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5. Gender – Materialität – Kinderzeichnung in:

Eva Miriam Capell

Zur Globalisierung der Mädchenzeichnung - die Kreativserie Topmodel, page 103 - 116

Eine aktuelle Untersuchung in deutschen und französischen Fanforen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4215-1, ISBN online: 978-3-8288-7120-5, https://doi.org/10.5771/9783828871205-103

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 17

Tectum, Baden-Baden
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103 5. Gender – Materialität – Kinderzeichnung Die Begriffe Gender, Materialität und Kinderzeichnung wurden bis hierhin weitestgehend getrennt voneinander diskutiert. Ihre Verortung in einen sinnstiftenden Zusammenhang er- öffnet neue Blickwinkel und Perspektiven, die einen erweiterten Diskurs über ihre Interdependenz und damit über ihre Bedeutung füreinander erlauben. Im Mittelpunkt aller Überlegungen steht der Begriff der Materialität. Seine Diskussion ist nicht zuletzt dem neue[n] Bedürfnis [geschuldet], das Materielle zu fassen, die materiell-konkreten Grundlagen der Kultur zu durchdringen und zu verstehen. Das Sichtbarmachen des Konkreten, das Erfühlen und Ertasten des haptisch Erfahrbaren, Handhabbaren erlebt derzeit eine erstaunliche Konjunktur, ob in der Mode, im Comeback besonderer, naturnaher Materialien, in der modernen Kunst oder in den neueren Tendenzen der Kulturwissenschaften.141 Die Diskussion um Materialität kann und muss auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden. Die Verbindung dieses Begriffs mit dem der Kinderzeichnung ist folglich nur eine Möglichkeit von vielen und erscheint nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller technischer Entwicklungen, die auch an der Kinder- und Jugendzeichnung nicht spurlos vorübergehen (vgl. Kapitel 1), von besonderer Bedeutung zu sein. Es wäre sogar zu überlegen, ob nicht die jüngste Generation der Handy- und Smartphone-Gestaltung, die fulminante Hochkonjunktur von iPhone und Touchscreens, sich der geheimen Sehnsucht verdankt, die fortschrittlichsten, dem Laien unzugänglichen Medientechniken wieder in handliche Nähe zu rücken und ihnen körperhafte, materiellkonkrete Präsenz zu verleihen. Das Apple-iPhone präsentiert dem Benutzer Fenster in die virtuellen Räume des Internets zum Anfassen, gibt ihm neben dem Designcharakter eine beruhigende Handlichkeit und portable Vertrautheit, beheimatet die insubstantiellen Spaziergänge im World Wide Web, die man nunmehr als portable Kleinigkeit in der Handtasche oder Westentasche mitnehmen kann.142 Simonis’ Überlegungen treffen den sprichwörtlichen Zahn der Zeit. Die Verlagerung von ästhetisch-produktiven Aktivitäten in virtuelle Räume der neuesten Internetgeneration, wie Kirchner et al. das Phänomen beschreiben143, verlangt geradezu nach einer Annäherung an den Materialitätsbegriff über die Frage, welche Bedeutung ihm in einer digitalisierten Welt wie dieser, in der alles glatt, makellos, geradezu ‚perfekt‘ zu sein scheint, überhaupt noch zukommt. Die Frage um die Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung erscheint vor dem Hintergrund dieser Überlegungen von besonderer Brisanz und Aktualität zu sein. 141 Simonis, Annette: Der Traum der Materialität – Ein ästhetischer Diskurs über Visualität und Materialität in den Künsten. In: Strässle, Thomas (u. a.) (Hrsg.): Das Zusammenspiel der Materialitäten in den Künsten. Theorien – Praktiken – Perspektiven. Bielefeld: Transcript, 2013. S. 221. 142 Ebd., S. 221 f. 143 Vgl. Kirchner et al. 2010. 104 Gleichzeitig sind sie im Rahmen dieser Forschung nicht von genderspezifischen Fragestellungen zu trennen. Die Verbindung der Begriffe Materialität und Gender ist keine, die sich auf den ersten Blick zu erschließen vermag. Ein zweiter Blick auf die Malbücher der Kreativserie Topmodel verrät jedoch, warum die Diskussionen der Begriffe nicht mehr länger unabhängig voneinander geführt werden können. 5.1 Bedeutung von Materialität in der Kreativserie Topmodel am Beispiel des Malbuchs Topmodel Glamour Special In diesem Kapitel soll die Frage nach der Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung konkretisiert und anhand eines Malbuchs aus dem ‚Creative Studio‘ der Kreativserie Topmodel erläutert werden. Es wird darum gehen, die Bedeutung von Materialität hinsichtlich der Kreativserie Topmodel zu analysieren, ihren Wert, ihre Art und Weise der Darstellung sowie den Anspruch, den ihre Darstellung verfolgt, zu hinterfragen und die neu gewonnenen Erkenntnisse in einer anschließenden Diskussion zusammenzufassen. Wertvolle, für diesen Kontext hoch spannende Denkanstöße liefert Schachtner mit ihrem Buch zur Beziehung von Kindern zu Dingen und der Aussage, ausgehend von Untersuchungen durch Lewin, beide stünden in einer wechselseitigen Beziehung zueinander.144 Aus einer sozialpsychologischen Perspektive führte Kurt Lewin in den 20er Jahren den ‚Aufforderungscharakter‘ der Dinge ein. Er wollte darauf aufmerksam machen, dass sich die Menschen nicht einer neutralen, sondern einer stimulierenden Dingwelt gegen- übersehen, die ihnen freundlich oder feindlich begegnet, die lockt, motiviert, erschreckt. Dinge sind, wie Lewin beschreibt, mit ‚willensartigen Tendenzen‘ ausgestattet, die sich bereits dem Kleinkind offenbaren.145 Die Bezugnahme auf den Begriff des Aufforderungscharakters erscheint in der Diskussion um Materialitäten in der Kreativserie Topmodel und ihre Bedeutung unumgänglich. Die Untersuchung des Malbuchs Topmodel Glamour Special erfolgt unter besonderer Beobachtung der verwendeten Muster, der Farbwahl sowie der Wertigkeit der Materialien. In den Blick genommen werden dafür folgende Bestandteile des Malbuchs: 1. Cover 2. Sticker 3. Stoffimitate 4. Schablonen 144 Schachtner, Christina: Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FabLabs. Bielefeld: Transcript, 2014. 145 Ebd., S. 9. 105 5.1.1 Muster Der Begriff des Musters nimmt in der Kreativserie Topmodel eine in zweierlei Hinsicht bedeutsame Rolle ein. Das Muster im engen Sinn des Wortes, d. h. als ästhetisches Gestaltungsmittel, ist als solches in unterschiedlichen Ausführungen Teil der ästhetischen Gestaltung der Topmodel-Produkte und gleichzeitig Erkennungsmerkmal der Topmodel-Serie. Bestimmte Muster tauchen immer wieder auf. Dasselbe gilt für das Muster im weiteren Sinne des Wortes, d. h. in seiner Bedeutung als Denkmuster, das eine bestimmte Botschaft zu transportieren vermag. Die Reproduktion von Mustern – beide Wortbedeutungen einschließend – zieht sich wie ein roter Faden durch die Kreativserie Topmodel. Cover Das Cover des Topmodel Glamour Special-Malbuchs wird von zwei fiktiven Topmodel- Charakteren geschmückt, deren Namen – Candy und Hayden – in verschnörkelter Silberschrift auf Hüfthöhe der beiden Models zu erkennen sind. Candy ist dem Betrachterauge ganz nah, ihr Oberkörper mit dem großen, herzförmigen Kopf präsentiert sich in der linken Bildhälfte, während Hayden in gewohnter Topmodel-Catwalk- P ose im Hintergrund zu sehen ist. Die Darstellung der beiden Topmodel-Figuren folgt einem bestimmten Muster, das sich in den Malvorlagen in x-facher Ausführung wiederfindet. Daraus ergibt sich ein Stereotyp, dessen Darstellung vor dem Hintergrund der Genderproblematik unbedingt diskutiert werden muss. Kapitel 4 nimmt sich dieser Diskussion in besonderem Maße an. Das Muster, das sich aus der Figurendarstellung ergibt, lässt sich wie folgt beschreiben: Besonders auffällig erscheint der große Kopf, der aufgrund seiner Maße die ohnehin naturfernen Proportionen der Topmodel-Körper unterstreicht. Er passt nur ungefähr 4 ½-mal in den Körper der Figur und ist damit weit von allseits bekannten Proportionsregeln entfernt, die die Größe der menschlichen Figur an sieben bis acht Kopflängen messen. Ein immer wiederkehrendes Muster ist außerdem das Gesicht der Topmodels. Es besticht stets durch übergroße, mandelförmige Augen mit einer stark geweiteten, schwarzen Pupille, einer zart angedeuteten Stupsnase, wie sie sonst nur bei Neugeborenen zu sehen ist, sowie einem meist rosagefärbten Schmollmund. Die übrigen Körperproportionen sind an der fiktiven Bildfigur Hayden auszumachen; besonders deutlich zu erkennen sind sie – da unbekleidet – auf den Malvorlagen. Sie folgen ebenfalls ein und demselben Schema. Die Unnatürlichkeit der Körperproportionen wird hier ein weiteres Mal durch die Länge der Beine im Vergleich zum Oberkörper unterstrichen. Der Oberkörper, kurz und mit auffällig schlanker Taille, passt ungefähr dreimal in die ebenso dünnen Beine der Figur. Besondere Aufmerksamkeit wird der Länge der Beine durch den hohen Schlitz des langen Kleides geschenkt, das Hayden auf dem Cover trägt und dessen Muster einen ersten Hinweis darauf gibt, welche Art von Stoffimitaten im Malbuch zu finden sind. 106 Unabhängig von den Topmodels weist das Cover Muster auf, die charakteristisch für die Glamour-Serie der Topmodel-Malbücher sind. Besonders auffällig präsentieren sich die silberfarbenen Ranken, die den Rand des Buches verzieren. Ihre zarten Linien und floralen Formen fügen sich in das Bild einer glanzvollen und glamourösen Topmodel-Welt. Die haptische Erfahrung, die sich beim Betasten dieser und weiterer Bildelemente ergibt, spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Ebenso typisch für die Glamour-Serie erscheinen die sternförmigen Glitzereffekte, die sich über die Bildfläche verteilen. Insgesamt ergibt sich aus dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Muster in Form von kristallisch glänzendem Schmuck, Stoffimitaten und weiteren dekorativen Bildelementen eine Musterflut, die auf den ersten Blick kaum zu bewältigen ist und gleichzeitig unendliche Möglichkeiten der Gestaltung suggeriert. Malvorlagen Da die Malvorlagen eigentlich nicht Teil der Analyse sind, soll an dieser Stelle nur kurz darauf eingegangen werden. Sie nicht zu beachten, wäre an dieser Stelle unangemessen, da sie das Muster schlechthin der Kreativserie Topmodel darstellen. Die Erscheinung der Malvorlage wurde bereits unter dem Stichpunkt ‚Cover‘ erläutert. Seine Bedeutung als Muster erschließt sich besonders eindrücklich mit einem Blick auf die Malvorlagen, die 25fach in diesem Malbuch zu finden sind. Dies bedeutet konkret: Mädchen, die sich dem Zeichnen von Topmodel-Malvorlagen widmen, produzieren 25fach dasselbe Motiv; und das in nur einem einzigen Malbuch. Bei der Anzahl der Malbücher, die in den Zimmern der Mädchen zu finden sind, ergibt sich daraus eine höhere dreistellige Zahl. Das glatzköpfige Model, das wie eine leere Hülle auf dem weißen Blatt Papier platziert ist, wird zigfach in der gleichen Weise ausgemalt. Der nackte Kopf erhält eine voluminöse Haarpracht, wie sie nur Models haben, den Körper schmückt ein glamouröses, seidenes Kleid, das die ‚richtigen‘ und ‚wichtigen‘ Stellen des dünnen Körpers in Szene setzt, und an den Füßen befinden sich hochhackige, diamantenbesetzte High Heels, die die ohnehin schon langen Beine noch länger und noch dünner erscheinen lassen. Den Hintergrund zieren in den Bildecken zarte rosafarbene Ranken, wie sie schon auf dem Cover zu finden sind. Sticker Die große Auswahl an Stickern, die am Ende des Topmodel Glamour Special-Malbuchs auf zwei Seiten zu finden sind, stellt in der Gruppe der Zusatzmaterialien, zu denen auch die Stoffimitate und Schablonen zählen, ein weiteres Hilfsmittel dar, das der selbst ernannten Funktion des ‚Creative Studio‘ als Zeichenschule entgegensteht. Die Sticker sind Nachbildungen folgender Modeaccessoires und Kleidungsstücke: Ohrringe aller Art, Ketten, Armbänder, Ringe, Broschen, Handtaschen, Clutches, Gürtel, Schuhe, Dekorationselemente wie Blüten, Glitzersteine oder Schleifen, Handschuhe, die bis zum Ellbogen reichen, Pelzstolas, bauchfreie Tops, mal hoch geschlossen, mal tief ausgeschnitten, und Kleider. 107 Insgesamt stehen den Mädchen in diesem Malbuch ungefähr 500 Sticker zur Verfügung. Genug, um jede einzelne der 25 Model-Vorlagen damit zu bestücken. Die Vielfalt der sich daraus ergebenen Muster ist enorm. Jedes von ihnen verfolgt den Anspruch einer möglichst naturgetreuen Wiedergabe des Materials. Im Folgenden seien nur einige genannt. Besonders auffällig sind Kleidungsstücke wie Schuhe, Oberteile oder Kleider. Die Schuhe weisen unterschiedliche Muster auf, während sie in ihrer Form sehr ähnlich sind. Stilettos beeindrucken durch schimmernde Pailletten oder Krokodillederimitat, aus dem sich ein feingliederiges, netzartiges Muster ergibt, dessen Struktur trotz der Kleinteiligkeit der Sticker deutlich zu erkennen ist. Kleidungsstücke wie Oberteile oder Kleider sind exakt den Stoffmustern nachempfunden, die auf 16 Seiten im Anhang des Malbuchs zu finden sind. So finden sich diverse paillettenbesetzte, tief ausgeschnittene und gleichzeitig bauchfreie Tops wieder, ein Neckholder-Oberteil mit floralen Elementen und Leopardenmuster oder zarte Seidenstoffe, die je nach Schnürung horizontale, vertikale oder diagonale Faltenmuster werfen. Die Schmuck-Sticker erhalten ihre Musterung meist durch die Anordnung der Steine, die sie zieren. Häufig ergibt sich daraus ein Zopfmuster, so zum Beispiel bei auffälligen Colliers oder Armbändern. Ebenso populär scheinen schwere Ketten mit floralen Mustern zu sein, wie wertvolle Schmuckstücke aus einer anderen Zeit. Dem gegenüber stehen zarte Schmuckstücke aus feinen Materialimitaten wie Federn oder feinen Baumwollfäden, die zu auffälligen Quasten gebunden sind. Das Vorhandensein von bereits fertigen Kleidungsstücken in Form von Stickern macht die Stoffimitate, deren Beschreibung im Anschluss folgt, so gut wie überflüssig. Wozu selbst Hand anlegen, Schablonen abzeichnen und zur Schere greifen, wenn die Kleidung längst da ist? So saubere Konturen wie die der fertigen Sticker gelingen mit der Schere ohnehin nicht. Auch die zarten Ohrringe, über und über mit bunten Steinen besetzt, sind für zehnjährige Mädchen in dieser Form zeichnerisch nicht umsetzbar. Das müssen, sollen sie auch gar nicht. Stoffimitate Die Stoffimitate, die ebenfalls am Ende des Malbuchs zu finden sind, präsentieren sich auf insgesamt acht beidseitig bedruckten Seiten. Die Seiten sind leicht aus dem Buch herauszutrennen und können so zum Zuschneiden von Kleidungsstücken genutzt werden. Die Muster dieser Imitationen weisen stets stilistische Nähe zu unterschiedlichen Textilien auf und „können deswegen auf der Folie des Materialtransfers als mögliche Textilnachbildungen befragt werden.“146 Im Folgenden werden vier der insgesamt 16 Stoffvorlagen vorgestellt. 146 Hausmann, Stella: Goldleder – Es ist nicht alles Gold, was glänzt. In: Strässle, Thomas (u. a.) (Hrsg.): Das Zusammenspiel der Materialitäten in den Künsten. Theorien – Praktiken – Perspektiven. Bielefeld: Transcript, 2013. S. 157. 108 Das erste Stoffimitat in diesem Malbuch besticht durch unterschiedlich dunkle Fliedertöne in vielfältigen Mustern. Das obere Viertel weist eine zarte Netzstruktur mit am oberen Rand verlaufenden Schmetterlingsformen auf, die an einigen Stellen übereinanderliegen. Das zweite Viertel der oberen Bildhälfte grenzt sich durch eine wellenförmig verlaufende Bordüre aus Glitzersteinimitaten vom oberen Viertel ab. Auch das Muster unterscheidet sich deutlich von dem vorherigen. Starke Raffungen sorgen für einen auffälligen Faltenwurf. Die untere Hälfte in dunklem Violett wird durch eine aus mehreren Glitzersteinimitaten bestehende Bordüre von diesem Teil abgegrenzt. Ein seidig schimmernder Stoff mit Lichtreflexen und zarten Faltenwürfen prägt sein Erscheinungsbild. Den unteren Rand des Stoffes zieren ebenso zarte Schmetterlinge in demselben Farbton. Das Stoffimitat auf der Rückseite ist dem vorherigen farblich sehr ähnlich, weist jedoch andere Stoffstrukturen auf. Das obere Drittel dieser Vorlage präsentiert sich in einem relativ nüchternen Beigeton, der jedoch mit Glitzer- und Glanzeffekten an Exklusivität gewinnt. Struktur entsteht durch zarte, unterschiedlich stark kolorierte und mit Glanzeffekten versehende Farbsprenkel, die je nach Größe florale Formen aufweisen. Sowohl farblich als auch mit Blick auf das Muster unterscheidet sich das obere Drittel deutlich vom Rest der Fläche. Ein fliederfarbenes, leichte Falten werfendes Band trennt die unterschiedlichen Stoffimitate voneinander. Es ist mit drei Blumen auf der rechten Seite versehen, die sowohl aus dem Stoffimitat des Bandes, das seidenähnlich scheint, als auch aus dem Tüllimitat bestehen, das die restliche Fläche ziert. Die Mitte der Blüten zieren Perlmuttnachbildungen. Die restliche Bildfläche besteht aus einem rüschenförmig drapierten Tüllstoffimitat in einem Fliederton. Die zarte Netzstruktur des Tülls sowie die umgenähten Kanten sind deutlich zu erkennen und lassen keinen Zweifel daran, dass es sich hierbei um ein Tüllimitat handelt. Die unterschiedlich dicke Überlagerung des Stoffs an einigen Stellen sorgt für unterschiedlich starke Licht- und Schattenwürfe. Ein weiteres Stoffimitat beeindruckt durch eine paillettenbesetzte Fläche, die ungefähr ein Viertel der gesamten Fläche ausmacht. Dieser Teil des Stoffimitats ist über und über mit goldenen Paillettennachbildungen besetzt. Es glitzert, glänzt und funkelt überall. Die wellenförmig verlaufende Fläche wird zusätzlich von einem über Kreuz laufenden floralen Muster in Orange geschmückt, das über den Pailletten liegt. Die übrigen drei Viertel des Stoffimitats bestehen aus einer Seidennachbildung in kräftigem Orange mit einem gold-ockerfarbenen Leopardenmuster, das aufgrund seines fleckig-runden Musters die Form der Pailletten aufgreift. Die Falten des Seidenimitats fließen sanft, werfen unterschiedlich starke Schatten und laufen nach unten hin aus. Ein weiteres Stoffimitat vereint ebenfalls unterschiedliche Stoffarten und damit auch verschiedene Muster. Die gesamte Bildfläche kann in zwei Hälften eingeteilt werden, wobei die obere Hälfte aus zwei unterschiedlichen Nachbildungen besteht. Das obere Viertel besteht aus kleinsten, silberfarbenen Paillettennachbildungen, über die vertikal in einem Abstand von ungefähr einem Zentimeter schmale Stoffbänder in türkiser Seidenoptik verlaufen. Diese treffen senkrecht auf eine Bordüre aus ebenso türkisfarbenen 109 Rosen aus demselben Material. Die Stoffbahn unterhalb der Rosen wird von einer weiteren Rosenbordüre im unteren Bereich eingegrenzt. Dazwischen ist das Imitat eines schweren Seidenstoffs zu sehen – als solches zu erkennen aufgrund der stark geometrischen Faltenwürfe in horizontaler Richtung. Unterhalb der zweiten Rosenbordüre schlägt die Nachbildung eines deutlich dünneren Seiden- oder Taftstoffs sanfte Falten. Verziert ist der Stoff mit türkisfarbenen Glitzersteinen, die wie Wassertropfen auf Stoff perlen. Aus der Kombination der Stoffnachbildungen sowie der Farbigkeit in edlem Grau-Silber und dunklem Türkis ergibt sich ein wertvoll wirkender Materialmix. Die kräftigen Glanzeffekte sorgen auch hier für den notwendigen ‚Wow-Faktor‘ und glamourösen ‚Red-Carpet-Stil‘. Insgesamt präsentieren sich die Stoffnachbildungen verblüffend echt. Sie wecken den Wunsch, sie anfassen zu wollen, den kratzigen Tüll, die zarte Seide oder den schweren Samt in den Händen zu spüren. Schablonen Die herausnehmbaren Schablonen im Topmodel Glamour Special-Malbuch bestehen aus rosa- und magentafarbenen Kunststoffseiten, zwei an der Zahl, die Ausstanzungen in Form von Oberteilen, Handschuhen, Handtaschen, Unter- und Oberröcken, Kleidern und Schuhen aufweisen. Auch rein dekorative Formen wie die eines Herzens oder eines Sterns sind zu finden. Die Schablonen ähneln Nähmustern, wie sie für die Anfertigung von Kleidung genutzt werden. Die Formen der Kleidungsstücke sind stark vereinfacht und ihre Maße sind den Malvorlagen angepasst. So gelingt das Zeichnen ohne große Mühe und fehlerfrei. Beides kann als charakteristisch und gleichzeitig, vor allem letzteres, als Voraussetzung für die Topmodel-Zeichnungen gesehen werden. Für den Fall, dass ein Mädchen (nach eigener Einschätzung) weder zeichnen kann noch will, weder ausreichend Zeit noch Geduld hat, eine Zeichnung aus eigener Hand anzufertigen, bleibt ihm immer noch die Möglichkeit, sich all diesen Widerständen und Anstrengungen zu entziehen und eine Topmodel-Vorlage ohne zeichnerische Mittel zu vervollständigen. Da erscheint es ebenso praktisch, dass das Gesicht bei jeder Vorlage schon vorhanden ist. So bleibt auch das mühevolle Zeichnen von Augen-, Nasen- und Mundpartie aus. Dasselbe gilt für Hände und Füße. Die Schablonen erreichen außerdem gemeinsam mit den Stickern sowie den Stoffnachbildungen eine Vielzahl an unterschiedlichen Mustern, deren Darstellung mittels Hand und Stift ein Vielfaches an Zeit in Anspruch nehmen würden. 5.1.2 Farbigkeit Farbe spielt bei der Kreativserie Topmodel eine große Rolle. Sowohl die Topmodel-Mal bücher als auch diverse andere Produkte der Kreativserie, das Fanart Forum eingeschlossen – präsentieren sich in dem immer gleichen Farbspektrum, sind unter anderem deswegen deutlich der Topmodel-Serie zuzuordnen. Ein Gang in die Spielzeugwarenabteilung für Mädchen 110 macht ein Übersehen der Topmodel-Produkte unmöglich. Es glitzert überall, alles schimmert Rosa oder Pink, umhüllt von einem sanften Schleier in Silber oder Gold. Sieht nicht jedes Spielzeug in der Abteilung für Mädchen – natürlich ist diese von der Spielzeugabteilung der Jungen strikt getrennt – genau so aus? „[R]echts Pirat Sharky, Autos, Bagger, links Lillifee, Barbie, Plastikpuppenhäuser in Pink, Pink, Pink [?]“147 Eine berechtigte Frage. Und dennoch scheint die Kreativserie Topmodel die Protagonistin dieser Szenerie zu sein, alle anderen Produkte wirken dagegen wie Nebendarstellerinnen. Nichts weckt die Aufmerksamkeit der Kundinnen mehr als die niedlichen Topmodel- Gesichter, deren dunkle Rehaugen sie so sanft und liebevoll anblicken. Nichts ist so überzeugend wie das Versprechen, das die ‚Topmodels‘ den Mädchen geben: das Versprechen für eine Märchenwelt, in der alle gleich schön, erfolgreich und beliebt sind. Cover So fügt sich auch das Cover des Topmodel Glamour Special-Malbuchs in die bereits bekannte rosafarbene Glitzerästhetik. Besonders dominant ist die Farbe Magenta, die den Hintergrund des Covers schmückt. Aus der Kombination von Magenta und Pastelltönen wie Rosa oder Mint ergibt sich ein Simultankontrast, der die Harmonie der Farben betont. Während der magentafarbene Hintergrund über und über mit silbernen Glitzerpartikeln und hell schimmernden Lichtreflexen versehen ist, präsentieren sich die Topmodel-Charaktere in rosa- und mintfarbenen Kleidern – auch diese sind selbstverständlich mit Pailletten und Glitzersteinen aller Art verziert – und golden- bis nougatfarbener Haarpracht. Dazu mischt sich der zarte Pfirsichton von Gesicht, Dekolleté, Armen und Beinen. So sehr es auch glitzert und schimmert, so matt und glanzlos präsentieren sich die Grundfarben des Covers. Daraus entsteht erst recht der Eindruck einer besonders hochwertigen farblichen wie auch materiellen Gestaltung, die Teil einer glamourösen, luxuriösen Welt ist. Der Farbton Magenta scheint seit geraumer Zeit die ewig pastellfarbenen Spielzeuge für Mädchen um eine kräftigere, weniger ‚liebliche‘ Farbe zu ergänzen. Die Kreativserie Topmodel ist auf diesen Zug aufgesprungen und würde die Aussage der Kinderschutzorganisation Plan, die seit 2012 jährlich den Welt-Mädchentag ausrichtet,148 höchstwahrscheinlich unterstützen: „Steht ein pastelliges Rosa vor allem für Lieblichkeit und Romantik, hat das kräftige Pink […] eine starke Signalkraft und vermittelt Power, Lebensfreude und Mut zur Offensive […].“149 Diese Interpretation der Farbe Magenta passt zu den Stichworten, die die Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG in Zusammenhang mit dem ‚Creative Studio‘ anbringt. Die Welt der Topmodels wird mit den Worten „cool, stylish, kreativ und aktiv“150 beschrieben. Von der Bedeutung der einzelnen Worte für die Topmodel-Serie einmal abgesehen – vor allem der Begriff der Kreativität erscheint diskussionswürdig – passen sie scheinbar in das Bild eines selbstbewussten, mutigen und abenteuerlustigen Mädchens. 147 Steinberger, Petra: Ich. Will. Rosa. In: Süddeutsche Zeitung online, 2013. 148 Vgl. Website des Kinderhilfswerks Plan International Deutschland e. V. 149 Steinberger 2013. 150 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 111 Doch auch hier gibt es, wie soll es anders sein, Grenzen. Ein bisschen Abenteuerlust, ein bisschen Power, ein bisschen Mut darf sein, solange das Mädchen auch in gleichem Maße anpassungsfähig, brav, liebevoll und ‚süß‘ ist; so zart und harmlos wie das Rosé, das Wangen, Lippen und Kleider schmückt. So entsteht das Bild eines Topmodel-Malbuchs, wie es zigfach in den Regalen der Kaufhäuser steht – und dazu beiträgt, dass die Spielwarenabteilung für die Mädchen auch weiterhin als solche zu erkennen ist. Sticker Die Sticker setzen in ihrer Farbigkeit offenbar auf das Motto: mehr ist mehr. Die Anzahl der Sticker ist für ein Malbuch mit 25 Seiten ohnehin beeindruckend. Ihre Farbigkeit setzt dieser Zahl das ‚Krönchen auf‘. Die unterschiedlichen Schmuckarten von Ohrringen und Ketten über Broschen und Armbänder präsentieren sich hauptsächlich aus Fassungen in Gold- und Silberoptik, kombiniert mit Schmucksteinen in Rosa, Rot, Violett, Blau, Grün, Gelb und Schwarz. Accessoires wie Hüftbänder oder Gürtel, Taschen oder dekorative Details wie Stoffblüten leuchten in den Farben Rosa, Pink, Flieder, Violett, Kobaltblau, kräftigem Türkis und Sonnengelb. Jedes dieser Stücke enthält Applikationen in Form von Perlen oder Glitzersteinen in Silber oder Gold. Die Farbigkeit der Schuh-Sticker gleicht der der Accessoires. Rosafarbene und pinke, hellblaue, azurblaue und mintgrüne, orangene und gold-gelbe sowie silberne und schwarze High Heels zieren die Sticker-Seiten. Die Kleidungsstücke zum Aufkleben reichen von Gold und Silber, Orange und Rot über Rosé und Pink, Flieder und dunklem Violett bis hin zu hell- und dunkelgrünfarbenen Varianten. Die Vielfalt der Sticker wird um Diamantenimitate ergänzt, die ebenfalls zum Aufkleben genutzt werden können. Schachtner geht davon aus, dass Menschen nicht nur etwas mit Dingen tun, sondern Dinge auch etwas mit Menschen.151 An dieser Stelle erscheint der Gedanke besonders treffend. Die Masse des zur Verfügung stehenden Materials, das über und über mit Glitzereffekten versehen ist, fordert die Mädchen auf, es unbedingt zu verwenden. „Die Dinge sind nicht stumm. Sie sprechen zu uns, erzählen von […] Wünschen, von erfüllten und unerfüllten […].“152 In dem Wunsch, die vermeintlich edlen Schmuckstücke und Accessoires selbst zu besitzen und damit ein Stück ‚Glamour‘ in das eigene Leben zu holen, das oft nur wenig mit der glamourösen Welt der Topmodels zu tun hat, scheint die wesentliche Faszination für den Gebrauch der Sticker und die Beschäftigung mit ihnen begründet. Die Flächendichte der Sticker erzeugt eine Glanz- und Lichtreflexflut, die die des Covers noch weit übertrifft. Die enorme Kleinteiligkeit der Sticker unterstützt diesen Eindruck. Keine Fläche bleibt frei von gold- und silberfarbenen Diamanten, Pailletten und Perlen. 151 Vgl. Schachtner 2014. 152 Ebd., S. 25. 112 Die Farbflächen, die nicht silbern oder golden schimmern, werden stets mit einem entsprechenden Highlight versehen. Ähnlich wie beim Cover wird auch hier mit dem Gegensatz von mattem und glänzendem Farbauftrag gespielt. Besonders wertvoll erscheinen die Pumps in mattem Mint, Bordeauxrot oder Schwarz und silberner Plateausohle. Diese Kombination ist ein Merkmal der Kreativserie Topmodel, das bei der Gestaltung diverser Produkte zum Einsatz kommt. Stoffimitate Die Farbwahl, die den Stoffimitaten zugrunde liegt, überschneidet sich im Wesentlichen mit der Farbigkeit der Sticker. Anders als beim Cover und den Schablonen ist hier eine größere Anzahl Farben vorzufinden, wobei die Auswahl trügt: Der Eindruck einer vielfarbigen Gestaltung beruht vielmehr auf der Tatsache, dass sich die Topmodel-Malbücher in ihrer farblichen Erscheinung in der Regel kaum voneinander unterscheiden. Rosa und Pink sind stets die dominanten Farben. Da erscheint ein kräftiges Gelb oder Grün beinahe außergewöhnlich. Ähnlich verhält es sich mit der Farbigkeit der Stoffimitate. Folgende Farben sind zu finden: Weiß, Beige, Elfenbein, Apricot, Gelb-Orange, Orange, Rosa, Pink, Flieder, Violett, Mint, Hellgrün, Türkis, Hellblau, Blau, Dunkelgrau, Silber und Gold. Zehn der insgesamt 16 Seiten enthalten die Farben Rosa, Pink oder Violett. 15 der 16 Seiten sind mit Glitzereffekten in Form von Diamant-, Perlen- oder Paillettennachbildungen verziert. Schablonen Die Farbigkeit der Schablonen ist schnell beschrieben: Eine Schablonenseite ist rosa, die andere magentafarben. Beide sind matt. Abgesehen von den fehlenden Glanz- und Glitzereffekten ist alles wie gewohnt: Rosa und Pink. 5.1.3 Wertigkeit des Materials Die Kreativserie Topmodel betont in diversen Werbekampagnen auf der eigenen Website, dem Forum, den Zeitschriften, Malbüchern und anderen Produkten stets, ein besonderes Augenmerk auf die Wertigkeit der verwendeten Materialien zu legen. Zertifikate wie die des TÜV Rheinland oder des FSC (Forest Stewardship Council) stehen für diesen Anspruch. Auf der Website der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG wird auf emotionaler Ebene mit Überschriften wie „kompromisslos hochwertig“, „Übererfüllung der gesetzlichen Auflagen“ oder „gerechte Arbeitsbedingungen“153 für die Produkte geworben. Neben den zertifizierten Qualitätsstandards gibt es außerdem eine Reihe wertvoller Merkmale, die die Produkte des ‚Creative Studio‘ zu etwas ‚Besonderem‘ machen. Mit welchen ästhetischen Mitteln dies gelingt, wird im Folgenden beschrieben. 153 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG. 113 Cover Ein besonders augenfälliges Beispiel für die scheinbar hochwertige Gestaltung der Topmodel- Produkte stellt das Cover beziehungsweise die äußere Gestaltung des Malbuchs Topmodel Glamour Special dar. Die Form einer Tasche vorgebend – mit Tragegriff und herzförmigem Verschluss – macht das Malbuch zu einem wahren Hingucker. Als Malbuch zu erkennen ist es nur noch aufgrund der Spiralbindung an der unteren Längsseite des Buches. Es wirkt vielmehr wie ein hochwertiges Accessoire. Ein Grund dafür ist nicht zuletzt auch die Beschaffenheit des Kartons, aus dem Cover und Rückseite bestehen. Er ist robust, widerstandsfähig. Die Oberflächengestaltung in mattem Magenta kombiniert mit Glitzereffekten aller Art unterstützt den Eindruck eines luxuriösen Utensils. Die Haptik macht diesen Eindruck vollkommen. Die Glitzerpartikel glänzen nicht nur; jede einzelne Silberranke, jedes Steinchen, jedes Blättchen kann ertastet werden. Fährt man mit der Fingerspitze über das Cover, wird der Tastsinn immer wieder überrascht. Mal ist es ein kaum spürbarer Silbertropfen mal ein etwas größerer, mal eine zarte, mal eine etwas breitere Linie. Doch statt alles glitzern und funkeln zu lassen, werden edle Akzente gesetzt. Man denkt dabei an anspruchsvolle Konsumentinnen, an kleine Mädchen, die den Wert des Materials zu schätzen wissen, die sich vom luxuriösen Schein des Produkts beeindrucken lassen. Das Cover ist wahrlich ein Fest für die Sinne. Wer kann da schon widerstehen? Sticker Die Sticker stellen hier keine Ausnahme dar. Gleichzeitig scheint kaum eine Fläche frei von silber- und goldfarbenen Akzenten zu sein. Jeder Ohrring, jedes Armband, jedes Collier und jede Tasche sind über und über mit Diamantimitaten besetzt. „Es handelt sich dabei um einen als Materialtransfer zu bezeichnenden Modus der Intermaterialität, bei dem ein Material erscheint, als ob es ein anderes wäre.“154 Die Sticker sind Nachbildungen wertvoller und zugleich teurer Schmuckstücke und Accessoires, wie sie auf den roten Teppichen dieser Welt und in besonders zahlungskräftigen Kreisen zu finden sind. Was hat das mit der Lebenswirklichkeit der Mädchen zu tun? Welches zehnjährige Mädchen kann derlei Luxus sein Eigentum nennen? Für die Augen eines Erwachsenen erscheinen die vielen Einzelteile auf Glanzfolie billig, wie wertloser Trash – die Masse tut ihr Übriges, lässt sie umso wertloser erscheinen. Kinderaugen aber erkennen den trügerischen Schein nicht, blicken nicht mit kritischem Auge auf die zahllosen Diamantennachbildungen und perlenbesetzten Juwelen. Die Mädchen, die sich in den Topmodel-Abteilungen über die neuesten Trends informieren und jedes Produkt begeistert in die Hand nehmen, sind hingerissen von dieser Welt, die so gar nichts mit der ihren zu tun hat. Sie ist rosa, glitzert, ist glamourös und bietet alles, was das Herz begehrt. In ihr ist alles möglich, nichts ist zu teuer, nichts unerreichbar. Wie so oft in der Topmodel-Welt ist es der schöne Schein, der lockt und gleichzeitig so trügerisch ist. Der Gestaltung der Produkte kommt eine weitaus höhere Bedeutung zu als eine rein ästheti- 154 Hausmann 2013, S. 153. 114 sche. Tügel erkennt darin ein Phänomen der ‚Kaufrauschglitzercybergesellschaft‘, in der Produkte für Kinder zunehmend Teil einer „Inszenierung ganzheitlicher Lifestyle-Konzepte“155 werden. Die Produktgestaltung transportiert einen bestimmten Lebensstil, eine ganz konkrete Vorstellung davon, was wichtig ist im Leben und impliziert Wünsche, die für die Mehrzahl der Mädchen nicht realisierbar sind. Stoffimitate Die Stoffimitate, die in den vorangegangenen Kategorien bereits eingehend beschrieben wurden, sind in der Diskussion um die Wertigkeit der verwendeten Materialien von besonders großer Bedeutung. Sie bilden originalgetreu Materialien wie Seide, Samt, Tüll oder Spitze nach. Ihre Nähe zum Original lässt sie hochwertig erscheinen, die Imitate sind täuschend echt. Diesem Eindruck steht jedoch die ewig glatte, leicht glänzende Papieroberfläche gegenüber, die aller Authentizität zum Trotz nicht die einzigartige Haptik ersetzen kann, die einen echten Stoff kennzeichnet. Schablonen Den Schablonen des Topmodel Glamour Special Malbuchs kommt in der Diskussion um Wertigkeit eine weniger bedeutende Rolle zu. Sie sollen an dieser Stelle folglich nur in Kürze erläutert werden. Gleichzeitig scheint aber auch ihre Ästhetik bestimmten Ansprüchen zu folgen, obschon der verwendete Kunststoff nur wenig Möglichkeiten der Gestaltung – zumindest in Bezug auf seine Funktion als Schablone – zulässt. An Wert gewinnt der Kunststoff durch seine samtig-glänzende Optik. Im Gegensatz zu den kleinteiligen Stickern nimmt er sich in seiner Farb- und Formgebung deutlich zurück. Diese Zurückhaltung sorgt ähnlich wie der matte Farbauftrag auf dem Cover des Malbuchs neben all den Glitzer- und Glanzeffekten für eine gewisse Wertigkeit. Die glatte Oberfläche fügt sich außerdem in das ohnehin künstliche Erscheinungsbild der Topmodel-Produkte, das für Perfektion und Vollkommenheit steht. 5.2 Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung Die Bedeutung von Materialität in der Kinderzeichnung wurde bereits im Anschluss an den Vergleich von Mädchenzeichnungen aus unterschiedlichen Perioden in den Blick genommen. Die eingehende Analyse des Malbuchs Topmodel Glamour Special fordert eine Vertiefung dieser Gedanken und zeigt in besonderem Maße die Entwicklung von Materialbewusstsein in der Kinderzeichnung über Jahrzehnte. 155 Tügel, Hanne: Kult ums Kind: Großwerden in der Kaufrauschglitzercybergesellschaft. München: C.H. Beck, 1996. S. 87. 115 Die Ansprüche an Materialität scheinen sich verändert zu haben. Simonis macht dafür vor allem technische Fortschritte im Bereich der Computerentwicklung verantwortlich und kommt damit zu einem auf den ersten Blick überraschenden Ergebnis: Das Bedürfnis nach Materialität sei durch die Smartphone-, Tablet- und Touchscreenkultur nicht zurückgegangen, sondern im Gegenteil größer geworden.156 Man könnte das Zeitalter von Computer und Internet als ein fortgesetztes Spiel mit den Möglichkeiten des Virtuellen, der Simulation und des Immateriellen sehen, das alle bisherigen ästhetischen Illusionstechniken […] um ein Vielfaches verblassen lässt. Die Faszination des virtuellen Raums und der Simulation zieht immer größere Kreise und sämtliche Generationen in ihren Bann, erfordert immer schnellere Rechner, weckt insbesondere, aber keineswegs ausschließlich bei Jugendlichen den Wunsch nach immer leistungsstärkeren und lebensechteren Computerspielen.157 Alles ist möglich. Es wird eine Parallelwelt erschaffen, die kaum mehr von der Wirklichkeit zu unterscheiden ist. Die Ansprüche an Materialität werden auf die Spitze getrieben. Welche sind die Folgen? So beeindruckend die Ergebnisse auch sind, so kritisch müssen sie doch gesehen werden. Wenn alles in Perfektion vorhanden ist, wenn der Verbraucher/ die Verbraucherin auf nichts mehr verzichten muss, per Knopfdruck auf alles zugreifen kann, auf virtuelle Welten, die die Realität in Perfektion abbilden, wohin wird das führen? Verknüpft man diese Überlegungen mit dem Forschungsgegenstand dieser Arbeit, werden Folgen dieser Entwicklung auch und vor allem in Hinblick auf die Kinderzeichnung sichtbar. Die Kreativserie Topmodel stellt hier ein besonderes prägnantes Beispiel dar und zeigt, in welchem Maße diese (technischen) Entwicklungen ästhetische Sozialisation prägen. Bereits im historischen Vergleich wurde herausgestellt, dass Zeichnungen älteren Datums ein hohes Maß an Beobachtungsgabe seitens der Urheberinnen bewiesen, die sich in einer besonders differenzierten Motivgestaltung niederschlug. Diese Beobachtungen konnten bei der Untersuchung der Topmodel-Zeichnungen nicht mehr gemacht werden. Nach eingehender Analyse des Malbuchs Topmodel Glamour Special werden die Gründe für den Verlust von Materialität in der Kinderzeichnung umso deutlicher. Der Anspruch an die Topmodel-Zeichnungen ist eng an die Vorstellung geknüpft, alles müsse möglichst echt aussehen, möglichst nah am Original sein. Zeichnungen, die ‚wie gedruckt‘ aussehen, in denen die Handschrift der Urheberin kaum mehr sichtbar ist, werden in der Topmodel-Community gemeinhin als besonders gelungen wahrgenommen und entsprechend positiv bewertet. Dies bedeutet konkret: Das Bedürfnis nach Materialität, wie es auch Simonis beschreibt, erscheint aktueller denn je. 156 Vgl. Simonis 2013. 157 Ebd., S. 221. 116 Gleichzeitig ist – nimmt man die Topmodel-Malbücher in den Blick – alles schon da, nichts muss mehr aus eigener Hand gefertigt werden. Die Anzahl an Hilfsmitteln ist so hoch, dass eine Gestaltung der Bildfläche mit dem Stift nicht mehr zwangsläufig notwendig ist. Auch die kolorierten Malvorlagen am Anfang jedes Malbuchs – und teilweise zwischen den Seiten – sind derart plastisch, der Farbauftrag dank digitaler Bildbearbeitungsprogramme so makellos, dass eine entsprechende Darstellung mit dem Stift nicht möglich ist. Der Computer schafft eine Vollkommenheit, die der kindlichen Hand verwehrt bleibt. Die zarten Farbverläufe der Malvorlagen, die Lichtreflexe auf dem blonden Haar des Topmodels, die täuschend echten Faltenwürfe des Abendkleides und die zarte Pfirsichhaut, die leicht schimmert, sind mit dem Stift kaum umsetzbar. Auch der Schmuck glänzt und glitzert und ist über und über mit Diamanten besetzt. Die Konturen müssen ebenfalls sehr genau eingehalten werden, um ein sauberes Ergebnis zu erhalten – und nur ordentliche Zeichnungen sind gelungene Zeichnungen. Auch die Farbverläufe, die mit dem Stift gemalt werden, gelingen nicht so, wie es die Vorlage vorgibt. Übergänge sind deutlich zu erkennen, das Rot fließt nicht sanft ins Orange. Die Haare des Topmodels schimmern seidig, fallen in sanften Wellen über die Schulter. Mit dem gelben Buntstift stößt man rasch an seine Grenzen. Welch ein Glück, dass es für diese Fälle Sticker gibt, deren Aufkleben nur wenige Sekunden dauert, während das Zeichnen viele Minuten mehr in Anspruch nehmen würde. Aus den Interviews, die im Rahmen dieser Forschung geführt worden, geht hervor, dass Sticker oder andere Hilfsmittel dann genutzt werden, wenn die Zeichnung eines bestimmten Bildgegenstands zu kompliziert erscheint. Häufig fehlen Geduld und Zeit, sich dieser Herausforderung zu stellen. Gleichzeitig ist der Anspruch, eine möglichst realitätsnahe Darstellung zu schaffen, hoch. Die Funktion von Stickern oder Schablonen als angebliche Hilfsmittel ist trügerisch. Sie mögen für den Moment helfen, vermeiden Frustration und sorgen rasch für Zufriedenheit. Auf lange Sicht gesehen sind sie jedoch alles andere als hilfreich. Sie unterbinden im Gegenteil Erfahrungen, die für die zeichnerische Entwicklung eines Kindes so wertvoll sind: Das Ertragen von Frustration, das Austesten von Grenzen, das Experimentieren und das Erfolgserlebnis, das sich einstellt, wenn es dann endlich, nach zahlreichen Versuchen, gelungen ist, bleiben den Mädchen verwehrt. Dabei sind diese Erfahrungen bedeutsame Begleiter auf dem Weg zu einer eigenen Bildsprache, zur eigenen, unverwechselbaren Individualität eines jeden Kindes. Die so eingehandelten Defizite stehen im Widerspruch zur Werbeaussage der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG, man setze „in erster Linie auf die Kreativität der Kernzielgruppe.“158 Die Topmodel-Malbücher führen zu einer Entwertung der Kinderzeichnung. Die Zeichnungen aus den 60er und 70er Jahren haben gezeigt, was einmal möglich war. Es handelt sich dabei nicht um Gedanken, die einer ‚Früher-war-alles-besser-Nostalgie‘ anhängen. Es geht vielmehr darum, nachvollziehen zu können, wie es zu dieser fatalen Rückläufigkeit kommen konnte, um von dieser Erkenntnis ausgehend Möglichkeiten herausstellen zu können, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. 158 Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG (Broschüren).

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Zusammenfassung

Die Verlagerung ästhetisch-produktiver Tätigkeiten von Heranwachsenden in virtuelle Räume im Web 2.0 verdeutlicht, dass sich seit einigen Jahren ästhetische Sozialisations- und Kommunikationsprozesse zunehmend der Aufmerksamkeit und der Kontrolle von Eltern und Erziehenden entziehen. Es handelt sich bei diesen Foren direkt um Parallelwelten.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die in den Foren vorgestellten ästhetisch-produktiven Aktivitäten von Mädchen ab einem Alter von acht Jahren mit Werken zu der kommerziell sehr erfolgreichen und weit verbreiteten Kreativserie „Topmodel“, die im Jahr 2008 von der Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde.

Die Zeichnungen der Mädchen folgen durch konkrete Malvorlagen ein und demselben Schema und sind trotz individueller Einflüsse durch die Zeichnerinnen immer als „Topmodel“-Zeichnungen erkennbar. Die breite Produktpalette der Serie wirkt in verschiedene öffentliche wie private Lebensbereiche der Mädchen ein und nimmt damit direkten Einfluss auf ihr alltägliches Leben.

Eva Capell widmet sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig der Beschreibung und Darstellung des Fanart-Forums, der Analyse ausgewählter Werke im Dialog zu den vorgegebenen Produkten, den Kommunikationsstrukturen im „Topmodel“-Forum sowie einer empirischen Untersuchung zur Fragestellung, wie diese Faktoren in die ästhetische Sozialisation hineinwirken, sodass mit dieser Forschung auch ein Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Bereich in der Genderforschung geleistet wird.