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9. Zusammenfassung der Ergebnisse in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 229 - 234

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-229

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
229 9. Zusammenfassung der Ergebnisse Die aus der qualitativ-empirischen Untersuchung hervorgegangenen Ergebnisse sollen an dieser Stelle noch einmal in Kürze unter folgenden Termini zusammengefasst werden: • Disziplin • Sorgfalt • Widerstand • Ästhetisch-produktive Aktivitäten als Transitbeschäftigung • Hierarchisierung • Ökonomie des Zeichenprozesses Disziplin Der Begriff der Disziplin wurde in den vorangegangenen Überlegungen hinsichtlich der bildnerischen Produktionen der Probandinnen sowie ihrer Äußerungen dem des Widerstandes gegenübergestellt. Der Definition des Begriffes Disziplin nach Ipfling (vgl. Kapitel 8.4.1) liegt ein Verständnis disziplinierten Verhaltens zugrunde, das unter anderem das Streben bzw. den Wunsch eines Individuums nach Ordnung oder Regeln beinhaltet. Als diszipliniert gilt, wer die Ordnungen und Regeln des gesellschaftlichen Lebens respektiert und lebt, sich der ‚Norm entsprechend‘ verhält.300 Betrachtet man den Alltag der Mädchen, wird deutlich, dass ihnen ein hohes Maß an Selbstdisziplin abverlangt wird – und das längst nicht nur in der Schule. Freizeitaktivitäten, die an feste Termine gebunden sind, schließen sich unmittelbar an den Schulalltag. Das Freizeitprogramm wechselt täglich. Die Zeit, die zum Spielen bleibt, ist knapp. Das kindliche Spiel kommt zu kurz, Kind-sein scheint kaum noch erlaubt. „Für das kindliche Spielen ist besonders charakteristisch, dass es in hohem Maße spontan, offen und frei erfolgt.“301 Die Definition kindlichen Spiels, wie sie Konrad/Schultheis vornehmen, scheint nach Auswertung des Interviewmaterials weit von dem entfernt, was die Probandinnen über ihre Möglichkeiten des Spielens neben Schule und diversen Freizeitaktivitäten berichten. Die Hinwendung zu ästhetisch-produktiven Aktivitäten erscheint zunächst als Chance, das kindliche Spiel in den Alltag zu integrieren. Ein Blick auf die Kreativserie Topmodel verrät jedoch: Mit spontanem, kindlichen Ausdruck und freiem Gestalten hat das wenig zu tun. Die Malvorlagen gehen mit konkreten Forderungen an die Mädchen einher, die Begriffe wie Disziplin, Ordnung und Sorgfalt beinhalten. Als gelungen gelten diejenigen Zeichnungen, in denen (vorgegebene) Konturen eingehalten werden, die sorgfältig ausgearbeitet und der computerbearbeiteten, kolorierten Malvorlage des Topmodel-Malbuchs besonders ähnlich sind. Die 20fachen Malvorlagen fordern die Mädchen auf, zu üben, sich zu verbessern und nach der vollkommenen Zeichnung zu streben. So wird das kindliche Spiel zu einer Pflicht, die ihm jede Freude an seiner Ausübung nimmt. 300 Vgl. Ipfling 1976. 301 Konrad; Schultheis 2008, S. 44. 230 Sorgfalt Im vorangegangenen Kapitel wurden die Begriffe Disziplin und Sorgfalt in der Diskussion um die bildnerischen Produktionen der Probandinnen unmittelbar zueinander in Beziehung gesetzt. Der Grund dafür liegt in ihrer semantischen Nähe zueinander. In der sorgfältigen Ausarbeitung der bildnerischen Produktionen zur Kreativserie Topmodel liegt ein hohes Maß an Disziplin begründet. Die Bedeutsamkeit sorgfältigen Arbeitens für das Gelingen einer Zeichnung ist längst nicht nur mit Blick auf die Kreativserie Topmodel zu beobachten, sondern scheint vielmehr ein tief verankertes Phänomen in der kunstpädagogischen Praxis zu sein.302 Die starke Konzentration auf eine sorgfältige Ausarbeitung versperrt die Möglichkeit für spontane Ideen und kreative Zeichenprozesse.303 Ein Blick auf die bildnerischen Produktionen der Probandinnen bestätigt diese Annahme. Die Ergebnisse zeigen sich derart konform, dass die Handschrift der Urheberin kaum mehr sichtbar ist. Teil einer großen Masse zu sein und nicht aufzufallen, scheint ein Gefühl von Sicherheit zu erzeugen, das nicht zuletzt hinsichtlich des Alters der Probandinnen von Bedeutung ist. Die hohe Angepasstheit der Mädchen, die sich in der sorgfältigen Ausarbeitung der bildnerischen Produktionen zeigt, spiegelt nicht zuletzt auch ihre in dieser Arbeit viel diskutierten Rolle in der Gesellschaft wider. Die Mädchenzeichnung wird so einmal mehr zum Spiegelbild gesellschaftlicher Normen und Werte. Widerstand Der Begriff des Widerstandes wurde in den bereits erläuterten Untersuchungsergebnissen dem der Disziplin gegenübergestellt. Dieses Gegensatzpaar weist auf einen Konflikt hin, der längst nicht nur im ästhetisch-produktiven Handeln der Probandinnen eine Rolle spielt. Es wurde darauf hingewiesen, dass der Terminus nicht in seiner psychoanalytischen Bedeutung diskutiert werden kann, sondern aus kunstpädagogischer Sicht und unter Berücksichtigung phänomenspezifischer Besonderheiten der Kreativserie Topmodel in den Blick genommen wird. Als Erscheinungsformen des Widerstandes konnten zwei wesentliche Beobachtungen hinsichtlich der produktiv-ästhetischen Aktivitäten der Probandinnen zur Kreativserie Topmodel herausgestellt werden: das Nicht-Fertigstellen von Zeichnungen sowie leere Malbücher. Diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass es sich nicht um einen aktiven Widerstand handelt. Auf den ersten Blick ist er nicht einmal sichtbar. Erst in Verbindung mit den Äußerungen der Probandinnen kann er als solcher erkannt und analysiert werden. Widerstand, wie er in den bildnerischen Produktionen der Urheberinnen sichtbar wird, geschieht im Stillen. Es ist der vorzeitige Abbruch einer Zeichnung oder eines ganzen Malbuchs sowie das Hinterlassen von Lücken in Form nicht ausgearbeiteter Bildflächen, die auf Widerstand hinweisen. Grund dafür ist nicht selten ein Gefühl von Langeweile, das sich bei den Probandinnen nach Beschäftigung mit mehreren Malvorlagen einstellt. Ab einer gewissen Anzahl Zeichnungen stellen sie keine Herausforderung mehr dar. 302 Vgl. Richthammer 2010. 303 Vgl. ebd. 231 Die Tatsache, dass die Mädchen Widerstand leisten, kann als Chance verstanden werden, aus vorgegebenen Schemata (der Kreativserie) auszubrechen. Die Art und Weise, wie sie Widerstand leisten, fordert hingegen eine kritische Reflexion. Der Widerstand im Verborgenen, der bei Aufdeckung (durch Nachfragen der Interviewerin) von den Probandinnen meist beschämt geäußert wird (ohne ihn als solchen von sich aus zu benennen), gibt Aufschluss darüber, welche Formen von Widerstand vor allem mit Blick auf ihre Rolle als Mädchen auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen und welche nicht. Die Mädchen scheinen um diese Kategorisierung zu wissen. Die Verschwiegenheit darüber und der Versuch, Widerstand nicht allzu sichtbar werden zu lassen, können als Strategien betrachtet werden, mit denen Mädchen und Frauen früh vertraut gemacht werden. Mögliche Folgen solcher Strategien und ihre Bedeutung für das Leben der Mädchen und für Situationen, in denen sie Widerstand leisten (müssen), sind vor dem Hintergrund dieser Forschung in besonderem Maße zu bedenken. Ästhetisch-produktive Aktivität als Transitbeschäftigung Der Begriff der Transitbeschäftigung beschreibt die mangelnde Bereitschaft der Zeichnerinnen, produktiv-ästhetische Aktivitäten bewusst in den Alltag zu integrieren und damit ein Phänomen, das als Zeichen seiner Zeit betrachtet werden kann. Ein Blick auf die terminlich streng organisierten Wochenpläne der Probandinnen verrät, dass in die Ausbildung bildnerischer Fähig- und Fertigkeiten zunehmend weniger Zeit investiert wird. Ähnliche Beobachtungen konnte Wiegelmann-Bals bereits in den frühen 2000er Jahren herausstellen.304 Freizeitaktivitäten wie das Erlernen eines Musikinstruments oder die Ausübung einer Sportart scheinen der Beschäftigung mit ästhetisch-produktiven Aktivitäten vorgezogen zu werden. Während erstere fest in die Gestaltung des Alltags integriert sind, wird der Ausbildung zeichnerischer Fähig- und Fertigkeiten allenfalls die Zeit zwischen der einen und der anderen Freizeitaktivität zugestanden. Um Langeweile zu vermeiden, werden Zeichenblock bzw. Malbuch und Stifte zur Hand genommen. Statt eine bewusste Entscheidung für und Beschäftigung mit dem Medium Zeichnung ist es nicht viel mehr als eine Aktivität ‚zwischen Tür und Angel‘, der ‚Lückenfüller‘ im überfüllten Terminkalender. Hierhin zeigt sich außerdem eine klare Hierarchie zwischen unterschiedlichen Freizeitaktivitäten und dem Zeichnen bzw. Malen, die im Folgenden genauer erläutert wird. Ökonomie des Zeichenprozesses Als Ökonomie des Zeichenprozesses wird in der vorliegenden Untersuchung das Streben der Probandinnen nach einer möglichst effizienten Bildgestaltung bezeichnet. Während Fanartists in der Regel betonen, dass sie sich besonders lange und intensiv mit einer bildnerischen Produktion beschäftigen305, gaben die Probandinnen mehrfach an, nur wenige Minuten in die Anfertigung einer Zeichnung zu investieren. Es erfüllt die Mädchen mit Stolz darauf hinweisen zu können, dass ihre Zeichnung in nur wenigen Minuten entstanden und 304 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 305 Vgl. Zaremba 2010. 232 trotzdem gelungen ist. Ein vorausgeschicktes Lob verstärkt eine Betonung des kurzen zeitlichen Aufwands. Dieser Hinweis erscheint mit Blick auf die Eigenschaften von Fanart und den damit verbundenen Ansprüchen an die eigene bildnerische Produktion zunächst ungewöhnlich. Ein erster Erklärungsversuch knüpft an die Erkenntnis, dass zwischen Fanartists unterschieden werden muss, die ihre bildnerischen Produktionen im Fanart-Forum veröffentlichen (Performanz im öffentlichen Raum), und denjenigen, die ihre Zeichnungen der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen (vgl. Probandinnen; Performanz im privaten Raum) (vgl. Kapitel 8.1.2). Der Wettbewerb, der durch die Veröffentlichung der bildnerischen Produktionen entsteht, fordert eine bis ins Detail durchdachte Bildgestaltung, die dem Wettbewerb würdig ist. Fanartists sind kritische Beobachter (sowohl mit Blick auf die eigenen bildnerischen Produktionen als auch auf die Zeichnungen anderer). Der Druck im privaten Raum ist aufgrund einer geringeren Anzahl Kritiker und Konkurrenten weniger hoch. Nimmt man die Freizeitgestaltung der Probandinnen in den Blick, scheint die Ökonomie des Zeichenprozesses Phänomen und Spiegelbild der heutigen Gesellschaft zu sein. Die Gesellschaft, in der die Probandinnen groß werden, erlaubt es nicht, ‚langsam‘ zu sein, sich einer Sache mit Ruhe zu widmen. Effizientes Handeln steht im Vordergrund. Wirtschaftliches Denken spielt nicht erst in der Welt der Erwachsenen eine Rolle. Auf diese Weise wird auch eine ursprünglich von Zeit und Muße geprägte Tätigkeit wie das Zeichnen bzw. Malen zu einer zeitlich sehr begrenzten Handlung. Die Phänomenspezifik der Kreativserie Topmodel trägt aufgrund der Einfachheit ihrer Malvorlagen in wesentlichem Maße zu einer Ökonomie des Zeichenprozesses bei. Hierarchisierung Als Hierarchisierung wird im Rahmen dieser Forschung eine bestimmte Entwicklung hinsichtlich der unterschiedlichen Relevanz von Freizeitaktivitäten im Alltag der Probandinnen verstanden. Dem Forschungskontext entsprechend geht es um die Hierarchie zwischen Freizeitaktivitäten jeglicher (meist musikalischer oder sportlicher) Art und dem ästhetisch-produktiven Aktivwerden der Interviewten. Die ungleiche Bewertung dieser Aktivitäten hinsichtlich der Freizeitgestaltung erfolgt sowohl durch die Mädchen selbst als auch durch ihre Eltern, die an der Freizeitgestaltung ihrer Töchter maßgeblich beteiligt sind. Der Begriff der Hierarchisierung scheint deswegen angemessen, als aus den Gesprächen mit den Probandinnen deutlich wurde, dass der Ausbildung zeichnerischer Fähigkeiten im Gegensatz zu Aktivitäten in Vereinen deutlich weniger Zeit beigemessen wird. Die Gespräche mit den Probandinnen über die Bedeutung bildnerischen Gestaltens für ihren Alltag gaben Aufschluss darüber, dass dem Zeichnen bzw. Malen aus ihrer Sicht eine weniger hohe Relevanz zukommt als anderen Freizeitbeschäftigungen. Neben dem Zeitdruck erscheint die Überlegung relevant, inwiefern die Geringschätzung ästhetisch-produktiver Aktivitäten nicht auch Rückschlüsse auf eine allgemein gesellschaftliche Bewertung künstlerischer Praxis als minderwertig gegenüber anderen Bildungsbereichen 233 zulässt (vgl. Kapitel 8.4.2). Ohne die Diskussion ein weiteres Mal zu führen, bleibt kritisch zu hinterfragen, ob solche Zuschreibungen, die sich zum Beispiel auch in geringen Stundenzahlen im Fach Kunst vor allem in der Unter- und Mittelstufe, in (schulischen) Zusatzangeboten oder in der Bewertung allgemein künstlerischer Tätigkeiten im Vergleich zu anderen Disziplinen widerspiegeln, nicht längst Einzug in die Meinungsbildung der Probandinnen gehalten haben. Die enorme Fokussierung auf musikalische bzw. sportliche Freizeitangebote im Alltag kann als Verstärkung dieser Bewertungen wirken.

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Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.