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12. Persönliches Schlusswort in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 243 - 244

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-243

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
243 12. Persönliches Schlusswort Wenn du die Kindheit in dir nicht verlierst, kannst du Geschichten erzählen. Wolfgang Kohlhaase (2007), Drehbuchautor, Regisseur und Schriftsteller321 In dieser Arbeit ist bereits mehrfach angeklungen, welche Bedeutung Kinder- und Jugendzeichnungen für unser Verstehen von Welt, von Gesellschaften, Generationen und den vielfältigen Geschichten von Kindheit und Jugend zukommt. Aus dem historischen Vergleich der Mädchenzeichnungen konnten diesbezüglich wichtige neue Forschungsergebnisse herausgestellt werden, die nicht zuletzt auch ein Gefühl der Melancholie, der Sehnsucht hinterlassen. Mädchenzeichnungen aus den 60er und 70er Jahren führen uns vor, was möglich ist. Es hat sie gegeben, die Zeichnungen, die einen Erwachsenen erstaunen ließen, erstaunen über die kindliche Fantasie, über die tiefgründigen Ideen und den Reichtum an inneren Bildern, der in den Köpfen der Kinder herrschte und den sie zu Papier zu bringen vermochten. Die Zeit hat dieses Staunen umgekehrt. Nach der Diskussion über Mädchenzeichnungen wie die der Kreativserie Topmodel stellt sich so manche/r Leser/in wohl Fragen wie: Sollen solche Zeichnungen erhalten werden? Ist es sinnvoll, Zeichnungen, die ursprünglich aus einem rein kommerziellen Interesse geboren wurden, die zur Verbreitung eines antiquierten Bildes von Weiblichkeit beitragen, zu bewahren, sie zu wichtigen Zeugnissen von heute zu erklären? Und falls diese Frage mit ‚ja‘ beantwortet werden kann, warum sind sie so wertvoll? An dieser Stelle folgt die Antwort, deutlich und zweifellos: Ja. Diese Mädchenzeichnungen sind wertvoll. Sie sollen gesammelt, gesichert, dokumentiert und erforscht werden. Ebenso wie alle anderen Kinderzeichnungen, die sich bereits in Archiven aller Art, groß und klein, öffentlich und privat, befinden. Warum? Weil sie aufrütteln, sichtbar machen, was sonst häufig nur subtil mitschwingt; weil sie einen Einblick geben in die Bedeutung von Mädchensein im 21. Jahrhundert und damit wichtige Erkenntnisse für morgen liefern; weil sie von Mädchen geschaffen wurden, die all ihre Liebe und all ihre Mühe in diese eine Zeichnung, in diese eine Figur gesteckt haben; weil diese Mädchen ernst genommen werden müssen mit all ihren Wünschen und all ihren Ängsten; weil jede zarte Linie, jeder kraftvolle Strich Ausdruck ihrer Gefühle und Gedanken ist; weil die Zeichnungen, wenn sich niemand für ihre Bewahrung einsetzt, gestohlen werden von einer Welt, in der kaum noch etwas wert zu sein scheint, in der alles so schnell geht, wie es gekommen ist, und in der die Kinder- und Jugendzeichnung ein vom ‚Aussterben bedrohtes‘ Dokument ist. Gerade weil sich die Topmodel-Zeichnung so präsentiert und nicht anders, ist sie und wird sie ein hoch brisantes Dokument für die Kinder- und Jugendzeichnungsforschung sein. 321 Zitat entnommen aus der Dokumentation Wolfgang Kohlhaase – Leben in Geschichten des Rundfunks Berlin- Brandenburg vom 10.03.2016 (Erstsendung: 21.07.2007 Arte).

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Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.