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III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren in:

Jörg Hein

Wie entstehen die Themen der politischen Konflikte?, page 51 - 86

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4206-9, ISBN online: 978-3-8288-7113-7, https://doi.org/10.5771/9783828871137-51

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
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Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren Das Symbolische und das System Von Louis Althusser zu Michel Foucault Die Erläuterung ihres Begriffes von Artikulation leiten Laclau/Mouffe mit dem von Althusser in die Diskussion gebrachten Begriff der „Überdeterminierung“ ein, den dieser später jedoch verlassen habe zugunsten der damit inkompatiblen Vorstellung von der „ ökonomischen Determination in letzter Instanz“.159 Laclau/Mouffe stellen einerseits fest, dass der von Freud geprägte psychoanalytische Begriff der Überdeterminierung im symbolischen Feld liege „und außerhalb davon überhaupt keine Bedeutung“ habe.160 „Infolgedessen“ sei die „weitreichendste potentielle Bedeutung von Althussers Aussage, dass alles, was im Sozialen existiert, überdeterminiert ist, in der Behauptung, dass das Soziale sich als symbolische Ordnung konstituiert. Der symbolische, das heißt überdeterminierte Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse impliziert deshalb, daß sie keine letzte Buchstäblichkeit besitzen, die sie auf zwangsläufige Momente eines immanenten Gesetzes reduzieren würde“.161 Damit tun sie Althusser m. E. einige Gewalt an. Althussers Intention ist an dieser Stelle, ein spezifisch Marxsches Verständnis von Dialektik und Totalität (in Abgrenzung zu Hegels Dialektikverständnis) zu explizieren. Dieses zeige sich u. a. darin, dass sich die „Einheit“, die „‘Fusion‘ des revolutionären Bruchs“, aus unterschiedlichen Kräften und Gruppen formiert, wobei diese Gruppen zugleich ihre eigene Natur wahren und doch darüber die Einheit als neue, gemeinschaftliche III 3.1 3.1.1 159 L/M S. 132ff. 160 L/M S. 133. 161 L/M S. 133. 51 Qualität determinieren. Dieser „Widerspruch“ sei von der Struktur des ganzen sozialen Körpers untrennbar, in dem er sich auswirke.162 Althusser will auf einen Totalitätsbegriff hinaus, den er „theoretisch“ nennt und der weder empirisch noch symbolisch ist, schon gar nicht in einem an Lacan ausgerichteten Sinn. In der Konsequenz ist dies auch eine Gegenposition gegenüber der von Laclau/Mouffe behaupteten Gegensätzlichkeit der „Logik der Spontaneität“ (Luxemburg) und der „Logik der Notwendigkeit“ (Kautsky). Nach Laclau/Mouffe habe die weitere Diskussion den (in Althusser hineingelesenen) Symbolcharakter des Sozialen nicht aufgenommen, sondern auf unterschiedlichen Wegen erfolglos versucht, den Gedanken der ökonomischen Determination in letzter Instanz zu retten.163 Im weiteren Gang der Argumentation versuchen Laclau/Mouffe deutlich zu machen, dass die verschiedenen Bemühungen, aus einer marxistischen Perspektive den Systemcharakter des Gesellschaftlichen zu begründen, daran scheitern, dass der deterministische Charakter der gesellschaftlichen Vermittlungen nicht durchzuhalten sei und zu einer Tautologie führe.164 Andererseits ließen sich die „Elemente“ des Gesellschaftlichen (z. B. Institutionen, Organisationsformen, Praxen und Agenten) nicht begrifflich fixieren. Es sei von dem „unvollständigen, offenen und politisch ausgehandelten Charakter jeder Identität“ auszugehen. Diese neue Kritik an der „ökonomischen Determination in letzter Instanz“ als essentialistisch kommt allerdings, wie die oben angeführte, nicht ohne die Einführung restringierender Zusatzannahmen aus (ubiquitäre Geltung des Determinationsprinzips für alle Gesellschaften, Ökonomie als geschlossenes theoretisches System).165 Die Offenheit jeglicher Identität sei das mit dem Begriff der Überdeterminiertheit gemeinte: Gegenüber der essentialistischen Totalisierung oder der essentialistischen Separierung verhindere die Präsenz der einen Objekte in den anderen, dass ihre Identitäten fixiert werden. 162 Althusser, L. (1968) S. 65 f; S. 81, S. 150ff. 163 Vgl. Arbeit, S. 15-17. 164 L/M S. 134. 165 L/M S. 133/134. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 52 „Die Objekte erscheinen artikuliert, (…) weil die Präsenz einiger von ihnen in den anderen das Nähen der Identität eines jeden verhindert.“166 Die Definition ihres Begriffs von Artikulation167 ist allerdings zunächst leer und besagt nur, dass Artikulation eine Praxis sei, die die Identität miteinander in Beziehung stehender Elemente modifiziere. Dass daraus eine strukturierte Totalität hervorgehen soll und in welcher Weise das geschehe, wird erst im weiteren Text erklärt, einerseits unter Bezugnahme auf Foucaults Diskurstheorie aus der Archäologie des Wissens, andererseits durch die unausgesprochene Inanspruchnahme des Artikulationsbegriffs von Lacan. (Letzteres gilt auch für das „Symbolische“ bei Lacan.) Foucault Zwischen der Diskurstheorie Foucaults und dem Artikulationsbegriff von Laclau/ Mouffe gibt es eine kategoriale Differenz. Diese Differenz besteht erstens in dem retrospektiven Charakter von Foucaults Diskursbegriff, der als Historiker rückblickend Diskurse freilegen will, die von der traditionellen Geschichtsschreibung verdeckt wurden. Demgegenüber ist Artikulation sensu Laclau/Mouffe präsentisch oder prospektiv auf politische Praxis gerichtet. Daraus ergibt sich zweitens, dass Foucault – auch wenn er das Subjekt verobjektivierend in „Subjektpositionen“ verallgemeinert – eine Metaebene einführt, die den Diskurs zu ihrem Gegenstand hat. Laclau/Mouffe sehen hingegen für die Artikulation keine Konstitutionsebene vor oder außerhalb der artikulierten Elemente.168 Drittens hat die Diskursformation Grenzen, die Nicht-Diskursives ausschalten.169 Das ist für Foucaults Diskursver- 3.1.2 166 L/M S. 141. 167 L/M S. 141, Arbeit S. 17. 168 L/M S. 146. Auf S. 176 f versuchen L/M das Problem durch die Unterscheidung von Diskursebene und Diskurs und der Bezugnahme auf differente Diskursformationen zu lösen, deren „Außen“ etwas anderes ist als eine Metaposition. 169 Das „Schweigen“ von dem Petra Gehring in ihrer Foucault-Darstellung spricht. (Gehring, P., Foucault – Die Philosophie im Archiv, (2004) S. 13-44); Laclau/ Mouffe kennzeichnen die Position Foucaults mit einem Zitat von B. Brown und M. Cousins zutreffend, räumen auch ein, dass die Universalität des Diskursiven den Begriff des Diskurses selbst modifiziert, verwenden aber zentrale diskurs- 3.1 Das Symbolische und das System 53 ständnis essentiell. Sein Diskurs ist aufgespannt zwischen historischem Apriori, Aussagen, Archiv und Formationsregeln (Regelmäßigkeiten). Für Laclau/Mouffe ist Diskurs universell, es gebe „kein Objekt außerhalb jeglicher diskursiver Bedingungen des Auftauchens“.170 Sie begründen das mit dem Hinweis, dass Foucault die Bestimmung von Formationsregeln selbst nur in einer diskursiven Praxis vornehmen könne.171 Foucaults Begriff der Verstreuung ist an den der „Aussage“ gebunden, den er auf 56 Buchseiten einzugrenzen versucht. Dabei macht er u. a. deutlich, dass eine Aussage nicht auf der Ebene von Zeichenrelationen definiert werden kann, auch wenn sie in sprachlicher Form erscheint. Entscheidend sei, dass der Aussage eine Existenzmodalität zukomme, die sie in ein Verhältnis zu einem Objektbereich setze.172 Dieser Objektbereich wird aber nicht als Kontext, sondern als Verstreuung erkennbar, Verstreuung von Aussagen, die als „Eine Ordnung in ihrer sukzessiven Erscheinung, Korrelationen in ihrer Gleichzeitigkeit, bestimmbare Positionen in einem gemeinsamen Raum, ein reziprokes Funktionieren, verbundene und hierarchisierte Transformationen“173 identifiziert werden können. Eine solche Ordnung von Aussagen meint Foucault mit „Regelmäßigkeit“, die ihrerseits die Diskursformation bestimmt. Es handelt sich um ein System, dessen Komponenten sich im Rahmen eines Suchprozesses wechselseitig bestimmen: „Man kann sagen, daß das Auffinden der diskursiven Formation unabhängig von anderen möglichen Vereinheitlichungsprinzipien die spezifische Ebene der Aussage offenlegt. Man kann aber ebensogut sagen, daß die Beschreibung der Aussagen und der Weise, wie die Aussageebene ortheoretische Termini Foucaults (Verstreuung, Regelmäßigkeit) unverändert weiter. (L/M S. 251 f, Endnote) Laclau bekräftigt an anderer Stelle noch einmal die Differenz zu Foucault im Hinblick auf die Grenzen des Diskurses. (Laclau, E. (2013) Universalität konstruieren, S. 353.). 170 L/M S. 143. 171 L/M S. 143 Dieser Einwand berührt Foucaults Diskursbegriff nicht. 172 Foucault, Archäologie des Wissens, S. 155 f; Gehring, P. (2004) S. 56ff, Bei den „Existenzbedingungen“ der „Aussagen“ handelt es sich nicht um außersprachliche Phänomene, wie L/M offenbar irrtümlich unterstellen. Ihr materieller Charakter steht nicht im Gegensatz zu ihrer sprachlichen Formulierbarkeit. L/M S. 144. 173 Foucault, Archäologie des Wissens S. 57. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 54 ganisiert ist, zu der Individualisierung der diskursiven Formation führt. Die beiden Vorgehensweisen sind (…) umkehrbar. (…) Während aber die Regelmäßigkeit eines Satzes durch die Gesetze einer Sprache (…) definiert wird, wird die Regelmäßigkeit der Aussagen durch die diskursive Formation selbst definiert. Ihre Zugehörigkeit und ihr Gesetz bilden ein und dieselbe Sache. Das ist nicht paradox, da die diskursive Formation sich nicht durch Formationsprinzipien, sondern durch eine tatsächliche Streuung definiert, da sie für die Aussagen keine Bedingung der Möglichkeit, sondern ein Gesetz der Koexistenz ist, und da umgekehrt die Aussagen keine austauschbaren Elemente, sondern durch ihre Existenzmodalitäten charakterisierte Gesamtheiten sind.“174 Hier wird ein Organisationsmodus beschrieben, der an relativ streng definierte Begriffe gebunden ist (zu denen bei Foucault auch das „historische Apriori“ und das „Archiv“ zählen)175 und nur daraus seine Logik gewinnt. Laclau/Mouffe hingegen nivellieren das zu einem System von Relationen, das externe Elemente assimiliert. Damit können sie auch keine Kriterien für den oder die Inhalte der von ihnen definierten Totalitäten angeben, was ihnen auch von verschiedenen Seiten kritisch vorgehalten wurde. Laclau/Mouffe haben die Dynamik, den Prozesscharakter von Foucaults Diskursbegriff übernommen, ohne dessen Logik zu übernehmen. Dadurch, dass sie Foucaults Diskursbegriff semiologisch ummünzen und dadurch seines Kerngehaltes berauben, belegen sie auch seine Terminologie mit anderen Inhalten. Die Kohärenz der „strukturierten Totalität“, die sie als Diskurs bezeichnen, wird der „Regelmäßigkeit in der Verstreuung“ zugeschrieben, die Foucaults Begriff der diskursiven Formation kennzeichne. Sie sei dem „eng verwandt“. „Verstreuung“ wird bei ihnen im Sinne de Saussures zu einem System von Relationen, die die Identität der in ihm enthaltenen Momente definieren, „Regelmäßigkeit“ wird zur Logik dieses Systems, seine Form der Notwendigkeit.176 Zur Praxis wird ein solches System einerseits dadurch, dass außerhalb von ihm liegende Elemente „bearbeitet“ werden (Artikulation), wodurch sie – unter Modifikation des Systems – diesem als Momente angeschlossen werden können. Andererseits habe 174 Foucault, Archäologie des Wissens, S. 169 f. 175 Foucault, Archäologie des Wissens, S. 113-190, insbes. S. 183-190; Gehring, P. S. 38ff und S. 63ff. 176 L/M S. 142 f. 3.1 Das Symbolische und das System 55 die diskursive Struktur auch materiellen Charakter, enthalte auch nicht-sprachliche Elemente, die zusammen mit den sprachlichen „ein differentielles und strukturiertes System von Positionen“ bilden.177 Das Politische und die Macht Noch einmal Foucault Unterscheidet sich der Begriff der Artikulation (und der auf ihm aufbauende der Hegemonie) bei Laclau/Mouffe deutlich vom Diskursbegriff Foucaults, so zeigt er sich hingegen sehr affin zu Foucaults Machttheorie aus „Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I“ auf den sich Laclau/Mouffe allerdings nicht ausdrücklich beziehen. Im Gegenteil hat Ernesto Laclau an anderer Stelle seine Distanz zu Foucault deutlich ausgesprochen.178 Der Übergang von der historischen Methodologie Foucaults in der Archäologie des Wissens zur Machttheorie ist fließend. Bereits in der Archäologie selbst heißt es: (der Diskurs erscheint als) „Ein Gut, das infolgedessen mit seiner Existenz (und nicht nur in seinen ‚praktischen Anwendungen‘) die Frage nach der Macht stellt. Ein Gut, das von Natur aus der Gegenstand eines Kampfes ist.“179 In der „Ordnung des Diskurses“ tritt der Machtaspekt des Diskurses noch deutlicher hervor.180 Gilles Deleuze hat das direkt ausgesprochen: „Insistiert man auf der Frage nach den Kriterien, deren sich Foucault bedient, so wird die Antwort in ihrer ganzen Klarheit zweifellos erst in den Büchern nach der Archäologie sichtbar werden: die Wörter, die Sätze und die Proportionen, die dem Korpus zugrunde liegen, müssen um die diffusen Brennpunkte der Macht (und des Widerstands) herum ausgewählt werden.“181 3.2 3.2.1 177 L/M S. 145. 178 Laclau, E. (2013) Universalität konstruieren S. 353. 179 Foucault, Archäologie des Wissens, S. 175. 180 Foucault, Ordnung des Diskurses S. 11 u. 17, Foucault betont u. a. den Ausschließungscharakter des Diskurses als Aspekt von Macht. 181 Deleuze, G. (2013) S. 30. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 56 In Sexualität und Wahrheit macht Foucault dies am Beispiel des Sexes ausdrücklich zum Thema: „Es ist das Problem, das fast alle meine Bücher bestimmt: wie ist in den abendländischen Gesellschaften die Produktion von Diskursen, die (…) mit einem Wahrheitswert geladen sind, an die unterschiedlichen Machtmechanismen und –institutionen gebunden?“182 Seinen strategischen Machtbegriff entwickelt Foucault im Methodenkapitel von Sexualität und Wahrheit. Er gleicht der Hegemonietheorie z. T. bis in die Formulierungen hinein. Seinen Begriff der „strategischen“ Macht (im Gegensatz zur traditionellen „juridischen“) kann Foucault allerdings nur durch die Transformation seiner Diskurstheorie aus der Archäologie des Wissens gewinnen, indem er deren wesentliche Kriterien preisgibt. Zwar rekonstruiert er in der von ihm bekannten Weise die historische Diskursivierung des Sexes, der Überstieg in die Gegenwart und zu dem Abstraktum „Macht“ als einer dynamischen Konstellation von Kräfteverhältnissen kann jedoch nur induktiv aus der Aussagenanalyse des Sexes und unter Preisgabe der Kautelen gewonnen werden, die zur Identifikation von „Aussagen“, „Regelmä- ßigkeit“ und „Verstreuung“ zu beachten wären. Vom dem dem Gegenwartsbewusstsein nicht oder allenfalls unzureichend zugänglichen „historischen Apriori“ bleibt nur das positivistisch Unmittelbare. Macht, näher spezifiziert als „Biomacht“, wird von einem Diskurs zu einer umfassenden Gegenwartsdiagnose,183 die keine Metaebene mehr hat, von der aus sie gestellt wird.184 Foucault vollzieht damit den gleichen Schritt wie nach ihm Laclau/ Mouffe. Foucault schließt das „Soziale“, hier: Herrschaftssystem, staatliche Souveränität, Gesetz als „institutionelle Kristallisierungen“, aus seinem Begriff der Macht aus. Es handele sich bei diesen Formationen um „Endformen“, um „Hegemonieeffekte“, die aus der Verkettung von Kraftverhältnissen resultieren, die den Gesellschaftskörper durchzie- 182 Foucault, M., Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I, S. 8. 183 Foucault, M., Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I, S. 132ff. 184 Žižek erwähnt eine Anekdote, nach „der (Foucault – J. H.) als Antwort auf die Kritik, er spreche von einer Position aus, deren Möglichkeit im Rahmen seiner eigenen Theorie nicht vorgesehen sei, amüsiert entgegnete: ‚Diese Art Fragen berührt mich nicht: Sie gehört zum Diskurs der Polizei, dessen Akten die Identität des Subjekts konstruieren!‘“ Žižek, S., (2013) Da capo senza fine, S. 289. 3.2 Das Politische und die Macht 57 hen.185 Das fällt mit der Konstitution des Sozialen durch das Politische in der Hegemonietheorie zusammen. „Der entscheidende Punkt ist, daß jede Form der Macht auf pragmatische Art und Weise und dem Sozialen innerlich durch die entgegengesetzten Logiken von Äquivalenz und Differenz konstruiert wird. Macht ist niemals grundlegend. Das Problem der Macht kann deswegen nicht im Sinne einer Suche nach der Klasse oder dem dominanten Sektor gestellt werden, die oder der das Zentrum einer hegemonialen Formation bildet, da sich uns ein solches Zentrum definitionsgemäß immer entziehen wird.“186 Ebenso findet sich bei Foucault die Vorstellung der Verkettung von Kräfteverhältnissen (Äquivalenzketten in der Hegemonietheorie) bzw. deren Konfrontation (Antagonismus) und die Bildung von Knotenpunkten. Macht geht stets mit Widerstand, dem „nicht wegzudenkenden Gegenüber“, einher (das konstitutive Außen in der Hegemonietheorie), Machtverhältnisse haben strikt relationalen Charakter187 und gleichen darin den Totalitäten bei Laclau/Mouffe. Schließlich ist Wissen, sind Wissenstechniken, – der Diskurs – Teil von Macht bzw. Macht ist Teil von ihnen, sie sind einander immanent. Hier entsteht allerdings ein Gegensatz zu Laclau/Mouffe insofern der Diskurs bei Foucault „taktisch polyvalent“ ist, er kann in unterschiedlichen, miteinander konfligierenden Strategien eine Rolle spielen und diese andererseits auch unterminieren.188 Das gilt für den hegemonialen Diskurs sensu Laclau/Mouffe nicht. Der hegemoniale Diskurs ist zwar in seiner Identität an den gegenhegemonialen Diskurs gebunden, aber in sich hinreichend kohärent. Die „Regelmäßigkeit in der Verstreuung“ erstreckt sich nicht auf sich antagonistisch verhaltende Diskurse wie das bei Foucault möglich ist. Überdies ist Foucaults „strategische Macht“ als „Anreizung, Verstärkung, Kontrolle, Überwachung, Steigerung und Organisation“ entgrenzt und tendenziell universell im Gegensatz zur hegemonialen Logik, die ihre Grenze an ihrem Gegenpart findet. Ein weiterer Unterschied liegt in dem Gedanken der „frei flottierenden Elemente“, für die es in Foucaults Diskurstheorie keinen Raum gibt. Sie sind letztlich eine Konsequenz aus der Universalität des 185 Foucault, M., Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I, S. 93, S. 95. 186 L/M S. 184/185. 187 Foucault, M., Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I S. 96. 188 Foucault, M., Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I S. 100. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 58 Diskurses bei Laclau/Mouffe. Dieser universelle diskursive Raum wird teilweise strukturiert durch Artikulationen, die aber nicht den gesamten Raum umfassen können. Laclau/Mouffe geben folgende Bestimmung: „Die beiden Bedingungen einer hegemonialen Artikulation sind also einmal die Präsenz antagonistischer Kräfte und zum zweiten die Instabilität der sie trennenden Grenzen. Nur die Präsenz eines weiten Bereichs flottierender Elemente und die Möglichkeit ihrer Artikulation zu entgegengesetzten Lagern – was eine beständige Neudefinition der letzteren impliziert – konstituiert das Terrain, das uns erlaubt, eine Praxis hegemonial zu definieren.“189 Dabei handelt es sich historisch gesehen um ein Phänomen der Moderne: „Die hegemoniale Dimension von Politik entfaltet sich nur in dem Maße, wie der offene, nichtgenähte Charakter des Sozialen zunimmt.“ und „…wird die hegemoniale Form von Politik erst zu Beginn der Moderne dominant, wenn die Reproduktion der verschiedenen sozialen Bereiche unter sich permanent verändernden Bedingungen stattfindet, die beständig die Konstruktion neuer Differenzsysteme erfordern. Deshalb hat sich der Bereich artikulatorischer Praxen enorm erweitert.“190 Die Autoren unterscheiden „genähte“ (z. B. Mittelalter) und „nichtgenähte“ (moderne) Formen des Sozialen. Damit hätte sich die einstige Konstituierung des Politischen durch das Soziale in der Gegenwart umgekehrt. Dieser historische Bruch erübrigt dann auch die Frage, wie denn die „sich permanent verändernden Bedingungen“ zu erklären seien, sind sie doch Folge des in sich selbst kreisenden Systems der hegemonialen Logik, das das Soziale konstituiert Carl Schmitt In „Hegemonie und radikale Demokratie“ wird auf Carl Schmitt nicht Bezug genommen. Er ist jedoch in späteren Veröffentlichungen von 3.2.2 189 L/M S. 177. 190 Beide Zitate L/M S. 180. 3.2 Das Politische und die Macht 59 Chantal Mouffe als Referenzautor sehr präsent. Mouffe folgt seinem Kriterium der Freund-Feind-Unterscheidung als Definiens des Politischen. Es entspreche der grundsätzlich konflikthaften Struktur der Gesellschaft, deren Differenzen, ihre Wir-Sie-Relationen, jederzeit in antagonistische Gegensätze umschlagen können.191 Ihr von Henry Staten übernommener Begriff den „konstitutiven Außen“ als Voraussetzung politischer Identitäten liegt auf der gleichen Linie.192 Sie bezieht sich hier vermutlich nur deshalb nicht auf Schmitt, weil Schmitt einen innergesellschaftlichen Pluralismus ablehnt, der jedoch Bestandteil ihres Konzepts der agonalen Demokratie ist. Ihre Liberalismus-Kritik stützt sie jedoch vor allem auf Carl Schmitt, der die Realität der Macht benenne, vor der der Liberalismus die Augen verschließe. Tautologisch wird Mouffes Argumentation allerdings, wenn sie – mit Schmitt – darauf besteht, dass die Freund-Feind-Unterscheidung „auf politische Weise vorgenommen werden muß, nicht auf der Grundlage von Ökonomie oder Ethik“,193 wenn doch diese Unterscheidung das Politische überhaupt erst ausmacht. Schmitt nennt kein anderes Kriterium als die bloße Existenz einer Gegen-Gruppe. „Er ist eben der andere, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, daß er in einem besonders intensiven Sinne existenziell etwas anderes und Fremdes ist,…“194 Carl Schmitts Machtbegriff, gestützt auf die Freund-Feind-Unterscheidung, ist abstrakt insofern er an keinen Inhalt gebunden ist außer dem der Souveränität.195 In dieser Abstraktheit passt er in den Grundgedanken der Hegemonietheorie. Er hat allerdings einige zwingende Voraussetzungen, die mit dieser Theorie unvereinbar sind und deren Problematik von Mouffe nicht erörtert wird. Die wichtigste Prämisse ist die Souveränität selbst, die Fähigkeit, den Ausnahmezustand zu verhängen, die sich nach Schmitt in keine Rechtsnorm letztlich einbinden lässt, insofern jenseits des Rechts liegt und letztlich seine Voraussetzung ist. Damit ist aber die hegemonietheoretische Vorstellung von 191 Mouffe, Ch. (2007) S. 21ff, Arbeit S. 38ff. 192 Mouffe, Ch. (2007) S. 23, Henry Staten, Wittgenstein and Derrida, Oxford 1985 zit. nach Mouffe l. c.; Arbeit S. 37. 193 Mouffe, Ch. (2007) S. 101. 194 Schmitt, C., (2009) Der Begriff des Politischen, S. 26. 195 Zur Freund-Feind-Unterscheidung vgl. Schmitt, C., (2009) S. 25 f, zum Begriff der Souveränität ebd. S. 36 f sowie Schmitt, C. (1990) Politische Theologie, S. 11-22. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 60 einem juristisch-institutionellen Rahmen, innerhalb dessen die agonale Konfliktaustragung stattfinden soll, nicht zusammen zu bringen. M. a. W.: Der Hegemon bestimmt letztlich auch die Regeln der Konfliktaustragung. Zugespitzt wird dieses Problem durch Schmitts These von der Definition der Regel durch die Ausnahme. „Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik.“196 Der Extremfall, der Ausnahmezustand, macht klar, wer die Macht hat und in der Lage ist, die Regeln zu definieren. Keineswegs wäre der Ausnahmezustand als normierter Sonderfall innerhalb eines Regelsystems zu sehen. Diese Logik verlangt auch eine hinlänglich geschlossene und kohärente Gesellschaft, ein Volk und nicht eine Pluralität von Machtzentren. Schmitts Kategorien stellen auf eine existenzielle Dimension ab, auf eine mögliche Auseinandersetzung auf Leben und Tod, die erst den Staat und den verpflichtenden Charakter seiner Ansprüche hervorbringt. Darauf beruht die Ablehnung der Rechtfertigung von Kriegen mit liberalen oder ethischen „Werten“ als interessengebundene und vorgeschobene Begründungen. „Es gibt keinen rationalen Zweck, keine noch so richtige Norm, kein noch so vorbildliches Programm, kein noch so schönes soziales Ideal, keine Legitimität oder Legalität, die es rechtfertigen könnte, daß Menschen sich gegenseitig dafür töten. Wenn eine solche physische Vernichtung menschlichen Lebens nicht aus der seinsmäßigen Behauptung der eigenen Existenzform gegenüber einer ebenso seinsmäßigen Verneinung dieser Form geschieht, so läßt sie sich eben nicht rechtfertigen. Auch mit ethischen und juristischen Normen kann man keinen Krieg begründen.“197 Aber mit Schmitt wäre hier zu fragen, wer denn definiere, dass eine solche seinsmäßige Bedrohung vorliege und wer könne ausschließen, dass sie fingiert ist? Schmitt nimmt den Verweisungszusammenhang der existenziell zu verstehenden Begriffe des Politischen, der Souveränität, des Kamp- 196 Schmitt, C. (1990), S. 22. 197 Schmitt, C., (2009) S. 46. 3.2 Das Politische und die Macht 61 fes, des Volkes, der Entscheidung etc. als metaphysische Grundlage der Rechtskonstitution und damit auch der Gesellschaft. Seine Intention ist nicht, aus den Differenzen zwischen Gruppen oder Staaten Gesichtspunkte für deren Identitätskonstitution zu gewinnen. Er hätte den Gedanken vermutlich auch zurückgewiesen.198 Signifikation de Saussure, Hjelmslev und Benveniste Für den linguistischen Argumentationsstrang Laclaus ist das Postulat der Unabhängigkeit des Signifikanten vom Signifikat eine entscheidende Voraussetzung. Nur wenn es zwingend gemacht werden kann, lässt sich auf der sprachphilosophischen Ebene das Folgeargument von der Grenze des Signifizierbaren halten. Dort ist der Ort des Antagonismus. Im politischen Feld hängt die These der Unabhängigkeit des Politischen vom Sozialen davon ab. Wie aber stehen die Positionen von de Saussure und Hjelmslev – auf die sich Laclau und Mouffe beziehen199 – zu Laclaus Vorstellung? Sowohl de Saussure wie auch Hjelmslev ist die Vorstellung von einer Grenze des sprachlichen Systems fremd. Sprache ist für beide prinzipiell unendlich, auch wenn sie aus einer endlichen Anzahl von Elementen und Formationsregeln hervorgeht. Was überhaupt ausgedrückt werden kann nimmt notwendig sprachliche Form an. Veränderungen in der Zeit folgen als Serien synchroner Sprachzustände universellen Grundmustern, die jedoch großen Spielraum für Variationen lassen. Die verschiedenen Sprachen sind Varianten dieser universellen Muster. Die Unabhängigkeit der Signifikanten vom Signifikat bei de Saussure liegt zunächst lediglich darin, dass der Sprachausdruck, die Lautgestalt (Signifkant, Bezeichnendes) in keinem vorbestimmten Verhältnis zum Sprachinhalt (Signifikat, Bezeichnetes) steht, wenn die Ver- 3.3 3.3.1 198 Zu Schmitts Herkunft aus einem konservativ-revolutionären katholischen Milieu vgl. Koenen, A. (1995) Der Fall Carl Schmitt – Sein Aufstieg zum „Kronjuristen des Dritten Reiches“. 199 Vgl. L/M S. 150, Laclau, Identität und Hegemonie S. 88ff. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 62 bindung von beidem das sprachliche Zeichen bildet. De Saussure sieht den Sprachinhalt in den Vorstellungen, also einer psychischen Qualität, der er in manchen Fällen einen Einfluss auf den Sprachausdruck zuschreibt. Grundsätzlich stünden aber beide Ebenen in einem arbiträren Verhältnis. Die sprachlichen Zeichen seien nicht „motiviert“. Dem widerspricht nicht, dass sowohl die Ausdrucksebene, die Lautgestaltung, wie auch die Inhaltsebene jeweils einer relativ strengen Systematik folgen durch die jedes Element seinen „Wert“, seine spezifische Charakteristik und Funktion aus seinem Verhältnis zu allen anderen Elementen seiner Ebene erhält. Es sei selbst kein Positivum sondern nur als Teil eines relationalen Systems definiert. In der Sprachentwicklung (Diachronie) könnten aber Veränderungen auf der Vorstellungsebene auch Veränderungen der Ausdrucksebene zur Folge haben und umgekehrt. Die historische Bedeutung de Saussures liegt in der Hinwendung zur formalen Analyse der Sprache, vor allem des Sprachbaus, der „synchronen Sprachwissenschaft“. Sie führte ihn zu der fundamentalen Aussage „die Sprache ist eine Form und nicht eine Substanz“.200 Die Arbitrarität der Zeichen aber war für de Saussure „das semiologische Prinzip schlechthin und deswegen Ausgangspunkt und Zentrum der ganzen Saussureschen Lehre“, schreibt Thomas M. Scheerer in seiner Monografie über de Saussure.201 Laclau sieht in der Signifikant-Signifikat-Kopplung bei de Saussure einen Widerspruch in dessen Systematik und spricht von Isomorphie, die de Saussure zwischen beiden Systemen behaupte. Was damit gemeint ist, ist nicht restlos klar. Man darf davon ausgehen, dass er sich die „Ordnung der Signifikanten“, d. h. der Lautgestalten, als gleichsam spiegelbildlich zur „Ordnung der Signifikate“, d. h. der Begriffe vorstellt. Dem dann anzunehmenden Einfluss des Signifikats auf den Signifikanten käme damit ein transzendentaler Charakter zu. 202 De Saussure beschreibt beide Ebenen zwar als Ordnungen, ihren Zusammenhang als Systeme lässt er jedoch ungeklärt. Das von Laclau ge- 200 De Saussure, F. (1967) S. 146. 201 Scheerer, Thomas M. (1980) Ferdinand de Saussure – Rezeption und Kritik, Darmstadt, WBG, S. 117. Bei Scheerer findet sich eine überblicksartige Darstellung der Diskussion zu diesem Thema (S. 99-120.). 202 Vgl. diese Arbeit: Ergänzungen –Ernesto Laclau (S. 39 f); Laclau, E. (2013) S. 84. 3.3 Signifikation 63 sehene Problem der Abhängigkeit des Signifikanten vom Signifikat scheint diesem durch die von Louis Hjelmslev und der Kopenhagener Schule erarbeitete Formalisierung gelöst: Signifikant und Signifikat seien nun gänzlich voneinander unabhängig bzw. sich intransparent.203 Dabei übergeht Laclau allerdings den „traditionelleren“ Lösungsvorschlag von Emile Benveniste, der auf eine Korrektur der Zeichentheorie de Saussures hinausläuft. Benveniste geht es um die nähere Bestimmung dessen, was mit der „Arbitrarität der Zeichen“ gemeint sein kann. Arbitrarität bestehe nicht zwischen dem phonetischen Ausdruck (Signifikant) und der ausgedrückten Vorstellung (Signifikat), sondern zwischen dem Zeichen (d. h. der Einheit von Signifikant und Signifikat) und der ausgedrückten Sache, dem realen Gegenstand, auf den sich das Zeichen bezieht. „Die Wahl, die einen bestimmten akustischen Ausschnitt für eine bestimmte Vorstellung setzt, ist keineswegs arbiträr; dieser akustische Ausschnitt würde ohne die entsprechende Vorstellung gar nicht existieren und umgekehrt. In Wirklichkeit denkt Saussure immer, obwohl er von ‚Vorstellung‘ (idée) spricht, an die Darstellung des realen Gegenstands und an den nicht notwendigen unmotivierten Charakter der Verbindung, die das Zeichen und die bedeutete Sache vereint.“204 Benveniste führt damit einen dritten Pol ein, den Referenten, dessen Verhältnis zum Zeichen er allerdings als einstweilen außerhalb der Linguistik liegend an die Philosophie verweist. „Arbiträr ist die Tatsache, daß ein bestimmtes Zeichen und kein anderes auf ein bestimmtes Element der Realität und nicht auf irgendein anderes angewandt wird. (…) Das ist in der Tat, auf linguistische Begriffe übertragen, das metaphysische Problem des Zusammenklangs von Geist und Welt, ein Problem, das der Linguist vielleicht eines Tages mit Gewinn erneut aufzugreifen vermag, das er im Augenblick jedoch besser beiseite läßt.“205 Diese erkenntnistheoretische Zurückhaltung Benvenistes scheint mir im Zusammenhang zu stehen mit dem abstrakt-konstruktivistischen 203 Laclau bezieht sich, soweit erkennbar, auf Louis Hjelmslev (1974/1943) Prolegomena zu einer Sprachtheorie, München. 204 Benveniste, E. (1974) Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 67. 205 Benveniste, E. (1974) S. 65; vgl. im gleichen Sinne a. a. O. S. 36. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 64 Charakter der Linguistik. Benveniste zitiert dazu aus einer frühen Notiz de Saussures: „Hier (in der Linguistik – J. H.) gibt es zunächst Perspektiven, richtige oder falsche, aber einzig und allein Perspektiven, mit Hilfe derer man sekundär die Dinge erschafft. Diese Schöpfungen entsprechen Realitäten, wenn der Ausgangspunkt richtig ist, oder sie entsprechen ihnen nicht im gegenteiligen Fall; in beiden Fällen jedoch ist kein Ding, kein Gegenstand auch nur einen Augenblick an sich gegeben. (…) In der Linguistik verneinen wir grundsätzlich die Existenz gegebener Objekte, daß es Dinge gibt, die zu existieren fortfahren, wenn man von einer Reihe von Ideen übergeht zu einer anderen, und daß man sich folglich erlauben kann, die ‚Dinge‘ in mehreren Reihen zu betrachten, als ob sie von sich selbst gegeben wären.“206 Louis Hjelmslev hingegen, auf den sich Laclau stützt, treibt die von de Saussure begonnene formale Analyse der Sprache weiter und versucht mit einer Fülle formal definierter Begriffe und Analyseoperationen die Grundstruktur der Sprache als formales System freizulegen. Orientierend ist der Logische Positivismus, insbesondere Rudolf Carnap.207 Hjelmslev stützt sich dabei auf eine Form der Analyse, die „Prozedur“, die er aufgrund ihrer Vorannahmen und ihrer Strategie für frei von metaphysischen Implikationen hält. „Die Prozedur ist rein formal in dem Sinn, daß sie die Einheiten der Sprache als aus einer Anzahl von Figuren bestehend ansieht, für die bestimmte Umformungsregeln gelten. Diese Regeln werden ausfindig gemacht ohne Berücksichtigung der Substanz, in der die Figuren und Einheiten sich manifestieren; die sprachliche Hierarchie und folglich auch die sprachliche Deduktion sind unabhängig von den physischen und psychologischen und von den nichtsprachlichen Hierarchien und Deduktionen überhaupt, die zu einer Beschreibung der ‚Substanz‘ führen könnten. Deshalb darf man von dieser deduktiven Prozedur keine Bedeutungsoder Lautlehre erwarten, sondern sowohl für den Ausdruck der Sprache als auch für den Inhalt der Sprache nur eine ‚sprachliche Algebra‘, die die formale Grundlage darstellt für eine Zuordnung der nicht-sprachlichen ‚Substanz‘-Deduktionen.“208 206 De Saussure, F., zit. nach Benveniste, E. (1974) S. 52 f. 207 Hjelmslev, Louis (1974 a) Prolegomena zu einer Sprachtheorie, S. 106ff; ders. (1974 b) Die strukturale Analyse der Sprache, S. 66 f; Barth, Erhard (1974) Zur Sprachtheorie von Louis Hjelmslev, S. XV. 208 Hjelmslev (1974 a) S. 95. 3.3 Signifikation 65 Hjelmslev spricht vom „Sinn“ sprachlicher Aussagen zunächst als einer „amorphen Masse“, einer „unanalysierten Größe“ und setzt ihn der „Inhaltssubstanz“ gleich, d. h. den Vorstellungen bei de Saussure. Von dieser „amorphen Masse“ lasse sich nicht sagen, dass sie der Sprache vorausgehe. Die Substanz hänge von der Form ab, derart, „daß sie ausschließlich dank ihrer lebt, und daß man in keinem Sinn sagen kann, daß sie selbständige Existenz habe“. 209 Vielmehr sei es „… immer derselbe Sinn, der in verschiedenen Sprachen geformt und strukturiert wird. Was seine Form bestimmt, sind ausschließlich die Funktionen der Sprache, die Zeichenfunktion und die davon deduzierbaren. Der Sinn ist jedesmal Substanz für eine neue Form und hat keine mögliche Existenz außer der, Substanz für die eine oder andere Form zu sein. Wir konstatieren also im sprachlichen Inhalt, in seinem Verlauf, eine spezifische Form, die Inhaltsform, die vom Sinn [mening] unabhängig ist und zu ihm in arbiträrem Verhältnis steht und ihn zu einer Inhaltssubstanz formt.“ 210 (Kursivierung im Original) In diesem Sinn kann man von der Unabhängigkeit des Signifikanten vom Signifikat sprechen, zugleich wird aber der Sinn, die „Vorstellungen“ de Saussures, in ein formal-algebraisches System transformiert, d. h. das Signifikat als solches aufgelöst. Hjelmslev begründet seine Behauptung mit den unterschiedlichen sprachlichen Fassungen mit denen derselbe Sinn in verschiedenen Sprachen ausgedrückt wird. Letztendlich kann dieser sprachtranszendente Sinn jedoch nur durch eine Theorie von Metasprachen, die erkennbar formal unterbestimmt sind,211 in den Rahmen seiner Glossematik integriert werden. Soweit Laclau sich zur Unabhängigkeit der Signifikanten auf Hjelmslev beruft, geht er davon aus, dass dessen Ansatz erfolgreich durchgeführt werden konnte und eine fundamentale Neuorientierung der Linguistik nach sich gezogen hat. Bierwisch212 rechnete noch 1966 damit, dass das möglich sein könnte. Inzwischen bestehen daran Zweifel. Möglicherweise stellt sich hier ein analoges Problem zu dem Witt- 209 Hjelmslev (1974 a) S. 55. 210 Hjelmslev (1974 a) S. 56. 211 Hjelmselv (1974 a) S. 100-120. 212 Bierwisch, M. (1966.). III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 66 gensteins nach dem Tractatus.213 Aber auch im Fall dass Hjelmslevs Ansatz durchführbar wäre, entsteht für Laclau eine andere Schwierigkeit, nämlich die, dass er sich im System der reinen Signifikation einem System (der Sprache) gegenüber sähe, das noch weit stärker strukturiert wäre, eine „geschlossene Totalität“ darstellte, als das bei de Saussure der Fall ist. Mit Emile Benveniste kritisieren Laclau/Mouffe ein solches System als essentialistisch, als von Notwendigkeit bestimmt. Es lasse keine Artikulation als Bearbeitung von Elementen und deren Umwandlung in Momente einer Totalität zu.214 Mir scheint Hjelmslevs Systematik genau die geschlossene Totalität erst herzustellen, die Laclau kritisiert. Laclau schreibt: „Denn wenn es eine vollständige Isomorphie zwischen der Ordnung des Signifikanten und der Ordnung des Signifikats gäbe, wäre es unmöglich, die eine von der anderen in rein formalen Begriffen zu unterscheiden, sodass die einzigen Alternativen wären, entweder für einen strengen Formalismus zu argumentieren, der notwendigerweise zu einem Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen Signifikant und Signifikat (und zur Auflösung der Kategorie des Zeichens) führen würde, oder die (phonischen und begrifflichen) Substanzen inkonsistenterweise in die linguistische Analyse hineinzuschmuggeln.“215 Ersteres scheint mir bei Hjelmslev mit den Korrespondenzen von Inhaltsform und Inhaltssubstanz einerseits und Ausdrucksform und Ausdruckssubstanz andererseits216 der Fall zu sein. Gisela Harras, Mitherausgeberin und Übersetzerin von Texten Hjelmslevs, sieht dessen Werk als Beispiel für die aus zu starken Idealisierungen und Abstraktionen von allem Faktischen resultierende geringe explanative Kraft des (linguistischen) Strukturalismus. U. a. kritisiert sie „die völlige Abstraktion von dem Verhältnis außersprachlicher Realität und ihrer Bezeichnung durch Sprache; das wird deutlich bei der strengen Ausklammerung der ‚substance‘ aus dem linguistischen Prozeß. Eine solche Linguistik gerät leicht in Gefahr, keine Grenzen zwischen wahr, richtig und falsch mehr angeben zu können, d. h. sie verbaut sich die Möglichkeit dazu von vornherein, …“217 213 Vossenkuhl, W. (2003) Kap. V. S. 136-168. 214 L/M S. 142 f, S. 150 f. 215 Laclau (2013) S. 88. 216 Hjelmslev, L. (1974 a) S. 56-59. 217 Harras, G. (1974 b) Zur Sprachtheorie Louis Hjelmslevs S. XXIIf. 3.3 Signifikation 67 Auch Hjelmslev selbst weist auf den erst programmatischen Charakter der „Prolegomena“ hin218 und Benveniste urteilt: „Die Theorie, die L. Hjelmslev unter dem Namen ‚Glossematik‘ verbreiten will, ist eher die Konstruktion eines logischen Sprach-‚Modells‘ und ein Korpus von Definitionen als ein Instrument zur Erschließung des linguistischen Universums.“219 Benveniste bewertet die Annäherung der Linguistik an die Logik als fruchtbar, aber die Ergebnisse dieser Annäherung blieben noch abzuwarten. Erst dann würde man sehen, „ob es einen wesentlichen Unterschied zwischen den Beziehungstypen gibt, die der gewöhnlichen Sprache eigen sind, und denen, die die wissenschaftliche Beschreibungssprache kennzeichnen; mit anderen Worten, wie die Sprache des Handelns und die der Intelligenz sich zueinander verhalten.“220 Dem steht der von Hjelmslev mit Pathos, von Benveniste etwas verhaltener vorgetragene Anspruch gegenüber, mit der strukturalen Linguistik eine neue Epistemologie begründet zu haben, die weit über die Linguistik selbst hinausweist. Hjelmslev schreibt, sein Gedankengang habe zu „einer immer weiteren wissenschaftlichen und einer immer weiteren humanistischen Einstellung“ geführt bis zu „einer Totalitätsauffassung (…), die kaum absoluter gedacht werden kann“. Es gebe „in letzter Instanz, keinen Gegenstand, der nicht von der Schlüsselstellung der Sprachtheorie her beleuchtet wird. Die Sprachtheorie offenbart sich als ein Ort, von dem aus sich alle wissenschaftlichen Gegenstände zentrierend anschauen lassen“.221 Benveniste stellt Betrachtungen darüber an, dass der Zeichencharakter der Sprache „der Gesamtheit der sozialen Phänomene, die die Kultur konstituieren, gemeinsam sein könnte“. Struktur und Geschichte – noch einmal de Saussure Die strikte Trennung der diachronischen von der synchronischen Perspektive ist ein strukturalistischer Grundsatz und vielfach Gegenstand 3.3.2 218 Hjelmslev, L. (1974 a) S. 99. 219 Benveniste, E. (1974) S. 22. 220 Benveniste, E. (1974) S. 23 f. 221 Hjelmslev, L. (1974 a) S. 121 f. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 68 der Kritik. De Saussure erklärt den Gegensatz der diachronischen und der synchronischen Betrachtungsweise, Sprechen und Sprache, als weder aufhebbar noch vermittelbar.222 „Alles Diachronische in der Sprache (ist) nur vermöge des Sprechens diachronisch. Im Sprechen nämlich ruht der Keim aller Veränderungen.“223 Diachronische Veränderungen bestehen aus Einzelereignissen, die aber Auswirkungen auf das Sprachsystem haben und den synchronen Sprachzustand zu einem jeweils zufälligen machen. „Die (diachronischen – J. H.) Umgestaltungen vollziehen sich niemals am System als Ganzem, sondern an einem oder dem anderen seiner Elemente, und können nur außerhalb desselben untersucht werden. Allerdings hat jede Umgestaltung ihre Rückwirkung auf das System; das Anfangsereignis aber wirkt nur auf einen Punkt, es hat keine innere Beziehung zu den Folgen, die sich daraus für die Zusammenhänge ergeben können. Diese verschiedenartige Natur der aufeinanderfolgenden Glieder und der gleichzeitigen Glieder, der Einzelereignisse und der auf das System bezüglichen Tatsachen verbietet es, die einen und die anderen zum Gegenstand einer einzigen Wissenschaft zu machen.“224 De Saussure führt eine hierarchische Differenz ein: Die synchronische Betrachtungsweise ist für die Masse der Sprechenden als wahre und einzige Realität ebenso wie für den Sprachforscher der diachronischen übergeordnet.225 Das Paradigma, an dem de Saussure das Verhältnis von Diachronie zu Synchronie erläutert, ist das Schachspiel.226 Der einzelne Spielzug (als diachronisches Ereignis) verändert die Konstellation auf dem Spielbrett (synchronische Konstellation, hier den Sprachzustand), seine Logik ist aber für die neu entstandene Logik auf dem Brett und deren Analyse ohne Bedeutung. Hinter der synchronischen Perspektive steht eine Metaebene: Die unveränderlichen Spielregeln. Das diachronische Ereignis ist im Schachspiel intendiert, in der Sprachentwicklung hingegen zufällig. Wenn die strukturale Linguistik de Saussures als Hintergrundfolie einer epistemologischen Systematik genommen wird, ist der Umgang mit den Implikationen der mit der Differenzierung von Diachronie 222 De Saussure, F. (1967) S. 98. 223 De Saussure, F. (1967) S. 117. 224 De Saussure, F. (1967) S. 103. 225 De Saussure, F. (1967) S. 107. 226 De Saussure, F. (1967) S. 104ff. 3.3 Signifikation 69 und Synchronie verbundenen Postulate von entscheidender Bedeutung. Drei Postulate lassen sich erkennen: – Die Unvereinbarkeit von diachronischer und synchronischer Betrachtungsweise, die „Unmöglichkeit, sie in einer Wissenschaft zusammenzuführen“. – Der Vorrang der Synchronie vor der Diachronie – Die Zufälligkeit diachronischer Veränderungen Für das erste Postulat wäre zu bedenken, ob es sich um ein methodisches, vielleicht methodisch notwendiges Postulat handelt oder um eine in der Sache liegende Unterscheidung, um zwei nicht aufeinander reduzierbare Gegenstandsbereiche. Ähnliches gilt für das zweite Postulat. De Saussure begründet es damit, dass sich die synchrone Ebene dem Sprechenden als „wahre und einzige Realität“ darbiete, ebenso wie dem Forscher. Welcher Art wäre ein so begründeter Vorrang? Als Vorordnung der Struktur gegen- über dem Prozess handelt es sich um ein konservatives Argument. Andererseits „(setzt) die Diachronie dagegen tätige Kräfte voraus, die eine Wirkung hervorrufen“.227 Das dritte Postulat schließlich impliziert, dass es keine Logik gibt oder geben kann, die diachronischen Veränderungen zugrunde liegt. Beim Schachspiel, um im Beispiel zu bleiben, wäre eine solche Logik z. B. in den Strategien der Gegner zu suchen. Überdies kann die diachronische Ebene Einfluss auf die Spielregeln haben. Der Bezug zur Hegemonietheorie ist ein doppelter. Einerseits ver- ändert sprachlicher Wandel den Diskurs, die Weise, in der Sachverhalte diskursiviert werden. Zum anderen werden Diskurse als Geschichte sedimentiert und sinken – nach strukturalistischer Denkweise – wie die Züge beim Schachspiel ins Unbewusste ab. 227 De Saussure (1967) S. 110. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 70 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida Claude Lefort228 Laclau/Mouffe verweisen – eher beiläufig – auf Claude Lefort229 und dessen Auffassung vom Ort der Macht als einer Leerstelle, die sich nach der „Dekorporierung des Königs“, d.h. nach dem Ende der Monarchie mit der Implementierung der Demokratie aufgetan habe. Sie berge die Gefahr des Totalitarismus als dem stets möglichen Versuch, die Gesellschaft von einem Ort aus zu wissen und zu meistern. Die Offenheit des demokratischen Konflikts bei Lefort wird für Laclau/Mouffe zur Anschlussstelle für ihre Hegemonietheorie. Der Bezug auf Lefort bleibt allerdings überwiegend assoziativ. Der politische Raum, auf den sich die Hegemonietheorie bezieht, ist zwar offen und umkämpft, aber keineswegs leer. Eine Brücke zu Lefort ließe sich zu der Rede vom „Abwesenden“ und zur damit verbundenen prinzipiellen Unabschließbarkeit gesellschaftlicher Prozesse bei Laclau/Mouffe schlagen. Hinzu kommt die Fiktionalität der Repräsentation: „Nun beruht jedoch jedes Repräsentationsverhältnis auf einer Fiktion: nämlich der einer Präsenz von etwas auf einer bestimmten Ebene, auf der es genau genommen abwesend ist. Aber weil es zugleich eine Fiktion und ein Prinzip ist, das wirkliche soziale Verhältnisse organisiert, …“ 230 Bei Lefort/Gauchet heißt es vergleichbar „Identität und Einzigartigkeit des gesellschaftlichen Feldes sind symbolische Dimensionen, die nicht die feste Beschaffenheit des Wirklichen annehmen können.“231 3.4 3.4.1 228 Für Claude Lefort stütze ich mich auf die bei Ulrich Rödel (1990) in „Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie“ wiedergegebenen Texte von Lefort und Marcel Gauchet sowie auf die Darstellung von Daniel Gaus (2004). Die Darstellung und Interpretation Leforts bei Oliver Marchart (2010) „Die politische Differenz“ geht sehr stark in die Sichtweisen Marcharts über, so dass sich die Spezifika Leforts kaum noch erkennen lassen. 229 L/M S. 231 f. 230 L/M S. 158. 231 Lefort, C. und M. Gauchet (1990) Das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen, S. 100. 3.4 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida 71 Hier wird jedoch zugleich der Unterschied zu Laclau/Mouffe deutlich: Es gibt bei Lefort/Gauchet ein „Wirkliches“ als Gegenstück zum „Symbolischen“, ein Wirkliches, für das die Autoren den Klassenkonflikt benennen.232 Für die Demokratie beschreiben Lefort/Gauchet eine permanente dialektische Pendelbewegung zwischen Symbolischem und Wirklichem sowie zwischen innerer Teilung der Gesellschaft (in Herrscher und Beherrschte, den Klassengegensatz) und äußerer Teilung (in Zivilgesellschaft und Macht). Letztere erlaubt die Symbolisierung des Klassenkonflikts, des Wirklichen, und damit seine Lösung von der gewaltsamen Auseinandersetzung, dies jedoch nur durch den repräsentativen Charakter der Demokratie: Die wiederkehrende Neubesetzung des Ortes der Macht durch Wahlen macht diese zum Gegenstand diskursiver Auseinandersetzungen und zugleich spiegelt der auf der politischen Bühne ausgetragene Kampf politischer Akteure den realen Interessenkonflikt bildlich wider. Lefort sieht die Teilung der Gesellschaft als grundlegend an, die als solche in der Demokratie anerkannt wird, sie wird aber – vermöge der Verschiebung der Identifikation der Individuen mit der Ebene der Macht – gebannt. In der Wahl, der konsensuellen Prozedur zur Besetzung des Ortes der Macht, inszeniert die Gesellschaft ihre Spaltung und zugleich ihre Einheit. So wird der Ort der Macht im Augenblick der Wahl, in dem er unbesetzt ist, in die Zivilgesellschaft zurückgenommen. Er ist in diesem Augenblick und in einem grundsätzlichen Sinne leer und unbesetzbar. Mit seiner Wiederbesetzung aber gewinnt er seine Position als der Gesellschaft transzendent wieder. Demokratie ist jedoch nur solange funktionsfähig, wie diese Pendelbewegungen in der Schwebe bleiben und sich nicht an einem Extrem verfestigen.233 So darf die Macht z. B. die Distanz zur Gesellschaft, die sie herzustellen versucht, niemals als eine tatsächliche nehmen, denn nur dann bleibt die Gesellschaft in einem „Modus der permanenten Selbstinstituierung, d.h. (in) einem fortwährenden Bezug der Gesellschaft auf sich selbst – einem auf Dauer gestellten reflexiven ‚In-Form-Setzen‘. Andererseits führt der anwesend-abwesende 232 Gaus, D., (2004) Demokratie zwischen Konflikt und Konsens. Zur politischen Philosophie Claude Leforts, S. 74. 233 Gaus, D. (2004) S. 74 f. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 72 Charakter der ursprünglichen Teilung dazu, diese niemals faktisch wirksam werden zu lassen.“234 Lefort geht es um die Ablösung der religiös-mystischen Referenz der Gesellschaft in der Person des Königs als dem von Gott eingesetzten Herrscher durch ihre Selbstreferenz in der demokratischen Verfasstheit. Er reduziert jedoch nicht – wie Laclau/Mouffe – das Symbolische auf die allein konstitutive Ebene der Signifikation sondern besteht auf einem Wechselspiel des Symbolischen mit dem Wirklichen. Der Begriff des Symbolischen hat bei ihm vielmehr die Bedeutung von Darstellung, der Repräsentation, des Bildlichen und der Inszenierung. Er spricht wiederholt von der politischen Bühne, auf der die Klassenspaltung symbolisch inszeniert werde, damit zugleich anerkannt und entschärft.235 In Leforts Ansatz haben Begriffe, die auch bei Laclau/Mouffe vorkommen eine anders akzentuierte Bedeutung. So bezieht sich das Begriffspaar anwesend/abwesend nicht so sehr auf die Fixierbarkeit bzw. Nichtfixierbarkeit in der Signifikation sondern auf Latenzen, die im Zusammenhang mit der symbolischen Repräsentation stehen. „Die Demokratie ist ein Verfahren, das die Logik des Ursprünglichen (der gesellschaftlichen Spaltung – J. H.) in ihrer unabschließbaren Bewegung von der Abwesenheit zur Anwesenheit und zurück spiegelt.“236 Jacques Derrida Laclau/Mouffe zitieren Derrida im Zusammenhang mit Überlegungen dazu, dass sowohl „Elemente“ als auch „Momente“ innerhalb einer Totalität nicht vollständig fixierbar, aber auch nicht vollständig unfixiert seien. Derridas Begriff von Diskurs entspreche genau ihren Überle- 3.4.2 234 Gaus, D. (2004) S. 72. 235 Vgl. C. Lefort u. M. Gauchet (1990) Über die Demokratie: das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen S. 112; Gaus, D. (2004) S. 74. Oliver Marchart unterschlägt den von Lefort/Gauchet unterstellten naturgegebenen realen Charakter der Klassenteilung und verwandelt ihn in einen Bestandteil transzendentaler Signifikation. Vgl. Marchart, O., (2010) S. 130 f. 236 Gaus, D. (2004) S. 75. 3.4 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida 73 gungen zu Fixiertheit und Nicht-Fixiertheit von Identitäten.237 Derridas Essay, dem sie das Zitat entnehmen, befasst sich mit Werken von Claude Levi-Strauss und seinem methodischen Vorgehen. Ausgangspunkt ist die Schwierigkeit des Ethnologen, sich einer fremden Kultur vor dem Hintergrund seiner eigenen zu nähern und ihr gerecht zu werden, ohne sie an den Maßstäben der eigenen zu messen.238 Aber wie groß ist die Übereinstimmung wirklich? Derrida führt aus, dass der Begriff „Struktur“, zunächst als „episteme“ (Wissen, Wissenschaft), schon am Beginn der abendländischen Philosophie entstand und seither stets von dem Bemühen begleitet war, ihm ein „Zentrum“, einen „Punkt der Präsenz“, einen „festen Ursprung“ zu geben. Dieses Zentrum organisiert die Kohärenz des Systems. Es erlaubt das Spiel der Elemente „im Innern der Formtotalität“ und setzt ihm gleichzeitig Grenzen. Das Zentrum ist der Punkt, an dem „die Substitution der Inhalte, der Elemente, der Terme nicht mehr möglich ist“. 239 Nach klassischem Verständnis von Struktur liege dieses Zentrum damit außerhalb der Struktur, es entziehe sich der Strukturalität, weil es sie beherrsche. Zugleich sei es Bestandteil der Struktur und gehöre ihr an. In dieser zugleich innerhalb und außerhalb liegenden Position könne es sowohl als Ursprung, wie auch als Ende und Zielpunkt der Struktur gesehen werden. Die zentrierte Struktur wäre als „begründetes Spiel“ zu verstehen, das „von einer begründenden Unbeweglichkeit und einer versichernden Gewißheit, die selber dem Spiel entzogen ist, ausgeht“.240 Diese Gewissheit sei geeignet, die Angst zu bemeistern, die mit der Verstrickung in ein Spiel verbunden sei. So könne man „vielleicht“ sagen, dass jeder Versuch des Rückgangs auf einen Ursprung (Archäologie) ebenso wie der, ein Ziel zu bestimmen (Eschatologie), die Gestalt einer dem Spiel enthobenen Präsenz anzunehmen versucht habe. Derrida nennt diesen Vorgang „Reduktion“. Nun sei darin allerdings eine Veränderung eingetreten durch ein „Ereignis“, eine Art Epochenbruch, von dem aus die Geschichte des 237 L/M S. 147ff, Zitat Derrida S. 149. 238 Derrida, J. (2014/1966) Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen, in: Derrida, J. (2014) Die Schrift und die Differenz S. 422-442. 239 Derrida, J. (2014) S. 422. 240 Derrida, J. (2014) S. 423. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 74 Begriffs der Struktur nur mehr als eine Kette von (gescheiterten) Versuchen erscheint, das Zentrum der Struktur als Präsenz zu bestimmen. Derrida verbindet diese historische Wandlung beispielhaft mit den Namen Nietzsche, Freud und Heidegger. 241 Laclau/Mouffe entnehmen dem Text folgendes Zitat: „Folglich mußte von da an das Gesetz gedacht werden, das über das Verlangen nach einem Zentrum in der Konstitution der Struktur in bestimmter Weise gebot, wie auch der Vorgang des Bezeichnens, der seine Verschiebungen und seine Substitutionen diesem Gesetz der Präsenz im Zentrum unterordnete. Diese zentrale Präsenz ist aber niemals sie selbst gewesen, sie ist immer schon in ihrem Substitut über sich hinausgetrieben worden. Das Substitut ersetzt nichts, das ihm irgendwie präexistiert hätte. Infolgedessen mußte man sich wohl eingestehen, daß es kein Zentrum gibt, daß das Zentrum nicht in Gestalt eines Anwesenden gedacht werden kann, daß es keinen natürlichen Ort besitzt, daß es kein fester Ort ist, sondern eine Funktion, eine Art von Nicht-Ort, worin sich ein unendlicher Austausch von Zeichen abspielt. Mit diesem Augenblick bemächtigt sich die Sprache des universellen Problemfeldes. Es ist dies auch der Augenblick, da infolge der Abwesenheit eines Zentrums oder eines Ursprungs alles zum Diskurs wird – vorausgesetzt, man kann sich über dieses Wort verständigen –, das heißt zum System, in dem das zentrale, originäre oder transzendentale Signifikat niemals absolut, außerhalb eines Systems von Differenzen, präsent ist. Die Abwesenheit eines transzendentalen Signifikats erweitert das Spiel des Bezeichnens ins Unendliche.“242 Diese durch den Bruch hervorgerufene Veränderung hat aber den Makel zu tragen, dass die mit dem Bruch angezielte Überwindung der Metaphysik selbst auf Metaphysik nicht verzichten kann. „Es ist sinnlos, auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will.“ Der Versuch, mit Hilfe des Zeichens die Metaphysik der Präsenz zu erschüttern, würde erfordern, den Begriff des Zeichens, der als „Zeichen von…“ gemeint ist, selbst zurückzuweisen. Würde man die Differenz zwischen Signifikant und Signifikat aufheben, müsste man auf den Begriff des Signifikanten selbst als einem metaphysischen verzichten.243 Der Begriff des Zeichens könne von sich aus den Gegensatz von Sinnlichem und Intelligiblem, von dem er 241 Derrida, J. (2014) S. 423 f. 242 Derrida, J. (2004) S. 424, L/M S. 149. 243 Es ist Hjelmslev, der den Begriff des Zeichens als „Zeichen für etwas“ aufheben will. Hjelmslev, L. (1974) Prolegomena S. 52ff. 3.4 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida 75 von vornherein bestimmt gewesen sei, nicht überwinden. Um dem gleichwohl näher zu kommen, sieht Derrida zwei Möglichkeiten: Die klassische sei, den Signifikanten zu reduzieren oder abzuleiten, d. h. das Zeichen dem Denken unterzuordnen. Das führe dazu, dass sich verschiedene metaphysikkritische Positionen gegenseitig destruieren, etwa Heidegger gegenüber Nietzsche. Die Alternative zu diesem Vorgehen bestehe darin, die Differenz zwischen Sinnlichem und Intelligiblem selbst und damit das reduktive Vorgehen in Frage zu stellen. Dieses bedürfe nämlich paradoxerweise dieser Entgegensetzung, die es reduziere. Levi-Strauss habe mit seinem Vorgehen dazu einen Weg gewiesen. Er verwende alte Begriffe im Bewusstsein ihrer begrenzten Brauchbarkeit weiter, „um die alte Maschine, der sie angehören und deren Versatzstücke sie sind, zu zerstören“. Es geht um „bricolage“ – Basteln. „Der Bastler, sagt Levi-Strauss, ist derjenige, der ‚mit dem, was ihm zur Hand ist‘ werkelt.“ Diese Werkzeuge werden benutzt, auch „wenn sie nicht speziell für das Vorhaben entworfen wurden, für das sie jetzt verwendet werden“. 244 Dieses Vorgehen ist zugleich eine Kritik der (wissenschaftlichen) Sprache. Bezüglich seiner Forschungen über Mythen spricht Levi-Strauss von einer „mytho-poetischen“ Tätigkeit, die von der „Struktur, der Konfiguration oder der Relation“ ihren Ausgang nimmt und gleichwohl a-zentrisch ist. Man müsse hier, so Derrida, „auf den wissenschaftlichen oder philosophischen Diskurs, auf die episteme, verzichten, der die Forderung stellt, zur Quelle, zum Zentrum, zum Grund, zum Prinzip usf. zurückzugehen“. Die Mythen —Analyse verleihe dem Mythos eine synthetische Form, die verhindert, dass er sich in der (ihm eigenen) Verwirrung der Gegensätze auflöse. (Levi-Strauss) Ein methodisches Problem besteht darin, dass die Totalität des Gegenstandes – hier der Mythen – über den Aussagen getroffen werden, nicht ausgeschöpft werden kann. In der klassischen Perspektive ist die Totalität zu umfangreich, um mit empirischen Mitteln erfasst werden zu können, auch wenn das Zentrum das Spiel ihrer Substitutionen „aufhält und begründet“. Anders dagegen im Spiel. Hier sind im Rahmen eines begrenzten Ganzen unendliche Substitutionen möglich, weil es kein Zentrum gibt, das ihr Spiel aufhält. Das Spiel wird durch 244 Zitate Derrida, J. (2004) S. 430 u. 431. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 76 diesen Mangel, das Fehlen des Zentrums, möglich. Das Zeichen, das den Platz des Zentrums innehat, supplementiert nur diesen Mangel, es hat die Funktion eines Stellvertreters des Mangels. „Man kann das Zentrum nicht bestimmen und die Totalisierung nicht ausschöpfen, weil das Zeichen, welches das Zentrum ersetzt, es supplementiert, in seiner Abwesenheit seinen Platz hält, – weil dieses Zeichen sich als Supplement noch hinzufügt. Die Bewegung des Bezeichnens fügt etwas hinzu, so daß immer ein Mehr vorhanden ist; diese Zutat aber bleibt flottierend, weil sie die Funktion der Stellvertretung, der Supplementierung eines Mangels auf Seiten des Signifikats erfüllt.“245 Die A-Zentriertheit der Struktur, die Derrida hier mit dem Begriff des Spiels belegt, steht in einem Spannungsverhältnis zur Geschichte. Mit der Bestimmung des Seins als Präsenz sei Geschichtlichkeit stets mitgedacht, der Begriff der episteme habe immer den der historia gefordert, „wenn die Geschichte immer die Einheit des Werdens ist als Überlieferung der Wahrheit oder als Entwicklung der Wissenschaft, die auf die Aneignung der Wahrheit in der Präsenz und im Sich-selbst-gegenwärtig- Sein und auf das Wissen im Selbstbewußtsein ausgerichtet ist. Die Geschichte ist immer als Bewegung einer Aufhebung der Geschichte gedacht worden, als eine Derivation zwischen zwei Präsenzen“.246 Die Strukturalität aber schließt Entwicklung aus. Eine strukturale Organisation lässt sich nur beschreiben, wenn man den Übergang „von einer Struktur zur anderen ausläßt, und so die Geschichte einklammert. In diesem ‚strukturalistischen‘ Moment sind die Begriffe von Zufall und Diskontinuität unerläßlich.“247 Wie Geschichte als auf Präsenz gerichtete mit einem a-zentrischen Strukturalismus nicht mehr zusammengeht, so ist auch das Spiel ein Zerreißen der Präsenz. Es ist ein beständiges Spiel von Abwesenheit und Präsenz und geht letztlich der Alternative von Abwesenheit und Präsenz voraus. Worin besteht nun die Übereinstimmung zwischen Derrida und Laclau/Mouffe in diesem Text? Zunächst darin, dass es bei beiden ein Spiel der Elemente, Zeichen, Substitutionen, Signifikanten gibt, die – 245 Derrida, J. (2004) S. 437. 246 Derrida, J. (2004) S. 439. 247 Derrida, J. (2004) S. 440. 3.4 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida 77 in der Terminologie von Laclau/Mouffe – nicht fixiert sind. Solange man (nach Derrida) von der Existenz eines Zentrums ausgehen konnte, wurde dort (!) das Spiel der Substitutionen beendet – und nicht überall. Bei Laclau/ Mouffe erfolgt die (einstweilige) Fixierung durch die Struktur, das relationale System der Differenzen. Derrida sieht im Spiel nur noch das System von Differenzen ohne transzendentales Zentrum und lässt insofern die Frage der Fixierung offen. In dieser Hinsicht ist es konsequent, wenn Laclau/Mouffe die begrenzende, fixierende Notwendigkeit als einen Bestandteil eines „Systems differentieller Positionen in einem genähten Raum“ selbst betrachten.248 Allerdings handelt es sich dabei um eine metaphysisch-essentialistische Aussage. Derridas Begriff des „Supplements“ kommt dem der „Naht“ bei Laclau/Mouffe sehr nahe, nämlich als Zeichen, das einen Mangel indiziert und zugleich verdeckt, ja ihn sogar in gewissem Grade heilt. Laclau spricht von „tropologischer Substitution“ am Beispiel der Null, die – selbst keine Zahl – die Funktion des Zahlensystems ermöglicht.249 Eine weitere Übereinstimmung scheint sich im Gedanken der Überwindung der Dichotomie von Sinnlichem und Intelligiblem bei Derrida und der „Preisgabe des Gegensatzes von Denken und Wirklichkeit“ bei Laclau/Mouffe abzuzeichnen, den sie in dem Bruch mit der Dichotomie diskursiv-nicht-diskursiv gegeben sehen.250 Derrida will den Gegensatz zwischen Sinnlichem und Intelligiblem, der den Begriff des Zeichens „vollständig und in der Totalität seiner Geschichte“ bestimmt habe, dadurch überwinden dass er das „transzendentale Signifikat“ als abwesend deklariert. Er bleibt damit im sprachlichtheoretischen Feld, wohingegen Laclau/Mouffe über den Gegensatz von Denken und Wirklichkeit hinauszukommen versuchen, indem sie den Diskurs/die Artikulation zu einer „realen Kraft“ erklären.251 Das führt zu dem verblüffenden Ergebnis, dass Derrida im Überschuss der Signifikanten den „Ursprung der Ratio selbst“ sieht,252 wohingegen La- 248 L/M S. 152. 249 Laclau, E. (2013) S. 86ff. 250 L/M S. 147. 251 Vgl. Laclau, E. (2007) S. 29; diese Arbeit S. 16, S. 19 f. 252 Derrida (2004) S. 437. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 78 clau/Mouffe die Vermehrung der Signifikate, ihre Polysemie, für die Desartikulation der diskursiven Struktur verantwortlich machen.253 Im Hintergrund: Heidegger Es drängt sich die Frage auf, was denn unter den Begriffen zu verstehen sei, die Derrida und Laclau/Mouffe gemeinsam sind. Was hätte man sich unter dem „Zentrum einer Struktur“ eigentlich vorzustellen? Was wäre eine Präsenz, ein Anwesendes, vollends eines, das „ganz es selbst“ wäre? Derridas Rede vom An- und Abwesenden deutet bereits auf Heidegger hin, darüber hinaus erwähnt er selbst Heideggers Bestimmung des Seins als Präsenz. Davon ist z. B. in Heideggers Vortrag „Zeit und Sein“ von 1962 die Rede.254. Hier bestimmt Heidegger das Sein mehrfach als Anwesen und stellt dies in einen Gegensatz zum Seienden. Das Sein selbst ist nichts Seiendes. In der Auslegung des Satzes des Parmenides „Es ist nämlich Sein“ kommt Heidegger dazu, vom Sein als einer Instanz zu sprechen, die etwas schickt, sich dabei aber selbst zurückhält. „Ein Geben, das nur eine Gabe gibt, sich selbst jedoch dabei zurückhält und entzieht, ein solches Geben nennen wir das Schicken. Nach dem so zu denkenden Sinn von Geben ist Sein, das es gibt, das Geschickte. Dergestalt geschickt bleibt jede seiner Wandlungen. Das Geschichtliche der Geschichte des Seins bestimmt sich aus dem Geschickhaften eines Schickens, nicht aus einem unbestimmt gemeinten Geschehen Seinsgeschichte heißt Geschick von Sein, in welchen Schickungen sowohl das Schicken, als auch das Es, das schickt, an sich halten mit der Bekundung ihrer selbst.“255 In einer analogen Argumentationsfigur spricht er von der Zeit als einem „Reichen von Anwesen“, und zwar sowohl von Vergangenheit als auch von Gegenwart und Zukunft, die sich in einem wechselseiti- 3.4.3 253 L/M S. 151. 254 Heidegger, M. (2007) Ich nehme diese Stelle als Beispiel. Die Thematik findet sich auch im „Spruch des Anaximander“ (Heidegger, M. (1980)) und im „Humanismusbrief “ (Heidegger, M. (1947). 255 Heidegger, M. (2007) S. 12 f. 3.4 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida 79 gen Zuspiel Anwesen reichen und so „das eigentliche, im Eigenen der Zeit spielende Reichen“ ausmachen, die vierte Dimension der Zeit oder die eigentliche Zeit.256 Schließlich verbinden sich Sein und Zeit zum Ereignis: „Im Schicken des Geschickes von Sein, im Reichen der Zeit zeigt sich ein Zueignen, ein Übereignen, nämlich von Sein als Anwesenheit und von Zeit als Bereich des Offenen in ihr Eigenes. Was beide, Zeit und Sein in ihr Eigenes, d. h. in ihr Zusammengehören, bestimmt, nennen wir: das Ereignis.“257 Das Ereignis ist jedoch kein Seiendes, es ist weder, noch gibt es das Ereignis. Denn sowohl beim Schicken des Geschicks als auch beim Reichen von Anwesen entziehen sich Sein und Zeit, behalten sich zurück, das Ereignis bleibt in seinem „Eigenen“. Bestandteil des Ereignisses ist zugleich das „Enteignis“. Schließlich gehört auch der Mensch zum Ereignis, es „geht ihn an“, er ist in es „eingelassen“. „Sofern es Sein und Zeit nur gibt im Ereignen, gehört zu diesem das Eigentümliche, daß es den Menschen als den, der Sein vernimmt, indem er innesteht in der eigentlichen Zeit, in sein Eigenes bringt. So geeignet gehört der Mensch in das Ereignis. Dieses Gehören beruht in der das Ereignis auszeichnenden Vereignung. Durch sie ist der Mensch in das Ereignis eingelassen. Daran liegt es, daß wir das Ereignis nie vor uns stellen können, weder als ein Gegenüber, noch als das alles Umfassende.“258 Zwar kann diese Skizze von Heideggers Positionen zum Sein als Präsenz die Fragen nach der Bedeutung von „Zentrum der Struktur“ und „Präsenz“ bei Derrida nicht beantworten, aber sie gibt Hinweise. In Derridas „ganze(r) Geschichte des Begriffs der Struktur vor dem Bruch (…) als eine(r) Reihe einander substituierender Zentren“ sind die „Wandlungen des geschickten Seins“ unschwer wiederzuerkennen, ebenso die Zentrumslosigkeit der Struktur in Heideggers „Enteignis“, dem sich immer wieder entziehenden Ereignis. Im weiteren Sinn besteht eine Gemeinsamkeit darin, dass eine beschreibbare aber uneigentliche Realität auf eine eigentliche, dahinterliegende aber lediglich 256 Heidegger, M. (2007) S. 20. 257 Heidegger, M. (2007) S. 24. 258 Heidegger, M. (2007) S. 28. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 80 virtuelle Realität bezogen wird und diese widersprüchliche Situation unvermeidbar ist (Das Gesetz über das Verlangen (!) nach einem Zentrum – Derrida). Die zweite Frage lautet, was denn unter einer Präsenz vorzustellen sei, die „ganz sie selbst“ wäre, also eine Identität, auch wenn diese hier nur negativ, als Abwesende behandelt wird. Daran schließt sich die Frage an, wie anschlussfähig eine solche Identität an die relational definierte Identitäten i. S. von Laclau/Mouffe wäre. Die Antwort Heideggers verweist wieder auf das Ereignis als den „in sich schwingenden Bereich, durch den Mensch und Sein einander in ihrem Wesen erreichen, ihre Wesendes gewinnen, indem sie jene Bestimmungen verlieren, die ihnen die Metaphysik verliehen hat.“ Und: „Insofern unser Wesen in der Sprache vereignet ist, wohnen wir im Ereignis.“259 Gegen Ende der kleinen Abhandlung zum Satz der Identität (A = A) schreibt Heidegger: „Der Satz der Identität sagt jetzt: Ein Sprung, den das Wesen der Identität verlangt, weil es ihn braucht, wenn anders das Zusammengehören von Mensch und Sein in das Wesenslicht des Ereignisses gelangen soll.“260 Zwar spricht Heidegger zunächst von der Identität als der Vermittlung desselben mit sich selbst und davon, dass das synthetische, vermittelte Wesen der Identität erst im spekulativen Idealismus erkannt worden sei261, die Betonung liegt aber am Ende auf dem Zusammengehören von Sein, Mensch und Ereignis als Wesensmerkmal von Identität. Es geht also um das „Innestehen“, das Beteiligtsein am An- und zugleich Abwesen des Seins im Ereignis. Identität als Geschlossenheit, als Begrenztheit gegen anderes, spielt keine Rolle. Wäre also das Anwesende, das Seiende nach Heidegger, scheinhaft, seinsvergessen, weil ihm, wenn es sich ereignet, das Fülle gebende Sein im Enteignis gleich wieder entzogen wird? Und wäre Identität in gleicher Weise ein ständig eingelöst–uneingelöster Seinsbezug? Führt ein so gedachter Bezugsrahmen in die Gesellschaft hinein oder nicht doch eher aus ihr heraus? 259 Heidegger, M. (2002) Der Satz der Identität in: Heidegger, M. (2002) 12. Aufl., erste Aufl 1957, Identität und Differenz S. 26. 260 Heidegger, M. (2002) S. 28. 261 Heidegger, M. (2002) S. 28. 3.4 Das Anwesende und das Abwesende – Von Claude Lefort zu Jacques Derrida 81 Linguistische Psychoanalyse als Seinsweise des Psychischen (und der Gesellschaft?) – Jacques Lacan262 Bei Lacan scheinen die wesentlichen Grundgedanken der Hegemonietheorie zusammen zu laufen: die Orientierung an der strukturalen Linguistik, die Unabschließbarkeit des Symbolischen mit seinen Komplementen des Imaginären und des Realen und die mit dieser Trias in Zusammenhang stehende Spaltung des Subjekts in das Subjekt der Aussage und das Subjekt des Aussagens. Die Terminologie der Hegemonietheorie verdankt sich einer Reihe von Autoren, aber die meisten ihrer zentralen Begriffe finden sich auch bei Lacan. Das gilt insbesondere für den Begriff der „Naht“, der zwar nicht unmittelbar von Lacan stammt, aber als tropologische Signifikation des Mangels, wie Laclau/ Mouffe schreiben, „implizit in der ganzen Lacanschen Theorie am Werk ist“.263 Prominent in der Hegemonietheorie sind die Begriffe des Imaginären, des Symbolischen und des Realen, die bei Lacan die drei Register des Borromäischen Knotens ausmachen und weiter auch Begriffe wie „Begehren“, „Knotenpunkt“ oder „Artikulation“. Sehr im Vordergrund steht bei Lacan der Begriff des Signifikanten aus der Theorie de Saussures. Lacan bedient sich dieser Theorie, allerdings nur insoweit sie als ein System von Differenzen als Grundstruktur von Sprache mit seinem eigenen Denken kompatibel ist. Aus de Sausssures Konzept wird „die Theorie des Signifikanten“.264 Für Lacan bilden sich Signifikate erst „im Gefolge der Artikulation der Signifikanten“. Insofern gibt es eine gewisse Parallele zu Hjelmslev, der Zeichen nicht mehr als „Zeichen für…“ verstehen will, sondern als Strukturelemente aus Zeichenrelationen konstruierter Wirklichkeit. Andererseits verwendet Lacan den Begriff „Zeichen“ in Anlehnung an Peirce: Ein Zeichen repräsentiert etwas für jemanden.265 „Signifizieren“ scheint für Lacan als Funktion des Symbolischen so viel wie „in Sprache bringen“, „eine (sprachliche) Struktur geben“ zu bedeuten, „Signifi- 3.5 262 Bei der Darstellung der Positionen von Lacan stütze ich mich auf Bialluch, Ch. (2011), Bowie, M. (2007) sowie Widmer, P. (2012). Alle drei Autoren diskutieren Lacan aus einer psychoanalytischen Perspektive. 263 L/M S. 246. 264 Widmer, P. (2012) S. 21. 265 Widmer, P. (2012) S. 192. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 82 kant“ wäre mithin in erster Linie als sprachlicher Ausdruck zu verstehen. Daher ist es möglich, dass es eine Hierarchie der Signifikanten gibt mit einem „Signifikanten der Signifikanten“ der nicht selbst signifiziert werden kann, kein Signifikat hat, gleichsam als Prinzip der Signifikation wirkt und als nicht Signifizierbarer auch nicht „wirklich“ existiert: Der Phallus, die „verborgene, unbewusste, fruchtbare Instanz, welche die Signifikate bewirkt“. „Die Zeichensetzung des Phallus ist gleichbedeutend mit der Kreation der symbolisch vermittelten Realität, durch ihn erlangt das Seiende für ein Subjekt Sinn und Bedeutung.“266 Ein solches psychisches Prinzip, das gleichermaßen den Spracherwerb wie die diachronische und die synchronische Perspektive beträfe, ist dem Ansatz von de Saussure fremd. Während de Saussure den konstruktivistisch-abstrakten Charakter seiner Theorie festhält und Benveniste das Verhältnis von Sprache und Gegenstand als außerhalb der Linguistik liegend ausgrenzt, ist Lacans Position von Anbeginn an eine psychologisch-psychoanalytische, die Linguistik in „Linguisterie“267 transformiert, die genau dieses, nämlich die Generierung einer subjektiv-objektiven Wirklichkeit und ihr ständiges Scheitern zum Inhalt hat – und zwar als psychische Funktion. Auch wenn er den Gesichtspunkt der Sprache immer wieder betont, so beruht doch die Theorie auf der Verbindung von psychologischen Beobachtungen und Hypothesen, v. a. auch aus der Entwicklungspsychologie (Spiegelstadium) und auf der Reinterpretation von Freuds Psychoanalyse in einer quasi-linguistischen Terminologie. Diese Konstruktion weitet sich am Ende von einem psychischen Prozess zu einer Kosmologie aus: „ …das Reale, das Imaginäre und das Symbolische sind die Gesamtheit dessen, was ist und die Gestaltung ihrer Verbindungen untereinander ist eine Übung in Kosmologie“.268 Was ist nun mit den drei Registern des Borromäischen Knotens gemeint? Einerseits gelten sie als Ordnungen, haben also keine eigene Dynamik sondern kategorisieren lediglich Qualitäten psychischer Erfahrung, andererseits ist ihr Zusammenwirken Voraussetzung des psy- 266 Widmer, P. (2012) S. 72, vgl. auch S. 192. 267 Widmer, P. (2012) S. 12. 268 Bowie, M. (2007) S. 183. 3.5 Linguistische Psychoanalyse als Seinsweise des Psychischen (und der Gesellschaft?) – Jacques Lacan 83 chischen Prozesses überhaupt, der im Falle ihres Auseinanderfallens zum Stillstand bzw. zur Pathologie führt. Das Konzept des Imaginären hat seinen Ausgangspunkt in Lacans frühen Arbeiten zum Spiegelstadium. Es bezeichnet zunächst eine psychische Erlebnisqualität der Idealisierung und des Einsseins, der Ganzheit, nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den frühen Bezugspersonen. Diese Erlebnisqualität unterliegt zwar in der weiteren Entwicklung Modifikationen, bleibt aber in ihrem Grundmuster das ganze Leben über erhalten und ist der Ausgangspunkt des Begehrens, des Bestrebens, diese Idealität und Vollkommenheit immer wieder herzustellen bzw. aufzusuchen. Damit ist das Begehren auch eine energetische Größe. Im Ich macht es dessen imaginäre Instanz aus, das „le moi“ im Unterschied zum „le je“ als Ort der Symbolisierung und des Symbolischen.269 Die Wirklichkeit lässt aber die Erfüllung i. S. einer Stillung dieser elementaren Sehnsucht niemals zu. Insofern bleibt das Begehren stets unerfüllt und mit einem ständigen tragischen Scheitern verbunden. Das Imaginäre ist als Register eine Ordnung, der sich Phänomene zuordnen lassen, es ist aber nicht denkbar ohne die psychische Dynamik, die Bewegung des imaginären Begehrens, das ständig durch das Symbolische, die Signifikation, transformiert und eingehegt wird. Mit dem Symbolischen ist die – letzten Endes immer sprachliche – Strukturierung der Wirklichkeit gemeint. Sein Bestandteil ist auch die Artikulation(!) des Imaginären und des Begehrens. Das Symbolische vermag den wunschhaft-illusionären Charakter des Imaginären niemals voll in sich aufzunehmen und zu beantworten. Es transportiert so den Mangel, die nie erreichbare Geschlossenheit und Vollkommenheit, die Unerreichbarkeit des Ideals und die letztliche Unerfüllbarkeit des Begehrens. Zugleich ist das Symbolische die Weise, in der das Imaginäre überhaupt nur wirklich und Gegenstand menschlichen Handelns und menschlicher Kommunikation werden kann. Das „le Je“, die symbolische Instanz des Ich, ist der Ort, den das Symbolische im Subjekt hat. Aber das Symbolische ist dem Subjekt vorgängig, allenfalls spricht es durch das le Je als dem Subjekt des Aussagens hindurch, letztlich aber nicht als dessen eigene genuine Produktion. Gleichwohl ist das Symbolische, z. B. in Gestalt des (symbolischen) „großen Andern“ 269 Widmer, P. (2012) S. 22. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 84 („A“) Gegenstand des idealisierenden Begehrens im Unterschied zum (imaginären) „kleinen andern“ („a“), der bzw. das in den eigenen imaginären Raum einbezogen wird. Es macht den Menschen einen „Pakt“ möglich, eine Ebene der Verständigung, die die Artikulation ihres Begehrens erlaubt anstelle dessen destruktiver Durchsetzung im Handeln.270 Das Symbolische ist gleichfalls ein Register, eine Ordnung, und hat ebenso wie das Imaginäre eine Bewegung, eine Kraft bei sich. Dies wäre etwa der Phallus als die Kraft der sprachlichen Artikulation, die des Signifikanten der Signifikanten, der das Imaginäre in Sprache zu transformieren sucht. Das dritte Register ist das „Reale“ im Unterschied zur Realität. Es ist weniger und überwiegend negativ bestimmt als das Nicht-Signifizierbare, das weder dem Symbolischen noch dem Imaginären angehört. Lacan spricht in verschiedenen Zusammenhängen vom Realen, u. a. vom Realen des Körpers. Andererseits geht das Reale auch aus dem Symbolischen hervor, nämlich aus den Differenzen, den Zwischenräumen der Signifikanten und zugleich ist das Symbolische der einzige Weg, sich dem Realen zu nähern.271 Mit „das Reale“ bezeichnet Lacan so Unterschiedliches wie „der Körper“, „Was immer am selben Platz ist“, „das Widerständige“, „das Unbewusste“, „der Wiederholungszwang“, „das Nicht-Existierende“, „das Unmögliche“ oder „das Eksistierende“ (i. S. von das Außerlogische), mithin eine besonders schwer fassbare Qualität. Alle drei Register wirken im „Borromäischen Knoten“ unauflösbar zusammen, einem späten, letzten Konzept Lacans. Widmer bezeichnet den Borromäischen Knoten als die „Topologie psychischen Seins“, die auf drei Voraussetzungen menschlichen Seins beruhe: Dass es etwas gibt, etwas da ist, gesetzt (das Reale), dass es Symbolisches gibt, ohne das sich nichts sagen ließe (das Symbolische) und dass es etwas Zusammenhaltendes gibt, das die Konsistenz des Borromäischen Knotens gewährleistet (das Imaginäre). Eine Position außerhalb des Knotens könne es nicht geben. Von welcher Seite man sich ihm auch nähere, sie setze immer die Wirksamkeit eines der Register voraus, es gebe keine Metaebene.272 270 Widmer, P. (2012) S. 44. 271 Bialluch, Chr. (2011) S. 171ff;. 272 Widmer, P. (2012) S. 153 f. 3.5 Linguistische Psychoanalyse als Seinsweise des Psychischen (und der Gesellschaft?) – Jacques Lacan 85 So lässt sich die lacanianische Psychoanalyse der Hegemonietheorie einpassen. Sie betont ebenfalls die Unabschließbarkeit der Signifikation und münzt die Differenz von Subjekt und Objekt, von Intelligiblem und Sinnlichem, von Signifikant und Signifikat um in den stets unzulänglich bleibenden Prozess der Symbolisierung des Realen und des Imaginären. Sie fügt – im Unterschied zur Diskurstheorie und zum linguistischen Strukturalismus der Hegemonietheorie eine energetische Komponente hinzu. III Hegemonietheoretische Begriffe im Spiegel von Referenzautoren 86

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Zusammenfassung

Lassen sich die politischen Kontroversen als Vielfalt von Diskursen verstehen, die mit gleichsam sozialpsychologischen Strategien nach Hegemonie streben, Macht gewinnen und so Gesellschaft gestalten oder allererst schaffen? Oder ist etwas von dem Satz geblieben, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, obwohl doch strittig ist, was denn das (gesellschaftliche) Sein und das Bewusstsein genau sei? Diese Arbeit wendet sich gegen die Vorstellung vom politischen Konflikt als bloßen sich antagonistisch gegenüberstehenden Zeichensystemen und versucht demgegenüber mit Pierre Bourdieu die gesellschaftliche Wirklichkeit als tendenziell methodisch entschlüsselbare als Grundlage linker Politik zu reklamieren.