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IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes in:

Jörg Hein

Wie entstehen die Themen der politischen Konflikte?, page 87 - 108

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4206-9, ISBN online: 978-3-8288-7113-7, https://doi.org/10.5771/9783828871137-87

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
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Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes Essentialismus, Fundamentalismus und Postfundamentalismus Oliver Marchart sieht die Hegemonietheorie von Laclau/Mouffe als Teil der „postfundamentalistischen“ Kritik am („fundamentalistischen“) Sowjetmarxismus. Diese Kritik stütze sich auf die „politische Differenz“, die Unterscheidung des „Politischen“ von der „Politik“. „Unserer Hypothese nach verweist die politische Differenz, und als solche soll die Differenz zwischen Politik und dem Politischen im Folgenden bezeichnet werden, symptomatisch auf die Krise des fundamentalistischen Denkhorizonts. Unter Fundamentalismus (foundationalism) sind besonders jene Positionen zu verstehen, die von fundamentalen, d.h. revisionsresistenten Prinzipien, Gesetzen oder objektiven Realitäten ausgehen, die jedem sozialen oder politischen Zugriff entzogen sind. Ein einst wirkmächtiges Beispiel ist der ökonomische Determinismus, also die Annahme ökonomisch bestimmter historischer Entwicklungsgesetze, wie sie von Teilen der marxistischen Tradition verfochten wurden.“273 M. E. verfehlt Marcharts Fundamentalismusbegriff seinen Gegenstand und wird auch dem Kern der postfundamentalistischen Kritik nicht gerecht. Es ist nicht die angeblich neuerdings eingetretene „Auflösung der ‚Grundlagen aller Gewißheit‘“,274 die den Postfundamentalismus auf den Plan ruft. Dass Gewissheit nicht Bestandteil der menschlichen Grundausstattung ist (ebenso wenig wie Vollkommenheit – „ganz es selbst“), belegt für unseren Kulturkreis eine zweitausendjährige Geschichte von Glaubensspaltungen, Religionskriegen, Kulturkämpfen und wissenschaftlichen Revolutionen. Der Zusammenhang ist offen- IV 4.1 273 Marchart, O. (2010) S. 15. 274 Ibid. Marchart zitiert hier Claude Lefort in einer irreführenden Weise. Nach Lefort ist es vielmehr die Demokratie, die diese Gewissheit auflöst. (Lefort, C. (1990) S. 296. 87 bar andernorts zu suchen, etwa in Pluralismus und Säkularisierung, d. h. veränderten Lebensformen, die beide von Industrialisierung und kapitalistischer Ökonomie nicht abzulösen sind. Vom Traditionsmarxismus vollends lässt sich nicht behaupten, dass er auf „revisionsresistenten Prinzipien“ beruhe, die „jedem sozialen politischen Zugriff entzogen“ seien. Im Gegenteil stellt sich die marxistische Debatte als eine permanente revisionistische Diskussion dar. Selbst der Stalinismus hat eine taktische Beweglichkeit gezeigt (vom „Sozialismus in einem Lande“ über den „Schlageter-Kurs“ der KPD bis zum Hitler-Stalin-Pakt) – die die Rede von „revisionsresistenten Prinzipien“ und „objektiven Realitäten“ auf eine – allerdings totalitäre – Weise dementiert. In einem späteren Text spricht Marchart davon, dass „der Marxismus kein homogenes Ensemble von historischen und ökonomischen Lehrsätzen darstellt, sondern eine heterogene Diskursformation, die aus unterschiedlichsten Traditionen zusammengewürfelt ist“.275 Desungeachtet bleibt der Marxismus für ihn fundamentalistisch. Daher wäre „Fundamentalismus“ sensu Marchart nicht mit „Essentialismus“ i. S. von Laclau/ Mouffe gleichzusetzen. Die Essentialismus-Kritik von Laclau/Mouffe richtet sich gegen den ontologischen Status der politischen Ökonomie, nicht gegen ihre angebliche Revisionsresistenz. Sie tritt in einer Form auf, die Žižek als „Standardverfahren philosophischer Ablehnung“ bezeichnet: „Das Problem des Essentialismus besteht also darin, dass diese kritische Bezeichnung dieselbe fatale Schwäche wie das Standardverfahren philosophischer Ablehnung aufweist. Der erste Schritt dieses Verfahrens ist die negative Geste der Totalisierung des Feldes, das abgelehnt werden soll, die Geste, es als ein einzelnes und distinktes Feld zu bezeichnen, gegen das man dann die positive Alternative geltend macht.“276 Diese „negative Geste der Totalisierung“ erfolgt bei Laclau/Mouffe auf eine zweifache Weise, von denen ich die erste durch Chantal Mouffe akzentuiert sehe, die zweite ist eher von Laclau geprägt. Die erste besteht darin, der marxistischen Theorietradition eine bruchlose innere Geschlossenheit, Konsistenz und Autonomie abzuverlangen, um sie dann mit dem Argument abzuweisen, dass sie diese Anforderungen 275 Marchart, O. (2013) S. 301. 276 Žižek, S., Da capo senza fine S. 278 f. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 88 nicht erfüllt. Die innermarxistischen Debatten seien fehlgelaufen, weil sie die Klassendynamik und deren politische Relevanz nicht hätten aufzeigen können. Notwendigkeit und ökonomischer Determinismus werden gleichgesetzt. Die Theoriendynamik innerhalb der Linken wird damit gänzlich ausgehebelt. Sie berühre den Kern der marxistischen Theorie nicht, der als dogmatisches Gerippe und Fehlentwicklung zurückbleibt. Diese Variante von Essentialismus-Kritik muss die Marxsche Theorie in eine Eindimensionalität transformieren, die deren Vielschichtigkeit und ihre theorieinternen Brüche nivelliert und damit zugleich ihre Historizität eskamotiert. Das meint beispielsweise den Einfluss aktueller ökonomischer und politischer Entwicklungen auf die Theorieentwicklung und das Nebeneinander ökonomischer Argumentationsfiguren im Anschluss an Ricardo und (abgewandelter) hegelianisch-dialektischer, der Philosophie angehörender Kategorien. Gerhard Gamm hat in einem zeitnah zu “Hegemonie und radikale Demokratie“ erschienen Aufsatz277 Inkonsistenzen, Einseitigkeiten, Widersprüche und selbst Brüche im Werk von Marx aufgezeigt aus denen klar wird, dass die schlichte Alternative Essentialismus vs. Kontingenz keine adäquate Positionierung zu Marx ermöglicht Weiter reichend und schwerwiegender ist die zweite Weise der „Geste der Totalisierung“, die ich Laclau zuordne. Sie geht letztlich auf Heidegger zurück und dessen ontologische Differenz, u. a. die Kritik am „vulgären“ Zeitbegriff des Aristoteles, der bei Hegel, zugespitzt auf das „Jetzt“ und die „reine Gegenwart“, fortwirke.278 Mit dem sich im Seienden lichtenden Sein führt Heidegger eine Ebene ein, der gegen- über Theorie, begriffliches Denken, (und Praxis als deren Gegenstück), zu einem Abgeleiteten, Sekundären werden.279 Das die Wahrheit des Seins bedenkende Denken „ist weder theoretisch noch praktisch. Es ereignet sich vor dieser Unterscheidung. Dieses Denken ist, insofern es ist, das Andenken an das Sein und nichts außerdem“.280 So tritt das Abwesende neben die Präsenz, die Logik wird zu einem nicht- 277 Gamm, Gerhard (1986) Vom Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das lebendige Arbeitsvermögen zwischen Universalität und Natur (Marx) in, Gamm, Gerhard (1986) Wahrheit als Differenz, S. 141-201. 278 Derrida, J. (2004) S. 249-261. 279 Heidegger, M. (1947) S. 6. 280 Heidegger, M. (1947) S. 42. 4.1 Essentialismus, Fundamentalismus und Postfundamentalismus 89 wesentlichen Teilbereich des Denkens herabgesetzt. In dem Text von Laclau/Mouffe und in den weiteren Veröffentlichungen von Laclau selbst wird diese Perspektive post-heideggerianisch v. a. von Derrida und Lacan repräsentiert. Sie ist Teil des verschiedentlich behaupteten epochalen Bruchs, der „Eröffnung eines neuen transzendentalen Horizonts“.281 Die „totalisierende Geste“ könnte totaler nicht sein. Sie dispensiert begriffliches Denken überhaupt, möchte Begriffe durch „Namen“ und Analyse, Philosophie, durch Rhetorik ersetzen.282 Dafür zahlt die Hegemonietheorie als die „positive Alternative“ einen hohen Preis insofern sie sich unausweichlich einen „spektralen“, „hantologischen“ (Derrida), ewig vorläufigen Charakter einhandelt. Ihr „konstitutives Außen“ ist nicht die Politik, die ihren Denkmustern in aller Regel folgt, sondern der Essentialismus an den sie gebunden bleibt. Dessen Kritik beruht letztlich darauf, dass sie den erkenntnistheoretischen Status einer Theorie und die damit verbundene Problematik mit ihren inhaltlichen Aussagen kurzschließt und zu einer Art Sprachregelung nötigt nach der jedem Leitbegriff jeweils ein „unmöglich, aber notwendig“ hinzuzufügen wäre. Das wäre dann „das neue Licht“ in dem die essentialismuskritisch dekonstruierten aber „unter Weiterverwendung ihrer Form“ 283 beibehaltenen Begriffe erscheinen. Bei Laclau heißt es im gleichen Sinn: „Es geht nicht darum, der Logik differentieller struktureller Stellungen (Machtkonzentrationen z. B. – J. H.) die historische Effektivität abzusprechen, sondern eher darum, ihnen als einem Ganzen den Charakter einer Basis abzusprechen, welche aus sich heraus die Bewegungsgesetze der Gesellschaft festlegt.“284 Die „strukturellen Stellungen“ sind effektiv, aber uneigentlich, spektral. Dem lässt sich weiter eine Stelle bei Oliver Marchart hinzufügen: „Es scheint, als könnten sich all diese (postfundamentalistischen – J. H.) Denker den fundamentalistischen Denktraditionen, von denen sie selbst kommen (…), nur entwinden, indem sie eine Differenzierung einführen, die allein aus der Perspektive philosophischen Denkens, nicht hingegen aus Perspektive der strengen Wissenschaft wahrnehm- 281 Laclau, E. (2013) Identität und Hegemonie S. 93. 282 Laclau, E. (2007) S. 32 f; Hetzel, A. (2007), 87-102. 283 Gamm, Gerhard (2004) S. 359 in Bezug auf die Dekonstruktion bei Derrida. 284 Laclau, E. (2002) S. 74, im gleichen Sinn: Laclau, E. (2013) Identität u. Hegemonie S. 96. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 90 bar ist.“285 D. h. es handelt sich um Texte, die sich an „vorgängig konvertierte Leser“ wenden, die, wie Bourdieu mit Bezug auf Texte Heideggers schreibt, bereit sind, sie „entsprechend einer reinen und rein philosophischen Intention (zu lesen), die jeden anderen Bezug als den zum Diskurs selbst, der, als seine eigene Grundlegung, auf nichts Äußerliches verweist, ausschließt“. 286 Das Politische und die Macht Wie stellt sich nun nach den Streiflichtern aus den Ansätzen einiger Referenzautoren die Hegemonietheorie von Laclau/Mouffe dar? Zunächst als Synthese, als Montage, „Bricolage“ von Theorien und Gedanken aus dem poststrukturalistischen Umkreis. Alle eingearbeiteten Positionen erfahren eine Transformation bis ein einheitlich scheinendes theoretisches Corpus entsteht. Davor aber steht als Ausgangs- und zugleich Dreh- und Angelpunkt der Begriff „des Politischen“, „das einsetzende (instituting) Moment der Gesellschaft“,287 dem das Soziale, Ökonomische und Ethische als nachgeordnet gedacht wird. Marchart, der eine breite Darstellung der postfundamentalistischen Diskussion gibt, nennt Paul Ricoeur und Pierre Rosanvallon als die Schöpfer dieses Begriffs,288 der strategische Umgang mit einer Situation als Moment des Politischen gehe aber bereits auf Machiavelli zurück. Jedoch habe es erst im zwanzigsten Jahrhundert zu einer Konzeptualisierung des Politischen und seines Primats kommen können, und zwar als Folge der Trennung der Sphäre der Politik von der Sphäre der Gesellschaft.289 Das Politische in einem postfundamentalistischen Sinn sei zu verstehen als fortgesetzter Grün- 4.2 285 Marchart, Oliver (2010) Die politische Differenz, Frankfurt, Suhrkamp 18. 286 Bourdieu, Pierre (1988) Die politische Ontologie Martin Heideggers, Frankfurt, S. 116. 287 Laclau, E. (1999) Dekonstruktion, Pragmatismus, Hegemonie; zit. nach Hetzel, A. (2004) Demokratie ohne Grund – Ernesto Laclaus Transformation der Politischen Theorie S. 187. 288 Marchart, O. (2010) Die politische Differenz S. 13 und S. 32ff. 289 Marchart, O. (2010) S. 50. Marchart stützt sich dabei auf Sartori, Giovanni (1973) What is „Politics“, Political Theory 1/1 S. 5.26. Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Trennung im Feudalismus nicht noch viel ausgeprägter war. 4.2 Das Politische und die Macht 91 dungsversuch der Gesellschaft unter der Bedingung der Abwesenheit eines letzten Grundes. Marchart schlägt schnell den Bogen zu Heidegger und parallelisiert die Unterscheidung zwischen dem Politischen und der Politik mit Heideggers Unterscheidung zwischen Sein und Seiendem. So erscheinen die postfundamentalistischen Autoren als „Linksheideggerianer“.290 Laclau definiert das Politische als „instituierenden Augenblick“ und „Prozeß der Institution des Gesellschaftlichen“.291 Dem folgt auch Andreas Hetzel in seiner Laclau-Darstellung. Das Politische bei Laclau stehe für „eine ‘Negativität‘, die über das Bestehende hinausgehe, für die Setzung oder Instituierung des Sozialen selbst“.292 Das heißt, dass sich das Politische sensu Laclau/Mouffe in der permanenten Bewegung von Artikulationen und deren ebenso permanenter Vorläufigkeit zeigt. Aber was ist „das Politische“ damit anderes als eine Theorie der Macht, der Macht als einem äußersten Abstraktum, das die Hegemonietheorie als transzendentalphilosophische Konstruktion zur Grundlage und Möglichkeitsbedingung hat? Diese Macht ist allgegenwärtig und sie scheint noch abstrakter zu sein als die strategische Macht, die Foucault beschreibt, insofern sie auf gar keinen sozialen Ort mehr bezogen und beziehbar ist. Vielmehr scheint sie nicht nur transzendentalphilosophisch ihren Gegenständen vorgelagert, die i. S. Kants sich nach der Erfahrung bzw. den apriorischen Begriffen richten. 293 Sondern noch darüber hinausgehend wird Homologie zwischen dem menschlichen Erkenntnisvermögen und der Beschaffenheit – zumindest der sozialen – Welt behauptet. Es handelt sich um eine fundamentale (!) Ontologie. Marchart spricht davon, dass der Postfundamentalismus, namentlich in der von Laclau und Lefort vertretenen Fassung, als politische Ontologie zu einer neuen prima philosophia werde, die ihrer eigenen Logik nach politisch instituiert 290 Marchart, O. (2010) S. 15-22. Für Marchart wird am Ende die politische Differenz zur ontologisch entscheidenden vgl. a. a. O. S. 277 f. 291 Laclau, E. (1999) Dekonstruktion, Pragmatismus, Hegemonie S. 135, zit. n. Marchart, O. (2010) S. 207. 292 Hetzel, A. (2004) S. 187. 293 Kant, Immanuel (1968/1787) Kritik der reinen Vernunft, 2. Aufl. Berlin, de Gruyter, XVII, S. 12. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 92 worden sein müsse, ohne allerdings auf diesen Gründungsakt reduzierbar zu sein.294 Hegemonietheorie als Synkretismus Hegemonietheorie lässt sich als ein Ansatz verstehen, der theoretische Aussagen verschiedener Autoren modifiziert und zu einer neuen Gestalt zusammenfügt. Einige argumentative Stränge lassen sich unterscheiden. Ein erster wäre der Komplex Artikulation-Diskurs, der Topoi von Althusser, Foucault und Derrida miteinander verschmilzt. Von Althusser übernehmen Laclau/Mouffe die „Überdeterminierung“, die sie symbolisch wenden. In der Artikulation (= Überdeterminierung) können verschiedene Objekte ineinander präsent sein. In diesem Ineinander-sein modifizieren sich ihre Identitäten.295 Die aus der artikulatorischen Praxis hervorgehende Totalität ist der Diskurs. Dieser Diskurs hat im Unterschied zum Diskurs Foucaults keine geschlossene Grenze, er kann aber eine „Naht“ gemäß der Theorietradition Lacans enthalten, die dem Supplement Derridas gleichzusetzen wäre. Er konstituiert sich durch die „Regelmäßigkeit in der Verstreuung“, ein Begriff Foucaults, der aber in dessen Sinne auf einen Diskurs ohne klare Grenzen nicht anwendbar ist. Regelmäßigkeit in der Verstreuung meint insofern bei Laclau/Mouffe lediglich so etwas wie inhaltliche Kohärenz oder spezifische Logik. Als offener Diskurs ist er mit dem Diskursverständnis von Derrida (Spiel) vereinbar. Ein zweiter Komplex knüpft an die strukturale Linguistik an. Die zentrale Denkfigur ist die Relationalität, d. h. die ausschließlich negative Bestimmung jedweden Gegenstandes aus seinen Differenzen zu anderen Relaten. Sie verbindet sich mit dem Symbolischen Lacans, der Notwendigkeit der Artikulation in Sprache. In dieser Verbindung verlassen Laclau/Mouffe wesentliche Momente des linguistischen Strukturalismus, insbesondere die Beziehung von Signifikant und Signifikat und damit auch die Zeichendefinition de Saussures. Ihr Ansatz bewegt 4.3 294 Vgl. Marchart, O. (2010) S. 17 sowie a. a. O. S. 258-260. 295 L/M S. 141; s. o S. 6. 4.3 Hegemonietheorie als Synkretismus 93 sich nur noch im Bereich der Signifikanten.296 Die das klassische Verständnis des Zeichens ausmachende Verbindung des „Sinnlichen mit dem Intelligiblen“ wird aufgegeben zusammen mit der Differenz von Denken und Sein. An ihre Stelle tritt ein Sprachspiel im Sinne Wittgensteins, die Einheit von Sprache und Praxis als Teil eines Universums der Signifikation.297 Ebenso verschwimmt der Gegensatz von synchroner und diachroner Perspektive, der für die Theorie de Saussures konstitutiv war. Ein dritter Komplex verbindet auf der Grundlage der so gewandelten Zeichentheorie im Begriff des Antagonismus Positionen von Lacan und Derrida vor dem Hintergrund der ontologischen Differenz Heideggers. Das sich entziehende Sein Heideggers wird in die Vorstellungen des fehlenden Zentrums (Mangel), der Unabschließbarkeit, des „Unmöglichen aber Notwendigen“, der Grenzen der Signifikation übersetzt. Die Unabschließbarkeit stellt sich zeichentheoretisch in der Instabilität der Elemente der Diskursformationen dar. Die den Fluss des Imaginären (Lacan) immer wieder durchkreuzende Symbolisierung (Versprachlichung) vermag sie immer nur vorläufig zu fixieren. Aber auch auf einer anderen Ebene, der ontologischen, zeigt sich die Unabschließbarkeit als das Fehlen eines letzten Grundes, dem Mangel (Lacan), der durch ein Supplement (Derrida) markiert und verdeckt wird. Die gleiche Funktion erfüllt die „Naht“ i. S. der lacanianischen Tradition.298 Sie ist das „unmögliche aber notwendige“ Objekt. An dieser Stelle zeigt sich das „Reale“, die Grenze des Signifizierbaren. 296 Für Derrida ist ein von seinem Signifikat abgelöster Signifikant ein metaphysischer Begriff. Was daraus folgt, lässt er offen. Vgl. Derrida, J. (2014) S. 425 f. 297 Am Ende zu verstehen als „gleichbedeutend mit dem gesellschaftlichen Leben“. Laclau, E. (2007) S. 29. 298 L/M verwenden den Begriff des Supplements von Derrida im Sinne eines bloßen, gleichsam fiktionalen Lückenfüllers. Laclau spricht an anderer Stelle vom „Namen“, das „das Ding“, die Einheit des Objekts, begründe. Laclau, E. (2007) S. 33. Derridas Supplement umfasst jedoch, wie der Begriff der Naht, sowohl die Markierung eines Mangels als auch dessen Stellvertretung. Vgl. L/M S. 79/80 und Endnoten S. 246; Derrida, J. (2014) S. 437. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 94 Hegemonietheorie als neue Ontologie Benveniste und noch mehr Hjelmslev hielten es für möglich, dass aus dem linguistischen Strukturalismus eine allgemeine Kulturtheorie hervorgehen könne, weil alle Kultur dem Muster der Sprache folge. Lacans Psychoanalyse weitet sich von einem Funktionsmodus des Psychischen zu einer Kosmologie aus. Laclau diagnostiziert einen epochalen Bruch mit Wittgenstein, Heidegger, Freud, Gramsci und der poststrukturalistischen Kritik (in die er sich selbst einreiht) mit der Folge der „Eröffnung eines neuen transzendentalen Horizonts, innerhalb dessen das gesamte Feld der Objektivität neu gedacht werden muss – als eine auf ontologischer Ebene situierte Ausweitung der denkmöglichen Arten von Beziehungen zwischen Objekten“.299 Marchart kommt zu einer neuen Ontologie als „politische Ontologie“.300 Nach meinem Verständnis meint das das Zusammenfallen von Transzendentalphilosophie (Erkenntnistheorie) und Ontologie.301 Es entfällt sowohl das Ding an sich wie auch die Entscheidbarkeit von Aussagen. Laclau macht das auch im Zusammenhang seiner Vorstellung von Subjekt klar.302 Entscheidung (des Subjekts) habe eine ontische Seite, einen konkreten Inhalt und eine ontologische Funktion als Schließung von etwas strukturell Offenem. In gleicher Weise müsste das für eine (politische) Artikulation gelten, die einen konkreten Inhalt hat, aber auch die Intention, diesen Inhalt zu verwirklichen, zu instituieren. Das ist der Augenblick des Politischen, der abstrakten Macht auf der Basis der Hegemonietheorie, die gegenüber anderen Bereichen den Vorrang beansprucht. Näher besehen handelt es sich um das Hegelsche Problem des Übergangs des subjektiven Geistes in den objektiven, der bei Hegel am Ende zu Lasten des Subjekts geht. Die Lösung von Laclau beruht letztlich auf Heideggers Lichtung des Seins, das sich ins Dasein entbirgt, 4.4 299 Laclau (2013) S. 93ff, Zitat S. 93. 300 Marchart, O. (2010) S. 253ff, bes. S. 277. 301 Pierre Bourdieu bezeichnet die Einführung der Existentiale durch Heidegger als „ontologisch umgetaufte“ transzendentale Bedingungen der Möglichkeit des Erkennens und spricht von der „Ontologisierung des Transzendentalen“. Pierre Bourdieu (1988) S. 87. 302 Vgl. dazu Laclau (2013 a) S. 95-102 . 4.4 Hegemonietheorie als neue Ontologie 95 dem jedoch die Eigentlichkeit abgeht. Sie ist ungeachtet dieses Hintergrunds insofern eine subjektivistische als das Ontische, auf das das Subjekt stößt, hegemonial konstruiert und insofern nicht objektiv ist. Subjektives und Objektives lösen sich in den Diskurs auf. Das hegemonietheoretisch verdeckte Dilemma ist ein altes und vielleicht unauflösbares, nämlich das Verhältnis von Praxis (Prozess) und Struktur (Institution), das sich auch dann nicht auflöst, wenn Struktur als unabschließbare Totalität von Signifikanten gedacht und damit – auch – in den Bereich des Subjekts hineingenommen wird.303 Die von Lacan postulierte Homologie von psychisch-subjektivem Funktionsmodus und Kosmos (die Laclau übernimmt) besagt eben nicht nur eine Verobjektivierung des Subjektiven, sondern auch eine Subjektivierung des Objektiven, d. h. eine Antropomorphisierung des Gesellschaftlichen. Damit wird etwas überspielt, das im weitesten Sinne die Bedeutung der Arbeit, oder – erweitert – von Praxis als entfremdende Objektivation für die Konstitution der Gesellschaft und wohl auch für die Menschwerdung des Affen304 betrifft. Die Konstruktion des Antagonismus Zu den Kernbegriffen der Hegemonietheorie gehört der des Antagonismus.305 Mit ihm sollen gesellschaftliche Konflikte als Ausfluss einer zeichentheoretisch gefassten Ontologie interpretiert werden. Dazu entwickelt v. a. Laclau eine hochgradig artifizielle Argumentation, hinter der allerdings die aufeinander bezogenen Handlungen der Individuen, der gesellschaftliche Nexus, unerkennbar werden. Laclau/Mouffe hatten dies mit dem von ihnen in die Diskussion gebrachten Begriff des Sprachspiels selbst angesprochen.306 Der Antagonismus steht auch für die These, dass sich politische Konflikte nicht im Zuge des Einvernehmens auf der Basis von Sachlogik lösen lassen, sondern auf inkompati- 4.5 303 Auch Wittgensteins Sprachspiel ist nur ein Name, ein Supplement, dieses Dilemmas. 304 Engels, F. (1968) Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, MEW Bd. 20 S. 444-457. Der Text ist Teil von Engels Texten zur Dialektik der Natur. 305 Ich stütze mich hier auf L/M S. 161-169 und Laclau, E. (2002) S. 65-78. 306 Ausdrücklich in Laclau, E. (2007) S. 29. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 96 blen Sichtweisen und Interessenkonstellationen beruhen, die nur hegemonial, d. h. machtpolitisch und vorläufig entschieden werden können. Das Antagonismus-Konzept stützt sich auf die Idee von Systemen von Differenzen, die zu anderen differentiellen Systemen in Opposition stehen. Die Opposition bzw. Inkompatibilität der antagonistischen Systeme beruht darauf, dass die beteiligten Systeme jeweils in ihrem Inneren über ihre Differenzen hinweg etwas gemeinsam haben, das sich innerhalb des Systems nicht positiv darstellen lässt (leerer Signifikant), sondern sich nur in Abgrenzung zum bzw. Ausschluss des opponierenden Systems „zeigt“ („wahre Grenze“). Die Grenzen des eigenen Systems werden durch die Negation des ausgeschlossenen Gegensystems geschlossen. Das Negative, aus dem eigenen System ausgeschlossene, wird dadurch positiv und stiftet die Identität des eigenen Systems. Der Antagonismus ist damit ein inhärentes Problem jedes differentiellen Systems, das aber als Konflikt zwischen Systemen erscheint. Allerdings ist der Ausschluss, der die innersystemische Äquivalenz der Elemente im Hinblick auf das Gegensystem erzwingt, nur in Extremfällen wirklich radikal, nämlich bei einer sehr weitgehenden Polarisierung. Geschlossene Grenzen wiederum sind aber eine notwendige Voraussetzung für die Möglichkeit eines Systems (Totalität). Nur bei fixierten Grenzen („radikales Außen“), auf denen Laclau/Mouffe auch bestehen, kann von einem System gesprochen werden. Es liegt also eine doppelte Unbestimmtheit vor: Weder kann sich ein System (Artikulation, Totalität, Diskurs) positiv darstellen, noch kann es seine Grenzen festlegen. Marchart spricht hier von einer „Spannung“.307 Aber was ist das anderes als ein dialektischer Widerspruch, bei dem beide Seiten ineinander übergehen? Logisch liegt eine Kontradiktion vor. Der Unterschied zu Hegel liegt lediglich darin, dass dieser den dialektischen Widerspruch in den Bereich der Logik hineinnahm, während Laclau/Mouffe dieselbe Figur damit legitimieren, dass sie den ontologischen Status der Begriffe unterlaufen und sie so der Logik entziehen.308 307 Marchart, O. (2010) S. 193 f. 308 Nach Laclau bedarf es eines „einzigen, durchgehenden Raumes der Repräsentation“, damit ein dialektischer Widerspruch (Übergang von A in –A) möglich wird. Das wäre bei einem „Namen“ (als Nicht-Begriff) nicht gegeben. Aber dieser 4.5 Die Konstruktion des Antagonismus 97 In dieser doppelten Unbestimmtheit liegt in den Augen von Laclau/Mouffe die Funktionsweise des Sozialen und die Möglichkeitsbedingung von Hegemonie begründet. Die zeichentheoretische Konstruktion verbindet sich mit den Positionen von Lacan (das Reale als Grenze der Signifikation)309 und Derrida/ Heidegger (abwesende Fülle)310. Die Analyse der Form Differenz/Äquivalenz als Teil der antagonistischen Bewegung erlaubt nicht, zu bestimmen, welche bestimmte Differenz zum Ort äquivalentieller Effekte wird. Das erfordere vielmehr die Untersuchung einer bestimmten Konjunktur.311 Die Verwendung des Wortes Konjunktur macht schon deutlich, dass es sich um ein formales, geschichtsloses Modell handelt. Das grundsätzliche strukturalistische Problem des Verhältnisses von diachronischer und synchronischer Perspektive wird nicht thematisiert. Wenn man de Saussure folgen will, auf den Laclau sich hier bezieht, dann bedeutet die Diachronie, die Veränderung in der Zeit, nicht nur die Veränderung des strukturellen Gefüges, sondern auch seiner Elemente. D. h. es handelt sich um eine eigenständige Qualität, deren Spezifik (Historie) nicht in den Blick genommen wird. Das Soziale als „das Feld sedimentierter, unhinterfragter Rituale und Institutionen“ ist eben nicht, wie Marchart in seiner Laclau-Interpretation meint, „das jederzeit reaktivierbare Politische im (…) Schlummermodus“,312 sondern Geschichte in einem qualitativen Sinn. Vergangenes lässt sich nicht wiederherstellen (reaktivieren) und wo es doch versucht wird, zeigt es sich oft in grauenvoller und darin sehr präsenter Gestalt (bei Marx auch als Farce). Es scheint, dass Laclau, der vom „sedimentierten Ensemble sozialer Verhältnisse“ spricht, das reaktiviert werden könne313, diesen Gedanken nicht zufällig so unbestimmt lässt. Eine nähere Bestimmung käme nicht umhin, in der Geschichte auch irreversible Muster und nicht nur Kontingenzen anzugeben. Übergang stellt sich m. E. dann auf der Ebene, dem „Terrain“ des hegemonialen Kampfes doch wieder her. (Laclau, E. (2007) S. 27 und 32/33. 309 Laclau, E. (2002 a) Was haben leere Signifikanten…. S. 69. 310 Laclau, E. (2002 a) Was haben leere Signigikanten….S. 73. 311 Laclau, E. (2002 a) Was haben leere Signifikanten….S. 74. 312 Marchart, O. (2010) S. 299, auch S. 203 f. 313 Laclau, E. (2002 b) „Die Zeit ist aus den Fugen“ S. 119. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 98 Das Problem des Antagonismus als Begriff liegt nicht nur in seinem formalen Charakter (den Laclau auch einräumt) und dem Umstand, dass er voraussetzt, was zu beweisen wäre, nämlich die Ad- äquatheit einer synchronen Zeichentheorie für die Beschreibung gesellschaftlicher Realität, sondern auch darin, dass er Identitäten, die als Verhältnisse bestimmbar wären, in einer unbestimmten Relationalität von Zeichen aufgehen lässt. Laclau/Mouffe geben bei der Unterscheidung des Antagonismus von sich gegenseitig aufhebenden Kräften das Beispiel des Bauern, der kein Bauer sein kann, weil zwischen ihm und dem Grundbesitzer, der ihn von seinem Land vertreibt, ein Antagonismus besteht. Der Antagonismus verhindere die vollständige Präsenz.314 An diesem quasi-empirischen Beispiel zeigt sich die Problematik der Verknüpfung des Antagonismus-Begriffs mit dem heideggerischen Spiel von Anwesenheit und Abwesenheit. In klassischer Terminologie handelt es sich um ein antagonistisches Verhältnis, das gerade die Identität der Beteiligten stiftet (Grundherr-Bauer (Pächter), Feudalherr-Leibeigener, Kapitalist-Arbeiter etc.). In dem Verhältnis(!) liegt durchaus eine vollständige Präsenz vor. Wird es aufgelöst, z. B. durch einen politischen Akt, so würde eine neue Identität entstehen, etwa die eines Kleinbauern. Diese wäre, wie die des Pächters oder des Grundherrn, an Existenzbedingungen gebunden (etwa hinreichenden Ertrag, Verfügbarkeit von Arbeitsmitteln etc.) aus denen sich neue Antagonismen ergeben könnten (etwa gegenüber dem Agrobusiness etc.). Aber welchen Erkenntniswert hat ein Begriff, der nicht mehr besagt, als dass sich aus den Bedingungen unserer Existenz immer auch Konflikte ergeben können? Ein letzter und m. E. schwerwiegender Einwand gegen den Begriff des Antagonismus lässt sich mit einer von Adorno gegen Hegel eingebrachten Kritik formulieren, die mutatis mutandis den Antagonismus trifft: „Bei allem Nachdruck auf Negativität, Entzweiung, Nichtidentität kennt Hegel deren Dimension eigentlich nur um der Identität willen, nur als deren Instrument. Die Nichtidentitäten werden schwer betont, aber gerade wegen ihrer extremen spekulativen Belastung nicht anerkannt. (Hervor- 314 L/M S. 165. Oliver Marchart diskutiert diese Thematik u. a. indem er ein Marxzitat über die Nicht-Vermittelbarkeit der Extreme aus der Kritik des Hegelschen Staatsrechts heranzieht. Marchart, O. (2013) S. 303-308. 4.5 Die Konstruktion des Antagonismus 99 hebung J. H.) Wie in einem gigantischen Kreditsystem sei jedes Einzelne ans andere verschuldet – nichtidentisch – das Ganze jedoch schuldenfrei. Darin begeht die idealistische Dialektik ihren Trugschluß. Diese soll um ihrer selbst willen, als Heterogenes bestimmt werden. Indem die Dialektik sie jedoch bestimmt, wähnt sie schon, über die Nichtidentität hinaus und der absoluten Identität sicher zu sein.“315 Das Ganze, die absolute Identität, um derentwillen der Antagonismus als Schlüsselfigur sein muss, ist die agonale Auseinandersetzung, die Demokratie (Laclau), wenn nicht gar die politische Ontologie sensu Marchart. Die Differenz, die Nichtidentität, die nicht anerkannt wird, ist die Krise des Systems, diejenige Differenz, die sich nicht mehr im agonalen Modus halten lässt und deshalb aus der Reflexion ausgeschlossen bleibt. Eine problematische Festlegung Wenn man mit de Saussure Sprache als Form versteht, so ist doch diese Form niemals ohne Inhalt (Substanz) und auch nicht ohne Genese. Die beiden letzteren werden von der Hegemonietheorie mit dem Bezug auf die strukturale Linguistik als abhängige und nachrangige Qualitäten abgewertet, aus dem Bereich des Politischen ausgeschieden und an den Rand der postfundamentalistischen Perspektive auf die Gesellschaft bzw. das Gesellschaftliche gedrängt. Inhalt bzw. Substanz bewegen sich als Signifikate jenseits des durch die Diskurstotalität Erreichbaren und ihre als Substitute fungierenden „Knotenpunkte“ werden vom hegemonietheoretischen Ansatz nicht systematisch betrachtet,316 sondern nur hinsichtlich ihres instabilen ontologischen Status bewertet. Genese, geschichtliche Entwicklung, nimmt die Form von Konjunkturen an, die sich wellenartig in transzendental vorgegebenen Rahmenbedingungen bewegen, keine qualitativen Veränderungen erzeugen und diese Rahmenbedingungen auch nicht tangieren können. Es gibt allenfalls dysfunktionale Fehlsteuerungen (Totalitarismus), die die agonale Konfliktaustragung (temporär?) außer Kraft setzen kön- 4.6 315 Adorno, Th. W. (2003) Skoteinos oder Wie zu lesen sei, S. 375. 316 Vgl. Demirovic, Alex (2007) Hegemonie und die diskursive Konstruktion der Gesellschaft S. 67. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 100 nen, aber den grundsätzlichen semiologischen Charakter des Politischen nicht erreichen. Es ist im Grunde trivial, dass das Soziale, die Ökonomie usw. ebenso wie die Geschichte zu bloßen Schattengestalten werden, wenn man sie um die Dimension der Macht kürzt. De Saussure hatte der Diachronie immerhin Wirkmächtigkeit zugestanden. Hier haben Laclau/Mouffe eine für ihre Theorie fundamentale aber offenbar problematische Festlegung getroffen. Diese liegt in der strikten Trennung des Ontischen und des Ontologischen und deren Spezifizierungen, die nicht näher begründet werden und wohl – zirkulär – in der „wahren Grenze“ zwischen beiden (s. u.). Es handelt sich, neben der Unabhängigkeit des Signifikanten vom Signifikat, der sie korrespondiert, um die zweite Prämisse, auf der die Hegemonietheorie fußt. Am deutlichsten wird dies an folgender Stelle: Anwesen (Ursprung) und das, was präsent ist, das Ontologische und das Ontische, sind unrettbar getrennt, aber dies hat eine zweifache Konsequenz: die erste ist, dass das Ontische nie in sich selbst verschlossen werden kann; die zweite, dass das Ontologische sich nur durch das Ontische hindurch zeigen kann. Die gleiche Bewegung, die die Spaltung erzeugt, verurteilt beide Seiten (wie in jeder Spaltung) zu wechselseitiger Abhängigkeit. Sein kann kein ‚Jenseits‘ des aktual Seienden bewohnen, denn dann wäre es nur ein weiteres Seiendes. („wahre Grenze“ –J. H.) Sein zeigt sich in den Entitäten als das, was ihnen mangelt und von ihrem ontologischen Status als reine Möglichkeit herrührt. Sein und Nichts, Präsenz und Absenz sind wechselseitig erforderliche Zustände eines Grundes, der konstitutiv von Differenz gespalten ist.“317 Wenn man dieser Unterscheidung und in dieser ihrer Form (die eine heideggerianische ist) folgen will, was nach der Begriffsgeschichte von Sein und Seiendem so selbstverständlich nicht ist,318 so bleibt immer noch die Frage nach der Begründung für die Besetzung der beiden Seiten. Vorausgesetzt wird, dass das Soziale, das Ökonomische usw., das dem Ontischen zuzuschlagen sei, kein eigenes Dasein habe und das Politische, die instituierende Bewegung, in den Bereich des Ontologischen gehöre. Dafür geben Laclau/Mouffe keine Begründung außer 317 Laclau, E. und Zac, L. (1994) Minding the Gap: The Subject of Politics, S. 30, zit. n. Marchard, O. (2010) S. 197. 318 Vgl. Pätzold, D. (1999) Sein/Seiendes und Lensink, Jos (1999) Philosophie XI- Ontologie. 4.6 Eine problematische Festlegung 101 der, dass das Ökonomische etc. vom Politischen durchdrungen sei, was sich, z. B. mit Blick auf Foucault, genauso umgekehrt sagen ließe. Diese „Deontologisierung des Sozialen“319 und der Geschichte resultiert aus der unkritischen Fusion von Linguistik im Anschluss an de Saussure mit den verschiedenen von der ontologischen Differenz Heideggers ausgehenden Theorien der Unabschließbarkeit (Derrida, Lacan).320 Demirovic kritisiert, dass ungeklärt ist, wie sich die Ebene des Diskurses zu der der Gesellschaft verhält und hält Laclau/Mouffe vor, dass es sich bei deren Gleichsetzung um eine bloße Setzung handele. „Wie selbstverständlich werden die Begriffe der Differenz und Äquivalenz mit den Begriffen des Sozialen verbunden, doch wird gerade nicht erklärt oder begründet, wie von der Ebene des Diskurses im allgemeinen zu den Begriffen der Gesellschaft und des Sozialen zurückzufinden ist. (…) Es ist nicht selbstevident, warum das, was sich aufgrund einer hegemonialen Artikulation zu einer diskursiven Regelmäßigkeit, zu einer gleichzeitig notwendigen und kontingenten Totalität verdichtet, die Bedeutung von Gesellschaft annimmt.“321 Eine solche kritische Sicht ergibt sich allerdings nur, wenn man den Blick von außen auf die Hegemonietheorie richtet, d. h. aus einer Perspektive, die der Deontologisierung des Sozialen nicht folgt. Der hegemonietheoretischen Logik nach ist die „Gesellschaft“ als „unmöglich, aber notwendig“ bereits Bestandteil der semiologischen Konstruktion. Mit anderen Worten: Die Hegemonietheorie hat kein Außen, zu dem sie sich ins Verhältnis setzen könnte. Ihr Außen ist als Essentialismus dekonstruiert und damit auch destruiert. Das zeigt sich u. a. daran, dass Laclau/Mouffe die Diskussionen der Zweiten Internationale nicht in Bezug setzen zu den eingetretenen geschichtlichen Entwicklungen, sondern theorieimmanent den ontologischen Status der zentralen Begriffe auszumessen versuchen. Es zeigt sich weiter darin, dass die Beispiele, die sie zur Illustration verwenden und die historischen Transformationen, auf die sie Bezug nehmen, gerade nicht diskurstheore- 319 Demirovic, A. (2007) S. 61. 320 Laclau versteht diese Verbindung als Erkunden der ontologischen Implikationen linguistischer Kategorien, „die damit aufhören, bloß regionale Kategorien einer eng verstandenen Linguistik zu sein“. (Laclau, E. (2007) S. 29. 321 Demirovic, A. (2007) S. 64. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 102 tisch erklärt werden, so etwa der Übergang von vormodernen „genähten“ gesellschaftlichen Strukturen zu den offenen, nicht „genähten“ der Moderne. Ich stimme Demirovic zu, wenn er schreibt: „Gerade an solchen Punkten, an denen auf sozialhistorische Entwicklungen zurückgegriffen wird, wird deutlich, dass es nicht möglich ist, beide Ebenen (materielle Ebene und Diskurs – J. H.) voneinander zu trennen. Doch der Diskurstheorie gelingt es nicht, die Einheit wirklich begrifflich zu fassen. Die ausgegrenzte vordiskursive Wirklichkeit kehrt auf eher krude Weise in den Erklärungszusammenhängen wieder, während gerade das, was kritisierte Autoren wie Marx, Gramsci oder Foucault interessiert hat, der Zusammenhang zwischen objektiven sozialen Prozessen und Diskursen, nicht näher untersucht wird.“322 Stringenz ergibt sich für die Argumentation von Laclau/Mouffe nur, wenn eben die von Demirovic genannte Differenz zwischen objektiven sozialen Prozessen und Diskursen als aufgehoben akzeptiert wird. Beweisen lässt sich die Aufhebung nicht. Insofern handelt es sich um ein geschlossenes System. Für denjenigen, der der hegemonietheoretschen Konstruktion nicht folgt, bleibt die Differenz von „Sinnlichem und Intelligiblem“, von sozialem Prozess und Diskurs einstweilen bestehen. Vielleicht, vermutlich ist die „Differenz zwischen Sinnlichem und Intelligiblem“, konstitutionelle Unbestimmtheit, auf Dauer nicht zu überwinden. Dann fragt sich aber, ob es rationalere Verfahrensweisen gibt, damit umzugehen als im Rahmen einer Heidegger verpflichteten Tradition. Das Reich der Geister „Alles Widerlegen im Felde des wesentlichen Denkens ist töricht.“323 Deshalb will ich es gar nicht erst versuchen, schließlich hat es sich die Logik und die Kategorie des Widerspruchs bereits subsummiert. Aber das wesentliche Denken hat das Wesen des Nationalsozialismus nicht 4.7 322 Demirovic, A. (2007) S. 67. 323 Heidegger, M. (1947) S. 24. 4.7 Das Reich der Geister 103 erkannt, sondern sich ihm im Gegenteil als affin erwiesen.324 So stellt sich die Frage, welche Erkenntnismittel für vergleichbar katastrophische Entwicklungen die Hegemonietheorie bzw. der sich mit ihr stark überschneidende Dekonstruktivismus Derridas bereitstellen könnte. Das gilt umso mehr, insofern die Hegemonietheorie als einem nichtnormativen Begriff des Politischen verpflichtet gilt.325 Laclau betont gegen Derrida, dass die Notwendigkeit der artifiziellen(!) Schließung gleichermaßen durch ein demokratisches wie ein totalitäres Projekt erfüllt werden könne.326 Derrida greift mit „Marx‘ Gespenster“ aus einer dekonstruktiv gebrochenen marxistischen Perspektive am weitesten in gesellschaftliche Gegenwartsfragen hinein. Worin Marx‘ Erbe bestehe und was es seinen Erben abverlange ist dabei sein Thema. Am Topos des Gespenstes und des Geistes dekliniert er das Spiel des Anwesenden Abwesenden, der vollen Präsenz und ihrer Abwesenheit in verschiedenen Feldern durch: Shakespeare – Hamlet, Timon von Athen, Heidegger, Fukuyama und schließlich Marx selbst anhand dessen Geldtheorie, des Tauschwerts wie auch an seinem Ringen darum, die stets drohende Auflösung der gewonnenen Begriffe, ihre Verwandlung ins Gespenstische zu bannen, sie zu exorzieren, u. a. durch die Projektion auf Stirner (Deutsche Ideologie) und die eigene Verwendung einer Spuk-Metaphorik. Darüber kommt er dazu, dass Marx‘ Geist unausrottbar sei und gleichwohl wachgehalten werden müsse, weil er gerade in den Fugen, aus denen die Welt geraten sei fortwese und immer neu seine Verkörperung, seine Verleiblichung verlange. Die Uneinholbarkeit, die sich entziehende Erscheinung des Gespenstes sei nicht nur unheimlich, sondern auch die Voraussetzung, Gerechtigkeit und das Verlangen nach Gerechtigkeit lebendig und auf der Tagesordnung zu erhal- 324 Der Wikipedia-Artikel „Martin Heidegger und der Nationalsozialismus“ umfasst 93 Seiten und betrifft persönliche und weltanschauliche Verstrickungen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. (https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_ Heidegger_und_der_Nationalsozialismus) Aber auch Heideggers nachträgliche Stellungnahme, d. h. seine eigene Perspektive, zeigt eine grobe Verkennung. Heidegger, M. (1945.). 325 Staeheli, U. (1998) S. 58. 326 Vgl. das „non sequitur“ bei Laclau selber: Laclau, E. (2002 b) S. 117 f, 119, dito Marchard, O. (201) S. 247 f. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 104 ten. In der „neuen Internationale“ erscheine dies, auch wenn deren Verfasstheit derzeit noch in der Schwebe sei.327 Während Derrida mit Marx‘ Erbe überaus reflektiert, selbsthinterfragend, dekonstruktiv umgeht, bringt er nicht zur Sprache, dass er auch Heideggers Erbe ist und diese Erbschaft setzt sich nicht in distanzierender Reflexion, sondern in der Identifikation durch. Das, was Identifikation psychoanalytisch gesehen abwehrt, scheint ins Unbewusste sedimentiert. Die „Weile“, die „Fuge“, die „Dike“ als die Gerechtigkeit aus Heideggers „Spruch des Anaximander“ geben Interpretamente für Hamlets Sätze zum und über das Gespenst.328 Durch das gesamte Buch hindurch steht das Gespenst für Heideggers Theorie des Ereignisses, des sich zeigenden und entziehenden Seins. Betont beiläufig erwähnt Derrida, dass Heidegger im Spruch des Anaximander Plotin nicht nenne, ihn „fast niemals“ nenne. Auch Derrida nennt ihn nicht weiter. Das ist auffallend, wenn man davon ausgehen kann, dass Plotin nahezu als Vorläufer Heideggers angesehen werden könnte, dass das qualitätslose „Eine“ Plotins in Heideggers „Sein“ seinen „Wiedergänger“ gefunden hätte. Eine Fragerichtung, die vielleicht an die Voraussetzungen des „seinsandächtigen Denkens“329 wie auch der Dekonstruktion rühren würde. Ich denke hier an die Seinsunmittelbarkeit des Denkens bei Heidegger, die sich schon bei Plotin findet, der den Bezug zum „Einen“ „durch das in uns, das ihm gleicht“ herstellt. 330 Derrida listet in „zehn Wunden“ die himmelschreienden Missstände unserer Tage auf, die den Anstoß zu der „neuen Internationale“ gegeben haben, aber seine Antwort, „das Versprechen“, die „Demokratie á venir“, bleibt vage: „Ein gewisses dekonstruktives Vorgehen (…) bestand von Anfang an darin, den onto-theologischen, aber auch den archäo-teleologischen Begriff der Geschichte bei Hegel, bei Marx und selbst im epochalen Denken Heideggers in Frage zu stellen. Nicht, um ihm ein Ende der Geschichte oder eine Ungeschichtlichkeit entgegenzustellen, sondern um im Gegenteil zu zeigen, daß diese onto-theo-archäo-Teleologie die Geschichtlich- 327 Derrida, J. (2004) S. 120 ff. 328 Derrida, J. (2004) S. 44-48, Heidegger, M. (1980 b.). 329 Lensing, J. (1999.). 330 Ichstütze mich hier auf Halfwassen, J. (2004) in Volpi, F. (2004) S. 1200-1202 sowie auf Wieland, W. (1978) S. 364-366 Plotin, Enneades III 8, bes. Ziff. 9 a. a. O. S. 384-389, Zitat S. 385. 4.7 Das Reich der Geister 105 keit versperrt, neutralisiert und schließlich annulliert, es handelt sich also darum, eine andere Geschichtlichkeit zu denken (…) eine andere Eröffnung der Ereignishaftigkeit als Geschichtlichkeit, die es erlaubt, (…) den Zugang zu einem affirmativen Denken des messianischen und emanzipatorischen Versprechens als Versprechen zu eröffnen: als Versprechen und nicht als onto-theologisches oder teleo-eschato-logisches Programm oder Vorhaben.“331 An dem nicht-religiösen messianischen und emanzipatorischen Versprechen, der normativen Wendung der Dekonstruktion, hakt Laclau ein, der Derrida bis dahin folgt. Den messianischen Aspekt verschärft er zu „einer Art Existential“. Er sei unabhängig von jedem Inhalt der „Struktur aller Erfahrung eingeschrieben“. Der klassische Emanzipationsbegriff hingegen sei „eng mit der teleologischen Eschatologie verknüpft“ die Derrida dekonstruiere. Das bringe Derrida in die Lage, dass er entweder dartun müsste, dass diese emanzipatorischen Inhalte aus der „Verheißung“ als einer generellen Struktur der Erfahrung abgeleitet werden können oder dass sie von dieser unabhängig seien.332 An dieser Stelle löst sich Laclau gänzlich von Derrida, der seine Position nicht zuletzt aus einer immanenten Kritik an Marx heraus entwickelt hatte. War für ihn die Unentscheidbarkeit als Folgewirkung der Dekonstruktion ein Teil der Marxschen Erblast, die Mitverantwortung für die Vagheit der „Démocratie á venir“ trägt, so ist sie für Laclau der Absprungspunkt für eine subjektivistische Volte, die es erlaubt, „ den Marxismus selbst und jede seiner diskursiven Komponenten als partielles Moment der weiteren Geschichte emanzipatorischer Diskurse neu einzufügen“.333 Beide zeigen auf ihre Weise, dass sie der heideggerischen Zwischenweltlichkeit, dem in sich selbst kreisenden Denken, nicht wirklich zu entrinnen vermögen. Oliver Flügel schreibt am Ende seiner Derrida-Darstellung: „So lässt sich im Ganzen konstatieren, dass sie (die Dekonstruktion – J. H.) die nur allzu tief im Keller verscharrten Leichen der abendländischen Denktradition zu Tage fördert, ohne so recht zu wissen, wie mit ihnen hernach zu verfahren sei.“334 Laclau, so scheint es, weiß es. Derrida würde das vermutlich bezweifeln und neuen Spuk befürchten. 331 Derrida, J. (2004) S. 108 f. 332 Laclau, E. (2002 b) S. 115 u. 116. 333 Laclau, E. (2002 b) S. 119 u. 124. 334 Flügel, O. (2004 a) S. 42. IV Diskussion des hegemonietheoretischen Ansatzes 106 Wenn Derrida die Ausgangsfrage zwar nicht beantwortet, aber dafür sensibilisiert – liegt das an einem Rest marxistischen Geistes oder an der Betroffenheit vom menschlichen Elend, an den zehn Wunden? Die neue Internationale steht für Widerstand, steht sie aber auch für ein begründetes Konzept? Die Begründung eines solchen bleibt offenbar „unmögliches, aber notwendiges“ Desiderat. 4.7 Das Reich der Geister 107

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Zusammenfassung

Lassen sich die politischen Kontroversen als Vielfalt von Diskursen verstehen, die mit gleichsam sozialpsychologischen Strategien nach Hegemonie streben, Macht gewinnen und so Gesellschaft gestalten oder allererst schaffen? Oder ist etwas von dem Satz geblieben, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, obwohl doch strittig ist, was denn das (gesellschaftliche) Sein und das Bewusstsein genau sei? Diese Arbeit wendet sich gegen die Vorstellung vom politischen Konflikt als bloßen sich antagonistisch gegenüberstehenden Zeichensystemen und versucht demgegenüber mit Pierre Bourdieu die gesellschaftliche Wirklichkeit als tendenziell methodisch entschlüsselbare als Grundlage linker Politik zu reklamieren.