehörigen und Freunden – ihre Begeisterung und Vorliebe für spezifische Interessen und Leidenschaften […] teilen, der Ort ermöglicht ihnen außerdem auch die Produktion und Distribution kreativer Fantexte. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Anerkennung unter Gleichgesinnten.187 Die Mädchen können den ganzen Tag damit verbringen, Kleidung zu entwerfen, neue Trends ‚abzuchecken‘, ihr fiktives Model zu schminken, es von Berlin nach London oder New York zum Shoppen zu begleiten, Freundschaften per Mausklick zu schließen oder sich mit den neu gewonnen Freundinnen über Mode, Styling und Make-up auszutauschen. Alles erscheint so einfach, zwanglos. Nichts muss, alles kann. Ein trügerisches Gefühl. Nichts von alledem erinnert an die Welt, die die Mädchen außerhalb der Topmodel-Community umgibt. Dass sie sich eine Welt suchen, in der sie sich angenommen fühlen, in der ihre Träume realisierbar erscheinen, ist nicht verwunderlich und sollte nicht verurteilt werden. Was sie nicht ahnen: Diese scheinbar zauberhafte Märchenwelt ist in Wahrheit nur eine Illusion, die von Marketingstrategen geschaffen wurde. Ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Konstrukt, das unter dem Deckmantel des Guten, Wahren und Schönen die enorme Manipulation kindlicher Normen und Werte zu verschleiern versucht. Während Tillmann von einem Möglichkeitsraum spricht, „in dem Mädchen und junge Frauen ihre weibliche Identität selbstbestimmt konstruieren können“188, muss dieser Gedanke mit Blick auf das Topmodel-Forum doch besonders kritisch hinterfragt werden. Besonders gefährlich erscheint das von der Topmodel-Community vermittelte Schönheitsideal. Es hat nichts mit der Realität der Mädchen zu tun. Welches Mädchen sieht aus wie die dünnen, langbeinigen Lolitas aus der Topmodel-Welt? Welchen Preis müssten sie in Wahrheit zahlen, um so aussehen zu können? Da die Topmodel-Welt in unterschiedlichster Form wie 185 Ströter-Bender 2010, S. 247. 186 Vgl. ebd. 187 Tillmann, Angela: Girls_Spaces: Mädchen-Szenen und Mädchen-Räume im Internet. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Jugendkulturen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010. S. 245. 188 Ebd., S. 246. 131 selbstverständlich in den Alltag der Mädchen hineinwirkt, kann davon ausgegangen werden, dass die darin vermittelten Normen und Werte in die Denk- und Verhaltensweisen der Mädchen übernommen werden. Hier unterscheidet sich der Einfluss der Kreativserie nicht von dem anderer Medien, die in die Lebenswelt der Heranwachsenden eingreifen. Es liegt die Vermutung nahe, dass Realität und Fiktion einander begünstigen. Die Bilder und Vorstellungen von weiblicher Identität, die im Topmodel-Forum vermittelt werden, werden möglicherweise auch deswegen so widerstandslos und unkritisch angenommen, da sie sich von den Rollenzuschreibungen, die in der Gesellschaft und damit in der Lebenswirklichkeit der Mädchen existieren, nicht sonderlich unterscheiden. Die Gegenwelt, in der ihre Sehnsüchte und Träume nicht auf Sanktion, sondern im Gegenteil auf Zuspruch und Verständnis stoßen, ist eigentlich kaum mehr von der Lebenswirklichkeit zu unterscheiden. Aber im Gegenteil zur Realität schafft sie es, sie glanzvoller zu verpacken. 6.5 Der verlorene Raum Die Darstellung von Raum gehört in der Kinderzeichnungsforschung zu einem bedeutenden Forschungsgegenstand. In den großen Werken zur Entwicklung der Kinderzeichnung sowie ihrer Analyse gilt der Raum bzw. die Entstehung von Raum als ein aufschlussreiches Merkmal zur Bestimmung der bildnerischen Ontogenese eines Kindes. Wie wird Raum als solcher vom Kind begriffen? Wie wird er dargestellt? Welche Bedeutung hat die An- bzw. Abwesenheit von Raum? An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass in diesem Kapitel die Darstellung von Raum, nicht aber die räumliche Darstellung Gegenstand der Diskussion ist. Aus Sicht des Kindes kommt dem Raum anfänglich eine weitaus weniger hohe Bedeutung zu. Weil der Raum für das Kind selbstverständlich da ist, kommt er anfangs als Problem überhaupt nicht vor. Zur Orientierung in der Welt ist vorab die vereinzelnde Herauslösung der Gegenstände aus dem Raumchaos vordringlich. Räumliche Gegebenheiten treten vorerst nur als gegenständliche Raumgrenzen wie Boden, Teppich, Wände, Wege usw. auf. […] Das liegende Blatt des Zeichners ist die eingegrenzte Bodenfläche auf demselben Boden […], auf den sich das Kind selbst begibt und bewegt, einem Spielteppich ähnlich, auf dem es seine Autos hin und her schiebt oder das Püppchen spazierenführt.189 Der Raum in der Kinderzeichnung ist wie eine Art Bühne, auf der Dinge geschehen – und wird dadurch per se sinnstiftender Teil der Geschichte, die eine Kinderzeichnung zu erzählen vermag. Die Gestaltung des Raumes, d. h. die Nutzung der Bildfläche, sorgt für eine konkrete Verortung der Figuren im Bild, setzt sie in einen sinnstiftenden Kontext und verschafft ihnen damit eine feste Position, sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes ‚Boden unter den Füßen‘. „Die Raumprobleme ergeben sich erst später, wenn auch ferne, nicht mehr mit den Händen erreichbare Weltgegenstände dargestellt werden.“190 An anderer Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Diskussion um Raum in Topmodel-Zeichnungen weniger aufgrund seiner An- als vielmehr aufgrund seiner Abwesenheit 189 Schrader, Walter: Die sinnerfüllte Kinderzeichnung von innen begriffen. Hohengehren: Schneider, 2000. S. 288. 190 Schrader 2000, S. 288. 132 unbedingt geführt werden muss. Auf Grundlage dieser Überlegungen darf der (verlorene) Raum folglich nicht nur als formales Merkmal einer Zeichnung verstanden werden, sondern muss unter Berücksichtigung kunstpädagogischer und gesellschaftspolitischer Fragestellungen im Sinne einer Psychologie des Raumes begriffen und analysiert werden. Konkrete Antworten auf die Frage nach dem verlorenen Raum wird dieses Kapitel nicht geben. Betrachtet man Topmodel-Zeichnungen, angefertigt von Mädchen meist zwischen acht und 15 Jahren, so fällt neben der Tatsache, dass sich die eine kaum von der anderen unterscheiden lässt, eine weitere Gemeinsamkeit auf: Die Bildfläche ist meist Bühne für nur eine einzige Bildfigur. Das Model in der Bildmitte ist umgeben von einer weißen, meist unberührten Fläche, die, ist das Model ausgemalt, ungefähr drei Viertel der Gesamtfläche ausmacht. Eine Fläche, die geradezu danach schreit, gestaltet zu werden. Doch in der Topmodel-Community gilt: Ist die Topmodel-Vorlage ausgemalt, ist die Zeichnung fertig. So schweben lauter zarte Topmodels in luftleeren Räumen. Was könnte dort alles entstehen? Welche Bildszenen könnten sich um die Figur spinnen? Welche Geschichten könnten dadurch erzählt werden? Zugegebenermaßen fügen sich diese starren Figuren nur schwer in ein aus der Fantasie eines Kindes entsprungenes Bildmotiv. Die unnatürliche Körperhaltung – vorangestelltes Bein, leicht ausgestreckte Arme, ein geneigter Kopf – wirkt in jeder kindlichen Szenerie unpassend. Ist das Motiv des Models folglich das Problem? Erlauben es die Topmodel-Malbücher nicht, eine komplette Bildfläche zu gestalten? Ist dies gar nicht gewünscht? Es scheint, als zielten diese Fragen auf einen der Hauptgründe ab, der für den Verlust von Raum in der Topmodel-Zeichnung verantwortlich zu sein scheint. Der historische Vergleich der Mädchenzeichnungen hat erste Hinweise darauf gegeben, dass die Modezeichnung per se nicht dazu prädestiniert zu sein scheint, die Aufmerksamkeit vom ursprünglichen Bildobjekt zu lösen und den umliegenden Bildraum zu gestalten. Vorbilder wie Modekataloge oder –zeitschriften scheinen bei der Übernahme dieses Musters eine nicht zu unterschätzende Rolle zu spielen, wie auch die Zeichnerin Anna (vgl. Kapitel 3.2) im Nachhinein bestätigt. Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass es unumstritten charakteristischer Teil der ästhetischen Sozialisation in der Topmodel-Welt ist, sich auf das vermeintlich Wesentliche zu konzentrieren, das Model in seiner Schönheit und Vollkommenheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Das allein erscheint wichtig, nichts Anderes zählt. Die Wertschätzung der Topmodel-Zeichnungen erfolgt durch andere Kriterien (vgl. Kapitel 6.3). Die Ausgestaltung des Hintergrundes gehört nicht (zwangsläufig) dazu. Die stichprobenartige Auswertung der Pinnwandeinträge im Topmodel-Forum hat ergeben, dass negative Kritik niemals an das Fehlen eines Hintergrundes geknüpft ist. In die Kritik genommen werden Merkmale wie Farbauftrag, Ideenreichtum und Art der Kleidung, die eine Zeichnerin für ihre Bildfigur auswählt. Völlig ausreichend erscheint in der Bewertung der Zeichnungen durch die Zeichnerinnen selbst, aber auch durch andere Userinnen im Forum die Kolorierung des Hintergrundes in einer Farbe – bei Arbeiten, die mithilfe digitaler Bildbearbeitungsprogramme entstanden sind, sind Hintergründe mit Lichtreflexen oder Glitzereffekten besonders 133 beliebt. Ein Blick auf die Malvorlagen der Topmodel-Malbücher verrät, warum die Mädchen Gefallen an dieser Art der Hintergrundgestaltung finden. Außerdem, und hier wird ein weiterer möglicher Grund für das Fehlen des Hintergrundes sichtbar, fehlt den Mädchen nicht selten die Geduld, um nach der zeitintensiven Gestaltung der Topmodel-Figur die übrige Bildfläche zu füllen. Diese Annahme verstärkt sich mit Blick auf die Interviews, die im Rahmen dieser Forschung geführt wurden. Einzelnachweise werden in Kapitel 8 gegeben. Die schwindende Ausdauer bringt auch Wiegelmann-Bals in ihren Forschungsergebnissen zum historischen Vergleich von Kinderzeichnungen als einen Grund für weniger komplexe und differenzierte Bildkompositionen an.191 Aus der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Untersuchung geht außerdem hervor, dass das Zeichen/Malen häufig eine Aktivität ‚zwischen Tür und Angel‘ ist, eine Beschäftigung zwischen Schule und Tanzunterricht oder anderen, termingebundenen Hobbys. Das Zeichen/ Malen selbst wird von den Mädchen selten bis gar nicht als Hobby bezeichnet. Damit wird auch seine Bedeutung im Alltag der Mädchen deutlich. Wenn es also nicht als vollfertige Freizeitbeschäftigung angesehen wird, erscheint die Tatsache, dass Ausdauer und Geduld fehlen, auch eine Frage der Hierarchisierung zu sein. Ist das Zeichnen/Malen es nicht wert, dass man sich eingehend damit beschäftigt? Ist die Ausbildung künstlerischer Fertigkeiten wie dieser weniger wichtig als die Ausübung eines Sports oder das Erlernen eines Instruments? Fragen, die nicht zuletzt auch mit Blick auf die künstlerische Ausbildung in der Schule und ihre Wertschätzung im schulischen System wesentlich erscheinen. In Kapitel 8 werden diese Fragen noch einmal aufgegriffen und diskutiert. (Fehlende) Ausdauer und Zeit(-mangel) scheinen eng miteinander verknüpft. Überorganisierte Wochentage lassen den Mädchen kaum noch die Möglichkeit, sich einer Aktivität mit Ruhe und Muße zu widmen. Sie sind ständig in Bewegung, ständig unter Druck, verweilen nur selten für längere Zeit am Tag an einem Ort. Zeit, sich mit einem Blatt Papier und Stiften hinzusetzen und sich einem Motiv in aller Ruhe zu widmen, bleibt da nur selten. Das beinah dauerhafte ‚In-Aktion-sein‘ sorgt für eine Rastlosigkeit, die einer entschleunigten Beschäftigung wie dem Zeichnen oder Malen entgegensteht. Nicht zu unterschätzen ist sicherlich auch die Tatsache, dass die Gestaltung des Hintergrundes eine Loslösung von der Malvorlage und eine eigenständige Ausformulierung der Bildfläche bedeuten würde. Sich aus dieser Sicherheitszone herauszuwagen und eigene, nicht vorgegebene Ideen zu entwickeln und umzusetzen, erscheint für viele Mädchen unmöglich. Ihre Begeisterung für die Topmodel-Malbücher rührt schließlich nicht zuletzt daher, dass weder die eigene Kreativität noch besonderes zeichnerisches Können gefordert ist, da dank zahlreicher Malvorlagen und diverser Hilfsmittel alles ‚Notwendige‘ vorhanden ist. Die Sorge, das Bild durch eigene Motive zu ‚stören‘ – schließlich ist nichts so schön, nichts so vollkommen wie die Vorlage – steht bei vielen Mädchen über dem Wunsch, dem Bild eine eigene Handschrift zu verleihen. So entstehen lauter halbfertige Bilder. Sie sind Spiegelbilder einer Generation, die ‚müde‘ ist, die über den Mangel eigener Ideen klagt, deren Ungeduld mit sich selbst so viel Wert- 191 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 134 volles verhindert; eine Generation, die trotz oder gerade wegen des Überangebots an Freizeitaktivitäten so leer ist, ja, verloren. Die Folgen sind sowohl aus gesellschaftspolitischer als auch aus kunstpädagogischer Sicht dramatisch. Sie beziehen sich längst nicht mehr nur auf die Bildfläche. Es ist ein Verlust, der schwerer wiegt. Auf welche Weise ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community funktioniert, wurde bereits an anderer Stelle in diesem Kapitel herausgestellt. Der Ermutigung zu Zeichnungen, die keine andere Absicht verfolgen als die, die Schönheit einer weiblichen Bildfigur in den Vordergrund zu stellen, wohnt eine Botschaft inne, die nicht nur auf die ästhetische, sondern auf die Sozialisation einer ganzen Generation von Mädchen insgesamt Einfluss nimmt. Die Zeichnungen sind Spiegelbild einer heranwachsenden Generation von Mädchen, deren Hauptaufgabe im Leben darin bestehen soll, schön, erfolgreich und beliebt zu sein.192 Nichts Anderes zählt. Es ist zu erahnen, was für eine Art Generation dabei heranwächst. Das Model im leeren Bildraum zeichnet das Bild einer Generation, die, wenn sie eines Tages die Entwicklung nicht erkennt und aufzuhalten versucht, in die Falle einer Gesellschaft tappt, die unter dem Deckmantel der Toleranz und Unabhängigkeit zu Egoismus und schließlich zur Vereinsamung führen (vgl. Kapitel 3.4). Es ist von einer Generation die Rede, in der das ‚Ich‘ an erster Stelle steht, die, ergriffen von sich selbst, den Wert des ‚Wir‘ nicht mehr zu schätzen weiß. Die Folgen, die sich mit Blick auf die Kunstpädagogik ergeben, führen zurück zum Bild selbst und lassen vermuten, dass mangelnde Ausdauer und Bereitschaft, sich einer Sache mit Hingabe zu widmen, zu bildnerischen Produktionen führen, die frei von kindlicher Lebensfreude und Ideenreichtum sind, die nichts als gähnende Leere in sich tragen. Ist die Umwelt des Kindes nicht mehr Anregung genug, als dass sie in kreative Prozesse eingebunden und mit eigenen Ideen und Fantasien verknüpft werden könnte? Angebote wie die des ‚Creative Studio by Depesche‘ tragen zu einem Kunstverständnis bei, das, ebenso wie die Rollenstereotype, die es verbreitet, überholt erscheint. Die Kreativserie greift mit diesem antiquierten Kunstverständnis, das Begriffen wie Schönheit und Sorgfalt folgt, so früh in die ästhetische Sozialisation der Mädchen, dass Institutionen wie Kindergarten und Schule umso engagierter um die Etablierung alternativer Sehweisen kämpfen müssen. Es sollte um die Etablierung eines Kunstbegriffes gehen, der den Ideen und der Kreativität des Kindes ausreichend Raum gibt, der den kindlichen Ausdruck stärkt und die individuelle Handschrift eines jeden Kindes wertschätzt. Kunst sollte dazu da sein, sich ausdrücken zu können, frei von Reglementierungen, die die Individualität eines Kindes untergraben und ihm den Mut nehmen, beherzt zu Stift und Papier zu greifen, weil die Angst besteht, es könne etwas ‚falsch‘ machen. Ein Richtig oder Falsch kann es nicht geben. Sobald einer der beiden Begriffe in der Kommunikation über Kunst fällt, erhält der andere automatisch seine Legitimation. Sich dagegen zu wehren und Kinder in ihrer Vielseitigkeit zu stärken, ihnen bewusst zu machen, dass alles, was sie aus eigener Hand schaffen, wertvoll ist, sollte daher oberstes Ziel des Kunstunterrichts sein. 192 Vgl. Labre; Walsh 2003. 135 7. Produktionsmethoden und Kommunikationsstrukturen in der Topmodel-Community am Beispiel dreier Userinnen Im Folgenden sollen die bislang allgemein erläuterten ästhetischen Produktionen im Topmodel-Forum am Beispiel dreier Userinnen analysiert werden. Anhand bildnerischer Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline, alle drei Mitglieder des deutschen Fanforums, wird es schwerpunktartig darum gehen, ästhetische Sozialisation im Topmodel-Forum deutlich zu machen, wesentliche Phänomene herauszuarbeiten und diese in Bezug zu den vorherrschenden Kommunikationsstrukturen im Portal zu setzen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen Bildkomposition, Raumorganisation und Farbkonzept der Zeichnungen. Auch Wiegelmann-Bals stützte die vergleichende Analyse der Kinderzeichnungen im historischen Kontext schwerpunktartig auf diese drei Aspekte.193 Die Bezugnahme auf die Beobachtungen von Wiegelmann-Bals ermöglicht eine interessante Vergleichsmöglichkeit, die bereits bekannte Erkenntnisse stützen, aber ebenso neue Phänomene herausstellen wird. Außerdem wird es darum gehen, mögliche Einflüsse der Topmodel-Community auf ihre Mitglieder und ihr Verständnis von Weiblichkeit herauszufiltern und diese in Beziehung zu den dargestellten Motiven zu setzen. Da für die Untersuchung der Zeichnungen keine Gespräche während oder nach dem Zeichenprozess mit den Akteurinnen geführt wurden, sollten die folgenden Überlegungen unbedingt als subjektive Beobachtungen und Interpretationsversuche der Verfasserin dieser Arbeit verstanden werden. Außerdem muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die persönlichen Angaben der Userinnen zu ihrer Person, insbesondere ihr Alter betreffend, nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen. Die Userinnen sind nicht verpflichtet, bei Anmeldung einen Identifikationsnachweis vorzuweisen. 7.1 Bildnerische Produktionen von Siley Die Topmodel-Userin Siley ist laut den Angaben in ihrem Steckbrief seit dem 2. Juli 2012 Mitglied der Topmodel-Community. Sie ist 13 Jahre alt und besucht ein Gymnasium. In ihrem Steckbrief wendet sich Siley an die Userinnen im Forum und berichtet von ihren aktuellen ästhetisch-produktiven Projekten, die über die Kreativserie Topmodel hinausgehen. Unter ‚wichtige Infos‘ weist sie darauf hin, dass sie in der Regel keine Widmungen anfertigt, nichts schenkt, nicht auf alle Nachrichten antworten kann, die sie erreichen, und bedankt sich abschließend bei allen Mitgliedern für Bewertungen und Kommentare ihrer Designs. Unter verschiedenen Decknamen ist sie auf Internetseiten wie goSupermodel (www.gosupermodel. com), VirtualPopstar (www.virtualpopstar.com) und Twitter zu finden. Siley hat insgesamt 35 Zeichnungen hochgeladen. Diese fertigt sie eigenen Angaben zufolge mit Buntstiften, Polychromos, Copics, Promarkern und dem digitalen Bildbearbeitungsprogramm Gimp2.8 an. Ihre Entwürfe erhalten im Durchschnitt neun Glitzersterne. 193 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 136 7.1.1 Bildbeschreibung „Fairy Love“ Die vorliegende Zeichnung trägt den Titel „Fairy Love“ (Abb. 30) und wurde von Siley im Juli 2012 im Topmodel-Forum veröffentlicht. Im Titel wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine Widmung für die Userin Livedrive handelt. Abb. 30 Die Zeichnung präsentiert sich im Hochformat. Genaue Angaben zum Bildformat gibt es keine. Bei der Arbeit handelt es sich um eine Kombination aus einer Zeichnung mit Copic-Markern und dem digitalen Bildbearbeitungsprogramm Gimp2.8, also eine sekundär-digitale Produktion. Die Zeichnung zeigt eine weibliche Figur, die sich dem Betrachter frontal zuwendet. Die Größe der Figur entspricht ungefähr der Länge des Hochformats. Sie befindet sich mittig im Bild, die Flügel links und rechts am Rücken füllen ca. zwei Drittel der oberen Bildfläche. Sie gehen über den Kopf der Figur hinaus und enden unten auf Knöchelhöhe. Der linke Flügel geht, im Gegensatz zum rechten, über die Bildfläche hinaus, wird also im oberen Teil angeschnitten. Die Figur trägt langes Haar, Handschuhe, die weit über die Armbeuge reichen, ein rüschenverziertes Kleid mit einem Umhang, der um die Taille gebunden ist, und hohe, mit floralen Elementen verzierte Schuhe. Besonders prägnant erscheinen die dunklen Augen, mit denen die Figur den Betrachter direkt anblickt. Die Arme wenden sich in einem Winkel von ungefähr 40 Grad vom Oberkörper ab. Die gespreizten Finger beider Hände zeigen auf einen unsichtbaren Punkt außerhalb der Bildfläche. Das rechte Bein steht vor dem linken Bein, die Ferse des rechten Fußes berührt dadurch die Zehenspitzen des linken Fußes. Um die Waden schlingen sich die mit Blumen verzierten Schnürbänder der Schuhe. Der Hintergrund ist weiß und nicht ausgearbeitet. In der unteren linken Bildecke befindet sich die Signatur der Zeichnerin („Siley Arts“), in der rechten unteren Ecke ein geschwungenes Herz. 137 7.1.2 Bildanalyse „Fairy Love“ Die weibliche Figur in der Bildmitte dominiert als zentraler Gegenstand die Bildfläche. Dadurch gestaltet sich die Bildkomposition äußerst einfach. Die Figur steht, wie bei den Topmodel-Zeichnungen üblich, im Mittelpunkt. Ihr gehört die volle Aufmerksamkeit des Betrachters. Ihre zierliche Erscheinung erhält durch die aufwändige Schmückung in Form von rüschiger Kleidung, wallenden Stoffen und überdimensional großen Flügeln eine raumgreifende Wirkung. Unterstützt wird diese Wirkung durch das Gefühl, von der Figur gehe eine im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Aura aus (s. Titel), die ihre ohnehin schon enorme Dominanz auf der Bildfläche verstärkt. Der insgesamt sehr einfach angelegten Bildkomposition steht jedoch die sehr detaillierte Ausarbeitung der Figur gegenüber. Die Darstellung der Flügel sowie die Zusammenstellung der Kleidung lassen auf eine äußerst gewissenhafte Ausarbeitung schließen, die viel Mühe und Zeit fordert. Die Raumorganisation des Bildes misst sich im Wesentlichen an der Flächentiefe, die ein Bild transportiert. Bei der vorliegenden Arbeit erweist sich die Gestaltung von Flächentiefe insofern als schwierig, als die Beschränkung auf einen einzelnen Bildgegenstand keine Beziehung zu anderen Bildobjekten ermöglicht und damit ein wesentlicher Anhaltspunkt zur Bestimmung von Flächentiefe fehlt. Ebenso hilfreich könnte die Ausgestaltung des Hintergrundes für diese Bestimmung sein. In der vorliegenden Zeichnung ist auch dieser nicht vorhanden. Über mögliche Gründe für das Fehlen des Hintergrundes wird an anderer Stelle genauer diskutiert werden. Dadurch wirkt die Zeichnung insgesamt sehr plakativ. Der zauber- und märchenhafte Charakter des Bildes wird neben dem Titel „Fairy Love“ nicht zuletzt durch die Farbgebung unterstützt. Der Simultankontrast der Farben Rosa, Pink, Violett und Hellblau verleiht dem Bild eine harmonische Wirkung. Lediglich das lange Haar besticht durch ein kräftiges Orange-Rost und lenkt den Blick unmittelbar auf das Gesicht der Figur, aus dem dunkle, schwarze Augen den Betrachter direkt anblicken. Die Harmonie der Farbwahl wird durch die sanften Farbübergange verstärkt. Mithilfe von Copic Markern ist es der Zeichnerin gelungen, den Duktus zu verschleiern und stattdessen sanfte Farbverläufe zu schaffen, die kaum noch erkennen lassen, dass es sich um eine handgefertigte Zeichnung handelt. Besondere Beachtung verdient außerdem die Kolorierung der Haut. Sie fügt sich besonders harmonisch in das Farbspiel der leichten Pastelltöne. Es ist ein zarter, ebenmäßiger Teint, der wohl am ehesten mit dem Farbton Pfirsichblüt nach Rudolf Steiner beschrieben werden kann. „[…] das Pfirsichblüt haben Sie eigentlich nur […] beim ganz gesunden, gesund beseelten Menschen […]“.194 In Kombination mit zartem Rosa und kräftigem Pink wirkt die pfirsichfarbene Haut frisch und vital. Der Simultankontrast sorgt für ein harmonisches Farbspiel. Die Zeichnung enthält insgesamt weder farblich noch kompositorisch störende Elemente. Sie präsentiert sich in der gewohnt makellosen Topmodel-Ästhetik. 194 Steiner, Rudolf: Das Wesen der Farben. Dornach: Rudolf Steiner, 1980. S. 41. 138 Doch hinter dieser scheinbar perfekten Fassade verbirgt sich vieles, was erst auf den zweiten Blick erkennbar wird und im Zuge dieser Analyse unbedingt Beachtung finden sollte. Wirft man einen Blick auf die Körperhaltung der Figur, offenbart sich dem Betrachter eine deutlich weniger sichere Aura als zunächst angenommen. Die vom Körper gestreckten Arme scheinen den unsicheren Gang auf den sehr hohen Schuhen und die dadurch unnatürliche Haltung des Körpers ausbalancieren zu müssen. Der schüchterne Blick, den die Figur dem Betrachter zuwirft, unterstützt diesen Eindruck. Die dunklen, großen Augen sind ein typisches Merkmal der Topmodel-Ästhetik. In ihnen spiegelt sich das Kind, die Unschuld wider. Die scheinbare Erhabenheit der Figur, das Zauberhafte, das nicht zuletzt durch den Titel suggeriert wird, ist nur ein Teil dessen, was die Zeichnung auszumachen scheint. Der kritische Betrachter erkennt hier einmal mehr die ambivalente Wirkung der Topmodel-Darstellung. Einerseits besteht sie aus niedlichen, scheinbar harmlosen Elementen wie Rüschen, Herzen oder floralen Mustern, unterstützt durch Farben wie Zartrosa, Pink und Violett. Andererseits provoziert sie mit erotischen Elementen wie geschwungenen, schwarzen Wimpern, langem, wallenden Haar, tiefem Dekolleté, kurzem Rock, endlos langen Beinen und High Heels. Ein Bild von einem Mädchen, das eindeutiger nicht sein könnte. Für den Betrachter erscheint dies verwirrend, befremdlich. Es passt nicht in das Bild hinein, das der Betrachter von einem Mädchen hat. Die Pinkifizierung ist sicherlich nicht das, was ihn verwundert. Zu sehr ist dieses Phänomen längst in weibliche Lebenswelten integriert, zu sehr hat er sich an diesen Anblick gewöhnt. Aber der Schmollmund, der Busen oder der Rock, der gerade einmal den Po bedeckt? Gehört das auch noch oder vielmehr schon zum Mädchensein? Die Zeichnerin empfindet das offensichtlich so. Ihre ästhetischen Produktionen scheinen Spiegelbilder ihrer Sicht auf Weiblichkeit zu sein. Oder viel mehr noch das Bild von Weiblichkeit, das die Topmodel-Community an sie heranträgt. Das ambivalente Gefühl zwischen Akzeptanz und Ablehnung dieser Darstellungsweise lässt die Frage laut werden, ob es sich dabei um ein vom Betrachter produziertes oder durch die Zeichnerin bereits impliziertes Empfinden handelt. Über die widersprüchlichen Erwartungen, mit denen sich Mädchen in der Gesellschaft auseinandersetzen müssen, wurde bereits diskutiert. Demnach liegt die Vermutung nahe, dass dieser Widerspruch nicht zuletzt auch in ihren ästhetischen Produktionen zum Ausdruck kommt. Insbesondere das Phänomen der visuellen Sexualisierung spiegelt sich in bildnerischen Produktionen wie der vorliegenden wider. Der rosa-rote Schleier, der sich über die Zeichnung legt, wirkt insgesamt noch sehr kindlich, wird jedoch durch die erotisierende Darstellung des Körpers aufgehoben. Dangendorf formuliert das Phänomen wie folgt: Um jeden Preis soll der Eindruck vermieden werden, kindlich oder kindisch zu wirken. Die Mädchen möchten stattdessen als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Weil die Kindheit als Rückzugsmöglichkeit erhalten bleiben soll, wollen sie jedoch ebenso noch nicht wie Erwachsene wirken. Entsprechend bewegen sich die Mädchen mit ihren Vorstellungen, wie sie in ihrem Alter auszusehen haben, zwischen diesen beiden Polen. […] Denn auch wenn Kindheit für die Mädchen positiv besetzt ist, bedeutet Kindlichkeit das Gegenteil.195 195 Dangendorf 2012, S. 207. 139 Die Unsicherheit über die eigene Rolle in der Gesellschaft und die Sorgen und Ängste, die mit ihr verbunden sind, sind auch an anderer Stelle in der vorliegenden Zeichnung festzumachen. Ein mit dieser Problematik möglicherweise zusammenhängender Aspekt ist die fehlende Ausarbeitung des Hintergrundes. In der Diskussion um den ‚verlorenen Raum‘ ist bereits herausgestellt worden, dass es sich beim Fehlen des Hintergrundes in aktuellen Kinderzeichnungen um ein immer stärker verbreitetes Phänomen handelt. Diese Vermutung stützt sich unter anderem auch auf die in Kapitel 1 erläuterte Beobachtung von Wiegelmann-Bals, die Bildkomposition und die darin enthaltenen Elemente in heutigen Kinderzeichnungen seien insgesamt deutlich weniger differenziert ausgearbeitet.196 Mögliche Gründe hierfür wurden zu Beginn der Analyse bereits offen gelegt. In Frage gestellt wurde außerdem, ob sich der von Wiegelmann-Bals vermutete Mangel zeitlicher Ressourcen zur Ausbildung zeichnerischer Fertigkeiten auch mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen für dieses Phänomen verantwortlich gemacht werden kann. Die Mitglieder von Fanart-Foren wenden schließlich enorm viel Zeit für die Anfertigung ihrer bildnerischen Produktionen auf. Sie arbeiten oft stundenlang an einem Werk, bevor sie es der Öffentlichkeit zugänglich machen.197 Immerhin erwarten sie von den anderen Mitgliedern entsprechend gute Bewertungen und Anerkennung für ihre Mühe. Zu wenig ausdauerndes Arbeiten kann insbesondere Fanartists also nicht vorgeworfen werden. Hier scheint allerdings auch ein Unterschied ausgemacht werden zu können zwischen den Fanartists, die ihre bildnerischen Produktionen im Forum öffentlich machen, und denjenigen Mädchen, wie im Fall der interviewten Probandinnen, die ihre Zeichnungen ohne die Absicht, sie online stellen zu wollen, anfertigen. Diese Beobachtung wird im Verlauf der Arbeit genauer beleuchtet werden. In allen Zeichnungen, die im Zuge dieser Arbeit untersucht wurden, wird deutlich, dass die Topmodel-Figur immer im Zentrum des Bildes steht. In selteneren Fällen werden zwei oder mehrere Figuren auf einem Bild gezeichnet; auf einigen wenigen Zeichnungen hält ein Model einen kleinen Hund, als Accessoire, an der Leine. Die starke Konzentration auf das Model und seine in den meisten Fällen sehr präzise Darstellung legt die bereits an anderer Stelle formulierte Vermutung nahe, dass sich darin der hohe Stellenwert von Schönheit im Leben der Mädchen widerspiegelt. Die Figuren, die die Userinnen zeichnen, sind der Inbegriff von Schönheit. Ihre Haare, ihr Gesicht, ihre Figur und ihre Kleidung – alles scheint perfekt. So unwichtig wie der Hintergrund erscheint den Mädchen alles, was nicht mit Schönheit, Aussehen und Attraktivität zu tun hat. Eine Einstellung, die die Topmodel-Community zweifelsohne fördert, geradezu erzwingt. Der ausgearbeitete Hintergrund ist kein Muss für eine gute Bewertung. Begeistert sind die Userinnen ohnehin nur von den Topmodel-Darstellungen. Ob sich dahinter nun ein Haus, ein Baum oder ein ganzer Wald befindet, erscheint unwesentlich. Wichtiger sind ihnen die Ausarbeitung der Haare, der Faltenwurf am Kleid oder die Raffung der Kniestrümpfe. Die Userinnen des Topmodel-Forums, die diese Zeichnung bewerten, sind von der Erscheinung fasziniert und beeindruckt. Eine Topmodel-Figur in dieser Art löst bei den Userinnen Bewunderung aus („O M G wie süüüüüß“ oder „du willst bestimmt mal malerin werden“). Sie schauen nicht nur zur Zeichnerin auf, sondern auch zu der Figur, die sie geschaffen hat und 196 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 197 Vgl. Zaremba 2010. 140 die alles zu vereinen scheint, wonach sich die Mädchen, die Betrachterinnen und die Zeichnerinnen selbst, sehnen. Insgesamt repräsentiert „Fairy Love“ ein für das Topmodel-Forum sehr typisches Bild. Zum einen sind typische Topmodel-Merkmale wie große Augen mit langen Wimpern, lange Haare, ein betonter Schmollmund, eine schmale Hüfte und lange Beine erkennbar. Zum anderen vervollständigen das Outfit und die verwendeten Farben das in der Topmodel-Community allgemeingültige Bild von Attraktivität und Schönheit. So befremdlich die Darstellung des High Heels tragenden Mädchens für Außenstehende erscheinen mag, so selbstverständlich wird sie in der Topmodel-Community angenommen. 7.1.3 Bildbeschreibung „Galaxy“ Die Zeichnung „Galaxy“ (Abb. 31) wurde im Mai 2013 von der Userin Siley im Topmodel-Forum veröffentlicht. Die vorliegende Arbeit ist wieder eine sekundär-digitale Produktion: eine Kombination aus einer Zeichnung mit Copic Markern und dem digitalen Bildbearbeitungsprogramm Gimp2.8. Es handelt sich um ein Hochformat. Abb. 31 Im Mittelpunkt der Zeichnung befindet sich eine weibliche Figur, deren Kopf sich frontal zum Betrachter richtet. Ihre Größe entspricht ungefähr der Formatlänge. Während der Oberkörper ebenso wie der Kopf in frontaler Position zum Betrachterauge ausgerichtet und leicht nach hinten geneigt ist, stehen die Beine seitlich parallel zueinander. Der linke, mit floralen Mustern tätowierte Arm wendet sich in einem Winkel von ca. 10 Grad vom Oberkörper ab. Der rechte Arm ist nicht zu sehen. Das lange Haar, das die Hüfte umspielt, fällt wellenförmig über die rechte Schulter. Auf dem Kopf trägt die Figur eine Kopfbedeckung, deren Schirm in die linke obere Bildhälfte zeigt. Das rechte Auge wird teilweise vom Haar bedeckt. Die Figur trägt ein trägerloses Top mit kurzen Shorts, eine Strumpfhose mit seitlichem Netzeinsatz und hohe, geschlossene Schuhe. Ihr Dekolleté und ihr linker Arm sind mit auffälligen Schmuckstücken versehen. 141 Der Hintergrund des Bildes wurde mithilfe des digitalen Bildbearbeitungsprogramms Gimp2.8 gestaltet. Besonders auffällig sind die hellen Sprenkel, die sich über die Bildfläche verteilen und sich um die Figur herum zu einem hellen Lichtkranz vereinen. Die Signatur der Userin („Siley“) befindet sich aufgrund von Schriftgröße und Farbe deutlich erkennbar in der linken unteren Bildecke. 7.1.4 Bildanalyse „Galaxy“ Die Bildbeschreibung hat das zentrale Bildelement der Zeichnung, die weibliche Topmodel- Figur, bereits benannt. Sie befindet sich sowohl links als auch rechts im gleichen Abstand zum Bildrand. Ihre Körpergröße reicht vom oberen mittleren Bildrand zum unteren. Das Hauptaugenmerk des Betrachters liegt, da es sich um das einzige Bildelement handelt, auf ihr. Die Bildkomposition gestaltet sich entsprechend einseitig, das Auge des Betrachters wird durch keine weiteren Elemente vom zentralen Bildgegenstand abgelenkt. Kompositorisch weist die Zeichnung demnach einen für die ästhetischen Produktionen der Topmodel-Fanart typischen Aufbau auf. Die Raumorganisation gestaltet sich im Vergleich zur ersten analysierten Zeichnung von Siley etwas komplexer. Zwar kann auch hier nicht von einer Erzeugung von Flächentiefe durch Bezugnahme auf andere Bildelemente gesprochen werden. Die Ausarbeitung des Hintergrundes ermöglicht jedoch, die Bildfläche als Raum zu definieren. Erzeugt wird dieser Raum vor allem durch auffallende Farbeffekte. Die insgesamt sehr düstere Fläche im Hintergrund in Schwarz, Dunkelblau und Violett wird durch prägnante, deutlich hellere Sprenkel gebrochen. Das Farbspektrum erweitert sich dadurch auf eine Kombination aus deutlich hellerem Violett, einem auffallenden Magenta in der linken Bildhälfte und einigen Türkisanteilen in der rechten Bildhälfte. Eine besonders starke raumschaffende Wirkung erzeugt der helle Lichtkranz, der die Silhouette der Figur nachzeichnet. Außerdem verstärkt er die Blickrichtung des Betrachters auf den zentralen Bildgegenstand. Der Hintergrund ist für diese Zeichnung elementar, da er direkt mit dem Titel des Bildes „Galaxy“ verknüpft ist. Die farbliche Gestaltung des Hintergrundes schafft beim Betrachter unweigerlich die Assoziation mit dem Universum. Die hellen Sprenkel, die den Hintergrund dominieren, wirken wie Sterne. Der sanfte, schleierhafte Farbverlauf erinnert an die Milchstraße. Durch die Gestaltung des Hintergrundes ergibt sich eine Raumtiefe, die die Weiten des Universums erahnen lässt. Auch diese Zeichnung ist im Hinblick auf das Farbkonzept eine für die Topmodel-Fanart sehr typische Arbeit. Das Bild erscheint trotz der vielen Lichteffekte sehr düster. Die dominierenden Farben Schwarz, Dunkelblau und Violett des Hintergrundes setzen sich vor allem aufgrund des Lichtkranzes, der die Figur umgibt, von ihr ab. Kopfbedeckung, Top, Shorts, Strumpfhose und Schuhe sind überwiegend in den Tönen Schwarz, Petrol und Violett gehalten, die an einigen Stellen durch Glitzer- und Lichteffekte in Kreuzform aufgehellt werden. Während die Kopfbedeckung, die Shorts und die Vorderseite der Strumpfhose unifarben sind, passen Oberteil und die Rückseite der Strumpfhose, die durch einen längs am Bein verlaufenden Netzeinsatz von der Vorderseite getrennt ist, zur farblichen Gestaltung des Hintergrundes. 142 Die kreuzförmigen Lichteffekte sowie die unruhige Kombination aus Schwarz-, Blau- und Türkistönen auf beiden Kleidungsstücken erinnern ebenfalls an galaktische Sphären. Die farbliche Gestaltung des Bildes wirkt auf den Betrachter gleichzeitig ruhig und unruhig. Diese Wirkung wird durch die Präsenz zweier Kontraste erzeugt, die an dieser Stelle kurz erläutert werden sollen. Der Simultankontrast, der sich aus der insgesamt sehr einheitlichen Kombination der Farben Schwarz, Dunkelblau, Dunkelgrün und Violett ergibt, schafft zunächst ein für das Auge des Betrachters angenehmes Ensemble. Grün, Blau und Violett liegen im Farbkreis nebeneinander. Ihre Verläufe ineinander gestalten sich demnach äußerst harmonisch. Dem gegenüber steht der Hell-Dunkel-Kontrast, der durch die auffälligen Weißanteile im Bild erzeugt wird. Die unterschiedlichen Formen der Weißanteile erzeugen eine unruhige Wirkung und lassen den Blick des Betrachters ebenso unruhig über die Bildfläche gleiten. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch für einen höheren Ausdruckswert des Bildes. Allerdings muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Gestaltung des Hintergrundes und die Zusammenstellung der Farben nicht in traditioneller, künstlerisch-praktischer Maltechnik entstanden ist, sondern durch den Einsatz des digitalen Bildbearbeitungsprogramms Gimp2.8. Die Arbeit mit diesem oder ähnlichen Bildbearbeitungsprogrammen ermöglicht den Zeichnerinnen eine Perfektion, die ein wesentliches Merkmal der Topmodel-Ästhetik darstellt. Neben den analogen Copic Markern ermöglicht das digitale Bildbearbeitungsprogramm eine Zeichnung, die frei von Duktus oder sonstigen, der perfekten Ausarbeitung widerstrebenden Strukturen ist. An einigen Stellen des Bildes ist kaum mehr zu erkennen, ob es sich tatsächlich um eine von Hand gefertigte Zeichnung oder um eine ausschließlich mit digitaler Bildbearbeitung gestaltete Arbeit handelt. Der Effekt ist gewollt. Je perfekter und ‚unnatürlicher‘ die Zeichnung, desto positiver die Kritik. „Galaxy“ wird von den Topmodel- Userinnen mit durchschnittlich neun Glitzersternen bewertet. Ihre Bewunderung drücken die Mitglieder in Äußerungen wie „das ist das schönste outfit was ich je gesehen hab“ oder „wow, das ist wunderschön geworden …mir fallen keine worte mehr ein, also echt, wie kann man nur sooooooooo gut zeichen, das ist WAHNSINN! Einfach Hammer! Die Farben passen,…, es passt einfach ALLES! Das ist echt mit das ge.lste Design geworden“ aus. Das Kriterium, dass ‚alles passt‘, spielt bei der Bewertung der Zeichnungen eine ganz wesentliche Rolle. Solange die Zeichnungen frei von offensichtlich störenden Elementen sind, sind sie für die übrigen Fanartists besonders interessant und des Lobes würdig. Es geht nicht darum, eine möglichst individuelle Zeichnung anzufertigen. Die Handschrift einer Zeichnerin wird nicht als Stärke oder als wünschenswertes Merkmal, sondern vielmehr als Schwäche angesehen. Solange sich eine Arbeit in die perfektionistische und augenscheinlich fehlerfreie Ästhetik der Topmodel-Community fügt, wird sie mit positiven Bewertungen geradezu überhäuft. Dass die Produktionen von Siley dazugehören, steht außer Frage. Dass diese Arbeit so viel positive Resonanz erfährt, liegt neben der technischen Ausarbeitung vor allem aber auch am gewählten Outfit des Topmodels. Die unnatürlich langen, schwarzen Haare, der ‚Inbegriff‘ von Weiblichkeit, fallen der Figur wellenförmig über die Brust. Die kurzen Shorts, die gerade einmal das Nötigste bedecken, geben den Blick auf endlos lange Beine frei. Durch den längs verlaufenden Netzeinsatz in der Strumpfhose schimmert die pfirsichzarte Haut der Beine. Der starke Hell-Dunkel-Kontrast zwischen den hellen Beinen und der dunklen Naht der Strumpfhose lenkt den Blick des Betrachters umso stärker auf die nackten Körperstellen. Diese erotischen Elemente werden zusätzlich durch die Körperhaltung 143 des Models unterstützt. Während die Beine seitlich zum Betrachter stehen, um besonders reizvolle Kleidungsstücke hervorheben zu können, richtet sich der Oberkörper beinahe frontal in Richtung Betrachter. Er ist leicht nach hinten geneigt. Die Brust wird nach vorne gedrückt, sodass ein Hohlkreuz entsteht. Der linke Arm, der die Haltung des Oberkörpers auszubalancieren scheint, ist über und über mit Tattoos verziert, die bis zum Schlüsselbein reichen. Der herzförmige Kopf, der proportional zum Körper betrachtet deutlich zu groß ist, fällt zusätzlich durch die ohnehin sehr großen, dunklen und weit auseinanderstehenden Augen und den dunkelviolett geschminkten Schmollmund besonders auf. Das für die Topmodel-Figuren typische Kindchenschema, das insbesondere über den Gesichtsausdruck transportiert wird, wird wieder einmal durch das starke Make-up gebrochen. Auch die Kleidung scheint nichts mehr mit der eines jungen Mädchens gemein zu haben. Das Netz an den Beinen spielt mit der Neugier von vermutlich überwiegend männlichen Blicken. Die Kleidung scheint nicht einmal für eine erwachsene Frau angemessen. Wie kann sie es dann für ein frühadoleszentes Mädchen sein? Neben der Bekleidung sorgen auch die Farben für ein verruchtes Erscheinungsbild der Figur. Die Verwendung von Schwarz als Farbe für das Make-up an Augen und Lippen wirkt verführerisch, sexy. Im Gegensatz zum ersten analysierten Werk von Siley lässt diese Darstellung kaum mehr einen Zweifel an ihrem selbstbewussten Auftritt. Die Figur scheint die Herrscherin über das Universum zu sein. Sie gibt sich selbstbewusst und kokettiert mit dem Betrachter. Die Art und Weise, wie die Zeichnerin Weiblichkeit darstellt, spiegelt ein in der Topmodel- Community weit verbreitetes Bild wider. Siley scheint folglich das wiederzugeben, womit sie tagtäglich konfrontiert wird. Sie hat erkannt, dass sich Frauen ‚schön‘ machen, dass sie sich ‚stylen‘ und Männern gefallen müssen. Nichts anderes wird in Werbung und Medien vermittelt. Diese Erkenntnis wird zu einem wesentlichen Teil ihrer ästhetischen Sozialisation und damit zu einem wichtigen Baustein ihrer Persönlichkeitsentwicklung. 7.2 Bildnerische Produktionen von Nici-99 Die Topmodel-Userin Nici-99 ist seit dem 25. Februar 2010 Mitglied der Topmodel-Community. In ihrem Steckbrief gibt Nici-99 deutlich weniger persönliche Daten preis als Siley. Die anderen Mitglieder erfahren lediglich, dass sie gerne am Computer spielt und malt. Sie ist ein großer Topmodel-Fan, liebt Armbänder und Ketten, und ihr Lieblingsoutfit ist ein Cardigan, kombiniert mit einem T-Shirt und einer Jeans. Ihr größter Traum ist es, immer gesund zu bleiben und reich zu sein. Seit ihrem Eintritt in die Topmodel-Community hat Nici-99 76 tertiär-digitale Zeichnungen auf den ‚Designertisch‘ hochgeladen, die sie entweder mit Buntstiften oder Copic-Markern anfertigt. In einigen Arbeiten kombiniert sie beide Maltechniken. Die bildnerischen Produktionen von Nici-99 erhalten im Durchschnitt neun Glitzersterne. Einige wenige Zeichnungen auf ihrem ‚Designertisch‘ erhielten keine Bewertungen. 144 7.2.1 Bildbeschreibung „Mystic Mermaid“ Die Zeichnung „Mystic Mermaid“ (Abb. 32) wurde im November 2012 von der Userin Nici- 99 ins Topmodel-Forum geladen. Es handelt sich um eine Zeichnung mit Copic-Markern im Hochformat. Genaue Angaben zum Format fehlen. Abb. 32 Zentraler Gegenstand der Zeichnung ist eine weibliche Figur, die sich in der rechten Bildhälfte befindet und den Betrachter frontal anblickt. Der Körper der Figur nimmt ungefähr ein Drittel der Bildfläche ein. Von der rechten unteren Bildhälfte schwingt sich eine Flosse in die linke untere Bildhälfte. Sie reicht bis knapp unter die Bildmitte. Der Kopf der Figur ist leicht zur linken Seite geneigt. Er ist ungefähr so groß wie der gesamte Oberkörper. Vom rechten Arm ist nur der Unterarm sichtbar, der in einem Winkel von ungefähr 90 Grad zum Oberkörper und parallel zur unteren Bildfläche steht. Der linke Oberarm neigt sich in einem Winkel von ca. 40 Grad vom Oberkörper ab, der linke Unterarm zeigt in Richtung Gesicht. Das Haar der Figur ist zu einer geflochtenen Frisur zusammengebunden. Ihr Gesicht ist auffällig geschminkt. Unterhalb der Augen befinden sich farblich abgesetzte Muster in Tropfenform. Das Wesen trägt ein im Nacken gebundenes Bikinioberteil, das mit einem zwischen den Brüsten befestigten Tuch verziert ist. Die Beine scheinen in ein zweifarbiges Korsett geschnürt, das, von der Hüfte ausgehend, zunehmend schmaler wird und dessen Spitze eine große Flosse ziert. Der linke Arm der Bildfigur weist vom Armknöchel bis zur Schulter ein florales Muster auf. Am rechten Arm trägt sie vier Armreifen. Am linken oberen Bildrand ist ein kleines florales Muster zu erkennen. In der rechten unteren Bildhälfte befindet sich ein muschelförmiges Objekt. Der Hintergrund des Bildes ist leicht koloriert, enthält jedoch keine zusätzlichen Bildgegenstände. 145 7.2.2 Bildanalyse „Mystic Mermaid“ Die Bildkomposition der vorliegenden Arbeit beinhaltet als zentralen Bildgegenstand eine weibliche Figur in der rechten Bildhälfte. Der Titel „Mystic Mermaid“ identifiziert die Figur als geheimnisvolle Meerjungfrau. Im Gegensatz zu den bereits analysierten Zeichnungen weist diese Zeichnung eine Kombination mehrerer Bildelemente auf. Zu den Füßen der Meerjungfrau liegt eine Muschel. Den oberen linken Bildrand ziert eine zarte, florale Ranke. Da sich beide Elemente farblich nur geringfügig vom Hintergrund unterscheiden und im Vergleich zur Figur klein und unauffällig erscheinen, wird der Blick des Betrachters direkt auf die Meerjungfrau gelenkt, die das Bild sowohl aufgrund ihrer Größe als auch aufgrund ihrer Farbigkeit dominiert. Die Anordnung des Bildgegenstandes auf der Bildfläche ist eher ungewöhnlich und weicht von der klassischen Bildkomposition der Topmodel-Zeichnungen ab. Die Entscheidung für diese Anordnung wurde vermutlich weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten getroffen als vielmehr aus der Notwendigkeit heraus, die Figur im Ganzen darstellen zu können. Die große Flosse am Fußende kommt nur so zur Geltung. Die Raumorganisation gestaltet sich ähnlich wie bei der ersten Arbeit von Siley relativ einseitig. Die Figur kann lediglich mit einem Bildelement in Beziehung gesetzt werden, das für eine gewisse räumliche Wirkung sorgt. Die Muschel in der rechten unteren Bildecke scheint hinter dem Fischschwanz der Meerjungfrau zu liegen. Der Eindruck wird durch die Farbigkeit der Muschel verstärkt. Im Gegensatz zur der in kräftigen Farben kolorierten Meerjungfrau präsentiert sich die geöffnete Muschel in einem zarten Grauton. In ihrer Mitte liegt eine hellblaue Perle. Die Ranke am linken oberen Bildrand ist dem Bild insgesamt schwer zuzuordnen. Sie erscheint weder als ein Element des Hinter- noch des Vordergrundes. Vielmehr scheint sie ein eigenständiges Bildelement zu sein. Der Hintergrund ist in einem hellen Blau koloriert und enthält neben der Perlmuschel keine weiteren Bildelemente, die Flächentiefe erzeugen könnten. Das Bild wirkt dadurch insgesamt sehr plakativ. Das Farbkonzept der vorliegenden Arbeit beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Farben: dunkles Violett und Türkis. Die zur einer hochgesteckten Frisur geflochtenen Haare der Meerjungfrau sind türkis ebenso wie das Tuch im Brustbereich, der Innenstoff des Korsetts und die große Flosse. Das Bikinioberteil und das Korsett selbst sind in einem dunklen Violett gehalten. Unterhalb des rechten Auges laufen türkisfarbene Tränen über die Wange. Aus dem unteren Lid des linken Auges kullern ebenfalls tränenähnlich dunkelviolette Punkte. Auch die Lippen sind in einem dunklen Violett geschminkt. Das Muster am linken Arm kombiniert türkise mit violetten Elementen, die sich rankenförmig um den Arm winden. Die Zeichnerin spielt mit der Kombination aus den Tönen Violett und Türkis, aus denen sich ein Hell-Dunkel-Kontrast ergibt. Auch die Hautfarbe im bereits vielfach erwähnten Pfirsichblüt fügt sich in diesen Kontrast. Obschon Steiner Pfirsichblüt als die Farbe der lebendigen Seele198 bezeichnet, wirkt es in Kombination mit den kühlen Farben Violett und Türkis und dem zarten Hellblau im Hintergrund sehr blass, beinahe kränklich. 198 Vgl. Steiner 1980. 146 Die Perlmuschel ist in einem hellen Grau koloriert, die hellblau schimmernde Perle darin harmoniert mit dem zarten Hellblau des Hintergrundes. Obschon die Ranke am linken oberen Bildrand nicht in das Bild zu passen scheint, fügt sie sich harmonisch in das Farbkonzept des Bildes. Das Motiv des Bildes und seine Umsetzung bieten viel Platz für Interpretationen. Die Meerjungfrau ist ein weibliches Fabelwesen, das im Meer oder in anderen Gewässern lebt. Ihr Charakter gilt als höchst ambivalent. In der Mythologie gilt sie einerseits als seelenloses oder verdammtes Wesen, das nur durch die Liebe eines Mannes von seinem Schicksal befreit werden kann. Andererseits wird sie als fürchterliche, bedrohliche Kreatur beschrieben, die ihre erotische Erscheinung nutzt, um ihre Opfer in ihren Bann zu ziehen.199 Carl Gustav Jung, Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, betrachtet die Meerjungfrau aus tiefenpsychologischer Sicht als eine Form des Mutterarchetyps. In ihr kommt der Aspekt des schutz- und erlösungsbedürftigen Wesens zum Ausdruck.200 Diese Eigenschaften scheinen in vielerlei Hinsicht auf die Meerjungfrau in der vorliegenden Zeichnung übertragbar. Ein besonders auffälliges Merkmal, das sich in die Beschreibung der Meerjungfrau als ein im eigenen Schicksal gefangenes und verdammtes Wesen reiht, ist der Fischschwanz in Form eines eng geschnürten Korsetts. Die Schnüre nehmen der Meerjungfrau die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Ein Korsett, das im Brustbereich geschnürt wird, kann der Person, die es trägt, die Luft zum Atmen nehmen und ist nicht selten schmerzhaft. Das Korsett der Meerjungfrau, das ihre Beine eng zusammenschnürt, hat eine nicht weniger bedrohliche Wirkung. Es nimmt der Meerjungfrau nicht nur die Freiheit, sich zu bewegen, sondern drängt sie außerdem in eine unnatürliche Körperhaltung. In dieses Bild fügen sich die Tränen, die über ihre Wangen laufen. Der zum Betrachter gerichtete Blick wirkt traurig, hilfesuchend. Die Finger der rechten Hand, die in Richtung der Augen zeigen, verstärken diese Wirkung. Die Handbewegung wirkt wie ein Appell an den Betrachter, sich der misslichen Lage der Meerjungfrau gewahr zu werden. Es wirkt, als erwarte sie, dass er sie von ihrem Leiden erlöst. Interessant erscheinen diese Beobachtungen vor allem dann, wenn man sie in Bezug zur Zeichnerin setzt. Betrachtet man die Meerjungfrau als Repräsentantin für die Gefühle der Zeichnerin, ergibt sich ein unbedingt ernst zu nehmendes Bild. Das vermittelte Gefühl, sich nicht bewegen zu können, nicht frei zu sein und eigentlich nicht hineinzupassen in das normative Korsett, das die Gesellschaft vorgibt, scheint mit Blick auf die Sozialisation von Mädchen nicht allzu weit hergeholt. Das enge Korsett, in das Mädchen nur durch Anpassung und das Ablegen eigener Wünsche und Vorstellungen hineinpassen, lässt kaum individuelle Entwicklungsmöglichkeiten zu. Es erscheint unmöglich, den unterschiedlichen Erwartungen von Freunden, der Familie und der Gesellschaft gerecht zu werden, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Dass diese Erkenntnis gerade in der Adoleszenz zu einem Problem führen kann, ist nur verständlich. In dieser Phase, in der Kinder und Jugendliche besonders viel Unterstützung und Hilfe benötigen, fühlen sie sich häufig unwohl, sind auf der Suche und werden überrollt von Erwartungen und Forderungen, die an sie gestellt werden. Die Gesellschaft des 199 Patalong, Frank: Mythologie und Angst. Nix mit der Nixe! In: Spiegel Online, 2012. 200 Vgl. Jung, Carl Gustav: Archetypen. München: dtv 2005. 147 21. Jahrhunderts wird gesehen als ein großer Pool an Möglichkeiten, in dem jeder und jede seine bzw. ihre Vorstellungen und Wünsche umsetzen kann. Dabei wird außer Acht gelassen, dass diese Gesellschaft längst nicht so emanzipiert und modern ist, wie sie vorgibt zu sein. Wie frei sind die Menschen, die in ihr leben, wirklich? Ist Individualität tatsächlich so sehr erwünscht, wie alle behaupten? Bis zu welchem Grad gilt sie für die Gesellschaft als bereichernd? Und wann ist es ‚zu viel des Guten‘? Die vorliegende Zeichnung macht deutlich, dass Fragen wie diese immer früher Einzug in die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen halten. Dem Korsett der Meerjungfrau kommt jedoch noch eine zweite Bedeutung zu, die an dieser Stelle kurz erläutert werden soll. Auf die Vermittlung von Schönheitsidealen in der Topmodel-Community wurde in den vorangegangenen Kapiteln bereits mehrfach hingewiesen. Es liegt demnach die Vermutung nahe, dass das Korsett die Funktion hat, die man normalerweise mit ihm verbindet. Es zwingt das Mädchen in eine unnatürliche, geradezu ungesunde Körperhaltung. Ein solch eng geschnürtes Korsett fordert eine enorm schlanke Figur, die nicht mit einem gesunden Lebensstil zu vereinbaren ist. Um in dieses Korsett zu passen, reicht es nicht, nur schlank zu sein. Nur ein magerer Körper kann so eng eingeschnürt werden. Möglicherweise steckt in dieser Darstellung der Wunsch der Zeichnerin, genauso auszusehen, koste es, was es wolle. Für die Mädchen im Topmodel-Forum gilt das Prinzip: je dünner, desto attraktiver. Und je attraktiver, desto glücklicher. Die Darstellung der Meerjungfrau spiegelt in Bezug auf den Körper und die knappe Bekleidung demnach das im Fanart-Forum vorherrschende Schönheitsideal wider. Eine besondere Dramatik erhält die Zeichnung durch die Wahl des Motivs und dessen Darstellungsweise. Für die Mitglieder im Forum wird diese Problematik nicht sichtbar. Für sie ist es ein Bild wie jedes andere. Von der Topmodel-Community sozialisiert, richten sie ihren Blick auf das offensichtlich Schöne oder vielmehr auf das, was ihnen als ‚schön‘ vermittelt wird. Sie sind begeistert von der aufwändigen Frisur („WOW!! Am besten finde ich die Haare“), den Farben („Was soll man da bloss sagen ich finde das Bild einfach wunderschön. Mir gefält die Farb kombination sehr gut. Alle Farbtöne passen zusammen. 10 Sterne“) und den zeichnerischen Fähigkeiten von Nici-99 („Ich weiß nicht was ich sagen soll echt hamma geil geworden J ich weiß nicht wie manche so geil malen können…“). Hier wird einmal mehr deutlich, dass die ästhetischen Produktionen, die mit den Malvorgaben konform gehen und bekannte Merkmale der Topmodel-Ästhetik berücksichtigen, besonders positive Resonanz erhalten. Zeichnungen, die fantastische Motive aufgreifen, gelten außerdem als besonders kreativ und fantasievoll. Es ist davon auszugehen, dass Nici-99 weder um die mythologische noch über die tiefenpsychologische Bedeutung der Meerjungfrau weiß. Die Art und Weise der Darstellung legt jedoch wesentliche Ähnlichkeiten mit den bereits diskutierten Bedeutungen der Meerjungfrau aus der Literatur offen. „Mystic Mermaid“ ermöglicht einen besonders tiefen Einblick in die Gedankenwelt der Zeichnerin und verdeutlicht einmal mehr, dass die Zeichnungen im Topmodel-Forum, so oberflächlich sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, mit Blick auf soziologische und psychologische Prozesse einer umso intensiveren Analyse bedürfen. 148 7.2.3 Bildbeschreibung „Kriegerin“ Die Zeichnung „Kriegerin“ (Abb. 33) von Nici-99 wurde im Oktober 2012 im Topmodel- Forum veröffentlicht. Sie wurde mit Copic-Markern angefertigt. Abb. 33 Zentraler Bildgegenstand ist eine weibliche Figur, die sich frontal dem Betrachter zuwendet. Die Größe des Körpers entspricht fast der Länge des Hochformats. Der Kopf der Figur neigt sich mit dem Oberkörper leicht nach rechts. Ihre Arme sind in die Hüfte gestemmt, ihr rechtes Bein steht vor dem linken. Die Haare der Bildfigur sind zu zwei seitlichen Zöpfen geflochten, die, hinter die Schultern fallend, ungefähr bis zum Knie reichen. Augen und Mund sind auffällig geschminkt. Die Nase hebt sich lediglich durch einen leichten Schatten von den übrigen Gesichtspartien ab. Um das rechte Handgelenk ist ein Tuch mit Tigerprint gebunden. Der linke Arm ist in einem ebenfalls tigerähnlichen Muster koloriert. Die Figur trägt ein Bustier und einen kurzen Rock, dazu offene Schuhe. Der Rock ist auf der rechten Seite kürzer als auf der linken, der untere Teil weist ebenfalls Muster in Tigeroptik auf. Auch Knie und Wade ziert ein Muster in Tigerprint. Mit dem linken Oberschenkel lehnt sich die Figur gegen eine Harpune, die in einem Winkel von ungefähr 45 Grad mit der Spitze auf den Boden trifft. Der Hintergrund des Bildes ist zart koloriert. In der oberen rechten Bildecke befindet sich ein florales Muster, das einen Rahmen für den Schriftzug „Tiger Kriegerin“ bildet. 7.2.4 Bildanalyse „Kriegerin“ Die vorliegende bildnerische Produktion von Nici-99 weist kompositorisch deutliche Parallelen zu den bisher analysierten Arbeiten auf. Das zentrale Bildelement der Zeichnung ist die weibliche Figur in der Bildmitte, die auf Grundlage des Titels als Kriegerin identifiziert werden kann. Da das Hauptaugenmerk des 149 Betrachters bei Topmodel-Zeichnungen stets auf dem Model liegt, kann auch hier von einem typischen Aufbau gesprochen werden. Ergänzt wird das Bild der Kriegerin durch eine Harpune rechts neben der Bildfigur. Dieses Bild ist insofern für diese Zeichnung von elementarer Bedeutung, da sie neben dem Titel einen entscheidenden Hinweis auf die Identität der Bildfigur gibt. Der Hintergrund des Bildes enthält keine weiteren Bildelemente. Lediglich die rechte obere Bildecke ist mit einem rankenähnlichen Muster verziert, das sich wie ein Rahmen um den Schriftzug „Tiger Kriegerin“ windet. Diese Formulierung erweitert den Titel um ein Attribut, das die Darstellung der Kriegerin in Tigerkleidung rechtfertigt. Die übrige Fläche des Hintergrundes ist passend zur farblichen Gestaltung der Bildfigur leicht koloriert. Über mögliche Gründe für das Fehlen des Hintergrundes wurde bereits in den vorangegangenen Analysen diskutiert. Auch mit Blick auf diese Zeichnung scheint die Vermutung naheliegend, dass die Ausgestaltung des Hintergrundes in Topmodel-Zeichnungen nicht wesentlich erscheint, da die Aufmerksamkeit auf dem Model liegen soll. Außerdem gestaltet sich die Ausarbeitung eines Hintergrundes unter Berücksichtigung perspektivischer Gesichtspunkte anspruchsvoller und erfordert mehr Ausdauer und Konzentration während des Zeichnens. Die Raumorganisation des Bildes ist entsprechend einfach. Die zentrale Bildfigur ist in Normalperspektive dargestellt. Die Harpune, gegen die sich die Kriegerin mit ihrem Oberschenkel zu stützen scheint, befindet sich auf derselben Bildebene wie das Model. Da sich keine weiteren Elemente auf der Bildfläche befinden, wird keine Flächentiefe erzeugt. Die Kriegerin wirkt, als sei sie aus ihrem ursprünglichen räumlichen Kontext gerissen und in eine leere Bildfläche gesetzt worden. So detailreich die Figur selbst ausgearbeitet ist, so leer und unbedeutend erscheint der Hintergrund. Auch farblich bietet die Zeichnung keine überraschenden Momente. Das Bild weist einen Simultankontrast auf, der sich aus den Farben Ocker, Hellbraun und Beige ergibt. Die Kleidung setzt sich nur leicht von der beigefarbenen, fast gold schimmernden Haut der Amazone ab. Die leichte Kolorierung des Hintergrundes in einem zarten Beige trägt wesentlich zu der Wirkung des Simultankontrastes bei. Durch die Abstimmung der Farben aufeinander ergibt sich ein harmonisches Ensemble. An Ausdruck gewinnt die Zeichnung durch die Präsenz des Hell-Dunkel-Kontrasts, der sich aus der Kombination von Schwarz und Ocker ergibt. Das Muster, das sich daraus ergibt, gleicht dem eines Tigers. Etwas weniger auffällig gestaltet sich der Kalt-Warm-Kontrast zwischen den warmen Farben Ocker, Hellbraun und Orange und der silbernen Harpunenspitze, die sich direkt an einen in Tigerfelloptik kolorierten Griff fügt. Mit Blick auf Bildkomposition, Raumorganisation und Farbwahl ergibt sich insgesamt ein für die ästhetischen Produktionen im Topmodel-Forum typisches Bild. Das Bildmotiv bietet interessante Interpretationsmöglichkeiten, die vorab einen kurzen Exkurs in die Bedeutungsgeschichte der Amazone fordern. Sowohl literarische als auch bildnerische Darstellungen von Amazonen wecken 150 Vorstellungen von der starken, kämpferischen und durchsetzungsfähigen Frau […], von Frauen in der Führungsrolle, Frauen von physischer Kraft, wie sie Kriegerinnen, Reiterinnen, Jägerinnen und Heerführerinnen suggerieren, und von geistiger Macht, wie sie Viragos, Heroinen und Herrscherinnen repräsentieren.201 Der Mythos der Amazone geht auf die griechische Geschichte zurück, auf Frauen, die in Kleinasien unter sich lebten und von Königinnen regiert wurden. Nur selten trafen sie Männer. Söhne, die aus den seltenen Verbindungen entstanden, wurden den Männern zurückgeschickt oder getötet.202Die Frauen verstanden sich als Kriegerinnen. Um besser schießen zu können, ließen sie sich die rechte Brust amputieren und kämpften gegen die Griechen, von denen sie schlussendlich besiegt wurden. Daraufhin siedelten sie in das Land der Skythen über, wo sie gemeinsam mit Männern das Volk der Sauromaten gründeten. Diese ist eine Geschichte unter vielen.203 Keine von ihnen lässt sich jedoch von Legende oder Mythos trennen, weshalb lediglich von Amazonendiskursen gesprochen werden kann, „ die, über die griechische und römische Antike hinaus, arabisch-orientalische sowie germano-skandinavisch-slawische Traditionen [bildeten]“.204 Interessant in diesem Zusammenhang erscheint die Frage, inwiefern geschlechts- und genderspezifische Sichtweisen das Bild der Kriegerin geprägt haben. Um den Rahmen dieser Analyse nicht zu sprengen und den Bezug zu den Darstellungsabsichten der Zeichnerin nicht außer Acht zu lassen, soll an dieser Stelle nur kurz darauf eingegangen werden. Kroll untersuchte hierfür Literatur der Frühen Neuzeit und fand heraus, dass die Darstellungen der Amazone vor allem aus Autorensicht zwei grundlegenden Mustern folgen. Einerseits ist die Amazone Objekt der Bewunderung, Vorbild-, Propaganda- und Leitfigur, andererseits Objekt der Dekonstruktion, Exempel für die im Geschlechterkampf unterliegenden Frauen. […] Gemeinsam ist den Amazonen-Darstellungen, in dieser Frauenfigur ungewöhnliche Schönheit und außerordentliche Stärke miteinander zu verbinden. Letztlich ist die (Anziehungs-)Kraft der Amazone aber nicht (aus-)haltbar, und so wird sie vom wahren starken Geschlecht ‚überwältigt‘, womit auch das Amazonenthema vom Autor ‚bewältigt‘ ist.205 Die Amazonen-Darstellungen der Autorinnen, wie z. B. Christine de Pizan oder Catherine des Roches, scheinen dagegen deutlich differenzierter. In ihren Schriften gelten Amazonen als autarke Wesen, die sich der destruktiven Kriegskultur entziehen und pazifistische Anliegen verfolgen, „hinter [denen] ein ‚Aufbau‘ steht“.206 Mit diesem Bild von Amazonentum verändert sich auch der Mythos. Die Autorinnen betonen, dass es sich bei den Amazonen um angeborene, von Natur aus gegebene Stärke handelt, die nichts mit der Verwirklichung einer Rolle oder der Imitation von Männlichkeit zu tun hat. Diese Vorstellung nähert sich der ur- 201 Kroll, Renate: Mythos und Geschlechtsspezifik: Ein Beitrag zur literarischen und bildlichen Darstellung der Amazone in der Frühen Neuzeit. In: Simonis, Annette; Simonis, Linda (Hrsg.): Mythen in Kunst und Literatur. Tradition und kulturelle Repräsentation. Köln (u. a.): Böhlau, 2004. S. 56. 202 Vgl. ebd. 203 Vgl. ebd. 204 Ebd., S. 57. 205 Ebd., S. 61. 206 Ebd., S. 68. 151 sprünglichen Idee vom Mythos als einer Naturgewalt, die im besten Sinne des Wortes mit positiven Kräften wirkt.207 Die Amazonen-Darstellung von Nici-99 weist deutliche Parallelen zu den erläuterten Diskursen auf. Besonders prägnant erscheint die Betonung ihrer äußeren Erscheinung, die auch in den Darstellungen der Autoren als wesentliches Merkmal aufgeführt wird. Die knappe Bekleidung in Form eines Bustiers und eines sehr kurzen Rocks stellen die ‚Vorzüge‘ der Amazone in den Vordergrund: ihr Dekolleté, die schmale Taille und die endlos langen Beine. Der Tigerprint gibt der Kleidung etwas Verruchtes, dem Naturell der Amazone entsprechend ‚Wildes‘. Ihre Körperhaltung drückt Stärke und Selbstbewusstsein aus. Die in die Hüfte gestemmten Arme unterstützen diesen Eindruck. Kombiniert wird das erotische Erscheinungsbild mit sanften, kindlichen Gesichtszügen, die allen Topmodel-Darstellungen eigen sind: große, dunkle Augen, eine zarte Stupsnase und ein Schmollmund. Bei diesem Auftreten scheint die Harpune nicht ihre einzige Waffe zu sein. Vielmehr scheinen die ‚Waffen einer Frau‘ im Vordergrund zu stehen. Ihre Körperhaltung erweckt nicht unbedingt den Eindruck einer kämpfenden, starken Kriegerin, sondern den eines Models, das sich auf dem Laufsteg befindet und, weil es nun einmal für eine Kriegerin ‚typisch‘ ist, mit einer Harpune posiert. Die Waffe wirkt wie ein nettes Accessoire, scheint jedoch seine eigentliche Funktion nicht erfüllen zu müssen. Die Kriegerin von Nici-99 nähert sich also durchaus der Vorstellung einer von pazifistischen Grundgedanken bestimmten Amazone. Allerdings scheint die „Tiger Kriegerin“ auf einige wenige Merkmale reduziert, die vor allem den komplexen Darstellungen der Autorinnen der Frühen Neuzeit nicht gerecht werden. Durch die starke Fokussierung auf die Schönheit der Kriegerin erfährt die Bildfigur wieder einmal eine Reduzierung auf ihre äußerlichen ‚Vorzüge‘. Die so häufig als ‚typisch männlich‘ assoziierten Eigenschaften wie Kraft, Stärke und Unabhängigkeit rücken dadurch in den Hintergrund und werden unwichtig. Auch die Kommentare der Community weisen darauf hin, dass die ursprünglichen Eigenschaften einer Kriegerin und eine möglichst authentische Darstellung nicht im Vordergrund ihrer Kritik stehen. Äußerungen wie „ssssüüüüßßßß“ oder „supercool! Gefällt mir wirklich sehr gut, mit dem muster uns so… und die zöpfe sind klasse“ könnten auf jede Topmodel-Darstellung passen. Eine Kriegerin mit dem Adjektiv „süß“ zu beschreiben, erscheint angesichts der diskutierten Amazonen-Darstellungen eher ungewöhnlich, mit Blick auf die vorliegende Zeichnung jedoch nicht unbedingt verwunderlich. Die „Kriegerin“ von Nici-99 wirkt wie ein Versuch der Zeichnerin, die Frau aus ihrer Rolle als scheinbar schwächeres und dem Mann physisch unterlegenes Wesen erlösen zu wollen. Durch die Fokussierung auf ihr äußeres Erscheinungsbild und die Hervorhebung ihrer weiblichen ‚Vorzüge‘ scheint dieser Versuch jedoch misslungen. Zu sehr entspricht die Amazone der typischen Topmodel-Darstellung und dem von der Community vermittelten, altbekannten Bild von ‚Weiblichkeit‘. Obschon die Zeichnerin versucht, die gängigen Topmodel-Zeichnung mit fantastischen oder märchenhaften Motiven zu verbinden und mit individuellen Ideen zu bereichern, fällt sie stets in das stereotype Schema, das die Kreativserie vorgibt. Dieses 207 Vgl. ebd. 152 Schema gibt den Zeichnerinnen kaum eine Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen und ihre Zeichnungen zu unverwechselbaren Arbeiten werden zu lassen. 7.3 Bildnerische Produktionen von Moddeline Die Topmodel-Userin Moddeline ist nach Angaben ihres Steckbriefs seit dem 9. Juni 2012 Mitglied im deutschen Topmodel-Forum. In ihrem Profil aus dem Jahr 2015 bedankt sie sich bei den Userinnen, die beim Karnevals-Queen-Gewinnspiel für sie abgestimmt haben, und gibt ihren zweiten Platz bekannt. Außerdem wendet sie sich an vier Userinnen, die sie als ihre Freundinnen bezeichnet und denen sie in wenigen Worten für ihre Freundschaft dankt. Darauf folgen Hinweise zu ihren Aktivitäten im Topmodel-Forum, in denen sie unter anderem darauf aufmerksam macht, dass sie nichts verschenkt bzw. verleiht, keine Cliquen-Anfragen mehr annimmt und keine persönlichen Daten von sich preisgibt. Außerdem bittet sie die übrigen Userinnen um die Einhaltung von Rechtschreib- und Grammatikregeln in persönlichen Nachrichten, die sie über das Topmodel-Forum erreichen. Anfang 2016 überrascht Moddeline mit einem deutlich weniger ausführlichen Profil, in dem sie bekannt gibt, dass sie von nun an weniger aktiv im Topmodel-Forum sein wird, da sie den Spaß am Zeichnen von Topmodel-Motiven verloren habe und freihand zeichne. Ihre bildnerischen Produktionen sind auf Instagram zu finden. In ihrem aktualisierten Profil gibt sie außerdem an, die neunte Klasse eines Gymnasiums zu besuchen. Seit ihrem Eintritt ins Topmodel-Forum hat Moddeline 101 tertiär-digitale Zeichnungen auf den ‚Designertisch‘ geladen, für die sie im Durchschnitt neun Glitzersterne erhielt. Im Mai 2015 wird sie von der Topmodel-Community zur Designerin des Monats gewählt. Ihre Zeichnungen fertigt sie laut Steckbrief mithilfe von Colour-Grip-Stiften an, die mit Wasser vermalbar sind. So entstehen aquarellähnliche Bilder, die die Konturen des Buntstifts größtenteils unkenntlich machen. 7.3.1 Bildbeschreibung „Victorias-Secret-Angel“ Die Zeichnung „Victorias-Secret-Angel“ (Abb. 34) ist eine Widmung für die Userin Flauschwolke und wurde im August 2015 von Moddeline hochgeladen. Die bildnerische Produktion erhielt im Durchschnitt neun Glitzersterne. Es handelt sich um eine mit Colour-Grip-Stiften angefertigte Zeichnung im Hochformat. Exakte Angaben zum Format sind nicht vorhanden. Zentraler Gegenstand der Zeichnung ist eine weibliche Figur, die sich in der Bildmitte befindet und den Betrachter frontal anblickt. Der Körper der Figur nimmt ungefähr ein Drittel der Bildfläche ein. Ihre Größe entspricht ungefähr der Länge des Hochformats. Die Flügel zur linken und rechten Seite der Bildfigur füllen weitere zwei Drittel der Bildfläche gemessen an der horizontalen Bildmitte. Sie beginnen auf der Höhe des Kopfes und reichen bis zur Mitte der Oberschenkel. Die Flügel sind symmetrisch zueinander. 153 Abb. 34 Die Figur trägt langes Haar, das in Wellen teilweise hinter, teilweise auf die Schulter fällt, einen aufwändig verzierten BH mit Ketten unterhalb der Brust, einen passenden Slip, der ebenfalls mit Ketten verziert ist, die auf den Oberschenkel fallen sowie hohe Schuhe mit bis zum Knie reichenden, über Kreuz verlaufenden Bändern. Der rechte Arm ist leicht nach vorne gestreckt, der linke Arm verschwindet teilweise hinter dem Rücken der Figur. Das linke Bein ist leicht vorangestellt und verdeckt die Zehenspitzen des rechten Beins, dessen Knie leicht gebeugt ist. Der Hintergrund ist in einem kräftigen Petrol koloriert. Die Konturen der Figur umfasst ein nicht kolorierter, weißer Kranz in ungefähr ein bis drei Millimeter Dicke. Die Signatur der Zeichnerin (Moddeline) präsentiert sich auffällig am unteren Bildrand zu den Füßen der Bildfigur in geschwungener Schrift auf einer Spirale, die sich über die gesamte Breite des Bildformats erstreckt. 7.3.2 Bildanalyse „Victorias-Secret-Angel“ Die Bildkomposition der vorliegenden Zeichnung beinhaltet als zentralen Bildgegenstand eine weibliche Figur, die sich in der Bildmitte befindet. Ihre Positionierung innerhalb der Bildfläche sowie die Wahl der Proportionen von Figur und Bildfläche entsprechen den gängigen Topmodel-Vorlagen. Der Titel der Zeichnung verrät, dass es sich bei der Bildfigur um einen sogenannten Victoria’s-Secret-Engel handelt. Als solcher wird ein Model bezeichnet, das beim US-amerikanischen Modeunternehmen Victoria’s Secret unter Vertrag steht. Neben der zentralen Bildfigur sind keine weiteren Bildgegenstände vorhanden. Die Bildkomposition beschränkt sich auf ein Bildelement, was zur Folge hat, dass der Blick des Betrachters direkt auf die Bildfigur gelenkt wird. Ähnlich wie bei der bildnerischen Produktion der Userin Siley mit dem Titel „Fairy Love“ erhält die auffällig zierliche Bildfigur aufgrund der imposanten Flügel, die die linke und rechte Bildhälfte sowohl aufgrund ihrer tatsächlichen Größe als auch aufgrund ihrer Farbigkeit dominieren, eine enorme Präsenz. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den hellen 154 Farbkranz, der sich um die Silhouette der Figur legt und ihr eine übernatürliche Aura verleiht. Dieses gestalterische Element macht der Bezeichnung des Models als Victoria’s-Secret- Engel alle Ehre. Die einseitige Raumkomposition steht auch in diesem Beispiel der detailliert ausgearbeiteten Bildfigur gegenüber, die sowohl mit Blick auf die farbliche Gestaltung als auch hinsichtlich der einzelnen Figurenelemente auf eine äußerst zeitintensive Bildgestaltung schließen lässt. Da die Bildfigur zu keinem weiteren Gegenstand in Beziehung gesetzt werden kann, ist die Analyse der Raumorganisation in wenigen Worten zusammengefasst. Den Malvorlagen der Kreativserie entsprechend befindet sich die Bildfigur auf einer in unterschiedlich dunklem Petrol kolorierten Fläche, die eine konkrete Benennung des Bildraums verhindert. Da kein sinnstiftender Kontext auszumachen ist, wirkt die Zeichnung trotz des Versuchs, mithilfe von Licht und Schatten eine dreidimensionale Wirkung zu erzielen, im wahrsten Sinne des Wortes plakativ – es entsteht der Eindruck eines (Werbe-)Plakats oder Posters, wie es in den Topmodel-Zeitschriften zu finden ist. Auch die farbliche Gestaltung des Motivs fügt sich in die bekannte ‚Topmodel-Ästhetik‘. Besonders auffällig erscheint der Hell-Dunkel-Kontrast, der sich durch die Hauptfarben des Bildes, Petrol und Gold, ergibt. Golden schimmern das lange Haar der Bildfigur, die überdimensionalen Flügel, die es auf dem Rücken trägt, die Ketten, die die Dessous schmücken sowie Details an den High Heels. Auch das spiralförmige Bildelement, das die Signatur der Urheberin trägt, glänzt golden. Besonders harmonisch dazu wirkt das bereits mehrfach erwähnte Pfirsichblüt208 der Haut, das ebenfalls sanft golden schimmert. Die sehr beschränkte Farbwahl sorgt außerdem für einen Simultankontrast, der vor allem durch die flächenmäßig dominante Erscheinung der Farbe Petrol entsteht. Neben der petrolfarbenen Kolorierung des Hintergrundes findet sich die Farbe in den Augen der Bildfigur, ihren Dessous, den Schuhen sowie den Flügeln wieder. Die Beschränkung auf zwei Farbtöne fügt sich zu einem stark kontrollierten Farbauftrag, der insgesamt für eine einseitige Farbwirkung sorgt. Diese scheint sich in die ohnehin strengen Vorgaben zu fügen, die die Kreativserie Topmodel aufgrund der (kolorierten) Malvorlagen vermittelt. Die farbliche Gestaltung in Kombination mit der äußerst detaillierten und sorgfältigen Ausarbeitung der Bildfigur ist Ausdruck einer beinahe zwanghaften Bildgestaltung, die den Anspruch verfolgt, fehlerfrei und damit ‚vollkommen‘ zu sein. Gleichzeitig wirken die Farben Gold und Petrol in Kombination edel, ja, wertvoll, ähnlich wie die Dessous der Marke Victoria’s Secret, die – nicht selten mit Edelsteinen besetzt – in höheren Preissegmenten anzusiedeln sind. Vor allem dasjenige Model, das bei der Victoria’s Secret Fashion Show die Flügel und die mit Edelsteinen besetzten Dessous als Highlight der Show tragen ‚darf‘, erhält besondere Aufmerksamkeit. Die Faszination für das Label und seine Produkte scheint die ausschlaggebende Motivation für die vorliegende Zeichnung gewesen zu sein und zeugt gleichzeitig von einem für ein 14- bis 15jähriges Mädchen ungewöhnlich großen Insiderwissen. 208 Vgl. Steiner 1980. 155 Die Wahl der Farben, vor allem die flächenmäßige Dominanz des Farbtons Petrol, verleiht der leicht bekleideten Bildfigur eine verruchte Ausstrahlung. Eng mit dieser Wirkung verbunden ist die Darstellung der Figur als fantastisches Wesen mit Flügeln, das etwas Geheimnisvolles, Mystisches verkörpert. Der Lichtkranz, der die Figur umgibt, lässt sie zu einer Art okkulter Erscheinung werden. Diese dunkle, verführerische Seite des Motivs wird unterstrichen durch den mit knappen Dessous bekleideten, beinahe nackten Körper der Bildfigur. Die auffallend schlanke Figur mit den langen Beinen steht im Gegensatz zu einem üppigen Dekolleté, das durch den BH betont wird. Die leicht geneigte Hüfte und das vorangestellte Bein sprechen eine eindeutige Sprache. Zu diesem Bild gesellt sich das altbekannte Gegenstück in engelsgleicher, kindlicher Gestalt. Ein elfenhaftes Wesen mit einem übergroßen Kopf, großen, mandelförmigen Augen und zarten Gesichtszügen blickt den Betrachter direkt an. Das goldene Haar legt sich sanft um das herzförmige Gesicht. Das Bild der Lolita, wie es auch in den vorangegangen bildnerischen Produktionen gezeichnet wurde, tritt in diesem Beispiel noch konkreter in Erscheinung. Hier reiht sich die bildnerische Produktion von Moddeline hinsichtlich der Verbreitung eines stereotypisierten und sexualisierten Bildes von Weiblichkeit in die bereits angestellten Beobachtungen zu den Zeichnungen von Siley und Nici-99. Die von Moddeline dargestellte Bildfigur transportiert die von der Depesche propagierten Weiblichkeitsstereotype in Vollendung. Losgelöst von der Malvorlage schafft die Urheberin eine Bildfigur, die die Absurdität der Topmodel-Proportionen auf die Spitze treibt. Der Kopf erscheint noch größer als in der Vorlage, Taille, Hüfte und Beine sind – obschon es beinahe unmöglich erscheint – noch dünner, als es aus den Malvorlagen der Kreativserie bereits bekannt ist. Hinzu kommt, dem ‚typischen‘ Bild eines Victoria’s-Secret-Models folgend, ein enorm üppiges Dekolleté. Betrachtet man die Zeichnungen, die zur Kreativserie Topmodel entstehen, kann man schon einmal vergessen, dass es sich dabei um Zeichnungen von Kindern oder (früh-)adoleszenten Mädchen handelt. Jedweder kindlicher Ausdruck wird erfolgreich vermieden. Obschon die Kreativserie Topmodel einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung antiquierter Geschlechterstereotypen wie diesen leistet, ist die bildnerische Produktion von Moddeline doch auch ein besonders treffendes Beispiel dafür, dass Phänomene wie die Hypersexualisierung über unterschiedlichste Medien verbreitet werden. Doch während die Einflüsse vielseitig sind, sind es die Botschaften (gesprochen, geschrieben, in Bildform o. ä.) nicht. Die von Moddeline gestaltete Bildfigur zeigt in besonders auffälliger Art und Weise, wie sehr diese Botschaften die eigene Wahrnehmung beeinflussen und zur Festigung ganz bestimmter Denkweisen beitragen. Im Topmodel-Forum weist nur eine Userin auf die auffällig schlanke Figur des Models hin, setzt jedoch der negativen Kritik, wie üblich, ein Kompliment voraus („Sehr hübsch, aber ziemlich dünn / =“). Die übrigen Kommentare entsprechen der hohen Anzahl an Glitzersternen, die für diese Zeichnung vergeben wurde. Ihre Begeisterung bringen sie mit Äußerungen wie „was für ein hammer! Was ist das für hammer Outfit!!!!“, „Das ist einfach unglaublich, du begeisterst mich immer wieder, das kommt gleich zu meinen Favos….“ oder „Wow! *o* Einfach atemberaubend schön ! *.* Die Flügel mit diesem genialen Farbverlauf, 156 die Haare und das Gesicht erst ! *O* Bin ein rießen Fan von dir und deinen Zeichnungen :D *verneig*“ zum Ausdruck. Die Userinnen überschlagen sich regelrecht vor Komplimenten. Moddeline scheint eine Art eigene Fanbase zu haben, die ihre Zeichnungen regelmäßig bewertet und entsprechendes Lob auf ihrer ‚Pinnwand‘ hinterlässt. Auf die Darstellung des Vicotoria’s-Secret-Engels werden Lobeshymnen gesungen, die das Zeichentalent von Moddeline besonders hervorheben, die eigenen Fähigkeiten der Kritikerinnen herabsetzen („Das sieht mega gut aus!!!!!!!!!!! Ich wünschte ich könnt so gut malen wie du“, „Hi, hi ich male auch mit Faber-Castell Stiften!!!… Aber so gut male ich nicht!!!… : )“ oder „wie du das machst…beneide dich drum♥ aber irgendwann kann ich auch gut malen♥.“ Moddeline äußert sich zu den positiven Bewertungen nicht. Sie gibt lediglich Antworten auf Fragen, die sich auf die Zeichentechnik beziehungsweise das Zeichenmaterial beziehen. Flauschwolke, der die Zeichnung gewidmet ist, gibt keine Bewertung ab. Ob sie sich an der Bewertung mittels Glitzersternen beteiligt hat, ist nicht sichtbar. An den Kommentaren wird einmal mehr deutlich, wie selbstverständlich diese Art bildnerischer Produktionen in der Topmodel-Community angenommen wird. Sowohl mit Blick auf die Gestaltung des Motivs, dessen Ausarbeitung äußerst eingeschränkt ist, als auch hinsichtlich der farblichen Gestaltung trifft Moddeline den Geschmack der übrigen Userinnen und erfüllt zudem die in der Topmodel-Community propagierten Vorstellungen einer gelungenen Zeichnung: Vor allem die sorgfältige Ausarbeitung, der ebenmäßige Farbverlauf sowie die Detailverliebtheit sind ganz im Sinne der selbst ernannten Mal- und Zeichenschule des ‚Creative Studio by Depesche‘. Dass die bildnerische Produktion eher pornografischem Material näherkommt als einer Mädchenzeichnung, scheint unwesentlich. 7.3.3 Bildbeschreibung „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ Moddelines Zeichnung mit dem Titel „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ (Abb. 35) wurde von der Urheberin im Mai 2015 auf den ‚Designertisch‘ geladen und von 286 Userinnen im Durchschnitt mit neun Glitzersternen bewertet. Abb. 35 157 Auch diese Zeichnung präsentiert sich im Hochformat, konkrete Angaben zu den Bildmaßen werden nicht gegeben. Angefertigt wurde diese Zeichnung, wie alle bildnerischen Produktionen von Moddeline, mithilfe von Colour-Grip-Stiften, die auf der Bildfläche mit Wasser gemischt wurden. Die Bildfigur ist nach Angaben der Userin auf Grundlage einer Malvorlage entstanden, die eine andere Userin in ihrem Fotoalbum veröffentlicht hat. Gesicht und Arme wurden von Moddeline modifiziert. Die Zeichnung zeigt eine weibliche Figur, die sich in der Bildmitte sitzend dem Betrachter zuwendet. Die bloßen Körpermaße dieser Figur machen etwas mehr als zwei Drittel der Bildfläche aus. Die Verzierungen auf Kopf, Schultern und im Beinbereich erweitern die eigentlichen Maße. Der Kopf der Bildfigur ist dem Betrachter frontal zugewandt. Auf ihm befindet sich eine opulente Kopfbedeckung aus Stoffen und Federn. Der Oberkörper ist, vom Betrachter aus gesehen, leicht nach rechts geneigt, der rechte Arm hält einen länglichen Gegenstand, Oberund Unterarm stehen in einem Winkel von ungefähr 40 Grad zueinander. Der linke Arm ist nur angedeutet und verschwindet hinter dem Oberkörper. Die Beine der Bildfigur bilden angewinkelt, die Knie zeigen dabei in die rechte untere Bildhälfte, ebenfalls einen Winkel von ungefähr 40 Grad und fortgeführt durch eine imaginäre Linie ein ungefähr gleichseitiges Dreieck. Nimmt man die gesamte Figur in den Blick, ergibt sich aus ihrer Körperhaltung die geometrische Form eines Kegels. Aufgelockert wird diese Erscheinung mit diversen Verzierungen in Form von wallenden Stoffen, Federn, Schmuck und Ranken. Letztere winden sich vor allem um den Oberkörper der Figur und ihre Unterschenkel. Gleichzeitig dienen die Stoffe sowie die Ranken als Kleidungsstücke, die Brust- und Hüftbereich bedecken. Die Tücher zur linken und rechten Seite der Figur sind, der Grundform eines Kegels entsprechend, kreisförmig um die Figur drapiert. Die Signatur der Urheberin befindet sich unmittelbar oberhalb dieses Kreises in der rechten mittleren Bildhälfte. 7.3.4 Bildanalyse „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ Die vorliegende Zeichnung weist in Hinblick auf Bildkomposition, Raumorganisation und Farbgebung deutliche Ähnlichkeiten mit den vorangegangenen bildnerischen Produktionen auf und fügt sich damit in das bereits mehrfach diskutierte Muster der Topmodel-Zeichnungen. Gleichzeitig fallen mit Blick auf die Bildkomposition Unterschiede auf. Der einzige und damit zentrale Bildgegenstand in Form einer weiblichen Figur befindet sich in diesem Fall sitzend in der Bildmitte. Der Titel des Bildes verrät, dass es sich bei der Bildfigur um Nyx, die griechische Göttin der Nacht handelt. Aufgrund der Sitzposition, die eine kegelförmige Körperhaltung erzeugt, füllt die Figur in Kombination mit diversen Ausschmückungen die untere Bildhälfte beinah komplett aus. Die obere Bildfläche wird zur Hälfte durch das zentrale Bildmotiv eingenommen. 158 Der offene, unverwandte Blick der Bildfigur auf den Betrachter sowie der zu ihm gewandte Oberkörper, der kaum bekleidet ist, stehen der eher verschlossenen Sitzposition mit angewinkelten, den Schritt bedeckenden Beinen gegenüber. Ebenso gegensätzlich erscheint die Eindeutigkeit ihrer irdischen Herkunft aufgrund von äußeren, dem menschlichen Wesen eigenen Merkmalen zu den überirdisch anmutenden Motiven (Mond, Sterne, heller Lichtkranz, der die Konturen der Göttin umgibt). Es ist das Spiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, das der Bildwirkung zugrunde liegt. Diese Wirkung wird durch die Gestaltung des Bildraumes unterstützt. Flächentiefe ist aufgrund der Tatsache, dass die zentrale Bildfigur zu keinen weiteren Bildelementen in Bezug gesetzt werden kann und der Bildraum nicht näher definiert ist (z. B. mithilfe von Bodenlinien), nicht auszumachen. Vielmehr scheint die griechische Göttin der Nacht auf der Bildfläche zu schweben. Eine imaginäre Bodenlinie lässt sich lediglich mithilfe der Beinposition der Bildfigur beziehungsweise des drapierten Stoffes, der die Figur umgibt, ausmachen. Die einfarbige Gestaltung des Hintergrundes in einem kräftigen Petrol sorgt zwar auch in dieser bildnerischen Produktion für eine plakative Bildwirkung. Dennoch erscheint die fehlende Gestaltung des Hintergrundes in diesem Fall weniger störend, da das Motiv der Göttin ohnehin meist mit himmlischen Sphären in Beziehung gesetzt wird und die farbliche Gestaltung somit einer gewissen ‚Sinnhaftigkeit‘ folgt. Die gesamte farbliche Gestaltung dieser bildnerischen Produktion fügt sich in das bereits bekannte Farbkonzept der Topmodel-Zeichnungen. Die Zeichnung präsentiert sich in einem Meer aus Blautönen, die für einen besonders auffälligen Simultankontrast sorgen. Während der Hintergrund, wie bereits erwähnt, in einem changierenden Petrol koloriert ist, präsentiert sich die Bildfigur in der Kleidung und Verzierung in unterschiedlichen Blauabstufungen von Azur über Mittelblau bis Indigo. Dem gegenüber steht die Hautfarbe der Bildfigur in Beige bis Dunkelbraun. So entsteht an einigen Stellen zwischen dem Beige der Haut und den dunklen Blautönen der Umgebung ein Hell- Dunkel-Kontrast. Die Dominanz der Farbe Blau fügt sich passgenau in die Erwartungen an ein Bild, das den Titel „Nyx, griechische Göttin der Nacht“ trägt. Die unterschiedlichen Blautöne, die Umsetzung von Licht und Schatten sowie die sanften Glitzereffekte in weißer Farbe lassen den Blick des Betrachters neugierig über die Bildfläche gleiten und geben zugleich Aufschluss über eine sehr überlegte Vorgehensweise bei der Farbwahl. Kein Farbton scheint dem Zufall überlassen. Mit Blick auf die Farbgebung ergibt sich folgende Schlussfolgerung: Nichts stört, es überrascht jedoch auch ebenso wenig. Damit reiht sich die bildnerische Produktion von Moddeline in das bereits bekannte Farbschema der besonders erfolgreichen Topmodel-Zeichnungen im Forum. Zur himmlischen Atmosphäre aufgrund der eindeutigen Farbigkeit gesellen sich die Nacht symbolisierenden Merkmale wie Mond und Sterne. Die Mondsichel ist in der vorliegenden bildnerischen Produktion zehnmal vorhanden. Ein Meer aus Sternen legt sich schimmernd über die Stoffe, die die Figur umhüllen. In der Betonung dieser nächtlichen Symbole wird die einzig kindliche Spur sichtbar, die in dieser Zeichnung zu finden ist. Ein Motiv identifi- 159 zieren zu können, ist für viele Kinder und Jugendliche ein Qualitätsmerkmal für eine gelungene Zeichnung. Dem Betrachter, der beim Zeichenprozess nicht anwesend war, mit dem ersten Blick zu verstehen zu geben, worum es sich bei dem ausgewählten Motiv handelt, erscheint äußerst bedeutungsvoll. Moddeline versieht ihre Zeichnung mit allen Merkmalen, die das allgemeingültige Bild der Nacht widerspiegeln. Neben dem Titel sorgen so auch die einzelnen Bildelemente für eine problemlose Einordnung des Motivs in einen bestimmten Kontext. Auf ihrer Pinnwand, auf der Moddeline sowohl zu ihrer Zeichentechnik als auch zur Inspiration für das Motiv der Göttin Nyx befragt wird, gibt sie an, sich sehr für griechische Mythologie zu interessieren. Neben dem mythologischen Einfluss ist eindeutig auch die Bezugnahme auf die in den Topmodel-Malbüchern verbreiteten Fantasy-Themen zu erkennen. Der Begriff der Fantasie ist einer, der in der Topmodel-Community ungewöhnlich häufig – sowohl vonseiten der Zeichnerinnen als auch des Herstellers – mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen verwendet wird. Der häufig wenig reflektierte Umgang mit diesem und anderen Begriffen wie Kreativität, Kunst oder Ideenreichtum suggeriert zum einen von Urheberseite ein kreativitätsförderndes und fantasieanregendes Angebot und zeigt zum anderen auf der Seite der Konsumentinnen, dass sie dieses Versprechen annehmen und glauben, das Zeichnen zur Topmodel-Serie er- öffne ihnen unendlich viele Möglichkeiten. Die Zeichnungen, die in diesem Kapitel analysiert wurden, widerlegen diese Suggestion. Es geht nicht darum, die zeichnerischen Fähigkeiten der Urheberinnen in Frage zu stellen oder gar herabzusetzen, sondern kritisch zu hinterfragen, inwiefern das Mal- und Zeichenangebot der Topmodel-Serie zu eigenen Ideen anregt. Moddelines Zeichnung mit der griechischen Göttin Nyx als Hauptfigur stellt in dieser Diskussion ein lohnendes Beispiel dar. Offensichtlich gilt ihr persönliches Interesse der griechischen Mythologie; nicht unbedingt ein Mainstreamthema 14- bzw. 15-jähriger Mädchen. Umso spannender erscheint, was die Urheberin daraus macht. Zudem inspirierte das Motiv viele Künstlerinnen und Künstler. Der Gedanke ließe sich nicht zu Ende denken, ohne an dieser Stelle eines der wohl berühmtesten Werke zur griechischen Mythologie von Sandro Botticelli mit dem Titel „Die Geburt der Venus“ aus dem Jahr 1485/86 zu erwähnen. Jede Topmodel-Zeichnung – ganz gleich, wie außergewöhnlich die Idee dahinter auch sein mag – reiht sich auch nach stundenlanger Gestaltung durch die Zeichnerin in das bekannte Schema und bleibt damit stets als Topmodel-Zeichnung erkennbar. Sie gibt in seltenen Fällen Aufschluss über ihre Urheberin. Die Spuren führen auch dann noch zu den Urhebern der Kreativserie zurück, wenn ein Mädchen die Bildfläche längst zu ihrer eigenen gemacht hat. So präsentiert sich Moddelines Interpretation der Göttin Nyx in gewohnt widersprüchlicher Manier, fügt sich gleichzeitig, vermutlich eher unbewusst als bewusst, in das weit verbreitete Bild einer Göttin, die Gegensätze in sich vereint. Neben Vertrautheit und Fremde sind es in diesem Bildbeispiel die Widersprüche von Gut und Böse, Unterwerfung und Macht, Unschuld und Verführung, Mädchen und Frau, die die Bildfigur in sich vereint. Die meisten dieser Gegensatzpaare lassen sich in jeder anderen Topmodel-Zeichnung genauso wiederfinden. 160 Auch hier wird einmal mehr die Absurdität des Gegensatzes Unschuld und Verführung sichtbar, eng verbunden mit dem Bild Kind (Mädchen) vs. Erwachsene (Frau) und nicht zuletzt auch mit dem Gegensatz von Unterwerfung und Macht. Auf der einen Seite präsentiert sich die Figur der Nyx auffällig verhüllt in Stoffe und Federn, auf der anderen Seite zeigt sie viel nackte Haut und einen kaum bedeckten Oberkörper, der den Blick auf das Dekolleté freigibt. Gerade so viel, dass die Fantasie des Betrachterauges angeregt wird. Der nach vorne gestreckte Brustkorb und die seitlich geneigte Hüfte tun ihr Übriges. Dem gegenüber steht, wie gewohnt, das kindliche Gesicht, dessen herzförmige Konturen durch den Kopfschmuck besonders betont werden. Dem gegensätzlichen Bild von Unterwerfung und Macht kommt eine besondere Bedeutung zu. Die halb nackte Bildfigur unterwirft sich dem voyeuristischen Blick des Betrachters, ist ihm fast schutzlos ausgeliefert. Gebrochen wird dieses Bild durch die selbstbewusste Körperhaltung der Bildfigur sowie den an ein Zepter erinnernden Gegenstand, den sie in der rechten Hand hält. Aus der Bekrönung in Form einer um 90 Grad gedrehten Mondsichel kommen dunkelblaue Flammen zum Vorschein, ein ebenso symbolträchtiges Bildelement, das die Unschuld der Bildfigur ins Gegenteil verkehrt. Die Göttin Nyx wird so zur Herrscherin über die Nacht, über dunkle Mächte, die in ihr zum Vorschein kommen. Es ist fraglich, ob die Urheberin ähnlich komplexe Gedanken zu ihrer bildnerischen Gestaltung beschäftigten, wie weit ihr Wissen um die griechische Mythologie reicht und welche Botschaft sie mit dem Motiv vermitteln wollte. Tatsache ist, dass das Motiv trotz der Einseitigkeit seines Ursprungs diverse Interpretationsmöglichkeiten zulässt. Gleichzeitig führen die Überlegungen immer wieder zu den bereits bekannten Bildbotschaften zurück, die über die Topmodel-Zeichnungen transportiert werden. Die Userinnen im Forum kommentieren vor allem die Bildidee sowie die technische Ausarbeitung und heben besonders gelungene Details hervor. Sie finden Moddelines bildnerische Produktion „krass gut! J“, „Wunderschön“, denn „Genauso hätte ich mit Nyx vorgestellt“, „einfach wahnsinn“ und „echt der hammer“. Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, sind überwältigt von Moddelines zeichnerischen Fähigkeiten. Sie finden ihre Bilder „magisch“, bitten sie mehrfach um eine Widmung (ihre Einstellung dazu wurde bereits in der Beschreibung ihres Profils bekannt gegeben) und bezeichnen sich selbst als Fan von ihr. Besonders beeindruckt sind die übrigen Userinnen von der Plastizität der Zeichnung, der präzisen Ausarbeitung der Details sowie der Gestaltung des Hintergrundes („OMG diese Schatten, Falten und Farben < 3 Du haust mich immer wieder um! < 3“, „ein blauer traum *O* einfach genial :) voll die schönen details und eine super idee“ oder „wow wei hast du den hintergrund hihngekriegt?!?“). Insbesondere die Aussage zur Hintergrundgestaltung erscheint mit Blick auf die bereits geführte Diskussion zu diesem Thema interessant und unterstützt die Beobachtung, dass eine detaillierte Ausarbeitung des Hintergrundes in der Topmodel-Community kein Qualitätsmerkmal zu sein scheint. Im Gegenteil: Die Kolorierung der Bildfläche in einer Farbe wird sogar besonders hervorgehoben, wenn sich diese besonders harmonisch in das Farbschema der Zeichnung fügt und unterschiedliche Schattierungen aufweist. 161 Ebenso auffällig erscheint die Bezeichnung des Bildes durch die Userin sweetcheesecake als „einzigartig“. Diese Aussage ist, wirft man ein Blick auf die ‚Pinnwände‘ anderer Userinnen, kein Einzelfall. Was sich darin widerspiegelt, ist der Erfolg des Konzepts des ‚Creative Studio by Depesche‘, den Mädchen das Gefühl zu vermitteln, in der ‚Mal- und Zeichenschule‘ der Serie kreativ werden zu können, um zu individuellen Zeichnungen zu gelangen. An dieser Stelle, die das Ende der Bildanalysen aus dem Forum einleitet, lohnt sich ein Blick auf alle bildnerischen Produktionen, die im Rahmen dieser Analysen vorgestellt wurden. Welche Zeichnung gehört zu welcher Urheberin? Welche Merkmale machen die Handschrift der einen und der anderen aus? Was ist ‚typisch‘ für die bildnerischen Produktionen der einen und der anderen Zeichnerin? Lassen sich Antworten auf diese Fragen finden? 7.4 Reflexion der Ergebnisse Die Analyse der ästhetischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline haben nicht nur im Hinblick auf die Kinder- und Jugendzeichnungsforschung, sondern auch und vor allem im Bezug auf die Genderforschung wesentliche Fragen aufgeworfen. Beide Forschungsbereiche sollen im Zuge dieses Kapitel im Rückblick auf die analysierten Bildbeispiele der Topmodel-Userinnen noch einmal genauer beleuchtet und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Beobachtungen, die aus den vorangegangenen Analysen gefiltert werden können, divergieren partiell mit den Ergebnissen, die aus den im Rahmen dieser Forschung durchgeführten Interviews gesichert werden konnten. Dies erklärt sich durch die Unterschiede von öffentlichem und privatem Raum, Fanart-Forum und Kinderzimmer. Die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen wirft spannende Fragen auf, die nach Vorstellung der Untersuchungsergebnisse (s. Kapitel 8) diskutiert werden. Die folgenden Überlegungen beziehen sich ausschließlich auf die Benutzerinnen des Topmodel-Forums und ihre bildnerischen Produktionen, für die Siley, Nici-99 und Moddeline stellvertretend stehen. In Kapitel 1 wurde bereits eindrücklich geschildert, wie sehr die Kinder- und Jugendzeichnung dem kulturellen Wandel unterliegt, der mit gesellschaftlichen, politischen, aber auch ökonomischen Veränderungen einhergeht.209 Auch Wiegelmann-Bals, die in dieser Arbeit schon mehrfach zitiert wurde, konnte konkrete Veränderungen in Kinderzeichnungen ausmachen und diese in Beziehung zu der immer stärker werdenden Präsenz von Medien in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen setzen.210 Die in der Untersuchung veröffentlichten Kinderzeichnungen sind etwa 12 Jahre alt. Im Vergleich zu den aktuellen Bildern aus dem Forum wird deutlich, dass die Kinder- und Jugendzeichnung mit neuen Phänomenen konfrontiert wird und noch einmal neu in den Blick genommen werden muss. Die Zeichnungen der Topmodel-Fanartists Siley, Nici-99 und Moddeline zeigen in zweierlei Hinsicht, dass sie von aktuellen Entwicklungen geprägt sind. Zum einen zeigt die Analyse der Hilfsmittel und der Maltechnik, dass die Zeichnungen zunehmend mithilfe digitaler Bildbearbeitungsprogramme gestaltet werden. Traditionelle 209 Vgl. Kirchner (u. a.) 2010. 210 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 162 Zeichenmaterialien, wie z. B. Blei- oder Buntstifte, haben zwar immer noch nicht ausgedient, werden jedoch durch neue Techniken ergänzt. Zum anderen ist deutlich geworden, dass die Bildmotive eindeutig medial geprägt sind. Beide Entwicklungen haben mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen eines gemeinsam: Sowohl Hilfsmittel wie Copic-Marker oder digitale Bildbearbeitungsprogramme als auch die Vorlagen der Topmodel-Kreativserie sorgen für eine insgesamt vereinfachte Form der ästhetischen Aktivität und führen zu idealisierten Zeichnungen, die sich an stereotypen Schemata orientieren. Die Topmodel-Vorlagen, die in Malbüchern und in der Zeichenschule der Kreativserie zu finden sind, lassen, dies wurde bereits mehrfach kritisiert, kaum Platz für individuell-zeichnerische Ideen der Fanartists. Da sich die Zeichnungen im Forum allesamt auf ein einziges Bildmotiv, das Model, beschränken, unterscheiden sie sich nur geringfügig voneinander. Obschon die Zeichnerinnen versuchen, ihre bildnerischen Produktionen thematisch voneinander abzugrenzen, gelingt es ihnen nicht, ihren Zeichnungen eine individuelle, unverwechselbare Handschrift zu verleihen. Dafür sind die Vorlagen zu genau, die Motive zu sehr festgelegt. Betrachtet man die Zeichnungen von Siley, Nici-99 und Moddeline im Vergleich, ist kaum auszumachen, welche Zeichnung von welcher Userin angefertigt wurde. Die sechs analysierten Zeichnungen könnten ebenso von einer wie auch von sechs verschiedenen Mädchen sein. Hierbei spielen jedoch auch die Hilfsmittel eine wesentliche Rolle. Der Copic-Marker ermöglicht aufgrund sieben austauschbarer Spitzen mit unterschiedlichen Breitegraden ein besonders gleichmäßiges Ausfüllen großer Farbflächen. Dadurch wird der Duktus des Stiftes unsichtbar, farbige Flächen wirken wie gedruckt und unterscheiden sich kaum von den Bildflächen, die mithilfe eines digitalen Bildbearbeitungsprogramms koloriert wurden. Auf ähnliche Weise funktioniert es mit den mit Wasser vermalbaren Colour-Grip-Stiften, die vor allem die Userin Moddeline für die Anfertigung ihrer bildnerischen Produktionen nutzt. Wesentliche Aspekte einer Bildanalyse, wie z. B. der Duktus oder die Linienführung, können in diesem Fall nicht untersucht werden, da sie in den vorliegenden Topmodel-Zeichnungen nicht mehr sichtbar sind. Die Kritik, die dabei laut wird, richtet sich nicht gegen die Zeichnerinnen, möchte ihre bildnerischen Produktionen keineswegs entwerten. Eine Entwertung der Kinder- und Jugendzeichnung im Allgemeinen und der Zeichnungen, die auf Grundlage der Topmodel-Malbücher entstehen, im Besonderen haben die Hersteller des Produkts zu verantworten. All die Merkmale, die eine Kinderzeichnung zu etwas ganz Besonderem machen, wie beispielweise die Freude am Experimentieren, die aus dieser Freude heraus resultierenden beinah expressiven Bildmotive, die unverwechselbare Beobachtungsgabe der Welt, die in dieser Weise dem Kind eigen ist, all das wird bei den Topmodel-Zeichnungen wertlos. Und nicht nur das: Es wird im Keim erstickt. Es scheint, als ließe die Kreativserie Kind- beziehungsweise Mädchensein gar nicht zu, als ginge es vielmehr darum, sich davon zu distanzieren, die Kindheit hinter sich zu lassen, diesen schutzbedürftigen und wertvollen Raum zu verlassen. Statt der genannten Analysekriterien rücken nun andere, der Topmodel-Ästhetik eigene Merkmale in den Vordergrund, die zur Deutung und Erklärung eines Bildes beitragen. Aus diesem Grund fordert die Analyse der Topmodel-Zeichnungen eine neue Sichtweise, die das traditionelle Handwerkszeug für eine Bildanalyse um zusätzliche Beobachtungen ergänzt. Deswegen müssen auch Beobachtungen zu Veränderungen in der Kinderzeichnung und mögliche Gründe dafür, wie Wiegelmann-Bals sie formuliert hat, in Bezug auf die Topmodel-Zeichnungen differenziert diskutiert werden. 163 Aus den Analysen ist bereits hervorgegangen, dass einige von Wiegelmann-Bals gemachte Beobachtungen durchaus auch auf die Zeichnungen der Topmodel-Userinnen zutreffen. Grundlegende Veränderungen konnte sie vor allem mit Blick auf die Bildkomposition, die Raumorganisation und die Farbwahl ausmachen. Da diese Aspekte im Zuge der Analysen bereits ausreichend beobachtet und erläutert wurden, soll an dieser Stelle nicht noch einmal genauer darauf eingegangen werden. Es kann jedoch festgehalten werden, dass auch die Zeichnungen von Siley, Nici-99 und Moddeline hinsichtlich der genannten Analysepunkte einen Mangel an kompositorischer Vielfalt, Raumtiefe und farblicher Ausdruckskraft aufweisen. Die Vermutung, dass ein veränderter Modus der Kulturaneignung für die Veränderungen in der Kinderzeichnung verantwortlich sei, erscheint insgesamt logisch und für die in der Studie von Wiegelmann-Bals herausgestellten Beobachtungen absolut folgerichtig, spiegelt sich jedoch in den Zeichnungen der Topmodel-Userinnen nicht in derselben Weise wider. Da die Zeichnungen von Siley, Nici-99 und Moddeline exemplarisch für die ästhetischen Produktionen im Topmodel-Forum herangezogen wurden, stellen die folgenden Beobachtungen kein Einzelphänomen dar, sondern können durchaus als für die Topmodel-Fanart typische Merkmale verstanden werden. Während Wiegelmann-Bals den veränderten Modus der Kulturaneignung auf die Beobachtung stützt, dass Kinderzeichnungen zunehmend, vor allem von Jungen, als Handlungsspielräume begriffen werden, präsentieren sich die Models unbewegt, geradezu fixiert. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Malvorgaben der Kreativserie nicht darauf ausgelegt sind, die Bildfläche szenisch zu gestalten. Die ‚typische‘ Topmodel-Zeichnung zeigt in der Regel ein Model, das sich in einer bestimmtem Pose dem Betrachter präsentiert. Nur selten beinhalten die Malbücher Variationen mit zwei oder drei Bildfiguren. Dadurch erscheinen die Zeichnungen sehr statisch. Die Figuren unterscheiden sich nur in ihrer Ausgestaltung voneinander, und auhc das nur in sehr geringem Maße, ihre Silhouette ist, abgesehen von einigen wenigen Veränderungen (z. B. ausgestrecktes Bein statt vorangestelltes, Arm in die Hüfte gestützt statt Arm über Kopf) immer gleich. Das Interesse der Zeichnerinnen sowie ihrer Kritikerinnen liegt vor allem an der Gestaltung der Figur, nicht aber an einer besonders abwechslungsreichen Darstellungsweise. Da es sich bei den Topmodel-Zeichnungen jedoch um ein exklusives Phänomen handelt, dessen besondere Merkmale nicht pauschalisiert werden können, ist diese Beobachtung mit Blick auf Kinder- und Jugendzeichnungen eher die Ausnahme statt die Regel. Die Problematik, dass sich die bereits mehrfach erwähnten Veränderungen in den Kinderzeichnungen auch durch einen Mangel an zeitlichen Ressourcen für die Ausbildung zeichnerischer Fähig- und Fertigkeiten ergeben211, muss mit Blick auf die bildnerischen Produktionen im Topmodel-Forum ebenfalls differenzierter betrachtet werden. Zweifelsohne beruht der große Erfolg des ‚Creative Studio by Depesche‘ unter anderem auch darauf, dass Zeichnen durch Malvorlagen, Anleitungen und Schablonen so leicht gemacht wird, dass selbst die Mädchen, die sich in ihrer Freizeit eher selten dem bildnerischen Arbeiten widmen, den Weg dorthin finden. Die genauen Anleitungen in der Zeichenschule und die 211 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 164 Malvorlagen führen schnell zum Erfolg. Auf diese Weise wird das Zeichnen deutlich vereinfacht und erfordert in den ersten Schritten nicht viel mehr als das Ausmalen von bereits vorgegebenen Flächen. Nach mehrfacher Übung können die Mädchen dann auch eigene Figuren entwerfen (s. Arbeiten von Siley, Nici-99 und Moddeline). Diese unterscheiden sich in der Regel jedoch unwesentlich von den üblichen Malvorlagen. Geradezu beunruhigend erscheint die Beobachtung, dass die Bildfiguren der Urheberinnen die Absurdität der Proportionen der Topmodel-Vorlagen auf die Spitze treiben. Köpfe werden noch größer, Taillen noch schmaler, Beine dünner und länger. Die Malvorlage scheint vom Blatt Papier direkt in die Köpfe der Mädchen gelangt zu sein, ist zu einem festen Bestandteil bildnerischen Denkens geworden. So funktioniert, vereinfacht gesagt, ästhetische Sozialisation. Tatsächlich ist es so, dass die Mädchen im Topmodel-Forum sehr viel Zeit in ihre Zeichnungen investieren. Dies beweist nicht nur die sehr präzise Ausarbeitung der Topmodel-Darstellungen, sondern auch die Anzahl der veröffentlichten Exponate im Forum. Zaremba konnte, wie bereits erwähnt, ähnliche Beobachtungen in Fanart-Foren dokumentieren. Ein Mangel an realen Erfahrungen, den Wiegelmann-Bals im Rahmen ihrer Untersuchung für die Veränderungen in der Kinderzeichnung verantwortlich macht, scheint eine ganz aktuelle Problematik der Kindheit und Jugend darzustellen, hat jedoch im Hinblick auf die Topmodel-Zeichnungen nicht die Folge, dass die Zeichnungen weniger differenziert ausgearbeitete Formen beinhalten. Die Analysen der bildnerischen Produktionen haben gezeigt, dass die Bildfiguren sehr präzise ausgearbeitet sind. Die Zeichnerinnen legen großen Wert darauf, die Kleidung der Figuren mit vielen Details zu versehen und sie möglichst realistisch darzustellen (zum Beispiel auch durch die Verwendung von Copic-Markern). Ähnliche Beobachtungen wurden auch in diversen Studien zu Geschlechtsunterschieden in der Kinderzeichnung gemacht. „Mädchen schenken beim Zeichnen der menschlichen Figur häufig mehr Aufmerksamkeit, sei es durch Größe der Darstellung oder auch durch die besseren Proportionen und die größere Anzahl ausgearbeiteter Details“.212 Die menschliche Figur stellt insgesamt ein sehr beliebtes Bildmotiv in Mädchenzeichnungen dar.213 Diese Erkenntnis scheint für den Erfolg der Kreativserie nicht unwesentlich. Obschon die dargestellten Beobachtungen mit der These von Wiegelmann-Bals in diesem Punkt nicht konform gehen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Gestaltung der übrigen Bildfläche ihre These durchaus stützt. Die präzise Ausarbeitung der Bildfigur täuscht über weitere, fehlende Bildelemente hinweg, da sich der Betrachter in erster Linie auf die weibliche Figur konzentriert. Ein letzter Grund für die Veränderung von Kinderzeichnungen stellt nach Wiegelmann-Bals die Standardisierung stereotyper Zeichenschemata dar.214 Dass die Topmodel-Zeichnung geradezu ein Paradebeispiel für diese Beobachtung ist, scheint nach eingehender Betrachtung der bildnerischen Produktionen unumstritten. Die Tendenz zu bildnerischen Adaptionen von medialen, stereotypen Motiven mit dem Ziel der Perfektionierung, welche auch der Identitätsbildung und Alltagsbewältigung dient, steht neben dem abgekoppelten Bereich der freien zeichnerischen Darstellung und einer offenen Ausdruckskultur.215 212 Dorner 1999, S. 98. 213 Vgl. ebd. 214 Vgl. Wiegemann-Bals 2009. 215 Ebd., S. 37. 165 Die Zeichnungen der Topmodel-Userinnen zeigen, dass aufgrund dieser stereotypen Zeichenschemata unendlich viele Reproduktionen entstehen, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden und insgesamt so ähnlich sind, dass nicht einmal mehr ausgemacht werden kann, welche Arbeit von welcher Zeichnerin angefertigt wurde. Die klaren Vorgaben der Kreativserie verhindern außerdem, dass sich die Mädchen eigenständig Gedanken zu der Umsetzung ihres Motivs machen und ihre Zeichnungen mit eigenen Ideen individuell gestalten. Ihnen bleibt kaum eine Möglichkeit, ihre eigene Wahrnehmung zu nutzen, um Bildmotive so darstellen zu können, wie sie tatsächlich von ihnen empfunden werden. Es scheint, als habe Individualität in der Topmodel-Community generell wenig Platz. Die Gründe für den großen Erfolg von stereotypen Zeichenschemata (zum Beispiel auch in der Mangazeichnung) sind vielfältig. Dass sie vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen so beliebt sind, mag auch daran liegen, dass der Übergang von Kindheit zum Jugendalter häufig mit einer Krise ästhetisch-produktiver Aktivitäten einhergeht. Viele Jugendliche meinen, ihren Ansprüchen an die eigenen zeichnerischen Fähigkeiten nicht gerecht werden zu können und wenden sich häufig von ihnen ab. Stereotype Schemata erleichtern das Zeichnen, geben konkrete Anleitungen und führen schnell zum Erfolg. Damit scheint die Krise schnell überwunden. Richter benennt dieses Phänomen konkret mit dem Begriff der adaptierten Repräsentation.216 Einen wesentlichen Grund für die Übernahme von Motiven sieht Richter außerdem darin, dass im Übergang zur Jugendphase Wert darauf gelegt wird, die eigene Zeichnung möglichst so anzufertigen, dass sie sich kaum von den Zeichnungen anderer unterscheidet. Es geht nicht darum, mit seinem Produkt aufzufallen. Im Gegenteil ist der Wunsch nach Angleichung in dieser Zeit besonders groß.217 Im Fall der im Fanart-Forum veröffentlichten Zeichnungen spielt außerdem eine hohe Resonanz durch andere Mitglieder eine erhebliche Rolle, die sich positiv auf die Zeichenaktivität der Mädchen auswirkt. Insgesamt wird deutlich, dass die von Wiegelmann-Bals formulierten Beobachtungen nicht deckungsgleich auf die Topmodel-Zeichnungen übertragen werden können. Ihre Analyse der jeweiligen Phänomene erscheint mit Blick auf das mediale Zeitalter und seine Auswirkungen auf die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen absolut einleuchtend, muss jedoch hinsichtlich der im Rahmen dieser Arbeit analysierten Zeichnungen modifiziert bzw. ergänzt werden. Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei den Topmodel-Zeichnungen um ein bestimmtes Phänomen handelt, das eine besondere analytische Herangehensweise fordert. Hinzu kommt, dass zwischen den von Wiegelmann-Bals untersuchten Zeichnungen und den ästhetischen Produktionen, die in dieser Arbeit vorgestellt wurden, 12 Jahre liegen, in denen vor allem mit Blick auf mediale Einflüsse enorme Veränderungen in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen stattgefunden haben. Da bereits in den Bildanalysen selbst auf genderspezifische Fragestellungen aufmerksam gemacht wurde, sollen an dieser Stelle in Kürze noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst werden. Die bildnerischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline 216 Vgl. Richter 1997. 217 Vgl. ebd. 166 haben verdeutlicht, dass die Diskussion über Geschlechterstereotype hinsichtlich der in der Topmodel-Community vermittelten Inhalte absolut notwendig ist. Die Topmodel-Ästhetik vermittelt im Wesentlichen drei Botschaften: 1.) Frau sein bedeutet attraktiv sein, 2.) Bist du es nicht, arbeite daran/ Bist du es, dann zeige es, und 3.) Wenn du es zeigst, bist du beliebt/ erfolgreich. Dieses Bild von ‚Weiblichkeit‘ ist keinesfalls exklusiv im Topmodel-Forum zu finden. Das Portal bietet lediglich eine besonders günstige Plattform, um das Bild an junge, beeinflussbare Mädchen heranzutragen. Die Botschaften sagen viel über die Gesellschaft aus: „Über einen neuen Konservatismus, der kleine Mädchen zu einem Stereotyp erzieht, das längst überholt schien“.218 Dass es über die Topmodel-Community gelingt, dieses Bild von ‚Weiblichkeit‘ so erfolgreich an ‚die Frau‘ zu bringen, liegt nicht zuletzt daran, dass die Akteure der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG wissen, wie sie es überzeugend ‚verpacken‘. Das Phänomen der Pinkifizierung, so kritisch es auch gesehen werden muss, erscheint in diesem Fall auch noch in einem anderen Licht: In ihrem Gewand wirken die sexistischen Darstellungen der Topmodel-Figuren deutlich weniger aufreizend. Eine äußerst erfolgreiche Strategie des Marketings. Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel sind entzückt von diesen niedlichen Topmodels, die man schminken und anziehen kann. Genau das richtige Geschenk für Mädchen, werden sie sagen, weil sie doch alle Pink und Glitzer so lieben. Das ist nur die eine Seite. Die bildnerischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline zeigen, dass die Pinkifizierung nur einen Bruchteil ihrer Topmodel-Darstellungen ausmacht. Weitaus bedenklicher erscheinen der unschuldige und gleichzeitig verführerische Blick, der den Betrachter aus den dunklen Augen mit schwarzen, geschwungenen Wimpern trifft, die laszive Körperhaltung, die knappen Shorts und kurzen Kleidchen und die langen, nackten Beine, die auf High Heels balancieren: Kleine Lolitas, die mit ihren Reizen spielen. Ein Bild, das an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen ist; eines, das längst nicht mehr nur auf dem Zeichenpapier existiert (vgl. Kapitel 6.1). Bedenkt man, dass das Topmodel-Forum uneingeschränkt öffentlich zugänglich ist und keine Kontrolle darüber besteht, wer sich darin bewegt, drängt sich unweigerlich die Befürchtung auf, dass sich nicht nur junge Mädchen für diese Bilder interessieren, sondern vermutlich auch erwachsene Männer (und Frauen), deren Interesse für das Forum aus einer anderen Motivation herrührt. Die Mädchen begeben sich durch die Freigabe persönlicher Daten im Forum nicht nur selbst in Gefahr, sondern produzieren auch Material, das von Männern mit pädophilen Neigungen missbraucht werden kann. Dass Gespräche mit Kindern über die angemessene Nutzung von Internetportalen wesentlich für einen verantwortungsvollen und bewussten Mediengebrauch sind, steht außer Frage. Im Fall der Topmodel-Community erscheint das Gespräch über die dort vermittelten Inhalte absolut notwendig. Die im Portal verbreiteten Stereotype von Weiblichkeit dürfen nicht als selbstverständlich betrachtet werden, sondern sollten so früh wie möglich kritisch hinterfragt und mit Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit reflektiert werden. Hier stehen vor allem Familie und Eltern in der Verantwortung, die durch den häufig unbedachten Kauf von Topmodel-Produkten einen wesentlichen Grundstein für stereotypisierte Muster in der Sozialisation ihrer Töchter legen, die weit über die Kindheit und Jugend hinaus ihr Rollenverständnis prägen. Die Kreativserie Topmodel macht 218 Wiedemann 2012. 167 deutlich, in welch extremer Weise sich Prozesse wie ‚doing gender‘ in dieser Gesellschaft verbreiten lassen und meist widerspruchslos übernommen werden. Die Reflexion der Untersuchungsergebnisse hat deutlich werden lassen, dass sich die Kinderzeichnung in vielerlei Hinsicht verändert hat. Vor allem die Wahl der Motive ist dabei ausschlaggebend. Es konnte dokumentiert werden, dass Kinder und Jugendliche immer noch bildnerisch aktiv sind. Eine bedeutende Veränderung zeigt sich aber in der Art und Weise, wie bildnerische Produktionen angefertigt werden. Die traditionellen Bildtechniken haben zwar nicht abgedankt, werden jedoch zunehmend durch digitale Hilfsmittel ergänzt. Auch die Kontexte, in denen Kinder und Jugendliche aktiv werden, sind andere. Wesentlich bleibt jedoch die Funktion von Kinder- und Jugendzeichnungen als Kommunikationsinstrument. Selbst wenn Kinder und Jugendliche ihre Gedanken und Gefühle längst versprachlichen können, nutzen sie die Zeichnung als Mittler ihrer inneren Gefühlswelt. Dies ist ein Grund von vielen, warum die Kinder- und Jugendzeichnung nicht nur für die Forschung, sondern auch für Erzieher, z. B. Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, ein einzigartiges und ernst zu nehmendes Phänomen bleibt. Die Analysen der bildnerischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline haben gezeigt, welche Botschaften sich hinter den Zeichnungen verbergen, die Aufschluss über die Gefühls- und Gedankenwelt der Zeichnerinnen geben. Doch nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht bleibt das Gespräch mit den Zeichnerinnen ein hilfreiches und sinnvolles Mittel, um die Absichten der Mädchen zu verstehen und wilde Spekulationen zu vermeiden. 169 8. Methode 8.1 Problemstellung Das Forschungsvorhaben zur Untersuchung von Mädchenzeichnungen zur Kreativserie Topmodel wurde mithilfe einer qualitativen Empirie untermauert. Grundlage dieser Methode ist ein verstehend-interpretativer Forschungsansatz, der nicht auf Repräsentativität abzielt, sondern die „Sinnbedeutungen der erhobenen Daten ergründen will und sich dabei der Interpretation bedient.“219 Die methodologische Vorgehensweise stützt sich auf Erkenntnisse von Flick, Kardoff und Steinke (2007), die in ihrem Handbuch einen repräsentativen Überblick über „die gegenwärtige Landschaft der qualitativen Forschung mit ihren erkenntnistheoretischen Grundannahmen, theoretischen Hauptlinien, methodologischen Grundpositionen und der Methodenentwicklung“220 geben. Während „[s]tandardisierte Methoden für die Konzipierung ihrer Erhebungsinstrumente […] eine feste Vorstellung über den untersuchten Gegenstand [benötigen], [kann] qualitative Forschung für das Neue im Untersuchten, das Unbekannte im scheinbar Bekannten offen sein.“221 Diese Offenheit ist Voraussetzung für die vorliegende Untersuchung, die auf eine vertrauensvolle Gesprächssituation, authentische Äußerungen seitens der Probandinnen sowie auf flexible Handlungen beider GesprächspartnerInnen angewiesen ist. Die qualitative Forschung ermöglicht eine größere Nähe „als andere Forschungsstrategien, die eher mit großen Zahlen und stark standardisierten, dadurch auch stärker objektivistischen Methoden und normativen Konzepten […] arbeiten.“222 8.1.1 Konzeption des Interviewleitfadens Im Gegensatz zu quantitativen Erhebungen ermöglicht die qualitative Forschung eine deutlich flexiblere Gesprächsführung, die den jeweiligen GesprächspartnerInnen und ihren unterschiedlichen kommunikativen Bedürfnissen gerecht werden kann.223 Diese Art der Gesprächsführung verlangt nach einem Gesprächskonzept, das weder völlig frei von leitenden Fragen noch strikt an diese geknüpft ist. Die Lösung lag folglich in „relativ flexibel [einsetzbaren] teilstandardisierte[n] Interviews“224, wie sie Hopf als eine Möglichkeit der Gesprächsführung unter mehreren beschreibt. 219 Schachtner 2014, S. 16. 220 Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines: Was ist qualitative Forschung? Ein Überblick. In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung – Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2007. S. 11. 221 Ebd., S. 17. 222 Ebd., S. 17. 223 Vgl. ebd. 224 Hopf, Christel: Qualitative Interviews – Ein Überblick. In: In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung – Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2007. S. 351. 170 Die Schwierigkeit bei der Erstellung der Interviewfragen lag in der Praxis auch darin, dass die Art und Weise der Beschäftigung der Probandinnen mit der Kreativserie Topmodel vorab nicht bekannt war. Das breit aufgestellte Angebot des ‚Creative Studio by Depesche‘ bietet vielerlei Beschäftigungsmöglichkeiten, die nicht zwangsläufig an ästhetisch-produktive Aktivitäten geknüpft sind. Auch die Antwort auf die Frage, ob sich die Mädchen in dem in dieser Arbeit vielfach diskutierten und analysierten Topmodel-Forum aufhielten, war vorab nicht bekannt. Der Interview-Leitfaden musste folglich so aufgestellt sein, dass alle Möglichkeiten der Beschäftigung mit der Kreativserie und daraus folgende Fragestellungen Beachtung fanden, gleichzeitig jedoch auch nicht das eigentliche Ziel aus dem Blick geriet. Der Fokus musste weiterhin auf den für die Kinder- und Jugendzeichnungsforschung relevanten Fragestellungen nach der Faszination des Mal- und Zeichenangebots, seiner Möglichkeiten und Grenzen sowie seiner Bedeutung für die ästhetisch-produktiven Aktivitäten der Mädchen und ihre zeichnerische Entwicklung liegen. Ebenso sollte die Erweiterung des Gesprächs auf genderbezogene Fragestellungen möglich sein. Auf Grundlage der bereits gewonnenen Erkenntnisse zielte ein Großteil der Fragen auf die Aktivität der Mädchen im Topmodel-Forum ab. So basierten erste Ideen auf dem Wunsch, die Mädchen während des Gesprächs durch die virtuelle Topmodel-Welt zu begleiten und über ihre Aktivität im Forum einen Einblick in ihre Beschäftigungsformen mit der Kreativserie Topmodel zu erhalten. Hierbei zeigen sich weitere Möglichkeiten eines qualitativen Interviews. Nicht nur vonseiten der Probandinnen und Probanden, auch vonseiten der/des Forschenden wird ein hohes Maß an Flexibilität gefordert. So musste die ursprüngliche Idee je nach Interviewpartnerin differenziert und angepasst werden. Bei insgesamt 500.000 Community-Mitgliedern gerät schnell in Vergessenheit, dass längst nicht alle Topmodel-Fans auch automatisch im Forum aktiv sind. Letztlich war lediglich eine Probandin ‚online‘ und leitete parallel zum Gespräch durch die virtuellen Räume der Topmodel-Website. Diese Tatsache, die erst während der Gespräche deutlich wurde, forderte ein Umdenken und Bewusstwerden der Unterschiede, die sich aus der Diskrepanz von öffentlichem und privatem Raum ergeben, und eine entsprechende Umstrukturierung des Interview-Leitfadens. 8.1.2 Performanz im öffentlichen und privaten Raum Der Begriff der Performanz gewann im Laufe dieser Forschung zunehmend an Bedeutung und erweiterte im Zuge der geführten Interviews sowie ihrer Analyse die bisher angestellten Überlegungen um wichtige Erkenntnisse. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts löste der Begriff der Performanz, durch das immer stärker werdende Medienaufkommen, den des linguistic turn, der in den Geisteswissenschaften zunehmend Diskurse bestimmt hatte, weitestgehend ab.225 Das Verständnis von Kultur im Sinne einer „Kultur als Text“ […], [das] kulturelle Phänomene und ganze Kulturen […] 225 Vgl. Fischer-Lichte, Erika: Wie wir uns aufführen. Reflexionen zum Aufführungsbegriff. In: Wie wir uns aufführen: Performanz als Thema der Kulturwissenschaften. Wien: Löcker, 2006. 171 als ein[en] strukturierte[n] Zusammenhang von Zeichen [begriff]“226, erfuhr einen Wandel. Stattdessen rückten „Tätigkeiten, Handlungen, Austauschprozesse, Veränderungen und Dynamiken“227 in den Mittelpunkt des Interesses und änderten das Verständnis von ‚Kultur als Text‘ in das der „Kultur als Performance“. 228 Da Kultur und Performanz einander ergänzende oder gar bedingende Faktoren sind, erscheint eine kurze Definition des Kulturbegriffs, von dem im Zuge dieser Überlegungen ausgegangen wird, hilfreich. Wenn man unter ‚Kultur‘ […] die Art und Weise versteht, wie sich Menschen zu jenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kraftfeldern verhalten, in die sie hineingeboren werden, die sie ertragen und in die sie eingreifen, um sich zu behaupten, so wird offensichtlich, dass Kultur nicht nur eine Summe von Beobachtungs- und Decodierungsleistungen, sondern ebenso eine Summe von Handlungsleistungen einschließt. Wir handeln mit und durch Kultur und wir verwenden ihre Artikulationsformen und Chiffren, um uns die Umwelt anzueignen, um uns ihr gegenüber zu positionieren und unsere Ziele zu realisieren.229 Bereits zu Beginn dieser Arbeit wurde auf den Einfluss des kulturellen Wandels des 21. Jahrhunderts auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen hingewiesen. Dass ästhetischproduktive Aktivitäten entgegen diverser Vermutungen weiterhin einen wesentlichen Teil der Freizeitgestaltung ausmachen, sich jedoch ihre Art und Weise sowie ihre Entstehungsräume vor allem vor dem Hintergrund neuer Medien gewandelt haben, konnten Kirchner et al. herausstellen. Vor dem Hintergrund der Überlegungen zum Verhältnis von Performanz und Kultur erscheint der Begriff des Raumes, in dem ästhetisch-produktive Aktivitäten vollzogen werden, von besonderer Bedeutung zu sein. Die in dieser Arbeit analysierten bildnerischen Produktionen von Mädchen haben ihre Bedeutung sowohl im privaten, realen als auch im öffentlich-virtuellen Raum. Dem Akt der Performanz scheint in beiden Räumen jedoch eine unterschiedliche Bedeutung zuzukommen. Diese Erkenntnis, die sich erst im Zuge der Interviewanalysen herauskristallisierte, wäre rückblickend für die Konzeption der Interviewbögen sowie die Gesprächsführung wesentlich gewesen. Vor der Durchführung der Interviews galten zunächst die Überlegungen und Ergebnisse als maßgeblich, die aus der Analyse des Fanart-Forums sowie der bildnerischen Produktionen dreier Userinnen hervorgegangen waren. Der bis dahin fehlende Vergleich von Zeichnungen, die für das Forum angefertigt wurden, und solchen, die im privaten Raum entstanden sind, missachtete die Tatsache, dass zwischen diesen beiden Räumen Unterschiede im Zeichenprozess festzumachen sind. Während der Begriff der Performanz im öffentlichen Raum, konkret im Fanart-Forum, ein bewusster zu sein scheint, der sich in der Ausarbeitung der Zeichnungen sowie der dafür investierten Zeit widerspiegelt, scheint der Begriff selbst für den privaten Raum eine deutlich 226 Ebd., S. 15. 227 Ebd., S. 15. 228 Ebd., S. 16. 229 Musner, Lutz; Uhl, Heidemarie (Hrsg.): Wie wir uns aufführen: Performanz als Thema der Kulturwissenschaften. Wien: Löcker, 2006. S. 8 f. 172 geringere Bedeutung zu haben bzw. unbewusster zu geschehen. Hier scheint der Wettbewerb, der sich aus der Veröffentlichung der Zeichnungen im Fanart-Forum automatisch ergibt, keine wesentliche Rolle zu spielen. Während beispielsweise beim Theater oder bei der Kunst (z. B. bei der künstlerischen Performance) Handeln bewusst geschieht, Handeln eine bestimmte Intention verfolgt230, vollziehen sich Handlungsprozesse im Alltag häufig unbewusst.231 In ähnlicher Weise werden diese Prozesse mit Blick auf die ästhetisch-produktiven Aktivitäten der Mädchen und deren Inszenierung im Fanart-Forum der Kreativserie Topmodel sichtbar. Diese Erkenntnis kann als substanziell für diese Forschung betrachtet werden. Gleichzeitig hätte das vorzeitige Wissen um die Bedeutung der Performanz für den Zeichenprozess eine andere Richtung in der Schwerpunktwahl der Gesprächsführung ermöglicht. Nichtsdestotrotz gilt jede Beobachtung – in welcher Phase einer Forschung sie auch gemacht wird – als gewinnbringend und wertvoll für alle darauf folgenden Überlegungen. 8.1.3 Reflexion der methodischen Praxis Der Prozess des Untersuchungsaufbaus fordert vonseiten der/des Forschenden immer auch eine Reflexion der eigenen Entscheidungen, Meinungen und Verhaltensweisen (während des Interviews). Dangendorf führt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Bourdieu (1997) an, das die Schwierigkeiten in diesem Prozess besonders treffend formuliert. So besteht für ihn „[…] der wesentliche Unterschied […] nicht zwischen einer Wissenschaft, die eine Konstruktion vollzieht und einer, die es nicht tut, sondern zwischen einer, die es tut, ohne es zu wissen, und einer, die darum weiß […].“232 So fordert die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführte Forschung die Aufdeckung und Analyse wesentlicher Fehlerquellen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: 1. Vermeidung von Hierarchie zwischen Forscherin und Probandin 2. (Umgang mit dem) Alter der Probandinnen 3. Authentizität der Gesprächssituation In Hinblick auf das stark kommunikative Potenzial qualitativer Interviews lag der Wunsch nach einer weitestgehend hierarchielosen Gesprächssituation nahe. Zu Beginn jedes Interviews wurden die Probandinnen drauf aufmerksam gemacht, dass das Treffen weniger als Interview denn als freies Gespräch geplant sei. Da der Zeitpunkt des Interviews gleichzeitig auch den ersten Kontakt zwischen Forscherin und Befragten bedeutete, lag der Fokus zu Beginn jedes Interviews auf den ersten fünf Minuten ohne Aufzeichnung, in denen Gespräche fernab vom Forschungsthema geführt werden konnten. So zeigten die Mädchen mit Stolz ihre Kinderzimmer, Sammlungen unterschiedlichster Art, sprachen über ihre Erlebnisse vom Tag oder vom Streit mit der Schwester. 230 Angerer, Marie-Luise: Was tut sich in der Kunst? Symptomatische Überlegungen. In: Wie wir uns aufführen: Performanz als Thema der Kulturwissenschaften. Wien: Löcker, 2006. S. 68. 231 Vgl. ebd. 232 Dangendorf 2012, S. 152. 173 Diese Phase des Annäherns erschien vor allem für das Ziel, die Hierarchie zwischen Interviewerin und Probandin so gering wie möglich zu halten, von Vorteil. Bourdieu formuliert diesen Wunsch mit den Worten, „die symbolische Gewalt, die durch die Interviewbeziehung zur Ausübung kommen kann, so weit wie irgend möglich zu reduzieren.“233 Als symbolische Gewalt234 bezeichnet Bourdieu „das Potenzial, Bedeutungen durchzusetzen und ihre Anerkennung zu erreichen.“235 Um den Gedanken etwas konkreter fassen und die folgenden Überlegungen nachvollziehen zu können, fordert es möglicherweise eine Erweiterung dieser Definition: Durch Bedeutungen werden Grenzen (der Berechtigung, des Einflusses, von Lebenschancen etc.) zwischen Individuen und zwischen Gruppen gezogen, deren Anerkennung als ‚natürliche‘ Grenze dann durch die symbolische Gewalt erzwungen wird. Man denke an die unterschiedlichen Rechte von Männern und Frauen oder den Unterschied zwischen dem erbberechtigten ältesten Sohn und seinen Geschwistern.236 Bei den beschriebenen Machtverhältnissen handle es sich nicht um bewusst eingeführte oder getroffene Entscheidungen, sondern vielmehr um Ordnungen der sozialen Welt, die weder Bewusststein noch Berechnung in sich trügen.237 Die vor allem in den ersten Interviews starke Lenkung durch die Forscherin stand dem Wunsch nach Machtverlagerung entgegen. Die Bearbeitung der Interviews förderte diese Problematik zutage. Gleichzeitig bestand aufgrund der engen Abfolge der Interviews kaum die Möglichkeit, diese Fehlerquelle während der Interviewphase als solche aufzudecken. Die Interviews zeigen jedoch auch, dass der ‚natürliche Lauf der Dinge‘ diese Schwierigkeit vom ersten bis zum letzten Interview zunehmend geringer werden ließ. Auch die unterschiedlich starken Redebedürfnisse der Mädchen nahmen auf diesen Prozess Einfluss. So gelang es einigen Probandinnen besser als anderen, sich auf die ungewohnte Gesprächssituation einzulassen und von sich aus, ohne auffällig starke Lenkung durch die Interviewerin, den Gesprächsverlauf größtenteils eigenständig zu leiten. Eng an die Problematik der Hierarchieauflösung geknüpft ist das Alter der Probandinnen. Der deutliche Altersunterschied zwischen der Forscherin und den Mädchen hat per se eine Hierarchie zur Folge, die zwar minimiert, jedoch nicht eliminiert werden kann. Die Hierarchie, die sich aus den Eigenschaften ‚alt‘ und ‚jung‘ ergibt, ist im gesellschaftlichen Alltag kaum zu vermeiden. Die Mädchen wissen um diese Hierarchien, werden sie doch tagtäglich mit ihnen konfrontiert: Eltern, Lehrerinnen und Lehrer oder Trainerinnen und Trainer (z. B. beim Tanzen oder Volleyball) sind älter als die Mädchen und stehen nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass die Mädchen ihnen gegenüber die Rolle der Lernenden einnehmen, ‚über‘ ihnen. Das Aufbrechen dieses Musters, das fest in der Gemeinschaft ver- 233 Bourdieu, Pierre: Verstehen. In: Bourdieu, Pierre (u. a.) (Hrsg.): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK, 1997. S. 782. 234 Die Begriffe ‚symbolische Macht‘ und ‚symbolische Gewalt‘ sind bei Bourdieu nicht immer eindeutig trennbar, werden teilweise sogar synonym verwendet. Vgl. dazu: Fuchs-Heinritz, Werner; König, Alexandra: Pierre Bourdieu – Eine Einführung. Konstanz/München: UVK, 2014. 235 Ebd., S. 163. 236 Ebd., S. 164. 237 Vgl. Bourdieu, Pierre: Meditationen: zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001. 174 ankert ist, erschien beinah unmöglich. Trotz diverser Versuche, dem durch Verhalten oder Sprache entgegenzuwirken, konnte die Hierarchie nicht vollständig aufgehoben werden. Zudem wissen die Mädchen, dass ‚junge Mädchen‘, nicht aber erwachsene Frauen im Fokus des Forschungsthemas stehen. Dieses Wissen schafft Distanz. Die Distanz schafft Hierarchie. Die Forscherin ist kein Insider, ist nicht Teil dieser Welt. Eine weitere Fehlerquelle zeigte sich in dem Anspruch an eine möglichst authentische Gesprächssituation. Eine Schwierigkeit, die sich aus der Sache an sich ergibt, ist die, dass ein Interview niemals authentisch sein kann. Es gibt immer einen, der fragt und einen, der antwortet; auch dann, wenn auf einen besonders großen Redeanteil durch die/den Befragte/n Wert gelegt wird. Die/der Befragte ist auch dann noch in der ‚Bringschuld‘, wenn sein Gegen- über ihm ‚nur‘ zuhört, ihn nicht beständig unterbricht oder durch Fragen zu lenken versucht. Dieser Tatsache sollte entgegengewirkt werden, indem die Gespräche in den Kinderzimmern, einem Ort, der ihnen vertraut ist, den sie vielleicht sogar nach ihren Wünschen gestaltet haben und an dem sie sich wohl fühlen, stattfanden. Auch der Wunsch der Forscherin, die Gespräche ohne die Eltern führen zu wollen, sollte eine möglichst zwanglose Gesprächsatmosphäre schaffen. Nur bei einer Probandin wurde das Gespräch außerhalb des Kinderzimmers und in der Anwesenheit der Mutter geführt. Diese Ausnahme ergab sich aus dem Eindruck, das Verhältnis von Mutter und Kind sei ein sehr vertrauens- und liebevolles, eines, das dem Kind ausreichend Raum für eigene Bedürfnisse und Sinngebungen lässt. Nichtsdestotrotz hätte an dieser Stelle zur besseren Vergleichbarkeit und zur Wahrung der Authentizität, vor allem hinsichtlich der getroffenen Aussagen der Probandin, auf ein Einzelgespräch im Kinderzimmer bestanden werden müssen. An dieser Stelle ergibt sich eine weitere Schwierigkeit, die unabhängig von der An- oder Abwesenheit eines oder beider Elternteile sichtbar wurde. Bei Fragen, die auf die Selbstwahrnehmung der Mädchen oder Schönheitspraktiken abzielten, ist auch nachträglich noch schwer einschätzbar, wie stark die dazu getroffenen Aussagen von normativem Wissen beeinflusst sind. Obschon der Untersuchungsgegenstand, die Kreativserie Topmodel, ein eindeutiges Bild von Schönheit zeichnet, das zweifelsohne seine Anziehungskraft ausmacht, waren Aussagen dazu häufig konträr oder zumindest so formuliert, dass ein für das Alter vermeintlich gesellschaftlich anerkanntes Bild von Schönheit zum Ausdruck kam. Inwiefern diese Nennungen von äußeren Faktoren beeinflusst waren, wird auch nachträglich nicht mit Sicherheit zu bestimmen sein. Insgesamt ergeben sich aus den analysierten Fehlerquellen folgende Erkenntnisse: Zur differenzierten und vollständigen Reflexion der Interviewphase wäre ein größerer Abstand zwischen den einzelnen Interviews vonnöten gewesen. Bei einer sehr übersichtlichen Anzahl an Interviews wie in diesem Fall sind Fehlerquellen so erst nach dem eigentlichen Prozess erkennbar – eine Optimierung ist folglich innerhalb dieser Forschung nur bedingt möglich. Häufig geschieht sie eher unbewusst, mit dem Zuwachs an Erfahrung. Anforderungen wie die an einen Aufbruch der Hierarchie müssen unter knappen zeitlichen Bedingungen teilweise zurückgestellt werden. Gleichzeitig ist, dies lässt die Reflexion der Fehlerquellen vermuten, die vollständige Eliminierung nicht möglich. Äußere Faktoren, vor allem auch gesellschaftlich festgelegte Normen im Umgang miteinander, erschweren die Auflösung deutlich. 175 Die Analyse verdeutlicht jedoch auch, dass nicht alle Fehler vermieden werden können. Ein ausreichend durchdachtes, auf Erkenntnissen der Wissenschaft basierendes Forschungskonzept kann zwar die Anzahl der Fehlerquellen reduzieren, ein ‚Restrisiko‘ bleibt dennoch. Eine Interaktion zwischen zwei oder mehreren Personen ist vorab nie vollständig planbar. Außerdem wird sich im Folgenden zeigen, dass trotz der Fehler fruchtbare Ergebnisse herausgestellt und vor dem Hintergrund des angestellten Diskurses auf einer völlig neuen Folie gelesen werden können. 8.2 Datenerhebung Als wesentliche Aspekte der Datenerhebung werden in diesem Kapitel die Auswahl der Interviewpartnerinnen sowie die Gespräche in den Blick genommen. Da vor allem in Hinblick auf die Gespräche einige wesentliche Erkenntnisse herausgestellt werden können, werden Inhalt und Verlauf in Kürze zusammengefasst. 8.2.1 Auswahl der Interviewpartnerinnen Für die Auswahl der Interviewpartnerinnen war vor allem ihr Alter wesentlich. Das ‚Creative Studio by Depesche‘ richtet sich Angaben der Depesche folgend, wie bereits erwähnt, an Mädchen ab einem Alter von acht Jahren.238 Der privat hergestellte Kontakt zu einer Grundschullehrerin, die eine Begeisterung für die Kreativserie Topmodel unter ihren Schülerinnen beobachtet hatte, machte die Untersuchung, so wie sie im Rahmen dieser Forschung durchgeführt wurde, möglich. Sechs der interviewten Mädchen gingen zum Zeitpunkt der Interviews in die vierte Klasse. Der Schulwechsel auf eine weiterführende Schule stand kurz bevor. Zwei Probandinnen besuchten bereits die fünfte und sechste Klasse eines Gymnasiums. Bereits vor der Durchführung der Interviews musste davon ausgegangen werden – die Probandinnen konnten dies bestätigen –, dass das Produkt bereits im Kindergarten bzw. zu Beginn der Grundschulzeit von Mädchen genutzt wird. Private Kontakte mit Kindergärtnerinnen, Grundschullehrerinnen sowie Eltern, deren Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter sind, unterstützten diese Vermutung bereits vor Beginn der Interviews. Das Alter galt jedoch nicht nur hinsichtlich der vom Produkt ausgehenden Altersbestimmung als wesentliches Auswahlkriterium. Auch und vor allem mit Blick auf die bildnerische Ontogenese der Mädchen erscheint das späte Grundschulalter, orientiert man sich an den Phasen zeichnerischer Entwicklung z. B. nach Richter, für eine solche Untersuchung besonders geeignet. Nach Richter befinden sich die interviewten Mädchen vermutlich zwischen der ersten oder frühen und der zweiten bzw. späten Schemaphase.239 Begriffe wie Röntgenbild, Bedeutungsperspektive oder Prägnanztendenz prägen die frühe Schemaphase, während Beobachtungen zur veränderten Motivstruktur, zur Umstrukturierung des Bildschemas oder zur Entstehung 238 Vgl. Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 239 Vgl. Richter 1997. 176 gegenstandsanaloger Details, um nur einige zu nennen, in der späten Schemaphase angestellt und analysiert werden können.240 In jeder Phase zeichnerischer Entwicklung erprobt und entwickelt ein Kind neben für diese Phase ‚typischen‘ Merkmalen sein eigenes, ganz individuelles Zeichensystem. In diese hoch bedeutsame Entwicklung kindlichen Ausdrucks greift die Kreativserie Topmodel mit stereotypen Malvorlagen und standardisierten Hilfsmitteln. Mögliche Folgen dieses Eingriffs werden im Zuge dieses Kapitels eingehend beleuchtet. Die Grundschule in ihrer Funktion als Gesamtschule stellte die Möglichkeit dar, Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu erreichen und dadurch zu bestätigen, dass es sich bei der Kreativserie Topmodel um ein schichtenübergreifendes Phänomen handelt. Im Austausch mit Forscherinnen und Forschern aus dem Bereich der Kinder- und Jugendzeichnung wurde immer wieder die Vermutung geäußert, es handle sich um ein Angebot, das möglicherweise vor allem von Kindern und Eltern aus bildungsferneren Schichten wahrgenommen würde. Bereits bei einer ersten Kontaktaufnahme mit den Eltern und schließlich auch während der Interviews stellte sich heraus, dass die Mädchen aus überwiegend mittelständischen Familien stammten und allesamt eine Gymnasialempfehlung erhalten hatten. Der anstehende Wechsel zur weiterführenden Schule erwies sich, vor allem nachträglich, als äußerst gewinnbringend für die Forschungsergebnisse. Insbesondere der direkte Vergleich zwischen sechs Probadinnen, die noch die Grundschule besuchten und zwei, die bereits auf dem Gymnasium waren, brachte aufschlussreiche Ergebnisse hinsichtlich Fragen zur Selbstwahrnehmung, zu Interessen sowie zur Beurteilung der eigenen zeichnerischen Fähigkeiten und Qualitäten. Auf welche Art und Weise sich die genannten Kriterien nicht zuletzt auch auf die Gesprächsinhalte bzw. den Gesprächsverlauf auswirkten, wird im Folgenden in Kürze zusammengefasst. 8.2.2 Gesprächsinhalte und -verlauf Da Verlauf und Inhalte der Interviews bereits an anderer Stelle diskutiert wurden, sollen an dieser Stelle noch einmal die wesentlichen Punkte zusammengefasst werden. Grundlage der Interviews war ein Gesprächsleitfaden, der sich nicht nur auf die Kreativserie Topmodel beschränkte, sondern ebenso Fragen zu Interessen der Mädchen abseits der Malund Zeichenserie, zu Schönheitspraktiken und zur Selbstwahrnehmung beinhaltete. Mit der Erstellung des Interview-Leitfadens ging die Absicht einher, ihn nur dann hinzuziehen zu müssen, wenn die Mädchen Probleme hatten, sich weitestgehend frei zu artikulieren oder sich, im Gegenteil, zu sehr vom Forschungsgegenstand entfernten. Es sollte darum gehen, 240 Die Entwicklungsphasen nach Richter werden im Zuge der Überlegungen als Orientierung und ungefähre Einordnung von Kinderzeichnungen genutzt. Sie gelten nicht als allgemeingültiger Maßstab zur Feststellung individueller zeichnerischer Fähigkeiten und schon gar nicht als pauschales Wertungsmuster für diese. 177 eine Beziehung des aktiven und methodischen Zuhörens zu schaffen, die vom reinen Laissez-faire des nicht-direktiven Interviews genauso weit entfernt ist wie vom Dirigismus eines Fragebogens. Ein scheinbar widersprüchliches Postulat, an das sich in der Praxis zu halten nicht leicht ist. Denn es verbindet eine Haltung des sich rückhaltlos der befragten Person Zur-Verfügung-Stellens, des sich der Einzigartigkeit ihrer besonderen Geschichte Unterwerfens […].241 Während der Interviewbogen vor allem in den beiden ersten Interviews, die zeitlich versetzt von den übrigen Interviews geführt wurden, noch verhältnismäßig häufig herangezogen wurde, konnte zunehmend davon Abstand genommen werden. Diese Tatsache stellte sich sowohl bezüglich der Interviewinhalte als auch ihres Verlaufs als gewinnbringend für die anschließende Ergebnissicherung heraus. Eine zu starke Fixierung auf die Interviewfragen hätte den Mädchen nicht den Raum geben können, den sie für das, was sie in sich tragen, was sie beschäftigt, benötigen. Nach den ersten beiden Gesprächen wurde der Interview-Leitfaden einmalig verändert. Die ursprüngliche Absicht, Fragen zur Wahrnehmung der eigenen Person durch andere in die Gespräche einzubeziehen, gestaltete sich als äußerst schwierig. Diese Fragen waren zu weit von dem entfernt, was die Mädchen mitzuteilen bereit waren. Sie hätten einen Bruch erzeugt, der für die insgesamt vertraute und kommunikative Atmosphäre nicht förderlich gewesen wäre. Die Eliminierung dieses Fragenblocks rückte zudem die wesentlichen Fragestellungen in den Vordergrund und erlaubte eine Vertiefung des Gesprächsblocks zur eigenen Zeichenaktivität der Mädchen im Rahmen der Kreativserie Topmodel. Als geeignete Methode, den Interviewverlauf betreffend, schien die Konzipierung eines teilstandardisierten Leitfadens. Die Beteiligung der Mädchen war, dies war zu erwarten, unterschiedlich. Manche Mädchen gaben relativ kurze Antworten auf die gestellten Fragen, ließen sich nicht zu längeren Erzählmomenten hinreißen. Hier war das Hinzuziehen des Interviewbogens vonnöten. Andere zeigten sich sehr engagiert, reagierten offen und ungehemmt auf die Fragen der Interviewerin. Vor allem der direkte Bezug zu eigenen bildnerischen Produktionen ermöglichte ein hohes Gesprächsaufkommen seitens der Mädchen. So variierte die Gesprächszeit zwischen 45 und 75 Minuten. Dangendorf beschreibt die Präsenz einer nahestehenden Person während der Interviews als für den Gesprächsverlauf förderlich und bezieht sich dabei auf die von ihr gemachten Erfahrungen während einer Untersuchung zur visuellen Sexualisierung frühadoleszenter Mädchen.242 Im Gegensatz dazu stehen die Beobachtungen, die im Zuge der in dieser Untersuchung geführten Gespräche gemacht werden konnten. Die Anwesenheit vertrauter Personen in zwei Fällen – Mutter und Schwester – schien sich in unterschiedlicher Art und Weise auf die Gesprächsinhalte sowie den Verlauf auszuwirken. Die Anwesenheit der Mutter eines Mädchens, dies wurde bereits erwähnt, beeinflusste anscheinend Antworten zu Schönheitspraktiken. Die dazu getroffenen Aussagen des Mädchens schienen teilweise stark durch Meinungen der Eltern oder normierte Vorstellungen geprägt 241 Bourdieu 1997, S. 782. 242 Vgl. Dangendorf 2012. 178 zu sein. Auch nichtverbale Kommunikation, z. B. Augenkontakt zwischen den Anwesenden, war dabei nicht unwesentlich. Die Anwesenheit einer jüngeren bzw. älteren Schwester hatte sowohl Vor- als auch Nachteile mit Blick auf den Gesprächsverlauf. Ungleiche Sprechanteile auf der Seite der Befragten und die Schwierigkeit, beiden Mädchen in gleichem Maße Aufmerksamkeit zu gewähren, beeinflussten den Verlauf in erheblichem Maße. Hinsichtlich der Gesprächsinhalte konnten jedoch durch den Austausch der Befragten während der Interviewzeit stärkere thematische Erweiterungen stattfinden als bei einer Einzelperson. Ähnlich verhielt es sich mit der Anwesenheit der Mutter, die in kurzen Gesprächsphasen von eigenen Erfahrungen zum Forschungsthema berichten und so wertvolle generationsübergreifende Erkenntnisse zum Thema liefern konnte. 8.3 Auswertung Die Auswertung umfasst im Wesentlichen einen tabellarischen Überblick über die Teilnehmerinnen sowie eine kurze Einführung in die verwendete Auswertungsstrategie bezüglich der geführten Interviews, auf deren Grundlage erste Ergebnisse herausgestellt werden können. 8.3.1 Die Teilnehmerinnen (Interviewkürzel) Name Alter Besuchter Schultypus (I1) Josy 9 Grundschule, Gymnasialempfehlung (I2) Julie 9 Grundschule, Gymnasialempfehlung (I3) Lena 10 Grundschule, Gymnasialempfehlung (I4) Lisa 10 Grundschule, Gymnasialempfehlung (I5) Maike 9 Grundschule, Gymnasialempfehlung (I2) Philine 11 Gymnasium, 6. Klasse (I6) Sarah 9 Grundschule, Gymnasialempfehlung (I7) Svea 12 Gymnasium, 6. Klasse 179 8.3.2 Auswertung der Interviews Die Auswertung und Analyse der Leitfadeninterviews stützt sich im Wesentlichen auf die von Schmidt vorgestellte Auswertungsstrategie von Leitfadeninterviews in fünf Schritten.243 Es handelt sich dabei um eine Auswertungsstrategie, „die sich im Rahmen von Forschungsansätzen bewährt hat, die einen offenen Charakter des theoretischen Vorverständnisses postulieren, jedoch nicht auf explizite Vorannahmen und den Bezug auf Theorietraditionen verzichten.“244 Die Vorgehensweise lässt sich nach Schmidt in den folgenden fünf Schritten darstellen: 1. Materialorientierte Bildung von Auswertungskategorien 2. Zusammenstellung der Auswertungskategorien zu einem Codierleitfaden 3. Codierung des Materials 4. Quantifizierende Materialübersichten 5. Vertiefende Fallinterpretationen Die Bildung von Kategorien, die Festlegung bestimmter Kriterien scheint der bewussten Entscheidung für qualitative Interviews und offene Gesprächssituationen zunächst zu widersprechen, liegt ihnen doch immer auch eine gewisse Starrheit zugrunde. Schmidt weist darauf hin, dass die genannten Schritte zur Auswertung und Analyse stets um eigene, der Forschung angemessene Kriterien ergänzt werden können.245 Dieser Hinweis erscheint in Hinblick auf das Forschungsvorhaben von Bedeutung. Vor allem die sich an den Auswertungsprozess anschließenden Beobachtungspunkte sowie die exemplarische Analyse ausgewählter bildnerischer Produktionen erfordert partiell eine Loslösung von diesen Kategorien, um der Sensibilität des Themas, verbunden mit häufig sehr persönlichen Aussagen der Mädchen, gerecht werden zu können. 1. Schritt: Materialorientierte Bildung von Auswertungskategorien In einem ersten Schritt stand die Bearbeitung der Transkripte im Vordergrund. Diese beinhaltete im Wesentlichen das Lesen der Texte sowie das Markieren bedeutender Passagen. Das theoretische Vorverständnis und die damit einhergehenden Fragestellungen lenkten die Aufmerksamkeit246 und erlaubten das Filtern von Informationen. Der Prozess des Lesens kam dabei dem des wissenschaftlichen Studierens von Texten gleich.247 Bearbeitet wurden insgesamt acht Transkripte mit durchschnittlich 24 Seiten. In dieser Phase wurde jedes Transkript unabhängig von den anderen Transkripten für wissenschaftliche Fragestellungen in den Blick genommen. Der Vergleich der Inhalte erfolgte erst in einem weiteren Schritt. 243 Vgl. Schmidt, Christiane: Analyse von Leitfadeninterviews. In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung – Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2007. 244 Ebd., S. 447. 245 Vgl. ebd. 246 Vgl. ebd. 247 Vgl. ebd. 180 Das Ziel bestand darin, die für jedes Interview wesentlichen Themen zu notieren. Vor allem hinsichtlich des Alters der Probandinnen und der damit verbundenen besonderen sprachlichen Codes erwies sich der von Schmidt geäußerte Vorschlag, die Formulierung der Themen nicht nach dem Vorbild der Interviewfragen vorzunehmen, sondern an das Verständnis und die Äußerungen der Mädchen anzupassen248, als äußerst hilfreich. Auf diese Weise konnte die Offenheit der Interviews, die bereits mehrfach betont wurde, bewahrt werden. Auf Grundlage dieser Themenformulierungen konnten 15 Auswertungskategorien abgeleitet werden, die im Laufe der Auswertungsphase in ihrer Anzahl bestehen blieben, inhaltlich jedoch mehrfach überarbeitet und differenziert wurden. 2. Schritt: Zusammenstellung der Auswertungskategorien zu einem Codierleitfaden In einem weiteren Schritt ging es darum, die herausgestellten Kategorien zu beschreiben und unterschiedliche Ausprägungen zu benennen. Obschon die Auswertungskategorien aufgrund des mehrheitlichen Aufkommens eines Themas oder Phänomens formuliert wurden, konnten sie nicht in gleichem Maße in allen Gesprächen beobachtet werden. Mithilfe des daraus entstehenden Leitfadens galt es, das erhobene Material zu codieren, d. h. entsprechende Passagen der Transkripte einer der formulierten Kategorien zuzuordnen.249 Wesentlich in dieser Arbeitsphase war außerdem die Überprüfung der Kategorien auf ihre Brauchbarkeit. So hatten einige nicht zuletzt auch ihre Legitimation auf der Basis von Erinnerungen (an die Gespräche) und Erfahrungen (aus der Forschungsarbeit) erhalten. Nach wiederholtem Lesen der Texte mussten einige Kategorien überarbeitet, andere gestrichen werden. 3. Schritt: Codierung des Materials Die Codierung des erhobenen Materials meint die Einschätzung und Klassifizierung jedes einzelnen Interviews durch Zuordnung des Materials zu den Auswertungskategorien.250 „Die Auswertungskategorien, die im vorangegangenen Auswertungsschritt aus dem Material heraus gebildet worden sind, werden jetzt also auf das Material angewendet.“251 Die Problematik in dieser Phase bestand vor allem darin, den Informationsverlust, der aufgrund der Einteilung in Kategorien nie vollständig zu vermeiden ist, so gering wie möglich zu halten. Voraussetzung hierfür war die möglichst differenzierte Formulierung der Kategorien, denen Passagen aus den einzelnen Interviews zugeordnet wurden. So wurden schließlich alle Kategorien auf die vorhandenen acht Interviews angewandt. 248 Vgl. ebd. 249 Vgl. ebd. 250 Vgl. ebd. 251 Ebd., S. 453. 181 4. Schritt: Quantifizierende Materialübersichten In einem vierten Schritt stand die Zusammenfassung des bisher erarbeiteten Materials im Vordergrund. Um einen möglichst strukturierten Überblick über die erhobenen Daten zu erhalten, bot sich die Verteilung des Materials in Form einer Tabelle an. Die ausformulierten Kategorien wurden in dieser Phase durch Häufigkeitsangaben ergänzt. „Quantifizierende Materialübersichten dienen vor allem der Vorbereitung der weiteren Analyse; sie verweisen auf mögliche Zusammenhänge, denen in einer qualitativen Analyse nachgespürt werden kann. Die Vorannahmen beziehen sich auf Einzelfälle und müssen für jeden einzelnen Fall überprüft werden.“252 Um die Transparenz als wesentliches Kriterium einer qualitativen Forschung wahren zu können, war es zudem vonnöten, eine Gesamtübersicht über die Ergebnisse der Codierung für alle analysierten Transkripte zu erstellen.253 Auf dieser Grundlage war es möglich, die gefilterten Inhalte der Interviews zueinander in Beziehung zu setzen und die Relevanz einzelner Auswertungskategorien für eine sich anschließende Diskussion wesentlicher Ergebnisse herauszustellen. 5. Schritt: Vertiefende Fallinterpretationen Der letzte Schritt der gewählten Auswertungsstrategie sah eine vertiefende Fallinterpretation vor, die dem Ziel nach der Wertschätzung der individuellen Bedeutung jedes einzelnen Gesprächs für diese Forschung gerecht werden sollte. Während die vorangegangenen Arbeitsphasen vor allem einen Gesamtüberblick zu zeichnen versuchten, ging es nach Fertigstellung der Materialübersicht um einen vertiefenden Blick, der die Findung neuer Hypothesen anregte, neue theoretische Überlegungen hervorbrachte sowie nach einer kritischen Reflexion bereits angestellter Fragestellungen verlangte. Auf Grundlage der bereits durchgeführten Arbeitsschritte konnten die Transkripte vertiefend gelesen werden. Trotz der notwendigen wissenschaftlichen Methoden zur Auswertung und Analyse der Interviews stand stets der Gedanke im Vordergrund, dass es sich bei den Probandinnen um neun bis 12-jährige Mädchen handelte, um junge Menschen, die längst nicht nur – und allein das wäre der Forschung genug – über die Kinder- und Jugendzeichnung sprachen, sondern dar- über hinaus wertvolle und zugleich intime Einblicke in ihre Lebenswelt gewährten. Diese Einblicke zu schützen und wertzuschätzen, stand trotz aller wissenschaftlicher Zielsetzungen stets an erster Stelle. 252 Ebd., S. 455. 253 Hopf, Christel: Hypothesenprüfung und qualitative Sozialforschung. In: Strobl, Rainer; Böttger, Andreas (Hrsg.): Wahre Geschichten? Zu Theorie und Praxis qualitativer Interviews. Baden-Baden: Nomos, 1996. 182 8.4 Erste Ergebnisse Nach Auswertung und Analyse der Interviews konnten erste Ergebnisse gewonnen werden, die in besonderem Maße das Phänomen Topmodel widerspiegeln und zugleich die bereits vielfach erwähnten Folgen der Kreativserie auf die ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen konkretisieren. Obschon die folgenden Erkenntnisse in erster Linie die Kreativserie Topmodel in den Blick nehmen, lassen sich daraus ebenso bestimmte Tendenzen und Entwicklungen für die Kinder- und Jugendzeichnungsforschung allgemein ableiten. Im Gegensatz zu den bildnerischen Produktionen, die im Topmodel-Forum entstanden und ohne Kontakt zu den Urheberinnen analysiert wurden, konnten die Gespräche mit den Probandinnen im Zuge dieser Untersuchung verdeutlichen, dass der persönliche Kontakt eine vertiefende Form der Analyse ermöglicht, die sich in der Erweiterung bereits formulierter Thesen sowie in der Entwicklung neuer Theorien niederschlägt. Aus dieser Analyse können zwei wesentliche Phänomene herausgestellt werden, die sich vor dem Hintergrund bereits geführter Diskurse für neue Perspektiven und Fragestellungen öffnen. 8.4.1 Disziplin und Widerstand Es erscheint auf den ersten Blick möglicherweise unpassend, zwei sich widersprechende Begriffe wie Disziplin und Widerstand in einem Kapitel zusammenführen zu wollen. Sie als zwei unabhängig voneinander auftretende Phänomene zu betrachten, würde jedoch die problematische Beziehung beider Begriffe außer Acht lassen, wie sie durch die Analyse der Interviews sowie der bildnerischen Produktionen der Probandinnen sichtbar wird. Es reicht auch nicht, die Diskussion der Begriffe und ihrer Beziehung zueinander lediglich auf Grundlage der produktiv-ästhetischen Aktivitäten der Mädchen zu führen. Vielmehr scheinen sie stellvertretend für die gesamte Sozialisation der Mädchen zu stehen, für das Hin- und Hergerissensein zwischen Disziplin und Widerstand, zwischen Gehorsam und Auflehnung. Die Zeichnungen der Mädchen sowie ihre Äußerungen dazu fügen sich in die Diskussion um die widersprüchlichen Erwartungen, denen sich Mädchen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gegenübersehen. Geht man nun in einem ersten Schritt von den bildnerischen Produktionen der Mädchen aus und davon, wie sie sich selbst dazu äußern, muss der Begriff der Disziplin in erster Linie durch den der Sorgfalt erweitert werden, jedoch nicht, ohne den Begriff der Disziplin vorab in seinen verschiedenen Bedeutungen zu umreißen. Der Grund für die unmittelbare Verbindung beider Begriffe wird nach Festlegung des Disziplinbegriffs deutlich werden, von dem in dieser Untersuchung ausgegangen wird. Der Begriff Disziplin stammt aus dem Lateinischen. In dem Wortfeld von discapere (= klar auffassen), disceptare (= etwas erörtern), discipulus (= Schüler) und disciplina (= Unterricht, Lehre, Wissenschaft) werden schon die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffes erkennbar.254 Im heutigen Sprachverständnis kommen dem Begriff der Disziplin im Wesentlichen drei Bedeutungen zu. Ipfling fasst sie wie folgt zusammen: 254 Vgl. Ipfling, Heinz-Jürgen: Das Disziplinproblem in pädagogischer Sicht. In: Ipfling, Heinz-Jürgen (Hrsg.): Disziplin ohne Zwang. Begründung und Verwirklichung. München: Ehrenwirth, 1976. 183 a) „Disziplin als Bezeichnung eines Fachgebietes (z. B. wissenschaftliche oder sport liche Disziplin) b) Disziplin als Bezeichnung einer Forderung, die der sachlichen Ordnung eines Fachgebietes entspringt; man spricht vom disziplinierten Denken und meint damit ein Denken, das allein der Struktur des Gegenstandes folgt, sich nicht etwa Launen und subjektivistischen Wünschen beugt; c) Disziplin als Bezeichnung einer Forderung, die der sittlichen (oder sittgemäßen) Ordnung eines Sozialgebildes entspricht; diszipliniert ist derjenige, der die normativen Setzungen eines Sozialgebildes enthält.“255 Vor dem Hintergrund des Forschungsgegenstandes und mit Blick auf die bildnerischen Produktionen der Probandinnen sowie der von ihnen getroffenen Äußerungen in den Einzelinterviews erscheint insbesondere die letzte Wortbedeutung zutreffend. Dabei bezieht sich der Begriff der Disziplin nicht nur auf das Verhalten der Mädchen, sondern vor allem auf ihre produktiv-ästhetischen Aktivitäten. Sie sind Spiegelbild festgelegter Ordnungen, die nicht zuletzt durch die Malvorlagen bestimmt werden. Sich innerhalb dieser Ordnungen zu bewegen, gilt unter den Mädchen als wesentliches Merkmal einer gelungenen Zeichnung. Aus diesem Grund werden die folgenden Überlegungen durch den Begriff der Sorgfalt ergänzt. Verknüpft man den Begriff der Disziplin unmittelbar mit der Art und Weise, wie ästhetisch-produktive Aktivitäten vonseiten der Mädchen ausgeführt werden, zeigt sie sich in erster Linie in der ordentlichen, scheinbar makellosen Ausarbeitung des Bildmotivs. Konturen, die durch die Malvorlagen vorgegeben sind, einzuhalten, stellt für einen Großteil der Mädchen ein Muss für ein zufriedenstellendes Ergebnis dar. Mal- und Zeichenprozesse sind weniger von Emotionen, Gefühlen und Stimmungen geleitet, als vielmehr von der Bemühung, das vorgegebene Bildmotiv möglichst gründlich und exakt auszuarbeiten. Bereits in den ersten Untersuchungen zur Kreativserie Topmodel, in denen vor allem bildnerische Produktionen aus dem Fanart-Forum in den Blick genommen wurden, konnte die Beobachtung herausgestellt werden, dass Zeichnungen aus Sicht der Fanartists dann als gelungen gelten, wenn sie besonders ordentlich gezeichnet werden. Obschon dieser Anspruch im Fanart-Forum in besonders extremer Form existiert und beachtet wird, lässt sich dieses Phänomen, wie bereits angedeutet, auch in Hinblick auf die bildnerischen Produktionen der Interviewten erkennen. Die Abbildungen 36 und 37 zeigen Zeichnungen von Lena und Sarah. Vor allem die Zeichnung von Lena zeigt eine sehr sorgfältig gestaltete Bildfigur, deren Konturen äußerst streng eingehalten wurden. Kaum ein Strich verlässt die vorgegebene Form. Der Farbauftrag ist beinah lückenlos. Die pastellfarbene Kolorierung unterstützt den Eindruck einer sehr zarten, vorsichtigen und wohl bedachten Bildgestaltung. Auch Sarahs Zeichnung entspricht – abgesehen von den durch die Schwester hinzugefügten Bleistiftelementen sowie der nicht vollständigen Kolorierung – den Ansprüchen einer ‚guten‘ Zeichnung. Besonders auffällig erscheint die Gestaltung des Rocks, der entlang der vorgegebenen Konturen der Beine läuft. Auf diese 255 Ebd., S. 9. 184 Weise konnte Lisa die gedruckten Konturen bestmöglich in ihre Buntstiftzeichnung integrieren und sie als ‚störendes‘ Element mehr oder weniger unsichtbar machen. Nicht alle Mädchen äußerten sich zu ihren eigenen Bildansprüchen gleichermaßen ausführlich. Einige ließen nur vorsichtig erkennen, dass die Kriterien für eine gelungene Zeichnung an eine sorgfältige und ordentliche Ausarbeitung geknüpft sind. Während Lena sich nur zaghaft zu dieser Thematik äußert, beschreiben andere ihre Vorstellungen von einer gelungenen Zeichnung sehr konkret. LENA: Ja, weil mit Filzstiften / wenn man da jetzt mal / ja, okay, wenn man mit Buntstiften zu feste drückt, dann kann man die auch nicht so wegmachen. Aber ich find’s eigentlich immer ganz gut, weil wenn man dann mal über’n Rand malt, dann kann man das ein bisschen verblassen oder sowas (verlegenes Lachen). I: Ist das schlimm, wenn’s über den Rand kommt? LENA: Nee, aber wenn ich mir dann so denke, dass, wenn es zum Beispiel in echt wäre, und sie das anhätte, dass es dann ja auch nicht so wäre. (I3: S. 365) Abb. 36: Ohne Titel, Lena 9 J., 2014 185 Neben der Meinung, dass eine sorgfältige Zeichnung eine ‚schöne‘ Zeichnung ist, formuliert Lena auch den Anspruch, dass ein Motiv möglichst realitätsgetreu wiedergegeben werden muss, um zu gefallen. Das Übermalen von Konturen entspricht nicht ihrer Vorstellung von einer gelungenen Zeichnung. Lenas Ansprüche scheinen mit denen der übrigen Probandinnen konform zu gehen. So äußert Josy beispielsweise: I: Und kannst du sagen, wann dir eine Zeichnung von dir besonders gut gefällt? JOSY: Wenn sie zum Beispiel sehr, sehr ordentlich gemalt ist, also, wenn das nicht übern Rand ist oder so, und, ja, ich glaub, meine Schwester hat auch noch ein Tutu, das habe ich gemalt, da habe ich aber ’ne Vorlage benutzt, und / aber das sieht dann aus wie Federn, und da hab ich dann sowas Ähnliches wie Federn gemalt, und dann sieht das ja so aus wie Federn, und das fand ich echt schön (…) I: Also, wenn das besonders echt aussieht!? JOSY: Mhm (bejahend), ja (…) (I1: S. 324) Abb. 37: Ohne Titel, Sarah 9 J., 2015, DIN A4 + 186 Auch im Gespräch mit Julie und Philine kommt dieses Thema ausführlich zur Sprache: I: Wann würdest du denn sagen, Philine, wann ist für dich eine Zeichnung besonders gelungen? PHILINE: Ähm (…) I: Kannst du das definieren? PHILINE: Eigentlich unterschiedlich. Wenn’s halt nicht zu grob gemalt ist, die Stifte halt nicht so fest draufgedrückt sind oder nicht so oft immer übern Rand malt oder so. (I2: S. 337–338) Hier zeigt sich auch – zumindest für Philine – die bewusste Entscheidung für eine bestimmte Technik, um den eigenen Ansprüchen an eine gelungene Zeichnung gerecht zu werden. I: Gibt es einen besonderen Grund, warum ihr mit Buntstiften malt? Vielleicht auch unabhängig voneinander? JULIE: Also, bei mir eigentlich nicht (verlegenes Lachen). PHILINE: Also, ich kann mit Buntstiften ordentlicher malen, und das sieht dann ein bisschen schöner aus. (I2: S. 337) Gleichzeitig zeigt sich in der Wahl der Zeichentechnik auch eine Fanart-spezifische Vorgehensweise. Zaremba konnte in ihren Untersuchungen zu Fanart herausstellen, dass der Großteil der Fanartists die eigenen bildnerischen Produktionen mittels Buntstiften anfertigt.256 Die Verknüpfung von Technik und zeichnerischem Gelingen scheint im Fanarttum weit verbreitet. MAIKE: Ähm, ja, weil’s mit Filzstift / da kann man’s ja auch nicht wieder wegradieren, wenn’s jetzt nicht so gelungen ist. Und ich male auch eigentlich sehr gerne mit Buntstiften. (I5: S. 422) Und auch Josy kann die Wahl ihrer Zeichentechnik genau begründen: JOSY: Also, an Filzstiften finde ich, dass die Farbe ein bisschen mehr heller ist und die nicht so leicht weggeht, wenn man die trocknen lässt. Und bei, ähm, Buntstiften, dass man das auch manchmal direkt wegradieren kann. (I1: S. 319) Das Erkennen der eigenen Handschrift gilt nicht als etwas Wertvolles, sondern im Gegenteil als einen um jeden Preis zu verhindernden Makel. Der Wunsch nach Konformität, den Richter beschreibt257, kommt hier einmal mehr zum Ausdruck und wird gleichzeitig von einem 256 Vgl. Zaremba 2010. 257 Vgl. Richter 1997. 187 noch stärkeren Bedürfnis übertrumpft: Nicht aufzufallen heißt unsichtbar zu werden. Die Mädchen verschwinden hinter den Allerweltsgesichtern der Topmodel-Figuren. Alles Kindliche wird vermieden, jeder ‚Fehler‘ eliminiert. Philine beschreibt, wie sie diese Ansprüche bereits ihre jüngere Schwester Julie lehrt: JULIE: Also, manchmal frage ich sie: Ist das Bild gut geworden oder nicht? Und dann gibt sie mir einen Tipp, was ich machen könnte. I: Und wie sehen die Tipps dann aus? Was sagst du Julie dann? PHILINE: Zum Beispiel jetzt hier bei diesem Bild, dass sowas zum Beispiel nicht so grob gemalt wird oder halt mehr erst mal mit Bleistift und dann kann man das halt noch so’n bisschen / sieht das halt ein bisschen besser aus, ein bisschen ordentlicher. I: Also, ist es euch auch wichtig, dass man die Models ordentlich zeichnet oder ausmalt? PHILINE: Ähm, also, ich mal die gerne ordentlicher, dann sehen die auch ein bisschen schöner aus und nicht so hingekrickelt oder sowas. (I2: S. 341) Die Vorzeichnung mit Bleistift erweist sich dabei als ein aus Sicht der Mädchen probates Mittel: I: Und warum machst du die Vorzeichnungen mit dem Bleistift? Hat das einen besonderen Grund? MAIKE: Ja, damit das / weil ich das dann besser wegradieren kann auch. I: Wenn es mal nicht so geworden ist, wie du es gerne hättest? MAIKE: Ja, genau. (I5: S. 420) Lena fügt dem Anspruch nach einer sauberen Bildgestaltung eine interessante Äußerung hinzu, die den Begriff der Disziplin erweitert. Der Begriff des Anspruchs spielt, obschon er als solcher nicht in den Interviews genannt wird, eine tragende Rolle. Das Zeichnen bedient nicht nur die kindliche Freude am bildnerischen Gestalten, sondern ist deutlich an ein bestimmtes Leistungsverständnis geknüpft. Lena formuliert ihre Gedanken dazu wie folgt: LENA: Also, eigentlich, wenn ich mir so ’ne Vorlage hole, dann / also, ich würde es jetzt nicht so machen, das ist mir zu schwer, sondern dann probiere ich’s aus, weil wenn ich dann was Einfaches nehme, dann bin ich nicht so stolz auf mich oder sowas (verlegenes Lachen). I: Aha, also, das muss auch immer anspruchsvoll (…) LENA: Das muss auch immer schön sein. 188 I: Und es soll nicht zu einfach sein, weil du stolzer auf dich sein kannst, wenn du gemerkt hast, dass du etwas, obwohl es sehr schwierig war, besonders gut gemacht hast!? LENA: Ja, weil wenn ich jetzt was Einfaches oder so / nur so’n T-Shirt oder sowas abmale, dann hab ich’s zwar gut, aber ich probier’s dann lieber aus, irgendwas Schweres zu malen als immer irgendwelche einfachen Sachen. (I3: S. 375) In die vorangegangenen Überlegungen fügt sich außerdem die direkte Verbindung von Anspruch und Schönheit. Während sich die Schlussfolgerung aus Lenas Äußerungen für die Interviewerin mit dem Begriff des Anspruchs zusammenfassen lässt, kommt Lena auf den Begriff der Schönheit zurück. Hinter den Äußerungen der Probandinnen verbirgt sich, darauf wurde bereits an anderer Stelle hingewiesen, ein Kunstverständnis, das nicht mehr dem des 21. Jahrhunderts entspricht, gleichzeitig jedoch immer noch weit verbreitet ist. Diejenigen, die die Problematik dieses Kunstverständnisses erkennen, sehen sich der Aufgabe gegenüber, Schülerinnen und Schüler aus diesen Zwängen zu befreien. „[…] im kunstpädagogischen Diskurs wird von einer hohen Angepasstheit der Mädchen berichtet, die ihnen die Möglichkeit zur Entwicklung von kreativen und unkonventionellen Lösungen zu verwehren scheint.“258 Diese Beobachtung lässt sich offensichtlich auch außerhalb des schulischen Kontextes machen. Immerhin wurden die Mädchen schon lange vor Schulbeginn (ästhetisch) sozialisiert. Schule kann bestimmte Vorstellungen und Verhaltensweisen, die Mädchen in ihrer bisherigen Sozialisation angenommen und einverleibt haben, verstärken oder ihnen entgegenwirken. Die Äußerungen der Mädchen, dies wird im Verlauf dieser Untersuchung deutlich, weisen in vielerlei Hinsicht auf eine starke Angepasstheit und Konformität hin, die sich längst nicht nur auf ihre ästhetisch-produktiven Aktivitäten beschränken, sondern ihre Rolle als Mädchen in der Gesellschaft widerspiegeln.259 Die Formen von Widerstand, die im Zuge der Analyse von Interviews und bildnerischen Produktionen erkennbar wurden, liefern weitere Hinweise für diese Vermutung. Der Begriff des Widerstandes wird in der Kinder- und Jugendzeichnungsforschung als solcher zwar selten direkt benannt; Phänomene, die sich damit beschreiben lassen, konnten jedoch diverse Autorinnen und Autoren in ihren Forschungen herausstellen. So erscheint beispielsweise die ‚Krise‘ der Jugendzeichnung in Form eines Rückgangs produktiv-ästhetischer Aktivitäten Jugendlicher als eine mögliche Form von Widerstand.260 Wobei zugleich darauf hingewiesen werden muss, dass die bildnerische Praxis Jugendlicher vor allem vor dem Hintergrund medialer Entwicklungen nicht grundsätzlich abnimmt. Viel- 258 Richthammer, Esther: Geschlechtsspezifische Interessen von Mädchen und Jungen – Herausforderungen für den Kunstunterricht. In: Kirchner, Constanze (Hrsg.) (u. a.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Kopaed, 2010. S. 294. 259 Vgl. Hagemann-White 1984. 260 Vgl. Richter 1997; Grünewald, Dietrich: Bildnerisches Ausdrucksverhalten von Jugendlichen. In: Kirchner, Constanze (Hrsg.) (u. a.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Kopaed, 2010. 189 mehr unterliegen ihre Darstellungsformen und Entstehungsorte einem Wandel (vgl. Kapi tel 1).261 Der Begriff des Widerstandes spielt in der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle. Danach kann Widerstand allgemein als ein ablehnendes Verhalten gegenüber einem (bestimmten) Behandlungsaspekt bzw. einer (bestimmten) Person verstanden werden. Der Begriff gilt als ein zentrales Konzept der Psychoanalyse und wurde von Freud erstmals in den Studien über Hysterie (1895) verwendet.262 Mit Widerstand bezeichnet man in der Psychoanalyse die unbewußten Kräfte, die sich gegen den Fortschritt der psychoanalytischen Behandlung richten. Es sind unbewußte Abwehroperationen, die sich im Verlaufe der Behandlung einstellen und die Psychoanalyse behindern, wenn sie nicht analysiert werden. Sie äußern sich in vielfältiger Weise: Als bewußte und unbewußte Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber dem Analytiker, gegenüber dem analytischen Verfahren oder dagegen, aus dem analytischen Prozess Erkenntnisse zu ziehen und diese im Leben umzusetzen.263 Ein dieser Definition folgendes Verständnis von Widerstand wäre vor dem Forschungshintergrund irreführend, aus psychoanalytischer Sicht geradezu fälschlich. Dagegen soll die Analyse seiner Erscheinungsformen dem Forschungskontext entsprechend aus kunstpädagogischer Sicht und stets unter Berücksichtigung phänomenspezifischer Charakteristika der Kreativserie Topmodel erfolgen. Die Formen von Widerstand, wie sie im Zuge der Untersuchung sichtbar wurden, scheinen im Gegensatz zur ‚Krise‘ der Jugendzeichnung nicht an das Alter der Mädchen geknüpft264, sondern in direktem Zusammenhang mit dem Phänomen Topmodel, d. h. mit dem zur Verfügung stehenden Mal- und Zeichenangebot zu stehen. Herausgestellt werden konnten im Wesentlichen zwei Formen von Widerstand, die sich in folgender Weise zeigen: 1. Nicht-Fertigstellen einer Zeichnung 2. Leere Malbücher Inwiefern diese zwei Formen von Widerstand im Rahmen dieser Forschung beobachtet werden konnten – nicht beide sind gleichermaßen sichtbar –, wird in diesem Kapitel von Bedeutung sein. Zunächst soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass Widerstand keinesfalls und ausschließlich als eine für die Kinder- und Jugendzeichnung hinderliche Haltung gesehen wird. In vielerlei Hinsicht ergeben sich durch sie, vor allem in Hinblick auf die Kreativserie Topmo- 261 Vgl. Grünewald 2010. 262 Vgl. Ermann, Michael: Widerstand. In: Mertens, Wolfgang; Waldvogel, Bruno (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart (u. a.): Kohlhammer, 2000. 263 Ebd., S. 797. 264 Nur acht der insgesamt 32 untersuchten Zeichnungen sind als Jugendzeichnungen oder zumindest als Übergangsproduktionen von Kinder- zur Jugendzeichnung zu benennen. Die Urheberinnen dieser Zeichnungen sind 11 bzw. 12 Jahre alt. 190 del, Chancen, aus den vorgegebenen Schemata der Kreativserie, gegeben durch die starke Fokussierung auf Vorbilder, Hilfsmittel und Malvorlagen, auszubrechen. Obschon die Erscheinung beider Formen des Widerstandes unterschiedlich ist, ist ihr Charakter derselbe. Hierin liegt die Problematik seiner Präsenz. Der Widerstand, der in den Zeichnungen der Mädchen und darüber hinaus deutlich wird, ist kein ‚lauter‘, offensiver, direkter Widerstand. Er tritt in völliger Stille und beinah unsichtbar zu Tage. Widerstand, wie er sich hier zeigt, ist ein Nicht-Äußern, ist defensiv. Die Vorgänge des Abbrechens und Weglassens geschehen unauffällig. Es scheint, als solle um jeden Preis vermieden werden, dass der Widerstand allzu sichtbar wird, dass er konkret als solcher zu benennen ist. Wird er doch aufgedeckt, macht sich Unbehagen breit, sind die Mädchen beschämt (vgl. Kapitel 3.3). Darin zeigt sich bereits die wechselhafte und zuweilen problematische Beziehung zwischen Disziplin und Widerstand. Wohin führt das? Welche Folgen hat das Sich-nicht-äußern-dürfen oder -wollen? Welchen Strategien wird dadurch, auch für das spätere Leben der Mädchen, für Situationen, in denen Widerstand gefordert ist, der Weg geebnet? In welche Bereiche ragen diese hinein? Der Widerstand, der sich in Form des Nicht-Fertigstellens einer Zeichnung zeigt, soll im Folgenden anhand von drei Bildbeispielen und auf Grundlage der Äußerungen durch die Mädchen näher erläutert werden. Abb. 38: Ohne Titel, Lisa 9 J., 2015, DIN A4 + Abb. 39: Ohne Titel, Julie 9 J., 2015, DIN A4 + 191 Die Abbildungen 38, 39 und 40 stammen in dieser Reihenfolge von Lisa, Julie und Maike. Dieses Bildmaterial zeigt eine Auswahl der Zeichnungen, die durch die Urheberinnen nicht fertig gestellt wurden. Zeichnungen dieser Art sind in den Malbüchern der Probandinnen häufig zu finden. Die Zeichnungen von Lisa und Julie zeigen zwar drei mehr oder weniger vollständig bekleidete Figuren, die Bleistiftzeichnung wurde jedoch, abgesehen von einem kleinen Detail (Abb. 38), nicht koloriert. Die bildnerische Produktion von Maike ist zumindest teilweise koloriert; Haare, Körper und Hintergrund bleiben aber auch hier farblos. Die Tatsache, dass die Topmodel-Figur durch die Malvorlage trotzdem stets vorhanden ist, scheint das Beenden des Zeichenprozesses nach Entwurf der Kleidung für die Figur zu erleichtern. Zwar bleibt der Eindruck einer nicht fertig gestellten Zeichnung, das ‚Wesentliche‘ ist jedoch vorhanden. Die Gründe für den vorzeitigen Abbruch einer Zeichnung scheinen vielfältig zu sein. Lisa, Svea und Maike äußern sich dazu auf unterschiedliche Art und Weise. Lisa liefert in dieser Hinsicht aufschlussreiche Aussagen und macht deutlich, dass der Begriff der Disziplin zu Recht Teil der Diskussion um das Widerstandpotenzial bezüglich des Malund Zeichenangebots ist. LISA: […]Aber da komme ich nicht so richtig voran, weil ich die gar nicht malen will. Da muss ich mich schon richtig zu zwingen, dass ich die male. (I4: S. 404) Lisas Aussage, sie müsse sich dazu zwingen, eine bestimmte Zeichnung fertig zu stellen, macht deutlich, dass das Zeichnen (der Topmodels) für sie nicht nur mit Spaß verbunden ist – eine ähnliche Aussage trifft auch Svea –, sondern stets mit hohen Ansprüchen an die eigene Disziplin einhergeht. Es ist anzunehmen, dass in diese Entscheidung ‚im Kleinen‘ etwas viel Größeres hineinspielt. Abbrechen, Widerstand leisten trifft aus gesellschaftlicher Sicht selten auf Akzeptanz. Die Entscheidung, etwas nicht zu Ende zu bringen, wird als ein Zeichen von Schwäche verstanden. Zeichnungen nicht fertig zu stellen, würde bedeuten, dass Lisa ‚gescheitert‘ ist, die Herausforderung nicht angenommen hat. Diese Mutmaßung mag auf den ersten Blick gewagt erscheinen. In den Gesprächen mit den Probandinnen wurde jedoch in vielerlei Hinsicht deutlich, dass hinter ihren Sinngebungen häufig normativ geprägte Meinungen, d. h. Äußerungen, die (unbewusst) ‚von außen‘ beeinflusst wurden, stecken. Abb. 40: Ohne Titel, Maike 10 J., 2015, DIN A4 + 192 Ein weiterer Grund für den Druck, den Lisa zu beschreiben versucht, scheint von den Malvorlagen selbst auszugehen. Dem Begriff des Aufforderungscharakters, den Lewin im 20. Jahrhundert prägte (vgl. Kapitel 5.1), kommt an dieser Stelle ein weiteres Mal eine hohe Bedeutung zu. Gleichzeitig ergibt sich aus diesen Überlegungen eine Metaebene, die den Begriff der Lücke im eigentlichen Sinne erweitert. Es scheint, als läge der Lücke eine Psychologie zugrunde, die als wesentliches Charakteristikum der Topmodel-Zeichnung bezeichnet werden kann. Die Topmodel-Figur selbst besteht anfänglich und ausschließlich aus ‚Lücken‘. Alles, bis auf die Konturen, ist weiß. Nicht nur, dass die nackte Figur auf der weißen Fläche überhaupt auf irgendeine Art und Weise gestaltet werden ‚muss‘, sie gibt gleichzeitig ganz genau die Möglichkeiten bzw. Grenzen der Gestaltung vor. Die Mädchen sind aufgefordert, diese weißen Lücken zu füllen. Und doch hinterlassen sie nach Fertigstellung einer Zeichnung oder Malerei weitere Leerstellen. Diese Leere scheint Spiegelbild des eigenen Ideenrepertoires zu sein, das bereits nach kurzer Zeit ausgeschöpft ist. Es herrscht Leere ‚im Kopf‘. Obschon die Präsenz der Malvorlagen in vielerlei Hinsicht von den Mädchen als hilfreich und zugleich motivierend wahrgenommen wird, sehen auch die Zeichnerinnen die Grenzen der Gestaltung. Svea beschreibt die Gründe für das vorzeitige Abbrechen einzelner Zeichnungen wie folgt: I: Woran liegt es, dass du nicht immer weiter malst? SVEA: Also, wenn man jetzt zum Beispiel so ein Kleid malen würde, was jetzt eine Farbe hat und dann mit den Falten drin, das würde auch nach ’ner Zeit ein bisschen langweilig. Wenn mach ich manchmal ’ne kleine Pause oder mach am nächsten Tag weiter. (I7: S. 460) Der Vorsatz, Zeichnungen zu einem anderen Zeitpunkt zu Ende zu bringen, scheint, das verriet ein Blick in die Malbücher der Probandinnen, nicht immer eingehalten zu werden. Immerhin warten in einem Buch meist über 20 weitere Malvorlagen darauf, gestaltet zu werden. Maike beschreibt ihr Vorgehen in ähnlicher Weise wie Svea: MAIKE: Ja, das schon. Ich mache auch manchmal Pausen. Oder erst was Anderes, wenn ich bei einer Stelle nicht weiterkomme, dann mache ich erst was Anderes, und dann mache ich danach weiter. (I5: S. 427) So befinden sich in den Malbüchern der Mädchen zahlreiche, ursprünglich als Vorzeichnungen gedachte bildnerische Produktionen (Abb. 38 und 39), die nicht fertig gestellt werden. Aus diesem Grund sind die Topmodel-Figuren gerade einmal mit dem Nötigsten bekleidet, ganz zu schweigen vom Fehlen eines Hintergrundes, der jedoch, wie bereits herausgestellt werden konnte, kein Kriterium für eine vollständige Zeichnung ist. 193 Eine zweite Form des Widerstandes zeigt sich in der hohen Anzahl nicht bearbeiteter Seiten in den Malbüchern der Probandinnen. Die Malbücher, die meist aus über 20 Seiten Malvorlagen bestehen, sind in vielen Fällen nur zu einem Drittel oder maximal zwei Dritteln koloriert (nicht fertig gestellte Zeichnungen eingeschlossen). Lisa erklärt die hohe Anzahl der nicht bearbeiteten Vorlagen so: I: Und das sind ja auch richtig dicke Bücher teilweise. Die alle auszumalen kostet ja auch unheimlich viel Zeit. Hast du schon mal ein Buch komplett ausgemalt? LISA: (Überlegt) Nee, ausgemalt (kurze Pause) doch, hab ich so eins (zeigt ein Topmodel-Malbuch). I: Ah, so ein kleines (…) LISA: So ein kleines (blättert). So eins hab ich schon ausgemalt. Das ist jetzt schon das Neue. (I4: S. 413) Bei dem Buch, in dem Lisa alle Vorlagen gestaltet hat, handelt es sich um eine sogenannte Pocket-Version der Topmodel-Malbücher in der Größe eines Notizbuches. Die Anzahl der Malvorlagen entspricht zwar ungefähr der der großformatigen Malbücher, die deutlich kleinere Gestaltungsfläche erlaubt jedoch eine weniger zeitintensive Bearbeitung. Auch in den Regalen von Sarah, Svea und Josy befinden sich diverse Malbücher mit leeren Seiten. I: Das Buch hast du nicht ganz ausgemalt, oder!? SARAH: Nee (…) I: Gibt es einen bestimmten Grund, warum du nicht weitermalst? SARAH: Nee, ähm, ich hab viel zu tun. Ich spiel ja auch ein Instrument. (I6: S. 437) Sarahs Äußerung verweist zum einen auf eine mit diversen Aktivitäten gefüllte Woche. Zum anderen deutet ihre Aussage darauf hin, dass für die Ausübung dieser anderen Aktivitäten mehr Zeit aufgewendet wird als für die Ausbildung zeichnerischer Fähigkeiten. An dieser Stelle wird eine Hierarchie zwischen den einzelnen Aktivitäten sichtbar, deren Bedeutung für den Alltag und die Freizeitgestaltung der Mädchen und nicht zuletzt auch in Bezug auf die Kunstpädagogik im folgenden Kapitel eingehend diskutiert wird. Obschon nur eines der Mädchen explizit davon spricht, ist nicht auszuschließen, dass die hohe Anzahl der Malvorlagen mit 20 gleichen Topmodel-Figuren in einem Buch eine gewisse ‚Müdigkeit‘ für das Motiv hervorruft, die sich in der lückenhaften Ausgestaltung der Malbücher niederschlägt. Offenbar liegt in der Hierarchie der Freizeitaktivitäten nicht nur der zeitliche Aspekt begründet, sondern auch eine unterschiedliche Gewichtung des persönlichen Interesses. 194 I: Malst du Bücher immer komplett aus? SVEA: Also, manchmal mache ich das, wenn ich ein bisschen, na ja, wenn ich mich gerade langweile, dann mache ich das so als Hobby, und, ähm, also, die sind ja auch ziemlich dick, die Bücher, also, ganz voll, dafür bräuchte ich schon ein bisschen länger, weil eine Zeichnung dauert ungefähr so eine halbe Stunde bis eine Stunde und, ähm, ich mache das halt auch immer mit der Schattierung und dass das ziemlich echt aussieht. (I7: S. 459) Ein abschließender Kommentar von Josy unterstützt die angestellten Vermutungen und leitet über in die sich anschließende Diskussion zur Bedeutung des Zeichnens im Alltag der Mädchen im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten. JOSY: Ähm, ich glaube, ich hab mal eins ausgemalt, aber ich weiß nicht mehr, wo das ist. I: Und warum malst du die anderen nicht aus? JOSY: Ja, ähm, weil ich dazu manchmal nicht komme, und dann vergisst man oft, dass man da auch noch ein paar leere Stellen hat (kurze Pause), weil das manchmal ja auch richtig dick ist. (I1: S. 322) 8.4.2 Hierarchisierung Eine Frage, die im Zuge dieser Forschung von besonderer Bedeutung ist, ist die nach der Relevanz ästhetisch-produktiver Aktivitäten im Alltag von Kindern. Wiegelmann-Bals konnte in ihrer Untersuchung herausstellen, dass im Zeitalter der neuen Medien immer weniger Zeit für die Ausbildung zeichnerischer Fähigkeiten aufgewendet wird.265 Diese Aussage steht im Gegensatz zu Erkenntnissen, die in der Diskussion um Fanart geführt werden, verbringen Fanartists doch einen Großteil ihrer Freizeit mit der Anfertigung bildnerischer Produktionen. Diese Überlegung ließ jedoch bislang die Tatsache außer Acht, dass es, vor allem mit Blick auf die Kreativserie Topmodel, einen Unterschied zwischen öffentlicher und privater Fanart gibt. Nicht alle Fanartists veröffentlichen ihre Bilder auf einer entsprechenden Website. Der Begriff der Performanz, der bereits an anderer Stelle diskutiert wurde (vgl. Kapitel 8.1.2), spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Die Erkenntnis, dass privater und öffentlicher Raum in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die produktiv-ästhetischen Aktivitäten der Mädchen nimmt, konnte vor dem Hintergrund der Interviews bestätigt werden. Denn obschon seitens der Mädchen eine nicht zu unterschätzende Begeisterung für die Kreativserie Topmodel besteht, scheint die Beschäftigung mit ihr nicht den Großteil der Freizeitgestaltung auszumachen. Es scheint, als liefen andere Freizeit- 265 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 195 aktivitäten der Kinder- und Jugendzeichnung den Rang ab. Diese Beobachtung lässt sich am treffendsten mit dem Begriff der Hierarchisierung benennen. Was ist damit gemeint? Hierarchisierung bezieht sich auf das ungleiche Verhältnis von freizeitlichen Aktivitäten wie Sport oder dem Erlernen eines Instruments oder der Beschäftigung mit produktiv-ästhetischen Aktivitäten, d. h. in diesem Fall mit dem Erlernen bzw. Erweitern zeichnerischer Fähig- und Fertigkeiten. Woher kommt diese ungleiche Gewichtung? Auf diese Frage sollen an dieser Stelle zwei mögliche Antworten gegeben werden. Die eine nimmt die Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen im 21. Jahrhundert in den Blick, die andere bezieht sich konkret auf die gesellschaftliche Bedeutung künstlerischer Praxis in Schule und Alltag. Beide Phänomene sind nicht immer voneinander zu trennen. Ein erster Antwortversuch stützt sich auf folgende Beobachtung: […] das Kinder-Vorbild ist der Erwachsenen-Freizeit-Streß: mehr Erlebnis pro Zeiteinheit, bloß keine weißen Flecken im Terminkalender. Das freie Spiel ist von der zentralen zu einer Randbeschäftigung, einer von vielen, geworden. Es gibt immer weniger Zeit für eine einzige, mit Intensität betriebene Sache. Ein Kinder-Alltag, der sich von dem der Eltern kaum noch unterscheidet: Beide Generationen spulen Termine ab, das Familienleben ist vor allem Koordination.266 Diese Beobachtung, die von Grefe bereits in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gemacht wurde, fügt sich 20 Jahre später in das Bild, das nach Führung der Interviews von der Freizeitgestaltung der Probandinnen gezeichnet werden konnte. Konrad/Schultheis (2008) berichten von einem aktuellen Trend, der in der zunehmenden Wahrnehmung organisierter Freizeitangebote sichtbar wird: „Kinder, die z. B. ein hohes Maß an Terminen, Aktivitäten und ein breites aktivitätsbezogenes Beziehungsgeflecht aufweisen und in diesem Sinne als modern definiert werden können, kommen überwiegend aus ‚wohlhabenden Familien‘.“267 Abgesehen von drei Ausnahmen, bei denen die Freizeitgestaltung nicht ausreichend zur Sprache kam, zeigten sich die Terminkalender der Mädchen durchorganisiert. MUTTER VON LENA: Und zu der Zeit hat sie sehr viel gemalt. Also, aus der Zeit hab ich noch Bilder, aber danach dann halt nicht mehr so. Ich muss natürlich auch dazu sagen, die haben durch ihre vielen Hobbys auch kaum noch Zeit. (I3: S. 370) Lenas Mutter, die während des Interviews anwesend war, beschreibt immer wieder den Unterschied zwischen der eigenen Kindheit und der ihrer Tochter – und macht aus persönlicher Sicht deutlich, wie sich Kindheit verändert hat. Sie weist zwar während des Gesprächs darauf hin, dass die Freizeitgestaltung ihrer Tochter aus ihrer Sicht zu belastet ist, gleichzeitig liegt die Vermutung nahe, dass ihre zehnjährige Tochter nicht die alleinige Verantwortung für die Organisation ihrer Freizeit trägt. Lena tanzt Hip Hop in einem Verein, spielt Handball, lernt Gitarre und Geige. Der Begriff der Versportung, wie er in der Kindheitsfor- 266 Grefe 1995, S. 28 f . 267 Konrad, Franz-Michael; Schultheis, Klaudia: Kindheit – Eine pädagogische Einführung. Stuttgart: Kohlhammer, 2008. S. 47. 196 schung genannt wird, beschreibt eine Tendenz in der Freizeitgestaltung von Kindern heute, die hinsichtlich der Freizeitaktivitäten der Mädchen sichtbar wird.268 Da wundert es nicht, dass für andere Interessen, die nicht an konkrete Termine gebunden sind, wie beispielsweise das Zeichnen, kaum mehr Zeit bleibt. Auch Lisas Woche ist neben der Schule von diversen Terminen bestimmt: LISA: Also, Handball mach ich einmal in der Woche, Hip Hop einmal in der Woche, aber Handball mach ich schon 1 1/2 und nach den Sommerferien mach ich das vielleicht schon zweimal. Wir wollten das eigentlich nicht, weil wir ja alle Schulwechsel haben, und dann wollen wir das alle lieber nicht, aber ja, sonst (…) (I4: S. 407) Wäre das Alter der Probandinnen nicht bekannt, könnte man annehmen, es handle sich um einen Erwachsenen, der von seinem überfüllten Terminkalender berichtet. Durch die Schilderungen der Mädchen scheint der seit dem Mittelalter existierende und von Postman in seinen Überlegungen zum Verlust der Kindheit wieder aufgenommene Begriff des Kind- Erwachsenen aktueller denn je.269 Aus dem Freizeitstress ergibt sich außerdem eine weitere Problematik: Die Mädchen treffen sich zwar beim Tanzen oder beim Hallensport, zeigen sich also in der Gemeinschaft präsent; der Kontakt untereinander unabhängig von diesen Treffpunkten scheint jedoch wenig intensiv. Obschon die Mädchen die Leidenschaft für die Kreativserie Topmodel teilen, bleibt die Beschäftigung damit meist eine, die jedes Mädchen für sich, unabhängig von seinen Freundinnen, ausübt. Hierhin zeigt sich eine weitere Tendenz hinsichtlich der Freizeitgestaltung von Kindern. Spontane Treffen mit Freundinnen finden zwischen den festgeschriebenen Terminen kaum noch statt. Man verabredet sich. Damit hängt vermutlich auch zusammen, dass man einen Trend zu Paarbeziehungen feststellen kann, d. h. Kinder spielen heute verstärkt in Zweiergruppen, die meistens auch gleichgeschlechtlich sind. Schließlich finden Kinder ihre Spielkameraden heute nicht mehr unbedingt in der Nachbarschaft, also in räumlicher Nähe, sondern rekrutieren sie vornehmlich aus der Schule.270 Die Folgen des beschriebenen Freizeitstress‘ zeigen sich in der bereits erwähnten Hierarchisierung. Diese wiederum wird auf zwei unterschiedliche Arten sichtbar, aus denen nicht zuletzt auch, wie bereits angedeutet, eine ganz bestimmte Sicht auf die Bedeutung produktiv-ästhetischer Aktivitäten für die Freizeit der Kinder und Jugendlichen hervorgeht. Diverse Freizeitaktivitäten führen unweigerlich dazu, dass andere Interessen in den Hintergrund gedrängt werden. Eine Folge dieses Phänomens wird hier als Ökonomie des Zeichenprozesses bezeichnet. 268 Vgl. ebd. 269 Vgl. Postman 1987. 270 Konrad; Schulheis 2008, S. 46 f. 197 I: Wie lange hast du denn zum Beispiel für die grüne hier gebraucht? Erinnerst du dich? MAIKE: Ähm (kurze Pause), ja, so (kurze Pause) sechs, sieben Minuten. I: So kurz nur? MAIKE: Ja, also, mit der Vorzeichnung hab ich dann so vier Minuten und ausmalen dann ungefähr, ja, doch fünf Minuten, dann ausmalen und, ähm, vorzeichnen dann vier Minuten. Aber das kann auch schon mal länger dauern (verlegenes Lachen). (I5: S. 427) Auch Josys Zeichnungen entstehen zu einem Großteil in wenigen Minuten: I: Und wie lange brauchst du denn eigentlich für deine Zeichnungen? Kannst du das sagen? JOSY: Ich glaub, für eine habe ich mal eine Stunde gebraucht, weil ich bin mir da nicht so sicher geblieben, und dann hab ich irgendwann mal los gemalt, und (kurze Pause) bei einer, wenn das zum Beispiel so ein Federkleid ist, dann brauche ich zehn Minuten oder so und, ja (…) (I1: S. 329) Der zuweilen äußerst kurze Zeichenprozess scheint von den Mädchen selbst als positiv oder gar erstrebenswert bewertet zu werden (Ökonomie des Zeichenprozesses). Im Gegensatz zu den Userinnen im Forum, die im Austausch untereinander den hohen Zeitaufwand betonen, wird in den Gesprächen mit den Mädchen deutlich, dass der Stolz über eine Zeichnung nicht zwangsläufig an eine zeitintensive Beschäftigung mit dem Bildmotiv geknüpft ist, sondern im Gegenteil nicht selten mit der Betonung einer möglichst schnellen Anfertigung einhergeht. Den Mädchen geht es folglich um eine Ökonomisierung des Zeichenprozesses. Damit wird einem Zeitalter Rechnung getragen, in dem jede Beschäftigung mit einer Sache möglichst schnell und effizient erfolgen muss. Das Verharren in einer Tätigkeit erscheint nicht mehr erstrebenswert. PHILINE: Also (kurze Pause), dieses hab ich jetzt zum Beispiel gestern gemalt (zeigt eine Zeichnung) und (blättert) dieses hier (…) I: Toll! Wie lange hast du dafür gebraucht? PHILINE: Ein paar Minuten. I: Ja, entsteht das so schnell? PHILINE: Ja (…) (I2: S. 336) Auch im Gespräch mit Lena und ihrer Mutter wird die Ökonomisierung des Zeichenprozesses deutlich: 198 LENA: Und manchmal dauert’s auch, wenn ich was Einfaches zeichne, 15 Minuten oder zehn. MUTTER VON LENA: Ich würde sagen, noch weniger. (I3: S. 382) Deutlich wird durch die Äußerungen der Mädchen auch, dass die Ökonomie des Zeichenprozesses unmittelbar mit einem für ihren gesamten Alltag verbundenen Effizienzgedanken zusammenhängt. Gleichzeitig scheint sich die Tatsache, dass die Mädchen ständig ‚in Aktion‘ sind, selten für sich und stets von einem gewissen Zeitdruck begleitet sind, nicht zuletzt auch in der mangelnden Bereitschaft niederzuschlagen, sich einer Beschäftigung intensiv und mit Ruhe zu widmen. Nicht erst in Bezug auf diesen Gedanken drängt sich die Vermutung auf, dass die Kreativserie Topmodel ihr Mal- und Zeichenangebot auf Grundlage dieser und ähnlicher Entwicklungen konzipiert hat. Die Malvorlagen, und hierbei wird die Phänomenspezifik deutlich, sind so angelegt, dass Zeichnen zunehmend zu einer ‚Transit-Beschäftigung‘ wird. I: Und wie lange malst du normalerweise an einer Zeichnung oder hast du gemalt? LISA: Also, an so was könnte ich für einen Tag sitzen, und dafür hab ich keine Geduld. Ich hab dann mehr Geduld für Kleben oder so was, aber für Malen hab ich dann keine Geduld. Also, so was (zeigt eine Zeichnung) / also, für so was bin ich auch in zehn Minuten fertig. I: Das geht aber ja dann schnell (…) LISA: Fünf bis zehn Minuten, das geht ganz schnell eigentlich. Das ist schon ’ne gute, aber da war ich auch noch kleiner, eigentlich kann ich auch noch bessere (blättert). In der Topmodel-Zeitung sind dann manchmal auch so welche / hier so Angaben, und dann kann man das halt so malen. (I4: S. 404) Und auch Maike erklärt die Möglichkeit eines schnellen Gestaltungsprozesses vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel: MAIKE: Weil, wenn es das jetzt nicht geben würde, und ich kann ja auch nicht so gut diese Figur dann malen, und dann kann ich daran halt so ein bisschen rummalen an der Figur, dass ich die nicht auch noch selber malen muss. Das finde ich eigentlich auch ganz gut daran. (I5: S. 429) Die Aussage, es ‚nicht auch noch selber‘ malen zu müssen, gibt Aufschluss über Maikes Bereitschaft, sich der Ausbildung der eigenen zeichnerischen Fähigkeiten zu widmen. Sie traut sich zum einen nicht zu, eine Menschenfigur aus der eigenen Vorstellung heraus und ohne Hilfe zu zeichnen. Die Einschätzung des eigenen zeichnerischen Potenzials geschieht unter Herabsetzung ihrer Fähigkeiten. Zum anderen scheint sie nicht ausreichend Motivation 199 für eine andere Form des bildnerischen Gestaltens aufbringen zu können, wenn es ihr nicht durch Vorlagen erleichtert wird. Eine durch Lenas Mutter getätigte Äußerung bringt noch einen weiteren Aspekt bezüglich des Wertverlusts von (Topmodel-)Zeichnungen zum Ausdruck: MUTTER VON LENA: […] Aber dadurch haben die ja auch kaum Zeit. Sich mal eben mit so ’nem Topmodel-Buch / kann man sich mal aufs Bett legen und ein bisschen rumkritzeln. Ist ja was Anderes als, ähm, so was zu malen (deutet auf die ‚freien‘ Kinderzeichnungen von Lena). (I3: S. 371) Lenas Mutter, die sich sowohl beruflich als auch privat musischen Tätigkeiten widmet, erkennt einen klaren qualitativen Unterschied zwischen dem Zeichnen von Topmodel-Vorlagen und bildnerischen Produktionen, die ihre Tochter vor ihrer ‚Topmodel-Phase‘ angefertigt hat. Die Ökonomisierung des Zeichenprozesses scheint sich für sie aus den Topmodel-Vorlagen selbst zu ergeben. Das ‚Rumkritzeln‘ in den Malbüchern hat für sie offensichtlich einen anderen Wert als ästhetisch-produktive Aktivitäten, die unabhängig von bestimmten Vorlagen entstehen. Aus diesem Blickwinkel erhält der Begriff der Hierarchisierung eine weitere Dimension. Svea nimmt, wenn auch vermutlich weniger bewusst, eine ähnliche Kategorisierung vor: SVEA: Also, eigentlich finde ich beides schön, aber da macht man eher Richtung Design, und das ist dann richtige Kunst. (I7: S. 461) Im Gespräch über Malereien, die sie im Unterricht angefertigt hat, und Topmodel-Zeichnungen unterscheidet Svea zwischen ‚richtiger Kunst‘ und ‚Design‘. Diese Kategorisierung deutet auf einen Wertunterschied der bildnerischen Produktionen hin, der sich zwar nicht in verminderter Begeisterung für die Kreativserie Topmodel niederschlägt, dennoch für Svea eine Bedeutung zu haben scheint. Ihr Wunsch, mir im Anschluss an unser Gespräch eine Zeichnung zu zeigen, die sie im Kunstunterricht angefertigt hat, sozusagen als Beweis dafür, dass sie ‚wirklich‘ zeichnen kann, unterstützt diesen Eindruck. Ein weiterer Aspekt der Hierarchisierung ist die Langeweile. Die Probandinnen kamen unabhängig voneinander und, ohne direkt darauf angesprochen zu werden, häufig zu der Aussage, die Beschäftigung mit der Kreativserie Topmodel entstünde zeitweise aufgrund aufkommender Langeweile. Nun erscheinen, nach Einblick in die Freizeitgestaltung der Mädchen, Momente der Langeweile (leider?) äußerst rar. Langeweile zuzulassen, scheint für die Mädchen, die es gewohnt sind, dauernd beschäftigt zu sein, keine Option darzustellen. Langeweile ist ein Gefühl der Öde, der Lustlosigkeit, der Leere, des Überdrusses; der Mensch ist ohne Lebendigkeit, ohne Antrieb, ohne Motivation zu handeln. Diese Leere weckt ein Grauen in uns – die Angst vor der Leere, vielleicht sogar die Angst vor dem Tod – und muß deshalb abgewehrt werden. Wenn wir uns langweilen, dann wird uns die Zeit lang, sie scheint überhaupt nicht zu vergehen – eine lange Weile erfaßt uns, die in 200 sich leer ist und sich geradezu aggressiv auf uns selbst zu stürzen scheint. Kein Wunder, daß wir versuchen, die lange Weile durch irgendeine Kurzweil abzuwehren.271 Der Begriff der Abwehr spielt auch in diesen Überlegungen eine wesentliche Rolle. Durch die Suche nach ‚Ersatzbeschäftigungen‘ in den seltenen Lücken des Terminkalenders wird das bedrohliche Gefühl der Langeweile unterdrückt. Erlebnisarmut läßt uns Langeweile erfahren. Sie rührt daher, daß wir uns zu weit von unseren Emotionen, aber auch vom sinnhaften Erleben, vom bewußten Erleben unserer Sinneswahrnehmungen entfernt haben. Auch hier spielt das Sich-Unterwerfen unter den Zeitdruck eine Rolle; um Emotionen zu kultivieren, um Sinneswahrnehmungen wirklich ernst zu nehmen, braucht man Zeit.272 Es drängt sich der Gedanke auf, Langeweile entstünde weniger trotz der vielen Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung als vielmehr wegen ihnen. Sich mit sich selbst zu beschäftigen, haben die Mädchen nie lernen können und müssen. Sieben Tage in der Woche ‚werden‘ sie beschäftigt: zunächst in der Schule, später dann in diversen Vereinen. In Pensées 131, Langeweile, schreibt der französische Literat und christliche Philosoph Pascal: „Nichts ist dem Menschen unerträglicher als völlige Untätigkeit, als ohne Leidenschaften, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuungen, ohne Aufgabe zu sein. Dann spürt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, sein Ungenügen, seine Abhängigkeit, seine Unmacht, seine Leere […].“273 Entsteht doch einmal zwischen Handball-Training und Geigenunterricht ein solcher Moment, widmen sich die Mädchen nicht selten ästhetisch-produktiven Aktivitäten zur Kreativserie Topmodel. Daran ist zunächst nichts grundsätzlich Negatives erkennbar. Man könnte sogar argumentieren, es gäbe nichts Besseres, als sich aus der Langeweile heraus dem bildnerischen Gestalten zu widmen. „Aus Langeweile kann eine Schöpfung werden. […] Aus dem Nichts, das auch mit Langeweile umschrieben werden kann, wird Schöpfung.“274 Die Problematik, die sich aus dem Phänomen von Langeweile als Motivation bildnerischen Gestaltens ergibt, ist jedoch eine andere. I: Und kannst du sagen, in welchen Situationen du vor allen Dingen malst? JOSY: Zum Beispiel wenn ich / ja, manchmal muss ich auch mein Zimmer aufräumen oder so und, wenn ich fertig bin, dann weiß man ja manchmal nicht, was man machen soll, und dann nehme ich mir einfach ein Topmodel-Buch und male irgendwas dran. (I1: S. 322) Und auch Lisa berichtet von Momenten, in denen sie aus Langeweile, gemeinsam mit Freundinnen, zu den Malbüchern der Kreativserie greift: 271 Kast, Verena: Vom Interesse und vom Sinn der Langeweile. Düsseldorf/Zürich: Walter, 2001. S. 22 f. 272 Ebd., S. 145. 273 Ebd., S. 140. 274 Ebd., S. 139 f. 201 I: Aha. Und früher habt ihr euch richtig zum Malen getroffen? LISA: Ja, also, wir haben uns halt getroffen, und dann wussten wir halt nicht, was wir machen sollten. Und dann haben wir eben was gemalt. Und dann haben wir eben zu zweit was gemalt. (I4: S. 394) Sarah tätigt eine ähnliche Aussage – und zeigt beschämt eine Zeichnung, die sie ‚auf die Schnelle‘ angefertigt hat: SARAH: (verlegenes Lachen) Ja (blättert), und das hab ich mal eben schnell gemalt, weil mir ein bisschen langweilig war (verlegenes Lachen), und (blättert), ja (…) (I6: S. 438) Motivation für die Anfertigung bildnerischer Produktionen ist oftmals die Langeweile. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich folgendes Dilemma: Die Entscheidung für das Zeichnen oder Malen scheint keine bewusste zu sein. Im Gegensatz dazu stehen Aktivitäten wie Vereinssport oder die Teilnahme am Unterricht der Musikschule. Für solche und ähnliche Freizeitaktivitäten werden feste Zeiten eingerichtet, verbindliche Termine eingetragen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als sollten ästhetisch-produktive Aktivitäten zwangsläufig zu einem festen Bestandteil kindlicher Freizeitgestaltung werden. Ebenso wenig geht es um eine Herausstellung dieser Aktivitäten im Vergleich zu anderen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Freizeit soll nach den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder gestaltet werden – und von ihnen. Nichtsdestotrotz ergibt sich aus der Beobachtung, dass Langeweile als ein Hauptmotivationsgrund für bildnerisches Gestalten gilt, ein geringer Stellenwert künstlerischer Praxis im Alltag. ‚Ein bisschen rumkritzeln‘ und ‚schnell mal malen oder kleben‘ ist nichts, wofür man sich wirklich Zeit nehmen müsste. Der Begriff des Kritzelns erhält in der Sprache der Mädchen eine klare Konnotation. Kritzeln ist etwas für Kleinkinder und deswegen nichts, womit sie ernsthaft in Verbindung gebracht werden wollen. Die bereits angedeutete Hierarchie zwischen der Ausbildung zeichnerischer Fähigkeiten und anderen Freizeitaktivitäten, die als Grundlage aller Aussagen gesehen werden kann, bringt Lisa besonders treffend auf den Punkt: I: Malst du generell nicht gerne so viel? LISA: Nee, also, malen mach ich generell nicht so viel, ich mache dann lieber mehr so für die Schule irgendwie so Deutsch lernen, Mathe lernen und so was, das mache ich dann lieber als hier halt jetzt so was malen, das ist mir halt wichtiger. Und dann, ähm, ja, dann / also, meistens mal ich dann halt so was, wo ich dann halt auch so Vorlagen habe, so selber welche zeichnen mache ich auch nicht so oft […]. (I4: S. 402) Die Aussage, die Lisa trifft – ohne zu ahnen, wie bezeichnend diese vor dem Hintergrund der Diskussionen um die Wertschätzung des Faches Kunst in der Schule bzw. der Ausbildung 202 zeichnerischer Fähigkeiten auch außerhalb des schulischen Kontextes ist – macht deutlich, wie stark die durch Schule und Gesellschaft vorgenommene Hierarchie bereits in den Vorstellungen der Kinder verankert ist. Zeichnen und Malen gehören immer noch im allgemeinen Verständnis zu Tätigkeiten, die in erster Linie von Mädchen ausgeübt werden. Künstlerisches Gestalten gilt im Gegensatz zu Fächern wie Mathematik oder Deutsch als ‚Ausgleich‘ für die wirklich ‚wichtigen‘ (Haupt-) Fächer, in denen Intellekt, logisches Denken und Disziplin gefragt sind.275 Die Zuordnung des weiblichen Geschlechts zu einem Fach, das weniger Ansehen genießt als andere, hat als logische Folge die Abwertung des weiblichen Geschlechts. An dieser Stelle soll kein Plädoyer für das Fach Kunst und seinen Wert für die (ästhetische) Sozialisation von Kindern und Jugendlichen gehalten werden. Ein Gedanke kann jedoch nicht unausgesprochen bleiben: Die Kreativserie Topmodel unterstützt mit den Materialien, die sie zur Verfügung stellt, die Herabsetzung der Mädchenzeichnung sowie der Fähigkeiten, die Mädchen zugetraut werden, und verstärkt zusätzlich die Ansicht, Zeichnen und Malen seien Randbeschäftigungen, deren Ausübung nicht mehr erfordert als das Ausschmücken und Verzieren vorgedruckter Malvorlagen. 8.5 Bildnerische Produktionen der Probandinnen Die bereits vorgestellten Ergebnisse wurden auf Grundlage einiger Bildbeispiele sowie ausgewählter Äußerungen durch einen Großteil der Probandinnen diskutiert. In diesem Kapitel wird es darum gehen, einen intimeren Blick auf die Gespräche und bildnerischen Produktionen dreier Probandinnen zu werfen. Diese Vorgehensweise zielt darauf ab, bisherige Erkenntnisse zu stärken und gleichzeitig neue Ergebnisse herauszufiltern, die die bisherige Ergebnislage um bedeutsame Fragestellungen in der Diskussion um ästhetische Sozialisation erweitern. 8.5.1 Kurzprofil Lisa Lisa ist zum Zeitpunkt des Interviews 10 Jahre alt und besucht die vierte Klasse einer Grundschule in einer ländlichen Region, ungefähr 15 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt.276 Sie ist an diesem Tag meine erste Interviewpartnerin. Lisa ist ein aufgewecktes und zugleich sehr höfliches Mädchen, das mich offen und voller Vorfreude auf das anstehende Interview willkommen heißt. Als wir ihr Zimmer auf der ersten Etage betreten, es ist Lisas alleiniges Kinderzimmer, ist bereits alles für das Gespräch vorbereitet: Der ‚Familien-Laptop‘, wie Lisa später erklärt, steht auf dem Schreibtisch, das Topmodel-Logo des Fanart-Forums bestimmt den Computerbildschirm, Topmodel-Bücher und Zubehör stapeln sich daneben. 275 Vgl. Aissen-Crewett 1991. 276 Als Großstadt wird in dieser Arbeit, wie allgemein üblich, eine Stadt mit mindestens 100.000 Einwohnern bezeichnet. 203 Lisas Zimmer ist großzügig. Neben dem Arbeitsbereich mit Schreibtisch und Regal wird das Zimmer von einer gemütlichen Sitzecke mit Sofa, Tisch und Teppich bestimmt. Dass sie ein eigenes Zimmer besitzt, das sie sich nicht mit ihrer jüngeren Schwester teilen muss, ist statistisch gesehen nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil: 88 Prozent der Kinder in Deutschland steht laut einer Studie ‚LBS Kinderbarometer‘ aus dem Jahr 2011 ein eigenes Kinderzimmer zur Verfügung.277 Wobei sich die Zahlen im Vergleich zu Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern Arbeitsloser unterscheiden.278 Nach Topmodel-Produkten, abgesehen von denen, die auf dem Schreibtisch liegen, sucht man hier vergeblich. Auch die Wände sind frei von Zeichnungen, die Lisa in ihrer Freizeit anfertigt. Später erklärt sie, dass sie nur selten fertige Zeichnungen aus den Topmodel-Büchern heraustrenne. Sie habe lieber alles ‚beisammen‘, damit nichts verloren gehe. Das Interview führen wir an Lisas Schreibtisch, direkt vor dem Laptop-Bildschirm. Eine virtuelle Reise durch die ‚Topmodel-Welt‘ steht bevor. 8.5.2 Bildnerische Produktionen von Lisa Bereits nach wenigen Minuten des Gesprächs verrät Lisa, dass ihre Zeichenaktivität zur Kreativserie Topmodel nicht mehr dieselbe ist wie noch vor einigen Jahren. Die ‚Hochphase‘ ihrer Topmodel-Begeisterung scheint bereits hinter ihr zu liegen: LISA: Ja, also, wir haben mal alle gerne Topmodels gemalt. Also, wir malen die jetzt nicht mehr so gerne. Wir verbrauchen jetzt sozusagen noch den Rest, kaufen uns manchmal noch neue, wenn es da coole gibt, aber kaufen nicht mehr so viele wie früher. I: Und warum nicht mehr? LISA: Ja, weil jetzt machen wir eher was Anderes. Also, jetzt treffen wir uns eher und gehen lieber in die Eisdiele oder sowas. Jetzt haben wir halt nicht mehr so viel Zeit dafür. (I4: S. 394) Ihre Aussage ist aus zweierlei Hinsicht und nicht zuletzt vor dem Hintergrund bereits vorgestellter Ergebnisse interessant. Während die Hersteller der Kreativserie Topmodel selbst angeben, die Produktlinie sei für Mädchen ab einem Alter von acht Jahren geeignet, kommen die Mädchen selbst tatsächlich häufig deutlich früher mit ihr in Kontakt. Der Großteil der Probandinnen gibt an, sich bereits im Vorschulalter mit den Malbüchern der Kreativserie Topmodel beschäftigt zu haben. D. h. im Umkehrschluss, dass nicht erst Achtjährige mit den durch die Kreativserie verbreiteten 277 Vgl. Buchner-Fuhs, Jutta: Das Kinderzimmer und die Dinge – Von Normalitätsentwürfen und heterotopen Orten in der Kinderkultur. In: Schachtner, Christina: Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FarbLabs. Bielefeld: Transcript, 2014. 278 Vgl. LBS Bausparkasse der Sparkassen (Hrsg.): LBS Kinderbarometer: Stimmungen, Trends und Meinungen von Kindern aus Deutschland – Ergebnisse aus dem Erhebungsjahr 2011. 204 Bildern und Botschaften von Weiblichkeit in Berührung kommen, sondern eine entsprechende ästhetische Sozialisation bereits deutlich früher stattfindet. Nicht unwesentlich erscheint außerdem aus kunstpädagogischer Sicht der Einfluss auf die bildnerische Ontogenese der Mädchen, die, kaum haben sie zum ersten Mal einen Stift in der Hand, schon wieder unterbrochen wird. Außerdem bestätigt Lisa mit ihrer Aussage die bereits formulierte Beobachtung, dass die Ausübung ästhetisch-produktiver Aktivitäten von anderen Freizeitbeschäftigungen abgelöst wird. Neben Alternativbeschäftigungen, die auf das Alter der Mädchen zurückzuführen sind, ist es die Vielzahl anderer Hobbys, die die Freizeit der Mädchen bestimmt. Grefe spricht offenbar zu Recht vom Ende der Spielzeit – und das vor bereits 20 Jahren.279 Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass sich das von Grefe dargestellte Phänomen mit den Jahren nicht verflüchtigt, sondern möglicherweise sogar noch verstärkt hat. Statt sich mit der Kreativserie vor allem auf Grundlage der Malbücher zu beschäftigen, verbringt Lisa viel Zeit im Topmodel-Forum. So geht es im Gespräch zumindest zu Beginn weniger um ihre Zeichnungen, als vielmehr um ihre Aktivitäten im Fanart-Forum. Auf die Frage, wie oft sie am Tag im Topmodel-Forum ist, antwortet Lisa: LISA: Also, im Moment, bin ich so zwei bis drei Mal auf der Topmodel-Seite. Mal war ich einmal im Monat oder so jetzt in der letzten Zeit, aber jetzt letzte Woche war ich da schon öfters drin. (I4: S. 401) Lisas Begeisterung für das Fanart-Forum ist von der ersten Minute des Gesprächs an spürbar. Sie entpuppt sich als wahre Expertin in der virtuellen Topmodel-Welt. Besonders viel Zeit verbringt sie damit, Kleidung für ihren virtuellen Topmodel-Charakter, mit dem sie sich auf der Website bewegt, zu kaufen, Kleidungsstücke zu entwerfen sowie diese auf Auktionen zu versteigern und Kleidungsstücke anderer Userinnen zu ersteigern (vgl. Kapitel 4.2.1). Ihre Begeisterung stützt die in der Fanart-Forschung durch Willet formulierte These, das virtuelle Ankleiden und Styling von fiktiven Charakteren gelte als eine der beliebtesten Beschäftigungsmöglichkeiten. Willet zieht daraus den Schluss, dass das Wissen über Trends ein hohes Kapital für Tweens280 besitze.281 LISA: Ja, und dann gucke ich mal hier: Auktionsplan steht ja schon für heute, und die Auktion, wenn ich die buche, die ist aber erst in drei Tagen dann. (I4: S. 396) Lisa bewegt sich sicher im Topmodel-Forum, klickt sich schnell durch die virtuelle Welt. Dass diese nicht selten mit den Wirklichkeitsvorstellungen von Lisa verschwimmt, zeigt sich in der Art und Weise, wie sie über ihre Aktivitäten im Forum spricht: 279 Vgl. Grefe 1995. 280 Tween (aus dem Englischen: between) ist die Bezeichnung für Mädchen bzw. Jungen im Alter von ca. neun bis 12 Jahren, die dem traditionellen Kindheitsbegriff folgend nicht mehr als Kinder, jedoch auch noch nicht als Jugendliche bezeichnet werden. Der Begriff findet vor allem im Marketingbereich Verwendung (Vgl. tween market). 281 Vgl. Willet, Rebekah: Constructing the digital tween: market discourse and girls’ interests. In: Mitchell, Claudia; Reid-Walsh, Jacqueline (Hrsg.): Seven going on seventeen. New York: Lang, 2005. 205 LISA: Ja, und jetzt müssten wir, glaub ich, auch langsam wieder an den Computer, sonst kriegen wir keine Auktionen mehr. (I4: S. 404) ‚Termine‘ im Forum werden genauso eingehalten und in Lisas Tagesplanung einbezogen wie solche, die in Wirklichkeit stattfinden: LISA: […] Ähm, nächster freier Termin (kurze Pause), ähm, ich glaub da mach ich zwischen 19 und 20 Uhr, weil mir das immer am besten passt. I: Okay (…) LISA: Und das ist dann ja Dienstag, ja, da wird mir das schon auch passen. Da muss man aber selber immer zehn Fashion-Credits zahlen dann (…) I: Eine Gebühr, aha (…) LISA: Ja (kurze Pause), aber das hat man eigentlich wieder raus. Weil da kriegt man immer mehr. (I4: S. 405) Und weiter: LISA: Ja, und das dauert immer so drei Minuten, und jetzt gehen halt schon ein paar Auktionen los, da könnten wir jetzt auch hingehen (klickt im Frame auf die entsprechende Stelle im Topmodel-Forum). Das hier ist halt so ähnlich wie das, was wir eben gemacht haben von der Form her. (I4: S. 406) Der Gebrauch von Personalpronomen wie ‚ich‘ und ‚wir‘ sowie die Verwendung des Verbs ‚gehen‘ in Bezug auf die Auktionen, die im Fanart-Forum stattfinden, unterstützen den Eindruck, dass Realität und Fiktion nicht immer scharf voneinander zu trennen sind. Hierhin scheint nicht zuletzt auch eine wesentliche Qualität des kindlichen Spiels zu liegen, das die Fantasie braucht, die Vermischung von Innen- und Außenwelt, um sich entfalten zu können. „Kinder verbinden in der Regel im Spiel gekonnt die realistischen, praktischen Anforderungen im Umgang mit den Dingen mit ihren Spielfantasien, die im Spiel umgesetzt werden.“282 Während Fuhs jedoch behauptet, Kinder würden vor allem in Anwesenheit Erwachsener zu einer klaren Trennung zwischen Wirklichkeit und Fantasie tendieren283, scheint Lisa völlig unbeeindruckt von der Präsenz einer erwachsenen Person zu sein, und selbst die künstlich geschaffene Gesprächsatmosphäre hält sie nicht von dieser Art des kindlichen Spiels ab. Sie bezieht im Gegenteil die Interviewerin wie selbstverständlich in ihre Aktivitäten ein. Nichtsdestotrotz ergibt sich mit Blick auf das Fanart-Forum auch eine kritische Sicht hinsichtlich der unscharfen Trennung von Realität und Virtualität (vgl. Kapitel 6.4). 282 Fuhs 2014, S. 70. 283 Vgl. Fuhs 2014. 206 Die Art und Weise, wie Lisa im Topmodel-Forum agiert, scheint eng an ihr Verhalten in der Realität geknüpft. Im Gespräch zeigt sich Lisa als ein ernsthaftes Mädchen, das bereits klare Vorstellungen von den Dingen dieser Welt hat und eigenständige Gedanken zu formulieren weiß. LISA: Hier, aber das ist mir jetzt schon wieder zu teuer für so’n Teil. Bei mir / ich habe ja das hier einmal verkauft, dafür habe ich 57 gekriegt, also, das ist schon ein ganz guter Preis für so eins eigentlich. Und die hier hab ich für 31 gekriegt ja, und das ist eigentlich ein ganz gutes, das hab ich dir eben schon gezeigt. (I4: S. 406) In den Gesprächen wechselt Lisa beinah unbemerkt zwischen Fiktion und Wirklichkeit. An einigen Stellen weist sie mithilfe des Begriffs ‚in echt‘ darauf hin, dass sie über Erlebnisse in der Wirklichkeit spricht. Anhand der Themenwahl wird auch deutlich, dass nicht nur Realität und Fiktion miteinander zu verschwimmen scheinen, sondern auch Kinder- und Erwachsenenwelt nicht mehr eindeutig trennbar sind. Die Gespräche über Geld beispielsweise machen deutlich, dass Lisa, vor allem in der Modewelt, ganz genau über finanzielle Gegebenheiten informiert ist. LISA: Ja, also, es gibt welche, die tausend Hosen haben (kurze Pause), und eine Hose hab ich mir ganz neu bei einer Auktion geholt für 39 €, das war das Billigste an Hosen, was ich jetzt gekriegt habe. I: Wie viel kosten denn die Hosen normalerweise? LISA: Ähm, da gucken wir jetzt mal (sucht). Also, hier so 89 und sowas kriegst du für ’ne kurze nur. Das ist richtig teuer, das ist aber auch so ein teurer Laden mehr (kurze Pause) Das ist hier ist ein ganz billiger, aber da gibt’s halt nur Oberteile. Mehr als 40, 50 musst du da auch nicht bezahlen. Hier hab ich die meisten Sachen von. I: Und wonach suchst du die Kleidung für dein Model aus? LISA: Also, ich gucke hier halt immer durch, was billig ist, weil ich halt immer so eine bin auch, die auf Geld achtet. Wenn ich jetzt auch so einkaufen gehe in echt, dann gucke ich erst immer, wie viel das kostet, und dann entscheide ich, ob ich’s nehmen will oder nicht. I: Also, du bist schon richtig gut im Geldverwalten (…) LISA: Ja, aber meine Mama meint, dass ich da manchmal schon zu oft drauf achte. (I4: S. 396) Obschon Lisa viel Zeit im Topmodel-Forum verbringt, nutzt sie die Plattform nicht, um eigene Zeichnungen zur Kreativserie Topmodel online zu stellen. Ihre Aktivitäten sind, abgesehen von den Kleiderentwürfen, die sie für Auktionen anfertigt, nicht produktiv-ästhetischer Natur, sondern stärker auf die virtuelle Topmodel-Welt gerichtet, die mithilfe des fiktiven Topmodel-Charakters entdeckt werden kann. 207 Ihre Zeichenaktivität hat, wie zu Beginn beschrieben, bereits abgenommen. Lisa gibt an, kaum noch Topmodel-Bücher zu kaufen, sondern lediglich diejenigen Bücher, die sie noch besitzt, mit Zeichnungen zu füllen. Gegen Ende des Gesprächs wird Lisa gebeten, drei Zeichnungen auszuwählen, von denen sie gerne hätte, dass sie für diese Arbeit fotografiert werden. Die Abbildungen 41, 42 und 43 sind relativ aktuelle Zeichnungen von Lisa und, wie sie betont, ihre drei besten. Obschon auch bei diesen bildnerischen Produktionen die bereits bekannten Schemata sichtbar werden, unterscheiden sie sich doch hinsichtlich der Ausarbeitung des Abb. 41: Ohne Titel, Lisa, 10 J., 2015, DIN A4 + Abb. 42: Ohne Titel, Lisa, 10J., 2015, ca. 29 x 11 cm Abb. 43:Ohne Titel, Lisa 9 J., 2014, DIN A4 + 208 Motivs. Vor allem Abbildung 43 unterscheidet sich deutlich von den anderen beiden Zeichnungen und stellt zugleich eine Ausnahme in Lisas Sammlung dar. Abbildung 41 stammt aus einem Malbuch der Reihe ‚Dance‘. Lisa gestaltet die Figur dem Thema entsprechend als Tänzerin mit einem knappen Body bekleidet und einer Art Tuch mit farbenfrohen Verzierungen links und rechts auf Hüfthöhe. Dazu trägt das Model schwarze Schnürstiefel mit hohen Absätzen, die ihr bis zum Knie reichen. Die Farbwahl scheint nicht zufällig erfolgt zu sein. Ein Blick auf die Malbücher der Reihe ‚Dance‘ verrät, dass Neonfarben die farbliche Gestaltung der Cover sowie Malvorlagen beherrschen. Besonders auffällig ist die Kombination von dunklem Hintergrund und entsprechend auffälligen Farbakzenten in Neongelb, -pink oder -grün. Lisa scheint dieses Farbkonzept als Vorbild für ihre eigene Buntstiftzeichnung genutzt zu haben. Die vorliegende Zeichnung ist aufgrund des hohen Weißanteils nicht zuletzt auch ein weiteres Beispiel für das vorzeitige Abbrechen des Zeichenprozesses. Dass der Hintergrund weder farblich noch motivisch gestaltet ist, ist, dies wurde bereits mehrfach herausgestellt, ein verbreitetes Phänomen. Freie Körperstellen der Bildfiguren nicht zu kolorieren, stößt hingegen, dies beweisen entsprechende Diskussionen im Topmodel-Forum, auf deutlich weniger Akzeptanz. Abbildung 42 gestaltet sich hinsichtlich der Ausarbeitung der Bildfigur konsequenter, die Bildkomposition aufgrund der farblichen wie motivischen Gestaltung sowie der Figurenvorlage insgesamt starrer. Auch die farbliche Gestaltung überwiegend aus Braun- und Beige tönen präsentiert sich relativ einseitig. Dem gegenüber steht Abbildung 43. Eine hinsichtlich Farbigkeit und Motivik derartig gestaltete Bildfläche findet sich kein zweites Mal in Lisas Sammlung. Im Gegensatz zu den zarten Ausarbeitungen präsentiert sich diese Zeichnung in dynamischem Duktus, Flächen sind teilweise nicht mehr scharf voneinander zu trennen. Auch die Figur steht durch die kraftvolle Gestaltung des Hintergrundes nicht mehr zwangsläufig im Fokus der Bildkomposition, scheint teilweise mit dem Hintergrund zu verschwimmen. Ein bereits an anderer Stelle angeführtes Zitat von Lisa soll mit Blick auf die Thematik des ‚verlorenen Raums‘ noch einmal angeführt werden: I: Malst du denn bei deinen Zeichnungen oft Hintergründe? LISA: Nee, meistens lasse ich die weg. Nur weil ich jetzt hier halt noch Zeit hatte und das halt / das fand ich halt schön, und da wollte ich das Bild noch schöner machen. I: Findest du Bilder also mit Hintergrund eigentlich schöner? LISA: Ja, aber meistens hab ich dann die Geduld nicht mehr. Beim Malen habe ich dann immer nicht so die Geduld. (I4: S. 415) Obschon eine endgültige Bestimmung der Gründe für das Weglassen des Hintergrundes in Kapitel 6.5 nicht gegeben werden konnte, gibt Lisa eine deutliche Erklärung ab, die vor allem einen Mangel an Geduld für den ‚verlorenen Raum‘ verantwortlich macht. 209 Lisa hat sich in dieser Zeichnung, möglicherweise eher unbewusst als bewusst, den ‚Regeln‘ der Kreativserie widersetzt, ist aus dem bekannten Schema ausgebrochen. Dass dies eher die Ausnahme als die Regel ist, erklärt Lisa selbst: I: Und achtest du beim Zeichnen darauf, dass du die Konturen der Figuren einhältst, oder ist das für dich nicht so wichtig? LISA: Doch, die versuche ich schon einzuhalten, aber wenn ich jetzt so ein Kleid mache oder so ein längeres Oberteil, dann gehe ich hier auch manchmal drüber oder so. (I4: S. 414) In dieser bildnerischen Produktion (Abb. 43) zeigt sich der kindlich-spontane Ausdruck am stärksten. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen erscheint das Model in dieser Naturszenerie völlig deplatziert. Die Malvorlage passt weder zum Motiv noch zu seiner zeichnerischen Ausarbeitung. Sie wirkt beinah wie ein notwendiges Übel, das, da sie nun einmal ‚da‘ ist, in irgendeiner Art und Weise in die fantastische Gestaltung der Szene einbezogen werden muss. Die Ausgestaltung des Hintergrundes lässt ein einziges Mal Lisas eigene Handschrift erkennen. Dabei drängt sich unweigerlich die Frage auf, wozu die vorgefertigte Bildfigur überhaupt noch ‚gut‘ ist. Aus kunstpädagogischer Sicht hätte die Zeichnung durch einen von Lisa angefertigten Entwurf einer menschlichen Figur noch an Individualität und damit an Qualität gewonnen. Doch Lisa bemerkt: I: Was findest du daran so schwierig, ohne Vorlage zu zeichnen? LISA: Ja, also, ich kann die Figur immer nicht so malen, wie ich sie haben will. I: Und wie hättest du sie gerne, die Figur? LISA: Also, hätte ich dann wirklich so eine schmalere. (I4: S. 402) Das Problem der Darstellung einer menschlichen Gestalt beschreiben auch andere Probandinnen. Lisa fügt an, ihre Vorstellung von einem menschlichen Körper nicht angemessen umsetzen zu können. In ihrer Aussage, die Figur müssen ‚schmal‘ sein, d. h. ähnliche Proportionen haben wie die Malvorlagen der Kreativserie, macht deutlich, warum die Diskussion um ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community und ihre Auswirkungen auf das ästhetische Empfinden der Mädchen unbedingt geführt werden muss. Die Wirkungsbereiche ästhetischer Sozialisation sind so vielschichtig, die Einflussfaktoren teilweise so undurchsichtig, dass ihr Ursprung nur schwer zurückzuverfolgen ist. Sicher ist jedoch, dass alle Bilder, die einen Menschen umgeben, in irgendeiner Art und Weise Einfluss auf sein ästhetisches Verständnis nehmen. Zudem verbreitet die Kreativserie Topmodel ein Bild von Weiblichkeit, das auch andere Medien erfolgreich verbreiten (vgl. Kapitel 2.3). Auch im Gespräch über Lisas Fernsehverhalten wird deutlich, dass Schönheit und die Inszenierung des Körpers Themen sind, zu denen sie bereits eine eigene Meinung hat. 210 Im Gespräch über die Model-Castingshow Germany’s Next Topmodel erklärt Lisa, dass sie mit ihren Freundinnen manchmal einen eigenen Laufsteg baut, auf dem sie lernen, wie ein Model zu laufen: LISA: Also, man muss ja die eine Hand an die Hüfte nehmen, und manchmal muss man auch so halb über Kreuz laufen, und das ist halt das Schwierige, wenn man dann noch auf den Rest achten muss, dann überhaupt das Laufen. Das ist dann so schwierig. (I4: S. 410) Lisa ist nicht die Einzige, die darauf hinweist, dass der Catwalk eine ernsthafte Herausforderung sei. Das Üben dieses Laufs scheint außerdem eine in ihren Augen ernst zu nehmende Aufgabe zu sein. Diese Annahme verwundert nicht, vermittelt die Castingshow doch genau diese Botschaft. Ihr Wissen um die Show führt, nicht zuletzt auch aufgrund der Berichte zur Show, die sie im Internet liest, noch weiter: LISA: Also, am besten hat mir jetzt / also, Kiki, die find ich gut. Vielleicht ist hier irgendwo ein Bild (sucht im Internet nach einem Foto der Kandidatin). Also, hier klick ich einfach mal drauf (sucht) oder hier (sucht) nee, da ist nichts. Also, ähm, Kiki, die ist anscheinend gar nicht mehr hier drin mit (…) I: Was war Kiki denn für ein Mädchen? LISA: Die hatte auch so blonde Haare, aber so Locken-Haare mehr, glaub ich (…) I: Und was hat dir an der so gut gefallen? LISA: Ja, also, die hatte halt auch ’nen guten Geschmack mit Anziehsachen und so was und ja (…) (I4: S. 411) Die starke Konzentration auf Äußerlichkeiten, wie sie im Model-Business üblich ist, spiegelt sich auch in Lisas Äußerungen über die Kandidatinnen wider, die stets von genauen Vorstellungen über ihr Aussehen und ihren Kleidungsstil geprägt sind. Der Stellenwert von Äußerlichkeiten, der im Gespräch mit Lisa immer wieder zum Ausdruck kommt, ist selbst dann Thema, wenn einer Frage eigentlich eine völlig andere Intention zugrunde liegt: I: Und wenn du dann zeichnest, wenn du dir die Zeit dafür nimmst, kannst du sagen, wie du dich dabei fühlst? LISA: Nee, also, eigentlich denke ich halt nur übers Outfit nach, was ich als nächstes malen will, und wie das dann genau aussehen soll. (I4: S. 414) 211 Abgesehen davon, dass die Frage nach dem Wohlbefinden während des Zeichenprozesses nur von wenigen Probandinnen beantwortet werden konnte, deutet Lisas Aussage doch darauf hin, dass Emotionen, welcher Art auch immer, kein Bestandteil (mehr) ästhetisch- produktiver Aktivitäten zu sein scheint. Es drängt sich einmal mehr die Vermutung auf, dass das Angebot der Kreativserie Topmodel diese Erfahrungen geradezu unterbindet. Der Verlust des emotionalen Moments in der Modezeichnung wurde bereits in Kapitel 3.4 diskutiert. Es geht lediglich darum, dafür zu sorgen, dass das Model hübsch aussieht, stilsicher gekleidet ist, ‚sich sehen lassen‘ kann. Wenn sich die Gedanken während des Zeichenprozesses lediglich um diese Fragen drehen, scheint die Folge eine emotionale Leere zu sein. Die Auseinandersetzung mit dem Bildmotiv bewegt sich an der Oberfläche. Nicht zuletzt aus diesem Grund bleiben bildnerische Produktionen zur Kreativserie Topmodel wie die von Lisa mit ausformuliertem Hintergrund (Abb. 41) eine Ausnahme. 8.5.3 Kurzprofil Svea Svea ist zum Zeitpunkt des Interviews 12 Jahre alt und besucht ein Gymnasium nicht weit von dem Ort entfernt, in dem sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder lebt. Svea zeigt sich gleich zu Beginn unseres Aufeinandertreffens offen, höflich, selbstbewusst und voller Vorfreude darauf, mit mir über die Kreativserie Topmodel sprechen zu können. Svea beginnt bereits beim Hinaufgehen in ihr Zimmer angeregt zu erzählen. Die Aufzeichnung des Gesprächs beginnt jedoch erst während unseres Austauschs über Sveas Topmodel-Sammlung. In ihrem Zimmer, das sie alleine bewohnt, hängt ein Topmodel-Kalender, der, mit Malvorlagen versehen, zum Ausmalen gedacht ist. Svea erklärt mir, dass die Geburtstage der fiktiven Topmodel-Charaktere, die die Mädchen durch die ‚Topmodel-Welt‘ begleiten, darin eingetragen sind. Ihr Lieblingscharakter ist Candy. Schnell stellt sich heraus, dass Svea über den Lebenslauf der Charaktere bestens informiert ist. Begeistert berichtet sie von ihrem Lieblingsmodel. Sveas Zimmer ist hell und freundlich eingerichtet. Eine Wand ihres Zimmers, gleich hinter dem Bett, hat Sveas Vater in ihrer Lieblingsfarbe Mint gestrichen. Hierhin zeigt sich ein wichtiger Faktor der Kinderzimmergestaltung in Bezug auf das Wohlbefinden eines Kindes: Für das Kinderzimmer ist von Bedeutung, dass objektive Kriterien zur Einschätzung der Bedeutung des Raumes nicht ausreichen. Die kindliche Wahrnehmung des subjektiven Wohlbefindens gilt es zu beachten, und das Wohlbefinden wird zu einem zentralen Faktor, ob und wie das Kind in seiner Umgebung sein Potential entwickeln kann.284 Obschon die Entscheidung über die Gestaltung eines Kinderzimmers selten ausschließlich bei den Kindern selbst liegt,285 scheint Svea einen Großteil ihres Zimmers auf eigenen Wunsch hin eingerichtet zu haben. Auf Sveas Schreibtisch stapeln sich, ähnlich wie bei Lisa, diverse Malbücher sowie ein gro- ßer Berg Zeitschriften. Ihre erste Topmodel-Zeitschrift bekam Svea von ihrer Oma geschenkt. Seitdem sind monatlich neue Zeitschriften hinzugekommen. 284 Buchner-Fuhs 2014, S. 154. 285 Vgl. ebd. 212 Während des Interviews nimmt Svea an ihrem Schreibtisch Platz und gibt Einblick in ihre Produktsammlung zur Kreativserie Topmodel. 8.5.4 Bildnerische Produktionen von Svea Das Gespräch mit Svea beginnt ohne einleitende Nachfrage durch die Interviewerin. Über den Topmodel-Kalender, der in Sveas Zimmer hängt, ergibt sich eine Konversation, in der Svea ihr Expertenwissen um die Topmodel-Charaktere und ihre fiktiven Lebensformen mitteilt. SVEA: Ja, und, ähm, diese Topmodels, die haben auch an bestimmten Tagen Geburtstag, und die sind dann auch hier gekennzeichnet. I: Ah ja, die unterschiedlichen Charaktere (…) Hast du einen Lieblingscharakter? SVEA: Ja, also, Candy, weil die hat 11 Tage vor mir Geburtstag und sieht fast genauso aus wie ich. (I7: S. 457) Die Tatsache, dass Svea ihren Lieblingscharakter über eine möglichst hohe Übereinstimmung von Gemeinsamkeiten aussucht, zeigt das Identifikationspotenzial der fiktiven Topmodel- Charaktere. Die Charaktere, die sowohl in den Zeitschriften als auch im Topmodel-Forum präsent und stets von neuen Geschichten umgeben sind, unterscheiden sich sowohl mit Blick auf ihr Äußeres als auch hinsichtlich ihrer Vorlieben, Charaktereigenschaften und Interessen. Die Steckbriefe der Topmodels, die sich Candy, Hayden oder Liv nennen, sind für Community-Mitglieder stets über die Topmodel-Website abrufbar. Svea erfährt Neues zu ihnen vor allem in den Comics der Zeitschriften sowie in den kurzen Beiträgen zu anstehenden Fotoshootings oder Werbekampagnen. So berichtet sie weiter: SVEA: Ja, der Mops ist von Candy, und der heißt Prince. (…) SVEA: Ja, der heißt Prince, und der ist eigentlich richtig süß. Ich meine, den hat sie mal von ihren Eltern bekommen. (I7: S. 462) Die Namen der Topmodels sowie ihrer fiktiven Haustiere fügen sich in das Bild, das bis hierhin von der Kreativserie Topmodel gezeichnet werden konnte. Candy, deren Name übersetzt ‚Süßigkeit‘ oder ‚Bonbon‘ heißt, ist ein zartes Geschöpf mit langem, blondem Haar, das golden glänzt, und sanft schimmernden, rosafarbenen Wangen. Dieses auf den ersten Blick unschuldige Äußere in Kombination mit bonbonfarbener Kleidung macht ihrem Namen alle Ehre. Dass ihr Mops Prince heißt, ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich. Svea, die selbst langes, blondes Haar trägt und zierlich in ihrer Gestalt ist, scheint sich nicht umsonst mit Candy identifizieren zu können bzw. wollen. 213 Hinter den Namensgebungen verbirgt sich außerdem ein weiteres Charakteristikum, das u. a. die Begeisterung für die Kreativserie Topmodel auszumachen scheint. Es wurde bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass die Sprache, die in der Topmodel-Community vorherrscht, deutlich von Anglizismen geprägt ist (vgl. Kapitel 4). Der amerikanisch- bzw. englischsprachige Raum scheint eine besondere Faszination bei den Konsumentinnen auszulösen. Die Übernahme der Anglizismen in den eigenen Sprachgebrauch ist bei einigen Probandinnen, so auch bei Svea, deutlich erkennbar. Sie spricht wie selbstverständlich von Fotoshootings, Dates, Outfits, Tops und Flops, vom Posten und Stylen. Sie gibt sich insgesamt als ‚Insiderin‘ in Bezug auf das Entwerfen von Kleidung auf dem Papier sowie auf aktuelle Modetrends. Im Gespräch darüber wirkt sie selbstsicher. SVEA: Ja, also, ich bin auch ein ziemliches It-Girl, sag ich mal, ich ziehe auch gerne coole Outfits an, und wenn ich in einer Zeitschrift bei Topmodel für einen Tag coole Outfits sehe, dann sage ich auch zu Mama: Oh, das will ich haben. Das macht mir auch ein bisschen Spaß, so Outfits zu kombinieren. (I7:S. 464) Die Selbstzuschreibung ‚It-Girl‘ birgt zweierlei Besonderheiten. Zum Ersten spiegelt sich auch hier einmal mehr die Übernahme des Sprachgebrauchs wider, der in der Topmodel-Community herrscht. Vor allem der Begriff des It-Girls ist in den Zeitschriften weit verbreitet. Zum Zweiten beweist sie durch diese Aussage ein Selbstbewusstsein, das nicht zuletzt auch auf dem Wissen um aktuelle Modetrends zu beruhen scheint. Obschon auch andere Probandinnen, die noch zur Grundschule gehen, ein teilweise beeindruckendes Modeverständnis besitzen, scheint das Thema auch mit Blick auf Sveas Alter von Bedeutung zu sein. Auch Philine weist im Gespräch mit ihrer jüngeren Schwester darauf hin, dass Mode und Trends mit dem Wechsel auf eine weiterführende Schule bedeutsamer werden. Ihre jüngere Schwester Julie, die zum Zeitpunkt des Interviews noch die Grundschule besucht, kann sich damit noch deutlich weniger stark identifizieren. Svea bezieht ihre Meinungen zum Thema nicht selten von den Beiträgen, die in den Topmodel-Zeitschriften veröffentlich werden: SVEA: Also, so ein Kleid (zeigt auf ein Kleid in der Tomodel-Zeitschrift) natürlich nicht und so was auch eher nicht, was in die Richtung Flop geht, aber so was, was in Richtung Top geht, das finde ich eigentlich ganz schön, aber auch so etwas, das kann man nicht nur auf dem roten Teppich anziehen, oder auch das hier, das finde ich auch sehr süß, das Kleid, aber manchmal ziehen die auch solche Sachen an, wie zum Beispiel hier Lady Gaga, was man eigentlich nicht anziehen sollte. (I7: S. 465) Auch modische Vorbilder aus den Medien spielen bei der Meinungsbildung eine nicht unerhebliche Rolle. Sveas Selbstsicherheit ist in der Einschätzung ihrer zeichnerischen Fähigkeiten zu spüren: 214 SVEA: Also, ich bin eine richtig gute Designerin / und von mir und meinen Freundinnen / und wo wir dann gestern designt haben, da haben sie auch gesagt, wow, dein Bild sieht so richtig hammer aus und so weiter, und, ähm, dann habe ich mir deren Designs angeguckt und ich, ähm / die sagen dann manchmal auch, ach, meins sieht nicht so toll aus, und dann munter ich die auch ein bisschen auf und sage dann, hey, das sieht doch total cool aus und so. (I7: S. 466) Das Lob durch ihre Freundinnen (und Andere) scheint bei der Konstruktion ihres Selbstbewusstseins in Bezug auf ihre zeichnerischen Fähigkeiten wesentlich zu sein. Nichtdestotrotz ist auch Svea der Überzeugung, ihr zeichnerisches Potenzial müsse optimiert werden. SVEA: Also, mit den Outfits bin ich immer komplett zufrieden, aber woran ich halt noch übe, ist / also, sind die Haare (…) (I7: S. 466) In den Interviews sind sich alle Mädchen unabhängig voneinander einig, dass ihre zeichnerischen Fähigkeiten deutlich hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleiben. Keines der Mädchen ist ausnahmslos mit den eigenen bildnerischen Produktionen zufrieden. In dieser Beobachtung wird eine grundsätzliche Problematik von Mädchen- bzw. Frausein deutlich, die sich seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten hält: die Geringschätzung der eigenen Fähigkeiten durch das Mädchen bzw. die Frau selbst, deren Ursprünge schon früh in der Sozialisation der Mädchen zu verorten sind (vgl. Kapitel 2).286 Zahlreiche Studien haben bereits zu beweisen versucht, dass Unterschiede im Selbstwertgefühl zwischen Männern und Frauen bestehen, und Metastudien bestätigen diese These.287 Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bamberg, äußert sich dazu in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es unterscheide sich nicht nur die Höhe des Selbstwertgefühls, sondern vor allem auch die Art und Weise, wie Selbstvertrauen entsteht: Während Männer ihr Selbstvertrauen hauptsächlich aus sich selbst heraus schöpften, unabhängig von ihren Mitmenschen, sei der Selbstwert bei Frauen stärker „interdependent“ – und damit abhängig von Rückmeldungen der Außenwelt. „Da Frauen sich mehr als Männer über andere definieren, spielt reales oder imaginiertes Feedback eine grö- ßere Rolle“, sagt Schütz. Diese Haltung sei zwangsläufig mit größeren Zweifeln verbunden. So wie ein niedriger Selbstwert überhaupt eine Unsicherheit sei, ein einziges, ständiges Fragen: Bin ich gut? Bin ich gut genug?288 Die hohen Ansprüche an sich selbst, verbunden mit ständigem Hinterfragen des eigenen Handels und der eigenen Fähigkeiten, scheinen in den Denk- und Verhaltensweisen der Mädchen bereits früh verankert. 286 Vgl. Hagemann-White 1984. 287 Schaaf, Julia: Bin ich gut genug? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, 2014. 288 Ebd. 215 Svea, die einen pflichtbewussten und ehrgeizigen Eindruck macht, trifft mehrere Aussagen, die diese Beobachtungen stützen. Ihre Zeichnungen, die sich zu einem Großteil auch nach Fertigstellung noch in den Malbüchern befinden, sind Spiegelbilder einer äußerst sorgfältigen und zugleich zeitintensiven Beschäftigung mit dem jeweiligen Motiv. Nur wenige bildnerische Produktionen sind nicht fertig gestellt. Besonders stolz ist Svea auf eine Zeichnung, die eine asiatische Bildfigur mit einem aufwändig verzierten Kimono zeigt (Abb. 44). Als Vorbild für die Anfertigung des Kimonos diente ihr eine Malvorlage aus einem Topmodel-Malbuch. Vor allem die Bildfiguren der Abbildungen 44 und 45 präsentieren sich mit Blick auf Duktus und Farbigkeit sehr zart, beinah zerbrechlich. Das Model mit Kimono unterstützt diesen Eindruck nicht zuletzt aufgrund seiner Kör- Abb. 45: Ohne Titel, Svea, 12 J., 2015, ca. 29 x 11 cmAbb. 44: Ohne Titel, Svea, 12 J., 2015, DIN A4 + Abb. 46: Ohne Titel, Svea, 11 J., 2015, ca. 29 x 11 cm 216 perhaltung: Die Figur steht auf Zehenspitzen, das Gleichgewicht scheint durch die Arme ausbalanciert zu werden. Das sanfte Meerjungfrauengeschöpf in Abbildung 45 ist in fließende Farbverläufe eingebunden, Flosse und Schleier ziehen leichte Bewegungen. Die Meerjungfrau in Abbildung 46 zeigt sich dagegen etwas kraftvoller, weniger zurückhaltend. Die feurigen Farben Orange und Gelb dominieren die Bildfläche, ein verhältnismäßig kräftiger Duktus bestimmt diese bildnerische Produktion. Dynamik entsteht, ähnlich wie in der vorherigen Zeichnung und dennoch in stärkerer Form, aufgrund der wirbelartigen Linienführung, die die Flosse der Meerjungfrau umgibt, sowie durch den filterförmigen Wirbel, der die Verlängerung des rechten Armes darstellt. Das Motiv der Meerjungfrau scheint allgemein beliebt zu sein. Auch Josy berichtet von ihrer Begeisterung für Meerjungfrauen. Die Bedeutung des Motivs, der Mythos der Meerjungfrau, wurde bereits im Zuge der Bildanalysen zu Produktionen aus dem Topmodel-Forum erläutert. Die US-Journalistin Peggy Orenstein äußert sich kritisch über die durch Marketing verbreiteten Stereotypen ‚weiblicher Ästhetik‘: „Wir leben im 21. Jahrhundert. Wieso müssen kleine Mädchen rosarote Prinzessinnen in Plastikstöckelschuhen sein? Und warum wird ihnen eingetrichtert, die Meerjungfrau sei toll, ein Geschöpf, das seine Sprache verlor, um einem Mann zu gefallen?“289 Vor dem Hintergrund der Überlegungen zu der Art und Weise, wie die Mädchen Widerstand leisten, erscheint diese Frage dringlicher denn je. Das Bild des angepassten, stummen, folgsamen Mädchens gehört noch längst nicht der Vergangenheit an. Im 21. Jahrhundert ist dieses Bild von Mädchen- bzw. Frausein immer noch oder wieder Teil gesellschaftlicher Lebens- und Denkweisen. Hierhin zeigt sich außerdem einmal mehr, dass die Kinderzeichnung als Spiegelbild gesellschaftlicher Normen und Werte zu ihrer Aufdeckung und Aufklärung beitragen kann. Sveas Motive präsentieren sich insgesamt weniger sexualisiert als die Bildmotive anderer Probandinnen. Im Gespräch über ihre bildnerischen Produktionen betont sie mehrfach, dass eine gelungene Zeichnung an ihren Grad der Echtheit geknüpft ist. SVEA: Ich male am liebsten mit Buntstiften, und (kurze Pause) ja, also, mit Filzstiften, das sieht ein bisschen unecht aus, und Wasserfarben sind nicht so gut auf dem Papier. Und weiter: SVEA: Das mache ich immer von Hand, da sind auch manchmal, ähm, da sind dann auch so Sticker dabei, aber ich finde, dann sieht das auch noch unechter aus. Ich will das am liebsten alles selber malen. (I7: S. 457 und S. 458) Ähnlich wie bei den anderen Probandinnen ist Sveas bevorzugte Technik die Buntstiftmalerei. Damit reiht sie sich in die Tradition der überwiegenden Mehrheit von Fanartists.290 Svea empfindet eine Zeichnung dann als gelungen, wenn sie dem Original (in der Realität) besonders ähnlich ist. So legt sie beispielsweise sehr viel Wert auf die Präsenz von Licht und Schatten: 289 Müller, Franziska: Die Cinderella Industrie. In: Emma Online, 2012. 290 Vgl. Zaremba 2010. 217 I: Und wenn du sagst, manchmal findest du die nicht so gelungen, wann findest du eine Zeichnung denn besonders gelungen? SVEA: Also, wenn die richtig gute Schattierung hat und auch die Haare gut gelungen sind. Also, hier in diesem Buch habe ich noch eine Zeichnung, die mir sehr gut gefällt (sucht). Diese Zeichnung (zeigt eine Zeichnung). (I7: S. 460) Bei der Zeichnung, von der Svea spricht, handelt es sich um Abbildung 44. Eine Stunde habe sie daran gesessen, erzählt sie. Die Analyse der Interviews verrät, dass eine Stunde offensichtlich als eine Art Richtwert für eine besonders zeitintensive Beschäftigung mit einer Zeichnung gilt. Dies scheint das Maximum an Zeit, das in Topmodel-Zeichnungen gesteckt wird. Die Zeitangabe erscheint realistisch, wenn man bedenkt, dass außer der Bildfigur, die ja bereits vorhanden ist, nichts weiter gestaltet werden muss. Stundenlanges Zeichnen, wie es beispielsweise bei so komplexen Bildmotiven wie aus den 60er und 70er Jahren üblich war, scheint für die Mädchen heute undenkbar. Hierbei spielt neben anderen Faktoren (vgl. Kapitel 6.5 und 8.3.2) vermutlich ein Mangel an Zeit im Alltag aufgrund diverser Termine eine nicht unerhebliche Rolle. Dies verdeutlicht auch die folgende Aussage von Svea: I: Und kannst du sagen, wie viele Stunden du am Tag malst? Oder in der Woche? SVEA: Also, in der Woche mache ich das nicht ganz so häufig. Am meisten mache ich das in den Ferien oder am Wochenende. I: Weil du dann nicht so viel Zeit dafür hast? SVEA: Ja. (I7: S. 465) Obschon sie bei der Frage nach einer gelungenen Zeichnung nicht ausdrücklich auf Sauberkeit und Sorgfalt hinweist, scheint dieser Anspruch, blickt man auf ihre Zeichnungen, doch auch Teil ihres ästhetischen Empfindens zu sein. Sveas bildnerischen Produktionen liegt eine äußerst bedachte und ordentliche Ausarbeitung zugrunde. Die pastelligen Farbtöne, die sie für einen Großteil ihrer Motive verwendet, fügen sich in dieses Bild. Die in dieser Arbeit bereits mehrfach diskutierte Form der ästhetischen Sozialisation, die einem Großteil der untersuchten bildnerischen Produktionen zugrunde liegt, greift auch in Sveas Zeichnungen, obschon von ihr nicht explizit benannt. Merkmale wie „Ordnung und Sauberkeit, Feinmotorik und dekoratives Gestalten“291 zeichnen ihren Zeichenstil aus und lassen gleichzeitig vermuten, dass sich daran, obschon Wichelhaus’ Beobachtungen die ästhetische Sozialisation im Kunstunterricht der späten 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beschreiben, nicht allzu viel geändert hat. Diese Form ästhetischer Sozialisa- 291 Wichelhaus, Barbara: Zur ästhetischen Sozialisation von Jungen und Mädchen. In: Staudte, Adelheid; Voigt, Barbara (Hrsg.): Frauen – Kunst – Pädagogik. Frankfurt a. M.: Ulrike Helmer, 1991. S. 81. 218 tion, vor allem in Bezug auf bildnerisches Gestalten, scheint von unterschiedlichen Instanzen noch immer in kaum veränderter Weise verbreitet zu werden. Vor allem mit Blick auf die Kreativserie Topmodel entsteht der Eindruck, entsprechende Vorurteile würden verstärkt statt abgebaut. „Ästhetisches Verhalten ist besonders in den frühen Lebensjahren in andere allgemeine Verhaltensstrukturen eingebunden, wechselseitige Beeinflussungen finden statt.“292 Als mögliche Faktoren für den Verlust der ursprünglichen, spontanen Ausdruckskraft von Mädchen nennt Wichelhaus eine höhere Anpassungsfähigkeit, Anforderungen an spezifische Verhaltensweisen von Mädchen verbunden mit einem geringeren Freiraum an Verhaltensweisen im Vergleich zu Jungen (wie z. B. Aggressivität oder Spontaneität) sowie das besonders große Bedürfnis nach Anerkennung.293 Da Svea im Interview über ihre Begeisterung für das Fach Kunst und für bildnerisches Gestalten berichtet, d. h. ein grundsätzliches Interesse an Zeichnung und Malerei besteht, erschien die Frage naheliegend, warum bzw. wie sie zur Kreativserie Topmodel kam: SVEA: Also, ich weiß noch, wo ich meine erste Zeitschrift bekommen habe. Ich habe mich so sehr dafür interessiert, weil da waren ja diese / also in jeder Zeitschrift sind so Malseiten dabei, da kann man zum Beispiel so ’ne Tasche designen, und da sind auch so kleine Extras dabei (zeigt die Zeitschrift). Das ist jetzt so’n Spiel, und da kann man halt so ein bisschen designen. Es gibt da halt so Malwettbewerbe. (I7: S. 458) In einer weiteren Aussage beschreibt Svea ein Phänomen, das viele Mädchen in ihren Aussagen in ähnlicher Weise erkennen lassen: SVEA: Ich glaube, von meiner Oma, die hat sie mir mal mitgebracht. I: Und hat deine Oma gesagt, wie sie darauf gestoßen ist, wie sie das entdeckt hat? SVEA: Na ja, vielleicht hat sie auch durchgeblättert und halt gesehen, dass das mit der Mister-Mops-Wahl /, und dann hat sie vielleicht gemerkt, das ist was mit Malen, das würde mir bestimmt gut gefallen und auch, dass es was für junge Mädchen halt ist mit so ein paar Tricks und Do-it-yourself-Sachen. I: Und warum glaubst du, ist das was für Mädchen? Meinst du, Jungen hätten auch Lust dazu? SVEA: Also, da sind auch manchmal so Schminktipps drinne und Kleidungsstils und auch Pink halt, und ich finde, Jungs hätten da nicht so viel Spaß dran. (I7: S. 464) Zum einen verbirgt sich hinter ihrer Aussage das alt bekannte und nicht zuletzt von Medien verbreitete Verständnis von weiblicher Ästhetik, das Wiedemann mit dem Begriff der Pinki- 292 Ebd., S. 82. 293 Vgl. ebd. 219 fizierung beschreibt.294 Auch die Aktivität des Zeichnens ordnet Svea dem weiblichen Geschlecht zu. Zum anderen gilt die Beschäftigung mit der Kreativserie, ob in Form der aktiven Auseinandersetzung oder des Schenkens, als weibliche Domäne, die die Beziehung von Müttern und Töchtern, Tanten und Nichten, Omas und Enkelinnen kennzeichnet. Die Mütter, dies ging aus den Gesprächen mit den Eltern, die teilweise vor oder nach den Interviews geführt werden konnten, hervor, sind Mitwisserinnen, während den Vätern dieses Thema weitestgehend fremd ist. So entsteht, treibt man diesen Gedanken ein wenig auf die Spitze, eine Art Komplizinnenschaft zwischen Müttern und Töchtern, die aus der beiderseitigen Begeisterung für die Kreativserie hervorgeht. Es scheint, als entdeckten Mütter in den Malvorlagen einen noch aus Kindheitstagen währenden Wunsch nach einem solchen Angebot, das ihrer Generation verwehrt blieb. Sich diesen Wunsch ‚über die eigene Tochter‘ zu erfüllen, obschon die Zeit der eigenen Auseinandersetzung damit ‚abgelaufen‘ ist, scheint beim Schenken der Topmodel- Produkte eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen. 8.5.5 Kurzprofil Josy Josy ist zum Zeitpunkt des Interviews neun Jahre alt. Sie begegnet mir anfänglich mit Schüchternheit, die auch in ihren Aussagen zum Ausdruck kommt. Vor allem zu Beginn des Interviews wirkt sie noch sehr unsicher, überlegt eine Weile, bis sie antwortet. Im Laufe des Interviews steigt ihre Bereitschaft, von sich aus zu erzählen. Besonders begeistert erzählt sie von den Topmodel-Comics, die in jeder Zeitschrift erscheinen und von denen sie ein großer Fan ist sowie über Themen rund um Mode und Styling. Vor allem in den Gesprächen über unterschiedliche Modegeschmäcker hat sie klare Vorstellungen davon, was ihr gefällt und was nicht, wie man Kleidungsstücke kombinieren sollte und wie nicht. Neben ihren produktiv-ästhetischen Aktivitäten zur Kreativserie Topmodel fährt sie gerne Fahrrad, Inliner und schwimmt – vorzugsweise mit einer Meerjungfrauenflosse, bei der ihr die „fließenden Bewegungen“ besonders gut gefallen und die Tatsache, dass man durch die Schnelligkeit der Bewegungen länger als gewöhnlich unter Wasser bleiben kann. Ihre Freundinnen teilen dieses Hobby nicht mit ihr. In Josys Zimmer, das sie alleine bewohnt, dominieren die Farben Pink und Schwarz. Besonders auffällig ist die Sammlung von Monster High Puppen, die auf einem Regalbrett angeordnet sind. 294 Vgl. Wiedemann 2012. 220 8.5.6 Bildnerische Produktionen von Josy Auch auf Josys Schreibtisch ist eine beeindruckende Zahl von Topmodel-Zeitschriften und Malbüchern vorhanden. Josy erinnert sich noch gut daran, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter ihre erste Zeitschrift kaufte, und beschreibt gleichzeitig, woher ihre Begeisterung für die Kreativserie rührt: I: Und weißt du noch, was dich da so fasziniert hat, warum du angefangen hast, dich mit Topmodel zu beschäftigen? JOSY: Ähm, ich hab mir die Zeitung angeguckt und da waren ja auch noch Bilder drin, wie man das malen kann, und Ideen, wie man das malen könnte oder so – und da hab ich auch mal gedacht: Das möchtest du auch mal ausprobieren. Und das fand ich halt richtig toll (verlegenes Lachen). (I1: S. 321) Außerdem berichtet Josy, dass sie mit vier Jahren angefangen habe, die Malvorlagen der Kreativserie zu nutzen. Josy hat eine drei Jahre ältere Schwester. Eine für Josy offensichtlich starke Motivation geht von den Malvorlagen aus, d. h. von den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln: I: Und was gefällt dir an der Serie an sich so gut? Gerade hast du ja beschrieben, dass deine Motivation das Malen ist – warum ist es also Topmodel? JOSY: Ja, weil ich ja, ähm, die Zeitung zuerst in der Hand hatte, und dann habe ich meine Mama gefragt: Können wir die mitnehmen?, und dann hat meine Mama natürlich ja gesagt, und dann haben wir abends noch mal da drin gelesen, und dann fand ich das richtig toll (verlegenes Lachen). Und die Comics da drinnen find ich auch immer richtig toll, und dann haben wir, ähm, und dann hat sie mir danach noch ein Topmodel-Buch mitgenommen, und dann haben wir (kurze Pause) so zusammen drin gemalt, und deswegen habe ich das heute noch. (I1: S. 321) Die Comics in den Topmodel-Zeitschriften scheinen für Josy von großer Bedeutung zu sein. Auch andere Probandinnen beweisen hierbei Expertenwissen. Heidtmann nimmt in seiner Untersuchung aus den frühen 90er Jahren Kindercomics kritisch in den Blick. Obschon seine teilweise harsche Kritik an einigen Stellen nicht immer nachvollziehbar erscheint, benennt er doch einige Aspekte, die auch hinsichtlich der Topmodel-Comics zu hinterfragen sind. So kritisiert er beispielsweise die Spannungsstruktur, die sich auf „das Prinzip ‚Gut gegen Böse‘ reduzieren lässt, deren Humor auf dem Prinzip ‚Lachen über den Schaden anderer‘ basiert.“295 Auch der eher niedrige künstlerisch-handwerkliche Standard, der mit der Masse zu erklären ist, stellt aus Heidtmanns Sicht ein Problem dar. „Bei Kindern kommt das dennoch gut an, wird doch auf der Minimalebene ihres Rezeptionsvermögens gearbeitet, was widerstandsfreie Konsumtion ermöglicht, zusätzlich motiviert durch die Freude an der Erzähl- 295 Heidtmann, Horst: Kindermedien. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 1992. S. 22. 221 weise.“296 Die Inhalte der Topmodel-Comics, die Josy – in ähnlicher Weise wie Svea – wiedergibt, sind deutlich von den von Heidtmann beschriebenen Prinzipien geprägt. Verstärkt wird diese Einfachheit durch Situationen wie den Misserfolg eines Catwalk-Trainings oder die versehentliche Färbung von blondem Haar mit blauer Farbe. Die Trivialität der Geschichten wird folglich nicht nur in der Erzählweise sichtbar, sondern vor allem durch die gewählten Themen. Für Josy – und nicht nur für sie – stellen diese Comics einen wesentlichen Grund für ihre Topmodel-Begeisterung und die regelmäßigen Käufe der Zeitschriften dar. In den Erwerb ist auch hier einmal mehr die Mutter involviert. Sie unterstützt den Wunsch ihrer Tochter nach Produkten der Kreativserie; nicht zuletzt dadurch, dass sie in Ausnahmefällen in den zeichnerischen Prozess einbezogen wird. So bleibt auch in Josys Familie die Beschäftigung mit der Kreativserie – auf welche Weise auch immer – weiblich dominiert. Das bereits angesprochene Phänomen der Komplizinnenschaft, der ‚heimliche Genuss‘ der Mutter, scheint auch hier zu greifen. Josys Zeichnungen sind vor dem Hintergrund bereits angestellter Beobachtungen besonders interessant. In ihnen vereinen sich teilweise gleich mehrere Phänomene, wie z. B. das Nichtfertigstellen einer Zeichnung, fehlende Hintergründe sowie das Übermalen von vorgegebenen Konturen (Abb. 47, 49 und 50). Die Entstehung von Abbildung 47 erklärt Josy wie folgt: 296 Ebd., S. 23. Abb. 47: Ohne Titel, Josy 8 J., 2014, DIN A4 + Abb. 48: Ohne Titel, Josy, 9 J., 2015, ca. 29 x 11 cm 222 I: Und was hast du dir bei den Farben oder bei der Kleidung, die du gewählt hast, gedacht? JOSY: Ähm, da habe ich ein bisschen, so ein bisschen an tropisch und so weiter gedacht, und dann hab ich einfach gedacht, das malst du jetzt einfach mal auf, die Idee kriegst du nicht immer wieder, was du da gerade im Kopf hast, und dann habe ich das einfach aufgemalt. I: Mhm, tropisch, sagst du. Und was muss für dich dann in das Bild, damit man erkennt, dass es ein bisschen tropisch ist? JOSY: Ähm, der Papagei (verlegenes Lachen). I: (Lachen) Aha, okay, und da hat die Mama dich unterstützt!? JOSY: (Lachen) Ja, den hab ich dann angemalt […]. (I1: S. 320–321) Josys Aussage über die Entstehung des Bildmotivs regt einmal mehr die Diskussion über die Schwierigkeit der Zuordnung der Topmodel-Motive in einen bestimmten thematischen Kontext an (vgl. Kapitel 3.4). Die Einordnung von Josys bildnerischer Produktion (Abb. 47) in eine tropische Szenerie ist für den Betrachter ohne Erläuterungen durch Josy kaum möglich. Selbst der Papagei, der als einziges Bildelement darauf hinweist, reicht für eine solche Zuordnung kaum aus. Das Vorhandensein der Topmodel-Figuren durch die Vorlagen kann hier ein weiteres Mal als Einschränkung verstanden werden. Josys Wunsch, eine tropische Szenerie zu gestalten, ist beinahe unmöglich. Die Anwesenheit der Models in dieser Szenerie erscheint unpassend. Da das Model jedoch Grundlage einer jeden Zeichnung ist, hätte neben der Kleidung der Bildfiguren die Gestaltung des Hintergrundes für eine Annäherung an Josys Bildidee sorgen können. I: Malst du denn manchmal auch die Hintergründe? JOSY: Manchmal, manchmal nicht (…) I: Warum lässt du die manchmal weg? Abb. 49: Ohne Titel, Josy 8 J., 2014, DIN A4 + 223 JOSY: Weil man achtet ja eher auf die Mode und nicht auf den Hintergrund, und der Hintergrund braucht ja noch ein bisschen (kurze Pause) Da fällt einem ja auch nicht sofort was ein (verlegenes Lachen). (I1: S. 329) Josy formuliert deutlich, warum Hintergründe für ihre Zeichnungen keine Bedeutung haben und unterstützt damit außerdem die These, dass dem Fehlen des Hintergrundes eine Phänomenspezifik der Modezeichnung – als ein möglicher Grund von vielen – zugrunde liegt. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Bildfigur. Der Fokus auf ihre äußere Erscheinung ist wesentlich, nicht jedoch die vollständige Gestaltung der Bildfläche. Josys übrige Zeichnungen (Abb. 48 und 49) spiegeln diese Annahme ebenfalls wider. Folgende Aussage von Josy knüpft ein weiteres Mal an die Gründe für ihre Topmodel- Begeisterung an, macht zugleich jedoch auch Josys Verständnis auf den Zeichenprozess deutlich: I: Und wie malst du eine Figur, wenn du sie ohne Vorlage malst? Was ist da für dich wichtig? JOSY: Ähm, erst mal eigentlich, wenn man Mode zeichnet, dann malt man erst mal eine Figur einfach so auf und, ja, und dann legt man ein leeres Blatt auf das andere und dann hält man das gegen das Fenster und dann kann man das sauber abmalen (kurze Pause), und, ja, und dann kann man ja auch davon mehr malen, ich glaub, ich hab auch noch die Bilder von dem Modekurs, den ich gemacht hab. (I1: S. 331) Die durch die Interviewerin bewusst gestellte Frage nach der Darstellung einer von Topmodel unabhängigen Bildfigur beantwortet Josy direkt und ohne Zweifel. Die präzise Beschreibung des Zeichenvorgangs lässt zum einen darauf schließen, dass es ihr auf diese Weise beigebracht wurde. Zum anderen zeigt sich hierhin auch einmal mehr eine Form der Ökonomie des Zeichenprozesses, wie sie auch durch die Topmodel-Vorlagen verbreitet wird. Die Reproduktion eines Bildmotivs als gängige Methode, um eine Zeichnung anzufertigen, scheint Josy ‚in Fleisch und Blut übergegangen‘ zu sein. Außerdem übernimmt sie wie selbstverständlich das Prinzip der Reproduktion, das durch die 20fach vorhandenen Malvorlagen in einem Malbuch vorgegeben wird. Es erscheint besorgniserregend, dass die Kreativserie Topmodel ihr Verständnis von ästhetischer Sozialisation mit Blick auf bildnerisches Gestalten so widerstandslos durchzusetzen vermag. Kennzeichen ästhetischer Sozialisation, wie sie in der Topmodel-Community erfolgt – auch unabhängig von bildnerischem Gestalten –, werden auch an anderer Stelle im Gesprächsverlauf sichtbar. Als Neunjährige hat sie bereits ganz genaue Vorstellungen von Mode, von Trends, die ihr gefallen und solchen, die sie nicht unterstützt. 224 JOSY: Und da habe ich auch viel mit meiner Freundin gemalt (zeigt eine Zeichnung), da haben wir dann zusammen gedacht: Ja, komm, wir malen erst mal ein bisschen was Business oder irgendwas, ähm, ja, irgendwas eher Ruhiges und nicht so Rockiges, und dann haben wir einfach so welche ganz normalen Partykleider gemacht (verlegenes Lachen). I: Was ist denn ein ganz normales Partykleid? JOSY: Zum Beispiel wenn man luftig mag, dann zieht man zu ’ner Party luftig an, weil dann / wenn zum Beispiel / man tanzt ja auch richtig viel, und wenn das dann ein bisschen heißer wird, dann ist es ja auch besser, wenn man was Luftiges anzieht. (I1: S. 328) Obschon davon auszugehen ist, dass Josy in ihrem Alter abgesehen von Kindergeburtstagen eher selten auf Parties verkehrt, sind ihre Vorstellungen davon und wie man sich dafür kleidet doch äußerst konkret. Josys anfängliche Unsicherheit geht im Verlauf des Gesprächs zurück. In ihren Aussagen über die Kreativserie Topmodel, Mode und Medien gibt sie sich zunehmend als Expertin. I: Und ist Mode für dich selbst denn auch wichtig? JOSY: Ja, weil ich sie auch manchmal richtig / (unverständlich) Modedesaster an unserer Schule. Das sieht manchmal richtig schlimm aus und manchmal, ja (unverständlich). I: Wenn andere Mode tragen, die dir nicht gefällt? JOSY: Ja, also, die dann so, also, die dann so richtig herausstechend sind und die halt manchmal nicht zusammenpassen (verlegenes Lachen). I: Ja, was gefällt dir denn so gar nicht? JOSY: Zum Beispiel, ich hatte mal so’n Leopardenlook, so’n Rock, und wenn du schon Muster hast, dann kannst du auch ein anderes Muster dazu kombinieren, aber nicht ein wildes, aber ich mag eigentlich ein Muster, nicht mehr Muster, und dann hab ich einfach eine schwarze Strumpfhose oder eine Leggins genommen und ein weißes oder pinkes T-Shirt, also einfarbig. Und weiter: JOSY: Also, zum Beispiel, ich mag Leo, aber wenn man das dann mit einem anderen wilden Muster kombiniert, das sieht dann manchmal auch richtig komisch aus, und dann sag ich auch manchmal: Das sieht nicht so schön aus, find ich, und dann sagen die auch manchmal: Ich find das schön, und dann halte ich auch meinen Mund, weil das ist ja ihre Meinung. (I1: S. 331–332 und S. 327) 225 Josys klare Meinungen über Mode scheinen nicht zuletzt auch auf eine selbstverständliche Integration von Medien in ihren Alltag zurückzuführen zu sein, die weniger der Welt des Kindes als vielmehr der Erwachsenenwelt zuzuordnen sind. Stärker als bei einem Großteil der anderen Probandinnen geben Josys Sinngebungen außerdem Einblick in ein stark auf Äußerlichkeiten basierendes Schönheitsverständnis. JOSY: Ja, und, ich gucke sehr oft Germany’s Next Topmodel (GNTM), und da, ähm, finde ich auch manchmal Ideen und, ja (…) I: Und was sind das zum Beispiel für Ideen bei GNTM, die du dir abguckst? JOSY: Ähm, ja, zum Beispiel wenn die jetzt einen Walk haben, was die dann da anziehen. Zum Beispiel wenn die jetzt eine Bluse haben, die mir richtig gut gefällt, und dazu eine Hose oder eine Hotpan, also, was mir gut gefällt, das speicher’ ich in meinem Kopf, und das male ich fast so auf. I: Und was gefällt dir an GNTM insgesamt so? JOSY: Dass die sehr Wert legen, dass die spon… / ähm, dass die schön sind, dass die auch laufen können, dass die, ähm, spontan sind und dass die halt Modebewusstsein haben, weil ein Topmodel ohne Modebewusstsein, ja (…) I: Und du sagst, dass die schön sind, das gefällt dir. Was heißt denn für dich: „schön“? JOSY: Zum Beispiel wenn er, ähm, ein Outfit sehr verkörpert (kurze Pause) und wenn, ähm, wenn er, ja, seine Schönheit auch rüberbringen kann und, ja (…) I: Was meinst du mit, wenn er seine Schönheit rüberbringen kann? JOSY: Dass er zum Beispiel nicht so läuft (macht es vor) oder die ganze Zeit ein künstliches Lächeln aufbringt oder so (…) (I1: S. 326) Das Schönheitsverständnis, das den Aussagen zugrunde liegt, ist ganz offensichtlich stark medial geprägt. Die direkte Bezugnahme auf eine Fernsehshow wie Germany’s Next Topmodel macht zumindest eine Quelle sichtbar, die bei der Konstruktion dieses Verständnisses beteiligt ist. In Kombination mit Angeboten wie denen der Kreativserie Topmodel ergibt sich daraus nach Josys Verständnis ein ganz konkretes Bild von Mädchen- bzw. Frausein, das auf einer Reihe von stereotypen Zuschreibungen beruht: JOSY: Ähm, Topmodel, ähm, ist ja ehrlich gesagt eine Alleskönnern, die sollte modebewusst sein und (kurze Pause) ja, sonst kann ich das nicht so doll beschreiben (verlegenes Lachen). I: Wenn du sagst Alleskönnern, dann muss sie für dich ja noch mehr sein als nur modebewusst, oder!? Hast du da noch was im Kopf? 226 JOSY: Ja, dass die, ähm, na, ähm, spontan sind, weil zum Beispiel ruft dich jetzt einer an: Ja, du hast jetzt ein Walk auf / da und da auf dem Laufsteg, ja, da muss man auch ein bisschen spontan sein, welche Pose man macht. (I1: S. 325) Hinter Josys Bezeichnung eines Models als ‚Alleskönnerin‘ verbirgt sich ohne Zweifel eine der wesentlichen Botschaften von Fernsehformaten wie Germany’s Next Topmodel. Die Einseitigkeit der Eigenschaften, mit der Josy den Begriff der ‚Alleskönnerin‘ versieht, verdeutlicht allerdings auch, dass es ihr schwer fällt, ihre Aussage mit entsprechenden Argumenten zu untermauern. Josys Zimmer beherbergt neben der Sammlung von Topmodel-Produkten außerdem eine Reihe von Monster High Puppen, die sich auf einem Regalbrett befinden. In Kapitel 3 wurde die Monster High Puppe der Firma Mattel bereits in Kürze vorgestellt. Auf die Sammlung angesprochen, berichtet Josy: I: Und, was mir eben auch noch ausgefallen ist: Du hast auch Monster-High-Puppen. Spielst du mit denen, oder was machst du damit? JOSY: Ich sammle die nur. I: Was gefällt dir an den Monster-High-Puppen so gut? JOSY: Ich find die hauptsächlich / manche find ich süß, manche find ich nicht so süß, und manche find ich auch richtig schick. (I1: S. 333) Dem Sammeln scheint nicht zuletzt auch in Hinblick auf die Produkte der Kreativserie Topmodel eine besondere Bedeutung zuzukommen. Über den Begriff des Sammelns und die Bedeutung von Kindersammlungen schreibt Fuhs: „Die gesamte Dingwelt, über die die Kinder verfügen, wird und muss von Erwachsenen verantwortet werden. Kein Euro, den die Kinder ausgeben, ist nicht zuvor durch die Hand eines Erwachsenen gegangen.”297 Das Sammeln sieht Fuhs als seine Möglichkeit für Kinder, sich von den Erwachsenen unabhängig zu machen und Dinge für wertvoll zu ernennen, denen in der Welt der Erwachsenen keine Bedeutung zukommt. So schreibt er weiter: „Je weniger eine Sache für Erwachsene von Wert ist und je weniger eine Sache als Eigentum einem Erwachsenen zugeordnet werden kann, desto eher können sich Kinder diese Sache aneignen. Es sind so vor allem die banalen, wertlosen Dinge, die zum eigentlichen Eigentum von Kindern werden.“298 Die Monster High Puppen, die Josy sammelt, haben einen nicht zu unterschätzenden materiellen Wert. Zwischen 15 bis knapp 70 Euro kann eine solche Puppe kosten – und sie ist längst nicht nur in Kinderzimmern zu finden. Auch Erwachsene begeistern sich für diese Puppen. 297 Fuhs 2014, S. 79. 298 Ebd., S. 80. 227 Letzteres unterstützt einmal mehr die von Postman formulierte These, nach der Kinder- und Erwachsenenwelt zunehmend miteinander verschmelzen.299 Ein Blick auf die Monster High Puppen verrät, warum sie weder in die Kinder- noch in die Erwachsenenwelt so wirklich zu passen scheinen: Die Größe einer Puppe (ca. 24 cm) kommt nicht ganz an die Maße einer Barbiepuppe heran (ca. 30 cm). Dennoch ist das Vorbild deutlich zu erkennen. Im Gegensatz zur eher unbeweglichen Barbie-Puppe verfügt die Monster High Puppe über bewegliche Gelenke an Ellbogen, Becken und Knie, die in jede erdenkliche Position gebracht werden können. Die Outfits variieren. Nicht selten tragen sie eng geschnürte Korsett-Kleider, auffällige Tüllröcke, die bis knapp über den Po reichen, oder Plateau-Stiefel, die bis zum Knie geschnürt werden. Auf den Websites der Spielzeugwarenhäuser, die Monster High Puppen verkaufen, wird das äußere Erscheinungsbild der Puppen mit Adjektiven wie ‚schaurig‘, ‚monsterkrass‘ oder ‚todschick‘ beschrieben. Obschon eine Puppe gemeinhin als Kinderspielzeug gilt, erscheint die Monster High Puppe alles andere als kindgerecht. Sie ist vielmehr ein weiteres Indiz dafür, dass kindliche Räume zunehmend von Dingen eingenommen werden, die Position und Rolle der Kinder in der Gesellschaft und in einer von Konsum und Kommerz geprägten Lebenswelt in Frage stellen. 299 vgl. Postman 1987. 229 9. Zusammenfassung der Ergebnisse Die aus der qualitativ-empirischen Untersuchung hervorgegangenen Ergebnisse sollen an dieser Stelle noch einmal in Kürze unter folgenden Termini zusammengefasst werden: • Disziplin • Sorgfalt • Widerstand • Ästhetisch-produktive Aktivitäten als Transitbeschäftigung • Hierarchisierung • Ökonomie des Zeichenprozesses Disziplin Der Begriff der Disziplin wurde in den vorangegangenen Überlegungen hinsichtlich der bildnerischen Produktionen der Probandinnen sowie ihrer Äußerungen dem des Widerstandes gegenübergestellt. Der Definition des Begriffes Disziplin nach Ipfling (vgl. Kapitel 8.4.1) liegt ein Verständnis disziplinierten Verhaltens zugrunde, das unter anderem das Streben bzw. den Wunsch eines Individuums nach Ordnung oder Regeln beinhaltet. Als diszipliniert gilt, wer die Ordnungen und Regeln des gesellschaftlichen Lebens respektiert und lebt, sich der ‚Norm entsprechend‘ verhält.300 Betrachtet man den Alltag der Mädchen, wird deutlich, dass ihnen ein hohes Maß an Selbstdisziplin abverlangt wird – und das längst nicht nur in der Schule. Freizeitaktivitäten, die an feste Termine gebunden sind, schließen sich unmittelbar an den Schulalltag. Das Freizeitprogramm wechselt täglich. Die Zeit, die zum Spielen bleibt, ist knapp. Das kindliche Spiel kommt zu kurz, Kind-sein scheint kaum noch erlaubt. „Für das kindliche Spielen ist besonders charakteristisch, dass es in hohem Maße spontan, offen und frei erfolgt.“301 Die Definition kindlichen Spiels, wie sie Konrad/Schultheis vornehmen, scheint nach Auswertung des Interviewmaterials weit von dem entfernt, was die Probandinnen über ihre Möglichkeiten des Spielens neben Schule und diversen Freizeitaktivitäten berichten. Die Hinwendung zu ästhetisch-produktiven Aktivitäten erscheint zunächst als Chance, das kindliche Spiel in den Alltag zu integrieren. Ein Blick auf die Kreativserie Topmodel verrät jedoch: Mit spontanem, kindlichen Ausdruck und freiem Gestalten hat das wenig zu tun. Die Malvorlagen gehen mit konkreten Forderungen an die Mädchen einher, die Begriffe wie Disziplin, Ordnung und Sorgfalt beinhalten. Als gelungen gelten diejenigen Zeichnungen, in denen (vorgegebene) Konturen eingehalten werden, die sorgfältig ausgearbeitet und der computerbearbeiteten, kolorierten Malvorlage des Topmodel-Malbuchs besonders ähnlich sind. Die 20fachen Malvorlagen fordern die Mädchen auf, zu üben, sich zu verbessern und nach der vollkommenen Zeichnung zu streben. So wird das kindliche Spiel zu einer Pflicht, die ihm jede Freude an seiner Ausübung nimmt. 300 Vgl. Ipfling 1976. 301 Konrad; Schultheis 2008, S. 44. 230 Sorgfalt Im vorangegangenen Kapitel wurden die Begriffe Disziplin und Sorgfalt in der Diskussion um die bildnerischen Produktionen der Probandinnen unmittelbar zueinander in Beziehung gesetzt. Der Grund dafür liegt in ihrer semantischen Nähe zueinander. In der sorgfältigen Ausarbeitung der bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel liegt ein hohes Maß an Disziplin begründet. Die Bedeutsamkeit sorgfältigen Arbeitens für das Gelingen einer Zeichnung ist längst nicht nur mit Blick auf die Kreativserie Topmodel zu beobachten, sondern scheint vielmehr ein tief verankertes Phänomen in der kunstpädagogischen Praxis zu sein.302 Die starke Konzentration auf eine sorgfältige Ausarbeitung versperrt die Möglichkeit für spontane Ideen und kreative Zeichenprozesse.303 Ein Blick auf die bildnerischen Produktionen der Probandinnen bestätigt diese Annahme. Die Ergebnisse zeigen sich derart konform, dass die Handschrift der Urheberin kaum mehr sichtbar ist. Teil einer großen Masse zu sein und nicht aufzufallen, scheint ein Gefühl von Sicherheit zu erzeugen, das nicht zuletzt hinsichtlich des Alters der Probandinnen von Bedeutung ist. Die hohe Angepasstheit der Mädchen, die sich in der sorgfältigen Ausarbeitung der bildnerischen Produktionen zeigt, spiegelt nicht zuletzt auch ihre in dieser Arbeit viel diskutierten Rolle in der Gesellschaft wider. Die Mädchenzeichnung wird so einmal mehr zum Spiegelbild gesellschaftlicher Normen und Werte. Widerstand Der Begriff des Widerstandes wurde in den bereits erläuterten Untersuchungsergebnissen dem der Disziplin gegenübergestellt. Dieses Gegensatzpaar weist auf einen Konflikt hin, der längst nicht nur im ästhetisch-produktiven Handeln der Probandinnen eine Rolle spielt. Es wurde darauf hingewiesen, dass der Terminus nicht in seiner psychoanalytischen Bedeutung diskutiert werden kann, sondern aus kunstpädagogischer Sicht und unter Berücksichtigung phänomenspezifischer Besonderheiten der Kreativserie Topmodel in den Blick genommen wird. Als Erscheinungsformen des Widerstandes konnten zwei wesentliche Beobachtungen hinsichtlich der produktiv-ästhetischen Aktivitäten der Probandinnen zur Kreativserie Topmodel herausgestellt werden: das Nicht-Fertigstellen von Zeichnungen sowie leere Malbücher. Diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass es sich nicht um einen aktiven Widerstand handelt. Auf den ersten Blick ist er nicht einmal sichtbar. Erst in Verbindung mit den Äußerungen der Probandinnen kann er als solcher erkannt und analysiert werden. Widerstand, wie er in den bildnerischen Produktionen der Urheberinnen sichtbar wird, geschieht im Stillen. Es ist der vorzeitige Abbruch einer Zeichnung oder eines ganzen Malbuchs sowie das Hinterlassen von Lücken in Form nicht ausgearbeiteter Bildflächen, die auf Widerstand hinweisen. Grund dafür ist nicht selten ein Gefühl von Langeweile, das sich bei den Probandinnen nach Beschäftigung mit mehreren Malvorlagen einstellt. Ab einer gewissen Anzahl Zeichnungen stellen sie keine Herausforderung mehr dar. 302 Vgl. Richthammer 2010. 303 Vgl. ebd. 231 Die Tatsache, dass die Mädchen Widerstand leisten, kann als Chance verstanden werden, aus vorgegebenen Schemata (der Kreativserie) auszubrechen. Die Art und Weise, wie sie Widerstand leisten, fordert hingegen eine kritische Reflexion. Der Widerstand im Verborgenen, der bei Aufdeckung (durch Nachfragen der Interviewerin) von den Probandinnen meist beschämt geäußert wird (ohne ihn als solchen von sich aus zu benennen), gibt Aufschluss darüber, welche Formen von Widerstand vor allem mit Blick auf ihre Rolle als Mädchen auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen und welche nicht. Die Mädchen scheinen um diese Kategorisierung zu wissen. Die Verschwiegenheit darüber und der Versuch, Widerstand nicht allzu sichtbar werden zu lassen, können als Strategien betrachtet werden, mit denen Mädchen und Frauen früh vertraut gemacht werden. Mögliche Folgen solcher Strategien und ihre Bedeutung für das Leben der Mädchen und für Situationen, in denen sie Widerstand leisten (müssen), sind vor dem Hintergrund dieser Forschung in besonderem Maße zu bedenken. Ästhetisch-produktive Aktivität als Transitbeschäftigung Der Begriff der Transitbeschäftigung beschreibt die mangelnde Bereitschaft der Zeichnerinnen, produktiv-ästhetische Aktivitäten bewusst in den Alltag zu integrieren und damit ein Phänomen, das als Zeichen seiner Zeit betrachtet werden kann. Ein Blick auf die terminlich streng organisierten Wochenpläne der Probandinnen verrät, dass in die Ausbildung bildnerischer Fähig- und Fertigkeiten zunehmend weniger Zeit investiert wird. Ähnliche Beobachtungen konnte Wiegelmann-Bals bereits in den frühen 2000er Jahren herausstellen.304 Freizeitaktivitäten wie das Erlernen eines Musikinstruments oder die Ausübung einer Sportart scheinen der Beschäftigung mit ästhetisch-produktiven Aktivitäten vorgezogen zu werden. Während erstere fest in die Gestaltung des Alltags integriert sind, wird der Ausbildung zeichnerischer Fähig- und Fertigkeiten allenfalls die Zeit zwischen der einen und der anderen Freizeitaktivität zugestanden. Um Langeweile zu vermeiden, werden Zeichenblock bzw. Malbuch und Stifte zur Hand genommen. Statt eine bewusste Entscheidung für und Beschäftigung mit dem Medium Zeichnung ist es nicht viel mehr als eine Aktivität ‚zwischen Tür und Angel‘, der ‚Lückenfüller‘ im überfüllten Terminkalender. Hierhin zeigt sich außerdem eine klare Hierarchie zwischen unterschiedlichen Freizeitaktivitäten und dem Zeichnen bzw. Malen, die im Folgenden genauer erläutert wird. Ökonomie des Zeichenprozesses Als Ökonomie des Zeichenprozesses wird in der vorliegenden Untersuchung das Streben der Probandinnen nach einer möglichst effizienten Bildgestaltung bezeichnet. Während Fanartists in der Regel betonen, dass sie sich besonders lange und intensiv mit einer bildnerischen Produktion beschäftigen305, gaben die Probandinnen mehrfach an, nur wenige Minuten in die Anfertigung einer Zeichnung zu investieren. Es erfüllt die Mädchen mit Stolz darauf hinweisen zu können, dass ihre Zeichnung in nur wenigen Minuten entstanden und 304 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 305 Vgl. Zaremba 2010. 232 trotzdem gelungen ist. Ein vorausgeschicktes Lob verstärkt eine Betonung des kurzen zeitlichen Aufwands. Dieser Hinweis erscheint mit Blick auf die Eigenschaften von Fanart und den damit verbundenen Ansprüchen an die eigene bildnerische Produktion zunächst ungewöhnlich. Ein erster Erklärungsversuch knüpft an die Erkenntnis, dass zwischen Fanartists unterschieden werden muss, die ihre bildnerischen Produktionen im Fanart-Forum veröffentlichen (Performanz im öffentlichen Raum), und denjenigen, die ihre Zeichnungen der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen (vgl. Probandinnen; Performanz im privaten Raum) (vgl. Kapitel 8.1.2). Der Wettbewerb, der durch die Veröffentlichung der bildnerischen Produktionen entsteht, fordert eine bis ins Detail durchdachte Bildgestaltung, die dem Wettbewerb würdig ist. Fanartists sind kritische Beobachter (sowohl mit Blick auf die eigenen bildnerischen Produktionen als auch auf die Zeichnungen anderer). Der Druck im privaten Raum ist aufgrund einer geringeren Anzahl Kritiker und Konkurrenten weniger hoch. Nimmt man die Freizeitgestaltung der Probandinnen in den Blick, scheint die Ökonomie des Zeichenprozesses Phänomen und Spiegelbild der heutigen Gesellschaft zu sein. Die Gesellschaft, in der die Probandinnen groß werden, erlaubt es nicht, ‚langsam‘ zu sein, sich einer Sache mit Ruhe zu widmen. Effizientes Handeln steht im Vordergrund. Wirtschaftliches Denken spielt nicht erst in der Welt der Erwachsenen eine Rolle. Auf diese Weise wird auch eine ursprünglich von Zeit und Muße geprägte Tätigkeit wie das Zeichnen bzw. Malen zu einer zeitlich sehr begrenzten Handlung. Die Phänomenspezifik der Kreativserie Topmodel trägt aufgrund der Einfachheit ihrer Malvorlagen in wesentlichem Maße zu einer Ökonomie des Zeichenprozesses bei. Hierarchisierung Als Hierarchisierung wird im Rahmen dieser Forschung eine bestimmte Entwicklung hinsichtlich der unterschiedlichen Relevanz von Freizeitaktivitäten im Alltag der Probandinnen verstanden. Dem Forschungskontext entsprechend geht es um die Hierarchie zwischen Freizeitaktivitäten jeglicher (meist musikalischer oder sportlicher) Art und dem ästhetisch-produktiven Aktivwerden der Interviewten. Die ungleiche Bewertung dieser Aktivitäten hinsichtlich der Freizeitgestaltung erfolgt sowohl durch die Mädchen selbst als auch durch ihre Eltern, die an der Freizeitgestaltung ihrer Töchter maßgeblich beteiligt sind. Der Begriff der Hierarchisierung scheint deswegen angemessen, als aus den Gesprächen mit den Probandinnen deutlich wurde, dass der Ausbildung zeichnerischer Fähigkeiten im Gegensatz zu Aktivitäten in Vereinen deutlich weniger Zeit beigemessen wird. Die Gespräche mit den Probandinnen über die Bedeutung bildnerischen Gestaltens für ihren Alltag gaben Aufschluss darüber, dass dem Zeichnen bzw. Malen aus ihrer Sicht eine weniger hohe Relevanz zukommt als anderen Freizeitbeschäftigungen. Neben dem Zeitdruck erscheint die Überlegung relevant, inwiefern die Geringschätzung ästhetisch-produktiver Aktivitäten nicht auch Rückschlüsse auf eine allgemein gesellschaftliche Bewertung künstlerischer Praxis als minderwertig gegenüber anderen Bildungsbereichen 233 zulässt (vgl. Kapitel 8.4.2). Ohne die Diskussion ein weiteres Mal zu führen, bleibt kritisch zu hinterfragen, ob solche Zuschreibungen, die sich zum Beispiel auch in geringen Stundenzahlen im Fach Kunst vor allem in der Unter- und Mittelstufe, in (schulischen) Zusatzangeboten oder in der Bewertung allgemein künstlerischer Tätigkeiten im Vergleich zu anderen Disziplinen widerspiegeln, nicht längst Einzug in die Meinungsbildung der Probandinnen gehalten haben. Die enorme Fokussierung auf musikalische bzw. sportliche Freizeitangebote im Alltag kann als Verstärkung dieser Bewertungen wirken. 235 10. Resümée Von allen Hindernissen, die sich dem Fortschritt des Denkens und der Ausbildung wohlbegründeter Ansichten über das Leben und die sozialen Ordnungen in den Weg stellen, ist in unserer Zeit das größte und beklagenswerteste die unsägliche Ungewissheit der Menschen über und ihre Unaufmerksamkeit auf die Einflüsse, welche den menschlichen Charakter bilden. Man hält alles, was einzelne Individuen oder ganze Klassen gegenwärtig sind oder zu sein scheinen, für ein Produkt ihrer natürlichen Anlagen – während man doch, sobald man sich nur einigermaßen über die Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln, unterrichten würde, sehr genau die wahren Ursachen erkennen würde, welche sie so und nicht anders werden ließen.306 Dieser Gedanke von John Stuart Mill aus dem Jahr 1869 spiegelt nicht nur wesentliche Fragestellungen dieser Arbeit wider. Die Zitierung in einem aktuellen Werk der Genderforschung zeigt vor allem, dass es sich hierbei um eine Sichtweise handelt, die selbst über 145 Jahre später, in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, noch nicht überholt erscheint. Nun stellt sich die Frage, ob dies der Tatsache geschuldet ist, dass Mill eine für seine Zeit außergewöhnlich moderne Sichtweise besaß. Oder aber, dass sich die Gesellschaft in 145 Jahren nur wenig von ihren traditionellen Meinungen und Denkweisen gelöst hat. Die vorangegangenen Kapitel haben verdeutlicht, wie sehr sich die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts an stereotype Zuschreibungen vor allem mit Blick auf das weibliche Geschlecht geradezu klammert. „In Gesellschaften, die so tun, als gäbe es keinen Sexismus mehr, als hätten alle die gleichen Chancen, nehmen Fünfjährige Pole-Dance-Stunden und lassen ihre Beinhärchen per Laser dauerhaft entfernen“.307 Die Suche nach einem Verantwortlichen für die Verbreitung solcher Bilder gestaltet sich äußerst schwierig. Die Sozialisationsinstanzen in der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen sind zunehmend vielfältiger und dadurch teilweise auch weniger greifbar geworden. Dass die Medien einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und damit auch auf ihr Verständnis von Wirklichkeit nehmen, haben diverse Autorinnen und Autoren belegen können. Kirchner et al. haben herausgestellt, dass der Kinder- und Jugendzeichnung bei der Gestaltung und Verarbeitung von Lebenswirklichkeit eine elementare Rolle zukommt.308 Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen daran, sofern jemals vorhanden, keinen Zweifel. Der historische Vergleich von Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976, 2002 und 2003 sowie zur Kreativserie Topmodel aus den Jahren 2013 bis 2015 liefert dafür besorgniserregende Beweise. Die Ergebnisse, die aus dem Vergleich der Mädchenzeichnungen aus den genannten Perioden gezogen werden konnten, rütteln in zweierlei Hinsicht auf. Sie halten einer Gesellschaft den Spiegel vor, die sich für aufgeklärt, liberal, tolerant und emanzipiert hält, die vorgibt, mit veralteten Klischees und Denkweisen aufgeräumt zu haben. 306 Fine, Cordelia: Die Geschlechterlüge – Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Stuttgart: Klett-Cotta, 2010. S. 9. 307 Wiedemann 2012. 308 Vgl. Kirchner (u. a.) 2010. 236 Die Motive der Mädchenzeichnungen aus den 2000er Jahren zeichnen, dies konnte in der Reflexion der Ergebnisse herausgestellt werden, ein völlig anderes Bild. Ebenso alarmierend erscheint der enorme Qualitätsverlust der Mädchenzeichnung. Zeichnungen aus den 60er und 70er sprühen vor kindlicher Ausdrucksfreude, vor Spontaneität im Zeichenprozess, vor Erfindungsreichtum und Fantasie. Im Laufe der Jahre haben die Mädchenzeichnungen an Einfallsreichtum, Originalität, Individualität und Ausdruckskraft verloren. Ergebnis ist eine Konformität, die durch stereotype Zeichenschemata wie die der Kreativserie Topmodel erzwungen wird. Die Mädchen werden ihrer Individualität beraubt. Das Fanart-Forum der Kreativserie Topmodel ist nicht nur Beweis dafür, dass sich die ästhetischen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen, in diesem Fall von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren, zunehmend in virtuelle Räume des Web 2.0 verlagern. Es zeigt außerdem besonders eindrücklich, dass sich die ästhetische Sozialisation im Topmodel-Forum längst nicht nur in den bildnerischen Produktionen der Userinnen widerspiegelt, sondern darüber hinaus deren Wahrnehmung von sich selbst und von anderen, vor allem aber bezüglich ihrer Rolle in der Gesellschaft, bestimmt. Die Interviews mit den Probandinnen, die im Rahmen dieser Forschung exemplarisch zur qualitativen Absicherung herangezogen wurden, bestätigen diese Annahme. Der Forschungsbereich der Kinder- und Jugendzeichnung erweitert sich durch solche und ähnliche Entwicklungen zunehmend. Die Analyse der im Topmodel-Forum veröffentlichten Zeichnungen sowie der bildnerischen Produktionen der Probandinnen fordert nicht nur eine Untersuchung aus psychologischer Sicht, sondern vor allem eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen im Kontext der Genderforschung. Eine differenzierte Reflexion der Prozesse ‚doing gender‘ bzw. ‚undoing gender‘ ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht für diese Auseinandersetzung wesentlich. Die Vermittlung von stereotypen Rollenbildern, wie sie in der Kreativserie Topmodel zu finden sind, stellt, wie bereits festgestellt wurde, längst kein Einzelphänomen mehr da. Durch die flutartige Streuung dieser Bilder über Medien wird es zunehmend schwieriger, Kinder vor ihnen zu bewahren. Und möglicherweise wäre das auch gar nicht die richtige Herangehensweise. Es wäre geradezu utopisch anzunehmen, sie von diesen und ähnlichen Inhalten fernhalten zu können. Die Kreativserie Topmodel beschränkt sich ja längst nicht mehr nur auf das Printmedium oder die Präsenz im Internet. Durch die breite Produktpalette, deren Sortiment alle denkbaren Schreib- und Freizeitutensilien abdeckt, ist sie in allen Lebensbereichen der Mädchen präsent. Dadurch gewinnen auch die Bilder, die die Topmodel-Serie publiziert, für die Mädchen an Bedeutung. Die Integration dieser Bilder in bereits vorhandene Denk- und Verhaltensweisen der Mädchen geschieht unbewusst. Dies wird dadurch verstärkt, dass auch die Produkte der Topmodel-Serie, wie z. B. Stifte, Federmäppchen oder Rucksäcke, von den Mädchen ganz alltäglich und selbstverständlich genutzt werden. Die bereits bekannte Topmodel-Ästhetik, die sich in all diesen Produkten widerspiegelt, wird nur beiläufig wahrgenommen. Eine detaillierte Erläuterung der kognitiven Vorgänge, die sich dabei vollziehen, würde den Rahmen dieser Arbeit deutlich sprengen. Bekannt ist jedoch, dass Menschen in Bildern denken und dass sich diese Bilder auch unbewusst in unsere mentalen Strukturen fügen. 237 Die Käuferinnen und Käufer der Malbücher sind nicht nur die Mädchen selbst, sondern, wie herausgestellt werden konnte, oft auch Eltern, Verwandte oder Freunde. Sie gehen von der Annahme aus, Zeichnen sei eine kreative und pädagogisch wertvolle Beschäftigung und der Kauf der Malbücher dadurch hinreichend gerechtfertigt. In Wirklichkeit unterbindet das ‚Creative Studio by Depesche‘ eine eigenständige kreativ-ästhetische Entwicklung. Die intensiven Zeichenprozesse, verbunden mit mehrfachen Reproduktionen der vorgegebenen Zeichenschemata lassen den Mädchen kaum eine andere Möglichkeit, als die durch die Kreativserie vermittelten weiblichen Stereotype in ihr kognitives Bildrepertoire aufzunehmen. Diese Beobachtungen belegen eindrücklich die Schwierigkeit, Mädchen vor diesen Einflüssen zu schützen. Viel wesentlicher erscheint deswegen, sie auf Prozesse wie ‚doing gender‘ aufmerksam zu machen und den gemeinsamen Austausch darüber zu fördern. Wie kommt es zu der Zweiteilung der Gesellschaft in Frauen und Männer, in weibliche Räume bzw. männliche Räume und damit auch in Normen, wie sich Frauen und Männer zu verhalten haben?309 Grundlegende Fragen, die unbedingt den kritischen Blick auf stereotype Rollenzuschreibungen fordern und eine Reflexion darüber, was diese Zuschreibungen bei jedem Einzelnen auslösen können. Es ist leicht vorstellbar, dass eine Kreativserie wie Topmodel von vielen Stimmen als ‚Mädchenkram‘ abgetan und der kritische Blick darauf als übertrieben empfunden wird. Eine Problematik, mit der die Genderforschung allgemein zu kämpfen hat. Wie extrem muss die Darstellung von Weiblichkeit, wie offensichtlich die Sexualisierung junger Mädchen noch werden? Von den Mädchen selbst kann nur dann ein verantwortungsbewusster und kritischer Umgang mit Geschlechtsstereotypen verlangt werden, wenn man ihren Blick dafür entsprechend öffnet und sie über die Konsequenzen dieser Zuschreibungen aufklärt. Und vor allem muss ihnen der Druck genommen werden, in diese Rollen hineinpassen zu müssen. Kommerzielle, jugendspezifische Mainstreammedien scheinen sich dafür schon lange nicht mehr in der Verantwortung zu sehen, sollten sie sich diese Aufgabe überhaupt jemals zu Herzen genommen haben. Umso wichtiger erscheint es, dass Mütter und Väter, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher Mädchen stärken, ihnen ihre Stärken außerhalb von Schönheit und Attraktivität sichtbar machen, sie auf ihrem Weg zu einem selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen begleiten, auch und vor allem dann, wenn dieser Weg nicht der ‚Norm‘ entspricht, wenn er ‚anders‘ ist. Diese Aufgabe erfordert aus Sicht der Erziehenden eine intensive Reflexion über die eigenen Geschlechterstereotypen und darüber, wie man ‚doing gender‘ in seinem eigenen Lebensentwurf praktiziert. Denn nur wenn man sich dieser Prozesse bewusst ist, ihrer Bedeutung für das eigene Leben, aber auch für die Gesellschaft, und die Konsequenzen erkennt, die sich aus ihnen ergeben, besteht die Möglichkeit, sich von bisherigen Denk- und Verhaltensweisen zu lösen, sich umgekehrt der Entdramatisierung von Geschlecht (‚undoing gender‘) zu nähern. „[Denn] wie sollen all die kleinen Mädchen, die ihre Zeit und ihr erstes Taschengeld in rosa Glitzer investieren oder unter Essstörungen leiden, je die Jobs in den Vorstandsetagen übernehmen, für die ihre Mütter gerade kämpfen?“.310 309 Vgl. Gender-Portal der Universität Duisburg-Essen. 310 Wiedemann 2012. 239 11. Forschungsausblick Nach Abschluss der vorliegenden Arbeit ergeben sich trotz oder gerade wegen des Gewinns erkenntnisreicher Antworten weiterführende Überlegungen und Fragestellungen, die abschließend zusammengefasst und an bisherige Erkenntnisse geknüpft werden sollen. Nimmt man die wesentlichen Forschungsfragen und die in dieser Arbeit herausgestellten Ergebnisse in den Blick, werden sie stets von einem Begriff begleitet. Den Kindheitsbegriff verstanden als einen von äußeren Einflüssen zu schützenden Raum etablierte Rousseau in seinem Hauptwerk Emile oder über die Erziehung (frz. Emile ou de l’éducation) aus dem Jahr 1762. Darin schreibt er: Menschen, seid menschlich! Dieses ist eure erste Verpflichtung. Seid es für jede Lage, für jedes Alter, für alles, was den Menschen angeht. […] Liebet die Kindheit; begünstigt ihre Spiele, ihre Vergnügungen, ihren liebenswürdigen Instinkt. Wer unter euch hat wohl nicht zuweilen das Alter bedauert, wo das Lachen beständig auf den Lippen sitzt und die Seele immerdar im Frieden lebt? Warum wollt ihr diesen unschuldigen Kleinen die Freuden rauben, die so kurz sind und so schnell dahinfliegen, und ein so kostbares Gut, von dem sie gar keinen Mißbrauch machen können?311 Vor dem Hintergrund dieser Forschung erscheint es sinnvoll, Rousseaus Studien über die Erziehung aus dem 18. Jahrhundert unter Berücksichtigung politischer, sozialer, kultureller sowie gesellschaftlicher Veränderungen zu hinterfragen. Dieser Arbeit liegt die Überzeugung zugrunde, dass Kindheit ein, wie Rousseau es beschreibt, kostbares Gut ist, eine Kraftquelle und ein Raum, den es so lange wie möglich zu schützen gilt. In diesen Gedanken stecken nicht zuletzt auch therapeutische Ansätze. Nicht umsonst gilt die Aufgabe, das ‚innere Kind‘ in sich zu wahren bzw. zurückzugewinnen, als eine Form der ‚Heilung‘, als ein wichtiger Schritt zur ‚gesunden‘ Seele. Es gilt, Kindheit als elementare Lebensphase ausreichend Zeit zu gewähren, „um – dem ‚natürlichen‘ Entwicklungsverlauf des Kindes folgend – erst einmal die Kindheit im Kinde reifen zu lassen. Das daraus resultierende Verständnis von Kindheit bedeutet Kindern einen kindesspezifischen Entwicklungsverlauf zuzugestehen.“312 Kindheit, wie sie im 21. Jahrhundert skizziert werden kann, ist in vielerlei Hinsicht nicht mehr vom Erwachsensein zu trennen. Es scheint, als bestünde ein nahtloser Übergang zwischen Kindsein und Erwachsensein. ‚Wie viel‘ Kindheit bleibt überhaupt? Ist die Kindheit, wie Postman es in den späten 80er Jahren formulierte, bereits verschwunden? Gibt es keine Kindheit, also keine Kinder mehr? Der/die eine oder andere wird diese Frage vermutlich für übertrieben, ja, pessimistisch halten. Dabei ist sie lediglich die logische Konsequenz dessen, was in dieser Arbeit herausgestellt werden konnte. Die Sicht auf Kindheit und die Art und Weise, wie sie wahrgenommen und gelebt wird, erinnert an ihre Bedeutung in der Gesellschaft des Mittelalters, in der Kinder 311 Rousseau, Jean Jacques: Emil oder über die Erziehung. Potsdam: Gustav Kiepenheuer, 1919. S. 68. 312 Jostock, Simone: Kindheit in der Moderne und Postmoderne. Eine bildungstheoretische und sozialwissenschatfliche Untersuchung. Opladen: Leske und Budrich, 1999. S. 31. 240 keine Kinder waren, keine Kinder sein durften. „In dieser Welt waren Kinder nichts anderes als, salopp ausgedrückt, etwas klein geratene, unfertige Erwachsene und verdienten keine andere Behandlung als die Erwachsenen auch.“313 In dieser Hinsicht erscheint die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wenig aufgeklärt, Ansichten und Lebensweisen teilweise antiquiert. So fortschrittlich diese Gesellschaft auch in vielen Bereichen erscheinen mag, so kritisch muss sie doch auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in den Blick genommen werden. Nicht jede Weiterentwicklung in dem einen Bereich bedeutet einen ebenso starken Fortschritt in einem anderen. Echtes Er-Leben bedeutet Wagnis, Unsicherheit, Unbequemlichkeit. Insofern ist der Fortschritt nach Digitalien auch ein Rückzug. Eine Regression in Innenräume. Ein intelligentes Ausweichmanöver, um tatsächlichen und vermeintlichen Gefahren der realen Welt zu entrinnen. Eine Flucht, zum Beispiel vor Nähe – den Kontakt zum Chat-Room im Internet kann man jederzeit abbrechen.314 Vieles, was die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hervorbringt, wird als Fortschritt, als ein weiterer Durchbruch menschlichen Erfindungsreichtums gefeiert. Die Kehrseite darf dabei nicht aus dem Blick geraten. Der historische Vergleich von Mädchenzeichnungen, wie er zu Beginn dieser Arbeit angestellt wurde, fördert diese Kehrseite in besonders drastischer Weise zutage. Ohne die bereits zusammengefassten Ergebnisse des Vergleichs ein weiteres Mal anzuführen, kann doch folgendes festgehalten werden: Die Mädchenzeichnungen haben, dies muss so deutlich formuliert werden, einen enormen Qualitätsverlust erlitten. Während die Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts reich an kindlichem Ausdruck, Spontaneität und Erfindungsreichtum waren, zeigen sich die Zeichnungen aus den 2000er Jahren, vor allem die zur Kreativserie Topmodel, starr, einseitig im Bildmotiv und weitgehend frei von individuellem Ausdruck durch die Urheberinnen. Diesen Zeichnungen liegt eine Form von ästhetischer Sozialisation zugrunde, die keinen Platz mehr für die Ideen des Kindes und die Entwicklung seiner persönlichen Handschrift und Ausdruckraft lässt. Kindheit wird buchstäblich ausradiert. Zeichnungen, an denen Kinder stundenlang sitzen, denen vielschichtige Bildkompositionen zugrunde liegen und die Geschichten erzählen, sind zu einer Rarität geworden. Hinzu kommen Bildmotive – die Kreativserie Topmodel ist hierfür das wohl beste Beispiel –, die so gar nicht in die Welt der Mädchen zu passen scheinen, die so früh wie möglich in das ästhetische Empfinden der Mädchen hineinzuwirken versuchen. Wolfang Welsch zufolge erleben wir gegenwärtig einen regelrechten ‚Ästhetik-Boom’. Ästhetisierungsprozesse durchziehen den Alltag der westlichen Welt und führen zu einer ‚Ästhetisierung der gesamten Lebenswelt’. […] Der Trend zur Ästhetisierung macht auch keinen Halt vor der Lebenswelt der Kinder. Eine komplexe Industrie hat sich auf die Wünsche der jungen KonsumentInnen spezialisiert.315 313 Konrad; Schultheis 2008, S. 13. 314 Tügel 1996, S. 150. 315 Writze 2014, S. 131. 241 Auf diese Weise wirken ästhetische Sozialisationsprozesse früher denn je und in nie gedachter komplexer Form in die Lebensweise von Kindern. Die Mädchen, die sich ästhetisch-produktiv mit der Kreativserie Topmodel beschäftigen, werden sowohl mit Blick auf ihre zeichnerischen Fähigkeiten als auch hinsichtlich ihres Verständnisses von Mädchen- bzw. Frausein bereits im Vorschulalter geprägt. „Gerade die Erfahrungen, die wir in der Kindheit sowohl durch die Rezeption, als auch durch die Produktion von sinnlich wahrnehmbaren Objekten und Phänomenen sammeln, sind zentral für die Bildung des persönlichen Ästhetikverständnisses.“316 Um diese These, die Steiner in ähnlicher Weise formulierte, nachweisen zu können, wäre eine Langezeitstudie vonnöten, in der die Mädchen, die im Rahmen dieser Forschung interviewt wurden, im Erwachsenenalter ein weiteres Mal befragt würden. Haben Bilder, die in Kindheitstagen an das Kind herangetragen wurden, eine solch starke Macht, dass sie auch im Erwachsenenalter noch präsent sind? Wie sehr werden diese Bilder übernommen, ohne hinterfragt zu werden? Welche Folgen hat das auf das eigene, ‚ausgereifte‘ Ästhetikverständnis? Eine Langzeitstudie stellt wissenschaftlich gesehen die einzige Möglichkeit dar, repräsentative Antworten auf diese Fragen zu finden. Die interviewten Mädchen zählen zur nächsten Müttergeneration. Welche Sehweisen werden sie bewusst, welche unbewusst an ihre Töchter weitergeben? Wovon machen sie ihre Entscheidung – wenn sie bewusst getroffen wird – abhängig? In welchem Maße wird es ihnen überhaupt möglich sein, auf das ästhetische Empfinden ihrer Töchter Einfluss zu nehmen? Werden sie sich den Bilderfluten möglicherweise ohnmächtig gegenübersehen; mehr noch als ihre eigenen Mütter dies taten? Sie haben möglicherweise nie gelernt, aus eigenem Antrieb zeichnerisch aktiv zu werden, das eigene Ideenrepertoire zu nutzen und um neue Erfahrungen zu erweitern. Ästhetische Sozialisation, wie sie sie durch Malbücher bereits in der Kindheit kennengelernt haben, setzt sich im Erwachsenenalter fort. Ausmalbücher für Erwachsene sind der Trend schlechthin. Die ‚freie‘ Zeichnung scheint ein geradezu ‚vom Aussterben bedrohtes‘ Dokument zu sein. „Die britische Illustratorin Johanna Basford verkaufte weltweit bereits mehr als 16 Millionen Exemplare ihrer ersten Malbücher für Erwachsene, Tiel wie ‚Mein phantastischer Ozean‘ oder ‚Mein verzauberter Garten‘ führen bei Amazon die Bestsellerlisten an.“317 Der Trend zeigt sich weltweit. Unternehmen für Schreibwaren wie Faber Castell blicken dieser Entwicklung zufrieden entgegen. „Das Unternehmen konnte im Segment Künstler-Buntstifte zuletzt zweistellige Wachstumsraten verbuchen.“318 Das Interesse von Erwachsenen an Ausmalbüchern erscheint so groß wie nie. In der Branche meint man einen Zusammenhang zwischen dem gesteigerten Interesse und der heutigen Arbeitswelt erkennen zu können: „Womöglich wollen sich viele Menschen ihren Stress vom Gemüt malen, mit spitzem Buntstift dem Alltag entkommen […]. Vielleicht sei der Trend eine Reaktion auf die Arbeit am Computer im Büro, eine Art ‚Anti-Stress-Therapie‘ also.“319 316 Ebd., S. 137. 317 Huber, Matthias; Schulz, Jakob: Buntstifte-Hersteller schieben Sonderschichten – wegen Erwachsenen. In: Süddeutsche Zeitung Online, 2016. 318 Ebd. 319 Ebd. 242 Vom Vorschulalter bis ins Erwachsenenalter hinein können Mädchen und Jungen, Frauen und Männer folglich ästhetisch-produktiv aktiv sein, ohne auf eigene Ideen zurückgreifen und individuelle zeichnerische Fertigkeiten ausbilden zu müssen. Die bildnerische Ontogenese wird so bereits im Kleinkindalter unterbrochen – und im schlimmsten Fall nie mehr fortgeführt. Richter weist darauf hin, dass Jugendliche, die ihre zeichnerische Tätigkeit aufgeben, auf einer Entwicklungsstufe verharren, die eigentlich nicht ihrem Alter entspricht, und in Situationen, in denen ihre zeichnerischen Fähigkeiten gefragt sind, auf Schemata dieser Entwicklungsstufe zurückgreifen.320 Ausmalbücher, die in jeder Entwicklungsphase genutzt werden (können), sorgen für eine zeitliche Verschiebung dieses Phänomens. Die Reflexion möglicher Folgen, die erst in 20 oder 30 Jahren tatsächlich bewiesen werden könnten (wenn sie denn eintreten), sollte dennoch dazu anregen, die Bedeutung ästhetischer Sozialisation in all ihrer Komplexität und hinsichtlich ihrer Wirkungsbereiche ernst zu nehmen und das enorme Potenzial ästhetisch-produktiver Aktivitäten – ob außer- oder innerhalb des schulischen Kontextes – zu erkennen. Aus kunstpädagogischer Sicht ergibt sich daraus der Appell, die Bedeutung des Faches Kunst und des Kunstunterrichts nicht länger in Frage zu stellen und sein Einflusspotenzial auf lebenslange Lernprozesse, wie sie die Gesellschaft fordert, zu erkennen und wertzuschätzen. 320 Vgl. Richter 1997. 243 12. Persönliches Schlusswort Wenn du die Kindheit in dir nicht verlierst, kannst du Geschichten erzählen. Wolfgang Kohlhaase (2007), Drehbuchautor, Regisseur und Schriftsteller321 In dieser Arbeit ist bereits mehrfach angeklungen, welche Bedeutung Kinder- und Jugendzeichnungen für unser Verstehen von Welt, von Gesellschaften, Generationen und den vielfältigen Geschichten von Kindheit und Jugend zukommt. Aus dem historischen Vergleich der Mädchenzeichnungen konnten diesbezüglich wichtige neue Forschungsergebnisse herausgestellt werden, die nicht zuletzt auch ein Gefühl der Melancholie, der Sehnsucht hinterlassen. Mädchenzeichnungen aus den 60er und 70er Jahren führen uns vor, was möglich ist. Es hat sie gegeben, die Zeichnungen, die einen Erwachsenen erstaunen ließen, erstaunen über die kindliche Fantasie, über die tiefgründigen Ideen und den Reichtum an inneren Bildern, der in den Köpfen der Kinder herrschte und den sie zu Papier zu bringen vermochten. Die Zeit hat dieses Staunen umgekehrt. Nach der Diskussion über Mädchenzeichnungen wie die der Kreativserie Topmodel stellt sich so manche/r Leser/in wohl Fragen wie: Sollen solche Zeichnungen erhalten werden? Ist es sinnvoll, Zeichnungen, die ursprünglich aus einem rein kommerziellen Interesse geboren wurden, die zur Verbreitung eines antiquierten Bildes von Weiblichkeit beitragen, zu bewahren, sie zu wichtigen Zeugnissen von heute zu erklären? Und falls diese Frage mit ‚ja‘ beantwortet werden kann, warum sind sie so wertvoll? An dieser Stelle folgt die Antwort, deutlich und zweifellos: Ja. Diese Mädchenzeichnungen sind wertvoll. Sie sollen gesammelt, gesichert, dokumentiert und erforscht werden. Ebenso wie alle anderen Kinderzeichnungen, die sich bereits in Archiven aller Art, groß und klein, öffentlich und privat, befinden. Warum? Weil sie aufrütteln, sichtbar machen, was sonst häufig nur subtil mitschwingt; weil sie einen Einblick geben in die Bedeutung von Mädchensein im 21. Jahrhundert und damit wichtige Erkenntnisse für morgen liefern; weil sie von Mädchen geschaffen wurden, die all ihre Liebe und all ihre Mühe in diese eine Zeichnung, in diese eine Figur gesteckt haben; weil diese Mädchen ernst genommen werden müssen mit all ihren Wünschen und all ihren Ängsten; weil jede zarte Linie, jeder kraftvolle Strich Ausdruck ihrer Gefühle und Gedanken ist; weil die Zeichnungen, wenn sich niemand für ihre Bewahrung einsetzt, gestohlen werden von einer Welt, in der kaum noch etwas wert zu sein scheint, in der alles so schnell geht, wie es gekommen ist, und in der die Kinder- und Jugendzeichnung ein vom ‚Aussterben bedrohtes‘ Dokument ist. Gerade weil sich die Topmodel-Zeichnung so präsentiert und nicht anders, ist sie und wird sie ein hoch brisantes Dokument für die Kinder- und Jugendzeichnungsforschung sein. 321 Zitat entnommen aus der Dokumentation Wolfgang Kohlhaase – Leben in Geschichten des Rundfunks Berlin- Brandenburg vom 10.03.2016 (Erstsendung: 21.07.2007 Arte). 245 13. Danksagung Nun, wo die Arbeit ein Ende findet, bleibt von meiner Seite eine große Dankbarkeit für all die Unterstützung, die ich während meiner Forschungszeit von unterschiedlichen Seiten erhalten habe. Zu allererst möchte ich meiner Doktormutter, Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender, danken. Ihre Unterstützung verdient ein besonders großes Dankeschön – und kann zugleich nicht nur auf fachlicher Ebene ausgesprochen werden. Ihre Fähigkeit, jahrelange Erfahrung und Begeisterung für das Neue, Expertentum und Neugier, wissenschaftlichen Intellekt und persönliches Knowhow in ihre Arbeit einfließen zu lassen, waren mir stets eine große Hilfe und Vorbild zugleich. Zahlreiche Gespräche über unsere Arbeit, über das Fach Kunst, über meine Forschung, Chancen und Herausforderungen haben mich ans Ziel gebracht. Außerdem danke ich von Herzen meiner Zweitbetreuerin Dr. Annette Wiegelmann-Bals, die meinem Forschungsvorhaben von vorneherein trotz zeitlicher Begrenzung optimistisch und mit großer Begeisterung gegenüberstand. Ihr breites Wissen um die Kinder- und Jugendzeichnung sowie ihre wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema dienten als wesentliche Grundlage meiner Arbeit. Danken möchte ich Prof. Dr. Heidrun Richter sowie ihrer Kollegin Dr. Jutta Lindemann vom Kinderzeichnungsarchiv Kinderkunst e. V. in Erfurt, die mir spannende Einblicke in die historische Kinder- und Jugendzeichnung ermöglichten und wertvolles Bildmaterial für diese Arbeit zur Verfügung gestellt haben. Der wissenschaftliche Austausch mit Prof. Dr. Heidrun Richter hat wesentliche Fragestellungen dieser Arbeit geprägt und mich stets zur kritischen Auseinandersetzung mit ihnen aufgefordert. Mein Dank geht des Weiteren an Maria Gehlen, der ich die Interviews mit den Probandinnen zu verdanken habe. Als Grundschullehrerin hatte sie die Begeisterung ihrer Viertklässlerinnen für die Kreativserie Topmodel erkannt und mir den Kontakt zu den Eltern der Mädchen und den Mädchen selbst ermöglicht. Somit geht ein weiteres, besonders großes Dankeschön an Josy, Julie, Lena, Lisa, Maike, Philine, Sarah und Svea. Ihnen danke ich für die persönlichen, offenen und aufschlussreichen Gespräche und die spannenden Einblicke in ihre produktiv-ästhetischen Aktivitäten, von denen ich einen Großteil in dieser Arbeit veröffentlichen durfte. Ohne diese Untersuchung wären wesentliche Erkenntnisse zur Kreativserie Topmodel im Verborgenen geblieben. Zuletzt möchte ich Dr. Jutta Zaremba von der Europa-Universität Flensburg danken. Obschon ihre Veröffentlichungen zu Inszenierungspraxen von Jugend- und Fankulturen, FanArt und JugendKunstOnline von Anfang an Teil meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Themen waren, entstand der persönliche Kontakt erst gegen Ende meiner Arbeit. Für ihre Unterstützung und wertvollen Tipps zum Thema Bildrechte sowie ihren fachlichen Input bin ich sehr dankbar. 247 14. Bibliografie Aissen-Crewett, Meike: Sexuelle Gleichberechtigung in der Kunsterziehung. Was können wir von der Diskussion in den USA lernen? 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Runde (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH&Co.KG,http://de.top-model.biz/de/creativestudio/designertisch/613666/ design.html, letzter Zugriff am 07.12.2015) 254 Abb. 21: Zeichnung von MxRot2001 mit dem Titel Heavy Metal für den Spezialwetti (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, http:// de.top- model.biz/de/creativestudio/designertisch/685509/design.html, letzter Zugriff am 07.12.2015) Abb. 22: Zeichnung von MxRot2001 mit dem Titel Blau, Pink, Grün (Quelle: Topmodel- Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, http://de.top-model.biz/de/ creativestudio/designertisch/746932/design.html, letzter Zugriff am 07.12.2015) Abb. 23: Zeichnung von TalitaKD mit dem Titel Dance2 (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG Frankreich, http://fr.top-model.biz/fr/ studio-de-cr-ation/table-de-cr-ation.php?step=4&img=370477, letzter Zugriff am 07.12.2015) Abb. 24: Zeichnung von TalitaKD mit dem Titel Dance1 (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG Frankreich, http://fr.top-model.biz/fr/ studio-de-cr-ation/table-de-cr-ation.php?step=4&img=370476, letzter Zugriff am 07.12.2015) Abb. 25: Zeichnung von TalitaKD mit dem Titel Amulet Heart (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG Frankreich, http://fr.top-model.biz/ fr/studio-de-cr-ation/table-de-cr-ation.php?step=4&img=368251, letzter Zugriff am 07.12.2015) Abb. 26: Zeichnung von Antoniia mit dem Titel Widmung für FashionLoveLife, ich hoffe es gefällt dir:) (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. 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KG, http://de.top-model.biz/de/creativestudio/ designertisch/408086/design.html, letzter Zugriff am 11.11.2013) Abb. 34: Zeichnung von Moddeline mit dem Titel Victorias-Secret-Angel (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, http://de.top-model.biz/de/creativestudio/designertisch/997927/design.html, letzter Zugriff am 06.12.2015) Abb. 35: Zeichnung von Moddeline mit dem Titel Nyx, die griechische Göttin der Nacht (Quelle: Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, http:// de.top-model.biz/de/creativestudio/designertisch/966434/design.html, letzter Zugriff am 06.12.2015) Abb. 36: Ohne Titel, Lena 9 J., 2014 Abb. 37: Ohne Titel, Sarah 9 J., 2015, DIN A4 + Abb. 38: Ohne Titel, Lisa 9 J., 2015, DIN A4 + Abb. 39: Ohne Titel, Julie 9 J., 2015, DIN A4 + Abb. 40: Ohne Titel, Maike 10 J., 2015, DIN A4 + Abb. 41: Ohne Titel, Lisa, 10 J., 2015, DIN A4 + Abb. 42: Ohne Titel, Lisa, 10 J., 2015, ca. 29 x 11 cm Abb. 43: Ohne Titel, Lisa 9 J., 2014, DIN A4 + Abb. 44: Ohne Titel, Svea, 12 J., 2015, DIN A4 + Abb. 45: Ohne Titel, Svea, 12 J., 2015, ca. 29 x 11 cm Abb. 46: Ohne Titel, Svea 11 J., 2014, DIN A4 + Abb. 47: Ohne Titel, Josy 8 J., 2014, DIN A4 + Abb. 48: Ohne Titel, Josy, 9 J., 2015, ca. 29 x 11 cm Abb. 49: Ohne Titel, Josy 8 J., 2014, DIN A4 + 256 16. Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Ergebnisse einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2006 zum Körperbewusstsein von Jugendlichen (Quelle: Bode, Heidrun; Heßling, Angelika: Körperbewusstsein von Jugendlichen. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Körper. Köln: Moeker/Merkur 2006.) Tabelle 2: Ergebnisse einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2006 zum Körperbewusstsein von Jugendlichen (Quelle: Bode, Heidrun; Heßling, Angelika: Körperbewusstsein von Jugendlichen. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Körper. Köln: Moeker/Merkur 2006.)

Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.

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Zeitschrift
Topmodel Creative Magazine by Depesche, Heft 11/2013.

Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.