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V Eine andere Richtung? in:

Jörg Hein

Wie entstehen die Themen der politischen Konflikte?, page 109 - 118

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4206-9, ISBN online: 978-3-8288-7113-7, https://doi.org/10.5771/9783828871137-109

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
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Eine andere Richtung? Praxis Marx‘ Darstellung der abstrakten Arbeit weist von der „Kritik der politischen Ökonomie“ (1859) bis zur zweiten Auflage des „Kapital“ Bd. I (1873) eine bemerkenswerte Veränderung auf, die mehr ist als eine veränderte Akzentuierung. 1859 spricht Marx von einer „einfachen, gleichförmigen, abstrakt allgemeinen Arbeit“, „unskilled Labour“, „einfache(r) Arbeit, wozu jedes Durchschnittsindividuum abgerichtet werden kann“. „Die einfache Arbeit bildet die bei weitem größte Masse aller Arbeit der bürgerlichen Gesellschaft, wie man sich aus jeder Statistik überzeugen kann.“335 Es wird also von einem soziologischen empirischen Begriff einfacher, aber konkreter unqualifizierter Arbeit ausgegangen. In der zweiten Auflage des „Kapital I“ gibt es hier eine Verschiebung. Zwar spricht Marx auch weiterhin von „einfacher Arbeit, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch, ohne besondere Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus besitzt“. Komplizierte Arbeit wird hinsichtlich ihres Werts mit einfacher Arbeit ins Verhältnis gesetzt.336 Je weiter aber die Darstellung zum gesellschaftlichen Charakter des Werts fortschreitet, umso mehr nimmt sozusagen der Abstraktionsgrad des Begriffs der abstrakten Arbeit zu. Sie wird zu „menschliche(r) Arbeit ohne weitere Qualität“. Es geht „kein Atom Naturstoff “ in die Wertgegenständlichkeit der Waren ein, die „bloße Gallerten menschlicher Arbeit“ sind etc..337 Der Begriff „abstrakte Arbeit“ wird dann nicht mehr zur Bezeichnung einer sinnlichen – wenn auch rudimentär sinnlichen – Tätigkeit, sondern zu einer analytischen Kategorie V 5.1 335 Marx, Karl (1961) Zur Kritik der Politischen Ökonomie in Marx/Engels Werke Bd. 13, Berlin S. 17 f. 336 Marx, Karl (1970) Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, 2. Aufl., Marx/Engels Werke Bd. 23 Berlin. 337 Marx, Karl (1970) S. 60, S. 65. 109 als absoluter und nicht nur relativer Gegensatz zu konkret nützlicher, gebrauchswertschaffender Arbeit. Gleichwohl bewahrt der Begriff eine Spur seines Ursprungs. Man kann hier verfolgen, wie aus der begrifflichen Benennung eines empirischen Sachverhalts („unskilled labour“) ein theoretischer Begriff gewonnen wird, eine Realabstraktion, die in einem theoretischen Zusammenhang eine Schlüsselrolle einnimmt. Ein ähnlicher Vorgang lässt sich auch bei Pierre Bourdieu finden und zwar hinsichtlich der Differenz von Theorie und Praxis und der in diesem Gegensatz enthaltenen Problematik. Er beginnt das 3. Kapitel von „Sozialer Sinn“, der klassischen Stelle an der er seine Theorie des Habitus einführt, mit der Kritik des Objektivismus als Standpunkt eines Beobachters: „Der Objektivismus konstituiert die Sozialwelt wie ein Schauspiel für einen Beobachter mit einem bestimmten ‚Standpunkt‘ zum Handeln, der die Grundlagen seines Verhältnisses zum Objekt in dieses einbringt und damit so tut, als sei die Sozialwelt nur zum Zwecke der Erkenntnis bestimmt und als seien alle Interaktionen in diesem Objekt auf symbolische Tauschvorgänge zurückzuführen. Genau diese Sicht hat man von den besseren Plätzen der Sozialstruktur, von denen sich die Welt (…) wie eine Darstellung darbietet, eine Sicht, aus der die Praktiken nichts weiter sind als Theaterrollen, aufgeführte Partituren oder ausgeführte Pläne.“338 (Hervorhebung – J. H.) Bourdieu verortet ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis, eine Welt- „anschauung“ sozialstrukturell. Ein biografischer Bezug wird im Zusammenhang der Erörterung seiner Untersuchung in seiner Heimatregion Beárn benannt.339 Argumentativ stützt er sich jedoch auf eine methodologische Kritik des Objektivismus in den Sozialwissenschaften, u. a. an Levi-Strauss und de Saussure, die sich auf den Subjektivismus (u. a. auf Sartre) erweitert. Wegweisend waren seine eigenen Erfahrungen und Entdeckungen bei seinen ethnologischen Studien in Algerien. Die beobachteten Bräuche, Rituale und Denkweisen ließen sich nicht mehr in einem konsistenten strukturellen Modell unterbringen. Die beiden „Verhältnisse zur Welt“, das theoretische und das prak- 338 Bourdieu, Pierre (1993) Sozialer Sinn – Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt, S. 97. 339 Bourdieu, P. (1993) S. 35 f, vgl. auch S. 32. V Eine andere Richtung? 110 tische,340 waren nicht aufeinander zu beziehen. Die wissenschaftlichen Zugänge dazu kritisiert Bourdieu als Subjektivismus und Objektivismus (daher auch der Untertitel „Kritik der theoretischen Vernunft“). „Von allen Gegensätzen, die die Sozialwissenschaften künstlich spalten, ist der grundlegendste und verderblichste der zwischen Subjektivismus und Objektivismus.341 Vom Strukturalismus übernimmt Bourdieu den Grundgedanken der Relationalität,342 aber er verwirft alle Versuche, soziales Geschehen strukturell, d. h. in Modellvorstellungen als Grundlage seiner Dynamik fassen zu wollen. So verfällt de Saussures Priorisierung des Sprachzustandes gegenüber dem Sprechen und der Individual- und Kollektivgeschichte der Kritik.343 Auch die strukturale Anthropologie wird problematisiert, weil sie der „vorlogischen Logik der Praxis“ Interpretationen unterschieben will, die ihr wesensfremd sind. „…die Strukturale Anthropologie und gewiß viel allgemeiner noch der Intellektualismus“ (übertragen) „die von der Wissenschaft ermittelte objektive Wahrheit auf eine Praxis (…), die ihrem Wesen nach die theoretische Haltung ausschließt, welche die Ermittlung dieser Wahrheit erst ermöglicht.“344 Bourdieu versucht nicht, die Kluft zwischen den beiden „Verhältnissen zur Welt“, dem theoretischen und dem praktischen, dem Intelligiblen und dem Sinnlichen in einer Denkfigur zu überbrücken oder aufzuheben. Für ihn gilt – übertragen auf das Kollektive – der Satz Lacans „wo ich bin, denke ich nicht, wo ich denke bin ich nicht“. Sein Bestreben richtet sich vielmehr darauf, mit dieser Kluft möglichst rational und gewinnbringend umzugehen. Dabei bleibt er Wissenschaftler, aber si- 340 Bourdieu, P. (1993) S. 32. 341 Bourdieu, P. (1993) S. 49. 342 Bourdieu, P. (1993) S. 12. Im Unterschied zu Laclau/Mouffe füllt Bourdieu das System der Relationen mit soziologisch definierbaren Elementen, nämlich sozialen Gruppen, Denkweisen, politischen und geschmacklichen Präferenzen und deren empirisch ermittelbaren Positionierungen gegeneinander. Ihr ontologischer Status wird nicht problematisiert sondern durch methodisch begründete Konstrukte definiert. 343 Bourdieu, P. (1993) S. 57ff. 344 Bourdieu, P. (1993) S. 74, ähnlich S. 25: „schon die Absicht, die praktische Logik zu verstehen (setzt) (….) eine Art Aufgeben alles dessen (voraus), was gewöhnlich mit Reflexion, Logik und Theorie zusammenhängt.“. 5.1 Praxis 111 cher ein „philosophisch informierter“. Die Soziologie biete „das vielleicht einzige Mittel, und sei es auch nur über das Bewußtsein der Determiniertheiten, dazu beizutragen, etwas wie ein Subjekt zu konstituieren“.345 Dieses Bestreben verfolgt er auf dem Weg einer „Theorie der Praxis als Praxis“346 mit wissenschaftlichem Anspruch. Sein Schlüsselbegriff ist der des Habitus, seine Theorie von „Praxis als dem Ort der Dialektik von opus operatum und modus operandi, von objektivierten und einverleibten Ergebnissen und der historischen Praxis“. „Die Konditionierungen, die mit einer bestimmten Klasse von Existenzbedingungen verknüpft sind, erzeugen Habitusformen als Systeme dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, als strukturierte Strukturen, die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungieren, d. h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen, die objektiv an ihr Ziel angepaßt sein können, ohne jedoch bewußtes Anstreben von Zwecken und ausdrückliche Beherrschung der zu deren Erreichen erforderlichen Operationen vorauszusetzen, die objektiv ‚geregelt‘ und ‚regelmäßig‘ sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein.“347 Die „reale Logik des Handelns“ stellt „die zwei Objektivierungen der Geschichte“ gegeneinander: „die Objektivierung in den Leibern und die Objektivierung in den Institutionen, oder, was auf dasselbe hinausläuft, zwei Zustände des Kapitals, ein objektiviertes und ein einverleibtes“.348 Praxis prozessiert als Habitus diese beiden Pole und entwickelt erfahrungsbasierte Strategien, die nicht notwendigerweise als intendierte Strategien erscheinen und sich auf die Antizipation einer Zukunft richten, die von der Fortschreibung früherer Erfahrungswerte ausgeht. Dabei können diese Erfahrungen als sedimentierte Geschichte längst aus dem Gegenwartsbewusstsein verschwunden sein, als inkorporierte wirken sie gleichwohl weiter. Der Habitus bewegt sich in den Grenzen seiner Existenzbedingungen, die er durch selektives Wahrnehmen und Agieren zu erhalten versucht. Wenn sie sich infolge der 345 Bourdieu, P. (1993) S. 45. 346 Bourdieu, P. (1993) S. 97. 347 Zitate: Bourdieu, P. (1993) S. 98 f. 348 Bourdieu, P. (1993) S. 106. V Eine andere Richtung? 112 eigenen Dynamik des Habitus oder äußerer Umstände ändern, passt er sich nur mit zeitlicher Verzögerung an (Hysterese). Bestandteil des Habitus ist auch die Klassenstruktur der Gesellschaft, die sich in unterschiedlicher Verteilung von Kapital zeigt. „Kapital“ meint bei Bourdieu nicht wie bei Marx ein gesellschaftliches Verhältnis, sondern soviel wie Potenz, als Vermögen i. S. von „in der Lage sein zu…“ und ist auf verschiedene gesellschaftliche Felder bezogen, z. B. als ökonomisches Kapital (Vermögen, Reichtum), kulturelles Kapital (künstlerische oder wissenschaftliche Kompetenz und Anerkennung), symbolisches Kapital (Ansehen, Ehre) etc. Es geht mir nicht darum, die Soziologie Bourdieus gegen die Hegemonietheorie von Laclau/Mouffe in Stellung zu bringen, wohl aber die in diese Soziologie eingehende Vorstellung von Praxis. Sie geht – wie Laclau – von einem relationalen gesellschaftlichen Gefüge aus, jedoch von einem Gefüge von Praktiken und nicht von Zeichen. Ihre Dynamik beruht auf komplexen Strategien, die nicht notwendigerweise explizit sind und sich auch nicht auf strukturell gefasste Abstraktionen reduzieren lassen. Sie stimmt damit darin dem „wesentlichen Denken“ zu, dass unser Verhältnis zur Welt und ihres zu uns einen elementareren Charakter hat als das, was mit dem Logos einzufangen wäre. Um dem Rechnung zu tragen, bedarf Praxis allerdings nicht der ontologischen Differenz und der diese eher konstruierenden als legitimierenden Denkfiguren. Als Empirie erlaubt sie den methodisch begründeten Zugriff mit dem Ziel ihrer Erhellung. Erfahrbar ist sie aber nur durch Teilhabe und darin der objektivierenden Prozedur immer voraus. Sie ist in dem Sinne kontingent, dass sie in einem „objektiven“ Rahmen (Existenzbedingungen) eine gleichartige Vielfalt (Homologie) in verschiedenen Kontexten erzeugen kann, ohne determiniert zu sein. Zugleich sind die „objektiven Bedingungen“ ihrerseits aus der Praxis hervorgegangene Objektivierungen, die nicht standhalten, wenn ihnen der inkorporierte Habitus nicht (mehr) folgt. Alle Ebenen sind aber deskriptiv und auch analytisch mit Gewinn zu fassen und zu objektivieren, wenn auch nur näherungsweise und als der Praxis äußerlich bleibende Theorie. So verstandene Praxis lässt, obwohl selbst metaphysisch, ein sehr viel materialistischeres Denken gesellschaftlicher Dynamik zu als die auf Kontingenz und ontologische Unabschließbarkeit gestützte Hege- 5.1 Praxis 113 monietheorie. Dies deshalb, weil sie die theoretische objektivierende Bewegung als Moment von Aufklärung sich gegenüber hat anstelle des nicht rationalisierbaren Antagonismus. Das bleibt auch dann gültig, wenn man das Rückkopplungsverhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis mit ihren Herrschafts- und Interessenverhältnissen mitbedenkt. Praxis umgreift die qualitativen Seiten des gesellschaftlichen Lebens und ist (wie auch der Begriff der Lebenswelt) unauslotbar. Die Unauslotbarkeit korrespondiert der Unabschließbarkeit im Begriff des Antagonismus ohne dazu einer spektralen politischen Ontologie zu bedürfen. Überdies geht in das Verhältnis von Theorie und Praxis auch die gesellschaftliche Topografie einschließlich der Produktionsverhältnisse ein im Gegensatz zu einem zeitlosen strukturalen transzendentalphilosophischen Bezugsrahmen. So hat die an Bourdieu orientierte Idee von Praxis den Charme, von einem lokalisierbaren gesellschaftlichen Ort aus gedacht und entworfen zu sein (was dialektischmaterialistischem Denken entspricht). Qualität Gerhard Gamm wirft Marx vor, er folge in seiner Kritik am Kapitalismus und der Perspektive seiner revolutionären Überwindung der Funktionslogik des kritisierten Systems und könne so auch keine aus diesem herausführende emanzipatorische Perspektive aufzeigen. Das zeige sich darin, dass die kulturelle Dimension des Gebrauchswerts und damit letztlich der Eigenwert der Subjekte in der Dichotomisierung mit dem Tauschwert und der Zentrierung der Analyse auf diesen unterschlagen werde. Die Abstraktion des Tauschwerts sei daher eine „unverständige Abstraktion“, die dem unkritischen Wissenschaftsverständnis ihrer Zeit folge und sich am Ende gewaltsam gegen die Subjekte richte, z. B. in Form abstrakt ökonomisch definierter Gerechtigkeitsvorstellungen über die empirischen Subjekte hinweg. Diese Kritik ist sicher zutreffend, wenn es auch andererseits das Verdienst von Marx bleibt, gerade die destruktive Funktionslogik des kapitalistischen Systems freigelegt zu haben. Dass die kulturelle Dimension aus dem Feld der Ökonomie ausgeschlossen bleibt, ist eben nicht nur bei Marx, sondern auch in der „Ideologie der Ideologiefrei- 5.2 V Eine andere Richtung? 114 heit“, der Ideologie unserer Tage, fester Bestandteil. Auch die subjektive Wertlehre fragt nicht nach dem kulturellen Wert der Güter, sondern nach den Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage. Das Problem liegt vor allem in der Präpotenz der Ökonomie, sowohl als theoretisch-wissenschaftliches Feld wie auch als praktisches, der Betriebsund Volkswirtschaft.349 „‘Die Ökonomie‘ als relativ abgesonderte Sphäre gesellschaftlicher Tätigkeit ist eine Abstraktion, die sich den Anschein gibt, ohne das Verständnis der außerökonomischen Beziehungen auszukommen.“350 Die Ökonomie als „relativ abgesonderte Sphäre“ bei Gamm gehört in den Bereich des „Sozialen“ bei Laclau/Mouffe, aber eben als relativ autonomer und nicht von als vom „Politischen“ abhängiger Bereich und fügt sich damit in Bourdieus Begriff des Sozialen Feldes. Gleiches gilt für die „außerökonomischen“ Felder, die nicht nur im gemeinsamen Sozialen Raum angesiedelt sind, sondern sich auch gegenseitig durchdringen. Soziale Felder sind gesellschaftliche Segmente, die eine relativ autonome eigene Logik besitzen (etwa Kunst, Wissenschaft, Ökonomie, Religion etc.) und dennoch auf den übergeordneten Sozialen Raum bezogen sind, dessen Dynamik sie sich letztlich nicht entziehen können (Homologie), auf den sie selbst aber wiederum auch Einfluss aus- üben. Bourdieus Modellvorstellung mag durch andere sozialwissenschaftliche Ansätze relativiert oder überwunden werden, sie verweist aber auf eine vorausliegende, mit qualitativen Dimensionen ausgestattete gesellschaftliche Praxis, die tendenziell rationalisierbar ist. Seine Vorstellung, dass sich die (objektive) Klassenstruktur nicht nur abstrakt in der unterschiedlichen Verfügung über ökonomisches oder politisches Kapital, sondern – auf der Basis von Gebrauchswertorientierung – auch kulturell zeige im Erwerb und der Inszenierung von Distinktionsmerkmalen, von materiellem und zur Schau gestelltem Reichtum, von symbolischem und kulturellem Kapital, in Verkehrsformen, Geschmackspräferenzen u. ä., verweist nachdrücklich auf die Verbindung von instituierender Macht und den qualitativen Ebenen, mit denen sie einhergeht. Bourdieu stellt die beiden Ebenen in einer 349 Vgl. Gamm, G. (1986) S. 175. 350 Gamm, G. (1986) S. 167. 5.2 Qualität 115 sehr erhellenden Weise korrelativ nebeneinander.351 Offen bleibt einstweilen, wie ihre sowohl von Foucault als auch von Laclau/Mouffe ausgesprochene wechselseitige „Durchdringung“ vorzustellen sei. Die Hegemonietheorie schlägt dazu die auf der Differenz-Äquivalenzdynamik und der Fluktuation der Elemente beruhende Bewegung antagonistischer Systeme (Diskurse) vor. Mir scheint dies im Vergleich zu bereits vorliegenden Denkmodellen unterkomplex zu sein, wenn es darum geht, dem Phänomen „gesellschaftliche Praxis“ theoretisch näher zu kommen. Die Hegemonietheorie gibt keine nähere Bestimmung dazu, was im Inneren der Diskursformationen (Systeme), in ihrer „Regelmäßigkeit in der Verstreuung“ außer der nur als Grenzwert zu denkenden Differenz-Äquivalenzdynamik vor sich geht. Kann es dort Dynamiken geben, die Konstellationen unterschiedlicher Komplexität hervorbringen, die Einfluss auf die Stabilität von Fixierungen haben? Eine zweite Begrenzung liegt in der überwiegend binären Struktur der Hegemonietheorie. Sie bewegt sich in Gegensatzpaaren wie Notwendigkeit vs. Kontingenz, Differenz vs. Äquivalenz, Essentialismus vs. spektrale Ontologie, das Politische vs. das Soziale usw. Ein Drittes (oder Viertes) bleibt jeweils ausgeschlossen mit der Folge, dass die verhandelten Dynamiken nur linear oder alternativ gedacht werden können. D. h. die Hegemonietheorie macht keinen Gebrauch von Grundfiguren der Theorie des deterministischen Chaos, der Systemtheorie oder Synergetik352. Dort werden Systemzustände komplexer und mehrdimensionaler Art in ihren Dynamiken thematisiert. Es geht aus wissenschaftlicher Perspektive um die traditionelle Frage nach dem Verhältnis von Ordnung und Prozess. Zur Theorie der Praxis liegen im wissenschaftlichen Kontext bereits zahlreiche Ergebnisse vor. In die philosophische Diskussion haben diese Ansätze über die Systemtheorie Luhmanns hinaus m. W. nur begrenzt Eingang gefunden. Ein Versuch, „relativ abgesonderte Sphären“ in eine nicht-hierarchische Bezie- 351 Z. B. in „Die feinen Unterschiede“ Bourdieu P. (1987) oder in „Der Staatsadel“ (2004.). 352 Haken, H. und G. Schiepek, (2006) Synergetik in der Psychologie – Selbstorganisation verstehen und gestalten, Göttingen, bes. Kap. 4, Philosophische Fragen der Synergetik S 267-323. V Eine andere Richtung? 116 hung zu bringen, liegt z. B. in dessen Theorie der Interpenetration von Systemen353 vor. Ende des Machiavellismus? Wenn Derrida in Marx‘ Gespenster den „Geist“ von Marx fortschreibt und ihn in gewisser Weise beschwört, ohne seiner Verleiblichung substanziell näher kommen zu können, liegt das vielleicht daran, dass das selbstgenügsam kontemplative Denken Heideggers zwar zu einer durchaus wertvollen vertiefenden Versenkung führen kann, (eine Folge seiner künstlerischen Dimension) aber nur schwer zu einer praktischen Einstellung. Vielleicht gibt hier die Abstraktheit des Begriffs des Politischen aus der postfundamentalistischen Debatte einen Hinweis. Strategisches Denken gilt ja seit jeher, besonders aber seit Machiavelli als rationales Verhalten. Es bedeutet immer eine funktionale Beziehung zu Sachen und Menschen einzugehen, den Menschen (und auch seine natürlichen Ressourcen) zum Mittel und nicht zum Zweck zu machen. So ist schließlich auch das Militär und der Krieg sein bevorzugter Aufenthaltsort. Vielleicht nähern wir uns in einer global vernetzten und interdependenten Welt aber einer Situation, in der es nicht mehr nur aus ethischen oder moralischen Gründen problematisiert wird. Möglicherweise hat es seine Rationalität verloren oder ist dabei sie zu verlieren. Die Abspaltung der Eigenlogik und des Eigenwerts der Bereiche, die Laclau (und Marchart) dem Ontischen zuweisen, wird zunehmend dysfunktional, strategische Erfolge werden seltener. Hier wäre Derrida in praktischer Hinsicht weiterzudenken. Verheißung ist für Laclau ein Existential, aber es ist nie ein abstraktes „an sich“ sondern stets an einen Inhalt gebunden. Daran sollte man sich mit Hegel erinnern. 5.3 353 Luhman, N. (1985) S. 286-345. Auf den Vorschlag von U. Staeheli zur partiellen Übersetzbarkeit von Hegemonietheorie und Systemtheorie nach Luhmann, die sich m. E. an deren Typik als transzendental-philosophischer Theorie einerseits und sozialwissenschaftlicher Theorie andererseits bricht, kann hier nicht näher eingegangen werden. (Staeheli, U. (1998.)). 5.3 Ende des Machiavellismus? 117

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References

Zusammenfassung

Lassen sich die politischen Kontroversen als Vielfalt von Diskursen verstehen, die mit gleichsam sozialpsychologischen Strategien nach Hegemonie streben, Macht gewinnen und so Gesellschaft gestalten oder allererst schaffen? Oder ist etwas von dem Satz geblieben, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, obwohl doch strittig ist, was denn das (gesellschaftliche) Sein und das Bewusstsein genau sei? Diese Arbeit wendet sich gegen die Vorstellung vom politischen Konflikt als bloßen sich antagonistisch gegenüberstehenden Zeichensystemen und versucht demgegenüber mit Pierre Bourdieu die gesellschaftliche Wirklichkeit als tendenziell methodisch entschlüsselbare als Grundlage linker Politik zu reklamieren.