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5 Coaching praktisch – auf dem Weg zum Selbsterleben in:

Thomas Hanstein

Selbstmanagement - mit Coachingtools, page 51 - 68

Ressourcen erkennen, nutzen und pflegen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4196-3, ISBN online: 978-3-8288-7116-8, https://doi.org/10.5771/9783828871168-51

Series: Tectum - Ratgeber

Tectum, Baden-Baden
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51 5 Coaching praktisch – auf dem Weg zum Selbsterleben Coaching nach diesem Verständnis sieht sich als Hebammenkunst26. In diesem Bild bleibend, würde weder von außen einwirkendes Pressen oder Ziehen eine Geburt beschleunigen. Es wäre vielmehr ein Eingriff in einen natürlichen Prozess. Wie im Geburtsvorgang die Gebärende darüber entscheidet – vorausgesetzt, die Geburt verläuft aus medizinischen Gesichtspunkten ohne Komplikationen –, welche Techniken für sie passend sind, was sie ausprobieren möchte und welche Unterstützung sie annehmen will, ist im Coaching der Klient derjenige, der nicht nur mit dem „Kopf “ festlegt, was für ihn stimmig ist – sondern ein Gespür, ein „Bauchgefühl“ dafür entwickelt (bzw. bereits ausgeprägt hat). Auf das Coaching übertragen, ist es hier die „Geburt“ einer neuen Idee, z. B. der Aha-Effekt, mit Achtsamkeit gegenüber sich selbst und ein wenig Übung anders als „eingeschliffen“ – und von anderen erwartet – reagieren zu können, oder auch durch eine Veränderung der Perspektive „aus dem Tunnelblick“ herausgekommen zu sein, so neue Möglichkeiten fürwahr zu halten und mit Unterstützung im Coaching dann auch praktisch – im besten Fall nachhaltig – einzunehmen. Ganzheitlich angelegtes Coaching setzt dabei, nach den oben27 skizzierten wissenschaftlichen Grundlagen, auf die Integration des Körpers. Denn auch – buchstäblich – in diesem sitzen alle wesentlichen Informationen über den aktuellen Zustand, der der Klient ins Coaching einbringt. Insofern spielt das Körpergefühl auch an mehreren Phasen des Gespräches eine Rolle. So kann es bei der Be- 26 („Mäeutik“, nach Sokrates) 27 Vgl. Kap. „Neurowissenschaftliche Fundierung“ sowie „Systemisches Coaching“. 52 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools schreibung der Ausgangssituation herangezogen werden, z. B. wenn Klienten darüber klagen, dass eine aktuelle Belastung zu viel ist. Denn bereits umgangssprachlich finden sich Körperzustände in Redewendungen, ohne dass die tieferliegende Bedeutung in der Regel bewusst gemacht wird. Beispiele dafür könnten sein: „etwas nicht mehr schultern können“, „das Gefühl zu haben, dass einem der Boden entgleitet“, „zu glauben, sein Rückgrat zu verlieren“ oder dass in bestimmten Situationen „einem der Atem stockt“. Dieses mitgebrachte Erleben kann somit auch körperlich ausgedrückt werden (bzw. ist in der Regel bereits erkennbar), sollte aber – wie oben erklärt – zur Vermeidung der Problemtrance im Coaching an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Die wichtigste Phase für die Integration des Körpergefühls ist die Musterzustandsänderung. Mit zielgerichteten Fragen kann der Coach das Gespür des Klienten befördern, z. B.: „Wo spüren Sie es genau in Ihrem Körper, diese neue Freiheit, die Sie jetzt für sich entdeckt haben?“ Darauf lässt er ihn beschreiben, was – genau – er fühlt. Atmung, Herz- und Pulsschlag sowie die Körperhaltung können diese Wahrnehmung der körperlichen Signale (somatische Marker28) unterstützen. Die Änderung des Musters ist (für den Coach) auch körperlich sichtbar: Wenn der Klient z. B. beim Beschreiben eines Zielbildes eine andere, gelassene Körperhaltung einnimmt, sich sein Gesicht auflockert, er vielleicht sogar lächelt. Alle diese Reaktionen des Körpers laufen auf der unbewussten Ebene. Sie signalisieren eine – wenn auch momentane – ganzheitliche Veränderung, auf der im Coaching – auf dem Weg zum Ziel und zur Lösung – nun weiter angesetzt wird. Kernfragen können an dieser Stelle z. B. sein: „Was können Sie tun, um diesen Zustand zu bewahren?“ oder: „Wie sichern Sie dieses Gefühl für die beschriebene Situation an Ihrem Arbeitsplatz?“ Zuvor ist es in der Regel wichtig, dem Klienten die Wirkung seiner Veränderung zu spiegeln: Das, was er innerlich gefühlt hat, hat sich auch „nach außen“ gezeigt. Da es unbewusste Regungen waren, ist es wichtig, dass der Coach diese Signale beschreibt. In der Regel führt dieses Spiegeln zu einer Verstärkung der Empfindung und zur Bewusstmachung der Körpersignale. Die körperorientierte Psychotherapie unterstützt diesen somatischen Ansatz u. a. durch die Untersuchungen zum felt sense („gefühltes Wissen“). Dem ist das jeweilige Thema, mit dem der Klient das Coaching aufsucht, 28 Soma: Körper/Leib (griech.), vgl. Kap. „Ressourcen und innere Bilder“. 53 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben nicht nur rational erfasst, sondern er hat auch eine gewisse Intuition dafür, worum es geht. Auch dieses gefühlte Wissen findet sich umgangssprachlich, z. B. wenn jemand berichtet, was ihn „gerade umtreibt“. Da wir Menschen – aufgrund unserer Persönlichkeit, frühkindlicher Bindungserfahrungen und unbewusster Vermeidungsstrategien – einen unterschiedlichen Zugang zum „felt sense“ haben, kann dieses Gespür bei dem einen Klienten klarer ausgeprägt sein als bei einem anderen. Insofern ist es hier die Aufgabe des Coachs, die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Symbolisierungen und Bilder (die vom Klienten kommen sollten) können dabei unterstützen, das gefühlte Wissen von der vorsprachlichen auf die sprachliche Ebene zu übertragen. Bei Klienten (erfahrungsgemäß zumeist Männern, die in der Regel sehr erfolgreich und auffallend diszipliniert sind), die das Körpergefühl eher „abtun“ wollen als es weiter zu beachten, kann u. U. der Rückblick zur (eigenen oder als Vater erlebten) Kindheit helfen. Denn Kinder haben (noch) ein untrügliches Gefühl für sich und ihren Körper – und finden, bevor sie zu sprechen beginnen, Mittel und Wege, dieses auszudrücken. (Vgl. Rome, 2016.) Selbstkonzept und Kongruenz: Was wir sind und was wir sein können … Jeder Mensch entwickelt ab seiner Kindheit ein „Bild von sich selbst“. Dieses „Bild“ wird in der Psychologie Selbstkonzept genannt. Menschen machen Erfahrungen durch Interaktion mit anderen Menschen, die wiederum unterschiedlich auf sie reagieren. Dadurch entsteht eine Vorstellung von dem „was“ ich bin und „wie“ ich bin. Die soziale, zwischenmenschliche „Inter-Aktion“ beeinflusst dabei die „Intra-Kommunikation“ des Individuums, als eigenes Verhältnis zu sich selbst, zu seinen Gefühlen, Haltungen und Bewertungen. Ein gesundes, positives Selbstkonzept bleibt dabei offen für neue Erfahrungen mit anderen Menschen. Der entsprechende Mensch kann die neuen Erfahrungen in sein Selbstkonzept integrieren, ohne dies selbst in Frage stellen zu müssen. Diese Aspekte können auf den oben bereits angesprochenen personenzentrierten Gesprächsansatz Rogers‘ und die dort eingeführten Begrifflichkeiten übertragen werden: Aktualisierungstendenz meint hier die Grundannahme, dass tief in jedem Menschen der Wunsch nach Entfaltung und zur Umsetzung seiner Wünsche gegeben ist. Man geht hier davon aus, dass sich 54 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools Menschen entwickeln wollen. Kinder z. B. überlegen nicht, ob sie nach einem Sturz wieder aufstehen, sie wollen weiterkommen und lassen sich z. B. im Laufen lernen nicht aufhalten. Organische Bewertungstendenz bezeichnet den individuellen Abgleich, welche Erfahrungen als lohnenswert angesehen werden und welche abzuwehren sind. Sie setzt bereits einen Grundschatz an Erfahrungen voraus und äußert sich nicht nur sprachlich und rational, sondern drückt sich somatisch aus, deshalb der Zusatz „organisch“. Die Selbstaktualisierungstendenz strebt danach, das Selbstkonzept den jeweiligen Herausforderungen anzupassen, es zu „aktualisieren“. So genannte Verzerrungen – die sich auch körperlich zeigen können – entstehen dann, wenn eine neue, unliebsame Erfahrung das Selbstkonzept in Frage stellt, weil die Psyche dieses Korrektiv abwehrt (vgl. Pawlik 2006; http://lexikon.stangl.eu/4925/selbstkonzept). Dieser Zusammenhang kann an einem Beispiel verdeutlicht werden. Eine leitende Angestellte äußerte sich im Mitarbeitercoaching so: „Obwohl ich diese Aufgabe nicht übernehmen wollte, habe ich mich von meinem Chef wieder breitschlagen lassen. Er weiß einfach, wie er mich rumkriegt. Und ich habe mich auch noch freundlich und mit zuckersüßer Stimme bei ihm für das Gespräch bedankt […] Dabei hätte ich das sagen müssen, was ich gefühlt habe und was ich eigentlich auch auf der Zunge hatte: Ein deutliches und klares, nicht gesäuseltes ‚Nein’!“29 Im Gespräch beschreibt die Frau ihre Körperhaltung und betrachtet ihren Gesichtsausdruck, als sie die Szene wiederholt. Sie analysiert, „dass das alles nicht echt“ gewesen sei, „sondern irgendwie nur gespielt“ – was der Chef aber nicht gemerkt habe (oder nicht bemerken wollte). Im Ansatz nach Carl Rogers wäre dieser Aspekt das Bedürfnis nach Kongruenz: echt sein und sich auch echt geben zu dürfen. Je größer diese Erfahrung eines Menschen ist bzw. sein darf, je offener kann sein Selbstkonzept sich entfalten. Dieser Zusammenhang verdeutlicht, dass der Mensch sich und sein Selbstbild nur in zwischenmenschlicher Interaktion weiterentwickeln kann. Das Gleiche gilt für die Wahrnehmung von Inkongruenzen, denen mit den oben genannten Haltungen des personenzentrierten Ansatzes sensibel begegnet werden kann. 29 Bsp. aus der Praxis des Autors. 55 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben Neben dem Bild bzw. Konzept, das der Einzelne von sich hat, bildet der Mensch auch ein subjektives Gefühl darüber aus, wie seine Einstellung zum eigenen Ich ist. Im Coaching kann man sich dem Selbstwertgefühl durch die Arbeit mit dem jeweiligen Selbstbild nähern. Der gefühlte Selbstwert steht mit dem sozialen Umfeld in Zusammenhang: Als Sozialwesen ist der Selbstwert des Menschen abhängig von einer Grundakzeptanz durch andere Menschen. Auf der anderen Seite kann ein Mensch mit einem gesunden und angemessenen Selbstwert dann auch situationsadäquat der Welt und seinen Mitmenschen begegnen, da er ein Gespür für Authentizität und innere Freiheit hat, und dieses in stimmige Handlungen überführen kann. Destruktive Verhaltensweisen indes, Sozialängste, Probleme mit Nähe und Distanz gegenüber anderen Menschen oder auch narzisstische Persönlichkeitszüge – die sich nicht selten in Führungsetagen finden lassen –, weisen auf mögliche Verletzungen des Selbstwertgefühls hin. Wo es eine echte Stimmigkeit zwischen Selbstkonzept, Selbstbild und sozialer Rolle gibt, zeigt sich diese nicht nur an gelungener Interaktion mit Kollegen und Mitarbeitern, sondern in der Regel auch an einem hohen Maß an persönlicher Zufriedenheit. Auf der anderen Seite ist die Unzufriedenheit – wenn sie längere Zeit anhält und auf keinen Anlass alleinig bezogen werden kann – nicht selten ein Indikator für Entwicklungspotenzial an einem dieser Aspekte – und oft ein Ausgangspunkt für die Anfrage zum Coaching. Archetypen und innere Landschaft: Ihre inneren Mitspieler einladen … Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung hat den Begriff der Archetypen in die Psychologie eingeführt. Auch wenn er dies selbst vermutlich nicht geteilt hätte, werden spätere Kollegen über ihn z. B. so urteilen: „Jung ist ein homo religiosus, der mit bemerkenswerter Suggestivkraft uralte Glaubenssymbole als Wegweiser für eine moderne Daseinsordnung anpreisen kann.“ (Rattner, 2011, S. 87) Archetypen sind „Urvorstellungen, die seit Urzeiten genetisch übernommen und allen Menschen gemeinsam sind (…). Diese urtümlichen Bilder von bestimmten Bedeutungsgehalten offenbaren Symbole, wie sie zu allen Zeiten und Völkern lebendig waren“ (Genius, 1988, S. 150). Archetypen repräsentieren „universale psychologische Strukturen, die in allen Kulturen und Epochen für unsere 56 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools Entscheidungen relevant sind (und) spiegeln sich wider in Kunst, Literatur, Mythen, Träumen und Symbolen“ (Feige, 2007, S. 144. So drücken sich Archetypen z. B. in frühen Höhlenzeichnungen oder in Mandalas aus. Nicht nur im religiösen Bereich, sondern auch in der Welt der Märchen finden Archetypen Verwendung, so hauptsächlich die Klassiker König, Magier, Held, Weiser oder auch der Narr. Ähnlich verhält es sich mit der heute weit verbreiteten Fantasyliteratur, was für die Zeitlosigkeit dieser Lehre spricht. Die Archetypenlehre wurde mehrfach und in ganz verschiedenen Bereichen – Psychologe wie Marktforschung – aufgegriffen. Der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann (1902–1979) unterschied, aufbauend auf diesen Ansatz, vier tiefenpsychologische Grundformen der Angst, später weiter ausgebaut als Grundformen der Motivation, die sich anhand der Archetypen versinnbildlichen und in der Entwicklung und Gestaltung von Marken berücksichtigen lassen: das Bedürfnis nach Ordnung/Sicherheit entgegen dem Wunsch nach Wandel/Risiko, sowie das Bedürfnis nach Nähe/Bindung entgegen dem Wunsch nach Distanz/Selbstentfaltung (vgl. Riemann, 1961; Thomann, 1988). In dieses Koordinatensystem hinein können die Archetypen platziert werden, auch um Menschen als Konsumenten adäquat anzusprechen. Archetypen haben ihren Sitz im kollektiven Unbewussten, Menschen sind jedoch aufgrund ihrer kulturellen Prägung für den einen oder anderen Typ empfänglicher. Die Darstellung und auch die Zählung der Archetypen existieren heute in verschiedenen Ausprägungen. Eine zahlenmäßige Festlegung wie die genaue Begrifflichkeit spiegeln immer auch die jeweiligen kulturellen Codes wider. So kann beispielhaft der Archtetyp des Königs synonym als Herrscher definiert werden – wovon wiederum abhängig ist, wie Herrschaft gesellschaftlich konnotiert ist. Ebenso kann der König mit dem Archteyp des Beschützers oder auch des Weisen zusammenfallen, wenn die jeweilige Gesellschaft entsprechende Helden als Muster kennt. Die Ratgeberliteratur unterscheidet zudem in weibliche und männliche Archetypen. Insofern seien hier nur einige wesentliche Archetypen vorgestellt: 57 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben Archetyp - Beispiel Charakteristika Bedeutung im Berufsleben Schöpfer Visionär, denkt neu und quer, Erschaffung von Sinnhaftem und langfristig Wertvollem spricht kreative Köpfe an, regt zum Mitmachen an, fordert und fördert Vordenker Beschützer Selbstlosigkeit, Empathie, Schutz, Vertrauensperson Botschaft: Sicherheit, Nähe, Fürsorge Magier Furchtlosigkeit ggü . Wandel; Motto: „Alles ist möglich …“ Symbole in Veränderungsprozessen, Branchen mit Visionen Rebell Abkehr vom Mainstream; Motto: „Nichts ist sicher …“ Absetzung vom Althergebrachten, Veränderung durch Irritation Weiser große Lebenserfahrung, tiefes Bewusstsein für alles, strahlt Sicherheit und Festigkeit aus symbolisiert Weitsicht (kann sogar als Überlegenheit gedeutet werden), arbeitet mit entsprechenden Ikonen Narr Leichtigkeit, Humor, Witz und Lebensfreude; Motto: „Leb jetzt und nimms leicht …“ Distanzierung von Ratschlägen und Belehrungen, Unterhaltungsindustrie u . -branche Die „innere Landschaft“ ist eine Anlehnung an Schulz von Thun’s Modell des Inneren Teams. Dieses besagt, dass es eine „innere Pluralität des Menschen“ gibt, also genau genommen „viele (…), die in uns mit Sitz und Stimme vertreten sind“ und die „miteinander, gegeneinander und durcheinander arbeiten“ (Schulz von Thun, 1998, S. 18). Dadurch stellt sich neu die Frage nach dem „Ich“ des Menschen, die Schulz von Thun systemisch mit dem inneren „Teamchef “ beantwortet, der sich jeweils subjektiv herausgebildet hat. Dieser muss die Aufgabe meistern, die verschiedenen Stimmen zu einem Team – eben jenem „inneren Team“ – zusammenzuführen. Analog zu Arbeitsteams muss sich diese Funktion der inneren Führung besonders in Konflikten bewähren. Schulz von Thun spricht hier vom „inneren Konfliktmanagement“ und „inneren Teamkonflikten“. Wie im Zusammenleben und -arbeiten sind diese Konflikte nicht ohne Sinn. Sie haben in aller Regel einen Grund, Zweck und ein Ziel, sind für das Team – ein äußeres wie ein inneres – oft „unumgänglich und existentiell notwendig“ (ebd.), und müssen daher nicht nur erkannt, sondern – bestenfalls – auch gelöst werden. Im Inneren-Team-Modell hat Schulz von Thun u. a. die Folgen ungelöster Teamkonflikte untersucht. Aufgrund dieser Beobachtungen entwirft er Szenen der „inneren Seelen-Bühne“. Dem Klienten kommt dabei die Aufgabe zu, die inneren 58 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools Mitspieler zu identifizieren und ihnen einen jeweiligen Platz auf der Bühne zuzuweisen. Denn wie im realen Leben kann es auch auf der inneren Bühne – warum auch immer – zu Fehlbesetzungen gekommen sein. Der Klient optimiert seine Bühne oder stellt Zielbilder. Diese Aufstellungen werden visualisiert. Schulz von Thun baut diese „Mannschaftsaufstellungen“ zudem auf den jeweiligen systemischen Kontext hin aus, in den hinein die Situation eingebunden ist. Neben der Berücksichtigung des Kontextes findet im Modell vom inneren Team die Situationslehre Anwendung. Schulz von Thun spricht hier vom Konzept der Stimmigkeit. Hierunter versteht er eine „doppelte Entsprechung mit mir selbst und mit dem Gehalt der Situation“. Das Ideal besteht im stimmig-Sein, „Spielarten des Misslingens stimmiger Kommunikation“ sind das „Daneben“, das „Angepasst“ und das „Verquer“ (ebd., S. 306.307).30 Das Modell dient auf vielfältige Weise dazu, kommunikative Dissonanzen und innere Konflikte zu beleuchten und veränderte Positionierungen vorzunehmen. Insofern ist es für das Coaching sehr naheliegend. Da Schulz von Thun seinen Ansatz auch als „Methode der alltäglichen Selbstberatung“ (ebd., S. 19) bezeichnet hat, bietet er reichlich Ansatzpunkte für das Selbstcoaching. Ebenso brauchbar erweisen sich Kenntnisse der Transaktionsanalyse für das Coaching, da sie praktisch mit der Archetypenlehre sowie dem Modell vom inneren Team verbunden werden können. Die Theorie geht auf den amerikanischen Psychologen Eric Berne zurück und wurde in den letzten Jahrzehnten von verschiedenen Schulen weiter ausgebaut. Grundlegend für die Transaktionsanalyse – also die Reflexion zwischenmenschlicher Kommunikation – ist der Blick auf die Persönlichkeitsstruktur der – in Kommunikation und Gruppendynamik – agierenden Akteure. Insofern zählt diese Theorie zu den psychologischen Ansätzen zur Untersuchung der menschlichen Persönlichkeit. Berne entwarf das „Strukturmodell der Ich-Zustände“, nach dem er das „Eltern-Ich“, das „Erwachsenen-Ich“ und das „Kindheits-Ich“ unterscheidet. In der Regel sind diese „Zustände“ in der Literatur als Kreise visualisiert. Sie symbolisieren das jeweilige Erleben, mit den dazugehörigen Mustern im Denken, Fühlen, Verhalten und – falls möglich – Handeln. Ähnlich wie im Modell des inneren Teams sind diese Zustände – entsprechend der inneren, unbewuss- 30 Vgl. das praktische Bsp. im Kap. „Innere Teamaufstellung“, verknüpft mit Anteilen aus der Transaktionsanalyse (vgl. im Folgenden). 59 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben ten Musteraktivierung – an Situation und Kontext gebunden. Entsprechend kann eine Person aus dem ausgereiften Erwachsenen-Ich (entscheidungsfähig, für sich selbst wie für andere sorgend, kompromissbereit, sachliche Konfliktlösung) situativ in das Eltern-Ich „springen“, wobei es nach der Transaktionsanalyse zwei – unbewusste – Optionen gibt: das „kritische Eltern-Ich“ (hohe Ansprüche, ad-hoc-Entscheidungen) oder das „fürsorgliche Eltern-Ich“ (umsorgend, Schutz bietend, Geborgenheit gebend). Ebenso ist das innere Kippen in den Zustand des „hilflosen“ (überangepasst, Angst vor Fehlern, schnelles Aufgeben), „trotzigen“ (stark insistierend, stark emotional) und „natürlichen“ Kind-Ichs31 (spontan, kreativ, offen und direkt, humorvoll) situativ und kontextbezogen möglich. Im Coaching lässt sich diese Theorie, verbunden mit den oben genannten beiden Modellen, z. B. in der Aufstellungsarbeit32 oder im Tetralemma33 anschaulich und äußerst wirksam anwenden. (Vgl. Berne, 1961; Stewart/Joines, 2000.) Vom Verhalten zur Handlung: Nur Reaktion macht noch keinen Menschen … All diese „Figuren“ der „inneren Landschaft“ eines Menschen folgen gewissen Mustern. Diese handlungsleitenden Motive sind erlernt und folgen einem gewissen Sinn und Zweck. Ob sie in der jeweiligen Situation dienlich und zielführend sind, ist im angeeigneten Verhaltensmuster nicht „mitgedacht“. Dieser verinnerlichte Kompass ist so ausgerichtet, dass er sich in den meisten Situationen als erste Orientierungshilfe eignet. Anthropologisch betrachtet, qualifiziert es den Menschen aber auch als Menschen, über sein Verhalten – zumindest im Nachgang – reflektieren zu können. Die philosophische Ethik unterscheidet seit jeher zwischen Verhalten und Handlung. Auch Tiere verhalten sich: Der Hund folgt einem antrainierten Anruf, die Katze kommt zum Napf, wenn die- 31 Anm.: Aus der Perspektive interkulturellen Coachings erscheint dieser Ansatz auch deshalb relevant, weil sich damit eine Brücke zur arabischen Kultur („ Fitra“) schlagen lässt. 32 Vgl. das praktische Bsp. im Kap. „Systemaufstellung: Wie man sich Überblick verschafft“. 33 Vgl. das praktische Bsp. im Kap. „Tetralemma: Weil es immer mehrere Möglichkeiten gibt“. 60 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools ser mit frischem Futter vor der Tür abgestellt wird. Auf einen Reiz folgt eine Reaktion. Und auch im sozialen und beruflichen Miteinander folgen Menschen dem Schema aus Reiz und Reaktion: Der Pausengong ertönt und der Lehrer packt seine Sachen zusammen, Kinder geben gewisse – buchstäblich – Reizwörter von sich und Eltern reagieren mit entsprechenden Sätzen. Ebenso ließen sich unzählige Beispiel aus den Bereichen Ehe und Partnerschaft anführen. Bereits rein stoffwechselphysiologisch achtet das menschliche Gehirn darauf, möglichst viele Abläufe unbewusst zu regeln – man spricht hier davon, dass Verhaltensweisen automatisiert sind. Das beste Beispiel ist hierfür das Autofahren – oder bei Kindern das Radfahren oder auch Schwimmen. So schwierig diese Vorgänge zu lernen sind, so automatisch – und gefühlt einfach und ohne viel Konzentration – laufen sie ab, wenn sie verinnerlicht worden sind. Was im Alltag nützlich ist, hat zugleich einen Haken: Dass gewisse Muster, die einmal automatisiert worden sind – und mit denen man gut durchs Leben kommt – relativ resistent gegenüber Kritik und Veränderung sind. Am praktischen Beispiel: Erst, wenn die Sitzhaltung beim Autofahren unangenehm wird, beginnt man darüber nachzudenken, was ggf. zu verändern wäre. Philosophisch betrachtet, hängen mit dem Handeln Denken und Wollen – bzw. in der Pflichtenethik: das Sollen – eng zusammen, und damit eine gewisse Zielgerichtetheit34. Erst diese Aspekte lassen Handlung entstehen und grenzen sich damit auch ggü. einer – mehr oder weniger – unbewusst ablaufenden Reaktion ab, dem Verhalten. Auch die Rechtswissenschaft differenziert – ein Strafmaß – nach dieser Unterscheidung, und berücksichtigt den Willensakt einer Handlung bzw. die Absicht einer Tat, was die breite Akzeptanz dieser Anthropologie bis heute verdeutlicht. Zwischenmenschliche Spannungen, Differenzen zwischen Selbst- und Fremderwartung bzw. -erleben und auch Konflikte im Arbeitsleben können mit verinnerlichten Verhaltensmustern in Zusammenhang stehen. Das eigene Verhalten zu reflektieren, wäre dann ein erster Schritt im Coaching. Wenn ein Mitarbeiter mit seinem Verhalten nicht mehr zufrieden ist, vielleicht sogar darunter leidet, dass er immer wieder das „hilflose“ oder – in der Wirkung in der Regel nicht günstiger – „trotzige“ Kind das Wort führen lässt, wenn sein Chef Forderungen an ihn stellt, ist die Ver- 34 (Teleologie: Lehre über das Ziel/den Zweck einer Handlung) 61 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben änderung der „inneren Mannschaftsaufstellung“ ggf. ein erstes Ziel. Gleichzeitig muss der Klient diese Veränderung aber auch körperlich spüren – und als positiv bewerten –, damit sie sich verinnerlichen – d. h. neurologisch: einspuren – kann. Für die Arbeit auf der Ebene des Verhaltens existieren etliche Ansätze. Im jeweiligen Fall wäre – ausgehend vom Ziel, das sich der Klient letztlich selbst setzen muss – zu klären, ob Coaching zusätzlich in die Haltungsebene einsteigt. Im zweiten Fall könnte das Handeln des Klienten mitberücksichtigt werden. Embodiment: Warum Ihr Körper schneller als Ihr Geist ist … Was für soziale Systeme – und damit auch im beruflichen Kontext – gilt, lässt sich auch auf den Menschen als eigenes System übertragen. Die klassische Frage dazu lautet, was im Körper geschieht, wenn sich unser Denken ändert. Grundlage dafür bildet das lernpsychologische Reiz- Reak tions-Schema, wonach Ereignisse auf den Geist einwirken und diesen zu einer somatischen Reaktion veranlassen. Das Konzept Embodiment kehrt, aufgrund zahlreicher psychologischer Experimente (vgl. Storch, 2011), die Blickrichtung diametral um, wenn stattdessen danach gefragt wird, wie „eine Veränderung des Körperzustandes auch das beeinflusst, was in unserem Gehirn passiert“ (Hüther, 2011, S. 75). Wolfgang Tschacher erklärt das Konzept Embodiment so, „dass der Geist (also: Verstand, Denken, das kognitive System, die Psyche) mitsamt seinem Organ, dem Gehirn, immer in Bezug zum gesamten Körper steht.“ Das kognitive System wiederum sei, zusammen mit dem Körper, „in die restliche Umwelt eingebettet“. Dabei gehe Embodiment davon aus, „dass ohne diese zweifache Einbettung der Geist (…) nicht intelligent arbeiten kann“ (Tschacher, 2011, S. 15). Gerald Hüther erklärt diesen Ansatz – neurobiologisch – mit einer „wechselseitigen Abhängigkeit von körperlicher und psychischer Entwicklung“, was dazu führe, dass jede einzelne Zelle unseres Körpers „in ihrem Zellkern gespeichertes Wissen“ besitze, „auf das sie zurückgreift, wenn sie in Situationen gerät, die sie zu bestimmten Antworten zwingen“ (Hüther, 2011, S. 82). So reagiert nicht – ausschließlich und einseitig – der Körper auf den Geist, sondern dieser „zelluläre Schatz an Erfahrungswissen“ (ebd.) kann als eine eigene handlungsfähige Größe im System Leib-Psyche angesehen werden. Ebenso reagiert die Psyche auf den Leib: „Alles, was im Körper passiert, führt, 62 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools wenn es über längere Zeit fortbesteht, zu entsprechenden Anpassungen der (…) neuronalen Regelwerke und synaptischen Verbindungen (ebd., S. 78). Hüther geht davon aus, dass es dabei zum „Aufbau eines charakteristischen Reaktions- oder handlungsleitenden Erregungsmusters“ kommt, welches bei entsprechend intensiver Erregung „auch limbische und hypothalamische Hirnbereiche erfasst“ (ebd.). Die Folge sind einsetzende Notfallreaktionen und neuroendokrine Stressreaktionen (vgl. Abb., ebd. S. 80). Was für stoffwechselbedingte Inbalancen, für belastende Ereignisse und für negativ bewertete psychische Zustände gilt, und an diesen Beispielen nachvollziehbar wird, gilt entsprechend des Embodimentkonzeptes grundlegend. Hüther beschreibt dies anhand eines Vergleichs mit Sprache und Symbolen. Ähnlich würden auch die Zellen von Gehirn und Körper fortwährend Signale senden, um sich wechselseitig über ihren aktuellen Zustand auszutauschen. Komplexe biochemische und zelluläre Vorgänge sorgten dafür, dass diese „Signale aus dem Körper das Gehirn (…) über sensorische Afferenzen erreichen“ (ebd.), und schließlich entsprechende Rezeptoren aktiviert werden. Das Revolutionäre an dieser Erkenntnis wechselseitiger Abhängigkeit und Interaktion besteht in der Selbststeuerung des Körper-Psyche-Systems: „Auf diese Weise wird die (…) Zelle in die Lage versetzt, bestimmte Leistungen stärker und effektiver als bisher zu erbringen“, so dass „völlig neue Potenziale in den betreffenden Zellen freigelegt“ (ebd., S. 81; vgl. Abb., ebd.) werden. Diese Fähigkeit, durch interzellulare Kommunikation und spezifische Signalstoffe „andere Zellen dazu zu bringen, ihr bisheriges Leistungsspektrum nachhaltig umzugestalten“ (ebd., S. 82) und so neuronalen Netzwerke plastisch zu verändern, beruht auf dem einfachen Prinzip des „Use it or lose it“: „Muster des Erlebens und Verhaltens, die wir häufig aktivieren, werden verstärkt und als neuronale Verschaltungsmuster verankert (…), sie werden im Gehirn ‚verkörpert’“ (ebd., S. 91.92). Hüther ist davon überzeugt, „dass wir uns zu jedem Zeitpunkt (…) neu konstruieren können, indem wir irgendeines dieser alten motorischen, sensorischen oder affektiven Muster verlassen, also anders zu sehen, zu fühlen oder zu handeln beginnen, als bisher“. Aufgrund dieser wechselseitigen Interaktion zwischen den verschiedenen Zellen – und Zelltypen – gilt bei der Fähigkeit zur Ausbildung eines neuen Musters auf einer dieser Ebenen, dass „alle anderen Ebenen davon gleichsam ‚mitgezogen’ werden“ (ebd.). 63 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben Dieses Prinzip der Kopplung nutzt das Konzept Embodiment praktisch. Benita Cantieni verdeutlicht, dass Glaubenssätze – wie: „Nur was anstrengt, hat Wert. Ohne Fleiß, kein(en) Preis. Erfolg dem Tüchtigen. Wer gut sein will, muss sich anstrengen. Das Leben ist ein Jammertal …“ – regelrecht „in unseren Knochen stecken“ (Cantieni, 2011, S. 104). Durch solche verinnerlichten Glaubenssätze wie durch entsprechende Haltungen in der Erziehung, auf die Heranwachsende durch künstliche Nachahmung anstatt durch natürliches körperliches Ausprobieren antworten, wenn ihr Verhalten fortwährend gemaßregelt wird, würden Menschen „die natürliche Leichtigkeit der Haltung und Bewegung“ verlieren. Die grundlegende Haltung aller Wirbeltiere, „entspannt aufgespannt“ (ebd., S. 101) zu sein, würde dann verschwinden. Cantieni zeigt auf, dass der Verlust der Neutralhaltung, aus der heraus der Körper zu jeder Bewegung und zu jedem Gefühl fähig ist, durch „gewohnheitsmäßige Veränderung (…) mit den Jahren zu Veränderungen am Skelett“ führt, „und zwar in einer Kettenreaktion durch den ganzen Körper“ (ebd., 102–103). Aufgrund der Wechselwirkung, die Hüther betont, wird durch den Verbleib in einer bestimmten Haltung dem Körper durch das Konservieren der entsprechenden Emotion die Fähigkeit genommen, spontan, affektiv und mit emotionaler Wirkung ein anderes Gefühl zu evozieren, schon gar nicht somatisch adäquat abzubilden. So erschreckend dies klingen mag, so gilt aber auch hier, ganz praktisch, und so lange kein Eingriff am Bewegungsapparat vorliegt: „Was durch Fehlhaltung gemacht werden kann, kann durch ‚Guthaltung’ umgebaut werden (…) Denn der ursprüngliche Bauplan bleibt hinter den hängenden Schultern, den blockierten Rippen, dem verschobenen Becken und den platten Füßen lebenslang erhalten. Er muss nur aus dem Gedächtnis geholt und reanimiert werden.“ (Ebd., S. 104) Thermographisch lässt sich Embodiment – die „Verkörperung“ der Gefühls- und Gedankenwelt – buchstäblich ins Bild setzen. Cantieni führt dies an sechs Körperzuständen vor, die als typische somatische Ausdrucksmuster charakterisiert werden: „resigniert/depressiv“ – „unsicher/schüchtern“ – „kontrolliert/steif “ – „angepasst/entgegenkommend“ – „rigide/aufgeplustert“ – „cholerisch/misstrauisch“ (ebd., vgl. Abb., S.  108–114). Ausgehend von diesen Negativbeispielen zeigt das Konzept vielfache 64 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools Möglichkeiten auf, Embodiment für die Coachingpraxis positiv nutzbar zu machen.35 Ressourcen und innere Bilder: Ihre Innenwelt als Wegweiser achten lernen … In den 90er Jahren wurde von Maja Storch und Frank Krause an der Universität Zürich ein Trainingsmodell aufgebaut, für das als theoretische Fundierung das Züricher Ressourcenmodell (ZRM) entwickelt wurde (vgl. Storch/Krause, 62017; www.zrm.ch). In Übereinstimmung mit den – soeben skizzierten – Untersuchungen von Gerald Hüther legt dieser Ansatz einen neurobiologischen Ressourcenbegriff zugrunde: „Demnach gilt als Ressource alles, was wohladaptive neuronale Netze aktiviert und entsprechende Ziele fördert“ (Storch, 2011, S. 129). Ausgehend von der Motivationspsychologie arbeitet das ZRM „mit einem neuartigen Zieltyp, den so genannten Haltungszielen“, deren Besonderheit es ist, „nicht nur auf der bewusste(n) Ebene der Informationsverarbeitung“ zu agieren, sondern die „auch unbewusste Ebenen des psychischen Systems gezielt aktivieren“ (ebd., S. 130) zu können. Neben den Theorien der Psychoanalytikerin Wilma Bucci (vgl. Bucci, 2002) sind die Erkenntnisse des Hirnforschers Antonio Damasio für diesen praktischen Ansatz grundlegend. Auf Damasio lässt sich die Hypothese der somatischen Marker zurückführen. Darunter versteht er die Konservierung relevanter Erfahrungen im emotionalen Erfahrungsgedächtnis, das bei neu anstehenden Bewertungen und Entscheidungen aufgrund dieses Rückgriffs somatische Signale freisetzt. Damasio geht davon aus, dass die Wahrnehmung und Beachtung dieser somatischen Marker für eine authentische Entscheidung eminent sind (vgl. Damasio, 1994; vgl. Damasio, 92011). Aufbauend auf den Konzepten von Bucci und Damasio wurde ein Selbstmanagementtraining entwickelt, das „es Menschen ermöglicht, ihre Ziele in Handlung umzusetzen“ (Storch, 22011, S. 129). Nicht zuletzt, weil dieses Modell „nur einen formalen Rahmen vorgibt und (…) die Inhal- 35 Vgl. die praktischen Körperübungen in: Cantieni, 2011, S. 115–125, sowie die „Checkliste für den erlebnisbereiten Körper“ (ebd., S. 125). Siehe weitere Bsp. mit wissenschaftlicher Reflexion, in: Hüther, 22006; vgl. weiterführend auch: Hilbrecht, 2010. 65 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben te von den Klienten frei eingebracht werden können“ (ebd.), erscheint es auch für Coaching attraktiv. Daneben ist es vor allem der ganzheitliche Ansatz, der das Modell interessant macht: Ähnlich wie die klassische Freudsche Dreiteilung des psychischen Systems, entwickelte Wilma Bucci die „Multiple Code Theorie“, die von drei verschiedenen „Informationscodes“ ausgeht, mit denen der Mensch Informationen aufnimmt, verarbeitet und weitergibt. Brucci unterscheidet eine vorsymbolische – somatische – und eine symbolische Ebene. Die zweite differenziert sie wiederum in: symbolisch-verbal und symbolischnonverbal, also eine Ebene der Worte und eine der Bilder (vgl. Bucci, 2002). Im vorsymbolischen Code findet die Informationsverarbeitung „unterhalb der Bewusstseinsschwelle“ statt, und zwar „in motorischer, somatisch-viszerabler und sensorischer Form“ (Storch, 22011, S. 131). Unbewusste Handlungen laufen auf dieser Ebene ebenso ab, wie die Wahrnehmung unserer Körperzustände und das affektive Reagieren auf Reize aus unserer Umwelt. Die Prozesse auf der vorsymbolischen Ebene vollziehen sich ohne Worte, auch ohne Bilder. Auf der Ebene der symbolischen Codes ist es in erster Linie die Sprache, die über Worte Informationen vermittelt. Daneben spielen innere Bilder eine große Rolle, die jedoch nicht auf den visuellen Bereich beschränkt sind, sondern ebenso „auditive, taktische, kinästhetische, gustatorische und olfaktorische“ Bilder wie „innere Filme“ (ebd.) – als Verdichtung dieser Sinneseindrücke – berücksichtigen. Bruccis Theorie geht davon aus, dass die drei Informationscodes in einem „referentiellen Prozess“ miteinander verbunden sind, wobei Bilder den „Dreh- und Angelpunkt im Informationsfluss zwischen vorsymbolischen Codes und symbolisch verbalen Codes“ (ebd.) darstellen. Was modellhaft einfach klingt – von der somatisch-unbewussten Ebene über die Welt der inneren Bilder in den sprachlichen Bereich zu gelangen – hat einen Haken: „Eine direkte Verbindung vom unbewussten vorsymbolischen System zum bewussten symbolisch-sprachlichen System besteht nicht“ (ebd.). Daher muss ein „Übersetzungsprozess“ zwischen den verschiedenen Bereichen initiiert werden. Wenn es aber stimmt, dass „an jedem Wort (…) ein Bild und an jedem Bild (…) ein Gefühl“ buchstäblich anhängt, kann – anders herum – über die Stimulierung auf Körperebene „implizites, unbewusstes Wissen (…) aktiviert“ werden, „das dann der Kognition dabei hilft, eine Lösung zu finden“ (ebd., S. 132). Dieser Zusammenhang macht den Einsatz von Körperarbeit und Arbeit 66 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools mit Bildern so eminent wichtig, und er spiegelt den Paradigmenwechsel in der Hirnforschung wider: Nicht das Gehirn verleiht den Dingen über eine begriffliche Setzung ihre Bedeutung, sondern es ist davon auszugehen, „dass wir immer, wenn wir Sprache (…) benutzen, das ursprüngliche Erleben (…) auch körperlich simulieren“. Dabei kann, nach Storch, bereits ein einziges Wort „ein komplettes inneres Theater“ (ebd., S. 133) auslösen. Für das Coaching bedeutet diese Erkenntnis, dass Ziele sich im Idealfall an Bilder „anhängen“ lassen oder innere Bilder „wachrufen“ können, die ihrerseits wiederum mit – positiven – Emotionen und damit mit der emotionalen Erfahrungswelt – und letztlich mit den Ressourcen des Klienten – verbunden sind.36 Weitergeführt und um eigene innovative Ansätze erweitert findet sich der Ressourcen-Ansatz in der PSI-Theorie (Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen) nach Julius Kuhl, die Persönlichkeitstheorien mit neuesten Erkenntnissen aus Neuro-, Emotions- und Motivationspsychologie verbindet. Die Schlüsselbegriffe für erfolgreiches Handeln, Arbeiten und Lernen sind hier: Motivation und Selbststeuerung (vgl. Kuhl/Storch, 2013; www.psi- theorie. com). Selbstregulation: Weil Selbstkontrolle zu ungesunder Verdrängung führt … ZRM und PSI unterscheiden zwischen Intentionsgedächtnis und Extensionsgedächtnis. Das „IG“ gilt als „das Gedächtnis für bewusste Absichten, die eine Person gefasst hat“, das „EG“ gilt als „Funktionssystem, das assoziative Netzwerke aller autobiographischen Erfahrungen, Bedürfnisse, Motive, aktuelle Befindlichkeiten, Ziele, Normen und Werte einer Person enthält“ (Storch, 2009, S. 189). Während die Verarbeitung im IG bewusst verläuft und Motivation auch extrinsisch angelegt werden kann, arbeitet das EG auf der unbewussten Ebene; insofern kann nachhaltig nur intrinsisch vorhandene – bzw. geschaffene – Motivation greifen. Um Verstand und Unbewusstes zusammenzuführen, existieren die Möglichkeiten der Selbstkontrolle und der Selbstregulation. Erstere meint nach traditioneller Erziehung, lernen sich zu „beherrschen“, um sich – genau genommen seine unbewussten Anteile – „im Griff zu haben“. In diesem 36 Die Methodik findet sich weiterführend dargelegt in: Storch, 2008. 67 CoaChIng PraktIsCh – auf deM weg zuM selbsterleben Fall muss der Verstand hinreichend Energie aufbringen, um – wirksam – auf das Unbewusste einwirken zu können: dass es „unvernünftig“ wäre, jetzt noch ein wenig liegen zu bleiben, oder „unverantwortlich“, das heutige Training ausfallen zu lassen. Beispiele dafür gibt es sicher in Fülle – der Volksmund hat dafür den Begriff des seltsamen Tieres namens „Schweinehund“ kreiert. Ihnen gemeinsam ist der Appell, der versucht, die – nicht gefühlte – Balance zwischen Verstand und Unbewusstem (wieder) herzustellen. Auch Impulsivität wird als – wenngleich in der Zielführung eingeschränkter – Versuch angesehen, diesen Ausgleich zu bewältigen. Wenn ein Klient es (bisher) nicht gelernt hat, die Bewertungen seines Extensionsgedächtnisses – z. B. durch ein gesundes Gespür für seine eigenen körperlichen Signale – adäquat wahrzunehmen, kann ein übermäßiger Gefühlsausbruch eine Reaktion auf diese angestaute Inkongruenz sein. Da diese Impulsivität rein dazu dient, situativ „den Druck rauszulassen“, führt sie ihn zwar an sein Unbewusstes heran, doch ohne die Möglichkeit, sein Gefühl angemessen auszudrücken noch verstandesgemäß zu reagieren bzw. zu handeln. Redewendungen wie „nur Selbstdisziplin aufbringen“ oder „sich ein wenig mehr Mühe geben“ deuten bereits an, dass Selbstkontrolle Arbeit darstellt. Das kann – nach dem bisher Skizzierten – auch gar nicht anders sein, versucht hierbei – im Bild gesprochen – der Verstand ständig, den im Regenfass immer wieder an die Wasseroberfläche drängenden Ball wieder nach unten zu drücken. Wer immer versucht, mit Selbstkontrolle seine Ziele zu erreichen, benötigt daher in der Regel auch hinreichend Frustrationstoleranz. Und er dürfte die Macht des Unbewussten unterschätzen, das ebenso wie Wille und Verstand zu ihm gehört und sich Gehör verschaffen will – und wie auch immer, früher oder später, auch wird. Im ZRM-Training wird daher versucht, Verstand und Unbewusstes im Vorgang der Selbstregulation zu „synchronisieren“. Dazu wird – einsteigend, um am Unbewussten anzudocken, i. d. R. mit der Bildkartei – an den Motiven, an bewussten sowie unbewussten Motivkonflikten gearbeitet. Im PSI-Training werden die Affekte genutzt, wenn der Klient mit einer Idee, einem Bild, einem Begriff … konfrontiert wird. Denn die Affekt- oder Gefühlsbilanz macht – auch körperlich – deutlich, was das Unbewusste unterstützt und was nicht. Mit der Selbstregulation ist es nicht nur möglich, das Unbewusste sozusagen mitzunehmen, sondern seine Qualität für die Erreichung gesetzter Ziele zu nutzen. Denn es „ar- 68 Thomas hansTein: selbsTmanagemenT – miT CoaChingTools beitet extrem zuverlässig und ist gegen Störbedingungen viel weniger empfindlich als der Verstand. Hat sich das Unbewusste eine Absicht einmal zu eigen gemacht, sorgt es dafür, sie auch gegen widrige Alltagsbedingungen durchzusetzen (Storch/Krause, 62017, S. 122).“ (Vgl. ebd., S. 113– 203; Storch, 2009, S. 183–205; Kuhl, 2001, S. 415–454.) Ausgehend vom Hintergrund dieser systematischen Betrachtung wendet sich der Ratgeber nun seinem praktischen Hauptteil zu. Da die hier verwendeten „Coachingfälle“ (anonymisierte) Beispiele aus dem Leben sind, ist der zweite Teil des Buches auch im Stil praktischer gehalten. Vorab noch zwei Hinweise zur Leserführung: Fett hervorgehoben finden Sie in den Fußnoten die jeweiligen Rückverweise auf die einführenden Kapitel im Theorieteil. Mit ▶ gekennzeichnet (und ebenfalls fett markiert) sind in den praktischen Beispielen zusätzliche Methoden, die beim jeweiligen Inhalt erfahrungsgemäß relevant werden können.

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Zusammenfassung

Der Coachinghype hält an. Während in der professionellen Coachingszene mittlerweile viel Wert auf Qualitätssicherung gelegt wird, wird Coaching parallel für nahezu alles angeboten. Das Buch soll zum einen zur Schärfung professioneller Formate beitragen. Es verschafft einen kurzen Überblick über Herkunft, Ausbreitung und neurowissenschaftliche Fundierung und bringt dem Leser die Grundlagen systemisch-lösungsorientierten Coachings näher. Im Praxisteil werden bewährte und innovative Tools an eigenen Beispielsitzungen aus dem Business wie dem Personal Coaching vorgestellt und für das Selbstcoaching anschaulich erläutert. Die verbindende Klammer aller Einheiten liegt auf dem Ressourcenansatz. Der Ratgeber wendet sich an Coachs und Klienten gleichermaßen: mit Tools aus der eigenen Coachingpraxis des Autors, Tipps zum weitergehenden Selbstcoaching oder auch zur Nachbereitung eines Coachingprozesses. Praktische Beispiele und anschauliche Visualisierungen empfohlener und weiterentwickelter Tools unterstützen methodisch und zielgerichtet das eigene Selbstmanagement. Somit hält dieses Handbuch für alle Coachinginteressierten wertvolle Informationen bereit.