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VIII. Der Kampf der Musiker gegen den Tonfilm in:

Carolin Beinroth

Musik im frühen deutschen Stummfilmkino, page 169 - 176

Eine Untersuchung der zeitgenössischen Rezeption in ausgewählten Fachzeitschriften der Jahre 1907-1925

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4209-0, ISBN online: 978-3-8288-7115-1, https://doi.org/10.5771/9783828871151-169

Series: Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart, vol. 6

Tectum, Baden-Baden
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VIII. Der Kampf der Musiker gegen den Tonfilm Durch die Einführung des Tonfilms85 kam es zu einer Umwälzung der gesamten Filmmusikindustrie. Erste Schritte waren schon durch den Umstieg auf Schallplatten-Musik im Kino erfolgt, doch erst durch den Tonfilm sah sich der Musiker ernsthaft in seiner Existenz bedroht. Die Filmfachpresse jedoch sah der Einführung des Tonfilms positiv ent gegen und erhoffte sich hier durch eine Verbesserung der Filmmusik: »Es wird zweifellos speziell das kleinere Kino sehr froh sein, wenn es auf demselben normalbreiten Filmband, das es bis jetzt gespielt hat, gleichzeitig auch Musik geliefert bekommt und sie m it Hilfe einer verhältnismäßig preis werten Vorrichtung in akustisch befriedigender Weise wiedergeben kann. Fraglos verdient eine gut wiedergegebene mechanische Musik den Vorzug gegenüber einer schlecht wiedergegebenen individuellen« (LBB 1928, S. 277). Auch der Musiker sah in den Jahren 1928 und 1929 noch keine Bedro hung durch den Tonfilm. Der große Erfolg des ersten Tonfilms86 The Jazz Singer (USA 1927, Regie: Alan Crosland, Musik: Louis Silvers) ließ zwar erahnen, dass der Tonfilm im Kommen war (vgl. Rügner 85 Die Grundlage des Lichttonfilms wurde von den drei Deutschen Hans Vogt, Joe Engel und Joseph Massolle, bekannt als Tri-Ergon, (griech. Werk der Drei) in den Jahren 1918 bis 1921 entwickelt. Um dem Werk der Tri-Ergon zum Erfolg zu verhelfen, hätte sich ein deutscher Elektrokonzern für das Gerät interessieren müssen. Dies geschah jedoch nicht, und somit wurde es an eine Finanzgruppe in der Schweiz verkauft. Ein amerikanischer Filmproduzent erwarb die Lizenz, und im Jahr 1926 entwickelte der amerikanische Western-Electronic-Konzern auf dieser Grundlage das Sound System Movietone (vgl. Dettke 1995, S. 73). 86 The Jazz Singer wird vielfach in der existierenden Literatur als erster Tonfilm bezeichnet. Tatsächlich handelte es sich bei diesem Film jedoch um einen »part-talkie, einem Film, der nur zum Teil vertont wurde« (Martin 2009, S. 1). Auch war dies nicht der erste Film, der Bild und Ton verband, sondern nur ein Film von vielen und somit ein Glied innerhalb einer ganzen Reihe technischer Entwicklungen vom Stumm- zum Tonfilm, so Henzel (2006, S 46f.). Für den Film wurde das Vitaphone-System, ein Nadeltonverfahren, ver wendet. Hierbei wurde eine Schellackplatte mit einem Projektor verbunden und der Ton über Lautsprecher in den Kinosaal übertragen (vgl. Martin 2009, S. 2). 170 Der Kampf der Musiker gegen den Tonfilm 1988, S. 93), doch die Chance, dass er sich durchsetzen und den Stummfilm komplett verdrängen würde, sah man als minimal an. Der deutsche Kapellmeisterbund erklärte beispielsweise, dass der Ton film kein Grund zur Beunruhigung für die Musiker darstelle (vgl. Dettke 1995, S. 80). Allein die Tatsache, dass sich die wenigsten Kinos die teuren Tonfilmapparaturen leisten konnten, wurde von vielen als Grund gesehen, den Tonfilm nicht als Gefahr einzuschätzen. Über beunruhigende Zustände wurde zuerst nur aus dem Aus land berichtet. 1928 berichtete Das Kino-Orchester von einer Revolutionierung der Kinomusik in den Vereinigten Staaten von Amerika durch das Sound System Movietone. Hier versammelten sich bereits Musiker, die sich durch den Siegeszug des Tonfilms in ihrer Existenz bedroht fühlten, zu Protestveranstaltungen. Man solle sich darauf einstellen, dass sich die Revolutionierung des amerikanischen Film wesens in der ganzen Welt ausbreiten werde und man sich auch hier mit dieser Entwicklung und den Konsequenzen befassen müsse (Das Kino-Orchester, 1928 Nr. 15). Bald wird auch von Vereinigungen der britischen Musiker gegen den Tonfilm berichtet. Die Union Ausüben der Musiker sendete eine Petition an den Arbeitsminister und forderte ihn auf, sich mehr für die durch die Einführung der mechanischen Musik arbeitslos gewordenen Musiker einzusetzen (vgl. Der Kinematograph 1929, Nr. [unbekannt]). In Deutschland brachte das Jahr 1930 den Siegeszug des Tonfilms mit sich. Der Nürnberger Phoebus-Palast entließ bereits Ende des Jah res 1929 als eines der ersten Unternehmen 17 Musiker. Die Ufa folgte bald und entließ im Mai 1930 etwa 800 Musiker und konnte auf die sem Weg fast vier Millionen Reichsmark sparen, so Dettke (1995, S. 80). Anfänglicher Optimismus, dass das Orchester unentbehrlich bleiben würde, wurde im Juni 1930 mit der Mitteilung des Deutschen Musiker Verbandes (DeMuV), dass der Tonfilm 60 Prozent aller Kino musiker (5.000 Personen) arbeitslos gemacht habe, zerstört (vgl. ebd.). Der Kampf der Musiker gegen den Tonfilm 171 Der Protest der deutschen Musiker wurde vorrangig von dem Deutschen Musikerverband getragen (DeMuV). Gemeinsam mit der Ar tistenloge ging dieser gegen den Tonfilm mit Flugblättern und einer 16-seitigen Schrift mit dem Titel Der Tonfilm - eine Gefahr fü r den M u sikerberuf und fü r die Musikkultur vor. In dieser schreiben sie: »Der Tonfilm ist der Hort von Kitsch und Kulturreaktion geworden. Der Ver such zu künstlerischer Gestaltung ist kaum in primitiven Anfängen sichtbar. Bei der Produktion des Tonfilms ist bisher in entscheidender W eise keiner der bedeutenden führenden Komponisten tätig gewesen« (Der Kinematograph 1930, Nr. 158). Behauptungen wie, dass der Tonfilm Gehör und Augen verderbe und die Nerven der Zuschauer zerrütte, sollten das Publikum vom Besuch des Tonfilmkinos abhalten (vgl. Dettke 1995, S. 80 f.). Die Mechani sierung, so wurde in den Kreisen der Tonfilmgegner argumentiert, dürfe nicht bis in die Bezirke der Kunst dringen. Mechanische Musik sei verdünnte, entwertete Kunst, da sie der schaffenden Persönlich keit zu weit entrückt sei (vgl. Film und Ton 1931, Nr. 7). Die Tonfilmgegner organisierten verschiedene Aktionen gegen den Tonfilm, beispielsweise die Verteilung von Klebezetteln und Flugblättern. In Breslau wurde in Form von kleinen Klebezetteln fol gende Nachricht überall in der Stadt verteilt: »Lehnen Sie den Ton film ab! Der Tonfilm ist der Vernichter der Musik und der Musiker.« (Der Kinematograph 1930, Nr. 158). Auch mit dem folgenden Flugblatt protestierten DeMuV und Artistenloge gegen den Tonfilm. 172 Der Kampf der Musiker gegen den Tonfilm fff WiiHwl An das Publikum! Achtung] Gefahren des TonfilmsT V id t K inö i fflütivn Wtfieil Einfühlung Je i T (n lik l4 und M i r j t l irt ^ id ü i l ip n P rC ii^4tT*«1 «h fitto ril Tonfilm lit Kitichl W i t K U n i l a d H O n i d r f I W * k h r t * r f l 1 b ! Tonfilm lit llnteHlflkelt! 1« % Ton Hm — I K 1.', Vtdbibun«! Tonfilm Utwlrt«h

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Zusammenfassung

Filmfachzeitschriften wie der Kinematograph und die LichtBildBühne stellten bereits ab 1907 – und somit deutlich vor der Musikfachpresse – ein wichtiges Medium für den Austausch von Ideen, Gedanken und Erfahrungen für Kinomusiker dar. Neben Erläuterungen zu den verschiedenen musikalischen Begleitungsmethoden, von Improvisation bis hin zur Originalkomposition, wurden hier auch die alltäglichen Belange der Kapellmeister und Musiker diskutiert. Zu einer Zeit, in der die Filmindustrie noch wenig Interesse an der musikalischen Untermalung des bewegten Bildes zeigte, unterstützte die Filmfachpresse ihre Leser bereits durch praktische Ratschläge und Illustrationsvorschläge in beispielsweise speziellen Filmmusikführern, Werbung für Instrumente und Notensammlungen sowie Stellenanzeigen und bietet damit zugleich Einblicke in die zeitgenössischen musikalischen Aufführungspraktiken und deren Rezeption in den ersten Jahren des Mediums Film. Zudem wird der Einfluss der Filmfachzeitschriften auf eine Standardisierung von Filmmusik deutlich.