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VI Zusammenfassung in:

Jörg Hein

Wie entstehen die Themen der politischen Konflikte?, page 119 - 122

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4206-9, ISBN online: 978-3-8288-7113-7, https://doi.org/10.5771/9783828871137-119

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Zusammenfassung Ausgangspunkt des hegemonietheoretischen Entwurfs war die Kritik am Essentialismus der dialektischen Tradition von Hegel und Marx. Dabei laufen zwei Kritiklinien ineinander. Zum Einen wird der Dogmatismus des Sowjetmarxismus kritisiert, der die Voraussicht des Geschichtsverlaufs auf der Grundlage des ökonomisch bedingten Klassenkonflikts als eine wissenschaftlich begründete Perspektive für sich in Anspruch nahm. Hier hätte man es mit einer sei es wissenschaftlich, sei es philosophisch zu nehmenden Theorie zu tun, die sich als falsch erwiesen und totalitären Herrschaftsverhältnissen als Rechtfertigungsideologie gedient habe. Es geht Laclau/Mouffe aber nicht um deren Widerlegung oder Korrektur. Zum Andern wird darüber hinaus die Verbindung des auf Hegel und Marx zurückgehenden dialektischen Denkens mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts in der ontologischen Struktur dieser Theorietradition gesucht. Sie habe irrationale Erlösungsvorstellungen transportieren können, weil sie auf dem bis auf Plato und Aristoteles zurückgehenden Gedanken der begrifflichen Fassbarkeit des Wirklichen beruhe. Dem setzt die Hegemonietheorie die prinzipielle Unabschließbarkeit aller theoretischen Bemühung und jeglicher Praxis entgegen, die als politische Ontologie unhintergehbar sei. Die Grundstruktur des Gesellschaftlichen sei die Kontingenz, die sich nach einer antagonistischen Logik auch immer wieder selbst begrenze. Aus dieser Einsicht folge nun allerdings nichts weiter als dies, dass alles für dekonstruktive Interventionen offen sei, wodurch sich die Verantwortung für politische Praxis erweitere und hegemonietheoretisch angeleitete Einflussnahme geboten sei. Für diese gebe es keine Vorgaben durch die nichtnormative politische Ontologie, d. h. dass sowohl demokratische als auch totalitäre Projekte zum Zuge kommen könnten. Das steht in einem gewissen Widerspruch zu dem Verdacht, dass der Marxismus seiner ontologischen Verfasstheit wegen zum Totalitarismus tendiere mit der der Postfundamentalismus seine Essentialis- VI 119 muskritik motiviert hat. Vor allem lässt die Hegemonietheorie aber ratlos in Bezug auf Themen, die für Marx zentral waren, nämlich die Selbstexplikation der Gesellschaft hinsichtlich ihrer Entwicklungsperspektive zu denken („Kritik durch Darstellung“). Diese Ratlosigkeit wird als alternativlos verkündet in einer Situation, in der die Durch- ökonomisierung der Gesellschaft ihr soziales Gefüge aus den Fugen bringt und Kultur nicht nur überformt sondern ersetzt. Für die Architektur der Hegemonietheorie sind die These von der Unabhängigkeit des Signifikanten vom Signifikat und die Differenz von Ontischem und Ontologischem die zentralen Stützpfeiler. Die Gleichsetzung des Ontischen mit dem Sozialen, Ökonomischen etc. wird nicht begründet, sondern beruht auf einer petitio principii insofern das abstrakt Politische, die instituierende Bewegung aus dem Sozialen, Ökonomischen etc. herausdefiniert und als das Ontologische ihm gegenüber gestellt wird (Deontologisierung). Das Soziale wird nur mehr als Medium verstanden, durch das das Ontologische, d. h. das Politische hindurchgehen muss, um es zu verwirklichen. Im Vergleich zu Heidegger wird das Qualitative des Daseins und das Qualitätslose des Seins vertauscht. Der linguistische Strukturalismus, die Diskurstheorie Foucaults und in gewissem Grade die Psychoanalyse Lacans haben ihre Begriffe aus erfahrungswissenschaftlichen Bezügen gewonnen. In der Hegemonietheorie werden sie ohne eine solche externe Referenz aufgrund rationalistischer Überlegungen abgewandelt. Darüber wird eine transzendentalphilosophische Konstruktion gewonnen, die die Unabschließbarkeit begrifflichen Denkens und die Unentscheidbarkeit gesellschaftlicher Konflikte (Antagonismen) postuliert. Sie ist gleichzeitig eine Theorie der Verfasstheit der Gesellschaft, eine politische Ontologie. Aus ihr folgen unmittelbar keine gesellschaftspolitischen, moralischen oder sonstige Inhalte. Aus der Außenperspektive kritisiert die Hegemonietheorie die Verleugnung der konflikthaften (antagonistische) Grundstruktur der Gesellschaft und zeigt einleuchtend deren problematische Folgen. Sie enthistorisiert diese antagonistische Struktur aber zugleich als universell und verstellt sich so den Zugang zu spezifischeren Analysen. Das führt zum Bild von politischen Auseinandersetzungen als einer Art makrosozialer Großgruppendynamik, in der Affekte eine große Rolle VI Zusammenfassung 120 spielen (Stellungskrieg). Inhalte werden in das politische Feld von au- ßen eingeführt. Sie resultieren nicht aus komplexen sozialen Dynamiken sondern fallen mit diesen zusammen und stellen sie dar. Auch die Modi der Auseinandersetzung, demokratisch-agonale Entscheidungsfindungsprozeduren, müssen normativ als ethische Werthaltungen eingeführt werden. In Institutionen und Gewohnheiten sedimentierte frühere gesellschaftliche Zustände und Themen können reaktiviert und neu aktualisiert werden. Meine Kritik richtet sich gegen die transzendentale Konstruktion des Ansatzes mit seiner Bezugnahme auf die strukturalistische Linguistik und die Weiterentwicklung der von Heidegger postulierten ontologischen Differenz. Dabei verkenne ich nicht, dass in der marxistischen Tradition eine ökonomische Engführung und eine Theoriegläubigkeit stattgefunden hat, die der Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklung nicht gerecht werden konnte. Die Kritik am Logozentrismus führt aber nicht zwangsläufig zum Postfundamentalismus. Ich setze dem die unabweisbare, der begrifflichen Objektivierung vorausgehende Verwicklung in Praxis entgegen, die mit rationalen, auch hermeneutischen Mitteln erhellt werden kann und muss. In dieser Verwicklung wird in einer von Herrschaftsverhältnissen durchzogenen Welt jeder Manifestation die Signatur von Klassenherrschaft aufgeprägt. Freiheit ist nur in dem Maß möglich, in dem dies eingesehen wird. Dass alle Verhältnisse umzustürzen seien, in denen Menschen geknechtete und gedemütigte Wesen sind, bleibt ein messianischer Imperativ. Naiv ist er deshalb nicht. VI Zusammenfassung 121

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Zusammenfassung

Lassen sich die politischen Kontroversen als Vielfalt von Diskursen verstehen, die mit gleichsam sozialpsychologischen Strategien nach Hegemonie streben, Macht gewinnen und so Gesellschaft gestalten oder allererst schaffen? Oder ist etwas von dem Satz geblieben, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, obwohl doch strittig ist, was denn das (gesellschaftliche) Sein und das Bewusstsein genau sei? Diese Arbeit wendet sich gegen die Vorstellung vom politischen Konflikt als bloßen sich antagonistisch gegenüberstehenden Zeichensystemen und versucht demgegenüber mit Pierre Bourdieu die gesellschaftliche Wirklichkeit als tendenziell methodisch entschlüsselbare als Grundlage linker Politik zu reklamieren.