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8 Rückblick und Ausblicke in:

Susanna Weber

Innovation, page 273 - 284

Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4227-4, ISBN online: 978-3-8288-7118-2, https://doi.org/10.5771/9783828871182-273

Series: kommunikation & kultur, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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273 8 Rückblick und Ausblicke Offmahls geschiehet es auch, daß viele, aus Begierde etwas neues zu sagen, alte Dinge mit einem neuen Fürniß überstreichen. (Johann Heinrich Zedler, 17431) Der abschließende Blick zurück auf die hier zuvor beschriebenen Stationen der Begriffsgeschichte von Innovation soll vor allem die charakteristischen „semantischen Umbauten“ (Bollenbeck/Knobloch) und Wendungen noch einmal unterstreichen. Unser erster Befund aus der wortgeschichtlich angelegten Recherche zu Beginn ergab, dass, vom frühen Gebrauch des Ausdrucks an, „innovatio“ eine starke normative Komponente enthält, und dies ist, trotz des Wechsels der Sphären, in denen der Ausdruck erscheint, bis in die Gegenwart zu beobachten. Sie ist in den frühen Verboten religiöser Neuerungen des Papstes Stefan I. bis zum japanischen Gesetz zum Verbot von Innovationen als bindenden Gesetzesnormen leichter zu erkennen als in den aktuellen, ambivalenten Geboten und Imperativen modernen Managements oder anderer Regierungstechniken („be creative“, „invent yourself“,). Damit verbunden ist eine Verschiebung der evaluativen Ladung: sie wechselte vom negativen zum positiven Pol. Dieser Wechsel vollzieht sich vermittelt vor allem über die Verbreitung und die sich verändernde Bewertung neuen Wissens und neuer Artefakte: Neue „nützliche und lustige“ Maschinen (de Caus) stärken nicht nur Macht- und Repräsentationsansprüche der Herrschenden, sie werden auch zu den wesentlichen materiellen Mitteln für den Umbau der gesellschaftlichen Verhältnisse. Schon früh angelegt, im „projecting age“ des ausgehenden 17. und 18. Jahrhunderts und getragen von einer neuen „Sozialfigur“, dem „Projektmacher“, wurde Neues mit Ökonomie, genauer: mit der Ökonomie des 1 Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, Bd. 8, Sp. 1602. 274 Weber, Innovation sich formierenden Kapitalismus, verbunden. Bei einem der wichtigsten Repräsentanten der Kameralistik (und selbst auch „Projektmacher“), Johann Heinrich Gottlob von Justi, wurde „Neues“ (Wissen, Erfindungen) als mögliche ökonomische Ressource denkbar (hier jedoch noch für das gesamte Staatswesen). Am Anfang des 20. Jahrhunderts steht der Ökonom J. A. Schumpeter dann für die Realisierung dieser Wendung: die explizite theoretische Fassung des „Neuen“ und der „Neuerung“ als zentrales Element der kapitalistischen Ökonomie. Gleichzeitig erhält das ökonomische Neue einen Namen: Innovation, der seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Verfügung steht. Dies geschieht im Zuge von Übertragungsprozessen, die auch Zufälliges enthalten. Nicht zufällig ist dagegen Schumpeters Referenz auf Marx. Während Marx den vorher naturwissenschaftlich geprägten Revolutionsbegriff (Galilei, Kepler) zu einem politischen umbesetzte, gebraucht Schumpeter ihn für „die Geschichte des Produktionsapparates“. Den Gesamtprozess der kapitalistischen Ökonomie nennt er „evolutionär“. Er nutzt also die Ressourcen der neuzeitlichen Bewegungsbegriffe Revolution und Evolution und platziert Innovation/Innovationen in einem gemeinsamen Raum. Was Neuerer jeglicher Intention im 17. und 18. Jahrhundert noch aufwändig legitimieren mussten, zum Beispiel über kunstvolle heilsgeschichtliche Einbettungen, oder mit risikoreichen Vorhaben, eben „Projekten“, in die Welt brachten, war am Ende des 19. Jahrhunderts und nach der ersten industriellen Revolution zu einer verallgemeinerten, hoch aufgeladenen Zukunftserwartung geworden: Inventionen und Entdeckungen (von Artefakten und Verfahren) galten als Inbegriff von „Fortschritt“. Die zugrundeliegende Denkfigur beruht auf der Totalisierung von Technik – „technischer Fortschritt“ wird zu der Verkörperung positiver Zukunftserwartungen – und einer linear teleologischen Auffassung von Geschichte. Vermittelt über den Schlüsselbegriff des „technischen Fortschritts“ und die Rezeption Schumpeters in der Innovationsforschung gelangte Innovation als Ausdruck und als Konzept in den späten 1960er und 1970er Jahren in die politischen Diskussionen um die Erklärung und Bewältigung der seinerzeit aktuellen ökonomischen Turbulenzen. 275 8 Rückblick und Ausblicke Während Schumpeter Innovation als ökonomischen Fachterminus zur Analyse gebrauchte, erhält der Begriff im Zuge der Rezeption in den Wissenschaften und von dort in den entstehenden „politikberatenden“ Strukturen zunehmend programmatisch-strategische Funktionen und zirkuliert, dies ist eine weitere Wendung, seitdem in allen gesellschaftlichen Zentralgebieten. Was Schumpeter jedoch als Teil einer ökonomischen Theorie entwarf, die als Grundelement Krisen enthält (die „Konjunkturzyklen“), wird in der frühen Rezeption zur „Lösung“ für ökonomische Schwankungen umgebaut: Innovationen zur Stabilisierung der Wirtschaft. Aktuell ist das Deutungsmuster „Fortschritt = Wachstum und Wohlstand durch Technik (= Innovation)“ fest etabliert wie zuletzt vor den beginnenden Umwelt-Debatten und den Fragen nach möglichen „Grenzen des Wachstums“ am Beginn der 1970er Jahre. Dazu hat beigetragen, dass die akademische wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung auf einem seit Jahrzehnten stabilen Lehrbuchkanon ökonomischer Theorieelemente und Modelle beruht, der wachstumsfixierte, marktliberale Auffassungen stützt und reproduziert. Dies entspricht einem Denkstil, den auch wiederholte konträre empirische Erfahrungen nicht verändert haben. Mit „Objektivitätsfiktionen“ wie Statistiken, Kurven und mathematischen Modellen einerseits und narrativ eingebetteten Dogmen und Regeln andererseits wird nicht nur der professionelle Nachwuchs für eine Vielzahl von gesellschaftlichen Funktionen geprägt, diese beeinflussen auch die Alltagsvorstellungen gewöhnlicher Menschen. Mit dem ausgehenden 20. und dem beginnenden 21. Jahrhundert schließlich wurden, nach zwischenzeitlichen Legitimationskrisen technikorientierter politischer Zukunftsentwürfe, erneut Haltungen begründungspflichtig, die der behaupteten Notwendigkeit zur permanenten Innovation skeptisch oder gar kritisch gegenüberstehen. So wurde etwa ein Topos aus der Frühzeit der Industrialisierung Europas, „Maschinenstürmerei“, der zur Stigmatisierung oppositioneller Bewegungen diente, wiederbelebt. Zunächst am Ende der 1970er Jahre im Rahmen der ersten Automatisierungswelle reaktiviert, dient er in jüngster Zeit zur vorausei- 276 Weber, Innovation lenden (Selbst-)Abgrenzung gegenüber technikskeptischen oder -kritischen Positionen. Die suggestive Plausibilität der Schumpeter’schen Metapher von der Innovation als „schöpferischer Zerstörung“, die für ein Grundprinzip der kapitalistischen Ökonomie steht, wird inzwischen nicht nur verwendet um zu illustrieren, dass mit der Technologie der Digitalisierung eine neue, die vierte „industrielle Revolution“ bevorstehe, sondern auch um zu legitimieren, dass in den gesellschaftlichen Bereichen, die zuvor noch nicht vollständig über ökonomische Rationalitätskriterien regiert wurden wie „Kultur und Kunst“ oder „Bildung“, nunmehr „Output“, „Effizienz“ und „Sichtbarkeit“ als Kriterien für Anerkennung und, noch wichtiger, für die Bereitstellung notwendiger Ressourcen gelten sollen. Bildung und Wissen werden in diesem Zuge einerseits ökonomisch, also als „Knappheitsgüter“ modelliert, dies ist Voraussetzung für ihre „Bewirtschaftung“. Andererseits wird die Verantwortung für die „Pflege“ und die erforderlichen „Investitionen“ weitgehend individuell zugerechnet. „Humankapitaltheorien“ bilden die argumentativen Brücken zwischen Verwertungsinteressen und individuellen Autonomiebestrebungen. Dieser nicht nur „semantische“ Umbau lässt sich exemplarisch an Texten zur „Kultur- und Kreativindustrie“ nachvollziehen. Der Spezialdiskurs, der sich um den Zentralbegriff „soziale Innovation“ formierte, spiegelt einerseits die Dominanz ökonomischer Regeln und Kriterien und andererseits den Versuch, das Kompensationspotential als „sozial“ attribuierter Konzepte zu retten, das schon in den frühen „Humanisierung der Arbeit“(HdA)-Projekten zur Geltung kam. Diskurse um „soziale Innovationen“ reagieren auf die Folgeerscheinungen von Entwicklungen, die E. Altvater mit Bezug auf Analysen Karl Polanyis als „Entbettung“ (der Wirtschaft aus der Gesellschaft) und als „Vermarktlichung“ aller Lebensbereiche bezeichnete. Dies spiegelt sich zum Beispiel in den programmatisch verwendeten Oppositionsbildungen „sozial-technisch“ und „sozial- ökonomisch“, und ein neues Attribut aus diesem Kontext, „soziodigital“ 277 8 Rückblick und Ausblicke gibt (trotz der Unverständlichkeit des Ausdrucks) eine Vorstellung davon, welche Gegensätze hier verklammert werden sollen.2 Wenn gegenwärtig Innovation thematisiert wird, ist der dominierende Kontext die „Digitalisierung“ (der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Kultur, des Alltags), ihre Chancen und Risiken. Im Gebrauch der Argumente lassen sich zahlreiche Parallelen finden zu den Auseinandersetzungen um die Automatisierungswelle in den 1970er Jahren, etwa bei der gegenseitigen Aufrechnung von potentiellen Arbeitsplatzzuwächsen und zu erwartenden Arbeitsplatzverlusten im Zuge der verstärkten Umsetzung der Innovationen durch Digitalisierung.3 Was sich allerdings verändert hat, sind erstens die Kräfteverhältnisse zwischen organisierten Arbeitskräften und Unternehmen und zweitens – einer der Widersprüche digitaler Technik, die vor allem mit den Versprechen auf allgemeine Zugänglichkeit, Offenheit, Transparenz ausgestattet wird – das Entstehen einer Vielzahl von „Grauzonen“, in denen, oft unterhalb der Wahrnehmungsschwellen demokratischer Öffentlichkeiten und außerhalb ihrer Möglichkeit zur Beeinflussung, technische Systeme und Prozeduren implementiert werden, die auf die „Selbstentmächtigung“ (Klaus Theweleit) der Subjekte zielen, wenngleich sie unter dem Label des „technischen Fortschritts“ offeriert werden. Eine leise Ahnung davon schien später bei der seinerzeit als Arbeitsministerin amtierenden Andrea Nahles angekommen zu sein. In einem FAZ-Beitrag vom 12.10.2016 schlug sie vor, „Experimentierfelder für Innovationen“ einzurichten, in denen vor ihrer flächendeckenden Verbreitung und in begrenztem Rahmen Erfahrungen zu Nebenwirkungen, Akzeptanz und Nützlichkeit gemacht werden könnten. Eine gute Idee – und nicht „neu“: es ist der (in den 1970er Jahren) neue Ansatz der „Tech- 2 „Das Konzept der Innovationen am Arbeitsplatz bedarf umfangreicher Forschungsarbeit, die sich mit der Gestaltung soziodigitaler Formen der Wissensarbeit auseinandersetzt.“ (Howaldt/ Kopp/Frank: „Innovationen am Arbeitsplatz: Für bessere Arbeitsplätze und mehr Leistung“, S. 114). 3 Damals wie heute hieß es, dass im Wesentlichen „nur“ zahlreiche Arbeitsplätze mit geringem Anforderungsniveau wegfielen. Seinerzeit traf es jedoch z. B. auch eine große Anzahl gut bis hoch qualifizierter Drucker besonders einschneidend. Es ist realistisch und absehbar, dass die fortschreitende Umsetzung der Digitalisierung ähnliche Folgen haben wird. 278 Weber, Innovation nikfolgenabschätzung“, der jedoch inzwischen „umgebaut“ wurde und als neue Aufgabe erhalten hatte, Chancen für neue Technikentwicklungen „aufzuspüren“. Innovation hat im öffentlichen Sprachgebrauch in den letzten Jahren immer wieder neue Attribute erhalten, in der etablierten Kommunikation wie auch in alternativen bzw. Gegendiskursen. Aus Letzteren ist vor allem die „nachhaltige“ Innovation hervorzuheben, die, bei genauer Betrachtung, eine ähnliche Paradoxie zu bewältigen hat wie zum Beispiel das „Stabilitätsund Wachstumsgesetz“ von 1967 oder die „soziale Marktwirtschaft“.4 Diese Formulierungen koppeln Gegenstands- und Sinnbereiche, die einander widersprechen bzw. aufgrund ihrer unterschiedlichen Funktionslogiken unvereinbar sind: das Nachhaltige (Stabile, Dauernde, Ressourcenschonende) widerspricht dem genuin beweglichen, dynamischen und auf Steigerung fixierten Prinzip von Innovation; Stabilität und Wachstum als gleichzeitig und gleichwertig gelten sollende Politikprinzipien widersprechen einander per definitionem und „sozial“ als Attribut (im Sinne von „gut“, „gerecht“, „gesellschaftlich nützlich“) widerspricht den Wirkprinzipien von Märkten grundsätzlich, die auf Konkurrenz, Wettbewerb, Gewinn und Macht beruhen.5 Aus dem Umfeld von Postwachstumsbewegungen und Nachhaltigkeit stammt auch eine Art Gegenbegriff zu Innovation – „Exnovation“ –, der sich jedoch nicht merkbar verankern konnte.6 4 Einen Modus wie „dynamische Stabilisierung“ (s. folgende Fußnote) versuchte schon das immer noch gültige „Wachstums- und Stabilitätsgesetz“ von 1967 zu fixieren, das, nach den Erfahrungen der ersten wirtschaftlichen „Störungen“ der Nachkriegszeit, als Richtlinie der Wirtschaftspolitik vier Kriterien zur gleichzeitigen Befolgung zu etablieren versuchte: Preisstabilität, hohen Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und stetiges Wirtschaftswachstum. Zum Wortlaut des Gesetzes: https://www.gesetze-im-internet.de/stabg/BJNR005820967.html, Zugriff am 20.7.2017. 5 Aktuell gebraucht der Soziologe Hartmut Rosa den Begriff „dynamische Stabilisierung“ zur Charakterisierung der Formationseigentümlichkeiten des gegenwärtigen Kapitalismus und fasst damit die „Trias von Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung“ (Hartmut Rosa, Resonanz, S. 676) zusammen, die zur „Erhaltung ihres formativen Status auf systematische Steigerung in den Dimensionen des (ökonomischen) Wachstums, der Beschleunigung und der Innovationsraten angewiesen ist“ (ebd., S. 676). 6 Zu „Exnovation“ vgl. Annika Arnold et al. (Hrsg.), Innovation – Exnovation; Ralf Antes/Klaus Eisenack/Bernd Fichter, „Wirtschaftswissenschaftliche Ansätze zur Gestaltung von Wand- 279 8 Rückblick und Ausblicke Die in Abständen neu in Zirkulation gebrachten Attribute für Innovation im wirtschaftlich geprägten Sprachgebrauch könnten als Beleg für den anhaltenden Nutzen des Begriffs gewertet werden. Man kann sie jedoch auch als Hinweise auf eine beginnende „Abnutzung“ der semantischen Potentiale sehen, die mit wechselnden Verkleidungen kaschiert werden soll. Ganz offensichtlich gilt dies zum Beispiel, wenn die Rede ist von „responsible“, „reversen“ oder „frugalen“ Innovationen. Die ungewöhnlichen Attribute mögen energische Andersartigkeit suggerieren, sie bezeichnen jedoch nichts anderes als Modifikationen: „Responsible Innovation“ und ähnliche Bezeichnungen („responsible development“) stammen aus dem Umfeld der schon sehr viel älteren Technology-Assessment(TA)-Ansätze (im deutschen Sprachraum: ursprünglich „Technikfolgenabschätzung“, später „Technikgenese-Forschung“ und schließen gegenwärtig an Konzepte der „Governanceforschung“ an, speziell an das der „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Der Aufmerksamkeit generierende und für Moralisierungen verwendbare Hochwertbegriff Verantwortung/responsibility ist dabei nicht deutlich definiert und macht entsprechende Konstruktionen nahezu einwandsimmun: ohne große Schwierigkeiten lässt sich nicht dagegen argumentieren.7 „Reverse Innovation“ bezeichnet Innovationsprozesse, die in Entwicklungs- oder Schwellenländern zu lokal angepassten Produkten führen und gleichzeitig in die Industrienationen exportiert werden und dort wettbewerbsfähig sein sollen. Das Konzept ist umstritten, Quellen und konkrete Beispiele kaum verifizierbar. Bei den wenigen beschriebenen Projekten handelt es sich um Entwicklungen aus den Industrieländern, die lediglich an lokale Produktions- und Konsumverhältnisse angepasst wurden.8 lungsprozessen“: http://oekologisches-wirtschaften.de/index.php/oew/article/view/1221/1215, Zugriff am 20.7.2017. 7 Zum Konzept der „Responsible Innovation“ vgl. Armin Grunwald, ,,Responsible Innovation?“, S. 243–264. 8 Artikel in der Wirtschaftswoche: http://green.wiwo.de/reverse-innovation-die-naechste-stufeder-globalen-energiewende/, Zugriff am 20.7.2017. 280 Weber, Innovation Ein ähnliches (betriebswirtschaftliches) Konzept wird unter dem Titel Frugale Innovation diskutiert. Hier sorgte eine entsprechende Veröffentlichung von Charles Leadbeater von 2014 für Aufmerksamkeit.9 Die Formulierung bezeichnet einen Ansatz, in den Industrieländern entwickelte Hightech-Innovationen für Märkte der Entwicklungsländer neu zu konfigurieren („downsizing“), so dass auch diese abgeschöpft werden können. Die jüngste Variante ist „agile Innovation“.10. Hier ist „der neue Fürniß“ im Sinne Zedlers die mit „agil“ aktivierte Männlichkeits-Konnotation. Innovation – zukünftig? Die vorliegende Arbeit ist bewusst als Übersichtsstudie angelegt, die zunächst einen großen Zeitraum umfasst und dann an einigen Stationen Ergebnisse intensiverer Nachforschungen bereithält. Gleichzeitig ergaben sich an zahlreichen Stellen weitere Fragen, denen im Rahmen dieses Projektes nicht weiter nachgegangen werden konnte. Als mögliche zukünftige Forschungsthemen hier nur wenige Beispiele: – Vertiefte Vergleiche von Innovations-Diskursen zwischen unterschiedlichen Sprach-räumen. – Intensive Untersuchungen einzelner Innovations-Diskurse anhand grö- ßerer homogener Text-Korpora, z. B. Fachzeitschriften. – Methodisch fokussierte Untersuchungen einzelner sinntragender Elemente (Argumente, Topoi) in Innovationsdiskursen. – Analyse der Entwicklung von Redeweisen zum Komplex Demokratie/ Digitalisierung/Innovation in unterschiedlichen Kommunikationszusammenhängen. 9 Charles Leadbeater, The Frugal Innovator: Creating Change on a Shoestring Budget. Leadbeater war Berater Tony Blairs zu dessen Amtszeit als Premierminister. 10 Vgl. z. B.: https://hbr.org/2016/04/the-secret-history-of-agile-innovation, Zugriff am 20.7.2017. 281 8 Rückblick und Ausblicke Unsere Studie balanciert an mehr als einer Stelle auf den Linien, an denen die „Problem-Begriff-Verschränkung“ besonders augenfällig wird, mit den Folgen, dass sowohl Reflexionsperspektiven (etwa Wörter, Texte, Diskurse) wechseln als auch die Textsorten, die als Material zugrunde gelegt wurden (wissenschaftliche Texte, Regierungstexte).11 Daher sei abschließend noch der Verweis auf eine weitere Sphäre riskiert, die die in unserer Studie berührten Felder in einer besonderen Weise verbindet: Science Fiction. Hier werden, mit dystopischem oder utopischem Akzent, unterschiedliche Wissensordnungen zwanglos verknüpft, etwa Philosophie und Naturwissenschaften, Grenzen des technischen Fortschritts ausgelotet und ebenso die Möglichkeiten gesellschaftlicher Weiterentwicklung. Das gemeinsame Medium ist die Sprache, in der beschrieben und verordnet, spekuliert und verboten, aber auch fantasiert und utopisch vorausgedacht werden kann.12 2011 sendete der WDR ein Hörspiel mit dem Titel Sprachlabor Babylon von Till Müller-Klug, das mit Witz und kluger Fantasie ein Szenario beschreibt, welches auf den ersten Blick wie eine Satire auf den Sprachgebrauch in den modernen Medien mit Science Fiction-Elementen erscheint.13 Vorgestellt wird das „Sprachlabor Babylon“, eine Agentur für Sprachentwicklungen, die den Kunden Produkte wie „Hochleistungsdeutsch“ oder „Überzeugungszunge“ zur Optimierung ihres sprachlichen Auftretens verkauft. Diese Sprachgebrauchsprogramme werden über Mobiltelefon direkt in das Gehirn gespeichert und sind sofort anwendbar, unabhängig von Faktoren wie Intelligenz oder Vorwissen. Weltweit steigt mit wachsendem Wohlstand der Bevölkerung die Nachfrage nach innovativen und anwendungsfreundlichen Sprachproduk- 11 Clemens Knobloch, „Problemgeschichte und Begriffsgeschichte“, S. 267. 12 Zur Nutzung von SF-Texten für Produktentwicklung oder militärische Szenarien: Thomas Michaud, Sience Fiction and Innovation. 13 Till Müller-Klug, Sprachlabor Babylon (enthält die gedruckte Fassung des Hörspiels und eine CD mit der Audio-Version). Die Seitenzahlen der folgenden Abschnitte beziehen sich auf die gedruckte Ausgabe dieses Textes. 282 Weber, Innovation ten. Hochleistungsdeutsch erfüllt und übertrifft alle Erwartungen an eine zukunftsweisende Geschäftssprache: […]. (7) Wer sich allerdings diese teuren Sprachversionen nicht leisten kann, muss sich der öffentlich subventionierten und rationierten „Sparsprache“ bedienen, die zudem Schritt für Schritt reduziert wird. Unerwünschte oder als überflüssig erachtete Wörter werden eliminiert oder ihre Benutzung so weit verteuert, dass die daran Interessierten sie sich nicht leisten können, sei es ein Wort wie „Griffel“ oder solche wie „Generalstreik“ oder „Redefreiheit“. Für zehn Wörter, die wir unauffällig kürzen, nehmen wir ein frisches Neuwort medienwirksam in den öffentlichen Wortschatz auf und nennen das Ganze ‚Wortschatzwachstum‘. (31f.) Bezeichnungen wie „wortreich“ oder „Wortschatz“ sind hier ganz wörtlich zu nehmen. Denn die sprachwirtschaftliche Produktion ist an keinerlei stoffliche Beschränkungen mehr gebunden. Unsere unerschöpflichen Rohstoffe sind Buchstaben, Silben und Wörter. Diese Sprachbausteine lassen sich zu unendlich vielen Satzkombinationen zusammenfügen und endlos weiterverarbeiten. Wir leben in einem grenzenlosen Möglichkeitsuniversum von Sprachprodukten. Diese wunderbaren Freiheiten müssen im sprachwirtschaftlichen Wettbewerb täglich neu erwirtschaftet werden. Innovationen sind Zukunftsinvestitionen. (47) Eine der Protagonistinnen des Hörspiels ist Vertreterin der „Initiative Neue Sprachwirtschaft“, die durch „Hochleistungsdeutsch“ die Selbstdarstellung ihrer Organisation optimieren will: Die Initiative Neue Sprachwirtschaft stärkt und stimuliert die unternehmerischen Redekräfte. Als führende Stimme der ökonomischen Vernunft garantieren wir im täglichen Meinungswirrwarr einen klaren, konstruktiven Kurs. Wir gestalten den sprachlichen Wandel. (17) Das „Sprachlabor Babylon“ arbeitet mit „tools“, die zum Beispiel „Leuchtturmwortströme“ aktivieren („Konjunkturankurbelungsinitiative“, „Kon kurs immunisierungstraining“ (8)), mit einem „Wortkombinationskondensator“ 283 8 Rückblick und Ausblicke („zielführende Mitarbeitergespräche“, „herausfordernde Marktsituation“) oder der „Erhöhung des Imposanzfaktors“ (8). Bis zu diesem Punkt ist der Text eine sprachwissenschaftlich informierte, intelligente Satire, die mit Begriffen wie „Wachstum“, „Innovation“, „Technologie“ versiert spielt. Nebenbei führt sie zum Beispiel vor, wie „Gegendiskurse“ sprachlich „aufgearbeitet“ und funktionalisiert werden („Produktentwicklung“ und „Straßenflair radikal“ (60ff.)) oder illustriert die These, das „Sprachthematisierung“ meist auf gesellschaftliche Kontroversen, auf Wandlungsprozesse verweist. Dann folgt ein „switch“, der Sprache, digitalisierte Technik und Innovation noch einmal in ein neues Licht stellt: der „elektronische Assistent“ der Sprachentwickler mit Namen „Syntaktikus“ wird von einem Programm „gekapert“, das der „Interlinguist“ „Dr. Blanke“ geschrieben hat und das, getarnt als reale Person („Max“), seither in dem vorgeführten Sprecherensemble aktiv ist. Max-Syntaktikus allerdings schlägt eine eigene Entwicklung ein. Er bzw. „es“ „innoviert“ sich selbst und geht weiter, als sein „Erfinder“ beabsichtigte. Er/es gibt zunächst die zuvor gesperrten „Wortschätze“ wieder für alle frei. Zudem aber leitet er/es den „ultimativen Turing-Test“ ein, der klären soll, wer von den Beteiligten nun eigentlich Mensch, wer Maschine und wer vielleicht schon ein Hybridwesen ist, ein Cyborg. Das Ende ist überraschend und erfreulich vieldeutig: eine(r) bleibt übrig, der/die ohne Technik sprechen kann, die menschliche Sprachfähigkeit macht also den entscheidenden Unterschied – es bleiben allerdings Zweifel. George Orwells Szenario in seinem 1949 veröffentlichten Roman 1984 und vor allem das dort beschriebene Sprachregime des „Neusprech“ dürften seinerzeit befremdlicher und weniger wahrscheinlich angemutet haben als die in „Sprachlabor Babylon“ gezeichnete Szenerie heute, in Zeiten von Dating-Portalen, die Nutzer mit algorithmisch gesteuerten „Phantomen“ verkuppeln statt mit realen Personen oder angesichts der Marktmacht von Google, das die Software für öffentliche Verwaltungen liefert (und natürlich nicht nur das) und damit – als Privatunternehmen – Zugriff auf substantielle Organisationsprozesse staatlicher Gewalt erhält. Dies wiederum 284 Weber, Innovation wirft substantielle Fragen auf in Bezug auf die Souveränität eines Staates, auf die Haltbarkeit demokratischer Strukturen, die noch nicht ansatzweise öffentlich diskutiert werden.14 In welchem Kontext Neues als „Innovation“ also erscheint, für begriffsund diskursgeschichtlich Forschende dürfte sich die Aufmerksamkeit für die mit diesem schillernden Ausdruck bezeichneten Phänomene weiter lohnen. Kurz vor Drucklegung dieses Buches ist das Beiheft zur Zeitschrift für Diskursforschung unter dem Titel Diskursive Konstruktion und schöpferische Zerstörung erschienen und lenkt die Aufmerksamkeit auf Ergebnisse von „Begegnungen von Innovationsforschung und Diskursanalyse“.15 Wie die „Heilsversprechen von Innovationen“ aus diesen beiden Forschungsperspektiven analysiert werden, könnte aufschlußreich sein. 14 In seiner Studie Der Souveränitätseffekt analysiert Joseph Vogl den flagranten „Machttransfer von Regierungen und Staaten zu den Finanzmärkten“ (S. 9) und kommt zu dem Ergebnis: „Die partielle Entstaatlichung souveräner Befugnisse im Zeichen des Finanzregimes hat somit zu einer Neuverteilung von Souveränitätsreserven geführt.“ (S. 249) Der Einsatz von (Markt-)Macht und den durch innovative Technologien wie der Digitalisierung verfügbaren Mitteln ist als Bestandteil dieser Neuverteilung anzusehen. Spektakuläre „Regelverletzungen“ (wie der oben genannte Betrug der Nutzer von Dating-Portalen) werden bisweilen öffentlich skandalisiert. Die realen Gefahren jedoch, die, wie Vogl es formuliert, dazu führen, dass die Folgen der riskanten Entscheidungen (hier der Finanzmarktakteure) vor allem die zu spüren bekommen, die nicht an diesen Entscheidungen partizipieren, bleiben für die meisten der Betroffenen undurchschaubar. 15 Das Beiheft 2 der Zeitschrift für Diskursforschung, Weinheim 2018, war für Ende 2016 angekündigt und erschien im Januar 2018.

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Zusammenfassung

Gegenstand der von Susanna Weber vorgelegten Studie sind Stationen der Begriffsgeschichte von „Innovation“, die Beschreibung und Plausibilisierung des Übergangs in einen bzw. die Herausbildung eines Innovations-Diskurses im 20. Jahrhundert sowie die exemplarische Analyse und Kritik einzelner zeitgenössischer Kommunikationszusammenhänge, die „Innovation“ in ihrem Zentrum führen.