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4. Das Phänomen Topmodel im europäischen Printmedium und Web 2.0 in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 87 - 102

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-87

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
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87 4. Das Phänomen Topmodel im europäischen Printmedium und Web 2.0 Die Kreativserie Topmodel ist ein Produkt der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, die im Jahr 1985 von Kjeld Schiøtz in Hamburg gegründet wurde. Heute leiten er, seine Frau Dine Schiøtz und Tom Graulich das Unternehmen.106 Die Firma beschäftigt rund 300 Mitarbeiter und zählt in Europa zu den führenden Grußkarten- und Geschenkartikelanbietern. Seit 1990 liegt der zentrale Fokus des Unternehmens auf dem Vertrieb von Trendartikeln. Unter der Dachmarke ‚Creative Studio by Depesche‘ entwickelte das Unternehmen im Jahr 2008 eine Topmodel-Kollektion, die zunächst den Verkauf von Schreibwaren und Malbüchern umfasste, mittlerweile jedoch um zahlreiche Kosmetik-, Dekorations- und Modeartikel erweitert wurde. Der Erfolg der Serie zeigt sich in der rasanten Entwicklung und Ausweitung des Geschäftsfeldes; 2009 in Form eines Fanart-Forums in Zusammenarbeit mit schalk&friends, einer Agentur für neue Medien, und im folgenden Jahr mit der Markteinführung des Topmodel-Magazins.107 Die Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG beschreibt die Anfänge des ‚Creative Studio‘ wie folgt: „Die überaus verkaufsstarken Malbücher mit unterschiedlichsten Themenspektren waren der Auftakt zum Topmodel-Sortiment für junge Glamour-Girls.“108 Das ‚Creative Studio by Depesche‘ richtet sich vor allem an Mädchen ab einem Alter von acht Jahren und etabliert sich zunehmend als Mal- und Zeichenschule. Als Vorlagen dienen die fiktiven Topmodel-Charaktere, die sich den Mädchen sowohl in der Topmodel-Zeitschrift als auch auf der entsprechenden Website präsentieren. Die Zeichnungen folgen demnach einem ganz bestimmten Schema, das durch genaue Anleitungen in der Zeichenschule und in diversen Malbüchern vorgegeben wird. Wie diese Schemata aussehen und wie sie in der Diskussion um Schönheitsideale und deren Einfluss auf die ästhetische Sozialisation von Mädchen bewertet werden können, soll im Laufe dieser Arbeit in der Analyse konkreter Bildbeispiele deutscher und französischer Userinnen deutlich werden. 4.1 Das Topmodel Creative Magazine Nach dem Erfolg der Topmodel-Produkte bekommt die Serie im Jahr 2010 ihr eigenes Magazin, das sich an Leserinnen ab einem Alter von acht Jahren richtet. Das Magazin ist in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden, Italien, Polen, der Türkei und seit 2012 auch in England, Frankreich und Spanien erhältlich. Die deutschsprachige und die niederländisch/belgische Ausgabe werden in Deutschland erstellt, die anderen Ausgaben von Lizenzpartnern in den jeweiligen Ländern. Mit der Juli-Ausgabe 2012 übertraf das deutschsprachige Magazin erstmals die Marke von 70.000 verkauften Exemplaren.109 106 Vgl. Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 107 Vgl. ebd. 108 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG (Broschüren). 109 Vgl. ebd. 88 Das ‚Topmodel Creative Magazine‘ setzt in erster Linie auf die Kreativität der jungen Leserinnen. Das Heft bietet Style-, Deko- und Basteltipps zum ‚Pimpen‘ von Kleidungsstücken, zur Verschönerung des eigenen Zimmers usw. Ein Herzstück ist das ‚Creative Studio‘ mit Tipps und Tricks zum professionellen Zeichnen und vier Seiten Designvorlagen in der Heftmitte sowie einem großen Bastel-/Kreativ-Bogen. Sehr beliebt sind die ‚Topmodel‘-Charaktere: Leserinnen können ihr Lieblings-‚Topmodel‘ stylen und seine Abenteuer in Comics mit verfolgen.110 4.1.1 Die Inhalte im Überblick Die Darstellung des ‚Creative Magazines‘ orientiert sich an einer deutschen Ausgabe von November 2013. Die Inhalte des Magazins sind stets in fünf Rubriken unterteilt, die sich unter folgenden Überschriften präsentieren: 1. Topmodel Inside 2. Creative Studio 3. Trends 4. Fun & More 5. Facts Sowohl die Bezeichnung ‚Creative Magazine‘ als auch die Titulierung der Rubriken in Form von Anglizismen deuten auf ein multinationales Publikum hin. Außerdem, und darin liegt zweifelsohne die Marketingstrategie der Redaktion, schafft dies Authentizität und die Möglichkeit der Identifikation. Die Modewelt bewegt sich in internationalen Sphären und setzt unter anderem voraus, dass sich die Models in englischer Sprache weltweit verständigen können. Anglizismen klingen im jugendkulturellen Sprachgebrauch ‚hip‘ und geben den Mädchen das Gefühl, durch den Gebrauch entsprechender Ausdrücke selbst ‚in‘ zu sein. Unter der Rubrik ‚Topmodel Inside‘ erhalten die Mädchen Einblick in die fiktive Welt der Topmodel-Charaktere, als da wären Hayden, die Ehrgeizige, Jenny, das Partygirl, Fergie, die Verrückte, Louise, die Elegante, Nyela, das Powergirl, Nadja, die Verträumte, Janet, die Zicke, Lexy, die Chaotin, Miju, die Aufgedrehte, Candy, die Romantische, Liv, der Sonnenschein, Christy, das It-Girl und Talita, der Tanzfan.111 Die Namen der Topmodels in Verbindung mit einer bestimmten Charaktereigenschaft und einem dazugehörigen Steckbrief mit Angabe des Sternzeichens, des Geburtstages, der Größe, Augen- und Haarfarbe, dem Style, der BFF (Best Friend Forever = beste Freundin) und des Lebensmottos112 animieren die Leserinnen, sich mit einem der Charaktere zu identifizieren. Die Rubrik ‚Topmodel Inside‘ lässt die Mädchen am fiktiven Alltag der Models teilhaben. In Form von Tagebucheinträgen aus der Ich-Perspektive erhalten die Leserinnen Einblick in die Arbeit als Model, die damit verbundenen Castings und in das Jetset-Leben der Charaktere. Die Topmodels lassen die Leserinnen an ihrer Gefühlswelt teilhaben, an ihren Sorgen 110 Ebd. 111 Vgl. Topmodel Creative Magazine by Depesche. 112 Vgl. ebd. 89 und Problemen, aber auch an ihren Erfolgen. Indem die Leserinnen in Entscheidungen der Models einbezogen werden, werden sie aktiv in das Leben der Charaktere eingebunden. So sollen die Leserinnen der Ausgabe 11/2013 Hayden bei der Wahl des Dufts für ihr erstes Parfum behilflich sein. Den Topmodel-Duft können die Mädchen über eine angegebene Internetseite bestellen. Die fiktive Geschichte, verbunden mit dem Verkauf dieses Parfums in der realen Welt, suggeriert den Mädchen eine wahrhaftige Verbindung zwischen Fiktion und Realität und lässt die Grenzen uneindeutig werden. So bekommen die Mädchen in demselben Heft die Möglichkeit, dem fiktiven Charakter des Designers Nuno Nanini, eindeutig einem realen Vorbild nachempfunden, beim Entwurf eines Kleides für das Model Nyela behilflich zu sein. Die Entwürfe können die Leserinnen in Form von Zeichnungen an die Redaktion schicken und somit am Gewinnspiel teilnehmen. Der ‚Klassiker‘ einer jeden Mädchenzeitschrift, die Bildergeschichte, findet ebenfalls in dieser Rubrik Platz. Der Topmodel-Comic beschäftigt sich mit Themen, die viele Mädchen in dem Alter beschäftigen: Liebe, Freundschaft und Familie. Die Akteurinnen des Comics sind den Mädchen aus der ‚Topmodel-Welt‘ bekannt. Das ‚Creative Studio‘ enthält Bastelideen, Tipps zum Dekorieren und eine ‚Malschule‘. Letztere wird in diesem Kapitel noch genauer analysiert. Das ‚Creative Studio‘ präsentiert sich in den Farben Pink, Rosa und Hellblau, kombiniert mit Mustern wie Sternen, Blumen oder Punkten. In Heft 11/2013 erhalten die Leserinnen unter dem Titel ‚Advent, Advent, diese Kalender sind Trend‘ eine Schritt-für-Schritt-Bastelanleitung zur Anfertigung eines Adventskalenders. Hier setzt sich die typische Topmodel-Ästhetik in Form von pastell- und bonbonfarbenen Materialien, wie z. B. Schleifen, Glitzerpulver oder Häkelblumen, fort. Die Bastel- und Dekorationsanleitungen legen auf eine sehr saubere und präzise Arbeitsweise wert. In der visuellen Darstellung der Arbeitsschritte sind immer wieder Hinweise auf die Verwendung von Schreibwaren aus der Topmodel-Reihe erkennbar, wie z. B. Stifte oder Lineale. Unter der Rubrik ‚Trends‘ finden die Leserinnen aktuelle Tipps zur Mode der Saison, präsentiert von den fiktiven Topmodel-Charakteren sowie von realen Personen aus dem öffentlichen Leben, wie z. B. der Sängerin Lady Gaga oder den Topmodels Cara Delevingne und Toni Garrn; Vorbilder, die eindeutig älter sind als die Leserinnen. Dementsprechend kritisch sind auch die Modetipps zu sehen. Enge Röhrenjeans, kurze Kleider aus Spitze oder ‚Hipster- Outfits‘ sind nicht unbedingt die Kleidungsstücke, die man bei (früh-)adoleszenten Mädchen erwartet. Ebenso angepriesen werden Produkte der aktuellen Topmodel-Kollektion, wie z. B. das Topmodel-Parfum oder neue Malbücher. Insgesamt fällt auf, dass das Magazin nur für eigene Produkte wirbt und keine Anzeigen anderer Unternehmen integriert. Die Werbung für die Produkte der Topmodel-Marke erfolgt eher unterschwellig. Hinweise auf Neuerscheinungen werden direkt in die Inhalte integriert und dadurch weniger deutlich als Werbung wahrgenommen. 90 In der Ausgabe 11/2013 lernen die Leserinnen Lara, einen 15-jährigen Topmodel-Fan, kennen, die sich unter dem Motto ‚Topmodel für einen Tag‘ einer Vorher-Nachher-Verwandlung unterzieht. Das Foto vor der Verwandlung zeigt Lara ungeschminkt, als natürliches Mädchen, mit langen, braunen Haaren. Nach der Verwandlung präsentiert sie sich im ‚Hippie-Look‘, perfekt geschminkt und gestylt. Der von Dangendorf geprägte Begriff der visuellen Sexualisierung113 wird an diesem konkreten Beispiel deutlich. Nichts erinnert mehr an ein 15-jähriges Mädchen: Mit Lidschatten und Lippenstift, Nagellack, diversem Schmuck und im engen Minirock wirkt die Leserin sehr feminin und ihrem Alter weit voraus. Die Modetrends, die das Magazin publiziert, unterscheiden sich kaum bis gar nicht von denen in Modezeitschriften für erwachsene Frauen. Die Rubrik ‚Fun & More‘ beinhaltet das Horoskop, Leserbriefe, Rätsel, die Zeichnungen der ‚Designerin des Monats‘ und Tipps und Tests rund um ‚Love & Life‘.114 Die Horoskope betreffen Themen, die im Leben der Leserinnen von Bedeutung sind: Liebe, Schule und Familie. Sie verfolgen augenscheinlich den Zweck, die Mädchen in einer Phase, die häufig von Unsicherheit geprägt ist, zu stärken und ihnen Tipps zu geben, um sich im Zwist von Liebe, Schule und Familie zurechtzufinden. Die Leserbriefe werden häufig genutzt, um der Redaktion des ‚Creative Magazine‘ eigene Bastelideen zu zeigen, wie z. B. Taschen, Schmuck oder Dekorationsartikel. Außerdem berichten Mädchen von ihren besten Freundinnen, schicken Fotos oder Widmungen an Userinnen des Topmodel-Forums in Form von Zeichnungen. Die Rätselseiten des Magazins beziehen sich auf die Inhalte des aktuellen Heftes. Gestellt werden ausschließlich Fragen zur Topmodel-Welt, die sich durch Nachlesen der entsprechenden Inhalte schnell und einfach beantworten lassen. Der kognitive Anspruch der Rätsel ist daher sehr gering. Abgeschlossen wird jede Ausgabe mit den ‚Facts‘. Darunter befinden sich der Herstellernachweis, das Impressum, die Rätselauflösung des aktuellen Heftes sowie die Vorschau auf das nächste Heft. 4.1.2 Das Layout Die Analyse des Zeitschriften-Layouts stützt sich auf die folgenden fünf Kriterien: 1. Format 2. Schrift in Überschriften und Fließtexten 3. Weißraum 4. Verhältnis Text zu Bild 5. Farbklima 113 Vgl. Dangendorf 2012. 114 Vgl. Topmodel Creative Magazine 11/2013. 91 Die Angaben zum Format sind schnell zusammengefasst: Das ‚Creative Magazine‘ misst ca. 23 x 28 cm und entspricht damit dem gängigen europäischen Zeitschriftenformat. Ein erster Blick auf das Cover, das Inhaltverzeichnis und die Texte erfasst eine enorme Vielfalt an Schriftarten und Schriftgrößen. Die am häufigsten verwendete Schriftart, diejenige also, die sich mehrfach auf dem Cover, im Inhaltsverzeichnis und in kleineren Fließtexten wiederfindet, ist Eurostile von Microsoft Word. Die Schriftgröße variiert je nach Textfeld, bewegt sich aber zu einem Großteil zwischen 12 und 14 Punkten, in Überschriften meist fett gedruckt. Längere Fließtexte präsentieren sich in Times New Roman und Schriftgröße 12. Im Gegensatz zum eher traditionellen Schriftbild des Times New Roman wirkt Eurostile jünger, moderner und weniger ausgeschmückt. Das Schriftbild von Eurostile zeigt sich unabhängig von der Farbigkeit nüchtern und ‚schnörkellos‘. Besonders auffallend sind die Schriftarten in Textpassagen, in denen sich die fiktiven Charaktere der Topmodel-Welt direkt an die Leserinnen wenden, z. B. in Form von Sprechblasen, Notizen oder kleinen Briefen. Um den intimen Charakter dieser Nachricht zu unterstreichen und den Mädchen das Gefühl zu geben, es handle sich tatsächlich um eine persönliche Nachricht ihres Lieblingsmodels, werden Schriftarten, wie z. B. Handwriting-Dakota, genutzt, die ein natürliches, handschriftliches Erscheinungsbild haben. Neben den drei dominanten Schriftarten existiert noch eine Vielzahl anderer Schriften, die in unterschiedlichsten Größen, dick oder kursiv, über Artikeln und diversen Bildern prangen. Insgesamt präsentiert sich das Schriftbild des ‚Creative Magazine‘ äußerst ungeordnet, beinah willkürlich und verstärkt so den allgemein flutartigen Charakter des Layouts. Die Platzierung der Bildelemente, ihre Abstände zueinander und die Bildgrößen sind von ebenso großer Vielfalt. Das Layout setzt, das wird auf den ersten Blick deutlich, in erster Linie auf eine stark bildhafte Darstellung der Inhalte. Es präsentiert sich als eine Flut von Bildelementen, die, einer Pinnwand gleich, an allen möglichen und unmöglichen Stellen auf der Bildfläche Platz finden. Mit der gewohnten Lesrichtung von links nach rechts wird zugunsten einer freien, von ursprünglichen Konventionen gelösten Gestaltung gebrochen. Die Abstände der einzelnen Bildelemente reduzieren sich durch deren massige Präsenz auf ein Minimum, der sogenannte Weißraum ist auf 90 % der Seiten vollflächig ausgeschöpft. Kennzeichnend für das Layout dieser Zeitschrift ist weiterhin die inhaltliche Verknüpfung zweier Seiten, d. h. ein Großteil der Themen präsentiert sich auf einer Doppelseite. Durch diese ‚Überlappung‘ wird der Pinnwandcharakter verstärkt, die Unordnung größer. Eine erkennbare Ordnung der Bildelemente zeigt sich in deutlich höherem Maß auf den wenigen Seiten mit einem größeren Textanteil. Das Farbspektrum des Layouts umfasst überwiegend zarte Pastelltöne wie Rosé, Flieder, Hellblau, Mintgrün oder leichtes Türkis, ebenso wie kräftige Farben, z. B. Magenta, Purpur oder Rot. Das Cover wirkt in der Geschäftsauslage in direkter Nachbarschaft zu anderen Zeitschriften durch ein krasses Pink und viele zusätzliche Glitzereffekten besonders dominant und kaufanregend. Die Farbwahl von solchen und ähnlichen Mädchenzeitschriften trägt 92 wesentlich mit dazu bei, dass sich in unserer Gesellschaft ein zunehmend konformes Bild einer Mädchenästhetik durchsetzt, die auf Pink und Glitzer reduziert wird.115 Ingesamt präsentiert sich das ‚Creative Magazine‘ als eine riesige Pinnwand verschiedener Bildelemente, deren Ordnung nur schwer erkennbar ist. Dem Motto folgend ‚mehr ist mehr‘ sehen sich die Leserinnen einer Flut von Text- und vor allem Bildinformationen gegenüber, die auf wenigen Seiten widerspiegelt, was ‚leben‘ für Mädchen und junge Frauen in der heutigen Gesellschaft bedeutet. 4.1.3 Im Fokus: Das Creative Studio „Ein Herzstück [des Magazins] ist das ‚Creative Studio‘ mit Tipps und Tricks zum professionellen Zeichnen und vier Seiten Designvorlagen in der Heftmitte“.116 Die ‚Zeichenschule‘ im Heft ist eine reduzierte Form der Malbücher, die Teil der immensen Produktpalette des ‚Creative Studio by Depesche‘ sind. Als Vorbild dient den Zeichnerinnen eine bereits fertig gestellte Zeichnung eines Models, das die aktuellen Modetrends der Saison präsentiert. Der Zeichnung sind außerdem Fotografien von realen Personen der Öffentlichkeit beigefügt, die ähnliche Kleidung tragen und den Mädchen zeigen, wie sie die aktuellen Trends umsetzen können. Auffällig ist, dass die realen Modevorbilder deutlich über dem Altersdurchschnitt der Topmodel-Leserinnen liegen. Es erscheint fraglich, ob die von ihnen präsentierte Mode für Mädchen ab einem Alter von acht Jahren angemessen ist. Im ‚Creative Studio‘ finden die Zeichnerinnen Schritt-für-Schritt- Anweisungen zur Fertigstellung der Zeichnung, die zusätzlich anhand von Bildern visualisiert werden. Der Prozess des Abmalens wird dadurch deutlich erleichtert. Sowohl das ‚Creative Studio‘ des Magazins als auch diverse Malbücher der Kreativserie legen den Fokus des Zeichenprozesses auf die Orientierung an konkreten Vorlagen. Die Mädchen werden dazu angehalten, nicht ihre Kreativität im Erfindungsreichtum und der Umsetzung eigener individueller Ideen zu manifestieren, sondern die Vorlagen eins zu eins zu übernehmen. Diese Beobachtung regt eigentlich eine wesentliche Diskussion der Kinderzeichnungsforschung über das Prinzip der Nachahmung an, soll an dieser Stelle jedoch nur in wenigen Worten zusammengefasst werden. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion leistet die Autorin Uhlig.117 Sie vertritt die Meinung, dass Vorbilder grundsätzlich nicht verboten sondern gerade für Kinder ganz wesentlich seien, um sich davon ausgehend ein eigenes ‚Bild‘ machen zu können. Nachahmung sei dann sinnvoll, so Uhlig, wenn sie zur Erweiterung der jeweils eigenen Sichtweisen und bildnerischen Artikulationsmöglichkeiten genutzt werde, d. h. wenn Nachahmung im Sinne einer produktiven Aneignung, weniger als mechanische Übernahme stattfinde. Eine so verstandene Nachahmung schule die genaue Beobachtung, das Einschätzen von Größenverhältnissen und Proportionen.118 115 Vgl. Dorner 1999. 116 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 117 Vgl. Uhlig 2010. 118 Vgl. ebd. 93 Es erscheint einleuchtend, dass Kinder diese Vorbilder vor allem in jungen Jahren benötigen, um sich orientieren und sich davon ausgehend ein eigenes Bild der Wirklichkeit machen zu können. So beschreibt es auch Writze: „Im mimetischen Handeln machen sich Kinder fremde Bilderwelten zu eigen. Das fertige Produkt empfinden die Kinder nicht als minderwertige Kopie, sondern als eigenständiges Werk […].“119 Im Fall der Topmodel-Leserinnen muss jedoch davon ausgegangen werden, dass sie bereits eine Bildkompetenz besitzen, dass sie dieses Stadium also bereits hinter sich gelassen und sich schon längst eigene Vorstellungen von den Dingen, die sie umgeben, gemacht haben. Demnach sind die nicht mehr darauf angewiesen, nach Vorlagen zu zeichnen. Diese Vorlagen werden ihren bereits gewonnenen Kompetenzen im ästhetisch-produktiven Bereich nicht gerecht. Sie werden nicht ansatzweise ausgeschöpft. Vielmehr bewirken die Schritt- für-Schritt- Anweisungen eine Einschränkung, ein Verharren im vorgegebenen bildnerisch-ästhetischen Niveau. Man traut ihnen gerade einmal zu, die Silhouette auf dem Papier mit Kleidungsstücken zu schmücken, sie einzukleiden. In den Malbüchern der Kreativserie passiert dies mithilfe von Schablonen und Stickern in noch viel simplerer Weise. Selbst in der Farbwahl sind die Zeichnerinnen nicht frei. Jedes Bildelement unterliegt einer farblichen Vorgabe. Um nach der Vorlage zeichnen zu können, stehen den Mädchen vier Seiten Zeichenpapier im Heft zur Verfügung. Jede Seite ist mit der Silhouette eines Topmodels bedruckt. Die Figur selbst müssen die Mädchen demnach nicht eigenständig zeichnen. Ihre Aufgabe ist allein die ‚Ausschmückung‘ der Figur. Diese präsentiert sich unbekleidet, mit einem großen, herzförmigen Kopf, langem, gewelltem Haar, mit weit auseinander stehenden großen, dunklen Augen, langen, geschwungenen Wimpern, einer feinen Nase und einem Schmollmund mit vollen Lippen. Besonders markant sind im Gegensatz zum verhältnismäßig großen Kopf die schmale Taille und die sehr langen Beine. Die Hüfte ist nach links geneigt, die Figur steht auf Zehenspitzen. Das Nichtvorhandensein von weiblichen Geschlechtsmerkmalen lässt den sehr schmalen, zarten Körper beinahe androgyn wirken. Was man hier beobachtet, ist das allseits bekannte Kindchenschema. Das Gesicht vermittelt dem Betrachter den Eindruck, ein Kind mit all seinen kindlich-typischen Merkmalen (große, ‚treue‘ Augen, Stupsnase etc.) zu sehen. Dem widersprechen jedoch die erotisch anmutende Pose, die geneigte Hüfte und die langen Beine. Es ist die Kind-Frau, die ‚Lolita‘, die man in ihr wiedererkennt. „Süß und sexy – das sind die neuen Kinder mit XX-Chromosomen“.120 In ihrem Buch „Living Dolls“ beschreibt die britische Autorin Natasha Walter, wie Disney-Prinzessinnen, Kinder-Kosmetiksets und Castingshows den Kleinen allesamt vermitteln, Frauen müssten sich über ihr Äußeres definieren – und daran arbeiten, ihre Schönheit und Sexyness zu optimieren. Du kannst aufsteigen, wirst geliebt, wenn du deinen Körper trimmst. Walter spricht von der Rückkehr des Sexismus.121 119 Writze 2014, S. 141. 120 Wiedemann, Carolin: Rosa Rollback. Wenn man so tut, als gäbe es keinen Sexismus mehr, werden Mädchen wieder zu Puppen. Über die Pinkifizierung der kindlichen Lebenswelt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, 2012. 121 Ebd. 94 Die visuelle Sexualisierung von Mädchen manifestiert sich in der Malvorlage des Topmodel-Magazins besonders stark. Es wäre zu einfach zu behaupten, es handle sich hier lediglich um eine Zeichenvorlage und hätte mit einer allgemeinen Vorbildfunktion nichts zu tun. Insbesondere in der Adoleszenz kämpfen Mädchen mit der Veränderung ihres Körpers. Er verliert seine kindlichen Formen, wird weiblicher, runder. Die meisten Mädchen empfinden diese Veränderungen als problematisch.122 Die Topmodel-Vorlage vermittelt ein Bild von Körperlichkeit, wie es in der Realität kaum anzutreffen ist. Die offensichtliche Sexualisierung dieser Figur liegt nicht nur in ihrer Darstellung, sondern auch in ihrer Botschaft, dass ein solcher Körper ‚normal‘ sei. Wie sehr mediale Bilder Einfluss auf die Körperwahrnehmung adoleszenter Mädchen nehmen und welche Folgen damit einhergehen können, hat Schemer in seiner Studie anschaulich erläutert (vgl. Kapitel 2.3). Es wäre demnach fatal, die Wirkung solcher Bilder zu unterschätzen. Wie sehr die Topmodel-Darstellungen der Kreativserie den Wunsch von Mädchen wecken, diesen Vorbildern möglichst nahe zu kommen, verrät ein Blick in das Topmodel-Forum. 4.2 Das Topmodel-Forum „Weltweit existieren zahlreiche Fanart-Portale, die entweder ihren Schwerpunkt auf Manga und Anime legen oder eine große Bandbreite von kreativen Fanart-Sektionen anbieten. Dabei weisen die meisten Portale formale Gemeinsamkeiten auf“.123 Auf der Topmodel-Website, in Deutschland seit 2009 online, findet man unter den Allgemeinen Nutzungsbedingungen klare Regeln für den Umgang der Mitglieder untereinander sowie Hinweise und Kriterien für die Bewertung und Veröffentlichung der Zeichnungen, die im Forum ausgestellt werden dürfen. Sind die Zeichnungen der Userinnen aus rechtlichen, technischen oder qualitativen Gesichtspunkten nicht akzeptabel, können die Betreiber der Website entsprechende Einsendungen ablehnen. Wird ein zunächst abgelehntes Werk hinsichtlich der Kritik überarbeitet, ist es durchaus möglich, dass es beim nächsten Mal online zugelassen wird. Besonders ausdrücklich wird auf das Verbot von Sex- oder Gewaltdarstellungen und nationalsozialistischer Symbolik hingewiesen.124 Anders als bei Fanart-Portalen wie beispielsweise Animexx bietet die Topmodel-Website diverse Möglichkeiten der Nutzung über ästhetisch-produktive Aktivitäten hinaus. Ähnlich wie das entsprechende Magazin, schafft das Forum für die Userinnen eine eigene ‚Topmodel- Welt‘, in die sie sich auf unterschiedlichste Art und Weise einbringen können. Die mehrsprachige Topmodel-Website zählt über zwei Millionen Aufrufe im Monat und mehr als 500.000 Mitglieder.125 122 Vgl. Dorner 1999. 123 Zaremba, Jutta: FanArt – Zu Praktiken und Ausdrucksformen aktueller JugendKunstOnline. In: Kirchner, Constanze (Hrsg.) (u. a.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München: Kopaed, 2010. S. 176. 124 Vgl. ebd. 125 Vgl. Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG (Broschüren). 95 Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, alle Funktionen der Website vorzustellen. Stattdessen werden die folgenden Kapitel einen Überblick über die wichtigsten Angebote geben. Vorgestellt wird die deutsche Website der Kreativserie. Die inhaltliche Gestaltung der deutschen und französischen Website unterscheidet sich nicht. Lediglich der formale Aufbau weist geringfügige Unterschiede auf. 4.2.1 Die Funktionen im Überblick Ein Überblick über die wesentlichen Funktionen im Topmodel-Forum öffnet sich mit einem Klick auf den Menü-Button im oberen Frame der Website. Die Funktionen sind in folgende sieben Rubriken unterteilt: Creative Studio, Community & Forum, Sedcard, Tipps, Tricks & Tests, Topmodel-Welt, Spielen & Gewinnen und Boutique.126 Ähnlich wie im Topmodel- Magazin dominiert auch hier die Nutzung von Anglizismen. Die Wirkungen ihres Gebrauchs wurden bereits in Kapitel 3.1 erläutert. Unter ‚Creative Studio‘ finden die Userinnen den Kleiderschrank, den Designertisch, die Zeichenschule, das Auktionshaus, das Lookbook sowie das Haustier-Zimmer. Einige der genannten Funktionen, wie z. B. der Kleiderschrank, das Auktionshaus oder das Lookbook, können nur dann genutzt werden, wenn man einen eigenen Account hat und eingeloggt ist. Unter ‚Kleiderschrank‘ haben die Userinnen die Möglichkeit, ein fiktives Model zu erstellen, das sie mit Kleidung, Accessoires und Schminke aus dem Kleiderschrank ausstatten können. Mit sogenannten ‚Fashion Credits‘ kann man mit dem Topmodel-Charakter die größten Weltund Modemetropolen bereisen, um neue Kleidung zu kaufen. In Rechnung gestellt werden außerdem Kosten für den Hin- und Rückflug, die je nach Ziel variieren. ‚Fashion Credits‘ erhalten die Userinnen, wenn sie unter ‚Create your Style‘ eigene Designs entwerfen. Zusätzlich enthält jede Ausgabe des Topmodel-Magazins sogenannte ‚Bonus Fashion Credits‘, „mit denen die Leserinnen online virtuell shoppen und die Kleiderschränke der ‚Topmodel‘- Charaktere bestücken können“.127 Der ‚Designertisch‘, die zweite Unterrubrik des ‚Creative Studio‘, stellt den Schwerpunkt des Portals dar. Hier stellen die Userinnen ihre Zeichnungen verbunden mit der Angabe des Themas, einem erläuternden Kommentar und einem persönlichen Nutzerprofil online.128 Neben den Wochen-, Monats- und Jahrescharts und den Favoriten des Topmodel-Teams können die Userinnen Designs zu bestimmten Themen, wie z. B. Gesichter und Make-up, Stars oder Hände und Nägel, aufrufen. „Alle Portal-Mitglieder sind nachdrücklich aufgefordert, zu den Arbeiten der anderen Kommentare (‚Kommis‘) zu schreiben, kurze Bewertungen (‚Noten‘) vorzunehmen und eine Favoritenliste (‚Favos‘) anzulegen“.129 126 Vgl. Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 127 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 128 Vgl. Zaremba 2010. 129 Ebd., S. 176. 96 In der ‚Zeichenschule‘ erhalten die Mitglieder des Forums Tipps und Ratschläge zum Zeichnen. Nach bekannter Vorlage können sich die Userinnen im Zeichnen von Make-up, Haaren oder bestimmten Modetrends erproben. Das ‚Auktionshaus‘ kann aktiv von den Mitgliedern genutzt werden, um eigene Kleiderentwürfe zu versteigern oder aber um die Entwürfe von anderen Userinnen zu ersteigern. Hat man ein Kleidungsstück versteigert, erhält man ‚Fashion Credits‘. Im ‚Lookbook‘ haben die Userinnen die Möglichkeit, Fotos von sich in ihrem Lieblingsoutfit hochzuladen und dieses von den anderen Mitgliedern bewerten zu lassen. Das Bewertungssystem funktioniert hier in derselben Weise wie bei den Zeichnungen, die unter der Rubrik ‚Designertisch‘ zu finden sind. In vielen Fällen handelt es sich um private Urlaubsfotos der Userinnen. Das ‚Haustier-Zimmer‘ beherbergt alle Haustiere, die eine Userin mit ihrem fiktiven Topmodel-Charakter auf der Website mittels ‚Fashion-Credits‘ gekauft hat. Es ist mit Schränken, einem Waschtisch, Teppich und einem Sofa ausgestattet. Sind noch keine Haustiere vorhanden, führt der Button ‚Zum Shop‘ direkt zur virtuellen Tierhandlung. Unter der zweiten Hauptrubrik im Frame ‚Community & Forum‘ erfahren die Userinnen in ‚Best of Community‘, wer neu, am aktivsten und am beliebtesten im Forum ist. Mit einem Klick auf die Fotos der Userinnen, die sich unter den entsprechenden Rubriken befinden, erscheint ein Steckbrief mit persönlichen Angaben. Außerdem können sich die Mitglieder in ihrem Steckbrief direkt an die anderen Userinnen wenden und persönliche Kommentare zu ihrer Aktivität oder zu Aktivitäten anderer Mitglieder im Forum formulieren. Roxanaa, eine der beliebtesten Userinnen, lässt die anderen Mitglieder in ihrem Steckbrief wissen, dass es sie „nicht im geringsten“ interessiere, wenn andere sie als arrogant oder eingebildet bezeichneten. Das sei „bloß Zeitverschwendung und über Menschen, die man nicht kennt, sollte man eh nicht urteilen, da man im Endeffekt keine Ahnung über sie hat:)“. Unter ‚Forum‘ können die Mitglieder „diskutieren, tratschen, helfen, [ihr] Herz ausschütten, Probleme lösen und wertvolle Tipps geben“.130 Der ‚Freunde Finder‘ hilft den Mitgliedern, bereits bekannte Personen zu finden oder unbekannte Mitglieder aus dem Forum kennenzulernen. In den unterschiedlichen Topmodel-Chats, geleitet von den fiktiven Charakteren der Topmodel-Welt, haben die Userinnen die Möglichkeit, sich mit Freunden oder Community- Mitgliedern zu treffen und auszutauschen. Die dritte, große Rubrik des Forums nennt sich ‚Sedcard‘. Die ‚Sedcard‘ beinhaltet alle persönlichen Informationen der Userinnen und ist deswegen auch nur dann aufzurufen, wenn man einen eigenen Account in der Topmodel-Community hat. Hier finden die Mitglieder unter anderem ihre eigene Sedcard mit Informationen zur Person, die den anderen Mitgliedern zugänglich sind, ein Postfach, ein Gästebuch und einen eigenen Designertisch, auf dem man sehen kann, wie viele und welche Designs man selbst schon hochgeladen hat. 130 Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 97 Unter der Rubrik ‚Tipps, Tricks & Tests‘ können sich die Mädchen Ratschläge des Topmodel-Teams, z. B. zu Mode, Styling oder Körperpflege einholen und sich Persönlichkeitstests unterziehen. Themen wie Liebeskummer oder Probleme in der Familie finden ebenfalls Beachtung. An dieser Stelle wird besonders stark deutlich, dass sich „die Webseiten den Mädchen eher als Freunde denn in ihrer tatsächlichen Rolle als ‚Handlanger‘ der Schönheitsindustrie darstellen“.131 Auch die fünfte Rubrik, die ‚Topmodel-Welt‘, ist nur der eingeloggten Userin zugänglich. Hier erfahren die Userinnen alle Neuigkeiten rund um die Topmodel-Charaktere oder wie sie sich in einer Agentur bewerben können, um ‚Fashion Credits‘ zu erlangen. Außerdem wird an dieser Stelle auf das Topmodel-Magazin und die Einlösung der durch das Magazin erworbenen ‚Bonus Fashion Credits‘ hingewiesen. Die Mädchen spüren in dieser Rubrik besonders deutlich, dass sie Teil einer Community sind, und tauchen durch ihre eigenen Aktivitäten vollständig in die Topmodel-Welt ein. Auch eine Topmodel-CD „ist zum Download und Streaming bereit“132. Die Songs sind für 0,69€ pro Lied über Streamingdienste wie iTunes, Amazon oder Spotify zu kaufen. Die vorletzte Rubrik im Frame ‚Spielen & Gewinnen‘ macht auf aktuelle und abgelaufene Gewinnspiele aufmerksam und auf sonstige Spiele, die die Topmodel-Community den Userinnen bietet. Nicht selten sind diese Spiele mit Aufgaben verbunden, die den fiktiven Topmodel-Charakteren dabei helfen, sich z. B. bei einer Modelagentur oder auf dem Catwalk zu beweisen. Daneben gibt es jedoch auch klassische Spiele wie ‚Vier gewinnt‘ oder diverse Kartenspiele, die stets in irgendeiner Form in die Topmodel-Welt eingebunden sind. Die letzte Rubrik ‚Boutique‘ dient der Werbung für die breite Produktpalette der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. Angepriesen werden Taschen, Federmappen, Kosmetikartikel, diverse Malbücher, Blöcke und Stifte. Die Auswahl an Topmodel-Produkten ist enorm. Die Werbung für eigene Produkte der Kreativserie erfolgt an dieser Stelle explizit, an anderer Stelle erscheint sie deutlich subtiler und in entsprechende inhaltliche Kontexte (z. B. Topmodel-Stifte in der Zeichenschule) eingebettet, sodass häufig kaum eine erkennbare Unterscheidung zwischen journalistischen Beiträgen und Werbung auszumachen ist.133 4.2.2 Das Layout Die Layout-Analyse der Internetseite stützt sich auf zwei wesentliche Kriterien: 1. formale Struktur 2. Farbgebung Die grundlegende formale Struktur der Website ist durch einen horizontal ausgerichteten Frame gegeben, der alle wichtigen Rubriken der Website beinhaltet (s. Kapitel 3.2.1). Durch die farbliche Absetzung des Frames in Magenta wird die Aufmerksamkeit trotz diverser Text- und Bildelemente auf den Menü-Button mit Themenübersicht gelenkt. 131 Dangendorf 2012, S. 87. 132 Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 133 Vgl. ebd. 98 Innerhalb dieses Frames befinden sich das Topmodel-Logo, rechts davon Symbole für ‚Mein Profil‘, ‚Mein Handy‘, die Anzahl der Freunde, die aktuell online sind, die Anzahl der Freundschaftsanfragen, der eingegangen Nachrichten sowie der Jobs, die der eigene, fiktive Topmodel-Charakter aktuell ausübt. Daneben befinden sich die Eingabefelder für das Login in den eigenen Account oder, sofern man noch nicht Mitglied ist, unterhalb des Frames für die Registrierung. Die Fläche unterhalb des Frames nimmt ca. fünf Sechstel der Gesamtfläche ein. Durch die Scroll-Funktion gelangt man ans Ende des Willkommen-Bildschirms mit Verweisen auf Facebook und Twitter sowie mit rechtlichen Angaben zur Website. Durch wechselnde Bildelemente, mit denen die Website auf Neuigkeiten aufmerksam macht, ist die Startseite der Topmodel-Website ständig in Bewegung. Besonders auffällig ist das große Fenster unterhalb des Hauptframes, das ungefähr die Hälfte der restlichen Fläche einnimmt und auf Neuigkeiten in der Topmodel-Community aufmerksam macht. Darunter präsentiert sich ein in Blockform angeordnetes Puzzle aus unterschiedlich großen Funktionsfeldern, die sowohl über den Menü-Frame als auch direkt über den Startbildschirm genutzt werden können. Durch den auffällig magentafarbenen Hauptframe gestaltet sich das Surfen auf der Topmodel-Website auf den ersten Blick übersichtlich. Das Klicken auf die puzzleförmig angeordneten Funktionsfelder ermöglicht denjenigen Userinnen, die sich auf der Website auskennen, eine schnellere Bedienung. Für Community-Mitglieder hingegen, die mit den Strukturen der Website noch nicht ausreichend vertraut sind, ergibt sich aus dem Bilderjungle erst auf den zweiten Blick eine nachvollziehbare Struktur. Hier empfiehlt sich ein erstes Kennenlernen der Website über den Hauptframe, der eine klare Struktur aufweist und frei von Bildelementen jeder Art ist. Obgleich die Inhalte der Website aufgrund ihrer aufwändigen formalen Gestaltung auf den ersten Blick nicht sofort zu fassen sind, bringt ihre Anordnung in Rubriken eine erkennbare Struktur hinein, die dem Topmodel-Magazin in jeglicher Hinsicht fehlt. Eng verbunden mit der formalen Struktur der Website ist das Farbklima. Während die Zeitschrift durch ein enormes Repertoire an Farben Unordnung im Layout schafft, ist die Farbwahl des Forums dezenter und weniger unruhestiftend. Das Farbspektrum bewegt sich von Magenta, über dunkles Violett und Purpur bis hin zu Pastelltönen wie Rosé oder leichtem Türkis. Besonders dominant sind Magenta und ein mittelkräftiges Türkis, die abwechselnd als Hintergrund für die puzzleförmige Anordnung der Rubriken auf dem Starbildschirm fungieren. Die Darstellung der Rubriken über dem Menü-Button setzt sich nicht nur hinsichtlich ihrer formalen Struktur, sondern auch in der Farbwahl deutlich vom übrigen Layout ab. Die Einteilung in Themenblöcke in weißer Schrift auf dunkelviolettem Hintergrund wirkt ruhig, wie eine Pause für das Auge, das in der Topmodel-Welt sonst nur selten zur Ruhe kommt. Der Hell-Dunkel-Kontrast, der sich aus den Farben Weiß und Dunkelviolett ergibt, unterstützt diese Wahrnehmung. 99 Insgesamt präsentiert sich den Userinnen ein typisches ‚Topmodel-Layout‘, das sich aus unterschiedlichen Pink- und Violetttönen zusammensetzt und mit besonderen Glitzereffekten an unterschiedlichen Stellen vervollständigt wird. Der kindliche Charakter, den das Printmedium vor allem aufgrund seiner Aufmachung und Farbwahl aufweist, ist auf der Website nur noch bedingt zu finden. Vielmehr präsentiert sich die Website als eine sehr ‚erwachsene‘ Welt, die auf den ersten Blick nur wenig mit der Lebenswirklichkeit (früh-)adoleszenter Mädchen zu tun hat. Im Vordergrund steht eine scheinbar glamouröse Topmodel-Welt, in der Themen wie Schönheit, Mode, der eigene Körper, Liebe, Erfolg und Misserfolg eine wesentliche Rolle spielen. Als virtueller Raum ist es der Website in höherem Maße als der Zeitschrift möglich, eine Traumwelt zu schaffen, in der Mädchen Anerkennung und Rückhalt suchen und ihnen das Gefühl vermittelt wird, wichtig zu sein und ernst genommen zu werden. Denn in Anbetracht „parallel existierender Praktiken der Abwertung von Jugendlichen untereinander (mobben, dissen, flamen, haten…), scheinen FanArt-Portale eine sichere Bank der Unterstützung zu bieten“.134 4.2.3 Im Fokus: Der Designertisch Der ‚Designertisch‘ der Topmodel-Website ist, wie bereits erwähnt, der Ort, an dem die Userinnen ihre eigenen bildnerischen Produktionen online stellen. Zaremba unterscheidet grundsätzlich drei verschiedene Arten von Fanart-Werken, „die nach dem Grad ihrer digitalen Intervention eingeteilt werden können: 1. Primär-digital: Werke werden durchweg mit Grafiksoftware wie Photoshop, Open Canvas o. ä. produziert und auf die Portal-Website hochgeladen. 2. Sekundär-digital: Werke werden in Teilen vorab – als gezeichneter Hintergrund o. ä. – erstellt, danach mit Grafikprogrammen weiterbearbeitet und hochgeladen. 3. Tertiär-digital: Werke werden vollständig vorab – als Zeichnung, Malerei etc. – erstellt, und erst danach eingescannt und hochgeladen“.135 Im Fanart-Forum der Topmodel-Community stellen Userinnen überwiegend sekundär-digitale beziehungsweise tertiär-digitale Werke online. Im ‚Designertisch‘ befinden sich die Wochen-, Monats- und Jahrescharts, eine Galerie der insgesamt beliebtesten Zeichnungen sowie die Favoriten des Topmodel-Teams. Die insgesamt ca. 2800 Zeichnungen lassen sich den Themen ‚Allgemein‘, ‚Gesichter & Make up‘, ‚Stars‘, ‚Special Glamour‘, ‚T-Shirts‘, ‚Tiere‘ und ‚Hände & Nägel‘ zuordnen. Eine Auswahl von Zeichnungen können die Mitglieder über die Selektionskriterien ‚Malvorlagen‘, ‚Thema‘ und ‚Altersklasse‘ aufrufen. 134 Zaremba 2010, S. 187. 135 Ebd., S. 180. 100 Um der Topmodel-Community eine Zeichnung präsentieren zu können, müssen die Userinnen ein ‚Design‘ in ihr Topmodel-Malbuch zeichnen, die fertig gestellte Zeichnung fotografieren bzw. scannen und anschließend in das Fanart-Forum hochladen. Versehen mit dem Nicknamen der Userin und einem Titel wird die vom Topmodel-Team geprüfte Zeichnung den anderen Userinnen öffentlich zugänglich gemacht. Die Zeichnungen können auch von Besucherinnen und Besuchern eingesehen werden, die nicht eingeloggt sind. Die Kommunikation über die Zeichnungen basiert auf Kommentaren (‚Kommis‘), die die Mitglieder posten, und auf der Benotung der Werke mithilfe von sogenannten Glitzersternen. Insgesamt können zehn Glitzersterne für eine bildnerische Produktion gegeben werden. Besonders viel Anerkennung erhalten Zeichnungen, die sehr sorgfältig und ordentlich ausgeführt wurden, ebenso wie aus Sicht der Userinnen besonders ‚kreative‘ und ‚ausgefallene‘ Ideen. Sehr beliebt ist in den Zeichnungen auch der Einsatz von Glitzer- und Glanzeffekten, die mithilfe von Copic-Markern oder digitalen Bildbearbeitungsprogrammen erzeugt werden. Man könnte meinen, die Userinnen ließen sich im wahrsten Sinne des Wortes von den sehr künstlich wirkenden Zeichnungen blenden, wobei ‚künstlich‘ im Sprachgebrauch der Community-Mitglieder offensichtlich gleichgesetzt wird mit ‚künstlerisch‘. Abb. 20 Abb. 21 Abb. 22 Besonders augenfällige Beweise für diese Annahme liefert die deutsche Userin MxRot2001. Eine ihrer Zeichnungen mit der Überschrift „No Name für den Ausmalwetti von Antoniia, schon 2. Runde“ (Abb. 20) wird im Durchschnitt mit acht Glitzersternen bewertet und bekommt viel positives Feedback. Die Zeichnung verdeutlicht, warum die Auseinandersetzung mit solchen und ähnlichen bildnerischen Produktionen im Forschungsfeld der Kinder- und Jugendzeichnung und vor allem bezüglich der aktuellen Genderforschung unbedingt notwendig ist. Das ‚Topmodel‘ präsentiert sich in einem knappen, schwarz-roten Corsage-Kleid. Overknee-Strümpfe und das Strumpfband am rechten Bein erinnern an Strapse. Ihre Zeichnungen lassen eher an Werbeplakate eines Erotikshops denken als an bildnerische Produktionen eines adoleszenten Mädchens. 101 […] die Behauptung, die menschliche Sexualität sei schmutzig und gemein […] ist etwas ganz anderes als die Behauptung, die öffentliche Darbietung der Sexualität beraube sie ihres Geheimnisses und ihrer Würde und verändere Charakter und Bedeutung sowohl der Sexualität als auch der kindlichen Entwicklung.136 Ohne Zweifel liegt dieser Aussage von Postman ein Idealismus zugrunde, der mit Blick auf die Entwicklungen im 21. Jahrhundert möglicherweise altmodisch, ja geradezu naiv erscheint. Bezugnehmend auf den Begriff der Kindheit, wie er zu Beginn der Arbeit definiert wurde (vgl. Kapitel 1), wird dieser Idealismus nach Postman von einer gewissen Scheinheiligkeit begleitet, die auf der Überzeugung beruht, Kinder vor gewissen Bildern (im wörtlichen wie übertragenen Sinne) schützen zu wollen.137 Die Befürchtung, die sich hinter diesen Gedanken verbirgt, ist möglicherweise besser zu verstehen, wenn sich die folgende Aussage anschließt: „Es geht […] um den Unterschied von öffentlichem und privatem Wissen und darum, welche Auswirkungen die Abschaffung des privaten Wissens durch die Medien der totalen Enthüllung hat.“138 Dies bedeute längst nicht nur, dass die Kindheit ihre ‚Unschuld‘ verloren habe, suggeriere der Ausdruck doch, dass sie bloß ein wenig Charme eingebüßt habe,139 sondern dass die Verbreitung solcher und ähnlicher Bilder zu ihrer Akzeptanz und damit zu dem von Postman prophezeiten Verschwinden der Kindheit führt. Ebenso sexistisch wie die vorangegangen Bildfiguren präsentiert sich die Figur in einer Zeichnung für den Heavy Metal Wettbewerb (Abb. 21) oder das Model in Design „Blau, Pink, Grün“ (Abb. 22). Das Topmodel-Team ist von ihren Entwürfen begeistert und wählt die Designs der Userin zu seinen Favoriten. 136 Postman 1987, S. 109. 137 Vgl. ebd. 138 Ebd., S. 109. 139 Vgl. ebd. Abb. 23 Abb. 24 Abb. 25 102 Ähnliche Zeichnungen stellt die französische Userin TalitaKD vor. „Dance2“ (Abb. 23) wird mit durchschnittlich acht Glitzersternen bewertet. Kommentare wie „c trop beau tu c trop bien dessiner“ (Das ist zu schön, du kannst super gut zeichnen.) oder „je ne trouve pas d’autre mot que : magnifique!“ (Ich finde dafür kein anderes Wort als: wunderschön.) bestärken die Userin darin, mehr Zeichnungen im gleichen Stil zu veröffentlichen (Abb. 24 und 25). Enge, kurze Kleider, weite Ausschnitte und Netzstrümpfe verleihen den treu dreinblickenden Lolita-Figuren eine Ausstrahlung, die an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen ist. Wie unkritisch mit solchen Darstellungen auch und vor allem seitens der Medienbranche umgegangen wird, zeigt die Wertschätzung ebensolcher Zeichnungen durch das Topmodel-Team. Die Werke von MxRot2001 und TalitaKD zeigen eine kleine Auswahl dessen, was die Userinnen im Topmodel-Forum präsentieren, und spiegeln nur begrenzt wider, wie komplex die Fülle der bildnerischen Produktionen tatsächlich ist. Die ästhetische Sozialisation von Mädchen, wie sie sich hier präsentiert, ist das Spiegelbild einer Gesellschaft, der eine zeitgemäße Form des Sexismus zugrunde [liegt]. Eine, die sich entfaltet, wenn Neoliberalismus auf postfeministische Gesellschaften trifft. Beide Logiken hängen zusammen und verstärken einander. Dann heißt es, Frauen hätten doch die Wahl und seien vielleicht einfach gern ein bisschen Sexobjekt, und: ‚Es gab doch die Frauenbewegung.‘ Letztere hat zwar gleiche Rechte und formal gleiche Chancen für beide Geschlechter erreicht. Doch wer damit die Gleichberechtigung der Geschlechter für verwirklicht [hält], [ignoriert], dass ein Bild der Frau als Objekt, das dem Mann gefallen müsse, bestehen [bleibt] und somit stärker [wird].140 140 Wiedemann 2012.

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References

Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.