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7. Produktionsmethoden und Kommunikationsstrukturen in der Topmodel-Community am Beispiel dreier Userinnen in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 135 - 168

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-135

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
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135 7. Produktionsmethoden und Kommunikationsstrukturen in der Topmodel-Community am Beispiel dreier Userinnen Im Folgenden sollen die bislang allgemein erläuterten ästhetischen Produktionen im Topmodel-Forum am Beispiel dreier Userinnen analysiert werden. Anhand bildnerischer Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline, alle drei Mitglieder des deutschen Fanforums, wird es schwerpunktartig darum gehen, ästhetische Sozialisation im Topmodel-Forum deutlich zu machen, wesentliche Phänomene herauszuarbeiten und diese in Bezug zu den vorherrschenden Kommunikationsstrukturen im Portal zu setzen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen Bildkomposition, Raumorganisation und Farbkonzept der Zeichnungen. Auch Wiegelmann-Bals stützte die vergleichende Analyse der Kinderzeichnungen im historischen Kontext schwerpunktartig auf diese drei Aspekte.193 Die Bezugnahme auf die Beobachtungen von Wiegelmann-Bals ermöglicht eine interessante Vergleichsmöglichkeit, die bereits bekannte Erkenntnisse stützen, aber ebenso neue Phänomene herausstellen wird. Außerdem wird es darum gehen, mögliche Einflüsse der Topmodel-Community auf ihre Mitglieder und ihr Verständnis von Weiblichkeit herauszufiltern und diese in Beziehung zu den dargestellten Motiven zu setzen. Da für die Untersuchung der Zeichnungen keine Gespräche während oder nach dem Zeichenprozess mit den Akteurinnen geführt wurden, sollten die folgenden Überlegungen unbedingt als subjektive Beobachtungen und Interpretationsversuche der Verfasserin dieser Arbeit verstanden werden. Außerdem muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die persönlichen Angaben der Userinnen zu ihrer Person, insbesondere ihr Alter betreffend, nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen. Die Userinnen sind nicht verpflichtet, bei Anmeldung einen Identifikationsnachweis vorzuweisen. 7.1 Bildnerische Produktionen von Siley Die Topmodel-Userin Siley ist laut den Angaben in ihrem Steckbrief seit dem 2. Juli 2012 Mitglied der Topmodel-Community. Sie ist 13 Jahre alt und besucht ein Gymnasium. In ihrem Steckbrief wendet sich Siley an die Userinnen im Forum und berichtet von ihren aktuellen ästhetisch-produktiven Projekten, die über die Kreativserie Topmodel hinausgehen. Unter ‚wichtige Infos‘ weist sie darauf hin, dass sie in der Regel keine Widmungen anfertigt, nichts schenkt, nicht auf alle Nachrichten antworten kann, die sie erreichen, und bedankt sich abschließend bei allen Mitgliedern für Bewertungen und Kommentare ihrer Designs. Unter verschiedenen Decknamen ist sie auf Internetseiten wie goSupermodel (www.gosupermodel. com), VirtualPopstar (www.virtualpopstar.com) und Twitter zu finden. Siley hat insgesamt 35 Zeichnungen hochgeladen. Diese fertigt sie eigenen Angaben zufolge mit Buntstiften, Polychromos, Copics, Promarkern und dem digitalen Bildbearbeitungsprogramm Gimp2.8 an. Ihre Entwürfe erhalten im Durchschnitt neun Glitzersterne. 193 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 136 7.1.1 Bildbeschreibung „Fairy Love“ Die vorliegende Zeichnung trägt den Titel „Fairy Love“ (Abb. 30) und wurde von Siley im Juli 2012 im Topmodel-Forum veröffentlicht. Im Titel wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine Widmung für die Userin Livedrive handelt. Abb. 30 Die Zeichnung präsentiert sich im Hochformat. Genaue Angaben zum Bildformat gibt es keine. Bei der Arbeit handelt es sich um eine Kombination aus einer Zeichnung mit Copic-Markern und dem digitalen Bildbearbeitungsprogramm Gimp2.8, also eine sekundär-digitale Produktion. Die Zeichnung zeigt eine weibliche Figur, die sich dem Betrachter frontal zuwendet. Die Größe der Figur entspricht ungefähr der Länge des Hochformats. Sie befindet sich mittig im Bild, die Flügel links und rechts am Rücken füllen ca. zwei Drittel der oberen Bildfläche. Sie gehen über den Kopf der Figur hinaus und enden unten auf Knöchelhöhe. Der linke Flügel geht, im Gegensatz zum rechten, über die Bildfläche hinaus, wird also im oberen Teil angeschnitten. Die Figur trägt langes Haar, Handschuhe, die weit über die Armbeuge reichen, ein rüschenverziertes Kleid mit einem Umhang, der um die Taille gebunden ist, und hohe, mit floralen Elementen verzierte Schuhe. Besonders prägnant erscheinen die dunklen Augen, mit denen die Figur den Betrachter direkt anblickt. Die Arme wenden sich in einem Winkel von ungefähr 40 Grad vom Oberkörper ab. Die gespreizten Finger beider Hände zeigen auf einen unsichtbaren Punkt außerhalb der Bildfläche. Das rechte Bein steht vor dem linken Bein, die Ferse des rechten Fußes berührt dadurch die Zehenspitzen des linken Fußes. Um die Waden schlingen sich die mit Blumen verzierten Schnürbänder der Schuhe. Der Hintergrund ist weiß und nicht ausgearbeitet. In der unteren linken Bildecke befindet sich die Signatur der Zeichnerin („Siley Arts“), in der rechten unteren Ecke ein geschwungenes Herz. 137 7.1.2 Bildanalyse „Fairy Love“ Die weibliche Figur in der Bildmitte dominiert als zentraler Gegenstand die Bildfläche. Dadurch gestaltet sich die Bildkomposition äußerst einfach. Die Figur steht, wie bei den Topmodel-Zeichnungen üblich, im Mittelpunkt. Ihr gehört die volle Aufmerksamkeit des Betrachters. Ihre zierliche Erscheinung erhält durch die aufwändige Schmückung in Form von rüschiger Kleidung, wallenden Stoffen und überdimensional großen Flügeln eine raumgreifende Wirkung. Unterstützt wird diese Wirkung durch das Gefühl, von der Figur gehe eine im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Aura aus (s. Titel), die ihre ohnehin schon enorme Dominanz auf der Bildfläche verstärkt. Der insgesamt sehr einfach angelegten Bildkomposition steht jedoch die sehr detaillierte Ausarbeitung der Figur gegenüber. Die Darstellung der Flügel sowie die Zusammenstellung der Kleidung lassen auf eine äußerst gewissenhafte Ausarbeitung schließen, die viel Mühe und Zeit fordert. Die Raumorganisation des Bildes misst sich im Wesentlichen an der Flächentiefe, die ein Bild transportiert. Bei der vorliegenden Arbeit erweist sich die Gestaltung von Flächentiefe insofern als schwierig, als die Beschränkung auf einen einzelnen Bildgegenstand keine Beziehung zu anderen Bildobjekten ermöglicht und damit ein wesentlicher Anhaltspunkt zur Bestimmung von Flächentiefe fehlt. Ebenso hilfreich könnte die Ausgestaltung des Hintergrundes für diese Bestimmung sein. In der vorliegenden Zeichnung ist auch dieser nicht vorhanden. Über mögliche Gründe für das Fehlen des Hintergrundes wird an anderer Stelle genauer diskutiert werden. Dadurch wirkt die Zeichnung insgesamt sehr plakativ. Der zauber- und märchenhafte Charakter des Bildes wird neben dem Titel „Fairy Love“ nicht zuletzt durch die Farbgebung unterstützt. Der Simultankontrast der Farben Rosa, Pink, Violett und Hellblau verleiht dem Bild eine harmonische Wirkung. Lediglich das lange Haar besticht durch ein kräftiges Orange-Rost und lenkt den Blick unmittelbar auf das Gesicht der Figur, aus dem dunkle, schwarze Augen den Betrachter direkt anblicken. Die Harmonie der Farbwahl wird durch die sanften Farbübergange verstärkt. Mithilfe von Copic Markern ist es der Zeichnerin gelungen, den Duktus zu verschleiern und stattdessen sanfte Farbverläufe zu schaffen, die kaum noch erkennen lassen, dass es sich um eine handgefertigte Zeichnung handelt. Besondere Beachtung verdient außerdem die Kolorierung der Haut. Sie fügt sich besonders harmonisch in das Farbspiel der leichten Pastelltöne. Es ist ein zarter, ebenmäßiger Teint, der wohl am ehesten mit dem Farbton Pfirsichblüt nach Rudolf Steiner beschrieben werden kann. „[…] das Pfirsichblüt haben Sie eigentlich nur […] beim ganz gesunden, gesund beseelten Menschen […]“.194 In Kombination mit zartem Rosa und kräftigem Pink wirkt die pfirsichfarbene Haut frisch und vital. Der Simultankontrast sorgt für ein harmonisches Farbspiel. Die Zeichnung enthält insgesamt weder farblich noch kompositorisch störende Elemente. Sie präsentiert sich in der gewohnt makellosen Topmodel-Ästhetik. 194 Steiner, Rudolf: Das Wesen der Farben. Dornach: Rudolf Steiner, 1980. S. 41. 138 Doch hinter dieser scheinbar perfekten Fassade verbirgt sich vieles, was erst auf den zweiten Blick erkennbar wird und im Zuge dieser Analyse unbedingt Beachtung finden sollte. Wirft man einen Blick auf die Körperhaltung der Figur, offenbart sich dem Betrachter eine deutlich weniger sichere Aura als zunächst angenommen. Die vom Körper gestreckten Arme scheinen den unsicheren Gang auf den sehr hohen Schuhen und die dadurch unnatürliche Haltung des Körpers ausbalancieren zu müssen. Der schüchterne Blick, den die Figur dem Betrachter zuwirft, unterstützt diesen Eindruck. Die dunklen, großen Augen sind ein typisches Merkmal der Topmodel-Ästhetik. In ihnen spiegelt sich das Kind, die Unschuld wider. Die scheinbare Erhabenheit der Figur, das Zauberhafte, das nicht zuletzt durch den Titel suggeriert wird, ist nur ein Teil dessen, was die Zeichnung auszumachen scheint. Der kritische Betrachter erkennt hier einmal mehr die ambivalente Wirkung der Topmodel-Darstellung. Einerseits besteht sie aus niedlichen, scheinbar harmlosen Elementen wie Rüschen, Herzen oder floralen Mustern, unterstützt durch Farben wie Zartrosa, Pink und Violett. Andererseits provoziert sie mit erotischen Elementen wie geschwungenen, schwarzen Wimpern, langem, wallenden Haar, tiefem Dekolleté, kurzem Rock, endlos langen Beinen und High Heels. Ein Bild von einem Mädchen, das eindeutiger nicht sein könnte. Für den Betrachter erscheint dies verwirrend, befremdlich. Es passt nicht in das Bild hinein, das der Betrachter von einem Mädchen hat. Die Pinkifizierung ist sicherlich nicht das, was ihn verwundert. Zu sehr ist dieses Phänomen längst in weibliche Lebenswelten integriert, zu sehr hat er sich an diesen Anblick gewöhnt. Aber der Schmollmund, der Busen oder der Rock, der gerade einmal den Po bedeckt? Gehört das auch noch oder vielmehr schon zum Mädchensein? Die Zeichnerin empfindet das offensichtlich so. Ihre ästhetischen Produktionen scheinen Spiegelbilder ihrer Sicht auf Weiblichkeit zu sein. Oder viel mehr noch das Bild von Weiblichkeit, das die Topmodel-Community an sie heranträgt. Das ambivalente Gefühl zwischen Akzeptanz und Ablehnung dieser Darstellungsweise lässt die Frage laut werden, ob es sich dabei um ein vom Betrachter produziertes oder durch die Zeichnerin bereits impliziertes Empfinden handelt. Über die widersprüchlichen Erwartungen, mit denen sich Mädchen in der Gesellschaft auseinandersetzen müssen, wurde bereits diskutiert. Demnach liegt die Vermutung nahe, dass dieser Widerspruch nicht zuletzt auch in ihren ästhetischen Produktionen zum Ausdruck kommt. Insbesondere das Phänomen der visuellen Sexualisierung spiegelt sich in bildnerischen Produktionen wie der vorliegenden wider. Der rosa-rote Schleier, der sich über die Zeichnung legt, wirkt insgesamt noch sehr kindlich, wird jedoch durch die erotisierende Darstellung des Körpers aufgehoben. Dangendorf formuliert das Phänomen wie folgt: Um jeden Preis soll der Eindruck vermieden werden, kindlich oder kindisch zu wirken. Die Mädchen möchten stattdessen als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Weil die Kindheit als Rückzugsmöglichkeit erhalten bleiben soll, wollen sie jedoch ebenso noch nicht wie Erwachsene wirken. Entsprechend bewegen sich die Mädchen mit ihren Vorstellungen, wie sie in ihrem Alter auszusehen haben, zwischen diesen beiden Polen. […] Denn auch wenn Kindheit für die Mädchen positiv besetzt ist, bedeutet Kindlichkeit das Gegenteil.195 195 Dangendorf 2012, S. 207. 139 Die Unsicherheit über die eigene Rolle in der Gesellschaft und die Sorgen und Ängste, die mit ihr verbunden sind, sind auch an anderer Stelle in der vorliegenden Zeichnung festzumachen. Ein mit dieser Problematik möglicherweise zusammenhängender Aspekt ist die fehlende Ausarbeitung des Hintergrundes. In der Diskussion um den ‚verlorenen Raum‘ ist bereits herausgestellt worden, dass es sich beim Fehlen des Hintergrundes in aktuellen Kinderzeichnungen um ein immer stärker verbreitetes Phänomen handelt. Diese Vermutung stützt sich unter anderem auch auf die in Kapitel 1 erläuterte Beobachtung von Wiegelmann-Bals, die Bildkomposition und die darin enthaltenen Elemente in heutigen Kinderzeichnungen seien insgesamt deutlich weniger differenziert ausgearbeitet.196 Mögliche Gründe hierfür wurden zu Beginn der Analyse bereits offen gelegt. In Frage gestellt wurde außerdem, ob sich der von Wiegelmann-Bals vermutete Mangel zeitlicher Ressourcen zur Ausbildung zeichnerischer Fertigkeiten auch mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen für dieses Phänomen verantwortlich gemacht werden kann. Die Mitglieder von Fanart-Foren wenden schließlich enorm viel Zeit für die Anfertigung ihrer bildnerischen Produktionen auf. Sie arbeiten oft stundenlang an einem Werk, bevor sie es der Öffentlichkeit zugänglich machen.197 Immerhin erwarten sie von den anderen Mitgliedern entsprechend gute Bewertungen und Anerkennung für ihre Mühe. Zu wenig ausdauerndes Arbeiten kann insbesondere Fanartists also nicht vorgeworfen werden. Hier scheint allerdings auch ein Unterschied ausgemacht werden zu können zwischen den Fanartists, die ihre bildnerischen Produktionen im Forum öffentlich machen, und denjenigen Mädchen, wie im Fall der interviewten Probandinnen, die ihre Zeichnungen ohne die Absicht, sie online stellen zu wollen, anfertigen. Diese Beobachtung wird im Verlauf der Arbeit genauer beleuchtet werden. In allen Zeichnungen, die im Zuge dieser Arbeit untersucht wurden, wird deutlich, dass die Topmodel-Figur immer im Zentrum des Bildes steht. In selteneren Fällen werden zwei oder mehrere Figuren auf einem Bild gezeichnet; auf einigen wenigen Zeichnungen hält ein Model einen kleinen Hund, als Accessoire, an der Leine. Die starke Konzentration auf das Model und seine in den meisten Fällen sehr präzise Darstellung legt die bereits an anderer Stelle formulierte Vermutung nahe, dass sich darin der hohe Stellenwert von Schönheit im Leben der Mädchen widerspiegelt. Die Figuren, die die Userinnen zeichnen, sind der Inbegriff von Schönheit. Ihre Haare, ihr Gesicht, ihre Figur und ihre Kleidung – alles scheint perfekt. So unwichtig wie der Hintergrund erscheint den Mädchen alles, was nicht mit Schönheit, Aussehen und Attraktivität zu tun hat. Eine Einstellung, die die Topmodel-Community zweifelsohne fördert, geradezu erzwingt. Der ausgearbeitete Hintergrund ist kein Muss für eine gute Bewertung. Begeistert sind die Userinnen ohnehin nur von den Topmodel-Darstellungen. Ob sich dahinter nun ein Haus, ein Baum oder ein ganzer Wald befindet, erscheint unwesentlich. Wichtiger sind ihnen die Ausarbeitung der Haare, der Faltenwurf am Kleid oder die Raffung der Kniestrümpfe. Die Userinnen des Topmodel-Forums, die diese Zeichnung bewerten, sind von der Erscheinung fasziniert und beeindruckt. Eine Topmodel-Figur in dieser Art löst bei den Userinnen Bewunderung aus („O M G wie süüüüüß“ oder „du willst bestimmt mal malerin werden“). Sie schauen nicht nur zur Zeichnerin auf, sondern auch zu der Figur, die sie geschaffen hat und 196 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 197 Vgl. Zaremba 2010. 140 die alles zu vereinen scheint, wonach sich die Mädchen, die Betrachterinnen und die Zeichnerinnen selbst, sehnen. Insgesamt repräsentiert „Fairy Love“ ein für das Topmodel-Forum sehr typisches Bild. Zum einen sind typische Topmodel-Merkmale wie große Augen mit langen Wimpern, lange Haare, ein betonter Schmollmund, eine schmale Hüfte und lange Beine erkennbar. Zum anderen vervollständigen das Outfit und die verwendeten Farben das in der Topmodel-Community allgemeingültige Bild von Attraktivität und Schönheit. So befremdlich die Darstellung des High Heels tragenden Mädchens für Außenstehende erscheinen mag, so selbstverständlich wird sie in der Topmodel-Community angenommen. 7.1.3 Bildbeschreibung „Galaxy“ Die Zeichnung „Galaxy“ (Abb. 31) wurde im Mai 2013 von der Userin Siley im Topmodel-Forum veröffentlicht. Die vorliegende Arbeit ist wieder eine sekundär-digitale Produktion: eine Kombination aus einer Zeichnung mit Copic Markern und dem digitalen Bildbearbeitungsprogramm Gimp2.8. Es handelt sich um ein Hochformat. Abb. 31 Im Mittelpunkt der Zeichnung befindet sich eine weibliche Figur, deren Kopf sich frontal zum Betrachter richtet. Ihre Größe entspricht ungefähr der Formatlänge. Während der Oberkörper ebenso wie der Kopf in frontaler Position zum Betrachterauge ausgerichtet und leicht nach hinten geneigt ist, stehen die Beine seitlich parallel zueinander. Der linke, mit floralen Mustern tätowierte Arm wendet sich in einem Winkel von ca. 10 Grad vom Oberkörper ab. Der rechte Arm ist nicht zu sehen. Das lange Haar, das die Hüfte umspielt, fällt wellenförmig über die rechte Schulter. Auf dem Kopf trägt die Figur eine Kopfbedeckung, deren Schirm in die linke obere Bildhälfte zeigt. Das rechte Auge wird teilweise vom Haar bedeckt. Die Figur trägt ein trägerloses Top mit kurzen Shorts, eine Strumpfhose mit seitlichem Netzeinsatz und hohe, geschlossene Schuhe. Ihr Dekolleté und ihr linker Arm sind mit auffälligen Schmuckstücken versehen. 141 Der Hintergrund des Bildes wurde mithilfe des digitalen Bildbearbeitungsprogramms Gimp2.8 gestaltet. Besonders auffällig sind die hellen Sprenkel, die sich über die Bildfläche verteilen und sich um die Figur herum zu einem hellen Lichtkranz vereinen. Die Signatur der Userin („Siley“) befindet sich aufgrund von Schriftgröße und Farbe deutlich erkennbar in der linken unteren Bildecke. 7.1.4 Bildanalyse „Galaxy“ Die Bildbeschreibung hat das zentrale Bildelement der Zeichnung, die weibliche Topmodel- Figur, bereits benannt. Sie befindet sich sowohl links als auch rechts im gleichen Abstand zum Bildrand. Ihre Körpergröße reicht vom oberen mittleren Bildrand zum unteren. Das Hauptaugenmerk des Betrachters liegt, da es sich um das einzige Bildelement handelt, auf ihr. Die Bildkomposition gestaltet sich entsprechend einseitig, das Auge des Betrachters wird durch keine weiteren Elemente vom zentralen Bildgegenstand abgelenkt. Kompositorisch weist die Zeichnung demnach einen für die ästhetischen Produktionen der Topmodel-Fanart typischen Aufbau auf. Die Raumorganisation gestaltet sich im Vergleich zur ersten analysierten Zeichnung von Siley etwas komplexer. Zwar kann auch hier nicht von einer Erzeugung von Flächentiefe durch Bezugnahme auf andere Bildelemente gesprochen werden. Die Ausarbeitung des Hintergrundes ermöglicht jedoch, die Bildfläche als Raum zu definieren. Erzeugt wird dieser Raum vor allem durch auffallende Farbeffekte. Die insgesamt sehr düstere Fläche im Hintergrund in Schwarz, Dunkelblau und Violett wird durch prägnante, deutlich hellere Sprenkel gebrochen. Das Farbspektrum erweitert sich dadurch auf eine Kombination aus deutlich hellerem Violett, einem auffallenden Magenta in der linken Bildhälfte und einigen Türkisanteilen in der rechten Bildhälfte. Eine besonders starke raumschaffende Wirkung erzeugt der helle Lichtkranz, der die Silhouette der Figur nachzeichnet. Außerdem verstärkt er die Blickrichtung des Betrachters auf den zentralen Bildgegenstand. Der Hintergrund ist für diese Zeichnung elementar, da er direkt mit dem Titel des Bildes „Galaxy“ verknüpft ist. Die farbliche Gestaltung des Hintergrundes schafft beim Betrachter unweigerlich die Assoziation mit dem Universum. Die hellen Sprenkel, die den Hintergrund dominieren, wirken wie Sterne. Der sanfte, schleierhafte Farbverlauf erinnert an die Milchstraße. Durch die Gestaltung des Hintergrundes ergibt sich eine Raumtiefe, die die Weiten des Universums erahnen lässt. Auch diese Zeichnung ist im Hinblick auf das Farbkonzept eine für die Topmodel-Fanart sehr typische Arbeit. Das Bild erscheint trotz der vielen Lichteffekte sehr düster. Die dominierenden Farben Schwarz, Dunkelblau und Violett des Hintergrundes setzen sich vor allem aufgrund des Lichtkranzes, der die Figur umgibt, von ihr ab. Kopfbedeckung, Top, Shorts, Strumpfhose und Schuhe sind überwiegend in den Tönen Schwarz, Petrol und Violett gehalten, die an einigen Stellen durch Glitzer- und Lichteffekte in Kreuzform aufgehellt werden. Während die Kopfbedeckung, die Shorts und die Vorderseite der Strumpfhose unifarben sind, passen Oberteil und die Rückseite der Strumpfhose, die durch einen längs am Bein verlaufenden Netzeinsatz von der Vorderseite getrennt ist, zur farblichen Gestaltung des Hintergrundes. 142 Die kreuzförmigen Lichteffekte sowie die unruhige Kombination aus Schwarz-, Blau- und Türkistönen auf beiden Kleidungsstücken erinnern ebenfalls an galaktische Sphären. Die farbliche Gestaltung des Bildes wirkt auf den Betrachter gleichzeitig ruhig und unruhig. Diese Wirkung wird durch die Präsenz zweier Kontraste erzeugt, die an dieser Stelle kurz erläutert werden sollen. Der Simultankontrast, der sich aus der insgesamt sehr einheitlichen Kombination der Farben Schwarz, Dunkelblau, Dunkelgrün und Violett ergibt, schafft zunächst ein für das Auge des Betrachters angenehmes Ensemble. Grün, Blau und Violett liegen im Farbkreis nebeneinander. Ihre Verläufe ineinander gestalten sich demnach äußerst harmonisch. Dem gegenüber steht der Hell-Dunkel-Kontrast, der durch die auffälligen Weißanteile im Bild erzeugt wird. Die unterschiedlichen Formen der Weißanteile erzeugen eine unruhige Wirkung und lassen den Blick des Betrachters ebenso unruhig über die Bildfläche gleiten. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch für einen höheren Ausdruckswert des Bildes. Allerdings muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Gestaltung des Hintergrundes und die Zusammenstellung der Farben nicht in traditioneller, künstlerisch-praktischer Maltechnik entstanden ist, sondern durch den Einsatz des digitalen Bildbearbeitungsprogramms Gimp2.8. Die Arbeit mit diesem oder ähnlichen Bildbearbeitungsprogrammen ermöglicht den Zeichnerinnen eine Perfektion, die ein wesentliches Merkmal der Topmodel-Ästhetik darstellt. Neben den analogen Copic Markern ermöglicht das digitale Bildbearbeitungsprogramm eine Zeichnung, die frei von Duktus oder sonstigen, der perfekten Ausarbeitung widerstrebenden Strukturen ist. An einigen Stellen des Bildes ist kaum mehr zu erkennen, ob es sich tatsächlich um eine von Hand gefertigte Zeichnung oder um eine ausschließlich mit digitaler Bildbearbeitung gestaltete Arbeit handelt. Der Effekt ist gewollt. Je perfekter und ‚unnatürlicher‘ die Zeichnung, desto positiver die Kritik. „Galaxy“ wird von den Topmodel- Userinnen mit durchschnittlich neun Glitzersternen bewertet. Ihre Bewunderung drücken die Mitglieder in Äußerungen wie „das ist das schönste outfit was ich je gesehen hab“ oder „wow, das ist wunderschön geworden …mir fallen keine worte mehr ein, also echt, wie kann man nur sooooooooo gut zeichen, das ist WAHNSINN! Einfach Hammer! Die Farben passen,…, es passt einfach ALLES! Das ist echt mit das ge.lste Design geworden“ aus. Das Kriterium, dass ‚alles passt‘, spielt bei der Bewertung der Zeichnungen eine ganz wesentliche Rolle. Solange die Zeichnungen frei von offensichtlich störenden Elementen sind, sind sie für die übrigen Fanartists besonders interessant und des Lobes würdig. Es geht nicht darum, eine möglichst individuelle Zeichnung anzufertigen. Die Handschrift einer Zeichnerin wird nicht als Stärke oder als wünschenswertes Merkmal, sondern vielmehr als Schwäche angesehen. Solange sich eine Arbeit in die perfektionistische und augenscheinlich fehlerfreie Ästhetik der Topmodel-Community fügt, wird sie mit positiven Bewertungen geradezu überhäuft. Dass die Produktionen von Siley dazugehören, steht außer Frage. Dass diese Arbeit so viel positive Resonanz erfährt, liegt neben der technischen Ausarbeitung vor allem aber auch am gewählten Outfit des Topmodels. Die unnatürlich langen, schwarzen Haare, der ‚Inbegriff‘ von Weiblichkeit, fallen der Figur wellenförmig über die Brust. Die kurzen Shorts, die gerade einmal das Nötigste bedecken, geben den Blick auf endlos lange Beine frei. Durch den längs verlaufenden Netzeinsatz in der Strumpfhose schimmert die pfirsichzarte Haut der Beine. Der starke Hell-Dunkel-Kontrast zwischen den hellen Beinen und der dunklen Naht der Strumpfhose lenkt den Blick des Betrachters umso stärker auf die nackten Körperstellen. Diese erotischen Elemente werden zusätzlich durch die Körperhaltung 143 des Models unterstützt. Während die Beine seitlich zum Betrachter stehen, um besonders reizvolle Kleidungsstücke hervorheben zu können, richtet sich der Oberkörper beinahe frontal in Richtung Betrachter. Er ist leicht nach hinten geneigt. Die Brust wird nach vorne gedrückt, sodass ein Hohlkreuz entsteht. Der linke Arm, der die Haltung des Oberkörpers auszubalancieren scheint, ist über und über mit Tattoos verziert, die bis zum Schlüsselbein reichen. Der herzförmige Kopf, der proportional zum Körper betrachtet deutlich zu groß ist, fällt zusätzlich durch die ohnehin sehr großen, dunklen und weit auseinanderstehenden Augen und den dunkelviolett geschminkten Schmollmund besonders auf. Das für die Topmodel-Figuren typische Kindchenschema, das insbesondere über den Gesichtsausdruck transportiert wird, wird wieder einmal durch das starke Make-up gebrochen. Auch die Kleidung scheint nichts mehr mit der eines jungen Mädchens gemein zu haben. Das Netz an den Beinen spielt mit der Neugier von vermutlich überwiegend männlichen Blicken. Die Kleidung scheint nicht einmal für eine erwachsene Frau angemessen. Wie kann sie es dann für ein frühadoleszentes Mädchen sein? Neben der Bekleidung sorgen auch die Farben für ein verruchtes Erscheinungsbild der Figur. Die Verwendung von Schwarz als Farbe für das Make-up an Augen und Lippen wirkt verführerisch, sexy. Im Gegensatz zum ersten analysierten Werk von Siley lässt diese Darstellung kaum mehr einen Zweifel an ihrem selbstbewussten Auftritt. Die Figur scheint die Herrscherin über das Universum zu sein. Sie gibt sich selbstbewusst und kokettiert mit dem Betrachter. Die Art und Weise, wie die Zeichnerin Weiblichkeit darstellt, spiegelt ein in der Topmodel- Community weit verbreitetes Bild wider. Siley scheint folglich das wiederzugeben, womit sie tagtäglich konfrontiert wird. Sie hat erkannt, dass sich Frauen ‚schön‘ machen, dass sie sich ‚stylen‘ und Männern gefallen müssen. Nichts anderes wird in Werbung und Medien vermittelt. Diese Erkenntnis wird zu einem wesentlichen Teil ihrer ästhetischen Sozialisation und damit zu einem wichtigen Baustein ihrer Persönlichkeitsentwicklung. 7.2 Bildnerische Produktionen von Nici-99 Die Topmodel-Userin Nici-99 ist seit dem 25. Februar 2010 Mitglied der Topmodel-Community. In ihrem Steckbrief gibt Nici-99 deutlich weniger persönliche Daten preis als Siley. Die anderen Mitglieder erfahren lediglich, dass sie gerne am Computer spielt und malt. Sie ist ein großer Topmodel-Fan, liebt Armbänder und Ketten, und ihr Lieblingsoutfit ist ein Cardigan, kombiniert mit einem T-Shirt und einer Jeans. Ihr größter Traum ist es, immer gesund zu bleiben und reich zu sein. Seit ihrem Eintritt in die Topmodel-Community hat Nici-99 76 tertiär-digitale Zeichnungen auf den ‚Designertisch‘ hochgeladen, die sie entweder mit Buntstiften oder Copic-Markern anfertigt. In einigen Arbeiten kombiniert sie beide Maltechniken. Die bildnerischen Produktionen von Nici-99 erhalten im Durchschnitt neun Glitzersterne. Einige wenige Zeichnungen auf ihrem ‚Designertisch‘ erhielten keine Bewertungen. 144 7.2.1 Bildbeschreibung „Mystic Mermaid“ Die Zeichnung „Mystic Mermaid“ (Abb. 32) wurde im November 2012 von der Userin Nici- 99 ins Topmodel-Forum geladen. Es handelt sich um eine Zeichnung mit Copic-Markern im Hochformat. Genaue Angaben zum Format fehlen. Abb. 32 Zentraler Gegenstand der Zeichnung ist eine weibliche Figur, die sich in der rechten Bildhälfte befindet und den Betrachter frontal anblickt. Der Körper der Figur nimmt ungefähr ein Drittel der Bildfläche ein. Von der rechten unteren Bildhälfte schwingt sich eine Flosse in die linke untere Bildhälfte. Sie reicht bis knapp unter die Bildmitte. Der Kopf der Figur ist leicht zur linken Seite geneigt. Er ist ungefähr so groß wie der gesamte Oberkörper. Vom rechten Arm ist nur der Unterarm sichtbar, der in einem Winkel von ungefähr 90 Grad zum Oberkörper und parallel zur unteren Bildfläche steht. Der linke Oberarm neigt sich in einem Winkel von ca. 40 Grad vom Oberkörper ab, der linke Unterarm zeigt in Richtung Gesicht. Das Haar der Figur ist zu einer geflochtenen Frisur zusammengebunden. Ihr Gesicht ist auffällig geschminkt. Unterhalb der Augen befinden sich farblich abgesetzte Muster in Tropfenform. Das Wesen trägt ein im Nacken gebundenes Bikinioberteil, das mit einem zwischen den Brüsten befestigten Tuch verziert ist. Die Beine scheinen in ein zweifarbiges Korsett geschnürt, das, von der Hüfte ausgehend, zunehmend schmaler wird und dessen Spitze eine große Flosse ziert. Der linke Arm der Bildfigur weist vom Armknöchel bis zur Schulter ein florales Muster auf. Am rechten Arm trägt sie vier Armreifen. Am linken oberen Bildrand ist ein kleines florales Muster zu erkennen. In der rechten unteren Bildhälfte befindet sich ein muschelförmiges Objekt. Der Hintergrund des Bildes ist leicht koloriert, enthält jedoch keine zusätzlichen Bildgegenstände. 145 7.2.2 Bildanalyse „Mystic Mermaid“ Die Bildkomposition der vorliegenden Arbeit beinhaltet als zentralen Bildgegenstand eine weibliche Figur in der rechten Bildhälfte. Der Titel „Mystic Mermaid“ identifiziert die Figur als geheimnisvolle Meerjungfrau. Im Gegensatz zu den bereits analysierten Zeichnungen weist diese Zeichnung eine Kombination mehrerer Bildelemente auf. Zu den Füßen der Meerjungfrau liegt eine Muschel. Den oberen linken Bildrand ziert eine zarte, florale Ranke. Da sich beide Elemente farblich nur geringfügig vom Hintergrund unterscheiden und im Vergleich zur Figur klein und unauffällig erscheinen, wird der Blick des Betrachters direkt auf die Meerjungfrau gelenkt, die das Bild sowohl aufgrund ihrer Größe als auch aufgrund ihrer Farbigkeit dominiert. Die Anordnung des Bildgegenstandes auf der Bildfläche ist eher ungewöhnlich und weicht von der klassischen Bildkomposition der Topmodel-Zeichnungen ab. Die Entscheidung für diese Anordnung wurde vermutlich weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten getroffen als vielmehr aus der Notwendigkeit heraus, die Figur im Ganzen darstellen zu können. Die große Flosse am Fußende kommt nur so zur Geltung. Die Raumorganisation gestaltet sich ähnlich wie bei der ersten Arbeit von Siley relativ einseitig. Die Figur kann lediglich mit einem Bildelement in Beziehung gesetzt werden, das für eine gewisse räumliche Wirkung sorgt. Die Muschel in der rechten unteren Bildecke scheint hinter dem Fischschwanz der Meerjungfrau zu liegen. Der Eindruck wird durch die Farbigkeit der Muschel verstärkt. Im Gegensatz zur der in kräftigen Farben kolorierten Meerjungfrau präsentiert sich die geöffnete Muschel in einem zarten Grauton. In ihrer Mitte liegt eine hellblaue Perle. Die Ranke am linken oberen Bildrand ist dem Bild insgesamt schwer zuzuordnen. Sie erscheint weder als ein Element des Hinter- noch des Vordergrundes. Vielmehr scheint sie ein eigenständiges Bildelement zu sein. Der Hintergrund ist in einem hellen Blau koloriert und enthält neben der Perlmuschel keine weiteren Bildelemente, die Flächentiefe erzeugen könnten. Das Bild wirkt dadurch insgesamt sehr plakativ. Das Farbkonzept der vorliegenden Arbeit beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Farben: dunkles Violett und Türkis. Die zur einer hochgesteckten Frisur geflochtenen Haare der Meerjungfrau sind türkis ebenso wie das Tuch im Brustbereich, der Innenstoff des Korsetts und die große Flosse. Das Bikinioberteil und das Korsett selbst sind in einem dunklen Violett gehalten. Unterhalb des rechten Auges laufen türkisfarbene Tränen über die Wange. Aus dem unteren Lid des linken Auges kullern ebenfalls tränenähnlich dunkelviolette Punkte. Auch die Lippen sind in einem dunklen Violett geschminkt. Das Muster am linken Arm kombiniert türkise mit violetten Elementen, die sich rankenförmig um den Arm winden. Die Zeichnerin spielt mit der Kombination aus den Tönen Violett und Türkis, aus denen sich ein Hell-Dunkel-Kontrast ergibt. Auch die Hautfarbe im bereits vielfach erwähnten Pfirsichblüt fügt sich in diesen Kontrast. Obschon Steiner Pfirsichblüt als die Farbe der lebendigen Seele198 bezeichnet, wirkt es in Kombination mit den kühlen Farben Violett und Türkis und dem zarten Hellblau im Hintergrund sehr blass, beinahe kränklich. 198 Vgl. Steiner 1980. 146 Die Perlmuschel ist in einem hellen Grau koloriert, die hellblau schimmernde Perle darin harmoniert mit dem zarten Hellblau des Hintergrundes. Obschon die Ranke am linken oberen Bildrand nicht in das Bild zu passen scheint, fügt sie sich harmonisch in das Farbkonzept des Bildes. Das Motiv des Bildes und seine Umsetzung bieten viel Platz für Interpretationen. Die Meerjungfrau ist ein weibliches Fabelwesen, das im Meer oder in anderen Gewässern lebt. Ihr Charakter gilt als höchst ambivalent. In der Mythologie gilt sie einerseits als seelenloses oder verdammtes Wesen, das nur durch die Liebe eines Mannes von seinem Schicksal befreit werden kann. Andererseits wird sie als fürchterliche, bedrohliche Kreatur beschrieben, die ihre erotische Erscheinung nutzt, um ihre Opfer in ihren Bann zu ziehen.199 Carl Gustav Jung, Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, betrachtet die Meerjungfrau aus tiefenpsychologischer Sicht als eine Form des Mutterarchetyps. In ihr kommt der Aspekt des schutz- und erlösungsbedürftigen Wesens zum Ausdruck.200 Diese Eigenschaften scheinen in vielerlei Hinsicht auf die Meerjungfrau in der vorliegenden Zeichnung übertragbar. Ein besonders auffälliges Merkmal, das sich in die Beschreibung der Meerjungfrau als ein im eigenen Schicksal gefangenes und verdammtes Wesen reiht, ist der Fischschwanz in Form eines eng geschnürten Korsetts. Die Schnüre nehmen der Meerjungfrau die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Ein Korsett, das im Brustbereich geschnürt wird, kann der Person, die es trägt, die Luft zum Atmen nehmen und ist nicht selten schmerzhaft. Das Korsett der Meerjungfrau, das ihre Beine eng zusammenschnürt, hat eine nicht weniger bedrohliche Wirkung. Es nimmt der Meerjungfrau nicht nur die Freiheit, sich zu bewegen, sondern drängt sie außerdem in eine unnatürliche Körperhaltung. In dieses Bild fügen sich die Tränen, die über ihre Wangen laufen. Der zum Betrachter gerichtete Blick wirkt traurig, hilfesuchend. Die Finger der rechten Hand, die in Richtung der Augen zeigen, verstärken diese Wirkung. Die Handbewegung wirkt wie ein Appell an den Betrachter, sich der misslichen Lage der Meerjungfrau gewahr zu werden. Es wirkt, als erwarte sie, dass er sie von ihrem Leiden erlöst. Interessant erscheinen diese Beobachtungen vor allem dann, wenn man sie in Bezug zur Zeichnerin setzt. Betrachtet man die Meerjungfrau als Repräsentantin für die Gefühle der Zeichnerin, ergibt sich ein unbedingt ernst zu nehmendes Bild. Das vermittelte Gefühl, sich nicht bewegen zu können, nicht frei zu sein und eigentlich nicht hineinzupassen in das normative Korsett, das die Gesellschaft vorgibt, scheint mit Blick auf die Sozialisation von Mädchen nicht allzu weit hergeholt. Das enge Korsett, in das Mädchen nur durch Anpassung und das Ablegen eigener Wünsche und Vorstellungen hineinpassen, lässt kaum individuelle Entwicklungsmöglichkeiten zu. Es erscheint unmöglich, den unterschiedlichen Erwartungen von Freunden, der Familie und der Gesellschaft gerecht zu werden, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Dass diese Erkenntnis gerade in der Adoleszenz zu einem Problem führen kann, ist nur verständlich. In dieser Phase, in der Kinder und Jugendliche besonders viel Unterstützung und Hilfe benötigen, fühlen sie sich häufig unwohl, sind auf der Suche und werden überrollt von Erwartungen und Forderungen, die an sie gestellt werden. Die Gesellschaft des 199 Patalong, Frank: Mythologie und Angst. Nix mit der Nixe! In: Spiegel Online, 2012. 200 Vgl. Jung, Carl Gustav: Archetypen. München: dtv 2005. 147 21. Jahrhunderts wird gesehen als ein großer Pool an Möglichkeiten, in dem jeder und jede seine bzw. ihre Vorstellungen und Wünsche umsetzen kann. Dabei wird außer Acht gelassen, dass diese Gesellschaft längst nicht so emanzipiert und modern ist, wie sie vorgibt zu sein. Wie frei sind die Menschen, die in ihr leben, wirklich? Ist Individualität tatsächlich so sehr erwünscht, wie alle behaupten? Bis zu welchem Grad gilt sie für die Gesellschaft als bereichernd? Und wann ist es ‚zu viel des Guten‘? Die vorliegende Zeichnung macht deutlich, dass Fragen wie diese immer früher Einzug in die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen halten. Dem Korsett der Meerjungfrau kommt jedoch noch eine zweite Bedeutung zu, die an dieser Stelle kurz erläutert werden soll. Auf die Vermittlung von Schönheitsidealen in der Topmodel-Community wurde in den vorangegangenen Kapiteln bereits mehrfach hingewiesen. Es liegt demnach die Vermutung nahe, dass das Korsett die Funktion hat, die man normalerweise mit ihm verbindet. Es zwingt das Mädchen in eine unnatürliche, geradezu ungesunde Körperhaltung. Ein solch eng geschnürtes Korsett fordert eine enorm schlanke Figur, die nicht mit einem gesunden Lebensstil zu vereinbaren ist. Um in dieses Korsett zu passen, reicht es nicht, nur schlank zu sein. Nur ein magerer Körper kann so eng eingeschnürt werden. Möglicherweise steckt in dieser Darstellung der Wunsch der Zeichnerin, genauso auszusehen, koste es, was es wolle. Für die Mädchen im Topmodel-Forum gilt das Prinzip: je dünner, desto attraktiver. Und je attraktiver, desto glücklicher. Die Darstellung der Meerjungfrau spiegelt in Bezug auf den Körper und die knappe Bekleidung demnach das im Fanart-Forum vorherrschende Schönheitsideal wider. Eine besondere Dramatik erhält die Zeichnung durch die Wahl des Motivs und dessen Darstellungsweise. Für die Mitglieder im Forum wird diese Problematik nicht sichtbar. Für sie ist es ein Bild wie jedes andere. Von der Topmodel-Community sozialisiert, richten sie ihren Blick auf das offensichtlich Schöne oder vielmehr auf das, was ihnen als ‚schön‘ vermittelt wird. Sie sind begeistert von der aufwändigen Frisur („WOW!! Am besten finde ich die Haare“), den Farben („Was soll man da bloss sagen ich finde das Bild einfach wunderschön. Mir gefält die Farb kombination sehr gut. Alle Farbtöne passen zusammen. 10 Sterne“) und den zeichnerischen Fähigkeiten von Nici-99 („Ich weiß nicht was ich sagen soll echt hamma geil geworden J ich weiß nicht wie manche so geil malen können…“). Hier wird einmal mehr deutlich, dass die ästhetischen Produktionen, die mit den Malvorgaben konform gehen und bekannte Merkmale der Topmodel-Ästhetik berücksichtigen, besonders positive Resonanz erhalten. Zeichnungen, die fantastische Motive aufgreifen, gelten außerdem als besonders kreativ und fantasievoll. Es ist davon auszugehen, dass Nici-99 weder um die mythologische noch über die tiefenpsychologische Bedeutung der Meerjungfrau weiß. Die Art und Weise der Darstellung legt jedoch wesentliche Ähnlichkeiten mit den bereits diskutierten Bedeutungen der Meerjungfrau aus der Literatur offen. „Mystic Mermaid“ ermöglicht einen besonders tiefen Einblick in die Gedankenwelt der Zeichnerin und verdeutlicht einmal mehr, dass die Zeichnungen im Topmodel-Forum, so oberflächlich sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, mit Blick auf soziologische und psychologische Prozesse einer umso intensiveren Analyse bedürfen. 148 7.2.3 Bildbeschreibung „Kriegerin“ Die Zeichnung „Kriegerin“ (Abb. 33) von Nici-99 wurde im Oktober 2012 im Topmodel- Forum veröffentlicht. Sie wurde mit Copic-Markern angefertigt. Abb. 33 Zentraler Bildgegenstand ist eine weibliche Figur, die sich frontal dem Betrachter zuwendet. Die Größe des Körpers entspricht fast der Länge des Hochformats. Der Kopf der Figur neigt sich mit dem Oberkörper leicht nach rechts. Ihre Arme sind in die Hüfte gestemmt, ihr rechtes Bein steht vor dem linken. Die Haare der Bildfigur sind zu zwei seitlichen Zöpfen geflochten, die, hinter die Schultern fallend, ungefähr bis zum Knie reichen. Augen und Mund sind auffällig geschminkt. Die Nase hebt sich lediglich durch einen leichten Schatten von den übrigen Gesichtspartien ab. Um das rechte Handgelenk ist ein Tuch mit Tigerprint gebunden. Der linke Arm ist in einem ebenfalls tigerähnlichen Muster koloriert. Die Figur trägt ein Bustier und einen kurzen Rock, dazu offene Schuhe. Der Rock ist auf der rechten Seite kürzer als auf der linken, der untere Teil weist ebenfalls Muster in Tigeroptik auf. Auch Knie und Wade ziert ein Muster in Tigerprint. Mit dem linken Oberschenkel lehnt sich die Figur gegen eine Harpune, die in einem Winkel von ungefähr 45 Grad mit der Spitze auf den Boden trifft. Der Hintergrund des Bildes ist zart koloriert. In der oberen rechten Bildecke befindet sich ein florales Muster, das einen Rahmen für den Schriftzug „Tiger Kriegerin“ bildet. 7.2.4 Bildanalyse „Kriegerin“ Die vorliegende bildnerische Produktion von Nici-99 weist kompositorisch deutliche Parallelen zu den bisher analysierten Arbeiten auf. Das zentrale Bildelement der Zeichnung ist die weibliche Figur in der Bildmitte, die auf Grundlage des Titels als Kriegerin identifiziert werden kann. Da das Hauptaugenmerk des 149 Betrachters bei Topmodel-Zeichnungen stets auf dem Model liegt, kann auch hier von einem typischen Aufbau gesprochen werden. Ergänzt wird das Bild der Kriegerin durch eine Harpune rechts neben der Bildfigur. Dieses Bild ist insofern für diese Zeichnung von elementarer Bedeutung, da sie neben dem Titel einen entscheidenden Hinweis auf die Identität der Bildfigur gibt. Der Hintergrund des Bildes enthält keine weiteren Bildelemente. Lediglich die rechte obere Bildecke ist mit einem rankenähnlichen Muster verziert, das sich wie ein Rahmen um den Schriftzug „Tiger Kriegerin“ windet. Diese Formulierung erweitert den Titel um ein Attribut, das die Darstellung der Kriegerin in Tigerkleidung rechtfertigt. Die übrige Fläche des Hintergrundes ist passend zur farblichen Gestaltung der Bildfigur leicht koloriert. Über mögliche Gründe für das Fehlen des Hintergrundes wurde bereits in den vorangegangenen Analysen diskutiert. Auch mit Blick auf diese Zeichnung scheint die Vermutung naheliegend, dass die Ausgestaltung des Hintergrundes in Topmodel-Zeichnungen nicht wesentlich erscheint, da die Aufmerksamkeit auf dem Model liegen soll. Außerdem gestaltet sich die Ausarbeitung eines Hintergrundes unter Berücksichtigung perspektivischer Gesichtspunkte anspruchsvoller und erfordert mehr Ausdauer und Konzentration während des Zeichnens. Die Raumorganisation des Bildes ist entsprechend einfach. Die zentrale Bildfigur ist in Normalperspektive dargestellt. Die Harpune, gegen die sich die Kriegerin mit ihrem Oberschenkel zu stützen scheint, befindet sich auf derselben Bildebene wie das Model. Da sich keine weiteren Elemente auf der Bildfläche befinden, wird keine Flächentiefe erzeugt. Die Kriegerin wirkt, als sei sie aus ihrem ursprünglichen räumlichen Kontext gerissen und in eine leere Bildfläche gesetzt worden. So detailreich die Figur selbst ausgearbeitet ist, so leer und unbedeutend erscheint der Hintergrund. Auch farblich bietet die Zeichnung keine überraschenden Momente. Das Bild weist einen Simultankontrast auf, der sich aus den Farben Ocker, Hellbraun und Beige ergibt. Die Kleidung setzt sich nur leicht von der beigefarbenen, fast gold schimmernden Haut der Amazone ab. Die leichte Kolorierung des Hintergrundes in einem zarten Beige trägt wesentlich zu der Wirkung des Simultankontrastes bei. Durch die Abstimmung der Farben aufeinander ergibt sich ein harmonisches Ensemble. An Ausdruck gewinnt die Zeichnung durch die Präsenz des Hell-Dunkel-Kontrasts, der sich aus der Kombination von Schwarz und Ocker ergibt. Das Muster, das sich daraus ergibt, gleicht dem eines Tigers. Etwas weniger auffällig gestaltet sich der Kalt-Warm-Kontrast zwischen den warmen Farben Ocker, Hellbraun und Orange und der silbernen Harpunenspitze, die sich direkt an einen in Tigerfelloptik kolorierten Griff fügt. Mit Blick auf Bildkomposition, Raumorganisation und Farbwahl ergibt sich insgesamt ein für die ästhetischen Produktionen im Topmodel-Forum typisches Bild. Das Bildmotiv bietet interessante Interpretationsmöglichkeiten, die vorab einen kurzen Exkurs in die Bedeutungsgeschichte der Amazone fordern. Sowohl literarische als auch bildnerische Darstellungen von Amazonen wecken 150 Vorstellungen von der starken, kämpferischen und durchsetzungsfähigen Frau […], von Frauen in der Führungsrolle, Frauen von physischer Kraft, wie sie Kriegerinnen, Reiterinnen, Jägerinnen und Heerführerinnen suggerieren, und von geistiger Macht, wie sie Viragos, Heroinen und Herrscherinnen repräsentieren.201 Der Mythos der Amazone geht auf die griechische Geschichte zurück, auf Frauen, die in Kleinasien unter sich lebten und von Königinnen regiert wurden. Nur selten trafen sie Männer. Söhne, die aus den seltenen Verbindungen entstanden, wurden den Männern zurückgeschickt oder getötet.202Die Frauen verstanden sich als Kriegerinnen. Um besser schießen zu können, ließen sie sich die rechte Brust amputieren und kämpften gegen die Griechen, von denen sie schlussendlich besiegt wurden. Daraufhin siedelten sie in das Land der Skythen über, wo sie gemeinsam mit Männern das Volk der Sauromaten gründeten. Diese ist eine Geschichte unter vielen.203 Keine von ihnen lässt sich jedoch von Legende oder Mythos trennen, weshalb lediglich von Amazonendiskursen gesprochen werden kann, „ die, über die griechische und römische Antike hinaus, arabisch-orientalische sowie germano-skandinavisch-slawische Traditionen [bildeten]“.204 Interessant in diesem Zusammenhang erscheint die Frage, inwiefern geschlechts- und genderspezifische Sichtweisen das Bild der Kriegerin geprägt haben. Um den Rahmen dieser Analyse nicht zu sprengen und den Bezug zu den Darstellungsabsichten der Zeichnerin nicht außer Acht zu lassen, soll an dieser Stelle nur kurz darauf eingegangen werden. Kroll untersuchte hierfür Literatur der Frühen Neuzeit und fand heraus, dass die Darstellungen der Amazone vor allem aus Autorensicht zwei grundlegenden Mustern folgen. Einerseits ist die Amazone Objekt der Bewunderung, Vorbild-, Propaganda- und Leitfigur, andererseits Objekt der Dekonstruktion, Exempel für die im Geschlechterkampf unterliegenden Frauen. […] Gemeinsam ist den Amazonen-Darstellungen, in dieser Frauenfigur ungewöhnliche Schönheit und außerordentliche Stärke miteinander zu verbinden. Letztlich ist die (Anziehungs-)Kraft der Amazone aber nicht (aus-)haltbar, und so wird sie vom wahren starken Geschlecht ‚überwältigt‘, womit auch das Amazonenthema vom Autor ‚bewältigt‘ ist.205 Die Amazonen-Darstellungen der Autorinnen, wie z. B. Christine de Pizan oder Catherine des Roches, scheinen dagegen deutlich differenzierter. In ihren Schriften gelten Amazonen als autarke Wesen, die sich der destruktiven Kriegskultur entziehen und pazifistische Anliegen verfolgen, „hinter [denen] ein ‚Aufbau‘ steht“.206 Mit diesem Bild von Amazonentum verändert sich auch der Mythos. Die Autorinnen betonen, dass es sich bei den Amazonen um angeborene, von Natur aus gegebene Stärke handelt, die nichts mit der Verwirklichung einer Rolle oder der Imitation von Männlichkeit zu tun hat. Diese Vorstellung nähert sich der ur- 201 Kroll, Renate: Mythos und Geschlechtsspezifik: Ein Beitrag zur literarischen und bildlichen Darstellung der Amazone in der Frühen Neuzeit. In: Simonis, Annette; Simonis, Linda (Hrsg.): Mythen in Kunst und Literatur. Tradition und kulturelle Repräsentation. Köln (u. a.): Böhlau, 2004. S. 56. 202 Vgl. ebd. 203 Vgl. ebd. 204 Ebd., S. 57. 205 Ebd., S. 61. 206 Ebd., S. 68. 151 sprünglichen Idee vom Mythos als einer Naturgewalt, die im besten Sinne des Wortes mit positiven Kräften wirkt.207 Die Amazonen-Darstellung von Nici-99 weist deutliche Parallelen zu den erläuterten Diskursen auf. Besonders prägnant erscheint die Betonung ihrer äußeren Erscheinung, die auch in den Darstellungen der Autoren als wesentliches Merkmal aufgeführt wird. Die knappe Bekleidung in Form eines Bustiers und eines sehr kurzen Rocks stellen die ‚Vorzüge‘ der Amazone in den Vordergrund: ihr Dekolleté, die schmale Taille und die endlos langen Beine. Der Tigerprint gibt der Kleidung etwas Verruchtes, dem Naturell der Amazone entsprechend ‚Wildes‘. Ihre Körperhaltung drückt Stärke und Selbstbewusstsein aus. Die in die Hüfte gestemmten Arme unterstützen diesen Eindruck. Kombiniert wird das erotische Erscheinungsbild mit sanften, kindlichen Gesichtszügen, die allen Topmodel-Darstellungen eigen sind: große, dunkle Augen, eine zarte Stupsnase und ein Schmollmund. Bei diesem Auftreten scheint die Harpune nicht ihre einzige Waffe zu sein. Vielmehr scheinen die ‚Waffen einer Frau‘ im Vordergrund zu stehen. Ihre Körperhaltung erweckt nicht unbedingt den Eindruck einer kämpfenden, starken Kriegerin, sondern den eines Models, das sich auf dem Laufsteg befindet und, weil es nun einmal für eine Kriegerin ‚typisch‘ ist, mit einer Harpune posiert. Die Waffe wirkt wie ein nettes Accessoire, scheint jedoch seine eigentliche Funktion nicht erfüllen zu müssen. Die Kriegerin von Nici-99 nähert sich also durchaus der Vorstellung einer von pazifistischen Grundgedanken bestimmten Amazone. Allerdings scheint die „Tiger Kriegerin“ auf einige wenige Merkmale reduziert, die vor allem den komplexen Darstellungen der Autorinnen der Frühen Neuzeit nicht gerecht werden. Durch die starke Fokussierung auf die Schönheit der Kriegerin erfährt die Bildfigur wieder einmal eine Reduzierung auf ihre äußerlichen ‚Vorzüge‘. Die so häufig als ‚typisch männlich‘ assoziierten Eigenschaften wie Kraft, Stärke und Unabhängigkeit rücken dadurch in den Hintergrund und werden unwichtig. Auch die Kommentare der Community weisen darauf hin, dass die ursprünglichen Eigenschaften einer Kriegerin und eine möglichst authentische Darstellung nicht im Vordergrund ihrer Kritik stehen. Äußerungen wie „ssssüüüüßßßß“ oder „supercool! Gefällt mir wirklich sehr gut, mit dem muster uns so… und die zöpfe sind klasse“ könnten auf jede Topmodel-Darstellung passen. Eine Kriegerin mit dem Adjektiv „süß“ zu beschreiben, erscheint angesichts der diskutierten Amazonen-Darstellungen eher ungewöhnlich, mit Blick auf die vorliegende Zeichnung jedoch nicht unbedingt verwunderlich. Die „Kriegerin“ von Nici-99 wirkt wie ein Versuch der Zeichnerin, die Frau aus ihrer Rolle als scheinbar schwächeres und dem Mann physisch unterlegenes Wesen erlösen zu wollen. Durch die Fokussierung auf ihr äußeres Erscheinungsbild und die Hervorhebung ihrer weiblichen ‚Vorzüge‘ scheint dieser Versuch jedoch misslungen. Zu sehr entspricht die Amazone der typischen Topmodel-Darstellung und dem von der Community vermittelten, altbekannten Bild von ‚Weiblichkeit‘. Obschon die Zeichnerin versucht, die gängigen Topmodel-Zeichnung mit fantastischen oder märchenhaften Motiven zu verbinden und mit individuellen Ideen zu bereichern, fällt sie stets in das stereotype Schema, das die Kreativserie vorgibt. Dieses 207 Vgl. ebd. 152 Schema gibt den Zeichnerinnen kaum eine Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen und ihre Zeichnungen zu unverwechselbaren Arbeiten werden zu lassen. 7.3 Bildnerische Produktionen von Moddeline Die Topmodel-Userin Moddeline ist nach Angaben ihres Steckbriefs seit dem 9. Juni 2012 Mitglied im deutschen Topmodel-Forum. In ihrem Profil aus dem Jahr 2015 bedankt sie sich bei den Userinnen, die beim Karnevals-Queen-Gewinnspiel für sie abgestimmt haben, und gibt ihren zweiten Platz bekannt. Außerdem wendet sie sich an vier Userinnen, die sie als ihre Freundinnen bezeichnet und denen sie in wenigen Worten für ihre Freundschaft dankt. Darauf folgen Hinweise zu ihren Aktivitäten im Topmodel-Forum, in denen sie unter anderem darauf aufmerksam macht, dass sie nichts verschenkt bzw. verleiht, keine Cliquen-Anfragen mehr annimmt und keine persönlichen Daten von sich preisgibt. Außerdem bittet sie die übrigen Userinnen um die Einhaltung von Rechtschreib- und Grammatikregeln in persönlichen Nachrichten, die sie über das Topmodel-Forum erreichen. Anfang 2016 überrascht Moddeline mit einem deutlich weniger ausführlichen Profil, in dem sie bekannt gibt, dass sie von nun an weniger aktiv im Topmodel-Forum sein wird, da sie den Spaß am Zeichnen von Topmodel-Motiven verloren habe und freihand zeichne. Ihre bildnerischen Produktionen sind auf Instagram zu finden. In ihrem aktualisierten Profil gibt sie außerdem an, die neunte Klasse eines Gymnasiums zu besuchen. Seit ihrem Eintritt ins Topmodel-Forum hat Moddeline 101 tertiär-digitale Zeichnungen auf den ‚Designertisch‘ geladen, für die sie im Durchschnitt neun Glitzersterne erhielt. Im Mai 2015 wird sie von der Topmodel-Community zur Designerin des Monats gewählt. Ihre Zeichnungen fertigt sie laut Steckbrief mithilfe von Colour-Grip-Stiften an, die mit Wasser vermalbar sind. So entstehen aquarellähnliche Bilder, die die Konturen des Buntstifts größtenteils unkenntlich machen. 7.3.1 Bildbeschreibung „Victorias-Secret-Angel“ Die Zeichnung „Victorias-Secret-Angel“ (Abb. 34) ist eine Widmung für die Userin Flauschwolke und wurde im August 2015 von Moddeline hochgeladen. Die bildnerische Produktion erhielt im Durchschnitt neun Glitzersterne. Es handelt sich um eine mit Colour-Grip-Stiften angefertigte Zeichnung im Hochformat. Exakte Angaben zum Format sind nicht vorhanden. Zentraler Gegenstand der Zeichnung ist eine weibliche Figur, die sich in der Bildmitte befindet und den Betrachter frontal anblickt. Der Körper der Figur nimmt ungefähr ein Drittel der Bildfläche ein. Ihre Größe entspricht ungefähr der Länge des Hochformats. Die Flügel zur linken und rechten Seite der Bildfigur füllen weitere zwei Drittel der Bildfläche gemessen an der horizontalen Bildmitte. Sie beginnen auf der Höhe des Kopfes und reichen bis zur Mitte der Oberschenkel. Die Flügel sind symmetrisch zueinander. 153 Abb. 34 Die Figur trägt langes Haar, das in Wellen teilweise hinter, teilweise auf die Schulter fällt, einen aufwändig verzierten BH mit Ketten unterhalb der Brust, einen passenden Slip, der ebenfalls mit Ketten verziert ist, die auf den Oberschenkel fallen sowie hohe Schuhe mit bis zum Knie reichenden, über Kreuz verlaufenden Bändern. Der rechte Arm ist leicht nach vorne gestreckt, der linke Arm verschwindet teilweise hinter dem Rücken der Figur. Das linke Bein ist leicht vorangestellt und verdeckt die Zehenspitzen des rechten Beins, dessen Knie leicht gebeugt ist. Der Hintergrund ist in einem kräftigen Petrol koloriert. Die Konturen der Figur umfasst ein nicht kolorierter, weißer Kranz in ungefähr ein bis drei Millimeter Dicke. Die Signatur der Zeichnerin (Moddeline) präsentiert sich auffällig am unteren Bildrand zu den Füßen der Bildfigur in geschwungener Schrift auf einer Spirale, die sich über die gesamte Breite des Bildformats erstreckt. 7.3.2 Bildanalyse „Victorias-Secret-Angel“ Die Bildkomposition der vorliegenden Zeichnung beinhaltet als zentralen Bildgegenstand eine weibliche Figur, die sich in der Bildmitte befindet. Ihre Positionierung innerhalb der Bildfläche sowie die Wahl der Proportionen von Figur und Bildfläche entsprechen den gängigen Topmodel-Vorlagen. Der Titel der Zeichnung verrät, dass es sich bei der Bildfigur um einen sogenannten Victoria’s-Secret-Engel handelt. Als solcher wird ein Model bezeichnet, das beim US-amerikanischen Modeunternehmen Victoria’s Secret unter Vertrag steht. Neben der zentralen Bildfigur sind keine weiteren Bildgegenstände vorhanden. Die Bildkomposition beschränkt sich auf ein Bildelement, was zur Folge hat, dass der Blick des Betrachters direkt auf die Bildfigur gelenkt wird. Ähnlich wie bei der bildnerischen Produktion der Userin Siley mit dem Titel „Fairy Love“ erhält die auffällig zierliche Bildfigur aufgrund der imposanten Flügel, die die linke und rechte Bildhälfte sowohl aufgrund ihrer tatsächlichen Größe als auch aufgrund ihrer Farbigkeit dominieren, eine enorme Präsenz. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den hellen 154 Farbkranz, der sich um die Silhouette der Figur legt und ihr eine übernatürliche Aura verleiht. Dieses gestalterische Element macht der Bezeichnung des Models als Victoria’s-Secret- Engel alle Ehre. Die einseitige Raumkomposition steht auch in diesem Beispiel der detailliert ausgearbeiteten Bildfigur gegenüber, die sowohl mit Blick auf die farbliche Gestaltung als auch hinsichtlich der einzelnen Figurenelemente auf eine äußerst zeitintensive Bildgestaltung schließen lässt. Da die Bildfigur zu keinem weiteren Gegenstand in Beziehung gesetzt werden kann, ist die Analyse der Raumorganisation in wenigen Worten zusammengefasst. Den Malvorlagen der Kreativserie entsprechend befindet sich die Bildfigur auf einer in unterschiedlich dunklem Petrol kolorierten Fläche, die eine konkrete Benennung des Bildraums verhindert. Da kein sinnstiftender Kontext auszumachen ist, wirkt die Zeichnung trotz des Versuchs, mithilfe von Licht und Schatten eine dreidimensionale Wirkung zu erzielen, im wahrsten Sinne des Wortes plakativ – es entsteht der Eindruck eines (Werbe-)Plakats oder Posters, wie es in den Topmodel-Zeitschriften zu finden ist. Auch die farbliche Gestaltung des Motivs fügt sich in die bekannte ‚Topmodel-Ästhetik‘. Besonders auffällig erscheint der Hell-Dunkel-Kontrast, der sich durch die Hauptfarben des Bildes, Petrol und Gold, ergibt. Golden schimmern das lange Haar der Bildfigur, die überdimensionalen Flügel, die es auf dem Rücken trägt, die Ketten, die die Dessous schmücken sowie Details an den High Heels. Auch das spiralförmige Bildelement, das die Signatur der Urheberin trägt, glänzt golden. Besonders harmonisch dazu wirkt das bereits mehrfach erwähnte Pfirsichblüt208 der Haut, das ebenfalls sanft golden schimmert. Die sehr beschränkte Farbwahl sorgt außerdem für einen Simultankontrast, der vor allem durch die flächenmäßig dominante Erscheinung der Farbe Petrol entsteht. Neben der petrolfarbenen Kolorierung des Hintergrundes findet sich die Farbe in den Augen der Bildfigur, ihren Dessous, den Schuhen sowie den Flügeln wieder. Die Beschränkung auf zwei Farbtöne fügt sich zu einem stark kontrollierten Farbauftrag, der insgesamt für eine einseitige Farbwirkung sorgt. Diese scheint sich in die ohnehin strengen Vorgaben zu fügen, die die Kreativserie Topmodel aufgrund der (kolorierten) Malvorlagen vermittelt. Die farbliche Gestaltung in Kombination mit der äußerst detaillierten und sorgfältigen Ausarbeitung der Bildfigur ist Ausdruck einer beinahe zwanghaften Bildgestaltung, die den Anspruch verfolgt, fehlerfrei und damit ‚vollkommen‘ zu sein. Gleichzeitig wirken die Farben Gold und Petrol in Kombination edel, ja, wertvoll, ähnlich wie die Dessous der Marke Victoria’s Secret, die – nicht selten mit Edelsteinen besetzt – in höheren Preissegmenten anzusiedeln sind. Vor allem dasjenige Model, das bei der Victoria’s Secret Fashion Show die Flügel und die mit Edelsteinen besetzten Dessous als Highlight der Show tragen ‚darf‘, erhält besondere Aufmerksamkeit. Die Faszination für das Label und seine Produkte scheint die ausschlaggebende Motivation für die vorliegende Zeichnung gewesen zu sein und zeugt gleichzeitig von einem für ein 14- bis 15jähriges Mädchen ungewöhnlich großen Insiderwissen. 208 Vgl. Steiner 1980. 155 Die Wahl der Farben, vor allem die flächenmäßige Dominanz des Farbtons Petrol, verleiht der leicht bekleideten Bildfigur eine verruchte Ausstrahlung. Eng mit dieser Wirkung verbunden ist die Darstellung der Figur als fantastisches Wesen mit Flügeln, das etwas Geheimnisvolles, Mystisches verkörpert. Der Lichtkranz, der die Figur umgibt, lässt sie zu einer Art okkulter Erscheinung werden. Diese dunkle, verführerische Seite des Motivs wird unterstrichen durch den mit knappen Dessous bekleideten, beinahe nackten Körper der Bildfigur. Die auffallend schlanke Figur mit den langen Beinen steht im Gegensatz zu einem üppigen Dekolleté, das durch den BH betont wird. Die leicht geneigte Hüfte und das vorangestellte Bein sprechen eine eindeutige Sprache. Zu diesem Bild gesellt sich das altbekannte Gegenstück in engelsgleicher, kindlicher Gestalt. Ein elfenhaftes Wesen mit einem übergroßen Kopf, großen, mandelförmigen Augen und zarten Gesichtszügen blickt den Betrachter direkt an. Das goldene Haar legt sich sanft um das herzförmige Gesicht. Das Bild der Lolita, wie es auch in den vorangegangen bildnerischen Produktionen gezeichnet wurde, tritt in diesem Beispiel noch konkreter in Erscheinung. Hier reiht sich die bildnerische Produktion von Moddeline hinsichtlich der Verbreitung eines stereotypisierten und sexualisierten Bildes von Weiblichkeit in die bereits angestellten Beobachtungen zu den Zeichnungen von Siley und Nici-99. Die von Moddeline dargestellte Bildfigur transportiert die von der Depesche propagierten Weiblichkeitsstereotype in Vollendung. Losgelöst von der Malvorlage schafft die Urheberin eine Bildfigur, die die Absurdität der Topmodel-Proportionen auf die Spitze treibt. Der Kopf erscheint noch größer als in der Vorlage, Taille, Hüfte und Beine sind – obschon es beinahe unmöglich erscheint – noch dünner, als es aus den Malvorlagen der Kreativserie bereits bekannt ist. Hinzu kommt, dem ‚typischen‘ Bild eines Victoria’s-Secret-Models folgend, ein enorm üppiges Dekolleté. Betrachtet man die Zeichnungen, die zur Kreativserie Topmodel entstehen, kann man schon einmal vergessen, dass es sich dabei um Zeichnungen von Kindern oder (früh-)adoleszenten Mädchen handelt. Jedweder kindlicher Ausdruck wird erfolgreich vermieden. Obschon die Kreativserie Topmodel einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung antiquierter Geschlechterstereotypen wie diesen leistet, ist die bildnerische Produktion von Moddeline doch auch ein besonders treffendes Beispiel dafür, dass Phänomene wie die Hypersexualisierung über unterschiedlichste Medien verbreitet werden. Doch während die Einflüsse vielseitig sind, sind es die Botschaften (gesprochen, geschrieben, in Bildform o. ä.) nicht. Die von Moddeline gestaltete Bildfigur zeigt in besonders auffälliger Art und Weise, wie sehr diese Botschaften die eigene Wahrnehmung beeinflussen und zur Festigung ganz bestimmter Denkweisen beitragen. Im Topmodel-Forum weist nur eine Userin auf die auffällig schlanke Figur des Models hin, setzt jedoch der negativen Kritik, wie üblich, ein Kompliment voraus („Sehr hübsch, aber ziemlich dünn / =“). Die übrigen Kommentare entsprechen der hohen Anzahl an Glitzersternen, die für diese Zeichnung vergeben wurde. Ihre Begeisterung bringen sie mit Äußerungen wie „was für ein hammer! Was ist das für hammer Outfit!!!!“, „Das ist einfach unglaublich, du begeisterst mich immer wieder, das kommt gleich zu meinen Favos….“ oder „Wow! *o* Einfach atemberaubend schön ! *.* Die Flügel mit diesem genialen Farbverlauf, 156 die Haare und das Gesicht erst ! *O* Bin ein rießen Fan von dir und deinen Zeichnungen :D *verneig*“ zum Ausdruck. Die Userinnen überschlagen sich regelrecht vor Komplimenten. Moddeline scheint eine Art eigene Fanbase zu haben, die ihre Zeichnungen regelmäßig bewertet und entsprechendes Lob auf ihrer ‚Pinnwand‘ hinterlässt. Auf die Darstellung des Vicotoria’s-Secret-Engels werden Lobeshymnen gesungen, die das Zeichentalent von Moddeline besonders hervorheben, die eigenen Fähigkeiten der Kritikerinnen herabsetzen („Das sieht mega gut aus!!!!!!!!!!! Ich wünschte ich könnt so gut malen wie du“, „Hi, hi ich male auch mit Faber-Castell Stiften!!!… Aber so gut male ich nicht!!!… : )“ oder „wie du das machst…beneide dich drum♥ aber irgendwann kann ich auch gut malen♥.“ Moddeline äußert sich zu den positiven Bewertungen nicht. Sie gibt lediglich Antworten auf Fragen, die sich auf die Zeichentechnik beziehungsweise das Zeichenmaterial beziehen. Flauschwolke, der die Zeichnung gewidmet ist, gibt keine Bewertung ab. Ob sie sich an der Bewertung mittels Glitzersternen beteiligt hat, ist nicht sichtbar. An den Kommentaren wird einmal mehr deutlich, wie selbstverständlich diese Art bildnerischer Produktionen in der Topmodel-Community angenommen wird. Sowohl mit Blick auf die Gestaltung des Motivs, dessen Ausarbeitung äußerst eingeschränkt ist, als auch hinsichtlich der farblichen Gestaltung trifft Moddeline den Geschmack der übrigen Userinnen und erfüllt zudem die in der Topmodel-Community propagierten Vorstellungen einer gelungenen Zeichnung: Vor allem die sorgfältige Ausarbeitung, der ebenmäßige Farbverlauf sowie die Detailverliebtheit sind ganz im Sinne der selbst ernannten Mal- und Zeichenschule des ‚Creative Studio by Depesche‘. Dass die bildnerische Produktion eher pornografischem Material näherkommt als einer Mädchenzeichnung, scheint unwesentlich. 7.3.3 Bildbeschreibung „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ Moddelines Zeichnung mit dem Titel „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ (Abb. 35) wurde von der Urheberin im Mai 2015 auf den ‚Designertisch‘ geladen und von 286 Userinnen im Durchschnitt mit neun Glitzersternen bewertet. Abb. 35 157 Auch diese Zeichnung präsentiert sich im Hochformat, konkrete Angaben zu den Bildmaßen werden nicht gegeben. Angefertigt wurde diese Zeichnung, wie alle bildnerischen Produktionen von Moddeline, mithilfe von Colour-Grip-Stiften, die auf der Bildfläche mit Wasser gemischt wurden. Die Bildfigur ist nach Angaben der Userin auf Grundlage einer Malvorlage entstanden, die eine andere Userin in ihrem Fotoalbum veröffentlicht hat. Gesicht und Arme wurden von Moddeline modifiziert. Die Zeichnung zeigt eine weibliche Figur, die sich in der Bildmitte sitzend dem Betrachter zuwendet. Die bloßen Körpermaße dieser Figur machen etwas mehr als zwei Drittel der Bildfläche aus. Die Verzierungen auf Kopf, Schultern und im Beinbereich erweitern die eigentlichen Maße. Der Kopf der Bildfigur ist dem Betrachter frontal zugewandt. Auf ihm befindet sich eine opulente Kopfbedeckung aus Stoffen und Federn. Der Oberkörper ist, vom Betrachter aus gesehen, leicht nach rechts geneigt, der rechte Arm hält einen länglichen Gegenstand, Oberund Unterarm stehen in einem Winkel von ungefähr 40 Grad zueinander. Der linke Arm ist nur angedeutet und verschwindet hinter dem Oberkörper. Die Beine der Bildfigur bilden angewinkelt, die Knie zeigen dabei in die rechte untere Bildhälfte, ebenfalls einen Winkel von ungefähr 40 Grad und fortgeführt durch eine imaginäre Linie ein ungefähr gleichseitiges Dreieck. Nimmt man die gesamte Figur in den Blick, ergibt sich aus ihrer Körperhaltung die geometrische Form eines Kegels. Aufgelockert wird diese Erscheinung mit diversen Verzierungen in Form von wallenden Stoffen, Federn, Schmuck und Ranken. Letztere winden sich vor allem um den Oberkörper der Figur und ihre Unterschenkel. Gleichzeitig dienen die Stoffe sowie die Ranken als Kleidungsstücke, die Brust- und Hüftbereich bedecken. Die Tücher zur linken und rechten Seite der Figur sind, der Grundform eines Kegels entsprechend, kreisförmig um die Figur drapiert. Die Signatur der Urheberin befindet sich unmittelbar oberhalb dieses Kreises in der rechten mittleren Bildhälfte. 7.3.4 Bildanalyse „Nyx, die griechische Göttin der Nacht“ Die vorliegende Zeichnung weist in Hinblick auf Bildkomposition, Raumorganisation und Farbgebung deutliche Ähnlichkeiten mit den vorangegangenen bildnerischen Produktionen auf und fügt sich damit in das bereits mehrfach diskutierte Muster der Topmodel-Zeichnungen. Gleichzeitig fallen mit Blick auf die Bildkomposition Unterschiede auf. Der einzige und damit zentrale Bildgegenstand in Form einer weiblichen Figur befindet sich in diesem Fall sitzend in der Bildmitte. Der Titel des Bildes verrät, dass es sich bei der Bildfigur um Nyx, die griechische Göttin der Nacht handelt. Aufgrund der Sitzposition, die eine kegelförmige Körperhaltung erzeugt, füllt die Figur in Kombination mit diversen Ausschmückungen die untere Bildhälfte beinah komplett aus. Die obere Bildfläche wird zur Hälfte durch das zentrale Bildmotiv eingenommen. 158 Der offene, unverwandte Blick der Bildfigur auf den Betrachter sowie der zu ihm gewandte Oberkörper, der kaum bekleidet ist, stehen der eher verschlossenen Sitzposition mit angewinkelten, den Schritt bedeckenden Beinen gegenüber. Ebenso gegensätzlich erscheint die Eindeutigkeit ihrer irdischen Herkunft aufgrund von äußeren, dem menschlichen Wesen eigenen Merkmalen zu den überirdisch anmutenden Motiven (Mond, Sterne, heller Lichtkranz, der die Konturen der Göttin umgibt). Es ist das Spiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, das der Bildwirkung zugrunde liegt. Diese Wirkung wird durch die Gestaltung des Bildraumes unterstützt. Flächentiefe ist aufgrund der Tatsache, dass die zentrale Bildfigur zu keinen weiteren Bildelementen in Bezug gesetzt werden kann und der Bildraum nicht näher definiert ist (z. B. mithilfe von Bodenlinien), nicht auszumachen. Vielmehr scheint die griechische Göttin der Nacht auf der Bildfläche zu schweben. Eine imaginäre Bodenlinie lässt sich lediglich mithilfe der Beinposition der Bildfigur beziehungsweise des drapierten Stoffes, der die Figur umgibt, ausmachen. Die einfarbige Gestaltung des Hintergrundes in einem kräftigen Petrol sorgt zwar auch in dieser bildnerischen Produktion für eine plakative Bildwirkung. Dennoch erscheint die fehlende Gestaltung des Hintergrundes in diesem Fall weniger störend, da das Motiv der Göttin ohnehin meist mit himmlischen Sphären in Beziehung gesetzt wird und die farbliche Gestaltung somit einer gewissen ‚Sinnhaftigkeit‘ folgt. Die gesamte farbliche Gestaltung dieser bildnerischen Produktion fügt sich in das bereits bekannte Farbkonzept der Topmodel-Zeichnungen. Die Zeichnung präsentiert sich in einem Meer aus Blautönen, die für einen besonders auffälligen Simultankontrast sorgen. Während der Hintergrund, wie bereits erwähnt, in einem changierenden Petrol koloriert ist, präsentiert sich die Bildfigur in der Kleidung und Verzierung in unterschiedlichen Blauabstufungen von Azur über Mittelblau bis Indigo. Dem gegenüber steht die Hautfarbe der Bildfigur in Beige bis Dunkelbraun. So entsteht an einigen Stellen zwischen dem Beige der Haut und den dunklen Blautönen der Umgebung ein Hell- Dunkel-Kontrast. Die Dominanz der Farbe Blau fügt sich passgenau in die Erwartungen an ein Bild, das den Titel „Nyx, griechische Göttin der Nacht“ trägt. Die unterschiedlichen Blautöne, die Umsetzung von Licht und Schatten sowie die sanften Glitzereffekte in weißer Farbe lassen den Blick des Betrachters neugierig über die Bildfläche gleiten und geben zugleich Aufschluss über eine sehr überlegte Vorgehensweise bei der Farbwahl. Kein Farbton scheint dem Zufall überlassen. Mit Blick auf die Farbgebung ergibt sich folgende Schlussfolgerung: Nichts stört, es überrascht jedoch auch ebenso wenig. Damit reiht sich die bildnerische Produktion von Moddeline in das bereits bekannte Farbschema der besonders erfolgreichen Topmodel-Zeichnungen im Forum. Zur himmlischen Atmosphäre aufgrund der eindeutigen Farbigkeit gesellen sich die Nacht symbolisierenden Merkmale wie Mond und Sterne. Die Mondsichel ist in der vorliegenden bildnerischen Produktion zehnmal vorhanden. Ein Meer aus Sternen legt sich schimmernd über die Stoffe, die die Figur umhüllen. In der Betonung dieser nächtlichen Symbole wird die einzig kindliche Spur sichtbar, die in dieser Zeichnung zu finden ist. Ein Motiv identifi- 159 zieren zu können, ist für viele Kinder und Jugendliche ein Qualitätsmerkmal für eine gelungene Zeichnung. Dem Betrachter, der beim Zeichenprozess nicht anwesend war, mit dem ersten Blick zu verstehen zu geben, worum es sich bei dem ausgewählten Motiv handelt, erscheint äußerst bedeutungsvoll. Moddeline versieht ihre Zeichnung mit allen Merkmalen, die das allgemeingültige Bild der Nacht widerspiegeln. Neben dem Titel sorgen so auch die einzelnen Bildelemente für eine problemlose Einordnung des Motivs in einen bestimmten Kontext. Auf ihrer Pinnwand, auf der Moddeline sowohl zu ihrer Zeichentechnik als auch zur Inspiration für das Motiv der Göttin Nyx befragt wird, gibt sie an, sich sehr für griechische Mythologie zu interessieren. Neben dem mythologischen Einfluss ist eindeutig auch die Bezugnahme auf die in den Topmodel-Malbüchern verbreiteten Fantasy-Themen zu erkennen. Der Begriff der Fantasie ist einer, der in der Topmodel-Community ungewöhnlich häufig – sowohl vonseiten der Zeichnerinnen als auch des Herstellers – mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen verwendet wird. Der häufig wenig reflektierte Umgang mit diesem und anderen Begriffen wie Kreativität, Kunst oder Ideenreichtum suggeriert zum einen von Urheberseite ein kreativitätsförderndes und fantasieanregendes Angebot und zeigt zum anderen auf der Seite der Konsumentinnen, dass sie dieses Versprechen annehmen und glauben, das Zeichnen zur Topmodel-Serie er- öffne ihnen unendlich viele Möglichkeiten. Die Zeichnungen, die in diesem Kapitel analysiert wurden, widerlegen diese Suggestion. Es geht nicht darum, die zeichnerischen Fähigkeiten der Urheberinnen in Frage zu stellen oder gar herabzusetzen, sondern kritisch zu hinterfragen, inwiefern das Mal- und Zeichenangebot der Topmodel-Serie zu eigenen Ideen anregt. Moddelines Zeichnung mit der griechischen Göttin Nyx als Hauptfigur stellt in dieser Diskussion ein lohnendes Beispiel dar. Offensichtlich gilt ihr persönliches Interesse der griechischen Mythologie; nicht unbedingt ein Mainstreamthema 14- bzw. 15-jähriger Mädchen. Umso spannender erscheint, was die Urheberin daraus macht. Zudem inspirierte das Motiv viele Künstlerinnen und Künstler. Der Gedanke ließe sich nicht zu Ende denken, ohne an dieser Stelle eines der wohl berühmtesten Werke zur griechischen Mythologie von Sandro Botticelli mit dem Titel „Die Geburt der Venus“ aus dem Jahr 1485/86 zu erwähnen. Jede Topmodel-Zeichnung – ganz gleich, wie außergewöhnlich die Idee dahinter auch sein mag – reiht sich auch nach stundenlanger Gestaltung durch die Zeichnerin in das bekannte Schema und bleibt damit stets als Topmodel-Zeichnung erkennbar. Sie gibt in seltenen Fällen Aufschluss über ihre Urheberin. Die Spuren führen auch dann noch zu den Urhebern der Kreativserie zurück, wenn ein Mädchen die Bildfläche längst zu ihrer eigenen gemacht hat. So präsentiert sich Moddelines Interpretation der Göttin Nyx in gewohnt widersprüchlicher Manier, fügt sich gleichzeitig, vermutlich eher unbewusst als bewusst, in das weit verbreitete Bild einer Göttin, die Gegensätze in sich vereint. Neben Vertrautheit und Fremde sind es in diesem Bildbeispiel die Widersprüche von Gut und Böse, Unterwerfung und Macht, Unschuld und Verführung, Mädchen und Frau, die die Bildfigur in sich vereint. Die meisten dieser Gegensatzpaare lassen sich in jeder anderen Topmodel-Zeichnung genauso wiederfinden. 160 Auch hier wird einmal mehr die Absurdität des Gegensatzes Unschuld und Verführung sichtbar, eng verbunden mit dem Bild Kind (Mädchen) vs. Erwachsene (Frau) und nicht zuletzt auch mit dem Gegensatz von Unterwerfung und Macht. Auf der einen Seite präsentiert sich die Figur der Nyx auffällig verhüllt in Stoffe und Federn, auf der anderen Seite zeigt sie viel nackte Haut und einen kaum bedeckten Oberkörper, der den Blick auf das Dekolleté freigibt. Gerade so viel, dass die Fantasie des Betrachterauges angeregt wird. Der nach vorne gestreckte Brustkorb und die seitlich geneigte Hüfte tun ihr Übriges. Dem gegenüber steht, wie gewohnt, das kindliche Gesicht, dessen herzförmige Konturen durch den Kopfschmuck besonders betont werden. Dem gegensätzlichen Bild von Unterwerfung und Macht kommt eine besondere Bedeutung zu. Die halb nackte Bildfigur unterwirft sich dem voyeuristischen Blick des Betrachters, ist ihm fast schutzlos ausgeliefert. Gebrochen wird dieses Bild durch die selbstbewusste Körperhaltung der Bildfigur sowie den an ein Zepter erinnernden Gegenstand, den sie in der rechten Hand hält. Aus der Bekrönung in Form einer um 90 Grad gedrehten Mondsichel kommen dunkelblaue Flammen zum Vorschein, ein ebenso symbolträchtiges Bildelement, das die Unschuld der Bildfigur ins Gegenteil verkehrt. Die Göttin Nyx wird so zur Herrscherin über die Nacht, über dunkle Mächte, die in ihr zum Vorschein kommen. Es ist fraglich, ob die Urheberin ähnlich komplexe Gedanken zu ihrer bildnerischen Gestaltung beschäftigten, wie weit ihr Wissen um die griechische Mythologie reicht und welche Botschaft sie mit dem Motiv vermitteln wollte. Tatsache ist, dass das Motiv trotz der Einseitigkeit seines Ursprungs diverse Interpretationsmöglichkeiten zulässt. Gleichzeitig führen die Überlegungen immer wieder zu den bereits bekannten Bildbotschaften zurück, die über die Topmodel-Zeichnungen transportiert werden. Die Userinnen im Forum kommentieren vor allem die Bildidee sowie die technische Ausarbeitung und heben besonders gelungene Details hervor. Sie finden Moddelines bildnerische Produktion „krass gut! J“, „Wunderschön“, denn „Genauso hätte ich mit Nyx vorgestellt“, „einfach wahnsinn“ und „echt der hammer“. Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, sind überwältigt von Moddelines zeichnerischen Fähigkeiten. Sie finden ihre Bilder „magisch“, bitten sie mehrfach um eine Widmung (ihre Einstellung dazu wurde bereits in der Beschreibung ihres Profils bekannt gegeben) und bezeichnen sich selbst als Fan von ihr. Besonders beeindruckt sind die übrigen Userinnen von der Plastizität der Zeichnung, der präzisen Ausarbeitung der Details sowie der Gestaltung des Hintergrundes („OMG diese Schatten, Falten und Farben < 3 Du haust mich immer wieder um! < 3“, „ein blauer traum *O* einfach genial :) voll die schönen details und eine super idee“ oder „wow wei hast du den hintergrund hihngekriegt?!?“). Insbesondere die Aussage zur Hintergrundgestaltung erscheint mit Blick auf die bereits geführte Diskussion zu diesem Thema interessant und unterstützt die Beobachtung, dass eine detaillierte Ausarbeitung des Hintergrundes in der Topmodel-Community kein Qualitätsmerkmal zu sein scheint. Im Gegenteil: Die Kolorierung der Bildfläche in einer Farbe wird sogar besonders hervorgehoben, wenn sich diese besonders harmonisch in das Farbschema der Zeichnung fügt und unterschiedliche Schattierungen aufweist. 161 Ebenso auffällig erscheint die Bezeichnung des Bildes durch die Userin sweetcheesecake als „einzigartig“. Diese Aussage ist, wirft man ein Blick auf die ‚Pinnwände‘ anderer Userinnen, kein Einzelfall. Was sich darin widerspiegelt, ist der Erfolg des Konzepts des ‚Creative Studio by Depesche‘, den Mädchen das Gefühl zu vermitteln, in der ‚Mal- und Zeichenschule‘ der Serie kreativ werden zu können, um zu individuellen Zeichnungen zu gelangen. An dieser Stelle, die das Ende der Bildanalysen aus dem Forum einleitet, lohnt sich ein Blick auf alle bildnerischen Produktionen, die im Rahmen dieser Analysen vorgestellt wurden. Welche Zeichnung gehört zu welcher Urheberin? Welche Merkmale machen die Handschrift der einen und der anderen aus? Was ist ‚typisch‘ für die bildnerischen Produktionen der einen und der anderen Zeichnerin? Lassen sich Antworten auf diese Fragen finden? 7.4 Reflexion der Ergebnisse Die Analyse der ästhetischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline haben nicht nur im Hinblick auf die Kinder- und Jugendzeichnungsforschung, sondern auch und vor allem im Bezug auf die Genderforschung wesentliche Fragen aufgeworfen. Beide Forschungsbereiche sollen im Zuge dieses Kapitel im Rückblick auf die analysierten Bildbeispiele der Topmodel-Userinnen noch einmal genauer beleuchtet und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Beobachtungen, die aus den vorangegangenen Analysen gefiltert werden können, divergieren partiell mit den Ergebnissen, die aus den im Rahmen dieser Forschung durchgeführten Interviews gesichert werden konnten. Dies erklärt sich durch die Unterschiede von öffentlichem und privatem Raum, Fanart-Forum und Kinderzimmer. Die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen wirft spannende Fragen auf, die nach Vorstellung der Untersuchungsergebnisse (s. Kapitel 8) diskutiert werden. Die folgenden Überlegungen beziehen sich ausschließlich auf die Benutzerinnen des Topmodel-Forums und ihre bildnerischen Produktionen, für die Siley, Nici-99 und Moddeline stellvertretend stehen. In Kapitel 1 wurde bereits eindrücklich geschildert, wie sehr die Kinder- und Jugendzeichnung dem kulturellen Wandel unterliegt, der mit gesellschaftlichen, politischen, aber auch ökonomischen Veränderungen einhergeht.209 Auch Wiegelmann-Bals, die in dieser Arbeit schon mehrfach zitiert wurde, konnte konkrete Veränderungen in Kinderzeichnungen ausmachen und diese in Beziehung zu der immer stärker werdenden Präsenz von Medien in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen setzen.210 Die in der Untersuchung veröffentlichten Kinderzeichnungen sind etwa 12 Jahre alt. Im Vergleich zu den aktuellen Bildern aus dem Forum wird deutlich, dass die Kinder- und Jugendzeichnung mit neuen Phänomenen konfrontiert wird und noch einmal neu in den Blick genommen werden muss. Die Zeichnungen der Topmodel-Fanartists Siley, Nici-99 und Moddeline zeigen in zweierlei Hinsicht, dass sie von aktuellen Entwicklungen geprägt sind. Zum einen zeigt die Analyse der Hilfsmittel und der Maltechnik, dass die Zeichnungen zunehmend mithilfe digitaler Bildbearbeitungsprogramme gestaltet werden. Traditionelle 209 Vgl. Kirchner (u. a.) 2010. 210 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 162 Zeichenmaterialien, wie z. B. Blei- oder Buntstifte, haben zwar immer noch nicht ausgedient, werden jedoch durch neue Techniken ergänzt. Zum anderen ist deutlich geworden, dass die Bildmotive eindeutig medial geprägt sind. Beide Entwicklungen haben mit Blick auf die Topmodel-Zeichnungen eines gemeinsam: Sowohl Hilfsmittel wie Copic-Marker oder digitale Bildbearbeitungsprogramme als auch die Vorlagen der Topmodel-Kreativserie sorgen für eine insgesamt vereinfachte Form der ästhetischen Aktivität und führen zu idealisierten Zeichnungen, die sich an stereotypen Schemata orientieren. Die Topmodel-Vorlagen, die in Malbüchern und in der Zeichenschule der Kreativserie zu finden sind, lassen, dies wurde bereits mehrfach kritisiert, kaum Platz für individuell-zeichnerische Ideen der Fanartists. Da sich die Zeichnungen im Forum allesamt auf ein einziges Bildmotiv, das Model, beschränken, unterscheiden sie sich nur geringfügig voneinander. Obschon die Zeichnerinnen versuchen, ihre bildnerischen Produktionen thematisch voneinander abzugrenzen, gelingt es ihnen nicht, ihren Zeichnungen eine individuelle, unverwechselbare Handschrift zu verleihen. Dafür sind die Vorlagen zu genau, die Motive zu sehr festgelegt. Betrachtet man die Zeichnungen von Siley, Nici-99 und Moddeline im Vergleich, ist kaum auszumachen, welche Zeichnung von welcher Userin angefertigt wurde. Die sechs analysierten Zeichnungen könnten ebenso von einer wie auch von sechs verschiedenen Mädchen sein. Hierbei spielen jedoch auch die Hilfsmittel eine wesentliche Rolle. Der Copic-Marker ermöglicht aufgrund sieben austauschbarer Spitzen mit unterschiedlichen Breitegraden ein besonders gleichmäßiges Ausfüllen großer Farbflächen. Dadurch wird der Duktus des Stiftes unsichtbar, farbige Flächen wirken wie gedruckt und unterscheiden sich kaum von den Bildflächen, die mithilfe eines digitalen Bildbearbeitungsprogramms koloriert wurden. Auf ähnliche Weise funktioniert es mit den mit Wasser vermalbaren Colour-Grip-Stiften, die vor allem die Userin Moddeline für die Anfertigung ihrer bildnerischen Produktionen nutzt. Wesentliche Aspekte einer Bildanalyse, wie z. B. der Duktus oder die Linienführung, können in diesem Fall nicht untersucht werden, da sie in den vorliegenden Topmodel-Zeichnungen nicht mehr sichtbar sind. Die Kritik, die dabei laut wird, richtet sich nicht gegen die Zeichnerinnen, möchte ihre bildnerischen Produktionen keineswegs entwerten. Eine Entwertung der Kinder- und Jugendzeichnung im Allgemeinen und der Zeichnungen, die auf Grundlage der Topmodel-Malbücher entstehen, im Besonderen haben die Hersteller des Produkts zu verantworten. All die Merkmale, die eine Kinderzeichnung zu etwas ganz Besonderem machen, wie beispielweise die Freude am Experimentieren, die aus dieser Freude heraus resultierenden beinah expressiven Bildmotive, die unverwechselbare Beobachtungsgabe der Welt, die in dieser Weise dem Kind eigen ist, all das wird bei den Topmodel-Zeichnungen wertlos. Und nicht nur das: Es wird im Keim erstickt. Es scheint, als ließe die Kreativserie Kind- beziehungsweise Mädchensein gar nicht zu, als ginge es vielmehr darum, sich davon zu distanzieren, die Kindheit hinter sich zu lassen, diesen schutzbedürftigen und wertvollen Raum zu verlassen. Statt der genannten Analysekriterien rücken nun andere, der Topmodel-Ästhetik eigene Merkmale in den Vordergrund, die zur Deutung und Erklärung eines Bildes beitragen. Aus diesem Grund fordert die Analyse der Topmodel-Zeichnungen eine neue Sichtweise, die das traditionelle Handwerkszeug für eine Bildanalyse um zusätzliche Beobachtungen ergänzt. Deswegen müssen auch Beobachtungen zu Veränderungen in der Kinderzeichnung und mögliche Gründe dafür, wie Wiegelmann-Bals sie formuliert hat, in Bezug auf die Topmodel-Zeichnungen differenziert diskutiert werden. 163 Aus den Analysen ist bereits hervorgegangen, dass einige von Wiegelmann-Bals gemachte Beobachtungen durchaus auch auf die Zeichnungen der Topmodel-Userinnen zutreffen. Grundlegende Veränderungen konnte sie vor allem mit Blick auf die Bildkomposition, die Raumorganisation und die Farbwahl ausmachen. Da diese Aspekte im Zuge der Analysen bereits ausreichend beobachtet und erläutert wurden, soll an dieser Stelle nicht noch einmal genauer darauf eingegangen werden. Es kann jedoch festgehalten werden, dass auch die Zeichnungen von Siley, Nici-99 und Moddeline hinsichtlich der genannten Analysepunkte einen Mangel an kompositorischer Vielfalt, Raumtiefe und farblicher Ausdruckskraft aufweisen. Die Vermutung, dass ein veränderter Modus der Kulturaneignung für die Veränderungen in der Kinderzeichnung verantwortlich sei, erscheint insgesamt logisch und für die in der Studie von Wiegelmann-Bals herausgestellten Beobachtungen absolut folgerichtig, spiegelt sich jedoch in den Zeichnungen der Topmodel-Userinnen nicht in derselben Weise wider. Da die Zeichnungen von Siley, Nici-99 und Moddeline exemplarisch für die ästhetischen Produktionen im Topmodel-Forum herangezogen wurden, stellen die folgenden Beobachtungen kein Einzelphänomen dar, sondern können durchaus als für die Topmodel-Fanart typische Merkmale verstanden werden. Während Wiegelmann-Bals den veränderten Modus der Kulturaneignung auf die Beobachtung stützt, dass Kinderzeichnungen zunehmend, vor allem von Jungen, als Handlungsspielräume begriffen werden, präsentieren sich die Models unbewegt, geradezu fixiert. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Malvorgaben der Kreativserie nicht darauf ausgelegt sind, die Bildfläche szenisch zu gestalten. Die ‚typische‘ Topmodel-Zeichnung zeigt in der Regel ein Model, das sich in einer bestimmtem Pose dem Betrachter präsentiert. Nur selten beinhalten die Malbücher Variationen mit zwei oder drei Bildfiguren. Dadurch erscheinen die Zeichnungen sehr statisch. Die Figuren unterscheiden sich nur in ihrer Ausgestaltung voneinander, und auhc das nur in sehr geringem Maße, ihre Silhouette ist, abgesehen von einigen wenigen Veränderungen (z. B. ausgestrecktes Bein statt vorangestelltes, Arm in die Hüfte gestützt statt Arm über Kopf) immer gleich. Das Interesse der Zeichnerinnen sowie ihrer Kritikerinnen liegt vor allem an der Gestaltung der Figur, nicht aber an einer besonders abwechslungsreichen Darstellungsweise. Da es sich bei den Topmodel-Zeichnungen jedoch um ein exklusives Phänomen handelt, dessen besondere Merkmale nicht pauschalisiert werden können, ist diese Beobachtung mit Blick auf Kinder- und Jugendzeichnungen eher die Ausnahme statt die Regel. Die Problematik, dass sich die bereits mehrfach erwähnten Veränderungen in den Kinderzeichnungen auch durch einen Mangel an zeitlichen Ressourcen für die Ausbildung zeichnerischer Fähig- und Fertigkeiten ergeben211, muss mit Blick auf die bildnerischen Produktionen im Topmodel-Forum ebenfalls differenzierter betrachtet werden. Zweifelsohne beruht der große Erfolg des ‚Creative Studio by Depesche‘ unter anderem auch darauf, dass Zeichnen durch Malvorlagen, Anleitungen und Schablonen so leicht gemacht wird, dass selbst die Mädchen, die sich in ihrer Freizeit eher selten dem bildnerischen Arbeiten widmen, den Weg dorthin finden. Die genauen Anleitungen in der Zeichenschule und die 211 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 164 Malvorlagen führen schnell zum Erfolg. Auf diese Weise wird das Zeichnen deutlich vereinfacht und erfordert in den ersten Schritten nicht viel mehr als das Ausmalen von bereits vorgegebenen Flächen. Nach mehrfacher Übung können die Mädchen dann auch eigene Figuren entwerfen (s. Arbeiten von Siley, Nici-99 und Moddeline). Diese unterscheiden sich in der Regel jedoch unwesentlich von den üblichen Malvorlagen. Geradezu beunruhigend erscheint die Beobachtung, dass die Bildfiguren der Urheberinnen die Absurdität der Proportionen der Topmodel-Vorlagen auf die Spitze treiben. Köpfe werden noch größer, Taillen noch schmaler, Beine dünner und länger. Die Malvorlage scheint vom Blatt Papier direkt in die Köpfe der Mädchen gelangt zu sein, ist zu einem festen Bestandteil bildnerischen Denkens geworden. So funktioniert, vereinfacht gesagt, ästhetische Sozialisation. Tatsächlich ist es so, dass die Mädchen im Topmodel-Forum sehr viel Zeit in ihre Zeichnungen investieren. Dies beweist nicht nur die sehr präzise Ausarbeitung der Topmodel-Darstellungen, sondern auch die Anzahl der veröffentlichten Exponate im Forum. Zaremba konnte, wie bereits erwähnt, ähnliche Beobachtungen in Fanart-Foren dokumentieren. Ein Mangel an realen Erfahrungen, den Wiegelmann-Bals im Rahmen ihrer Untersuchung für die Veränderungen in der Kinderzeichnung verantwortlich macht, scheint eine ganz aktuelle Problematik der Kindheit und Jugend darzustellen, hat jedoch im Hinblick auf die Topmodel-Zeichnungen nicht die Folge, dass die Zeichnungen weniger differenziert ausgearbeitete Formen beinhalten. Die Analysen der bildnerischen Produktionen haben gezeigt, dass die Bildfiguren sehr präzise ausgearbeitet sind. Die Zeichnerinnen legen großen Wert darauf, die Kleidung der Figuren mit vielen Details zu versehen und sie möglichst realistisch darzustellen (zum Beispiel auch durch die Verwendung von Copic-Markern). Ähnliche Beobachtungen wurden auch in diversen Studien zu Geschlechtsunterschieden in der Kinderzeichnung gemacht. „Mädchen schenken beim Zeichnen der menschlichen Figur häufig mehr Aufmerksamkeit, sei es durch Größe der Darstellung oder auch durch die besseren Proportionen und die größere Anzahl ausgearbeiteter Details“.212 Die menschliche Figur stellt insgesamt ein sehr beliebtes Bildmotiv in Mädchenzeichnungen dar.213 Diese Erkenntnis scheint für den Erfolg der Kreativserie nicht unwesentlich. Obschon die dargestellten Beobachtungen mit der These von Wiegelmann-Bals in diesem Punkt nicht konform gehen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Gestaltung der übrigen Bildfläche ihre These durchaus stützt. Die präzise Ausarbeitung der Bildfigur täuscht über weitere, fehlende Bildelemente hinweg, da sich der Betrachter in erster Linie auf die weibliche Figur konzentriert. Ein letzter Grund für die Veränderung von Kinderzeichnungen stellt nach Wiegelmann-Bals die Standardisierung stereotyper Zeichenschemata dar.214 Dass die Topmodel-Zeichnung geradezu ein Paradebeispiel für diese Beobachtung ist, scheint nach eingehender Betrachtung der bildnerischen Produktionen unumstritten. Die Tendenz zu bildnerischen Adaptionen von medialen, stereotypen Motiven mit dem Ziel der Perfektionierung, welche auch der Identitätsbildung und Alltagsbewältigung dient, steht neben dem abgekoppelten Bereich der freien zeichnerischen Darstellung und einer offenen Ausdruckskultur.215 212 Dorner 1999, S. 98. 213 Vgl. ebd. 214 Vgl. Wiegemann-Bals 2009. 215 Ebd., S. 37. 165 Die Zeichnungen der Topmodel-Userinnen zeigen, dass aufgrund dieser stereotypen Zeichenschemata unendlich viele Reproduktionen entstehen, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden und insgesamt so ähnlich sind, dass nicht einmal mehr ausgemacht werden kann, welche Arbeit von welcher Zeichnerin angefertigt wurde. Die klaren Vorgaben der Kreativserie verhindern außerdem, dass sich die Mädchen eigenständig Gedanken zu der Umsetzung ihres Motivs machen und ihre Zeichnungen mit eigenen Ideen individuell gestalten. Ihnen bleibt kaum eine Möglichkeit, ihre eigene Wahrnehmung zu nutzen, um Bildmotive so darstellen zu können, wie sie tatsächlich von ihnen empfunden werden. Es scheint, als habe Individualität in der Topmodel-Community generell wenig Platz. Die Gründe für den großen Erfolg von stereotypen Zeichenschemata (zum Beispiel auch in der Mangazeichnung) sind vielfältig. Dass sie vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen so beliebt sind, mag auch daran liegen, dass der Übergang von Kindheit zum Jugendalter häufig mit einer Krise ästhetisch-produktiver Aktivitäten einhergeht. Viele Jugendliche meinen, ihren Ansprüchen an die eigenen zeichnerischen Fähigkeiten nicht gerecht werden zu können und wenden sich häufig von ihnen ab. Stereotype Schemata erleichtern das Zeichnen, geben konkrete Anleitungen und führen schnell zum Erfolg. Damit scheint die Krise schnell überwunden. Richter benennt dieses Phänomen konkret mit dem Begriff der adaptierten Repräsentation.216 Einen wesentlichen Grund für die Übernahme von Motiven sieht Richter außerdem darin, dass im Übergang zur Jugendphase Wert darauf gelegt wird, die eigene Zeichnung möglichst so anzufertigen, dass sie sich kaum von den Zeichnungen anderer unterscheidet. Es geht nicht darum, mit seinem Produkt aufzufallen. Im Gegenteil ist der Wunsch nach Angleichung in dieser Zeit besonders groß.217 Im Fall der im Fanart-Forum veröffentlichten Zeichnungen spielt außerdem eine hohe Resonanz durch andere Mitglieder eine erhebliche Rolle, die sich positiv auf die Zeichenaktivität der Mädchen auswirkt. Insgesamt wird deutlich, dass die von Wiegelmann-Bals formulierten Beobachtungen nicht deckungsgleich auf die Topmodel-Zeichnungen übertragen werden können. Ihre Analyse der jeweiligen Phänomene erscheint mit Blick auf das mediale Zeitalter und seine Auswirkungen auf die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen absolut einleuchtend, muss jedoch hinsichtlich der im Rahmen dieser Arbeit analysierten Zeichnungen modifiziert bzw. ergänzt werden. Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei den Topmodel-Zeichnungen um ein bestimmtes Phänomen handelt, das eine besondere analytische Herangehensweise fordert. Hinzu kommt, dass zwischen den von Wiegelmann-Bals untersuchten Zeichnungen und den ästhetischen Produktionen, die in dieser Arbeit vorgestellt wurden, 12 Jahre liegen, in denen vor allem mit Blick auf mediale Einflüsse enorme Veränderungen in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen stattgefunden haben. Da bereits in den Bildanalysen selbst auf genderspezifische Fragestellungen aufmerksam gemacht wurde, sollen an dieser Stelle in Kürze noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst werden. Die bildnerischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline 216 Vgl. Richter 1997. 217 Vgl. ebd. 166 haben verdeutlicht, dass die Diskussion über Geschlechterstereotype hinsichtlich der in der Topmodel-Community vermittelten Inhalte absolut notwendig ist. Die Topmodel-Ästhetik vermittelt im Wesentlichen drei Botschaften: 1.) Frau sein bedeutet attraktiv sein, 2.) Bist du es nicht, arbeite daran/ Bist du es, dann zeige es, und 3.) Wenn du es zeigst, bist du beliebt/ erfolgreich. Dieses Bild von ‚Weiblichkeit‘ ist keinesfalls exklusiv im Topmodel-Forum zu finden. Das Portal bietet lediglich eine besonders günstige Plattform, um das Bild an junge, beeinflussbare Mädchen heranzutragen. Die Botschaften sagen viel über die Gesellschaft aus: „Über einen neuen Konservatismus, der kleine Mädchen zu einem Stereotyp erzieht, das längst überholt schien“.218 Dass es über die Topmodel-Community gelingt, dieses Bild von ‚Weiblichkeit‘ so erfolgreich an ‚die Frau‘ zu bringen, liegt nicht zuletzt daran, dass die Akteure der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG wissen, wie sie es überzeugend ‚verpacken‘. Das Phänomen der Pinkifizierung, so kritisch es auch gesehen werden muss, erscheint in diesem Fall auch noch in einem anderen Licht: In ihrem Gewand wirken die sexistischen Darstellungen der Topmodel-Figuren deutlich weniger aufreizend. Eine äußerst erfolgreiche Strategie des Marketings. Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel sind entzückt von diesen niedlichen Topmodels, die man schminken und anziehen kann. Genau das richtige Geschenk für Mädchen, werden sie sagen, weil sie doch alle Pink und Glitzer so lieben. Das ist nur die eine Seite. Die bildnerischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline zeigen, dass die Pinkifizierung nur einen Bruchteil ihrer Topmodel-Darstellungen ausmacht. Weitaus bedenklicher erscheinen der unschuldige und gleichzeitig verführerische Blick, der den Betrachter aus den dunklen Augen mit schwarzen, geschwungenen Wimpern trifft, die laszive Körperhaltung, die knappen Shorts und kurzen Kleidchen und die langen, nackten Beine, die auf High Heels balancieren: Kleine Lolitas, die mit ihren Reizen spielen. Ein Bild, das an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen ist; eines, das längst nicht mehr nur auf dem Zeichenpapier existiert (vgl. Kapitel 6.1). Bedenkt man, dass das Topmodel-Forum uneingeschränkt öffentlich zugänglich ist und keine Kontrolle darüber besteht, wer sich darin bewegt, drängt sich unweigerlich die Befürchtung auf, dass sich nicht nur junge Mädchen für diese Bilder interessieren, sondern vermutlich auch erwachsene Männer (und Frauen), deren Interesse für das Forum aus einer anderen Motivation herrührt. Die Mädchen begeben sich durch die Freigabe persönlicher Daten im Forum nicht nur selbst in Gefahr, sondern produzieren auch Material, das von Männern mit pädophilen Neigungen missbraucht werden kann. Dass Gespräche mit Kindern über die angemessene Nutzung von Internetportalen wesentlich für einen verantwortungsvollen und bewussten Mediengebrauch sind, steht außer Frage. Im Fall der Topmodel-Community erscheint das Gespräch über die dort vermittelten Inhalte absolut notwendig. Die im Portal verbreiteten Stereotype von Weiblichkeit dürfen nicht als selbstverständlich betrachtet werden, sondern sollten so früh wie möglich kritisch hinterfragt und mit Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit reflektiert werden. Hier stehen vor allem Familie und Eltern in der Verantwortung, die durch den häufig unbedachten Kauf von Topmodel-Produkten einen wesentlichen Grundstein für stereotypisierte Muster in der Sozialisation ihrer Töchter legen, die weit über die Kindheit und Jugend hinaus ihr Rollenverständnis prägen. Die Kreativserie Topmodel macht 218 Wiedemann 2012. 167 deutlich, in welch extremer Weise sich Prozesse wie ‚doing gender‘ in dieser Gesellschaft verbreiten lassen und meist widerspruchslos übernommen werden. Die Reflexion der Untersuchungsergebnisse hat deutlich werden lassen, dass sich die Kinderzeichnung in vielerlei Hinsicht verändert hat. Vor allem die Wahl der Motive ist dabei ausschlaggebend. Es konnte dokumentiert werden, dass Kinder und Jugendliche immer noch bildnerisch aktiv sind. Eine bedeutende Veränderung zeigt sich aber in der Art und Weise, wie bildnerische Produktionen angefertigt werden. Die traditionellen Bildtechniken haben zwar nicht abgedankt, werden jedoch zunehmend durch digitale Hilfsmittel ergänzt. Auch die Kontexte, in denen Kinder und Jugendliche aktiv werden, sind andere. Wesentlich bleibt jedoch die Funktion von Kinder- und Jugendzeichnungen als Kommunikationsinstrument. Selbst wenn Kinder und Jugendliche ihre Gedanken und Gefühle längst versprachlichen können, nutzen sie die Zeichnung als Mittler ihrer inneren Gefühlswelt. Dies ist ein Grund von vielen, warum die Kinder- und Jugendzeichnung nicht nur für die Forschung, sondern auch für Erzieher, z. B. Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, ein einzigartiges und ernst zu nehmendes Phänomen bleibt. Die Analysen der bildnerischen Produktionen von Siley, Nici-99 und Moddeline haben gezeigt, welche Botschaften sich hinter den Zeichnungen verbergen, die Aufschluss über die Gefühls- und Gedankenwelt der Zeichnerinnen geben. Doch nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht bleibt das Gespräch mit den Zeichnerinnen ein hilfreiches und sinnvolles Mittel, um die Absichten der Mädchen zu verstehen und wilde Spekulationen zu vermeiden.

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References

Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.