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6. Ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 117 - 134

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-117

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
117 6. Ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community Sowohl das äußere Erscheinungsbild der Topmodel-Community als auch die breite Produktpalette der Kreativserie machen deutlich, dass die Topmodel-Ästhetik grundsätzlich keine neu erfundene ist, sondern vielmehr alte, scheinbar überholte Klischees aufgreift und in einer besonders übersteigerten Art und Weise zusammenfügt. Wiedemann beschreibt das Phänomen wie folgt: Der Zwang zur Binarität ist zurück. In den achtziger und neunziger Jahren sahen Kinder wie Kinder aus, heute ist klar, wer die Mädchen sind: Sie tragen Rosa und Pink, langes Haar und besitzen wenigstens ein Accessoire aus der Prinzessin-Lillifee-Serie. ‚Pinkifizierung‘ nennen Wissenschaftler den neuen alten Trend, mit dem Mädchen immer mehr zu Mädchen gemacht werden – und liefern eine einfache Erklärung: die Spielzeugindustrie. Schafft man die Zielgruppe ‚Kinder‘ ab und führt Jungen und Mädchen ein, kann man doppelt so viele Trends setzen, doppelt so viel herstellen.159 Der enorme Erfolg von Serien wie Barbie, Lillifee oder Topmodel zeigen, dass die Medienindustrie genug Abnehmer in unserer Gesellschaft findet, die dieser Marketingstrategie erliegen. Wie sollen Mädchen dann noch dazu angehalten werden, der Stereotypisierung, die ihre (ästhetische) Sozialisation bestimmt, entgegenzuwirken? Wenn sie in ihrem familiären Umfeld nicht zur kritischen Reflexion solcher Stereotype angeregt werden, dann erst recht nicht durch ihren Freundeskreis, Medien oder die Werbung. Der Eindruck, dass zur Pinkifizierung weiblicher Lebenswelten eine weitere Komponente hinzukommt, die nicht ins Bild zu passen scheint, ergibt sich nicht nur mit Blick auf die Topmodel-Produkte. „Dass Produkte für Mädchen immer pinker sind, ist ein Teil des Trends – dass sie sexualisierender sind, auch“.160 Man fragt sich, wie das zusammenpasst. Gar nicht, wäre wohl die richtige Antwort. Die Kreativserie Topmodel sieht das anders. Und zeigt, wie erfolgreich es funktioniert. 6.1 Konstruktion weiblicher Ästhetik Der Begriff ‚Mädchenästhetik‘ wurde zu Beginn der 80er Jahre in die Diskussion gebracht […] und stellt eine notwendige Ausdifferenzierung der ‚Weiblichen Ästhetik‘ wie der ‚Jugendästhetik‘ dar. Er geht von der Voraussetzung aus, daß die ästhetischen Erfahrungen, Vorlieben, Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Produktionen von Mädchen andere sind als die von Jungen. Der Begriff grenzt sich gegen traditionelle Positionen der ästhetischen Erziehung ab, wonach die ästhetischen Interessen und Produktionen von Mädchen entweder unter die von Jungen subsummiert bzw. nicht weiter beachtet werden oder aber mit negativen Werteurteilen belegt sind (Mädchen ahmen nach, verwenden Klischees, neigen zu dekorativen Lösungen, lieben kitschige Bildmotive etc.).161 159 Ebd. 160 Ebd. 161 Kämpf-Jansen, Helga: Mädchenästhetik – Annäherung an einen Begriff. In: Staudte, Adelheid; Voigt, Barbara (Hrsg.): Frauen – Kunst – Pädagogik. Frankfurt a. M.: Ulrike Helmer, 1991. S. 103. 118 Die größten Unterschiede zwischen ästhetischen Interessen von Jungen und Mädchen lassen sich in der Adoleszenz ausmachen. Wie im vorangegangen Kapitel bereits deutlich wurde, orientieren sich Mädchen (und Jungen) an den von der Gesellschaft über die Medien vermittelten ästhetischen Leitbildern und den damit einhergehenden Erwartungen an ihr Geschlecht.162 „Ein wichtiges Spielfeld für ästhetisches Probehandeln stellt bei den Mädchen der eigene Körper dar, die Haare, das Gesicht“.163 Nach wie vor wird ‚Weiblichkeit‘ gleichgesetzt mit ‚Körperlichkeit‘, mit der Forderung, sich dem eigenen Aussehen schon früh zu widmen.164 Die Medien wissen, wie sie diese Bilder schon früh, im Kindesalter, an Mädchen herantragen können und so hinsichtlich weiblicher Stereotype zu einer gezielten Indoktrination beitragen. Die Konstruktion weiblicher Ästhetik in der Topmodel-Community erfolgt in ähnlicher Weise wie schon bei ihren Vorgängerinnen Barbie und Lillifee; mit dem Unterschied, dass die damalige teils heftige Kritik an der sexualisierten Aufmachung von Barbiefiguren mittlerweile beinah übertrieben erscheint, wenn man die Figuren der Topmodel-Serie vergleichend hinzuzieht. Die Konstruktion von Weiblichkeit in der Topmodel-Welt spiegelt die widersprüchlichen Erwartungen wider, denen Mädchen in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt sind. Es reicht nicht mehr, ‚nur‘ Kind zu sein. Was in der Topmodel-Community vermittelt wird, ist ein Bild von einem Mädchen, das gleichzeitig süß, verspielt und kindlich, aber auch sexy, schön und leidenschaftlich ist. Damit reihen sich die Topmodel-Hersteller in eine allgemein von Medien verbreitete Vorstellung von Weiblichkeit. Die ‚Vogue‘ fotografierte letztes Jahr das Model Thylane Loubry Blondeau auf einem Tigerfell: Ihre perfekt geschminkten Augen blicken lasziv in die Kamera, die langen Haare in einer aufwendigen Hochstekfrisur, die glattrasierten Beine in die Luft gestreckt, an den Füßen Stilettos – sie ist zehn Jahre alt. Im April erzählte die achtjährige Daisey Mae aus Camden, Indiana, in der amerikanischen Fernsehsendung ‚Toddlers & Tiaras‘, die wichtigste Sache im Leben sei ein attraktives Gesicht.165 Wie sehr diese und ähnliche Bilder die ästhetische Sozialisation von Mädchen bestimmen, zeigen die Malvorlagen (und diverse andere Produkte) der Kreativserie. Die Malbücher des ‚Creative Studio‘ visualisieren die gängigen Merkmale von Mädchen- ästhetik besonders eindrücklich. Malbücher mit den Titeln ‚Make up‘, ‚Wedding Special‘ oder ‚Glamour Special‘ lassen, ohne vorab einen Blick auf das Cover zu werfen, bereits vermuten, mit welchen Stereotypen Mädchen hier konfrontiert werden. Die Layouts der Bücher setzen der Vorahnung ‚das Krönchen auf‘: Es glitzert silbern, gold und rosa, kein Pink, kein Rosé oder Flieder ist matt, alles „glänzt samtig, schimmert wie Seide“166, wirkt magisch, verzaubert wie in einer Märchenwelt. Mit zarter Pfirsichhaut, vollen Lippen und großen, treuen Augen blickt das Topmodel den Betrachter an. Es wirkt unschuldig, unsicher, harmlos auf den ersten Blick. Das herzförmige Gesicht, die goldenen Locken und die rosa- 162 Vgl. ebd. 163 Dorner 1999, S. 132. 164 Vgl. ebd. 165 Wiedemann 2012. 166 Kämpf-Jansen, Helga: Mädchen-Dinge und Jungen-Dinge, Aspekte einer geschlechtspezifischen ästhetischen Erziehung. In: Staudte, Adelheid (Hrsg.): Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim/Basel: Beltz, 1993. S. 64. 119 farbenen Wangen fügen sich zu einem Bild von einem Mädchen, wie es in Disneys Darstellungen von Cinderella oder Dornröschen zu finden ist. Beinah zu schön, um wahr zu sein. Verständlich, dass kleine Mädchen diese scheinbare Perfektion, diese Schönheit beeindruckt. Die Seiten der Malbücher zeigen zwanzig-, dreißigfach diese eine Silhouette in eindeutiger Pose: die Hüfte ist geneigt, eines der langen, dünnen Beine vorangestellt, die Hände stützen sich in die sehr schmale Hüfte, der herzförmige Kopf ist leicht geneigt, die Augen mit den langen, geschwungenen Wimpern blicken groß und dunkel zum Betrachter. Der Kopf ist unbehaart, kahl, weibliche Geschlechtsteile fehlen, der Körper präsentiert sich knabenhaft. Diese nahezu geschlechtslose Figur steht im Kontrast zum traditionellen vollbusigen, rundlichen, eindeutig weiblichen Stereotyp. Sicher ist, dass keines dieser Motive notwendig wäre, um Mädchen zu ästhetisch-produktiven Aktivitäten zu ermutigen. Das hat früher auch funktioniert. Da zeichneten Kinder alte Sagenund Märchenfiguren oder Situationen aus ihrem Alltag.167 Das tun Kinder heute auch. Mädchen, die Topmodel-Motive malen, zeichnen Dinge aus ihrem Alltag. Die Auseinandersetzung mit Schönheit, dem eigenen Körper, Schminke und Kleidung ist Teil ihres Alltags (vgl. Kapitel 2.3). Wer meint, das sei nur Spielerei und habe mit der Lebenswirklichkeit der Mädchen nichts zu tun, verschließt die Augen vor einer gravierenden Entwicklung. „Achieving beauty has become a continuous and allencompassing project for adolescent girls – a goal the media portray as necessary“.168 Es sind nicht die Mädchen, denen man einen Vorwurf machen kann. Wie sollen sie erkennen, dass diese Bilder falsch sind, wenn unsere Gesellschaft ihnen das Gefühl gibt, das alles sei ‚normal‘? Natürlich stürzen sie sich mit Begeisterung auf diese Bilder. Und wenn es dann noch so einfach ist mit Vorlagen und Schablonen, dann können sogar die Mädchen malen, die sonst immer von sich behaupteten, sie könnten es nicht, sie hätten kein ‚Talent‘. Schließlich geht es nur darum, die Figuren im Malbuch anzukleiden, ihnen Schmuck in Form von Stickern anzulegen, die Augen ein wenig zu schminken und die Haare zu stylen. Mehr erwartet man gar nicht. Es ist simpel und etwas, von dem man glaubt, dass es Mädchen gerne machen. Das ist alles, was man ihnen zutraut. Sind die Mädchen erst einmal Mitglied der Topmodel-Community und laden sie ihre Zeichnungen hoch, erhalten sie schnell Bestätigung für das, was sie tun. Die anderen Userinnen sind begeistert von süßen Topmodels in knappen Outfits, kurzen, gerüschten Kleidchen, neckischen Strumpfbändern und High Heels. „Einfach übertrieben schöön:)“, „so sweet“ und „richtig krass schön“ finden sie das. Sie erkennen nicht die offensichtliche Sexualisierung, die dahintersteckt, weil sie täglich davon umgeben sind, weil sie in ihrem Leben überall präsent ist. 167 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 168 Labre, Magdala Peixoto; Walsh-Childers, Kim: Friendly advice? Beauty messages in web sites of teen magazines. In: Mass Communication and Society 6, 2003. S. 379. 120 Mädchen in dem Alter erkennen nicht die Gefahr, die sich hinter der selbstverständlichen Übernahme dieser Bilder verbirgt, wenn nicht Eltern oder Lehrpersonen sie darauf aufmerksam machen. Und selbst ihr Einfluss wird von den überzeugenden Taktiken der Marketingstrategen deutlich geschmälert. Die Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG wird es freuen, dass ihr neues altes Mädchenbild auch im 21. Jahrhundert immer noch Gewinn garantiert. 6.2 Kommis, Glitzersterne & Co. als Formen der Kommunikation „Das kommunikative Mitteilungsbedürfnis zum eigenen medialen Handeln ist bei Jugendlichen enorm groß, was erst recht auf kreative Exponate Heranwachsender zuzutreffen scheint […]“.169 Gerade im interaktiven Web 2.0 ergeben sich daraus Kommunikationsformen, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Neue Mitglieder des Topmodel-Forums erkennen schnell, dass es sich bei der Community, wie bei anderen Fanportalen auch, um eine Gemeinschaft handelt, deren Kommunikationsformen sich von denen der realen Welt unterscheiden. Dies ist erst einmal nichts Neues, sondern ein altbekanntes Phänomen. Zum einen hat man längst herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche untereinander allgemein andere Sprachcodes nutzen als Erwachsene oder gängige Codes um eigene ergänzen. Zum anderen bieten und fordern virtuelle Räume aber auch andere Formen der Kommunikation. [Die] Stilsprache ist Ausdruck von szenenspezifischen Darstellungs- und Distiktionsformen und Kristallisationspunkt für jugendeigene kleine Lebenswelten, deren mediengebundenes Symbolkapital neben einer Überhöhung und Ästhetisierung des Alltäglichen unterschiedliche Zeichensysteme, Kommunikationsmuster und Handlungsfelder generiert, in denen eigene Normen und Präferenzen gelten, die gleichermaßen die Optionen für selbstgewählte Ich-Darstellungen erweitern wie den Spezialisierungsgrad der außerberuflichen, persönlichen und privaten Identitäten erhöhen.170 Möchte man Teil dieser Gemeinschaft sein, gilt es, sich mit ihren Regeln vertraut zu machen und sie in die eigene „Cybersprache“ zu integrieren. Mit ‚Kommis‘ (Kurzform für ‚Kommentare‘) sind grundsätzlich alle schriftlichen Äußerungen im Forum gemeint. Im französischen Forum entspricht die Abkürzung ‚comm‘ (Kurzform für ‚commentaire‘) der deutschen Abkürzung ‚Kommi‘. In Bezug auf die ästhetischen Produktionen der Userinnen zeigen sich diese vor allem in Form von positiver und negativer Kritik. Die formale Struktur der Kommentare gestaltet sich meist sehr simpel, auf korrekte Kommasetzung sowie Groß- und Kleinschreibung wird häufig verzichtet. Auch grammatikalische Regeln bleiben teilweise ungeachtet. Durch schnelles Tippen auf der Tastatur entstehen außerdem Tippfehler, die vor der Veröffentlichung von den Urheberinnen nicht korrigiert werden. Nicht selten sind Kommentare wie: „ ich finde es ist das coolste was ich je gesehen habe,wol- 169 Zaremba 2010, S. 186. 170 Vogelsang, Waldemar (unter Mitarbeit von Minas, Heiderose): Digitale Medien – Jugendkulturen – Identität. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Jugendkulturen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010. S. 49. 121 len wir freundschaft schliesen?“ oder „ Das ist echt wunderschön gewordne ovll Katzen mässig. einer meiner Lieblings looks“. Ähnliche Beispiele finden sich in der Kommunikation der französischen Userinnen. Äußerungen wie „ je te veut amis ma belle ta du talents ta le dont enplus c‘est pas beau c‘est maggnifique“ (Ich möchte mit dir befreundet sein, meine Schöne, du hast Talent, Begabung. Außerdem ist es nicht schön, es ist wunderschön) oder „je quife . telement c bien fait je pourais te dire que c pas toit qui la fait“ (Das finde ich so geil. Das ist so gut, dass ich sagen würde, dass nicht du das gemacht hast) zeigen, dass auch hier wesentliche Rechtschreibregeln keine Beachtung finden (z. B. „je te veut“ statt „je te veux“; „telement“ statt „tellement“; „dont“ statt „don“). Außerdem manifestieren sich in diesen und ähnlichen Zitaten sprachliche Besonderheiten jugendkulturellen Ausdrucks, auf die eingangs bereits verwiesen wurde (z. B.: „c“ statt „c’est“; „ouais“ statt „oui“; „si nn“ statt „sinon“). Die Problematik, die sich hinter diesen Beispielen verbirgt, ist, dass Kinder und Jugendliche, die zunehmend über Computer oder Handy kommunizieren oder mit ihrer Hilfe Texte verfassen, wesentliche Regeln der Rechtschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Kommasetzung und der Syntax verlernen. Teilweise sind ihnen diese Regeln auch bekannt, es ist ihnen aber zu lästig, sie zu beachten. Ein wesentliches Problem hierbei stellen zweifelsohne die Autokorrektur-Programme auf den Smartphones bzw. Tablets dar. Die Jugendlichen müssen sich keine Gedanken mehr darum machen, wie ein Wort geschrieben wird – das übernimmt normalerweise ihr Smartphone für sie, nicht aber der Texteditor im Forum. Diese technischen Entwicklungen kommen der Schnelllebigkeit des Alltags der Kinder und Jugendlichen entgegen. Sie verursachen einen zunehmenden Verlust sprachlichen Gefühls und führen zu problematischen Ergebnissen. Obige Beispiele zeigen jedoch auch die Art und Weise, wie im Topmodel-Forum Kritik ge- äußert wird. Konkrete Regeln für die Kommunikation im Forum gibt es nicht. Die Betreiber der Website weisen lediglich darauf hin, dass „Einträge mit kommerziellem, pornografischem, rechtsradikalem Gedankengut oder persönlichen Diffamierungen, sowie mit sonstigem rechtsverletzendem Charakter“171 nicht erlaubt sind und von der Redaktion gelöscht werden. In der Topmodel-Community herrscht insgesamt ein sehr respektvoller Umgangston. Kritik wird meist dazu genutzt, um anderen Userinnen Anerkennung für ihre Produktionen auszusprechen („Franchement continu comme ça je Kiff trop t‘a vrement un talent de Ding“, übersetzt: Im Ernst, mach weiter so. Ich finde das so geil, du hast wirklich unglaubliches Talent.), besonders gelungene Bildelemente hervorzuheben („OMG wie gail ich finde das türkise ende des Zopfes echt schön“) und Bewunderung entgegenzubringen, häufig verbunden mit der Abwertung eigener Fähigkeiten („Tu peux noter mes création stp c’est trop ce que tu fait je veux trop dessine pareil que toi“, übersetzt: Kannst du bitte meine Designs bewerten? Das ist unglaublich, was du machst. Ich würde zu gerne so zeichnen wie du.). Negative Kritik geht in der Regel mit einem vorangegangen Kompliment einher („Trop beau mais repasse les contours“, zu Dt.: Zu schön, aber lass die Konturen weg.) oder erscheint in Form eines Ratschlags, wie der einer Freundin, der die Kritik nett ‚zu verpacken‘ versucht („Cool, hier und da könnte man Details verbessern aber ich will man nicht so auf winzigkeiten achten ;D Ist schön geworden!“). Der Respekt vor den Kreationen anderer lässt sich 171 Topmodel-Homepage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 122 damit erklären, dass Fantum von großer Begeisterung und hohem zeitlichen Aufwand geprägt ist.172 Dessen sind sich alle Mitglieder des Forums bewusst. Kommentare, die beleidigenden oder abwertenden Charakter haben, sind deshalb in den Foren sehr rar. Trotzdem gibt es einige wenige, die es sich nicht nehmen lassen, ihr Missfallen deutlich zu machen: „Ojemine diesen anblick hättest du mir sparen können“ oder „ehm ich denke du hast noch nie einen echten cheerleader gesehen die sehen ganz anders aus“. Die stichprobenartige Untersuchung der Kommentare im französischen Topmodel-Forum bringt eine höhere Anzahl kritischer Äußerungen hervor. In den meisten Fällen begründet sich die Kritik an den bildnerischen Produktionen anderer Mitglieder darin, dass ihre eigenständige Anfertigung angezweifelt wird („non elle a tricher je voulais la demander en amie mais quen g vue que tu as tricher je t refuser“, übersetzt: Nein, sie hat geschummelt. Ich wollte sie fragen, ob wir Freunde sein wollen, aber als ich gesehen habe, dass du gemogelt hast, habe ich meine Anfrage zurückgezogen.; ebenso wie „Bon, je ne crois pas que c’est toi qui l’a faite mais elle très belle“, übersetzt: Na ja, ich glaube nicht, dass du sie gemalt hast, aber sie ist sehr schön.). Natürlich müssen sich Jugendliche auch im realen Leben mit kritischen Äußerungen auseinandersetzen. Kommunikation geschieht auch dort nicht immer respektvoll und diplomatisch. Der Unterschied zum Fanart-Forum ist jedoch, dass es sich nicht um das private Umfeld der Mädchen handelt, sondern um eine breite, weitgehend anonyme Öffentlichkeit. Mitglied in einem Fanart-Portal zu sein, fordert von den Mitgliedern demnach ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Standhaftigkeit. Im Zuge dieser Arbeit wird jedoch deutlich werden, dass dies genau das ist, was vielen Mädchen fehlt, und dass Lob und Anerkennung einerseits und Geringschätzung beziehungsweise Abwertung andererseits auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstbild der Mädchen wesentlichen Einfluss nehmen. Neben den Kommentaren dienen im Topmodel-Forum sogenannte Glitzersterne der Bewertung von Exponaten. Der Begriff ‚Glitzersterne‘ fügt sich geradezu passgenau ins Bild der typischen Topmodel-Ästhetik. Im französischen Forum hingegen beschränkt man sich auf den Begriff ‚étoiles‘ (zu Dt.: Sterne). Ihre goldene Erscheinung vermittelt den Mädchen das Gefühl, etwas wirklich Wertvolles zu vergeben und zu empfangen. Für Mädchen, die sich ohnehin von der glamourösen Glitzerwelt der Topmodel-Community angezogen fühlen, bedeuten die Sterne vor allem für diejenigen, die sie erhalten, eine besonders wertvolle Form der Anerkennung. Im Forum hat jedes Mitglied die Möglichkeit, die Produktionen anderer Mitglieder mit ein bis zehn Glitzersternen bzw. étoiles zu bewerten. Klickt man das Werk einer Userin an, erscheint neben der Zeichnung die Anzahl der Sterne, die durchschnittlich für diese Arbeit vergeben wurden. Die Glitzersterne stellen im Vergleich zur Verbalisierung eine vereinfachte, aber auch weniger differenzierte Form der Kritik dar. Um die Anzahl der gegebenen Glitzersterne zu begründen, nutzen viele Userinnen die Möglichkeit, ihre Bewertung zusätzlich durch einen persönlichen Kommentar zu ergänzen. Eine Zeichnung, die im Durchschnitt mit fünf Glitzersternen bewertet wurde, erhält in der Regel weniger Kommentare (positiver und negativer Art) als eine Zeichnung mit neun oder zehn Glitzersternen. Sie zieht also deut- 172 Vgl. Zaremba 2010. 123 lich weniger Aufmerksamkeit auf sich, wird weniger beachtet. Für einige Mädchen zweifelsohne eine ernüchternde Erkenntnis. Insgesamt fällt auf, dass die durchschnittliche Vergabe von zehn Glitzersternen bzw. étoiles sowohl im deutschen als auch im französischen Forum äußerst selten ist, obwohl die Kommentare auf eine entsprechende Bewertung hindeuten. Neben den bereits genannten Phänomenen fallen im Forum Begriffe wie ‚Widdi‘ (Kurzform für ‚Widmung‘) oder ‚Wetti‘ (Kurzform für ‚Wettbewerb‘) auf. Entsprechende Kurzformen in französischer Sprache existieren im französischen Forum nicht. Widmungen (‚Widdi‘) für andere Mitglieder erfolgen sehr häufig und werden im Titel des Bildes als solche kenntlich gemacht (z. B. „Hawaii-Mädchen, widmung für StellaStar99, ich hoffe es gefällt dir “). Meist erfolgen diese Widmungen auf konkrete Wünsche hin, die eine Userin an ein anderes Mitglied öffentlich oder als private Nachricht gerichtet hat. Ein besonders eindrucksvoller Dialog ergibt sich anlässlich einer Widmung der Userin Antoniia für eine andere Userin namens FashionLoveLife (Abb. 26). Abb. 26 Die Zeichnung wurde von den anderen Mitgliedern im Durchschnitt mit neun Glitzersternen bewertet, die Kommentare sind entsprechend positiv. FashionLoveLife, der die Widmung gilt, reagiert deutlich kritischer: „ Uui dankeschön c: Die Haare find ich sehr schön, bloß das sie ein bisschen am Kopf kleben, bei der Haut allgemein kannst du mehr Schatten setzen. Der Drache ist sehr süß, aber auch hier mehr Schatten. Die Falten am Kleid kannst du noch mehr ausarbeiten, der schwarze Strumpf ist toll, am Fuß wirkt er allerdings nicht so echt. Der Bogen ist sehr gut gelungen, allerdings hättest du das Spann Dingens noch echter wirken lassen, so sieht es aus wie ein Strich. Das wars auch schon wieder von mir, nochmal ein großes Dankeschön“. Antoniia reagiert, wie man es in der Topmodel-Community eigentlich immer tut: „danke für deine tipps und es tut mir leid das ich einen Namen falsch geschreiben habe ich habe Live statt Life geschrieben :/ sorrry“. Den belehrenden Charakter der Äußerung 124 von FashionLoveLife scheint Antoniia nicht als Degradierung ihrer eigenen Person bzw. ihrer Fähigkeiten zu verstehen. Sie erkennt vielmehr die ‚wertvollen Tipps‘, die sie dazu ermutigen, weiterhin zu üben und es beim nächsten Mal besser zu machen. Solche und ähnliche Dialoge zeigen sich im Forum in vielfältiger Form. In der Widmung tritt eine klare Hierarchie zwischen derjenigen, die widmet, und der Userin, der etwas gewidmet wird, zu Tage. Die ‚Widmende‘ begibt sich automatisch in die Position einer ‚Schülerin‘, während die ‚Gewidmete‘ mit erhobenem Zeigefinger die Rolle einer ‚Lehrerin‘ übernimmt. Diese Art von Hierarchie kann auch in der Weise sichtbar werden, dass sich diejenige, der ein Bild gewidmet wird, nicht öffentlich zu dieser Widmung äußert. Abb. 27 Abbildung 27 zeigt eine Widmung der französischen Userin Demi-Aure für coco99. Auf der Pinnwand unterhalb der Zeichnung sucht man vergeblich nach einem entsprechenden Kommentar von coco99. Stattdessen sind 19 andere Mitglieder des Forums voll des Lobes für „Pour coco99“ („j’adore je voudrais la même pour mon mariage!!!“, übersetzt: Ich liebe es. Ich hätte gerne dasselbe für meine Hochzeit.; ebenso wie „on dirait une princesse, elle est sublime magnifique et parfaite!“, übersetzt: Man könnte sagen: eine Prinzessin, sie ist überwältigend schön und perfekt.). Obschon die Kritik der anderen Userinnen durchweg positiv ausfällt, wird der Wunsch der Zeichnerin nach Anerkennung durch coco99 nicht erfüllt. In der Topmodel-Community gehört es sozusagen zum guten Ton, seine Dankbarkeit für eine Widmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Diese inoffizielle ‚Regel‘ spiegelt den Wert der Kommentare wider, die die Mitglieder auf den Pinnwänden der Zeichnerinnen hinterlassen. Fehlende Kommentare, insbesondere solche, die sich auf Widmungen beziehen, gelten aus Sicht der Mitglieder als Mangel an Anerkennung für eine bildnerische Produktion und machen einmal mehr deutlich, wie Hierarchien im Forum entstehen können. Eine weitere Besonderheit in Fanart-Foren stellen Wettbewerbe (‚Wettis‘) dar. Im Gegensatz zu der Vielfalt von Wettbewerben zu unterschiedlichen Bereichen in anderen Fanart-Foren173, 173 Vgl. ebd. 125 beschränken sich die ‚Wettis‘ in der Topmodel-Community auf bestimmte Themen. Jedes Mitglied des Topmodel-Forums ist dazu berechtigt, einen Wettbewerb zu leiten, Ausgeschrieben werden die Wettbewerbe unter der Rubrik ‚Forum & Community‘ mit Festlegung klarer Regeln und der Bekanntgabe des Gewinns. Der Gewinnerin winken wahlweise eine bestimmte Anzahl von ‚Fashion Credits‘, Widmungen der Wettbewerbs-Leiterin, Kommentare und Bewertungen des virtuellen Kleiderschranks der Gewinnerin durch die Leiterin oder eine bestimmte Anzahl selbst entworfener Kleidungsstücke für den Kleiderschrank der Gewinnerin. Ähnlich wie bei den Widmungen ergibt sich auch hier eine klare Hierarchisierung zwischen Wettbewerbsleiterinnen und den Teilnehmerinnen, zwischen denjenigen, die die Regeln festlegen, und denen, die sie zu befolgen haben. Insgesamt manifestieren sich in der Art der Kommunikation im virtuellen Topmodel-Forum wesentliche Merkmale, die auch in kommunikativen Prozessen und Situationen realer Räume erkennbar sind. Der wesentliche Unterschied besteht jedoch darin, dass sich die Mitglieder des Forums nicht zwangsläufig außerhalb des virtuellen Raums kennen, sich somit noch nie real begegnet sind. Dies nimmt erheblichen Einfluss auf die Art und Weise, miteinander zu kommunizieren. Besonders auffällig ist die deutlich geringere Hemmschwelle, überhaupt miteinander in Kontakt zu treten, darüber hinaus persönliche Angaben zur eigenen Person preiszugeben (z. B. in Form eines Steckbriefs) oder persönliche Meinungen und Einstellungen zu publizieren. Das Kapitel hat verdeutlicht, dass sich eine zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen realen und virtuellen Lebenswelten vollzieht, die einen wesentlichen Einfluss auf den sozialen Umgang der Jugendlichen untereinander hat. Seit der Etablierung von sozialen Netzwerken wie Schüler-VZ, Facebook oder Twitter im Alltag der Kinder und Jugendlichen ist diese Erkenntnis schon lange keine neue mehr. Dennoch: Kann es ein heranwachsendes Mädchen wirklich interessieren, was Person X, Y oder Z über es oder seine Fähigkeiten denkt? Kann es wünschen, dass wildfremde Menschen über es urteilen? Die Mädchen, die ihre Zeichnungen im Topmodel-Forum präsentieren, wünschen zweifelsohne genau das, sie verlangen geradezu danach. Aber warum? Was steckt dahinter? Und was macht das mit ihnen und ihrer Sicht auf sich selbst? Die folgenden Kapitel versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden. 6.3 Lob und Anerkennung als Motivation bildnerischen Schaffens „Die Zugehörigkeit zu einer Fanwelt ist Teil der jugendlichen Lebensbewältigung der Postmoderne, denn in der Gemeinschaft der Fans können Jugendliche emotionale Allianzen eingehen, außeralltäglichen Beschäftigungen nachgehen […] und sich mit ihrer Lebenssituation als Heranwachsende auseinandersetzen“.174 Und doch wird Fantum von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hauptsächlich unter negativen Gesichtspunkten betrachtet. Für die einen sind Fans „obsessive, lobotomi- 174 Winter, Rainer: Medien und Fans. Zur Konstitution von Fan-Kulturen. In: Krüger, Heinz-Hermann; Richard, Birgit (Hrsg.): Inter-Cool 3.0. Jugend – Bild – Medien. Ein Kompendium zur aktuellen Jugendkulturforschung. München: Wilhelm Fink, 2010. S. 52. 126 sierte Fanatiker, die sich enthusiastisch und exzessiv ihrem jeweiligen Kultobjekt widmen“175, für die anderen „gefährdete Opfer der Kultur- und Freizeitindustrie, die phantasielos, vereinsamt und desorientiert seien“.176 Während erstere ein äußerst radikales, geradezu abwertendes Bild von Fantum haben, äußert sich in der zweiten Formulierung eine gewisse Sorge, vielleicht sogar ein gewisses Verständnis für die Situation von Fans, gleichzeitig aber auch der Verdacht, dass sie sich nicht unbedingt freiwillig in diese Rolle bringen, sondern aufgrund mangelnder Orientierungspunkte zum Fantum finden. Winter beschreibt im einleitenden Zitat ein Phänomen, das mit dem Aufkommen von Internetforen und sozialen Netzwerken an Bedeutung gewonnen hat. „ Wie bislang keine anderen Institutionen, haben Fanart-Portale den Wert und die Wichtigkeit jugendlichen Medien-Fantums verstanden und sich deren Archivierung, Präsentation, Förderung und Transfer zur Aufgabe gemacht“.177 Ebenso wie diverse andere Fanart-Portale stellt das Topmodel-Forum für Mädchen zwischen acht und 14 Jahren (und darüber hinaus) einen Ort dar, an dem sie auf eine Gemeinschaft treffen, die sie aufzufangen scheint. Mädchen, die in Gesellschaft, in Schule oder in Peer Group möglicherweise eine Außenseiterrolle übernehmen, bekommen in der Topmodel-Community das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der sie akzeptiert werden und im besten Fall sogar wirklich beliebt sind. Das Forum erlaubt ihnen, in ihrem Profil nur das preiszugeben, von dem sie glauben, dass es bei den anderen Userinnen ‚gut ankommt‘. Das, was sie in der realen Welt vielleicht zum Außenseiter macht, z. B. ihr Verhalten, ihr Umgang mit Anderen, ein ungewöhnliches Äußeres o. ä., können sie den anderen Mitgliedern im Portal verschweigen. Im Forum sind scheinbar alle gleich. Und das Wichtigste ist, dass sie eines gemeinsam haben: ihre Vorliebe für die Topmodel-Kreativserie. Damit schafft die virtuelle Welt etwas ganz Wesentliches, was die reale Welt nicht schafft. Nirgendwo sonst trifft man so schnell und einfach auf Gleichgesinnte wie in Fanforen. Im wahren Leben könnte niemand so schnell Freundschaft schließen. Für das ‚Wir-Gefühl‘ sorgen jedoch nicht nur die Mitglieder des Forums, sondern auch und vor allem die Betreiber der Website. Und gerade deshalb ist diese Vertrautheit so trügerisch. Der scheinbar private Raum ist in Wahrheit die größtmögliche Öffentlichkeit, in die sich die Mädchen begeben können. Die Informationen, die sie preisgeben, ihre scheinbar ‚privaten‘ Nachrichten untereinander, alles ist von irgendeiner Seite einsehbar. Aber es ist genau dieses Gefühl, diese Atmosphäre, die notwendig ist, um etwas von sich preiszugeben – und dazu zählt auch die Veröffentlichung von eigenen bildnerischen Produktionen. Freunden zeigt man schließlich, was man geschaffen hat. Und Freunde bittet man auch um ihre Meinung. Die Anerkennung und Wertschätzung, die die Mädchen für ihre Arbeiten im Forum bekommen, ist möglicherweise das, was sie zu Hause, in ihrer Familie oder bei Freunden vergeblich suchen. Das mediale Expertentum der Heranwachsenden bezüglich Internet, TV, Film, Computerspiele etc. wird vonseiten der Eltern und Erzieher oft ignoriert oder misstrauisch zur 175 Ebd., S. 41. 176 Ebd., S. 41. 177 Zaremba 2010, S. 185. 127 Kenntnis genommen. Daher wählen Fanartists ihre eigenen, favorisierten Kulturgüter aus, die jenseits legitimer Kunst angesiedelt sind. Über die für sie persönlich bedeutungsvollen Werke führen sie intensive, kenntnisreiche Dialoge […].178 Ein erster Einblick in die Kommunikationsstrukturen im Topmodel-Forum wurde bereits in Kapitel 6.2 gegeben. Dass positive Kritik, Lob und Anerkennung die Zeichenaktivität der Userinnen beeinflussen, soll am Beispiel einiger Userinnen des deutschen und französischen Topmodel-Forums deutlich gemacht werden. Die deutsche Userin Antoniia, die bereits im vorangegangen Kapitel mit einer Arbeit vorgestellt wurde, ist seit dem 22. Juli 2012 Mitglied im Topmodel-Forum. Seitdem hat sie 155 Zeichnungen hochgeladen. Ihre Motivation für das Zeichnen scheint nicht zuletzt durch die positive Resonanz verstärkt zu werden, die sie für ihre Produktionen erhält. Äußerungen wie „Wow echt hammmer!!! das sieht soooooo tolll und hübsch aus!!!!!! Wow echt hammmmmmmmer ich wünschte ich könnte auch so malen!!!!!!!!!“ oder „und schon wieder habe ich ein naturtalent gefunden“ schmeicheln der Zeichnerin zweifelsohne, schließlich kommen sie von ‚Topmodel-Expertinnen‘. „[Hierin] zeigt sich der Stellenwert vom öffentlichen sozialen Austausch unter Fanartists: Bekommt ein Werk viele (gute) Kommentare und Bewertungen, ist das eine positive öffentliche Sanktion, für die es sich ‚lohnt‘, ebenfalls Zeit und Aufwand zu investieren“.179 Eine ähnliche Wirkung scheint auch auf die zeichnerische Aktivität von Dannylynn zuzutreffen (Mitglied des deutschen Topmodel-Forums seit dem 27. Juli 2012, 95 veröffentliche Zeichnungen). Ihre Exponate sind mit denen von Antoniia im Hinblick auf Technik und Ausarbeitung vergleichbar. Beide achten auf eine sehr präzise und saubere Arbeitsweise, ihre Designs sind hip und kommen bei den Mädchen gut an. Entsprechend positiv sind auch die 178 Ebd., S. 185. 179 Ebd., S. 182. Abb. 29Abb. 28 128 Reaktionen. Angel99 findet, „besser hätte man das nicht malen können“ und auch PiaLotti ist überwältigt: „das ist wünderschön geworden!!!! Danke für die tolle Wittmung!“. Wer sich auf Wettbewerbe innerhalb der Topmodel-Community einlässt, kann auf noch mehr Zuspruch, vor allem seitens der Wettbewerbsleiterin, hoffen.180 In dem Fall haben die Zeichnerinnen sowohl die Aufmerksamkeit ihrer Konkurrentinnen sicher als auch das Interesse der Userinnen, die nicht am Wettbewerb teilnehmen, sich aber dennoch zu den Produktionen äußern. Für ihre Zeichnung, die im Rahmen des Wettbewerbs von YumiLyoko entstanden ist (Abb. 28), erhält die französische Userin Demi-Aure 64 Bewertungen und durchschnittlich acht étoiles. YumiLyoko lobt: „Bravo , elle est vraiment magnifique !:) Il suffit juste d’attendre les résultats maintenant !;)“ (übersetzt: Klasse, sie ist wirklich wunderschön. Jetzt gilt es nur noch, die Ergebnisse abzuwarten.). Auch die anderen Userinnen verleihen ihrer Begeisterung Ausdruck („Il n’y a pas de mot pour ça c’est juste trop beau“, übersetzt: Dafür gibt es keine Worte. Das ist einfach zu schön.; ebenso wie „sublim tu dois être styliste“, übersetzt: überwältigend. Du musst eine Designerin sein.). Die Teilnahme an einem Wettbewerb zum Thema ‚Rettet den Regenwald‘ von Tappy-Star (Abb. 29) beschert der deutschen Userin Gogolino ähnlich viel Lob. Tappy-Star selbst findet „besonders die Haut und die Kleidung“ gelungen. Diese Zeichnung ist eine der wenigen, bei der nicht nur die Topmodel-Figur, sondern auch der Hintergrund ausgearbeitet wurde. Dies wird von einer Userin besonders gelobt („Ich finde es toll das du den hintergrund gemacht hast“). Dass die Gestaltung eines Hintergrundes besonders lobend hervorgehoben wird, und das nicht nur in dieser Zeichnung, lässt im Übrigen eine grundlegende Wandlung mit Blick auf die Gestaltung der Bildfläche in Zeichnungen Heranwachsender erahnen, die in Kapitel 5 anhand konkreter Bildbeispiele analysiert werden wird. Die Beispiele für Lob und Anerkennung als Motivation bildnerischen Schaffens sind endlos. Ein Blick ins Topmodel-Forum verrät, dass der Ursprung für die hohe Zeichenmotivation tatsächlich erst in der Veröffentlichung der eigenen Werke liegt. Wenn ihr viel positives Feedback folgt, ist das ein Grund mehr, sich anzustrengen und die Figuren in teils stundenlanger Arbeit zur Perfektion zu bringen. Darin spiegelt sich ein Phänomen wider, wie es zunächst nicht ungewöhnlich ist. Es ist längst bekannt, dass die Quantität der ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen unter anderem auch davon abhängt, wie sehr ihre Arbeiten von ihrem Umfeld geschätzt werden. Ein ganz wesentlicher Unterschied zu dem eigentlich altbekannten Phänomen ist jedoch, dass sich die Räume, in denen man nach Lob und Anerkennung sucht, längst aus dem familiären Umfeld gelöst haben und in virtuelle Lebenswelten verlagert wurden. Es sind nicht mehr Eltern, Tanten oder Onkel, denen Zeichnungen gewidmet werden, sondern Mädchen, die sich FashionLoveLife, Bella7xx oder Siley nennen. 180 Vgl. ebd. 129 6.4 Sehnsucht, Traum und Paradies – Die Schaffung einer Gegenwelt Die Konstruktion von Welt, wie sie in der Topmodel-Community stattfindet, ist insofern kritisch zu betrachten, als sie gleichzeitig zu einer Konstruktion von Wirklichkeit beiträgt, die ihre Mitglieder glauben lässt, die Topmodel-Welt sei die einzig wahre und erstrebenswerte. Manch eine/r mag diese Hypothese übertrieben finden. Dass Kinder und Jugendliche häufig dazu neigen, sich in unterschiedlichsten Kontexten und Situationen eine eigene Welt zu schaffen (das Zeichnen stellt hier keine Ausnahme dar), ist zunächst einmal nichts Beunruhigendes, es stellt im Gegenteil einen wesentlichen Beitrag zur Konstruktion ihrer eigenen Lebenswirklichkeit dar. „Die mediale Lust an der Magie führt zur Aufhebung der starren naturwissenschaftlichen Alltagswelt und schafft Räume für Kinder, die intermediär wieder Innen- und Außenwelten fantasievoll zusammenführen und zu einer Remythologisierung der Lebenswelt führen.“181 Trotzdem müssen diese Traumwelten, die gleichzeitig die Funktion von Gegenwelten übernehmen, differenziert betrachtet werden. Es soll nicht der Eindruck entstehen, Internetforen hätten eine grundsätzlich gefährdende Wirkung auf Kinder- und Jugendliche und beeinflussten die Lebenswelt ihrer Mitglieder ausnahmslos negativ. Dieses Kapitel soll lediglich den Blick für die durch die Foren erschaffenen Gegenwelten schärfen, und kritisch hinterfragen, welche Bedeutung diesen Gegenwelten zukommt und inwiefern sie auf die Lebenswirklichkeit der Mädchen Einfluss nehmen. Wie ästhetische Sozialisation im Topmodel-Forum funktioniert, wurde in den vorangegangenen Kapiteln bereits vorgestellt. Außerdem ist deutlich geworden, welche möglichen Auswirkungen die ‚Topmodel-Ästhetik‘ auf das Körperempfinden, das Verständnis von Weiblichkeit und auf die Wahrnehmung geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen von Mädchen haben kann. Eine ganz wesentliche Botschaft, die nicht nur die Topmodel-Community, sondern Medien allgemein vermitteln, ist, dass Erfolg an Schönheit gekoppelt ist. Wer schön ist, „[erlebt] eher romantische Beziehungen […], [wird] moralisch besser bewertet und am Ende eher belohnt“.182 Dieses Bild wird im Topmodel-Forum in vielerlei Hinsicht verbreitet. Diskussionsforen mit Titeln wie „Cellulite-Kampf“ (Frz.: Combattre la cellulite), „Sieben Tage Fitnessplan“ (Frz.: Sport) oder „Iss dich schick“ (Frz.: Alimentation) vermitteln den Mädchen (bereits ab einem Alter von acht Jahren!) das Gefühl, ihr einziges Lebensziel sei es, schön zu sein.183 Die Werteerziehung, die diesen Botschaften zugrunde liegt, kann verheerende Folgen haben. Darüber vergessen Mädchen, was wirklich wichtig ist in ihrem Leben, was sie wirklich glücklich macht. Solche und ähnliche Bilder bewirken genau das Gegenteil und können vor allem bei adoleszenten Mädchen in Unzufriedenheit mit sich, dem eigenen Körper und folglich in Essstörungen münden.184 Das Topmodel-Forum schafft für Mädchen eine Welt, in der scheinbar alles möglich, alles erreichbar ist. 181 Fuhs 2014, S. 69. 182 Schemer 2006, S. 12 f. 183 Vgl. Dangendorf 2012. 184 Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass allgemein von multifaktoralen Einflüssen ausgegangen wird, die für Essstörungen verantwortlich sind. Der mediale Einfluss ist demnach nur ein Faktor von vielen. 130 Das Zeichnen spielt bei der Konstruktion dieser Gegenwelt eine wesentliche Rolle. Die Malvorlagen, Stifte, alle Produkte der Kreativserie, die die Mädchen zum Zeichnen benutzen, sind Teil dieser pinkifizierten Welt. Farben, Glitzersteinchen, Rüschchen, Schleifchen – alles erinnert an ein Märchen. Das Zeichnen in Form von Reproduktionen immer gleicher Motive kann als eine „Form des Wünschens“185 verstanden werden, als eine Art Magie, die es den Mädchen ermöglicht, die ersehnte und gewünschte Figur ‚in ihr Zimmer zu holen‘.186 Die Zeichnungen, die entstehen, fügen sich perfekt in das Bild einer zauberhaften Topmodel-Welt. Alles wird in einen Glanz getaucht, präsentiert sich wie durch eine rosa-rote Brille. In dieser Welt müssen sie nicht endlose Diskussionen mit Eltern führen, keine Streitereien mit Freundinnen ausstehen, sich nicht über Lehrerinnen und Lehrer ärgern, nicht mühsam lernen und Hausaufgaben machen. In der Topmodel-Welt ist das alles nicht wichtig. Sie ist ein Ort, an dem sie sich (translokal) in eine imaginierte Gemeinschaft eingebunden fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können. Im Internet tauschen sie sich nicht nur mit Menschen aus, die – oftmals im Gegensatz zu engen Familienangehörigen und Freunden – ihre Begeisterung und Vorliebe für spezifische Interessen und Leidenschaften […] teilen, der Ort ermöglicht ihnen außerdem auch die Produktion und Distribution kreativer Fantexte. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Anerkennung unter Gleichgesinnten.187 Die Mädchen können den ganzen Tag damit verbringen, Kleidung zu entwerfen, neue Trends ‚abzuchecken‘, ihr fiktives Model zu schminken, es von Berlin nach London oder New York zum Shoppen zu begleiten, Freundschaften per Mausklick zu schließen oder sich mit den neu gewonnen Freundinnen über Mode, Styling und Make-up auszutauschen. Alles erscheint so einfach, zwanglos. Nichts muss, alles kann. Ein trügerisches Gefühl. Nichts von alledem erinnert an die Welt, die die Mädchen außerhalb der Topmodel-Community umgibt. Dass sie sich eine Welt suchen, in der sie sich angenommen fühlen, in der ihre Träume realisierbar erscheinen, ist nicht verwunderlich und sollte nicht verurteilt werden. Was sie nicht ahnen: Diese scheinbar zauberhafte Märchenwelt ist in Wahrheit nur eine Illusion, die von Marketingstrategen geschaffen wurde. Ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Konstrukt, das unter dem Deckmantel des Guten, Wahren und Schönen die enorme Manipulation kindlicher Normen und Werte zu verschleiern versucht. Während Tillmann von einem Möglichkeitsraum spricht, „in dem Mädchen und junge Frauen ihre weibliche Identität selbstbestimmt konstruieren können“188, muss dieser Gedanke mit Blick auf das Topmodel-Forum doch besonders kritisch hinterfragt werden. Besonders gefährlich erscheint das von der Topmodel-Community vermittelte Schönheitsideal. Es hat nichts mit der Realität der Mädchen zu tun. Welches Mädchen sieht aus wie die dünnen, langbeinigen Lolitas aus der Topmodel-Welt? Welchen Preis müssten sie in Wahrheit zahlen, um so aussehen zu können? Da die Topmodel-Welt in unterschiedlichster Form wie 185 Ströter-Bender 2010, S. 247. 186 Vgl. ebd. 187 Tillmann, Angela: Girls_Spaces: Mädchen-Szenen und Mädchen-Räume im Internet. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Jugendkulturen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010. S. 245. 188 Ebd., S. 246. 131 selbstverständlich in den Alltag der Mädchen hineinwirkt, kann davon ausgegangen werden, dass die darin vermittelten Normen und Werte in die Denk- und Verhaltensweisen der Mädchen übernommen werden. Hier unterscheidet sich der Einfluss der Kreativserie nicht von dem anderer Medien, die in die Lebenswelt der Heranwachsenden eingreifen. Es liegt die Vermutung nahe, dass Realität und Fiktion einander begünstigen. Die Bilder und Vorstellungen von weiblicher Identität, die im Topmodel-Forum vermittelt werden, werden möglicherweise auch deswegen so widerstandslos und unkritisch angenommen, da sie sich von den Rollenzuschreibungen, die in der Gesellschaft und damit in der Lebenswirklichkeit der Mädchen existieren, nicht sonderlich unterscheiden. Die Gegenwelt, in der ihre Sehnsüchte und Träume nicht auf Sanktion, sondern im Gegenteil auf Zuspruch und Verständnis stoßen, ist eigentlich kaum mehr von der Lebenswirklichkeit zu unterscheiden. Aber im Gegenteil zur Realität schafft sie es, sie glanzvoller zu verpacken. 6.5 Der verlorene Raum Die Darstellung von Raum gehört in der Kinderzeichnungsforschung zu einem bedeutenden Forschungsgegenstand. In den großen Werken zur Entwicklung der Kinderzeichnung sowie ihrer Analyse gilt der Raum bzw. die Entstehung von Raum als ein aufschlussreiches Merkmal zur Bestimmung der bildnerischen Ontogenese eines Kindes. Wie wird Raum als solcher vom Kind begriffen? Wie wird er dargestellt? Welche Bedeutung hat die An- bzw. Abwesenheit von Raum? An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass in diesem Kapitel die Darstellung von Raum, nicht aber die räumliche Darstellung Gegenstand der Diskussion ist. Aus Sicht des Kindes kommt dem Raum anfänglich eine weitaus weniger hohe Bedeutung zu. Weil der Raum für das Kind selbstverständlich da ist, kommt er anfangs als Problem überhaupt nicht vor. Zur Orientierung in der Welt ist vorab die vereinzelnde Herauslösung der Gegenstände aus dem Raumchaos vordringlich. Räumliche Gegebenheiten treten vorerst nur als gegenständliche Raumgrenzen wie Boden, Teppich, Wände, Wege usw. auf. […] Das liegende Blatt des Zeichners ist die eingegrenzte Bodenfläche auf demselben Boden […], auf den sich das Kind selbst begibt und bewegt, einem Spielteppich ähnlich, auf dem es seine Autos hin und her schiebt oder das Püppchen spazierenführt.189 Der Raum in der Kinderzeichnung ist wie eine Art Bühne, auf der Dinge geschehen – und wird dadurch per se sinnstiftender Teil der Geschichte, die eine Kinderzeichnung zu erzählen vermag. Die Gestaltung des Raumes, d. h. die Nutzung der Bildfläche, sorgt für eine konkrete Verortung der Figuren im Bild, setzt sie in einen sinnstiftenden Kontext und verschafft ihnen damit eine feste Position, sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes ‚Boden unter den Füßen‘. „Die Raumprobleme ergeben sich erst später, wenn auch ferne, nicht mehr mit den Händen erreichbare Weltgegenstände dargestellt werden.“190 An anderer Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Diskussion um Raum in Topmodel-Zeichnungen weniger aufgrund seiner An- als vielmehr aufgrund seiner Abwesenheit 189 Schrader, Walter: Die sinnerfüllte Kinderzeichnung von innen begriffen. Hohengehren: Schneider, 2000. S. 288. 190 Schrader 2000, S. 288. 132 unbedingt geführt werden muss. Auf Grundlage dieser Überlegungen darf der (verlorene) Raum folglich nicht nur als formales Merkmal einer Zeichnung verstanden werden, sondern muss unter Berücksichtigung kunstpädagogischer und gesellschaftspolitischer Fragestellungen im Sinne einer Psychologie des Raumes begriffen und analysiert werden. Konkrete Antworten auf die Frage nach dem verlorenen Raum wird dieses Kapitel nicht geben. Betrachtet man Topmodel-Zeichnungen, angefertigt von Mädchen meist zwischen acht und 15 Jahren, so fällt neben der Tatsache, dass sich die eine kaum von der anderen unterscheiden lässt, eine weitere Gemeinsamkeit auf: Die Bildfläche ist meist Bühne für nur eine einzige Bildfigur. Das Model in der Bildmitte ist umgeben von einer weißen, meist unberührten Fläche, die, ist das Model ausgemalt, ungefähr drei Viertel der Gesamtfläche ausmacht. Eine Fläche, die geradezu danach schreit, gestaltet zu werden. Doch in der Topmodel-Community gilt: Ist die Topmodel-Vorlage ausgemalt, ist die Zeichnung fertig. So schweben lauter zarte Topmodels in luftleeren Räumen. Was könnte dort alles entstehen? Welche Bildszenen könnten sich um die Figur spinnen? Welche Geschichten könnten dadurch erzählt werden? Zugegebenermaßen fügen sich diese starren Figuren nur schwer in ein aus der Fantasie eines Kindes entsprungenes Bildmotiv. Die unnatürliche Körperhaltung – vorangestelltes Bein, leicht ausgestreckte Arme, ein geneigter Kopf – wirkt in jeder kindlichen Szenerie unpassend. Ist das Motiv des Models folglich das Problem? Erlauben es die Topmodel-Malbücher nicht, eine komplette Bildfläche zu gestalten? Ist dies gar nicht gewünscht? Es scheint, als zielten diese Fragen auf einen der Hauptgründe ab, der für den Verlust von Raum in der Topmodel-Zeichnung verantwortlich zu sein scheint. Der historische Vergleich der Mädchenzeichnungen hat erste Hinweise darauf gegeben, dass die Modezeichnung per se nicht dazu prädestiniert zu sein scheint, die Aufmerksamkeit vom ursprünglichen Bildobjekt zu lösen und den umliegenden Bildraum zu gestalten. Vorbilder wie Modekataloge oder –zeitschriften scheinen bei der Übernahme dieses Musters eine nicht zu unterschätzende Rolle zu spielen, wie auch die Zeichnerin Anna (vgl. Kapitel 3.2) im Nachhinein bestätigt. Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass es unumstritten charakteristischer Teil der ästhetischen Sozialisation in der Topmodel-Welt ist, sich auf das vermeintlich Wesentliche zu konzentrieren, das Model in seiner Schönheit und Vollkommenheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Das allein erscheint wichtig, nichts Anderes zählt. Die Wertschätzung der Topmodel-Zeichnungen erfolgt durch andere Kriterien (vgl. Kapitel 6.3). Die Ausgestaltung des Hintergrundes gehört nicht (zwangsläufig) dazu. Die stichprobenartige Auswertung der Pinnwandeinträge im Topmodel-Forum hat ergeben, dass negative Kritik niemals an das Fehlen eines Hintergrundes geknüpft ist. In die Kritik genommen werden Merkmale wie Farbauftrag, Ideenreichtum und Art der Kleidung, die eine Zeichnerin für ihre Bildfigur auswählt. Völlig ausreichend erscheint in der Bewertung der Zeichnungen durch die Zeichnerinnen selbst, aber auch durch andere Userinnen im Forum die Kolorierung des Hintergrundes in einer Farbe – bei Arbeiten, die mithilfe digitaler Bildbearbeitungsprogramme entstanden sind, sind Hintergründe mit Lichtreflexen oder Glitzereffekten besonders 133 beliebt. Ein Blick auf die Malvorlagen der Topmodel-Malbücher verrät, warum die Mädchen Gefallen an dieser Art der Hintergrundgestaltung finden. Außerdem, und hier wird ein weiterer möglicher Grund für das Fehlen des Hintergrundes sichtbar, fehlt den Mädchen nicht selten die Geduld, um nach der zeitintensiven Gestaltung der Topmodel-Figur die übrige Bildfläche zu füllen. Diese Annahme verstärkt sich mit Blick auf die Interviews, die im Rahmen dieser Forschung geführt wurden. Einzelnachweise werden in Kapitel 8 gegeben. Die schwindende Ausdauer bringt auch Wiegelmann-Bals in ihren Forschungsergebnissen zum historischen Vergleich von Kinderzeichnungen als einen Grund für weniger komplexe und differenzierte Bildkompositionen an.191 Aus der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Untersuchung geht außerdem hervor, dass das Zeichen/Malen häufig eine Aktivität ‚zwischen Tür und Angel‘ ist, eine Beschäftigung zwischen Schule und Tanzunterricht oder anderen, termingebundenen Hobbys. Das Zeichen/ Malen selbst wird von den Mädchen selten bis gar nicht als Hobby bezeichnet. Damit wird auch seine Bedeutung im Alltag der Mädchen deutlich. Wenn es also nicht als vollfertige Freizeitbeschäftigung angesehen wird, erscheint die Tatsache, dass Ausdauer und Geduld fehlen, auch eine Frage der Hierarchisierung zu sein. Ist das Zeichnen/Malen es nicht wert, dass man sich eingehend damit beschäftigt? Ist die Ausbildung künstlerischer Fertigkeiten wie dieser weniger wichtig als die Ausübung eines Sports oder das Erlernen eines Instruments? Fragen, die nicht zuletzt auch mit Blick auf die künstlerische Ausbildung in der Schule und ihre Wertschätzung im schulischen System wesentlich erscheinen. In Kapitel 8 werden diese Fragen noch einmal aufgegriffen und diskutiert. (Fehlende) Ausdauer und Zeit(-mangel) scheinen eng miteinander verknüpft. Überorganisierte Wochentage lassen den Mädchen kaum noch die Möglichkeit, sich einer Aktivität mit Ruhe und Muße zu widmen. Sie sind ständig in Bewegung, ständig unter Druck, verweilen nur selten für längere Zeit am Tag an einem Ort. Zeit, sich mit einem Blatt Papier und Stiften hinzusetzen und sich einem Motiv in aller Ruhe zu widmen, bleibt da nur selten. Das beinah dauerhafte ‚In-Aktion-sein‘ sorgt für eine Rastlosigkeit, die einer entschleunigten Beschäftigung wie dem Zeichnen oder Malen entgegensteht. Nicht zu unterschätzen ist sicherlich auch die Tatsache, dass die Gestaltung des Hintergrundes eine Loslösung von der Malvorlage und eine eigenständige Ausformulierung der Bildfläche bedeuten würde. Sich aus dieser Sicherheitszone herauszuwagen und eigene, nicht vorgegebene Ideen zu entwickeln und umzusetzen, erscheint für viele Mädchen unmöglich. Ihre Begeisterung für die Topmodel-Malbücher rührt schließlich nicht zuletzt daher, dass weder die eigene Kreativität noch besonderes zeichnerisches Können gefordert ist, da dank zahlreicher Malvorlagen und diverser Hilfsmittel alles ‚Notwendige‘ vorhanden ist. Die Sorge, das Bild durch eigene Motive zu ‚stören‘ – schließlich ist nichts so schön, nichts so vollkommen wie die Vorlage – steht bei vielen Mädchen über dem Wunsch, dem Bild eine eigene Handschrift zu verleihen. So entstehen lauter halbfertige Bilder. Sie sind Spiegelbilder einer Generation, die ‚müde‘ ist, die über den Mangel eigener Ideen klagt, deren Ungeduld mit sich selbst so viel Wert- 191 Vgl. Wiegelmann-Bals 2009. 134 volles verhindert; eine Generation, die trotz oder gerade wegen des Überangebots an Freizeitaktivitäten so leer ist, ja, verloren. Die Folgen sind sowohl aus gesellschaftspolitischer als auch aus kunstpädagogischer Sicht dramatisch. Sie beziehen sich längst nicht mehr nur auf die Bildfläche. Es ist ein Verlust, der schwerer wiegt. Auf welche Weise ästhetische Sozialisation in der Topmodel-Community funktioniert, wurde bereits an anderer Stelle in diesem Kapitel herausgestellt. Der Ermutigung zu Zeichnungen, die keine andere Absicht verfolgen als die, die Schönheit einer weiblichen Bildfigur in den Vordergrund zu stellen, wohnt eine Botschaft inne, die nicht nur auf die ästhetische, sondern auf die Sozialisation einer ganzen Generation von Mädchen insgesamt Einfluss nimmt. Die Zeichnungen sind Spiegelbild einer heranwachsenden Generation von Mädchen, deren Hauptaufgabe im Leben darin bestehen soll, schön, erfolgreich und beliebt zu sein.192 Nichts Anderes zählt. Es ist zu erahnen, was für eine Art Generation dabei heranwächst. Das Model im leeren Bildraum zeichnet das Bild einer Generation, die, wenn sie eines Tages die Entwicklung nicht erkennt und aufzuhalten versucht, in die Falle einer Gesellschaft tappt, die unter dem Deckmantel der Toleranz und Unabhängigkeit zu Egoismus und schließlich zur Vereinsamung führen (vgl. Kapitel 3.4). Es ist von einer Generation die Rede, in der das ‚Ich‘ an erster Stelle steht, die, ergriffen von sich selbst, den Wert des ‚Wir‘ nicht mehr zu schätzen weiß. Die Folgen, die sich mit Blick auf die Kunstpädagogik ergeben, führen zurück zum Bild selbst und lassen vermuten, dass mangelnde Ausdauer und Bereitschaft, sich einer Sache mit Hingabe zu widmen, zu bildnerischen Produktionen führen, die frei von kindlicher Lebensfreude und Ideenreichtum sind, die nichts als gähnende Leere in sich tragen. Ist die Umwelt des Kindes nicht mehr Anregung genug, als dass sie in kreative Prozesse eingebunden und mit eigenen Ideen und Fantasien verknüpft werden könnte? Angebote wie die des ‚Creative Studio by Depesche‘ tragen zu einem Kunstverständnis bei, das, ebenso wie die Rollenstereotype, die es verbreitet, überholt erscheint. Die Kreativserie greift mit diesem antiquierten Kunstverständnis, das Begriffen wie Schönheit und Sorgfalt folgt, so früh in die ästhetische Sozialisation der Mädchen, dass Institutionen wie Kindergarten und Schule umso engagierter um die Etablierung alternativer Sehweisen kämpfen müssen. Es sollte um die Etablierung eines Kunstbegriffes gehen, der den Ideen und der Kreativität des Kindes ausreichend Raum gibt, der den kindlichen Ausdruck stärkt und die individuelle Handschrift eines jeden Kindes wertschätzt. Kunst sollte dazu da sein, sich ausdrücken zu können, frei von Reglementierungen, die die Individualität eines Kindes untergraben und ihm den Mut nehmen, beherzt zu Stift und Papier zu greifen, weil die Angst besteht, es könne etwas ‚falsch‘ machen. Ein Richtig oder Falsch kann es nicht geben. Sobald einer der beiden Begriffe in der Kommunikation über Kunst fällt, erhält der andere automatisch seine Legitimation. Sich dagegen zu wehren und Kinder in ihrer Vielseitigkeit zu stärken, ihnen bewusst zu machen, dass alles, was sie aus eigener Hand schaffen, wertvoll ist, sollte daher oberstes Ziel des Kunstunterrichts sein. 192 Vgl. Labre; Walsh 2003.

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References

Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.