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2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept. „Neuerung“ und „Innovation“ bei Joseph A. Schumpeter in:

Susanna Weber

Innovation, page 53 - 86

Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4227-4, ISBN online: 978-3-8288-7118-2, https://doi.org/10.5771/9783828871182-53

Series: kommunikation & kultur, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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53 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept „Neuerung“ und „Innovation“ bei Joseph A. Schumpeter Dieser Prozess der schöpferischen Zerstörung ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Wirtschaftlicher Fortschritt bedeutet in der kapitalistischen Gesellschaft Aufruhr. (Joseph A. Schumpeter1) Ob der Korrespondent der Zeitschrift Das Ausland in der Ausgabe von 1838 die Konnotation der lateinischen Wortwurzel von „Innovation“, „novus“, z. B. bei Cicero, kannte (die „res novae“ wiesen auf Umsturz hin!) oder ob er sich nur vom ähnlichen Ton inspirieren ließ, als er Folgendes in einem Bericht aus Paris formulierte, ist nicht zu ermitteln: „Bei so klingenden Beweggründen das Bestehende zu lieben, wie sollte sich die Universität ein Herz zu Neuerungen fassen. Innovation, das klingt beinahe wie Revolution und Gott weiß, daß die Universität sich von allem Verdacht des Revolutionirens fernhält.“2 1 Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, S. 138 und S. 60 – im Folgenden zitiert als KSD + Seitenzahl. 2 Das Ausland, 11. Jg., 20.5.1838, S. 559. Der Untertitel lautet „Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker mit besonderer Rücksicht auf verwandte Erscheinungen in Deutschland“. Der Verfasser berichtet über die beobachtete physische und psychische Vernachlässigung der Zöglinge in Pensionaten der Pariser Universität und mutmaßt als Ursache die Verflechtung von finanziellen Interessen. Der Bericht endet mit der ironisch-weitsichtigen Formulierung „Alle Mißbräuche, die etwas eintragen, sind schwer abzustellen. Nur diejenigen beseitigen sich ohne Mühe und von selbst, die keine Casse füllen. Das ist wahr, im Staate wie in der Kirche.“ https://digipress.digitale-sammlungen.de/search/simple?q=Innovation+Revolution, Zugriff am 20.7.2017. Philipp Sarasin weist in Bezug auf diese Zeitschrift „popularisierender Wissenschaft“ auf interessante Verschiebungen hin: „1865 änderte Das Ausland seinen Untertitel und bot nun eine ‚Überschau der neuesten Forschungen auf dem Gebiete der Natur-, Erd- und Völkerkunde‘. Diese Änderung ist bezeichnend: […] die im Jahr 1870 […] subsumierten 47 kleineren Artikel berichteten nun nicht mehr über sonderbare Phänomene der vorfindbaren Natur, sondern über 54 Weber, Innovation Immerhin liefert er einen der wenigen Belege für die Verwendung von „Innovation“ in deutschen Texten des 19. Jahrhunderts. Ein weiterer findet sich in einer Novelle von Ludwig Tieck von 1826 mit dem Titel Dichterleben Der Bande, die gewöhnlich im Schwan spielt, habt Ihr Euren wütigen Roland ja als nagelneues Stück verkauft, den ich Euch schon für meine Rose im vorigen Jahr bezahlt habe. Die Kerle schwadronieren nun mit dem Furioso draußen im Lande herum, und es heißt in den kleinen Städten, es sei eine ganz neue, noch nie gehörte Innovation des berühmten Herrn Greene in London.3 „Ganz neu“, „nie gehört“ sind hier die „Übersetzungen“ von „Innovation“, und der Bedeutungsumfang am Ende des 19. Jahrhunderts ist damit weitgehend umschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war im deutschen Sprachgebrauch offen, ob sich „Innovation“ zukünftig eher mit Erfindungen in Technik oder Kunst verbinden würde oder mit anderen Formen von Neuem und Veränderung. Was bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im allgemeinen Sprachgebrauch „noch nicht Dagewesenes“ und die zahllosen technischen Fortschritte und Erfindungen bezeichnete, war der Begriff der „Neuerung“. In der zu dieser Zeit sehr geschätzten und technikhistorisch wichtigen zehnbändigen Enzyklopädie, dem Buch der Erfindungen, bzw. der sehr populären einbändigen Volksausgabe derselben von Wilhelm Berdrow lässt sich verfolgen, wie neben der durchgängig verwendeten Bezeichnung „Neuerung/en“ mit zahlreichen Varianten die beschriebenen Phänomene benannt werden.4 Da ist die Rede von „technischen Fortschritten“ erforschte Natur: Theorien (Darwin), Erfindungen, Entdeckungen.“ Philipp Sarasin, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, S. 238. 3 Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden, Bd. 3, München 1965, S. 375. Es handelt sich hier um ein Zitat aus der Novelle „Dichterleben“ (Erstdruck 1826), in der es um den Streit zwischen zwei Künstlern um die Autorschaft an einem bestimmten Stoff geht. Shakespeare-Kenner werden im zitierten Abschnitt Anspielungen auf die Spielstätten Shakespeares erkennen – Tieck war auch Shakespeare-Übersetzer. 4 Die Zitate dieses Abschnitts stammen aus Wilhelm Berdrow, Buch der Erfindungen (Ziffern in Klammern = Seitenzahlen). Mit einer Einleitung von Ulrich Troitzsch, der den Text Berdrows 55 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept (3) oder von „neuzeitlichen Umwälzungen“ (4), von „Erfindungen und Entdeckungen“ (6), „Fortschritten und Erfindungen“ (91), vom „Neuen“ (177), von der „Erfindungskunst und technischen Neuerungen“ (60) oder gar von „Wundern“ (5) oder „Wundererscheinungen“ (173).5 Wie aus dem „Neuen“ als außerordentlichem (oft technischen) Ereignis das ökonomische Konzept „Innovation“ wird, soll im Folgenden, ausgehend von Texten des österreichischen Ökonomen Josef Schumpeter, vorgestellt werden.6 Dabei spielen mehrere Übertragungen eine Rolle: Zum einen wird eine unspezifische Bezeichnung – „Neues“ bzw. „Neuerung“ – in die Ökonomie übertragen („Neues“ und „Neuerung“ in Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung).7 Zum anderen wird die Bezeichnung ins Englische übersetzt und als „Innovation“ rückübertragen in den deutschen Sprachgebrauch (Schumpeters Business Cycles, übersetzt als Konjunkturzyklen ).8 Aus dem Ausgangswort „Neuerung“ wurde in der Übersetzung der TWE ins Englische „innovation“.9 Danach, inzwischen in Englisch schreibend, gebraucht Schumpeter selbst „innovation“ in den Business Cycles, und in der entsprechenden Übersetzung ins Deutsche (1961) bleibt „Innovation“ als Terminus erhalten. In einem Zwischenschritt wurde im für einen bedeutsamen Beitrag im Übergang zu einer wissenschaftlichen Technikgeschichtsschreibung hält (S. V–VI). 5 Wilhelm Berdrow, Buch der Erfindungen, z. B. S.  22, 270, 280, 286. Interessant in unserem Zusammenhang ist, dass in Berdrows Werk eine Vielzahl von Abbildungen aus dem Scientific American übernommen wurde, der angesehenen amerikanischen populärwissenschaftlichen Zeitschrift. Es lässt sich daher annehmen, dass Berdrow auch Texte daraus bekannt waren. 6 Zu Leben und Werk Joseph A. Schumpeters vgl. Thomas K. McCraw, Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Die Bedeutung Schumpeters im Rahmen ökonomischer Theoriebildung ist nicht unumstritten, auch nicht die Einordnung seiner Konzepte zum Thema „Innovation“. So hat Godin nachdrücklich Schumpeters weithin fortgeschriebene Rolle als Ahnherr der Innovationsforschung in Frage gestellt. Im Rahmen einer detaillierten Kritik an den für den europäischen Raum sehr einflussreichen Positionen Christopher Freemans (der sich weitgehend positiv auf Schumpeter bezieht) konstatiert er unter anderem, dass nicht Schumpeter Innovationen zuerst „in terms of commercialization“ gefasst habe, sondern der amerikanische Ökonom Maclaurin. Insgesamt hält er die Bedeutung Schumpeters für überschätzt und sieht auch die Positionen, die sich als „neo-schumpeterisch“ bezeichnen, skeptisch. 7 Joseph A. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, zitiert wird im Folgenden der von Schumpeter autorisierte Nachdruck der 4. Auflage als TWE + Seitenzahl. 8 Ders., Business Cycles, zitiert als BC + Seitenzahl. 9 Ders., Theory of Economic Development, zitiert als TED + Seitenzahl. 56 Weber, Innovation 1946 erstmals ins Deutsche übersetzten Capitalism, Socialism and Democracy „innovation“ noch als „Neuerung“ (rück-)übersetzt.10 Die am häufigsten zitierte Formulierung von der „schöpferischen Zerstörung“ (KSD) stand der Rezeption im Deutschen somit früher zur Verfügung als „Innovation“.11 In unserem Zusammenhang nicht beabsichtigt und nicht seriös zu leisten ist die inhaltliche Würdigung des ökonomischen Stellenwertes der Theorien Schumpeters.12 Seine Publikationen werden vielmehr als Korpus verwendet, um zu überprüfen, wie „Innovation“ zu einem ökonomischen Fachbegriff wird und auf welche Bedeutungselemente sich die folgende Rezeption stützt. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich Analysen und Konzepte zum Thema „Innovation“ seit den Anfängen einschlägiger Forschungen auf dem Gebiet unterschiedlichster Disziplinen wie Ökonomie, Geschichtswissenschaft, Techniktheorie und -geschichte oder Wissenschaftstheorie zu einem beträchtlichen Anteil explizit oder implizit auf Konzepte Schumpeters beziehen, wurden zunächst die Primärquellen aufgesucht.13 10 Ders., Capitalism, Socialism and Democracy, zitiert als CSD + Seitenzahl. Die deutsche Übersetzung des Buches (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie) in der Ausgabe von 1987 wird zitiert als KSD + Seitenzahl. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive formulierte Willibald Steinmetz: „Tatsache ist, dass Wortimporte aus Fremdsprachen Initialzündungen für semantische Veränderungen sein können.“ (Steinmetz, „Vierzig Jahre Begriffsgeschichte – The state of the art“, S. 191. 11 In zwei englischsprachigen Aufsätzen von 1927/28 hatte Schumpeter „innovation“ schon vorher verwendet (vgl. Karl Bachinger, „Innovation, das Entwicklungsphänomen, der ‚Mann der Tat‘ und die ‚hedonische Masse‘. Das Menschen- und Gesellschaftsbild bei Joseph A. Schumpeter“, S. 13, FN 3, 4). 12 Vgl. dazu u. a. Karl Georg Zinn (Hrsg.), Beiträge zu Schumpeters Theorie der dynamischen Wirtschaft; Cord Siemon, Innovationspolitik, Wissenstransfer und der 6. Kondratieff ; zahlreiche Literaturhinweise dazu enthalten auch Thomas K. McCraw, Joseph A. Schumpeter; Wolfgang Burr (Hrsg.), Innovationspolitik. 13 Exemplarisch dazu: Frank R. Pfetsch, Innovationsforschung; Hermann Freudenberger/Gerhard Mensch, Von der Provinzstadt zur Industrieregion; Karl Georg Zinn, Beiträge zu Schumpeters Theorie; Helmut Klages, Rationalität und Spiritualität. Dass dies ebenso für einschlägige Wörterbücher und Enzyklopädien gilt, womit sich auch normative Effekte Geltung verschaffen, ist ein weiteres Argument für die getroffene Korpusauswahl. Eine frühe Bezugnahme auf Schumpeter findet sich zum Beispiel im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, (Hrsg. Erwin von Beckerath) 10/1959, S. 486–498 in einem Artikel zum „Unternehmer“. Schumpeter selbst hatte die Möglichkeit, schon 1946 einen Artikel zu „Capitalism“ in der Encyclopaedia Britannica zu verfassen. 57 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Als für das Thema der vorliegenden Studie bedeutsam erwiesen sich zum einen die Kapitel 2 und 4 der Konjunkturzyklen. Kapitel 2 enthält eine explizite „Theorie der Innovation“, in Kapitel 4 wird das Zentralthema der TWE wiederaufgenommen und erweitert.14 Einschlägig ist außerdem Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, die schon 1911 erschienen war. Die TWE wurde fünf Jahre vor den (zuerst in Englisch erschienenen) Business Cycles in englischer Übersetzung veröffentlicht und enthielt dort an zahlreichen Stellen „Innovation“ für „Neuerung/en“. Unsere erste Wortfeldskizze entstand infolgedessen auf der Grundlage der vergleichenden Lektüre der englischen Fassung der TWE, fokussiert auf „Innovation“, und des deutschen Textes, die eine Anzahl von Varianten von „Neues“ und „Neuerungen“ als Ausgangswort für das englische „innovation“ ergab. Daran anschließend wird Schumpeters populärster Text Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie herangezogen, speziell der Teil 2 mit dem Titel „Kann der Kapitalismus weiterleben?“ sowie das Kapitel 7, dem die seither berühmt gewordene Formulierung von der „schöpferischen Zerstörung“ entstammt, zu der Schumpeters Innovationskonzept nicht selten reduziert wurde. 2.1 „Neues“ und „Neuerung“ in der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (TWE) Joseph A. Schumpeter, Jurist und Nationalökonom, veröffentlichte 1911 als zweites umfangreiches Werk seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus – mit ehrgeizigen Ansprüchen und Zielen.15 Er beabsichtigte nachzuweisen, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung im Kapitalismus aufgrund einer spezifischen Eigendynamik vollziehe, als 14 Joseph A. Schumpeter, Konjunkturzyklen, im Folgenden zitiert als Konjunkturzyklen + Seitenzahl. 15 Die erste Veröffentlichung war die seiner Habilitationsschrift Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie von 1908. 58 Weber, Innovation evolutionärer Prozess.16 Und ergänzend zu einem der zentralen Konzepte der seinerzeit maßgeblichen ökonomischen Lehrmeinungen, dem Gleichgewichtsparadigma, suchte er nach dem entscheidenden dynamischen Element (kapitalistischer) wirtschaftlicher Entwicklung. Vor dem Hintergrund der Erfahrung eines unvergleichlichen Wachstums der wirtschaftlichen Produktivität des Kapitalismus im 19. Jahrhundert und zugleich immer wieder auftretender, z. T. höchst destruktiver Schwankungen des Systems, entwarf Schumpeter seine Entwicklungstheorie.17 Die Ähnlichkeiten wie die Differenzen zwischen Elementen der Kritik der Politischen Ökonomie von Marx und Schumpeters Vorstellungen kapitalistischer Ökonomie sind – außer von Schumpeter selbst – aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet worden.18 Auch für Nicht-Experten in Bezug auf ökonomische Theoriebildung ist dabei augenfällig, dass Schumpeters Theorie mehr von Marx’schen Analysen „entlehnt“, als den meisten Rezipienten im Gebrauch populärer Chiffren wie „schöpferische Zerstörung“ bewusst ist. Im Unterschied zur Mehrzahl seiner Fachkollegen (damals und heute) sah Schumpeter es als unumgänglich an, wirtschaftliche Entwicklung im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Schon bei der kursorischen Lektüre von Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1911 wird deutlich, dass seine später viel zitierten Konzepte zur wirtschaftlichen Entwicklung nicht erst in den dafür meist namhaft gemachten Buch Business Cycles zu finden sind, sondern im Wesentlichen schon in der TWE entworfen wurden. Alle zentralen Elemente, die Schumpeter in seinen späteren Publikationen historisch und theoretisch ausgreifender behandelte, sind hier schon skizziert, auch das, 16 TWE, Kap. 1. 17 Zu den politischen Rahmenbedingungen der Zeit vgl. Eric Hobsbawm, Das Imperiale Zeitalter; Karl Polanyi, The Great Transformation. 18 Zum Beispiel von Götz D. Friedrich, Die bürgerlichen Bemühungen zur Schaffung einer Theorie der Produktivkraftentwicklung; Jan Fagerberg, Schumpeter and the Revival of Evolutionary Economics; Heinz D. Kurz, Joseph A. Schumpeter. Ein Sozialökonom zwischen Marx und Walras. 59 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept was später „Innovation“ heißen wird. Allerdings trägt es 1911 noch den Namen „Neuerung“. In Anlehnung an methodische Vorschläge im Rahmen der Wortfeldanalysen von Steinmetz und Reichardt sind in der folgenden Wortfeldskizze für den Text der TWE die Bezeichnungen notiert, die dem zentralen Namen „Neuerung“ Bedeutungselemente zur Verfügung stellen: als Gegenbegriffe (Antonyme) oder Antonyme der Antonyme, als Paradigmen, als Syntagmen und als Ursachenzuschreibungen.19 Die Annahme von Kausalität, also der Möglichkeit von Ursachenzuschreibungen und ihr Gebrauch als Element der Unterscheidung erscheint uns hier unter anderem deshalb plausibel, weil es in den zugrundeliegenden Texten Schumpeters um eine Entwicklungstheorie geht. Entwicklung als Denkkategorie wiederum ist nicht vorstellbar ohne eine Position zum Thema Kausalität, sei es, dass Ursachenzuschreibungen als Kriterium der Unterscheidung vorausgesetzt, sei es, dass sie negiert werden. Die Wortfelder ermöglichen zum einen den gezielten Blick auf die Kontexte und zum anderen auf das „komplementäre Vokabular“ (Reichardt). 19 Rolf Reichardt, „Wortfelder – Bilder – Semantische Netze“, S. 111–133; Willibald Steinmetz, Das Sagbare und das Machbare. Im Rahmen seines Aufsatzes zur Interdisziplinarität von begriffsgeschichtlichen Quellen und Methoden entwickelte Reichardt unter anderem eine „besondere Art von Wortfeldanalyse“, die er an Beispielen von Texten aus der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution und ihrer Übertragungen ins Deutsche vorstellt. Diese Vorgehensweise hat unsere eigene maßgeblich beeinflusst. Reichhardt bezieht sich im zitierten Aufsatz explizit auch auf Steinmetz, der mit einem Set „elementarer Sätze“ ein Analyseinstrument entwickelte, mit dessen Hilfe vor allem politische Texte untersucht werden können, ohne Reduktion auf einzelne Wörter/Begriffe (Rolf Reichardt, ebd., S. 33). Quelle: Eigene Darstellung Neu(es) / Neuerung(en) Kausalitätszuschreibungen ⬇ Paradigmen ⬇ Unternehmer (Entrepreneure) (110f., 113) Dinge und Kräfte anders kombinieren (100ff.) Kredit (108f.) Durchsetzung neuer Kombinationen (100ff., (bewirken Neues) 119f.) neue Kombinationen: Unternehmergewinn (113, 211f.) - neue Produkte/Güter - neue Produktionsmethoden Wirtschaftliche Entwicklung (95ff., 318f.) - neue Absatzmärkte - neue Bezugsquellen Aufschwung/Depression (320, 342, 350ff.) - Neuorganisation (des Unternehmens) (100f.) Krisen, (318, 322, 324) (werden durch Neues/Neuerungen bewirkt) Erfinden/Erfindungen (129) Kreislauf (1) / Diskontinuität Niederkonkurrieren (101, 103, 322, 336, 344) Statik (74) / Dynamik Risiko (41f, 329f) Routine (118) / Abweichung Gleichgewicht (94) / (Konjunktur-)Zyklen Syntagmen ⬆ Antonyme / Antonyme der Antonyme ⬆ 60 Weber, Innovation Wortfeld Neues/Neuerung20 20 Die Seitenangaben der nachfolgenden Wortfeldskizzen markieren exemplarische Stellen im Text. Belegstellen für „Neuerung(en)/Neues“ in der TWE: 100, 118, 126, 127, 149, 212, 320, 340, 341, 342, 344, 355, 358. 61 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Das Teilfeld der Paradigmen enthält die zentralen Elemente, auf die später in allen relevanten Modellen zu „Innovation“ zurückgegriff en wird, die „neuen Kombinationen“: Dieser Begriff deckt fünf Fälle: 1. Herstellung eines neuen, d. h. dem Konsumentenkreise noch nicht vertrauten Gutes oder einer neuen Qualität eines Gutes. 2. Einführung einer neuen, d. h. dem betreff enden Industriezweig noch nicht praktisch bekannten Produktionsmethode, die keineswegs auf einer neuen wissenschaftlichen Entdeckung zu beruhen braucht und auch in einer neuartigen Weise bestehen kann, mit einer Ware kommerziell zu verfahren. 3. Erschließung eines neuen Absatzmarktes, d. h. eines Marktes, auf dem der betreff ende Industriezweig des betreff enden Landes bisher noch nicht eingeführt war, mag dieser Markt schon vorher existiert haben oder nicht. 4. Eroberung einer neuen Bezugsquelle von Rohstoff en oder Halbfabrikaten, wiederum: gleichgültig ob diese Bezugsquelle schon vorher existierte – und bloß sei es nicht beachtet wurde [sic] sei es für unzugänglich galt [sic] – oder ob sie erst geschaff en werden muss. 5. Durchführung einer Neuorganisation, wie Schaff ung einer Monopolstellung (z. B. durch Vertrustung) oder Durchbrechen eines Monopols.21 In der Präzisierung der „neuen Kombinationen“ sind die späteren Unterscheidungen in Produkt- und Prozessinnovation schon angelegt (neue „Güter“, „Neuorganisation“). Mit den Bestandteilen des Feldes der Antonyme bzw. der Antonyme der Antonyme lässt sich verdeutlichen, wie sich Schumpeter selbst in den Kontext der zeitgenössischen ökonomischen Modelle einordnet: Im Gegensatz zu den Th eorien der Klassik mit Modellen 21 TWE, S.100f. Schumpeters „neue Kombinationen“ erinnern an ältere Erfi ndungslehren und an Johann Beckmanns „Kombinatorik“, wie sie im oben zitierten Aufsatz von Hans-Peter Müller zur „Rekombinatorik“ beschrieben wurde. Ob Schumpeter Beckmann kannte, konnte nicht ermittelt werden. 62 Weber, Innovation der Ökonomie als „Kreislauf“ betont er „Entwicklung“ und „Diskontinuität“. Dem Konzept der statischen Wirtschaft mit der Say’schen Idee, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe, stellt er die Dynamik gegen- über, die er aus der wirtschaftshistorischen Betrachtung der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie ableitet.22 Als zentralen Modus dieser Bewegung identifiziert er die Bereitschaft zur „Abweichung“ (von wirtschaftlichen Routinen) und schließlich als Herzstück seines zukünftig weiter zu entfaltenden Konzeptes die „Konjunkturzyklen“ als Gegenentwurf zu den Gleichgewichtsmodellen seiner Vorgänger und Fachkollegen. Die Kausalitätszuschreibungen lassen sich in zwei Gruppen teilen, in die Elemente, die Neues/Neuerungen bewirken: Unternehmer/Unternehmungen/Kredit und die Elemente, die durch Neuerungen bewirkt werden: wirtschaftliche Entwicklung, industrielle Veränderung etc. Schumpeters Konzept des Unternehmers (oder „entrepreneurs“) mit der Gegenfigur des „Wirtes“ (TWE, 122) stellt im Wortfeld „Neues/Neuerungen“ eine schillernde Ressource zur Verfügung, die weitreichende Wirkungen haben wird.23 Im Rahmen ihrer „Wiederbelebung“ in zeitgenössischen Modellen der Arbeitsorganisation wie „Ich-AG“, „Arbeitskraftunternehmer“ bis hin zu „Gouvernementalitätsformen“ wie der „unternehmerischen Hochschule“ ist sprachlich zwar die Herkunft überblendet von der Rhetorik neuer „Freiheiten“.24 Doch die mit aufgerufenen Konnotationen aus den Zeiten „heroischer“ Unternehmerfiguren tönen durch bis in die gegenwärtig wieder verstärkt lancierten Gründerinitiativen und Events, mit denen Studierende (aber auch schon Schüler) für das Funktionieren in Konkurrenz-Regimen gewonnen werden sollen.25 22 Jean Baptiste Say, französischer Nationalökonom (1767–1832). 23 Schumpeter übernahm den Begriff von Walras (TWE, 113). Thomas K. McCraw rekonstruiert seine Herkunft ausführlicher. Heinz D. Kurz verweist darauf, dass es „Vorläufer“ sowohl für Schumpeters Modell der „neuen Kombinationen“ als auch der spezifischen Unternehmerfunktion seit ca. Mitte des 19. Jahrhunderts gab (vgl. Heinz D. Kurz, Joseph A. Schumpeter, S. 50f.). 24 Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart; vgl. zu diesem Thema auch Kap. 7. 25 S. auch Kap. 7. 63 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Die Elemente aus dem Feld der Syntagmen (Erfindungen, Niederkonkurrieren, Risiko) liefern wichtige Unterscheidungen. Neuerungen sind nicht gleichzusetzen mit „Erfindungen“, sie bedürfen ihrer nicht. Mit einer geradezu nach Foucault klingenden Formulierung in der TWE bezieht Schumpeter den Bereich der technisch-wissenschaftlichen Erfindungen und Entdeckungen ein: Neue Möglichkeiten werden von der Umwelt fortlaufend dargeboten, insbesondere neue Erfindungen dem Wissensvorrat der Zeit fortlaufend hinzugefügt. (TWE, 117) Und er betont: Die Funktion des Erfinders oder überhaupt des Technikers und die des Unternehmers fallen nicht zusammen. (TWE, 129) Mit dieser Differenzbestimmung wird noch einmal unterstrichen, dass es Schumpeter um ein dezidiert ökonomisches Modell geht, Technik, Wissenschaft und Forschung sind sekundäre Erscheinungen. Die Verknüpfung von Neuerung(en) mit „Risiko“ bildet in der TWE eine zentrale Argumentationsfigur, die später in den Konjunkturzyklen historisch und systematisch ausgearbeitet und, vor dem Hintergrund der Systemkonkurrenz zwischen den kapitalistischen und den planwirtschaftlich organisierten Ökonomien, in KSD noch einmal neu akzentuiert wird. Schließlich liefert das „Niederkonkurrieren“ ein weiteres dynamisches Element, welches den Modus bezeichnet, in dem Neues „in die Welt“ kommt: auf Kosten des „Alten“ und mit destruktiver Kraft. In der Übersetzung der TWE ins Englische (Erstveröffentlichung 1934) wurden die Abstrakta „Neues, Neuerung(en)“ mit „innovation(s)“ übersetzt (TED u. a., S. 65, 79, 87). Der Übersetzer weist ausdrücklich auf die enge Zusammenarbeit mit dem Autor hin, es ist also davon auszugehen, dass Schumpeter diesem Sprachgebrauch zustimmte.26 26 TED, Translator’s Note, pp. vii–ix. 64 Weber, Innovation 2.2 „Innovation“ in den Konjunkturzyklen (Business Cycles) Parallel arbeitete Schumpeter in den 1920er Jahren schon an seiner nächsten größeren Veröff entlichung, den Business Cycles, die er in Englisch verfasste. Worum es Schumpeter in dieser über 1000 Seiten umfassenden Analyse geht, wird mit dem ersten Satz des Vorwortes unmissverständlich klar umrissen: Konjunkturzyklen analysieren heißt nicht mehr und nicht weniger, als den Wirtschaftsprozeß des kapitalistischen Zeitalters analysieren. (Konjunkturzyklen, 5) Im Verhältnis zur TWE, die den Rahmen bzw. den grundsätzlichen Entwurf für eine Th eorie der ökonomischen Entwicklung lieferte, analysiert Konjunkturzyklen ihren Modus. Schumpeter stellt und beantwortet folgende Fragen: - Welche Art von Bewegungen lassen sich in der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus ausmachen? (Drei Arten von „Wellen“, die in spezifi scher Weise „pulsieren“). - Welche Art von zeitlicher Interpunktion lässt sich dabei beschreiben? (Wiederkehrende Zyklen). - Was sind die charakteristischen Merkmale der (gegensinnigen) Zyklen? (Innovationen, Prosperität, Depression). Schumpeter bezieht sich sowohl auf seine intensiven wirtschaftshistorischen Studien (von der „industriellen Revolution“ und ihren Vorläufern bis in die Gegenwart reichend) als auch auf Analysen der zeitgenössischen politischen Entwicklung bis gegen Ende der 1930er Jahre. Auch wenn das Kapitel zur „Th eorie der Innovation“ im Rahmen der Konjunkturzyklen nur einen minimalen Umfang einnimmt, ist dieser Teil inhaltlich substantiell. Ohne die „Th eorie der Innovation“ wäre das Gesamtkonzept nicht mehr funktionsfähig. Hier zunächst das Wortfeld zu „Innovation“ aus den Konjunkturzyklen:27 27 Aussagekräftige Belegstellen für „Innovation“ außerhalb des Kapitels zur „Th eorie der Innovation“: 91ff ., 119, hier heißt es z. B.: „‚Kreditschöpfung‘, betrachtet als das monetäre Ergänzungsstück zur Einführung einer Innovation […]“, 147f., 154, 155, 367, 427, 775 (Auswahl). Quelle: Eigene Darstellung I Innovation Kausalitätszuschreibungen ⬇ Paradigmen ⬇ Unternehmer/Unternehmungen (110f., 10) Andersmachen (91) Kredit (117, 234) Aufstellung neuer Produktionsfunktionen (95f.) Wirtschaftliche Entwicklung (93, 147f.) Neue Kombinationen (95f.) Industrielle Veränderung (109, 147) (Technologischer) Fortschritt (94, 109, 110, 116f., 793) Konjunkturzyklen (147f., 152, 171ff.) Prosperität/Depression (147ff.,155, 302) Krisen (171f., 231f., 310) Rationalisierung (95, 143, 152, 782, 804, 806) Unternehmergewinn (113f, 138ff) Niederkonkurrieren (303,760,776,792) Konservativismus (104) / Fortschrittsglaube Konkurrenz/Wettbewerb (98, 103f, 111, 113, Gewohnheitshandlungen (107) / 140f) Abweichungen Die kapitalistische Maschine (103) Gleichgewicht (144) / Zyklen Syntagmen ⬆ Antonyme / Antonyme der Antonyme ⬆ 65 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Hält man die Wortfelder von „Neuerung“ aus der TWE und von „Innovation“ aus den Konjunkturzyklen gegeneinander, ergeben sich zahlreiche Übereinstimmungen, die wesentlichen Bestimmungen sind gleichgeblieben. Waren die Antonyme und die Antonyme der Antonyme von „Neuerung(en)“ in der TWE noch sehr plastisch (etwa: Kreislauf/Diskontinuität, Gleichgewicht/Zyklen), erscheint dies auf den ersten Blick in 66 Weber, Innovation den Konjunkturzyklen nicht sehr ausgeprägt. Als Oppositionen erscheinen „Konservativismus“ und „Gewohnheitshandlungen“. Nimmt man weitere Polaritäten aus dem Kontext hinzu, wird die Dynamik wieder deutlich: Es geht um „Prosperitäten und Depression“ (Konjunkturzyklen, 148), um „Aufstieg und Absinken“ (Konjunkturzyklen, 103) oder „vertrusteten und Wettbewerbskapitalismus“ (ebd.). In Bezug auf die Einordnung der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie als „Fortschritt“ im emphatischen Sinne zeigt Schumpeter deutliche Skepsis, z. T. in expliziten Formulierungen, ein anderes Mal dadurch, dass er das Wort in Anführungszeichen setzt (z. B. Konjunkturzyklen, 116). Darüber hinaus hatte er eine deutliche Vorstellung von der Eigendynamik technischer/technologischer „Fortschritte“ durch „Innovationen“: Jede technologische Verbesserung, die ‚objektiv möglich‘ wird, hat die Tendenz, als selbstverständlich in die Wirklichkeit umgesetzt zu werden. (Konjunkturzyklen, 117)28 Die Kausalitätszuschreibungen in den Konjunkturzyklen sind im Vergleich zur TWE nur in Nuancen verändert. Stand in der TWE die Zuschreibung der Rolle individueller Agenzien bei der Entstehung des Neuen im Vordergrund – der Unternehmer als unverzichtbare Figur im Unterschied zum „Wirt“ (TWE, 123ff.) –, wird in den Konjunkturzyklen unterstrichen, was Innovationen bewirken: Entwicklung, Veränderung, Fortschritt, aber auch Konjunkturzyklen, Krisen und nicht zuletzt den „Unternehmergewinn“. 28 „Obwohl man gegen diesen Ausdruck [i. e. ‚wirtschaftliche Entwicklung‘, S.W.] aus den verschiedenen Gründen Einwände erheben kann, drückt er doch das von uns Gemeinte besser aus als jeder andere und hat noch dazu den Vorteil, dass er die durch den verwandten Ausdruck Fortschritt angedeuteten Assoziationen vermeidet, besonders die Selbstzufriedenheit, die das Wort Fortschritt zu beinhalten scheint.“ (Konjunkturzyklen, 94). In einem erstmals 2002 ver- öffentlichten Festschrift-Beitrag Schumpeters von 1932 findet sich eine weitere Variante zum „Fortschritt“, dort heißt es: „Fortschrittsglaube ist Konstatierung und Prophezeiung positiv gewerteter Veränderungen und hat wegen eben dieser Wertung kein Bürgerrecht in der Wissenschaft.“ Eine Festgabe für Emil Lederer 1932, verfügbar unter: http//www.schumpeter.info/ Entwicklung.htm, Zugriff am 20.7.2017. 67 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Sie [die Innovation, S.W.] ist ein eigener innerer Faktor, weil sie nicht durch irgendeinen anderen Faktor vorausgesetzt wird oder eine Folge desselben ist. (Konjunkturzyklen, 93) Eine weitere Kausalitätszuschreibung ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Es ist der Zusammenhang von „Innovation“ und Rationalisierung, der Aspekt von Innovation, der zu tun hat mit der „Neuorganisation“ eines Unternehmens. In der TWE hatte Schumpeter den Zusammenhang zwischen der „Mechanisierung des Produktionsprozesses“ und der „Verringerung der […] nachgefragten Arbeitsmenge“, also Rationalisierungseffekte, nur gestreift (TWE, 364). Er war offensichtlich mit den Konzepten Frederick Winslow Taylors vertraut, auf dessen Buch über die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung sich die Bezeichnungen „Taylorismus“ und „Taylorisierung“ beziehen, die er benutzt, wenn auch nicht mit expliziter Nennung des Autors.29 Er bezeichnet die „Taylorisierung der Arbeit“ (Konjunkturzyklen, 91) als Innovation, sieht klar deren Ziel in der Rationalisierung von Arbeit (Konjunkturzyklen, 95) und formuliert im Zusammenhang der Beschreibung der Entwicklung der deutschen Industrie nach dem ersten Weltkrieg unmissverständlich: In Deutschland wurde umfassender als irgendwo anders der Begriff Rationalisierung gebraucht, um damit die Prozesse der Nachinflationsphase zu kennzeichnen. Dieser Begriff drückt nicht nur einen Sachverhalt aus, der geradezu einer nationalen Anstrengung gleichkam, […], sondern trifft zugleich den Kern dessen, was wir unter Entwicklungen der Abwärtsphase verstehen: Äußerste, teilweise unter Zwang erfolgende Ausnützung der vorhandenen Möglichkeiten technologischer und organisatorischer Innovationen […]. (Konjunkturzyklen, 780) Diese bemerkenswerte Einschätzung traf Schumpeter vor dem Hintergrund der ökonomischen Entwicklung der USA und des Deutschland der Weimarer Republik. Die „nationale Anstrengung“, von der er spricht, war insbesondere das Anliegen des 1921 vom Reichswirtschaftsministe- 29 Frederic Winslow Taylor, Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung. 68 Weber, Innovation rium zusammen mit dem „Deutschen Verband Technisch-wissenschaftlicher Vereine“ gegründeten „Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit in Industrie und Handwerk“ (RKW). Das RKW, Vorläuferorganisation des „Rationalisierungskuratoriums der deutschen Wirtschaft“, der ersten Nachkriegszeit und des heutigen RKW (heutige Bezeichnung: „Rationalisierungs- und Innovationszentrum der deutschen Wirtschaft“) war Förderer und Treiber der tayloristischen Arbeitsorganisation und Betriebsführung sowie der fordistischen Fließproduktion.30 Die von Schumpeter getroffene Einordnung der spezifisch deutschen Variante von Rationalisierung als Variante von Innovation wird auch in der materialreichen Studie über Die Einführung der Fließbandarbeit in Deutschland bis 1933 des Wirtschaftshistorikers Jürgen Böning bestätigt.31 Für heutige Leser wahrscheinlich erstaunlich klar sah Schumpeter offenbar auch das Konfliktpotential, welches der Arbeiterbewegung seinerzeit daraus erwuchs, dass die Rationalisierung (vor allem durch technische Weiterentwicklungen von Maschinen) zum Teil Entlastung (z. B. von schweren Arbeitsbelastungen) und höhere Löhne ermöglichte, andererseits den grundlegenden Widerspruch der kapitalistischen Ökonomie nicht löste, sondern nur „befriedete“.32 Ein kritischer Blick auf die seinerzeit (1970er und 1980er Jahre) auch von Gewerkschaften stark unterstützten Initiativen zur „Humanisierung der Arbeitswelt“, die argumentativ hier anknüpften, lässt den zutiefst bürgerlichen Theoretiker Schumpeter als 30 Zur Geschichte des RKW vgl. Jürgen Böning, Die Einführung der Fließarbeit in Deutschland bis 1933 sowie die Eigenpräsentation v. Prof. Dr. Manfred Pohl auf der RKW-Website: https://www. rkw-kompetenzzentrum.de/innovation/ueber-uns/was-wir-tun/?hasSub%20=%201, Zugriff am 20.7.2017. Vgl. auch Kap. 3. 31 Zur Einschätzung der Rationalisierungsaktivitäten aus technikhistorischer Sicht vgl. auch Joachim Radkau, Technik in Deutschland. 32 Vgl. Konjunkturzyklen, 781, FN 107: „Wichtiger aber ist die Feststellung, dass die Wortführer der Gewerkschaften keineswegs eine ablehnende Haltung einnahmen. Bisweilen manövrierten diese sich selbst in einigermaßen schwierige Lagen hinein, wenn sie erklärten, dass die Durchsetzung der Rationalisierung höhere Löhne ermögliche, und dass sie auch sonst für die technologische Verbesserung eintraten, während sie natürlich gleichzeitig an die Doktrin gebunden blieben, dass solche Verbesserungen zwangsläufig den Interessen der Arbeiterschaft abträglich seien.“ 69 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept strategisch weitaus klüger erscheinen als viele Interessenvertreter der Arbeitenden.33 Und in den 1990er Jahren präsentierte und pries Peter F. Drucker, einer der Schumpeter-Schüler in Harvard und bis heute durch seine Publikationen einflussreicher Management-Strategieberater, die von Taylors Konzepten inspirierten Rationalisierungsmodelle, angefangen bei Fords Fließbandproduktion über die aus Japan übernommenen Methoden wie KAIZEN, TQM, Lean Management etc. als „die“ Erfolgsfaktoren der USamerikanischen Ökonomie: Das ‚Wissenschaftliche Management‘, gefolgt von der ‚Betriebswissenschaft‘, ist die amerikanische Philosophie, die mehr als die Verfassung und die Federalist Papers die Welt verändert hat.34 Im Unterschied zu den Ausführungen in der TWE erscheint der dort als unverzichtbar eingeführte Träger von Innovationsprozessen, der „Unter- 33 Vgl. Kap. 3 und 4. 34 Peter Drucker, Management im 21. Jahrhundert, S.  197. Zum Thema „Rationalisierung“/Innovation sei ergänzend darauf verwiesen, dass nicht nur die kapitalistischen Ökonomien des Westens, sondern z. T. noch rigider die Wirtschaften der jungen Sowjetunion und nach dem 2. Weltkrieg die seinerzeitigen RGW-Staaten Rationalisierungskonzepte anwendeten und westliche Technologie in großem Umfang importierten. Dazu u. a. Lothar Burchardt, „Technischer Fortschritt und sozialer Wandel. Am Beispiel der Taylorismus-Rezeption“, S. 52–98; Helmut Koziolek, Zur sozialistischen Rationalisierung in Industriekombinaten; Detlev Fritsche, „Charles Steinmetz und die Elektrifizierung der Sowjetunion“, S.  155–165. Cornelius Castoriadis verweist in Durchs Labyrinth auf die positive Bewertung des Taylorismus durch Trotzki und die vielfach wiederholte und Lenin zugeschriebene Formulierung, Sozialismus bedeute „Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ (ebd., S. 216). Der deutsche Ingenieur Franz Westermann notierte in seinen „Reiseskizzen“ den nur selten dokumentierten Zusammenhang zwischen Fords avancierter „Fließproduktion“ und ihrem Vorbild, der Organisation der Schlachthäuser Chicagos (Westermann 1926). Vielleicht kannte Schumpeter auch einen anderen einflussreichen, aber lange nicht beachteten Text Propaganda. Die Kunst der Public Relations von Edward Bernays aus den 1930er Jahren, der sich mit der Beeinflussbarkeit von „Nachfrage“ nach Neuem beschäftigt (Erstausgabe 1928). Was Schumpeter in den Konjunkturzyklen „Reklamepsychotechnik“ (S. 80, vgl. auch S. 776 und 788 zur Wirkung von „Werbeorgien“ und „Reklamefeldzügen“) nannte, deckt perfekt ab, was Bernays in seiner gleichnamigen Schrift als „Propaganda“ beschreibt. Sie wird als die Programmschrift der entstehenden „public relations“ gewertet. Auch in KSD greift Schumpeter auf eine ähnliche Argumentation zurück, wenn er unter dem Stichwort „Politische Reklame“ die Beeinflussungsmöglichkeiten der potentiellen Wähler durch das politische Personal beschreibt. Bernays war ein Neffe Sigmund Freuds, organisierte die Publikation der „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ in Amerika und war mit dessen Veröffentlichungen vertraut. In Propaganda bezieht sich Bernays auch explizit auf Freud (S. 52). 70 Weber, Innovation nehmer“, in den Konjunkturzyklen in einer weniger martialischen Gestalt. Kommen in der Beschreibung der Unternehmerfunktion der TWE noch Bezeichnungen wie „Führerschaft“ (TWE, 124), „Siegerwille, Kämpfenwollen, Gehorsamfinden“ (TWE, 138) und das prätentiöse „plus ultra“ (TWE, 137) vor, erscheint der Unternehmer in den Konjunkturzyklen weniger aufgeladen mit Kriegs- und Kampfmetaphern und nüchterner in seinen ökonomischen Funktionen gezeichnet. Um „Führerschaft“ geht es nach wie vor, jetzt aber vor allem um ihre strategischen Komponenten (Konjunkturzyklen, 111f.). Nicht ohne „Witz“ ist Schumpeters Kunstgriff, die kapitalistischen Unternehmer mit mittelalterlichen Rittern in einem Bild zusammenzufügen: Es muss auch die Wichtigkeit der sozialen Funktion und als Folge davon die wirtschaftliche und soziale Stellung jener Schicht, der kapitalistischen Gesellschaft beeinflussen, die aufgrund ihrer unternehmerischen Leistung existiert, so wie die Ritter des Mittelalters kraft ihrer besonderen Technik der Kriegsführung existierten. (Konjunkturzyklen, 117) Und auch in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie benutzt er diese Redefigur (KSD, 209). Die Konnotationen von „Kampf und Sieg“ wirken auf diese Weise weiter, aber elegant amalgamiert mit den Färbungen von „Ritterlichkeit“ (Fairness, Treue, …). Im Rahmen des gegenwärtigen Sprachgebrauches von Unternehmer/unternehmerisch wird auf diese Nuancen wieder zurückgegriffen.35 Im Übrigen ist hervorzuheben, dass Schumpeter der Rolle des Unternehmers für die Zukunft deutlich weniger Bedeutung zumisst – eine Folgerung, die er aus der Beobachtung von Unternehmensentwicklungen vor allem im amerikanischen Umfeld zieht, dass die Funktion, Innovationen durchzusetzen immer häufiger an „Strukturen“ übertragen wird. Er konnte noch nicht absehen, dass in der weiteren Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie die Funktion des Unternehmers bzw. die des 35 Vgl. dazu etwa Ulrich Bröcklings Beitrag zum „Unternehmer“ im Glossar der Gegenwart, S. 271–276. 71 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept „Unternehmerischen“ noch einmal eine drastische Entgrenzung erfahren würde, einerseits in Bezug auf gesellschaftliche Bereiche, die lange nicht unter dem Regime („rein“) ökonomischer Steuerungskriterien gestaltet wurden (z. B. Bildung), andererseits in Bezug auf eine menschliche Sphäre, die zumindest bis Freud als eher unverfügbar durch externe Einflüsse gegolten hatte, das „Psychische“. In Bezug auf das Thema „Krisen“, das meist nicht angemessen wahrgenommene Zentralthema der Konjunkturzyklen, zeigt sich in gegenwärtigen Analysen, wie die ursprünglich unlösbare Verknüpfung der Elemente „Innovation“ und „Krise“ in TWE und den Konjunkturzyklen gelöst und die Ursachen-Zuordnung geradezu umgedreht wird. Neuerungen und die damit verbundenen ökonomischen Prozesse sind in Schumpeters Theorie die maßgeblichen Elemente wirtschaftlicher Entwicklung überhaupt, zugleich aber unvermeidlich Auslöser von Krisen, Verwerfungen und Verdrängungsprozessen. Schumpeter zeigt, „[…] daß die Disharmonie im modus operandi der Fortschrittsfaktoren selbst angelegt ist.“ (Konjunkturzyklen, 110) und „[…] daß Entwicklung eine Störung vorhandener Strukturen ist und eher einer Reihe von Explosionen gleicht als einer allmählichen, wenn auch unablässigen Umformung.“ (ebd.) Was bei Schumpeter Ursachenzuordnung war, wird im gegenwärtigen Sprachgebrauch als Lösung präsentiert – der auf Dauer gestellte Verdrängungsprozess des Neuen durch das Neueste, die permanente „Innovation“. Die Vorstellung einer kapitalistischen Ökonomie ohne elementare Krisen, wie sie von zeitgenössischen Mainstream-Ökonomen im Rahmen ihrer Wachstumsfantasien immer noch propagiert wird, wäre Schumpeter sicher abwegig erschienen. Aus Gegenwartssicht bemerkenswert ist, dass bei Schumpeter das Thema „Wachstum“ nicht prominent behandelt wird. In der TWE erscheint es als abgeleitetes Phänomen mit geringer Bedeutung: „Hier wird auch das bloße Wachstum der Wirtschaft, wie es sich in Bevölkerungs- und Reichtumszunahme darbietet, nicht als Entwicklungsvorgang bezeichnet.“ (TWE, 96) In einem Redemanuskript von 1932, also zwischen der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und den Konjunkturzyklen, sind seine Positionen zu Entwicklung und Wachstum noch einmal kurz zusammengefasst. An- 72 Weber, Innovation ders als manche Rezipienten legte Schumpeter Wert auf die Differenz – nur der Entwicklungsprozess bringe Neues hervor. Dies illustriert er mit dem Beispiel, dass eine Zunahme der Zahl von Postkutschen eben keine Eisenbahn hervorbringe.36 „Wachstum – Störung – Entwicklung“ sind für ihn unterschiedliche Phänomene, und die „Trias von Indeterminiertheit – Neues – Sprung“ sei „unüberwindlich“.37 Deskriptiv gebraucht bleibt „Wachstum“ bei Schumpeter gebunden an „Bedürfnisse“ und gesamtökonomisch an den punktuellen Gleichgewichtszustand.38 Auch in den Konjunkturzyklen bedeutet Wachstum nichts anderes. Was Schumpeter so bezeichnet, ist weder normativ noch als endlos gedachte Bewegung zu einem quantitativen „Mehr“ zu verstehen, im Unterschied zu den herrschenden Auffassungen der ökonomischen Mainstream-Theorie, die „Wachstum“ in der Regel mit Entwicklung und Fortschritt kurzschließt.39 Exemplarisch axiomatisiert ist dies im „Stabilitäts- und Wachstumsgesetz“ von 1967, das als generelle Politik-Leitlinie vorgibt, welchen Maximen wirtschaftspolitische Entscheidungen folgen sollten und das bis heute gültig ist.40 2.3 „Neues“ in Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie (KSD) Für die dritte Wortfeldskizze zu Texten Schumpeters wird vor allem der zweite Teil von Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (KSD) zugrunde 36 Entwicklung. Festgabe für Emil Lederer: http://www.schumpeter.info/Entwicklung.htm, Zugriff am 20.7.2017. Die „railroadization“ wird von Schumpeter mehrfach als das Beispiel für Innovation genannt. 37 Ebd., S. 12, 13. 38 Im oben zitierten Redemanuskript (Festgabe für Emil Lederer) findet sich außerdem eine bemerkenswerte Äußerung zur Herkunft der Gleichgewichtsmetapher: „Ich hoffe einmal nachzuweisen, […]dass der Begriff des Gleichgewichts vom Wirtschaftlichen auf das Naturbild übertragen wurde und nicht etwa umgekehrt“ (ebd., S. 8). Zum Gebrauch von Metaphern in der Ökonomik vgl. auch Kap. 3 und 6. 39 Ähnlich wird auch in der „evolutorischen Innovationsforschung“ argumentiert, die sich auf Schumpeter explizit bezieht, vgl. z. B. Petra Bollmann, Technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Wandel. 40 Wortlaut des Gesetzes: http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1318562, Zugriff am 20.7.2017. 73 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept gelegt, der sich ausdrücklich mit dem Zustand der kapitalistischen Ökonomie und ihrer möglichen Zukunft nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt. KSD wurde 1942 zuerst in den USA veröffentlicht, 1946 in deutscher Sprache. Schumpeter lebte seit 1932 in Amerika, lehrte in Harvard und versuchte, die Entwicklung der politischen Systeme nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu antizipieren. Diese Studie enthält auch die später berühmt gewordene Formulierung von der „creative destruction“, der „schöpferischen Zerstörung“ (KSD, 134).41 Im Vergleich zu den vorangegangenen, im engeren Sinne ökonomischen Studien war KSD Schumpeters kommerziell erfolgreichstes Buch. Es enthält eine ausführliche Würdigung der Marx’schen Analyse der kapitalistischen Ökonomie und eine interessante Spekulation über mögliche „Kreuzungen“ von sozialistischen und kapitalistischen Elementen von Herrschaft und Ökonomie. Als zentrale Adresse für das nachfolgend skizzierte Wortfeld wurde hier „Kapitalismus“ gewählt. Dieser Schritt ermöglicht es, die Begriffsfelder von Neuerung und Innovation in Beziehung zu setzen zum stets gegebenen übergreifenden Rahmen „Kapitalismus“. Das zentrale Thema Schumpeters in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, das aus seiner Sicht aufscheinende Ende des kapitalistischen Systems, war in den Konjunkturzyklen mit zwei fast lakonischen Bemerkungen schon angeklungen. An einer frühen Stelle des Werks und nochmals fast am Ende heißt es dort: „[…] ob der Prozess der kapitalistischen Entwicklung selbst die sozialen Situationen hervorbringt, an denen er zugrunde geht, werden wir nur kurz streifen. (Konjunkturzyklen, 154) Der Kapitalismus erzeugt durch sein bloßes Funktionieren eine soziale Atmosphäre – einen Moralkodex, wenn der Leser das vorzieht – welche ihm feind- 41 Ulrich Hedtke, (Mit-)Herausgeber von Briefen Schumpeters und Betreiber des Online-Archivs zu seinen Schriften, weist auf Kontroversen zur Editionspraxis von KSD hin, insbesondere was die Weglassung des letzten Kapitels in der deutschen Ausgabe betrifft. Es geht bei diesen Kontroversen im Wesentlichen um eine mutmaßliche politische Position Schumpeters, die hier jedoch nicht im Vordergrund steht. 74 Weber, Innovation lich ist, und diese Atmosphäre ihrerseits erzeugt politische Bestrebungen, die seinem Funktionieren entgegenarbeiten. (Konjunkturzyklen, 1070) Am Sprachgebrauch in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie fällt zunächst auf, dass Schumpeter im englischen Text den Begriff „innovation“ nicht mehr verwendet, nur an einer Stelle spricht er von einem „innovator“ (CSD, 88). Stattdessen benutzt er Umschreibungen oder „revolution“, „revolutionize“ (CSD, 73) in Zusammenhängen, in denen „innovation“ erwartet werden konnte. Die Übersetzung verfährt entsprechend (KSD, 137, 215). Vor allem der angezielte Prozess wird jedoch auch mit anderen Bezeichnungen belegt, die unterschiedliche Aspekte von Neuerungen hervorheben bzw. kombinieren. Zentral ist das 7. Kapitel mit der Überschrift „Der Prozess der schöpferischen Zerstörung“. Hier sind auf wenigen Seiten (KSD, 134–142) die Ausdrücke versammelt, mit denen Schumpeter die Dynamik in der kapitalistischen Ökonomie zu fassen sucht: Entwicklungsprozess Industrielle Mutation Evolutionärer Charakter Fundamentaler Antrieb Schöpferische Zerstörung Die kapitalistische Maschine Eine Geschichte von Revolutionen Diese Begriffe und Formulierungen repräsentieren Bewegungsvorstellungen aus unterschiedlichen Denkrichtungen: Evolutionstheorie, Politische Ökonomie und Mechanik; sie werden in späteren Ansätzen ökonomischer Theoriebildung wieder aufgegriffen. Ein charakteristischer Abschnitt aus diesem Kapitel, der überschrieben ist mit Der Prozess der schöpferischen Zerstörung (KSD, 134), lautet folgendermaßen: 75 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation – wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf –, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der ‚schöpferischen Zerstörung‘ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. (KSD, 137f.) Und in einem späteren Kapitel heißt es: Alte Konzerne und eingesessene Industrien leben, ob sie nun unmittelbar angegriffen werden oder nicht, immer noch im ewigen Sturm. Im Prozess der schöpferischen Zerstörung entstehen Situationen, in welchen manche Firmen untergehen müssen, […]. (KSD, 148) An die Stelle von „innovation“ rückt die Metapher der „creative destruction“ (CSD, 71), „schöpferische Zerstörung“ (KSD, 134) (mehrfach auch der „ewige Sturm der schöpferischen Zerstörung“, KSD, 138, 143), in der sowohl die Vielfalt des Neuen als auch die Dynamik und Ambivalenz des Prozesses, in dem es entsteht, sprachlich zusammengefügt sind.42 42 Wie Hugo Reinert und Eric S. Reinert in ihrem Aufsatz „Creative Destruction in Economics: Nietzsche, Sombart, Schumpeter“ nachweisen, stammt die Metapher von der „schöpferischen Zerstörung“ nicht ursprünglich von Schumpeter selbst, was dieser allerdings auch nie beansprucht hatte. Ihren Abwandlungen und Vorläufern bei Nietzsche und Sombart gehen die Autoren nach und finden dabei Spuren bis zum Hinduismus. Gleichwohl gelangt die Formel erst durch Schumpeter in den Diskurs der Ökonomie des 20. Jahrhunderts und erhielt in den späten 1990er Jahren besondere Resonanz, als es für einige Jahre so schien, als ob „[t]his concept seemed tailor-made to describe the process by which information and communication technology destroyed previous technological solutions and laid waste old companies in order to make room for the new“ (S. 3): https://www.researchgate.net/publication/226027214_Creative_Destruction_in_Economics_Nietzsche_Sombart_Schumpeter. Zugriff am 20.7.2017. Der Gebrauch als plakative Formel blendet in aller Regel die Folgen der so bezeichneten Prozesse für die Mehrzahl der Beteiligten aus. Ergänzend dazu ein weiteres Beispiel für die spezielle Art von „Entlehnungen“ bei Schumpeter: Nimmt man die Ausdrücke „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) und „Destruktionskräfte“ (Marx/Engels) mit ihren Kontexten gemeinsam in den Blick, wird die „Verwandtschaft“ deutlich. Die „Destruktionskräfte“ als Gegenüber der „Produktivkräfte“ tragen bei Marx/Engels Widersprüchliches in sich: in einer bestimmten geschichtlichen Entwicklungsphase werden Produktivkräfte zu Destruktivkräften, dominieren Maschinen die lebendige Arbeit, entsteht „entfremdete“ Arbeit (vgl. Artikel „Destruktivkräfte“ 76 Weber, Innovation Diese Formulierung vagabundiert seither als Bild und Begriff durch die politische Rhetorik. Besonders viel beachtet wurde in diesem Zusammenhang Roman Herzogs Rede während einer VEBA-Konzerntagung 1996, die zugleich auch eine aufschlussreiche Empfehlung für die „geeignete“ Sprachverwendung anbot: die Herkunft (eines Begriffs, einer Formulierung) aus dem Feld der Ökonomik als „bedeutsam“ nutzen, für den Gebrauch in der politischen Rhetorik etwas „glätten“ und mit der Ambivalenz des Bildes spielen: Wer Gesellschaften in einer solchen Situation von innen heraus revolutionieren kann, das hat ein anderer Ökonom, Josef Schumpeter, beschrieben. Es sind die Unternehmer und die Manager, die durch „Innovation“ die – wie er sagt – ‚schöpferische Zerstörung‘ des Althergebrachten betreiben, um Neues zu schaffen. Nun sollte sich die Politik nicht die – manchmal – unsensible Sprache der Ökonomen zu eigen machen. Das will ich hier deutlich sagen und auch für Ihr eigenes Reden nach außen empfehlen, denn man weiß, dass Neues immer auf den Schultern des Alten aufbaut und nicht auf den Trümmern. Das ist so und, selbst wenn es anders wäre, wäre es immer noch wirksamer, es so auszudrücken, wie ich es hier mache. […]. Der Wind, von dem ich spreche, rüttelt an hergebrachten Strukturen. Er deckt alten Schlendrian auf. Und das heißt, nun wieder akademisch ausgedrückt, er fördert Innovation und er fördert Effizienz.43 Die Metapher fand Eingang in den Jargon der Berater- und Werbebranche bis hinein in kritische gesellschaftswissenschaftliche Texte. In einem Buchbeitrag zum „Landnahme-Theorem“ z. B. verwendet Klaus Dörre den Ausdruck mehrfach – ohne Anführungszeichen und ohne Verweis auf seine Herkunft – so, als bezeichne er eine selbstverständliche Gegebenheit.44 im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Bd. 2, herausgegeben von Wolfgang Fritz Haug). Schumpeter nutzt in seinem Bild der „schöpferischen Zerstörung“ das Widersprüchliche des Ausdrucks (produktiv/destruktiv/kreativ), gibt ihm jedoch grundsätzlich positive Bedeutung. Anders als Marx und Engels analysiert er jedoch nicht die verwickelte Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. 43 Verfügbar über:http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Roman-Herzog/Reden/1996/06/19960621_Rede2.html, Zugriff am 20.7.2017. 44 Klaus Dörre, „Landnahme und Wachstumszwang“, S. 65–98. Die hin und wieder verwendete Formulierung vom „schöpferischen Unternehmer“, die ebenfalls Schumpeter zugeschrieben 77 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept 2014 ergab sich einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge eine Kontroverse um das Thema „Innovation“ zwischen der Historikerin Jill Lepore und dem Ökonomen und Management-Berater Clayton Christensen vor allem durch den Vorwurf Lepores, Christensen habe lediglich die Schumpeter’sche Hypothese von Innovation als „schöpferischer Zerstörung“ reanimiert und sprachlich etwas aufgearbeitet.45 Lässt man sich genauer auf den Text Schumpeters ein, so wird deutlich, dass diese wirkungsvolle Formulierung auch auf Inkonsistenzen hinweist, etwa auf Schumpeters Zweifel, ob der Kapitalismus in der von ihm beobachteten zunehmend monopolistischen Form überhaupt überlebensfähig sei, oder auf seine Diagnose vom Obsoletwerden der „Unternehmerfunktion“ (KSD, 23ff.) – dies ist immerhin eines der zentralen Elemente seiner Entwicklungstheorie des Kapitalismus. Eine weitere prägnante Formulierung, die in den Konjunkturzyklen schon einmal auftauchte (103), in KSD jedoch auffällig oft begegnet, ist „die kapitalistische Maschine“ (KSD, 109, 111, 137), als Synonym für „Kapitalismus“. Der Gebrauch dieser Formulierung zeigt an, wie sich die Bedeutung des „subjektiven Faktors“ – bei Schumpeter konkret die Rolle des Unternehmers, der Unternehmerfunktion – verändert und relativiert hat.46 Ausgehend von Beobachtungen der Entwicklungen in Amerika beschreibt er den Rückgang der Bedeutung von einzelnen Erfindern und Erfindungen zugunsten großer Forschungs- und Entwicklungs(F&E)-Abteilungen im Rahmen des fordistischen Gesamtsystems. Hierzu gehörten nicht zuletzt Großprojekte, die buchstäblich „aufs Ganze“ gehen: Roosewird, ist bei Schumpeter selbst nicht nachzuweisen. Gebraucht hat sie der deutsch-amerikanische Ökonom Fritz Redlich in seinem Aufsatz „Unternehmerforschung und Weltanschauung“ von 1955, publiziert in Fritz Redlichs Der Unternehmer, S. 74–94, S. 78 und ebd., S. 225–233 im Aufsatz „‚Unternehmer‘ und ‚schöpferischer Unternehmer‘: Ursprung und Begriffe“. 45 FAZ v. 7. Juli 2014, S. 20. Clayton Christensen wird der Ausdruck „disruptive“ Innovation zugeschrieben, dessen Abgrenzung (etwa zu Basis-Innovation oder einfach zu Innovation) in der Tat nicht plausibel anzugeben ist. Im Feld der PR ist dies jedoch kein Hindernis. So wurde zum Beispiel unter der Schirmherrschaft der Bundesministerien für Bildung und Forschung sowie für Wirtschaft und Energie im November 2016 ein Kongress unter dem Titel „Disruption 2016“: Die digitale Transformation der Wirtschaft durchgeführt. 46 Vgl. dazu z. B. KSD, 213ff. 78 Weber, Innovation velts „Tennessee-Valley-Authority“ oder während des Zweiten Weltkrieges das „Manhattan-Projekt“ zur Entwicklung der Atombombe.47 Im Teilfeld der Kausalitätszuschreibungen ist einerseits versammelt, was den Kapitalismus treibt – Neuerungen, Unternehmungen –, andererseits, was durch den kapitalistischen Prozess (hervor-)getrieben wird: Rationalisierung, Fortschritt, „Die Männer und die Mittel“ (KSD, 203). Betrachtet man das Wortfeld „Kapitalismus“ nun noch einmal als Ganzes und im Vergleich zu den zuvor beschriebenen von „Neuerung“ und „Innovation“, dann zeigt sich zum einen, dass die sinngebenden Elemente von „Kapitalismus“ und „Innovation“/„Neuerung“ eine sehr große Übereinstimmung aufweisen. Wie grundlegend für Schumpeters Entwicklungstheorie die Verknüpfung von „Innovation“ und „Kapitalismus“ ist, wird plausibel, wenn man im Wortfeld „Kapitalismus“ durch „Innovation“ ersetzt. Bis auf eine Ausnahme bleiben die Bezüge „intakt“. Die Ausnahme: „Sozialismus“ als Antonym für „Innovation“ „funktioniert“ nicht. Denn die spezifi sche Variante von Sozialismus bei Schumpeter integriert Prozesse von „Innovationen“ durchaus (KSD, 312f.) und böte aus seiner Sicht darüber hinaus sogar Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten, um Störungen und Zerstörungen abzumildern und zu korrigieren: „[…], – jedenfalls könnte eine sozialistische Leitung sie [die wirtschaftlichen Ziele, S.W.] mit weniger Störung und Verlust erreichen, ohne dabei auf Nachteile zu stoßen, die alle Versuche einer Fortschrittsplanung innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Institutionen erwarten würden“. (KSD, 313) Nicht nur in den verschiedenen Phasen der Wirtschaftsentwicklung der sozialistischen Länder wurde genau dies versucht: „Fortschrittsplanung“, sondern z. B. auch nach den ersten ökonomischen Krisen der bundesdeutschen Wirtschaft Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, also 47 Vgl. auch: Th omas P. Hughes, Die Erfi ndung Amerikas; Lewis Mumford, Mythos der Maschine. „Der technische Fortschritt wird in zunehmendem Maße zur Sache von geschulten Spezialistengruppen, […].“ (Schumpeter, KSD, 215). Wortfeld zu Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie 79 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept I Kapitalismus Kausalitätszuschreibungen ⬇ Paradigmen ⬇ Neuerungen als „der fundamentale Antrieb“ Die kapitalistische Maschine (109, 111, 137, (137, 143, 146, 152) 182ff.) Neue Güter/Waren, neue Produktionsformen, Form oder Methode der ökonomischen Organisationsformen, Versorgungsquellen, Veränderung“ (137) Märkte (137, 140, 144) Eine „Geschichte der Revolutionen“ (137) Erfindungen als „Funktion“ des kapitalistischen Prozesses (181) „schöpferische Zerstörung“ (138, 148f., 156, 171ff.) Die „kapitalistische Unternehmung“ als „treibende Kraft“ (181, 215) Rahmen für wirtschaftliche und soziale Veränderungen (184) Kapitalismus hat „die geistige Haltung der modernen Wissenschaft“ hervorgebracht und „Die Männer und die Mittel“ (203) Rationalität/Rationalisierung (200ff., 205, 231) Fortschritt (115, 126, 135, 147, 150, 153) Konkurrenz (139ff.) Feudalismus Krisen (73ff.) Sozialismus Konjunktur(zyklen) (73, 77) Massenproduktion/-konsum (193, 121, 115) Syntagmen ⬆ Antonyme / Antonyme der Antonyme ⬆   Quelle: Eigene Darstellung Tec hnis che r For tsch ritt Unt ern ehm er Unt ern ehm erg ewi nn Inn ova tion Inn ova tion en Kon kurr enz We ttbe wer b • • • • • • • • • • Kon junk tur- Zyk len Kris en Wir tsch aftli che Ent wic klun g Rat iona lisie run g (Ta ylor isie run g) • • Sch öpfe risc he Zer stör ung Quelle: Eigene Darstellung 80 Weber, Innovation nach den Aufbau- und Wachstumsjahren.48 Die folgende Visualisierung des „semantischen Netzes“ um Innovation enthält die aus unserer Sicht wesentlichen Elemente, mit denen Schumpeter sein Konzept der kapitalistischen Ökonomie entwirft.49 48 Z. B. mit der von John Maynard Keynes’ Konzepten inspirierten „Globalsteuerung“ des damaligen Wirtschafts- und Finanzministers Karl Schiller und daraus abgeleiteten staatlichen Interventionen. 49 Dietrich Busse, „Historische Diskurssemantik“, S. 39. 81 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Zugleich lassen sich in Schumpeters Verwendung von „Neuerung/Innovation“ die Spuren benennen, mit denen sich die Begriff e historisch angereichert haben: - Im zentralen Element zur Defi nition von „Innovation“ als „neuen Kombinationen“ tönen Bestandteile und Methoden antiker Erfi ndungskunst ebenso durch wie solche aus den Grundlagen neuzeitlicher Technologie. - In der expliziten Diff erenz von Invention und Innovation spiegeln sich die Erfahrung und Erkenntnis, dass die Generierung und Akkumulation von Wissen und seine gesellschaftliche Bewertung nicht identisch sind und nicht synchron verlaufen. - In der Interpretation des Unternehmers/Entrepreneurs als Instanz der Realisierung von Innovationen scheint der „Projektmacher“ durch und die frühen Formen der Verbindung von Wissen und Ökonomie. - Und schließlich ist in seine Verbindung von Kapitalismus und Innovation eingegangen, was er vor allem aus seiner Lektüre von Marx über die Dynamik ökonomischer Entwicklung wusste, und zwar speziell das, was Marx die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nannte.50 Es ist ein historisch und soziologisch wohlinformiertes, aber dennoch spezifi sch ökonomisches Konzept von „Innovation“ als Prozess und von „In- 50 In einem Beitrag zur britischen Zeitschrift new left review von Mai/Juni 1994, pp. 3–30 mit dem Titel „Schumpeter – a Bourgeois Marx“ zeichnet der Autor George Catephores sehr überzeugend nach, bei welchen Th emen und Argumenten Schumpeter sich explizit oder implizit auf Marx bezieht und – das ist der noch interessantere Aspekt – sich Marx’sche Erkenntnisse in einer Weise aneignet, dass er sie gegen die politischen Konsequenzen, die Marx zog, in Stellung bringen kann. Catephores sieht dies vor allem bei der Analyse der Wirkungsweise des Kapitalismus und der Entwicklung der Produktivkräfte bei Schumpeter. Catephores spricht von Schumpeters Vorhaben, „to de-Marxize Marx“ (ebd., p. 21), etwa bei der Erklärung des Gewinns, den er, anders als Marx, nicht als Aneignung von Mehrwert über Ausbeutung defi niert, sondern als rechtmäßigen „Unternehmergewinn“. Die „Umarbeitung“ Marx’scher Denkfi guren und Argumentationen durch Schumpeter vor allem in KSD führe letztlich dazu, dass „[t]he ‚socialism‘ envisaged by him [i. e. Schumpeter, S.W.] is little but a technocratic transformation of a bourgeois class rule“ (ebd., p. 29). 82 Weber, Innovation novationen“ als dessen Vergegenständlichungen, welches Schumpeter entwickelte – aber das wird es nicht bleiben. Sprachlich „wandert“ Innovation nach (und mit) Schumpeter aus dem Feld wissenschaftlicher Auseinandersetzungen in der Ökonomie zunächst in andere Wissenschaftsdisziplinen (Geschichte, Soziologie) und nahezu parallel auf eine andere Bühne: die Politik. Damit sind „semantische Umbauten“ verbunden (nicht nur die vom Fachterminus zum Schlagwort), die in den folgenden Kapiteln beschrieben und analysiert werden.51 Im nächsten Kapitel untersuchen wir exemplarisch Rezeptionen der Schumpeter’schen Theorie der Innovation seit den späten 1960er Jahren und die weitere Verwendung des nunmehr ökonomisch geprägten Begriffs. 2.4 Exkurs: Verdeckte Verwandtschaft Auch ohne Bindung an die „vertrauten“ Wortkörper können „sinnähnliche Motive und Denkfiguren“ in Begriffsnetzen, Texten und Kommunikationen präsent sein, die üblicherweise nur diesen bestimmten Ausdrücken zugeschrieben werden.52 Dies lässt sich für das Begriffsnetz um Innovation/schöpferische Zerstörung und „industrielle Obsoleszenz“ zeigen. Auf diesen Terminus trifft man innerhalb des Spezialdiskurses der Technikgeschichte. Sprachlich erschließt er sich über den ursprünglichen Gegenspieler zu Neuerung/ Innovation, nämlich „Alterung“. „Industrielle Obsoleszenz“ bezeichnet die mit Absicht erzeugte und beschleunigte, vorzeitige Alterung von Produkten jeder Art. Ökonomisch gesehen ist es die radikale Umsetzung der Schumpeter’schen „creative destruction“ als Prinzip der kapitalistischen Ökonomie. Hier wird mit Konsequenz Innovation auf den Punkt gebracht bei einem Phänomen, das offiziell zwar geleugnet, durch (technik-)histo- 51 Georg Bollenbeck/Clemens Knobloch, „Das neue Interesse an der Wissenschaftshistoriographie und das Forschungsprojekt ‚Semantischer Umbau der Geisteswissenschaften‘“. 52 Clemens Knobloch, „Überlegungen zur Theorie der Begriffsgeschichte aus sprach- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht“, S. 9. 83 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept rische und wissenschaftstheoretische Forschungen jedoch als hinreichend belegt gelten kann. In einem Aufsatz der Zeitschrift Technikgeschichte von 2014 richtete der Technikhistoriker Markus Krajewski unter der Überschrift „Fehlerplanungen“ seine Aufmerksamkeit auf das bis dahin kaum diskutierte Thema der „Geschichte und Theorie der industriellen Obsoleszenz“.53 Im Mittelpunkt steht ein „neues Produktions- und Verwertungsparadigma […]: Dieses setzt ab dem frühen 20. Jahrhundert darauf, koordinierte Forschungsanstrengungen nicht dafür einzusetzen, um das technisch-materiell mögliche Optimum an Haltbarkeit und Nutzungsdauer zu erreichen, sondern es setzt an dessen Stelle ein genau kalkuliertes ökonomisches Optimum, das der systematischen Verkürzung von Lebenszeiten gleichkommt“. An einem historischen Beispiel wird gezeigt, wie „verlässliche Dysfunktionalität der Technik“ gedacht und geplant werden konnte, als eine Art „Hintergrundprogramm“, das parallel zu den offiziellen Fortschritts-, Zukunfts- und Besserungsversprechen vor allem technischer Innovationen abläuft. Das historische Beispiel ist die europäische Glühlampenindustrie der 1920er Jahre, zu deren führenden Vertretern auch das deutsche Unternehmen „Osram“ gehört. Osram war seinerzeit Teil des (keineswegs geheimen) Kartells der Glühlampenhersteller, dessen interne Vereinbarungen eben auch die verbindliche Festlegung einer begrenzten Lebensdauer der produzierten Glühlampen enthielten.54 Das Ziel war definitiv, höhere Verkaufszahlen zu erreichen, also höhere Gewinne. 53 Markus Krajewski, „Fehlerplanungen“, S. 91–114. 54 Ebd., S. 96ff. Nach Markus Krajewski war bis zum Verbot der Glühlampen 2012 die willkürlich begrenzte Lebensdauer von Glühlampen wirksam. Was die Haltbarkeitsversprechen der neuen Leuchtmittel angeht, teilen wir uneingeschränkt die von Krajewski formulierte Skepsis. Krajewski nennt als Beispiel u. a. Spanplatten, Tintenstrahldrucker oder Unterhaltungselektronik, „aus deren Bereich sich in letzter Zeit die Fallbeispiele mehren: So werden Kondensatoren an Stellen platziert, wo sie hohen Temperaturen ausgesetzt sind, welche ihre Lebensdauer verkürzen, oder digitale MP3-Player halten nur so lange, wie das schwächste Glied, der nicht auswechselbare Akku“ (Krajewski, „Fehlerplanungen“, S. 93). 84 Weber, Innovation Stehen industriell vorgefertigte Sollbruchstellen wie Bruchkanten bei Tabletten oder Schokoladetafeln, aber auch Schmelzsicherungen bei elektrischen Stromkreisen noch im Dienste höherer Funktionalität, so existiert Krajewski zufolge eine mutmaßlich bedeutende Menge vor allem technischer Güter, in die Sollbruchstellen eingebaut sind, die von den Nutzern weder wahrgenommen werden können noch ihren Interessen dienen. In diesem Zusammenhang kommt als maßgebliches Kriterium ins Spiel, dass die entsprechenden Diskurse „am Schnittfeld von ‚Technik und Wirtschaft’“operieren, so dass an ihnen die Verschränkung von ökonomischen Rahmenbedingungen mit den technischen und marketingbezogenen Anforderungen ablesbar sei.55 Weitere Varianten geplanter Obsoleszenz dürften sich hinter einem semantisch verfremdeten Phänomen wie dem „Mindesthaltbarkeitsdatum“ oder der, natürlich mit technischen Begründungen unterlegten, Nicht- Reparierbarkeit zahlreicher Alltagsgegenstände verbergen. Herausfordernd ist das Konzept der „Obsoleszenz“ für die Auseinandersetzung mit den Qualitäten von Innovation insofern, als die intellektuelle wie die technische Expertise von Forschern und Entwicklern dabei gerade auf eine Begrenzung bzw. Eliminierung des als technischer Fortschritt und Innovation konzipierten Programms zu richten ist. Für einen Wissenschaftler mag dies zu Paradoxien führen, für Entwickler in ein Dilemma. Nur im Feld der Ökonomie ist das Konzept der Obsoleszenz kohärent und widerspruchsfrei zu denken: Geplante Obsoleszenz ist real ein Wachstumstreiber, sprachlich treibt sie die viel zitierte „creative destruction“ Schumpeters auf die Spitze. In seinem Buch Made to break bezeichnete Giles Slade das Phänomen der „geplanten Obsoleszenz“ als genuin amerikanische „Erfindung“ aus den Zeiten der frühen Massenproduktion und beschrieb seine Wechselwirkungen mit lebensstilbezogenen Verhaltensweisen.56 Er analysiert den Gebrauch des Begriffs bei Thorstein 55 Ebd., S. 94. 56 Vgl. Giles Slade, Made to break. Das Thema war in den 1970er Jahren in Fachkreisen auch in der BRD angekommen, zum Beispiel veröffentlichte die „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ (kowisowa, s. u. Kap. 4) im Rahmen ihrer umfangreichen Reihe 1976 einen 85 2 Vom außerordentlichen Ereignis zum ökonomischen Konzept Veblen und stellt die Verbindung her zur amerikanischen Rezeption von Schumpeters Konzept der „creative destruction“. Slade beschreibt zahlreiche Beispiele (nicht nur aus der amerikanischen Produktionssphäre) und macht plausibel, dass es sich bei „death dating“, „planned obsolescense“ oder ähnlichen Erscheinungen um ein Spezifikum jeder kapitalistischen Wirtschaftsweise handele, die unter dem ständig reproduzierten Zwang zur permanenten Innovation stehe, den sie selbst erzeugt habe.57 Im Frühjahr 2016 erschien eine von der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ initiierte Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zur Obsoleszenz, die zwar die Vielzahl von entsprechenden Befunden nicht leugnete, sich jedoch argumentativ auf die formaljuristische Position zurückzog, dass „Planung“ und „Absicht“ nicht nachzuweisen seien. Gleichwohl wurde über Maßnahmen zur Abhilfe beraten. Aus der Perspektive kritischer Reflexion neuzeitlicher Technikentwicklung lässt sich eine aktuelle Tendenz einordnen, die als eine Art (spätes) Echo auf die Phänomene „idustrieller Obsoleszenz“ bezeichnet werden kann: die neue Popularisierung des Reparierens als nahezu „vergessener“ Alltagspraxis in der wachsenden Zahl von „Repair-Cafés“ und ähnlichen Einrichtungen. Diese neue Entwicklung wird – im Vorgriff auf die später erläuterte Konzeptualisierung könnte auch von einer „sozialen Innovation“ gesprochen werden – inzwischen nicht nur wissenschaftlich reflektiert (im Rahmen von Wissenschafts- und Technikforschung).58 Unter der Überschrift „Teilen, Tauschen, Reparieren“ ist auch diese wertvolle, auf die Erweiterung individueller Handlungsoptionen zielende Alltagstechnik „in Gefahr“, zum Ausgangspunkt für ein weiteres neues „Geschäftsmodell“ im Band mit dem Titel Gibt es geplanten Verschleiß? von Burkhardt Röper/Rolf Marfeld, allerdings mit geringer Resonanz. Zum aktuellen Stand der Diskussion (2014): Christian Kreiß, Geplanter Verschleiß. 57 In seinem 1981 auf Deutsch erschienenen Essayband Durchs Labyrinth sprach der griechische Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Cornelius Castoriadis schon von „eingebautem Verschleiß“ im Rahmen der Massenproduktion (S. 218). 58 Vgl. den Call for Papers zu einem für Januar 2017 geplanten Workshop am IZWT (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung) „Kulturen des Reparierens und die Lebensdauer technischer Dinge“ der Bergischen Universität Wuppertal: http://www.izwt. uni-wuppertal.de/home/tagungen-workshops/2017.html, Zugriff am 20.7.2017. 86 Weber, Innovation stark wachsenden Segment des sogenannten „Social Business“ zu werden und diskursiv als Teil der Argumentation zur Stützung individualisierender Strategien beizutragen. In der (sinnvollen!) Propagierung des individuell und punktuell organisierten Reparierens bleibt ungesagt und geradezu nicht thematisierbar, dass zur Lösung des angezielten Problems auch die verursachenden Instanzen zur Verantwortung gezogen werden könnten.

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References

Zusammenfassung

Gegenstand der von Susanna Weber vorgelegten Studie sind Stationen der Begriffsgeschichte von „Innovation“, die Beschreibung und Plausibilisierung des Übergangs in einen bzw. die Herausbildung eines Innovations-Diskurses im 20. Jahrhundert sowie die exemplarische Analyse und Kritik einzelner zeitgenössischer Kommunikationszusammenhänge, die „Innovation“ in ihrem Zentrum führen.