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Jörg Hein

Wie entstehen die Themen der politischen Konflikte?, page 1 - 38

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4206-9, ISBN online: 978-3-8288-7113-7, https://doi.org/10.5771/9783828871137-1

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
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Ernesto Laclau und Chantal Mouffe Hegemonie und radikale Demokratie – Zur Dekonstruktion des Marxismus Übersicht Einleitung Anstoß und Ausgangspunkt der Arbeit von Laclau/Mouffe ist die Krise der „gesamten Konzeption des Sozialismus“, soweit sie auf der ideologischen Zentralität der Arbeiterklasse, der Revolution als Übergang zu einem anderen Gesellschaftstyp, der Erwartung eines einheitlichen und gleichartigen kollektiven Willens beruhe. Der plurale und mannigfaltige Charakter der zeitgenössischen sozialen Kämpfe habe die Grundlage dieses politisch Imaginären aufgelöst. Dieses Imaginäre habe „‘Gesellschaft‘ als eine intelligible Struktur behauptet, die auf der Basis bestimmter Klassenpositionen intellektuell beherrscht und durch einen sinnstiftenden Akt politischer Natur als eine rationale und transparente Ordnung wiederhergestellt werden könnte“.8 Die Logik der Hegemonie sei gegenüber diesem Rationalismus eine komplementäre und kontingente Operation, die von der Vorstellung der ‚historischen Notwendigkeit‘ des klassischen Marxismus gänzlich losgelöst sei. Diese Logik erlaube es, sowohl die Besonderheit der gegenwärtigen sozialen Kämpfe zu denken als auch eine auf dem Projekt der radikalen Demokratie basierende neue linke Politik zu skizzieren.9 Hegemonie: Genealogie eines Begriffs Die Unterscheidung des „Sozialen“ (einschließlich der ökonomischen Struktur und den gesellschaftlichen Institutionen) vom „Politischen“ ist eine der Leitunterscheidungen des gesamten Ansatzes von Laclau/ Mouffe an dessen Stringenz seine Plausibilität gebunden ist. Sie ist I 1.1 1.2 8 Laclau/Mouffe S. 32. 9 L/M S. 33. 3 auch eine unverzichtbare Voraussetzung des für die Autoren zentralen Begriffs der Hegemonie. In die historische – und am Ende erfolglose – Verschränkung des Sozialen (z. B. in Gestalt des Klassenantagonismus) mit dem Politischen (z. B. revolutionäre Strategie) führen sie zunächst mit dem Gegensatz zweier politischer Logiken ein, die Gegenstand von Debatten der Linken am Ausgang des 19. Jahrhunderts und vor dem ersten Weltkrieg waren: Der Logik des Spontaneismus (Rosa Luxemburg) und der Logik der Notwendigkeit (Karl Kautsky). Dabei geht es um die Konstituierung des revolutionären Subjekts in den politisch-revolutionären Kämpfen. Während die Logik der Notwendigkeit (Notwendigkeit verstanden als Zwangsläufigkeit) den Sieg des Proletariats aus dem Gesetzescharakter der kapitalistischen Ökonomie in Gestalt der stetigen Vergrößerung des Proletariats als unmittelbar gewährleistet betrachtet, der nur noch politisch-organisatorisch zu begleiten sei, entsteht für den Spontaneismus das revolutionäre Klassensubjekt erst im politischen Kampf selbst und vollstreckt damit die kapitalistische Klassenlogik. Beide Logiken ergänzen sich nach Laclau/Mouffe nicht, sondern sind antithetisch: „…(weil) die Logik des Spontaneismus und die Logik der Notwendigkeit nicht als zwei distinkte und positive Prinzipien konvergieren, um bestimmte historische Situationen zu erklären, sondern stattdessen als antithetische Logiken funktionieren, deren Interaktion nur vermittels der reziproken Beschränkung ihrer Effekte abläuft. (…) Die Logik des Spontaneismus ist insofern eine Logik des Symbols, als sie genau durch die Zerbrechung jeder buchstäblichen Bedeutung funktioniert. Die Logik der Notwendigkeit ist eine Logik des Buchstäblichen: sie wirkt durch die Fixierungen, die, genau weil sie notwendig sind, eine Bedeutung etablieren, die jede kontingente Variation eliminiert.“10 Es folgt eine Darstelllung von Grundpositionen prominenter linker Theoretiker (von Kautsky, Plechanov und dem Austromarxismus über Rosa Luxemburg bis zu Eduard Bernstein und Georges Sorel), anhand derer Laclau/Mouffe zeigen wollen, dass der klassische Gegensatz zwischen Kapitalistenklasse und Proletariat im Laufe der Geschichte seinen die politischen Auseinandersetzungen prägenden Charakter verliere. Dies deshalb, weil die noch von Kautsky und Plechanov postu- 10 Laclau/Mouffe S. 43;. I Übersicht 4 lierte Einheit und die Eindeutigkeit des Proletariats als Klasse sich mehr und mehr auflöse und das Proletariat sich – ebenso wie die Gesellschaft insgesamt – ausdifferenziere und in seinem politischen Wollen immer weniger durch seine objektive Klassenposition determiniert sei. Während für Rosa Luxemburg der revolutionäre Kampf selbst die Klasseneinheit herstelle – was sie am Beispiel der russischen Revolution von 1905 illustriert – fällt diese Aufgabe bei Bernstein der Partei zu. Sie habe die Partikularismen des Proletariats, aber auch anderer gesellschaftlicher Schichten, zusammenzuführen. Laclau/Mouffe werfen die Frage auf, in welchem Sinne von einer auf diese Weise hergestellten Einheit noch von einer Klasseneinheit gesprochen werden könne.11 Bei Sorel als prominentem Vertreter des Syndikalismus entfalle der Bezug auf die Klassen schließlich ganz. Der Schwerpunkt liege bei ihm auf dem befreienden Charakter der politischen Aktion, dem „Mythos“ Generalstreik selbst, dessen inhaltliche Ziele gegenüber der Erfahrung der gewaltsamen Befreiung in den Hintergrund treten und der daher auch für unterschiedliche und widersprüchliche politische Intentionen stehen könne. Diese Genealogie will zeigen, dass die Vorstellung einer ökonomisch präformierten Klassenidentität, die – auf unterschiedliche Weise – zur Erscheinung gebracht werden müsse, nicht haltbar sei, sondern vielmehr subjektive, nicht determinierte Einflüsse den politischen Raum bestimmen und das Selbstverständnis linker Politik dies als Ausgangslage zu nehmen habe.12 Die Klassentheorie und der Klassenkampf als Movens der Geschichte liegen am Rande der Fragestellung dieser Arbeit, es soll daher auch nicht vertieft auf sie eingegangen werden. Insofern hier aber bereits wichtige Weichenstellungen für die Argumentation von Laclau/Mouffe vorgenommen werden, ist es sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass die Autoren mit der Gegenüberstellung der Texte von Rosa Luxemburg von 1906 (nach der gescheiterten russischen Revolution von 1905), Kautsky von 1892 (am Ende einer langen wirtschaftlichen Depressionsperiode), sowie der Posi- 11 L/M S. 67. 12 Zum Verhältnis von gesellschaftlicher Oberfläche und tieferliegender Wirklichkeit vgl. L/M S. 54, zur abnehmenden Bedeutung des „Diskurses der ‚historischen Notwendigkeit‘“ S. 63; zum „freien Spiel der Subjektivität in der Geschichte S. 68ff; zu Sorels Subjektivismus und dem „Mythos Generalstreik“ als formierende Kraft S. 76 f. 1.2 Hegemonie: Genealogie eines Begriffs 5 tionen von Bernstein und Sorel eine systematische Argumentationslinie verfolgen und nicht eine historische. Die dargestellten theoretischen Ansätze sind ja gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie spezifische Gegebenheiten des „Sozialen“ theoretisch aufnehmen. So ist Kautsky’s Vorstellung von der stetigen Zunahme und wachsenden Verelendung des Proletariats (in Deutschland) bis zum Ende des 19. Jahrhunderts empirisch durchaus belegbar.13 Luxemburg nimmt die besonderen Verhältnisse in Russland (Bauern, Handwerker, insbesondere aber den für Russland verlorenen Krieg gegen Japan) ausdrücklich zum Ausgangspunkt und Bernstein versucht die zunehmende Differenzierung der Gesellschaft theoretisch zu fassen.14 Man kann also sagen, dass die genannten Autoren den Marxismus als eine historische, jeweils auf die Höhe der Zeit weiter zu entwickelnde Theorie verstehen. Die Veränderung des Sozialen wird von Laclau/ Mouffe als Anstoß der Theorieentwicklung nicht systematisch befragt,15 etwa dahin, ob es neben Entwicklungen zu mehr Differenzierung und Komplexität auch solche zu größerer Homogenität und Struktur gegeben hat. Vielmehr bleibt ihnen die Klassenlogik – unhaltbarer – essentialistischer Fluchtpunkt aller linken Politiktheorie und damit die abstrakt negative Voraussetzung der Autonomie des politischen Raumes.16 Hegemonie: Das schwierige Auftauchen einer neuen politischen Logik An Versuchen linker Parteien, andere gesellschaftliche Schichten, etwa Teile des Bürgertums oder der Bauern, hegemonial in linke politische Strategien einzubeziehen, werden das nachrevolutionäre Russland und der Ansatz von Antonio Gramsci beschrieben. Dabei führen Laclau/Mouffe gleich zu Beginn den Begriff der „hegemonialen Naht“17 ein, eine Denkfigur, die einen wichtigen Baustein 1.3 13 Einen Überblick über die Wirtschaftsentwicklung und die Wirtschaftskrisen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt Plumpe, W. (2013) Wirtschaftskrisen – Geschichte und Gegenwart, S. 54-71. 14 U. a. in der Annahme einer kontinuierlichen fortschrittlich-demokratischen Entwicklungstendenz (L/M S. 69.). 15 Vgl. Demirovic, A. (2007) Hegemonie und die diskursive Konstruktion der Gesellschaft S. 66 f. 16 Man kann sich fragen, ob hier der historische Charakter der marxschen Theorie nicht lediglich so verstanden wird, dass diese mit der Überwindung des Kapitalismus eben ihre Gültigkeit verliere. 17 L/M S. 79. I Übersicht 6 in ihrer Argumentation bildet. Der Terminus stamme aus der Psychoanalyse und sei „implizit in der ganzen Lacanschen Theorie am Werk“. Sie erläutern ihn in einer ausführlichen Endnote: „’Naht’ bezeichnet die allgemeine Beziehung eines Mangels zu der Struktur, von der sie ein Element ist, insofern sie die Position des ‚Platz-des- (Mangels, E. d. Ü.) einnehmen’ beinhaltet.“ (Miller, 25 f) (…) In einem zweiten Aspekt beinhaltet „Naht“ ein Auffüllen/Ergänzen. Wie Stephen HEATH zeigt, „benennt Naht nicht nur eine Struktur eines Mangels, sondern auch ein Vorhandensein des Subjekts, eine gewisse Schließung...“. (…) Wir wollen genau versuchen, diese doppelte Bewegung in unserer Ausdehnung des Begriffs Naht auf das Feld der Politik zu betonen. Hegemoniale Praxen „nähen“, insofern ihr Wirkungsfeld durch die Offenheit des Sozialen, durch den letztlich unfixierten Charakter jedes Signifikanten bestimmt ist. Dieser ursprüngliche Mangel ist genau das, was die hegemonialen Praxen aufzufüllen/zu ergänzen suchen. Eine total genähte Gesellschaft wäre eine, wo dieses Auffüllen/Ergänzen seine äußersten Wirkungen erreicht hätte und sich deshalb mit der Transparenz einer geschlossenen symbolischen Ordnung identifizieren könnte. Eine solche Abgeschlossenheit (=Ende) des Sozialen ist, wie wir sehen werden, unmöglich.“18 Die Diskussion der Zweiten Internationale habe in der Notwendigkeit gestanden, die offenkundige Unzulänglichkeit des Klassenantagonismus als Determinante der geschichtlichen Entwicklung zu „nähen“. Dies sei durch die Einführung einer Sphäre des Nicht-Determinierten in die „Topografie des Sozialen“ geschehen, allerdings um den Preis logischer Inkonsistenz. U. a. sei die Klasseneinheit, auf die die Theorie sich stützte, durch die Ökonomie immer weniger gestiftet worden, während die politische Neuzusammensetzung dieser Einheit deren notwendigen Klassencharakter nicht habe begründen können.19 Für Russland sei die Begründung dieser Notwendigkeit mit einem bei Plechanov sehr engen, bei Trotzkj sehr weiten, aber auf die spezifische Situation in Russland bezogenen Hegemoniebegriff versucht worden. Aus diesem Kontext habe Gramsci den Begriff der Hegemonie in einer 18 L/M S. 246 f, Kursivierung im Original. Die Autoren und die Zitate im Zitat beziehen sich auf Jacques-Alain MILLER,(„Suture elements of the logic of the signifier“, in: Screen, Winter 1977/78, vol. 18, no 4, 24-34 und „Notes on Suture“, in: Screen, vol. 18, no 4, 55 f). Der vorletzte Satz ist offenbar unvollständig. Ich gehe davon aus, dass „sich“ hier auf die Gesellschaft als Satzsubjekt bezieht. 19 L/M S. 80. 1.3 Hegemonie: Das schwierige Auftauchen einer neuen politischen Logik 7 eigenen, von der russischen wesentlich verschiedenen Weise weiterentwickelt. Grundlegend für das Denken in der russischen Linken sei das Festhalten an dem klassischen Schematismus wonach die Produktionsverhältnisse den Klassenantagonismus hervorbringen und die Klassen – Bourgeoisie und Proletariat – unterschiedliche historische Aufgaben zu übernehmen haben: Der Bourgeoisie komme die Demokratisierung und die Entwicklung der Produktivkräfte zu, während das Proletariat zu gegebener Zeit die Klassenherrschaft zu stürzen und zu überwinden habe. Da nun in Russland die Bourgeoisie nicht entwickelt war, sei dem Proletariat die Aufgabe zugefallen, deren gesellschaftliche und historische Rolle mit zu übernehmen. Damit entstand aber ein Raum der „Nicht-Determiniertheit“. „Das Problem war also nicht länger, die Klasseneinheit zu sichern, sondern die politische Wirksamkeit des Arbeiterklassenkampfes auf einem historischen Terrain zu maximieren, wo Kontingenz aus der strukturellen Schwäche der Bourgeoisie, ihre eigene Aufgabe wahrzunehmen, erwuchs. (…) Es gab also einen Bruch zwischen der Klassennatur der Aufgabe und dem historischen Agenten, der sie ausführte. Dies schuf einen Raum der Nicht-Determiniertheit…“20 Die Argumentation von Laclau/Mouffe will nun zeigen, dass die russische Sozialdemokratie, während sie an dem obigen Schematismus strikt festhielt, keinen Weg gefunden hat, die objektive Determination ihrer Politik durch die Besonderheiten in Russland hindurch theoretisch konsistent zu begründen. Die theoretische Diskussion sei auf (kontingente) „Umstände“ ausgewichen, habe namentlich bei Trotzkj narrativen Charakter angenommen.21 Gleichwohl sei aber am grundlegend determinierenden Charakter der Ökonomie festgehalten worden. Damit sei eine außerhistorische Ebene von Wesenheiten eingeführt worden, auf die die „Umstände“ und „besonderen Merkmale“ zwar bezogen, in die sie aber nicht integriert werden. Das habe eine doppelte Folge: Die vordefinierten Klassenidentitäten von Bourgeoisie und Proletariat werden durch Hegemonie nicht berührt, sie bleibt eine ihnen äußerliche Beziehung. Zum anderen muss die Zusammenführung der 20 L/M S. 81. 21 L/M S. 85 f. I Übersicht 8 unterschiedlichen, dann als „Interessen“ politisch erscheinenden Klassen durch die Partei erfolgen. „Für den Leninismus schließt Hegemonie politische Führung innerhalb eines Klassenbündnisses ein. Der politische Charakter der hegemonialen Verknüpfung ist grundlegend und impliziert, daß das Terrain, auf dem die Verknüpfung sich etabliert, von demjenigen unterschieden ist, auf dem die sozialen Agenten konstituiert werden. Wenn das Feld der Produktionsverhältnisse das spezifische Terrain der Klassenkonstitution ist, kann die Präsenz der Klassen nur als eine Repräsentation von Interessen verstanden werden. Durch ihre stellvertretenden Parteien vereinigen sie sich unter der Führung einer Klasse in einem Bündnis gegen einen gemeinsamen Feind. Diese (…) Einheit berührt jedoch nicht die Identität der Klassen, die das Bündnis umfaßt, da ihre Identität um ‚Interessen‘ konstituiert ist, die letzten Endes völlig unvereinbar sind.“22 Durch diese Konstruktion wäre der leninistische Ansatz potentiell demokratischer als jeder andere, der sich damals in der Diskussion befand. Tatsächlich führe sie jedoch zum Paradox einer zunehmend autoritären Führung der Partei und ihrer Leitung, die einerseits darauf beruhe, „daß das der Arbeiterklasse vom Marxismus verliehene ontologische Privileg von der sozialen Basis auf die politische Führung der Massenbewegung übertragen wurde“,23 die die ihr theoretisch verbürgte Stufenfolge der Entwicklung über die bürgerliche Demokratie zum Sozialismus historisch zu verwirklichen hatte und andererseits „die demokratischen Forderungen ungleicher werden und das Terrain des Massenkampfes komplexer wird“.24 Eine demokratische Hegemonie hätte nach Laclau/Mouffe anerkennen müssen, dass demokratische Forderungen nicht an eine bürgerliche Entwicklungsstufe gebunden sind, was die rigide Trennung zwischen den Klassen unterlaufen und deren Identität im Rahmen der Hegemonie verändert und neu konstituiert hätte. Damit wäre auch die Vorstellung von der Repräsentation von Klasseninteressen (als Ausdruck der 22 L/M S. 88. 23 L/M S. 89. 24 L/M S. 90. 1.3 Hegemonie: Das schwierige Auftauchen einer neuen politischen Logik 9 präkonstituierten Identität der Klassen) nicht mehr haltbar gewesen. Letztlich stehe damit das Basis/Überbau-Modell selbst in Frage.25 Die autoritäre hegemoniale Praxis des Leninismus gehe dagegen von einer vollständigen Trennung zwischen den hegemonialen Aufgaben der Arbeiterklasse und ihrer Klassenidentität aus. Letztere werde als „Klasse für sich“ von ihrer Vorhut in der Partei repräsentiert,26 die sich zur Arbeiterklasse rein pädagogisch verhalte. Die Folge sei ein zunehmender Substitutionalismus: Die Arbeiterklasse werde von der Partei substituiert, die Partei vom Sowjetstaat als „Repräsentation der Weltinteressen der kommunistischen Bewegung“. Die Partei stütze sich auf ihr „epistemologisches Privileg“, das „ihr aufgrund einer bestimmten Klassenperspektive zukommende wissenschaftliche Monopol“.27 „Dieses Monopol garantiert auf einer theoretischen Ebene die Überwindung des Bruchs zwischen den sichtbaren Tendenzen des Kapitalismus und seiner zugrundeliegenden Entwicklung.“28 Die Hegemonie der Partei werde umso notwendiger, je mehr die soziale Komplexität steige. Aus dieser Komplexität heraus, die als „kombinierte und ungleiche Entwicklung die historische Bedingung unserer Zeit“ sei (Trotzkj), entstehe die Revolution, sie sei ihr Ermöglichungsgrund. In den folgenden Jahren der Stabilisierung sei die Aktivität der kommunistischen Parteien darauf konzentriert gewesen, in der sicheren Erwartung der nächsten Krise „die Kräfte um eine gänzlich klassistische und auf ‚den Bruch‘ bezogene Identität zu sammeln“, um dann den Weg zu einer neuen revolutionären Initiative zu eröffnen.29 Brüchig sei diese Position mit der Erfahrung des Faschismus und den kommunistisch geführten Revolutionen in der Dritten Welt geworden. Hier seien „das ‚Populare‘ und das ‚Demokratische‘ zwar 25 Das „Basis-Überbau-Modell“ aus Marx‘ Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie (MEW Bd. 13, S. 7-11), das den kulturellen Wandel im Gefolge der Übernahme der Herrschaft durch das Bürgertum nach der französischen Revolution zum Hintergrund hat, ist in der marxistischen wie auch in der Marx-kritischen Diskussion zum zentralen Beleg für den ökonomischen Determinismus im Marxismus stilisiert worden. 26 Vgl. dazu auch Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, insbes. das Kapitel „Methodisches zur Organisationsfrage“, S. 452-513. 27 L/M S. 94. 28 L/M S. 94. 29 L/M S. 96. I Übersicht 10 greifbare Realitäten auf der Ebene des Massenkampfes“, konnten aber nicht auf eine strikte Klassenzugehörigkeit zurückgeführt werden. Die kommunistische Doktrin habe die Äquivalenz bestimmter Klassen (Arbeiter, Kleinbürger, Bauern etc.) in der gemeinsamen Konfrontation mit dem herrschenden Pol herausgestellt.30 Dieses Äquivalenzverhältnis führe zur Spaltung der Identität des Objekts, das einerseits seine Identität im buchstäblichen Sinne beibehalte, andererseits symbolisiere es „die kontextuelle Position, für die es ein substituierbares Element“ sei.31 Das Äquivalenzverhältnis verlange schließlich ein Allgemeines Äquivalent im Hinblick auf das die einzelnen Elemente äquivalent seien. (Das könnte z. B. „antifaschistischer Widerstand“, „nationale Unabhängigkeit“ o. ä. sein – J. H.) Damit aber entstehe die Frage, wie denn die Klassenidentität des hegemonialen Sektors bewahrt werden könne. Das sei in der autoritären kommunistischen Tradition durch die Ausdehnung des Repräsentationsmodells geschehen („Jede Instanz ist die Repräsentation einer anderen, bis ein letzter Klassenkern erreicht ist.“32) „Die andere (demokratische – J. H.) Antwort akzeptiert die strukturelle Mannigfaltigkeit der Verhältnisse, in denen soziale Akteure eingebettet sind, und ersetzt das Prinzip der Repräsentation durch das der Artikulation. Die Einheit zwischen diesen Akteuren ist dann nicht der Ausdruck eines gemeinsam zugrundeliegenden Wesens, sondern das Resultat politischer Konstruktion und politischen Kampfes.“33 Damit wandele sich die Position des geschichtsmetaphysisch vorgegebenen Klassensubjekts zu dem empirischen Klassensubjekt, das seine hegemoniale Position praktisch artikuliert. Theoretisch habe dies Antonio Gramsci entwickelt. In Gramscis Werk gehe die politische Führung der Partei auf die moralische und intellektuelle Ebene über, ein Ensemble von Ideen und Werten werde von verschiedenen Gruppen und Klassen geteilt und führe zu einem „Kollektivwillen“. Die Bewegung gehe von der Klassen- 30 L/M S. 97. Der Begriff der Äquivalenz ist Bestandteil des transzendentalphilosophischen methodischen Apparats von Laclau/Mouffe und wird in späterem Zusammenhang noch betrachtet. 31 L/M S. 98. 32 L/M S. 100. 33 L/M S. 100. 1.3 Hegemonie: Das schwierige Auftauchen einer neuen politischen Logik 11 logik zur Ebene der Ideologie. Diese werde nicht mehr als Ideensystem bzw. ideologischer Überbau verstanden, sondern als „ein organisches und relationales Ganzes, verkörpert in Institutionen und Apparaten“.34 Gleichwohl sei Gramscis Konzeption inkohärent insofern sie ein einziges vereinheitlichendes Prinzip verlange und das könne nur eine fundamentale Klasse sein. „Demgemäß sind zwei Prinzipien der sozialen Ordnung – die Einzigartigkeit des vereinheitlichenden Prinzips und sein notwendiger Klassencharakter – nicht das kontingente Resultat eines hegemonialen Kampfes, sondern der notwendige strukturelle Rahmen für jeden Kampf. Klassenhegemonie (…) hat eine letzte ontologische Grundlage.“35 Dem stellen Laclau/Mouffe ihre Sicht gegenüber, nach der der Raum der Ökonomie selbst als politischer Raum strukturiert ist und in ihm „jene Praktiken, die wir als hegemonial gekennzeichnet haben, voll wirksam sind“.36 Im letzten Teil dieses Kapitels problematisieren Laclau/ Mouffe die politische Ökonomie als „letztes Bollwerk des Essentialismus“, um ihre Position davon abzusetzen. Wenn die politische Ökonomie dazu in der Lage wäre, die politischen Subjekte zu konstituieren, müsse sie drei Kriterien genügen: Erstens müssen die ökonomischen „Bewegungsgesetze strikt endogen sein und alle Unbestimmtheit, die aus politischen oder anderen äußeren Einflüssen herrühren, ausschließen – andernfalls könnte sich die konstitutive Funktion nicht ausschließlich auf die Ökonomie beziehen.“ Zweitens müsse „die Einheit und Homogenität der auf der ökonomischen Ebene konstituierten sozialen Agenten aus den besonderen Bewegungsgesetzen dieser Ebene resultieren“. 34 L/M S. 102. Es ist zu diskutieren, ob Marx‘ Rede von Basis und Überbau im Vorwort der Kritik der politischen Ökonomie nicht genau diesen Sachverhalt mitmeint. Deterministische Relationen sind nur eine von mehreren relationalen Formen (neben z. B. Wesen und Erscheinung, Allgemeinem und Besonderem etc.) bei Marx. Dies ließe sich u. a. mit dem Fetischkapitel des Kapital Bd. I plausibel machen. Die Diskussion des Verhältnisses von Ökonomie und Kultur bei Marx hat sich in der Folgezeit sehr auf die auch dem Zeitgeist geschuldete deterministische Denkweise verengt. 35 L/M S. 105. 36 L/M S. 114. I Übersicht 12 Drittens müsse „die Position dieser Agenten in den Produktionsverhältnissen sie mit ‚historischen Interessen‘ ausstatten, so daß die Präsenz derartiger Agenten auf anderen sozialen Ebenen – durch Mechanismen der ‚Repräsentation‘ oder ‚Artikulation‘ – letzten Endes auf der Basis ökonomischer Interessen erklärt werden muß. Die letzteren sind deshalb nicht auf einen bestimmten sozialen Bereich beschränkt, sondern die Verankerung für eine globalisierende Sicht auf die Gesellschaft“.37 Diesen drei Postulaten stellen sie als Entsprechung jeweils eine „Grundthese der klassischen marxistischen Theorie“ zur Seite. Die Kritik richtet sich dann gegen diese Grundthesen. Dem ersten Postulat – dem endogenen Charakter der Bewegungsgesetze der Ökonomie – entspreche die These von der Neutralität der Produktivkräfte. Der Bedingung der Einheit der sozialen Agenten auf der ökonomischen Ebene entspreche die These von der wachsenden Homogenisierung und Verelendung der Arbeiterklasse. Dem dritten Postulat, der Bedingung, dass die Produktionsverhältnisse der Ort der ‚historischen Interessen‘ sei, die These, dass die Arbeiterklasse ein fundamentales Interesse am Sozialismus habe.38 Die These von der Neutralität der Produktivkräfte beruhe auf der fiktionalen (!) Definition der Arbeitskraft als Ware, die – genau besehen – verlange, dass dieser keinerlei Subjektivität zukomme, dass sie vielmehr gänzlich der Herrschaft des Kapitals unterworfen sein müsse. Das sei aber nicht der Fall, vielmehr habe der Widerstand und der Kampf der Arbeiter die Kapitalseite zu vielfältigen Umgestaltungen des Arbeitsprozesses gezwungen, u. a. zum Übergang von der absoluten Mehrwertproduktion zur relativen. Daher könnten die Produktivkräfte nicht neutral sein. „…wenn der Bruch zwischen einer Logik des Kapitals und einer Logik des Arbeiterwiderstandes die Organisation des kapitalistischen Arbeitsprozesses beeinflußt, muß er sich auch entscheidend auf den Charakter und Rhythmus der Produktivkräfte auswirken. Folglich ist die These, daß die Produktivkräfte neutral sind und ihre Entwicklung als natürlich und unilinear begriffen werden kann, vollkommen unbegründet.“39 37 Alle Zitate L/M S. 113. 38 L/M S. 114. 39 L/M S. 118. Die These vom rein dinglichen Charakter der Ware Arbeitskraft und der unbegrenzten Herrschaft des Kapitals im Arbeitsprozess findet bei Marx keine 1.3 Hegemonie: Das schwierige Auftauchen einer neuen politischen Logik 13 Die zweite Bedingung, die Einheit und Homogenität der sozialen Agenten auf der ökonomischen Ebene, sei ebenfalls nicht erfüllt. Die Verelendungstheorie habe sich nicht bestätigt, die durch den Taylorismus initiierte Dequalifizierung sei sektoral geblieben. 40 Ihr stünden andere Sektoren gegenüber. Die Arbeiterschaft habe sich in sich stark differenziert. Dazu habe die Kapitalseite ebenso wie die Gewerkschaften beigetragen, es handele sich mithin um eine politische und nicht um eine ökonomische Bewegung. Ebenso sei der Versuch, über den Begriff der produktiven Arbeit ein Kernproletariat zu definieren (Poulantzas), gescheitert. Dem Begriff des „objektiven Interesses“ fehle jegliche theoretische Basis.41 Die ‚historischen Interessen‘ (dritte Bedingung) seien in der klassischen Diskussion keine Gegebenheiten der sozialen Struktur gewesen, sondern als Vereinheitlichungsprozess gedacht, der sich im Zuge der Produktivkraftentwicklung aus der Proletarisierung und Verelendung ergebe. Dazu bedürfe es aber der korrespondierenden Vorstellung einer objektiven, wissenschaftlichem Wissen zugänglichen Bewegung der Geschichte. Wenn man auf eine solche Theorie verzichte, gebe es keinen Grund, die objektiven Interessen eines Agenten zu privilegieren. Die Vorstellung, dass die Arbeiterschaft ein über den Kapitalismus hinausweisendes Interesse daran habe, die kapitalistische Einverleibung des Mehrwerts zu verhindern, setze voraus, dass es eine logische Verbindung zwischen den Positionen in den Produktionsverhältnissen und der Mentalität der Produzenten gebe. Der Widerstand der Arbeiter hänge aber von ihrer Position im Ensemble der sozialen Verhältnisse ab und nicht nur von der innerhalb des Produktionsverhältnisses.42 Alle drei oben genannten Kriterien seien nicht erfüllt. Weder sei „die Ökonomie ein selbstregulierter, endogenen Gesetzen unterworfener Raum, noch existiert hier für soziale Agenten ein konstituierendes Stütze, wie u. a. seine ausführliche Darstellung des Kampfes um die Zehn-Stunden- Bill im Kapital Bd. I belegt. 40 L/M S 116. Dass die Verelendungstheorie so ohne weiteres entsorgt werden kann, steht für die globalisierte Wirtschaft mit ihren riesigen entwurzelten und verelendeten Populationen dahin. Allerdings wird diese Thematik aktuell eher unter dem Stichwort der Exklusion (aus produktiven wirtschaftlichen Strukturen überhaupt) diskutiert. 41 L/M S. 121. 42 L/M S. 122 f. I Übersicht 14 Prinzip, das in einem letzten Klassenkern fixiert werden kann, noch sind die Klassenpositionen die notwendige Verortung der historischen Interessen“.43 Damit, dass nun kein objektiver Bezugsrahmen für die Identität der Akteure und für die Richtung der politischen Auseinandersetzung und der historischen Entwicklung ausgemacht werden könne, entfalle „nicht nur die eigentliche Kategorie der Notwendigkeit“. Vielmehr sei es auch „nicht länger möglich, sich die hegemonialen Verhältnisse in Form reiner Kontingenz zu erklären, weil der Raum, der die Opposition von Notwendigkeit und Kontingenz intelligibel machte, sich aufgelöst hat. Stattdessen muß die Verknüpfung in Form neuer theoretischer Kategorien definiert werden, deren Status insoweit ein Problem darstellt, als sie einen Typus von Relation zu begreifen versuchen, der niemals identisch mit sich selbst sein kann.44 So sei Unfixiertheit „die Bedingung jeglicher sozialer Identität geworden.“45 Die Identität einer hegemonisierten Aufgabe sei nur durch ihre Artikulation innerhalb einer hegemonialen Formation gegeben. Diese sei aber nie endgültig. Damit hänge der Sozialismus als politisches Ziel ebenso wie der fortschrittliche Charakter politischer Kämpfe von der Artikulation in einem hegemonialen Kontext ab und folge nicht aus der ‚natürlichen‘ Bewegung der beteiligten Agenten. Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie In dem nun folgenden Kapitel entwickeln Laclau/Mouffe eine epistemologische Begrifflichkeit, die sie zum Maßstab ihrer Philosophie des Politischen machen. Der erste Schritt dazu ist die Distanzierung vom dialektischen Denken in der hegelschen Tradition. Hegel wird unter Berufung auf Charles Taylor als an einem Wendepunkt zwischen zwei Epochen (Romantik und Moderne) befindlich verstanden. Er versuche die Rationalität in Gesellschaft und Geschichte aufzuweisen und so die von der Romantik beklagte verlorene Einheit wiederherzustellen. Aber 1.4 43 L/M S. 123. 44 L/M S. 124. 45 L/M S. 124. 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 15 dies gelinge ihm nur, indem er den Widerspruch ins Feld der Vernunft einführe, worin sich die Unmöglichkeit dieses Unterfangens zeige. Damit werde „der Hegelsche Diskurs zu etwas ganz anderem: einer Reihe kontingenter und nicht logischer Übergänge“. 46 Damit handele es sich um Artikulationen i. S. der Autoren. „Die Konzeption der „Gesellschaft“ als fundierende Totalität ihrer Teilprozesse“ sei preiszugeben. „Wir müssen folglich die Offenheit des Sozialen als konstitutiven Grund beziehungsweise als „negative Essenz“ des Existierenden ansehen sowie die verschiedenen „sozialen Ordnungen“ als prekäre und letztlich verfehlte Versuche, das Feld der Differenzen zu zähmen. Demnach kann die Vielseitigkeit des Sozialen weder als ein System von Vermittlungen noch die „soziale Ordnung“ als ein zugrundeliegendes Prinzip begriffen werden. Es gibt keinen „der Gesellschaft“ eigentümlichen genähten Raum, weil das Soziale selbst kein Wesen hat.“47 Voraussetzung für den Begriff der Hegemonie sei ein theoretisches Feld, das durch die Kategorie der Artikulation bestimmt sei. Während eine an Hegel orientierte Vorstellung von Totalität48 den Zusammenhang ihrer Momente als Vermittlungen begreife, die eine System logischer Übergänge seien „worin Beziehungen zwischen den Objekten als Folge von Beziehungen zwischen Begriffen verstanden werden“49, handele es sich bei Artikulationen um kontingente Relationen von nichtnotwendigem Charakter. Überdies seien die Elemente dieser Relationen niemals in einer endgültigen Identität zu fixieren. Eine diskursive Struktur50 sei keine bloß kognitive oder kontemplative Entität, sondern eine artikulatorische Praxis, die soziale Verhältnisse konstituiere 46 L/M S. 129. 47 L/M S. 130. 48 Der Begriff als Totalität s. Hegel, G. W. F. (1986a/1830) Enzyklopädie der phil. Wiss. I, S. 307, § 160. 49 L/M S. 130, vgl. dazu Laclau, E. (2013), Identität und Hegemonie S. 77ff bez. Hegels „Panlogismus“. 50 Bei dem Begriff der diskursiven Struktur bzw. der diskursiven Formation stützen sich die Autoren auf Foucault (Ordnung der Dinge, Archäologie des Wissens). Diskursive Struktur wird hier offenbar als Basis oder auch als bedeutungsgleich mit einer Artikulation begriffen. Besser wäre aber diese Position mit Foucaults Machtbegriff zu fassen. Diskurs bezeichnet bei Foucault deskriptiv eher die Generierung von Wissen unter Bedingungen gesellschaftlicher Einflussnahme und nicht die Generierung und Formierung von Gesellschaftlichkeit in diskursiven Kontexten, wie es bei in seinem Sinne verstandener Macht als produktiver Kraft der Fall ist. I Übersicht 16 und organisiere. In den fortgeschrittenen Industriegesellschaften bestehe Asymmetrie in dem Sinne, dass bei der „wachsenden Vermehrung“ von Differenzen jeder Diskurs Schwierigkeiten habe, diese „Differenzen als Momente einer stabilen artikulatorischen Struktur zu fixieren“.51 Gesellschaftsformation und Überdeterminierung Laclau/Mouffe lehnen sich mit ihrer Definition von „Artikulation“ als Basisbegriff der Hegemonietheorie an Althussers Begriff der Überdeterminierung an, den dieser aus der Psychoanalyse und der Linguistik als kritischen Gegenpol gegen Hegels Begriff von Totalität entlehnt habe. Hegel gehe von einem einfachen Prinzip aus, das sich als Moment der Idee in verschiedene Manifestationen ausdifferenziere. Demgegen- über meine Freuds Überdeterminierung eine Pluralität von Bedeutungen, ohne sich auf eine letzte Einheit zu beziehen.52 Überdeterminierung i. S. von Althusser heiße auch, dass alles Soziale sich als symbolische Ordnung konstituiere, die keine Differenz zwischen Wesen und Erscheinung zulasse.53 Überdeterminierung widerspreche aber der „ökonomischen Determinierung in letzter Instanz“, die Althusser zunehmend ins Spiel gebracht habe, ohne deren Unvereinbarkeit zu thematisieren. Ökonomische Determination in letzter Instanz setze voraus, dass „Ökonomie“ unabhängig von jedem spezifischen Typus von Gesellschaft definiert werden könne, was wiederum hieße, dass ihre Existenzbedingungen getrennt von jeder sozialen Beziehung definiert werden müssten. Damit wären sie Teil der Ökonomie selbst und für soziale Beziehungen nicht konstitutiv. 54 Auch die Versuche anderer Autoren55 der Problematik der ökonomischen Determination in letzter Instanz und der strukturalen Kausa- 1.4.1 51 L/M S. 131. 52 Freud, S. (1900/1961) Die Traumdeutung S. 239. Freuds Begriff der Überdeterminierung ist erkennbar nur deskriptiv zu verstehen und hat keine erkenntnistheoretischen oder ontologischen Implikationen. 53 L/M S. 132 f; vgl. Kap. 3 u. 4. 54 L/M S. 133 f. 55 Barry Hindess und Paul Q. Hirst (1981) und (1977), Anthony Cutler, Hindess, Hirst und A. Hussein (1977.). 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 17 lität zu entkommen, lassen Laclau/ Mouffe nicht gelten. Hindess und Hirst hatten die Formation einer Gesellschaft als Totalität auf der Basis eines spezifischen Ordnungsprinzips (strukturale Kausalität o. ä.) in Abrede gestellt und stattdessen von einem Set von Produktionsverhältnissen einerseits und von deren Existenzbedingungen sichernden ökonomischen, politischen und kulturellen Formen andererseits gesprochen. Damit ordnen sie beides unterschiedlichen Diskursen zu, ohne deren Beziehung zueinander zwingend machen zu können. Werden sie aber als einander äußerlich betrachtet, so stelle sich die Frage, ob die Beziehungen der inneren Bestandteile dieser Elemente wesentlich und notwendig sind. Bejahendenfalls wäre lediglich von einem Essentialismus der Totalität zu einem der Elemente übergegangen worden. Falls es sich aber um nicht-notwendige Beziehungen handele, wäre zu klären, weshalb solche nicht-notwendigen Beziehungen nicht zwischen den Elementen selbst möglich sein sollten. Damit wäre ein Begriff von Totalität wieder eingeführt, der anstelle eines die Gesellschaft vereinheitlichenden Prinzips ein „Ensemble totalisierender Effekte in einem offenen relationalen Komplex“ beinhalte.56 Problematisch sei die Frage, auf welchem Terrain die Trennung der Elemente bzw. Objekte stattfinde – ob auf begrifflicher Ebene als logisches Problem oder auf der Ebene der Empirie. Daraus ergebe sich die fatale Alternative „Rationalismus oder Empirismus“. Seinen Ausgang habe das Problem in dem Augenblick genommen, als die Kritik an Althussers Rationalismus die Form der Kritik der logischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Elementen der „Totalität“ angenommen hatte. Eine logische Dekonstruktion könne nur an begrifflich bestimmten und fixierten Elementen vorgenommen werden. Die Schlussfolgerung von Laclau/Mouffe lautet, dass der Bruch mit dem Essentialismus „die Kritik an jedem Typus von Fixiertheit sowie (…) die Bejahung des unvollständigen, offenen und politisch aushandelbaren Charakters jeder Identität“ verlange.57 Das meine Überdeterminierung. 56 L/M S. S. 136-140. 57 L/M S. 140. I Übersicht 18 Artikulation und Diskurs Laclau/Mouffe kommen zu folgenden Definitionen: „Im Kontext dieser Diskussion (der Auseinandersetzung um ‚Überdeterminierung‘ und ‚Determination in letzter Instanz‘ bei Althusser – J. H.) bezeichnen wir als Artikulation jede Praxis, die eine Beziehung zwischen Elementen so etabliert, daß ihre Identität als Resultat einer artikulatorischen Praxis modifiziert wird. Die aus der artikulatorischen Praxis hervorgehende strukturierte Totalität nennen wir Diskurs. Die differentiellen Positionen, insofern sie innerhalb eines Diskurses artikuliert erscheinen, nennen wir Momente. Demgegenüber bezeichnen wir jede Differenz, die nicht diskursiv artikuliert ist, als Element.“58 (Hervorhebungen im Original) Die Kohärenz der diskursiven Formation wird mit Bezug auf Foucault59 durch ihre „Regelmäßigkeit in der Verstreuung“ gestiftet. Eine solche Regelmäßigkeit in der Verstreuung sehen Laclau/Mouffe in einer Totalität gegeben, in der definitionsgemäß jedes Element auf ein Moment reduziert ist, alle Identitäten relational und alle Relationen notwendig sind. Diese definierte Geschlossenheit wird von Laclau/ Mouffe gleich wieder im Hinblick auf Kohärenz, Dimension und Ausdehnung und Offenheit bzw. Geschlossenheit der diskursiven Formation als Spezifizierung der einzelnen Bestimmungen unterlaufen, wäre doch in einer solchen – geschlossenen – Totalität gar keine Artikulation möglich.60 Eine in dieser Weise „genähte“ Totalität könne es gar nicht geben, vielmehr sei die Transformation (nicht-diskursiver) Elemente in Momente niemals abgeschlossen.61 Es wird mithin behauptet, dass die Kohärenz in der Regelmäßigkeit der diskursiven Formation, die durch den geschlossenen Charakter einer Totalität gewährleistet schien, auch dann noch (hinlänglich) existiere, wenn sie eben – als artikulatorische Praxis – nicht geschlossen – „genäht“ – sei. Verstreuung erlaube nur z. T. die Spezifik der Regelmäßigkeit zu denken. Schließlich umfasse die Diskursformation sowohl sprachliche wie 1.4.2 58 L/M S. 141. 59 Foucault, M. (2013), Archäologie des Wissens, S. 48ff. 60 L/M S. 141 f. 61 L/M S. 143. 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 19 nichtsprachliche Elemente. Sie entspreche Wittgensteins Begriff des ‚Sprachspiels‘. „Die sprachlichen und nichtsprachlichen Elemente (…) konstituieren ein differentielles und strukturiertes System von Positionen, das heißt einen Diskurs. Die differentiellen Positionen enthalten deshalb eine Verstreuung ganz verschiedener materieller Elemente.62 Sie können auch nicht in einem begründenden Subjekt vereinheitlicht werden, vielmehr sind „verschiedene Subjektpositionen (Kursivierung der Autoren) innerhalb einer diskursiven Formation verstreut“. Die „Praxis der Artikulation als Fixierung/Verlagerung eines Systems von Differenzen“ müsse „die gesamte materielle Dichte der mannigfaltigen Institutionen, Rituale und Praxen durchdringen, durch die eine Diskursformation strukturiert wird“. Sie besitze „keine Konstitutionsebene vor oder außerhalb der Verstreuung der artikulierten Elemente“.63 Artikulation könne nicht in gleicher Weise erfolgen wie der Diskurs der Naturwissenschaften, da sonst z. B. Metaphern als begriffliche Spezifikation zwischen Gegenständen auf sozialem und politischem Gebiet nicht möglich wären.64 So aber könnten Äquivalenzen und Widersprüche zwischen verschiedenen Gegenständen des Diskurses denkmöglich sein. Schließlich sei auch Notwendigkeit Bestandteil des Diskurses/der Artikulation. Sie leite sich aber nicht von einem intelligiblen Prinzip ab, sondern „von der Regelmäßigkeit eines Systems struktureller Positionen“.65 Sie führe zur partiellen Beschränkung des Feldes der Kontingenz. Wenn diskursive Totalität als gegebene und abgegrenzte Positivität bestünde, wären ihre differentiellen und relationalen Beziehungen durchweg von Notwendigkeit bestimmt, ihre Bestandteile wären fixierte Momente. Das sei jedoch niemals der Fall, die unauflösliche Spannung zwischen Interiorität und Exteriorität sei die Bedingung sozialer Praxis, mithin seien weder absolute Fixiertheit 62 L/M S. 145, Die Autoren beziehen sich ausdrücklich auf Wittgenstein, L. (1977), § 2, S. 16 und § 6 S. 18 f. 63 L/M S. 146. 64 Hier tut sich eine grundsätzliche Problematik auf. Die Autoren halten die naturwissenschaftliche Terminologie offenbar für nicht-metaphorisch. Mithin gibt es in ihren Augen einen Bereich des Buchstäblichen, Fundamentalen, d. h. einen Bereich der Korrespondenz von Signifikant und Signifikat. Diesem Thema kann hier allerdings nicht weiter nachgegangen werden. 65 L/M S. 143. I Übersicht 20 noch absolute Nichtfixiertheit möglich. Dies stimme mit zeitgenössischen Denkströmungen zusammen, die die Unmöglichkeit, endgültige Bedeutungen zu fixieren, hervorgehoben haben. Laclau/Mouffe zitieren Derrida, der in seiner Kritik am Strukturbegriff zeige, dass dieser kein Zentrum habe, ein solches Zentrum lediglich als Funktion zu denken sei, worüber „alles zum Diskurs wird“.66 Die Kritik am Strukturalismus mit seiner Auffassung eines „vollständig konstituierten strukturellen Raumes“ habe als Resultat die „Konzeption eines relationalen Raumes, der unfähig war, sich selbst als solcher zu konstituieren – die eines Feldes, das von dem Begehren nach einer letzten Endes immer abwesenden Struktur beherrscht wurde.“67 Diskurs bzw. Artikulation sind die Bemühung, flottierende Signifikanten, die „Elemente“, zu Signifikantenketten zu verbinden und mit Hilfe von „Knotenpunkten“ – privilegierten Signifikanten – in einer Bedeutung zu fixieren. Dies gelinge jedoch immer nur partiell, und zwar deshalb, weil es eine Vermehrung von Signifikaten gäbe, deren Polysemie die diskursive Struktur desartikuliere. Notwendigkeit und Kontingenz seien nicht zwei abgegrenzte, einander äußerliche Gebiete. Notwendigkeit sei vielmehr ein Versuch der Verbuchstäblichung zum Zweck der Fixierung der Differenzen eines relationalen Systems und nicht ein zugrundeliegendes Prinzip. Mit dem so gefassten begrifflichen Rahmen können die Antinomien der Logik der Hegemonie aufgelöst werden: „Einerseits erlaubt der offene und unvollständige Charakter jeder sozialen Identität ihr Artikulation zu verschiedenen historisch-diskursiven Formationen, das heißt zu ‚Blöcken‘ im Sinne Sorels und Gramscis; andererseits ist die Identität der artikulatorischen Kraft ausschließlich auf dem allgemeinen Feld der Diskursivität konstituiert, dies eliminiert jede Referenz auf ein transzendentales oder ursprüngliches Subjekt.“68 66 L/M S. 147ff, Zitat Derrida aus Derrida (1976), Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen in: Derrida (1976) Die Schrift und die Differenz, S. 424. 67 L/M S. 150. 68 L/M S. 151 f, Zitat S. 152. 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 21 Die Kategorie des Subjekts Laclau/Mouffe ordnen – mit Verweis auf Foucault69 – die diskursive Struktur dem Begriff des Subjekts vor. Die ‚Erfahrung‘, die letzteres im sozialen Feld geltend machen könnte, sei „von präzisen diskursiven Bedingungen ihrer Möglichkeit“ abhängig und könne somit nicht ursprünglich sein. Diskursive Strukturen wiederum formulieren sich als „Subjektpositionen“70, deren Beziehungen untereinander durch „Überdeterminierung“71 gekennzeichnet wird. Überdeterminierungen wären als „Knotenpunkte“ zu verstehen, an denen sich unterschiedliche Diskurse zu einer – immer vorläufigen – Einheitlichkeit verbinden (z. B. „der Mensch“ oder „Humanismus“ als Schnittpunkte unterschiedlicher philosophischer Traditionen, die immer auch im Zusammenhang mit Macht- und Herrschaftsstrukturen stehen).72 Die mit „Überdeterminierung“ benannte stets gegebene Interferenz verschiedener Subjektpositionen betrifft auch das Problem der Repräsentation. Repräsentation aber beruhe auf einer Fiktion: „nämlich der einer Präsenz von etwas auf einer bestimmten Ebene, auf der es genau genommen abwesend ist. Aber weil es zugleich eine Fiktion und ein Prinzip ist, das wirkliche soziale Verhältnisse organisiert, ist Repräsentation das Terrain eines Spiels, dessen Resultat nicht von Anfang an vorherbestimmt ist.“73 Sie könne sich von der vollständigen Kontrolle des Repräsentierten über den Repräsentanten bis zur völligen Unabhängigkeit des letzteren bewegen und sei deshalb als „Feld einer instabilen Oszillation“ zwi- 1.4.3 69 Foucault, M. (1971) Die Ordnung der Dinge, S. 377ff. 70 Beispielsweise der Begriff der Arbeiterklasse als spezifische Subjektposition in den Produktionsverhältnissen. (L/M S. 157.). 71 Der von L. Althusser aus der Psychoanalyse übernommene Begriff der Überdeterminierung (und des „Knotenpunkts“) meint in der psychoanalytischen Traumtheorie die aus einer Traumszene oder einem Traumbild interpretatorisch herauszulösenden Einflüsse unterschiedlicher Erlebnisse und Erfahrungen. Deren Eigenwertigkeiten lassen sich nur in einem Bild bzw. einer Szene miteinander verbinden, nicht in einem Begriff. Žižek identifiziert Althussers Überdeterminierung gegen dessen Intention mit dem grundlegenden Merkmal von Hegels konkreter Allgemeinheit, die als solche letztlich scheitern muss. Žižek, Tücke des Subjekts, S. 142ff, L. Identität u. Hegemonie S. 76 f; Freud, S. (1900/1961) S. 239. 72 L/M S. 153ff. 73 L/M S. 158, Kursivierung im Original. I Übersicht 22 schen diesen beiden Polen zu nehmen.74 Der Begriff der Verstreuung alleine, der die Gefahr des Essentialismus der Elemente (im Gegensatz zum Essentialismus der Totalität) in sich trage, reiche nicht hin, um der Spezifik der Kategorie des Subjekts (als Verstreuung von Subjektpositionen75) gerecht zu werden. Vielmehr sei sie ebenso vieldeutig, unvollständig und polysemisch wie jede durch Überdeterminierung gekennzeichnete diskursive Identität. Gerade dadurch aber werde der „Horizont einer unmöglichen Totalität“ wieder eingeführt, der wiederum die hegemoniale Artikulation ermögliche.76 Einbegriffen in diese Polysemie der Subjektpositionen sei das Ökonomische, das seine Repräsentation nicht einer außerdiskursiven Realität verdanke, vielmehr sei das Verhältnis zwischen dem Politischen und dem Ökonomischen als die „prekäre Einheit einer Spannung“ zu denken. Grundsätzlich sei Repräsentation nicht als ein bestimmter Typus von Beziehungen (zwischen Repräsentant und Repräsentiertem), sondern „als das Feld einer instabilen Oszillation“ zu verstehen. Damit sei das Ökonomische auch nicht eine bloße Konstruktion des Politischen. „Das ökonomische ist und ist nicht im Politischen präsent und umgekehrt.“77 Antagonismus und Objektivität Eine analoge Denkfigur entwickeln die Autoren zum Begriff des Antagonismus. Der Antagonismus zeige die Grenze aller Objektivität. Die antagonistische Beziehung verhindere die Ausbildung voller Identität bzw. Präsenz. „…gerade weil ein Bauer kein Bauer sein kann, (existiert) ein Antagonismus gegenüber dem Grundbesitzer, der ihn von seinem Land vertreibt. Insofern es einen Antagonismus gibt, kann ich für mich keine vollständige Präsenz sein.“ Realopposition im Sinne Kants sei ein objektives, bestimm- und definierbares Verhältnis zwischen 1.4.4 74 L/M S. 160. 75 L/M S. 160, Mit der hier implizierten Verstreuung von differenten Klassenpositionen als Subjektpositionen in einem politischen Feld ist allerdings Foucaults Begriff der Verstreuung verlassen. 76 L/M S. 161. 77 L/M S. 160. 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 23 Dingen, z. B. als Gegensätzlichkeit von A und B. Widerspruch sei ein ebenfalls definiertes Verhältnis zwischen Begriffen, das sich in sich erschöpfe. „Antagonismus hingegen konstituiert die Grenzen jeder Objektivität, die sich als partielle und prekäre Objektivierung enthüllt.“78 Weit davon entfernt, ein objektives Verhältnis zu sein, zeige er die Grenze jeder Objektivität. Wenn Sprache ein System von Differenzen sei, so sei der Antagonismus das Scheitern der Differenz. Er entziehe sich der sprachlichen Erfassung, weil Sprache selbst nur als Versuch einer Fixierung dessen existiere, was der Antagonismus untergrabe.79 Antagonismen bilden die – von vornherein unübersteigbare – Grenze des Sozialen, das selbst wiederum der stets unvollständige Versuch sei, Gesellschaft zu konstruieren. Allerdings erreichen sie ebenso wenig eine fixierte Objektivität oder Positivität wie alle anderen Bestandteile in der Systematik von Laclau/Mouffe. Äquivalenz und Differenz Wie der Antagonismus ist die Äquivalenz ein Grenzbegriff innerhalb der Hegenomietheorie. Äquivalenz tritt dann und nur dann ein, wenn alle differentiellen Merkmale eines Gegenstandes äquivalent geworden sind, so dass das Gefüge ihrer Relationen keine positive Aussage mehr zulässt, d. h. unterminiert ist. Die Äquivalenz drückt dann etwas aus, was der Gegenstand nicht ist, seine Identität wird negativ, d. h. sie lässt sich nur als Äquivalenz ihrer Differenzen gegenüber einem Äußeren ausdrücken. Jede positive Bestimmung einer Gemeinsamkeit der Differenzen würde eine positive Bestimmung der Identität des Gegenstandes außerhalb eines Äquivalenzverhältnisses nach sich ziehen. Äquivalenz ist daher mit einer grundlegenden Ambiguität verbunden: „um äquivalent zu sein, müssen zwei Begriffe verschieden sein – ansonsten wäre es eine einfache Identität. Andererseits existiert die Äquivalenz nur durch die Subversion des differentiellen Charakters jener Begriffe“.80 Nach dieser Logik kann es Äquivalenz im Vollsinne genauso we- 1.4.5 78 L/M S. 165. 79 L/M S. 165. 80 Argumentation und Zitat vgl. L/M S. 168. I Übersicht 24 nig geben wie Notwendigkeit als vollständige Fixiertheit in einem System von Differenzen. Dies werde durch die Paradoxie der Äquivalenz offenbar. „Der endgültige Charakter dieser Nicht-Fixiertheit, die endgültige Unsicherheit jeder Differenz, zeigt sich folglich in einem Verhältnis totaler Äquivalenz, in dem die differentielle Positivität A ihrer Begriffe aufgelöst ist. Dies ist genau die Formel des Antagonismus, der sich somit als Grenze des Sozialen erweist. Wir sollten bemerken, daß hier nicht ein als Positivität definierter Pol einem negativen Pol gegenübersteht: da alle differentiellen Bestimmungen des einen Pols sich durch ihre negativ-äquivalentielle Referenz auf den anderen Pol aufgelöst haben, zeigt ein jeder von ihnen ausschließlich das, was er nicht ist.“81 (Kursivierung im Original) Laclau/Mouffe kommen zu der These, „daß nämlich bestimmte diskursive Formen durch die Äquivalenz jede Positivität des Gegenstandes auslöschen und der Negativität als solcher eine reale Existenz geben. Diese Unmöglichkeit des Realen – die Negativität – hat eine Form von Präsenz erlangt. Da das Soziale von Negativität, also vom Antagonismus, durchdrungen wird, erlangt es nicht den Status der Transparenz, vollständiger Präsenz, und die Objektivität seiner Identitäten wird permanent untergraben. Von hier an ist die unmögliche Beziehung von Objektivität und Negativität für das Soziale konstitutiv geworden. Doch die Unmöglichkeit des Verhältnisses bleibt: aus diesem Grund muß die Koexistenz seiner Glieder nicht als objektives Verhältnis von Grenzfronten begriffen werden, sondern als wechselseitige Subversion ihrer Inhalte.“82 Namentlich in demokratischen Gesellschaften in denen es nicht (mehr) zu einer strikten Teilung des politischen Raumes in zwei Lager (wie z. B. Kolonialherren vs. kolonisierte Population) kommt – der Voraussetzung totaler Äquivalenz – kann es zu einer Vielfalt von Antagonismen kommen, die in widersprüchlichen Beziehungen zueinander stehen können. Dadurch wird die Bildung von Äquivalenzketten, d. h. die Herstellung von Äquivalenzbeziehungen über mehrere Systeme hinweg, erschwert. Die Autoren sehen den politischen Raum nicht durch die Gesellschaft, sondern durch den Antagonismus bezüglich einer bestimmten Thematik, z. B. Rassendiskriminierung, bestimmt, der sich in einem 81 L/M S. 168 f. 82 L/M S. 169, Kursivierung im Original. 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 25 zweiten Schritt über Äquivalenzbeziehungen mit anderen Diskursen, z. B. Feminismus, vereinheitlicht. Gegenläufig entstehen Differenzierungen, die die Tendenzen zur Vereinheitlichung immer wieder auflösen. Differenzierung führt mithin zu einer Steigerung der Komplexität, Äquivalenz zu einer Reduzierung. Für die diskursive Konstruktion von Antagonismen ist die relative Abgeschlossenheit des politischen Raumes erforderlich, umgekehrt benötigen soziale Bewegungen Autonomie, um einen autonomisierten politischen Raum für ihren Diskurs entwickeln und den politischen Raum insgesamt erweitern zu können. Eine Pluralität politischer Räume ist kennzeichnend für demokratische Gesellschaften.83 Hegemonie Hegemonie könne in einem diskursiven Feld dann stattfinden, wenn antagonistische Kräfte auftreten, deren sie trennende Grenzen instabil seien, d. h. dass ein weiter Bereich frei flottierender Kräfte die Möglichkeit ihrer Artikulation in entgegengesetzten Lagern eröffne. Allerdings müsse das hegemoniale Subjekt – ebenso wie das Subjekt jeder Artikulation – teilweise außerhalb dessen stehen, was es artikuliert. Da dieses Außerhalb nach der vorhergegangenen Kritik nicht in der Differenz zwischen verschiedenen ontologischen Ebenen bestehen könne, kommen Laclau/Mouffe auf die Unterscheidung von Diskurs und diskursivem Feld zurück. Danach würden die hegemonisierende Kraft (!) und die hegemonisierten Elemente auf demselben diskursiven Feld liegen. Dem stehen äußerlich unterschiedliche Diskursformationen gegenüber. Das für eine Diskursformation kennzeichnende Charakteristikum der „Regelmäßigkeit in der Verstreuung“ reiche aber nicht aus, um zwischen zwei Artikulationen ein hegemoniales Verhältnis herzustellen, weil sie sich sonst lediglich als weitere Differenzierung in einer Artikulation auflösen würden. Deshalb dürfen die beteiligten Diskursformationen nicht vollständig konstituiert sein. Gefordert ist eine Äu- ßerlichkeit, die „zwischen in bestimmten Diskursformationen befindlichen Subjektpositionen und Elementen ohne präzise diskursive Arti- 1.4.6 83 L/M S: 171-173; S. 179; S. 182. I Übersicht 26 kulation existiert. Diese Ambiguität ermöglicht die Artikulation als eine Praxis, die Knotenpunkte instituiert, die (…) die Bedeutung des Sozialen teilweise fixieren.“84 Laclau/Mouffe nennen als Bedingungen einer hegemonialen Artikulation die Präsenz antagonistischer Kräfte und die Instabilität der sie trennenden Grenzen. Die Präsenz eines weiten Bereichs flottierender Elemente, die zu den entgegengesetzten Lagern artikuliert werden können, konstituiere das Terrain hegemonialer Praxis. In dem Maß, in dem eine hegemoniale Formation darin erfolgreich ist, ein strukturales System von Differenzen und relationalen Identitäten zu bilden, wird sie zu einer neuen Differenz im historischen Block, ist ihm nicht mehr äußerlich und ihre artikulatorische Potenz verschwindet.85 Indem sie die Vorstellung einer endgültigen Schließung des Sozialen verlassen, kommen Laclau/Mouffe zu einer Pluralität politischer und sozialer Räume ohne letzte einheitliche Grundlage, die den Ausgangspunkt der Analyse abgibt. Artikulatorische Praxen finden nicht nur innerhalb sozialer und politischer Räume statt, sondern auch zwischen ihnen. So stellt sich die (relative) Autonomie des Staates als die Folge der Konstruktion eines politischen Raumes dar, der wiederum das Resultat hegemonialer Artikulationen ist.86 Die Offenheit des Sozialen wird nicht nur als essentialismuskritische Einsicht genommen, sondern als unabdingbare Voraussetzung hegemonialer Praxis. Macht konstruiert sich durch das Soziale hindurch im Wechselspiel von Äquivalenz und Differenz: „Der entscheidende Punkt ist, daß jede Form der Macht auf pragmatische Art und Weise und dem Sozialen innerlich durch die entgegengesetzten Logiken von Äquivalenz und Differenz konstruiert wird – Macht ist niemals grundlegend.“87 Dieses „niemals grundlegend“ kann in zweierlei Hinsicht verstanden werden. Einerseits so, dass Macht nicht letztlich in einem dominanten Sektor oder einer Klasse als Zentrum einer hegemonialen Formation verortet werden kann. Andererseits ist sie nicht „für sich“ denkbar, 84 L/M S. 176. 85 L/M S. 180. 86 L/M S. 182. 87 L/M S. 184. 1.4 Jenseits der Positivität des Sozialen: Antagonismus und Hegemonie 27 sondern nur in Verbindung mit dem Sozialen, in das sie sich nicht gänzlich auflöst: „Aber es ist ebenso falsch, entweder vom Pluralismus oder der völligen Auflösung der Macht im Sozialen auszugehen, da dies die Analyse für die Präsenz von Knotenpunkten und die partiellen Machtkonzentrationen, die in jeder konkreten Gesellschaftsformation existieren, blind machen würde. An diesem Punkt können viele Begriffe aus der klassischen Analyse – ‚Zentrum‘, ‚Macht‘, ‚Autonomie‘ et cetera – wieder eingeführt werden, wenn ihr Status neu definiert wird. Sie sind alle kontingente soziale Logiken, die als solche ihre Bedeutung in präzisen konjunkturellen und relationalen Zusammenhängen erlangen, …“88 Hegemonie und radikale Demokratie Auf eine notwendigerweise narrative Weise skizzieren Laclau/Mouffe die Entstehungsgeschichte demokratischer Strukturen als Voraussetzung von Hegemonie. Historisch sei der Gegensatz zwischen „Volk“ und „ancien regime“ der letzte Moment gewesen, „an dem sich die antagonistischen Grenz-Fronten zwischen zwei Formen der Gesellschaft (…) in Form klarer und empirisch gegebener Demarkationslinien darstellten.“89 Diese Konstellation lag jeder hegemonialen Konstruktion voraus, stellte sich aber auch nie wieder her. Marx habe, nachdem sich der Gegensatz Volk – ancien regime erschöpft habe, die „primäre Tatsache der gesellschaftlichen Teilung“ auf der Basis eines neuen Prinzips, der Klassenkonfrontation, zu denken versucht. Dieses Prinzip sei jedoch nicht in der Lage gewesen, den „Gesellschaftskörper in zwei Lager zu teilen und sich automatisch als eine Demarkationslinie in der politischen Sphäre zu reproduzieren“.90 Die Annahme eines grundlegenden Moments des Bruchs und eines einzigen Raumes, in dem das Politische sich konstituiere, sei dem Marxismus als Gemeinsamkeit mit dem Jakobinertum (dem „jakobinischen Imaginären“) geblieben. Für die 1.5 88 L/M S. 185. 89 L/M S. 191; die Frage, inwieweit hier nicht das „Volk“ sondern das Bürgertum die treibende Kraft in dem Konflikt war, muss hier offen bleiben. 90 L/M S. 191 f. I Übersicht 28 Konstruktion eines radikal libertären politischen Imaginären müssten die Vorstellung von privilegierten Bruchpunkten und des Zusammenfließens der Kämpfe in einem einheitlichen politischen Raum aufgegeben werden.91 Die demokratische Revolution Zwar gebe es – Foucault folgend – wo Macht sei, auch Widerstand. Politisch werde der Widerstand gegen Unterordnungsverhältnisse mit dem Ziel, diese zu beenden aber erst, wenn sie sich in antagonistische Unterdrückungsverhältnisse wandeln. Und dies verlange die Präsenz eines diskursiven „Äußeren“, das die Unterordnungsverhältnisse untergrabe, etwa die Vorstellung angeborener Menschenrechte. Ohne eine solche Problematisierung von außen konstruiere ein Unterordnungsverhältnis eine Reihe differentieller Positionen mit positiven sozialen Identitäten, die per se nicht antagonistisch sein können. Vor zweihundert Jahren habe sich in den westlichen Gesellschaften das „demokratische Prinzip der Freiheit und Gleichheit als neue Matrix des sozialen Imaginären“ durchgesetzt bzw., was das Gleiche meine, „einen fundamentalen Knotenpunkt in der Konstruktion des Politischen“ gebildet. Damit sei die „Logik der Äquivalenz in das grundlegende Instrument der Produktion des Sozialen transformiert“ worden.92 Die Französische Revolution habe sich auf keine andere Legitimität als das Volk gegründet und damit eine neue Instituierung des Sozialen eingeleitet. Die verschiedenen Formen der Ungleichheit konnten als illegitim und widernatürlich dargestellt und so äquivalent gemacht werden, Unterordnung wurde zu Unterdrückung. Die sozialistischen Diskurse weiteten die Kritik der politischen Ungleichheit auf die ökonomische Ungleichheit aus.93 Im 19. Jahrhundert habe es radikal antikapitalistische Arbeiterkämpfe gegeben, die sich „gegen die Zerstörung handwerklicher Identitäten und den mit ihnen einhergehenden Verbund sozialer, kulturel- 1.5.1 91 L/M S. 192. 92 L/M S. 195. 93 L/M S. 195 f. 1.5 Hegemonie und radikale Demokratie 29 ler und politischer Formen“ richteten und die neuen kapitalistischen Produktionsverhältnisse radikal ablehnten. Darin habe sich ein Antagonismus gezeigt, der in späteren Arbeiterkämpfen, als sich der Kapitalismus bereits sicher etabliert hatte, so nicht mehr aufgetreten sei. Dort sei es primär um die Transformation der Verhältnisse in der Produktion gegangen. Dieser Wandel signalisiere, dass das Unterordnungsverhältnis zwischen Arbeiter und Kapitalist „bis zu einem gewissen Grade als legitime differentielle Positionen in einem einheitlichen diskursiven Raum“ gelte. Auch bei den Arbeiterkämpfen nach dem ersten Weltkrieg sei es z. T. um die Verteidigung erworbener Identitäten gegangen.94 Jedoch seien Radikalisierungen in der politischen Auseinandersetzung nicht an Veränderungen gebunden, die gewachsene Identitäten bedrohen. So hätte vielfach gerade die Befriedigung sozialer Forderungen in der Prosperitätsphase nach dem Zweiten Weltkrieg anstatt zur Integration in die herrschende hegemoniale Formation zur Aufdeckung einer Reihe von willkürlichen Unterordnungsverhältnissen geführt. Demokratische Revolution und neue Antagonismen Seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Übergang von einem extensiven zu einem intensiven Akkumulationsregime (Michel Aglietta) in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften95 und der damit verbundenen „Kommodifizierung“, d. h. der Transformation der Gesellschaft in eine auf allen Ebenen durch Marktlogik beherrschte, sei es zu einer Vervielfältigung gesellschaftlicher Antagonismen gekommen. Der dabei entstehende neue Staatstyp (keynesianischer Wohlfahrtsstaat) habe einerseits eine Reihe von Funktionen übernommen, die das neue Akkumulationsregime verlangte, andererseits hätten die Kämpfe gegen die vom Kapitalismus erzeugten Veränderungen Resultate v. a. sozial- 1.5.2 94 Die hier positiv eingeführte Arbeiteridentität fällt aus der sonstigen Verwendung des Begriffs im Text heraus, was umso mehr überrascht als sie – an ihr Komplement, den Kapitalisten – gebunden, niemals „vollständig“ sein kann. 95 Der Begriff des Fortschritts oder der Fortschrittlichkeit erschließt sich nicht aus der Systematik der Autoren. Er wird im Text – mit einer impliziten Wertung verbunden – im Sinne größerer Differenziertheit oder höherer Komplexität gebraucht. I Übersicht 30 politischer Art erbracht, die zu einer Verbesserung der Lage der Arbeiter und generell der breiten Bevölkerung geführt hätten. Traditionelle soziale Netzwerke seien von staatlich-bürokratischen Versorgungssystemen übernommen worden. Damit einher sei die Politisierung sozialer Verhältnisse gegangen mit der deutlich geworden sei, dass diese immer „das Resultat von Institutionsweisen sind, die ihnen ihre Form und ihren Sinn geben“.96 Der bürokratische Charakter dieser Veränderung habe zugleich zu neuen Unterordnungsverhältnissen geführt gegen die Widerstand entstanden sei, aber auch zu „positiven Freiheiten“, die den herrschenden Common Sense umgestaltet hätten. Forderungen nach ökonomischer Gleichheit und neuen sozialen Rechten sei Legitimität verliehen worden, der Staat wurde für das Wohl seiner Bürger verantwortlich gemacht. Laclau/Mouffe sehen in dieser „Vervielfältigung der Antagonismen und diese(r) Infragestellung von Unterordnungsverhältnissen (…) ein Moment der Vertiefung der demokratischen Revolution.“97 Hinzu komme die Wirkung der Ausdehnung der Massenkommunikationsmittel, die zu neuen kulturellen Formen und zur Ausdehnung des Konsums führe. Ungeachtet der damit verbundenen Vermassung und Uniformierung und der unveränderten Ungleichheit im Konsum begünstige diese Entwicklung die Zurückweisung der weiterhin bestehenden Ungleichheiten. Laclau/Mouffe illustrieren die Vorgänge von Antagonismus und Hegemonie an einigen Beispielen. Die politischen Kämpfe von Arbeiterschaft, Frauenbewegung, ethnischen Minderheiten, Friedens- und Ökologiebewegung u. a. seien einerseits als „Transformation der sozialen Verhältnisse, die für die neue hegemoniale Formation der Nachkriegszeit charakteristisch“ sei, „andererseits als Effekte der Verschiebung des um den liberal-demokratischen Diskurs konstituierten egalitären Imaginären in neue Bereiche des sozialen Lebens“ zu verstehen.98 Auf der konservativen Seite werde dies sehr wohl registriert und mit einer Polemik beantwortet, die die durch exzessive Demokratisierung drohende Unregierbarkeit behaupte. 96 L/M S. 204. 97 L/M S. 205. 98 L/M S. 207. 1.5 Hegemonie und radikale Demokratie 31 Die Fragmentierung des einheitlichen politischen Subjekts, die von der Linken als Problem gesehen wurde, sei in Wahrheit die Möglichkeitsbedingung der demokratischen Revolution. „Die Kritik des einheitlichen Subjekts und das Erkennen der diskursiven Verstreutheit“ sei „das sine qua non für das Denken der Vielfalt, aus der Antagonismen in der Gesellschaft auftauchen, in denen die demokratische Revolution eine bestimmte Schwelle überschritten hat. Dies eröffnet uns ein theoretisches Feld, auf dessen Basis der Begriff der radikalen und pluralen Demokratie (…) allererst begriffen werden kann. (…) Der Pluralismus ist nur in dem Maße radikal, als jedes Glied dieser Pluralität von Identitäten in sich selbst das Prinzip seiner eigenen Geltung findet, ohne daß dies in einer transzendenten oder zugrundeliegenden positiven Basis für ihre Bedeutungshierarchie und als Quelle und Garantie ihrer Legitimität gesucht werden muß. Und demokratisch ist dieser radikale Pluralismus in dem Maße, als die Selbstkonstituierung jedes seiner Glieder das Resultat von Verschiebungen des egalitären Imaginären ist. In einem grundlegenden Sinne ist das Projekt einer radikalen und pluralen Demokratie deshalb nichts anderes als der Kampf um ein Höchstmaß an Autonomisierung von Bereichen auf der Basis der Verallgemeinerung der äquivalentiellegalitären Logik.“99 Allerdings sei die demokratische Revolution nur das Terrain, auf dem „eine durch ein egalitäres Imaginäres unterstützte Logik der Verschiebung“ wirksam werde, sie gebe keineswegs die Richtung vor, in der dieses Imaginäre wirksam werde. Andernfalls wäre man einer neuen Teleologie verfallen und käme zu einer ähnlichen Position wie Bernstein mit der von ihm postulierten fortschrittlichen ‚Entwicklung‘. Die demokratische Revolution eröffne verschiedenen politischen Logiken den Weg, rechtspopulistischen und totalitären ebenso wie demokratischen.100 Auch bei den sogenannten neuen sozialen Bewegungen sei keineswegs gewiss, dass sie fortschrittlichen Charakter haben. Schließlich gebe es kein Subjekt, das von der herrschenden Ordnung nicht wieder eingliederbar sei. 99 L/M S. 208 f Die Forderung, dass „jedes Glied dieser Pluralität von Identitäten in sich selbst das Prinzip seiner eigenen Geltung finden“ müsse, kann nur zu einem neuen transzendenten Bezug oder zu einem unendlichen Regress antagonistischer und/oder hegemonialer Verhältnisse führen, der sich hier hinter dem Stichwort „Autonomisierung“ verbirgt. 100 L/M S. 210. I Übersicht 32 Die Polysemie der Antagonismen mache einen grundlegenden Unterschied gegenüber den sozialen Kämpfen vor der demokratischen Revolution. Diese fanden im Kontext der Ablehnung gegebener und relativ stabiler Identitäten statt, Antagonismen brauchten nicht konstruiert zu werden mit der Folge dass es keine hegemoniale Dimension der Politik gab.101 Die antidemokratische Offensive Das System der demokratischen Revolution sehen die Autoren von neoliberalen und rechtskonservativen Strömungen bedroht, die den Freiheitsbegriff besitzindividualistisch und antistaatlich besetzen, u. a. mit dem Argument, die wohlfahrtsstaatliche Organisation bedrohe die Freiheit. So werde Ungleichheit in eine Äquivalenz mit Freiheit gebracht. Die Linke habe diese Diskussion als wenig relevantes Überbauphänomen in seiner politischen Bedeutung unterschätzt.102 Radikale Demokratie: Alternative für eine neue Linke Die Autoren fassen ihre Kritik an der Linken noch einmal zusammen und raten dazu, die in der traditionellen Linken abgelehnte liberal-demokratische Orientierung aufzunehmen und auszuweiten. Schwerwiegendes Hindernis sei in der Vergangenheit der essentialistische Apriorismus gewesen, der angenommen habe, dass die Gesellschaft an einem Punkt genäht sei, der es gestatte, jedes Ereignis unabhängig von jeglicher artikulatorischer Praxis zu fixieren.103 Zentral gelte das für den Klassismus, die Einengung auf den Klassenwiderspruch, der verhindert habe, wahrzunehmen, dass die Orientierung der Arbeiterklasse vorrangig von Kämpfen abhänge, die außerhalb von ihr entschieden würden. Elementar sei aber der jakobinische Revolutionsbegriff gewe- 1.5.3 1.5.4 101 L/M S. 213. 102 L/M S. 213-218. 103 Gemeint ist offenbar ein als objektiv unterstellter Bezugsrahmen innerhalb dessen jedes Ereignis eine invariante und determinierte Position einnehme. Vgl. auch das Verständnis von „Vermittlung“ von dem die Autoren ausgehen. 1.5 Hegemonie und radikale Demokratie 33 sen, dem die Linke gefolgt sei. Dieser Revolutionsbegriff impliziere, dass die Macht an einem Punkt konzentriert sei, von dem aus sich die Gesellschaft „rational“ reorganisieren lasse.104 Aus dieser Perspektive werde die sozialistische Dimension in der Politik, die Notwendigkeit die kapitalistischen Produktionsverhältnisse abzuschaffen, weil sie die Quelle zahlreicher Unterordnungsverhältnisse seien, zu einem der Bestandteile des Projekts radikaler Demokratie und nicht umgekehrt. Nur so könne es eine gesellschaftliche Aneignung der Produktion geben, die im Übrigen über Arbeiterselbstverwaltung hinausgehe, weil in der gesellschaftlichen Aneignung auch die Forderungen anderer Gruppen aufgenommen werde müssten, die ebenfalls von der Produktion betroffen seien.105 Bei der Betrachtung, wie strategisch in dem Projekt radikaler Demokratie zu verfahren sei, stellen Laclau/Mouffe zunächst fest, dass es keine allgemeingültigen Regeln geben könne, die es erlauben, im Vorhinein festzulegen, was links oder rechts in einer aktuellen Auseinandersetzung sei. Beim Thema Feminismus z. B. könne es je nach den Gegebenheiten angezeigt sein, politische Ziele über die Zivilgesellschaft oder über den Staat zu verfolgen. Analog dazu könne die Organisationsform „Partei“ in unterschiedlichen Kontexten als bürokratische Bremse oder als unverzichtbare Form der Vermittlung disparater Elemente wirken. „…insofern, als das Feld der „Gesellschaft im allgemeinen“ als gültiger Rahmen politischer Analyse verlorengegangen ist, (ist) auch die Möglichkeit, eine allgemeine Theorie der Politik auf der Basis topographischer Kategorien zu etablieren, verschwunden.“106 Es habe sich auch eine grundlegende Verschiebung des Verhältnisses von öffentlichem und privatem Raum ergeben. Der private Raum als nicht-öffentliches und außerpolitisches Refugium sei selbst Ausgangspunkt der Politisierung des Sozialen geworden. „Was dadurch auseinanderbrach, war die Idee und die Realität eines einheitlichen Raumes der Konstitution des Politischen selber. Wir erleben eine Politisierung, die viel radikaler als jede uns bisher bekannte ist, weil sie dazu tendiert, die Unterscheidung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten aufzulösen – nicht im Sinne des Eingriffs in das Private 104 L/M S. 219ff. 105 L/M S. 221 f. 106 L/M S. 224 Kursivierung im Original. I Übersicht 34 durch einen einheitlichen öffentlichen Raum, sondern im Sinne einer Vermehrung radikal neuer und verschiedener politischer Räume. Wir sind mit dem Auftauchen einer Pluralität von Subjekten konfrontiert, deren Formen von Konstitution und Verschiedenheit nur denkbar sind, wenn wir auf die Kategorie des Subjekts als einem einheitlichen und vereinheitlichenden Wesen verzichten.“107 Diese Überlegung nötige letztlich dazu anzuerkennen, dass es sich bei der Vermehrung der politischen Räume und der komplementären äquivalentiellen Vereinheitlichung um soziale Logiken handelt, die niemals zu einer geschlossenen Totalität oder letzten Grundlage des Sozialen führen können. Gleichwohl verlange die Logik der demokratischen Äquivalenz als gleichsam grundlegendes Prinzip, dass die Beteiligten ihre (Gruppen-)Identität aufgeben soweit sie auf Besitzindividualismus beruhe und zu unvereinbaren Gegensätzen führe.108 Jegliche Äquivalenzlogik sei aber wegen der Ungleichheit im Gesellschaftlichen von einer „konstitutiven Unsicherheit“ durchdrungen. Deshalb müsse sie durch die Logik der Freiheit bzw. der Autonomie ergänzt werden. Diese habe das Prinzip der Trennung der Räume als Basis, was die Verbindung des Projekts der pluralen Demokratie mit dem Liberalismus erlaube. Eine solche Konstruktion ziele auf ein anderes Individuum, das „nicht länger aus der Matrix des Besitzindividualismus konstruiert“ werde.109 Demokratische Rechte seien über den klassischen politischen Bereich und den der Bürgerrechte hinaus auszuweiten. Soweit dies die Ökonomie betreffe handele es sich um den spezifisch antikapitalistischen Kampf bei dem es nicht nur um die Rechte als Bürger, sondern auch als Produzent gehe. Die Gefahr, die der radikalen Demokratie als Wechselspiel von Äquivalenz und Autonomie inhärent sei, sei die Möglichkeit, die Einrichtung eines Zentrums zu versuchen, das die Logik der Autonomie eliminiere und um sich herum „die Totalität des Gesellschaftskörpers rekonstruiere“, d. h. seinen politischen Raum als vorgeordnet und geschlossen etabliere: der Totalitarismus.110 Nach Claude Lefort sei nach der Überwindung des Monarchismus, bei dem sich die Macht in der 107 L/M S. 225, Kursivierung im Original. 108 L/M S. 227. 109 L/M S. 228. 110 L/M S. 230. 1.5 Hegemonie und radikale Demokratie 35 Person des Fürsten verkörperte, der Ort der Macht zu einer Leerstelle geworden. Die Grundlagen der Macht, des Rechts und des Wissens seien nicht länger gesichert, könnten von allen Seiten in Frage gestellt werden. Dann könne eine „rein soziale Macht auftauchen, die sich als total darstellt und aus sich selbst das Prinzip des Rechts und des Wissens herleitet“. Sie versuche, einen Ausgangspunkt zu setzen, von dem aus Gesellschaft vollkommen gemeistert und gewußt“ werden könne. 111 Und dabei handele es sich nicht um einen Typus sozialer Organisation, sondern um eine politische Logik, die von unterschiedlichen politischen Orientierungen und Gruppen ausgehen könne. Laclau/Mouffe beschreiben aber auch eine symmetrisch entgegengesetzte Gefahr, nämlich die eines Mangels jeglicher Bezugnahme auf soziale Einheit als gemeinsamem Referenzpunkt, die die Implosion des Sozialen nach sich zöge. „Zwischen einer Logik völliger Identität und einer reiner Differenz muß die Erfahrung der Demokratie aus der Anerkennung der Vielfalt sozialer Logiken und der Notwendigkeit ihrer Artikulation bestehen. Diese Artikulation muß jedoch beständig neu geschaffen und neu ausgehandelt werden…“112 Die Logik der Demokratie sei keine Logik der Positivität des Sozialen „und deshalb nicht imstande, irgendeinen Knotenpunkt zu begründen, um den herum die soziale Struktur rekonstruiert werden“ könne. Deshalb müsse ein hegemoniales Projekt „Vorschläge für die positive Organisation des Sozialen“ beinhalten und „mit einem lebensfähigen Projekt für die Rekonstruktion spezifischer Bereiche der Gesellschaft verbunden“ sein. Das Projekt einer „radikalen Demokratie als einer Alternative für die Linke“ müsse „sich (…) auf die Suche nach einem Ort des Gleichgewichts zwischen einem maximalen Voranbringen der demokratischen Revolution in möglichst vielen Bereichen und der Fähigkeit zur hegemonialen Führung und zur positiven Rekonstruktion dieser Bereiche seitens der untergeordneten Gruppen stützen.“113 111 L/M S: 231. 112 L/M S. 233. 113 L/M S. 234. I Übersicht 36 Utopie bleibt für Laclau/Mouffe unverändert grundlegender Bestandteil linker Politik, die stets über das hinausgehen müsse, was positiv gegeben sei und sich nicht auf den Vollzug von dessen Eigenlogik reduzieren dürfe. Jedoch könne Universalismus nicht länger Bestandteil des linken Diskurses sein114, denn der unterstelle immer einen privilegierten Zugang zur Wahrheit. Das Projekt radikaler Demokratie enthalte notwendigerweise eine sozialistische Dimension, aber ohne die Erwartung, dass daraus sich zwangsläufig die Überwindung anderer Ungleichheiten ergebe. „Behauptung eines ‚Grundes‘, der nur weiterlebt, indem er seinen grundlegenden Charakter negiert; einer ‚Ordnung‘, die nur als partielles Begrenzen der Unordnung existiert; einer ‚Bedeutung‘, die angesichts der Bedeutungslosigkeit nur als Exzeß und Paradox konstruiert ist – in anderen Worten: das Feld des Politischen als der Raum für ein Spiel, das ganz und gar kein ‚Nullsummenspiel‘ ist, weil die Regeln und die Spieler niemals völlig bestimmt sind. Dieses Spiel, das sich dem Begriff entzieht, hat zumindest einen Namen: Hegemonie“115 114 Vgl. dazu Laclau, E., (2013) Identität und Hegemonie: Die Rolle der Universalität in der Konstitution politischer Logiken. 115 L/M S. 238. 1.5 Hegemonie und radikale Demokratie 37

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References

Zusammenfassung

Lassen sich die politischen Kontroversen als Vielfalt von Diskursen verstehen, die mit gleichsam sozialpsychologischen Strategien nach Hegemonie streben, Macht gewinnen und so Gesellschaft gestalten oder allererst schaffen? Oder ist etwas von dem Satz geblieben, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, obwohl doch strittig ist, was denn das (gesellschaftliche) Sein und das Bewusstsein genau sei? Diese Arbeit wendet sich gegen die Vorstellung vom politischen Konflikt als bloßen sich antagonistisch gegenüberstehenden Zeichensystemen und versucht demgegenüber mit Pierre Bourdieu die gesellschaftliche Wirklichkeit als tendenziell methodisch entschlüsselbare als Grundlage linker Politik zu reklamieren.