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6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften in:

Susanna Weber

Innovation, page 189 - 214

Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4227-4, ISBN online: 978-3-8288-7118-2, https://doi.org/10.5771/9783828871182-189

Series: kommunikation & kultur, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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189 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Man stößt dabei auf den – auch hermeneutisch – schwierigen Umstand, dass das ökonomische Wissen der letzten dreihundert Jahre die wirtschaftlichen Tatsachen geschaffen hat, mit deren Entzifferung es sich selbst konfrontiert. (Joseph Vogl1) Was Joseph Vogl in der oben zitierten Vorbemerkung zu seiner Studie Das Gespenst des Kapitals zugespitzt formulierte, regte die Auswahl der Texte an, die in den nachfolgenden Abschnitten im Mittelpunkt stehen: Lehrbücher, die Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre in das als gültig angesehene ökonomische Wissen einführen. Im vorangegangenen Kapitel standen Entstehung und Elemente eines Spezialdiskurses im Mittelpunkt, der durch den Gebrauch von „Innovation“ in Kombination mit „sozial“ gekennzeichnet ist. Diese spezifische Verwendung ist in einem universitär-wissenschaftlichen Kontext anzutreffen sowie an Schnittstellen von Wissenschaft und Politik. Es wurde beschrieben, wie „soziale Innovation“ in Diskursen erzeugt und mit bestehenden Kommunikationen sprachlich und institutionell verknüpft wurde. In diesem Kapitel wird die Spur des Ausgangswortes „Innovation“ wiederaufgenommen und in der bisher wenig untersuchten Textsorte wirtschaftswissenschaftlicher Lehrbücher untersucht. 1 Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, S. 8. Der „schwierige Umstand“, den Vogl für das Feld der Ökonomik konstatiert, spiegelt sich bei Koselleck auf der Ebene des Netzes der „neuzeitlichen Bewegungsbegriffe“, denen er die zweifache (und damit komplexe) Funktionsweise zurechnet, einerseits „Indikatoren“, andererseits „Faktoren“ geschichtlicher Veränderungsprozesse repräsentieren zu können. 190 Weber, Innovation Das zugrundeliegende Korpus besteht aus einer Auswahl von Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften.2 Die Autoren wurden nach der Auflagenstärke, was Verbreitung bzw. Verwendungshäufigkeit indiziert, ausgewählt.3 Soweit vorhanden, wurden mindestens zwei Ausgaben berücksichtigt, um mögliche Änderungen im Zeitverlauf feststellen zu können: die Erstauflage bzw. eine 1990er-Jahre-Ausgabe (nach den politischen Umbrüchen) und eine aktuell gebräuchliche Ausgabe. Im Einzelnen sind dies folgende Texte: 1. Die als „Klassiker“ geltenden Volkswirtschafts- bzw. Makroökonomielehrbücher der US-Amerikaner Paul A. Samuelson/William D. Nordhaus und N. Gregory Mankiw, die zu Vorbildern für viele nachfolgende Texte des ökonomischen „Mainstreams“ wurden. 2. Zwei einflussreiche deutsche Lehrbücher von Artur Woll und Dennis Paschke. 3. Ein „heterodoxe“ Ansichten vertretender Text von Heinz Bontrup, der gewerkschaftlichen Positionen nahesteht.4 2 Zur Geschichte der jetzt „Wirtschaftswissenschaft“/Ökonomik genannten Disziplin, die VWL und BWL umfasst, von den antiken Anfängen über die klassische Politische Ökonomie bis zur Gegenwart vgl. Jan-Otmar Hesse, Wirtschaft als Wissenschaft, Jens Maeße, Eliteökonomen; Hanno Pahl/Jan Sparsam (Hrsg.), Wirtschaftswissenschaft als Oikodizee? 3 Die hier getroffenen Aussagen zu Gebrauchs- und Verbreitungshäufigkeit stützen sich vor allem auf die im Literaturverzeichnis angegebenen Publikationen von Pahl und Maeße sowie die Verlagsangaben zu Auflagenhäufigkeit und -höhe in den entsprechenden Publikationen. Flankierend wurden die Bestände der lokalen Universitätsbibliothek durchmustert und einige betriebswirtschaftliche Praktiker im persönlichen Umfeld befragt. 4 Als „heterodoxe“ Positionen werden in diesem Zusammenhang summarisch zunächst alle von den als hegemonial zu bezeichnenden Theoriemodellen der Neoklassik abweichenden verstanden. Heterodoxe Positionen sind nicht homogen, es gibt z. T. vehemente Kritik aneinander. Als ein Beispiel für heterodoxe Positionen ist die „evolutorische Ökonomik“/„Evolutionsökonomik“ zu nennen, die Entwicklung in Anlehnung an biologische Prozesse als „Variation“ und „Selektion“ modelliert – als Gegenprogramm zu mathematisch-algorithmischen Modellen. Wie ungewöhnlich es im Kontext der akademischen Ökonomik immer noch ist, sich von den etablierten Theoremen abzusetzen, mag veranschaulichen, dass die Nachricht von der beabsichtigten Einrichtung eines Masterstudiengangs „Plurale Ökonomik“ an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Siegen es bis in den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schaffte, vgl. FAZ vom 4.4.16, S. 16. 191 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Ergänzend wurden einige mündliche Quellen zu Erfahrungen mit Lehrbüchern genutzt. 6.1 „Toxic-Textbooks“, „Textbook-Economics“ und Denkstil Die Befassung mit wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern im Rahmen dieser Studie lässt sich grundsätzlich auf verschiedene Weise rahmen und begründen: Zum einen mit Referenz auf Thomas S. Kuhns wissenschaftsgeschichtliche und -theoretische Untersuchung zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, zum anderen mit dem Verweis auf die noch „junge“ diskursanalytische Konzeptualisierung ökonomischer Wissensproduktion bei Hanno Pahl und Jens Maeße. In Thomas Kuhns wissenschaftstheoretischer Analyse repräsentieren Lehrbücher (hier: naturwissenschaftliche) die jeweils herrschenden Paradigmen eines Fachs und die gültigen Kommunikations- und Repräsentationsmuster der jeweiligen „community“, sie regulieren wie, mit welchen Modellen und Argumenten zentrale Wissensbestände modelliert werden, und vor allem wie das, was als „wissenschaftlicher Fortschritt“ bezeichnet werden kann, sprachlich in Erscheinung tritt.5 Im diskursanalytischen Ansatz von Pahl und Maeße werden ökonomische Lehrbücher als spezifische Form der Wissensproduktion und eigenes Diskursformat verstanden.6 Pahl analysiert neben materialen Elementen der vorherrschenden Lehrbuch-Ökonomik zum Beispiel Entstehung und diskursformatierende Wirkung von Modellen und Paradigmen der Mainstream-Ökonomik. Es geht ihm dabei darum, „die naturalistische Erscheinungsweise der ökonomischen Wissenschaft aufzubrechen und ihre historisch kontingente Gewordenheit offen zu legen“.7 Maeße stellt ein „Kraftfeld“-Modell vor, mit dem er unter anderem Strategien der Erzeugung von „Sichtbarkeit“ im akademischen Feld analy- 5 Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 171–185. 6 Jens Maeße, „Das Feld und der Diskurs der Ökonomie“; Hanno Pahl, „Textbook-Economics“. 7 Hanno Pahl, „Semantiken der Entkopplung, Performativität, Klassifikationsregime: Aspekte einer Soziologie des ökonomischen Wissens“, S. 85. 192 Weber, Innovation siert. Ein zentrales Stichwort ist hier „diskursive Kämpfe“.8 Pahl spricht in diesem Zusammenhang von Lehrbuchliteratur als „hegemonialer Deutungsinstanz“.9 Lehrbücher zu schreiben wurde auch von namhaften Autoren selbst als wirkungsvoller Teil sprachlicher Axiomatisierungsbestrebungen im wissenschaftlichen Feld wahrgenommen und genutzt. Pahl zitiert dazu Samuelson und Schumpeter: „I don’t care who writes a nation’s laws – or crafts its advanced treaties – if I can write its economics textbooks (Samuelson).“10 Bereits in Schumpeters klassischer Dogmengeschichte […] wurde als ‚das wichtige Symptom des Erfolgs‘ einer Theorierichtung bzw. eines ökonomischen Paradigmas das ‚Erscheinen einiger erläuternder und einführender Werke‘ angegeben (Schumpeter 2009, 1165).11 Als Hintergrund der Analyse von Thomas S. Kuhn sind die wissenschaftstheoretischen und -historischen Konzepte Ludwik Flecks zu nennen, vor allem Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache – Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv.12 Darin untersuchte Fleck vor allem, wie das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als 8 Jens Maeße, „Das Feld und der Diskurs der Ökonomie“, S. 258, 262. Maeße bezieht sich dabei u. a. auf einen in Englisch erschienenen Aufsatz Arjo Klamers in einem Band mit dem Titel Economics As Discourse. An Analysis of the Language of Economists (edited by W. S.  Samuels, Boston, Dordrecht, London 1990), der wiederum auf Kuhns Einschätzung des Stellenwertes von Lehrbüchern (textbooks) für Entstehung und Verbreitung von Wissensbeständen verweist (Klamer, p. 131). Klamers Aufsatz beruht auf der Untersuchung der Einleitungen von 12 Auflagen des Ökonomik-Lehrbuches von Samuelson/Nordhaus unter dem Gesichtspunkt der dort gebrauchten rhetorischen Strategien. Der zitierte Band enthält außerdem weitere anregende diskursanalytisch akzentuierte Texte zur Sprache der Ökonomie und der Ökonomen, etwa zur Selbstpositionierung zwischen Mathematik und Naturwissenschaften (Raymond Benton jr., „A hermeneutic approach to Economics: If Economics is not Science, and if it’s not merely Mathematics, then what could it be?“, pp. 65–89) und zu Wirtschaftswissenschaft als Ideologie (Robert L. Heilbroner, „Economics as ideology“, pp. 101–116). 9 Hanno Pahl, „Textbook Economics“ (kursiv v. Autor, S.W.), S. 369. 10 Ebd. 11 Ebd., S. 370. 12 Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935/1980) sowie Erfahrung und Tatsache (1983). Thomas Kuhn trug selbst zur „Wiederentdeckung“ Ludwik Flecks bei und nimmt Bezug auf seine Konzepte, vgl. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 8. Auch Pahl bezieht sich auf Flecks Konzepte des „Denkstiles“ und der „Denkkollektive“ bei seiner soziologisch-diskusanalytischen Untersuchung von Entstehung und Wirkung wirtschaftswissenschaftlicher Theorien und „Experten“-Gremien. 193 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften „wissenschaftliche Tatsache“ in Zeitschriften, Hand- oder Lehrbüchern erscheint, von „Denkstil“ und „Denkkollektiven“ beeinflusst wird und wie, notwendigerweise, Begriffsbildung und Bildgebrauch sowohl historisch als auch soziologisch eingebettet werden müssen. Fleck, von Profession Arzt, beschäftigte sich intensiv mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen wissenschaftlicher Forschung sowie des populären Wissens. Dabei steht die historisch-soziologische Rahmung im Zentrum. Er analysiert jedoch auch die Spezifik der sprachlichen Fassung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die wechselwirkenden Prozesse von Begriffsbildung, Denkstilentwicklung und Zirkulation in Denkkollektiven. Seine Beispiele stammen zwar im Wesentlichen aus seinem Spezialgebiet, der Medizin, die theoretischen Schlussfolgerungen gelten jedoch inzwischen als allgemein wissenschaftstheoretisch bedeutsam. Für heutige Leser ist die „Verwandtschaft“ zu diskursanalytischen Konzepten wahrnehmbar, und es gibt Versuche, beide Herangehensweisen produktiv in Beziehung zu bringen, so z. B. bei Philipp Sarasin in einem Vortrag an der ETH Zürich 2006.13 Was Fleck in diesem Zusammenhang über einführende Lehrwerke schrieb, trifft die sprachlichen und organisationalen Inszenierungen genau, die in diesem Kapitel untersucht werden. Jede didaktische Einführung ist also wörtlich eine Hineinführung, ein sanfter Zwang. […] Die Einweihung in einen Denkstil, also auch die Einführung in eine Wissenschaft sind erkenntnistheoretisch jenen Einweihungen analog, die wir aus der Ethnologie und Kulturgeschichte kennen. Sie wirken nicht nur formell: der heilige Geist senkt sich auf den Neuling herab und bis jetzt Unsichtbares wird ihm sichtbar. Dies ist die Wirkung der Aneignung eines Denkstiles.14 13 Der Vortrag wurde im Rahmen des Fleck-Kolloquiums am 10. Mai 2006 an der ETH Zürich gehalten unter dem Titel „Foucaultsche Diskursanalyse vs. Fleck’sche Soziologie des Denkens“, Ankündigung und Abstract sind verfügbar unter: https://www.fleckzentrum.ethz.ch/fileadmin/user_upload/_imported/fileadmin/user_upload/lfz_pdf_events/fleckolloquium_A5.pdf. 14 Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 137. 194 Weber, Innovation Die Formierung des „Denkstiles“ wird von Fleck definiert als veränderliches, aber stabiles „gerichtetes Wahrnehmen mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen“.15 Sie erfolge zum einen durch die professionellen Problemdefinitionen, zum anderen durch die Art der Urteilsbildung und die disziplinären Methoden, die üblicherweise im Rahmen von Einführungen vermittelt werden.16 Vor dem Hintergrund der unübersehbaren Bedeutung der Ökonomie als „politisches Zentralgebiet“ und der überwiegenden (unmittelbaren) Unanschaulichkeit ökonomischer Phänomene ist die Erwartung naheliegend, dass sich die Ökonomik als besonders „bildbedürftig“ erweist.17 Nach der (noch nicht beendeten) Serie weltweiter politisch-ökonomischer Krisen seit Anfang des neuen Jahrhunderts wurden die „mainstreameconomics“ und ihre Vertreter zwar ungewohnt kritisch befragt.18 Ökonomische Lehrwerke gerieten aber erst in jüngerer Zeit in den Blick. Zum Beispiel machte seit der jüngsten Finanzkrise eine Gruppierung mit der 15 Ebd., S. 1. 16 Ebd., S.  129ff. Auf eine aktuelle Variante Denkstil-formatierender Praxis (ohne Bezug auf Fleck) weist ein Aufsatz Kendra Brikens hin, in dem sie die gegenwärtig gebräuchlichen Praxen von „peer-reviewed“-Zeitschriften-Beiträgen analysiert. Sie kommt u. a. zu dem Schluss, dass „die derzeit genutzten Methoden und Instrumente Cliquenbildung befördern und ‚dezentes mainstreaming‘ betreiben, weil sie Wissenschaftlern nahelegen, stets die forschungspolitischen Implikationen ihres Handelns zu erwägen […]“. Kendra Briken, „Vermessene Soziologie“, S. 96. In ihrem Aufsatz zu „Denkstil und Sprache(n) in den Wissenschaften“ in der Zeitschrift für angewandte Linguistik (2011), S. 1–22, analysiert Sabine Ylönen u. a. Denkstil-Zwänge im Zusammenhang mit Konventionen betr. Publikationen in Zeitschriften, die sich u. a. durch die Vorgabe ausschließlich englischsprachiger Veröffentlichungen und Zitationspraxen ergeben. In einem – im Vergleich etwa zu Innovations-Management-Publikationen – anspruchsvolleren Segment der Innovationsforschung wurden Ähnlichkeiten und Unterschiede der Ansätze Kuhns und Flecks diskutiert, z. B. in Alexander Peine, Innovation und Paradigma, der im Rahmen seiner Studie „Epistemische Stile in Innovationsprozessen“ analysiert. Eines der zentralen Themen darin ist die „Pfadabhängigkeit“ von Innovationsprozessen (die sich aus der Persistenz von Denkstilen ergeben kann) und die Rolle von (technologischen) Paradigmen für wissenschaftliche Neuerungen. Verweise auf Fleck finden sich auch in Arbeiten zur „Historischen Innovationsforschung“, z. B. bei Uwe Fraunholz/Thomas Hänseroth, Ungleiche Pfade?, S. 10. Terminologisch wurde inzwischen die Rede von „Pfadabhängigkeiten“ immer häufiger abgelöst vom Gebrauch des Begriffs der „Innovationskultur“. „Innovationskultur“ ist eines der zahlreichen Komposita mit „Innovation“, die die „Anziehungskraft“ von „Innovation“ bezeugen, aber auch die des Deutungsmusters „Kultur“ (Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur). 17 Clemens Knobloch, „Metaphern in der politischen Kommunikation“, S. 3. 18 Hanno Pahl differenziert hierbei zu Recht zwischen journalistisch-populistischen und substanzielleren Einlassungen. 195 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Bezeichnung „Toxic – Textbook – Initiative“ von sich reden.19 Schon seit 2000 gibt es die Initiative „Postautistische Ökonomik“, die sich mit theoretischen wie handlungspraktischen Defiziten der herrschenden ökonomischen Modelle und Theorien auseinandersetzt, im Besonderen mit den zutage getretenen Unzulänglichkeiten der davon abgeleiteten Prognosen.20 Sie fordert unter anderem, innerhalb der universitären Ausbildung auch alternativen ökonomischen Denkansätzen Raum zu geben.21 Ob und inwieweit sich „heterodoxe“, kritische Positionen im Gefolge der jüngsten wirtschaftlichen Verwerfungen zukünftig in Lehrwerken Geltung verschaffen werden, könnte, gerade mit Bezug auf Konzepte Kuhns und Flecks, ein interessantes Thema zukünftiger Studien sein. Dass fiktionale Texte mit analytischem Interesse an ökonomischen Gegenständen untersucht werden, ist nicht neu, deutlich neuer ist, dass ökonomische/ökonomienahe Texte aus sprachwissenschaftlich informierter Perspektive betrachtet werden.22 19 Die Website dieser Gruppe, auf die Pahl hinwies, ist zurzeit nicht verfügbar. 20 Aktueller Name ist „Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.“: https://www.plurale-oekonomik.de/ home/, Zugriff am 20.9.2016. 21 Hanno Pahl, „Textbook Economics“, S. 370. Dieser Aufsatz von Pahl entfaltet die Argumente zur Bedeutung des ökonomischen Lehrbuchwissens im Detail und bietet insgesamt eine kritische Sicht auf wirtschaftswissenschaftliche Theorie- und Dogmenbildung. Thematisch einschlägig für das Thema auch die Sammelbände hg. v. Jens Maeße (Hrsg.), Ökonomie, Diskurs, Regierung und Rainer Diaz-Bone/Gertraude Krell (Hrsg.), Diskurs und Ökonomie. Neben akademischen Ökonomen und engagierten Aktivisten haben sich in jüngster Zeit außerdem unterschiedlich akzentuierte, kapitalismus-kritische Publikationen (z. T. von Nicht-Ökonomen) eingereiht wie die der französischen Schriftstellerin Viviane Forrester, Der Terror der Ökonomie oder des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals. Die viel beachtete Studie Vogls erzeugte nicht nur Resonanz in den eigenen Reihen, sondern auch bei Diskursanalytikern und Ökonomen, vgl. z. B. Pahl/Sparsam (Hrsg.), Wirtschaftswissenschaft als Oikodizee? Große Aufmerksamkeit erhielt auch Das Kapital im 21. Jahrhundert des französischen Ökonomen Thomas Piketty, 2014 auf Deutsch erschienen. Die enorme Bedeutung von Lehrbüchern wurde im Übrigen auf anderen Feldern durchaus schon früher wahrgenommen, etwa in den Auseinandersetzungen um Perspektiven auf geschichtliche Ereignisse der Gegenwart in Schulbüchern für den Geschichtsunterricht im Rahmen der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Zu Geschichte und Materialien der Kommission: http://deutsch-polnische.schulbuchkommission. de/geschichte.html, Zugriff am 20.7.2017. 22 Exemplarisch für das Erstgenannte: Hans-Christoph Binswanger, Geld und Magie (u. a. zu Goethes Faust); ein Tagungsband von Christine Künzel/Dirk Hempel (Hrsg.), Finanzen und Fiktionen, für das Zweite instruktive Beiträge: Deirdre McCloskey, „Ökonomen leben in Metaphern“, S. 109–124, die einer Richtung zugerechnet wird, die als „New Economic Criticism“ bekannt wurde. McCloskey äußerte sich als Ökonomin sehr dezidiert zum fiktionalen Charakter öko- 196 Weber, Innovation Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaft (hier der VWL) erweisen sich dabei als bemerkenswerte Textsorte für den sprachwissenschaftlichen Blick. So findet sich in den hier zugrundeliegenden Texten z. B. eine Kombination aus deskriptiv-narrativen Textteilen und Passagen, die auch einem mathematischen Lehrbuch entstammen könnten, mit Formeln, Gleichungen, Kurven und Diagrammen, die nahezu alle Elemente des Phänomens „Wirtschaft“ modellieren zu können beanspruchen. Der eine Teil scheint einer Linie zu folgen, die Pahl mit ironischem Unterton als „Verbalökonomik“ apostrophiert.23 Der andere Teil könnte mit dem Wahlspruch der Cowles-Kommission „science is measurement“ charakterisiert werden und verweist auf den starken Einfluss ökonometrischer Konzepte auf wirtschaftswissenschaftliche Aussagen.24 Die „Verbalökonomik“ zeichnet sich durch den Gebrauch eindrücklicher Sprachbilder aus, von denen das der „unsichtbaren Hand“ (Adam Smith) das bekannteste und die Konstruktion des „homo oeconomicus“, des jederzeit maximal informierten und konsequent nutzenmaximierenden Marktteilnehmers der neoklassischen Wirtschaftstheorie, eines der wirksamsten ist.25 Exemplarisch sei hier auf eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit der einflussreichsten Lehrbuchautoren Samuelson und Mankiw hingewiesen: beide gebrauchen bei der Rahmung für Anliegen und Anspruch ihrer Wissenschaft einschlägige naturnahe Analogien: nomischer Texte. Dazu auch Michael Horvath, „Vielfalt der Deutungen statt exakter Modelle?“, S. 45–66. Unter der Frage: „What can quantitative linguistics tell us about operations and outlook of the international financial institutions?“ untersuchen die Autoren Franco Moretti und Dominique Pestre in einem Aufsatz der New Left Review (92, April 2015, S. 7––––9) „[t] he language of World Bank Reports“ und veranschaulichen eindrücklich, wie mit bestimmten sprachlichen Operationen (z. B. Nominalisierungen) Intransparenz hergestellt wird. Die FAZ vom 3.6.2015 veröffentlichte (immerhin) einen Beitrag zu dieser Publikation, aber nicht ohne den ideologiekritischen Ansatz der Autoren mit herablassender Note zu diskreditieren („sprachkritische Überinterpretation“). 23 Hanno Pahl, Überleben als heterodoxer Ökonom. Wissenschaftssoziologische Befunde und Handreichungen, insbesondere Modellierungen betreffend. Working Paper der DFG-KollegforscherInnengruppe Postwachstumsgesellschaften, Nr. 04/2013, Jena. 24 Jan-Otmar Hesse, Wirtschaft als Wissenschaft, S. 337. 25 Zu Geschichte und Wirkung dieser außerordentlich wirkungsvollen Metapher vgl. z. B. Heinz- Dieter Kittsteiner, Naturabsicht und Unsichtbare Hand. 197 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Der unbezähmbare Konjunkturzyklus, der den Kapitalismus während des 19. Jahrhunderts heimgesucht hat, ist inzwischen zahmer geworden, aber er ist noch kein Schoßhund.26 Genau wie die Ägypter versucht haben, die Überschwemmungen des Nils durch den Bau des Assuan-Staudamms in den Griff zu bekommen, so versuchen auch die modernen Industriegesellschaften, das Problem konjunktureller Schwankungen durch geeignete wirtschaftspolitische Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Das in den nächsten Kapiteln zu entwickelnde Modell zeigt, wie geld- und fiskalpolitische Maßnahmen den Konjunkturzyklus beeinflussen.27 (Kursivierung: S.W.) Was auf den ersten Blick eher disparat erscheinen mag, die Kopplung von mathematisch modellierten Theorieteilen mit wilden Tieren oder Naturkatastrophen, erhält auf den zweiten Blick Konsistenz und Plausibilität, denn der durch die Aufspannung des Tableaus von Naturmetaphern konstruierte Gegner (Überschwemmung, wilde Tiere) wird so als beherrschbar durch quasi-naturwissenschaftliche Instrumente (Statistik, Ökonometrie mit ihren Formeln und Schaubildern) vorgestellt.28 Ein zentrales, grundsätzlich bedeutsames Paradigma der modernen Wirtschaftswissenschaft, die (partielle) Steuerungsmöglichkeit ökonomischen Geschehens, wird hier mit Hilfe von Bildern aus sehr unterschiedlichen Quellen gezeichnet: (kultur-)historisch, als Prozess der Domestizierung und ingenieurwissenschaftlich-architektonisch durch den Bau von 26 Paul Anthony Samuelson, Volkswirtschaftslehre (1987) S. 326. Von Samuelson stammt auch die Formulierung von der Wirtschaftswissenschaft als „Queen of Social Sciences“ (zitiert nach Pahl, „Textbook Economics“, S. 139). Auch Arjo Klamer in „The Textbook Presentation of Economic Discourse“ zitiert diese Formulierung (p. 135). 27 Gregory N. Mankiw, Makroökonomik (1998), S. 252. 28 In einem Aufsatz von 2014 mit dem Untertitel „Diskursanalytische Untersuchungen zur Hegemonie neoklassischer Wissenschaftskultur nach 1945“ richtet Hanno Pahl seine Aufmerksamkeit vor allem auf die sprachliche Modellierung wirtschaftswissenschaftlicher Texte, die nicht zuletzt auf die „Kämpfe um […] disziplinäre Hegemonie“ (192) verweisen und auf die Funktion von Zuschreibungen ästhetischer Qualitäten in Bezug auf Theoriemodelle wie das der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie“ von Say. Zugespitzt hebt Pahl hervor, „in welcher Weise bereits das originäre ‚mathematische Skelett‘ der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie metaphorisch ‚kontaminiert‘ ist, weil es sich massiven Konzeptübernahmen aus der Physik des 19. Jahrhunderts verdankt“ (ebd., 209). Vgl. dazu die Schumpeter’sche Interpretation, die die „Wirtschaftslehre“ als Quelle der o. a. Metaphern behauptet (s. Kap. 2). 198 Weber, Innovation Dämmen.29 Dieser Registerwechsel kann als Zeichen für besonderen Plausibilisierungsbedarf gelesen werden. Die eigenartigste, durch ihre physische Präsenz kurzzeitig besonders wirkungsvolle Visualisierung des Themas war Anfang der 1950er Jahre die sogenannte „Phillips-Maschine“. Der neuseeländische Ökonom A. W. H. Phillips entwarf und baute eine hydraulisch gesteuerte Anordnung von Plexiglasgefäßen, Schläuchen und Röhren, die die Abläufe der gesamten Volkswirtschaft nachbilden sollte, und zwar nach den Keynes’schen Modellvorstellungen. Mit oder ohne distanzierenden Unterton wurde später vom „hydraulischen Keynesianismus“ gesprochen.30 Ein anderes Beispiel für rahmensetzende Metaphorik liefert die aktuelle (2010) Auflage des Samuelson/Nordhaus-Lehrbuches zur Volkswirtschaftslehre. Gleich nach dem Inhaltsverzeichnis wird als Exposition ein „Plädoyer für eine Ökonomie der Mitte“ gehalten. Die Inszenierung ist zwar etwas schief (ein „Plädoyer“ wird im Herkunftsfeld, der Jurisprudenz, erst am Ende eines Prozesses vorgetragen), aber der klassische Topos der „Mitte“ als sicherer und guter Ort wird geradezu beschwörend in Szene gesetzt. In einem eineinhalbseitigen Text kommen vor: „Auflage der ökonomischen Mitte“ (gemeint ist die aktuelle Auflage des Lehrbuchs), „Position der Mitte“, „Weg der Mitte“ (mehrfach), „Mittelweg“, „Wirtschaft der Mitte“, „begrenzte Ökonomie der Mitte“. Seinerseits gerahmt wird dieser 29 Diese Perspektive nahm Mankiw ausdrücklich ein in seinem Aufsatz „The Macroeconomist as Scientist and Engineer“ im Journal of Economic Perspectives, 20(4) 2006, pp. 29–46. In diesem Aufsatz beschreibt er entlang einer Reihe von Polaritäten Unterscheidungen, die in Bezug auf den „mainstream“ des ökonomischen Diskurses verhandelt werden: Ökonomen als Wissenschaftler oder Ingenieure (wobei den Wissenschaftlern das „Verstehen“ am wichtigsten sei, den Ingenieuren das „Problemlösen“); klassische Nationalökonomie versus Keynesianer; langfristige Perspektive/kurzfristige; und schließlich neoklassische Synthese versus neue neoklassische Synthese. Letzterer rechnet er sich selbst zu und äußert im Übrigen die Hoffnung, dass sie mehr Einfluss gewinne auf die praktische Politik. 30 So zum Beispiel in einem online veröffentlichten Text von Thorsten Hild: http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/2013/08/welcher-keynes-darf ’s-denn-sein-von-christian-christen/, Zugriff am 20.7.2017. Weitere Details zur Phillipsmaschine vgl. Jan-Otmar Hesse, Wirtschaft als Wissenschaft, Einleitung. Im Karlsruher Museum für neue Künste ist noch ein Exemplar der Phillipsmaschine zu sehen. 199 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Teil des Textes durch eine apodiktische Formulierung zu „Fortschritt“ im ersten Satz: „Wissenschaft bedeutet Fortschritt.“ Und mit einer Art Beschwörungsformel im Schlusssatz, wiederum mit „Fortschritt“ im Zentrum, endet der Abschnitt: Nur wenn es uns gelingt, unsere Gesellschaft auf einen Weg der Mitte zurückzuführen, kann die globale Wirtschaft zur Vollbeschäftigung zurückkehren, und nur dann werden auch die Früchte des Fortschritts wieder gerechter verteilt werden.31 Was hier mit Ludwik Flecks theoretischen Annahmen im Hintergrund als Besonderheit des „Denkstiles“ skizziert wird, der spezifische Gebrauch von Metaphern in ökonomischen Texten, lässt sich ergänzend mit Bezug auf Jürgen Links Konzept der „Kollektivsymbolik“ verdichten. Die oben genannten Bilder von „Fluten“ und „Dämmen“ lassen sich so als Symbole lesen für (drohende) Grenzüberschreitungen und das Plädoyer für die „Mitte“ als vehemente Beschwörung (wiederherzustellender) „Normalität“. Mit Links Konzept einer „homöostatischen Kollektivsymbolik“, die Metaphern wie „Gleichgewicht“, „Mitte“, „Symmetrie“ enthält, die auch Bestandteile der „Mainstream-Ökonomik“ sind, lassen sich auch die expansiven Elemente wie Wachstum und Innovation integrieren: „Wachstum“ und „Innovation“ werden als die notwendigen dynamisierenden Elemente imaginiert, die aber immer wieder zum Gleichgewicht, zur „Mitte“ tendieren.32 „Die Gleichgewichtstheorie ist die Brille, durch welche Ökonomen die Welt sehen“, heißt es bei Jens Reich, Ökonom und Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank.33 Gegen das Modell (aber auch davon ausgehend) des Gleichgewichts, das tragende Paradigma der neoklassischen Ökono- 31 Paul A. Samuelson/William D. Nordhaus, Volkswirtschaftslehre (2010). Hier, wie auch an einigen anderen Stellen mag sich eine Spur von Irritation durch die noch anhaltenden Krisen identifizieren lassen, was die Autoren jedoch nicht davon abhält, im Folgenden etwa von den „dauerhaften Wahrheiten“ der Ökonomie zu sprechen (ebd., S. 11), die auch einmal „brutal“ sein können (ebd., S. 23). 32 Gerald Becker/Ute Gerhard/Jürgen Link, „Moderne Kollektivsymbolik“, S. 92f. 33 Jens Reich, „Zwischen Utopie und Heterotopie“, S. 188. 200 Weber, Innovation mik, brachte Schumpeter seine Theorie der Konjunkturzyklen und der Innovationsdynamik in Stellung.34 6.2 „Innovation“ in Standardwerken der Volkswirtschaftslehre Unsere bisherige Untersuchung legt nahe, das Vorkommen des Ausdrucks „Innovation“ vor allem in bestimmten Umgebungen zu erwarten, zum Beispiel als Kookkurrenz zu Wachstum, (Konjunktur-)Zyklen, Wettbewerb oder als Synonym für „technischer/technologischer Fortschritt“, Neuerung, Erfindung. Diese Umgebungen wurden daher auch gezielt aufgesucht. Die kursorische Lektüre der übrigen Textteile ergab weitere Fundstellen, die in der folgenden Beschreibung einbezogen wurden.35 Unsere Aufmerksamkeit ist vor allem auf folgende Aspekte gerichtet: In welcher Gestalt kommt das Thema Innovation in den Lehrbüchern vor? Welche der Bedeutungselemente aus dem bisherigen Gebrauch werden aktualisiert? In welchen Verknüpfungen taucht Innovation auf und was ist daraus abzuleiten? Wie schon in den vorangegangenen Kapiteln wird der Ausdruck „Innovation“ als eine Art Leitsonde verwendet, mit der in Texten nach Verwendungsweisen geforscht werden kann. 6.2.1 N. Gregory Mankiw: Makroökonomik und Grundzüge der Volkswirtschaftslehre36 Zur Einordnung des Autors hier nur wenige Hinweise: Mankiw schrieb neben seiner Lehrtätigkeit Lehrbücher zur Volkswirtschaftslehre und zur Makroökonomik und war Berater der Regierung von George W. Bush. Inhaltlich vertritt er maßgeblich die „neoklassische Synthese“, d. h. sein Theo- 34 Auf der anderen Seite förderte er Aktivitäten der Vertreter ökonometrischer Konzepte, die wesentliche Annahmen der klassischen Ökonomik in Form von Gleichungen modellierten. 35 Wir beanspruchen nicht, definitiv alle Vorkommen von „Innovation“ berücksichtigt zu haben, jedoch die wesentlichen. 36 Zitiert wird aus Gregory N. Mankiw, Makroökonomik (1998), Makroökonomik (2011) (zitiert als Makro + Jahres- und Seitenzahl), Grundzüge der Volkswirtschaftslehre (2004 und 2012) (zitiert als Grundzüge + Jahres- und Seitenzahl). 201 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften riegebäude beruht sowohl auf (neo-)klassischen Konzepten wie auf solchen aus der Theorie von Keynes. Seine Einführung in die Volkswirtschaftslehre ist das gegenwärtig am weitesten verbreitete ökonomische Lehrbuch. Nicht zufällig war 2011 eine Lehrveranstaltung Mankiws Schauplatz studentischer Proteste gegen das aus ihrer Sicht unzulängliche Theorie- und Methodenrepertoire der Ökonomie-Lehrveranstaltungen. Beim ersten Zugriff fällt auf, dass weder in der 1998er Erstausgabe der Makroökonomik noch in der von 2011 „Innovation“ im Sachregister oder Glossar aufgeführt ist. Die Ausgabe von 1998 kommt auch im Text ohne die Verwendung von „Innovation“ aus, stattdessen erscheint in den erwarteten Zusammenhängen „technologischer Fortschritt“ als generalisierender Begriffsname, die Bezeichnung, die auch in Sachregister und Glossar beider Ausgaben zu finden ist. Erwartungsgemäß findet sich der Gebrauch von „technologischer Fortschritt“ konzentriert in den Kapiteln zum Thema „Wachstum“ (Makro 1998, 91–138; Makro 2011, 243–326, ein deutlich umfangreicherer Teil). „Innovation“ wird in diesem Zusammenhang ebenfalls mehrfach gebraucht (nur Makro 2011). Im Wesentlichen kommt „technologischer (technischer) Fortschritt“ in folgenden Wortverbindungen und Kausalkonstruktionen vor: als „die dritte Quelle ökonomischen Wachstums“ (Makro 1998, 116f.), als ursächlich für die „anhaltende Zunahme des Lebensstandards“ (Makro 1998, 118, 124), als „technologische Veränderungen“ (Makro 2011, 284, 308), „exogener technologischer Fortschritt“ (Makro 2011, 284), „arbeitsvermehrender technologischer Fortschritt“ (Makro 2011, 285) und als verantwortlich für das „Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens“ (Makro 2011, 301). Technologischer Fortschritt führe zu „Gewinnern und Verlierern“ (Makro, 310) und die Erhöhung der Rate des technologischen Fortschritts sei „Aufgabe der Politik“ (Makro 2011, 722). Die „Kern“-Ressource von „technologischem Fortschritt“ bei Mankiw ist die Steigerung der (Arbeits-)Produktivität. Technischer Fortschritt ist dabei eine reine Rechengröße, als „dritter Faktor“ extrapoliert aus dem 202 Weber, Innovation Produktionsfaktorenmodell des Wachstums nach Solow mit den Hauptfaktoren Kapital und Arbeit, und nicht empirisch verifizierbar. Innovation erscheint in den Varianten „von wissenschaftlichen und technologischen Innovationen“ (Makro 2011, 307), „technologischer Innovationsprozess“ (ebd., 309), „Innovationen“ und Unternehmen (ebd.), „Innovationen“ und Forschung und Entwicklung (ebd.), „innovative Unternehmer“ (ebd., 310), „Innovation“ und „schöpferische Zerstörung“ (ebd., 310, mit Verweis auf Schumpeter). Die Gebrauchsvarianten und Kopplungen von „technologischer Fortschritt“ und „Innovation“ lassen den Schluss zu, dass für Mankiw aus der Perspektive der Makroökonomik also „technologischer Fortschritt“ die plausible generalisierende Bezeichnung ist für das einerseits qualitative (Steigerung des Lebensstandards, i. e. des Pro-Kopf-Einkommens), andererseits dynamisierende Element (Wachstum) einer Volkswirtschaft. Innovationen erscheinen (nur) aus mikroökonomischer Perspektive (hier: aus Sicht eines Unternehmens) bedeutsam, als Realisierung des technologischen Fortschritts in Form neuer Güter. Zwei Besonderheiten der sprachlichen Form des VWL-Lehrbuches („Grundzüge“) sind noch der Erwähnung wert. Zum einen ist dies der Kontrast zwischen wiederholten Formulierungen von Unbestimmtheit und Unsicherheit („kann“, „manchmal“, „gewöhnlich“) und scheinbarer Evidenz, nahegelegt durch eine Vielzahl von Gleichungen, Kurven und Statistiken. Vor allem im einleitenden Kapitel „Zehn volkswirtschaftliche Regeln“ wird dies deutlich. Eine „Regel“ kündigt im normalen Sprachgebrauch eine stabile Kausal-Konstruktion an. Bei Mankiw findet man erstaunliche Varianten: Regel Nr. 5: Durch Handel kann es jedem besser gehen 203 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Regel Nr. 6: Märkte sind gewöhnlich gut für die Organisation des Wirtschaftslebens Regel Nr. 7: Regierungen können manchmal die Marktergebnisse verbessern (Grundzüge 2012, 10, 11, 13) Womöglich wird jedoch die Inszenierung des Lehrbuches als Speicher des „angesammelten Wissens unserer Disziplin“ (Vorwort) gerade glaubhafter durch diese Konstruktion, mit der Einwände „pariert“ werden, die mathematisch modellierte Substanz jedoch unberührt bleiben kann. Ein weiteres auffallendes Element ist der Gebrauch von Metaphern bzw. Kollektivsymbolik zur Konfirmierung von Theorieelementen.37 Die Herkunftsbereiche sind meist Physik, Kybernetik, Biologie und Psychologie. Einige Beispiele: „monetärer Transmissionsmechanismus“ (Grundzüge 2012, 400) – Physik „animal spirits“ der Investoren (ebd., 405) – Biologie/Psychologie „Kapitalströme“ (ebd., 462) – Geowissenschaften/Physik „Opferverhältnis“ (ebd., 501) – Psychologie „Hysteresis“ (ebd., 506) – Kybernetik.38 Der Registerwechsel dient hier zur Bekräftigung des Anspruchs ökonomischer Theorie, bei der Modellierung von Aussagen wie die Naturwissenschaften zu prozessieren.39 Als Elemente zur nicht expliziten, aber dennoch eindeutigen Rahmung eines Themas können auch dramatisierende Analogien dienen. Mankiw nutzt dies in Bezug auf den „technologischen Fortschritt“ eindrücklich: Im Zusammenhang mit der Referenz auf Schumpeter und seiner Formulierung von der „kreativen Zerstörung“ (Grundzüge 2012, 311) spricht er davon, dass es in diesem Prozess „Gewinner und Verlierer“ gebe. Als Beispiel nennt er die Einführung des mechanischen Webstuhls im 19. Jahrhundert, auf die „aufrührerische Arbeiter“ mit der Zerstörung der Maschinen rea- 37 Vgl. z.B. Deirdre McCloskey „Ökonomen leben in Metaphern“, S. 109–124. 38 Psychologische Forschungen werden seit einigen Jahren verstärkt auch in wirtschaftswissenschaftlichen Theorien rezipiert, z. B. im Rahmen der „Verhaltensökonomik“. 39 Diesen Anspruch erhebt Mankiw explizit, vgl. Grundzüge 2012, S. 23. 204 Weber, Innovation giert und die „Häuser der Fabrikbesitzer“ in Brand gesetzt hätten (ebd., 310). „Gewinner“ seien „die Konsumenten“ gewesen, die sich jetzt billiger einkleiden konnten. „Die gut ausgebildeten Weber sahen jedoch ihre Arbeitsplätze […] gefährdet und reagierten mit gewalttätigen Revolten.“ Mit einer ironischen Geste setzt Mankiw in Klammern hinzu: „(eine weniger kreative Form der Zerstörung)“ (ebd.) und vergisst auch nicht zu erwähnen, dass die Aufstände blutig niedergeschlagen wurden. Auf diese Erzählung folgt als jüngeres Beispiel für die „kreative Zerstörung“ der Hinweis auf Widerstände lokaler Einzelhändler gegen die weitere Verbreitung des Einzelhandelsriesen Wal-Mart und die explizite Analogie: Mit der Aussicht, Opfer der kreativen Zerstörung zu werden, rufen alteingesessene Produzenten oft nach der Politik, damit diese den Markteintritt neuer, effizienterer Wettbewerber unterbinden möge. Die Weber im England des 19. Jahrhunderts verlangten von der Regierung ein Verbot der Verbreitung neuer Textiltechnologien, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Das Parlament schickte stattdessen allerdings Truppen, um die Aufstände der Weber zu unterdrükken. Mit ähnlicher Intention haben in der jüngeren Vergangenheit örtliche Einzelhändler manchmal versucht, Regulierungen wie Flächennutzungspläne und Bebauungspläne zu nutzen, um Wal-Mart daran zu hindern, in ihren Markt einzutreten. (Grundzüge 2012, 311) Der Zynismus dieser Passage ist bemerkenswert, und sie ist einprägsam. Was von ihr haften bleibt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der nahegelegte (Kurz-)Schluss: „Widerstand gegen technologischen Fortschritt ist aufrührerisch, gewalttätig, Revolte“ (hier kann man eine „alte“ Bedeutung von „Innovation“ durchtönen hören – Aufstand, Ketzerei, allerdings „umgedreht“). Demokratischer Widerstand (über Versuche, bestehende Regulierungen zu beeinflussen) wird gleichgesetzt mit „Gewalt gegen Sachen“. Damit ist er delegitimiert und kann dem geschichtsblinden Klischee der „sinnlosen Maschinenstürmerei“ subsumiert werden. Die Figur des fortschrittsfeindlichen Technik- oder Innovationskritikers gegen Einwände in Stellung zu bringen, gehört seit langem zum Bestand öffentlicher politi- 205 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften scher Kommunikation und lässt sich als Hintergrund (oder implizite Redefigur) noch in aktuellen Debatten finden.40 6.2.2 Lehrbücher deutscher Autoren Dennis Paschke (2007): Grundlagen der Volkswirtschaftslehre – anschaulich dargestellt In Dennis Paschkes Lehrbuch Grundlagen der Volkswirtschaftslehre von 2007 finden sich auf vergleichsweise engem Raum (331 Seiten) die Mainstream-Positionen in starker Verdichtung und in einem bemerkenswert selbstgewissen „Ton der Evidenz“ (Bourdieu).41 Die zwölf Kapitel werden jeweils eingeleitet durch die Exposition der „Lernziele“, die meist als Behauptungen formuliert sind – zum Beispiel: „Ein freier Außenhandel führt nicht zur Ausbeutung der armen Länder, sondern bietet ganz im Gegenteil beiden beteiligten Handelspartnern einen Vorteil.“ (VWL 2007, 141) An einigen Stellen werden Irritationen sichtbar, etwa wenn eine Formulierung gebraucht wird wie „Langfristig müsste sich der Wohlstand international angleichen.“ (VWL 2007, 299) – so das letzte der Lernziele zum Kapitel „Wachstum“, die vorhergehenden waren im Stil normativer Gewissheiten formuliert, in Wendungen wie „ist … [von Bedeutung]“, „sind … [reicher]“ und „hat … [eine höhere Wachstumsrate]“. „Innovation“ ist bei Paschke einerseits definiert durch eine Kausalitätszuschreibung – „Innovation ist eine Folge technischen Wissens“ (ebd., 40 Dies gilt nicht nur für Vertreter der „einschlägigen“ Interessen, wie Unternehmen/Arbeitnehmer. Auch innerhalb von Gewerkschaften wurde die Rolle der Technik v. a. im Rahmen drastischer Veränderungen durch Automatisierungsprozesse, wie etwa in der Druckindustrie der 1970er/80er Jahre sehr kontrovers verhandelt. Vgl. dazu Karsten Uhl, „Maschinenstürmer gegen Automatisierung?“, S. 157–179, und Andie Rothenhäusler, „Die Debatte um die Technikfeindlichkeit in der BRD in den 1980er Jahren“, S. 273–294. In jüngster Zeit z. B. fühlte sich der amtierende Vorsitzende des DGB, Reiner Hoffmann, veranlasst, im Rahmen der aktuellen Digitalisierungskampagnen zu beteuern: „Moderne Maschinenstürmerei hilft niemandem.“, in: Reiner Hoffmann/Claudia Bogedan (Hrsg.), Arbeit der Zukunft, S. 19. 41 1. Aufl. 2000, die 5. (aktualisierte, im Wesentlichen unveränderte) Ausgabe erschien 2007 mit einer Auflage von 27000 Exemplaren, hier zit. als VWL 2007. 206 Weber, Innovation 291), andererseits durch die Situierung in einem eindeutig technischen Kontext (ebd., 280, 307). Der Wirtschaftspolitik wird in diesem Zusammenhang die Aufgabe zugeschrieben, „den Wettbewerb“ zu garantieren und zu „deregulieren“ (ebd., 292). In nicht mehr als Reminiszenzen werden auch Gegendiskurse angespielt: „Die Gefahren, die hierbei von neuen Technologien ausgehen können, gilt es mit effi zienten Systemen zu beherrschen.“ (Ebd.) Gegenüber potentiell kontroversen Innovationen argumentieren längst nicht mehr nur neoklassische Ökonomen mit dieser Konstruktion – Risiken von Technik werden durch „mehr“, „bessere“, „andere“ Technik beseitigt –, sondern inzwischen auch eine wachsende Gruppe „grüner“ Politiker.42 Das Begriff sfeld, in dem „Innovation“ bei Paschke erscheint, ist sehr überschaubar, den Rahmen erhält es durch die Aufgabenbestimmung von Wirtschaftspolitik: 42 Zum Beispiel plädierten in einer FAZ-Kolumne vom 12.8.2014 Kerstin Andreae, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag dafür, u. a. den „Standort Deutschland“ durch die Nutzung der Digitalisierung für ökologische Zwecke zu profi lieren. Quelle: Eigene Darstellung Innovation De-Regulierung Technisches Wissen Wachstum Erfindungen / Neuerungen Gefahrenabwehr I i 207 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften Artur Woll: Volkswirtschaftslehre43 Auch in Artur Wolls 1969 in erster und 2011 in 16. Aufl age erschienenem Lehrbuch Volkswirtschaftslehre enthält das Stichwortverzeichnis weder „Innovation“ noch „technischer Fortschritt“. Im Text sind die Bezeichnungen jedoch an mehreren Stellen anzutreff en, und zwar im Kapitel zu „Wachstum“. „Innovationen“ erscheinen als „wissenschaftliche und technologische Innovationen“ (Woll 2011, 397), „technischer Fortschritt“ wird defi niert als „Verbesserung der Produktionsfaktoren“ durch „Erfi ndungen und Neuerungen“ (ebd., 373). Woll erwähnt Schumpeter und seine „Innovationstheorie“ explizit als maßgebliche Referenz (ebd., 506). Zum zentralen Th ema Wachstum äußert er sich zurückhaltend, es gebe nicht „die“ Defi nition von Wachstum (ebd., 372), und „[w]enn der modernen Wachstumstheorie Wirklichkeitsferne nachgesagt wird, beruht das auf der Simplizität ihrer Aussagen“ (ebd., 377). Das Lehrbuch von Woll unterscheidet sich von den Texten Mankiws oder Paschkes vor allem dadurch, dass er bei seinen methodologischen Refl exionen auch kritisch auf die fachliche Praxis von Wirtschaftswissenschaftlern blickt. Er formuliert zum Beispiel dezidiert die unterschiedliche Bedeutung und Reichweite von (ökonomischen) Modellen, Hypothesen, Th eorien und Visionen. Vor allem gegenüber Prognosen, der Domäne von Gremien wirtschaftswissenschaftlicher Experten, die „regierungstaugliches Wissen“ produzieren, äußert er Vorbehalte: „Es gibt keine wissenschaftlich haltbare Begründung für quantitative Wachstumsprognosen in einer Marktwirtschaft.“ (Woll 2011, 397) Während Woll mit solchen Einlassungen zumindest Einblicke in den „Denkstil“ von Ökonomen erlaubt, ist z. B. das Lehrwerk von Mankiw geradezu so komponiert, dass die Rahmungen gleich am Anfang des Textes ganz bestimmte Denkweisen vorordnen: In Kapitel 1 werden „10 volkswirtschaftliche Regeln“ (s. o.) eingeführt, in Kapitel 2 wird im Rahmen einer Erklärung der Funktion von Modellen behauptet, dass die Volks- 43 Artur Woll, Volkswirtschaftslehre, zitiert wird die Ausgabe von 2011. 208 Weber, Innovation wirtschaftslehre „wie eine Naturwissenschaft ist“ (Mankiw 2004, 37) und schließlich wird die Metapher von der „unsichtbaren Hand“ (Adam Smith) eingeführt, und zwar nicht als Symbol, sondern als Tatsachenbehauptung: „Eines unserer Ziele mit dem vorliegenden Buch besteht darin, verständlich zu machen, wie die unsichtbare Hand ihren Zauber entfaltet.“ (Mankiw 2004, 11) Eingebaut in solche denkstilprägenden Vorgaben erhalten alle später eingeführten Elemente ihre Bedeutung und ihr Gewicht. Im Vergleich dazu sind Wolls Reflexionen zur Wissenschaftlichkeit der Ökonomie, zu Reichweite und Güte von Theorien und Modellen bemerkenswert differenziert und nüchtern: „Das schmale Fundament überprüfter und bestätigter Theorien ist leicht zu übersehen.“ (Woll 2011,18) Heinz-J. Bontrup: Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie44 Das Lehrbuch dieses Autors, der sich als Vertreter gewerkschaftsnaher Positionen einordnen lässt, unterscheidet sich in Bezug auf die Verwendung von „Innovation“ und des zugehörigen Begriffsfeldes nicht substantiell von den bisher zitierten Texten. „Innovation“ und der als Synonym gebrauchte Ausdruck „technischer Fortschritt“ nehmen keine hervorgehobene Stellung ein, ihr Gewicht und der Akzent ergeben sich durch den konkreten Kontext. Auch bei Bontrup wird „Innovation“ in der Regel mit „technischer Fortschritt“ gleichgesetzt und als Wachstumstreiber eingeordnet (Bontrup 2004, 53, 176, 534). Allerdings werden auch die mitgesetzten „Nebenfolgen“ deutlich kritisch benannt: Rationalisierungseffekte durch Produktivitätserhöhung im Zuge technischer Neuerungen, also Arbeitsplatzverluste (ebd., 534f.) und die destruktiven Auswirkungen von Wettbewerbsprozessen sowie der unlimitierte Ressourcenverbrauch (ebd., 185). In der Kompensation dieser Formen von „Marktversagen“ sieht Bontrup die Aufgabe 44 Heinz-J. Bontrup, Volkswirtschaftslehre (2004). 209 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften des Staates. Er bezieht sich explizit auf Schumpeter, und die semantischen Facetten im Gebrauch von Innovation entsprechen weitgehend denen, die schon bei Schumpeter aufzufinden sind, zum Beispiel Wettbewerb als Prozess der „schöpferischen Zerstörung“, Monopolgewinne durch Innovationen. Technik- und wachstumskritische Argumentationen werden bei Bontrup integriert, der grundsätzliche Rahmen (die kapitalistische Ökonomie) bleibt jedoch unangetastet. 6.2.3 Paul A. Samuelson/William D. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre – Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie45 Jenseits der inhaltlichen Implikationen der Theorien und Modelle von Samuelson/Nordhaus laden die verwendeten Rahmungen und sprachlichen Stilmittel geradezu ein, sie auch mit sprachkritischem Blick zu betrachten. 45 Zitiert wird als Samuelson + Jahreszahl der Ausgabe und die Seitenzahl. Die Ausgabe 1987 erschien in zwei Teilbänden (zit. als 1 und 2). Seit mehreren Ausgaben firmiert als Ko-Autor William D. Nordhaus, Lehrstuhlinhaber an der Yale-University. Wettbewerb Wettbewerbshysterie (185) Schöpferische Zerstörung (177) Innovation / Technischer Fortschritt Wachstum Grenzen (581) Rationalisierung (534) Konjunkturzyklen Überinvestition (56) Überproduktion (59) Quelle: Eigene Darstellung 210 Weber, Innovation Beispielhaft und komprimiert enthält etwa das Nachwort der Ausgabe von 1987 eine Vielzahl von rhetorischen Elementen zur Erzeugung von Zustimmung. Angefangen beim durchgehenden Gebrauch vereinnahmender „wir“ und „uns“ – Anrufungen: „Wir haben in unseren Ausführungen und Untersuchungen eine lange Wegstrecke gemeinsam zurückgelegt“ (Samuelson 1987/2, 726) über die Zitierung von „Autoritäten“ – neben Keynes, Carlyle und Malthus auch Martin Luther King [sic] – bis zum Gebrauch einer Vielzahl von weit verbreiteten Metaphern und Allegorien. Die Verwendung von biblischen Topoi gibt dem Text streckenweise die Anmutung einer „Predigt“: Da ist die „lange Wegstrecke“, die gemeinsam durchmessen worden sei (ebd., 726), von „Heimsuchungen“ ist die Rede (gemeint sind: Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut). „Prophezeiungen“ des Jeremias (eines biblischen Propheten) werden aufgerufen und eine, die angeblich John Maynard Keynes abgegeben habe (ebd.). Das „Reich der Glückseligkeit“ kommt vor (das allerdings noch nicht unmittelbar vor der Türe stehe) und das „Brot, das im Schweiße unseres Angesichts“ verdient werden müsse (ebd., 728). Die „Erlösung“, die in diesem heilsgeschichtlichen Tableau dann eigentlich kommen müsste, wird nicht direkt ausgemalt, jedoch mit der Anspielung auf Martin Luther Kings „I have a dream-Rede“ als Realisierung eines Traumes evoziert. Als Abschluss und Höhepunkt zitieren Samuelson/Nordhaus, leicht abgewandelt und ohne Quellenangabe, die üblicherweise dem Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal zugeschriebene Formulierung von den Gründen des Herzens, die der Verstand nicht kenne (ebd., 728) (was die Wirtschaftswissenschaften berücksichtigten sollten) und finden noch einen ganz neuen Ort für sie, und zwar abweichend von der bisher üblichen Situierung zwischen Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften „zwischen der Kunst und der Wissenschaft“ (ebd., 728). Diese Einladung an die Spezialisten für das „Fiktionale“ wurde inzwischen angenommen. Im Übrigen enthält das nach eigenem Anspruch, aber auch nach den empirisch verifizierbaren Verbreitungs- und Anwendungszahlen „interna- 211 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften tionale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie“ von Samuelson/ Nordhaus bis zur aktuellen Auflage (2010, 19. Aufl.) in Bezug auf „Innovation“ und die zugehörigen Elemente des Begriffsfeldes keine bedeutsamen Unterschiede im Vergleich zu den bisher gesichteten Lehrbuchtexten. Innovation erscheint z. B. im Glossar mit Verweis auf Schumpeter (Samuelson 1987/1, 682; 1987/2, 746). 1998 enthält das Glossar „Innovation“ nicht, der Index ganze zwei Textstellen mit „Innovation“ (einige mehr zu „technischer“ Innovation bzw. zu „technologischem Fortschritt“); im Text erscheint sie als eine der Ursachen für Konjunkturschwankungen (1987/1, 316) und als Wachstumsfaktor (1987/2, 573). Schumpeter dient noch an weiteren Stellen als Referenz, und zwar in z. T. „eigenwilliger“ Interpretation, z. B. im Zusammenhang mit der Rolle von Großunternehmen und Monopolen oder mit Unternehmensgewinnen (1987/2, 184f.). Im Anhang zum Wachstums-Kapitel (1987/2, 592) widmen die Autoren eine ganze Seite der angeblichen „Wachstumstheorie“ Schumpeters (seine „Konjunkturzyklen-Theorie“ wird als solche deklariert), und spätestens hier wird eine Verschiebung in der Verwendung von „Innovation“ deutlich: aus dem dynamischen Element der wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus bei Schumpeter ist hier „Innovation“ zum Wachstumstreiber geworden, und Wachstum ist das (als unendliche Progression gedachte) magische Element der neoklassischen Ökonomik.46 Mit einer ähnlichen Figur wie der, mit der Innovation und Wachstum kurzgeschlossen werden, verknüpfen Samuelson/Nordhaus in der Ausgabe von 2010 beide mit „Fortschritt“. Das Kapitel zu Wachstum vermittelt sehr eindrücklich eines der Axiome der herrschenden Ökonomik: Innovationen sind Grundlage des „technischen Wandels“, der zu immer mehr Wohlstand führt. Wohlstand beruht auf Wachstum, wesentliches Element ist der „technische Fortschritt“. Daraus ergibt sich die (anhaltend einflussreiche) Trias von Wachstum/Wohlstand/(technischem) Fortschritt. In der 46 Schumpeter unterschied klar zwischen den Phänomenen „Wachstum“ und „Entwicklung“ (vgl. Kap. 2), dazu auch Karl Bachinger, „Innovation, das Entwicklungsphänomen, der ‚Mann der Tat‘ und die ‚hedonische Masse‘“, S. 16f. 212 Weber, Innovation zugehörigen Grafik (Samuelson 1998, 617; 2010, 749) ist auch noch der mittlere Teil der Gleichung weggelassen, sie benennt die Wachstumsfaktoren und setzt sie gleich mit „Fortschritt“. Weitere Verschiebungen im semantischen Repertoire von Innovation sind in der Ausgabe von 2010 angedeutet. Ökonomen selbst werden hier als „Neuerer“ und „Erfinder“ bezeichnet, welche „Innovationen in der Volkswirtschaftslehre“ hervorbrächten (2010, 11), wie z. B. die Anwendung ökonomischer Prinzipien auf Umweltprobleme und Verhalten, und zum ersten Mal ist von „Innovationen in der Politik“ (2010, 11) die Rede. Dass „Innovation“ als Bezeichnung inzwischen inhaltlich gedehnt und aus dem ursprünglichen Anwendungsfeld expandiert ist, schlägt sich nun auch in diesem einflussreichen Lehrbuchtext nieder. Die Sichtung einer Reihe einschlägiger (einführender) Betriebswirtschaftslehrbücher zeigt, dass diese nahezu vollständig ohne das Thema Innovation auskommen.47 Dessen ungeachtet ist das Thema in den meisten BWL-Studiengängen präsent, z. B. in Form inzwischen zahlreicher Lehrstühle. Deren Denominationen weisen häufig die Kombination Innovations- und Technologie- Management auf und beruhen auf der paradigmatischen Modellierung von „Innovation“ als technikdominiertem, steuerungsfähigem und -bedürftigem Prozess, dessen Ergebnis messbare Innovationen zu sein haben. Im Rahmen der als Voraussetzung für Management-Karrieren begehrten (oft auch außeruniversitären) MbA-Ausbildungen hat „Innovations-Management“ einen festen Platz.48 Auch ihrem Anspruch nach kritische Positionen zur herrschenden Ökonomie, wie sie zum Beispiel in ihrer aktuellen Publikation die Öko- 47 Zum Beispiel Günter Wöhe, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre; Hal R. Varian, Grundzüge der Mikroökonomik; Henner Schierenbeck/Claudia B. Wöhle, Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre. Die jüngste Ausgabe der Einführung in die Betriebswirtschaftslehre von Dietmar Vahs/Jan Schäfer-Kunz (2015) enthält einen Abschnitt zum Innovations-Management. 48 Dass und wie sich die wissenschaftliche betriebswirtschaftliche Innovationsforschung an den Modellen und Paradigmen anderer Disziplinen orientiert, ist nachzulesen in einem von Wolfgang Burr 2014 herausgegebenen Sammelband zu Theorien, Konzepte(n) und Methoden der Innovationsforschung, hier v. a. im Beitrag von Burr selbst (S. 11–40). Bezugswissenschaften sind z. B. Psychologie, Politikwissenschaft, Biologie. 213 6 Innovation in Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften nomin Mariana Mazzucato vertritt, die „Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum“ erzählen will, erweist sich die Kopplung von Innovation und Wachstum als zentrales Theorieelement.49 Abweichend von der Mainstream-Theorie plädiert die Ökonomin allerdings für eine andere Rolle (und eine andere Bewertung) des Staates, eine mehr „unternehmerische“ (im Sinne Schumpeters) und für „symbiotische“ statt „parasitäre“ Beziehungen zwischen Staat und privaten Unternehmen.50 Mazzucato verwendet in ihrer Argumentation eine Variante aus dem „Nachhaltigkeits-Diskurs“, indem sie die Elemente Innovation, Wachstum, Nachhaltigkeit und Staat anders verknüpft. „Eine grüne industrielle Revolution starten“ heißt es dort, hier tönt das alte „Fortschritts“-Motiv durch.51 Die folgende Beschreibung des „unternehmerischen“ Staates klingt noch nach dem Planungsoptimismus früherer Zeiten.52 Zusammenfassend lässt sich für die Lehrbücher des untersuchten Korpus bilanzieren, dass im Rahmen der behandelten ökonomischen Theorien „Innovation“ und „Innovationen“ (mit durchgängiger Referenz auf Schumpeter, aber ohne dessen Einbettung in die kapitalistische Ökonomie) bis in die aktuelle Gegenwart als Kern technologischer/technischer Veränderungen und „Treiber“ wirtschaftlichen Wachstums eingeordnet werden. Diese Verknüpfungen bilden ein stabiles Muster terminologischer Fixierung. 49 Mariana Mazzucato, Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum. Mazzucato ist Ökonomin und Professorin in Science and Technology Policy an der Universität Sussex, berät die europäische Kommission zu Fragen wirtschaftlichen Wachstums und ist Vorstandsmitglied eines britischen „Umwelt-Think-Tanks“ (Klappentext). 50 Mazzucato, ebd., S. 211–230. Der metaphorische Gebrauch der Polarität von „symbiotisch“ und „parasitär“ ist ein weiteres Beispiel für die Neigung von Ökonomen zu Metaphern, besonders zu biologischen. Auf diese Weise lässt sich geschichtlich Gewordenes in „Natur“ (gegebenes) umdeuten. 51 Mazzucato, ebd., S. 147–181. „Grünes“ Wachstum ist auch ein beliebtes Motiv „grüner“ Parteien geworden, dies jedoch nicht unumstritten. (Mäßig) kritisch dazu z. B. Reinhard Loske, Wie weiter mit der Wachstumsfrage? Eine kritische Einschätzung bietet Ulrich Brand, Schöne grüne Welt. Über die Mythen der Green Economy. Als Gegenkonzepte gelten Initiativen wie „Degrowth-“ oder „Postwachstumsbewegungen“. Auch diese stehen in der Kritik. Sei es wegen stark moralisierender und individualisierender Argumentationen, sei es wegen der Distanz zu eingreifenden (etwa radikal kapitalismuskritischen) Ansätzen. 52 Mazzucato, ebd., S. 79ff. 214 Weber, Innovation In den zitierten Lehrbüchern besetzt „Innovation“ zwar keinen sichtbar herausragenden Platz, vor allem im Vergleich zur Allgegenwärtigkeit des Ausdrucks im Feld nationaler und internationaler politischer Verlautbarungen seit Ende der 1990er Jahre. Die skizzierte Kopplung von Innovation, (technischem) Fortschritt und Wachstum ist jedoch zentraler Bestandteil des Lehrbuchwissens und damit wesentliches Element des vermittelten Kanons.53 Die grundlegenden Annahmen und Argumentationsfiguren blieben in den Lehrbüchern langfristig stabil, trotz kontrastierender empirischer Erkenntnisse und Erfahrungen aus den wiederkehrenden Krisen des ökonomischen Systems.54 53 Dazu u. a. Leonhard Dobusch/Jakob Kapeller, „Wirtschaft, Wissenschaft und Politik“, S. 389– 404, ein Aufsatz zu Entstehung und Kritik der Dominanz neoklassischer Theorie in der Lehre, zur Rolle von Lehrbüchern, Berufungs- und Zitationspraxen zu ihrer Stabilisierung. 54 Akteure, die am möglichst unveränderten Weiterbestehen der etablierten ökonomischen Ordnung besonders interessiert sind, wie zum Beispiel die arbeitgebernahe „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (ISNM), machen sich seit Jahren stark für die Implementierung von (mehr) „ökonomischer Bildung“ in allgemeinbildenden Schulen, also eine Art „ökonomischer Früherziehung“ des zukünftigen „Humankapitals“.

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Zusammenfassung

Gegenstand der von Susanna Weber vorgelegten Studie sind Stationen der Begriffsgeschichte von „Innovation“, die Beschreibung und Plausibilisierung des Übergangs in einen bzw. die Herausbildung eines Innovations-Diskurses im 20. Jahrhundert sowie die exemplarische Analyse und Kritik einzelner zeitgenössischer Kommunikationszusammenhänge, die „Innovation“ in ihrem Zentrum führen.