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3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I in:

Susanna Weber

Innovation, page 87 - 112

Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4227-4, ISBN online: 978-3-8288-7118-2, https://doi.org/10.5771/9783828871182-87

Series: kommunikation & kultur, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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87 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I laissez innover1 innovare necesse est2 Für dieses und das nachfolgende Kapitel ist die Annahme leitend, dass die Nachzeichnung wichtiger Rezeptionslinien der zuvor behandelten Vorstellungen und Interpretationen Schumpeters zu „Innovation“ weiteren Aufschluss darüber ermöglicht, für welche Gegenstände, Strategien und Ziele „Innovation“ als Bezeichnung verwendet wurde und welche Veränderungen im Sprachgebrauch zu beobachten sind. Als erster Teil des Korpus, das für die folgende Analyse zugrunde gelegt ist, wurden Publikationen der beginnenden Innovationsforschung in der BRD gewählt, die sich direkt auf Schumpeter beziehen, und zwar aus dem Zeitraum von ca. 1968–1978 (Kap. 3). Vor dem Hintergrund des oben skizzierten semantischen Netzes wurden ergänzende Zugriffe erforderlich auf Texte, die „Innovation“ nicht explizit thematisierten, dafür je- 1 Karin Hausen/Reinhardt Rürup (Hrsg.), Moderne Technikgeschichte. In der Einleitung zitieren die Herausgeber eine amerikanische Quelle mit dieser Formulierung. Sie konstatieren, dass sich in der technikgeschichtlichen Forschung in den 1960er Jahren die bis dahin grundsätzlich positive Einschätzung des „technischen Fortschritts“ begonnen habe zu verändern. Die Formulierung „laissez innover“ findet sich auch bei David Noble, Maschinenstürmer. In einem Abschnitt über den Begriff des „technischen Fortschritts“ heißt es dort: „Wenn ‚laissez-faire‘ zu einem Manifest des Kapitalismus wurde, so wurde ‚laissez innover‘ zu einem anderen.“ (Ebd., S. 19). 2 Karl-Heinrich Oppenländer, „Technischer Fortschritt – Ursache und Auswirkung wirtschaftlichen Handelns“ (1974), S. 439. In seinem Schlusswort formulierte Ministerialrat J. Böttger: „Mir scheint, als trügen wir eine unsichtbare Fahne mit der Aufschrift ‚Innovare necesse est‘ vor uns her!“ Mit dieser Formulierung wird angespielt auf die einem römischen Befehlshaber zugeschriebene, von Plutarch überlieferte Äusserung „navigare necesse est, vivere non est necesse“, womit – unabhängig von den unterschiedlichen Auslegungen späterer Interpreten – die Konnotationen von Kampf (gegen „Feinde“ und Naturgewalten), Mut und Bewährung aufgerufen sind, passend zum mehrdeutigen Bild der vorangetragenen Fahne. 88 Weber, Innovation doch andere „Knotenpunkte“ des semantischen Netzes (z. B. „Technischer Fortschritt“), sowie auf andere Textsorten, zu denen andere Sprecher und andere institutionelle Kontexte gehören, z. B. Tagungsberichte und Kommissions-Publikationen (Kap. 4). Mit dieser Korpuszusammensetzung soll gewährleistet werden, dass „[…] die Vorstellung, Bedeutungen hafteten am Wortkörper, durch die Vorstellung eines Ensembles kommunikativer Verfahren ersetzt wird; eines Ensembles, das, um mit Foucault zu reden, systematisch die Gegenstände erst bildet, von denen es spricht“.3 Im Einzelnen sind dies folgende Texte: – Aus der frühen Phase der Innovationsforschung eine Übersichtsstudie sowie Publikationen des nach eigener Einschätzung „Neo-Schumpeterianers“ Gerhard Mensch und des Wirtschaftshistorikers Hermann Freudenberger, die bis heute als maßgeblich für die Anfänge deutschsprachiger Innovationsforschung angesehen werden (die Brünn-Studie).4 – Die zweite Textsammlung besteht aus dem schriftlichen Abschlussbericht der „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ und einem Teil der nahezu 140 Forschungsarbeiten, die in ihrem Auftrag angefertigt und publiziert wurden. Hier wurde die Auswahl auf die Beiträge eingegrenzt, die ausdrücklich „Innovation“ als ihren Gegenstand bezeichnen.5 Ergänzend werden zwei Tagungsbände des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung herangezogen, eines schon 1949 auf Initiative des bayrischen Innenministeriums gegründeten Forschungs- und Beratungsinstituts, das 1970 und 1974 zu den Themen Innovation in der Wirtschaft 3 Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur (1994), S. 18f. Vgl. auch Clemens Knobloch, „Überlegungen zur Theorie der Begriffsgeschichte aus sprach- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht“, S. 10: „Wo die begriffsgeschichtliche Praxis mehr ist oder sein will als ein anderer Name für Ideengeschichte, da untersucht sie ihre Objekte nicht als Begriffe, sondern als Funktionselemente historisch bestimmter Sprechtätigkeit.“ 4 Gerhard Mensch in einem Interview von 2009: http://www.solon-line.de/2009/05/15/interviewmit-prof-gerhard-mensch/, Zugriff am 20.7.2017; vgl. auch Cord Siemon, Innovationspolitik, S. 7. Auch Sprachwissenschaftler wie Karlheinz Jakobs zitierten die Studie von Mensch, Karlheinz Jakobs zum Beispiel in Maschine, Mentales Modell, Metapher, S. IX. 5 Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel, Wirtschaftlicher und sozialer Wandel in der Bundesrepublik Deutschland. Gutachten der Kommission (1977), im Folgenden zitiert als Gutachten + Seitenzahl. 89 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I und Technischer Fortschritt. Ursache und Auswirkung wirtschaftlichen Handelns prominent besetzte Tagungen durchführte.6 Des Weiteren werden Berichte aus dem RKW-Forschungsprojekt Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland gesichtet sowie eine Anzahl von Einzelpublikationen weiterer gesellschaftlicher Akteure wie des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) und der Arbeitgeberverbände.7 Vor allem folgende Fragen werden für dieses und das nächste Kapitel erkenntnisleitend sein: Auf welche Bedeutungselemente aus dem Repertoire der Schumpeter’schen Konzepte wird zurückgegriffen? Welche neuen kommen hinzu? Welche bedeutungsvollen (neuen) Kopplungen sind aufzufinden? Wie verändern sich die „Umgebungen“, in denen „Innovation“ erscheint? Kommen neue Umgebungen hinzu? Welche? Vor allem bei der Untersuchung des „institutionellen“ Sprachgebrauchs im Kontext von Innovation motiviert uns das Interesse an den potentiell wirklichkeitskonstituierenden Effekten solcher öffentlichen Rede, an Bildern und Erwartungen, die evoziert werden und an Deutungsmustern, die nahegelegt oder absichtsvoll in Umlauf gebracht werden. Wir verwenden hier „Deutungsmuster“ im Sinne Georg Bollenbecks.8 Ausgehend davon, dass „der Zustand eines Vokabulars soziale Zustände“ reflektiere und die Beschäftigung mit „vergangener Kommunikation“ ihre „Sinnbildung und symbolische Vergesellschaftung“ entziffern könne, interpretiert er „Deutungsmuster“ als „von außen angeeignete, vorgefertigte Relevanzstrukturen, die man nicht auswählt, sondern eher übernimmt“.9 Deutungsmuster erfüllen eine ähnliche Funktion wie „Paradigmen“ (Kuhn) oder „Denkstile“ (Fleck), sie wirken als orientierende (ab- oder ausgrenzende) Filter oder Linsen für die Weltwahrnehmung.10 Alle drei 6 Vgl. die gleichnamigen Tagungsbände von 1970 und 1974, im Folgenden zitiert als Ifo + Jahresund Seitenzahl. 7 Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft e.V. (RKW) (Hrsg.), Wirtschaftliche und soziale Aspekte. Im Folgenden zitiert als RKW 1970. 8 Vgl. Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. 9 Ebd., S. 19. 10 Zu Ludwik Fleck und seinen Konzepten von „Denkstil“ und „Denkkollektiv“ vgl. auch Kap. 6. 90 Weber, Innovation Konstruktionen benötigen als Material und Instrument „Begriffe“ als sprachliche „Verkörperungen“ von Bedeutungen. Begriffe wiederum können sprachlich, historisch und sozial auf Herkunft, Voraussetzungen und Kontexte untersucht werden, dies ist die Arbeit der „Begriffsgeschichte“. Die „Sprecher“ bleiben dabei immer im Blick, da es sich zum Teil um einflussreiche gesellschaftliche Akteure handelt (offizielle „Think-Tanks“, Spitzenfunktionäre der Tarifparteien), die einen bedeutsamen Teil des zirkulierenden Wissens produzieren. 3.1 Innovationsforschung der 1970er Jahre und ihr Umfeld Während des Zweiten Weltkrieges und danach hatten in den USA und zunächst auch im Nachkriegs-Europa ökonomische Konzepte großen Einfluss, die auf Theorien und politische Empfehlungen von J. M. Keynes zurückgehen. Schumpeter sah sich zu Keynes in einer scharfen Konkurrenz, fachlich speziell in Hinsicht auf die Rolle des Staates im Rahmen der ökonomischen Entwicklung, und persönlich, weil Keynes ihm mit seinen Publikationen mehrfach zuvorkam und diese insgesamt weitaus erfolgreicher waren als die eigenen.11 Andererseits gibt es im deutschsprachigen Raum ab dem Beginn der 1970er Jahre Anfänge einer „Innovationsforschung“ in verschiedenen Wissenschaftsfeldern, die sich auf z. T. allerdings sehr begrenzte Teilkonzepte aus den breit angelegten Studien Schumpeters beziehen. Parallel dazu wurden im Gefolge der ersten Nachkriegswirtschaftskrise 1966/67 und der „Ölkrise“ 1974 auch politische Programme und Aktivitäten entwickelt, die „Innovation“ als wesentliches Element gesellschaftlicher Entwicklung in die öffentliche Aufmerksamkeit rückten. Nach der Phase des Wiederaufbaus, der wirtschaftlichen Stabilisierung und politischen Restauration ist für die Jahre 1966/67 die erste große wirtschaftliche Krise in der BRD und weiteren europäischen Ländern zu 11 Zum Verhältnis Schumpeter/Keynes vgl. z. B. Cord Siemon, Innovationspolitik, S.  XVIIIff.; Thomas K. MacCraw, Joseph A. Schumpeter, S. 319–329. 91 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I konstatieren, gleichzeitig waren mit dem Aufkommen der Studentenbewegung die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zum ersten Mal nach dem Krieg wieder in Bewegung gekommen. Ebenfalls 1968 erregten die OECD-Studie zur „Technologischen Lücke“ zwischen den Industrienationen und Jean Jacques Servan-Schreibers Die Amerikanische Herausforderung große Aufmerksamkeit und lösten eine Reihe politischer Aktivitäten aus. Im damaligen Bundesministerium für Wirtschaft wurde ein eigenes Referat „Technologie und Innovation“ eingerichtet, welches gemeinsam mit dem Ifo-Institut 1970 und 1974 zwei wichtige Tagungen initiierte (s. u.). 1971 setzte die amtierende Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt eine Kommission ein, die ausdrücklich mit dem Auftrag arbeitete, ein Gutachten über die mit dem technischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel zusammenhängenden Probleme im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Gesellschaftspolitik zu erarbeiten. […][D]ie Kommission [sollte] aufzeigen, welche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Möglichkeiten bestehen, um im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung den technischen und sozialen Wandel in der deutschen Wirtschaft zu fördern und im Interesse der Bevölkerung zu gestalten.12 Vorläufer dieser Kommission war der 1968 auf Initiative der IG Metall gegründete „Arbeitskreis Automation“, aus dem sowohl Fragestellungen und Forschungsfragen als auch Personen in das neue Gremium übernommen wurden.13 Schon 1970 hatte das RKW Ergebnisse eines von 1963–68 laufenden Forschungsprojektes zu Wirtschaftlichen und sozialen Aspekten des technischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht, auch hieran knüpfte die Arbeit der „Kommission“ an – inhaltlich und personell.14 12 Gutachten, S. 4. 13 Vgl. Karl Martin Bolte, „Die Arbeit der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“. 14 Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft (RKW) (Hrsg.), Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland. 92 Weber, Innovation 1972 erschien die viel beachtete und sehr kontrovers diskutierte Studie des Club of Rome mit dem Titel The Limits to Growth (Die Grenzen des Wachstums), die der US-amerikanische Wissenschaftler Dennis Meadows mit seiner Studiengruppe am MIT als prospektive Studie zur Entwicklung der Welt erarbeitet hatte.15 Das Thema Wachstum wurde, zum ersten Mal so prominent, nicht mehr als unhinterfragbare Grundbedingung politischsozialen „Fortschritts“ interpretiert, sondern geradezu als zentraler Risikofaktor nicht nur für die ökonomische, sondern die gesamtgesellschaftliche Zukunft dargestellt. Ökonomisches Wachstum wurde in der öffentlichen Kommunikation begründungspflichtig, und in diesem Zusammenhang spielt auch „Innovation“ eine wichtige Rolle.16 Die deutschsprachige Innovationsforschung ist deutlich geprägt von amerikanischen und englischen Einflüssen. Godin (2015) beschreibt im Detail die Geschichte der amerikanischen und englischen Innovationsforschung seit den 1930er Jahren und unterscheidet dabei zwei unterschiedliche „Traditionen“: die amerikanische, die mit dem Begriff „technological change“ vor allem Fragen der Produktivitätsentwicklung untersuche und auf Prozesse fokussiere. Die andere (europäische) unter dem Begriff „technological innovation“ beschäftige sich vor allem mit der „Vermarktung“ und fokussiere auf Produkte. Zentrale Modelle und Annahmen aus beiden Richtungen, sofern man diese Aufteilung akzeptiert, sind nach und nach auch im deutschsprachigen Raum adaptiert worden, wie der Überblick Pfetschs belegt. Nach der Ausweitung des Forschungsgebietes auf soziale und gesellschaftliche Entwicklungen generell, wurden vielfach systemtheoretische (Steuerungs-)Konzepte diskutiert.17 15 Dennis Meadows et al. (Hrsg.), The Limits to Growth. In Nachfolgestudien wurden die Ergebnisse der Ausgangsstudie bewertet und z. T. angepasst, die vielfältige Kritik zum Teil aufgegriffen. Vgl. Dennis Meadows et al., Die neuen Grenzen des Wachstums (1992) und Limits to Growth, The 30-Year Update (2004). Im Übrigen wird weder in der deutschen noch der englischen Fassung das Wort „Innovation“ verwendet. 16 Näheres dazu Kap. 4. 17 Vgl. dazu die von Frank R. Pfetsch aufgeführten Definitionen aus den verschiedenen Wissenschaftsfeldern: Frank R. Pfetsch (Red.), Innovationsforschung als multidisziplinäre Aufgabe, S. 9–11. Zu einem systemtheoretischen Blick auf „Innovation und Organisation“ vgl. Reinhard Zintl, „Organisation und Innovation“, S. 219–235. 93 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I In der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Literatur war bis Mitte der 1960er Jahre die „planmäßige Erzeugung technischen Wissens“ und ihre Beziehung zum „technischen Fortschritt“ kein Thema von Bedeutung. Eine der wenigen Studien, die diese Themen aufgriffen und mit direktem Bezug zu Schumpeters Innovationstheorie diskutierten, ist die Dissertation von Gerhard Schätzle, Forschung und Entwicklung als unternehmerische Aufgabe.18 Es ist eine mikroökonomische „Fassung“ der Schumpeter’schen Theorie über Innovation, die hier zugrunde gelegt wird, mit der Dreiteilung in Invention – Innovation – Imitation als Phaseneinteilung des Gesamtprozesses. Vor dem Hintergrund der unübersehbaren Anzahl von aktuellen Publikationen zum Thema „Innovation“ in den letzten Jahren ist es bemerkenswert, dass Dieter Walz schon 1975 in einer der frühesten Überblicksdarstellungen zur Innovationsforschung, dem Band Innovationsforschung als Interdisziplinäre Aufgabe, konstatierte, es drohten „[…] heute die Begriffe Innovation, Innovatoren und Innovationsforschung immer mehr inhaltlich entleert zu werden, weil sie ohne Reflexion und oft auch ohne vertiefte Kenntnis der methodisch-theoretischen Forschungsansätze und Implikationen auf alles angewendet […] werden, was irgendwie ‚neu‘ scheint […]“.19 Innovation sei „en vogue“ und zu einem „Modewort“ in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften geworden. Weder könne von einer einheitlichen Definition von Innovation gesprochen werden, noch viel weniger aber von einer entsprechenden Theorie. Die Einzelbeiträge des zitierten Bandes reichen dann auch von dem sehr speziellen Thema „Die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte: Bildung von Sektionen und Abspaltung von Gesellschaften“ bis zu „Die Innovationen im frühindustriellen Bergbau- und Hüttenwesen“ als „handfestes“ Gegenstück.20 18 Gerhard Schätzle, Forschung und Entwicklung als unternehmerische Aufgabe, S. 1f. 19 Dieter Walz, „Grundlagen und Richtungen der Innovationsforschung“, S. 25. 20 Frank R. Pfetsch (Red.), Innovationsforschung als multidisziplinäre Aufgabe, S. 101ff., 169ff. 94 Weber, Innovation In seiner Einleitung zur genannten Publikation konstatiert der Herausgeber Pfetsch als signifikanten Mangel in der bisherigen Innovationsforschung ihre „Verengung des Innovationsbegriffs auf das wachstumsorientierte Technisch-Ökonomische“, die die Fern- und Folgewirkungen sozialer Art nicht angemessen berücksichtige. Der vor diesem Hintergrund entstandenen Forschungsrichtung des „technological assessments“ (heute unter der Bezeichnung „Technikfolgenabschätzung“ im Sprachgebrauch) misst er eine wachsende Bedeutung zu.21 Drei Jahre später lässt sich in einem Überblicksaufsatz zu „Innovation aus historischer Perspektive“ von Pfetsch ein neuer Akzent erkennen.22 Aus der Vielfalt der theoretischen Ansätze und Methoden, die unter dem Dach der „Innovationsforschung“ zusammengefasst seien, werde aktuell der „naturwissenschaftlich-technisch-wirtschaftliche“ Bereich favorisiert, und zwar „nicht von ungefähr“: „Die wirtschaftliche Rezession 1966/67 wurde u. a. auf ein Innovationsdefizit zurückgeführt, so dass Konjunkturtheorien, die technisch-wirtschaftliche Innovationen als Leitvariable haben, heute – verstärkt durch die zweite Nachkriegsrezession 1974/75 – in Schumpeters Tradition stehend, wieder modern sind.“23 Was Pfetsch hier eher beiläufig bemerkt, ist ein wichtiger Hinweis auf Argumente, die genauer zu untersuchen sein werden: Ökonomische Entwicklungen, speziell Wirtschaftskrisen werden mit Kausalitätszuschreibungen wie „Mangel an Innovationen“ erklärt und ökonomisch-politische Konzepte und Handlungsalternativen, die genau dafür Lösungen versprechen (Innovation = Technischer Fortschritt), werden präferiert. Dies spiegelt sich in den folgenden Jahren deutlich in Aktivitäten und Publikationen der regierungsseitig installierten „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“. Neben dem aufschlussreichen Überblick über den Stand der Forschungsansätze und Systematisierungsvorschlägen für die theoretischen 21 Ebd., S. 14, 15. 22 Frank R. Pfetsch, „Innovationsforschung in historischer Perspektive. Ein Überblick“, S. 118– 133. 23 Ebd., S. 118. 95 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I Modelle bleibt nach der Lektüre der von Pfetsch besorgten Publikationen offen, welcher Grund letztlich dafür auszumachen ist, warum das deutlich ökonomisch definierte Konzept von Innovation überhaupt in der beschriebenen Weise in den anderen Wissenschafts- (und Praxis-)feldern adaptiert wurde. An einem Mangel an „Namen“ kann es nicht gelegen haben, denn es gab vielfältige Bezeichnungen für Erneuerung und Veränderung: Revolution, Reform, Evolution, Renaissance, Invention. 3.2 Brünn-Studie und Das technologische Patt Die Brünn-Studie von Hermann Freudenberger und Gerhard Mensch entstand wie die Überblicksdarstellung von Pfetsch, im Rahmen des Forschungsprojektes „19. Jahrhundert“ der Fritz Thyssen Stiftung zur „Untersuchung und Darstellung von Basisbedingungen der modernen Industriegesellschaft“ einer bisher im Rahmen der deutschen Sozialforschung „wenig beachteten wissenschaftlichen Thematik“.24 Sie kann als „Auftakt“ der deutschsprachigen Innovationsforschung gelten, die sich zu dieser Zeit ausdrücklich als interdisziplinär ausgerichtet und methodisch flexibel verstand. Die Autoren der Brünn-Studie, der Wirtschaftshistoriker H. Freudenberger und der Systemanalytiker G. Mensch, bezeichnen sich selbst als „Neo-Schumpeterianer“ (Brünn-Studie, 18) und nehmen immer wieder Bezug auf einzelne Aspekte aus Schumpeters Theorie.25 Dies kann insoweit verifiziert werden, als sie Schumpeters grundlegende These teilen, dass 24 Hermann Freudenberger/Gerhard Mensch, Von der Provinzstadt zur Industrieregion (Brünn- Studie): ein Beitrag zur Politökonomie der Sozialinnovation, dargestellt am Innovationsschub der industriellen Revolution im Raume Brünn“, im Folgenden zitiert als Brünn-Studie + Seitenzahl. Gerhard Mensch ist im Übrigen der einzige deutschsprachige Autor in diesem Feld, der seinerzeit auch international wahrgenommen (= zitiert) wurde; Frank R. Pfetsch (Red.), Innovationsforschung, Vorwort. 25 Brünn-Studie, vgl. zum Beispiel S. 13, 119f., 127f. Noch in einem Interview von 2009 (s. Fn 191) bezeichnet sich Mensch als „Neo-Schumpeterianer“, sieht sich sogar als jemand, der Schumpeters Theorie weiterentwickelt habe. Als Bezüge zu Schumpeter sind in diesem Interview wie in den meisten seiner Texte nach 1975 (dem Erscheinen des Technologischen Patt) ausschließlich rhetorische Verweise auszumachen. 96 Weber, Innovation gesellschaftlicher Wandel als evolutionäres Geschehen anzusehen sei. Die Reichweite ihres Konzeptes schränken sie allerdings auf kleinräumige Systeme wie Stadt oder Region ein (Brünn-Studie, 19). Ohne inhaltlich und methodisch im Detail auf die verwendeten theoretischen Konstrukte eingehen zu können, fällt auf, dass Innovation/Innovationen bei Freudenberger/Mensch selten als Wort allein vorkommt. Im Unterschied zum präzise abgegrenzten Sprachgebrauch bei Schumpeter erscheint es hier umgeben mit einer Vielzahl von Synonymen, Umschreibungen und variierenden Kombinationen, die das zu Bezeichnende einerseits unscharf werden lassen, andererseits ausdehnen. Dadurch entstehen vielfältige Konnotationen und ein ausgedehntes Feld „möglicher Bedeutungen. So werden schon im Titel der Brünn-Studie unterschiedliche Kontexte adressiert, denn angekündigt wird ein Beitrag zur „Politökonomie der Sozialinnovation, dargestellt am Innovationsschub der industriellen Revolution im Raume Brünn“. Versucht man, die verwirrende Wirkung des wuchernden und oszillierenden Wortgebrauchs zu ordnen, ergeben sich fünf Gruppen von Bezeichnungen im Umfeld des Zentralwortes „Innovation“:26 1. Gegensatzpaare Stagnation und Innovation (23) Erschöpfung und Erneuerung (25) Altes und Neues (25) 2. Komposita und Kopplungen Sozialinnovation (Untertitel) Schlüsselinnovationen (13) Innovationsschub (13), -neigung, -mangel (13) Serviceinnovationen (14) Erstinnovationen (14) Politinnovationen (16) Technologische Innovationen (21) 26 Im folgenden Abschnitt gilt: Die Ziffern in Klammern geben die Seitenzahlen der Brünn-Studie an. 97 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I Innovativer Wandel (35) Nichttechnische Innovationen (56) Innovative Prozesse (86) 3. Synthetisierende (raumgreifende) Kombinationen Technologien, Sozialreformen und Politinnovationen (16) Technische Innovationen, soziale Reformen, politische Novellen (15) Konzepte innovativen Wandels und der sozialwirtschaftlichen Entwicklung (18) Sozialinnovationen, politische Reformen und Kulturleistungen (24) 4. Synonyme für Veränderung im Umfeld „Innovation“ Industrielle Revolution (Untertitel) Industrialisierung (9) Transformation (10) Evolution (125) Renovierung (12) Wandel (14) Modernisierung (16) Fortschritt (16) Entwicklung (18) Reform (24) Strukturwandel (24) 5. Kausalitätszuschreibungen Industrialisierung = Modernisierung = Resultat von Innovationen (105) Modernisierungsmechanismus produziert Innovationsschübe (105) Die Kombinationen aus Wörtern der ersten vier Gruppen sind variantenreich bis bizarr und der Leser kann leicht aus den Augen verlieren, welche Art von Veränderung verhandelt wird.27 Es entsteht der Eindruck, dass es 27 Hier nur wenige Beispiele: „Unser Konzept der sozialwirtschaftlichen Modernisierung, angewandt auf den historischen Prozess der Industrialisierung von Brünn […], ist im großen und ganzen eine Stufentheorie der Entwicklung.“ (18) „Diese Zeitreise der sich formierenden, artikulierenden, schärfere Gewalt gewinnenden Konzepte ist eine ‚streunende‘ Bewegung.“ (22) „Mit der Verknüpfung dieser beiden Enden in einem systemtheoretischen Ansatz gewinnen wir die Theorie der streunenden Innovationsprozesse, die auch das Innovationsschwärmen erklärt.“ (120). 98 Weber, Innovation immer um fast „Alles“ geht, wenn im Umfeld „Innovation“ als Name gebraucht wird: um die Deutung eines historischen Zeitraums, „industrielle Revolution“ genannt, ebenso wie um gegenwärtige Veränderungsprozesse; um Formen oder Klassen von Veränderung überhaupt (Evolution, Transformation); um evaluative Einordnungen (Fortschritt, Modernisierung, Strukturwandel) oder Details eines ökonomischen Vorganges (Schlüssel-, Erst-, technologische Innovation). Das Ensemble der „neuzeitlichen Bewegungsbegriffe“ (Koselleck) scheint im Hintergrund auf, gleichzeitig lässt die besondere Art des Wortgebrauchs an Pörksens Konzept der „Plastikwörter“ denken, zu deren Eigentümlichkeiten es unter anderem gehört, in einer Art „Kolonisation“ und „Sphärenvermischung“ wissenschaftliche Begriffe in die Alltagssprache zu schleusen.28 Mit dem skizzierten Wortgewebe wird hier potentiell alles aufgerufen, was mit Veränderung zu tun hat, andererseits kann als (politische) Botschaft Freudenbergers/Menschs in einem deutlichen Hinweis zum Nutzen ihrer Untersuchung die schlichte Kernthese des ökonomischen Liberalismus zur Rolle des Staates identifiziert werden: Wir glauben also, dass unsere Brünnstudie einen Beitrag leisten könnte zu aktuellen Fragen des gesellschaftlichen Wandels, und zwar einfach dadurch, dass ein Bericht gegeben wird, was in dieser Welt möglich ist, wenn nur die passenden Voraussetzungen geschaffen sind. Das vermittelt auch einige Einsicht ins Unmögliche. Wenn unsere Studie in diesem Sinne für ein tieferes Verständnis evolutorischer Vorgänge Anstöße geben könnte, so dass einerseits zu hoch gestochene Hoffnungen entzaubert und andererseits subtile Widerstände gegen echte Evolutionschancen entschleiert werden, dann hätte sie auch zur Rationalisierung der Reformdiskussion beigetragen, die um die Frage geht, was bleiben soll und was weichen muss.Dabei geht es um Probleme der Modernisierung von nationalem Rang.29 28 Uwe Pörksen, Plastikwörter, S. 11f., 92. 29 Hermann Freudenberger/Gerhard Mensch, Brünn-Studie, S. 16. 99 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I Der theoretische Ansatz, den Freudenberger/Mensch in der vorliegenden Studie anbieten, ist weniger eine Synthese, wie sie es selbst sehen (Brünn- Studie, 18), als eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Elementen heterogener Provenienz, die durch den Gebrauch von einerseits naturwissenschaftlicher Terminologie (vom „Alphaprozess“ (ebd., 105) ist die Rede, es werden Formeln und Grafiken verwendet), andererseits solcher aus systemtheoretischen Steuerungskonzepten (z. B. „Protostruktur“, ebd., 118) zusammengehalten wird und auf diese Weise wissenschaftliche Reputation reklamiert.30 Die Autoren beanspruchen für ihren Ansatz „Lehrstückcharakter“ für „moderne Reformbestrebungen“ (Brünn-Studie, 15) und glauben, zur „Rationalisierung der Reformdiskussion“ (ebd., 16) beizutragen, womit sie sich geradewegs den ratlosen politischen Entscheidern empfehlen, die angesichts manifester ökonomischer und gesellschaftlicher Kontroversen und Krisen darüber streiten, welche Rolle „der Staat“ in ökonomischen Fragen einnehmen sollte. Einer der beiden Autoren (G. Mensch) wird dann auch wenig später von der „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ mit einem Forschungsauftrag betraut.31 Doch zunächst machte er noch mit einer eigenständigen Publikation auf sich aufmerksam, die bis heute (!) als einschlägig zitiert und herangezogen wird: Das technologische Patt. Innovationen überwinden die Depression.32 Es ist sicher kein Zufall, dass der Buchtitel an die 1968 erschienene OECD-Untersuchung mit dem Titel Gaps in Technology erinnert, in der eine Forschergruppe die Mitgliedsländer vergleichend unter vier Aspekten untersuchte: „Education. Research and Development. Technological Innovation. International Economic Exchanges.“33 30 Als eine inhaltlich und methodisch kritische Würdigung des Forschungsansatzes von Freudenberger/Mensch vgl. Akos Paulinyi, „Kraftmaschine oder Arbeitsmaschine. Zum Problem der Basisinnovationen in der Industriellen Revolution“. Kritisch zu Menschs Ansatz auch Joachim Radkau, Technik in Deutschland, S. 42. 31 S. u. Kap. 4. 32 Gerhard Mensch, Das technologische Patt. 33 OECD (Hrsg.), Gaps in Technology, Paris. Die Rezeption der Studienergebnisse in der Folgezeit wäre eine eigene Untersuchung wert, ist hier jedoch nicht möglich. Nur so viel: in der Folgezeit wurden in Europa einige extrem aufwendige und teure technische Großprojekte (z. B. die 100 Weber, Innovation Waren in der Brünn-Studie noch Gestalt und Ziele eines Forschungsprojektes zu identifizieren, versteht Mensch Das technologische Patt ohne Einschränkung programmatisch. Seine im gleichen Jahr wie die Brünn- Studie erschienene Monographie enthält inhaltlich kaum Neues zum Thema „Innovation“, viele Formulierungen und Zusammenhänge waren in der Brünn-Studie schon angelegt. Bemerkenswert ist diese Publikation vor allem, weil hier das zentrale Thema „Innovation“ in Bewegung zu beobachten ist: unterwegs aus dem Feld der Wissenschaft (Historische Innovationsforschung und Ökonomie) in das der (praktischen und programmatischen) Politik, und von der sprachlichen Verdichtung eines inhaltlichen Konzepts (bei Schumpeter) zum Effekte bündelnden Schlag- und Fahnenwort.34 Mensch arbeitete Anfang der 1970er Jahre parallel an verschiedenen Projekten: zusammen mit H. Freudenberger an der Brünn-Studie, allein am Technologischen Patt und – im Auftrag der „Kommission“ – an seiner Studie zur Gemischtwirtschaftlichen Innovationspraxis.35 Das zugrundeliegende historische und statistische Material ist überwiegend das gleiche, die Theorieelemente wiederholen sich. Vor dem ökonomischen Hintergrund der Nachwirkungen der „Ölkrise“ von 1974 ist das Buch eine dezidiert politische Intervention mit Empfehlungen für die politischen Entscheider. Schon der Untertitel konstatiert, programmatisch weit ausgreifend: „Innovationen überwinden die Depression.“ Für die Darstellung der semantischen Ressourcen, mit denen Mensch arbeitet, wird hier keine differenzierte Wortfeldanalyse benötigt. Die wesentlichen Aspekte sind aus unserer Sicht erschließbar über die semanti- Concorde) und Rüstungsvorhaben realisiert. Was den Bezug Menschs auf die Studie betrifft, spielt er nicht nur mit seinem Titel darauf an, er unterteilt seine Publikation in „Bücher“ wie die Studie (das dort gebrauchte „book“ dürfte jedoch eher im Sinne von „Block“ verwendet sein). 34 Zur Einordnung und Charakterisierung von Schlagwort, Fahnen- und Schlüsselwort vgl. Fritz Hermanns, Schlüssel-, Schlag- und Fahnenwörter. 35 Gerhard Mensch, Gemischtwirtschaftliche Innovationspraxis. 101 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I schen Oppositionen, die das begriffliche Gerüst tragen und über die nähere Betrachtung der mit Bildern und Übertragungen aufgeladenen Sprache. Der programmatische Kern ist in folgenden Oppositionsbildungen enthalten: Innovation – Stagnation Innovationen – Krisen/Depression/Rezession Mit Bezug auf Schumpeter, aber entweder in Unkenntnis seiner Konjunkturtheorie oder sie umdeutend, wird bei Mensch Innovation als Prozess zum Gegenmittel für die beobachteten wiederkehrenden Konjunkturschwankungen, welche Schumpeter noch als charakteristischen und unvermeidlichen Bewegungsmodus der kapitalistischen Ökonomie zu sehen in der Lage war.36 „Metastasierende“ Erscheinungen des Wandels und „Innovationsfluten“ – dies sind zwei charakteristische Formulierungen Menschs.37 Sie kennzeichnen einen Sprachgebrauch, der eher zu einem Vortragstext mit missionarischem Impetus passt. Die zahlreichen Analogien und Metaphern beziehen ihr „Material“ im Wesentlichen aus zwei Bereichen: zum einen ist es „Gesundheit/Krankheit“, zum anderen „Geologie/Meteorologie“. Hier zunächst eine (unvollständige) Übersicht der verwendeten Formulierungen: Gesundheit/Krankheit: Depression (Untertitel) „metastasierender“ Wandel (49) Marktverkrustung (71) 36 G. Mensch ist zwar namentlich nicht genannt, könnte jedoch durchaus zu den Autoren gehören, von denen der Wirtschaftswissenschaftler Karl Georg Zinn schreibt, sie hätten sich aus „Schumpeters Opus den dynamischen Unternehmer und die Innovationstheorie ‚herausgepickt‘“ und zögen damit durchs Land, in: Karl Georg Zinn (Hrsg.), Beiträge zu Schumpeters Theorie, S. 1. 37 Gerhard Mensch, Das Technologische Patt, S. 149. In den folgenden Abschnitten gilt: Ziffern in Klammern = Seitenzahlen aus Mensch, Das technologische Patt, zitiert als Patt. 102 Weber, Innovation epidemische Ansteckungen (93) Auszehrungserscheinungen (95) Verstopfungserscheinungen (99) Anfälligkeiten (105) Infektion (107) Stagflationsepidemie (107) Selbstansteckung (107) Rezepte (131) Gebrechen (167) Krebsbeulen (214) Krisensucht (223) Krankheitsursachen (229) Heilung (223) Geologie/Meteorologie/Evolution (Natur): Sonne der Konjunktur (105) Großwetterlage (ebd.) Gewitterspannung (ebd.) Stagnationsstrom (ebd.) Innovationsbach (ebd.) Klimawechsel (111) Großwetterlage (ebd.) Steppenbrand (ebd.) Dürre (ebd.) Abgrund (126) Gezeiten (149) Innovationsfluten (149) Zyklen (47) Schübe (147) Selektionsprobleme (215) Der Aufbau seiner Argumentation folgt einem einfachen Muster. Es wird zunächst an allseits verfügbare Alltagserfahrungen von a) Krankheit(en) und b) Wetter- und Landschaftswahrnehmungen angeknüpft. Mit Hilfe von Analogiebildungen und Metaphern werden diese dann mit einer Auswahl von Termini der politisch-ökonomischen Kommunika- 103 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I tion kurzgeschlossen. Die Metaphern fungieren hier als „sprachliche Orientierungsfilter“.38 Mensch wechselt mühelos die Rahmen, zwischen denen er „Innovation“ und die zugehörigen Kombinationen hin und her transportiert: von der Darwin’schen Evolution zur Kybernetik, vom großen Reservoir des Feldes Gesundheit/Krankheit zu Bibel und Mythologie, dann wieder zu Meteorologie/Geologie und zurück in die Ökonomie. Was auf den ersten Blick als außer Kontrolle geratener Sprachgebrauch erscheinen mag, ist, was die aufgerufenen Konnotationen betrifft, weder zufällig noch einzigartig. Beide Herkunftsbereiche partizipieren an dem, was „Natur“ resp. „Naturereignisse“ an Bedeutungsfacetten evozieren: das schicksalhafte Eintreten, die Gewaltsamkeit der Natur(ereignisse). Im ersten Bereich geht es um die Natur im/des Menschen (Krankheit, Gesundheit), im zweiten um die äußere Natur, die Auseinandersetzung um Gestaltung oder Beherrschung als existentielle Aufgabe. Auf diese Weise gebraucht kann „Innovation“ mit seiner Schumpeter’schen Herkunft aus der Ökonomie einerseits weitere Bedeutungsnuancen anlagern und andererseits Elemente aus der einen in die andere Sphäre übertragen, was sich vor allem für den Gebrauch in der politischen Kommunikation zukünftig als überaus nützlich erweisen wird. Denn je nach Bedarf kann Unterschiedliches aktiviert werden: „Innovationen“ als Lösung für …, profitiert von der Anreicherung aus dem Feld Gesundheit/Krankheit und kann als „Heilmittel“ deklariert werden. Geht es um den Komplex von Macht/Herrschaft/Entscheidungen, ist es nützlich, rhetorisch auf „Natur(gewalten)“ rekurrieren zu können, denen sich die Subjekte unterordnen müssen, was ähnlich wie das rhetorische Muster der Argumentation mit „Sachzwängen“ funktioniert.39 38 Speziell zur Funktion von Krankheitsmetaphorik im öffentlichen Diskurs: Andreas Musolff, „Brisante Metaphern. Zur argumentativen Funktion von Krankheitsmetaphern in Diskursen“, S. 309–322 und Anja Lobenstein-Reichmann im Rahmen eines Aufsatzes zu „Sprache und Rasse bei Houston Stewart Chamberlain“, S. 187–208. 39 Vgl. Clemens Knobloch, Moralisierung und Sachzwang. 104 Weber, Innovation Jürgen Link entwickelte zur Analyse von Diskursphänomenen wie den hier beschriebenen den Begriff der „Kollektivsymbolik“, womit die „Gesamtheit der am weitesten verbreiteten Allegorien und Embleme, Vergleiche und metaphorae continuatae, Exempelfälle, anschauliche Modelle und Analogien einer Kultur“ verstanden werden sollen. Kollektivsymbole verkörpern nach Link die „kollektiv verankerten Symbole (‚Bilder‘) einer Kultur“, ein „Gesamtsystem mit seriellen Achsen und ‚Plateaux‘ (z. B. in der Moderne die Serie der Vehikelsymbole Ballon – Dampfer – Eisenbahn – Auto – Flugzeug; oder die Serie der Körpersymbole usw.)“.40 Damit steht ein Begriff zur Verfügung, mit dem die verschiedenen Bezeichnungen für Sprachbilder wie Symbol, Allegorie, Metapher etc. gemeinsam gefasst werden können. Die Analyse der Verwendung von Kollektivsymbolen ist bei Link ein wesentliches Element der „Interdiskursanalyse“. Die Funktion von „Interdiskursen“ besteht darin, unterschiedliche Spezialdiskurse (etwa Biologie und Gesellschaft) zu koppeln und zwar in „selektiv-symbolischen, exemplarisch-symbolischen, also immer ganz fragmentarischen und stark imaginären Brückenschlägen über Spezialgrenzen hinweg für die Subjekte“.41 Die simplifizierenden und gleichzeitig totalisierenden Gleichsetzungen Menschs wie „Stagnation = Mangel an gewichtigen Innovationen“ (Patt, 37) oder „[d]er Innovationsprozess ist der technische Fortschritt“ (Patt, 130) wirken in ihrer Massivität befremdlich. Sie werden sich jedoch als stilbildend für bestimmte Segmente politischer Kommunikation erweisen und Auswirkungen haben auf die Formatierung des „Sagbaren“. Ein kurzer Blick auf gegenwärtige öffentliche Kommunikation, hier auf kommentierende Texte zur jüngsten Finanzkrise seit 2007, zeigt, wie attraktiv vor allem für legitimationserzeugende Argumentationen der Rückgriff auf 40 Jürgen Link im Interview mit R. Diaz-Bone: http://www.qualitative-research.net/index.php/ fqs/article/view/147/323, Zugriff am 20.7.2017; vgl. auch Link, „Über ein Modell synchroner Systeme von Kollektivsymbolen“, S. 63–92 und seine Beiträge in der Zeitschrift KultuRRevolution, die seit 1982 federführend von Link herausgegeben wird. 41 Jürgen Link, „Diskursanalyse unter besonderer Berücksichtigung von Interdiskurs und Kollektivsymbolik“, hier S. 412. 105 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I das Bedeutungsfeld „Gesundheit/Krankheit/ Wetter/Meteorologie“ sein kann. Die vorgeblich so rational strukturierte Welt der Bilanzen, Kredite und Währungen schien, wie eine mittelalterliche Stadt von der Pest, plötzlich großräumig „infiziert“, (Wert-)Papiere wurden „toxisch“, Abhängigkeitserkrankungen („Sucht“ und „Gier“) bei Bankenmitarbeitern aller Ebenen nahmen schlagartig zu und rituelle Geisterbeschwörungen oder -austreibungen („Rettungen“ von Banken, Einrichtung von „Bad Banks“) avancierten zu regelmäßigen Handlungen staatlicher und wirtschaftlicher Akteure.42 Im Verhältnis zu den direkten Empfehlungen Menschs an die Politik an Anfang und Ende des Buches erscheint die sprachlich so dramatisch inszenierte Ausgangslage, das „Patt“, die „schwere Krankheit der Krisensucht“, inhaltlich als weit überzogen. Das Beste, was eine großräumige Wirtschaftspolitik zum Innovationsgeschehen tun kann, ist dies: Äußere Zeichen des Wohlwollens für ein gutes Innovationsklima setzen und Abstand halten (40) und Glättung der Innovationsrate (265). Die angebotenen „Heilungsschritte“ wirken gegenüber dem zuvor geschilderten „Krankheitszustand“ merkwürdig harmlos und wenig überzeugend, tatsächlich erwiesen sie sich als politisch hervorragend kompatibel und wirkungsvoll in ihrer absichtsvollen Mehrdeutigkeit, die sich sprachlich als Entschiedenheit ausgibt: „Die Glättung der Innovationsrate besteht also zunächst in der Ankurbelung von Projekten, die in den Vorstufen des Wissenstransfers steckengeblieben sind“ (274) oder „Ich empfehle nicht allein das Warten auf die Basisinnovationen […]. Ich empfehle eine kräftige Steigerung der Anstrengungen, die den Wissenstransfer betreiben, 42 Ohne auf die unterschiedlichen Metaphern-Theorien etwa bei Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, S. 7–142, oder Ralf Konersmann, Wörterbuch der philosophischen Metaphern eingehen zu können, sei hier nur ein Beitrag von Petra Gehring genannt, der für uns besonders anregend war: „Das Bild vom Sprachbild“, S. 81–100; zu Naturmetaphern vgl. auch Olaf Briese, Die Macht der Metaphern. Der Bild- und Metaphernedarf scheint ohnehin gerade bei Ökonomen vor allem dann zu steigen, wenn sie, wieder einmal, weder mit realitätsfernen Modellen (wie etwa dem des berüchtigten „homo oeconomicus“) noch mit mathematischem Zugriff (Ökonometrie) der realen Welt der kapitalistischen Ökonomie beikommen. 106 Weber, Innovation damit ständig und besonders für Stagnationszeiten ein breites Angebot an machbaren Innovationsprojekten zur Wahl steht (279).“43 Ein weiterer bemerkenswerter und für die weitere Karriere von Innovation bedeutsamer Punkt in Menschs Innovationserzählung ist die auf den letzten Seiten noch angedeutete Expansionsrichtung von Innovation in „nichttechnische“, gar „immaterielle Dimensionen“ (280). Das rhetorische und zweckdienlich mit einem Hauch von Pathos veredelte Anspielen einer an „weitsichtigen Zielen und aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierten Innovationspolitik“ (280) könnte verdecken, dass Menschs Argumentation im Ganzen inkonsistent ist. Einerseits sieht er die „Glättung der Innovationsrate“ als Aufgabe der Industriepolitik, andererseits konstatiert er, sowohl Staat als auch Kapital seien damit überfordert. Einerseits sei staatliche Lenkung erforderlich, andererseits sei Investitionslenkung kein taugliches Mittel (263f.). Mit einer Formulierung, die in unterschiedliche Parteiprogramme passen könnte, und dem kurzen Auffächern von Spruchweisheiten und Sinnsprüchen von Kleist und Popper (!) endet die Erzählung.44 Ihre Themen und rhetorischen Muster werden in der folgenden Publikation wiederaufgenommen. 43 Dem Ansatz von Jürgen Link folgend evoziert der Gebrauch von Gesundheit/Krankheit als Kollektivsymbolen immer auch Vorstellungen von „Normalität“(-sgrenzen), die wiederum mit dafürstehen, was im Rahmen bestimmter Diskursordnungen als „sagbar“ (tolerabel, verstehbar) gilt. 44 Die letzten Sätze des Textes: „Die an weitsichtigen Zielen und an aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierte Innovationspolitik, insbesondere das Evolvieren in nichttechnische, immaterielle Dimensionen, erfordert es, wie Heinrich von Kleist in anderem Zusammenhang sagte, wieder vom Baum der Erkenntnis zu essen. Dieser Schritt eröffnet Betätigungsfelder, die praktisch ohne Grenzen des Wachstums sind. Mit Wissen und Unwissen ist es wie mit Freud und Leid. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude. ‚Das Phänomen des menschlichen Wissens ist ohne Zweifel das größte Wunder in unserem Universum’ (Karl Popper).“ (Mensch, Das technologische Patt, S. 280). Ges ells cha ftlic her Mod ern isie run gsbed arf Unv erm eidl iche r Stru ktur wan del Men sch lich e Bed ürfn isse Inn ova tion • • • • • • • • • • Pflic ht d es Sta ats Sch ump eter / Key nes Nah t vo n S taat und Pri vat Soz ial- Inno vati one n • • Um stru ktur ieru ng Quelle: Eigene Darstellung 107 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I 3.3 Gerhard Menschs Studie für die „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ Menschs im Auftrag der Kommission erstellte und 1976 veröff entlichte Studie Gemischtwirtschaftliche Innovationspraxis liefert Anschauungsmaterial dafür, wie auch über individuelle Sprecher sprachliche Ausdrücke wirkungsvoll in Umlauf gebracht werden können, sofern sie geeignet sind, an umgebende Kommunikationen anzuschließen.45 Mensch knüpft an die politisch seinerzeit kontrovers debattierte Rolle des Staates in Bezug auf ökonomische, hier strukturgestaltende Entscheidungen zur Förderung von Innovationen an, und das „semantische Netz“, auf das er zurückgreift, weist im Wesentlichen folgende Begriff e auf: 45 Gerhard Mensch, Gemischtwirtschaftliche Innovationspraxis. Die Ziff ern in Klammern (= Seitenzahlen) der folgenden Abschnitte beziehen sich auf diese Publikation. Auch wenn es bisweilen schwerfällt, die z. T. tendenziösen Bezugnahmen Menschs auf Schumpeter nicht inhaltlich zu kommentieren, beschränke ich mich auf seine Argumentation im Kontext von „Innovation“. Ebenfalls nicht kommentiert, aber erwähnt werden soll noch, dass Mensch sich im Rahmen der Studie vielfach auf eigene Veröff entlichungen bezieht und sie zitiert, vor allem auf Das technologische Patt. Der „gemischtwirtschaftlichen Innovationspraxis“ war schon im Technologischen Patt ein eigener Abschnitt gewidmet (S. 250ff .), jetzt wird daraus ein ganzes Buch. 108 Weber, Innovation Die Dramaturgie der Studie lässt sich in vier Abschnitte gliedern: Zu Beginn gibt es eine zweiteilige rahmende Behauptung, die im Verlauf des Textes mit Varianten wiederholt wird und deren zweiter Teil nicht zuletzt der Selbstinszenierung dient („Der Autor, zwischen Schumpeter und Keynes“). Es folgen zwei Sachzwang-Konstruktionen, die, „einwandsimmun“ und „zustimmungspflichtig“ auf Akzeptanz hin orientieren und schließlich die Konstruktion eines (angeblichen) Dilemmas sowie dessen (scheinbare) Auflösung.46 Schumpeter/Keynes (2f.) Naht von Staat und Privat (181) Pflicht des Staates (66f.) Unvermeidlicher Strukturwandel (47) Gesellschaftlicher Modernisierungsbedarf (47) Menschliche Bedürfnisse (41) Umstrukturierung (192) Sozialinnovationen (19) Den inhaltlichen Auftakt bildet die Behauptung, dass ökonomische Entscheidungen durch „menschliche Bedürfnisse“ (41) determiniert und dass Veränderungen deshalb erforderlich seien, weil die gegebenen „Angebotsstrukturen“ nicht mehr „bedarfsgerecht“ seien (24). Daraus wird die „Sachzwang-Konstruktion“ Nr. 1 abgeleitet, derzufolge ein „gesellschaftlicher Modernisierungsbedarf“ (37, 40, 49) bestehe, der „unumgängliche Strukturanpassungen“ (47), „unvermeidlichen Strukturwandel“ (41) erfordere.47 Mit der Sachzwang-Konstruktion Nr. 2 wird der relevante Akteur in Szene gesetzt: der Staat habe deshalb die „Pflicht“, im entsprechenden Sinne zu intervenieren (66). Das zu Beginn rhetorisch geschickt intonierte „Dilemma der Innovationspolitik“ (46f.) – es soll wirksame staatliche Interventionen geben, gleichzeitig soll jedoch „Marktneutralität“ gewahrt bleiben – in der Tat 46 Clemens Knobloch/Friedemann Vogel: Ankündigung zur Tagung „Sprache und Demokratie“ vom 2.-3.10.2014: http://www.sud.friedemann-vogel.de/, Zugriff am 20.7.2017. 47 Vgl. Clemens Knobloch, Moralisierung und Sachzwang. 109 ein Ziel, das nur mit viel Camouflage – oder sollte man besser sagen: „Manipulationen“ – zu bewerkstelligen ist, wird am Ende der Studie als aufgehoben bzw. gelöst präsentiert, mit Hilfe von semantischen Operationen allerdings, denen man ihre Absichten anmerkt – „an Redeweisen ablesbare Strategien“ so formulierte es Georg Bollenbeck in einem anderen Zusammenhang.48 Das Gegensätzliche, Widersprüchliche, Unauflösliche des Dilemmas wird einfach aus der Wahrnehmung manövriert, z. B. indem „direkt“ und „indirekt“ (auf staatliche Subventionen für Innovationen bezogen) nicht mehr als Opposition, sondern als gleitender Übergang konstruiert wird oder die Opposition von staatlich und privat in der Intransparenz von Konstruktionen verschwindet, die z. T. bis heute modellbildend blieben, wie etwa staatlich geförderte „Technologieparks“ oder spezielle Kooperationen von Unternehmen und Hochschulen – ein gerade gegenwärtig aktuelles Projekt.49 Die Fragwürdigkeit seiner Lösungsideen für das selbst erkannte Dilemma bildet sich in den sprachlichen Konstruktionen sinnfällig ab: „Es gehört zur Vermittlungsfunktion der aktiven Strukturpolitik, daß sie dort mit erhaltenden Maßnahmen flankierend eingreift, wo die Forschungsund Technologiepolitik mit der Innovationsförderung, die der Modernisierung der Branche dienen soll, kurzfristig die Branche weiter erschüttert, indem sie einzelnen Unternehmungen hilft, Wettbewerbsvorsprünge zu halten.“ (45) Ähnlich disparat sind Bezeichnung und Erklärung für „selektiv-indirekte“ Maßnahmen der Innovationsförderung (329). Eine Bedeutungsvariante von Innovation, die „Sozialinnovation“, die neu in Menschs Buch Das technologische Patt eingeführt wurde, wird in seiner Studie für die Kommission wieder aufgegriffen und lässt hier noch 48 Georg Bollenbeck/ Clemens Knobloch (Hrsg.), Das neue Interesse an der Wissenschaftshistoriographie, S. 16. 49 Dies steht mit einer bedeutsamen Erweiterung heute als „triple-helix“ (Staat + Unternehmen + Hochschulen) in der Diskussion. Es handelt sich auch dabei um eine sprachliche Konstruktion, die auf die evozierte Dignität der naturwissenschaftlichen Herkunft des Bildes setzt und gleichzeitig handfeste politische Interessen abblendet, die als Motive koexistieren: „Anwendungsorientierung“ (gegen „bloße“ Grundlagenforschung), Drittmittelakquisition (statt ausreichender staatlicher Förderung). 110 Weber, Innovation erkennen, welche argumentativen und welche handfesten Absichten mit diesem Namen benannt waren. Sozialinnovationen sind bei Mensch „Begleiter“ der technischen Innovationen und im Wesentlichen als Kompensationen anzusehen für deren unerwünschte „Nebenfolgen“. Sie fallen, aus der Sicht Menschs wie selbstverständlich, in den Verantwortungsbereich des Staates (21). Es ist nicht zu übersehen, dass hier eine argumentative Verbindung zu den seinerzeit aktuellen Auseinandersetzungen um die – wie es hieß – „Humanisierung der Arbeit“ besteht, Strategien, die einerseits unerwünschte „Nebenwirkungen“ des „Technischen Fortschritts“ mildern, andererseits mögliche grundsätzliche Widerstände gegen die praktizierten Arbeitsregime verhindern sollten.50 Im Rückblick lassen sich aus dem geschilderten Stand der Forschung zu „Innovation“ Mitte bis Ende der 1970er Jahre folgende Varianten für die zukünftige Karriere des Begriffs absehen: 1. Mit Bezug auf Schumpeter die Engführung seines Innovationskonzeptes auf die mikroökonomische Theorie des Dreischritts von Invention – Innovation – Diffusion, wobei für jeden dieser Einzelschritte wieder eigene Modelle entwickelt wurden, zu deren Operationalisierung das „Innovations-Management“ hinzukommt.51 2. Mit oder ohne expliziten Bezug zu Schumpeter die Nutzung von „Innovation“ als Namen und als „Platzhalter“, wo immer „elastische“ („amorphe“, wie Pörksen es nennt) und trotzdem starke Ausdrücke gebraucht werden, zum Beispiel, um Konzepte einzukleiden, die für sich genommen Unbehagen oder Widerstand hervorrufen könnten.52 So wird 50 Zum Projekt „Humanisierung der Arbeit“ in den 1970er Jahren: http://library.fes.de/library/ netzquelle/gute-arbeit/humanisierung.html, Zugriff am 20.7.2017. Gegenwärtig knüpft die gewerkschaftliche Initiative „Gute Arbeit“ explizit an diese Aktivitäten an. Vgl. den Artikel von Dieter Sauer, „Von der ‚Humanisierung‘ der Arbeit zur ‚Guten Arbeit‘“: http://www.bpb.de/ apuz/33366/von-der-humanisierung-der-arbeit-zur-guten-arbeit?p=all. Dort auch weitere Literaturangaben zum Thema, Zugriff am 20.7.2017. 51 Eine der zentralen Referenzen für Publikationen zum Thema „Innovations-Management“ ist Peter F. Drucker. Drucker gehörte in Harvard zum engsten Umfeld Schumpeters. 52 Uwe Pörksen, Plastikwörter, S. 19. 111 3 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung I zum Beispiel als „Sozialinnovation“ umcodiert, was als schon erfolgter oder angestrebter „Umbau“ sozialstaatlicher Strukturen einzuordnen ist.53 53 Vgl. dazu v. a. Kap. 5 der vorliegenden Studie.

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References

Zusammenfassung

Gegenstand der von Susanna Weber vorgelegten Studie sind Stationen der Begriffsgeschichte von „Innovation“, die Beschreibung und Plausibilisierung des Übergangs in einen bzw. die Herausbildung eines Innovations-Diskurses im 20. Jahrhundert sowie die exemplarische Analyse und Kritik einzelner zeitgenössischer Kommunikationszusammenhänge, die „Innovation“ in ihrem Zentrum führen.