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3. Historische und strukturelle Grundlagen in:

Nina Ziesemer

Denkmalbestand im Wandel, page 55 - 102

Denkmale der DDR nach 1989

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4207-6, ISBN online: 978-3-8288-7111-3, https://doi.org/10.5771/9783828871113-55

Tectum, Baden-Baden
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Historische und strukturelle Grundlagen Bevor im Folgenden die Frage beantwortet werden wird, welche dieser Optionen nach der friedlichen Revolution mehrheitlich gewählt wurden, sollen zunächst die historischen Grundlagen dargelegt werden, auf denen nach dem Mauerfall aufgebaut werden konnte. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR Das Kapitel beginnt mit einer Beschreibung des Entstehungskontextes der Denkmale in den Jahren 1949 bis 1989/90, welche deren historische, städtebauliche und kunsthistorische Einordnung erleichtern soll. Ferner machen die gewonnenen Erkenntnisse an späterer Stelle der Studie deutlich, wie repräsentativ der ausgewählte Denkmalbestand – vor und nach der friedlichen Revolution – insgesamt tatsächlich war, oder inwiefern beispielsweise einzelne Bauaufgaben bei der Denkmalerfassung überbetont oder vernachlässigt worden waren. Zunächst werden die Entwicklungen im Bauwesen der DDR vorgestellt. Es folgen kurze Abrisse zur Historie der DDR-Gedenk- und Sepulkralkultur. DDR-Baukultur Berlin gehörte im Jahr 1945 zu den am stärksten zerstörten Städten des Deutschen Reiches. Dreizehn Prozent aller Trümmer im Land fielen hier an. Das städtebauliche Erbe und Erscheinungsbild der Stadt ist daher wesentlich durch das Erbe der Nachkriegszeit geprägt.309 Bereits im Krieg wurde der Wiederaufbau geplant. Die Pläne zielten jedoch weniger auf die Wiederherstellung der alten, kriegszerstörten Stadtbilder als auf ihre Modernisierung ab. Nur wenige dieser sogenannten Träume in Trümmern wurden realisiert.310 Die wirtschaftlichen Voraussetzungen erlaubten zunächst keine Umsetzung.311 Nach der doppelten Staatsgründung im Jahr 1949 waren die vorherigen Planungen für Berlin dann überholt. Auch auf dem übrigen Territorium der DDR hatte 3. 3.1. 3.1.1. 309 Staroste, Berlin, S. 45. 310 Von Beyme, Klaus u.a.: Leitbilder des Wiederaufbaus, in: Neue Städte aus Ruinen. Deutscher Städtebau der Nachkriegszeit, herausgegeben von dies., München 1992, S. 9. 311 Topfstedt, Thomas: Stadtdenkmale im Osten Deutschlands. Fotografien von Bertram Kober, Leipzig 1994, S. 8. 55 die Vielfalt der Ideen und Gestaltungsentwürfe angesichts der Systemkonkurrenz nun ein Ende.312 Da beide Teile der Stadt wieder aufgebaut werden mussten, boten sich Architektur und Städtebau im Besonderen als „Medien der Systemkonkurrenz“ an.313 Der repräsentative Ausbau der östlichen Stadthälfte gehörte daher von Beginn an zu den Hauptprioritäten des DDR-Baugeschehens. Es wäre allerdings übertrieben, „behaupten zu wollen, dass alle Bauprojekte […] in Berlin gleichermaßen politisiert und nur im Systemantagonismus angemessen lesbar wären. Für zwei Bauaufgaben bleibt dieser aber doch besonders form- und sinnprägend: für die Kulturbauten und die Regierungsbauten.“314 Auch innenpolitisch wurde die Bebauung der Hauptstadt propagandistisch genutzt. Sie sollte zur Aktivierung der gesamten Bevölkerung Deutschlands beitragen.315 Daher wurden in präziser Terminierung und Inszenierung „die abschließende ‚Bestätigung‘ von Entwürfen, die Ansprachen zum ‚ersten Spatenstich‘ und die ‚Übergabe‘ von Gebäuden mit politisch bedeutsamen Daten wie den Jahrestagen zur Gründung der DDR verbunden.“316 Das ost- und westdeutsche Bauwesen unterschieden sich in den Jahren der deutschen Teilung vor allem in den „bodenrechtlichen, ökonomischen, organisatorischen und technischen Bedingungen und insbesondere [in den] das Ganze überwölbenden Visionen einer besseren, gerechteren Gesellschaft“.317 Besonders charakteristisch für die DDR-Stadtplanung war zum einen die zentrale Planung und Koordinierung aller Bauvorhaben für Berlin und weitere bedeutsame Städte. Lokale Planungen besaßen eine untergeordnete Bedeutung oder unterblieben ganz. Von den örtlichen Instanzen erwartete man allenfalls Kurskorrekturen und Hinweise.318 Hauptverantwortlich war das zentralstaatliche Ministerium für Aufbau – später in Ministerium für Bauwesen umbenannt –, das bald nach der Staatsgründung den Umbau des DDR-Bauwesens einleitete.319 Nach sowjetischem Vorbild war ihm die „Deutsche Bauakademie“ unterstellt, zu deren Aufgaben seit 1951 das Planen und Durchführen und das Ausarbeiten von ideologischen Grundlagen für den sozialistischen Städtebau gehörten.320 Seit 312 Schätzke, Andreas: Zwischen Bauhaus und Stalinallee. Architekturdiskussion im östlichen Deutschland 1945–1955, Wiesbaden 1991, S. 74. 313 Von Buttlar/Wittmann-Englert/Dolff-Bonekämper, Einführung, S. XVI. 314 Ebd., S. XXII. Zu diesen Bauten gehören etwa mehrere Freilichtbühnen, Kulturhäuser und Bibliotheken sowie die Dienstsitze von Ministerien und anderen Teilen der öffentlichen Verwaltung. 315 Durth, Werner, Düwel, Jörn, Gutschow, Niels: Architektur und Städtebau der DDR. Band 1. Ostkreuz. Personen, Pläne, Perspektiven, Frankfurt a.M und New York 1998, S. 174. Dieser beruft sich auf eine Aktennotiz von Lothar Bolz vom 18. November 1949 (BArch, Abt. Potsdam DH 1/44519). 316 Durth, Werner, Sigel, Paul: Baukultur. Spiegel gesellschaftlichen Wandels, 2., aktualisierte und erweiterte Neuauflage, Berlin 2016, S. 511. 317 Von Buttlar/Wittmann-Englert/Dolff-Bonekämper, Einführung, S. XVI. 318 Durth/Düwel/Gutschow, Architektur I, S. 169. 319 Topfstedt, Stadtdenkmale, S. 10. 320 Durth/Düwel/Gutschow, Architektur I, S. 247. Diese nach: Liebknecht, Kurt: Bericht über zwei Jahre Forschungsarbeit, herausgegeben von der Deutschen Bauakademie, Berlin 1953, S. 20f. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 56 1952 gab die „Deutsche Bauakademie“ zudem die Zeitschrift „Deutsche Architektur“ als wichtiges Sprachrohr der DDR-Architektur und Stadtplanung heraus.321 Da die Parteispitze der SED mit der Führungsspitze des Staates identisch war, waren allerdings oft nicht die Fachministerien, sondern die Fachabteilungen des Zentralkomitees (ZK)322 – dem höchsten Organ der Staatspartei – erster Ansprechpartner in Bauangelegenheiten. Die Politbüro-Beschlüsse wurden von den Fachabteilungen des ZK in konkrete Anweisungen an die staatlichen Institutionen umgesetzt.323 Wie die Partei den gesamten Staat führte, leitete sie auch „das Bauwesen der DDR in allen Ebenen der Hierarchie von oben nach unten, vom Bauministerium bis zur Baustelle“.324 Ein weiteres Charakteristikum der DDR-Stadtplanung war die staatliche Verfügungsmacht über Grund und Boden. Die Grundstücksenteignung konnte „ohne Vorliegen besonderer Voraussetzungen“ erfolgen. Höhe der Entschädigung und Auszahlungsmodalität waren gesetzlich geregelt.325 Mit den Jahren verbesserten sich die Eigentumsrechte der Bürger formal. Die brutale Durchsetzung des „Bodensozialismus“ kann jedoch als ein Hauptunterschied zwischen dem Wiederaufbau in Ost- und Westdeutschland bezeichnet werden.326 Ebenso wenig Raum wie für private Hauseigentümer und Bauherren ließ die sozialistische Gesellschaft „für den freiberuflich tätigen Architekten […], den privaten Bauunternehmer oder gar den freien Grundstücksmakler“.327 1972 wurden die letzten mittelständischen Unternehmen in Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt.328 Im Jahr 1952 hatte sich der „Bund der Architekten der DDR“ als einziger zugelassener Fachverband herausgebildet, dessen Aufgabe unter anderem darin bestand, die Architektenschaft der DDR stärker in die neuen gesellschaftlichen Strukturen einzubinden.329 Bereits im Verlauf der fünfziger Jahre verringerte sich die Zahl der privaten 321 Schätzke, Bauhaus, S. 42. 322 Am Ende der DDR besaß das ZK einen Mitarbeiterstab von 2.000 Personen, die mehr als 40 Abteilungen und Arbeitsgruppen zugeordnet waren (Herbst, Andreas, Ranke, Winfried, Winkler, Jürgen: So funktionierte die DDR. Lexikon der Organisationen und Institutionen, Band 2. Mach-mit!-Bewegung – Zollverwaltung der DDR, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 1218f.). 323 Düwel, Jörn: Baukunst voran! Architektur und Städtebau in der SBZ/DDR. Mit einem Essay von Werner Durth, Berlin 1995, S. 57. Das Politbüro war das höchste politische Führungsgremium der DDR. Seine Mitglieder wurden vom ZK bestimmt. 324 Flierl, Bruno: Gebaute DDR. Über Stadtplaner, Architekten und die Macht. Kritische Reflexionen 1990–1997, Berlin 1998, S. 54. 325 Hoscislawski, Thomas: Bauen zwischen Macht und Ohnmacht. Architektur und Städtebau in der DDR, Berlin 1991, S. 51. Die Belastung des Staatshaushaltes führte jedoch zunächst zur Aussetzung der Entschädigungszahlungen. Sie wurden erst ab 1960 (bei Trümmergrundstücken ab 1965) rückwirkend in der Regel in Form jährlicher Raten von 3.000 Mark geleistet (Ebd., S. 51). 326 Von Beyme u.a., Leitbilder, S. 11. 327 Topfstedt, Thomas: Vom Baukünstler zum Komplexprojektanten. Architekten in der DDR, in: Vom Baukünstler zum Komlplexprojektanten. Architekten in der DDR. Dokumentation eines IRS- Sammlungsbestandes biographischer Daten, herausgegeben von Dietrich Fürst u.a., Erkner 2000 (= Regio doc, Nr. 3), S. 10. 328 Topfstedt, Stadtdenkmale, S. 21. 329 Topfstedt, Baukünstler, S. 15. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 57 Architekturbüros. Da es keine neuen Zulassungen für Privatarchitekten gab, starben sie faktisch aus. Ihre Arbeit übernahmen fortan Volkseigene „Projektierungsbüros, die auf staatlicher, bezirklicher und kommunaler Ebene zu einem dichten Netz ausgebaut wurden.“330 Sofern sie berufliche Repressionen vermeiden wollten und ihre Entwürfe Akzeptanz finden sollten, hatten diese den staatlichen Vorgaben zu entsprechen.331 Öffentliche Auseinandersetzungen um das staatlich fixierte Leitbild von Architektur und Städtebau blieben nach den Auseinandersetzungen der frühen fünfziger Jahre in der DDR daher weitgehend aus.332 Dennoch war auch die städtebauliche Entwicklung der DDR nicht statisch und lässt sich in drei Phasen unterteilen: Die erste Phase zwischen 1950 und 1958 kann als Wiederaufbau im Zeichen der „Nationalen Tradition“ verstanden werden. Die zweite Phase der Industrialisierung und Typisierung reichte von 1958 bis 1975. Schließlich lässt sich ab Mitte der siebziger Jahre bis zum Ende der DDR eine dritte Phase der Neubewertung der Geschichte ausmachen.333 Von grundlegender Bedeutung für die ersten Jahre waren die unmittelbar von Moskau beeinflussten „Sechzehn Grundsätze des Städtebaus“. Ihr Ziel war es, dem „neuen Menschen“ den Reichtum der gewandelten gesellschaftlichen Verhältnisse vor Augen zu führen und ihm eine helle Zukunft mit neuen Bildern der Stadt auszumalen.334 Die sozialistische Stadt wurde dabei als „ein vom peripheren Wohngebiet zur Stadtmitte hin baukünstlerisch zu steigerndes Ensemble betrachtet, dessen Zentrum Damit war er nicht vergleichbar mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA) in der Bundesrepublik, der eine politisch unabhängige berufsständische Vereinigung war (Ebd., S. 15). 330 Topfstedt, Thomas: Einleitung, in: Kunstvolle Oberflächen des Sozialismus: Wandbilder und Betonformsteine, herausgegeben vom Bauhaus-Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung an der Bauhaus-Universität Weimar, Weimar 2014 (= Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR, Nr. 3), S. 12. 331 Glabau, Leonie: Plätze in einem geteilten Land. Stadtplatzgestaltungen in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik von 1945 bis 1990, Frankfurt a.M. 2010, S. 149. 332 Von Beyme u.a., Leitbilder, S. 13. 333 Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte – Ortsteil Mitte, Petersberg 2003 (= Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland, o.Bd.), S. 161–181. Klaus von Beyme teilte die DDR-Stadtentwicklung ebenfalls in drei Phasen ein. Er lässt die erste Phase (Anknüpfung an nationale Bautraditionen) allerdings bereits 1955 enden. Die zweite Phase des industrialisierten Städtebaus reichte ihm zufolge von 1955 bis 1970/75. Schließlich macht er ab Mitte der siebziger Jahre die dritte Phase des qualitativen Stadtumbaus aus (Von Beyme, Klaus: Der Wiederaufbau. Architektur und Städtebaupolitik in beiden deutschen Staaten, München 1987, S. 286). 334 Durth, Werner, Düwel, Jörn, Gutschow, Niels: Architektur und Städtebau der DDR. Band 2. Aufbau. Städte, Themen, Dokumente, Frankfurt a.M. und New York 1998, S. 48. Da nach den intensiven Bildern des Krieges die Reizschwellen nach oben verrückt waren, war dies jedoch eine anspruchsvolle Aufgabe. Die neuen städtebaulichen Symbole mussten genug Intensität besitzen, um wahrgenommen zu werden und zu überzeugen (Schwiedergoll, Dirk: Zur Frage der Verbindung von Ästhetik und Politik in der Architektur der DDR 1949–1955, in: Projekt sozialistische Stadt. Beiträge zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, herausgegeben von Holger Barth, Berlin 1998, S. 50). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 58 […] als ‚sozialistische Stadtkrone‘ ausgeformt werden sollte.“335 Im Paragraphen sechs der „Sechzehn Grundsätze des Städtebaus“ hieß es hierzu: „Das Zentrum der Stadt ist der politische Mittelpunkt für das Leben seiner Bevölkerung. Im Zentrum der Stadt liegen die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten. Auf den Plätzen im Stadtzentrum finden die politischen Demonstrationen, die Aufmärsche und die Volksfeiern an Festtagen statt. Das Zentrum der Stadt wird mit den wichtigsten und monumentalsten Gebäuden bebaut, beherrscht die architektonische Komposition des Stadtplans und bestimmt die architektonische Silhouette der Stadt.“336 Dabei waren drei Komponenten im Besonderen zu berücksichtigen: der zentrale Platz, eine sich anschließende Magistrale sowie ein zentrales Gebäude, das als Höhendominante diente. Türme entsprachen dem Ewigkeitsanspruch der sozialistischen Architektur und waren ein Zukunftsversprechen.337 Der zentrale Platz und die Magistrale waren insbesondere für Demonstranten gedacht, aus deren Sicht die Planung des Zentrums erfolgen sollte.338 Bestehende Stadtstrukturen wurden diesen Idealen unterworfen und angepasst. Die neue Bebauung sollte die sozialistischen Ideen ausdrücken und dabei an nationale Bautraditionen anknüpfen.339 Wie genau dies aussehen konnte, erörterten die führenden Architekten der noch jungen DDR – Hermann Henselmann, Richard Paulick und Hanns Hopp – in ihren Planungsentwürfen für das „Hochhaus an der Weberwiese“. Der Bau sollte Testlauf und Vorbild für die geplante Berliner Magistrale, weitere Bauprojekte dieser Art und die neue Architekturdoktrin der DDR werden.340 335 Topfstedt, Thomas: Städtebau in der DDR. 1955–1971, Leipzig 1988 (= Seemann-Beiträge zur Kunstwissenschaft, o.Bd.), S. 48. Es muss differenziert werden zwischen den bescheidenen Zentren der Mittel- und Kleinstädte, die mit Rücksicht auf die historische Bausubstanz konzipiert und aufgebaut wurden, und den ambitionierten Plänen für das Ost-Berliner Stadtzentrum und andere Großstädte (Ebd., S. 48). 336 § 6 Sechzehn Grundsätze des Städtebaus der DDR (1950), abgedruckt in: Plätze in einem geteilten Land. Stadtplatzgestaltungen in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik von 1945 bis 1990, herausgegeben von Leonie Glabau, Frankfurt a.M 2010, S. 379f. Auch in westeuropäischen Städten hatte das Zentrum einen besonderen Rang. Hier machten jedoch andere Komponenten dessen Bedeutung aus. Es waren Zentren der Spiritualität, der Macht, des Geldes, der Ware oder der Sprache (Marcelli, Miroslav: Vom Vorführungsraum zum Begegnungsort. Die Stadt im Sozialismus und danach, in: Imaginationen des Urbanen. Konzeption, Reflexion und Fiktion von Stadt in Mittel- und Osteuropa, herausgegeben von Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva und Alfrun Kliems unter Mitarbeit von Christian Dietz und Thomas Fichtner, Berlin 2009, S. 37. Dieser nach Barthes, Roland: Stadtzentrum, leeres Zentrum, in: Das Reich der Zeichen, herausgegeben von ders., Frankfurt a.M. 1981, S. 47). 337 Hoscislawski, Bauen, S. 101. 338 Durth/Düwel/Gutschow, Architektur II, S. 63. Diese berufen sich auf die Protokolle von Walter Pisternik, die er während einer Studienfahrt in die Sowjetunion im Jahr 1950 anfertigte (BArch, Abt. Potsdam, DH 1, Bündel 1254, 1255, 1258 und 1259). 339 Durth/Düwel/Gutschow, Architektur I, S. 148ff. 340 Durth/Düwel/Gutschow, Architektur II, S. 299. Zur Orientierungsphase der ersten Jahre zählte auch eine lange und kontroverse Grundsatzdiskussion über die formalen und sozialen Qualitäten der klassischen Moderne. Viele Architekten, die vor der Staatsgründung noch modern geplant hatten, verwarfen in deren Folge (offiziell) ihre Ansichten und beugten sich der neuen Staatsdoktrin (Hain, Simone: Berlin Ost: „Im Westen wird man sich wundern“, in: Neue Städte aus Ruinen, herausgegeben von Klaus von Beyme u.a., München 1992, S. 44). 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 59 Hermann Henselmanns Siegerentwurf vom August 1951, der „für einen ganzen Abschnitt der DDR-Architekturgeschichte die Weichen stellte“,341 nahm Anleihen bei verschiedenen historischen Architekturformen. Insbesondere den Klassizismus, der sich mit dem Namen Karl Friedrich Schinkel verband und damit „die Inkarnation des Berlinischen in der Architektur“ überhaupt schien, interpretierte er neu (s. Abbildung 3).342 In Ost-Berlin sind allen voran die Bauten entlang des ersten Bauabschnitts der Magistrale von der „Nationalen Tradition“ geprägt (s. Abbildung 4). Die Stalinallee – später in Karl-Marx-Allee umbenannt – war eines der zentralen Projekte des 1951 initiierten „Nationalen Aufbauwerks“ (NAW). Spätestens mit der Internationalen Bauausstellung und dem Aufbau des West-Berliner Hansa-Viertels im Jahr 1957 war es zudem das Ost-Berliner Prestige-Bauprojekt. Während auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs modern geplant und gebaut wurde, sollte die Übernahme und nationale Adaption der stalinistischen Bauprinzipien in der DDR die Abgrenzung von der Bundesrepublik Deutschland (BRD), die Unvereinbarkeit beider Bauweisen – und damit auch Systeme – sowie die Tatsache zum Ausdruck bringen, dass die Zukunft der DDR einzig und allein an der Seite der Sowjetunion zu finden war. Mit der Bezeichnung „Nationale Tradition“ unterstrich die DDR zudem ihren Anspruch, der einzige legitime deutsche Staat zu sein.343 Die Neubebauung des Ost-Berliner Stadtzentrums verzögerte sich. Dabei war der zentrale Platz mit der Sprengung des Berliner Stadtschlosses bereits Anfang der fünfziger Jahre „leergeräumt“ und seine Neugestaltung lange geplant und diskutiert worden. Das Staatsratsgebäude, das neue Außenministerium und der Palast der Republik – als zentrales Gebäude des Platzes – wurden erst Mitte der sechziger bzw. Anfang der siebziger Jahre fertiggestellt. Alle drei Bauten waren auf diese Weise bereits durch eine andere Formensprache geprägt (s. Abbildungen 5 bis 7). Nach Stalins Tod war es im Jahr 1954 zu einem Politikwechsel in der Sowjetunion gekommen, welcher auch auf die Architekturentwicklung in der DDR großen Einfluss nahm. Auf der Moskauer Allunionskonferenz der Bauschaffenden hatte Nikita Chruschtschow im Dezember 1954 die Mittelverschwendung in der Stalin-Ära kritisiert und – in Reaktion auf die bisherigen sozialpolitischen Versäumnisse – ein industrielles und effizienteres Bauen gefordert.344 In der DDR führte dieser Kurswechsel zunächst zu einer Verunsicherung. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) befürchtete, mit einem architektonischen Umschwung auch das sozialistische Fundament der DDR zu gefährden.345 Anfang 1955 fand in Ost-Berlin dann jedoch die erste Baukonferenz der DDR statt, deren Teilnehmer sich dem sowjetischen Kurs anschlossen. Ihr Motto „Besser, schneller und billiger bauen“ wurde zum Ziel der fol- 341 Düwel, Baukunst, S. 135. 342 Engel, Hartmut: Anmerkungen zum Hochhaus an der Weberwiese, in: Karl-Marx-Allee. Magistrale in Berlin, herausgegeben von Helmut Engel und Wolfgang Ribbe, Berlin 1996, S. 56. Parallelen zeigten sich etwa zu dem im Krieg zerstörten Feilnerhaus (Düwel, Baukunst, S. 137). 343 Hoscislawski, Bauen, S. 112. 344 Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (2003), S. 170. 345 Schäzke, Bauhaus, S. 71. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 60 genden Jahre. Noch im selben Jahr arbeitete das Ministerium für Aufbau Richtlinien für eine einheitliche Typenprojektierung und eine neue Typenordnung für den Wohnungsbau aus.346 Ein erster Versuchsplattenbau war bereits in den Jahren 1953 bis 1954 in Berlin-Johannesthal entstanden (s. Abbildung 8). Diesem Bau sah man die neue Bauweise allerdings noch nicht an. Dekor und Gliederung legten – mit Ausnahme des Reliefmotivs über dem Hauseingang – eher die herkömmliche Bauweise mit den gewohnt klassizistischen Anklängen nahe.347 Charakteristische Gestaltungselemente der nächsten Jahre waren unter anderem „Dynamik und Asymmetrie, Transparenz und Rasterbauweise, zurückgesetzte verglaste Dachgeschosse [und] weit auskragende Betondächer“.348 Die zweite Periode des DDR-Städtebaus war allerdings insgesamt weniger durch ein eindeutiges architektonisches Leitbild geprägt als die erste.349 In Ost-Berlin dokumentierten allen voran der zweite „Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee […] und die Planungen zum Wohngebiet Fennpfuhl350 […] eindrucksvoll die architekturpolitische Wende zu einem modernen und funktionalistischen Städtebau“ (s. Abbildungen 9 und 10).351 Die Reorganisation des gesamten Bauwesens der DDR nahm besonders großen Einfluss auf die technische Umsetzung der typisierten Entwürfe.352 Die Bauelemente wurden nun in maschineller Serienproduktion vorgefertigt, der Bauprozess selber auf der Basis von Takt- und Fließfertigung normiert.353 Die neue Technologie und wirtschaftliche Überlegungen führten dazu, dass sich der Schwerpunkt des DDR-Baugeschehens nun an den Stadtrand verlagerte. Die Sanierung und der Wiederaufbau der Innenstädte stagnierten indes.354 Zudem schränkten technologische Zwänge die Gestaltungsmöglichkeiten ein. Die Folge war „eine rasch um sich greifende gestalterische Monotonie im Wohnungsbau und ein durch die gleichen technologischen Zwänge bedingter Verlust fast jeglicher individueller Bewegungsfreiheit im Bereich der 346 Topfstedt, Städtebau, S. 10f. 347 Durth/Sigel, Baukultur, S. 501. Diese nach: Deutsche Bauakademie (Hrsg.): Handbuch für Architektur, Berlin 1954, o.S. 348 Klawun, Ruth: Von Falten, Schalen und Platten – Der denkmalpflegerische Umgang mit den jüngeren DDR-Bauten im Land Brandenburg, in: Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, herausgegeben von Mark Escherich, Berlin 2012 (= Stadtentwicklung und Denkmalpflege, Band 16), S. 70. 349 Schäzke, Bauhaus, S. 72. 350 In der Erich-Kuttner-Straße wurde Anfang der sechziger Jahre ein Experimentalbau errichtet, der die zweite Serie des Massenwohnungsbaus in Plattenbauweise in der DDR einleitete und damit die weitere Gestaltung der Wohnsiedlungen prägte (Haspel, Jörg: Die Platte als Baudenkmal. Bewertungs- und Sanierungsprobleme an Berliner Beispielen, in: Die Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Alex, herausgegeben von Wolfgang Ribbe, Berlin 2005 [= Berlin-Forschungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 6], S. 105). 351 Barz, Andreas, Meißner, Tanja, Wegener, Charis: Wohnen in der Stadt. Siedlungen und Wohnanlagen, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 281. 352 Durth/Düwel/Gutschow, Architektur I, S. 532. 353 Hoscislawski, Bauen, S. 154. 354 Topfstedt, Stadtdenkmale, S. 12. Von 1982 bis 1983 wurde vom Ministerium für Bauwesen ein Wettbewerb mit dem Ziel durchgeführt, das industrielle Bauverfahren altstadtgerecht zu modifizieren. Die Erwartungen konnten jedoch nicht erfüllt werden (Ebd., S. 25). 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 61 stadträumlichen Gestaltung.“355 Am Ende der zweiten städtebaulichen Phase der DDR musste daher eingestanden werden, dass die gestalterischen Ansprüche an die sozialistischen Wohngebiete nicht erfüllt worden waren.356 In der dritten Phase des DDR-Städtebaus sollten die Attraktivität der Stadt und der Eindruck von Urbanität daher gesteigert werden. Um die Stadt zu beleben, wurde die Funktionendurchmischung verstärkt, der Wohnungsbau im Innenstadtbereich intensiviert357 und die Monotonie mit neuen Montageelementen für Hauseingänge, Loggien oder Zwischenbauten aufzuwerten versucht. Ebenso sollten mithilfe von Grünflächen, Spiel- und Sporteinrichtungen, Gaststätten oder Veranstaltungshallen kleinbürgerliche Wohngebietszentren entstehen.358 Im Fokus stand seit den siebziger Jahren jedoch ein Wohnungsbauprogramm, das mit einem „Investitionsstopp für nahezu alle innerstädtischen Gesellschaftsbauvorhaben“ einherging.359 Da der neue Generalsekretär des ZK, Erich Honecker, den Lebensstandard der Bevölkerung anheben wollte, geriet auch der Bau von Einfamilienhäusern stärker in den Blick der Bauschaffenden. Er hatte in der DDR lange Zeit eine marginale Rolle gespielt.360 Allerdings blieben architektonisch anspruchsvolle Einfamilienhäuser – wie die von Hanns Hopp zu Beginn der fünfziger Jahre konzipierte Intellektuellen-Siedlung um die „Straße 201“ – weiterhin Ausnahmen.361 Aufgrund eines großen Nachholbedarfs362 in diesem Bereich rückte in den letzten Jahren der DDR auch die Altbausubstanz wieder stärker in den Fokus der Stadtplaner. 1979 wurde ein generelles Abrissverbot für Gebäude der Bauzustandsstufen I, II und 355 Ebd., S. 16. So mussten bei der Standortwahl etwa der Verlauf der Kranbahn, die Transportwege und die Menge an Freiflächen, die zur Lagerung der vorgefertigten Bauelemente zur Verfügung stand, berücksichtigt werden (Ebd., S. 14). 356 Von Beyme, Wiederaufbau, S. 301f. 357 Ebd., S. 302. 358 Palutzki, Joachim: Architektur in der DDR, Berlin 2000, S. 309. 359 Topfstedt, Stadtdenkmale, S. 20. Die von Erich Honecker forcierten Baumaßnahmen begannen im Neubaubezirk Marzahn. Weitere Wohnkomplexe folgten etwa in Hohenschönhausen, Hellersdorf und Alt-Glienicke (Durth/Sigel, Baukultur, S. 611). 360 Klawun, Falten, S. 80. 361 Hoff, Alexander, Steigenberger, Thomas: Wohnen in der Stadt: Einfamilienhäuser, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 340. 362 Dieser Bedarf war selbst im Vergleich zu anderen sozialistischen Ländern erstaunlich groß. Anfang der siebziger Jahre bildete die DDR innerhalb der RGW-Staaten in der Wohnungsbaustatistik das Schlusslicht (Von Beyme, Wiederaufbau, S. 323). Bereits 1963 war errechnet worden, dass „30 Prozent des Wohnungsbestandes der DDR aus der Zeit vor 1880, 35 Prozent aus der zwischen 1880 und 1918 stammten. 60 Prozent der Bevölkerung wohnten also in Altwohngebieten. Von den vor 1918 erbauten Wohnungen wiesen 90 Prozent Schäden auf, von den nach 1918 erbauten angeblich nur zehn Prozent.“ (Ebd., S. 297. Dieser nach Doehler, P.: Die sozialistische Umgestaltung der alten Wohngebiete der Städte der DDR, in: Deutsche Architektur 1963, S. 457). Erschwerend kam hinzu, dass kein sozialistischer Staat in der Eigentumsfrage eine so stark sozialistische Politik betrieben hatte wie die DDR. Der Eigenheimbau und der Anteil von Eigentumswohnungen waren in Ostdeutschland sehr gering. Erst ab 1971 wurden sie für die kinderreichen Familien und die Arbeiter wieder gefördert (Ebd., S. 323). Diese Maßnahme wirkten jedoch nur bedingt, da Material und Arbeitskräfte nicht entsprechend zugeteilt wurden (Ebd., S. 279). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 62 III erlassen.363 Die dritte Phase der DDR-Stadtplanung zeichnete sich daher auch durch einen gewandelten Umgang mit dem historischen Erbe aus. Nicht zufällig etablierte und institutionalisierte sich der Denkmalschutz in der DDR in diesem Zeitraum neu. Ebenso wuchs die Zahl der Rekonstruktionen in den achtziger Jahren erheblich an. Anlässlich des bevorstehenden 750. Jubiläums der Stadt Berlin wurde etwa das Nikolaiviertel in historisierender Form wiederaufgebaut. Auch in West-Berlin, wo zu diesem Zeitpunkt bereits die Postmoderne Einzug gehalten hatte, waren die Feierlichkeiten Anlass für vergleichbare Bauprojekte. Dies belegt, dass sich die DDR in ihren letzten Jahren schneller internationalen Trends anschloss und sich auch gegenüber dem Postmodernismus aufgeschlossener zeigte.364 Regierungs-, Repräsentations- und Wohnungsbauten zählten in den vierzig Jahren zu den wichtigsten Bauaufgaben der DDR. Da sich die Büroräume der ehemaligen Gesamtberliner Verwaltung im Ostteil der Stadt befanden, konnten diese Kommunalbauten vom neuen Regime weiter genutzt werden und mussten nicht neuerrichtet werden.365 Kulturbauten wie jene auf der Museumsinsel wurden mit großer Kraft wieder aufgebaut. Zugleich entstanden wenige neue Prestigebauten in diesem Bereich, welche einen Beitrag zur geistigen Neuorientierung der Ostdeutschen leisten sollten und willkommenes Mittel der kulturellen Selbstdarstellung der Stadt und des Staates waren.366 Auch Schulen gehörten zu jenen Bauaufgaben, denen die DDR-Bauschaffenden besondere Aufmerksamkeit schenkten.367 Die Umformung des Bildungswesens ging mit neuen baulichen Anforderungen einher. Der Individualisierung der ersten Jahre, in denen geradezu „Schulpaläste“ entstanden waren, folgten jedoch ebenfalls die Typisierung und Standardisierung (s. Abbildung 11).368 Hochschulbauten besaßen keine vergleichbar hohe Priorität. Die Kunsthochschule Weißensee gehört zu den wenigen Ost-Berliner Bauprojekten in diesem Bereich (s. Abbildung 363 Topfstedt, Stadtdenkmale, S. 23. Ein beachtlicher Teil der Wohnbausubstanz des 19. Jahrhunderts hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits die Bauzustandsstufe IV erreicht (Ebd., S. 23). Erklärung der Bauzustandsstufen: Bauzusstandstufe I: Guter Erhaltungszustand. Bauzusstandstufe II: Geringe Schäden, Verschleißgrad bis 25 Prozent, sodass kleinere Instandsetzungsarbeiten notwendig sind. Bauzustandsstufe III: Schwere Schäden in großen Bereichen der Holzkonstruktion. Der Verschleißgrad liegt zwischen 26 und 50 Prozent. Ein Instandsetzungsprojekt ist notwendig. Bauzustandsstufe 4: Funktions- und Standsicherheit sind nicht mehr gegeben. Die Konstruktion kann erst nach umfangreichen Instandsetzungsmaßnahmen wieder genutzt werden (Rug, W.: Mischbauweisen. Ergebnisse eines Forschungsvorhabens (Teil 2), in: Bausubstanz 7–8/1993, S. 62). 364 Von Beyme, Wiederaufbau, S. 304. 365 Heischkel, Henriette, Petsch, Martin: Kommunal- und Staatsbauten, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 37. 366 Von Buttlar, Adrian, Dolff-Bonekämper, Gabriele: Bauten der Kultur, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 63/66. 367 Klawun, Falten, S. 79. 368 Kuthe, Steffi, Zech, Ulrike: Bauten der Bildung: Schulen, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 117f. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 63 12).369 Auch andere Bauaufgaben standen seltener auf der Agenda der Parteifunktionäre: Büro- und Geschäftshäuser entstanden beispielsweise erst nach und nach.370 Aus ideologisch nachvollziehbaren Gründen besaßen auch sakrale Neubauten eine nachgeordnete Bedeutung. Mit den „Notkirchen“ der ersten Nachkriegsjahre, die auf Entwürfe des Architekten Otto Bartning zurückgingen, war allerdings ein neuer Bautypus entstanden, der das Gemeindeleben demokratisierte.371 Allen Entwicklungsphasen und Bauprojekten gemeinsam war der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Viele Planungen konnten nicht realisiert und in der beabsichtigten Weise fertiggestellt werden, sodass nach 1989 viel Unvollendetes zu finden war. Harald Bodenschatz fand daher zu dem Urteil: „Die große Leere in der Mitte, das gähnende Loch ist ein Merkmal der DDR-Stadt […]. Das hochgepriesene Zentrum als Provisorium, ja die Unterbringung des Rathauses in Baracken“ bleibt eine ihrer Merkwürdigkeiten.372 DDR-Gedenkkultur Im weiteren Sinne gehörte auch die Errichtung von Denkmälern zum Städtebau der DDR. Jedenfalls wurde eine solche „Verbindung zwischen Stadtplanung und skulpturaler Ausgestaltung“ von den Verantwortlichen angestrebt.373 Darin eingeschlossen waren Gedenkanlagen, Plastiken, Skulpturen, Büsten, Gedenkstelen und -steine sowie erläuternde Gedenktafeln und weitere Formen der Kunst am Bau, welche die Bürger an das Vergangene erinnern sollten. Die ersten Denkmäler entstanden noch vor der eigentlichen Staatsgründung. Die letzten wurden in den achtziger Jahren oder später fertiggestellt.374 Die jüngsten realisierten (Groß-)Projekte waren das monumentale Thälmann-Denkmal im Prenzlauer 3.1.2. 369 Brachmann, Christoph: Bauten der Bildung: Hochschulen, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann- Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 132. 370 Hillmann, Roman: Büro- und Geschäftshäuser, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 162. 371 Butter, Leben, S. 438. Dieser nach Schneider, Christoph: Bartings Notkirchengedanke und Programm, in: Baumeister Otto Bartning – Notkirchen, herausgegeben vom Gemeindekirchenrat der evangelischen Himmelfahrt-Gemeinde Wedding, Berlin (West) 1989, S. 4. Sie wurden von den Kirchenmitgliedern mit Fertigbauteilen schnell und günstig selbst montiert, wodurch das Gefühl der Verbundenheit mit dem Kirchenbau gestärkt wurde (Butter, Leben, S. 438). 372 Bodenschatz, Harald: Nachwort. Auf der Suche nach dem sozialistischen Städtebau, in: Grammatik sozialistischer Architekturen. Lesarten historischer Städtebauforschung zur DDR, herausgegeben von Holger Barth, Berlin 2001, S. 324. 373 Klother, Denkmalplastik, S. 315. 374 Feist, Peter H.: Denkmalplastik in der DDR von 1949 bis 1990, in: Denkmale und kulturelles Gedächtnis nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin 2000, S. 191/197. Karl Biedermanns „Der verlassene Raum“ wurde erst nach der friedlichen Revolution – im Jahr 1996 – fertiggestellt (Ebd., S. 197). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 64 Berg (s. Abbildung 13) und das Marx-Engels-Denkmal im Bezirk Mitte.375 Sie verdeutlichen, dass die Hauptstadt der DDR auch bei den Denkmalsetzungen eine herausragende Rolle innerhalb des Staates besaß. In einem vom Politbüro im Jahr 1974 verabschiedeten „Langfristigen Plan zur Gestaltung von Denkmälern der revolutionären Arbeiterbewegung“ sollten neun von elf geplanten Denkmälern in Ost-Berlin realisiert werden.376 Dementsprechend waren sie dort „in hoher Zahl an zentralen Standorten konzentriert“.377 Nach Behördenangaben gab es Ende der achtziger Jahre 826 Denkmäler in der Stadt.378 Ihre Dichte und Allgegenwart in den DDR-Stadtbildern sollten dazu dienen, „alle gesellschaftlichen und individuellen Lebensbereiche zu ideologisieren“.379 Dahinter stand die Überzeugung der DDR-Machthaber, dass die Künste „in starkem Maße die Fähigkeit zur Meinungsbildung, zur Ausprägung von handlungsorientierendem gesellschaftlichen Bewußtsein“ besäßen.380 Konkret hieß das, für das Regime und seine Funktionsträger zu werben, den antifaschistischen Gründungsmythos zu legitimieren und die These von der eigenen Nationalkultur in Abgrenzung zur Bundesrepublik zu stützen. Während diese eher als symbolarm charakterisiert worden ist und ihre gründungsmythische Erzählung insbesondere auf (alltags-)kommunikative Elemente wie die Deutsche Mark (DM) stützte,381 „war der Gründungsmythos der DDR von vornherein auf kulturelle Vermittlungsformen angewiesen, um zum kollektiven Gedächtnis Zugang zu finden“.382 Die Erinnerungsmale wurden daher gezielt in politische Rituale und Großkundgebungen eingebunden383 und mit anderen Elementen der Geschichtskultur verbunden. Seit Ende der siebziger Jahre besaßen beispielsweise viele Ost-Berliner Bezirke sogenannte Geschichts- bzw. Traditionskabinette. Sie waren „quasi-museale Institutionen“, die neben wenigen historischen Ausstellungsstücken vor allem die „Ästhetik von Wandzeitungen“ hatten und das staatliche Geschichtsbild in konzentrierter Form vermittelten.384 Um sie für didaktische Zwecke bestmöglich auszuschöpfen, wurden die verschiedenen Denkmäler darüber hinaus in die Öffent- 375 Flierl, Bruno: Politische Wandbilder und Denkmäler im Stadtraum, in: Auf der Suche nach dem verlorenen Staat. Die Kunst der Parteien und Massenorganisationen der DDR, herausgegeben von Monika Flacke, Berlin 1994, S. 59. Die Planungsgeschichte reichte bei beiden Objekten allerdings viel weiter in die DDR-Vergangenheit zurück. 376 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 16. 377 Ebd., S. 11. 378 Berlin-Information (Hrsg.): 750xBerlin, Ost-Berlin 1987, S. 50. 379 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 10. 380 Feist, Denkmalplastik, S. 189. 381 Münkler, Herfried: Das kollektive Gedächtnis der DDR, in: Parteiauftrag: Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR, herausgegeben von Dieter Vorsteher, Berlin und München 1996, S. 461. 382 Ebd., S. 462. 383 Sie dienten beispielsweise als Kulisse für die Aufnahme in Partei- und Massenorganisationen, für Sportfeste oder als Ausflugsziele für Delegationen aus dem Ausland. 384 Flierl, Thomas: Das antifaschistische Traditionskabinett als ideologischer Staatsapparat, in: Mythos Antifaschismus. Ein Traditionskabinett wird kommentiert, herausgegeben vom Kulturamt Prenz- 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 65 lichkeitsarbeit der DDR-Behörden integriert und Betriebs- und Schulpartnerschaften für sie organisiert.385 Das System der Denkmalsetzung musste sich in der DDR institutionell und konzeptionell jedoch zunächst noch entwickeln, bis „die Vernetzung von inhaltlichen Vorgaben und hierarchisch strukturierten Institutionen“ in den siebziger Jahren dann einen reibungslosen Ablauf des Prozesses ermöglichte.386 Initiator der Denkmäler war eigentlich immer die Parteileitung auf den unterschiedlichen Verwaltungsebenen, auch wenn oft nicht sie, sondern die Verfassungsorgane – das heißt der Ministerrat, der Magistrat oder der Rat des Kreises – als Auftraggeber auftraten.387 Als Auftraggeber fungierten darüber hinaus Organisationen, deren Aufgabe es war, ein bestimmtes historisches Erbe zu verwalten und zu vermitteln. Hierzu gehörte die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ und deren Nachfolgeorganisation – das „Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer“.388 Ursprünglich war dies ein überparteilicher Zusammenschluss von Opfern des NS-Regimes und Widerstandskämpfern gewesen, der den Betroffenen unter anderem beim Bezug von Wiedergutmachungsleistungen half. Mit den Jahren hatte sich die Vereinigung jedoch mehr und mehr zu einer an die SED gebundenen Organisation entwickelt, die den zur Staatsdoktrin stilisierten Antifaschismus nach innen und außen absicherte.389 Die Auftragsvergabe erfolgte in Ost-Berlin in der Regel durch das „Büro für architekturbezogene Kunst“ im Berliner Magistrat, das sich mit dem „Verband der Bildenden Künstler der DDR“ – der 1950 gegründeten Interessenvertretung und dem zentralem Vermittlungsmedium für die Kulturpolitik der SED390 – in Verbindung setzte. Dieser hatte dann eine Denkmalkonzeption vorzulegen und den ausführenden Künstler zu benennen. Beides musste schließlich vom „Büro für architekturbezogene Kunst“ und der Kulturabteilung des Rates des jeweiligen Stadtbezirks noch bestätigt werden.391 „Da die Vermittlung staatlicher Aufträge, die Befürwortung von Projekten lauer Berg und dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Berlin 1992, S. 12ff. 385 Klother, Denkmalplastik, S. 315. Die betreffenden Schulen trugen dabei häufig den Namen des mit dem Denkmal Geehrten oder befanden sich in der Nähe von gleichnamigen Straßen und Plätzen. 386 Ebd., S. 131. 387 Schumann, Dirk: Wer setzte die Denkmäler in Ost-Berlin?/Wem gehören die Denkmäler in Ost- Berlin, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 20. 388 Klother, Denkmalplastik, S. 81. 389 Herbst, Andreas, Ranke, Winfried, Winkler, Jürgen: So funktionierte die DDR. Lexikon der Organisationen und Institutionen, Band 1. Abteilungsgewerkschaftsleitung (AGL) – Liga für Völkerfreundschaft der DDR, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 513ff. / Herbst/Ranke/Winkler, DDR II, S. 1125ff. 390 Herbst/Ranke/Winkler, DDR II, S. 1080f. Der Verband hatte sich zur Aufgabe gemacht, an der ästhetischen Gestaltung aller Lebensbereiche der DDR nach den Vorstellungen der SED mitzuwirken. Für diesen Zweck förderte er unter anderem den künstlerischen Nachwuchs, gab eine monatliche Zeitschrift („Bildende Kunst“) heraus und war am staatlichen Kunsthandel beteiligt (Ebd., S. 1080f.). 391 Klother, Denkmalplastik, S. 168. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 66 und die Gewährung von Ausstellungsmöglichkeiten fast ausschließlich über den Verband abgewickelt wurden, kam diesem eine zunftähnliche Monopolstellung zu. Wer nicht dazugehörte, hatte kaum Möglichkeiten, künstlerische Arbeiten zu veröffentlichen und zu verkaufen“ und war damit gezwungen, ein künstlerisches Schattendasein zu führen.392 Oft wurden dieselben Künstler bei der Auftragsvergabe berücksichtigt. Neben ihrer politischen Konformität und ihren künstlerischen Fähigkeiten dürften auch persönliche Beziehungen zwischen Auftraggebern und Ausführenden für die mehrmalige Beauftragung ursächlich gewesen sein.393 Die ideologischen Ansprüche und Vorgaben der Parteifunktionäre führten gelegentlich jedoch auch zu Spannungen zwischen Künstlern und Staatsführung. Für die Umsetzung einiger Denkmäler wurden daher sowjetische Künstler ausgewählt. Ihnen wurde unterstellt, „der traditionellen Auffassung“ stärker Rechnung zu tragen und ein großes Thema verlangte ihrer Auffassung nach ein ihm entsprechendes Format.394 Die Monumentalität der Denkmäler sollte den Betrachter beeindrucken und einschüchtern. Mehr noch aber sollte sie dazu dienen, die neue „große“ Zeit darzustellen.395 Einige Denkmäler, wie jenes für den Prager Journalisten Julius Fuçik, der wegen seines Engagements für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) von den Nationalsozialisten ermordet worden war, waren jedoch auch Geschenke befreundeter Nachbarstaaten. Es war der DDR vom Jugendverband der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik anlässlich der X. „Weltfestspiele der Jugend“ übergeben worden396 (s. Abbildung 14). Andere – wie das Denkmal für die polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten – waren in Kooperation mit befreundeten Nachbarstaaten entstanden oder – wie das Lenin-Denkmal aus ukrainischem Granit – erst durch deren Materiallieferungen möglich geworden.397 Die auf diese Weise entstandenen Denkmäler konnten dann als Zeichen der Verbundenheit und Freundschaft mit dem sozialistischen Ausland gewertet und nach außen kommuniziert werden. 392 Herbst/Ranke/Winkler, DDR II, S. 1081. 393 Schumann, Denkmäler, S. 20. 394 Feist, Denkmalplastik, S. 195. Beispielhaft sei die Entstehung des Thälmann-Denkmals erwähnt, das seit Beginn der DDR geplant wurde. Obwohl die Bildhauerin Ruthhild Hahne bereits mehrere Jahre intensiv an dem Projekt gearbeitet hatte, wurde schließlich der Entwurf des sowjetischen Künstlers Lew Kerbel realisiert. Die Art dieser Entscheidungsfindung stieß bei den DDR-Bildhauern ebenso auf Ablehnung wie die Größe, Monumentalität und Starrheit seines Entwurfes. Dieser langwierige Prozess vom frühen Entwurf bis zur Realisierung ist dargestellt in: Flierl, Thomas: „Thälmann und Thälmann vor allen“. Ein Nationaldenkmal für die Hauptstadt der DDR, Berlin, in: Kunstdokumentation SBZ/DDR. 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien, herausgegeben von Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel, Köln 1996, S. 358–385. 395 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 10. 396 Klother, Denkmalplastik, S. 102. 397 Endlich, Berlin, S. 54 / Perler, Gerold: Fassadengestaltung am Plattenbau. Das Beispiel Platz der Vereinten Nationen in Berlin, in: Projekt sozialistische Stadt. Beiträge zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, herausgegeben von Holger Barth, Berlin 1998, S. 237. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 67 Auch in der bildenden und angewandten Kunst ließen sich über die Jahre Veränderungen feststellen, wobei sich die „Entwicklungen im Bauen, in der freien Kunst und bei den baubezogenen Arbeiten annähernd parallel“ vollzogen.398 In der vierzigjährigen Geschichte der DDR waren drei verschiedene Künstlergenerationen mit jeweils unterschiedlichen Biographien und künstlerischen Ansätzen tätig, sodass – analog zur Baukultur – nicht von der DDR-Kunst gesprochen werden kann.399 War das Bild der Berliner Plastik in den fünfziger Jahren noch relativ homogen, so trat über die Jahre eine stärkere Differenzierung und innere Distanzierung von den Herrschenden ein.400 Die Politisierung und Indienstnahme der Kunst und Künstler gelang dem SED-Regime in den letzten Jahren seltener und weniger konsequent.401 Allerdings hatte sich Erich Honecker nach seiner Machtübernahme auch selbst für mehr Offenheit und Vielfältigkeit in der Kunst ausgesprochen und den Künstlern die Stilwahl freigestellt.402 Gerade in den Anfangsjahren der DDR hatten Künstler, Formensprache und Motive jedoch politisch konform zu sein. Die (sowjetische) Kunst verlangte eine Unterordnung des künstlerischen Ausdrucks unter die zu setzende Botschaft. Mehrdeutigkeit und Eigenart sollten möglichst vermieden oder eingeschränkt werden.403 Um dem Betrachter den Dialog mit dem Kunstwerk zu bahnen, wählte Fritz Cremer – einer der bekanntesten und meist geehrten Bildhauer der DDR – für seine Werke daher beispielsweise ganz bewusst keine abstrakten Formen. Er entschied sich für solche, die auch für das wenig geschulte Auge lesbar waren.404 Die Plastik war besonders beliebt, weil „sie traditionell der Gestaltung der menschlichen Figur besonders zuneigt“ und damit ein bestimmtes Menschenbild bzw. das Bild von einer einzelnen Klasse oder Gruppe zum Ausdruck bringen 398 Neumüllers, Marie: Einführung. Baubezogene Kunst zwischen Affirmation und ästhetischem Anspruch, in: Kunst am Bau als Erbe des geteilten Deutschlands. Zum Umgang mit architekturbezogener Kunst der DDR, herausgegeben vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Bonn 2008 (= Werkstattgespräch, Band 2), S. 3. 399 Feist, Denkmalplastik, S. 189. 400 Barsch, Barbara: Bildhauer in Berlin, in: Kunst in der DDR, herausgegeben von Eckhart Gillen und Rainer Haarmann, Köln 1990, S. 162ff. 401 Flacke, Monika: Einführung, in: Auftragskunst in der DDR 1949–1990, herausgegeben von dies., Berlin 1995, S. 12. Dieser Umstand veranlasste Jörn Schütrumpf zu der Schlussfolgerung, dass die Geschichte der Auftragspolitik in der DDR die vierzigjährige Geschichte der Politik im Arbeiter- und Bauernstaat im Allgemeinen repräsentiere (Schütrumpf, Jörn: Auftragspolitik in der DDR, in: Auftragskunst in der DDR 1949–1990, herausgegeben von Monika Flacke, Berlin 1995, S. 25). 402 Helas, Luise: Walter Womacka. Sein Beitrag zur architekturbezogenen Kunst in der DDR, in: Kunstvolle Oberflächen des Sozialismus: Wandbilder und Betonformsteine, herausgegeben vom Bauhaus- Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung an der Bauhaus-Universität Weimar, Weimar 2014 (= Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR, Band 3), S. 93. 403 Gamboni, Kunst, S. 60f. Dieser nach Baudin, Antoine: Socrealizm. La réalisme socialiste soviètique et les arts plastiques vers 1950. Quelques donnés du problème, in: Ligeia 1/1988, S. 65–88. 404 Brüne, Gerd: Pathos und Sozialismus. Studien zum plastischen Werk Fritz Cremers (1906–1993), Weimar 2005 (= Schriften der Guernica-Gesellschaft, Band 15), S. 342. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 68 kann.405 In den ersten Jahren der DDR entstanden Typendarstellungen von Berufszweigen oder den beiden Geschlechtern, die der neuen Gesellschaft als Vorbilder dienen sollten. Die Darstellung der neuen Machtverhältnisse beförderte dabei „Rückgriffe auf die Herrscherikonographie in historischer oder mythologischer, in allegorischer oder christlicher Inszenierung geradezu heraus“.406 Ebenso wie der Künstler und die Gestaltung trat auch der künstlerische Anspruch in den meisten Fällen hinter den politischen Nutzen der Denkmäler zurück. Viele von ihnen waren „ohne große künstlerische Bedeutung“.407 So handelte es sich laut einer Broschüre, die zur 750-Jahresfeier der Stadt Berlin erschien, bei über neunzig von ihnen um Gedenksteine.408 Dies waren zum Teil einfache Findlinge, welche mit einer Gedenktafel oder einem Medaillon versehen wurden. Die Materialauswahl machte sie zu einem Symbol der Beständigkeit und des Nationalen.409 Am verbreitetsten waren laut dieser Auflistung noch simplere kleine Gedenk- und Erinnerungstafeln aus Holz, Metall oder Plastik, die an Häuserwänden, Brücken oder Grabanlagen angebracht wurden. Sie markierten historische Stätten und erinnern an Personen und Ereignisse, die mit den jeweiligen Orten verbunden waren.410 Büsten, Gedenkstelen und -wände sowie ganze Denkmalanlagen, die aus mehreren Komponenten bestanden und raumgreifend waren, wurden seltener im Stadtraum platziert. Mehrfach ist es jedoch zu Aktualisierungen und Aufwertungen gekommen. An die Stelle einer alten Gedenktafel trat eine neue Erinnerungsplatte mit leicht veränderter Widmung oder ein gänzlich neugestaltetes größeres Erinnerungszeichen. Auch das Bildprogramm für die Denkmäler gab die SED vor. Häufig wurde ein und dasselbe Thema mehrfach im Stadtbild aufgegriffen. Nach Einschätzung von Eva Maria Klother war die Häufigkeit eines Motivs ein Indiz für die Bedeutung, die das 405 Feist, Peter H.: Entwicklungslinien und Konfliktfelder des bildhauerischen Schaffens in der DDR, in: Verborgene Botschaften. Tendenzen ostdeutscher Plastik von 1947 bis 1993. Ausstellung, Teil 1, herausgegeben von Matthias Puhle und Renate Hagedorn, Magdeburg o.J., S. 11. Gustav Seitz prägte das Bild der deutschen Plastik in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu der Bildhauergeneration, die seit Mitte der sechziger Jahren das Bild der Plastik bestimmte, gehörte unter anderem Werner Richter (Hentzen, Alfred: Einführung, in: Gustav Seitz. Das plastische Werk. Werkverzeichnis, bearbeitet von Ursel Grohn, Hamburg 1980, S. 7 / Klother, Denkmalplastik, S. 115. Diese nach Jacobi, Fritz: Bildhauerkunst aus Berlin, in: Bildhauerkunst aus der Deutschen Demokratischen Republik, herausgegeben vom Zentrum für Kunstausstellungen der DDR, Berlin 1987, S. 189). 406 Flacke, Einführung, S. 11. 407 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 11. Allerdings variierte die Qualität der entstandenen Arbeiten, was in dem Bericht der Berliner Expertenkommission auch zum Ausdruck kam. Vergleiche hierzu Kapitel 5.2. dieser Studie. 408 Berlin-Information, 750xBerlin, S. 50. 409 Ullrich, Maren: Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006, S. 55. Sie deutet Granit in ihrer Studie ferner als ein „deutsches“ Material (Ebd., S. 55). 410 Schönfeld, Martin: Gedenktafeln in Ost-Berlin. Orte der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, Berlin 1991 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 4), S. 11/18. Sie waren zu unterscheiden von Erinnerungstafeln, die ortsungebunden waren und in einem allgemeineren Sinne dazu dienen sollten, ein historisches Vorbild zu konstruieren (Ebd., S. 18). 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 69 Regime dem dargestellten Ereignis oder der nachempfundenen Person zuschrieb. Weitere Hinweise hierauf waren der Denkmalstandort und die Denkmalgröße.411 Hierbei lassen sich drei historische Hauptbezugspunkte von einander unterscheiden: die Geschichte der Arbeiterbewegung, die Erinnerung an Widerstand und Verfolgung durch den Nationalsozialismus und die Geschichte der DDR.412 In fast allen Fällen war das Gedenken an entsprechende Orte, Ereignisse oder Personen personalisiert. Dies sollte vermutlich die Identifikation mit dem Geschehenen erleichtern und Vorbilder generieren helfen. Die Gruppe der Denkmäler zur Geschichte der Arbeiterbewegung lässt sich in drei bzw. vier Untergruppen unterteilen: Denkmäler zur bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49, jene zur deutschen Arbeiterbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert und schließlich solche zur Revolution von 1918 und der Nachkriegskrise, in welcher die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD) entstand.413 Zu einer Art Schlüsselfigur unter den Geistern der Klassik und den Rebellen des Vormärz’ wurde der „sozialistische Schriftsteller“ Heinrich Heine. Es galt, gemäß dem offiziellen Geschichtsbildes der DDR, die zu seinen Lebzeiten begonnene Revolution von 1848 zu Ende zu führen.414 Zu Identifikationsfiguren für die frühe Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung wurden insbesondere die deutschen sozialistischen Vordenker Karl Marx und Friedrich Engels. Beide hatten für einige Zeit in Berlin gelebt, sodass die mit ihrer Biographie verbundenen Orte dort zu Erinnerungsstätten ausgebaut werden konnten.415 Nach Stalins Tod erlebten beide eine nochmalige Aufwertung. Nicht mehr der ehemalige sowjetische Staatschef, sondern Marx und Engels galten fortan als wissenschaftliches Fundament und Garanten des realexistierenden Sozialismus.416 Aus den späteren Jahren der deutschen Arbeiterbewegung wählte sich das SED-Regime vor allem August Bebel, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg (s. Abbildung 15), Clara Zetkin und Ernst Thälmann als Vorbilder. Der von den Nazis hingerichtete Arbeiterführer Ernst Thälmann war ranghöchstes Mitglied im Pantheon der DDR.417 In seiner Person vereinigten sich Antifaschismus und sozialistischer Kampf. Innerhalb der dritten Untergruppe besaß der „Kapp-Putsch“ eine herausragende Stellung für die DDR-Gedenkkultur. Er gehörte seit den fünfziger Jahren zu den DDR-Forschungsschwerpunkten. Seine rasche Niederschlagung wurde von den „DDR-Chefideologen“ als „ein Beispiel für den erfolgreichen Kampf einer einheitlich 411 Klother, Denkmalplastik, S. 171. 412 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 13. 413 Ebd., S. 17. 414 Mann, Bärbel, Schütrumpf, Jörn: Waldemar Grzimek. Heinrich-Heine-Denkmal, in: Auftragskunst in der DDR 1949–1990, herausgegeben von Monika Flacke, Berlin 1995, S. 82. 415 Maur, Hans: Marx-Engels-Gedenkstätten. Stätten der Erinnerung in der DDR an Karl Marx und Friedrich Engels, Berlin 1978, S. 3f. 416 Engel, Helmut: Schauplatz Stadtmitte. Schloß und Schloßbezirk in Mitte, Berlin 1998, S. 159. 417 Azaryahu, Maoz: Von Wilhelmplatz zu Thälmannplatz. Politische Symbole im öffentlichen Leben der DDR, Gerlingen 1991 (= Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte Universität Tel Aviv, Band 13), S. 151. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 70 handelnden Arbeiterklasse“ gedeutet.418 Im Laufe der Jahre entwickelte sich in der DDR ein breites Spektrum an Mahn- und Gedenkstätten, Gedenksteinen und -Tafeln sowie Straßen und Sportstätten, welche die Namen von den 1920 verstorbenen Arbeitern trugen.419 Die Erinnerung an Widerstand und Verfolgung durch den Nationalsozialismus fokussierte sich auf den kommunistischen Widerstand im Dritten Reich. Die weit zahlreicheren jüdischen Opfer spielten kaum eine Rolle in der DDR-Gedenkkultur.420 Auch die Verbrechen an den Sinti und Roma, Homosexuellen oder Menschen mit körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen wurden selten thematisiert. In diesem Kontext wurde jedoch nicht nur an die Kriegsjahre erinnert, sondern auch an den Terror der Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS) und ihre „wilden Konzentrationslager“ der früheren Jahre. Im Jahr 1933 existierten in Berlin „über 220 Folterstätten und elf frühe Konzentrationslager der SA und SS […]. Sie waren über die ganze Stadt verteilt und sollten vor allem die oppositionell gesinnte Bevölkerung, insbesondere in den Arbeiterbezirken, einschüchtern.“421 Berlin als Industrie- und Arbeiterhochburg war ein besonderes Ziel dieser Maßnahmen, weil hier der Sitz der Reichsregierung und der Preußische Landtag lagen und die Wahlergebnisse der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unterdurchschnittlich waren.422 Sinnbild für dieses gewaltsame Vorgehen der SA war die „Köpenicker Blutwoche“. In der letzten Juniwoche des Jahres 1933 demütigten und misshandelten SA- Mitglieder dortige Oppositionelle, wobei sie viele töteten oder so zurichteten, dass sie lebenslange körperliche und/oder psychische Schäden behielten423 (s. Abbildung 16). Die Denkmäler zur Geschichte der DDR lassen sich ebenfalls drei Untergruppen zuordnen: den Darstellungen zur Geschichte der DDR, zu ihren Leitbildern und 418 Maur, Hans: Für Demokratie und Freiheit. Gedenkstätten in der BRD für die Opfer des republikfeindlichen Kapp-Putsches 1920, Berlin 2001 (= Schriftenreihe Gedenkstätten der 90er Jahre, Heft 14), S. 4. Diese Deutung wurde und wird von der Forschungslandschaft außerhalb der Grenzen der DDR jedoch nur bedingt geteilt. Sie verschleiert, dass die KPD den Konflikt zunächst als einen „innerkapitalistischen Zwist“ verstand und sich die Zentrale gegen den Generalstreik wandte (Weber, Hermann: Kommunismus in Deutschland 1918–1945, Darmstadt 1983 [= Erträge der Forschung, Band 198], S. 79f.). Die Fokussierung auf den „Kapp-Putsch“ lässt zudem außer Acht, dass die KPD 1921 in der „Märzaktion“ und 1923 mit dem „Hamburger Aufstand“ einen Umsturz der 1920 zunächst erhaltenen Ordnung der Weimarer Republik anstrebte und in den Jahren 1930–1933 mit ihrer Sozialfaschismusthese – wonach die Sozialdemokratie die Machtposition der Faschisten erst ermöglicht habe – ihren Teil zum Untergang der Republik beitrug. 419 Maur, Demokratie, S. 5. 420 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 37. 421 Von Götz, Irene: Terrornetz in Berlin: Haft- und Folterstätten der SA 1933, in: SA-Terror als Herrschaftssicherung. „Köpenicker Blutwoche“ und öffentliche Gewalt im Nationalsozialismus, herausgegeben von Stefan Hördler, Berlin 2013, S. 39. 422 Ebd., S. 41. 423 Endlich, Berlin, S. 64. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 71 schließlich zu ihrer Konfrontation mit dem kapitalistischen Westen.424 In den ersten Nachkriegsjahren wurden häufig die Folgen des Krieges, das Überleben und der Neubeginn thematisiert.425 Geeignete Motive hierfür schienen die Gründungsväter der Republik, Aufbauhelfer und Bauarbeiter gewesen zu sein.426 Die politischen Führungsfiguren der ersten Jahre – Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht – nahmen innerhalb der DDR-Denkmallandschaft allerdings eine untergeordnete Rolle ein. Die für Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck geplanten Denkmäler wurden nicht realisiert.427 In den späteren Jahren wurde dann das Zusammenspiel von Kollektiv, Individuen und sozialistischer Gesellschaft neu gedacht und künstlerisch verarbeitet. Ferner schlug sich das von Erich Honecker forcierte Wohnungsbauprogramm auf die Motivwahl nieder.428 Eine Leitbildfunktion sollten etwa dekorative Plastiken einnehmen, die Harmonie, Lebensfreude und Sinnlichkeit ausdrückten und damit „das positive Lebensgefühl in einer befreiten sozialistischen Gesellschaft verbildlichen“429 sollten. Weitere Denkmalmotive mit Leit- und Vorbildfunktion waren die Abbilder politisch engagierter Einzelpersonen. Sie zählten zwar nicht zu den Funktionären der Arbeiterbewegung, den Ideengebern des Sozialismus oder den Opfern des Faschismus, hatten aber als Künstler, Schriftsteller, Journalisten oder Wissenschaftler mit ihrem Werk „der sozialistisch-realistischen Kunst entsprochen“ oder „den technischen Fortschritt der DDR gefördert“.430 Dabei griff das Regime weitgehend auf Personen wie Käthe Kollwitz, Berthold Brecht oder Hanns Eisler zurück, deren Werk bis Mitte der sechzi- 424 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hrsg.): Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 73–86. 425 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 62. 426 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V./Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Erhalten, S. 73. 427 Flierl, Wandbilder, S. 55. Wilhelm Pieck wurde mit einer Gedenkstätte in Berlin geehrt. Walter Grotewohl wurden in Ost- Berlin zwei Gedenktafeln gewidmet. „Vom langjährigen Parteichef Ulbricht fehlt hingegen jede künstlerische Darstellung“ (LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 69f.). Allerdings sind ihnen (vorübergehend) andere Ehrungen zuteil geworden. Es kam zu entsprechenden Straßen-, Betriebs- und Ortsumbenennungen, Ehrenbriefmarken und Ehrenbürgerschaften. Für Walter Ulbricht wurde sogar ein offizieller Gedenktag im Staatskalender der DDR eingerichtet. Nach dem Ende der Ulbricht-Ära bzw. nach seinem Tod büßte dieser in der Gedenkkultur jedoch stark an Bedeutung ein (Azaryahu, Wilhelmplatz, S. 178ff.). 428 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 65f. 429 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V./Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Erhalten, S. 95. 430 Ebd., S. 87. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 72 ger Jahre abgeschlossen war.431 Selten wurden nationale und lokale Eliten mit einer Denkmalsetzung zu Lebzeiten geehrt.432 Die Konfrontation mit dem kapitalistischen System schließlich wurde allen voran durch die Erinnerungsstätten für die verstorbenen Grenzsoldaten visualisiert433 (s. Abbildung 17). Generell aber rückte die DDR weniger Personen, Orte und Ereignisse ihrer eigenen Geschichte in den Fokus, als dass sie frühere Epochen „in den Dienst der Traditionsbildung und Legitimation der SED“ stellte.434 Die Motivwahl hing oft vom beabsichtigten Denkmalstandort und dem Entstehungskontext ab. Mitunter bestanden unmittelbare Bezüge zwischen dem gewählten Thema und dem Ort der Aufstellung. Das Denkmal für Rosa Luxemburg stand beispielsweise in der Nähe des einstigen Gefängnisses, in dem sie aus politischen Gründen von 1915 bis 1916 inhaftiert war.435 Einige Bezirke entwickelten auch lokale Schwerpunktthemen. So präsentierte sich der Bürgerpark in Pankow „mit seiner Ansammlung von Schriftstellerdenkmälern, Heinrich Mann, Julius Fuçik und Johannes R. Becher, einschließlich einer Jugendbibliothek […] nicht nur als Ort der Natur und Erholung, sondern auch der Bildung und der literarischen Vorbilder.“436 In Köpenick wurden die „Denkmäler für Pablo Neruda, Salvador Allende und Victor Jara […zur] Hommage der Deutschen Demokratischen Republik an das sozialistische Bruderland 431 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 69. 432 Eine Erklärung hierfür bietet das Ende des einstigen Kultes um den sowjetischen Diktator Josef Stalin, dem 1951 auch auf der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee ein Denkmal gesetzt worden war. Nachdem die sowjetische Führung unter Nikita Chruschtschow sich vom Stalinismus distanziert hatte und die von ihm angeordneten Verbrechen bekannt geworden waren, verschwanden die ihm zu Ehren errichteten Denkmäler vielerorts unter Kosten und Mühen aus den Stadtbildern. Ende 1961 wurden auch in der DDR alle Stalin-Denkmäler demoliert und Straßen, die seinen Namen trugen, umbenannt. Das Stalin-Denkmal auf der Karl-Marx-Allee war allerdings bereits 1953 während des Aufstandes vom 17. Juni gestürzt worden (LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 69 / Azaryahu, Wilhelmplatz, S. 167ff./182). 433 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V./Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Erhalten, S. 85. Acht Grenzsoldaten wurden bis 1989 „von Fahnenflüchtigen, Kameraden, Flüchtlingen, einem Fluchthelfer oder einem West-Berliner Polizisten im Dienst getötet“ und im Anschluss mit militärischen Ehren beigesetzt sowie in die staatlich verordnete Gedenkkultur aufgenommen (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Stiftung Berliner Mauer [Hrsg.]: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch, Berlin 2009, S. 439). Vergleiche für weitere biografische Angaben darin die Seiten 440–470. 434 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 6. 435 Endlich/Wurlitzer, Skulpturen, S. 238. Dies war jedoch nicht immer so. So stellte die Expertenkommission des Senats in ihrem Bericht beispielsweise fest, dass die im Plan von 1974 vorgesehenen Denkmäler keinen geschichtlichen Bezug zum geplanten Standort besaßen (LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 16). 436 Klother, Denkmalplastik, S. 111. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 73 Chile“437. In diesem Bezirk standen ferner gleich mehrere Denkmäler zur Erinnerung an die „Köpenicker Blutwoche“. Viele Denkmäler entstanden zudem im Vorfeld von Großveranstaltungen oder anlässlich von Jubiläen. Die Motivwahl lässt sich in diesen Fällen mit entsprechenden Geburts- und Todestagen oder durch Jahrestage wie die Gründung der DDR erklären. So wurde das Denkmal für die Spanienkämpfer beispielsweise zum 30. Jahrestag des dortigen Befreiungskampfes in Auftrag gegeben438 (s. Abbildung 18). Nicht immer deckten sich jedoch die Annahmen, welche der Denkmalsetzung zugrunde lagen, und die Informationen und Botschaften, die das Denkmal transportierte, mit den Erkenntnissen der westlichen Geschichtswissenschaft. Phänomene und Interpretationen, die nicht in die vom SED-Regime vorgegebene Sinnwelt passten, wurden geleugnet.439 Falls es in der DDR Widersprüche zwischen Politik und Wissenschaft gab, so „deuteten sie notwendigerweise auf akute individuelle Mängel in der Forschung und Lehre oder Schwächen in der ‚politischen Arbeit mit Historikern‛, nicht aber auf strukturelle Widersprüche des kollektiven Geschichtsverständnisses oder gar auf die Unvereinbarkeit von Politik und Wissenschaft“ hin.440 Diese Praxis ließ sich besonders gut an der Gedenklandschaft zur „Köpenicker Blutwoche“ ablesen. Zum einen wurden die Opferzahlen bewusst erhöht, zum anderen wurde der falsche Eindruck erweckt, dass alle Opfer kommunistischer Gesinnung gewesen seien.441 DDR-Sepulkralkultur Einen weiteren und letzten Bereich, welchen die DDR-Behörden bei der Denkmalerfassung berücksichtigten, stellte die Sepulkralkultur dar. Einzel-, Ehren- und Massengräber wurden in der DDR nämlich nicht – wie zu vermuten wäre – als Denkmale der Garten- und Landschaftsarchitektur, sondern mehrheitlich als Zeugnisse der Politikund Kulturgeschichte verstanden. Zwar sind sie zunächst einmal Ort der Beisetzung der Toten und ein Raum für die Trauer der Hinterbliebenen, doch nehmen sie in ihrer Sekundärfunktion zugleich die Rolle eines Kultur-, Natur- und Kommunikati- 3.1.3. 437 Ebd., S. 113. 438 Schönfeld, Martin: Gedenkstätte für die Interbrigadisten, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 61. 439 Sabrow, Martin: Einleitung: Geschichtsdiskurs und Doktringesellschaft, in: Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, herausgegeben von ders., Köln, Weimar und Wien 2000 (= Zeithistorische Studien, Band 14 sowie Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen der DDR-Geschichte, Band 3), S. 30. 440 Ebd., S. 22. 441 Endlich, Berlin, S. 32. Darüber hinaus wurden die Opfer der linksorientierten Straßengewalt während der Weimarer Republik in der DDR nicht geschichtswissenschaftlich reflektiert und fanden keinen Niederschlag in ihrer Gedenkkultur. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 74 onsraums ein.442 Losgelöst von ihrem ursprünglichen Zweck können Friedhöfe daher auch „Orte der kulturellen Identität und Erinnerung“ sein.443 Der Grabstein wird zum letzten „Dokument eines unverwechselbaren Menschenlebens; […] der unvergängliche Nachlass.“444 Insbesondere politische Grabmale und die mit ihnen verknüpften Totenrituale – wie die Kranzniederlegung an Jahrestagen – eignen sich als Mittel der politischen Selbstdarstellung, der Herrschaftslegitimation und der Abgrenzung nach außen.445 Zahlen darüber, wie viele Friedhöfe und Grabstätten es 1989/90 in Ost-Berlin gegeben hat und wie viele von ihnen in den Jahren 1949 bis 1989/90 entstanden waren, lagen für die Bearbeitung dieser Studie nicht vor. Für das Jahr 2005 spricht das „Lexikon Berliner Gräber“ von 258 zugänglichen Friedhöfen und „33 Einzel-, Familienund Gruppengrabanlagen bzw. Gedächtnisanlagen“ in ganz Berlin.446 Die Anzahl dürfte daher auch bereits vor der friedlichen Revolution immens gewesen. Angesichts dessen bemühte Ingolf Wernike den Vergleich mit einem geöffneten Geschichtsbuch und einem Freilichtmuseum zur Berliner Stadtgeschichte.447 Wie alle Bereiche des Staates und der Gesellschaft waren auch das Friedhofs- und Bestattungswesen sowie die Trauer- und Memorialkultur von dem sozialistischen Transformationsprozess erfasst und der staatlichen Reglementierung unterworfen worden.448 Hierbei kam es gleichermaßen zum Bruch mit der Kirche, in deren Besitz sich die meisten Friedhöfe zunächst noch befunden hatten, und mit der „kapitalistischen“ (Bestattungs-)Kultur.449 Als Symbole einer bürgerlich-repräsentativen Sepulkralkultur durften Erbbegräbnisse und Grüfte beispielsweise weder neu angelegt noch wiederbelegt werden.450 Die angestrebte Gleichheit aller Bürger sollte auch über ihren Tode hinaus gelten. 442 Sörris, Reiner: Nachwort. Die kulturelle Bedeutung historischer Friedhöfe im Kontext eines postmodernen Bestattungswesens, in: Historische Friedhöfe in Deutschland, herausgegeben vom Bund Heimat und Umwelt Deutschland (BHU) u.a., Bonn 2007, S. 205/207. 443 Wernicke, Ingolf: Berliner Friedhofsspaziergänge. Mit Fotografien von Günter Schneider, Berlin 2010, S. 7. 444 Eichinger, Franz: Vorwort, in: Berliner Gräber. Photographiert von Wilhelm W. Reinke, herausgegeben von Wilhelm W. Reinke und Christian Simon, Berlin 2000, S. 5. 445 Hadraschek, Stephan: Politische Grabzeichen, in: Grabkultur in Deutschland. Geschichte der Grabmäler, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal/Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Berlin 2009, S. 308. 446 Mende, Hans-Jürgen: Lexikon Berliner Grabstätten, o.O. 2006, S. X. 447 Wernicke, Friedhofsspaziergänge, S. 7. 448 Happe, Barbara: Grabmalgestaltung in der DDR – Der erzwungene Abschied vom persönlichen Grabmal, in: Grabkultur in Deutschland. Geschichte der Grabmäler, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal/Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Berlin 2009, S. 189. 449 Schulz, Felix Robin: Death in East Germany 1945–1990, New York und Oxford 2013 (= Monographs in german history, Nr. 35), S. 84ff./106. 450 Redlin, Jane: Säkulare Totenrituale. Totenehrung, Staatsbegräbnis und private Bestattung in der DDR, Münster 2009, S. 228. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 75 Zu einem besonderen Charakteristikum der ostdeutschen Sepulkralkultur entwickelten sich Einäscherungen451 mit entsprechend homogenen Grabformen. Dies waren (anonyme) Urnengräber, Urnengemeinschaftsanlagen und Aschestreuwiesen. Sie waren zugleich eine Antwort auf wirtschaftliche Zwänge: Trotz steigendem Bedarf war ein Großteil der alten Friedhöfe in der Stadt Ende der sechziger Jahre bereits belegt. Zudem minimierten die neuen Grabformen arbeitsintensive Tätigkeiten wie den Grabaushub. Die neuen Bestattungsformen kamen ferner den gewandelten Lebensverhältnissen und Bedürfnissen der DDR-Bürger entgegen. Sie waren mit geringerem finanziellen Aufwand und weniger Grabpflege verbunden. Die Sorge, den werktätigen Angehörigen später zur Last zu fallen, entfiel.452 Nicht zuletzt entsprachen sie den gestalterischen Wunschvorstellungen des „Instituts für Kommunalwirtschaft“, welches den Gebrauch von zu viel Pflanzen, Steinen und anderen Designelementen auf dem Friedhofsareal vermeiden wollte, damit dieses sich so gut wie möglich in die bestehende Landschaft einfügte.453 Während aber „für die breite Volksmasse das kollektive, namenlose Grab als höchste Form der Bestattungskultur der neuen Menschengemeinschaft deklariert wurde, waren die Bürger, die Besonderes für die sozialistische Gesellschaft geleistet haben, von der namenlosen Gleichheit im Grab ausgenommen.“454 Ihre Einzel- oder Massengräber hoben sich gestalterisch von den übrigen Gräbern ab. Mit Feier- und Gedenkveranstaltungen wurden sie gezielt vom politischen System instrumentalisiert.455 Eine individuelle und hochwertige künstlerische Gestaltung, für die auch allgemein geltende Reglementierungen und Friedhofsordnungen außer Kraft gesetzt werden konnten, waren allen voran typisch für die Gräber „von Personen, die sich durch besondere Leistungen in den Künsten und den Wissenschaften verdient gemacht hatten“.456 Die Ehrengräber von ehemals politisch engagierten Bürgern waren hingegen ebenfalls konform. Sie hoben sich lediglich durch ihre Position – etwa auf einem Ehrengrabfeld – und die Zuständigkeit der öffentlichen Hand für ihre Finanzierung und Pflege ab.457 Von herausragender Bedeutung für das SED-Regime war die 1951 neu angelegte „Gedenkstätte der Sozialisten“, wo Widerstandskämpfer, prominente Sozialisten und wichtige Persönlichkeiten der DDR-Geschichte ihre Ruhe fanden458 (s. Abbildung 19). Der damals amtierende DDR-Präsident Wilhelm Pieck hatte selbst Ideen skiz- 451 Diese nahmen allerdings nicht nur in der DDR zu. Auch die westlichen Gesellschaften machten im selben Zeitraum eine vergleichbare Entwicklung durch. Die Zahl der Krematorien nahm in Großbritannien sogar stärker als in der DDR zu (Schulz, Death, S. 207). 452 Redlin, Totenrituale, S. 217f. 453 Schulz, Death, S. 110. Dieser nach Hoffjan, G.M.: Existierte eine spezifische realsozialistische Friedhofsgestaltung in der DDR und was waren ihre Charakteristika?, in: Vom Reichsausschuss zur Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, Kassel 2000 (= Kasseler Studien zur Sepulkralkultur, Band 9), S. 176. 454 Happe, Grabmalgestaltung, S. 210. 455 Im SED-Regime waren Friedhöfe im Allgemeinen von Orten der persönlichen Erinnerung zu öffentlichen Orten umfunktioniert worden (Schulz, Death, S. 108). 456 Redlin, Totenrituale, S. 120. 457 Ebd., S. 121/129. 458 Endlich, Berlin, S. 91. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 76 ziert, nachdem der Wettbewerbsentwurf ihm zufolge zu wenig Platz für große Menschenmengen vorgesehen hatte.459 Neben den kreisförmig um einen großen Gedenkstein angelegten Urnen, Gedenk- und Grabplatten wurden daraufhin eine Rednertribüne und ein größerer Vorplatz für Demonstranten und Delegationen errichtet. Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) oder Kandidaten und Mitglieder der SED erhielten hier ihre Dokumente, ausländische Delegationen besuchten die Gedenkstätte im Rahmen ihrer Reisen und die Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) leisteten auf diesem Teil des Friedhofs ihren Treueid auf die Deutsche Demokratische Republik.460 Damit war die Gedenkstätte weniger Ort der Totenehrung als eine Kulisse zur Legitimation des SED-Regimes.461 Bei rund 100.000 der zu Beginn der neunziger Jahre in Gesamtberlin erhaltenen Grabstätten handelte es sich um die Ruhestätten von in- und ausländischen Opfern des Krieges und der Diktatur.462 Hier lagen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ermordete Häftlinge der Konzentrationslager (KZ). Erste Erinnerungszeichen, Gedenkund Grabsteine für sie waren bereits in den ersten Wochen, Monaten und Jahren nach Kriegsende von Überlebenden gesetzt worden. Vielerorts gingen sie auf die Initiative der Vorläufer der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ zurück.463 Die Gräber der „antifaschistischen Widerstandskämpfer“ besaßen auch unter ihnen eine Sonderstellung, wobei wenig Skrupel bestand, die Opfer des Nationalsozialismus undifferenziert zu Widerstandskämpfern zu erklären.464 Eine besondere Form dieser Gefallenengräber waren die sowjetischen Ehrenmale. Sie waren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf Veranlassung der Roten Armee und der sowjetischen Militäradministration in den besetzten Gebieten errichtet worden. Zum einen dienten sie als Ruhestätten für die gefallenen Soldaten oder andere sowjetische Opfer. Zum anderen waren sie politische Symbole, Orte der Erinnerung und ein „Aufruf zum Frieden und zur Anklage des Krieges“.465 Nicht zuletzt können sie als politische Inszenierungen des Siegers verstanden werden, wofür die Wahl ihrer Standorte und die Art ihrer Gestaltung spricht. Häufig wurden sie auf landschaftlich Bereits nachdem Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hier bestattet worden waren, entstand auf dem Friedhofsareal eine KPD-Gedenkstätte. Im Jahr 1926 schuf der Bauhauskünstler Mies van der Rohe dafür ein abstraktes Denkmal, das im Dritten Reich dann zerstört und eingeebnet wurde (Ebd., S. 90f.). 459 Klother, Denkmalplastik, S. 38. 460 Ebd., S. 40. Diese nach Voßke, Heinz: Geschichte der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, Berlin 1982, S. 79/86. 461 Elfert, Eberhard: Zentralfriedhof Friedrichsfelde/Gedenkstätte der Sozialisten, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 41. 462 Gottschalk, Wolfgang: Ausländische Friedhöfe und Ehrenmale in Berlin, herausgegeben von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Berlin 1992, S. 5. 463 Puvogel Ulrike: Einleitung, in: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band II, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000, S. 13. 464 Endlich, Berlin, S. 32. 465 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V./Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Erhalten, S. 67. 3.1. Entstehung des Denkmalerbes in der DDR 77 und städtebaulich dominanten oder gut erschlossenen Arealen errichtet. Ihre architektonischen Mittelpunkte bildeten weithin sichtbare Obeliske oder Stelen, die mit Symbolen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) und russischen Inschriften verziert waren.466 In der Art ihrer Gestaltung und Errichtung kam ein auffallend selektives und verzerrtes Geschichtsverständnis zum Ausdruck, das „den West-Alliierten nur eine Nebenrolle im Sieg über das nationalsozialistische Deutschland zuerkannte.“467 Die drei großen Berliner Anlagen entstanden vor der Staatsgründung der DDR. Eine wurde im Treptower Park, eine im Tiergarten und eine in der Schönholzer Heide errichtet. Nach 1949 kamen weitere kleinere Anlagen hinzu. Die Anlage auf dem Parkfriedhof Marzahn gehört zu den jüngsten dieser Art im Ost-Berliner Stadtgebiet. Es war der einzige ausländische Berliner Gefallenen-Friedhof, der von Deutschen gestaltet wurde.468 Vielleicht wirkt er deshalb zurückhaltender als die älteren, die durch sowjetische Künstler geplant worden waren und als „Beispiele stalinistischer Monumentalbaukunst in Berlin“ verstanden werden können469 (s. Abbildung 20). Gelegentlich wurden in- und ausländische Einzel-, Ehren- und Massengräber durch aufwändig gestaltete Skulpturen oder Grabsteine noch aufgewertet und sichtbarer gemacht. Zudem kam es vor, dass sie mit historischen Gartenanlagen verbunden wurden, womit deren Bedeutung für die politisch-ideologische Bildung erhöht und sie zu historischen Orten umgedeutet wurden.470 Denkmalschutz im geteilten Berlin Nachdem die wesentlichen Strukturen und Entwicklungen der DDR-Bau-, Gedenkund Sepulkralkultur dargestellt worden sind, soll im Folgenden der denkmalpflegerische Umgang mit den auf diese Weise entstandenen Objekten thematisiert werden. Nur in Kenntnis der Struktur und ideologischen Grundlagen des DDR-Denkmalschutzes lassen sich der Umfang und die Struktur des eingetragenen Denkmalbestandes hinreichend verstehen. Die historischen Rahmenbedingungen machen zudem das Ausmaß, Konfliktpotential und die Notwendigkeit der Umstrukturierung, Diskussionen und Neubewertungen nach 1989 verständlicher. Da die DDR zentralstaatlich organisiert war, lassen sich viele Inhalte des folgenden Abrisses auf den Denkmalschutz und die Denkmalpflege in anderen Regionen der DDR übertragen. Zwar besaß Ost-Berlin einen (rechtlichen) Sonderstatus, doch ließ sich „ein schrittweiser, bis in die 80er Jahre hineinreichender Prozeß der vollstän- 3.2. 466 Arbeitsgemeinschaft sowjetische Gräber und Ehrenmale in Deutschland (Hrsg.): Sowjetische Grabstätten und Ehrenmale in Ostdeutschland heute, Berlin 2005, S. 13. 467 Gottschalk, Friedhöfe, S. 5. 468 Endlich, Berlin, S. 95. 469 Gottschalk, Friedhöfe, S. 5/22. 470 Fibich, Peter: Gartendenkmalpflege in der DDR. Handlungsstrukturen und Positionen eines Fachgebiets, München 2013, S. 108f. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 78 digen Eingliederung“ konstatieren.471 Um die Probleme und Erfolge bei der Vereinigung des ost- und westdeutschen Denkmalschutzes nach 1989 verständlicher zu machen, wird ihm eine kurze Darstellung der West-Berliner Entwicklung sowie der Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation auf diesem Gebiet in den Jahren der Teilung zur Seite gestellt. Letztere – so ist zu mutmaßen – boten Anknüpfungspunkte für die gemeinsame Arbeit nach der friedlichen Revolution. Denkmalschutz in Ost-Berlin Struktur und Akteure Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der doppelten Staatsgründung wurden in der DDR schnell neue rechtliche Grundlagen für den Denkmalschutz und die Denkmalpflege erarbeitet. Im Jahr 1950 verpflichtete sich der noch junge Staat in einer Kulturverordnung zur allgemeinen Bewahrung des Kulturerbes.472 Sie wurde im Jahr 1952 durch die „Verordnung zur Erhaltung und Pflege der nationalen Kulturdenkmale (Denkmalschutz)“ konkretisiert, welche von den damaligen Akteuren als Stärkung der rechtlichen Position und Bekräftigung des denkmalpflegerischen Anliegens wahrgenommen wurde.473 Im Jahr 1961 wurde sie zunächst durch die „Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale“ abgelöst, bevor im Jahr 1975 schließlich das erste Denkmalschutzgesetz der DDR erlassen wurde, welches bis 1989/90 in Kraft blieb.474 Gemäß der Verordnung von 1952 waren als Aufsicht führende Dienststellen für den Denkmalschutz zunächst die 1951 ins Leben gerufene „Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten“, die jeweiligen Landesverwaltungen für Kultur und die Räte der Stadt- und Landkreise zuständig.475 In allen Ländern existierten zudem Landesämter für Denkmalpflege, welche mit „der Durchführung der Aufgaben der Denk- 3.2.1. 3.2.1.1. 471 Kießling, Andreas: Berlin, in: Handbuch zur deutschen Einheit. 1949 – 1989 – 1999. Aktualisierte Neuausgabe 1999, herausgegeben von Werner Weidenfeld und Karl-Rudolf Korte, Frankfurt a.M. und New York 1999, S. 61. 472 Deiters, Ludwig: Das Institut für Denkmalpflege in der DDR – Erinnerungen und Reflexionen, in: Denkmalpflege in der DDR. Rückblicke, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 2014 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 41), S. 16. 473 Brandt, Sigrid: Geschichte der Denkmalpflege in der SBZ/DDR. Dargestellt an Beispielen aus dem sächsischen Raum 1945–1961, Berlin 2003, S. 25. Gleichwohl diese Verordnung Schwächen hatte und zuvor weit umfassendere Entwürfe diskutiert worden waren, war sie im Vergleich zu den damaligen Regelungen in den westdeutschen Bundesländern beispielhaft (Ebd., S. 21). 474 Es wurde in den Jahren 1976, 1978 und 1982 um Durchführungsbestimmungen ergänzt. 475 § 3 Abs. 1 Verordnung zur Erhaltung und Pflege der nationalen Kulturdenkmale (Denkmalschutz) vom 26. Juni 1952, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 84/1952, S. 514. Infolge der Verwaltungsreform von 1952 ging diese Verantwortung auf die 14 Bezirke über (Vergleiche: § 8 Abs. 2 Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale vom 28. September 1961, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 476). 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 79 malpflege“ betraut waren.476 Hierzu gehörten die Überwachung, sachgemäße Pflege, Instandsetzung, der Schutz, die Inventarisation und die Vermittlung der Denkmale.477 Parallel hierzu bildeten sich auch in diesem Bereich entsprechende Verwaltungs- und Kontrollabteilungen im ZK heraus.478 Im Jahr 1961 kam es zu einer administrativen Neuordnung. Zu obersten Verwaltungsbehörden wurden nun das seit 1954 bestehende Ministerium für Kultur und das Ministerium für Bauwesen,479 wobei ersteres allen voran für die „Denkmale von besonderer nationaler Bedeutung und internationalem Kunstwert“ zuständig war.480 Bis in die siebziger Jahre hinein existierte auf dieser Verwaltungsebene eine gesonderte Konservatorenstelle beim Generalkonservator für die fachwissenschaftliche Betreuung der zunächst noch 32 Objekte.481 1961 kann zudem als Gründungsjahr des nationalen „Instituts für Denkmalpflege“ bezeichnet werden, das bereits seit 1955 sukzessive aufgebaut wurde.482 Es war unmittelbar dem Ministerium für Kultur unterstellt, in Berlin ansässig und wurde vom Generalkonservator der DDR geleitet.483 Als reine Fachbehörde besaß es in erster Linie Beratungskompetenz und keinerlei hoheitlichen Rechte.484 Die bisherigen Landesämter wurden zu Arbeitsstellen des neuen Instituts.485 Jedes von ihnen hatte nun das Denkmalerbe mehrerer der 1952 neu gebildeten Bezirke zu betreuen, wobei sich die Zuteilung an den Grenzen der früheren Länder orientierte. Die Arbeitsstelle Berlin war für die Bezirke Frankfurt (Oder), Potsdam und Ost-Berlin (ab 1975) zuständig.486 476 § 3 Abs. 3 Verordnung zur Erhaltung und Pflege der nationalen Kulturdenkmale (Denkmalschutz) vom 26. Juni 1952, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 84/1952, S. 514. 477 § 5 Verordnung zur Erhaltung und Pflege der nationalen Kulturdenkmale (Denkmalschutz) vom 26. Juni 1952, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik Nr. 84/1952, S. 514f. 478 Trampe, Andreas: Kultur und Medien, in: DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, herausgegeben von Matthias Judt, Berlin 1997, S. 313. 479 § 6 Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale vom 28. September 1961, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 476. Die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten war nach Protesten der Künstler im Jahr 1954 aufgelöst und durch dieses Ministerium ersetzt worden (Trampe, Kultur, S. 312f.). 480 § 7 Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale vom 28. September 1961, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 476. 481 Berger, Hans: Tendenzen der Denkmalpflege in der DDR, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1/1991, S. 3. 482 Brandt, Geschichte, S. 36 / Berger, Tendenzen, S. 3. 483 §§ 1,2 und 3 Anordnung über das Statut des Instituts für Denkmalpflege vom 28. September 1961, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 477f. 484 Kiesow, Denkmalpflege (2000), S. 52. 485 Berger, Tendenzen, S. 3. 486 Schoder, Hans: Denkmalpflege in der früheren DDR 1949–1989, in: Denkmalschutz und Denkmalpflege. 10 Jahre Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen, herausgegeben von Reinhard Grätz, Helmut Lange und Hermannjosef Beu, Köln 1991, S. 291. Die Außenstelle Dresden war für die Denkmale in den Bezirken Cottbus, Dresden, Chemnitz und Leipzig zuständig. Die Außenstelle Halle betreute die Denkmale der Bezirke Halle und Magdeburg. Die Außenstelle Schwerin war verantwortlich für den Bestand in Neubrandenburg, Rostock und Schwerin. Die seit 1963 bestehende Außenstelle Erfurt unterstützte die Denkmalpflege in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl (Ebd., S. 291). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 80 Das neue Institut sollte künftig dazu beitragen, dass Denkmale „erhalten, nach wissenschaftlichen Grundsätzen instandgesetzt und gepflegt werden“.487 Dies beinhaltete Forschungen „zur Methodik der Denkmalpflege“, die wissenschaftliche Dokumentation seiner Arbeiten, die Veröffentlichung von Inventaren, denkmalpflegerische Spezialarbeiten und schließlich die Förderung der „Ausbildung des Nachwuchses auf dem Gebiet der Denkmalpflege“.488 Die Fokussierung auf Neubauten und die industrielle Bauweise, welche eher nach Ökonomen und Ingenieuren verlangte,489 hatte nämlich zu einem Mangel an entsprechenden Fachkräften geführt.490 Den alten – und nicht immer linientreuen – Denkmalpflegern wurde von Seiten des Regimes zudem kein Vertrauen geschenkt. Die Denkmalpflege war stark „bürgerlich“ geprägt, ihre Mitarbeiter hatten scharfe Kritik an politisch motivierten Abrissentscheidungen ge- übt.491 Umgekehrt wurden die von der Politik eingesetzten Verantwortlichen von den Konservatoren oft nicht akzeptiert.492 Mit der Neuordnung ging eine Aufwertung der unteren Schutzbehörden einher. Den Räten der Bezirke, Kreise und Stadtkreise wurde mehr Verantwortung übertragen.493 In Ost-Berlin lag diese zuletzt bei dem „Inspektor für Denkmalpflege“ und seinem kleinen Mitarbeiterstab. Er befand sich im Verantwortungsbereich des Stadtrats für Kultur und wurde 1976 dem „Märkischen Museum“ zugewiesen.494 In den Stadtbezirken nahm je ein Referent bei den Räten der Stadtbezirke in den Abteilungen für Kultur die entsprechenden Ordnungsaufgaben wahr.495 Bei der Abfassung der Denkmallisten etwa kam es des Weiteren zu Absprachen mit anderen Ressorts, wie der Abteilung für Kirchenfragen, den Stadtbezirksgartenämtern oder den Akteuren der Stadtplanung. Wer genau für die Pflege des einzelnen Denkmals zuständig war, hing von dessen Erfassung ab. Entsprechend der ihnen zugeschriebenen Bedeutung wurden die Denkmale auf einer Liste des Landes, Bezirks oder Kreises erfasst. Alle Listen mussten zu- In Ost-Berlin bestand aufgrund der rechtlichen Sonderstellung bis 1975 eine gesonderte denkmalpflegerische Schutzbehörde beim Magistrat der Stadt. Erst im Zuge des Gesetzes von 1975 wurde die Kompetenz des „Instituts für Denkmalpflege“ auf den Ostteil der Stadt ausgedehnt und der Arbeitsstelle Berlin übertragen (o.A.: Bericht der ehemaligen Arbeitsstellen des Instituts für Denkmalpflege der DDR. Berlin, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1/1991, S. 16). 487 § 2 Anordnung über das Statut des Instituts für Denkmalpflege vom 28. September 1961, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 478. 488 Ebd., S. 478. 489 Topfstedt, Baukünstler, S. 20f. 490 Brandt, Geschichte, S. 39. Seit Ende der siebziger Jahre waren dann Spezialbetriebe für die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an den Denkmalen zuständig (Berger, Tendenzen, S. 6). 491 Brandt, Geschichte, S. 30 / Berger, Tendenzen, S. 3. 492 Brandt, Geschichte, S. 30. 493 Ebd., S. 10. 494 LA Berlin B Rep. 002 Nr. 23168. Vermerk der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz vom 20. Dezember 1989 bezüglich eines Treffens mit dem Stadtrat für Kultur am 15. Dezember 1989, Bl. 15. 495 LA Berlin B Rep. 002 Nr. 38207. Institut für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Berlin zur Denkmalpflege in der DDR gegenwärtig/Konsequenzen der Länderbildung für die Denkmalpflege in Ost-Berlin vom 8. Juni 1990, S. 2. 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 81 vor von den jeweiligen politischen Gremien durch Beschlussfassung bestätigt werden.496 Dabei konnten die fachlichen Empfehlungen übergangen und lediglich gekürzte Inventarlisten beschlossen werden.497 Hieran wird deutlich, dass das Gesetz von 1975 „keine klar artikulierte Trennung von fachlicher und politischer Verantwortung“ vorsah.498 Artikel 13 des Denkmalschutzgesetzes sah nach einer entsprechenden Meldung ferner die Möglichkeit einer unbürokratischen und vorläufigen Schnellerfassung vor. Wurde die Denkmaleigenschaft vermutet, galt das Objekt „vom Zeitpunkt der Feststellung an bis zur Entscheidung über seine Denkmaleigenschaft als Denkmal im Sinne dieses Gesetzes“.499 Von diesem Instrument, welches keiner Beschlussfassung durch ein politisches Gremiums bedurfte, wurde von Seiten der Fachdenkmalpflege weit häufiger Gebrauch gemacht als von der Listenerweiterung.500 Die wenigsten der Ende der siebziger Jahre verfassten Listen wurden – trotz mehrmals erneuerter Bezirksgrenzen – fortgeschrieben.501 496 Deiters, Institut, S. 23f. Einige Bezirke haben ihnen gesonderte Übersichten über erhaltenswerte Architekturen, Fassaden und Gebäudeteile sowie Gedenktafeln angehängt, deren Status jedoch nicht gleichbedeutend war. 497 Hütter, Elisabeth, Magirius, Heinrich: Zum Verständnis der Denkmalpflege in der DDR, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 53/1990, S. 403 / Magirius, Heinrich: Zur Geschichte der Denkmalpflege in der früheren DDR, in: Denkmalschutz und Denkmalpflege. 10 Jahre Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen, herausgegeben von Reinhard Grätz, Helmut Lange und Hermannjosef Beu, Köln 1991, S. 288. Der Minister für Kultur war zudem berechtigt, „in Übereinstimmung mit den Vorsitzenden der Räte der Bezirke von den Räten der Kreise eine Denkmalerklärung oder ihren Widerruf zu fordern“ (§ 7 Abs. 3 Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik – Denkmalpflegegesetz – vom 19. Juni 1975, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18], S. 114). Dennoch kam es häufiger und im Besonderen in den achtziger Jahren zu Abrissen, ohne dass ein solcher Widerruf erfolgt und das betreffende Objekt von der Denkmalliste gestrichen worden war (Goralczyk, Peter: Rückblick auf Organisation und Recht der Denkmalpflege in der DDR, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1/1991, S. 13f.). 498 Goralczyk, Rückblick, S. 14. 499 § 13 Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik – Denkmalpflegegesetz – vom 19. Juni 1975, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 115. 500 Da die vorläufig eingetragenen Denkmale damit nicht die Hürde der politischen Bestätigung passierten, welche ihre besondere Bedeutung für das SED-Regime sichtbar gemacht hätte, wurden sie in der vorliegenden Studie nicht in gleicher Weise berücksichtig wie der auf den Denkmallisten erfasste Bestand. 501 Lediglich für die Bezirke Mitte und Treptow ist in den Unterlagen des Landesdenkmalamtes Berlin, mit denen die Behörde nach 1989/90 weiterarbeitete, sicher belegt, dass sie ihre Denkmallisten aktualisierten. Im Bezirksarchiv Köpenick liegt zwar eine gekürzte Liste vor, doch ist diese weder datiert noch mit einer Beschlussnummer versehen. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 82 Das neue Denkmalschutzgesetz betonte darüber hinaus die Notwendigkeit, die Bevölkerung in die Belange des Denkmalschutzes einzubinden.502 Vor der Verabschiedung der Denkmallisten zogen die meisten Ost-Berliner Bezirke daher den „Kulturbund“ und die Kreiskomitees des „Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer“ zu den Beratungen hinzu. Weitere staatliche Organe, Betriebe und Einrichtungen, gesellschaftliche Organisationen oder einzelne Bürger hatten zudem die Möglichkeit, potentielle Denkmale zu melden, welche dann auf ihren Denkmalwert zu überprüfen waren.503 Betriebe, Gewerkschaften oder Schulen wurden darüber hinaus mit der konkreten Pflege und Vermittlung einzelner Objekte betraut.504 Diese Zielvorgabe deckte sich mit einem gewachsenen Bewusstsein für das historische Erbe. Es fand unter anderem einen sichtbaren Ausdruck in der „Gesellschaft für Denkmalpflege“ unter dem Dach des „Kulturbundes“.505 Ihre Mitglieder halfen bei der Erschließung, Erhaltung und Vermittlung der Denkmale. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf die Denkmale der DDR-Geschichte.506 Auch im „Bund der Architekten der DDR“ befasste sich eine eigene Fachgruppe mit der Erhaltung und Sanierung von Altbauten und bezog die denkmalpflegerische Expertise in ihre Arbeit ein.507 Die neuen Stadtökologiegruppen und die grüne Bewegung setzten sich ebenfalls für die Bewahrung der natürlichen wie der kulturellen Lebensgrundlagen ein und bemühten sich in den achtziger Jahren um die Erhaltung des kulturellen Erbes in der DDR.508 502 § 2 Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik – Denkmalpflegegesetz – vom 19. Juni 1975, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 113. Auch die beiden vorherigen Verordnungen hatten eine Mitwirkung von ehrenamtlichen Kräften vorgesehen. Das Gesetz von 1975 führte jedoch erstmals die in Frage kommenden Institutionen explizit auf. 503 § 3 Abs. 1 Durchführungsbestimmung zum Denkmalpflegegesetz vom 24. September 1976, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 116. Bis zur Entscheidung hierüber unterlagen sie „dem im Gesetz vorgesehenen Schutz“ (§ 3 Abs. 2 Durchführungsbestimmung zum Denkmalpflegegesetz vom 24. September 1976, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18], S. 116). 504 Klother, Denkmalplastik, S. 315. Diese Objekte mussten aber nicht auf einer der Denkmallisten erfasst sein. 505 Goralczyk, Rückblick, S. 12. 506 SAPMO DY 27/2767. Leitsätze der Gesellschaft für Denkmalpflege im Kulturbund der Deutschen Demokratischen Republik, undatiert, Bl. 2. 507 Deiters, Institut, S. 32. 508 Jordan, Carlo: Im Wandel – Ökologiebewegung und Grüne im Osten, in: Die Bürgerbewegungen in der DDR und in den ostdeutschen Ländern, herausgegeben von Gerda Haufe und Karl Bruckmeier, Opladen 1993, S. 240/245. 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 83 Bewertungskriterien Nicht alle Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur wurden bei der Denkmalerfassung und -pflege jedoch gleichermaßen berücksichtigt. Im Sinne eines selektiven Geschichtsverständnisses wurde das historische Erbe in „progressiv“ wertvolles und weniger erhaltungswürdiges unterteilt.509 Waren laut der ersten Verordnung des Jahres 1952 noch „alle charakteristischen Zeugnisse der kulturellen Entwicklung“ von künstlerischer, wissenschaftlicher oder geschichtlicher Bedeutung im öffentlichen Interesse510 für die „Erziehung und Bildung des Volkes dienstbar zu machen“,511 so wurden im Jahr 1961 explizit die Erfordernisse der sozialistischen Gesellschaft bei der Erhaltung, Pflege, ordnungsgemäßen Verwaltung, zweckdienlichen Verwendung und Erschließung der Denkmale betont.512 Zudem wurde der Denkmalbegriff um die Kategorie „nationale Gedenkstätten und andere Stätten, die zu bedeutenden Ereignissen oder Persönlichkeiten der Geschichte, besonders auch der Geschichte der Arbeiterbewegung, in Beziehung stehen“ erweitert.513 Im Denkmalschutzgesetz des Jahres 1975 wurde dieser Bezug nochmalig konkretisiert. Wörtlich hieß es darin, dass Denkmale „der Entwicklung des sozialistischen Bewußtseins, der ästhetischen und technischen Bildung sowie der ethischen Erziehung dienen“514 sollten und so zur Geltung zu bringen waren, „daß sie zur Verwirklichung der Ideen des sozialistischen Patriotismus und proletarischen Internationalismus beitragen.“515 Der Denkmalschutz der DDR rückte damit vom „bisher vorherrschenden Verständnis des Denkmals als Kunstwerk […] ab und betonte fortan mehr den geschichtlichen Wert, den Bedeutungsgehalt und damit den patriotisch-erzieherischen Faktor“.516 Ältere Denkmale, die keinen „sozialistischen“ Charakter besaßen, konnten, sofern sie von künstlerischem Wert waren, noch der ästhetischen und technischen Erziehung dienen.517 Andere, die aus dieser revolutionären Traditionslinie herausfielen, 3.2.1.2. 509 Bakoš, Ján: Denkmale und Ideologien, in: Denkmal – Werte – Gesellschaft. Zur Pluralität des Denkmalbegriffs, herausgegeben von Wilfried Lipp, Frankfurt a.M. und New York 1993, S. 352f. Nach Ansicht von Ján Bakoš, der diesen Befund nicht ausschließlich auf die DDR bezieht, fand diese Doktrin insbesondere bis 1956 Anwendung (Ebd., S. 353). 510 § 1 Abs. 1 Verordnung zur Erhaltung und Pflege der nationalen Kulturdenkmale (Denkmalschutz) vom 26. Juni 1952, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 84/1952, S. 514. 511 § 5b Verordnung zur Erhaltung und Pflege der nationalen Kulturdenkmale (Denkmalschutz) vom 26. Juni 1952, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 84/1952, S. 515. 512 [Präambel der] Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale vom 28. September 1961, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 475. 513 § 2 Abs. 2a Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik II 72/1961, S. 475. 514 § 1 Abs. 1 Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik – Denkmalpflegegesetz – vom 19. Juni 1975, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 113. 515 § 1 Abs. 2 Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik – Denkmalpflegegesetz – vom 19. Juni 1975, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 113. 516 Berger, Tendenzen, S. 4. 517 Goralczyk, Rückblick, S. 12. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 84 wurden durch private Interessengruppen gerettet518 oder gingen im Rahmen von gezielten Säuberungen verloren. Hiervon betroffen waren insbesondere Schlösser, Kirchen und Bauten des Bürgertums wie das Berliner Stadtschloss oder die einstige Bauakademie von Schinkel.519 Erst in den späteren Jahren der DDR fand diesbezüglich ein Umdenken und eine Versöhnung mit dem (preußischen) Erbe statt. Die Folge waren großangelegte Sanierungen und Rekonstruktionen wie die des Nikolaiviertels, des Gendarmenmarktes und der Friedrichstraße.520 Das jüngere Erbe der eigenen Geschichte war hingegen von Beginn an in das selektive Denkmalverständnis eingeschlossen. Es stellte die Denkmalschützer allerdings vor praktische Probleme. Architekturgeschichtliche und kunstgeschichtliche Forschungsergebnisse zur Entwicklung der DDR-Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur, auf welche sich ihre Bewertungen hätten stützen können, lagen lange Zeit nicht vor. Konkrete Grundsätze für den denkmalpflegerischen Umgang mit dem jungen Erbe lieferte erst ein 1984 vom „Institut für Denkmalpflege“ herausgegebenes Merkblatt.521 Eingetragene Denkmale Die DDR-Denkmallisten waren oft nicht sehr umfangreich. Die beschriebene Struktur hatte dazu beigetragen, dass „nur relativ wenige herausragende Objekte, die nicht zuletzt auch politisch genehm sein mussten, wirklichen Schutz und Pflege genossen.“522 Wirtschaftliche Aspekte hatten dafür gesprochen, die Anzahl der Denkmale möglichst gering zu halten oder zu reduzieren.523 Die Menge der denkmalwerten Substanz dürfte daher rund vier bis fünfmal so groß gewesen sein wie die rund 48.000 zuletzt in der DDR eingetragenen Objekte.524 Davon entfielen laut Einschätzung des letzten Generalkonservators der DDR 399 Denkmale auf die zentrale 3.2.1.3. 518 Trimborn, Denkmale, S. 70. 519 Zwischen 1946 und 1955 sind viele Schlösser und Herrenhäuser von zum Teil großem künstlerischem Wert abgebrochen worden. Zahlreiche Kirchen und Klöster wurden bis 1970 zerstört, umgenutzt oder profanisiert. Leitbauten des Bürgertums wurden abgerissen, um das bürgerliche Selbstbewusstsein zu brechen. Zudem wurde ihre jeweilige städtebauliche Bedeutung durch Neubauten gemindert (Hütter/Magirius, Verständnis, S. 294/296 / Bakoš, Denkmale, S. 352). 520 Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (2003), S. 179. Sie erfolgten nicht zuletzt im Kontext des bevorstehenden Stadtjubiläums. 1987 wurde Berlin 750 Jahre alt. Diese „Jubiläumsdenkmalpflege“, die in der DDR häufig praktiziert wurde, fand jedoch auf Kosten anderer Denkmale statt. Statt einer Mittelerhöhung wurde nämlich eine Mittelverschiebung vorgenommen (Voß, Gotthard: Gedenktage und bedeutende öffentliche Feiern als Fördermöglichkeit für Denkmale, in: Denkmalpflege in der DDR. Rückblicke, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 2014 [= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 41], S. 190). 521 Topfstedt, Denkmale, S. 15. 522 Schmidt, Einführung, S. 70. 523 Goralczyk, Peter: Behindert Kategorisierung die Denkmalpflege? Erfahrungen aus der DDR, in: kunsttexte.de 2/2005, S. 5 (URL: http://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/download/denk/sym4-goralczyk.pdf, letzter Zugriff am 21. April 2016). 524 Topfstedt, Stadtdenkmale, S. 32. In den neuen Bundesländern besaßen bzw. besitzen mehr als 643 Städte einen Altstadtkern mit wertvoller historischer Bausubstanz. 30 von ihnen sind ganzheitlich zu erhaltende Stadtdenkmale von internationaler Bedeutung (Ebd., S. 5). 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 85 Denkmalliste, 2.850 auf die Bezirkslisten und 45.000 auf die Kreislisten.525 43 Listenpositionen der zentralen Denkmalliste befanden sich in Ost-Berlin.526 Auf der Berliner Bezirksliste waren rund 150 Denkmalpositionen erfasst.527 Rund 380 Einzeldenkmale und Ensembles standen Ende 1989 auf den dortigen Kreislisten.528 Alle Listen waren in mindestens vier Denkmalkategorien unterteil – Geschichtsdenkmale, Denkmale des Städtebaus und der Architektur, Denkmale der Garten- und Landschaftsarchitektur sowie Denkmale der bildenden und angewandten Kunst. Die erstgenannte Gruppe fächerte sich nochmalig in vier Unterkategorien auf: Denkmale zur politischen Geschichte, zur Kulturgeschichte, zur Produktions- und Verkehrsgeschichte sowie zur Kultur und Lebensweise der werktätigen Klassen und Schichten.529 Viele Listen waren jedoch fehler- und lückenhaft. Die Denkmalbestandteile grö- ßerer Ensembles wurden beispielsweise nicht einzeln aufgeführt. Auch das Alter der Denkmale war oft nicht angegeben. Adressen und Hausnummern erwiesen sich bei der späteren Recherche ebenso als falsch wie einige beschreibende Bezeichnungen. Ferner stimmten die Zahlenangaben in den Beschlussbegründungen oft nicht mit der tatsächlichen Anzahl der Denkmalpositionen und ihrer Verteilung auf den Listen überein. Zuletzt waren 68 Denkmalpositionen auf den Denkmallisten erfasst, die zwischen 1949 und 1989 in Ost-Berlin entstanden waren. Sieben von ihnen bestanden aus mehreren Teilen, die in der DDR erbaut worden waren. Sie stellten damit etwas mehr als ein Zehntel des gesamten erfassten Denkmalbestandes in Ost-Berlin dar.530 Der größte Anteil der jungen Denkmale (47) war auf den Kreislisten erfasst. Auf der zentralen Denkmalliste standen neun Nachkriegsdenkmale. Nur einem kleinen Teil dieser Denkmale wurde also eine nationale und internationale Bedeutung zugemessen. Die Mehrheit von ihnen schien lediglich von lokaler Bedeutung zu sein. Häufig waren dies kleinere Gedenktafeln und -steine oder Einzelgräber für prominente Künstler. Damit lag die Hauptverantwortung für ihre Betreuung, Erfassung und Finanzierung – zumindest formal – in den Berliner Stadtbezirken. Bei der überwiegenden Mehrheit der erfassten Nachkriegsdenkmale handelte es sich um Geschichtsdenkmale. Besonders prominent auf den Listen vertreten waren die Denkmale zur politischen Geschichte. Sie stellten rund die Hälfte der Denkmale der Nachkriegszeit. Zahlreich waren auch die Denkmale der Kulturgeschichte, wozu 525 BArch DR 1/90.190. Einschätzung des Instituts für Denkmalpflege zu finanziellen Aufwendungen für die Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung von Denkmalen vom 25. Januar 1988, S. 2. 526 Eines davon war ein Denkmal der Garten- und Landschaftsgestaltung. 527 Die Karl-Marx-Gedenkstätte auf Stralau wurde sowohl auf der zentralen Denkmalliste als auch auf der Bezirksliste erfasst. Sie wird in der folgenden Betrachtung nur einmal gewertet. 528 Aufgrund der teilweise falschen Angaben auf den Denkmallisten handelt es sich hierbei um Näherungswerte. Die Denkmale der Garten- und Landschaftsgestaltung sind inbegriffen. 529 Mitunter trugen sie leicht abweichende Bezeichnungen. Auf der zentralen Denkmalliste war von „Denkmalen zu politischen Ereignissen oder Persönlichkeiten“ und „Denkmalen zu Ereignissen oder Persönlichkeiten der Kunst und Wissenschaft“ die Rede. Auch auf der 1989 abgefassten Kreisliste des Stadtbezirks Marzahn wurden andere Bezeichnungen benutzt. 530 Die folgenden Zahlen zu Denkmalkategorie, Bezirk und Alter beziehen sich auf die Anzahl der Denkmalpositionen, nicht auf die einzelnen Denkmalkomponenten. Die Angaben zur Autorschaft, zum Denkmalcharakter und zu ihren historischen Bezugspunkten können hiervon abweichen. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 86 insbesondere Grabstätten gehörten. Denkmale zur Produktions- und Verkehrsgeschichte sowie zu dem Leben und Arbeiten der werktätigen Klasse waren hingegen seltener auf den Listen erfasst. Die Denkmale des Städtebaus und der Architektur waren deutlich unterrepräsentiert. Als solche waren allein das Hochhaus an der Weberwiese und das Staatsratsgebäude in einer Denkmalposition erfasst.531 Der technikgeschichtliche Denkmalwert des Berliner Fernsehturms oder des Köpenicker Mittelwellensenders schien den zuständigen Stellen offenbar bedeutsamer zu sein als ihre architektonische Qualität. Womöglich war diese Zuteilung aber auch eine Strategie der Denkmalschützer, mit der sie die Chancen für eine Bestätigung ihrer Eintragungsvorschläge durch die Räte erhöhen wollten.532 In den Bezirken Köpenick, Mitte, Pankow und Friedrichshain befanden sich besonders viele Nachkriegsdenkmale.533 In Friedrichshain standen die meisten Zeugnisse von internationaler und nationaler Bedeutung. Grabanlagen waren hingegen vor allem auf den Kreislisten der äußeren Bezirke – Köpenick, Lichtenberg und Pankow – erfasst. Am stärksten auf den Denkmallisten vertreten waren Denkmale aus den fünfziger Jahren. Ihnen folgten mit geringem Abstand die Zeugnisse der sechziger und siebziger Jahre. Ein Denkmal stammte aus dem Jahr 1949. Ein Denkmalbestandteil war Mitte der achtziger Jahre entstanden.534 Drei Denkmale wurden verzögert aufgestellt.535 Mehrere erfasste Gedenkzeichen waren zudem bereits der Ersatz für ältere Ehrungen, die ebenfalls nach 1949 errichtet worden waren. In den meisten Fällen wurden die Auftraggeber der Denkmale – anders als ihre Rechtsträger – auf den Denkmallisten nicht benannt. Auch Angaben zu Architekten und Künstlern fehlten oft. Gleich drei Mal tauchten allerdings der Name von Hermann Henselmann und Fritz Cremer auf.536 Auch Erwin Kobbert war mit drei Wer- 531 Nur in einigen Stadtbezirken überwogen die Geschichtsdenkmale generell gegenüber denen des Städtebaus und der Architektur sowie denen der bildenden und angewandten Kunst. In den Stadtbezirken Mitte und Pankow waren insgesamt deutlich mehr Denkmale der Architektur und des Städtebaus erfasst worden. 532 So schildert Heinrich Magirius, dass zumindest in Bezug auf die Denkmalgattungen bzw. ihren Ursprung auf ein Gleichgewicht auf den Listen geachtet wurde (Magirius, Geschichte, S. 285). 533 Da die Kreislisten einen unterschiedlichen Umfang besaßen – auf der umfangreichsten Denkmalliste des Stadtbezirk Köpenick waren etwa vier Mal so viele Denkmale erfasst wie auf der Denkmalliste des Stadtbezirks Friedrichshain und etwa doppelt so viele wie auf der des Stadtbezirks Mitte – sah die prozentuale Verteilung jedoch anders aus. Prozentual machten die jungen Denkmale auf den Kreislisten der Stadtbezirke Friedrichshain und Marzahn den größten Anteil aus. 534 Dies war ein Gedenkstein auf dem Parkfriedhof-Marzahn, der an die im Dritten Reich verstorbenen Sinti und Roma erinnerte. 535 Dies waren die Denkmale für Johannes R. Becher, Victor Jara und Heinrich Heine (Klother, Denkmalplastik, S. 110/112f. / Mann/Schütrumpf, Grzimek, S. 86f.). 536 Henselmann zeichnete für das „Hochhaus an der Weberwiese“, das „Haus des Kindes“ und den Fernsehturm verantwortlich. Cremer schuf einen Teil der Anlage für die Spanienkämpfer im Volkspark Friedrichshain sowie die Denkmäler für Hanns Eisler und Johannes R. Becher. Um die Gestaltung des Fernsehturms entbrannte allerdings der wohl „bekannteste Urheberrechtsstreit der DDR-Architekturgeschichte“ (Müller, Peter: Symbol mit Aussicht. Der Berliner Fernsehturm, Berlin 1999, S. 128). 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 87 ken, die sich alle auf dem Friedhof Marzahn befanden, auf der Kreisdenkmalliste vertreten. Jeweils zwei Mal fielen die Namen der Bildhauer Werner Richter, Gerhard Thieme, Gustav Seitz und Hans Kies sowie der Bildgießerei Hans Füssel und des Architekten Hanns Hopp. Besonders zahlreich auf den Denkmallisten erfasst waren die Zeugnisse der DDR- Gedenkkultur. Es folgten die Zeugnisse der Sepulkral- und schließlich der Baukultur. Der Doppeldeckeromnibus DO 56 ließ sich keiner dieser Kategorien zuordnen. Er war bis 1989 das einzige eingetragene Verkehrsdenkmal aus der Nachkriegszeit, das jedoch vermutlich nicht lange genutzt wurde, da er bereits zum Fertigungszeitpunkt nicht dem damaligen technischen Stand entsprach.537 Die am häufigsten auf den Denkmallisten erfasste Bauaufgabe waren Wohnungsbauten. Vier von ihnen brachten eine klare politische Programmatik zum Ausdruck. Die beiden im Bezirk Friedrichshain erfassten Wohnungsbauten zeugten von dem Aufbauwillen der frühen fünfziger Jahre und dem Wunsch, die neuen gesellschaftlichen Verhältnissen im Arbeiter- und Bauernstaat sichtbar zu machen. Die Wohnbauten entlang der „Straße 201“ sollten Intellektuellen, die im Dritten Reich das Land verlassen hatten, eine neue Heimat bieten und der Westflucht der geistigen Elite entgegenwirken.538 Einer von ihnen war der Schriftsteller Erich Weinert, dessen Wohnhaus auf der Bezirksliste gesondert erfasst war539 (s. Abbildung 21). Ferner standen die einstigen Wohnhäuser der Literaten Anna Seghers, Johannes R. Becher und Arnold Zweig unter Denkmalschutz, weil sie zu Archiven ausgebaut worden waren.540 Zwei Denkmale dienten der technischen Versorgung Ost-Berlins. Der Ende der sechziger Jahre fertiggestellte Fernsehturm sollte als höchster Bau der Stadt und des Landes weithin sichtbar von den Leistungen und der Prosperität des jungen Staates künden. Er wurde vielleicht „zum wichtigsten baulichen Symbol des sozialistischen Aufbauwillens der DDR, wenn man so will, sogar zum wichtigsten baulichen Zeichen des Sozialismus ostdeutscher Prägung“ überhaupt.541 Zu den höchsten Bauwerken des Landes zählte auch der repräsentativ gestaltete und mit fortschrittlicher Technik ausgestattete Mittelwellensender Köpenick, der es der DDR fortan erlaubte, im Rundfunk „propagandistisch präsent zu bleiben“.542 In Nachbarschaft zum Fernsehturm befand sich das Staatsratsgebäude, der einzige vor 1989 erfasste Staats- und Kommunalbau der DDR. Er war zugleich „der erste 537 Gebhardt, Wolfgang H.: Deutsche Omnibusse seit 1898, Stuttgart 2002, S. 513/671. 538 Institut für Denkmalpflege der DDR, Bau- und Kunstdenkmale (1987), S. 77. 539 Die Hausnummer war auf der Bezirksliste jedoch falsch angegeben. Weinert wohnte nicht in der Hausnummer 20. Laut den Erkenntnissen der Max-Lingner-Stiftung, welche heute die Erinnerung an die Siedlung wachhalten will, hat er die Hausnummer 4 bewohnt (Max-Lingner-Stiftung: Intelligenzsiedlung (URL: http://www.max-lingner-stiftung.de/intelligenzsiedlung, letzter Zugriff am 14. Mai 2016). 540 Dies galt auch für die frühere Wohnstätte Bertholt Brechts. Da die Formulierung für dieses Objekt auf der zentralen Denkmalliste unpräzise war, wurde dieses Denkmal aber nicht in die Betrachtung einbezogen. 541 Müller, Symbol, S. 142. 542 Jochinke, Ute: Die Geschichte des Funkamtes in Berlin-Köpenick, in: kunsttexte.de 4/2002, S. 4 (URL: http://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/download/denk/jochinke.pdf, letzter Zugriff 5. Dezember 2015). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 88 staatliche Repräsentativbau der DDR nach dem Mauerbau“543 und sollte Anfang der sechziger Jahre ebenfalls „Symbol für den Wiederaufbau des Stadtzentrums“ sein.544 Mit der Integration jenes Schlossportals, von dem aus Karl Liebknecht 1918 die freie sozialistische Republik ausgerufen hatte, wollte sich die Regierung zudem „als Vollenderin der Ziele der Novemberrevolution und des Lebenswerks von Karl Liebknecht“ präsentieren.545 Die Freilichtbühne im Berliner Prater (s. Abbildung 22) und der von Gerhard Thieme geschaffene Brunnen „Altberliner Typen“ (s. Abbildung 23) besaßen keine vergleichbar hohe politische Bedeutung für den Staat. Sie stellten allerdings dennoch eine Reminiszenz an die Berliner Arbeiterschaft dar. Der Prater war deren bevorzugte Vergnügungsstätte. Auf Thiemes Brunnen waren Plastiken angebracht, die verschiedene Berliner Berufsgruppen zeigten, darunter ein Marktschreier, ein Fischverkäufer und ein Bauer.546 Besonders zahlreich erfasst waren Skulpturen, Plastiken, Gedenksteine und -tafeln. Mehrheitlich waren sie zu Ehren von Ereignissen, Orten oder Persönlichkeiten der Geschichte des Sozialismus und der deutschen Arbeiterbewegung sowie der Gegner und Opfer des Faschismus gesetzt worden.547 Internationale Bezugspunkte blieben hierbei Ausnahmen. Abgesehen von den Ehrungen für Wladimir Iljitsch Lenin bezogen sie sich nicht auf die Sowjetunion als „großen Bruder“, sondern auf die osteuropäischen Nachbarstaaten oder das südamerikanische Chile. Wenige Denkmalmotive konnten eindeutig der Geschichte der DDR bzw. der Berliner Mauer zugeordnet werden. In zwei Fällen handelte es sich um Erinnerungsstätten für verstorbene Grenzsoldaten. Mit ihnen wurde weniger die eigene (Erfolgs-)Geschichte hervorgehoben als der Systemkonflikt mit dem Westen betont. Darüber hinaus erinnerten mehrere Denkmale an die Geistesgrößen der frühen DDR. Ein Denkmal war dem Komponisten der DDR-Hymne, Hanns Eisler, gewidmet. Ein anderes erinnerte an den Autor des dazugehörigen Textes, Johannes R. Becher.548 Ferner fanden sich auf den Denkmallisten Ehrungen für weitere Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler, deren Hauptwerk in die Zeit vor der Staatsgründung der DDR fiel. Darüber hinaus waren neun Einzelgrabstätten auf den Denkmallisten erfasst. Dies waren insbesondere Gräber von solchen Personen, die neben ihrer eigentlichen Tätigkeit wichtige Funktionen im Parteiapparat, in den Massenorganisationen oder 543 Meuser, Schlossplatz, S. 38. 544 Ebd., S. 39. 545 Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (2003), S. 230. 546 o.A.: Marktbrunnen (URL: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/bauen/brunnen/de/mit/09.shtml, letzter Zugriff am 22. Mai 2016). 547 Am häufigsten erinnerten die Denkmale der ersten Gruppe an den „Kapp-Putsch“ und die Gründung des „Spartakusbundes“ sowie an die sozialistischen Gründungsväter Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Lenin. In Köpenick waren gleich drei Objekte erfasst, welche an die „Köpenicker Blutwoche“ erinnerten. Darunter befand sich eine größere Gedenkanlage von Walter Sutkowski. 548 Er war zeitweilig auch Minister für Kultur und Präsident des „Kulturbundes“ der DDR gewesen. 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 89 in der Regierung der DDR bekleidet hattet.549 Ferner wiesen ihre Biographie vielfach Bezüge zur Arbeiterbewegung oder dem Antifaschismus auf.550 Bemerkenswert ist, dass es sich ausschließlich um die Grabstätten von Männern handelte. Weitere sieben bis 1989 erfasste Massengräber und Ehrenhaine erinnerten an die verschiedenen Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs: Juden, Zwangsarbeiter und Angehörige der Roten Armee. Andere Gedenkanlagen, wie jene für die Sinti, die Opfer des Bombenterrors oder die Gefallenen des „Kapp-Putsches“, befanden sich zwar ebenfalls auf einem Friedhof, dienten aber nicht explizit als Ruhestätten. Am Denkmalbestand des Jahres 1989 ließen sich damit durchaus die entscheidenden Leitlinien ablesen, die zwischen 1949 und 1989/90 in den Bereichen der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur gegolten hatten. Da die Denkmallisten in den achtziger Jahren zumeist jedoch nicht fortgeführt wurden, fehlten auf den Listen allerdings einige wichtige Bauprojekte der späteren Jahre. Womöglich war aus diesem Grunde die industrielle Bauweise auf den Denkmallisten unterrepräsentiert. Das Bild der DDR, das diese Denkmale transportierten, muss allerdings als relativ eindimensional bezeichnet werden. Die Denkmale zeugten insbesondere vom Herrschafts- und Gestaltungsanspruch der neuen Machthaber bei der Zentrumsplanung und bei der Verbesserung der Wohnsituation im Land. Die zahlreichen „Geschichtsdenkmale“ dokumentierten die wesentlichen historischen Legitimationslinien der DDR. Einzelgrabstätten vermittelten den beabsichtigten Eindruck einer Wissenschafts- und Kulturrepublik, welcher auch die Bebauung entlang der „Straße 201“ hatte dienen sollen. Die Politik- und Ereignisgeschichte der DDR spiegelte sich im erfassten Denkmalbestand hingegen gar nicht wider. Die eigenen Denkmale blieben innerhalb des Gesamtbestandes mit rund zehn Prozent eine Minderheit. Die Erfassungsziele der Machthaber wurden damit in der Praxis nur teilweise umgesetzt. Dass die Absichtserklärungen den Realitäten wenig standhielten, zeigte sich auch bei der konkreten Pflege und Betreuung dieser Zeugnisse. Der Fokus lag insbesondere auf prominenten Einzelobjekten. Für den Schutz der übrigen Denkmale fehlten neben der politischen Überzeugen auch die Ressourcen.551 Jürgen Trimborn betont angesichts dessen, dass es viel stärker noch als die politischen Implikationen die Finanzen waren, welche sich auf die konkreten Entscheidungen niederschlugen und entschieden, was machbar war und was nicht.552 549 Dass sich darunter auch die Grabstätten ehemaliger Funktionäre und Mitglieder des „Kulturbundes“ befanden, kann durchaus verwundern. Er hatte eigentlich keine Karrierepositionen zu vergeben, sondern Abstellungs- und Versorgungsposten (Dietrich, Gerd: Kulturbund, in: Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch, herausgegeben von Gerd-Rüdiger Stephan u.a., Berlin 2002, S. 544). 550 Allein der Erfinder der Thermosflasche, Reinhold Burger, fiel aus diesem Reigen heraus. 551 Schmidt, Einführung, S. 71. 552 Trimborn, Denkmale, S. 72. Dieser Mangel wird auch daran deutlich, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg sanierten Bauten zum Teil 1990 wieder gefährdet waren, weil bei der Sanierung Altmaterialien oder minderwertige Baustoffe verwendet worden waren (Magirius, Heinrich: Denkmalpflege. Zum Schicksal der Bau und Kunstdenkmäler in der DDR, in: Kunstchronik 6/1990, S. 244). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 90 Denkmalschutz in West-Berlin Struktur und Akteure Die Bundesrepublik Deutschland wurde 1949 föderal gegliedert. Zu den Hoheitsgebieten der zehn neugebildeten Bundesländer gehörte unter anderem die Kulturpolitik. Bis in die neunziger Jahre hinein nahm der Bund daher vorwiegend auswärtige Kulturaufgaben wahr.553 Eine Abstimmung und Koordinierung der Länderinteressen fand durch die Kultusministerkonferenz der Länder statt.554 Da das Besatzungsstatut in West-Berlin fort galt, fanden Bundesgesetze dort jedoch nicht unmittelbar Anwendung. Sie mussten durch das Abgeordnetenhaus im Zuge der „Mantelgesetzgebung“ zusätzlich bestätigt werden.555 Anders als in der DDR und in den meisten Bundesländern wurde der Denkmalschutz in West-Berlin nach dem Krieg nicht dem Kulturressort zugeordnet. Im Rahmen der allgemeinen Stadterneuerung und der Wiederaufbaumaßnahmen wurde er hier jener Senatsverwaltung unterstellt, die für das Bau- und Wohnungswesen zuständig war.556 Zu einer ersten Verwaltungsumstrukturierung kam es im Jahr 1961, indem die Denkmalpflege von der Stadtbildpflege getrennt wurde. Letztere hatte allen voran fünf geschützte Baubereiche zu überwachen.557 Eine weitere Änderung vollzog sich im Jahr 1981, als die neue Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz gebildet wurde, die fortan die Zuständigkeit für den Denkmalschutz übernahm.558 Die dortige Stabsstelle Baudenkmalschutz war verantwortlich für denkmalrechtliche Genehmigungs- und Widerspruchsverfahren sowie für die Fortführung und Pflege des Baudenkmalbuches.559 Seit 1983 war zudem die Senatsverwaltung für Finanzen in den Denkmalschutz eingebunden, indem sie Eintragungen in das Denkmalbuch bestätigte. Dieses Mitspracherecht führte allerdings dazu, dass letztlich der Senator 3.2.2. 3.2.2.1. 553 Klein, Armin: Kulturpolitik. Eine Einführung. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Wiesbaden 2005, S. 110. Sofern innenpolitische Aspekte der Kulturpolitik zu erörtern waren, verantwortete dies bis 1998/99 das Bundesministerium des Innern (Ebd., S. 110). 554 Die Kommunen stimmten ihre Interessen über den Deutschen Städtetag und den Deutschen Städteund Gemeindebund ab. 555 Kießling, Berlin, S. 60. 556 Schnedler, Henrik: Zur Geschichte der Berliner Denkmalpflege, ihrer Institutionen und rechtlichen Grundlagen, in: Denkmalschutz und Denkmalpflege in Berlin. Jahrbuch 1994, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 1996 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 7), S. 11. Da die Stelle des Landeskonservators längere Zeit unbesetzt blieb, wurde zeitweise darüber nachgedacht, diese Zuordnung zu ändern. Hierzu ist es jedoch nicht gekommen (Kummer, Michael: Denkmalschutz für Berlin? Geschichte des Denkmalschutzrechtes in Berlin, in: Verloren, Gefährdet, geschützt. Baudenkmale in Berlin, herausgegeben von Norbert Huse, Berlin o.J., S. 40). 557 Schnedler, Geschichte, S. 12. 558 Ebd., S. 13. 559 Lindstädt, Kerstin: Der Aufbau der unteren Denkmalschutzbehörden in Berlin nach 1990, in: Berlin im Wandel. 20 Jahre Denkmalpflege nach dem Mauerfall, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Fulda 2010 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 35), S. 464. Fragen der Gartendenkmalpflege und Rechtsangelegenheiten wurden von anderen Abteilungen bearbeitet (Kummer, Denkmalschutz, S. 42). 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 91 für Finanzen – und nicht mehr der fachlich zuständige Landeskonservator aus der Stabsstelle Baudenkmalschutz – über die Eintragungen entschied.560 Da sich diese Regelung darüber hinaus als sehr sperrig und zeitaufwendig erwies, den Prozess der Inventarisation hemmte und im Widerspruch zu Verwaltungsgerichtsentscheidungen stand, wurde sie im Jahr 1988 wieder aufgehoben.561 Auch beim übrigen Behördenaufbau ging West-Berlin eigene Wege. Hier gab es bis 1990 keine Trennung zwischen oberer und unteren Denkmalschutzbehörden sowie Denkmalschutz- und Denkmalfachbehörde. Ein fachlich unabhängiges Landesdenkmalamt existierte nicht.562 Die zwölf West-Bezirke waren institutionell nicht in den Denkmalschutz und die Denkmalpflege eingebunden und besaßen somit nicht die Position eines fachkundigen Ansprechpartners.563 Für die fachliche Beratung stand dem Senator ein ehrenamtlicher Beirat zur Verfügung, den er selbst einberief.564 Die Verwaltungsstruktur des West-Berliner Denkmalschutzes war damit sehr konzentriert. Eine Politisierung blieb nicht aus.565 Mit den Jahren stand ihr allerdings zunehmend eine kritische Öffentlichkeit gegenüber. Deren Engagement für den historischen Baubestand wurde durch das „Europäische Jahr des Denkmalschutzes“ 1975 weiter katalysiert. West-Berlin hatte mit drei Sanierungsgebieten und einem Sanierungsverdachtsgebiet aktiv daran teilgenommen.566 Während die Verwaltungsstrukturen nach 1945 schnell wiederhergestellt und das Personal weitgehend übernommen werden konnte,567 wurde auf die Formulierung umfänglicher Rechtsgrundlagen in West-Berlin zunächst verzichtet. Die Arbeit der Denkmalschützer stütze sich in den ersten Jahren daher auf Verordnungen oder Zusätze in anderen Gesetzten. Eine wesentliche Arbeitsgrundlage war die Bauordnung von 1958 und eine „Verordnungsermächtigung zum Gestaltungsschutz von ‚geschütz- 560 Nellessen, Dieter: Von Baudenkmälern zu Baudenkmalen. Die Entwicklung des Denkmalrechts im Land Berlin von 1949 bis heute, Berlin 2010, S. 147. 561 Schnedler, Geschichte, S. 13. Im konstitutiven Erfassungssystem ist dieser Prozess ohnehin langwieriger. 562 Kummer, Denkmalschutz, S. 42. 563 Ebd., S. 42. Bei Baugenehmigungsverfahren, die das Denkmalrecht betrafen, beteiligten die zuständigen Bezirksämter aber die entsprechenden Fachbereiche (Lindstädt, Aufbau, S. 464). 564 § 4 Gesetz zum Schutz von Denkmalen in Berlin vom 22. Dezember 1977 – Denkmalschutzgesetz Berlin (DSchG Bln), abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 31. 565 Kummer, Denkmalschutz, S. 42. 566 Herr, Maria: Berlin, in: Eine Zukunft für unsere Vergangenheit, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für das Europäische Denkmalschutzjahr 1975, München 1975, S. 80. Sie schienen sowohl für die deutsche als auch für die europäische Stadtbaugeschichte bedeutsam. Das waren das Sanierungsgebiet Kreuzberg/Kottbusser Tor, das Sanierungsgebiet Schöneberg/ Bülowstraße, das Sanierungsgebiet um den Klausener Platz in Charlottenburg und das Sanierungsverdachtsgebiet Kreuzberg/Chamisso-Platz (Ebd., S. 80f.). 567 Körner, Burkhard: Zwischen Bewahren und Gestalten. Denkmalpflege nach 1945, Bamberg 1999, S. 27. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 92 ten Baubereichen‘“.568 Ihr war das Denkmalverzeichnis als Anlage beigefügt. Daher kam es nur im Zuge der Überarbeitung dieser Ordnung zu Bestandserweiterungen. Eine systematische Inventarisation blieb aus.569 Im Jahr 1971 wurde die Bauordnung novelliert, womit sich auch die rechtlichen Grundlagen des Denkmalschutzes erweiterten. Der Umgebungsschutz wurde eingeführt. Bauliche Veränderungen waren nur noch unter Wahrung der Denkmaleigenarten erlaubt.570 Die Handhabe blieb jedoch auf Gestaltungsfragen beschränkt. Eine grundsätzliche Verpflichtung zur Erhaltung, Pflege und Erforschung der Denkmale enthielt die Bauordnung nicht.571 Diese Aufgaben und das Ziel, die Denkmale wissenschaftlich zu erforschen, wurden jedoch explizit im Denkmalschutzgesetz vom 22. Dezember 1977 formuliert. Die Autoren des Gesetzes entschieden sich für das konstitutive Verwaltungssystem. Bauund Bodendenkmale – Gartendenkmale waren nicht inbegriffen – sollten künftig zum Denkmal erklärt werden, indem sie in einem festgelegten Verwaltungsverfahren in ein gesondertes Denkmalbuch eingetragen wurden.572 Ende der achtziger Jahre wurde allerdings erneut über eine Novellierung der bestehenden Ordnung nachgedacht. Ein Organisationsgutachten, das noch vor der friedlichen Revolution in Auftrag gegeben worden war, hatte ergeben, dass die damalige Organisationsform – die Stabsstelle Baudenkmalschutz – „ein Fremdkörper“ in der Berliner Verwaltung war.573 Zudem hatte sich das konstitutive Verfahren als sperrig erwiesen. Zu einer entsprechenden Gesetzesänderung ist es vor der Vereinigung allerdings nicht mehr gekommen.574 568 Kummer, Denkmalschutz, S. 40. 569 Schnedler, Henrik: Viele Haken – wenig Ösen. Zehn Jahre Denkmalschutzverfahren nach dem Berliner Denkmalschutzgesetz von 1977, in: Verloren, Gefährdet, geschützt. Baudenkmale in Berlin, herausgegeben von Norbert Huse, Berlin o.J., S. 233. 570 Kummer, Denkmalschutz, S. 40. 571 Schnedler, Haken, S. 233. 572 §§ 1, 2 und 6 Gesetz zum Schutz von Denkmalen in Berlin vom 22. Dezember 1977 – Denkmalschutzgesetz Berlin (DSchG Bln), abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 31f. Dieses Verfahren gliederte sich auf „in eine Anhörung, die den Verfügungsberechtigten über die beabsichtigte Unterschutzstellung informierte und ihm Gelegenheit gab sich zu diesem Vorhaben zu äußern. Im nächsten Schritt bekam er einen rechtsmittelfähigen Bescheid über die Eintragung zugestellt, gegen den bei Gericht Klage eingelegt werden konnte“ (Nellessen, Baudenkmälern, S. 156). Die Denkmalbegründungen hatten daher stets so stichhaltig zu sein, dass sie – falls der Eigentümer des Denkmals dessen Denkmalwert anzweifelte – im Rahmen einer juristischer Auseinandersetzung der gerichtlichen Überprüfung hätten standhalten können (Ebd., S. 209). 573 LA Berlin B Rep. 002 Nr. 38207. Schreiben des Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz an den Regierenden Bürgermeister vom 13. Dezember 1988, ohne Betreff. 574 Dieter Nellessen führt dies auf die Ergebnisse der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus 1989 und die veränderten Machtverhältnisse zurück. Als stärkste Kraft ging hieraus die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) hervor. Zuvor hatte die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) mit der Freien Demokratischen Partei (FDP) regiert. Letztere hatte wohl die letzte Fassung ins Abgeordnetenhaus eingebracht (Nellessen, Baudenkmälern, S. 164/159). Bis 2001 war die Abkürzung F.D.P. gebräuchlich. Im Sinne des Leseverständnisses entfallen die Punkte des Schriftzugs im Folgenden. 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 93 Bewertungskriterien In Bezug auf den Denkmalbegriff, der in West-Berlin Anwendung fand, zeigten sich große Übereinstimmungen mit den Gesetzestexten der zehn westdeutschen Bundesländer. Es verstand all jene Objekte als Denkmale, „deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Bedeutung oder wegen ihrer Bedeutung für das Stadtbild im Interesse der Allgemeinheit“ lag.575 Dies entsprach einem „offenen, pluralistischen und erweiterungsfähigen Denkmalbegriff “.576 In der Praxis spielten darüber hinaus ästhetische, infrastrukturelle und modernisierungstheoretische Überlegungen eine Rolle. So wurden die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs auch hier genutzt, um bauliche „Fehler“ zu korrigieren: Spuren des Historismus und anderer „störender“ Bauschichten wurden beseitigt und Bauwerke mit modernen Formen „repariert“ und ergänzt.577 Zu Beginn der siebziger Jahre wich die Fortschritts- und Modernisierungseuphorie dann aber einem (zumindest oberflächlich) stärkeren Bedürfnis nach Geschichtlichkeit, was sich an der Zahl der Sanierungen und Rekonstruktionen des Verlorenen zeigte.578 Eingetragene Denkmale Die zunächst mangelhafte Rechtsgrundlage und das Fehlen von Fach- und unteren Denkmalschutzbehörden dürften ursächlich dafür gewesen sein, dass der inventarisierte Denkmalbestand in West-Berlin stets einen geringen Umfang besaß. Im Denkmalverzeichnis, das der Bauordnung angehängt war, waren im Jahr 1958 141 und zuletzt (1978) 193 Baudenkmale verzeichnet gewesen.579 Im Zuge der Verabschiedung des neuen Denkmalschutzgesetzes wurde die Inventarisation intensiviert. 1.500 Baudenkmale sollten neuerfasst werden. Experten gingen jedoch davon aus, dass sich noch weit mehr Denkmale im Stadtraum befanden. Ihre Angaben reichten von 8.000 bis zu 15.000 Objekten.580 Auch in den darauffolgenden Jahren kam es nicht zu einer breitangelegten, systematischen Denkmalerfassung. Häufig erfolgte sie eher willkürlich im Zusammenhang mit Abrissanträgen oder im Zuge baulicher Veränderungen.581 Jährlich wurden auf 3.2.2.2. 3.2.2.3. 575 § 2 Abs. 2. Gesetz zum Schutz von Denkmalen in Berlin – vom 22. Dezember 1977 Denkmalschutzgesetz Berlin (DSchG Bln) –, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 31. 576 Schmidt, Einführung, S. 68. 577 Hubel, Denkmalpflege, S. 138ff. 578 Schmidt, Einführung, S. 67f. 579 Schnedler, Haken, S. 233. Aufgenommen wurden nur solche Objekte, die sich im öffentlichen Besitz befanden oder deren Eigentümer mit der Eintragung als Denkmal einverstanden waren (Ebd., S. 233). 580 Kummer, Denkmalschutz, S. 42/45. Dieser nach Drucksachen 7/780 und 7/1070 und Protokoll der Sitzung vom 17. März 1977 des Berliner Abgeordnetenhauses sowie Memorandum zur Lage des Denkmalschutzes des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Bonn 1983 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 20), S. 67. 581 Schnedler, Haken, S. 234. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 94 diese Weise etwa 70 bis 100 neue Denkmale erfasst.582 Ab 1984 wurde nochmalig versucht, das Erfassungstempo mit Siebenjahresplänen zu erhöhen.583 Hierbei wurden auch die „Spitzenwerke“ der Nachkriegszeit berücksichtigt. Zu diesen zählten etwa die Verkehrskanzel von Werner Düttmann in Berlin-Charlottenburg, die „Amerika- Gedenk-Bibliothek“ in Berlin-Kreuzberg oder die Berliner Philharmonie von Hans Scharoun in der Nähe des Tiergartens.584 Der Einsturz der Kongresshalle im Jahr 1980 hatte das Nachdenken über die Werte der Nachkriegsarchitektur und ein stärkeres Bewusstsein für ihren Erhalt befördert.585 Trotz all dieser Bemühungen kann das West-Berliner Denkmalverzeichnis des Jahres 1989 nicht als repräsentative Auswahl der dortigen Denkmalsubstanz bezeichnet werden. Es ermöglichte keine quantitativen und qualitativen Aussagen über die Denkmallandschaft im Westteil der Stadt.586 Gemeinsamkeiten und Kooperationen Neben allen Unterschieden in Bezug auf die Strukturen, ideologischen Leitlinien und konkreten Bemühungen um das jüngere Denkmalerbe fallen auch Parallelentwicklungen in den beiden Stadthälften auf. Eine enge Verzahnung zwischen Politik und Fachdenkmalpflege fand sich in Ost- und West-Berlin, wenngleich die Gründe und Konsequenzen nicht dieselben gewesen sein mögen. Im Westteil der Stadt fehlten untere Schutzbehörden und eine unabhängige Fachbehörde. Diese waren in der DDR zwar faktisch gegeben, doch politisch oft ausgehöhlt worden. Die Jahre 1983 bis 1988, in denen jede Denkmaleintragung in West-Berlin einer Genehmigung durch die Senatsverwaltung für Finanzen bedurfte, offenbarten zudem, dass auch dort ökonomische und nicht allein fachliche Argumente eine Rolle bei der Denkmalerfassung spielten. Wurden die gesetzlichen Kriterien in der DDR zusätzlich durch ideologische Erwägungen ergänzt, so waren es in West-Berlin in der Praxis ästhetische, infrastruktu- 3.2.3. 582 Ebd., S. 233. 583 Schnedler, Geschichte, S. 13. Vor allem mithilfe von Werkverträgen sollten weitere Denkmaltopographien entstehen. 1988 wurde der Band zu Reinickendorf veröffentlicht, im Mai 1993 jener über die Denkmale in Grunewald (Ebd., S. 13). Da seit 1986 eine erneute Gesetzesnovellierung geplant war, die eine Umstellung auf das nachrichtliche System zum Ziel hatte, waren die Bemühungen seitdem nicht zuletzt durch das notwendige Vorliegen einer nachrichtlichen Denkmalliste motiviert gewesen (Schnedler, Henrik: Bilanz im Bereich der Inventarisierung von Baudenkmalen in Berlin 1990–1995, in: Denkmalpflege nach dem Mauerfall. Eine Zwischenbilanz. Jahrbuch 1995, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 1997 [= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 10], S. 26). 584 Dolff-Bonekämper, Gabriele: Denkmalschutz für die Nachkriegsmoderne in West- und Ostberlin, in: Berlin im Wandel. 20. Jahre Denkmalpflege nach dem Mauerfall, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Fulda 2010 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 35), S. 156. 585 Heuler, Norbert: Konservatorische Probleme im Umgang mit Bauten der 50er Jahre – Erfahrungen in Berlin 1980–1989, in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 190. 586 Schnedler, Haken, S. 237. 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 95 relle oder modernisierungstheoretische Überlegungen, welche auf die Entscheidungen der Denkmalschützer einwirkten. Nach einer Phase der Fortschrittseuphorie folgte Mitte der siebziger Jahre in beiden Stadthälften ein Umdenken in Bezug auf die Denkmalsubstanz, was sich in Rekonstruktionen, Sanierungen und historisierenden Bauformen ausdrückte. Zwar nahm die DDR offiziell nicht am „Europäischen Jahr des Denkmalschutzes“ teil, doch verabschiedete sie parallel zu der Aktion des Europarates und den westdeutschen Bundesländern ein entsprechendes Gesetz. Wichtige Grundlage hierfür war für beide Seiten die „Charta von Venedig“.587 Mit Stephanie Warnke kann daher festgehalten werden, dass sich „unter der Oberfläche des Systemgegensatzes zahlreiche Gemeinsamkeiten sowohl in den gebauten Formen als auch im gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Architektur“ finden lassen.588 Die Parallelen lassen vermuten, dass auch in den Jahren der Teilung ein Austausch zwischen den ost- und westdeutschen Akteuren dieses Bereichs stattfand. Fortgeführt wurde etwa die gemeinsame Arbeit an den seit Anfang des 20. Jahrhunderts herausgegebenen Dehio-Bänden, welche laut Dieter Martin „immer als gesamtdeutsches wissenschaftliches Unternehmen gesehen“ wurden.589 Der „Dehio" gilt „bis heute [als] die einzige, flächendeckende, ganz Deutschland und Österreich […] abdeckende Denkmaltopographie“, welche eine Gesamtübersicht über „das qualitativ oberste Drittel des Denkmalbestandes“ gibt.590 Die seit dem Jahr 1958 für die Bearbeitung und Herausgabe der Bände zuständige „Dehio-Vereinigung“ war damit „ein wichtiges, kontinuierliches Bindeglied zwischen den beiden Teilen Deutschlands.“591 Mit der Gründung des „Internationalen Rats für Denkmalpflege“ (ICOMOS) gab es seit 1965 auch auf internationaler Ebene eine offizielle Möglichkeit der Begegnung und des Austauschs. Aufgrund der fehlenden staatlichen Anerkennung war die DDR zunächst jedoch kein offizielles Mitglied.592 Gleichwohl ICOMOS mit seiner Namensgebung weltweiten Einfluss anstrebte, war es stark kontinentaleuropäisch geprägt. 587 Schädler-Saub, Ursula: Einführung, in: Geteilt vereint! Denkmalpflege in Mitteleuropa zur Zeit des Eisernen Vorhangs und heute, herausgegeben von Ursula Schädler-Saub und Angela Weyer, Petersberg 2015 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 59 sowie Schriften des Hornemann Instituts, Band 16), S. 16. Sie beruft sich auf eine Aussage des Juristen und ehemaligen Mitarbeiters im Bereich der bayerischen Denkmalbetreuung, Dieter Martin, den sie im Rahmen eines Projekts zur Denkmalpflege im geteilten Deutschland interviewte. Die 1964 auf einem internationalen Kongress der Architekten und Denkmalpfleger verabschiedete „Charta von Venedig“ war eine Weiterentwicklung der „Charta von Athen“. In ihr wurden die Grundlagen für die Konservierung und Restaurierung von Denkmalen festgelegt. Wenngleich sie keine Rechtsverbindlichkeit besitzt, gilt sie heute als „Grundgesetz der Denkmalpflege“ und „einzige weltweit anerkannte Formulierung von Grundsätzen der Denkmalpflege und des Denkmalschutzes“ (Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 186f.). 588 Warnke, Stephanie: Stein gegen Stein. Architektur und Medien im geteilten Berlin 1950–1970, Frankfurt a.M. 2009, S. 14f. 589 Schädler-Saub, Einführung, S. 21. 590 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 172f. 591 Schädler-Saub, Einführung, S. 21. 592 Deiters, Institut, S. 44. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 96 Sein Führungspersonal stellten mehrheitlich die Staaten Ost- und Westeuropas, in welchen auch die meisten Aktivitäten und Versammlungen stattfanden.593 Für die dortige Zusammenarbeit schienen die gemeinsamen Wurzeln aus der Vorkriegszeit bedeutsamer zu sein als die Entzweiung im Kalten Krieg. Es zeigte sich, dass Denkmalschützer östlich und westlich des Eisernen Vorhangs noch immer eine gemeinsame Tradition und ähnliche Werte und Vorstellungen über den Umgang mit dem historischen Erbe besaßen.594 Demzufolge betonten damalige Denkmalschützer in ihren späteren Erinnerungen oft, dass auch inoffiziell ein steter Austausch stattgefunden habe und eine kollegiale Unterstützung zu erleben gewesen sei. Hans Nadler, langjähriger Leiter der Arbeitsstelle Dresden, berichtete etwa von kostenlosen Büchersendungen an die Arbeitsstelle des „Instituts für Denkmalpflege“ in Dresden.595 Ende der achtziger Jahre kam es dann auch auf offizieller Ebene zu einer bilateralen Annäherung. Seit 1986 hatte sich der deutsch-deutsche Kulturaustausch infolge eines jahrelang verhandelten Kulturabkommens intensiviert. Dieses sah „die Zusammenarbeit zwischen Institutionen der Denkmalpflege“ als förderungswürdig an.596 Im Rahmen der Verhandlungen wurden Jahresarbeitspläne festgelegt, mit denen Projekte aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur verbindlich vereinbart worden waren.597 Der Arbeitsplan für das Jahr 1989 enthielt zwei wichtige denkmalpflegerische Fragestellungen.598 So trafen sich die Konservatoren der DDR und der Bundesrepublik bereits vor dem Mauerfall zu einer gemeinsamen Tagung in Hannover. Zentrales Thema waren die Erfahrungen im Bereich der Inventarisation.599 Ende 1989 sollte der Arbeitsplan für die nächsten zwei Jahre festgelegt werden. Im Vorfeld der ersten Gespräche hatten sich dann jedoch wichtige Parameter gewandelt, welche neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichten. 593 Gfeller, Aurélie Elisa: Preserving cultural heritage across the iron curtain: The international council on monuments and sites from venice to moscow, 1964–1978, in: Geteilt vereint! Denkmalpflege in Mitteleuropa zur Zeit des Eisernen Vorhangs und heute, herausgegeben von Ursula Schädler-Saub und Angela Weyer, Petersberg 2015 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 59 sowie Schriften des Hornemann Instituts, Band 16), S. 116. 594 Ebd., S. 117. 595 Pfo: Der Retter, in: Monumente 9+10/1992, S. 24. 596 § 3 Abs. 7 Abkommen zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik über kulturelle Zusammenarbeit vom 6. Mai 1986, abgedruckt in: Dokumentation zu den innerdeutschen Beziehungen. Abmachungen und Erklärungen, 13. erweiterte Auflage, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1990, S. 377. 597 Lindner, Sebastian: Mauerblümchen Kulturabkommen, in: Deutschland Archiv 44/2011, S. 190f. Allerdings muss die Wirkung des Abkommens insgesamt gering eingeschätzt werden. Lindner bezeichnet es deshalb als ein „Mauerblümchen" (Ebd., S. 192). 598 Möller, Hans-Herbert: Die Denkmalpflege und das Kulturabkommen, in: Inventarisation in Deutschland, herausgegeben von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 1990 (= Berichte zur Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 1), S. 5. 599 Vergleiche den Tagungsband: Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Inventarisation in Deutschland, Hannover 1990 (= Berichte zur Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 1). 3.2. Denkmalschutz im geteilten Berlin 97 Ende und Nachleben der DDR Im Herbst 1989 war in Ost- und Mitteleuropa politisch einiges in Bewegung geraten. Innerhalb der DDR verlangte die Bürgerbewegung nach mehr Legitimität und Transparenz des politischen Regimes. Wie jedes geschichtliche Ereignis, so warf auch dieses seine Schatten voraus und ist nicht monokausal erklärbar. Außenpolitisch leiteten insbesondere der Machtwechsel in Moskau und die dort eingeleiteten Reformen, die als Glasnost und Perestroika in die Geschichte eingingen, sowie die Solidarność in Polen, den Wandel ein. Innenpolitisch spielten neben konkreten Anlässen – wie der Offenlegung des Betrugs bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 1989 – die zunehmende Staatsverschuldung der DDR, katastrophale Versorgungszustände, ein mangelnder Reformwille und die wachsende Unzufriedenheit in der DDR-Bevölkerung eine wichtige Rolle. Zu letzteren trugen auch die Monotonie der Stadtbilder und der Zerfall der Altstädte bei. Dies sind jedoch nur wenige Schlagworte all der Entwicklungen, die sich in jener Zeit wechselseitig bedingten und an anderer Stelle ausführlich dargelegt worden sind.600 Zu Beginn versuchte die Führung der DDR den Entwicklungen entgegenzusteuern und einzulenken. Der Versuch, die aufkeimende ökologische Protestbewegung in die staatsnahen Bahnen des „Kulturbundes“ zu lenken,601 misslang langfristig jedoch ebenso wie vergleichbare Bemühungen in anderen Gesellschaftsbereichen. Es kam zu mehreren Regierungsumbildungen und Verfassungsänderungen. Erst trat Erich Honecker von allen Ämtern zurück, dann die amtierende Regierung Willi Stoph.602 Am 1. Dezember 1989 wurde die Souveränität der Partei aus dem Verfassungstext gestrichen,603 womit die Machtstellung der SED zusammenbrach und die Doppelstruktur des Staates ein Ende hatte. Die nicht legitimierten Staatsorgane blieben zunächst aber gewissermaßen als „geschäftsführende ‚Verfassungsorgane‘ weiterbestehen“.604 In der Folge leitete vor allem der zentrale „Runde Tisch“ die innenpolitischen Geschicke des Landes. An ihm kamen Vertreter der Regierung, der neuen Bürgerinitiativen, der Blockparteien und andere Massenorganisationen wie des FDGB zusammen. Er bereitete unter anderem die ersten freien Wahlen der DDR vor, welche im März 1990 stattfanden und die Regierung Lothar de Maizière sowie die erste freigewählte Volkskammer hervorbrachten. Mit ihrem Kommunalverwaltungsgesetz und dem Gesetz zur Wiedereinführung der Länder reformierten diese die DDR-Verwaltung grundlegend und überführten den zentralistischen Staat in einen föderalen. 3.3. 600 Unter den diversen Überblicksdarstellungen zu den außen- und innenpolitischen Einflussfaktoren sei jene von Andreas Rödder empfohlen: Rödder, Andreas: Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, 2. durchgesehene Auflage, München 2009. 601 Probst, Lothar: Der Norden wacht auf. Zur Geschichte des politischen Umbruchs in Rostock im Herbst 1989, Bremen 1993, S. 24. 602 Sie wurde ersetzt durch ein Kabinett um Hans Modrow. 603 Luchterhandt, Otto: § 185. Der Aufbau des parlamentarischen Regierungssystems der DDR, in: Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland. Band VIII. Die Einheit Deutschlands. Entwicklungen und Grundlagen, herausgegeben von Josef Isensee und Paul Kirchhof, Heidelberg 1995, S. 38. 604 Ebd., S. 36. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 98 Außenpolitisch ermöglichte dieser Wandel eine Annäherung der beiden deutschen Staaten und Stadthälften, die eine ungeahnte Dynamik entfaltete. Im Juli 1990 trat zunächst die Wirtschaft-, Währungs- und Sozialunion in Kraft, am 3. Oktober dann der Vertrag über die deutsche Einheit, welcher das Ende der DDR und der Teilung Berlins besiegelte. Fortan stellte sich die Frage nach der historischen Einordnung und Bewertung der DDR. Von Beginn an standen individuelle, kommunikative und kulturelle Formen der Erinnerung sowie wissenschaftliche Zugänge der Zeitgeschichte nebeneinander, widersprachen sich teilweise und konkurrierten miteinander. In den ersten Monaten nach der friedlichen Revolution schien das Bewahrens- und Erinnernswerte der DDR für die meisten ihrer einstigen Bürger allerdings noch von geringem Interesse und ein Störfaktor im „deutsch-deutschen Zusammenwachsen“ zu sein. Erst die spätere Ernüchterung über das neue System führte dazu, wieder verstärkt Bezugspunkte in der eigenen (DDR-)Geschichte zu suchen und sich mit dieser auseinander zusetzten.605 Dietrich Mühlberg datiert die erste Phase, die von der Hoffnung auf ein besseres Leben geprägt war, auf die Jahre 1990 bis 1992. Die Ernüchterung und Aufwertung der alten Ding- und Bildwelt der DDR verortete er in den Jahren 1993 bis 1996.606 Da sich die allgemeinen Deutungsangebote nach 1989 auch auf die Bewertung und Wahrnehmung des Denkmalbestandes niederschlugen und gewissermaßen die Hintergrundfolie für die Debatten um das Denkmalerbe der DDR bildeten, sollen sie an dieser Stelle kurz dargestellt werden. Zudem helfen die gewonnenen Erkenntnisse später bei der Beantwortung der Frage, für welche Deutung der Geschichte die 1995 erfassten Denkmale am ehesten Anknüpfungspunkte boten und welche Vorentscheidungen damit in Bezug auf die künftige Erinnerung an die DDR getroffen worden sind. 605 Sabrow, Martin: Die DDR erinnern, in: Erinnerungsorte der DDR, herausgegeben von ders., München 2009, S. 17f. Im Jahr 1990 ließ sich beispielsweise ein immenser Austausch der Gebrauchsgegenstände feststellen. Die Müllberge in Ostdeutschland überstiegen jene des Westens. Sie waren an den Rändern von Feldern, Wäldern und Straßen zu finden (Hübner, Peter: „Revolution in der Schrankwand?“ Die Objektkultur des DDR-Alltags und ihre Musealisierung in der Perspektive sozialhistorischer Forschung, in: Alltag und soziales Gedächtnis. Die DDR-Objektkultur und ihre Musealisierung, herausgegeben von Gerd Kuhn und Andreas Ludwig, Hamburg 1997, S. 153. Dieser nach: Statistisches Bundesamt: Datenreport 1994. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1994, S. 310f.). Allerdings gab es von Beginn an auch gegenläufige Tendenzen. Monika Flacke berichtet etwa von vielen Alltagsobjekten, welche nach einem Aufruf ins Deutsche Historische Museum (DHM) gebracht wurden. Damit wollten die Überbringer früh eine Musealisierung der DDR betreiben (Flacke, Monika: Alltagsobjekte der ehemaligen DDR. Zur Sammeltätigkeit des Deutschen Historischen Museums, in: Probleme der Musealisierung der doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte, herausgegeben von Bernd Faulenbach und Franz-Josef Jelich, Essen 1993 [= Geschichte der Erwachsenenbildung, Band 1], S. 61). 606 Mühlberg, Dietrich: Vom langsamen Wandel der Erinnerung an die DDR, in: Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, herausgegeben von Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow, Frankfurt a.M. 2002, S. 231–241. Eine dritte Phase machte Mühlberg für die Jahre 1996–2001 aus (Ebd., S. 242–248). 3.3. Ende und Nachleben der DDR 99 Martin Sabrow legte im Jahr 2009 ein besonders evidentes Modell zu den unterschiedlichen Interpretationen der DDR vor. Er unterschied zwischen dem „Diktatur“-, „Arrangement“- und „Fortschrittsgedächtnis“.607 Das erste Deutungsangebot, das er „Diktaturgedächtnis“ nannte, interpretierte die DDR als totalitäres, autoritäres oder diktatorisches Regime und betonte insbesondere den Macht- und Repressionscharakter des Unterdrückungsstaates. Es wertete die Kategorien „Täter“ und „Opfer“ auf und hob im Besonderen die Überwindung der Missstände durch die friedliche Revolution hervor. Die sozialen Leistungen des Regimes, wie etwa das breite Angebot an Kinderkrippen, traten dahinter zurück. Da die Vertreter dieser Sichtweise das Regime und die deutsche Teilung als unrechtmäßig und dauerhaft nicht akzeptabel einstuften, war das Ende der DDR für sie konsequent und zwangsläufig. Diese Deutung der DDR war damit stark normativ und teleologisch.608 Dieses Deutungsangebot, das vor allem von einstigen Opfern des SED-Regimes, prominenten Bürgerrechtlern, der offiziellen Politik und der Mehrheit der Westdeutschen vertreten wurde, dominierte in den frühen neunziger Jahren den öffentlichen Diskurs. Waren hierbei zunächst die Opferverbände tonangebend, so übernahm später die Politik das Primat der Erinnerung und des Gedenkens.609 Obwohl der Diskurs aus westlicher Perspektive geführt wurde,610 erlahmte das Interesse am Osten in der alten Bundesrepublik relativ schnell.611 Der Blick auf die DDR hatte ihr in erster Linie „als Negativfolie für die eigene Erfolgsgeschichte“ gedient.612 Da das „Diktaturgedächtnis“ insbesondere von der (neuen) Meinungselite vertreten wurde, wurde es von Beginn an institutionell abgestützt.613 Bereits die Mitglieder des zentralen „Runden Tisches“ der DDR hatten sich auf ihrer neunten Sitzung mit Plänen zur Errichtung einer Forschungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg – einem Täterort – befasst.614 607 Sabrow, DDR, S. 18f. 608 Ebd., S. 18. 609 Rudnick, Barbara: Die andere Hälfte der Erinnerung. Die DDR in der deutschen Geschichtspolitik nach 1989, Bielefeld 2011, S. 731. Es können diesbezüglich unterschiedliche Phasen – auch in Abhängigkeit von den jeweiligen politischen Mehrheitsverhältnissen – ausgemacht werden. Bis 1992 lag der Fokus eher auf technokratischen Aspekten wie der Rehabilitierung und Strafverfolgung. Andere Erinnerungs- und geschichtspolitische Fragestellungen rückten erst danach auf die Agenda (Ebd., S. 36). 610 Ahbe, Thomas: Die DDR im Alltagsbewusstsein ihrer ehemaligen Bevölkerung, in: DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, herausgegeben von Jens Hüttmann, Ulrich Mählert und Peer Pasternack, Berlin 2004, S. 132. 611 Mählert, Ulrich, Wilke, Manfred: Die DDR-Forschung – ein Auslaufmodell?, in: DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, herausgegeben von Jens Hüttmann, Ulrich Mählert und Peer Pasternack, Berlin 2004, S. 145. 612 Jarausch, Zukunft, S. 85. Er beruft sich hierbei auf die Website des „Hauses der deutschen Geschichte“ in Bonn. 613 Ebd., S. 83. 614 Vorlage 9/5 der 9. Sitzung des zentralen Runden Tisches vom 22. Januar 1990. Antrag der Grünen Partei zur Errichtung einer Gedenk- und Forschungsstelle zum DDR-Stalinismus, abgedruckt in: Der Zentrale Runde Tisch der DDR. Band II: Umbruch, herausgegeben von Uwe Thaysen, Wiesbaden 2000, S. 525. 3. Historische und strukturelle Grundlagen 100 Viele ehemalige DDR-Bürger konnten sich mit dieser Deutung der DDR jedoch nicht identifizieren. Die Mehrheit von ihnen erinnerte sich vor allem an den eigenen Alltag, nicht an die politischen Strukturen und die Repression.615 In dem Begriff Unrechtsstaat sahen sie zudem eine Enteignung ihrer eigenen Biographie, weshalb sie das Diktaturgedächtnis als eine Art „Siegergedächtnis“ interpretierten.616 In ihrem Unbehagen drückten sich nicht zuletzt generelle Zweifel an dem neuen Wertehimmel des vereinigten Deutschland aus.617 Sie sagten: Ebenso wenig wie in der DDR alles schlecht gewesen war, sei nun alles gut geworden. Das „Arrangementgedächtnis“ kann daher als Reaktion auf das Diktaturgedächtnis und als dessen Ergänzung begriffen werden. Dies kommt in dem Begriff der widersprüchlichen Erinnerung zum Tragen, der die beiden miteinander verschränkt.618 Dieses zweite Deutungsangebot wertete den Bereich der Alltagskultur auf und stellte dem öffentlichen Gedenken private Erinnerungen zur Seite. Damit konnte zugleich der professionalisierte Diskurs um den Laiendiskurs erweitert werden.619 Vertreter dieser Sichtweise bestritten nicht den generellen Unrechtscharakter des Regimes, betonten aber, dass es sich trotz aller Mängel gut in ihm auskommen ließ.620 Das Arrangementgedächtnis versuchte damit eine Antwort auf die spannungsreiche Frage zu geben, ob ein „richtiges“ Leben unter „falschen“ Bedingungen möglich gewesen war.621 Dieser Blick auf die DDR war unter anderem in den literarischen Beschreibungen der frühen neunziger Jahre zu finden.622 Das „Fortschrittsgedächtnis“ deutete die DDR am positivsten. Wenngleich es ihren repressiven Charakter nicht generell bestritt, versuchte es, die DDR nachträglich zu legitimieren. In diesem Sinne wurde sie von ihren Anfängen her und als echte Alternative zum Kapitalismus gedeutet.623 Diese Interpretation verhielt sich damit gegenläufig zu dem teleologischen Diktaturgedächtnis. Der Sozialismus wurde auch nach seinem politischen Niedergang weiter mit positiven Zielen und Idealen verbunden: Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität.624 Als Erklärungen für sein Scheitern wurden daher insbesondere externe Faktoren angeführt: wirtschaftliche und politi- 615 Leo, Annette: Studien zum Geschichtsbewusstsein Ost- und Westdeutscher, in: Deutsche Teilung, Repression und Alltagsleben. Erinnerungsorte der DDR-Geschichte, herausgegeben von Heidi Behrens und Andreas Wagner, Leipzig 2004, S. 67. 616 Sabrow, DDR, S. 21. 617 Ebd., S. 18f. 618 Jarausch, Zukunft, S. 85. 619 Pasternack, Peer: Wozu die DDR lehren?, In: DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, herausgegeben von Jens Hüttmann, Ulrich Mählert und Peer Pasternack, Berlin 2004, S. 164. Pasternack unterschied neben dem professionalisierten und dem Laiendiskurs auch zwischen dem Legitimationsdiskurs, dem Delegitimationsdiskurs und dem analytischen Diskurs (Ebd., S. 164f.). 620 Sabrow, DDR, S. 19. 621 Faulenbach, Bernd: Die DDR als Gegenstand der Geschichtswissenschaften, in: DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, herausgegeben von Jens Hüttmann, Ulrich Mählert und Peer Pasternack, Berlin 2004, S. 77. 622 Sabrow, DDR, S. 20. 623 Ebd., S. 19. 624 Ebd., S. 15. 3.3. Ende und Nachleben der DDR 101 sche Abhängigkeiten sowie andere Zwänge, denen die DDR ausgesetzt gewesen war – außenpolitische Konstellationen inbegriffen. Auch der kapitalistische Westen wurde daher wegen seines Fehlverhaltens während des Kalten Krieges angegriffen,625 wodurch zugleich die politische und moralische Gleichwertigkeit beider Staaten und Systeme unterstellt wurde.626 Diese Sicht auf die DDR nahmen allen voran einstige Eliten, die Nomenklatura und regimetreue Kreise im Umfeld der PDS ein.627 In den etablierten Foren der Geschichtswissenschaft und im öffentlichen Gedenken fand diese Deutung allerdings kaum Widerhall. Insbesondere ehemals in der DDR tätige Historiker riefen daher eigene Foren, Publikationszirkel und Vereine ins Leben. Hierzu zählten beispielsweise die jeweils 1992 gegründeten „Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung“ und die „Alternative Enquêtekommission“. Gemeinsam stellten sie ein informelles Kommunikationsnetzwerk ohne große finanzielle Unterstützung628 und eine fortbestehende nachsozialistische Subkultur dar.629 Diesem dritten Interpretationsangebot und „der alternativen historischen Kultur“ wurden daher eine geringere Halbwertszeit vorausgesagt.630 625 Sabrow, Martin: Die DDR im nationalen Gedächtnis, in: Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte, herausgegeben von Jörg Baberowski u.a., München 2001, S. 95. 626 Sabrow, DDR, S. 19. 627 Ebd., S. 20. 628 Berger, Stefan: Was bleibt von der Geschichtswissenschaft der DDR? Blick auf eine alternative historische Kultur im Osten Deutschlands, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 11/2002, S. 1019f. Stefan Berger betont jedoch, dass es in diesem Netzwerk sowohl parteinahe (PDS) als auch parteiunabhängige Initiativen gab, in denen die DDR und die eigene Rolle im SED-Regime keinesfalls einheitlich und per se unkritisch gesehen wurde (Ebd., S. 1018f.). 629 Ebd., S. 1020. Dieser nach Lieberam, Ekkehard, Wötzel, Roland: Geblieben ist eine nachsozialistische Subkultur, in: Neues Deutschland vom 11. Januar 2000. 630 Vergleiche hierzu etwa: Mählert/Wilke, DDR-Forschung, S. 150 / Berger, Geschichtswissenschaft, S. 1033. Andreas Ludwig verwies demgegenüber darauf, dass ebenso umstritten sei, inwieweit und in welcher Form der DDR-Alltag, der dem individuellen und kommunikativen Gedächtnis zuzuordnen ist, in das kulturelle Gedächtnis eingehen werde (Ludwig, Andreas: Die Alltagskultur der DDR nach 1989/90, in: Bewältigte Diktaturvergangenheit? 20 Jahre DDR-Aufarbeitung, herausgegeben von Martin Sabrow, Leipzig 2010 [= Helmstedter Colloquien, Heft 12], S. 92). 3. Historische und strukturelle Grundlagen 102

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References

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der friedlichen Revolution auf das junge Ost-Berliner Denkmalerbe. Sie zeigt, wie jene Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur nach dem Mauerfall bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Die Autorin fragt nach den Akteuren und Interessen in diesem Prozess, arbeitet wesentliche Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs heraus und untersucht anhand der selbstgewonnenen Datenbasis deren Wirkmächtigkeit. Dabei weist sie nach, dass von einer generellen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR und einer Unvereinbarkeit mit der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur keineswegs die Rede gewesen sein kann. Am Ende der Neubewertung stand vielmehr ein beispielloses Bekenntnis zum Denkmalerbe des früheren Regimes. Damit beleuchtet die Studie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, fügt einen neuen Mosaikstein in das Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur ein und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens rund um das Epochenjahr 1989.