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9. Schlussbetrachtungen in:

Nina Ziesemer

Denkmalbestand im Wandel, page 307 - 316

Denkmale der DDR nach 1989

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4207-6, ISBN online: 978-3-8288-7111-3, https://doi.org/10.5771/9783828871113-307

Tectum, Baden-Baden
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Schlussbetrachtungen Nach dem Zweiten Weltkrieg und der doppelten deutschen Staatsgründung setzte auf dem Gebiet der DDR ein intensives Baugeschehen ein. Die Funktionäre des jungen Staates nutzten – ähnlich wie wenige Jahre vor ihnen noch Albert Speer für den NS- Staat – bewusst das kommunikative und assoziative Potential der Architektur. Mit ihrer Hilfe stellten sie die neuen Machtverhältnisse nach innen wie nach außen dar und traten mit der benachbarten Bundesrepublik in Konkurrenz. Einige der so entstandenen Bauten wurden bereits wenige Jahre später von den Behörden auf Landes-, Bezirks- und Kreisebene unter Denkmalschutz gestellt. Diese Praxis brach mit der Tradition der Disziplin. Für gewöhnlich bewerten und sichern Denkmalschutz und Denkmalpflege die entstandene Architektur erst nach Ablauf von dreißig Jahren oder dem Ende einer Kulturepoche. Mit dem Denkmalstatus der jungen Bauten wollte das SED-Regime aber deren Erhalt und Pflege absichern sowie ihre gesellschaftliche Aneignung und Überführung in das kollektive Gedächtnis vorantreiben. Dieser junge Teil des Denkmalerbes blieb eine Minderheit im Gesamtbestand. Er setzte sich insbesondere aus den sogenannten Geschichtsdenkmalen zusammen. Dies waren Werke der Bau-, Gedenk- oder Sepulkralkultur der DDR, die insbesondere wegen ihrer historischen Bedeutung für das Regime unter Denkmalschutz standen. Junge Architekturdenkmale und Denkmale der bildenden Kunst, die diesen Status vor allem ihrer städtebaulichen oder künstlerischen Bedeutung verdankten, waren auf den Denkmallisten seltener verzeichnet. In der Tendenz erachteten die Denkmalschützer sie allerdings für bedeutsamer. Anders als die Mehrheit der Nachkriegsdenkmale, die durch die Kreise betreut wurden, waren sie eher auf der Landes- oder den Bezirkslisten erfasst. Der Großteil dieser Denkmale erinnerte an Personen oder Personengruppen. Seltener riefen sie historische Ereignisse oder geschichtsträchtige Orte in Erinnerung. Ferner bezogen sie sich oft auf die Zeit vor der Staatsgründung der DDR. Episoden der eigenen Geschichte stellten Ausnahmen dar. Gleiches galt für internationale, zumal sowjetische, Motive. Die Überarbeitung der Denkmallisten und die Neubewertung des sozialistischen Denkmalerbes setzten unmittelbar nach dem Mauerfall im Herbst 1989 ein. Noch vor der Vereinigung verabschiedeten mehrere Ost-Berliner Bezirke neue Kreislisten. Entsprechende Veränderungen auf der Bezirks- und der zentralen Landesliste waren zwar vorgesehen, wurden jedoch nicht mehr durch die zuständigen politischen Gremien bestätigt. Viele Denkmale wurden am 2. Oktober 1990 zudem vorläufig unter Denkmalschutz gestellt. Damit waren sie mittelfristig gesichert und mussten von den Behörden des vereinigten Staates in jedem Fall auf ihre Denkmaleigenschaft über- 9. 307 prüft werden. Aufgrund der Politisierung des ostdeutschen Denkmalschutzes war eine solche Überprüfung aber auch für die anderen Denkmale vorgesehen. Ferner machten bisherige Erfassungslücken eine umfassende Neuinventarisation notwendig. Diese fand mit der Veröffentlichung der ersten Gesamtberliner Denkmalliste 1995 ein Ende. Sie setzte alle früheren Denkmallisten außer Kraft. Hierfür zuständig waren die bis Mitte der neunziger Jahre sukzessive vereinigten Berliner Denkmalbehörden. In der neuen Verwaltungsstruktur fanden sich Elemente beider Ordnungen wieder. So erhielten nun auch die westlichen Bezirke der Stadt untere Denkmalschutzbehörden, die es im Ostteil der Stadt längst gab. Oberste Denkmalschutzbehörde blieb die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, wie es bundesweit allein in West-Berlin seit den siebziger Jahren der Fall gewesen war. Die Behörden wurden für die anstehende Aufgabe zunächst personell und finanziell verstärkt. Ein genuines Konzept im Umgang mit dem Nachkriegserbe erarbeiteten sie nicht. Jedenfalls wurde es von den zuständigen Akteuren nicht nach außen kommuniziert und mit den Kollegen geteilt. In wissenschaftlichen Publikationen und Fachzeitschriften, in denen sich die Vertreter der Zunft austauschten, spielte das junge Denkmalerbe der DDR eine marginale Rolle. Sofern es Erwähnung fand, ging es um den Mangel an Bewertungskriterien und Grundlagenforschung sowie den geringen zeitlichen Abstand zwischen der Entstehung des (potentiellen) Denkmals und dessen denkmalpflegerischer Begutachtung. Auch die übrigen Medien berichteten nur punktuell über den Prozess der Neubewertung. Ihre Berichterstattung war anlassbezogen, verkürzt und stark an Nachrichtenwerten orientiert. Sie legte den Eindruck nahe, die Denkmale seien vor allem mit Konflikten, Kosten und Kompromissen in der weiteren Stadtentwicklung verbunden. So griffen die Redakteure dankbar die wenigen Denkmalkonflikte und provokanten Vorschläge von Berliner Intellektuellen und Künstlern auf. Über das sachorientierte und am Substanzerhalt interessierte Verwaltungshandeln schwiegen sie hingegen. Das tatsächliche Ergebnis der Neubewertung, die Veröffentlichung der ersten Gesamtberliner Denkmalliste, fand kaum ein Medienecho. Das medial vermittelte Bild der Geschehnisse war somit verzerrt. Dies bestätigt, was die Politikwissenschaft unlängst erarbeitet hat: Langwieriges, prozessorientiertes und komplexes Verfahrenshandeln ist – im Gegensatz zum Diskurshandeln der Politik – wenig kompatibel mit der Medienlogik und findet damit nur schwer eine mediale Öffentlichkeit. Zugleich ist dies ein weiterer Beleg dafür, dass Konflikte und Außenseiterpositionen in der medialen Berichterstattung gern überbetont werden.1819 1819 Vergleiche diesbezüglich beispielhaft: Voltmer, Massenmedien, S. 22/31 / Koch-Baumgarten, Sigrid, Voltmer, Katrin: Policy matters – Medien in politischen Entscheidungsprozessen in unterschiedlichen Politikfeldern, in: Politik in der Mediengesellschaft, herausgegeben von Frank Marcinkowski und Barbara Pfetsch, Wiesbaden 2008 (= Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 42/2009), S. 299–319 / Meyer, Thomas: Mediokratie – auf dem Weg in eine andere Demokratie?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 15–16/2002, S. 7–15. 9. Schlussbetrachtungen 308 Für die politischen Parteien schienen der Denkmalschutz im Allgemeinen, und die Nachkriegsdenkmale im Besonderen, keine größere Bedeutung gehabt zu haben. Da der parteiinterne Diskurs hierüber selektiv und sporadisch stattfand, fehlte es folglich an einer klaren diesbezüglichen Programmatik, welche die Parteien in ihrer parlamentarischen Arbeit hätten verfolgen können. Das Maß der parteipolitischen Einflussnahme auf die Entscheidungen kann in den meisten Fällen damit als gering bewertet werden. Ein größeres Interesse für das Denkmalerbe und die Gestaltung des Stadtbildes zeigten hingegen Interessengruppen. Viele Vereine, Stiftungen und Initiativen wurden nach dem Mauerfall in Ost- wie Westdeutschland neu gegründet oder dehnten ihre bisherige Tätigkeit auf das Beitrittsgebiet aus. Sie fühlten sich dem Erhalt und der Pflege eines Stadtareals, einer Denkmalgattung oder einzelner Objekte verpflichtet. Vormals aktive Zusammenschlüsse wie der „Kulturbund“ und das „Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer“ lösten sich demgegenüber auf oder verloren stark an Mitgliedern und Bedeutung. Gänzlich neue und in West-Berlin bereits etablierte Veranstaltungsformate, Beratungsforen und Expertengremien boten ihnen allen die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung. Sie füllten die neu errungene Demokratie mit Leben. Hierzu zählten etwa die „Runden Tische“, das „Stadtforum“ oder der Berliner Denkmalrat. Mitunter hatten diese Gremien aber auch den Charakter eines politischen Feigenblattes. Mit der Einberufung einer „Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin“ gelang es dem Berliner Senat 1992, die aufgebrachte Öffentlichkeit zu beruhigen. Die von ihr geleistete Arbeit schien für den damaligen Kultursenator, Ulrich Roloff-Momin, und das Berliner Abgeordnetenhaus sekundär. Auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 1999 antwortete die zuständige Senatsverwaltung: „Das Abgeordnetenhaus selbst hat keinerlei Konsequenzen aus dem von ihm erbetenen Bericht gezogen, so dass ein Auftrag an den Senat zur vollständigen und teilweisen Umsetzung von Empfehlungen der Kommission nicht erteilt wurde.“1820 Schließlich wurde – trotz der Vielzahl der Interessengruppen und Diskussionsangebote – über die Mehrheit der Denkmale ohne gesellschaftliche Beteiligung verhandelt und jenseits der Öffentlichkeit entschieden. Vor diesem Hintergrund muss die intensive Debatte um das Lenin-Denkmal, die große Aufmerksamkeit erlangte, im kollektiven Gedächtnis verankert geblieben ist und bis heute rezipiert wird, eindeutig als Ausnahme im Umgang mit dem Denkmalerbe der DDR betrachtet werden. Der historische Denkmalwert besaß in diesem und in anderen Diskursen mit Abstand die größte Bedeutung. Nahezu ausnahmslos wurden die Nachkriegsdenkmale 1820 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Landespressedienst Berlin 202/1999. Antwort der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Rita Keil von Bündnis 90/Die Grünen zur Umsetzung der Empfehlungen der „Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin“ vom 23. September 1999. Allein in einem Ausschuss habe es dieser Stellungnahme zufolge eine Besprechung hierüber gegeben. 9. Schlussbetrachtungen 309 als Zeugnisse des untergegangenen (Unrechts-) Staates bewertet, an denen sich allen voran die Leitlinien des politischen Systems der DDR hätten ablesen lassen können. Seltener wurden sie mit dem alltäglichen Leben in der DDR in Verbindung gebracht. Allerdings zogen die Debattenteilnehmer hieraus unterschiedliche Konsequenzen. Für die Einen waren die Denkmale ein Affront gegen die Opfer des Regimes. Ihr Erhalt kam in ihren Augen einer nachträglichen Legitimierung des geschehenen Unrechts gleich. Für die Anderen sollten sie zum Zwecke der Aufarbeitung und Mahnung erhalten bleiben. Die konkrete Debatte über den historischen Denkmalwert der Objekte wurde so zu einer abstrakteren Diskussion über den „richtigen“ Umgang mit der Geschichte. Zur Untermauerung der eigenen Position suchten beide Lager Parallelen in der Vergangenheit. Sie erinnerten an den gemäßigten bzw. rigoroseren Umgang mit dem preußischen oder nationalsozialistischen Erbe, prangerten die Denkmalstürze in der DDR an oder betonten den unsteten Charakter des Berliner Stadtbildes. In dieser Lesart schien das aus der Antike bekannte Phänomen des „damnatio memoria" unvermeidbar und gewissermaßen naturgegeben. Die künstlerische, städtebauliche und vor allem wissenschaftliche Bedeutung der Denkmale spielte im Diskurs eine untergeordnete Rolle. Mehr noch als die eigentlichen Denkmalwerte wurden aber ganz andere Aspekte thematisiert: Zeitgrenzen, zur Verfügung stehende Ressourcen und die Art der Entscheidungsfindung. Letztere erschien den Vertretern der Oppositionsparteien und einigen Bürgern nicht demokratisch genug. Das Ergebnis entsprach ihrer Meinung nach nicht dem öffentlichen Interesse und der öffentlichen Meinung. Diese wurden – je nach Position – allerdings ganz unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Die Gegenüberstellung der alten und der neuen Denkmallisten offenbarte, dass das Lenin-Denkmal auch in Bezug auf seine Demontage eher eine Sonderstellung besaß. Mehr als die Hälfte der vor 1989 eingetragenen Denkmalpositionen aus der vierzigjährigen Geschichte der DDR wurde vollständig auf die erste Gesamtberliner Denkmalliste übertragen. Von massenhaften Denkmalstreichungen und einem gro- ßen Abräumen denkmalwerter Substanz im Stadtraum kann bis Mitte der neunziger Jahre damit nicht die Rede sein. Stattdessen blieben die meisten Denkmale auch künftigen Generationen als Reibungs-, Projektions- und Identifikationsfläche erhalten. Zudem kam es durch Neueintragungen und detailliertere Beschreibungen der Denkmalbestandteile bis 1995 nahezu zu einer Verdoppelung des zu DDR-Zeiten erfassten Denkmalbestandes aus jenen Jahren. Beides zusammen kann als Bekenntnis zum (Denkmal-) Erbe der DDR interpretiert werden. Im Zuge der Analyse ließen sich mehrere Faktoren ausmachen, die sich positiv oder negativ auf die Denkmalbestätigung ausgewirkt hatten. Viele der im politischen, fachlichen und öffentlichen Diskurs geäußerten Argumente und Vorbehalte gehörten nicht hierzu. Sie besaßen keinen nachweisbaren Effekt auf die Entscheidungen. Empirisch belegen ließ sich vor allem ein Einfluss der früheren Erfassungsart auf das Bewertungsergebnis. So wurden Denkmale umso eher übernommen, je bedeutsamer sie bereits von den früheren DDR-Behörden eingeschätzt worden waren. Zudem wurden Architekturdenkmale und Denkmale der bildenden Kunst prozentual häufi- 9. Schlussbetrachtungen 310 ger übernommen als Geschichtsdenkmale. Besonders stark wurde der Bestand an Denkmalen zur politischen Geschichte dezimiert. Ebenso ließ sich ein Einfluss des Denkmalstandortes auf das Ergebnis der Neubewertung ausmachen. Allerdings waren hierbei die Verwaltungszuordnungen ausschlaggebend und nicht die Bauplätze, die im Diskurs problematisiert worden waren. Dort, wo bis zum 3. Oktober 1990 keine neuen Kreisdenkmallisten verabschiedet oder geplant worden waren, wurden die Denkmale eher übernommen als in den übrigen Bezirken. Daraus ist zu schlussfolgern, dass der zeitliche Abstand zwischen dem Mauerfall und der Veröffentlichung der ersten Gesamtberliner Denkmalliste zugunsten der Denkmale wirkte und zu milderen Denkmalbewertungen führte. Die zentral gelegenen Bezirke Mitte und Friedrichshain waren im Jahr 1995 besonders reich an Nachkriegsdenkmalen.1821 Zu einer Freiräumung des Stadtzentrums, wie sie im Diskurs erwartet und teilweise auch gefordert worden war, ist es damit nicht gekommen. Eher schon hat sich das Gegenteil gezeigt. Gerade im Randbezirk Köpenick war der Anteil der Denkmalstreichungen mit Abstand am höchsten. Dass ausgerechnet dieser Bezirk verhältnismäßig rigoros mit seinem Nachkriegserbe verfuhr, dürfte jedoch auch auf den Charakter des dortigen Bestandes zurückzuführen sein. Gleich mehrere Denkmale, die in Köpenick seit den siebziger Jahren unter Denkmalschutz standen, waren den Opfern der „Köpenicker Blutwoche“ gewidmet. Oft waren dies schlichte Gedenktafeln oder -steine. Solche Vielehrungen und anspruchslosen Erinnerungsmale waren andernorts ebenso von den Denkmallisten gestrichen worden. Die Formen und Inschriften der betreffenden Denkmale gaben die historischen Geschehnisse des Juni 1933 zudem verzerrt und verkürzt wieder. Sie waren geprägt durch das selektive Geschichtsverständnis der DDR, das nach ihrem Ende ebenfalls kritisiert worden war. Eine im Diskurs erhobene Forderung lautete daher, dass neue geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen der Denkmalneubewertung stärker Berücksichtigung finden und die Denkmale entsprechend angepasst werden sollten. Empirisch bestätigen ließ sich darüber hinaus die von Experten häufig vertretene These, wonach ältere Denkmale eine höhere „Halbwertszeit“ besäßen als jüngere Objekte. So wurden Denkmale aus den fünfziger und sechziger Jahren tatsächlich eher übernommen und bis 1995 neu als Denkmale erfasst als jene aus den siebziger Jahren. Allerdings wurden auch mehrere Denkmale aus den achtziger Jahren nach der Vereinigung als denkmalwert erkannt und neu auf der Denkmalliste von 1995 erfasst, was diesen Befund relativiert. Als Erklärung hierfür bieten sich gleich mehrere Faktoren an, die ineinandergegriffen haben mögen. Zunächst könnte dies ein Beleg für die im Diskurs vielfach thematisierten Bewertungsprobleme sein, die bei jüngeren Objekten umso größer waren. 1821 Da zu ihnen die ersten Denkmaltopographien vorgelegt wurden, verlief die Denkmalerfassung hier möglicherweise besonders intensiv. Vergleiche hierzu: Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmale in Berlin. Bezirk Friedrichshain, Berlin 1996 (= Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland, o.Bd.) und Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte – Ortsteil Mitte, Petersberg 2003 (= Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland, o.B). 9. Schlussbetrachtungen 311 Der zeitliche Abstand zwischen Entstehung und Erfassung war bei ihnen am geringsten. Zweitens spiegelt diese Verteilung die damals größere öffentliche Akzeptanz der „Nationalen Tradition“ im Vergleich zu den späteren Stilrichtungen der DDR-Architektur wider. Drittens kann der Befund mit dem Zeugniswert der Denkmale in Verbindung gebracht werden und so interpretiert werden, dass der Architektur der frühen Jahre ein besonders hoher politischer Zeugniswert zugesprochen wurde, der künftigen Generationen viel über die Gründungsideale der Gruppe um Walter Ulbricht hätte vermitteln können. Möglicherweise wollten die Entscheidungsträger die DDR im Sinne des sogenannten Fortschrittsgedächtnisses gerade auch von diesen (ideologischen) Anfängen her erinnert wissen. Nicht zuletzt ließe er sich mit dem künstlerischen Wert der Denkmale erklären und dahingehend deuten, dass die Architektur der fünfziger Jahre kunsthistorisch und städtebaulich hochwertiger eingestuft wurde als die seriellen Massenprodukte der sechziger und siebziger Jahre. Für ein größeres Gewicht der künstlerischen und kunsthistorischen Bedeutung bei der Denkmalbewertung spricht auch ein anderer Befund dieser Studie. So waren unter den übernommenen Denkmalen insbesondere solche zu finden, die von namenhaften Architekten und Bildhauern der DDR entworfen worden waren. Der Architekt Hermann Henselmann und der Bildhauer Fritz Cremer, beide damals herausragende Köpfe ihres Faches mit internationalem Renommee, waren am prominentesten auf der Denkmalliste des Jahres 1995 vertreten. Die Urheber der gestrichenen Objekte waren demgegenüber häufiger unbekannt.1822 Auch in Bezug auf die Semantik und Funktion der Denkmale ließen sich Bewertungstendenzen ausmachen. So fand bis 1995 eine deutliche Aufwertung der Alltagskultur gegenüber der öffentlichen Repräsentationsarchitektur und Gedenkkultur statt. Nach der Vereinigung gelangten mehrere Wohnanlagen, Sozial-, Sport- und Gastronomieeinrichtungen sowie Bauten der Industrie und der Verwaltung neu auf die Denkmalliste. Eine ganz neue Denkmalgattung stellten die Überreste der demontierten Grenzanlagen dar. Vier Mauerabschnitte, zwei bzw. drei Wachtürme und der sogenannte Tränenpalast wurden nach der friedlichen Revolution neuerfasst. Die Ehrungen für die an der Mauer getöteten Grenzsoldaten wurden hingegen als nicht mehr denkmalwert eingestuft und vollständig aus dem Stadtraum entfernt. In dieser Neubewertung der Berliner Mauer und ihrer Geschichte kann wohl der deutlichste Bruch im Übergang von der alten zu einer neuen Erinnerungskultur im Bereich von Denkmalschutz und Denkmalpflege gesehen werden. Hier hatten sich jene Stimmen durchgesetzt, welche stärker die Geschichte der Opfer des SED-Regimes und der Deutschen Teilung erzählen wollten. Ein besonders hohes Maß an Kontinuität zeigte sich demgegenüber im Bereich der Sepulkralkultur. Die Grabstätten von Künstlern und Intellektuellen wurden bis auf wenige Ausnahmen auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen. Ihre sozialistische Gesinnung, ihr gesellschaftspolitisches Engagement in der DDR und die 1822 Dies erlaubt Rückschlüsse auf die künstlerische Qualität der Denkmalentwürfe. Eine tiefergehende kunsthistorische Analyse war im Rahmen dieser Studie allerdings weder vorgesehen noch möglich. 9. Schlussbetrachtungen 312 loyale Zusammenarbeit mit dem SED-Regime wurden den Verstorbenen nach der Vereinigung offenbar nicht negativ angerechnet oder besaßen für die Bewertung eine nachgeordnete Bedeutung. Mit dem „Ehrengrab“ stand der Stadt Berlin nach der Vereinigung ein weiteres „Instrument“ zur Verfügung, mit dem diese Ruhestätten durch die öffentliche Hand dauerhaft hätten gepflegt und erhalten werden können.1823 Den Status eines solchen Ehrengrabs und eines Denkmals besitzen heute allerdings nur die Gräber von Johannes Bobrowski, Otto-Nagel und Max Lingner (s. Abbildung 46). Ebenso wie die Einzelgräber wurden auch die sowjetischen Ehrenmale und die zu Mahnmalen ausgebauten Massengräber für die Opfer des Dritten Reiches mehrheitlich auf die Denkmalliste von 1995 übertragen. Dies bestätigt zum einen die Bedeutung von internationalen Abkommen, mit denen die Bundesrepublik Deutschland den osteuropäischen Partnerländern ihren weiteren Schutz garantierte. Zum anderen drückten sich in dieser Entscheidung aber wohl auch der Respekt vor den Toten und der Wille zum öffentlichen Gedenken an die Verbrechen des NS-Staates aus. Der 1995 eingetragene Bestand an Nachkriegsdenkmalen gab damit insgesamt ein vielseitiges und ausgewogenes Bild der DDR-Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur wieder. An den unter Schutz gestellten Objekten ließen sich deren wesentliche planerischen, künstlerischen und ideologischen Leitlinien nachvollziehen. Damit zeugten sie vom politischen und alltäglichen Leben in der DDR, offenbarten den repressiven wie den wohlfahrtsstaatlichen Charakter des Regimes und erzählten von dem realen Handeln der Funktionäre ebenso wie von den Idealen, auf die sie sich beriefen. Im Unterschied zu anderen Bereichen der Erinnerungskultur dominierte im Denkmalschutz nach 1989 also nicht allein das Diktaturnarrativ. Eine schlüssige Erklärung hierfür bietet das beschriebene Spektrum der Akteure. Im Unterschied zu anderen Bereichen der Erinnerungskultur beherrschten hier nicht die Opferverbände, politischen Vertreter und (westlichen) Intellektuellen den Diskurs. Sie alle einte eine besonders negative Sicht auf die Geschichte der DDR und eine Fokussierung auf deren repressiven Charakter. Tonangebend und entscheidungsbefugt waren Stadtplaner, Architekten oder Kunsthistoriker, die in den Denkmalbehörden arbeiteten oder ihre berufliche Expertise auf ihr bürgerschaftliches Engagement in Berufsverbänden, Gewerkschaften, Vereinen oder Bürgerinitiativen übertrugen. Der historische Denkmalwert blieb für sie trotz seiner dominierenden Stellung im Diskurs nur einer unter vielen Faktoren. Für ihre kunsthistorische, städtebauliche oder wis- 1823 Für gewöhnlich wählen die Städte und Gemeinden hierfür die Grabstätten jener Bürger aus, die sich um die Stadt verdient gemacht haben oder besondere Berühmtheit erlangten (Kuhle, Dagmar: Ehrengrab, in: Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Wörterbuch zur Sepulkralkultur. Praktisch-aktueller Teil: Von Abfallbeseitigung bis Zwei-Felder-Wirtschaft, herausgegeben vom Zentralinstitut für Sepulkralkultur Kassel, Frankfurt a.M. 2010, S. 104). Vergleiche hierzu auch: § 12, Abschnitt 6 Gesetz über die landeseigenen und nichtlandeseigenen Friedhöfe Berlins (Friedhofsgesetz) vom 1. November 1995 (URL: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/gesetze/download/friedhofsgesetz.pdf, letzter Zugriff 5. April 2018). 9. Schlussbetrachtungen 313 senschaftliche Bewertung der Denkmale war die generelle Interpretation der DDR nachrangig. Letztlich begrenzten aber auch der Baubestand und dessen Nutzung durch die DDR-Behörden das Reservoir potentieller Denkmale dieser Lesart. So hat sich das Ministerium für Staatssicherheit, das eine zentrale Funktion im Repressionsapparat einnahm, beispielsweise vor allem innerhalb abgesteckter Sperrgebiete niedergelassen und ausgebreitet. Trotz ihres Denkmalstatus wurden einige Denkmale nach dem Mauerfall einer ephemeren oder auf Dauer angelegten Veränderung unterzogen. Bis auf die Errichtung von Gegendenkmälern ließen sich alle im Theorieteil dieser Studie dargestellten Veränderungsoptionen in Ost-Berlin empirisch nachweisen. Die Anzahl der Eingriffe hielt sich insgesamt aber in Grenzen. Das galt auch für jene Denkmale, die bis 1995 ihren Sonderstatus eingebüßt hatten. Nur wenige von ihnen wurden nach dieser Entscheidung ganz aus dem Stadtraum entfernt und gingen vollständig verloren. Selbst das umstrittene Lenin-Denkmal war bewusst so abgetragen worden, dass es bei Bedarf wiedererrichtet hätte werden können.1824 Angesichts der vielfältigen Veränderungsvorschläge, die zu diesem und anderen Denkmalen gemacht wurden, muss dieses Untersuchungsergebnis überraschen. Am häufigsten realisiert wurden Eingriffe im Bereich der Inschriften. Neukommentierungen halfen, die Ereignisse und Personen, derer gedacht wurde, ausgewogener darzustellen. Bisherige Unterlassungen wurden durch sie ergänzt. Einige Bürger nutzten zudem Graffiti als anonymes Mittel der politischen Meinungsäußerung und fügten den Denkmalen illegal eigene Botschaften hinzu. Diese wurden später wieder entfernt. Ebenso wurden die durch Vandalismus entstandenen Schäden durch die öffentliche Hand repariert. Vielerorts verloren die Denkmale im Zuge der friedlichen Revolution auch ihre (rituelle) Funktion. Organisationen wie die „Thälmann-Pioniere“, welche die Denkmale bis dahin für Vereidigungen genutzt hatten, existierten nun nicht mehr. Bauten der Konsum- und Freizeitindustrie waren nach der Öffnung der Grenzübergänge nicht mehr konkurrenzfähig und mussten schließen. Insbesondere technische Anlagen erwiesen sich als veraltet und wurden außer Betrieb genommen. In einigen Fällen waren Leerstand und Verfall die Folgen. Warum die Ablehnung und das Ausmaß der Zerstörung in der Vergangenheit oft größer eingeschätzt wurden, lässt sich nicht eindeutig beantworten und kaum auf eine Ursache allein zurückführen. Ein solcher Faktor dürfte aber wohl der generelle Wandel des Berliner Stadtbildes seit der friedlichen Revolution gewesen sein. Im Rahmen der Modernisierung ist in Ost- und West-Berlin viel bauliche Substanz verloren gegangen. Es existiert bisher keine ausführliche Darstellung über die Anzahl der nach 1989/90 vorgenommenen Abrisse, doch lassen bereits Einzelbefunde das enorme Ausmaß erahnen. So wurden allein im Stadtbezirk Mitte in den ersten fünf Jahren 1824 Vergleiche zum weiteren Verbleib dieses Denkmals und zu seiner teilweisen Wiedererrichtung Kapitel 10 dieser Studie. 9. Schlussbetrachtungen 314 nach dem Mauerfall rund 200 Abrissanträge gestellt und in den neunziger Jahren jährlich bis zu einer Million Quadratmeter Gebäudefläche abgerissen.1825 Nicht jeder Bürger unterschied in Anbetracht dieser gewaltigen Veränderungen und Abrissbilanzen zwischen dem Umgang mit kulturhistorisch bedeutsamen Denkmalen und dem übrigen städtebaulichen Erbe. Zudem hat die Analyse der öffentlichen Beteiligung und des medialen Interesses gezeigt, dass es nur wenige Debattenhöhepunkte gab. In diesen wurden jeweils Abrissoptionen ausgelotet. Entscheidungen zugunsten der Denkmale und nicht vollzogene Abrissempfehlungen erreichten nicht dasselbe Maß an Aufmerksamkeit. Sie konnten sich daher weniger im öffentlichen Bewusstsein und kollektiven Gedächtnis verankern. Dieser Eindruck dürfte aber auch auf die Beschaffenheit des Bestandes selber zurückzuführen sein. Die DDR schuf so gut wie keine Denkmale für ihre eigenen politischen Funktionäre und erinnerte mit ihnen nicht an Ereignisse ihrer eigenen Geschichte. Sie berief sich bei ihren Denkmalsetzungen insbesondere auf die weiter in die Geschichte zurückreichende deutsche Arbeiterbewegung und den Antifaschismus im NS-Staat. Für den ungeschulten Betrachter waren die erhaltenen Denkmale daher nicht automatisch als Dokumente der DDR-Geschichte erkennbar. Höchstwahrscheinlich wurden sie weniger mit dieser als mit ihrer Vorvergangenheit identifiziert.1826 Einen ähnlichen Effekt auf die Denkmalwahrnehmung dürften die von den DDR- Architekten verwendeten Baustile gehabt haben. In den fünfziger Jahren griffen sie vor allem ältere Baustile wie den Klassizismus für ihre Entwürfe auf. Später orientierten sie sich an den internationalen Architekturströmungen des 20. Jahrhunderts. Diese hatten sich in den westdeutschen Stadtbildern ebenso niedergeschlagen wie in Ost- Berlin und dem übrigen Beitrittsgebiet. Auch diese Denkmale wurden daher vermutlich nicht vorrangig mit der DDR assoziiert. Letztgenanntes verdeutlicht die große Bedeutung der Denkmalvermittlung für das Denkmalverständnis und deren aktive gesellschaftliche Aneignung. Das diesbezügliche Engagement des institutionellen Denkmalschutzes und des staatlichen Schul-, Universitäts- oder Ausstellungsbetriebes war in der ersten Hälfte der neunziger Jahre allerdings gering. Ihre Denkmalvermittlung war sporadisch und selektiv. Die so hinterlassene Lücke wurde nur zum Teil von anderen Akteuren gefüllt. Ein großes Interesse an der Denkmalvermittlung besaßen vor allem die Opfer des Regimes. Sie wollten die einstigen „Täterorte“ nicht nur auf Dauer als Denkmale gesi- 1825 Oswalt, Philipp: Berlin. Stadt ohne Form. Strategien einer anderen Architektur, München, London und New York 2000, S. 54. 1826 Ein Blick in die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Bände zu den Gedenkorten zum Nationalsozialismus und zur SBZ/DDR verdeutlicht dies. Während viele der in dieser Arbeit behandelten Denkmale in dem ersten Band beschrieben werden, nennt der von Anna Kaminsky bearbeitete Band zu den DDR Gedenkorten nur wenige Objekte in Ost-Berlin, die nach 1949 entstanden waren und vor oder nach 1989 auf der Denkmalliste standen. Vergleiche hierzu: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band II, Bonn 2000 / Kaminsky, Annette (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Leipzig 2004. 9. Schlussbetrachtungen 315 chert wissen, sondern ihnen auch einen festen Platz im öffentlichen Bewusstsein zuteilen. Daher veranlassten sie, dass diese zu Gedenk-, Lern- und Begegnungsorten ausgebaut und im Sinne des „Dark Tourism“ offensiv vermarktet wurden. Damit nahmen die Opferverbände im Bereich der Denkmalvermittlung eine Führungsrolle ein, die sie im übrigen Prozess nicht besaßen. Mit ihnen gewannen jene Denkmale an Aufmerksamkeit, die auf den repressiven Charakter des SED-Regimes verwiesen. Dadurch entstand ein verzerrtes Bild vom Gesamtbestand und dem Ergebnis der Neubewertung. Indem sich Künstler verschiedener Sparten die Denkmale als Motive für ihre Arbeiten suchten, trugen sie ebenfalls zur Denkmalvermittlung bei. Anfang der neunziger Jahre griffen sie in ihren Werken bevorzugt dynamische Orte auf. An den Denkmalen entlang des einstigen Grenzstreifens wurden der Abschied von der alten Ordnung und der Wandel zum Neuen besonders gut sichtbar. Mit dieser Motivwahl nährten sie jedoch – bewusst oder unbewusst – das Narrativ vom „Abriss-Ost“, das der eigentlichen konservatorischen Leistung nicht gerecht wurde. Der beschriebene Problemhorizont war nicht auf Ost-Berlin beschränkt. Auch die fünf neuen Bundesländer sowie die postsozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas hatten im Zuge der politischen Umwälzungen über die Zukunft ihres sozialistischen Denkmalerbes zu entscheiden. Da die DDR zentralstaatlich organisiert war, ähnelten die Ausgangsbedingungen in den neuen Bundesländern im Herbst 1989 denen in Ost-Berlin. Aufgrund der im Frühjahr 1990 von allen Denkmalschützern gemeinsam erarbeiteten „Wartburg-Thesen“, die wegweisend für die Neustrukturierung von Denkmalschutz und Denkmalpflege im vereinigten Deutschland sein sollten, blieb auch die weitere Entwicklung der Verwaltungsstrukturen vergleichbar. In den Flächenländern nahm die Neuinventarisation mehr Zeit in Anspruch als in der Hauptstadt. Auch hier deuten die geringe Datenbasis und die wenigen Vorarbeiten aber ein Bekenntnis zum Denkmalbestand aus der Nachkriegszeit an. Die mutwillige Zerstörung dieses Erbes scheint damit nirgendwo in Ostdeutschland nach der friedlichen Revolution der dominierende Verarbeitungsmodus gewesen zu sein. Es hatten sich jene Stimmen durchsetzen können, welche den Denkmalen – und damit auch der DDR – einen festen Platz auf der erinnerungskulturellen Agenda der vereinigten Republik und in den Stadtbildern des Landes einräumen wollten. Die Ausgangslage in den postsozialistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas wich von jener in der DDR ab. Nur in wenigen von ihnen stand das Nachkriegserbe bereits unter Denkmalschutz. Die dortigen Behörden hatten daher in erster Linie über Neueintragungen zu befinden. Mancherorts wurden diese von Zeitgrenzen und gesellschaftlichen Tabus behindert. Zudem limitierten die zur Verfügung stehenden Ressourcen die Erfassung der Denkmale und deren sachgerechte Pflege. Tempo, Ausmaß und Entschiedenheit der deutschen Inventarisation blieben damit beispiellos. Die gemäßigten Entwicklungen in allen Staaten deuten aber insgesamt einen Bewusstseinswandel gegenüber früheren Systembrüchen an. 9. Schlussbetrachtungen 316

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Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der friedlichen Revolution auf das junge Ost-Berliner Denkmalerbe. Sie zeigt, wie jene Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur nach dem Mauerfall bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Die Autorin fragt nach den Akteuren und Interessen in diesem Prozess, arbeitet wesentliche Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs heraus und untersucht anhand der selbstgewonnenen Datenbasis deren Wirkmächtigkeit. Dabei weist sie nach, dass von einer generellen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR und einer Unvereinbarkeit mit der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur keineswegs die Rede gewesen sein kann. Am Ende der Neubewertung stand vielmehr ein beispielloses Bekenntnis zum Denkmalerbe des früheren Regimes. Damit beleuchtet die Studie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, fügt einen neuen Mosaikstein in das Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur ein und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens rund um das Epochenjahr 1989.