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IX. Fazit und Ausblick in:

Carolin Beinroth

Musik im frühen deutschen Stummfilmkino, page 177 - 180

Eine Untersuchung der zeitgenössischen Rezeption in ausgewählten Fachzeitschriften der Jahre 1907-1925

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4209-0, ISBN online: 978-3-8288-7115-1, https://doi.org/10.5771/9783828871151-177

Series: Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart, vol. 6

Tectum, Baden-Baden
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IX. Fazit und Ausblick Wie die vorangegangene Untersuchung zeigt, ist die Rolle der Film fachpresse für die Weiterentwicklung der Musik im deutschen Stummfilmkino nicht zu unterschätzen. In einer Zeit, in der sich we der Industrie, Theaterbesitzer noch die Musikfachpresse diesem Thema widmeten, bot die Filmfachpresse dem ansonsten auf sich al lein gestellten Musiker und dem Kapellmeister ein Forum für den Ideen- und Informationenaustausch. Nicht nur die Filmmusik-Führer boten dem Musiker Orientierung, sondern auch die vielen Ratschläge der Autoren. Im Rahmen der Bestrebungen, das neue Medium Film und dessen Aufführungsort, das Kino, als künstlerisch wertvolle Unterhaltungs- und Bildungsstätte zu etablieren, wurde Musik als Mit tel zur Erreichung dieses Zwecks bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erkannt und dies in der Filmfachwelt Jahre vor der Musikfachwelt. Somit waren also vorrangig Theaterbesitzer, Kino musiker und die Filmfachpresse in den ersten Jahren des Mediums Films mit der Gestaltung einer optimalen akustischen Kulisse für den Film befasst. Das Ziel der deutschen Filmfachpresse war es, musikalische Be gleitungsmethoden zu Stummfilmen zu standardisieren und somit die Qualität der begleitenden Musik deutschlandweit zu steigern. In den ersten Jahren ihres Erscheinens (1907-1908) beschäftigte sich die Filmfachpresse vorrangig mit der Frage, wie eine zum Bild >passende< Musik auszusehen habe. Besonders wichtig ist hierbei zu be tonen, dass die Presse von Beginn an erkannte, dass nicht irgendeine Musik ausreichte, sondern dass eine irgendwie geartete Kongruenz zwischen der Musik und den begleiteten Bildern vorliegen sollte. Die Ansprüche an die Filmmusik stiegen mit der verbesserten Qualität der längeren, narrativen Filme und den Veränderungen in der Film wirtschaft. Mit der Zeit wurde nach einer Musik verlangt, die sich mit 178 Fazit und Ausblick dem Bild entwickelt, die Stimmung unterstützt und auch dramatur gische Funktionen übernimmt. Im Detail widmete sich Leopold Schmidl dieser Thematik. Im Laufe der Jahre wurden die Stellung nahmen der Fachpresse immer präziser und man veröffentlichte kon krete filmwerksspezifische Empfehlungen, die sogenannten Filmmu sik-Führer. Schließlich, in den 1920er Jahren, sprach die Presse direkt die Kinobesitzer an und bat diese, die Filmperiodika an Musiker und Kapellmeister weiterzugeben. Im Laufe der Jahre nahm die Filmfachpresse auf fast alle Themen der musikalischen Gestaltung im deutschen Stummfilmkino Bezug: Die meisten Berichte betrafen Methoden der Stummfilmbegleitung sowie die Instrumentation. Zahlreiche Berichte widmeten sich jedoch auch der Musik, die nicht zu Filmen erklang, wie beispielsweise Ou vertüren, Pausenmusik, Musik zur Anwerbung von Besuchern, Mu sik als Geräuschsimulation und Musik zur Illustration der Werbun gen. Auch der Rolle des Kinomusikers und seiner Stellung sowie sei nem Verdienst wurde Tribut gezollt. Somit finden sich in Filmfach zeitungen nicht nur Illustrationsvorschläge sondern auch allgemeine Ratschläge und Tipps für Musiker. Ab 1919 bekam die Musik im Stummfilmkino auch von anderer Seite Unterstützung. Mit Erschei nen der Kinothek von Kapellmeister und Musiktheoretiker Becce war ein wichtiges Modell für die Begleitung von Filmen erschaffen: die Illustration durch für bestimmte Stimmungen bzw. Situationen kom ponierte Musikstücke. Weitere Komponenten, die zu einer Verbesse rung der Musik beitragen sollten, waren die von den Verlagen veröf fentlichten Musikkataloge, zunächst mit prä-existenten Stücken und später in Anlehnung an die Kinothek-Bände mit nach Stimmungen bzw. Situationen sortierten Musikstücken. Auch die Industrie beauf trage nun, zumindest sporadisch, Musiker mit der Zusammenstel lung einer musikalischen Illustration. Von staatlicher Seite wendete man sich in den 1920er Jahren der Filmmusik zu: Erste Kurse an Fazit und Ausblick 179 Hochschulen begannen sich mit Filmmusik zu befassen. Die Bemü hungen um eine genau durchdachte Illustration fanden ihren Höhe punkt in dem Allgemeinen Handbuch der Film-Musik von Becce, Erd mann und Brav was aber gleichzeitig auch das Ende der Stummfilm zeit darstellte. Trotz der vielen Bemühungen um eine Anhebung der Qualität der Illustrationsfolgen konnten diese den vielen unterschiedlichen Bedin gungen der Theater nicht gerecht werden. Musikszenarien und ähn liche Hilfsmittel erreichten entweder nur wenige Theater oder konn ten dort nicht entsprechend durchgesetzt werden. Einzig die Theater der Großstädte konnten von vielen Hilfsmitteln profitieren. Original kompositionen für den Stummfilm gab es weiterhin nur wenige und somit auch keine flächendeckende Besserung der Musik im Stumm filmkino. So war es insgesamt betrachtet erst der technische Fort schritt, und letztendlich die Einführung des Tonfilms, der dazu führte, dass eine Standardisierung und somit zumeist Verbesserung der Qualität der Musik einsetzte. Der Tonfilm wurde zwar von den Kinomusikern abgelehnt, da er ihre berufliche Existenz gefährdete, doch die Fachpresse sah ihn als Chance, die Bedeutung der Musik im Kino zu festigen. Die für das vorliegende Buch durchgeführte Sichtung von Primär quellen förderte eine überwältigende Anzahl von Artikeln zutage, die Hinweise über die verschiedenen Ausprägungen von Musik im deutschen Kino und besonders die musikalische Begleitung von Fil men enthalten. Bereits nach einer groben Sichtung des Materials wurde ersichtlich, dass sich hier verschiedene Ansatzpunkte für Un tersuchungen eröffnen. Möglich wäre es beispielsweise, die Rolle des Kapellmeisters und die Wechselbeziehungen zwischen Kapellmeis ter, Musikverlag und Filmindustrie zu rekonstruieren. Auch die ge nauere Untersuchung der Verwendung von mechanischer Musik im Kino erscheint vielversprechend. Hier verspricht vor allem eine nä here Analyse der musikalischen Begleitung des Films im Wanderkino 180 Fazit und Ausblick und Variete ein spannendes Forschungsfeld zu sein. Wie von Iris Kronauer und Joseph Garncarz im persönlichen Kontakt bestätigt, bietet außerdem die Schaustellerzeitung Der Artist vielseitige Einbli cke in die musikalischen Praktiken dieser Zeit. Zudem wurde durch die Analyse der Publizistik noch einmal deutlich, dass Stummfilm musik in Deutschland zunächst ein regionales Phänomen war: Die Musik im Kino variierte von Stadt zu Stadt und vor allem im Ver gleich mit ländlichen Gegenden enorm. Es gab nie >eine Musik zum Stummfilm<. Um ein möglichst umfassendes Bild von der Entwick lung von deutscher Stummfilmmusik zu bekommen, ist es unerläss lich, Regionalstudien durchzuführen. Insbesondere auch im interna tionalen Vergleich lässt sich somit auch herausfiltern, welche musi kalischen Methoden regionale oder nationale Phänomene waren und welche sich auf internationaler Ebene durchsetzen konnten87. 87 Einen Vergleich von länderspezifischen Eigenheiten und kulturellen Transfer verfolgt Windisch (2012) in Vorbereitung ihrer Dissertation über Stummfilmmusik in den USA und in Österreich

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Zusammenfassung

Filmfachzeitschriften wie der Kinematograph und die LichtBildBühne stellten bereits ab 1907 – und somit deutlich vor der Musikfachpresse – ein wichtiges Medium für den Austausch von Ideen, Gedanken und Erfahrungen für Kinomusiker dar. Neben Erläuterungen zu den verschiedenen musikalischen Begleitungsmethoden, von Improvisation bis hin zur Originalkomposition, wurden hier auch die alltäglichen Belange der Kapellmeister und Musiker diskutiert. Zu einer Zeit, in der die Filmindustrie noch wenig Interesse an der musikalischen Untermalung des bewegten Bildes zeigte, unterstützte die Filmfachpresse ihre Leser bereits durch praktische Ratschläge und Illustrationsvorschläge in beispielsweise speziellen Filmmusikführern, Werbung für Instrumente und Notensammlungen sowie Stellenanzeigen und bietet damit zugleich Einblicke in die zeitgenössischen musikalischen Aufführungspraktiken und deren Rezeption in den ersten Jahren des Mediums Film. Zudem wird der Einfluss der Filmfachzeitschriften auf eine Standardisierung von Filmmusik deutlich.