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10. Resümée in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 235 - 238

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-235

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
235 10. Resümée Von allen Hindernissen, die sich dem Fortschritt des Denkens und der Ausbildung wohlbegründeter Ansichten über das Leben und die sozialen Ordnungen in den Weg stellen, ist in unserer Zeit das größte und beklagenswerteste die unsägliche Ungewissheit der Menschen über und ihre Unaufmerksamkeit auf die Einflüsse, welche den menschlichen Charakter bilden. Man hält alles, was einzelne Individuen oder ganze Klassen gegenwärtig sind oder zu sein scheinen, für ein Produkt ihrer natürlichen Anlagen – während man doch, sobald man sich nur einigermaßen über die Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln, unterrichten würde, sehr genau die wahren Ursachen erkennen würde, welche sie so und nicht anders werden ließen.306 Dieser Gedanke von John Stuart Mill aus dem Jahr 1869 spiegelt nicht nur wesentliche Fragestellungen dieser Arbeit wider. Die Zitierung in einem aktuellen Werk der Genderforschung zeigt vor allem, dass es sich hierbei um eine Sichtweise handelt, die selbst über 145 Jahre später, in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, noch nicht überholt erscheint. Nun stellt sich die Frage, ob dies der Tatsache geschuldet ist, dass Mill eine für seine Zeit außergewöhnlich moderne Sichtweise besaß. Oder aber, dass sich die Gesellschaft in 145 Jahren nur wenig von ihren traditionellen Meinungen und Denkweisen gelöst hat. Die vorangegangenen Kapitel haben verdeutlicht, wie sehr sich die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts an stereotype Zuschreibungen vor allem mit Blick auf das weibliche Geschlecht geradezu klammert. „In Gesellschaften, die so tun, als gäbe es keinen Sexismus mehr, als hätten alle die gleichen Chancen, nehmen Fünfjährige Pole-Dance-Stunden und lassen ihre Beinhärchen per Laser dauerhaft entfernen“.307 Die Suche nach einem Verantwortlichen für die Verbreitung solcher Bilder gestaltet sich äußerst schwierig. Die Sozialisationsinstanzen in der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen sind zunehmend vielfältiger und dadurch teilweise auch weniger greifbar geworden. Dass die Medien einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und damit auch auf ihr Verständnis von Wirklichkeit nehmen, haben diverse Autorinnen und Autoren belegen können. Kirchner et al. haben herausgestellt, dass der Kinder- und Jugendzeichnung bei der Gestaltung und Verarbeitung von Lebenswirklichkeit eine elementare Rolle zukommt.308 Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen daran, sofern jemals vorhanden, keinen Zweifel. Der historische Vergleich von Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1976, 2002 und 2003 sowie zur Kreativserie Topmodel aus den Jahren 2013 bis 2015 liefert dafür besorgniserregende Beweise. Die Ergebnisse, die aus dem Vergleich der Mädchenzeichnungen aus den genannten Perioden gezogen werden konnten, rütteln in zweierlei Hinsicht auf. Sie halten einer Gesellschaft den Spiegel vor, die sich für aufgeklärt, liberal, tolerant und emanzipiert hält, die vorgibt, mit veralteten Klischees und Denkweisen aufgeräumt zu haben. 306 Fine, Cordelia: Die Geschlechterlüge – Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Stuttgart: Klett-Cotta, 2010. S. 9. 307 Wiedemann 2012. 308 Vgl. Kirchner (u. a.) 2010. 236 Die Motive der Mädchenzeichnungen aus den 2000er Jahren zeichnen, dies konnte in der Reflexion der Ergebnisse herausgestellt werden, ein völlig anderes Bild. Ebenso alarmierend erscheint der enorme Qualitätsverlust der Mädchenzeichnung. Zeichnungen aus den 60er und 70er sprühen vor kindlicher Ausdrucksfreude, vor Spontaneität im Zeichenprozess, vor Erfindungsreichtum und Fantasie. Im Laufe der Jahre haben die Mädchenzeichnungen an Einfallsreichtum, Originalität, Individualität und Ausdruckskraft verloren. Ergebnis ist eine Konformität, die durch stereotype Zeichenschemata wie die der Kreativserie Topmodel erzwungen wird. Die Mädchen werden ihrer Individualität beraubt. Das Fanart-Forum der Kreativserie Topmodel ist nicht nur Beweis dafür, dass sich die ästhetischen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen, in diesem Fall von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren, zunehmend in virtuelle Räume des Web 2.0 verlagern. Es zeigt außerdem besonders eindrücklich, dass sich die ästhetische Sozialisation im Topmodel-Forum längst nicht nur in den bildnerischen Produktionen der Userinnen widerspiegelt, sondern darüber hinaus deren Wahrnehmung von sich selbst und von anderen, vor allem aber bezüglich ihrer Rolle in der Gesellschaft, bestimmt. Die Interviews mit den Probandinnen, die im Rahmen dieser Forschung exemplarisch zur qualitativen Absicherung herangezogen wurden, bestätigen diese Annahme. Der Forschungsbereich der Kinder- und Jugendzeichnung erweitert sich durch solche und ähnliche Entwicklungen zunehmend. Die Analyse der im Topmodel-Forum veröffentlichten Zeichnungen sowie der bildnerischen Produktionen der Probandinnen fordert nicht nur eine Untersuchung aus psychologischer Sicht, sondern vor allem eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen im Kontext der Genderforschung. Eine differenzierte Reflexion der Prozesse ‚doing gender‘ bzw. ‚undoing gender‘ ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht für diese Auseinandersetzung wesentlich. Die Vermittlung von stereotypen Rollenbildern, wie sie in der Kreativserie Topmodel zu finden sind, stellt, wie bereits festgestellt wurde, längst kein Einzelphänomen mehr da. Durch die flutartige Streuung dieser Bilder über Medien wird es zunehmend schwieriger, Kinder vor ihnen zu bewahren. Und möglicherweise wäre das auch gar nicht die richtige Herangehensweise. Es wäre geradezu utopisch anzunehmen, sie von diesen und ähnlichen Inhalten fernhalten zu können. Die Kreativserie Topmodel beschränkt sich ja längst nicht mehr nur auf das Printmedium oder die Präsenz im Internet. Durch die breite Produktpalette, deren Sortiment alle denkbaren Schreib- und Freizeitutensilien abdeckt, ist sie in allen Lebensbereichen der Mädchen präsent. Dadurch gewinnen auch die Bilder, die die Topmodel-Serie publiziert, für die Mädchen an Bedeutung. Die Integration dieser Bilder in bereits vorhandene Denk- und Verhaltensweisen der Mädchen geschieht unbewusst. Dies wird dadurch verstärkt, dass auch die Produkte der Topmodel-Serie, wie z. B. Stifte, Federmäppchen oder Rucksäcke, von den Mädchen ganz alltäglich und selbstverständlich genutzt werden. Die bereits bekannte Topmodel-Ästhetik, die sich in all diesen Produkten widerspiegelt, wird nur beiläufig wahrgenommen. Eine detaillierte Erläuterung der kognitiven Vorgänge, die sich dabei vollziehen, würde den Rahmen dieser Arbeit deutlich sprengen. Bekannt ist jedoch, dass Menschen in Bildern denken und dass sich diese Bilder auch unbewusst in unsere mentalen Strukturen fügen. 237 Die Käuferinnen und Käufer der Malbücher sind nicht nur die Mädchen selbst, sondern, wie herausgestellt werden konnte, oft auch Eltern, Verwandte oder Freunde. Sie gehen von der Annahme aus, Zeichnen sei eine kreative und pädagogisch wertvolle Beschäftigung und der Kauf der Malbücher dadurch hinreichend gerechtfertigt. In Wirklichkeit unterbindet das ‚Creative Studio by Depesche‘ eine eigenständige kreativ-ästhetische Entwicklung. Die intensiven Zeichenprozesse, verbunden mit mehrfachen Reproduktionen der vorgegebenen Zeichenschemata lassen den Mädchen kaum eine andere Möglichkeit, als die durch die Kreativserie vermittelten weiblichen Stereotype in ihr kognitives Bildrepertoire aufzunehmen. Diese Beobachtungen belegen eindrücklich die Schwierigkeit, Mädchen vor diesen Einflüssen zu schützen. Viel wesentlicher erscheint deswegen, sie auf Prozesse wie ‚doing gender‘ aufmerksam zu machen und den gemeinsamen Austausch darüber zu fördern. Wie kommt es zu der Zweiteilung der Gesellschaft in Frauen und Männer, in weibliche Räume bzw. männliche Räume und damit auch in Normen, wie sich Frauen und Männer zu verhalten haben?309 Grundlegende Fragen, die unbedingt den kritischen Blick auf stereotype Rollenzuschreibungen fordern und eine Reflexion darüber, was diese Zuschreibungen bei jedem Einzelnen auslösen können. Es ist leicht vorstellbar, dass eine Kreativserie wie Topmodel von vielen Stimmen als ‚Mädchenkram‘ abgetan und der kritische Blick darauf als übertrieben empfunden wird. Eine Problematik, mit der die Genderforschung allgemein zu kämpfen hat. Wie extrem muss die Darstellung von Weiblichkeit, wie offensichtlich die Sexualisierung junger Mädchen noch werden? Von den Mädchen selbst kann nur dann ein verantwortungsbewusster und kritischer Umgang mit Geschlechtsstereotypen verlangt werden, wenn man ihren Blick dafür entsprechend öffnet und sie über die Konsequenzen dieser Zuschreibungen aufklärt. Und vor allem muss ihnen der Druck genommen werden, in diese Rollen hineinpassen zu müssen. Kommerzielle, jugendspezifische Mainstreammedien scheinen sich dafür schon lange nicht mehr in der Verantwortung zu sehen, sollten sie sich diese Aufgabe überhaupt jemals zu Herzen genommen haben. Umso wichtiger erscheint es, dass Mütter und Väter, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher Mädchen stärken, ihnen ihre Stärken außerhalb von Schönheit und Attraktivität sichtbar machen, sie auf ihrem Weg zu einem selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen begleiten, auch und vor allem dann, wenn dieser Weg nicht der ‚Norm‘ entspricht, wenn er ‚anders‘ ist. Diese Aufgabe erfordert aus Sicht der Erziehenden eine intensive Reflexion über die eigenen Geschlechterstereotypen und darüber, wie man ‚doing gender‘ in seinem eigenen Lebensentwurf praktiziert. Denn nur wenn man sich dieser Prozesse bewusst ist, ihrer Bedeutung für das eigene Leben, aber auch für die Gesellschaft, und die Konsequenzen erkennt, die sich aus ihnen ergeben, besteht die Möglichkeit, sich von bisherigen Denk- und Verhaltensweisen zu lösen, sich umgekehrt der Entdramatisierung von Geschlecht (‚undoing gender‘) zu nähern. „[Denn] wie sollen all die kleinen Mädchen, die ihre Zeit und ihr erstes Taschengeld in rosa Glitzer investieren oder unter Essstörungen leiden, je die Jobs in den Vorstandsetagen übernehmen, für die ihre Mütter gerade kämpfen?“.310 309 Vgl. Gender-Portal der Universität Duisburg-Essen. 310 Wiedemann 2012.

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Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.