Content

7 Aktuelle Lesarten von Innovation in:

Susanna Weber

Innovation, page 215 - 272

Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4227-4, ISBN online: 978-3-8288-7118-2, https://doi.org/10.5771/9783828871182-215

Series: kommunikation & kultur, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
215 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Eine 2002 von Hans-Jörg Bullinger, Leiter des Fraunhofer-Instituts und Lehrstuhlinhaber an der Universität Stuttgart, und seinem Co-Autor Gerhard H. Schlick herausgegebene Publikation mit dem anspruchsvollen Titel Wissenspool Innovation. Kompendium für Zukunftsgestalter verzeichnete in ihrem Lexikon-Teil rund 500 Wortkombinationen der Form Innovations+X (z. B. Innovations-Champion), außerdem rund 200 Kombinationen der Form X+Innovation (z. B. Service-Innovation) und zusätzlich knapp 100 adjektivische Formen, zum Beispiel „innovatives Speichersystem“, also rund 800 Wortbildungen mit „Innovation“.1 Die Sammlung von Bullinger/Schlick ist nicht repräsentativ und valide erhoben im Sinne sozialwissenschaftlich-empirischer Forschung, dennoch bietet sie einen starken Beleg für den fortdauernden „strategischen Gebrauchswert“ von „Innovation“ und die Zirkulation der entsprechenden Interpretationen.2 Als repräsentativ für den gegenwärtigen Sprachgebrauch sind demgegenüber Befunde anzusehen, die Kollokationsabfragen zu Innovation und innovativ auf der Grundlage von Korpora öffentlicher Sprache des DWDS für verschiedene Zeiträume ergaben, von denen uns zwei besonders interessieren: zum einen das hochfrequente Auftreten der Kollokationen von Innovation, Technik/Technologie, Wachstum, Wettbewerb und zweitens die 1 Diese Publikation ist eine von mehreren, die Anfang der 2000er Jahre im Rahmen der regierungsseitigen Aktivitäten zur Forcierung des Themas „Innovation“ durch Initiativen wie z. B. „Partner für Innovation“ erschienen. Eine weitere des Herausgebers Bullinger trug den Titel Kunststück Innovation (2002) und bot Firmenvertretern Raum zur Selbstdarstellung. Manche der Belege, die in der Bullinger-Publikation (Wissenspool) zitiert werden, sind bizarr bis skurril, wie etwa der „Innovationszug“ (153), der definiert wird als mit „zukunftsweisenden Ideen ausgestattetes Nahverkehrsmittel“ oder „Innovationsromantik“ (121), eine der rhetorischen Münzen aus der Werkstatt des Management-Beraters Fredmund Malik. Sicher nicht zufällig ist auch das gemeinsame Auftreten der Begriffe Innovation – Wissen – Zukunft, ihre Verwendung kann als Indikator für einen seither wachsenden Diskurs angesehen werden, der die konsequente „Anpassung“ des Bildungssystems an die ökonomischen „Erfordernisse“ thematisiert. 2 Willibald Steinmetz, „Vierzig Jahre Begriffsgeschichte“, S. 189f. 216 Weber, Innovation vermehrten Kollokationen von Innovation und Kreativität und der zugehörigen Adjektive.3 Vor dem Hintergrund der bisher nachgezeichneten Gebrauchsgeschichte von Innovation ist nicht das Muster des gemeinsamen Auftretens von Innovation und Technik, Wachstum und Wettbewerb selbst bemerkenswert, sondern die stabile und positiv konnotierte Kopplung der Begriffe.4 In der Zeit der frühen Umweltdiskussionen in den 1970er und erneut in den 1990er Jahren waren Technik und Wachstum zumindest zeitweise in der öffentlichen Kommunikation hoch umstritten. In jüngerer Zeit kam sogar ein konkurrierendes neues Element hinzu: soziale Innovation. Das Begriffsnetz von Innovation und Kreativität mit den zugehörigen Adjektiven ist dagegen neu, es bildet sich ab dem Ende der 1990er Jahre. Eine Recherche in Korpora des DWDS mit dem neuen Tool „Dia- Collo“ ergab für verschiedene Zeitpunkte folgende Entwicklung: 1980 ist die Kollokation Innovation – technisch/technologisch dominierend.5 „Wachstum“ ist zu diesem Zeitpunkt nicht auffällig.6 Um 1990 wird Innovation/technisch ergänzt durch Wachstum und Wettbewerb, das Hervortreten von „Gerechtigkeit“ verdankt sich der medialen Aufmerksamkeit für Bemühungen der SPD, wieder mehr Profil zu gewinnen und einem Wahlprogramm, das „Innovation“ und „Gerechtigkeit“ gemeinsam im Titel führt.7 Die Kollokationen von Innovation, Technik und Wachstum 3 http://www.dwds.de/d/hintergrund, Zugriff am 20.9.2016. Das DWDS ist ein digitales Wortauskunftssystem der deutschen Sprache, basierend auf historischen und aktuellen Beständen. 4 Vgl. v. a. Kap. 4. 5 DiaCollo untersucht u. a. das digitale Archiv der Wochenzeitung Die Zeit, die Abbildungen stammen aus unserer Recherche vom 16.6.2016 mit diesem Tool: http://kaskade.dwds.de/dstar/ zeit/diacollo/. Das Stichwort war „Innovation“, ermittelt wurden die häufigsten Kollokationen. 6 Die auffallende Präsenz von „Kombinat“ und VC-Gesellschaft“ ist zurückzuführen auf die zahlreichen Meldungen zu Äußerungen von Michail Gorbatschow zur Führung von Kombinaten am 21.11. und 5.12.1986 und zu spektakulären Aktivitäten eines Bankenkonsortiums mit Namen VC (Venture Capital)-Gesellschaft für Innovation in 1985. Diese Einordnungen gegenüber den visuellen Darstellungen sind nur über die Überprüfung der aufgeführten Textbelege möglich. Dies betrifft z. B. auch das Thema „Gerechtigkeit“ in der Grafik, dessen zwischenzeitliche Stärke innerhalb des Begriffsensembles sich der Präsenz von Wahlprogrammen der SPD zu den Bundestagswahlen 1987 unter dem Motto „Zukunft für alle – arbeiten für soziale Gerechtigkeit und Frieden“ und 1998 mit dem Titel „Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit“ verdankt. 7 S. u. Kap. 7.2. 217 7 Aktuelle Lesarten von Innovation nehmen auch 2000 noch zu, und um 2010 sind in diesem Profil Kreativität und Nachhaltigkeit dazugekommen. Quelle: DWDS, DiaCollo8 8 http://kaskade.dwds.de/dstar/zeit/diacollo/?query=Innovation&_s=submit&date=&slice=10&s core=ld&kbest=10&cutoff=&profile=2&format=bubble&groupby, Zugriff am 20.7.2017. 1980 1990 2000 2010 218 Weber, Innovation Für „Kreativität“ ergab die Recherche in den DWDS-Korpora im aktuellen Wortprofil 3.0 als häufigste Kollokation, neben Phantasie und Flexibilität, Innovation. Das Adjektiv „kreativ“ tritt am häufigsten im Umfeld von „innovativ“ und „produktiv“ auf. Exemplarisch ist die zunehmende Verwendung der Begriffe zum Beispiel anhand des Zeit-Korpus nachzuweisen: von 568 Treffern zu Kreativität im Zeitraum 1995–2000 auf 1792 im Zeitraum 2007–2014 und zu „kreativ“: 1995–2001: 1097 Treffer, 2008– 2013: 2494.9 Zur genaueren Interpretation dieser Befunde und ihre Einordnung in die aktuelle Gebrauchsgeschichte von Innovation werden in den folgenden Abschnitten exemplarisch aktuelle Texte analysiert, die entweder als Regierungstexte programmatisch Innovation und Regierungshandeln direkt thematisieren oder die aus Beratungsstrukturen stammen, die der Regierung zuarbeiten und wissenschaftliche Expertise zum Thema Innovation bereitstellen. Konkret sind dies im ersten Abschnitt vor allem die Hightech-Strategie. Innovationen für Deutschland der Bundesregierung aus 2014, die damit eng verbundene Digitale Agenda und die Jahresgutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) 2012–2016.10 Im Abschnitt 7.2 stehen ebenfalls Regierungstexte im Vordergrund, vor allem die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung und solche, die im Rahmen begleitender Aktivitäten entstanden.11 In Abschnitt 7.3 wird eine „virtuelle“ Rahmung vorgenommen als Ausgangspunkt für unsere These zum aktuellen Umfeld von „Innovation“. Unser Interesse ist dabei nicht auf bestätigende Illustration gerichtet, sondern auf die aktualisierten Rahmungen von Innovation, deren Erschlie- ßung es ermöglicht, von der sprachlichen Oberfläche der verwendeten Wörter ausgehend zu analysieren, wie Bedeutungen im Gebrauch konsti- 9 DWDS-Wortprofil 3.0: http://eins.dwds.de/?qu=Kreativität, Zugriff am 20.7.2017. 10 Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMBF) (Hrsg.), 2014, im Folgenden zitiert als HT 14 + Seitenzahl; Die Bundesregierung, Digitale Agenda 2014–2017: https://www. digitale-agenda.de/Webs/DA/DE/Home/home_node.html; Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), Gutachten 2012–2016. 11 http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KuK/Navigation/initiative.html, Zugriff am 20.7.2017. 219 7 Aktuelle Lesarten von Innovation tuiert werden. Zum anderen wird der Frage nachgegangen, in welchen sprachlichen und handlungspraktischen Kontexten sich das neue Begriffsnetz um Innovation – Kreativität – Produktivität bildet und welche Potentiale hier zu welchen Zwecken aktiviert werden. Ergänzend zur begriffsgeschichtlichen Perspektive nutzen wir in diesem Kapitel Ansätze aus der Forschung zu „Frame“-Konzepten. Wir beziehen uns dabei nicht auf die sehr spezialisierten lexikologischen Frame-Konzepte, wie sie zum Beispiel von Konerding und Ziem ausgearbeitet und detailliert beschrieben wurden.12 Für unsere begriffsgeschichtliche Vorgehensweise bereichernd sind eher semantisch ausgerichtete Ansätze, die explizit die Perspektive teilen, dass Sprache und Weltwissen ohnehin nie trennscharf voneinander geschieden sind (was Koselleck als Verhältnis von Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte thematisierte und dass ohne Kontextualisierung sprachliches Handeln nicht angemessen zu denken ist.13 Zur Frage, wie sowohl sprachliche als auch denk- und handlungsbezogene Muster erkannt und interpretiert werden können, ohne entweder ausschließlich individuell-biographisch oder strukturbezogen-formal reduziert zu werden, sind in verschiedenen Disziplinen Konzepte zu „Rahmungen“/ Frames (von Sprachgebrauch, Mustererkennung), also zur sinngebenden Einordnung von Wahrgenommenem in Gewusstes, Bekanntes, Vorhandenes entwickelt worden. Die unterschiedlichen Theorie-Konzeptionen zu Rahmungen nahmen erst im Laufe der Zeit disziplinübergreifend voneinander Kenntnis. Heute lässt sich ein Bogen schlagen von Annahmen der frühen Gestaltpsychologie (Figur und (Hinter-)Grund, Schemata) bis zu aktuellen sprachwissenschaftlichen, etwa dem „Diskurs als Frame“-Konzept Ziems. Frame-Theorien gehen davon aus, dass „Rahmung“ eine der alltäglich gebrauchten hermeneutischen Strategien ist, die Kommunikation überhaupt ermöglichen und fundieren ihre Beobachtungen dann soziologisch, 12 Klaus-Peter-Konerding, Frames und lexikalisches Bedeutungswissen; Alexander Ziem, Frames und sprachliches Wissen. 13 Vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. 220 Weber, Innovation kognitionspsychologisch oder linguistisch. Es geht um Sprachverstehen grundsätzlich, um Wissensorganisation, um die Ermittlung von verstehensrelevantem Wissen und um Formate der Repräsentation. In den verschiedenen Frame-Theorien gilt die Rahmenanalyse des amerikanischen Soziologen Erving Goffman von 1974 als Ausgangspunkt. Goffman selbst bezog sich wiederum besonders auf den Kommunikationsforscher und Anthropologen Gregory Bateson. Seine Annahmen entwickelte er im Wesentlichen aus der Analyse von Gesprächen und anderen Interaktionsformen, sie zielen auf die Erklärung der Organisation subjektiver Erfahrung. Rahmen versteht Goffman als sowohl gegenstandskonstituierend als auch begrenzend, er unterscheidet zwischen „primären“ Rahmen und „subframes“, die die primären modulieren.14 Für linguistische Frame-Theorien wird als zentrale Referenz Charles Fillmore genannt, etwa bei Busse und Ziem.15 Nach Ziem gelangte der Begriff „Frame“ über Fillmore in die Linguistik. Als weitere Referenz für semantische Frame-Theorien gilt Marvin Minsky, dessen Interesse sich besonders auf die kognitionsbezogenen Aspekte von Rahmungen richtete. Die Hintergrundtheorien, Ausformungen und Unterschiede der Frame- Konzepte wurden von den schon genannten Autoren detailliert beschrieben, diskutiert und weiterentwickelt, zu den theoretischen Konzepten wurden entsprechende empirisch einsetzbare Instrumente und Darstellungsweisen entworfen und auch die Grenzen ausgelotet (hierzu vor allem Busse).16 Das Modell von Frames als Struktur von spezifischen „slots“ und „filler“-Relationen (Fillmore) wird als Grundlage konkreter empirischer Untersuchungen von frames verwendet, z. B. bei Busse und Ziem. 14 Erving Goffman, Rahmen-Analyse, S. 15, 31ff., 52ff. 15 Dietrich Busse, Frame-Semantik; Alexander Ziem, Frames und sprachliches Wissen. 16 „Wissensrahmen“ steht bei Busse für „frames“, die er wie folgt definiert: „4. Frames operieren über (‚bestehen aus‘) Begriffen bzw. konzeptuellen Strukturen/Elementen, oder auch: Frames sind konzeptuelle Strukturen. Eine Framestruktur ist eine begriffliche Struktur ebenso wie eine begriffliche Struktur immer eine Frame-Struktur ist.“ „16. Eine linguistische (semantische) Frame-Analyse erfasst mit der Annahme von ‚Frames‘ Strukturen im verstehensrelevanten Wissen. Dabei kann nach übereinstimmender Auffassung fast aller Linguisten […], nicht strikt zwischen ‚sprachlichem Wissen‘ und sogenannten ‚Weltwissen‘ […] unterschieden werden.“ (Dietrich Busse, Frame-Semantik, S. 819f.). 221 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Aus der Perspektive von Frame-Theorien können in und von „Denkkollektiven“ entwickelte „Denkstile“ im Sinne Ludwik Flecks dementsprechend ebenso als rahmenbildend wirken, etwa in Bezug auf das Denken des wissenschaftlichen Nachwuchses, wie ein Set moralischer Normen auf Alltagsverhalten oder ein „Habitus“ im Sinne Bourdieus in Bezug auf soziale Inklusions-/Exklusionspraktiken, wie etwa die Rekrutierung für bestimmte gesellschaftliche Funktionen. „Rahmungen“ lassen sich zum Beispiel über den Gebrauch von Kollektivsymbolen (Jürgen Link) identifizieren oder über die Explikation von Präsuppositionen erschließen. Wir teilen Bourdieus These, „Jede Theorie ist, wie das Wort schon sagt, ein Programm für die Wahrnehmung […]“ und beziehen uns darauf, dass Frame-Konzepte im Kontext der historischen Semantik die begriffsgeschichtliche Perspektive ergänzen und damit die „Gegenstände“ konkreter Untersuchungen auf Diskurse hin erweitern können.17 Als Benennungsalternative für „Rahmen“ erscheint uns die Bezeichnung „Bezugssysteme“ (als Übersetzung der „frames of reference“) sehr geeignet, da sie nach unserer Auffassung die rahmenden „Instanzen“ deutlicher anzeigt und die Beziehung von Sprach- und Weltwissen direkt thematisiert. Wir verwenden daher auch diesen Ausdruck an verschiedenen Stellen.18 Wie schon für das Gesamtkorpus dieser Studie beschrieben (s. o., Einleitung), ist auch das Teilkorpus von Kapitel 7 kein „einheitliches“, son- 17 Pierre Bourdieu, Was heißt Sprechen?, S. 132; Dietrich Busse, „Begriffsgeschichte oder Diskursgeschichte?“. 18 Derzeit erhalten vor allem kognitionszentrierte Forschungsansätze Unterstützung durch die stark beachteten Neuro-Wissenschaften, die u. a. mit neuen bildgebenden Verfahren z. B. neuronalen Mustern auf der Spur sind, die potentiell mit kognitiven (oder emotionalen) „Leistungen“ wie z. B. Sprache/Sprachvermögen korreliert werden können. Die Vorstellung, Sprachmuster, Frames, gar Bedeutungen als materielle Strukturen im Gehirn abbildbar machen zu können, würde das Herz mancher Forscher wohl beträchtlich höherschlagen lassen. (Ergänzung: Einige Wochen nach der Niederschrift dieser Fußnote erschien in der FAZ vom 11.5.2016 ein Artikel zu diesem Thema: „Wenn Hirnforscher ihre Klienten beim Wort nehmen.“) Mit dem angesprochenen technischen Equipment sei es Forschern zwar nicht gerade gelungen, den „Sitz“ von bestimmten Bedeutungen im Gehirn zu lokalisieren, gleichwohl könne man „Areale“ angeben, die regelmäßig aktiv seien, wenn bestimmte Wahrnehmungen, Erfahrungen registriert werden. 222 Weber, Innovation dern besteht aus einem „Textgeflecht“ (Hermanns) korrespondierender Teil-Diskurse: Programmatische Regierungstexte, in denen Elemente wissenschaftlicher Positionen zu erkennen sind, (populär-)wissenschaftliche Texte, die zur politischen Positionsbildung geschrieben sind und Texte von den Schnittstellen zwischen Politik, Wissenschaft und Management. 7.1 Zukunft durch Technik: Die Neue Hightech-Strategie. Innovationen für Deutschland Science discovers, genius invents, industry applies and man adapts himself to, or is molded by, new things. (Motto der Weltausstellung in Chicago 193319) Die Neue Hightech-Strategie der amtierenden Bundesregierung von 2014 ist das Folgeprogramm eines 2006 initiierten und 2010 unter dem Titel Hightech-Strategie fortgeschriebenen Projektes der Vorgängerregierungen und knüpft ausdrücklich an dessen Schwerpunkte an. Neu ist in der Fassung von 2014 vor allem die beanspruchte Reichweite des Programms: es soll „ressortübergreifend“ gültig sein und das gesamte Regierungshandeln prägen: „Die Hightech-Strategie wird jetzt zu einer umfassenden ressortübergreifenden Innovationsstrategie weiterentwickelt.“20 Durch die beanspruchte politische Reichweite ist die Hightech-Strategie als Grundlagenpapier anzusehen, das in den ergänzenden Kommunikationen konkretisiert wird. Zu diesen gehört die Digitale Agenda 2014–2017, die das zentrale Thema, die „Digitale Wirtschaft und Gesellschaft“ in politische Ziele und Handlungsschritte umsetzt.21 Sie wird ergänzt durch ein neues Format wie den „Berliner IT-Gipfel“.22 Durch diese Positionierung 19 Zitiert nach Alfred Nordmann, Technikphilosophie, S. 138. 20 HT 14, S. 4. 21 Digitale Agenda 2014–2017: https://www.digitale-agenda.de/Content/DE/_Anlagen/2014/08/ 2014-08-20-digitale-agenda.pdf?__blob=publicationFile&v=6, Zugriff am 20.7.2017. 22 Neunter nationaler IT-Gipfel 2015. Digitale Zukunft gestalten – innovativ – sicher – leistungsstark. Berliner Erklärung, zit. als BE: http://www.bmwi.de/DE/Themen/Digitale-Welt/nationaler-itgipfel.html, Zugriff am 20.7.2017. 223 7 Aktuelle Lesarten von Innovation ist eine Verschiebung in den Bezugsrahmen von Innovation markiert. Innovation ist nicht mehr (nur) Gegenstand eines oder mehrerer einzelner Politikressorts, sondern strategische Aufgabe für das gesamte Regierungshandeln. Für die Erschließung des Begriffsnetzes von Innovation/Innovationen im Rahmen der Hightech-Strategie zeichnen wir im Folgenden „Rahmungen“ von Innovation textbasiert nach, die als wesentliche bedeutungsgenerierende Strukturen des Textes fungieren und Bedeutungsnuancen erschließen, die über die Einzelbegriffe allein nicht sichtbar zu machen sind. Innovation wird in den Texten selbst nicht grundsätzlich definiert, es erscheint lediglich die Unterscheidung zwischen „technischen“ und „sozialen“ Innovationen und Angaben zu Feldern, auf denen erfolgversprechende Innovationen erwartet werden.23 Ausgehend von der Annahme Busses, dass Kollokationen als „Indizien für Frames“ gelten können, sind vier „Rahmen“ aus unserer Sicht von herausragender Bedeutung: Zukunft als rahmende zeitliche Perspektive mit normativer Komponente; Ökonomie als gesellschaftlicher Leitsektor und als diesem zugehöriges, aber besonders hervortretendes Element Standort als Zugang zu einer nationalen, zugleich identitätsstiftenden und ausgrenzenden Komponente.24 Als vierte Rahmung sehen wir Technik, die die übrigen Kontexte schneidet bzw. an allen partizipiert: 23 Der Sprachgebrauch wechselt im Text zwischen einfachem Plural und Kollektivsingular, wobei der Plural nicht immer konkrete einzelne Innovationen meint und der Kollektivsingular durchaus ein Einzelphänomen (Innovation in Bezug auf Digitalisierung). 24 Dietrich Busse, Frame-Semantik, S. 741. 224 Weber, Innovation Quelle: Eigene Darstellung Zukunft Antworten auf Zukunftserwartungen, bezogen auf mittel- oder längerfristige Zeithorizonte, sind gängige Elemente politischer Programmatik.25 Im Kontext der Plausibilisierung aktuellen Regierungshandelns ist es ist dennoch auff allend, wie zahlreich und prominent diese Bezüge in der HT- Strategie erscheinen:26 – Innovationen als Schlüssel für Wachstum, Beschäftigung und Lebensqualität (9) – Kreative Antworten auf die drängenden Herausforderungen der Zeit (3) – Innovative Lösungen sind die treibende Kraft unseres Wohlstandes (1) 25 Zukunft wird in diesem Zusammenhang nicht als Kategorie grundsätzlicher geschichtsphilosophischer Erwägungen gesehen, sondern pragmatisch (mit begrenzter Reichweite) im Rahmen regierungs- bzw. parteipolitischer Machtkalküle. 26 Die Zitate der folgenden Abschnitte aus: HT 14 (Ziff ern in Klammern = Seitenzahlen). - neue Politik für neue Zeit - Lösungen - innovative Gesellschaft - Wertschöpfung - Wettbewerb - Wohlstand - Wachstum - Deutschland als Innovationsführer - Deutschland als Wirtschafts- und Exportnation - Deutschland als Forschungs-, Innovations- und Technologiestandort - Vorreiter des technischen Fortschritts - Hightech - Digitalisierung Innovation Technik Ökonomie Zukunft Standort 225 7 Aktuelle Lesarten von Innovation – Innovationen als Schlüssel für Wachstum, Beschäftigung und Lebensqualität (9) – Zukunftsfähigkeit stärken (7) – Neue Innovationspolitik für neue Zeit (9) – Auf dem Weg zur innovativen Gesellschaft (46) Für Zukunft stehen auch Formulierungen wie „Herausforderungen der Zeit“ oder „neue Zeit“, mit Anklängen an Aufbruchs- und Zeitenwenderhetorik. Der lange als zentraler Erwartungs- und Bewegungsbegriff für „Zukunft“ geltende „Fortschritt“ fehlt dagegen nahezu vollständig bis auf eine einzige randständige Erwähnung (Rolle qualifi zierter Fachkräfte als „Schlüssel für Wachstum, Wohlstand und Fortschritt“, 40), was wir als Hinweis darauf lesen, dass Innovation selbst Fortschritt ersetzen kann.27 Ökonomie Der Rahmen „Ökonomie“ wird vor allem über folgende Formulierungen zugänglich: – Innovation für Wachstum und Wohlstand (5) – Innovation für Wertschöpfung und Wohlstand (5) – Wettbewerb als wirksamster Motor für zukunftsweisende Innovation (11) – Wirtschaft, die mit den innovativsten Wettbewerbern erfolgreich konkurriert (6) „Wettbewerb“ ist hier der sportliche Name für die nationale und internationale Konkurrenz um Märkte und Einfl usssphären. Das alte Deutungs- 27 Fortschritt kommt ansonsten als „technologischer Fortschritt“ vor (HT 14, 11, 23), außerdem ist an einer Stelle von Fortschritten (in der Medizin) die Rede, die nicht die Konnotationen des Kollektivsingulars Fortschritt teilen. 226 Weber, Innovation muster von „Fortschritt durch Wachstum“ ist ersetzt durch „Wachstum durch Innovation“ und wird ergänzt durch „Wohlstand“ und „Wertschöpfung“, womit auch wichtige Positionen aus Gegendiskursen integriert werden. Die unscheinbare Formulierung von der „Stärkung“ anwendungsbezogener Forschung steht in diesem Zusammenhang für ein weitreichendes Konzept der Priorisierung der Zusammenarbeit von Unternehmen und Hochschulen (Stichwort „Auftragsforschung“) zuungunsten von Grundlagenforschung. Wenn zum Beispiel die Rede davon ist, es gehe darum „Verwertungslücken zu schließen“ (14, 6), wird hier eine ähnliche Sachzwangfigur verwendet wie z. B. in den älteren Argumentationen zur „technologischen Lücke“ oder der „amerikanischen Herausforderung“, die zur Legitimierung politischer Entscheidungen gebraucht wurden. Sachzwang- Konstruktionen haben in der Regel den Effekt, zu verdecken, was als interessengeleitetes Handeln identifizierbar wäre und immunisieren gegenüber Reflexion und Kritik. Standort Einen herausragenden Teil-Rahmen des Bezugssystems Ökonomie bilden Konkretisierungen durch nationale Bezüge: – Deutschland auf dem Weg zum weltweiten Innovationsführer (10) – Deutschland als Vorreiter des technischen Fortschritts (11) – Deutschland als führende Wirtschafts- und Exportnation (10) – Deutschland als Forschungs-, Innovations- und Technologie-Standort (10) – Leitbild eines innovativen Deutschlands (10) – Innovationsvorsprünge realisieren (17) Diese Spezifizierung von Innovation(en) durch nationale Ziele folgt den Mustern der in der politisch-ökonomischen Kommunikation verbreiteten 227 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Standortrhetorik, die vor allem ab- und ausgrenzt.28 Sie wird vor allem von politisch einflussreichen Wirtschaftsvertretern präferiert und in Umlauf gebracht, exemplarisch dazu der Präsident des Verbandes der chemischen Industrie und Vorstandsvorsitzende der Bayer AG, Marijn Dekkers: Deutschland muss Innovationsweltmeister werden […], wenn wir gegen die Begeisterung für neue Technologien, den Wissensdurst und wirtschaftlichen Ehrgeiz in China, Indien oder Korea bestehen wollen.29 Oder, mit „deutsch-imperialem Pathos“, wie C. Ohm und M. Bürger eine aus der FAZ zitierte Äußerung des Geschäftsführers des Verbandes der deutschen Maschinenbauer einordnen: „[…] die neue Weltsprache der Produktion muss aus Deutschland kommen.“30 Die national eingefärbte Rhetorik der Hightech-Strategie steht in deutlichem Kontrast zu den wiederholten Referenzen auf gemeinsame europäische oder internationale Ziele. Ein Ausdruck wie „Leitbild“ ist in diesem Zusammenhang im Übrigen weniger trivial als auf den ersten Blick erkennbar. Er verweist auf ein komplexes neues Steuerungsinstrument im Rahmen „weicher“ Steuerungs- oder „Governance“-Modelle, in deren Zentrum nicht mehr präzise (und damit potentiell direkt ansprechbare) Führungsdirektiven stehen, sondern das Arrangement von Kontextfaktoren, die von den Adressaten nur noch schwer wahrgenommen werden können, sie aber dennoch „führen“.31 28 Zur Argumentation mit „Sachzwängen“, die Einwände oder Gegenpositionen außer Kraft setzt durch die Normativität des jeweils als „objektiv“ gesetzten Faktums, als deren Variante die hier verwendete „Standortrhetorik“ gelten kann, vgl. Clemens Knobloch, Moralisierung und Sachzwang. 29 Zitiert nach Wolfgang Fritz Haug, „Menschenbildung in Zeiten des Internets der Dinge“, S. 81. Marijn Dekkers gehört zu den Industrievertretern (Bayer Leverkusen), die seit Jahren unablässig darüber Klage führen, dass „die Deutschen“ innovationsfeindlich eingestellt seien. Jüngstes Beispiel in der FAZ v. 2.1.16. 30 Christof Ohm/Manfred Bürger, „Ausblicke auf Industrie 4.0 und ihr Kybertariat“, S. 23. 31 Diese Modelle und Strategien werden unter dem Begriff der „Gouvernementalität“ kritisch diskutiert, vgl. v. a. Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität; Christina Kaindl (Hrsg.), Subjekte im Neoliberalismus. Die genannten AutorInnen beziehen sich dabei auf Foucault. 228 Weber, Innovation Welche besondere Bedeutung dem Standort-Aspekt in der politischen Kommunikation beigemessen wird, lässt sich auch an der schon 2005 ins Leben gerufenen und bis heute agierenden „Standortinitiative Deutschland Land der Ideen“ zeigen, die durch Akteure aus Wirtschaft und Politik gemeinsam gestaltet und gelenkt wird. Einer der inhaltlichen Schwerpunkte der Initiative ist es, „einen dauerhaften Beitrag zur Etablierung von Deutschland als führendem Innovationsstandort zu leisten“.32 Innovation als Standortfaktor repräsentiert ein Argumentationsmuster, das einerseits sachzwangförmige Auswirkungen nach innen plausibilisiert („um als Standort konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Arbeitskosten sinken“). Zugleich ist ein Kontext mitzudenken, ohne den Standort-Argumentationen keinen Sinn ergeben: das „Narrativ“ der Globalisierung. In das aktuelle Begriffsnetz von Innovation, d. h. zu den explikationsbedürftigen Wissensbeständen gehört somit auch „Globalisierung“. Standort- und Globalisierungs-„Erzählungen“ verstellen leicht den Blick auf Sprecherpositionen und handelnde Akteure, diese können jedoch wieder kenntlich gemacht werden.33 Technik Technik als Bezugssystem ließe sich alternativ auch als übergreifendes abbilden, da technikbezogene Aspekte auf alle anderen Bereiche Einfluss nehmen. Innovation und Technik sind im Begriffsnetz um Innovation 32 https://www.land-der-ideen.de/sitemap, Zugriff am 20.7.2017. 33 Exemplarisch dazu: Ruth Wodak, „,Von Wissensbilanzen und Benchmarking‘: Die fortschreitende Ökonomisierung der Universitäten. Eine Diskursanalyse“, S. 317–335: „Die Globalisierungsrhetorik konstruiert so einen globalen Markt, wo alle mit allen in Wettbewerb stehen. Dieses Konzept wird in einen neuen Kontext gestellt, in dem grundsätzlich nicht ökonomische Akteure wie Regierungen und Staaten den Prinzipien eines universalen Ökonomismus unterworfen werden.“ (Ebd., S. 326, Kursivierung im Text, S.W.). Der Ausdruck „Standort Deutschland“ ist im Übrigen nach dem Zeitgeschichtlichen Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache von Georg Stötzel und Thorsten Eitz seit 1992 im Gebrauch, nachdem im CDU-Parteiprogramm von 1988 vom „Wirtschaftsstandort Deutschland“ und vom „Investitionsstandort“ die Rede gewesen war (ebd., S. 387). 229 7 Aktuelle Lesarten von Innovation zudem nah und eng verknüpft. Wir bevorzugen jedoch die oben gewählte Darstellungsvariante, um zu vermeiden, dass die Visualisierung in Form eines übergreifenden Rahmens als feste Begrenzung und bestätigende Verdopplung von Determiniertheit missverstanden wird. Technikzentriert ist das Verständnis von Innovation in der HT-Strategie in zweierlei Hinsicht: zum einen meint dies die aktuelle Reduktion eines umfassenderen Technikbegriffs auf „Hightech“-Bereiche, womit gegenwärtig in der Regel IT-, Mikro-, Nano-, Bio- und Gen-Technik gemeint sind.34 Zum anderen meint „technikzentriert“ die deterministische Konstruktion einer alternativlosen Abhängigkeit aller Lebensbereiche von (hoch technischen) Innovationen. Zudem erfolgt eine Zuspitzung durch die Fokussierung auf „Digitalisierung“ als der maßgeblichen Technologie, der absoluter Vorrang eingeräumt wird. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang auch Formulierungen aus der Berliner Erklärung vom „Nationalen IT-Gipfel“ 2015 wie die folgenden: Digitale Transformation ist untrennbar mit der digitalen Innovation verbunden. Für eine erfolgreiche Transformation der Leitindustrien ist ein funktionierendes innovatives, digitales Ökosystem die zentrale Voraussetzung: […]. Nur so können Innovationen entstehen, die Impulse geben und bestehende Technologien ablösen. Notwendig hierfür ist ein politischer Ordnungsrahmen, der die Entfaltung und Entwicklung technischen Fortschritts begünstigt. Politische Agenden sollen so formuliert sein, dass Innovationen gefördert sowie die Chancen technologischer Entwicklungen ergriffen werden können und mögliche Risiken vermieden werden.35 (Kursivierung S.W.) 34 Die Bezeichnung „Hightech“ wird in der internationalen Literatur üblicherweise für die Segmente gebraucht, die besonders wissenschaftsaffin sind. Exemplarisch beleuchtet und kritisiert Joachim Schummer die diskursive „Erzeugung“ eines „Hightech-Bereiches“ in einem Aufsatz zur Nanotechnologie: „Nanotechnologie: Die Konstruktion neuer Technologien“, S. 279–286. Kritisch zu Redeweisen von den „neuen“ Technologien und den damit absichtsvoll ausgelösten Assoziationen von „Lösungen für Menschheitsproblemen“ auch Joachim Radkau, Technik in Deutschland, S. 49–61. 35 Berliner Erklärung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie 2015, S. 3–4, verfügbar über: http://www.bmwi.de/DE/Themen/Digitale-Welt/nationaler-it-gipfel.html, Zugriff am 20.7.2017. 230 Weber, Innovation Als sprachstrategische, also absichtsvoll lenkende Muster sind vor allem die verwendeten Kopplungen zu lesen, zum Beispiel Transformation – digitale Innovation (HT, 3); Innovatives digitales Ökosystem (HT, 3); Politischer Ordnungsrahmen begünstigt technischen Fortschritt (HT, 3, 4); Kreative Ideen – Wettlauf um Innovation (HT, 4); Innovationsgetriebenes, nachhaltiges Wachstum (HT, 4). Sie wirken suggestiv, weil sie schon einzeln beträchtlich aufgeladene Wörter kombinieren, etwa Innovation/Transformation, innovativ/Ökosystem oder die Assoziation dynamischer Bewegung auslösen –Wettlauf, getrieben – und einen Großteil der in der politischen Rhetorik zirkulierenden Schlagwörter einfangen: Ökosystem, kreativ, nachhaltig, Wachstum. Und um auch die letzten „Vorbehalte“ gegenüber der „digitalen Innovation“ auszuräumen, wird noch das aktuell brisanteste politische Thema argumentativ instrumentalisiert: Die Problematik bei der administrativen Bewältigung der Flüchtlingsaufnahme zeigt eindrücklich, wie starr die bestehenden Prozesse sind und wie wenig vernetzt die beteiligten Behörden agieren. (BE, 6) Damit wird die Vorstellung nahegelegt, Probleme wie Migration und Flucht seien in erster Linie administrativ zu bewältigen und Administration unter allen Umständen durch Digitalisierung zu optimieren. Der Schlusssatz der Berliner Erklärung schließlich lanciert eine massive Drohung in der orakelhaften Formulierung: Nur wenn wir zügig und entschlossen die Gelegenheit nutzen, uns gemeinsam auf die tiefgreifenden Veränderungen vorzubereiten, werden wir auch in Zukunft von diesem Wandel profitieren. (BE, 7) Hier wird in einem Satz, der rhetorisch kraftvoll beginnt („zügig und entschlossen“) und ein Zentralmotiv (wirtschaftlichen) Handelns – „profi- 231 7 Aktuelle Lesarten von Innovation tieren“ – evoziert, das deterministische Verständnis von „Technik“ konfirmiert: auf „zügig und entschlossen“ folgt nicht, wie zu erwarten wäre, „Handeln“, sondern ein eher passives „vorbereiten auf …“. Wurde in der Hightech-Strategie schon mit einem ausgrenzend wertenden Technik-Begriff operiert, Technik erscheint als „Hightech“ und wird als alternativlos präsupponiert, tritt sie in der Digitalen Agenda als „IKT“ (Informations- und Kommunikations-Technologie) und Teil der „Hightech“ auf. Die „IKT“ wird im nächsten Schritt nochmals zugespitzt und gleichgesetzt mit „Digitalisierung“. Die aus der Systematik der Kapitel- überschriften in der Digitalen Agenda eigentlich zu erwartende Formulierung „Digitaler Staat“ (die vorherigen Überschriften waren „Digitale Wirtschaft“, „Digitale Verwaltung“) wurde umgangen durch die Formulierung „Innovativer Staat“ (Digitale Agenda, 19). Gemeint ist der digitalisierte Staat, wie die zugehörigen Erläuterungen belegen. Damit gilt als „innovativer Staat“ also der digitalisierte Staat, andere Rahmungen von „innovativ“ sind nicht vorgesehen (etwa Assoziationen von „innovativ“/ „gerecht“ oder innovativ/demokratisch). Mit einem ähnlichen sprachlichen Repertoire arbeiten die Autoren eines weiteren aufwändig produzierten Regierungstextes, der aus dem SPDgeführten Ministerium für Arbeit und Soziales stammt und als Grünbuch Arbeiten 4.0 firmiert.36 Technik – hier ebenfalls im Modus der Digitalisierung – ist (wieder) Subjekt und Agens gesellschaftlicher Entwicklung, und der Schlüsselsatz: „Die Revolution des Digitalen erfordert eine behutsame Evolution des Sozialen“ schließt lückenlos an Argumentationen der 1970er Jahre an, als es darum ging, Widerstand und Proteste gegen die seinerzeitigen „Innovationen“ in Form massiver Rationalisierungs- und Automati- 36 Grünbuch Arbeiten 4.0, Vorwort von Andrea Nahles. Verfügbar über: http://www.bmas.de/DE/ Service/Medien/Publikationen/A872-gruenbuch-arbeiten-vier-null.html, Zugriff am 20.9.2016. Der Soziologe Stefan Kühl schrieb in einem kritischen, leicht ironischen Kommentar zu dieser Publikation des Arbeitsministeriums u. a. von der „Neuerfindung des immer Gleichen“ und davon, wie „wenig man sich in der Arbeits- und Sozialpolitik im Moment traut, heiße Eisen wie beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen anzufassen“ (FAZ v. 22.9.2015). 232 Weber, Innovation sierungsvorhaben mit „Humanisierungsprojekten“ zu delegitimieren oder einzuhegen.37 Was der Technikhistoriker Joachim Radkau „Technisierung des Fortschritts“ nannte und was als Deutungsmuster seit Anfang der 1970er Jahre erhebliche Legitimationsprobleme erzeugte, kehrt hier in nur leicht ver- änderter sprachlicher Gestalt in die politische Kommunikation zurück. Da „überrascht“ die Digitalisierung „uns mit immer neuen Produkten und Geschäftsmodellen“ (Andrea Nahles im Vorwort zu Arbeiten 4.0) oder es heißt, „[…] wir [erleben] auch eine Revolution in unserer Arbeits- und Lebenswelt“ (Kursivierung: S.W.).38 Mit den vereinnahmenden Anrufungen eines fiktiven Kollektivs – „wir“ und „uns“ – werden sowohl konträre Interessen als auch konkrete Entscheidungssubjekte sprachlich zum Verschwinden gebracht. Ausgehend von Thema und Titel der Hightech-Strategie ist die Technikzentrierung immanent plausibel und konsistent. Dennoch scheint es Gründe zu geben, die entsprechenden Argumentationen zumindest rhetorisch zu öffnen: durch die Bezugnahme auf einen „erweiterten Innovationsbegriff, der nicht nur technologische, sondern auch soziale Innovationen umfasst“ (HT, 4).39 Hier spiegelt der Text den erfolgreichen Diffusions- Prozess und die interdiskursive Potenz des Begriffs (soziale) „Innovation“, der trotz und wegen unbestrittener Unterbestimmtheit und fehlender Konkretheit Eingang in programmatische Texte zu aktuellem Regierungshandeln gefunden hat. Zwar bleibt „soziale Innovation“ gegenüber der technischen auch hier in nachrangiger Position (was die am häufigsten verwendeten syntaktischen Konstruktionen des „nicht nur (technische) …, sondern auch (soziale) …“ oder „sowohl technische, als auch …“ indizieren), 37 Vgl. dazu Kap. 4. Zu Ähnlichkeiten in der Argumentation und dem Gebrauch von speziellen Topoi in Diskursen um Automatisierung in den 1960er/70er Jahren und denen, die unter dem Stichwort „Digitalisierung“ heute z. B. aus technikhistorischer Sicht geführt werden, vgl. die Ausgabe 82 (2015) Heft 2, der Zeitschrift Technikgeschichte, hier vor allem den Beitrag v. Martina Hessler, „Ersetzung des Menschen? Die Debatte um das Mensch-Maschine-Verhältnis im Automatisierungsdiskurs“ (S. 109–136). Hessler spricht dabei von einem gegenwärtigen neuen „Automatisierungsschub“ (Einleitung) durch forcierte Digitalisierung. 38 Berliner Erklärung, S. 6. 39 Weitere Belege: HT 14, S. 23, 31f., 47. 233 7 Aktuelle Lesarten von Innovation aber es gibt ein Potential, das mit den zwischen „sozial“, „gesellschaftlich“, nützlich“ wechselnden Attribuierungen verfügbar gemacht wird. Auch in den Gutachten der von der Regierung eingesetzten „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) wird das Thema „Soziale Innovationen“ aufgegriffen.40 Im jüngsten Gutachten 2016 ist auffallend, dass sich die Kommission nicht für eine eindeutige Rahmung sozialer Innovationen entscheiden konnte. Einerseits werden die aktivierbaren ökonomischen und gesellschaftlich stabilisierenden Potentiale „sozialer“ Innovationen wahrgenommen. Genannt wird z. B. die „sharing economy“, die ihre ökonomischen Potentiale bisher am deutlichsten gezeigt hat (die beliebtesten Modelle sind dabei die US-amerikanischen Geschäftsmodell- Innovationen von „Uber“ und ähnliche, andererseits wird hervorgehoben, dass sie nicht zu verstehen sind als „Umsetzung von Politikreformen, die im Kern Sozialpolitik betreiben“ (EFI 2016, 20). „Soziale Innovationen“ werden einerseits ökonomisch codiert, als Reaktionen auf „Marktversagen“ (EFI 2016, 20), andererseits sollen sie gefördert werden, wenn sie „gesellschaftspolitisch wünschenswert sind“ (EFI 2016,19). Flexibel und unentschieden formuliert bleibt offen, welche und wessen Auslegung von Inhalt und Richtung sozialer Innovationen durchgesetzt werden soll. Anders als von den Verfassern zuvor zumindest rhetorisch avisiert, ist in einem Satz aus dem letzten Teil der Hightech-Strategie bündig zusammengefasst, welches Kriterium eine „Innovation“ zu erfüllen habe: „[…] denn letztlich kann nur das entwickelt und produziert werden, was auch gemessen werden kann.“ (HT 2014, 42) Die Einordnung der Hightech-Strategie der Bundesregierung als „Agendaprozess“ (HT 2014, 46) erinnert im Übrigen an eine (Macht-)Strategie, die der Soziologe und Jurist Niklas Luhmann die Erzeugung von „Legiti- 40 Zum Beispiel 2011, 2016. Die aktuellen Gutachten erscheinen jeweils im Vorjahr. Im Folgenden zitiert als EFI + Jahres- und Seitenzahl. 234 Weber, Innovation mation durch Verfahren“ nannte.41 Mit diesem Konzept im Hintergrund ist die Brisanz eines so schlicht daherkommenden Satzes wie „Die Akzeptanz für die Umsetzung ist so im Prozess angelegt“ (HT 2014, 46) nicht mehr zu übersehen: es geht vorrangig um die Erzeugung von Zustimmung zu dem, was als „Innovation“ präsentiert wird und zwar über die Simulation von Partizipation. 7.2 Kreativität – Grundstoff und Ressource für ökonomische Innovationen und zeitgemäße Lebens- und Arbeitsweisen42 Kreativität und Innovation gehören wohl zu den derzeit meistbeschworenen Begriffen nicht nur der betrieblichen Lebenswelt, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Wer kann es sich leisten, nicht als kreativ zu gelten? Welches Unternehmen kommt ohne Innovation aus? (J. Volmer/T. Wehner43) Damit stehen neben dem Begriff Innovation die Begriffe Wissen und Kreativität als wesentliche Wertschöpfungspotentiale. (H.-J. Bullinger44) 41 Niklas Luhmann, Legitimation durch Verfahren. Die Übernahme dieser Formulierung aus Luhmanns Buchtitel ist so zu verstehen, dass wir den Gedanken teilen, dass „Verfahren“ und ihren Ergebnissen Angemessenheit, Legitimität zugerechnet wird, wenn sie bestimmte Formen („Spielregeln“) aufweisen, und zwar unabhängig vom (strittigen) Thema. Luhmanns soziologisch-systemtheoretische Untersuchung grundlegender Verfahren wie Gerichtsverhandlungen, politischer Wahlen und Gesetzgebungsakte erörtert, was unter „Legitimität“ (von Entscheidungen) verstanden werden kann und ganz grundsätzlich, wie diese als im Vollzug erst hergestellte zu denken sei. Neben den materialen Aspekten, die die analysierten Verfahren anzielen, unterstreicht Luhmann auch die subjektiven: das „Abarbeiten von Enttäuschungen“ und die Befriedung widerstreitender Interessen (ebd., S. 233–241), die durch Verfahren erreicht werden. 42 Im August 2016 fand in Essen eine deutsch-französische Tagung statt mit dem Titel „Kreativität: Rohstoff, Ressource, Zukunft“, einer Formulierung, die wir ähnlich zuvor als Überschrift dieses Abschnitts gewählt hatten. Der Mitveranstalter „ecce“ (european center for creative economy) wird von der Landesregierung NRW gefördert und ist eingebunden in Aktivitäten der bundesweiten „Initiative für Kultur- und Kreativwirtschaft“, auf die in unserem Text Bezug genommen wird. Die erwähnten Texte sind verfügbar über die „ecce“-website: www.creative. nrw.de. 43 Judith Volmer/Theo Wehner, „Geleitworte“. 44 Hans-Jörg Bullinger in Bullinger/Warnecke, Kunststück Innovation, S. 261; Bullinger ist Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. 235 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Im Mittelpunkt des folgenden Abschnitts steht ein Ausdruck, der erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts vermehrt in der öffentlichen (politischen) Kommunikation erscheint und auch schon in die Hightech-Strategie der Bundesregierung „eingesickert“ war: Kreativität.45 Verstärkend oder synonym gebraucht tritt „Kreativität“ häufig in der nächsten Umgebung von Innovation auf, die Adjektive kreativ und innovativ erscheinen in zahlreichen Fällen gemeinsam. Kreativität, mit den Konnotationen des „Schöpferischen“ (d. h. des Neuen), des Genialen und Phantastischen, wurde lange ausschließlich im Zusammenhang mit neuen künstlerischen Hervorbringungen thematisiert.46 Die semantische Verwandtschaft von Kreativität und (technischwissenschaftlicher) Innovation/Invention ist jedoch alt, und spätestens seit den Erfindungslehren von G. W. Leibniz oder J. Beckmann wird auch darüber reflektiert, dass und wie die Hervorbringung von Neuem nicht nur in der Kunst möglich ist, sondern auch in den Wissenschaften und der materiellen Umwelt und darüber, dass es systematische Vorgehensweisen geben könnte, um Neues zu erzeugen. Seit den 1950er Jahren wurde Kreativität in den USA, in Deutschland seit den späten 1970er Jahren ausdrücklich als Grundstoff und Ressource auch für kommerzielle Innovationsprozesse erforscht, trainiert und angewendet.47 Annahmen und Ergebnisse der psychologischen Kreativitätsfor- 45 Vgl. HT 14, S. 3, 5, 6, 43, 45. 46 Die Gebrauchsgeschichte von „kreativ/Kreativität“ wird hier nicht im Detail nachgezeichnet, vgl. dazu z. B. Karl-Heinz Brodbeck, Entscheidung zur Kreativität. 47 Joy Paul Guilford, „Kreativität“; Battelle-Institut (Hrsg.), Methoden und Organisation der Ideenfindung. Für die Wertschätzung von Kreativität ist außerdem wesentlich, dass und wie unkonventionelles, originelles Denken in den „Think-Tanks“ der US-Militäradministration nach dem 2.Weltkrieg gefördert und nutzbar gemacht wurde für strategische Entscheidungen, Kampagnen zur Instruierung der Öffentlichkeit etc. Exemplarisch für diesen Komplex steht z. B. die „RAND-Corporation“ als Institution. Instruktiv zu diesen Zusammenhängen: Thomas Brandstetter/Claus Pies/Sebastian Vehlken (Hrsg.), Think Tanks, darin u. a. Thomas Brandstetter/Claus Pies/Sebastian Vehlken, „Think-Tank-Denken“: „Wenn Wahlkämpfe heute aus War Rooms heraus dirigiert werden und die Kreativitätsindustrie ihre Kampagnen plant, dann beerben sie nicht lediglich eine Semantik, die seit dem 19. Jahrhundert Märkte als Schauplätze des ‚Kampfs ums Dasein‘ beschreibt. Vielmehr und naheliegender beerben sie Medientechniken, Praktiken und Wissensformen, die den Kreativitätstechniken und Planspielen des Kalten Kriegs entstammen.“ (Ebd., S. 56). 236 Weber, Innovation schung in den USA, hier im Besonderen von J. P. Guilford, bereiteten das Terrain. Guilfords These, dass „jeder“ kreativ sei bzw. dies werden könne, bildet dabei einen zentralen Wendepunkt in der Bewertung kreativer Potentiale.48 Seither werden in Unternehmen mit immer weiter ausgefeilten und spezialisierten heuristischen Techniken die „schöpferischen“ Fähigkeiten von Mitarbeitern gezielt in Anspruch genommen und verwertet. In solchen, meist „Innovationsprojekte“ genannten Organisationsformen treten idealerweise Denkmuster, Fähigkeiten und Haltungen aus drei Sphären zusammen: aus dem Bereich des Künstlerischen die kreativen Fähigkeiten grenzüberschreitender Phantasie und Vorstellungsvermögens; aus dem Bereich des Technischen das technologische Knowhow zu Verfahren, Material und Konstruktion und aus dem Ökonomischen die „unternehmerische“ Einstellung im Sinne von Durchsetzungsvermögen, Gewinnstreben und Risikobereitschaft. Als zentrale gemeinsame Referenz älterer und gegenwärtiger Thematisierungen von Kreativität und Innovation sehen wir Produktivität, ein Begriff, der die Bedeutungen im Sprechen über Kreativität und Innovation maßgeblich organisiert. Ein kurzer Blick auf die Geschichte des Begriffs „Produktivität“ zeigt die unterschiedlichen Herkunftsbereiche: Ökonomie (und ihre Vorläufer) und Philosophie (Ästhetik und Erkenntnistheorie) und macht nachvollziehbar, wie der gegenwärtige Sprachgebrauch auf Vorstellungen aus beiden Sphären rekurriert. Der entsprechende Artikel in den Geschichtlichen Grundbegriffen konzentriert sich auf die Bedeutung in der ökonomischen Theoriebildung.49 Das Historische Wörterbuch der Philosophie greift zurück 48 Zur Einschätzung Guilfords und der Wirkungen seiner Arbeit vgl. z. B. Gisela Ulmann, Kreativitätsforschung, darin unter anderem der zitierte Aufsatz von Guilford selbst. Es ist kein Zufall, dass die Kreativitätsforschung in den USA vor allem im Zusammenhang mit dem „Sputnik- Schock“ (1957) besonders starken Auftrieb erhielt. Der als sicher geglaubte Vorsprung der USA in technischer (und militärischer) Hinsicht war durch den Erfolg der sowjetischen Sputnik- Mission in Frage gestellt und zog erhebliche Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten nach sich (vgl. dazu u. a. Wolfgang Burr (Hrsg.), Innovation, S. 47f.). 49 Vgl. die Artikel „Produktion/Produktivität“ in den Geschichtlichen Grundbegriffen (GG), Bd. 5 und im Historischen Wörterbuch der Philosophie (HWPh), Bd. 7. 237 7 Aktuelle Lesarten von Innovation bis zu den Wurzeln im Griechischen und Lateinischen.50 Hier, genauer bei Nikolaus von Cues, findet sich zum Beispiel die Unterscheidung zwischen der „creatio“ als einer Schöpfung aus dem Nichts und der „productio“, der Hervorbringung aus schon Existierendem.51 Für die Verbform „producieren“ lassen sich die Bedeutungen von zeigen, hervorbringen, verändern, bewirken, gestalten, (ein-)bilden nachweisen, die später auch im Wortfeld von kreativ/Kreativität zu finden sind. In den Ästhetischen Grundbegriffen wird vor allem den unterschiedlichen Nuancen künstlerischen Produzierens nachgegangen.52 Die Verwendung von „Produktivität“ in der Ökonomie führt erneut zu den Kameralisten, insbesondere zu Justi, der als Kriterium ins Spiel brachte, „dass ein Gut mit menschlicher Arbeit in Berührung gekommen war“.53 In der Marx’schen Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erhält Produktivität die theoretisch am weitesten reichende Bedeutung, um in den späteren ökonomischen Theoriebildungen (der neoklassischen „Volkswirtschaftslehre“) auf eine rein quantitative, messbare Größe reduziert zu werden, auf die Differenz zwischen Input und Output. „Gespeist“ aus dieser Verwendungsgeschichte lässt sich Produktivität inzwischen sowohl ökonomisch als auch psychologisch, künstlerisch oder wissenschaftlich rahmen, die daraus resultierende Unschärfe ermöglicht Anschlüsse an eine Vielzahl von Kommunikationen. Produktivität erscheint geradezu als Bindeglied zwischen der Welt der Artefakte, den „epistemischen Dingen“ (Hans-Jörg Rheinberger) und den Subjekten: – die Produktivität des Künstlers als (gottähnlicher) Schöpfer von Neuem („creator“), – die in Leonardo da Vinci idealisierte multiple Produktivität des Künstlers – Ingenieurs – Wissenschaftlers, 50 HWPh, Bd. 7. 51 Ebd., S. 1419. 52 Karl-Heinz Barck (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe (ÄG), Bd. 5 (Autor: R. Zill). 53 Brunner/Conze/Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe, Bd.5 (1984), S. 4. 238 Weber, Innovation – die universalisierte, terminologisch fixierte ökonomische Produktivität als optimierte Kombination von Menschen und Maschinen, von Input und Output, von Investition und Gewinn in der neuzeitlichen Ökonomie – und die für das 20. Jahrhundert neue, individualisierte Zuschreibung von Produktivität jedes einzelnen Subjekts mit dem eingeschriebenen Imperativ nicht nur zur arbeitsbezogenen, sondern auch zur ständigen Selbstoptimierung der individuellen Lebensweise. Produktivität wiederum ist eines der Schlüsselwörter der „Humankapitaltheorien“, eines Zweiges der aktuellen Mainstream-Wirtschaftslehre, die auch das Bezugssystem aktueller Texte zu Kreativität/ Kreativwirtschaft/ Innovation liefert. Produktivität bildet also eine begriffliche Brücke zwischen Kreativität und Wirtschaft und ermöglicht unterschiedliche Verbindungen: Beispiel 1: Konkurrenz und Fantasie/Spiel werden verbunden in wettbewerbsförmig organisierten Kampagnen um Förder- oder Preisgelder für Projekte wie z. B. dem Wettbewerb um die Bezeichnung „Kreativpiloten“, die die „Initiative Kreativ- und Kulturindustrie“ der Bundesregierung seit einigen Jahren veranstaltet. Beispiel 2: Die Verbindung von Gewinn(streben) und Kreativität ist grundlegend in politischen Statements, am deutlichsten bei den Förder- Fantasie Gewinn Inspiration Spiel Effizienz Konkurrenz Kreativität Produktivität Wirtschaft Genie Kunst Unternehmen Rationalisierung Fiktion Wettbewerb Management Quelle: Eigene Darstellung 239 7 Aktuelle Lesarten von Innovation kriterien für die Kultur- und Kreativwirtschaft, die die begründete Erwartung ökonomischen Erfolgs beinhaltet. Beispiel 3: Kreativität und Management werden in Konzepten zum Selbst-Management zusammengeführt, die nicht zuletzt mit der allseits drohenden (und auch offiziell nicht mehr geleugneten) Erosion existenzsichernder Arbeitsverhältnisse „spielen“, was zahlreiche Personen betrifft, die der „Kultur- und Kreativwirtschaft“ zugerechnet werden. Die Verknüpfungen erfolgen in den aufgeführten Beispielen nicht willkürlich, sie sind erschließbar über das intendierte Ziel: Steigerung – Steigerung der Wahrnehmbarkeit am Markt, Steigerung des ökonomischen Erfolgs und Steigerung der Effizienz in der „Bewirtschaftung“ der individuellen Fähigkeiten. Als Interpunktion und zur Kennzeichnung der eigenen Reflexionsperspektive gebrauchen wir im Folgenden „Inwertsetzung“ zur Einordnung der beschriebenen Prozesse. Inwertsetzung ist ein Begriff, den wir aus den Arbeiten zur Politischen Ökonomie bei E. Altvater/B. Mahnkopf entlehnen.54 In ihrem Buch Grenzen der Globalisierung beschreiben Altvater/ Mahnkopf das Konzept der „Inwertsetzung des Raumes“. Im Kontext der politischen Ökonomie ist damit gemeint, dass die (materiellen) Ressourcen eines territorialen Raumes im Zuge der kapitalistischen Entwicklung Zug um Zug der Verwertungslogik des Kapitals unterworfen werden. Dieser Prozess reicht nach Altvater/Mahnkopf von der im Mittelalter gemeinschaftlich genutzten Gemeindeweide (Allmende) bis zur Patentierung von Genen in der Gegenwart. Übertragen auf die individuellen Kenntnisse und Fähigkeiten von Subjekten verstehen wir hier unter „Inwertsetzung“ die sprachlich-konzeptionelle Definition und Isolierung menschlicher Fähigkeiten als „Ressourcen“ und ihre reale Subsumtion unter Werterzeugungsprozesse, die sie nicht selbst kontrollieren. Was mit der aus dem Vokabular der Betriebswirtschaft stammenden Bezeichnung „Wertschöpfung“ Anschlussfähigkeit an Alltagsvorstellungen erzeugt (s. Zitat Bullinger am Kapitelanfang), erweist sich so als eu- 54 Elmar Altvater/Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung, S. 128ff. 240 Weber, Innovation phemistische Verkleidung eines ökonomischen Kalküls, zum Beispiel in Bezug auf die „Kreativen“ als Arbeitskräfte: Mit künstlerisch-kreativen Produktions- und Existenzweisen assoziierte Formen der Subjektivierung („digitale Bohême“, „culturepreneure“) werden als Vorbilder für prekäre, deregulierte, fragmentierte und flexibilisierte Arbeitsformen inszeniert. Sie versprechen Freiheit und Selbstbestimmung und zielen damit auf reale Bedürfnisse. Die Übergänge zwischen Fremd- und Selbstzwängen sind dabei sprachlich und real fließend: Der Ruf nach Selbstbestimmung und Partizipation markiert so nicht länger nur eine emanzipatorische Utopie, sondern auch eine soziale Verpflichtung. Die Subjekte kommen diesen neuen Machtbeziehungen offensichtlich aus freiem Willen nach. […] Diese Techniken zielen eher darauf ab, zu mobilisieren und zu stimulieren als zu disziplinieren und zu bestrafen. Das neue Arbeitssubjekt soll ebenso kontingent und flexibel wie der Markt selbst sein.55 7.2.1 Kreativität in Innovationsprojekten (Inwertsetzung 1) Schumpeter selbst hat mit seiner 1942 veröffentlichten Publikation Capitalism, Socialism and Democracy nicht nur die Wortschöpfung der „creative destruction“ in Umlauf gebracht, sondern auch mit Blick auf die einflussreichen und kapitalkräftigen Großkonzerne für die USA konstatiert, dass sich die Entstehung von Innovationen immer mehr und irreversibel vom Einzel-Unternehmer in die eigens dazu geschaffenen, als Research and Development, R&D (also Forschung und Entwicklung, F&E) bezeichneten Unternehmensbereiche verlagert habe.56 Von dort und aus den zunächst US-spezifischen staatlich-privaten Forschungsinstituten (die oft über militärische Aufträge finanziert wurden) kamen nunmehr zahlreiche Impulse für Innovationen. 55 Marion von Oosten, „Unberechenbare Ausgänge“, hier S. 107f. 56 Vgl. Schumpeter, CSD, Kap. 7 und Kap. 12. 241 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Mit den bekannten Verzögerungen von Trends vor allem in Wirtschaft und Wissenschaft bildeten sich auch in Deutschland ähnliche Strukturen aus.57 Vor diesem Hintergrund ist die gängige Behauptung zu verstehen, dass mehr Forschung auch mehr Innovationen bedeute („Science Push- Modell“). Sie wird bis heute vor allem an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik verwendet, obgleich der behauptete Kausalzusammenhang nie empirisch valide nachgewiesen werden konnte und mit guten Argumenten bestritten wird.58 Von Innovations-Management wird seit ca. 1985 gesprochen, in diesem Jahr erschien Peter Druckers Buch Innovations-Management für Wirtschaft und Politik, das seither im Feld des Unternehmens-Managements und der Innovationsforschung als maßgebliche Referenz gilt.59 Drucker stellt darin als Erster ein Konzept systematischen Innovations-Managements vor, das die Elemente Innovation, Management und Kreativität zielgerichtet verknüpft und zudem Management als die neue Technologie bezeichnet, die im Übrigen einen größeren Anteil an realisierten Innovationen habe als die technischen Neuerungen selbst. Drucker, der Schumpeter noch persönlich kannte, referierte auch auf dessen „kreative Destruktion“, wobei hier wie bei den meisten nachfolgenden Zitierenden der „destruktive“ Anteil ausgeblendet wird.60 Nicht unerheblich ist auch, dass Drucker in diesem Zusammenhang den Begriff „soziale Innovation“ ins Spiel brachte, die er als sozialwissenschaftliche Technik (und nicht etwa als „soziale Praxis“ wie später Howaldt) konzeptualisiert. In seinem Verständnis von „sozialen Innova- 57 Vorbilder aus den USA sind Organisationen wie das Battelle-Institut (das auch in der BRD Ableger hatte) oder die RAND-Corporation. 58 Z. B. vom Technikhistoriker Joachim Radkau, Technik in Deutschland, S. 48 oder, mit Verweis auf ältere Studien, von Hariolf Grupp, Messung und Erklärung des technischen Wandels, S. 17. Grupp ist früherer Mitarbeiter im Fraunhofer-Institut für Systemtechnik (ISI) und derzeit Mitglied der „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI), die die Bundesregierung berät. 59 Peter Drucker, Innovations-Management. 60 Ebd., S. 53. 242 Weber, Innovation tionen“ dominiert folgerichtig der Aspekt des aktiven Managements gegenüber evolutionären Interpretationen.61 Als neue Rolle im Unternehmen tritt der Innovations-Manager wahrnehmbar erst ab ca. 2000 im deutschsprachigen Raum auf die Bühne. Der Name bezeichnet die Funktion einer Gruppe von Führungskräften der mittleren oder höheren Ebene. Ihre Aufgabe ist in der Regel einerseits, für die Entstehung einer ausreichenden Anzahl von neuen Ideen und Konzepten für Innovationen zu sorgen, meist mit Hilfe von projektförmig organisierten, möglichst heterogen zusammengesetzten Arbeitsgruppen. Andererseits stehen sie als Manager vor der Notwendigkeit, immer auch die Wettbewerbsposition und die vorgegebenen Gewinnmargen des Unternehmens zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass sie (und ihre Projektteams) mit Hilfe spezieller Techniken zur Generierung neuer Ideen, Fantasie und Kreativität der Beteiligten maximal stimulieren müssen, andererseits das entstandene Neue aber auch wieder so zu kalibrieren haben, dass es in (voraussichtlich) marktgängige und gewinnbringende Produkte oder Dienstleistungen umgesetzt werden kann.62 Innovationsprojekte dieses Formats sind oft (ökonomisch) effizient und erfolgreich, und sie verbergen ihre Widersprüchlichkeiten und Dilemmata nicht ausdrücklich. Die Inwertsetzung des Wissens und der Kreativität der Beteiligten ist relativ transparent, ebenso die heikle Balance zwischen (möglichst viel) Freiheit zur Entfaltung der kreativen Potentiale und dem Zwang, verwertbare Ergebnisse liefern zu müssen. Die gegenwärtig in Unternehmen bevorzugte Form, diese Polarität zu beherrschen und gleichzeitig zu nutzen ist die Implementierung des sogenannten „stage-gate-process“ 61 Drucker zitiert nur sehr selten, welche Vorläufer er gedanklich beerbt (bei Schumpeter ist es allerdings unvermeidlich), dafür bedankt er sich ausführlich bei Zeitgenossen, mit denen er sein Material „diskutiert“ habe (z. B. im Vorwort) – eine bemerkenswerte Strategie, Selbstbewusstsein und Reputation zu generieren. 62 In solchen Projekten werden heuristische oder psychologisch inspirierte Verfahren wie Morphologie, Bionik, Synektik u. a. m. angewendet bis zur Nutzung von Science-Fiction-Literatur (SF). Vgl. Arthur B. VanGundy, Techniques of Structured Problem Solving; zur Nutzung von SF: Arno Dirlewanger, Innovation der Innovation. Ulrich Bröckling bezeichnet die oben skizzierte Ambivalenz in seinem Beitrag zu „Kreativität“ mit dem Metaphernpaar „Entfesselung“ und „Domestizierung“ (Bröckling/Krasmann/Lemke, Glossar der Gegenwart, S. 140). 243 7 Aktuelle Lesarten von Innovation für Innovationsprojekte.63 Diese Organisationsform spiegelt exemplarisch den Wechsel von Phasen forcierter Kreativität und rigider Modellierung (an den „gates“) nach betriebswirtschaftlichen Vorgaben. 7.2.2 Kultur- und Kreativwirtschaft, Aktivierender Kulturstaat (Inwertsetzung 2) Die Bezeichnungen „Kreativwirtschaft“ und „Kreativindustrie“ gehören aktuell (noch) zu den eindrucksvoll klingenden „hochauflösenden Brausewörtern“ aus dem Umfeld der Innovationsrhetorik.64 Um eine Vorstellung von ihrem „realitätsbildenden Potential“ (Josef Klein) zu gewinnen, ist ein Blick auf die tatsächliche und sprachliche Erzeugung von Phänomenen wie Kreativwirtschaft und verwandten Erscheinungen notwendig.65 Für die Benennung des Bereichs, von dem hier die Rede ist, zirkulieren verschiedene Varianten: Kreativwirtschaft, Kreativindustrie, Kulturwirtschaft, Kultur- und Kreativwirtschaft, die manchmal als Synonyme, manchmal mit Abgrenzungsintention verwendet werden.66 In der offiziellen Partei- bzw. Regierungskommunikation gelten 11 Bereiche als zur Kreativwirtschaft gehörig: 63 Robert G. Cooper, Top oder Flop in der Produktentwicklung, v. a. Kap. 5, S. 125–176. 64 Thomas Groß/Tobias Timm, „Die neue K-Klasse“, in: Die Zeit 45/2010, S. 1. 65 Josef Klein, „Universität als Unternehmen“, S. 119–124. 66 Zur detaillierten Auseinandersetzung mit den skizzierten Themen vgl. u. a. Matthias Peter Reich, Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland; Saskia Reither, Kultur als Unternehmen; Gerald Raunig/Ulf Wuggenigg, Kritik der Kreativität. Die hier diskutierten Konzepte werden durchweg als ausschließlich in urbanen Räumen praktikabel beschrieben, es fehlt jedoch völlig eine Reflexion darüber, welche Auswirkungen etwa auf ländliche Räume diese extrem zentralistischen Entwicklungen haben und noch haben könnten. Den entsprechenden konzeptionellen Hintergrund steuerte der US-Sozialwissenschaftler Charles Landry bei mit seinem Ansatz der „Creative City“. 244 Weber, Innovation Architektur, Buch, Design, Film, Kunst, Darstellende Künste, Musik, Presse, Rundfunk, Software/Games, Werbung.67 Aktuell hat sich das Kompositum „Kultur- und Kreativwirtschaft“ durchgesetzt.68 In der öffentlichen Wahrnehmung beginnt die Geschichte des „Kulturund Kreativwirtschaft“ genannten Phänomens in den 1990er Jahren, und zwar im Rahmen von Initiativen der Regierung von Tony Blairs „New Labour“-Partei in England. Ziel dieser Maßnahmen war es, das Wachstums- und Beschäftigungspotential der in etlichen urbanen Zentren Großbritanniens sehr lebendigen „Szene“ von Mode-, Musik- und Design- Produzenten für Markt und Wettbewerb zu erschließen.69 Die von New Labour in diesem Feld praktizierte Politik erhielt argumentative Unterstützung unter anderem durch Veröffentlichungen des US-amerikanischen Ökonomen Richard Florida The Rise of the Creative Class. And how it’s transforming Work (2004), der vor allem Kreativität als „Standortfaktor“ behauptet und propagiert. Vor diesem Hintergrund und im Zuge einer engen politischen Kooperation der Regierungen Blair und Schröder wurden Konzepte, Argumentationen und praktische Organisationsformen des Feldes sukzessiv auch in Deutschland adaptiert, allerdings mit einigen Jahren Verzögerung. Die parallel erfolgende Einführung von „neuen Steuerungsmodellen“ in der 67 Dies sind die offiziell aufgeführten „Teilmärkte“ der Kreativwirtschaft: http://www.kulturkreativ-wirtschaft.de/KUK/Navigation/DE/DieBranche/Uebersicht/uebersicht.html, Zugriff am 20.9.2016. 68 Dass und warum in diesem Politikbereich, aber auch in weiteren Teilen des öffentlichen Sprachgebrauchs die (heterogene) Verwendung von „Kultur“ zugenommen hat (ähnlich wie der Gebrauch von „Philosophie“ in Komposita wie z. B. Unternehmensphilosophie), kann hier nur andeutend erwähnt werden (vgl. dazu Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur; Clemens Knobloch, „Zwischen Evolution und Politik: Beobachtungen und Bemerkungen zum medienöffentlichen Gebrauch von ‚Kultur‘, S. 8–27). Es ist indes keine zufällige Erscheinung, wie z. B. die Diskussion im Rahmen der Innovationsforschung darüber zeigt, ob als Leitvorstellung weiter von „Nationalen Innovationssystemen“ (NIS) oder eher von Innovationskultur auszugehen sei – was natürlich für politische Interventionen bedeutsam wäre, da es die Art der einzusetzenden Steuerungsinstrumente beeinflussen müsste. 69 Zu Einzelheiten vgl. den sehr instruktiven Aufsatz von Angela McRobbie, „Die Los-Angelesierung von London. Drei kurze Wellen in den Kreativitäts- und Kultur-Mikroökonomien von jungen Menschen in Großbritannien“, S. 79–91, die einleuchtend beschreibt, wie die Entwicklung in drei Wellen nicht nur die kleinen Unternehmen und Branchen erfasst, sondern auch bis in den Umbau des Bildungssystems hineinreicht. 245 7 Aktuelle Lesarten von Innovation öffentlichen Verwaltung (New Public Management) bildete in diesem Zusammenhang den wegbereitenden Hintergrund.70 Als Schlüsselwort des Diskurses um die „Kultur- und Kreativwirtschaft“ lässt sich trotz gelegentlich erfolgender anderer Akzentsetzungen Wachstum identifizieren, dessen semantische „Kernkompetenzen“ nach wie vor wirksam sind. Die seit 2007 bestehende „Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft der Bundesregierung“ gibt ihre Ziele vergleichsweise deutlich vor: es geht um „Wettbewerbsfähigkeit“, „Arbeitsplatzpotential“, „Erwerbschancen“.71 Die Kreativwirtschaft soll als „eigenständiges Wirtschaftsfeld“ und „Wachstumsbranche“ etabliert werden. Der Gebrauch der Kopplung von Kultur und Kreativ ruft die diffus positiven Konnotationen der Hochwertbegriffe auf, ohne weitere Explikationen zur Unterscheidung zu liefern. Das Programm dagegen ist zweifelsfrei ein ökonomisches. Es geht um die „Kulturund Kreativwirtschaft“ als „Wirtschafts- und Standortfaktor“ – „Kulturund Künstlerförderung ist zugleich auch Wirtschaftsförderung“ –, um ihre Bedeutung als Außenhandelsfaktor und um ihre „Innovationsleistung“, die besonders betont wird.72 Obwohl es in der Diktion der Regierungsinitiative um „(Teil)Märkte“ geht und um einen „neuen Wirtschaftszweig“, werden die entsprechenden Aktivitäten als „Ergänzung zu den bisherigen Kernaufgaben der Kulturpolitik“ (Kursivierung: S.W.) eingeordnet.73 Die folgende Visualisierung der im Text erscheinenden Begriffe, die sich den drei Teilen des programmatischen Titels zuordnen lassen, macht das „Gravitationszentrum“ des aufgerufenen Begriffsnetzes deutlich: 70 Zu den Details vgl. v. a. Matthias Peter Reich, Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland. 71 Vgl. die Internet-Seiten der Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft der Bundesregierung: http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KUK/Navigation/DE/Home/home.html, Zugriff am 20.7.2017. 72 Ebd. 73 Ebd. 246 Weber, Innovation Ebenfalls 2007 erschien der Schlussbericht der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“, in dem unter anderem vom Leitbild der „aktivierenden Kulturpolitik“ gesprochen wird, ein Begriff, der sich seither etabliert hat.74 In einem Text der 2010 erstmals und 2015 erneut von der Bundesregierung beauftragten privaten Agentur, die als „Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes“ firmiert, ist unter der Überschrift „Zukunft durch Innovation“ von „Innovationstreibern“, „Steigerung“ (der Wettbewerbsfähigkeit) und „Vorreitern“ die Rede, die der Kultur- und Kreativwirtschaft zugerechnet werden. Das Vokabular aus den Hoch-Zeiten der „New Economy“ ist hier noch erkennbar.75 In einem weiteren kur- 74 Vgl. Oliver Scheytt, Kulturstaat Deutschland. 75 Die zitierten Texte sind verfügbar über: http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KUK/Navigation/DE/Home/home.html, Zugriff am 20.7.2017. Liest man die programmatisch-politischen Texte aus diesem Feld genau, so fällt auf, dass sie ohne thematisch-inhaltliche Positionen zu dem, was als „Kultur“ bezeichnet wird, auskommen. Das bedeutet, die Argumentationen operieren mit semantischen Leerstellen, die, bei Bedarf, mit nahezu beliebigen Konkretisierungen aufzufüllen sind. Damit korrespondiert eine Veranstaltungsankündigung vom Oktober 2016 aus dem Umfeld von „CreativeNRW“, dem Landes-Pendant der Bundesinitiative Kultur- und Kreativwirtschaft. Die politisch prominent besetzte Tagung, die vom NRW-Wirtschaftsmini- Kultur- und Kreativ- Wirtschaft Kulturelle Vielfalt Kreative Erneuerung - Standortfaktor - Wettbewerbsfähigkeit - Wachstumsbranchen - Arbeitsmarkt - Erwerbschancen - Innovationsleistung Quelle: Eigene Darstellung 247 7 Aktuelle Lesarten von Innovation zen Text einer Pressemitteilung der „Initiative“ werden die Kernbegriffe Kreativität – Innovation – Kultur in immer neuen Konstellationen gekoppelt oder gegeneinander ersetzt: Es wird das „Innovationspotenzial der Kreativwirtschaft“ beschworen (hier fehlt die Kultur); dann ist die „Kultur- und Kreativwirtschaft Innovationsmotor“, „Innovationsleistungen“ werden wieder der „Kreativwirtschaft“ zugerechnet oder die „Kultur- und Kreativwirtschaft bereitet den Boden für Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit“. Den „Künstlern und Kreativen“ wird „Gespür für Neues und Schaffenskraft“ zugerechnet (also genau das, was den „alten“ Entrepreneur/Unternehmer gegenüber dem „Wirt“ schon bei Schumpeter unterschied). Signifikant ist in diesem Zusammenhang auch ein Bezeichnungswechsel in der programmatischen Selbstbeschreibung von „creative- NRW“, dem Landes-Pendant zur bundesweiten „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft“.76 So wird in der Programmschrift von 2016 mit dem Titel Innovationsökonomie als „Perspektivenwechsel“ gerahmt, dass es 2009 zu Beginn der eigenen Aktivitäten unter der Überschrift Innovationsökologie um die „Neuausrichtung des Innovationsbegriffs“ gegangen sei, um das „innovative Potenzial der Kreativwirtschaft zu heben“. Jetzt stelle man „das theoretische Gerüst vom Kopf auf die Füße“ und setze mit dem Begriff „Innovationsökonomie“ darauf, dass „[…] die Kreativwirtschaft ihre Innovationskraft immer dort besonders effektiv entfaltet, wo der Anschluss an den etablierten Mittelstand, die Industrie und andere Sektoren gelingt.“ (creative nrw) sterium gefördert wird, soll vor allem Perspektiven diskutieren, die die „Herausforderung Digitalisierung“ (http://www.e-c-c-e.de/creative-industries-dialog-nrw.html, Zugriff am 20.7.2016) für die Kreativwirtschaft eröffnet. Man liest dort Formulierungen wie die von der Kreativwirtschaft als den „Inhalte“ produzierenden Branchen. Dies und dass es eine „Deutsche Content Allianz“ gibt und einen Sprecher derselben, könnte aus unserer Sicht nur von Karl Kraus angemessen kommentiert werden, der auch noch angesichts vollendeter Sinn-Leere, atemraubender Mischungen von Arroganz und Dummheit sowie gut getarnter ökonomischer Manöver Worte der Kritik fand. 76 www.creative.nrw.de , Zugriff am 20.7.2017. Zitate aus dem Text „Innovationsökonomien“ dieser Website sind gekennzeichnet mit creative nrw. 248 Weber, Innovation An wenigen Sätzen wird hier wahrnehmbar, wie sich im Wortgebrauch ein Prozess gleichzeitig aktualisiert und spiegelt: Die anfänglich verwendete Rhetorik mit dem Anspielen der Bedeutung von Autonomie (der Kunst) und (künstlerischer) Freiheit geht über in deutlichere Kontextualisierungen wie zum Beispiel im Rahmen der Standort-Argumentationen (kreative „Szenen“ als Attraktion für neue Unternehmen) – bis zu den aktuell lancierten Formulierungen wie „Innovationspotenzial anzapfen“ und Das vielleicht wertvollste Gut, das die Kreativwirtschaft zu bieten hat, ist die systematische Risikobereitschaft der dort angesiedelten Akteure bei der Erkundung der ökonomischen Zukunft, mit der die meisten Unternehmen der traditionellen Wirtschaftszweige überfordert wären. Und genau darauf hebt der Begriff der Innovationsökonomie ab, weil er diese explorative Logik an die Verwertungslogik klassischer Unternehmen koppelt. (creative nrw) Der aufschlussreiche Gebrauch von Metaphern ist dem Autor wahrscheinlich nicht bewusst gewesen, daher auch nicht die außerordentliche Ambivalenz einer Formulierung wie: Für Unternehmen ‚klassischer‘ Wirtschaftszweige können kreativwirtschaftlich arbeitende Unternehmen und deren Netzwerke die Funktion eines Spähtrupps erfüllen, der ihnen hilft, ein breites Spektrum von Entwicklungen im Auge zu behalten, sie nach Relevanz zu gewichten und gegebenenfalls rechtzeitig zu adaptieren. (creative nrw, Kursivierung: S.W.) „Spähtrupps“ ist ein Wort aus der Militärsprache und bezeichnet kleine militärische Einheiten mit „Aufklärungs“-Auftrag, oft auch „hinter“ den feindlichen Linien, also mit maximalem Risiko.77 Seit März 2015 amtiert ergänzend zu den skizzierten Aktivitäten als Berater des Wirtschaftsministers der von ihm benannte „Beauftragte für kreative und digitale Ökonomie“.78 Seine Denomination (soweit sie über- 77 Auch der aktuelle Sprachgebrauch im Umfeld der „Kreativitätsindustrie“ weist also noch Spuren auf aus der „Konjunktur“ des Forschungsfeldes in der Zeit des „Kalten Krieges“ (s. Kap. 4). 78 http://www.bmwi.de/DE/Themen/Digitale-Welt/digitale-agenda,did=720504.html, Zugriff am 20.7.2017. Der Beauftragte ist Dieter Gorny, der wiederum auch „Managing Director“ von „ecce“ ist (s. o.). 249 7 Aktuelle Lesarten von Innovation haupt plausibel beschrieben wird) zeigt eine weitere Verschränkung an: Die des Kreativen mit dem Digitalen, Letzteres wurde weiter oben als Inbegriff von Innovation und Zukunft identifiziert. Das Kreative, aufgeladen mit Konnotationen des Produktiv-Schöpferischen und des Ästhetischen und das Digitale, aufgeladen mit den Zuschreibungen von Fortschritt und Zukunft zu verbinden, kann als sprachstrategisch sehr gelungene Intervention gelten, die mögliche Einwände gegen politische Entscheidungen, die unter dieser Überschrift firmieren, maximal erschwert. Das Motto der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft lautet folgerichtig „kreativ – innovativ – digital“. Ob als Synonyme gelesen oder als Superlativ: hier erhalten kreativ – innovativ - digital ähnliche Bedeutungen zugewiesen, sie werden austauschbar und ökonomisch kompatibel. Der „aktivierende Kulturstaat“ als Konzept schließlich erscheint nicht etwa als eine Art Drohgebärde aus den Wortkulissen neoliberaler Think- Tanks, sondern stammt aus dem Feld selbst. Es wird zunächst in dem 2007 veröffentlichten Schlussbericht der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“ propagiert. Oliver Scheytt, Jurist, Kulturdezernent in Essen, einflussreicher Kulturmanager und sachverständiges Mitglied dieser Kommission, brachte es mit seinem 2008 erschienenen Buch Kulturstaat Deutschland in Umlauf.79 Es ist die Nachbildung eines nicht nur sprachlichen Verwandten, des „aktivierenden (Sozial)-Staates“, eines Ausdrucks aus dem Umfeld der „Agenda 2010“, der sein zwiespältiges konnotatives Gepäck – hier Wut und Angst der Betroffenen, dort wohlmeinende oder berechnende, im- 79 Oliver Scheytt, Kulturstaat Deutschland, bes. S. 142ff. Die von Scheytt propagierten Konzepte verdienten eine eigene ausführliche Analyse, die hier nicht geleistet werden kann. Nur stichwortartig sei benannt, dass hier mit der ausdrücklichen Verabschiedung von Vorstellungen eines „Bildungsbürgertums“ (im emphatischen Sinne) und einer „Kultur für Alle“ argumentativ der Umbau bisher öffentlicher Kultureinrichtungen zu marktförmig agierenden Event- und Erlebniszentren gestützt wird. Grundsätzlicher und kritisch zur Verwendung des „Schleppnetz- Begriffs“ und „deutschen Deutungsmusters“ s. Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur. 250 Weber, Innovation mer aber patriarchalisch eingefärbte Machtfantasien – zumindest für den skeptisch-kritischen Betrachter nicht mehr loswird.80 7.2.3 „Culturepreneure“ und die neue „kreative Klasse“ (Inwertsetzung 3) Der Soziologe Ulrich Bröckling zeichnete im Rahmen seiner Studie Das unternehmerische Selbst wesentliche Elemente des Begriffes Kreativität im 20./21. Jahrhundert nach und beschrieb Diskurse, in denen er vorwiegend zirkuliert.81 Er charakterisierte Kreativität als ambivalentes Vermögen, als „wünschenswertes“ (Neues) wie auch „bedrohliches“ (nicht gänzlich steuerbares) Potential und bezieht sich dabei auch auf Schumpeter. Kreativität ist eine ökonomische Ressource, die der Markt gleichermaßen mobilisiert wie verbraucht: Schöpferische Zerstörung ist die ökonomische Funktion des Unternehmers, sein Gewinn resultiert aus der ‚Durchsetzung neuer Kombinationen‘ (Schumpeter 1926).82 Darüberhinaus unterstreicht Bröckling die Bedeutung von Kreativitätszuschreibungen für die erfolgreiche Umsetzung neuartiger Subjektivierungs- 80 Das von der SPD forcierte und von rot-grünen Regierungen umgesetzte Konzept des „aktivierenden Staates“ wurde bis in gewerkschaftliche Positionen hinein verankert und vertreten. Vgl. z. B. einen Aufsatz in den Gewerkschaftlichen Monatsheften 6/1999 (Blanke/von Bandemer, „Der aktivierende Staat“, S. 321–330), in der die Autoren bemerkenswert affirmativ und unkritisch die entsprechenden Bestrebungen kommentieren. Die in diesem Zuge praktizierten sprachlichen Umbesetzungen sind dabei von erheblicher Reichweite, z. B. die vom Antragsteller zum „Kunden“ oder die vom Klienten/Kunden zum „Verhandlungspartner“. Reale Machtasymmetrien werden hierbei weder gedacht noch benannt. Aufschlussreich für die politisch-programmatischen Umbenennungs- und Umbauprozesse in Bezug auf Staatsaufgaben ist u. a. auch der Aufsatzband Ausblicke auf den aktivierenden Staat, herausgegeben von Fritz Behrens. Behrens war zu dieser Zeit Innenminister von NRW, einem Bundesland, das vor allem seine Kulturpolitik nach den Vorstellungen des „aktivierenden Staates“ ausrichtete. Der „aktivierende Staat“ hat selbstverständlich auch diskursiv-programmatische Vorgänger, nämlich den „schlanken Staat“ (der v. a. von den konservativ-liberalen Regierungen favorisiert wurde), der wiederum dem seinerzeit virulenten Management-Modell des Prinzips „lean“(-Production, -Management) nachgebildet wurde. Kritisch zum Thema des „aktivierenden Staates“ z. B. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen. 81 Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. 82 Ulrich Bröckling, „Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement“, S. 131–167. 251 7 Aktuelle Lesarten von Innovation weisen und Identifikationsangebote, die er unter dem Begriff „Das unternehmerische Selbst“ analysierte. Aus einer ganz anderen Perspektive spricht der Innovationsforscher und Technikhistoriker Ulrich Wengenroth davon, dass das „deutsche Innovationssystem in den Nachkriegsjahrzehnten pfadabhängig geworden“ sei und den „kulturellen Wandel verpasst“ habe.83 Dieser kulturelle Wandel bestehe vor allem in einer „Ästhetisierung des Lebens“, in der immer stärker „Differenz“ zum Ziel des Konsums werde. Fragen des (Lebens-)Stils und der Moden als Distinktionsmerkmale, der Erlebnisqualität und Zugehörigkeitsbedürfnisse würden daher für Innovation wichtiger als die im engeren Sinne messbaren technischen Details. Die von Bröckling und Wengenroth mit unterschiedlichen Fokussierungen skizzierten Subjektivierungsweisen, die mit Vorstellungen von Kreativität und Innovation assoziiert sind, sollen im Folgenden noch exemplarisch angeleuchtet werden: „culturepreneure“ und die „kreative Klasse“. Auch aktuelle Gründer-Programme im Bereich der „Kreativitätswirtschaft“ nutzen noch die Konnotationen des Wortes aus den Zeiten heroischer Gründer-Väter und Gründer-Booms, so ist „Gründer-Zeiten“ z. B. der Titel einer der vielen Periodika aus dem Umfeld der „Regierungsinitiative Kultur- und Kreativwirtschaft“. Als unmittelbares Vorbild lassen sich die „Start-ups“ der „New Economy“ aus den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts identifizieren, deren Protagonisten zu Vorbildfiguren für wagemutiges Unternehmertum aufgebaut wurden. Es wird ausdrücklich oder implizit auf die Figur des „entrepreneurs“ Bezug genommen, bis in die Kampagnen zu den „Ich-AGs“ die als neues Arbeits- und Beschäftigungsmodell propagiert wurden.84 Die virtuelle neue Sozialfigur des „culturepreneurs“ im Feld der „Kreativ-Wirtschaft“ hat unübersehbare Ähnlichkeiten mit einem Projekte- 83 Ulrich Wengenroth/Hagen Hof (Hrsg.), Innovationsforschung, S. 29ff. 84 Vgl. auch Christina Kaindl (Hrsg.), Subjekte im Neoliberalismus. 252 Weber, Innovation macher aus dem 17. Jahrhundert.85 Sie erinnert an de Caus, der seinem Fürsten „lustige Maschinen“ zu verkaufen suchte, aber auch an ihren Vorgänger, den „Kultur-Manager“, der „das Kulturelle“ (potentiell mit Widerstandspotential gegenüber dem Bestehenden aufgeladen) zur betriebswirtschaftlichen Räson zu bringen hat.86 Alle drei verbindet, dass sie sich (der Projektemacher noch am wenigsten) sprachlich und tatsächlich am Laufseil ökonomischer Eigengesetzlichkeiten bewegen. Die Bezeichnung „culturepreneure“ in der Kultur- und Kreativwirtschaft überblendet Bilder des autonomen Künstlers (einer idealisierten Figur des 19. Jahrhunderts) und des „alten“ risikobereiten, flexiblen und effizienten „entrepreneurs“. Als Identifikationsangebot und ökonomisches „role model“ wird „cultural entrepreneurship“ aktuell für im weitesten Sinne im Kunst- und Kulturbereich Tätige inszeniert, die vor allem über vier spezifische Eigenschaften verfügen müssen: sie müssen kreativ, innovativ, flexibel und risikobereit sein. Auf diese Eigenschaften heben alle staatlichen Förderstrategien ab, und zwar mit ausschließlich ökonomischer Zielsetzung. Themen, Richtungen, Haltung sind in dem, was aktuell zu „content“ – oder, wie Scheytt schreibt: „Kontent“ – nivelliert wird, ohne Bedeutung, sie werden unsichtbar hinter der Metaphorik der ökonomischen Re-Formulierung von Kunst und Kultur, wenn von Markenbildung, Wertschöpfungsketten, benchmarks und Umwegrentabilität (Scheytt) die Rede ist.87 Das Konzept einer neuen „kreativen“ Klasse wurde von Richard Florida in Umlauf gebracht und wird als positiv konnotiertes Identifikationsangebot für eine heterogene Schicht von im weiteren Sinne „Wissensar- 85 Die Bezeichnung wurde von den Soziologen Anthony Davies und Simon Ford eingeführt. Zu Entstehung und Verbreitung vgl. Saskia Reither, Kultur als Unternehmen, S. 90ff. 86 Was der Renaissance-Ingenieur Salomon de Caus für den Prestige-Konsum der Mächtigen entwarf und mit ausgesprochen reizvollen Beschreibungen versah, nannte er „lustige Maschinen“ (vgl. Kap. 1). Sie erfüllten gleichzeitig (herrschaftsstärkende) Repräsentationsbedürfnisse wie solche nach Unterhaltung, Zeitvertreib. Als Prototyp der „lustigen Maschine“ in der Gegenwart kann das Smartphone gelten, wobei der „herrschaftsstärkende“ Teil zu den Unternehmen gewandert ist, die die Zugehörigkeit simulierenden und zerstreuenden Geräte verkaufen. 87 Oliver Scheytt, Kulturstaat Deutschland, Teil 2, S. 147–249. 253 7 Aktuelle Lesarten von Innovation beitern“ verwendet.88 Florida unterscheidet zwischen der „Super-Creative Core of this new Class“, zu denen zum Beispiel Wissenschaftler, Künstler und Designer gehören, und „[b]eyond this core group, the Creative Class also includes ‚creative professionals‘“, die nicht direkt mit der Erzeugung von Neuem beschäftigt sind, aber kreative, problemlösende Fähigkeiten benötigen, wie zum Beispiel Anwälte und Manager.89 Den Klassenbegriff verwendet er nicht etwa im Marx’schen Sinne (er setzt sich explizit dagegen ab), er „spielt“ eher mit der distinktionsgenerierenden Wirkung des Wortes und dem zur Erzeugung eines Zugehörigkeitsgefühls notwendigen Effekt der Ein- bzw. Ausschließung. Ein weiteres Element seiner Theorie ist die Konzentration auf urbane Räume, die sich „attraktiv“ machen sollten für eben die „creative class“, wodurch wiederum Innovationsfähigkeit, mithin wirtschaftliches Wachstum angezogen werde. Diese Forderung findet sich nahezu unverändert auch in den offiziellen Texten zur „Kultur- und Kreativwirtschaft“.90 Was wir im vorangegangenen Abschnitt als Sprachgebrauch beschrieben haben, der „Inwertsetzungsprozesse“ indiziert (verstanden als verdichtende Bezeichnung eines im Wesentlichen ökonomisch motivierten Prozesses, den die öffentliche Rede nur bruchstückhaft „preisgibt“), lässt sich zugleich entziffern als Adaption ökonomischer Konzepte, die unter dem 88 Richard Florida, The Rise of the Creative Class. 89 Ebd., p. 68f. Eine weitere interessante Argumentationslinie ist bei Florida vorgezeichnet: dass nicht Sozialprogramme aufgelegt werden sollten für die „underpaid, underemployed and disadvantaged“, sondern Maßnahmen zur Förderung ihrer Kreativität (ebd., p. 10). 90 Als Feld für „innovative“ und gleichzeitig ökonomisch in Wert zu setzende Praktiken wird „Kreativität“ in nochmals gesteigerter Form „angespielt“ in unmittelbar körperlichen Praktiken wie (den eher äußerlichen) Tattoos, Piercings und anderen Körperschmuck-Varianten und hoch invasiven Formen wie z. B. „Neuro-Enhancement“ (Eingriffe in den Gehirnstoffwechsel zur Steigerung der „Leistungsfähigkeit“ gesunder Menschen (umgangssprachlich: „Gehirndoping“) durch medikamentöse oder chirurgische „Ergänzungen“ des Körpers). In Praktiken wie dem aktuell z. B. von Krankenkassen lancierten „self-tracking“ schließlich überschneiden und ergänzen sich Maximen der älteren Selbstmanagement-Techniken mit Kreativitätsanrufungen des „be creative“ zur Aufforderung „Gestalte deinen Körper“ (schöner, leistungsfähiger). Auf diese Weise wird ökonomische Inwertsetzung gebahnt: die Erhebung und Auswertung von Körperdaten ermöglicht Kontrolle und Disziplinierung, diese sind die Voraussetzungen für die Steigerung von Leistung und Produktivität – und erzeugen gleichzeitig den Zwang zur Optimierung. Dass es dafür der technischen Geräte bedarf, die hergestellt und gekauft werden müssen, gerät dabei fast schon aus dem Blick. 254 Weber, Innovation Etikett „Humankapitaltheorien“ seit den späten 1960er Jahren in die politische Kommunikation gelangten und nach einer ersten, im Rückblick geradezu „naiv“ zu nennenden Rezeptionsphase im Rahmen der „Humanisierung der Arbeit“-Projekte seit den 1990er Jahren wieder verstärkt ins Spiel gebracht werden, meist ohne explizite Referenzen.91 Ausgangspunkt ist die Theorie des US-amerikanischen Ökonomen Gary Becker, der als neuen ökonomischen Ansatz vor allem Bildung als Investitionsgut modellierte, analog zu anderen Kapitalformen. Kern seines Modells sind Annahmen wie die, dass Bildung analog zum physischen Kapital akkumuliert werde und damit in der Lage sei, Wachstumsimpulse zu erzeugen. In Arbeitskraft müsse investiert werden, damit höhere Produktivität erreicht wird.92 Bildung, übersetzt als „Wissen“, erhält darüber einen bezifferbaren ökonomischen Wert, der wiederum eigenverantwortlich weiterentwickelt werden muss. Dies ist auch der (ökonomische) Hintergrund von Modellen „Lebenslangen Lernens“ und verwandter Vorstellungen. Was der Referent Stephan Lindner noch 2005 in einem Beitrag zum XX. Kongress für Philosophie als Frage formulierte, ob „[d]ie Rolle von Kreativität in der ökonomischen Theorie“ zukünftig die des „nächsten Humankapitals“ sein werde, kann zu diesem Zeitpunkt schon als realisiert und weiterentwickelt gelten.93 91 Einen Hinweis auf „Humankapitaltheorien“ oder ihren Urheber, den amerikanischen Ökonomen Gary S. Becker (Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis with Special References on Education) findet man weder bei Florida noch bei Scheytt, auch nicht in den zitierten Regierungstexten oder in denen der Wissenschaftler-Kommission EFI. Zur Bedeutung von „Humankapital und Humanressource“ in pädagogischen Zusammenhängen vgl. den gleichnamigen Artikel von Erich Ribolits im Pädagogischen Glossar der Gegenwart (Agnieszka Dzierzbicka/ Alfred Schirlbauer (Hrsg.)), S. 135–146. 92 Im Rahmen der „neuen Wachstumstheorie“ (Robert Solow) wird die Steigerung der Produktivität des „Humankapitals“ explizit als Wachstumsfaktor modelliert. Vgl. dazu Hariolf Grupp, Messung und Erklärung des technischen Wandels, S. 67ff. 93 Stephan Lindner, „Die Rolle von Kreativität in der ökonomischen Theorie – das nächste Humankapital?“, S. 531–538. Insgesamt erscheint der Text etwas realitätsfern, da der Autor aktuelle Entwicklungen nicht im Blick hatte. Im Literaturverzeichnis zum zitierten Text findet sich eine interessante Wortverwechslung bei der Quellenangabe des Schumpeter-Titels von 1912: zitiert wird er als „Theorie der wirtschaftlichen Zerstörung“, richtig ist: „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Ob Zufall oder nicht, hier hat womöglich die Kenntnis der (später entstandenen) und vielfach zitierten Formulierung von der „schöpferischen Zerstörung“ den Titel überblendet (ebd., S. 538). 255 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Über die Dekonstruktion von „Bildung“ zu einem flexiblen Repertoire von „Kompetenzen“ wird auch „Kreativität“ zur Kompetenz funktionalisiert, zu einer lern- und vor allem vermehrbaren Fähigkeit, die dazu dienen soll, das begehrte „Neue“ in die Welt, was nichts Anderes bedeutet als „auf den Markt“ – zu bringen.94 7.3 Reform? Fortschritt? Demokratie? – Innovation! Nun ist es aber so, dass dieselben Techniken, vor denen es uns zu Recht grauen sollte, die Wirtschaft und damit unser Wohlergehen in wachsendem Maße bestimmen (…) Zurückdrehen lässt sich diese Entwicklung nicht mehr. Süddeutsche Zeitung vom 7./8. Dezember 2013 Auf einem „virtuellen“ Feld von Begriffen, die „Formate“ gesellschaftlicher Veränderungen repräsentieren, ergibt sich für Innovation ein eindrucksvolles Bild. Nicht nur in Bezug auf den ehemals zentralen neuzeitlichen Bewegungsbegriff „Fortschritt“ kann Innovation als Alternative gesetzt werden. Die graduellen Unterschiede in Bewegungsmodus und Interventionstiefe zwischen Innovation und den alternativen Prozessbegriffen belegen das interdiskursive Potential von Innovation: Innovation kann die genannten Prozessbegriffe substituieren, kann als Teil der bezeichneten Prozesse auftreten und ist kompatibel mit allen: 94 Exemplarisch für diese Interpretationsweise sind Formulierungen wie „[ü]ber die verbindende Kompetenz der Kreativität kann ein Austausch zwischen Kunst und Wirtschaft hergestellt werden, der erstrebenswertere Optionen eröffnet als die gegenwärtige Diskussion um die Ökonomisierung der Kunst“ (Doris Rothauer, Kreativität und Kapital, S. 7). Als soziologischer Gegenentwurf zur ökonomischen „Humankapital“-Theorie ist Pierre Bourdieus Modell der unterschiedlichen Kapitalformen des „ökonomischen“, „kulturellen“ und „sozialen“ Kapitals zu lesen (vgl. Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht). 256 Weber, Innovation Innovation ist: – punktueller als Reform und nicht parteipolitisch zu vereinnahmen, – neutraler als Revolution, kann aber auch daran teilhaben, z. B. als technische, – dynamischer als Modernisierung, kann aber als „Treiber“ Teil des Prozesses sein, – weniger normativ als Fortschritt, aber von ähnlicher Dynamik und Richtung, – kraftvoller als Wandel, Innovationen können jedoch Auslöser sein, – anders als Evolution menschengemacht (Innovation als induzierte Mutation). Die Zuschreibungen, welche diese Flexibilität ermöglichen, sind vielfältig, wir haben die wesentlichen in den vorangegangenen Kapiteln benannt: Quelle: Eigene Darstellung 257 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Innovation – treibt Fortschritt, Entwicklung, Wachstum an, – verspricht „Lösungen“, – verhindert/beendet Krisen, – löst „Veraltetes“ ab. Die hohe Beweglichkeit erschwert die Bildung eines konturenstarken Gegenbegriffs, was für argumentative Einwände immer einen hohen Begründungsaufwand bedeutet. Die möglichen „Kandidaten“ wie Statik, Routine, Tradition führen nicht die kontextlos positive Konnotation mit, die Innovation immer ins Spiel bringt und lassen sich leicht als Zeichen von „Konservativismus“ oder „Technikfeindlichkeit“ denunzieren. Wir sehen hier dass, je weniger Plausibilität und Bindekraft innerhalb der gesellschaftlich-politischen Kommunikation etablierten Ausdrücken für Veränderung und Neues wie etwa Fortschritt, Reform, Wandel oder der Bezeichnung für die rahmende Struktur, „Demokratie“, zugerechnet wird, umso mehr Eigengewicht und Funktionalität Innovation zuwächst. Innovation wird zunehmend als Substitut für „verblasste“ oder in die Kritik geratene neuzeitliche Bewegungsbegriffe verwendet und für eine Argumentationsweise, die Ralf Fücks, ehemals Grünen-Politiker so zusammenfasste: […] werden wir umso schneller vorankommen, wenn uns der praktische Beweis gelingt, dass Umweltschutz und Wohlstand kein Gegensatz sind, sondern zwei Seiten einer Medaille. Ob wir den Wettlauf gegen den Klimawandel gewinnen, ist eine offene Wette. Es geht dabei auch um das Vertrauen, dass wir die Selbstgefährdung der Moderne mit den Mitteln der Moderne überwinden können: Wissenschaft, Innovation und Demokratie.95 95 Ralf Fücks ist jetzt Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Das folgende Zitat stammt aus einem Text von Fücks mit dem Titel „Öko-Biedermeier vs. ökologische Moderne“ in der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2013, S. 57–65. 258 Weber, Innovation Anhand eines kleinen Korpus gehen wir der oben formulierten These im Folgenden exemplarisch nach. 7.3.1 Innovation und Reform In einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Politik und Lebensverhältnissen in Nordkorea berichtet die Autorin Petra Kolonko über ein Projekt der deutschen Welthungerhilfe im Land und den Kommentar eines Mitarbeiters des dortigen Landwirtschaftsministeriums: Die neue Bewirtschaftung habe die Erträge deutlich verbessert, sagt der Herr vom Landwirtschaftsministerium und bezeichnet sie als eine ‚Innovation‘, das Wort Reform deutlich vermeidend.96 Dieser eher beiläufig gegebene Hinweis auf die Möglichkeit des substituierenden Wortgebrauchs von „Innovation“ und „Reform“ macht auf Verschiebungen aufmerksam, die sich auch im Sprachgebrauch anderer relevanter Akteure feststellen lassen. So liest man bei H. J. Warnecke, bis 2002 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, einer der größten und einflussreichsten Forschungsorganisationen in Deutschland: Innovation ist zu einem Modewort geworden. Viele benutzen es, auch in der Politik wird es gern als Programm gesehen. Immer mehr wird uns bewusst, dass wir nur durch Innovation – oder Reformen – den Strukturwandel von der Industriegesellschaft in die Informationsgesellschaft bewältigen können, so dass Deutschland seine Position im Vergleich der Nationen und Regionen nicht verliert. […] Gleichzeitig weiß und erlebt ein jeder, welch komplexes und schwieriges Unterfangen eine Innovation ist, da sie in der Regel erhebliche Widerstände gegen Vorhandenes und Bekanntes überwinden muss. Die Schwierigkeiten und das Scheitern schneller Reformvorhaben der jetzigen Bundesregierung im ersten halben Jahr ihrer Regierungszeit bestätigen das.97 96 FAZ v. 29.10.2015. 97 Bullinger/Warnecke, Kunststück Innovation, S. 1. 259 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Auch hier werden Innovation und Reform als Synonyme verwendet. Im ersten Beispiel erscheint „Innovation“ als die neutralere, weil ökonomisch konnotierte Bezeichnung, deren Verwendung es erlaubt, ihre politische Rahmung zu vermeiden. Im zweiten Beispiel wird mit Unschärfe und der Verflüssigung semantischer Grenzen „gespielt“. „Neues“ kann je nach der Funktion im jeweiligen Kontext mit unterschiedlichen Ausdrücken bezeichnet werden: als „Reform“ und damit als planbarer und geordneter Prozess oder als „Innovation“ mit den angespielten Assoziationen von Zukunft und Risiko. Warneckes Formulierung vom „Scheitern schneller Reformvorhaben“ in Bezug auf die geplanten politischen Maßnahmen nutzt die unscharfen Abgrenzungen zwischen Innovation und Reform in aufschlussreicher, strategisch geschickter Weise: hier verdeckt der Gebrauch von „Reform“ die substantiell „innovativen“ (systemtransformierenden, riskanten) Eingriffe in das System der Arbeits- und Sozialgesetze (Hartz I-IV-Gesetze). 7.3.2 Innovation und (technischer) Fortschritt Wie „Innovation“ im Kontext der „Zukunftssemantik“ in einem Segment politischer Kommunikation erscheint und in das vorhandene Begriffsnetz politischer Erwartungsbegriffe eingeordnet werden kann, wurde im Rahmen einer korpuslinguistisch gestützten Untersuchung in den Blick genommen, an der die Verfasserin beteiligt war.98 Es konnte unter anderem gezeigt werden, wie sich innerhalb eines Korpus’ politisch-programmatischer Texte die sprachliche Fassung von Zukunftsvorstellungen wandelte und etablierte neuzeitliche Bewegungsbegriffe abgelöst wurden durch eine zugleich unscharfe wie funktional suffiziente Bezeichnung wie „Innovati- 98 Der folgende Abschnitt basiert u. a. auf Material und Diskussionen im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit Fabian Deus und Luisa Fischer an der Universität Siegen: Fabian Deus/ Luisa Fischer/Susanna Weber, „Zukunft kommt von selbst – Fortschritt nur mit uns“. Sozialdemokratische Erwartungsbegriffe im Wandel, unveröffentlichtes Vortragsmanuskript zur Tagung „Begriffsgeschichte und Moderne“ am „Zentrum für Literatur- und Kulturforschung“ in Berlin, 18.-19.11.2015. 260 Weber, Innovation on“. Diese Untersuchung der Zukunftssemantik in den Wahl- und Grundsatzprogrammen der SPD seit dem Godesberger Programm von 1959 ergab die im Folgenden kurz skizzierten Verschiebungen (berücksichtigter Zeitraum hier: Mitte der 1990er Jahre bis heute).99 Der Ausdruck „Innovation“ taucht ab Mitte der 1990er Jahre neu in der Programmatik der SPD auf als Bezeichnung für Neuerungen im Kontext ökonomischer Entwicklungen und mit besonderen Beziehungen zu (technologischem) Fortschritt und Wachstum. Das wird unser Erfolgsrezept für nachhaltiges Wachstum und neue Arbeitsplätze: Umfassende Innovationen in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft und ein Bündnis für Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit. (WP 98, S. 12) Als Kollektivsingular gelangt „Innovation“ in bemerkbarem Umfang erst zwischen WP 1994 und WP 1998 (Titel: Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit) in die Programmatik. Vorher sind einzelne Vorkommen zu verzeichnen, meist in Kopplungen, z. B. im OR 85 (1975): „Innovationspolitik“, im WP 1987: Innovationen und Investitionen/Innovation und Stabilität. Als Vorläuferbegriff ist „technischer Fortschritt“ zu identifizieren, im GP 89 findet sich als Variante „Technische Innovation“. Mit der Regierungsübernahme durch SPD und Grüne 1998 wurde Innovation in der politischen Kommunikation zu einem Schlagwort, das sich sowohl mit ökonomisch-technischen als auch mit gesellschaftlich-politischen Themen verbinden ließ. Zahlreiche Aktivitäten und Kampagnen wurden unter diesem Label („Jahr der Innovation“ (2004), „Partner für Innovation“) gestartet.100 99 Zitierweise: WP für Wahlprogramm, GP für Grundsatzprogramm, OR für Orientierungsrahmen, GW für Bericht der Grundwertekommission der Partei, jeweils + Jahreszahl der Veröffentlichung. Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Datenbank „Programmatische Dokumente der deutschen sozialdemokratischen Parteien und deutschen Gewerkschaften“: http://library.fes.de/library/html/voll-prog-spec01.html, Zugriff am 20.7.2017. 100 Zur Schlagwortforschung: Otto Ladendorf, Historisches Schlagwörterbuch; Thomas Niehr, Artikel „Schlagwort“, in Gert Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Sp. 496–502. 261 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Im WP 2005 heißt es selbstbewusst (aber auch selbstvergessen): „Die SPD ist die Partei des technischen Fortschritts.“101 Die argumentative Verknüpfung von Fortschritt – Wachstum – Innovation – Ökologie z. B., gefasst unter Begriffen wie „green economy“ oder „nachhaltiges Wachstum“, wird inzwischen parteiübergreifend gebraucht. Weitere neue Kopplungen mit Innovation tauchen im GP 2007 auf: Innovation und Kreativität, Wertschöpfung, Produktivität, ein Beispiel für die interdiskursiven „Potenzen“ von Innovation. Es ist keine lineare, bruchlose „Karriere“ des Begriffs Innovation in der Programmatik, aber die positive Konnotation bleibt erhalten. Charakteristisch sind Kopplungen mit dynamischen Elementen (-offensive, -schub, Motor für …), die (Vorwärts-)Bewegung nahelegen, sie belegen die Nähe zum „Fortschritt“. Ab 2012/13 ist das „Einsickern“ der attribuierten Variante „soziale Innovation“ zu beobachten, anfangs als Gegenbegriff zu „Sozialabbau“. Weitere Verschiebungen sind zu erkennen: Als erfolgreicher Begleiter (und zeitweise als Gegenbegriff) für Fortschritt und Wachstum erschienen Anfang der 2000er Jahre und programmatisch fixiert im WP 2002 und GP 2007 „nachhaltig“ und „Nachhaltigkeit“. Nachhaltigkeit wurde als „das einzig verantwortbare Prinzip politischen und wirtschaftlichen Handelns“ (WP 2002) deklariert. Als typische Kollokate kommen zum Beispiel „ökologisch(e) Modernisierung“, „Lebensqualität“ und „Wohlstand“ vor. Im GP 2007 wird daraus die Verknüpfung „nachhaltiger Fortschritt“ als Versuch, die „Technisierung“ des Fortschritts programmatisch zu kompensieren. Weitere Versuche, das semantische Potential von „Fortschritt“ als Ausdruck von Erwartung und Hoffnung auf bessere Zukunft für die Partei zu retten, finden sich unter der Überschrift „Wir holen uns den Fortschritt zurück“ im „SPD-Fortschrittsprogramm 2011“, und die Grundwerte- 101 „Selbstvergessen“ meint hier, dass Sozialdemokraten sich (zumindest zeitweise) als Teil der organisierten Arbeiterbewegung sahen, mindestens aber an der Seite der Gewerkschaften, die sich z. B. in den 1970er Jahren nachdrücklich gegen technische Innovationen zur Automatisierung/ Rationalisierung zur Wehr setzten (etwa im Rahmen der Druckerstreiks). 262 Weber, Innovation Kommission nannte ihr Statement 2010 „An den Grenzen des Wachstums – neuer Fortschritt ist möglich“.102 Ab dem WP 2013 kommt in das Begriffsfeld der Zukunftssemantik „Digitalisierung“ als neues Zauberwort hinzu.103 Es erscheint zum Beispiel in Texten zu „Industrie 4.0“, „Arbeiten in der Industrie 4.0“ und in einem Diskussionspapier der Grundwerte-Kommission 2015: „Wir wollen, dass aus der Digitalisierung als technische Innovation auch eine soziale Innovation wird […].“104 Hier ist die Auslegung und Bewertung von Digitalisierung als der am weitesten fortgeschrittenen Form von „Innovation“ als neue Argumentationsfigur fertig ausgeprägt und geht nahezu wortidentisch in spätere Regierungstexte ein. Von der früheren Strahlkraft des Fortschrittsbegriffs zeugt auch ein jüngerer Versuch, ihn noch einmal für (zumindest verbalen) politischen Aufbruch zu nutzen. Nicht gerade im „Herzen“ der Partei, aber unter Beteiligung hochrangiger SPD-Funktionäre arbeitet ein Think-Tank von SPD, Bündnis90/Die Grünen und Gewerkschaftsmitgliedern im „denkwerk demokratie“.105 Als Ziel wird genannt, „nach Ideen, Best-Practice- Ansätzen und Projekten für ein neues Wirtschafts- und Politikmodell“ zu suchen. Eine der Aufgaben sei es, über dezidiert sprachliche Strategien neue politische Mehrheiten zu erschließen. Im Werkbericht Nr.6 des „denkwerks“ wird unter dem Titel „Progressive Politik in pragmatischen Zeiten: Politische Narrative gesellschaftlichen Wandels“ eine vom „denkwerk“ in Auftrag gegebene Studie zu „Veränderungsnarrativen“ präsentiert, in der 102 Dass die Verknüpfung von „Fortschritt, Wachstum, Zukunft“ erfolgreich als Argument in der politischen Kommunikation verwendet werden kann, nahm auch die „Partei des organisierten Liberalismus“, die FDP, zur Kenntnis, was unter anderem in einer Broschüre der parteinahen Friedrich-Naumann-Stiftung so klingt: „Tatsächlich könnte eine Rückkehr des Fortschritts in die politische Diskussion helfen, jenes Vakuum zu füllen, das die grassierende Wachstumsskepsis für den potenziell liberal gesinnten Teil der Bevölkerung hinterlässt.“ (Karl-Heinz Paqué, Zurück zum Fortschritt! Gedanken über liberale Ordnungspolitik im 21. Jahrhundert, S. 17). 103 Im WP 2013, S. 17f: http://library.fes.de/library/hml/voll-prog-spec01.html, Zugriff am 20.7.2017 104 Diskussionspapier der SPD-Grundwertekommission, S. 4, Quelle: FES-Datenbank, wie vorige FN. 105 https://www.denkwerk-demokratie.de/?page_id=13, Zugriff am 20.7.2017. 263 7 Aktuelle Lesarten von Innovation eine Bezeichnung wiedererscheint, die zuletzt im Wortschatz der 68er- Bewegung zu finden war und seither kaum noch gebraucht wurde: progressiv.106 Schon die Häufigkeit der Verwendung fällt auf. Im Vorwort und der Zusammenfassung des Berichts, zwei kurzen Texten von insgesamt sechseinhalb Seiten, kommt der auffällige Ausdruck allein achtzehnmal vor, zum Beispiel als „progressive öko-soziale Veränderungsbereitschaft“ (Werkbericht, 4), „progressiv und konservativ“ (ebd., 5) oder „dieser progressive Pragmatismus“ (ebd., 6). Das Adjektiv wird verwendet, um eine Position irgendwo links von der Mitte zu markieren: in Opposition zu „konservativ“ (ebd., 5), zwischen „Stillstand“ und „Neo-Biedermeier“ (ebd., 4). Auch Innovation wird zur Positionsbeschreibung genutzt, verknüpft mit weiteren gängigen Schlagwörtern: „Eines [gemeint ist ein Wirtschaftsmodell, S.W.], das in der Lage ist, ein produktives Zusammenleben von Innovationen und Dynamik, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit zu ermöglichen.“ (ebd., 5) Die ehemals revolutionäre Anmutung von progressiv wird übertönt von der wiederholten Referenz auf „Pragmatismus“, und die Bezeichnung ist damit für die sprachliche Veredelung kleinteiliger individueller Umgestaltungsintentionen brauchbar geworden.107 Nicht mehr „große Utopien“ seien gewünscht, sondern „Glauben an die eigene Gestaltungsfähigkeit im persönlichen Umfeld und in überschaubaren Räumen“ (ebd., 7). Vom „lokal Erfahrbaren“ ist die Rede und von dem, was „zur pragmatischen Verbesserung der Situation führt“ (ebd., 7).108 106 www.denkwerk-demokratie.de (Werkbericht Nr. 6), im folgenden Abschnitt zitiert als Werkbericht + Seitenzahl. 107 Vgl. den Beitrag von Reinhart Koselleck zu „Fortschritt“ in den Geschichtlichen Grundbegriffen (GG) und zum „Progrés“ im Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820, Heft 14/15/1993 von Dieter Gembicki/Rolf Reichardt, S. 103–153. 108 „denkwerk demokratie“ ist im Übrigen Teil einer neuen „Think-Tank“-Netzwerk-Szene, in dem auch ein weiteres Projekt zu finden ist, das auf früher aktualisierte Bedeutungen von „progressiv“ zurückgreift, das „Progressive Zentrum“ in Berlin (http://www.progressives-zentrum.org/ – Zugriff am 20.7.2017). Ausgehend von der Selbstbeschreibung lässt sich als Position ein Ort angeben, der mit „linke Mitte“ gekennzeichnet wird, „progressiv“ wird übersetzt als „ökologische Politik der Linken Mitte“. Im Umfeld sind namhafte Politiker vor allem aus SPD und von den Grünen zu identifizieren, die als „Partner“ aufgeführten Institutionen decken ein sehr wei- 264 Weber, Innovation Eine schulextern wohl kaum wahrgenommene Pressemitteilung der Schulministerin des Landes NRW, Silvia Löhrmann, vom 10.04.2014 führt das zeitweise in den Hintergrund gedrängte, inzwischen neu belebte und reformulierte Argumentationsmuster in Bezug auf Technik und Fortschritt in bemerkenswerter Deutlichkeit vor Augen. Vor dem Hintergrund einer Diskussion um den Einsatz graphikfähiger Rechner im Mathematikunterricht der Oberstufe lässt die Ministerin verlauten: „Wir tragen dem technischen Fortschritt Rechnung“, was in diesem Fall heißt, dass Mittel dafür gewährt werden.109 Hiermit weitgehend kompatibel sind die Annahmen eines dem Anspruch nach „Lehrbuch[s] für die Politische Bildung“ mit dem Titel Handbuch Innovation, herausgegeben von Manfred Mai, zum Verhältnis von technischer Entwicklung/Innovation einerseits und Politik/Gesellschaft andererseits: Wie das bessere Argument in einer idealtypischen Diskussion, so setzen sich Innovationen ebenfalls zwanglos durch, weil sie älteren Lösungen überlegen sind. Einmal etabliert, gibt es kein zurück [sic]. Der Strukturwandel durch Innovationen kennt keine Reset-Taste. Das heißt: Die Welt muss mit den einmal durchgesetzten Innovationen leben und sie in irgendeiner Form aneignen. Eine Welt ohne Autos, Mobilfunk oder Internet wird es nie mehr geben.110 tes Spektrum politischer Positionen ab und reichen von Bundesministerien über Organisationen sozialer Bewegungen bis zu Parteistiftungen wie der Konrad-Adenauer-Stiftung. 109 Pressemitteilung vom 10.04.2014: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/bp/Ministerium/Presse/Pressemitteilungen/Archiv/2014_16_LegPer/PM20140410/index.html, Zugriff am 20.7.2017. 110 Manfred Mai (Hrsg.), Handbuch Innovationen. Dieses Missverständnis Habermas’scher Diskursprinzipien wäre weiterer Kommentare bedürftig, was hier nicht geleistet werden kann. (An anderer Stelle heißt es, Innovationen seien „wie die besseren Argumente im Ideal des herrschaftsfreien Diskurses: Sie setzen sich über kurz oder lang durch – und zwar zwanglos“ (ebd., S. 18). Für die Einordnung der von Mai vertretenen Positionen ist sicher nicht unwesentlich, dass er in einer Doppelrolle auftritt: Als Wissenschaftler und Herausgeber des vorgelegten „Handbuchs“, er ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, und als hoher Politikfunktionär, er ist zugleich Leiter des Referates „Innovation, Wissenschaft und Forschung“ in der Staatskanzlei NRW. 265 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Dies ist eine der sprachlichen Varianten, mit denen die Vorstellung von technischer Entwicklung als Naturgewalt und, daraus abgeleitet, von technischen Möglichkeiten als Sachzwängen erzeugt wird. 7.3.3 Innovation und Demokratie Wie das Begriffsfeld um Innovation aktuell erweitert wird und über den Gebrauch von Innovation unterschiedliche Kommunikationen verknüpft werden können, lässt sich exemplarisch an einer Publikation zeigen, die im Grenzbereich von Management, Wissenschaft und Politik anzusiedeln ist und den Titel Das demokratische Unternehmen trägt.111 Zu den wichtigsten Beiträgern gehört der Herausgeber Thomas Sattelberger bis 2012 selbst Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Telekom AG und gegenwärtig als Publizist, Vortragsredner und Politikberater tätig, die seinerzeit amtierende Ministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Shoshana Zuboff und der deutsche Soziologe Klaus Dörre. Wir konzentrieren uns auf die Beiträge Sattelbergers, die für den Zusammenhang von Innovation und Demokratie unmittelbar von Belang sind.112 111 Wolfgang Sattelberger/Isabell Welpe/Andreas Boes (Hrsg.), Das demokratische Unternehmen. Von der FAZ wurde die Publikation als „Managementbuch des Jahres 2015“ ausgerufen, vorausgegangen war ihr eine Konferenz in München mit den Beiträgern als Referenten. 112 Die weiteren Beiträge lassen sich, mit einer Ausnahme, ohne Weiteres als unterstützende Stellungnahmen von Wissenschaftlern oder exemplarische Darstellungen von Nischenphänomenen für den von Sattelberger vorgegebenen Tenor beschreiben. Die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles bringt eine bescheidene Bezeichnungsvariante ins Spiel, indem sie von „Demokratisierung in Unternehmen“ spricht, statt wie Sattelberger vom „demokratischen Unternehmen“. Im Übrigen ist ihre Position nahezu vollständig umrissen in ihrer eigenen Formulierung „Wir können mit dem Fortschritt Schritt halten …“ (ebd., S. 27). Klaus Dörre als kritischen Sozialwissenschaftler für einen Beitrag in diesem Kontext zu gewinnen, passt zum „progressiven“ Image, das Sattelberger sich zu geben bestrebt ist (vgl. auch die Selbstdarstellung auf seiner Internet-Seite). Zumindest lässt Dörre erkennen, dass auch aus seiner Sicht Produktivitätssteigerung das motivierende Element der Rede von „Demokratie in Unternehmen“ ist, Partizipation also (nur) das Mittel. Ansonsten ist es ein für einen kritischen Sozialwissenschaftler erstaunlich wohlwollender Blick auf das Thema. Für deutlich kritischere Akzente vgl. seinen Beitrag unter: http://www.linksnet.de/de/artikel/27742, Zugriff am 20.7.2017. Inhaltlich bleiben Effizienz, hier in Form maximaler Innovationsfähigkeit und -bereitschaft von Mitarbeitern und die organisationalen Strukturen, die diese ermöglichen (genannt: Demokratisierung) die zentralen 266 Weber, Innovation Schon die Hightech-Strategie der Bundesregierung hatte „innovative“ Beteiligungsformate thematisiert, also Formen, in denen Bürger ihre demokratischen Rechte auf der Ebene praktischer Politik wahrnehmen könnten (s. Abschnitt 7.1), und im Abschnitt zu Kreativität (7.2) war nicht nur die Bewirtschaftung der Ressource Arbeitskraft Th ema, es wurden auch Wertbegriff e wie individuelle Selbstbestimmung oder Autonomie ins Spiel gebracht, die als Teil von und als realisierbar nur in demokratischen Strukturen gelten. In der Sattelberger-Publikation werden nun Einzelelemente aus unterschiedlichen Gebieten verknüpft. Ein politisches Grundsatzthema, Demokratie, wird mit Wirtschaft/Führung und gleichzeitig mit Technikentwicklung, Digitalisierung/Innovation kurzgeschlossen. Hier zunächst das Begriff sfeld, das hauptsächlich aktiviert wird: Th emen der Beiträge, und Technik der große Transmissionsriemen für (auch) gesellschaftliche Veränderungen. Für die folgenden Abschnitte gilt: Ziff ern in Klammern = Seitenzahlen der Sattelberger-Publikation. - Freiheit - Souveränität - Citoyen - Unternehmensbürger - Alternative Führungsmodelle - Alternative Arbeitszeitmodelle - soziale Innovationen - Digitale Revolution - Crowd- und cloudworking - neue Arbeits-Technik-Welten Technik Führung/ Management Demokratie Quelle: Eigene Darstellung 267 7 Aktuelle Lesarten von Innovation Die Verknüpfung führt zu folgender Argumentation: Ein „wichtiger Treiber der Wirtschaft“ ist Innovation (18). Innovation braucht „Freiheit“ (18). „Freiheit“ ist „Stärkung des Individuums“ (18). Diese wird über „Kulturwandel“ erreicht und als „Demokratisierung“ bezeichnet, die wiederum „innovationsfähig“ macht.Erst bei weiteren Fragen an den Text wird deutlich, welche Sinnelemente „Stärkung des Individuums“ mit thematisiert: Das Individuum spielt in der Arbeitswelt noch kaum eine Rolle. Der einzelne Mitarbeiter wird entweder geschützt oder kontrolliert – […]. (17) Betriebsräte und Gewerkschaften müssen lernen, dass die Unmenge an Schutzrechten in den Zeiten des industriellen Turbokapitalismus nötig war, im Übergang zur digitalisierten Ökonomie jedoch zunehmend untauglich oder gar kontraproduktiv ist. (13) Unternehmen und Gewerkschaften verlieren an Macht, der Co-Unternehmer gewinnt neue Freiheiten. Dafür braucht man Anpassungen in der Gesetzgebung: im Sozialversicherungsrecht, im Arbeitsrecht, im Arbeitsschutz und im Betriebsverfassungsrecht. (17) Und schließlich wird auch noch Schumpeter als Zeuge aufgerufen: „Man darf Schumpeter und seine ‚schöpferische Zerstörung‘ nicht totregulieren.“ (15) Abgesehen davon, dass sich hier der zuvor auf den Plan gerufene „Unternehmensbürger“ (14) unversehens zum „Co-Unternehmer“ gewandelt hat, was wiederum einen ganz neuen Wissensrahmen evoziert, stimmt das, was „Stärkung des Individuums“ genannt wird präzise mit dem überein, was unter den Stichworten Flexibilisierung und Deregulierung verhandelt wird. Soziale Innovation erhält bei Sattelberger im Kontext der „Arbeitswelt 4.0“ eine Bedeutung, die im bisher skizzierten Begriff snetz neu ist und auf die implizite Hochwertkonnotation von „sozial“ verzichtet: 268 Weber, Innovation […] auch eine soziale Innovation wie crowdworking – beginnt nicht mit keuschen Idealen. Innovation beginnt häufig grau, schmutzig und ohne Ethik. Ich glaube, man muss eine soziale Innovation ein Stück weit laufen lassen, um dann zu sehen, wo normiert werden muss. (15)113 Rhetorisch versiert ist das wiederholte, vereinnahmende Einbeziehen von Begriffen aus Gegendiskursen, etwa wenn „mehr Freiheit“ gegen „tayloristische Strukturen“ (ehemals ein Thema gewerkschaftlicher Kämpfe) ins Feld geführt wird (15) oder der Begriff „Landnahme“ fällt, der von Klaus Dörre in kritischer Absicht stark gemacht wurde.114 Ähnliches gilt, wenn der Begriff „Humanisierung“ (13) gebraucht wird, zum Teil mit ausdrücklicher Referenz auf die Humanisierung der Arbeit-Projekte der 1970er Jahre – es ist eine Variante des „Begriffe-Besetzens“, das praktisch und theoretisch eine Zeitlang hohe Wellen schlug.115 Es setzt schon eine sehr distanzierte Metaperspektive voraus (um nicht zu sagen eine Menge zynischer Arroganz), um in diesem Kontext Errungenschaften der Französischen Revolution, über die Figur des „citoyen“, ins Spiel zu bringen: „Es handelt sich also um einen tradierten Begriff, der verschollen war und den ich aus dem Geröll hervorgeholt habe. Dieser Citoyen im Sinne der Werte der Französischen Revolution […].“ (14) Bezeichnungen wie „Demokratisches Unternehmen“ sind dabei wie die der „atmenden Fabrik“ oder auch der „Unternehmerischen Hochschule“ als Bilder anzusehen, deren paradoxe Konstruktion verdeckt, welche Unvereinbarkeiten sie zusammenzwingt.116 Die „atmende Fabrik“ ist eine euphemistische Chiffre für die Strategie produktivitätssteigernder Maßnahmen der effizienteren Bewirtschaftung von Arbeitskraft, die „unternehmerische Hochschule“ steht für die Umbesetzung des Begriffs 113 Was die Diskurspositionen betrifft, ist diese Lesart als Konkurrenz zu den Versionen im Umkreis des Dortmunder sfs zu lesen (vgl. Kap. 5). 114 Klaus Dörre, „Landnahme und Wachstumszwang. Grenzen der kapitalistischen Dynamik“, S. 95–114. 115 Vgl. dazu v. a. Josef Klein, Grundlagen der Politolinguistik, v. a. S. 59–114. 116 Von einer neuen Verwendungsvariante des Bildes der „atmenden Fabrik“ bei Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen berichtete die FAZ am 11.5.16. Frau von der Leyen erfand den „atmenden Personalkörper“ der Bundeswehr, was zu ganz unterschiedlichen Assoziationen und Fantasien Anlass geben kann. 269 7 Aktuelle Lesarten von Innovation „Bildung“.117 Das „demokratische Unternehmen“ kaschiert den technikgetriebenen Umbau heute noch zu großen Teilen im Rahmen des kollektiven Arbeitsrecht geregelter Arbeitsverhältnisse zu individualisierten, flexibel deregulierten Einzel-Arrangements.118 „Open Innovation“ und „Liquid Democracy“ („offen“ und „flüssig“ korrespondiert mit „flexibel“ und „dereguliert“) sind die Beteiligungsformate, die dem „Zeitalter der digitalen Wirtschaft“ (so die Formulierung im Untertitel der Sattelberger-Publikation) gemäß sind – das wird dem Leser nahegelegt.119 „Open Innovation“ ist ein Format, als dessen Intention gilt, möglichst viele potentielle Nutzer (von neuen Produkten oder Dienstleistungen) schon in den Entstehungs- und Durchsetzungsprozess von Innovationen einzubeziehen.120 Im Gegensatz zu früher üblichen Kundenbefragungen zur Sondierung der Erfolgsaussichten einer Innovation werden im Rahmen von „Open Innovation“ kreative Ideen einer großen Population abgeschöpft, aber auch mögliche Widerstände antizipiert. Was hier als partizipativer Prozess etikettiert wird, ist ein weiterer Schritt hin 117 Die Funktionslogiken der zusammengespannten Sphären sind nicht (ohne große Verluste einer Seite) kompatibel, etwa im Bereich von Zielvorgaben. Ein Unternehmen hat seinen Existenzzweck in der Erwirtschaftung von bezifferbaren Gewinnen, doch immerhin ist noch umstritten, ob z.B. eine Hochschule in gleicher Weise funktionieren soll. Detailliert zu diesem Thema zum Beispiel Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung. 118 „Wandelt sich der Betriebsrat möglicherweise in der digitalen Ära zum Shop Stewart nach dem angelsächsischen Modell, also zu einem Berater und Coach von souveränen Individuen?“ (Sattelberger, Das demokratische Unternehmen, S. 17). 119 Zur Liquid Democracy vgl. den instruktiven Beitrag von Christoph Bieber, „Innovation und politische Beteiligung. Von der Computer-Demokratie zur Liquid Democracy“, S. 189–208, der auch auf Vorläuferprojekte eingeht. Zum Stand 2012 schreibt er: „Gleichwohl ist der Einsatz von Elementen einer ‚Liquid Democracy‘ nicht auf die Piraten beschränkt: neben der Piratenpartei hat auch die SPD ein solches Verfahren bereits eingesetzt (Entwicklung eines Antrags mit der Plattform ‚Adhocracy‘ im Vorfeld des Bundesparteitags 2011) und auch der Landkreis Friesland hat sich zur Nutzung von Liquid Feedback entschlossen (vgl. https://www.liquid-friesland.de/). Die Enquete-Kommission ‚Internet und digitale Gesellschaft‘ nutzt die Software ‚Adhocracy‘ und unternimmt damit den Versuch, die Öffentlichkeit in die parlamentarische Gremienarbeit einzubinden.“ (Ebd., S. 204): https://enquetebeteiligung.de/. Der Zugriff am 20.6.2016 ergab die Mitteilung, dass die Installation „eingefroren“ wurde. 120 Exemplarisch sei hier zum Thema nur die englischsprachige Online-Zeitschrift Journal of Innovation Management erwähnt, in der das Thema „open innovation“ einen prominenten Platz einnimmt, z. B. Vol. 4, No. 4 (2016): http://www.open-jim.org/issue/archive, Zugriff am 20.7.2017. 270 Weber, Innovation zur Re-Formulierung von Nutzerinteressen und -beteiligung. Ziel ist die – kostenlose – Indienstnahme individueller Fähigkeiten.121 Im politischen Feld werden davon inspirierte „innovative“ Formate dann mit modisch tönenden Namen wie „maker spaces“, „Fab-Labs“ aufgewertet.122 Sie verdrängen nicht nur sprachlich herkömmliche, institutionell verankerte Formen demokratisch organisierter Bürgerbeteiligung.123 In der Hightech-Strategie der Bundesregierung haben die entsprechenden Beteiligungsformen noch etwas verständlichere Namen, etwa „Reallabore oder Bürgerforschung (HT, 45), die Intention ist die gleiche. „Liquid Democracy“ bezeichnet derzeit verschiedene Formen von internetbasierten Abstimmungsprozessen in Organisationen (lanciert zuerst von der Partei der „Piraten“) und kann als das Vorbild für eine ganze Reihe von Beteiligungsverfahren gelten, die ausschließlich rechnergestützt organisiert sind. Die „Verflüssigung“ bestehender, eingreifender demokratischer Partizipationsformen zu einer Reihe fantasievoll benannter, möglichst mediengestützter Verfahren mit „event“-Qualitäten kann als „Neuerung“ bezeichnet werden, die zur Innovation werden könnte. Dem entsprechen auf Seiten der Administration Entwicklungen, die das Unternehmen Google (als eines der „innovativsten“ und vor allem mächtigsten) zunächst in den USA mit dem Projekt „Government Innovation Lab“ vorantreibt und in Städten wie Chicago und New York auch schon umsetzt: die „Lösung“ 121 Hier als sensationelle Neuerung inszeniert, ließe sich das skizzierte Verfahren doch auch leicht als weitergedachte „alte“ Erfindung identifizieren: das „betriebliche Vorschlagswesen“, das im 19. Jahrhundert zuerst in den Krupp-Werken praktiziert wurde. 122 Aus der Ausschreibung einer Stelle im Rahmen eines Forschungsprojektes an der TU München vom 22.6.2015, die nicht nur das aktuell gängigste „catchword“ Inklusion ins Spiel bringt – das Projekt firmiert unter der Bezeichnung „Inklusion von Bürgern in Innovationsprozesse (maker culture)“ –, sondern auch noch die „Kultur“. (Die Stellenanzeige ist aktuell nicht mehr im Netz verfügbar). 123 Hierzu ist auch ein Kommentar der Expertenkommission Forschung und Innovation aufschlussreich: „Für die Realisierung von mehr Transparenz und Partizipation sind Prozesse zu entwickeln, die dazu beitragen, dass Bürger und gesellschaftliche Gruppen ihren Präferenzen in informierter Weise Ausdruck verleihen können.“ (EFI-Gutachten 2015, S. 28). Dass und wie hier Partizipation auf „Ausdruck verleihen“ reduziert wird, kann als Kommentar zu den entsprechenden Vorstellungen innerhalb der Hightech-Strategie gelesen werden, auf die im Text explizit Bezug genommen wird. 271 7 Aktuelle Lesarten von Innovation von Regierungsproblemen durch Algorithmen. Ob Arbeitslosigkeit oder Verkehrsprobleme, Wasserversorgung oder Kriminalität: „Der Konzern behauptet, er könne mit seiner Innovationsfähigkeit die Struktureffekte des Staates reparieren und die Verwaltung effizienter machen.“ (FAZ v. 13.10.2015) In der Bewertung unentschieden schreibt der Verfasser des Artikels: „Google liefert das Betriebssystem für die Politik. Das könnte die Legitimationsgrundlage der Demokratie verändern.“ Liest man in der Hightech-Strategie der Bundesregierung und der Digitalen Agenda von den Effekten, die den Innovationen durch Digitalisierung zugeschrieben werden (digitalisierter = „innovativer Staat“, s. o.), so ist dies sehr nah an dem, was von Google präsentiert wird: technische Lösungen für politische Probleme.124 „Innovativ“ im Sinne des früheren „neu“, „noch nie dagewesen“ ist diese Vorstellung allerdings nicht, denn es gab in den Hoch-Zeiten des Vertrauens in Technik und technischen Fortschritt der 1950er und 1960er Jahre weitreichende Modelle von Kybernetikern und Computertechnikern, die sehr ernsthaft über eine „Regiermaschine“ reflektierten, welche, nach den neuesten Erkenntnissen konstruiert, die „Rationalität“ des Regierens entscheidend fördern sollte.125 Das Neue, die Brisanz heute liegt in der zwischenzeitlich technisch möglichen Umsetzung, in ihrer Reichweite und Perfektion, das heißt in ihrer potentiell totalitären Gestalt. Google (das Unternehmen sei stellvertretend für alle kommerziellen Akteure genannt, die in diesem Feld aktiv sind) hat aber nicht nur den „Staatskörper“ im Visier, sondern auch die individuellen der Menschen: Zusammen mit einem weiteren Großkonzern, dem Pharma-Unternehmen GlaxoSmithKline, betreibt es das großangelegte Projekt „Elektromedizin“, das unter anderem Implantate entwickelt, mit denen von außen Steue- 124 Der amerikanische Publizist und Internetkritiker Evgenij Morozow bezeichnet dies als „solutionism“. 125 Eine sehr ergiebige zeitgenössische Quelle für diese Themen ist die Enzyklopädie des technischen Jahrhunderts in zehn Bänden aus den 1950er Jahren. Der 7. Band trägt den Titel Epoche Atom und Automation: „Wir dürften daher von der Regiermaschine eine Verwaltung erwarten, die sich durch unpersönlichen Rationalismus auszeichnet und bei der das Gewicht der Meinungen eine gegenüber dem heute Üblichen unbedeutendere Rolle spielt.“ (Ebd., S. 102f.). 272 Weber, Innovation rungsbefehle an das Nervensystem gegeben werden können (zur Regulierung „entgleister“ Hormonhaushalte, Stoffwechsel etc.). In einem Artikel der VDI-Nachrichten vom 2.9.2016 (zum gleichen Thema, jedoch kritisch gewendet, findet sich ein Beitrag von E. Morozov in der Süddeutschen Zeitung vom 10.8.2016) wird dazu der Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens zitiert: „Das eröffnet den Weg zu einer innovativen Medizin, die tatsächlich die elektrische Sprache des menschlichen Körpers spricht.“ Einen „Weg eröffnen …“, jemandes „Sprache sprechen …“: es sind solche positiv aufgeladenen Bilder zur Rahmung für die „innovative“ Medizin, die den Sprechern ermöglichen, vor allem ökonomische Interessen aus der Aufmerksamkeit zu manövrieren.126 Jedenfalls, dies mag die knappe Analyse zeigen, ist der Bezugsrahmen von Innovation um „Demokratie“ zu erweitern, um Entwicklungen im Blick zu behalten, die die Fokussierung auf die technische Seite der Digitalisierung nicht ohne Weiteres erschließt. 126 Ob man in diesem Zusammenhang Michel Foucault oder Klaus Theweleit, Untersuchungen der Kritischen Diskursanalyse oder feministische Positionen zu Rate zieht, die Bemächtigungsfantasien, auf die angesichts solcher Formulierungen geschlossen werden kann, sind nicht zu übersehen. Auch das ist ein Rahmen, in dem „Innovation“ inszeniert wird.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Gegenstand der von Susanna Weber vorgelegten Studie sind Stationen der Begriffsgeschichte von „Innovation“, die Beschreibung und Plausibilisierung des Übergangs in einen bzw. die Herausbildung eines Innovations-Diskurses im 20. Jahrhundert sowie die exemplarische Analyse und Kritik einzelner zeitgenössischer Kommunikationszusammenhänge, die „Innovation“ in ihrem Zentrum führen.