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6. Ergebnis der Neubewertung in:

Nina Ziesemer

Denkmalbestand im Wandel, page 235 - 266

Denkmale der DDR nach 1989

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4207-6, ISBN online: 978-3-8288-7111-3, https://doi.org/10.5771/9783828871113-235

Tectum, Baden-Baden
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Ergebnis der Neubewertung Das folgende Kapitel widmet sich nun dem Ergebnis der Denkmalneubewertung. Die Analyse der überarbeiteten Denkmalliste des Jahres 19951453 soll zeigen, wie viele und welche der jungen Denkmale tatsächlich auf diese übernommen bzw. angesichts der veränderten Gegebenheiten neu als denkmalwert erkannt wurden und erstmalig auf einer Denkmalliste erfasst waren.1454 Im Anschluss sollen die gewonnenen Ergebnisse zu den im vorherigen Kapitel herausgearbeiteten Aspekten in Bezug gesetzt werden. Welche der im Diskurs genannten Faktoren bieten sich am ehesten als Erklärung für die Datenbasis an? Welche fanden offenbar keinen nennenswerten Niederschlag auf die getroffenen Entscheidungen? Im zweiten Teil des Kapitels sollen die Veränderungen an den Denkmalen selber in den Blick geraten. Es wird zu klären sein, inwiefern sich die in Kapitel 2.2.2. dieser Studie beschriebenen Formen der Denkmalveränderung zu Beginn der neunziger Jahre auch in Ost-Berlin zeigten. Besondere Beachtung findet dabei die Frage, was im Anschluss mit jenen Denkmalen geschah, die nach der friedlichen Revolution nicht mehr denkmalwert erschienen und nicht auf der Gesamtberliner Denkmalliste des Jahres 1995 erfasst waren. Wurde ihnen die Existenzberechtigung generell abgesprochen oder blieben sie trotzdem unverändert im Stadtraum erhalten? Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand Die erste Gesamtberliner Denkmalliste von 1995 umfasste mehr als 8.000 Denkmalpositionen, die sich 15.000 Adressen zuordnen ließen.1455 Das entsprach rund vier Prozent des damaligen Berliner Baubestandes.1456 Dreiviertel der erfassten Positionen 6. 6.1. 1453 Auf der Denkmalliste erfasst sind Informationen zu Bezirk, Denkmalart, Adresse, Name, Künstler und Entstehungsdatum. Hiervon ableiten lässt sich die beabsichtigte Nutzung des Denkmals. Denkmalbegründungen werden auf ihr nicht gegeben. 1454 Nicht erfasst sind in der Untersuchung damit jene Denkmale, welche zwar die im Gesetz genannten Kriterien erfüllten, im Jahr 1995 aber noch nicht als Denkmale erkannt und auf der Denkmalliste verzeichnet waren. 1455 Kohlenbach, Denkmalliste, S. 35. 1456 Hoffmann-Axthelm, Denkmalpflege, S. 16. Diese Angabe stammt aus dem Jahr 2000. Sie bezieht sich damit auf eine fünf Jahre jüngere Fassung der Berliner Denkmalliste. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sich diese Zahl innerhalb des kurzen Zeitraums stark nach oben oder unten korrigierte. Vergleiche hierzu auch das Kapitel zehn dieser Studie. 235 stammten aus den Jahren 1871 bis 1945. Weniger als fünf Prozent waren älter als 200 Jahre. Etwa acht Prozent waren nach Kriegsende entstanden.1457 Wie sich diese acht Prozent auf den Ost- und Westteil der Stadt verteilten, lässt sich diesen Angaben nicht entnehmen. Überträgt man das eingangs dargestellte Untersuchungsverfahren auf West-Berlin, so lassen sich dort allerdings nahezu doppelt so viele Denkmalpositionen ausmachen wie in Ost-Berlin. In den elf östlichen Bezirken standen im Jahr 1995 31 Ensembles, 37 Gesamtanlagen und 70 Einzeldenkmale auf der Denkmalliste, von denen jeweils mindestens ein Bestandteil in den Jahren 1949 bis 1989/90 entstanden war.1458 In West-Berlin1459 waren dies 15 Ensembles, 79 Gesamtanlagen – darunter einige so umfängliche wie die Gesamtanlage Hansaplatz1460 – und 227 Einzeldenkmale.1461 Da die Denkmalerfassung in Ost-Berlin bis 1989 deutlich intensiver als im Westteil der Stadt war, können diese Zahlen durchaus überraschen. Sie machen die dargestellte Kritik, das West-Berliner Denkmalerbe werde unvoreingenommener betrachtet als jenes der DDR, nachvollziehbar. Allerdings bieten sich auch solche Erklärungen für diesen Befund an, die das Moment der ideologischen Konfrontation weniger betonen. So war West-Berlin etwa größer als der Ost-Teil der Stadt.1462 In jedem Fall verdeutlicht der Denkmalzuwachs in den westlichen Bezirken aber die enorme Intensität der Neuerfassung bis 1995. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass die Denkmale in den westlichen Bezirken von anderen Prioritäten in der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur zeugten. So befanden sich unter ihnen besonders viele Büro- und Geschäftsbauten sowie mehrere Einfamilienhäuser, die jeweils einen geringen Anteil des sozialistischen Denkmalerbes ausmachten. Denkmale der bildenden Kunst und der Sepulkralkultur gab es wiederum im ehemaligen Westteil der Stadt kaum oder gar nicht. Dies dürfte nicht zu- 1457 Haspel, Jörg: Zwischen „Spree-Athen“ und „Elektropolis“. Eine Berliner Denkmalbilanz, in: Echt – alt – schön – wahr. Zeitschichten der Denkmalpflege, herausgegeben von Ingrid Scheurmann und Hans-Rudolf Meier, München und Berlin 2006, S. 177. Das diesen Zahlen zugrunde gelegte Nachkriegserbe schloss jedoch auch Gartendenkmale und Baudenkmale ein, die zwischen 1945 und 1949 entstanden waren. Jüngere Zahlen weichen leicht von dieser Angabe ab. Hubert Staroste, Leiter des Fachbereichs Inventarisation im Landesdenkmalamt Berlin, sprach im Jahr 2013 von 6,6 Prozent (Staroste, Berlin, S. 45). 1458 Nicht inbegriffen sind Gartendenkmale, die bis zur friedlichen Revolution noch anderen Denkmalkategorien (z.B. den Denkmalen der bildenden und angewandten Kunst) zugeordnet waren. 1459 Anders als die Ost-Berliner Denkmale wurden diese jedoch nicht näher untersucht. Datierungsfehler oder andere Ungenauigkeiten, welche die Zahlen verändern könnten, sind daher nicht auszuschließen. 1460 In den meisten Fällen handelte es sich bei den jungen Denkmalen aber um „Weitere Bestandteile“ eines im Kern älteren Komplexes, für dessen Denkmalbedeutung sie zweitrangig waren. 1461 Weitere rund 200 Denkmale waren in den Jahren der Teilung erweitert, historisch rekonstruiert, wiederhergestellt oder in anderer Form verändert worden, wobei die mit Abstand häufigste Form der Bautätigkeit der „Umbau“ war. 1462 Auch könnten die Neubautätigkeit in West-Berlin insgesamt intensiver gewesen sein als im Ostteil der Stadt, die Qualität der Entwürfe dort aufgrund des freien Wettbewerbs der Ideen und Akteure generell höher gelegen haben oder ihr Erhaltungszustand in den neunziger Jahren besser gewesen sein, was einen Denkmalstatus eher gerechtfertigt hätte. 6. Ergebnis der Neubewertung 236 letzt auf das unterschiedliche Erbe der Alliierten zurückzuführen sein. Insbesondere die sowjetischen Streitkräfte verewigten sich mit Ehrenhainen im Berliner Stadtraum.1463 Die Gesamtberliner Denkmalliste bestätigte mehrheitlich die Veränderungen, die zwischen dem Mauerfall und der Vereinigung an den Denkmallisten vorgenommenen worden waren. Lediglich fünf Entscheidungen, die in den Bezirken Friedrichshain, Köpenick und Mitte getroffen worden waren, wurden später korrigiert. Das Denkmal für die an der Grenze verstorbenen Soldaten, der Brunnen „Altberliner Typen“ sowie die Grabstätten von Max Kreutziger und Jan Petersen waren zunächst alle übernommen, dann aber doch nicht auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen worden. In Friedrichshain stand die symbolische Grabstätte für Fritz Riedel, Kurt Ritter und Willi Heinze nur vorübergehend auf der Denkmalliste.1464 Ferner wies der Bezirk Hohenschönhausen drei Ehrenhaine von Max Hahn im Jahr 1990 neu als „Denkmale zu politischen Ereignissen und Persönlichkeiten“ aus. Auf der Denkmalliste des Jahres 1995 wurden sie dann als Gartendenkmal klassifiziert und fielen somit aus der vorliegenden Untersuchung heraus.1465 Dies galt auch für einige Denkmale, die bereits vor der friedlichen Revolution eingetragenen waren.1466 Zwei vormals eingetragene Denkmale waren auf den überarbeiteten Listen von 1990 zudem zunächst nur noch indirekt erfasst.1467 Bei zwei weiteren Denkmalen war eine solche Neubewertung im Herbst 1989 nicht mehr möglich. Sie waren bereits vor der friedlichen Revolution durch andere Objekte ersetzt worden.1468 1463 Die drei Westmächte ließen den Berlinern hingegen unter anderem Kulturbauten wie das „Centre Culturel Français" oder die „Amerika-Gedenk-Bibliothek“ zurück. Vergleiche diesbezüglich den Aufsatz: Hierath, Sabine: Die Denkmale der Alliierten in Berlin von 1945 bis 1994, in: Berlin im Wandel. 20 Jahre Denkmalpflege nach dem Mauerfall, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Fulda 2010 (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Band 35), S. 113–121. 1464 Die drei besaßen in der DDR den Status der „antifaschistischen Widerstandskämpfer“, da sie sich während des Zweiten Weltkriegs der Gruppe um Robert Uhrig angeschlossen hatten. Dem entsprechend war der für sie auf dem Friedhof der Georgen-Parochialkirche errichtete Gedenkstein mit einem roten Dreieckssymbol versehen. Des Weiteren waren ihre Namen, Todesdaten und die Mahnung der Toten an die Lebenden hierauf verzeichnet worden (Endlich, Berlin, S. 55). 1465 Auch für die große Freilichtbühne in der Wuhlheide war 1990 der Denkmalverdacht ausgesprochen worden. Diese Entscheidung ist ebenfalls bestätigt worden. Allerdings war sie 1995 dann als Gartendenkmal gelistet. 1466 Hierbei handelte es sich – vom Denkmal für Heinrich Heine im „Volkspark am Weinberg“ abgesehen – um Massengräber, Ehrenhaine und das Einzelgrab für den sozialistischen Schriftsteller Johannes Bobrowski. 1467 Das „Haus des Kindes“ sollte laut Anhang zur überarbeiteten Kreisdenkmalliste Friedrichshain in dem städtebaulichen Ensemble „Karl-Marx-Allee“ auf der Bezirksliste aufgehen, für das der Denkmalverdacht ausgesprochen worden war. Ebenso ist auf der im September 1990 novellierten Kreisdenkmalliste des Bezirks Prenzlauer Berg die Freilichtbühne des Architekten Wladimir Rubinow unter der Denkmalposition „Berliner Prater" nicht mehr explizit aufgeführt. 1468 Hierbei handelte es sich zum einen um die Gedenkstätte für 50.000 jüdische Opfer in Berlin-Mitte, an deren Stelle in den achtziger Jahren ein Gedenkstein und ein Brozeguß einer Figurengruppe des Bildhauers Willi Lammert traten, welche ursprünglich für die Gedenkstätte Ravensbrück vorgesehen gewesen war (Endlich, Berlin, S. 100f.). Zum anderen betraf dies den Gedenkstein für die Meisterbrüder im Bezirk Prenzlauer Berg. Er war laut Stephanie Endlichs Recherchen im Zuge des 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 237 Denkmalbestätigungen 37 der 68 Denkmalpositionen sind vollständig auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen worden. Weitere drei Denkmalpositionen wurden zur Hälfte in ihrem Wert bestätigt.1469 Das entspricht mehr als der Hälfte des 1989 eingetragenen Denkmalbestandes.1470 Die meisten von ihnen blieben als Einzeldenkmale erfasst. Neun von ihnen wurden mit anderen Denkmalen zu einem Ensemble oder einer Gesamtanlage zusammengefasst.1471 Bei über 55 Prozent der Denkmale mit nationaler und internationaler Bedeutung sowie ca. 83 Prozent der Denkmale der Bezirksliste wurde die frühere Denkmaleintragung bestätigt. Auf den Kreislisten lag dieser Anteil bei knapp 50 Prozent. Das einzige Denkmal der Architektur und des Städtebaus behielt seinen Sonderstatus bei. Denkmale der bildenden und angewandten Kunst wurden zu rund 63 Prozent auf die Denkmalliste von 1995 übertragen. Den Denkmalstatus der Geschichtsdenkmale, die vor der friedlichen Revolution besonders zahlreich gewesen waren, sahen die zuständigen Denkmalschützer nur noch in rund der Hälfte der Fälle als gerechtfertigt an. Am ehesten sprachen sie sich für Denkmale zur Geschichte der werktätigen Klassen und Schichten (100 Prozent) und der Produktions- und Verkehrsgeschichte (ca. 75 Prozent) aus. Von den Denkmalen der politischen Geschichte und zur Kulturgeschichte wurde hingegen nurmehr rund die Hälfte auf die Denkmalliste von 1995 übertragen. 6.1.1. Neubaus einer Kindertagesstätte Ende der achtziger Jahre abgeräumt und im Bezirksmuseum eingelagert worden (Endlich, Berlin, S. 143). Holger Hübner spricht hingegen vom Austausch des Steins im Jahr 1986 und datiert die spätere Einlagerung der Gedenktafel auf die Zeit nach 1989 (Hübner, Gedächtnis, S. 141). Gabriela Ivan und Hans Schlegel wiederum behaupten, dass er 1991/92 auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Prenzlauer Berg demontiert und im Naturschutz- und Grünflächenamt eingelagert worden sei (Ivan, Gabriela, Schlegel, Hans: Plastiken, Denkmäler und Brunnen im Bezirk Prenzlauer Berg, Berlin 1993 [= Studientexte – Dokumentation – Berichte zur Kultur- und Sozialgeschichte Berlins und Brandenburgs, o.Bd.], S. 46). Eine entsprechende Anfrage beim Bezirksmuseum blieb ergebnislos. Im Falle der Grabstätte für die ermordeten Zwangsarbeiter auf dem Friedhof Marzahn konnte die Bestätigung der Eintragung aufgrund einer ungenauen Bezeichnung auf der Denkmalliste von 1995 nicht hundertprozentig nachgewiesen werden. Fünf Jahre nach der Neubewertung war dort allerdings ohnehin nur noch der Sockel des einstigen Gedenksteins übrig (Endlich, Berlin, S. 95). 1469 Hierbei handelte es sich um das „Haus des Kindes“, das fortan ohne die Gedenktafel an seiner Fassade erfasst war, die Gedenkstätte der Sozialisten, deren Appendix – der Pergolenweg – nicht mehr auf der Denkmalliste zu finden war, und das Wohnhaus von Anna Seghers, das seit 1995 ohne Archiv auf der Denkmalliste stand. Auch die älteren Wohnhäuser von Johannes R. Becher und Arnold Zweig waren seit 1995 nur noch als Wohnhäuser – ohne die jüngeren Archive – aufgeführt. 1470 Bei den 100 Prozent sind die beiden vor 1989 abgetragenen Objekte bereits raus gerechnet. 1471 Der Gedenkstein für Johann Jacob Baeyer wurde nunmehr als Ensembleteil aufgeführt. Alle anderen wurden mit weiteren Objekten zu Gesamtanlagen zusammengefasst. Hierzu zählte unter anderem das Denkmal für Julius Fuçik, das nun mit den im Bürgerpark Pankow aufgestellten Ehrungen für Heinrich Mann und Johannes R. Becher sowie weiteren Objekten in der Umgebung eine Gesamtanlage bildete. Ebenso war das einstige Wohnhaus Erich Weinerts fortan als Bestandteil der gleichnamigen Intellektuellensiedlung erfasst. 6. Ergebnis der Neubewertung 238 Die neun Denkmalpositionen auf der Kreisdenkmalliste des Stadtbezirks Pankow wurden alle auf die neue Denkmalliste übertragen. Mit Ausnahme der Gedenkstätte Pergolenweg, die auf der Denkmalliste von 1995 nicht explizit als Teil der Gesamtlage „Städtischer Zentralfriedhof “ genannt wurde, waren aber auch die Lichtenberger Eintragungen alle bestätigt worden. Beiden Bezirken war gemein, dass sie in den Unruhen der „Wendezeit“ keine neuen Kreislisten verabschiedet hatten. Vergleichsweise reich an jungen Denkmalen blieben auch die zentralen Bezirke Prenzlauer Berg und Mitte, wenngleich die Denkmalschützer in letzterem nur 50 Prozent der Denkmale als solche bestätigten. Knapp Dreiviertel bzw. rund 60 Prozent der Denkmale aus den fünfziger und sechziger Jahren wurden auf die neue Denkmalliste übertragen. Bei jenen aus den siebziger Jahren war es etwas mehr als ein Drittel. Auch die Objekte aus den vierziger und achtziger Jahren wurden auf die neue Liste übernommen.1472 Die Denkmalschützer bestätigten zudem häufig Eintragungen von Denkmalen, die von bedeutenden Architekten und Bildhauern der DDR entworfen worden waren. So wurden die von Hanns Hopp (2) und Hermann Henselmann (2) entworfenen Bauten ebenso auf die Denkmalliste von 1995 übertragen wie die Werke von Fritz Cremer (3), Hans Kies (2) und Gustav Seitz (2). Auch andere prominente Namen wie Gerhard Kosel, Waldemar Grzimek, Heinrich Drake oder Reinhold Lingner ließen sich den übernommenen Denkmalen zuordnen.1473 Zeugnisse der Baukultur, die – mit Ausnahme der Freilichtbühne im Berliner Prater – im Rahmen der Zentrumsplanungen entstanden waren oder Prestige- und Leitbauten der DDR-Architekturgeschichte darstellten, wurden prozentual häufiger übernommen als Objekte der Gedenkkultur. Gleiches galt für Denkmale der Sepulkralkultur. Alle Massengräber und Ehrenmale wurden auf die Denkmalliste von 1995 übertragen. Viele dieser Denkmale erinnerten an die Biographien von früheren Intellektuellen der DDR oder Persönlichkeiten, die zu Lebzeiten indirekt mit der organisierten Arbeiterbewegung, dem Sozialismus oder der DDR-Geschichte im Zusammenhang gestanden hatten. Mehrere Denkmale, die bis 1995 in ihrem Status bestätigt wurden, besaßen zudem eine mehrschichtige Botschaft. So waren die beiden Ehrungen für Käthe Kollwitz auch allgemeiner als Mahnung für den Frieden zu verstehen, das Zille-Denkmal als künstlerische Verarbeitung der „Bitterfelder Konferenz“1474 zu deuten 1472 Diesbezüglich bemerkenswert ist, dass insbesondere Zeugnisse der DDR-Gedenkkultur eher als Denkmale bestätigt wurden, wenn sie älter waren. 1473 Ohne den ästhetischen Wert ihrer Werke an dieser Stelle im Einzelnen beurteilen zu wollen und zu können, spricht dieser Befund für deren künstlerische Qualität und ihren Rang innerhalb der Architektur- und Kunstgeschichte der DDR. 1474 Klother, Denkmalplastik, S. 67. Auf dieser Konferenz im Jahr 1959 wurde unter anderem über die zu überwindende Entfremdung zwischen Volk und Künstlern diskutiert und (auf der Autorenkonferenz) über die stärkere Herausbildung der sozialistischen Nationalkultur gesprochen. 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 239 und die Plastik für die Gefallenen des „Kapp-Putsches“ als Symbol für den revolutionären Menschen an sich zu werten.1475 Wenngleich sie alle von den ideologischen Leitlinien der Bau-, Gedenk- und Grabkultur der DDR und ihrer Vereinnahmung durch das Regime zeugten, bezog sich ihre Botschaft nicht unmittelbar und vordergründig auf die im vereinigten Deutschland neu zu bewertende Geschichte der DDR. Die Lebenswerke von Käthe Kollwitz, Heinrich Heine oder Heinrich Mann waren bereits vor dem politischen Ver- änderungsprozess Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses der Bundesrepublik Deutschland gewesen, wenngleich mit unterschiedlichen Interpretationen und werksgeschichtlichen Einordnungen. Auch das Gedenken an die verschiedenen Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs hatte in der Bundesrepublik bereits vor 1989/90 seinen Platz in der Erinnerungskultur gefunden. In Bezug auf die Interpretation der DDR boten jene Denkmale, deren Erfassung bis 1995 bestätigt wurde, die stärksten Anknüpfungspunkte für das „Fortschrittsgedächtnis“.1476 So kündeten die Bauprojekte der frühen Jahre von dem Anspruch, eine neue und gerechtere Gesellschaftsordnung zu errichten. Das Gedenken an die Opfer des Dritten Reiches unterstrich den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR. Zugleich bezeugten diese Denkmale die Hoffnung, dass nun eine bessere und pazifistische Zeit angebrochen war. Auch die Erich-Weinert-Siedlung und die Grabstätten für die intellektuelle und künstlerische Elite des Landes – die nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise bewusst aus ihrem Exil zurückgekehrt war, um sich am Wiederaufbau des Staates zu beteiligen – verdeutlichen die großen Hoffnungen und Ideale, die in den frühen Nachkriegsjahren gerade von ihnen mit der DDR verbunden wurden. Denkmalstreichungen 26 Denkmalpositionen wurden nicht auf die Denkmalliste des Jahres 1995 übernommen. Das entsprach knapp 40 Prozent des vor 1989 eingetragenen Denkmalbestandes. In vielen Fällen gingen diese Entscheidungen auf die ersten Monate nach dem Mauerfall zurück und wurden damit noch vor der eigentlichen Neubewertung durch die Behörden des vereinigten Deutschland von der DDR selber getroffen oder vorbereitet. Die meisten dieser Denkmale waren zuvor auf den Kreislisten erfasst gewesen. Drei von ihnen hatten auf der zentralen Denkmalliste gestanden, zwei auf der Bezirksliste. Den weitaus größten Anteil nahmen darunter die Geschichtsdenkmale ein. Insbesondere „Denkmale der politischen Geschichte“ schätzen die Denkmalschützer nach der friedlichen Revolution nicht mehr als denkmalwert ein. 6.1.2. 1475 Dymschitz, Alexander: Aus dem Volke kommend – für das Volke schaffend, in: Der Bildhauer Hans Kies, herausgegeben von Alexander Dymschitz und Joachim Uhlitzsch, Leipzig 1970, S. 7. 1476 Vertreter dieser Interpretation der DDR stuften die sozialistischen Ideen nach der friedlichen Revolution weiterhin als gerechtfertigt ein und wollten die DDR als ein dem Westen gleichwertiges System verstanden wissen. Vergleiche hierzu auch Kapitel 3.3. dieser Studie. 6. Ergebnis der Neubewertung 240 Die Denkmale im Bezirk Köpenick wurden besonders kritisch bewertet. Unter ihnen war der Anteil der Denkmale, die nicht auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen wurden, mit Zweidritteln am höchsten. In den anderen Bezirken lag dieser Anteil bei 56 Prozent oder weniger. In Bezug auf das Alter der Denkmale zeigte sich, dass insbesondere Denkmale aus den siebziger Jahren nicht auf die Denkmalliste von 1995 übertragen wurden. Die Eintragungen von Denkmalen aus den zwei vorherigen Dekaden wurden seltener nicht bestätigt. Unter den Denkmalen, die nicht auf die Denkmalliste von 1995 übertragen wurden, befanden sich des Weiteren auffällig viele Objekte, deren Urheber unbekannt waren oder keine künstlerische Ausbildung genossen hatten. So waren es die Angehörigen des Kabelwerks Oberspree „Wilhelm Pieck“ in Oberschöneweide selbst, welche den Gedenkstein für vier frühere Mitarbeiter des Kombinats gestaltet hatten, die von den Nationalsozialisten ermordet worden waren.1477 Zudem ließen sich nur drei prominente Namen unter den Verantwortlichen dieser Denkmale finden: Ingeborg Hunzinger, Gerhard Thieme und Dietmar Kuntzsch.1478 Gleich zwei Mal taucht der Name Werner Richter auf. Er schuf jeweils eine Kunststele für die „antifaschistischen Widerstandskämpfer“ in Friedrichshain und Treptow. Schließlich wurde mit dem Lenin-Denkmal auch das einzige Denkmal, welches von einem sowjetischen Künstler geschaffen worden war, nicht auf die Denkmalliste von 1995 übertragen. Es war zugleich das einzige Monumentaldenkmal sowjetischer Tradition, das vor der friedlichen Revolution auf einer der Denkmallisten erfasst gewesen war. Die Denkmalschützer bestätigten zudem seltener die Eintragungen von kleineren Objekten wie Gedenksteinen, -stelen oder -tafeln. Von den Gedenktafeln, die vor 1989 relativ prominent auf den Kreisdenkmallisten vertreten waren, wurde keine einzige auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen. Als nicht mehr denkmalwert erschienen nach 1990 häufig auch solche Denkmale, welche einen historischen Ort markierten oder an ein historisches Ereignis erinnerten. Dies traf vor allem auf Gedenktafeln zu. Hierunter fielen aber auch zwei Gedenksteine, welche an frühere SA-Sturmlokale1479 erinnerten, eine Gedenkstele für den Arbeitersportverein „Fichte“ und das Spartakusdenkmal in der Nähe des Gründungsortes des Bündnisses. Von den Streichungen betroffen waren zudem drei Denkmale, welche gleich mehrerer „antifaschistischer Widerstandskämpfer“ gedachten. Auch zwei der drei Erinnerungen an die „Köpenicker Blutwoche“ wurden von der Denkmalliste gestrichen, 1477 Endlich, Berlin, S. 68. 1478 Ingeborg Hunzinger hatte die Stele für Victor Jara geschaffenen. Gerhard Thieme zeichnete für den Brunnen „Altberliner Typen“ verantwortlich. Dietmar Kuntzsch entwarf das Denkmal für die an der Grenze ermordeten Soldaten. 1479 Als Sturmlokale werden die Stammkneipen und konspirativen Treffpunkte der SA-Sturmtrupps in der Phase der Straßenkämpfe bezeichnet. In ihnen fanden unter anderem Schießübungen und politischer Unterricht statt (Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin und New York 1998, S. 597). 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 241 wobei die bedeutsamste und größte von ihnen – die mehrteilige Anlage von Walter Sutkowski – auf die Denkmalliste von 1995 übertragen wurde. Auf diese Weise wurden Mehrfachehrungen auf den Denkmallisten reduziert. Nicht bestätigt wurde auch die Erfassung der beiden Ehrungen für die DDR-Soldaten, die an der Berliner Mauer angeblich von westdeutschen „Agenten“ ermordeten worden waren. Sie waren bis zur friedlichen Revolution die einzigen Denkmale, die unmittelbar von der (politischen) Geschichte der DDR und ihrer Systemkonkurrenz mit der Bundesrepublik erzählten. Bemerkenswert ist ferner, dass sich unter den gestrichenen Denkmalbestandteilen vier der fünf Einzelehrungen für Sozialisten aus dem Ausland befanden.1480 Ebenso war der Doppeldecker-Bus, der zuvor auf der Bezirksliste erfasst gewesen war, nicht mehr auf der Gesamtberliner Liste zu finden. Er ließ sich keiner ihrer Denkmalkategorien zuordnen. Auch die Denkmale, die nicht auf die Denkmalliste von 1995 überragen wurden, lassen sich damit am ehesten dem „Fortschrittsgedächtnis“ zuordnen. Noch stärker als die zuvor behandelten Denkmale betonten sie, – neben dem antifaschistischen Gründungsmythos – die Verwirklichung eines Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden, für welchen Arbeiter und Sozialisten vieler Generationen zuvor gekämpft und gelitten hatten. Die beiden Denkmale, die zur Erinnerung an die getöteten Grenzsoldaten errichtet worden waren, stützten zudem dessen These, dass auf beiden Seiten der Mauer zwischen 1961 und 1989 Unrecht geschehen war. Damit bestritten sie, dass die Bundesrepublik im Systemkonflikt eine „weisse Weste“ behalten hatte und stellten somit deren positives Selbstbild in Frage. Neuerfassungen In den Stadtbezirken, wo zwischen der friedlichen Revolution und der deutschen Einheit neue Denkmallisten verabschiedet worden waren, erfolgte die Erweiterung der Denkmalliste in zwei Etappen. Im Bezirk Friedrichshain wurde die Grabstätte des in den achtziger Jahren verstorbenen Mediziners Helmut Kraatz bereits vor der Einheit unter Schutz gestellt. Im Bezirk Mitte, wo die Zahl der erfassten Denkmale 1990 insgesamt massiv zunahm und im Mai 1990 die gesamte Spandauer Vorstadt als Denkmalschutzgebiet ausgewiesen wurde,1481 wurde explizit die Hinterlandmauer auf dem Invalidenfriedhof ergänzt. Alles, was vor dem „Stichtag“ 3. Oktober 1990 in der DDR unter Denkmalschutz stand, wurde auf der Gesamtberliner Denkmalliste des Jahres 1995 mit einem „D“ versehen. Damit waren die Neueintragungen auf den ersten Blick als solche erkennbar. Allerdings war diese Markierung faktisch nicht gleichbedeutend mit einer Nennung auf den knapp gefassten DDR-Denkmallisten. Gerade die jungen Ensembleteile 6.1.3. 1480 Auf die Denkmalliste von 1995 übernommen wurde somit allein das Denkmal für den tschechischen Schriftsteller Julius Fuçik. 1481 Dort befand sich unter anderem die Gedenkstätte für 50.000 ermordete Juden von Willi Lammert. 6. Ergebnis der Neubewertung 242 waren von den DDR-Behörden zumeist nicht separat aufgeführt worden und damit bis 1995 nicht explizit geschützt gewesen. Es ließ sich nach 1990 nur mutmaßen, inwiefern sie in den grob umschriebenen Denkmalpositionen inbegriffen waren. Dies traf auch auf weitere Bestandteile der vormals eingetragenen Einzeldenkmale zu.1482 Zudem waren einige dieser mit einem „D“ gekennzeichneten Denkmale vor dem 3. Oktober 1990 nur vorläufig unter Schutz gestellt worden. Ihre Denkmalprüfung erfolgte damit erst im Zuge der allgemeinen Listenneufassung nach der Vereinigung. Umgekehrt kam es vor, dass ein Denkmal vor 1989 rechtsgültig eingetragen war, auf der Gesamtberliner Denkmalliste aber ohne diese Kennzeichnung blieb.1483 Im Sinne dieser Studie1484 erstmalig auf der Denkmalliste erfasst waren im Jahr 1995 78 Ensembleteile, welche sich auf 30 Ensembles verteilten, sowie 29 Gesamtanlagen und 49 Einzeldenkmale, in denen alle oder ein Teil aus den Jahren 1949 bis 1989/90 stammten. Viele dieser Gesamtanlagen und Einzeldenkmale waren ebenfalls in ein Ensemble eingebunden. Bei über einem Drittel der Ensembleteile handelte es sich um „Konstituierende Bestandteile“, welche die Eigenschaften des Ensembles unterstrichen. Mehr als die Hälfte von ihnen waren „Weitere Bestandteile“, die für sich allein nicht denkmalwert gewesen wären.1485 Bei mehr als der Hälfte der Ensembles stammte jeweils nur ein Teil von diesen aus der Zeit der DDR. Die jüngeren Objekte stellten damit die deutliche Minderheit im Ensemble dar und besaßen für dessen Gesamtcharakter keine grö- ßere Bedeutung. Über 40 Prozent der Ensembleteile verteilten sich allerdings auf drei größere Ensembles, die wesentlich durch das bauliche Erbe der DDR geprägt waren. Zwei von ihnen setzten sich aus den Bauten der Karl-Marx-Allee zusammen. Bei dem dritten handelte es sich um ein Ensemble mehrerer jüngerer Bauten „Unter den Linden“, zu denen unter anderem vier Botschaftsgebäude, das „Hotel Unter den Linden“ und das ehemalige Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel der DDR gehörten. Anders als die gewachsenen Ensembles waren Gesamtanlagen für gewöhnlich in einem baulichen Zuge entstanden. Unter den 29 Gesamtanlagen befanden sich allerdings auch drei, die im Kern älter waren als 1949 und sich nur zum Teil aus den Bau- 1482 So wurden nach der friedlichen Revolution erstmals auch die Wohnanlage, die parallel zum Hochhaus an der Weberwiese entstanden war, die Umbauung des Fernsehturms, die weiteren Bauten am Strausberger Platz, wo das „Haus des Kindes“ stand, und eine Gedenktafel, die am einstigen Wohnhaus von Arnold Zweig angebracht war, explizit erfasst. 1483 Unter den Denkmalen aus der DDR-Zeit traf ersteres etwa auf das zwischen 1954 und 1956 errichtete Gasthaus „Zenner", letzteres auf die Gedenkstätte „Einsame Pappel“ zu. 1484 In der folgenden Betrachtung werden alle Objekte als Erweiterungen begriffen, welche nicht auf den bisher untersuchten Denkmallisten erfasst waren oder in den früheren Listen nicht den der Untersuchung zu Grunde gelegten Kriterien entsprachen. Damit wird auch der „Rote Matrose“ von Hans Kies erstmalig berücksichtigt, welcher zu DDR-Zeiten als Denkmal der Garten- und Landschaftskunst erfasst war. 1485 Bei den übrigen Denkmalpositionen fehlte diese Angabe oder es war lediglich von „Bestandteilen“ die Rede. 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 243 ten der DDR zusammensetzten. Ebenso gab es drei Einzeldenkmale, die aus mehr als einem Bau bestanden und nur zum Teil in der Epoche der DDR entstanden waren.1486 Der erweiterte Bestand verteilte sich insbesondere auf die Bezirke Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg. Aus den übrigen Bezirken wurden jeweils nur wenige Denkmale nach 1989 neuerfasst. Im jungen Bezirk Hellersdorf war dies kein einziges. Er blieb damit der einzige Bezirk, in dessen Verwaltungsbereich 1995 kein Denkmal aus der Zeit der DDR fiel.1487 Während in Friedrichshain auffällig viele Gesamtanlagen neu unter Schutz gestellt wurden – die häufig im Zuge des ersten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee entstanden waren – war in den Bezirken Mitte und Lichtenberg der Anteil der neuerfassten Einzeldenkmale besonders hoch. In Lichtenberg, in dem bis zur friedlichen Revolution verhältnismäßig wenige Nachkriegsdenkmale unter Schutz gestanden hatten, war zudem der Anteil von Zeugnissen der Bildenden Kunst ungewöhnlich hoch. Knapp die Hälfte aller neuerfassten Listenpositionen stammte aus den fünfziger Jahren. Viele von ihnen entsprachen damit dem architektonischen Leitbild der „Nationalen Tradition“ und trugen den Charakter der ersten städtebaulichen Entwicklungsphase der DDR. Allerdings wurden auch mehrere Denkmalen aus jenen Jahren neuerfasst, welche gerade in Abgrenzung hiervon gebaut worden waren. Hierzu zählte im Besonderen das Rundfunkzentrum in der Nalepastraße von dem Bauhaus- Schüler Franz Ehrlich, das heute als „ein herausragendes Beispiel der Architektur der DDR der 1950er Jahre jenseits der ‚Architektur der nationalen Tradition‘“ verstanden wird1488 (s. Abbildung 31). Ebenso wurden mit der Wohnzelle Friedrichshain, der Schule in der Weinmeisterstraße oder dem „Bauabschnitt D“ der Karl-Marx-Allee mehrere Denkmale neuerfasst, an deren Bauhistorie und Vielschichtigkeit sich der Wandel der Architekturdoktrinen Anfang und Mitte der fünfziger Jahre besonders gut ablesen ließ.1489 Weitere 24 der neueingetragenen Denkmalpositionen waren in den sechziger Jahren entstanden, darunter mehrere Leit-, Versuchs- und Typenbauten. Bauwerke der siebziger Jahre wurden deutlich seltener neu als denkmalwert erkannt. Stärker wuchs die Zahl der Denkmale aus den achtziger Jahren auf den Denkmallisten an. 1486 Unter den Gesamtanlagen waren dies mehrere Neubauten der „ABB Kraftwerke Berlin GmbH“ (ehemaliges Bergmann Borsig-Werk), das Kinderheim Makarenko als Teil der Gesamtanlage „Evangelischer Friedhof Altglienicke“ und ein ehemaliger Wachturm der Gesamtanlage „Askania- Haus“. Bei den drei Einzeldenkmalen handelte es sich um die Grundschule des Schulkomplexes in der Ifflandstraße, die Gedenktafel für Arnold Zweig an dessen ehemaligem Wohnhaus, das mit den umliegenden Freiflächen geschützt war, sowie die Neue Wagenhalle im S-Bahn-Betriebswerk Rosenfelder Straße. 1487 Das sowjetische Ehrenmal in der Brodauer Straße war 1995 als Gartendenkmal aufgeführt. 1488 Dolff-Bonekämper, Gabriele: Rundfunkzentrum Nalepastraße, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 72. 1489 Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (1996), S. 148ff. / Zech, Ulrike: Ehem. Franz-Mett-Oberschule (heute Freie Waldorfschule), in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 121 / Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (1996), S. 154f. 6. Ergebnis der Neubewertung 244 Viele der neuerfassten Denkmale stammten von namhaften Architekten und Bildhauern der DDR. So tauchte der Name Hermann Henselmann gleich sechs Mal auf der Liste auf, was seine herausragende Bedeutung für das Baugeschehen der DDR – nicht nur in der Phase der „Nationalen Tradition“ – untermauerte.1490 Ferner waren Anton Gerber und Heinz Graffunder jeweils mit vier Objekten neu auf der Denkmalliste vertreten. Ersterer zeichnete für vier Schulbauten bzw. Kindertagesstätten im Bezirk Friedrichshain verantwortlich,1491 letzterer für die Gestaltung des Lichtenberger Tierparks. Andere bedeutsame Bauten Graffunders in Ost-Berlin, wie die Rathauspassagen und der Palast der Republik, wurden 1995 allerdings nicht neu auf die Denkmalliste aufgenommen. Ferner wurden Richard Paulick, leitend an der Arbeit der Deutschen Bauakademie und intensiv am Wiederaufbau Ost-Berlins beteiligt, sowie Franz Ehrlich, der nach Einschätzung des Kunsthistorikers Lutz Schöbe „zu den vielseitigsten und profiliertesten Architekten der ehemaligen DDR und unverkennbar zu den stärksten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegszeit“1492 zählte, jeweils dreimal als Architekten auf der Denkmalliste genannt.1493 Unter den verantwortlichen Bildhauern fanden sich neuerlich die Namen Fritz Cremer, Hans Kies und Waldemar Grzimek. Letzterer ist neben Fritz Kühn der einzige, der an mehr als einer dieser Arbeiten beteiligt war. Auch eine Gedenkstele für die Opfer des Faschismus von Werner Richter wurde 1995 neu auf die Denkmalliste aufgenommen. Dies verwundert insofern, da zwei ähnliche Arbeiten von ihm nach der friedlichen Revolution als nicht mehr denkmalwert galten. Im Unterschied zu den beiden älteren Denkmale war diese Stele allerdings nicht personalisiert. Anders als noch vor der friedlichen Revolution handelte es sich bei der großen Mehrheit der neueingetragenen Denkmale um Zeugnisse der DDR-Baukultur. Besonders viele dienten als Wohnhäuser oder waren eine Kombination aus Wohn- und Geschäftshaus.1494 Die Pavillons des zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee gehörten zu den wenigen Denkmalen, die ausschließlich als Geschäftshäuser genutzt wurden. Viele dieser Wohnbauten waren im Kontext des ersten und zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee entstanden. Ferner fielen etwa die Wohnanlagen in der Ostsee- 1490 Von ihm stammten neben dem 1995 ergänzten Wohnkomplex an der Weberwiese, den übrigen Bauten am Frankfurter Tor und dem Wohnkomplex am Platz der Vereinten Nationen noch das „Haus des Lehrers“ und die Kongresshalle sowie das Gasthaus „Zenner". 1491 Dennoch ließen sich in der bisherigen Literatur keine Informationen über seine Person und sein Werk finden. Diesbezüglich besteht also weiterer Forschungsbedarf. 1492 Schöbe, Lutz: Franz Ehrlich, in: Vom Baukünstler zum Komplexprojektanten. Architekten in der DDR. Dokumentation eines IRS-Sammlungsbestandes biographischer Daten, herausgegeben von Dietrich Fürst u.a., Erkner 2000 (= Regio doc, Nr. 3), S. 69. 1493 Im Falle des DDR-Fernsehzentrums in Berlin-Adlershof wurde ihm die Autorschaft durch die neuere Forschung – namentlich von Andreas Butter – allerdings wieder aberkannt. Der Komplex wurde Wolfgang Wunsch zugeschrieben (Wittmann-Englert, Kerstin: Ehem. Fernsehzentrum Adlershof, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 69). 1494 Gerade unter den nacherfassten Wohnbauten befanden sich allerdings auch viele „Weitere Bestandteile“ größerer Ensembles, die für sich allein keinen Denkmalwert besessen hätten. 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 245 straße, der Wohnkomplex am einstigen Lenin-Platz oder der Versuchsplattenbau in der Erich-Kuttner-Straße darunter. Die umfangreichen Neubausiedlungen in den jungen Ost-Berliner Randbezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen gehörten nicht hierzu. Dennoch standen die nacherfassten Denkmale durchaus exemplarisch für die verschiedenen Arten des DDR-Wohnungsbaus: die Nachverdichtung älterer Stadtkerne, den aufwändigen Neubau von „Arbeiterpalästen“ und der schnellen Versorgung mit Wohnraum durch die Großsiedlungen in Plattenbauweise. Bauten für Bildung, Erziehung und Wissenschaft, die nahezu alle in der Frühphase der DDR entstanden waren, waren die am zweithäufigsten ausgeführte Bauaufgabe unter den neuerfassten Denkmalen. Hierzu gehörten acht Schulbauten – von der Grund- bis zur Berufsschule –, sechs Kindergärten, -tagesstätten und -heime sowie sechs Denkmale, die für wissenschaftliche Zwecke genutzt wurden. Auch einige von ihnen können als „Paläste“ bezeichnet werden, welche die Bedeutung dieser Bauaufgabe für die sozialistische Gesellschaft unterstrichen. Das architektonisch herausragendste und wohl prominenteste Denkmal von ihnen dürfte die Kunsthochschule Weissensee sein. Größere historische Bedeutung besaßen aber auch das jüngere Audimax-Gebäude der Hochschule für Ökonomie in Berlin Karlshorst (s. Abbildung 32) und das Kinderheim Makarenko. Erstere war die größte Einrichtung dieser Art in der DDR und wirtschaftswissenschaftliche Kaderschmiede des Landes.1495 Letzteres war mit 600 Kindern – vom Säugling bis zum Schulkind – das größte Kinderheim Europas.1496 Im weiteren Sinne können hierzu auch das „Alfred Brehm Haus“ im Tierpark Friedrichsfelde (s. Abbildung 33) sowie das Forschungsgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Siemens-Plania-Werke in Lichtenberg gezählt werden.1497 Ähnlich stark auf der Denkmalliste von 1995 vertreten waren Denkmale, die für kulturelle Zwecke genutzt wurden, Kommunal- Staats- und Verwaltungsbauten sowie Bauten für die Hotellerie und Gastronomie. Zu ersteren zählten drei Bibliotheken, zwei Kinos, das Rundfunkzentrum Nalepastraße und das Fernsehzentrum Adlershof, mehrere Funktionsbauten für Theater und Oper und ein Kulturhaus. Auch sie waren in ihrer technischen, städtebaulichen oder gestalterischen Ausführung mitunter besonders beispielhaft oder wegweisend für das Baugeschehen der DDR. Des Weiteren besaßen sie – etwa als größtes Premierenkino des Landes – teilweise eine gesellschaftliche Bedeutung für den gesamten Staat.1498 1495 HTW Berlin, Der Präsident (Hrsg.): Die historischen Wurzeln der HTW Berlin, Berlin 2014, S. 32f. Die Bedeutung des Baus beschränkt sich allerdings nicht auf seine Historie. Auch architekturgeschichtlich besitzt der von Hanns Hopp entworfene Bau Qualitäten. Er entstand zeitgleich zum ersten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee und ist einer der letzten Festsäle Ost-Berlins aus den fünfziger Jahren (HTW Berlin, Der Präsident [Hrsg.]: Der Campus Treskowallee der HTW Berlin, o.O. 2016, S. 3 (URL: https://www.htw-berlin.de/files/Presse/Infomaterial/Campusuebersicht_Treskowallee.pdf, letzter Zugriff am 26. Oktober 2018). 1496 Burkowski, Ursula: Weinen in der Dunkelheit. Das Schicksal eines Heimkindes in der DDR, Berlin 2011, S. 15. 1497 Zu DDR-Zeiten befand sich hier der Volkseigene Betrieb „Elektrokohle Lichtenberg“. 1498 Kossel, Kino, S. 95. 6. Ergebnis der Neubewertung 246 Zu den Kommunal-, Staats- und Verwaltungsbauten zählten mehrere Botschaftsgebäude der befreundeten sozialistischen Staaten im Bezirk Mitte. Die Typenbotschaften, welche nach der internationalen Anerkennung der DDR in Pankow entstanden waren, standen aber nicht auf der Denkmalliste. Des Weiteren gehörten hierzu das ehemalige Ministerium für Außenhandel und innerdeutschen Handel der DDR, die ehemalige Parteizentrale der NDPD, der frühere Sitz der Industrie- und Handelskammer der DDR und ein stadtbildprägender Verwaltungsbau im Bezirk Friedrichshain. Nicht zuletzt ist auch das „Haus 1“ zu dieser Baugattung zu zählen. Es steht stellvertretend für ein riesiges Areal im Bezirk Lichtenberg, auf dem sich das Ministerium für Staatssicherheit bis 1990 ausbreitete. Mehrere Denkmale, die bis zur friedlichen Revolution von der DDR-Gastronomie und Hotellerie genutzt wurden, waren im Zuge des zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee entstanden bzw. gehörten zu dessen gesellschaftlichem Zentrum.1499 Ferner fielen hierunter das „Hotel Unter den Linden“, die Bauten am Fuße des Fernsehturms, eine Gaststätte sowie vier Ausflugscafés: das Café am Müggelturm, zwei Einrichtungen im Tierpark Friedrichsfelde und das Gasthaus Zenner im Treptower Park (s. Abbildung 34). Seltener auf der überarbeiteten Denkmalliste vertreten waren DDR-Kirchenbauten, die alle noch in der Frühphase des Staates errichtet worden sind. Gleiches galt für Kliniken, Sportanlagen, Bauwerke der Berliner Verkehrsbetriebe und Bauten zur technischen Versorgung der Stadt. Mit den Relikten der Berliner Grenz- und Maueranlagen kam seit 1989 eine ganz neue Baugattung hinzu. Die Denkmalliste umfasste zwei bis drei ehemalige Wachtürme,1500 vier längere Mauerabschnitte und die frühere Grenzabfertigungshalle am Bahnhof Friedrichstraße. Tränenreiche Abschiede hatten dieser im Volksmund den Namen „Tränenpalast“ verliehen. Demgegenüber wurden lediglich 12 Denkmalpositionen bis 1995 neu auf die Denkmalliste aufgenommen, die vollständig dem Bereich der Gedenkkultur zugerechnet werden konnten.1501 Findlinge und Gedenktafeln gehörten – von einer Ausnahme abgesehen – nicht mehr hierzu (s. Abbildung 36). Ihre Semantik entsprach dem Geschichtsverständnis der DDR. Das „Marx-Engels-Forum“ und ein kleines Lenin-Denkmal erinnerten an die ideologischen Grün- 1499 Dies waren das Hotel „Berolina“, das „Haus des Lehrers“ mit dem angrenzenden Kongresszentrum, das „Restaurant Moskau“ und die „Mokka-Milch-Eisbar“. 1500 Ob der Wachturm auf dem Gelände des Askania-Hauses, das vom MfS-Personenschutz genutzt wurde, auch zu den Grenz- und Maueranlagen zählte, ist unklar. Die Adressangabe im Atlas zu den ehemaligen Sperrgebieten weicht von der Angabe auf der Denkmalliste allerdings ab. Vergleiche diesbezüglich: Adam, Christian, Erdmann, Martin (Hrsg.): Sperrgebiete in der DDR. Ein Atlas von Standorten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Ministerium des Innern (MdI), des Ministeriums für Nationale Verteidigung (MfNV) und der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD), Berlin 2015 (= BF informiert 34), S. 227f. 1501 Hierzu wurde im weiteren Sinne auch eine Bison-Skulptur gezählt, die 1962 in der Nähe des von der DDR neuerrichteten Tierparks Friedrichsfelde aufgestellt worden war. 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 247 derväter des Sozialismus.1502 Lew Kerbels Thälmann-Denkmal, Hans Kies’ „Roter Matrose“ und ein Erinnerungsdenkmal für das zerstörte Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe (s. Abbildung 35) zeugten von der wechselvollen Geschichte der Arbeiterbewegung. Gerade letzteres war besonders vielschichtig, indem es die verschiedenen Phasen der deutschen Geschichte und den Wechsel der Erinnerungskulturen im 20. Jahrhunderts repräsentierte. Vier neuerfasste Denkmalpositionen erinnerten an die „Widerstandskämpfer“ des Zweiten Weltkriegs. Hierzu zählte unter anderem die Gedenkstätte „Lager Wuhlheide“, welche an der Stelle des gleichnamigen Arbeitslagers errichtet worden war. Auch diesen Objekten gemein war, dass sie zuvorderst an den kommunistischen Widerstand erinnerten. Unter den mindestens 2.000 Verstorbenen des „Arbeitserziehungslagers“ Wuhlheide befanden sich aber beispielsweise auch Juden, Kriegsgefangene und andere Zwangsarbeiter.1503 Der Aufbauhelfer und die Aufbauhelferin sollten „den Enthusiasmus beim Aufbau des neuen sozialistischen Staates“1504 verkörpern und als Vorbild für den (neuen) sozialistischen Menschen dienen. Ein solches Ideal sollten mutmaßlich auch die Plastiken auf dem Sportforum Hohenschönhausen darstellen, die 1995 als Teil der Gesamtanlage „Sportforum Berlin“ neuerfasst waren. Die Grabstätten für den Literaten Ludwig Renn und den Mediziner Helmut Kraatz waren die einzigen neuerfassten Grabdenkmale auf der Denkmalliste von 1995. Damit setzten die Behörden im Bereich der Sepulkralkultur die DDR-Praxis fort. Auf diese Weise geehrt wurde insbesondere die wissenschaftliche und künstlerische Elite des Landes. Der Fokus blieb auf den männlichen Söhnen des Sozialismus. Die neuerfassten Denkmale zeugten damit insbesondere von den Entwicklungen und Prioritäten der ostdeutschen Baukultur und weniger von der Gedenk- und Sepulkralkultur der DDR. Art und Umfang der realisierten Bauaufgaben verrieten etwas über die Ausgestaltung und Bedeutung der betreffenden Gesellschaftsbereiche in der DDR – ob Bildungssystem, Wohnkultur oder Freizeitindustrie. Sie wurden so zu Quellen des Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystems der DDR. Stärker als die vor der friedlichen Revolution erfassten Denkmale repräsentierten sie jedoch auch die Alltagserfahrung der Bürger. Es waren die Orte ihrer Schulzeit, ihres Rückzugs ins 1502 Die Bildsprache des erstgenannten Denkmals könnte aber auch systemkritisch interpretiert werden: Die Ruhe und Unbeweglichkeit der Figuren könnte als ein Hinweis auf die dogmatische Auslegung der marxistischen Lehre in der DDR verstanden werden. Auf dem hellen – und damit eher positiv konotierten – Marmor wurden zudem die vorherigen Gesellschaftsformen abgebildet. Die dunklere Bronzewand zeigt hingegen die sozialistische Gesellschaft nach ihrem vermeintlichen gesellschaftlichen Aufstieg (Tietenberg, Annette: Marx-Engels-Denkmal, in: Erhalten, zerstören, ver- ändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 [= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1], S. 29). 1503 Endlich, Berlin, S. 89. 1504 Tietenberg, Annette: Weg mit den Trümmern I und II. Denkmal der Aufbauhelferin und des Aufbauhelfers, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 76. 6. Ergebnis der Neubewertung 248 private Heim oder ihrer Wochenendausflüge. Die neuerfassten Denkmale fügten sich damit besonders gut in jenes Interpretationsmuster ein, das Martin Sabrow als „Arrangementgedächtnis“ bezeichnete.1505 Allerdings können auch solche Erinnerungen durchaus schmerzhaft sein und als Beleg für den Diktaturcharakter des Regimes dienen. So evozieren wohlfahrtsstaatliche Einrichtungen wie die Kinderkrippen zwar zunächst positive Assoziationen mit der DDR und wurden auch im bundesdeutschen Diskurs oft positiv hervorgehoben, doch macht der von Konrad Jarausch geprägte Begriff „Fürsorgediktatur“ auch ihre Kehrseite und ihren „Zwangscharakter“ deutlich.1506 So hatten diese und andere Erziehungseinrichtungen der DDR nicht zuletzt der frühzeitigen Herausbildung der „sozialistischen Persönlichkeit“ zu dienen. Abweichungen hiervon wurden entsprechend geahndet. Dies macht deutlich, wie mehrdimensional und multiperspektivisch Erinnerungsorte sein können. Wenige der neuerfassten Denkmale ließen sich aber explizit und zuvorderst dem sogenannten „Diktaturgedächtnis“ zuordnen. Von der 160 kilometerlangen Maueranlage1507 und den 300 Wachtürmen1508 – den Symbolen der staatlichen Repression der DDR überhaupt – wurden beispielsweise nur zwei bzw. drei Türme und vier kürzere Abschnitte bis 1995 neu auf der Denkmalliste erfasst. Schlussfolgerungen Die Ergebnisse dieser Studie entkräften somit die populäre Behauptung, die „Sieger“ des Systemstreits hätten das Denkmalerbe der DDR nach der friedlichen Revolution grundsätzlich abgelehnt. Mehr als die Hälfte der bis 1989 eingetragenen Nachkriegsdenkmale wurden als solche bestätigt. Durch Nacherfassung und konkretere Objektbeschreibungen erfolgte darüber hinaus nahezu eine Verdoppelung des Denkmalbestandes aus den Jahren 1949 bis 1989/90. Viele Streichungen von der Denkmalliste sind zudem noch vor dem 3. Oktober 1990 in der DDR selber geplant oder umgesetzt worden. Auf diese Weise war der betreffende Denkmalbestand im Jahr 1995 insgesamt älter, stärker auf die zentralen Bezirke konzentriert und weniger durch Zeugnisse der Gedenk- und Sepulkralkultur geprägt als noch vor dem Mauerfall. Die Bautätigkeit der DDR wurde durch die ausgewählten Denkmale umfangreich, ausgewogen und fa- 6.1.4. 1505 Sabrow, DDR, S. 19f. 1506 Vergleiche hierzu: Jarausch, Konrad H.: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 20/1998, S. 33–46. Dieser Terminus will ihm zufolge einerseits die ideologischen Intentionen des Sozialismus aufgreifen, „indem er an das Projekt der egalitären Gesellschaftsreform zugunsten von hilfsbedürftigen Unterschichten wie Arbeitern und Bauern erinnert […]. Andererseits ist in dieser Begriffskoppelung auch eine unzweideutige Kritik kommunistischer Unterdrückung enthalten, weil sie das Wort ‚Diktatur‘ im zweiten Teil verwendet, das den Zwangscharakter der sozialistischen Utopie sowie ihrer Umsetzung klar kennzeichnet“ (Ebd., S. 42). 1507 Gamboni, Kunst, S. 64. 1508 Hoffmann/Meuser, Architekturführer, S. 163. 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 249 cettenreich wiedergegeben. Anders als in anderen Teilen der Erinnerungskultur dominierte im Bereich von Denkmalschutz und Denkmalpflege nach der friedlichen Revolution damit nicht das Diktaturnarrativ. Erstmals kann die Studie darüber hinaus belastbare Faktoren benennen, die bei der Neubewertung offenbar zugunsten oder zuungunsten der Denkmale gesprochen hatten. So waren die Denkmale umso eher auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen worden, je höher ihre Bedeutung von den DDR-Behörden eingestuft worden war, sofern es sich nicht um Geschichtsdenkmale handelte und je früher sie entstanden waren.1509 Zugunsten der Denkmale wirkte offenbar auch das Renommee ihrer Architekten oder Bildhauer. Viele prominente Namen ließen sich mehrfach auf der überarbeiteten Denkmalliste finden. Zudem gab es Bezirke, in denen die Neuerfassung besonders forciert wurde. Hierzu zählten insbesondere die zentralen Ost-Bezirke Friedrichshain und Mitte. In anderen – wie dem Bezirk Köpenick – verlief hingegen die „Aussortierung“ der Denkmale besonders gründlich. Ferner wurden größere Baudenkmale und mehrteilige Gedenk- und Grabanlagen eher auf die neue Denkmalliste übertragen als kleinere Gedenktafeln und -steine. Nicht zuletzt wirkte es sich positiv auf die Denkmalbewertung aus, wenn es keine Vergleichsobjekte auf der Denkmalliste gab. Gegen die Denkmale sprach hingegen eher, wenn sie an historische Orte und Ereignisse erinnerten oder den ermordeten Grenzsoldaten gewidmet waren. Gerade die Denkmale, die an die Berliner Mauer und die deutsche Teilung erinnerten, wurden nach der friedlichen Revolution vollständig ausgetauscht. Die Stimmen derer, die mit der Bedeutung des historischen Denkmalwertes und der strittigen Denkmalsemantik argumentiert hatten, schlugen sich damit tatsächlich auf das Ergebnis der Denkmalbewertung nieder. Insbesondere die „politischen Denkmale“, die von vielen kritisiert und als ein Sinnbild des sozialistischen Heroenkults angesehen worden waren, wurden oftmals nicht auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen. Hierzu gehörten auch die zwei Ehrungen für den so umstrittenen sowjetischen Politiker Lenin.1510 Die Entscheidungen drückten auch den geforderten Respekt vor den (Mauer-)Opfern des Regimes aus. Die zwei Denkmale für die an der Grenze verstorbenen DDR-Soldaten waren nicht mehr auf der neuen Denkmalliste zu finden. Gleichzeitig wurden mehrere Teile der Berliner Grenzanlagen nacherfasst. Die Berliner Mauer wurde damit – wie gefordert – vom „antifaschistischen Schutzwall“ zum Unrechtsort umgedeutet, wie sie im Westen mehrheitlich bereits vor dem Mauerfall interpretiert worden war. Die häufige Bestätigung von Denkmalen zur Erinnerung an die Opfer des Faschismus entsprach wiederum Forderungen aus dem linken politischen Lager. Dieses 1509 Allerdings ließ das Alter allein keine Rückschlüsse auf den Baustil des Denkmals zu. Gleich mehrere Denkmale entsprachen nicht den offiziellen DDR-Architekturrichtlinien, die zum Zeitpunkt ihrer Erbauung gegolten hatten. 1510 Zugleich wurde ein kleines Lenin-Denkmal auf dem ehemaligen Militärgelände in Karlshorst neuerfasst. 6. Ergebnis der Neubewertung 250 hatte den Schutz von antifaschistischen Gedenkstätten als Bollwerk gegen einen drohenden Rechtsruck der Gesellschaft eingefordert. Die Entscheidungen zugunsten dieser Denkmale bekräftigten zugleich das zeitlose Bekenntnis der deutschen Gesellschaft, den Opfern des Dritten Reiches gedenken zu wollen. Von diesem globalen Bekenntnis ausgeschlossen wurden allerdings antifaschistische Denkmale wie jene zur Erinnerung an die „Köpenicker Blutwoche“, deren Aussagen sich nur bedingt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckten oder den kommunistischen Widerstand überbetonten. Auch dieser Makel war im Diskurs problematisiert worden. Dass sich auf der Gesamtberliner Denkmalliste viele Namen von prominenten Künstlern fanden, deutet daraufhin, dass der künstlerische Denkmalwert insgesamt einen größeren Einfluss auf das Bewertungsergebnis hatte, als es im Diskus den Anschein machte.1511 Die öffentliche Kritik an der Monumentalität der errichteten Denkmale scheint sich allerdings nicht auf das Ergebnis der Denkmalbewertung ausgewirkt zu haben. Zwar wurde das monumentale Lenin-Denkmal 1992 abmontiert, doch wurden zugleich das raumgreifende „Marx-Engels-Forum“ und das Thälmann- Denkmal bis 1995 als Denkmale neuerfasst. Ferner zeigte sich, dass gerade die größeren Denkmalanlagen auf den Denkmallisten verblieben, während viele kleinere Objekte von der Denkmalliste verschwanden. Inwiefern sich die Kritik an der vorgeblichen Eintönigkeit der DDR-Architektur auf das Ergebnis der Neubewertung auswirkte, lässt sich den gewonnenen Daten nicht unmittelbar entnehmen. Allenfalls der direkte Vergleich mit dem Nachkriegserbe in West-Berlin lässt Spekulationen darüber zu, dass die dortigen Entwürfe auch von den Denkmalschützern als ideen- und abwechslungsreicher wahrgenommen worden sein könnten. Ein Einfluss städtebaulicher Aspekte auf die Entscheidungen lässt sich nur bedingt ableiten. Zu einer „Leerräumung“ der Stadtmitte, die von Experten erwartet und von Teilen der Politik gefordert worden war, kam es jedenfalls nicht. Große Teile der Karl-Marx-Allee und zumindest ein Bauwerk auf dem Schlossplatz gehörten auch 1995 zu den eingetragenen Denkmalen. Das dezentralere Hans-Loch-Viertel in Lichtenberg war bis 1995 hingegen nicht großflächig auf der Berliner Denkmalliste erfasst. Gerade in den zentralen Bezirken war die Nacherfassung – und damit auch die Denkmaldichte – zudem besonders hoch. Dies könnte dafür sprechen, dass der Denkmalschutz dort tatsächlich im besonderem Maße als Präventivmittel gegen den erwarteten Bauboom eingesetzt worden ist. So hatten es Experten den lokalen Denkmalschützern als Lehre aus der Vergangenheit empfohlen. Da die Denkmalschützer insbesondere größere Denkmale auf die Denkmalliste von 1995 übertrugen und mehrere Wohnanlagen nacherfassten, schlug sich auch die öffentliche Kritik an der städtebaulichen Dominanz und an den angeblichen planerischen Fehlleistungen der DDR in der Summe nicht nachweisbar auf die konkreten 1511 Der Befund ist zudem ein Beleg dafür, dass die staatlichen Aufträge tatsächlich häufig an dieselbe Stelle vergeben wurden und die künstlerische Elite in der DDR insgesamt nicht sehr groß war. 6.1. Veränderungen am eingetragenen Denkmalbestand 251 Denkmalbewertungen nieder.1512 Ebenso wog das Plädoyer für die städtebauliche Bedeutung des Lenin-Denkmals offenbar geringer als andere Argumente, die gegen den Erhalt des Denkmals vorgebracht worden waren.1513 Auch historisch-geographische Bezüge zwischen dem Denkmal und seinem Umfeld wirkten – gerade wenn es sich um Gedenktafeln handelte und die Erinnerung nicht personalisiert war – nicht unbedingt zugunsten der Denkmale. Für ihre Berücksichtigung aber hatte etwa die Expertenkommission des Senats plädiert. In Bezug auf die Einschätzung der öffentlichen Akzeptanz und des weiteren Schicksals der Denkmale behielten die Experten und medialen Beobachter mehrheitlich Recht. Die älteren Denkmale, die im Stile der „Nationalen Tradition“ errichtet worden waren, wurden eher auf die Denkmalliste des Jahres 1995 übernommen als jüngere Bauwerke. Ferner wurden zahlreiche weitere Denkmale aus dieser Dekade neu als solche erfasst. Unumstritten blieben – wie erwartet – die Ehrungen für Käthe Kollwitz, Heinrich Heine oder Heinrich Zille. Die Experten irrten sich allein beim Marx-Engels-Denkmal, das bis 1995 wider ihrem Erwarten als Denkmal eingetragen wurde. Die Altersstruktur der Denkmale lässt sich aber auch mit den viel diskutierten Bewertungsproblemen und dem damaligen Forschungsmangel in Verbindung bringen. Die unzureichenden Bewertungsgrundlagen zeigten sich ferner darin, dass Denkmale teilweise zunächst unkorrekt datiert waren oder einem falschen Architekten zugerechnet wurden. Der Einfluss ökonomischer Interesses lässt sich womöglich daran ablesen, dass insbesondere Nutzbauten auf die Denkmalliste übertragen oder neu auf ihr erfasst wurden. Denkmale der bildenden Kunst und Grabstätten, deren Werte vor allem im symbolischen Gedenken, der Aufwertung des öffentlichen Raumes und der historischpolitischen Erziehung der Bürger lagen, wurden hingegen deutlich häufiger von der Denkmallisten entfernt und seltener nacherfasst. Der Verbleib aller sowjetischer Ehrenhaine auf den Denkmallisten bestätigte schließlich die Bedeutung von Staatsverträgen, auf deren Verbindlichkeit etwa der „Freundeskreis sowjetischer Ehrenmale“ achtete. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen Nachdem sich der Blick bisher allein auf den rechtlichen Status der Denkmale gerichtet hat, soll im Folgenden beschrieben werden, ob und wie sich der Wandel, der durch den Mauerfall ausgelöst wurde, auf die Denkmalsubstanz selber auswirkte. Die Glie- 6.2. 1512 Dies könnte allerdings auch rechtliche Ursachen gehabt haben, die weit seltener im Diskurs angeklungen waren. So kann durchaus in Frage gestellt werden, inwiefern die kleinen Gedenktafeln zur Ausstattung eines Baudenkmals gehören bzw. unabhängig von diesem durch den Denkmalschutz gesichert werden könnten. 1513 Das Denkmal für Hermann Duncker, dem ebenfalls eine städtebauliche Bedeutung für das Zentrum von Karlshorst zugewiesen worden war, wurde jedoch auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen. 6. Ergebnis der Neubewertung 252 derung des vorherigen Kapitels wird hierbei übernommen. Auf diese Weise lässt sich beispielsweise besser nachvollziehen, ob und inwiefern die nicht auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragenen Denkmale aus dem Stadtraum wichen. Innerhalb der drei Kapitel folgt die Darstellung der Auflistung in Kapitel 2.2.2. dieser Studie. Viele (potentielle) Denkmale befanden sich allerdings bereits im Herbst 1989 – trotz ihres geringen Alters – nicht mehr im Ursprungszustand. Sie trugen zum Teil massive Spuren des Verfalls.1514 Im Laufe der Jahre war beispielsweise rund die Hälfte der Keramikplatten, die an den Gebäudefassaden entlang der Karl-Marx-Allee angebracht worden waren, abgefallen.1515 Überdies hatte der technische Fortschritt – etwa am Berliner Fernsehturm – Eingriffe notwendig gemacht1516 oder war die Gebäudeausstattung dem Zeitgeschmack angepasst worden.1517 Im Rahmen dieser Studie ließ sich nicht immer rekonstruieren, wer bis Mitte der neunziger Jahre für derartige Ver- änderungen verantwortlich war. Denkmalbestätigungen Da das Gedenken an die Sinti und Roma auf dem Friedhof Marzahn bereits zu DDR- Zeiten zu Kontroversen und dem Wunsch nach Veränderungen geführt hatte, wurde der Findling als eines der ersten Denkmale überhaupt bereits im Jahr 1990 auf offiziellem Wege verändert. Er wurde um eine weiße Marmorplatte ergänzt. Auf ihr waren wenige Informationen zu den Verstorbenen sowie zwei Worte auf Romanes festgehalten. Übersetzt bedeuteten sie soviel wie „Bleib mit Gott“. Ein Jahr später kam eine weitere Gedenktafel mit mehr Informationsgehalt hinzu1518 (s. Abbildung 37). Ebenfalls offiziell ergänzt wurde die Inschrift des Denkmals für die polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten im Volkspark Friedrichshain. Auf der zweiteiligen 1995 neu angebrachten Gedenktafel – in deutscher und in polnischer Sprache – 6.2.1. 1514 Wirth, Umgang, S. 163. Hermann Wirth spricht an dieser Stelle explizit von Bauten aus den vierziger und fünfziger Jahren. 1515 Nicolaus/Obeth, Stalinallee, S. 290. Dies entsprach etwa 50.000 m² (Ebd., S. 290). 1516 Die alte funktechnische Ausrüstung des Fernsehturms ging in den Bestand des DDR-Postmuseums über. Die Deutsche Post war Rechtsträger des Denkmals (Institut für Denkmalpflege der DDR [Hrsg.]: Denkmale der Produktions- und Verkehrsgeschichte Teil 2, Berlin 1991, S. 134). 1517 Hierzu war es etwa in den Räumen des Rundfunkzentrums in der Nalepastraße gekommen (Moeller, Gisela: Rundfunkzentrum Nalepastraße, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 73). 1518 Endlich, Berlin, S. 94. Der Ergänzungstext war laut dieser: „Auf einem ehemaligen Rieselfeld nördlich dieses Friedhofs richteten die Nazis im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 einen ‚Zigeunerrastplatz‘ ein, auf dem hunderte Sinti und Roma gezwungen wurden zu leben. Zusammengepfercht in düstere Baracken, fristeten die Lagerbewohner ein elendes Dasein. Harte Arbeit, Krankheit und Hunger forderten ihre Opfer. Willkürlich wurden Menschen verschleppt und verhaftet. Demütigende ‚rassenhygienische Untersuchungen‘ verbreiteten Angst und Schrecken. Im Frühjahr 1943 wurden die meisten der ‚Festgesetzten‘ nach Auschwitz deportiert. Männer und Frauen, Greise und Kinder. Nur wenige überlebten“ (Ebd., S. 94). 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 253 wurde der Entstehungskontext des Denkmals erklärt und seine Widmung aktualisiert: „Heute wird an dieser Stelle auch derer gedacht, die als Soldaten der Armee des polnischen Untergrundstaates, der Alliierten Streitkräfte und der polnischen Widerstandsbewegungen gekämpft haben und gefallen sind, die als Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene verschleppt und ermordet wurden, sowie aller Antifaschisten des deutschen Widerstandes, die ihr Leben für die Befreiung vom Nationalsozialismus geopfert haben.“1519 Generell entfernt oder abgehängt werden sollten laut einem Volkskammerbeschluss vom 31. Mai 1990 die Insignien der DDR, welche an Fassaden oder im Gebäudeinnern angebracht waren.1520 Von offizieller Seite entfernt wurde auch die ursprüngliche Inschrift des Denkmal für die Interbrigadisten. Die Worte „beseelt von der großen Idee der proletarischen Internationalen“ wurden gelöscht. Der Text gibt nun lediglich sachliche Fakten wider: „Gedenkstätte/der/deutschen/Interbrigadisten/ Spanien/1936-1939.“1521 Darüber hinaus kam es gelegentlich zu ungenehmigten Inschriftenveränderungen. Das „Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“ brachte mehrere provisorische Gedenktafeln an, um die Denkmale und ihren Kontext im Stadtraum besser sichtbar zu machen. Eine davon montierten seine Mitglieder 1994 in unmittelbarer Nähe zum Denkmal für Rosa-Luxemburg. Sie thematisierte die Geschichte des Gefängnisses im Dritten Reich und das Leiden anderer, weniger prominenter Frauen, welches die DDR in ihrer Kommentierung ausgelassen hatte.1522 Zu diesen illegalen Eingriffen gehörten aber auch Graffiti. Sie fielen nach dem Mauerfall umso deutlicher ins Auge, da es sie zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin kaum gegeben hatte.1523 Ein „sarkastisch-ironischer Schlagabtausch zwischen der Öffentlichkeit und den vermeintlichen oder wirklichen politischen Übeltätern“ entfaltete sich am Denkmal für Karl-Liebknecht, auf das die Worte „Keine Stasi-Amnesie“ aufge- 1519 Ebd., S. 55. 1520 Eckert, Rainer: Demontage, Verfremdung, Ironisierung. Die Symbole der DDR in der friedlichen Revolution 1989/90, in: Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole, herausgegeben von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld und Leipzig 2008, S. 133. 1521 Endlich, Berlin, S. 55. Dass die Interbrigadisten in ihrem Kampf hoffnungslos scheiterten, was Fritz Cremer in seinem Werk durchaus künstlerisch verarbeitet hat, thematisierte die Inschrift damit auch nach der friedlichen Revolution nicht. Die dargestellte Bewegung ist unorganisch. Die Körperteile blockieren sich gegenseitig. „Damit entsteht, bei aller Dynamik der Darstellung, ein lähmender Stillstand. So wird die Figur zum Sinnbild für die Aussichtslosigkeit des Kampfes“ (Dolff-Bonekämper, Gabriele: Das Spanienkämpfer-Denkmal von Fritz Cremer, in: Bildersturm in Osteuropa. Die Denkmäler der kommunistischen Ära im Umbruch, herausgegeben von Florian Fiedler, München 1995 [= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 13], S. 89f.). 1522 Endlich, Berlin, S. 55. 1523 Dies hatte strukturelle Gründe: Erstens hatten Sprayer in der DDR harte Strafen zu erwarten. Zweitens fehlten in der DDR Spraydosen. Drittens war der kulturelle Kontext hier anders. Die subkulturellen Einflüsse der westlichen Staaten drangen langsam durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch. Viele westliche Motive hätten im Ostteil vermutlich deplatziert gewirkt (Van Treeck, Bernard: Street-Art-Berlin. Kunst im öffentlichen Raum, Berlin 1999, S. 10f.). 6. Ergebnis der Neubewertung 254 sprüht worden waren.1524 Von diesem Denkmal war darüber hinaus das Medaillon mit dem Profil Liebknechts gestohlen worden.1525 Auch die Bronzeplatte des Denkmals für Johann Jacob Baeyer fiel einem Diebstahl zum Opfer.1526 Von einem derartigen Vandalismus war ebenso die „Gedenkstätte der Sozialisten“ betroffen. Sie wurde seit 1989 mehrfach von Tätern aus dem rechten politischen Spektrum geschändet1527 (s. Abbildung 39). Gleiches galt für den Gedenkstein für acht „antifaschistische Widerstandskämpfer“ in Wilhelmsruh1528 und die Köpenicker „Faust“.1529 Auf das Denkmal für die Interbrigadisten wurde im Jahr 1991 sogar ein Sprengstoffanschlag verübt.1530 Allein bis zum 3. Oktober 1990 zählte das Bundeskriminalamt 19 Vergehen an sowjetischen Ehrenmalen.1531 Nachdem jenes auf dem Friedhof Marzahn mit Nazisymbolen beschmiert worden war, behalfen sich die zuständigen Behörden zunächst damit, die unerwünschten Graffiti mit einem Werbeplakat für Olympia zu überkleben.1532 Der Denkmalstandort wurde hingegen in keinem Fall verändert. Da der städtebauliche Kontext für sozialistische Bauprojekte jedoch eine große Bedeutung besaß, konnten Eingriffe an anderer Stelle schnell die Homogenität und Kohärenz eines gesamten Gefüges stören.1533 In diesem Sinne wirkten sich beispielsweise der Abriss des DDR-Außenministeriums und die Stilllegung des Palastes der Republik negativ auf die Wirkung des Staatsratsgebäudes aus. Ebenso verwässerte die Modernisierung der bis dahin industriell geprägten Rummelsburger Bucht den lokalhistorischen Bezug der Karl-Marx-Gedenkstätte auf der Halbinsel Stralau. 1524 Roettig, Denkmäler, S. 78/81. 1525 Hübner, Gedächtnis, S. 140. 1526 Weidner, Klaus: Plastiken, Denkmäler und Brunnen im Bezirk Köpenick, Berlin 1993 (= Studientexte – Dokumentation – Berichte zur Kultur- und Sozialgeschichte Berlins und Brandenburgs, o.Bd.), S. 27. 1527 Endlich, Berlin, S. 91. 1528 H.B.: Es ist dieses Klima im Land, in: antiFa 1/1994, S. 25. 1529 Müller, Yves: Vom Traditionskabinett zur Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche, in: SA-Terror als Herrschaftssicherung. „Köpenicker Blutwoche“ und öffentliche Gewalt im Nationalsozialismus, herausgegeben von Stefan Hördler, Berlin 2013, S. 245. Die von den Behörden und der Öffentlichkeit diskutierten Veränderungen wurden hingegen nicht realisiert (Ebd., S. 245). 1530 Dolff-Bonekämper, Spanienkämpfer-Denkmal, S. 89. 1531 Parlamentsdokumentation Deutscher Bundestag. Drucksache 12/547. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste zur Demontage und Beschädigung von sowjetischen Siegesmalen in den neuen Bundesländern vom 13. Mai 1991. Für den späteren Zeitraum lagen leider keine vergleichbaren Daten mehr vor. 1532 o.A. Marzahn: Die KZ-Einweisung lag schon bereit…, in: antiFa 6/1993, S. 16. 1533 Szmygin, Boguslaw: Die Architektur des Sozialistischen Realismus als Gegenstand des Denkmalschutzes, in: Von Moskau lernen? Architektur und Städtebau des Sozialistischen Realismus, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin und Biuro Stolecznego Konserwatora Zabytków Warszawa, Berlin 2012 (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Band 38), S. 253. Der Autor spricht hier über städtebauliche Großprojekte in Polen. 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 255 Auch zu gezielten Umbenennungen und Umwidmungen dieser Denkmale kam es nicht.1534 Nahezu vollständig entfiel hingegen die symbolisch-rituelle Nutzung der Denkmale. Mit der Auflösung der SED, der NVA und der DDR-Massenorganisationen wurden sie nicht mehr als Vereidigungsstätte oder Appellplatz genutzt. 1989 fanden der letzte Demonstrationszug zum Tag der Arbeit und der DDR-Staatsgründung entlang der Karl-Marx-Allee statt. Die Gedenkstätte der Sozialisten war nach der friedlichen Revolution nur noch selten Kundgebungsort oder gar Kulisse für Staatsempfänge.1535 Ein diesbezüglicher Höhepunkt war nun der jährlich von linken Gruppierungen organisierte Gedenkmarsch für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Auch das Staatsratsgebäude hatte – als Sitz der DDR-Regierung – mit dem Regimewechsel seine ursprüngliche Funktion gänzlich verloren. In der Folge wurde es zur Dienststelle des Umzugsbeauftragten der Bundesregierung und nach 1995 zum Ort des Berliner „Stadtforums“ und zum Informationszentrum zur Hauptstadtplanung. Zum Teil ging dies mit baulichen Eingriffen einher.1536 Ebenso büßte das Funkamt Köpenick 1994 seine Funktion ein und wurde zur Zielscheibe von Brandstiftern, Vandalisten und Dieben.1537 Auch die unteren Etagen des „Haus des Kindes“ an der Karl-Marx-Allee wurden nach der friedlichen Revolution umgenutzt. Das erste Kinderkaufhaus des Landes, dem der Bau seinen Namen verdankte, musste schlie- ßen.1538 Wie ihm ging es Anfang der neunziger Jahre vielen Geschäften und Restaurants entlang der einstigen Magistrale. Ende 1993 waren lediglich 26 von ursprünglich 149 noch im Betrieb.1539 Gerade die Gebäude entlang der Karl-Marx-Allee wurden in Kooperation mit der amtlichen Denkmalpflege nach 1990 saniert und modernisiert. Dies ging mit baulichen Veränderungen im Innen- und Außenbereich einher. So wurden die abgefallenen Schmuckfliesen am „Haus des Kindes“ beispielsweise nicht erneuert und die Hausfassade stattdessen verputzt.1540 Denkmalstreichungen Auch die Inschriften jener Denkmale, die nicht auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen wurden, erfuhren nach der friedlichen Revolution Veränderungen. Teilweise abgeschliffen war in den neunziger Jahren der Text an einer Gedenkstele für 6.2.2. 1534 Allerdings wurden im Zuge der friedlichen Revolution einige Berliner Straßen umbenannt. Ihre Namen waren – wie im Falle der Hermann-Dunckerstraße – zuvor teilweise auf das umliegende Denkmal abgestimmt. Diese Straße heißt heute Treskowallee. 1535 Endlich, Berlin, S. 91. 1536 o.A.: Staatsratsgebäude Berlin, in: Denkmalpflege der Moderne. Konzepte für ein junges Architekturerbe, herausgegeben von der Wüstenrot Stiftung, Stuttgart und Zürich 2011, S. 121. 1537 Jochinke, Geschichte, S. 1. 1538 Chod, Kathrin, Schwenk, Herbert, Weißpflug, Hainer: Berliner Bezirkslexikon Friedrichshain- Kreuzberg, Berlin 2003, S. 191. 1539 Nicolaus/Obeth, Stalinallee, S. 288. 1540 Krüger, Thomas Michael: Architekturführer Karl-Marx-Allee Berlin. 2. Auflage, Berlin 2008 (= Die neuen Architekturführer, Sammelband Nr. 2), S. 32. 6. Ergebnis der Neubewertung 256 sieben von den Nationalsozialisten ermordete Bewohner Friedrichshains. Er war dem „Gedenken an die heldenhaften Widerstandskämpfer gegen faschistische Barbarei“ gewidmet, deren Vermächtnis sich in der sozialistischen Deutschen Demokratischen Gesellschaft erfüllt habe.1541 An mehreren von ihnen wurden zudem Graffitis aufgesprüht. Insbesondere der Sockel des Lenin-Denkmals entwickelte sich vor und nach der Demontage zu einem beliebtem Objekt für Sprayer. An den leeren Sockel wurden unter anderem die Parolen „Und die Erde war wüst und leer“, „Gegen Bilderstürmer“ oder „Brecht 1947: freedom and democracy“ angebracht.1542 Zuvor war es ferner mit gelber Farbe beschmiert worden.1543 Die Ehrung für den Grenzsoldaten Helmut Just wurde 1992 mit weißer Farbe übersprüht und um die Worte „Mauer-Mörder“ ergänzt.1544 Die Goldbuchstaben auf dem Gedenkstein für die Opfer der „Köpenicker Blutwoche“ in der Pohlestraße wurden mit schwarzer Farbe überstrichen.1545 Ebenso wurden der Fichte-Gedenkstein,1546 das Denkmal für Victor Jara1547 und jenes für den chilenischen Regierungschef Allende mit Farbe beschmiert.1548 Darüber hinaus hat sich der Standort einiger dieser Denkmale verändert. So wurde die Gedenkstele für die „antifaschistischen Widerstandskämpfer“ Otto Nelte, Willi Gall und Walter Gerber in Treptow in den neunziger Jahren auf den Waldfriedhof Adlershof versetzt.1549 Vollständig aus dem Stadtraum entfernt wurde die Gedenktafel für die „1. Landesparteischule der KPD“. Sie ging in den Besitz der PDS-Köpenick über1550 (s. Abbildung 38). Abgetragen und zunächst in eine Kiesgrube eingelagert wurde das Lenin-Denkmal.1551 Der auf der Bezirksdenkmalliste nicht näher be- 1541 Hübner, Gedächtnis, S. 159. 1542 Gamboni, Kunst, S. 90. 1543 Husner, Denkmälern, S. 6825. 1544 Hübner, Gedächtnis, S. 138. 1545 Weidner, Plastiken (Köpenick), S. 33. 1546 Weidner, Klaus: Plastiken, Denkmäler und Brunnen im Bezirk Treptow, Berlin 1993 (= Studientexte – Dokumentation – Berichte zur Kultur- und Sozialgeschichte Berlins und Brandenburgs, o.Bd.), S. 13. 1547 Weidner, Plastiken (Köpenick), S. 7. 1548 Ebd., S. 30. 1549 Gedenktafeln in Berlin/Widerstandskämpfer/Friedlander Straße 156. 1550 Schriftliche Auskunft von Philipp Wohlfeil, Ansprechpartner der Geschäftsstelle der Linken im Bezirk Treptow-Köpenick, vom 26. April 2018. 1551 Vergleiche zum weiteren Verbleib des Denkmals Kapitel 10 dieser Studie. Bei fünf weiteren Denkmalen ließ sich der Verbleib im Rahmen dieser Studie nicht ermittelt. Hierbei handelte es sich zum einen um die Ehrung für Helmut Jüst und das Denkmal für weitere Soldaten, die bei der Ausübung ihres Dienstes an der Berliner Mauer verstorben waren. Des weiteren zählen hierzu der Gedenkstein für Friedrich-Engels im Bezirk-Mitte und das Sgrafitto im einstigen Pionierpark „Ernst-Thälmann“. Nachdem der Park 1995 weitgehend privatisiert worden war, wurden die dort aufgestellten Denkmale – mutmaßlich auch das Sgrafitto als Schmuckbild – aber allesamt ohne Nachweis abgetragen (Endlich, Berlin, S. 69). Sgrafitto ist eine alte Kratztechnik der ornamentalen und bildlichen Dekoration auf verputzten Wandflächen. Diese Bildwerke sind dauerhaft, wetterfest und haben einen flächenhaften Charakter. Zudem sind sie billiger, schneller und weniger zeitkritisch zu fertigen als Fresken (Olbrich, Harald 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 257 stimmte Omnibus war als mobiles Denkmal ohnehin seit jeher an keinen festen Standort gebunden gewesen. Einen Sonderfall stellt die Gedenktafel in der Bersarinstraße1552 dar, die 1991 von Unbekannten entfernt wurde. Nachdem die Presse über den Verlust berichtet hatte, wurde sie unter Bauschutt wiedergefunden und vom Bezirk neu befestigt.1553 Nutzungsänderungen ließen sich innerhalb dieses Bestandes auf der rituellen Ebene nachweisen.1554 Die beiden Ehrungen für die Angehörigen der Grenztruppen wurden beispielsweise von Orten der rituellen (Toten-)Ehrung zu Symbolen der Teilung.1555 Die Gedenkstätten für die Literaten Arnold Zweig und Johannes R. Becher wurden aus juristischen und finanziellen Gründen geschlossen. Das Inventar wurde in den neuen Archivbau der „Akademie der Künste“ eingelagert.1556 Zu dezidierten Umwidmungen und Umbenennungen kam es aber nicht. Ebenso hat es bauliche Eingriffe, etwa durch Hinzufügen oder Entfernen einzelner Denkmalkomponenten, unter den einstigen Denkmalen nicht gegeben. Neuerfassungen Unter den bis 1995 neuerfassten Denkmalen kam es seltener zu Inschriftenveränderungen. Gleich mehrere von ihnen gab es am Thälmann-Denkmal. Im Zuge der Kommunalwahlen 1990 wurden zunächst die zwei Textstelen entfernt, die links und rechts des Denkmals gestanden hatten, und in der Folge beim Gartenamt Berlin eingelagert. Erich Honecker wurde auf einer von ihnen mit den Worten zitiert: „Mit der Gestaltung des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik setzten wir Ernst Thälmann, dem kühnen Streiter für Freiheit, Menschlichkeit und sozialen Fortschritt unseres Volkes ein würdiges Denkmal.“ Er wurde auf der anderen Stele von Thälmann selbst ergänzt: „Mein Leben und Wirken kannte und kennt nur eines: Für das schaffende Deutsche Volk meinen Geist und meinen Willen, meine Erfahrung und meine Tatkraft, ja mein Ganzes, die Persönlichkeit zum Besten der deutschen Zukunft für den siegreichen sozialistischen Freiheitskampf im neuen Völkerfrühling 6.2.3. u.a. [Hrsg.]: Lexikon der Kunst. Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie. Band VI. R- Stad, Leipzig 1994, S. 628f.). 1552 Seit 1991 heißt sie wieder Petersburger Straße. 1553 Endlich, Berlin, S. 54 / Hübner, Gedächtnis, S. 158. 1554 Ob der Doppeldecker-Bus vor 1989 noch im Ost-Berliner Stadtverkehr eingesetzt wurde, ist ungewiss. Da die Fahrzeuge aber insgesamt nicht lange hielten und selbst von regimetreuen Kreisen frühzeitig als nicht zeitgemäß eingestuft wurden, kann davon ausgegangen werden, dass sie nicht erst nach der friedlichen Revolution aus dem Verkehr gezogen worden und somit ihre ursprüngliche Funktion verloren hatten. Vergleiche hierzu: Gebhardt, Omnibusse, S. 513. 1555 Endlich/Wurlitzer, Denkmäler, S. 298. Entsprechend dieses Bedeutungswandels wurde auch die Reinhold-Huhn-Straße, die an das Denkmal grenzte, in Schützenstraße zurückbenannt. 1556 Pfeil, Gedenkstätten, S. 135. Das Archivgut war allerdings bereits 1988 ausgelagert worden, als der Neubau am Robert-Koch- Platz fertiggestellt worden war (Ebd., S. 135). 6. Ergebnis der Neubewertung 258 der deutschen Nation einzusetzen.“1557 Mehrfach wurde das Denkmal zudem mit Parolen besprüht, mit Farbbeuteln beschmiert und mit Flaschen beworfen.1558 Noch stärker von Graffiti überzogen war lange Zeit das „Marx-Engels-Forum“. So wurden etwa die Hände der beiden Dargestellten in rote Farbe getüncht und mit einem Kommentar versehen: „Wir sind unschuldig“. Die zwei ersten Buchstaben wurden später – vermutlich durch eine andere Person – durchgestrichen. Direkt hierauf bezog sich mutmaßlich auch das Graffito „Tut uns leid“. Ferner haben viele Personen ihre Gedanken auf den Stelen verewigt, die neben den Figuren angebrachten waren.1559 Das beliebteste Ziel der Sprayer nach dem Mauerfall waren aber die Reste der Berliner Mauer. Hervorzuheben ist insbesondere die mit größerem künstlerischen Anspruch gestaltete „East Side Gallery“. Auf 984 Metern Mauerfläche zwischen den Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain entstanden im Jahr 1990 106 Bilder von 143 Künstlern aus 20 Ländern.1560 Da es entlang des ehemaligen Todesstreifens genug Freiflächen gab, um Objekte und Installationen aus Sperrmüll, Schrott oder sogar Panzerteilen zu implementieren, entwickelte sich dieses Areal nach dem Mauerfall zu einem wichtigen Schauplatz der Berliner „Street Art-Szene“.1561 Mit fortschreitendem Abstand zur friedlichen Revolution nahm die Mauerkunst allerdings ab und wurde profaner. Ab 1994 schien das kreative Potential dann erschöpft.1562 Zu Denkmalumwidmungen kam es nicht. Umbenennung waren selten. Seit 1992 trug das frühere Zentralinstitut für Herz-Kreislaufforschung in Berlin Buch den Namen des einstigen Nierenspezialisten Franz Vollhard.1563 Einige Schulen verloren die Namen kommunistischer Patrone wie etwa jenen von Franz Mett. Sie wurden nach dem Mauerfall durch „neutralere“ Bezeichnungen ersetzt.1564 Ferner machten bisweilen ein Besitzerwechsel oder ein veränderter Rechtsstatus den Austausch des Na- 1557 Schumann, Dirk: Ernst-Thälmann-Denkmal, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 37. 1558 Hinze, Monumente, S. 6809 / Dolff-Bonekämper, Gabriele: Kunstgeschichte als Zeitgeschichte – das Thälmann-Denkmal in Berlin, in: Von „Buschzulage“ und „Ossinachweis“. Ost-West-Deutsch in der Diskussion, herausgegeben von Ruth Reiher und Rüdiger Läzer, Berlin 1996, S. 169. 1559 Roettig, Denkmäler, S. 76f. / Dolff-Bonekämper, Kunstgeschichte, S. 183. 1560 Weber, Jörg: Spaziergang an der East Side Gallery, Berlin 2014, S. 5. Dieser nach: Mc Lean, Christine: East Side Gallery, o.O. 1991. 1561 Waldenburg, Hermann: Mauerkunst. Graffiti und Objektkunst in Berlin 1989 bis 1994, Berlin 2013, S. 12/83. 1562 Ebd., S. 13. 1563 Czymay, Christina: Die Franz-Vollhard-Klinik, ein bedeutender Klinkerbau der Fünfziger Jahre, in: Stalinistische Architektur unter Denkmalschutz?, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee von ICOMOS und der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, München 1996 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 20), S. 49. 1564 Franz Mett war SPD-Abgeordneter und hatte gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Er war später am Attentat vom 20. Juli beteiligt und starb 1945 an den Folgen seiner Haft in Dachau (Fieber, Hans-Joachim, Keim, Klaus, Reschke, Oliver [Hrsg.]: Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, Band 5 [Buchstaben L bis O], Berlin 2004, S. 194). 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 259 menszuges notwendig. Dies betraf reprivatisierte Betriebe und Geschäfte wie die VEB „Bergmann-Borsig“, das vom DDR-Regime genutzte Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel oder Botschaftsbauten, welche seit dem Zerfall der Sowjetunion andere Regime repräsentierten. Die Skulptur „Die Ehe“ auf der Grabstätte von Helmut Kraatz’ ist das einzige bis 1995 neuerfasste Denkmal, das nach Beschädigung und Reparatur versetzt wurde.1565 Häufiger waren Eingriffe in das (städte-)bauliche Umfeld, die sich auf die Wirkung der nacherfassten Denkmale auswirken. Den Bauten am Platz der Vereinten Nationen fehlte mit der Demontage des Lenin-Denkmals ihr zentraler Bezugspunkt. Im Jahr 1994 wurde daher an die Stelle des früheren Denkmals eine Brunnenanlage mit Findlingen aus fünf Kontinenten gestellt.1566 Durch die Bebauung rund um den Wachturm am Kieler Eck, welche diesen überragte und umzäunte, wurde dessen Verbindung zur Hinterlandmauer auf dem Invalidenfriedhof nicht mehr deutlich.1567 Das „Hotel unter den Linden“ fand sich durch den Bauboom der neunziger Jahre als das letzte zeitgenössische Gebäude der sechziger Jahre am Platze wieder.1568 Das „Wiederaufbauergebnis der Botschafts-, Ministeriums- und Handelsbauten im Westabschnitt“ der Straße „Unter den Linden“, in das es eingebettet war, war damit nur noch wenig erkennbar.1569 Nicht selten kam es bei den neuerfassten Denkmalen zu Funktionsänderungen, oft im Zuge eines Besitzerwechsels. Vor allem die vier Mauerabschnitte, der „Tränenpalast“ und die zwei bzw. drei ehemaligen Wachtürme verloren mit dem Mauerfall gänzlich ihre ursprüngliche Funktion. Sie dienten nunmehr als Orte der Erinnerung, Mahnung oder für museale und kulturelle Zwecke.1570 1565 Bröckl, Martin, Niemann, Christa: Der Kirchhof der St.-Petri-Luisengemeinde, in: Kirchhof der St.- Petri-Luisenstadtgemeinde. Ein Friedhofsführer, herausgegeben von Martin Bröckl, Eckhard Fürlus und Christa Niemann, Berlin 2003 (= Edition Luisenstadt, o.Bd.), S. 10. Es stand ursprünglich an dessen Grab. Das Rondell, in dem es sich jetzt befindet, ist mit Bänken gesäumt, welche den Trauernden die Möglichkeit geben, sich auf dem Weg zur Kapelle zu versammeln (Ebd., S. 10). Wann genau und warum die Skulptur versetzt wurde, lässt sich der Literatur nicht entnehmen. 1566 Kossel, Elmar: Platz der Vereinten Nationen (ehem. Leninplatz), in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 328. 1567 Klausmeier/Schmidt, Mauerreste, S. 135. An dem Mauerabschnitt Bernauer Straße sollte das ursprüngliche Gefüge einer Grenzanlage mit der Aufstellung eines an anderer Stelle „geretteten“ Grenzwachturms hingegen wieder besser sichtbar gemacht und „komplettiert“ werden (Gamboni, Kunst, S. 65). 1568 Holper, Anne, Käther, Matthias: DDR-Baudenkmale in Berlin. Berlins Osten neu entdeckt, Berlin 2003, S. 34. Später wurde allerdings auch dieser Bau zugunsten eines anderen abgerissen. 1569 Haspel u.a., Denkmalschutzrecht, S. 56. Haspel sprach im Jahr 2008 diesbezüglich von einem drohenden Totalverlust (Ebd., S. 56). 1570 Springer, Bahnhof, S. 209 / Rudnick, Hälfte, S. 16/18 / Moor, Svenja u.a: Geschichte der Führungsstelle im Schlesischen Busch, Berlin 2009, o.S. (URL http://www.kunstfabrik.org/LUe/Wachturmdoku_deutsch.pdf, letzter Zugriff 30. November 2015). Vergleiche hierzu auch Kapitel 7.4 dieser Studie. 6. Ergebnis der Neubewertung 260 Zu vorübergehenden Party-Locations entwickelten sich das stillgelegte Fernheizwerk Friedrichshain1571 und ein Pavillon des zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx- Allee.1572 Ferner kam es bei der Weiternutzung zu einigen Akzentverschiebungen. So öffnete sich das ehemalige Sportforum Hohenschönhausen als Kaderschmiede des DDR- Leistungssports und Heimstätte der „Sportvereinigung Dynamo“ nach der friedlichen Revolution stärker für den Breiten- und Schulsport.1573 Aus den für die DDR typischen Oberschulen oder Universitäten mit marxistisch-leninistischer Ausrichtung wurden andere (Hoch-)Schultypen. Die drei unter Schutz gestellten Botschaften wurden vorübergehend zu Außenstellen der Hauptbotschaften in Bonn. Die beiden denkmalgeschützten Interhotels verloren honorige Gäste und Sterne. Büro- und Geschäftsräume wurden nun von anderen Firmen genutzt. So baute der „Zentralverband des Deutschen Handwerks“ beispielsweise das ehemalige Haus der NDPD in der Mohrenstraße – nach dessen Überführung in die FDP – zum neuem Geschäftssitz aus.1574 In einigen Fällen gelang eine derartige Um- und Anschlussnutzung der Denkmale nicht oder nur befristet. Die betreffenden Bauwerke waren dann stärker dem Vandalismus ausgesetzt oder verwahrlosten. Hierzu gehörte etwa der Müggelturm, wenngleich er zunächst noch teilsaniert worden war.1575 Ebenso verfielen über die Jahre Teile der einstigen Siemens-Plania Werke. Erste Versuche, den Industriekomplex zu retten, scheiterten.1576 Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Bürgerverein ASTAK und den staatlichen Stellen führten dazu, dass auch die Instandsetzungsmaßnahmen an „Haus 1“ ausblieben und die potentiellen Sanierungskosten zunehmend stiegen.1577 Im „Haus des Lehrers“ und der Kongresshalle gingen im Zuge eines vorübergehenden Leerstands „vor allem Teile der Innenausstattung wie Möbel, Geschirr und Keramik verloren.“1578 Gleiches galt für das bewegliche Mobiliar des ehemaligen 1571 Dame, Thorsten: Fernheizwerk Friedrichshain, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 221. 1572 Kil, Wolfgang: Idealtypische Verkörperungen der reinen Lehre. Zur Geschichte der gesellschaftlichen Einrichtungen an der „neuen“ Karl-Marx-Allee, in: Die Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Alex, herausgegeben von Wolfgang Ribbe, Berlin 2005 (= Berlin-Forschungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 6), S. 187. 1573 Schmidt, Thomas: Spiel- und Sportplätze, Sportparks, Sportfelder und Stadien, in: Berlin und seine Bauten. Teil VII. Band C. Sportbauten, herausgegeben vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, Berlin 1997, S. 32. 1574 Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (2003), S. 339. 1575 Bernau, Nikolaus: Müggelturm, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff- Bonekämper, Berlin 2013, S. 251. 1576 Steer, Christine: Gebrüder Siemens & Co. – Siemens-Planiawerke – VEB Elektrokohle. Grundriss einer Industriegeschichte an der Herzbergstraße 128–139, in: Von Siemens-Plania zu Dong Xuan, herausgegeben von Peter Badel, Holger Herschel und Karl Karau, Berlin 2009, S. 87. 1577 König, Gestaltung, S. 236f. 1578 Kossel, Elmar: Haus des Lehrers und Kongresshalle, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von Adrian von Buttlar, Kerstin Wittmann-Englert und Gabriele Dolff-Bonekämper, Berlin 2013, S. 256. 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 261 Wachturms am Kieler Eck1579 und mehrere Geschäftspavillons entlang der Karl- Marx-Allee. Am besten erhalten blieb – dank der Nutzungskontinuität – der Salon „Babette“.1580 Ferner änderte sich auch die rituelle Nutzung der bis 1995 neueingetragenen Denkmale auf die bereits beschriebene Weise. Gelegentlich versammelten sich am Thälmann-Denkmal nun allerdings andere politische Gruppierungen.1581 Nicht zuletzt wurden einige nacherfasste Denkmale baulich verändert. Beispielsweise wurde die ursprünglich sehr transparent und filigran gegliederte Terrassenfront des Café Weinberg ausgetauscht, wodurch der Bau einen Teil seiner Wirkung verlor.1582 Der Verbindungsgang vom „Tränenpalast“ zum Bahnhof Friedrichstraße wurde entfernt und aus Sicherheitsgründen etwa die Türen verändert.1583 Das Kino Kosmos wurde vom neuen Betreiber vergrößert und zu einem Haus mit zehn Sälen und 3.000 Sitzen ausgebaut.1584 Weitere baulich-technische Anpassungen sind von einigen Bürogebäuden im Bezirk Mitte, mehreren Hotel-, Gastronomie- und Geschäftsbauten sowie dem Fernheizwerk Friedrichshain bekannt. Zu den ersten Objekten, deren denkmalgerechte Sanierung begonnen wurde, zählten ein Block der nacherfassten (Wohnungs-)Bauten entlang des ersten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee und Wohnhäuser am Platz der Vereinten Nationen.1585 Die Generalsanierung und Wärmedämmerung der Wohnanlage an der Erich-Kuttner-Straße veränderten diesen Bau allerdings äußerlich stark.1586 Auch der neue Fassadenanstrich an zwei Wohnbauten in der Ostseestraße löste dort „den ursprünglichen Ensemblezusammenhang auf.“1587 Schlussfolgerungen Die Veränderungen an den Denkmalen hielten sich – ähnlich wie jene an der Berliner Denkmalliste – in Grenzen. Das von Experten entworfene Drohszenario bewahrheitete sich nicht. Gravierende Unterschiede im Umgang mit Denkmalen, die auf die Gesamtberliner Denkmalliste übertragen, bis 1995 von der Denkmalliste entfernt oder bis Mitte der neunziger Jahre nacherfasst wurden, ließen sich nicht ausmachen. Einzig von Standortveränderungen waren eher ehemalige Denkmale betroffen. Mehrheitlich ver- 6.2.4. 1579 Klausmeier/Schmidt, Mauerreste, S. 135 1580 Kil, Verkörperungen, S. 187. 1581 Die rechtsgerichtete „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ demonstrierte dort ebenso wie die linksorientierte PDS es gelegentlich als Kulisse für ihre Veranstaltungen nutzte (Kulturamt Prenzlauer Berg, Dokumentation, S. 23/35). 1582 Landesdenkmalamt Berlin, Denkmale (2003), S. 575f. 1583 Ebd., S. 311 / Springer, Bahnhof, S. 206. 1584 Gympel, Jan: Vor dem Multiplex-Beben, in: Stadtbauwelt 127/1995, S. 1960. 1585 Nicolaus/Obeth, Stalinallee, S. 292 / Haspel, Platte, S. 108. 1586 Ebd., S. 105. 1587 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Berlin (Hrsg.): Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Materialien zur Tagungsexkursion, Berlin 1995, S. 5. 6. Ergebnis der Neubewertung 262 blieben jedoch auch sie unverändert im Stadtraum. Selbst das so umstrittene Lenin- Denkmal war so abgebaut worden, dass es später wieder hätte aufgestellt werden können. Häufiger verändert wurden bei den Denkmalen aller drei Kategorien die Denkmalinschriften. Ziel dieser Maßnahmen war es jedoch nicht, die Spuren des SED-Regimes unkenntlich zu machen, sondern die vermittelte Geschichte ausgewogener und umfänglicher darzustellen. Denkmalbotschaft und Forschungsstand sollten sich stärker decken. Darüber hinaus wurden Textpassagen entfernt, welche die DDR als direkte Folge von Arbeiterbewegung und kommunistischem Widerstand interpretierten und zur Fortsetzung dieses Kampfes in der Gegenwart aufriefen. Graffiti wurden hingegen insbesondere an jenen Denkmalen angebracht, welche für einstige „Heroen“ wie Karl Marx, Ernst Thälmann oder Karl Liebknecht errichtet worden waren, die im sozialistischen Pantheon ganz oben standen.1588 Sie wurden von den zuständigen Behörden im Anschluss jedoch alle wieder entfernt. Allein die 1990 mit größerem künstlerischem Anspruch gestaltete „East Side Gallery“ verblieb zunächst als Dokument des Wandels im damaligen Zustand.1589 Petra Roettig interpretiert diese Entscheidungen ihrerseits als eine Form der „Geschichtsreinigung“.1590 Das Berliner Denkmalschutzgesetz hätte den Schutz der Graffiti als Zubehör, Ausstattung, Fassadenteil oder Wandmalerei durchaus zugelassen.1591 Entsprechende Vorbilder aus anderen Epochen existierten in den neunziger Jahren auch in Berlin bereits.1592 Die für die Berliner Geschichte typischen städtebaulichen „Überformungen“ und das „Denkmäler-Rücken“,1593 die im Diskurs gern in Erinnerung gerufen worden waren, ließen sich in Bezug auf den untersuchten Denkmalbestand für die ersten Jahre 1588 Vergleiche hierzu den fünften Teil (Das Pantheon im öffentlichen Leben) der Studie von Maoz Azaryahu: Von Wilhelmplatz zu Thälmannplatz. Politische Symbole im öffentlichen Leben der DDR, Gerlingen 1991 (= Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte Universität Tel Aviv, Band 13). 1589 Später wurde auch sie mit neuen Graffiti überzogen und verwitterte, sodass 100 Bilder der ursprünglichen Mauerkunst von 1990 im Jahr 2009 von 89 Künstlern wiederhergestellt wurden (Waldenburg, Mauerkunst, S. 13 / Weber, Spaziergang, S. 5). 1590 Roettig, Denkmäler, S. 78. 1591 Beyer, Denkmalwert, S. 77. Unabhängig von ihrem materiellen Verbleib im Stadtbild wird ephemere Kunst wie diese allerdings mit Photos, Filmen oder anderen Medien oftmals für spätere Betrachter dokumentiert. Vergänglich sind damit nur die Inszenierung selbst und ihre aktuelle Gestalt, nicht aber das Bild von ihr (Diers, Michael: Ewig und drei Tage. Erkundungen des Ephemeren – zur Einführung, in: Mo(nu)mente. Formen und Funktionen ephemerer Denkmäler, herausgegeben von ders., Berlin 1993, S. 6). 1592 Zu nennen wären eine Vielzahl an Höhlenmalereien, die Wandzeichen in Pompeji, russische Inschriften im Berliner Reichstag oder die Erinnerungen in den einstigen Folterkellern des NS-Regimes. Auch andere Graffiti wurden aber – ungeachtet ihres hohen geschichtlichen Wertes – bewusst gelöscht. Darunter befanden sich etwa die an den Außenwänden von Wohn- und Geschäftshäusern angebrachten Judensterne oder Hakenkreuze (Beyer, Denkmalwert, S. 18). 1593 Rauch, Christian Daniel: Denkmal und historische Topographie, in: Denkmal und Gegendenkmal, herausgegeben von Peter Springer, Berlin 2009, S. 52. Dieser Beitrag war ursprünglich abgedruckt in: Kümmel, Birgit, Matz, Bernhard (Hrsg.): Kolloquium zur Skulptur des Klassizismus, Korbach 2004, S. 59–68. 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 263 nach dem Mauerfall nicht nachweisen. Denkmalumsetzungen blieben Ausnahmen. Selbst Denkmale, die nach 1989 nicht mehr als denkmalwert befunden wurden, verblieben häufiger an ihrem Platz, als dass sie hiervon wichen. Die Idee, in Berlin einen Denkmalpark mit demontierten Denkmalen zu errichten, setzte sich nicht durch. Auch die Leerräumung des Zentrums blieb aus. Vollständig verzichtet haben die Berliner bis 1995 auf die Errichtung von expliziten Gegendenkmälern. Allerdings erinnerten viele Denkmäler, die nach 1989 im Berliner Stadtraum errichtetet wurden, auf neue Weise an die Opfer von NS-Regime und Berliner Mauer. Ferner ergänzten seitdem ganz neue Themen wie die friedliche Revolution die Denkmallandschaft der Hauptstadt. Sie können – im gesamtstädtischen Gefüge – durchaus als Gegendenkmäler interpretiert werden. So wertet etwa auch der Politikwissenschaftler Peter Reichel die Berliner Stadtlandschaft – mit ihrem Nebeneinander von sozialistisch-antifaschistischer und militärisch-bürgerlicher Erinnerungstradition – als eine Form des Gegendenkmal.1594 Häufiger kam es nach der friedlichen Revolution auch zu Nutzungsveränderungen. Gedenktafeln, -steine und -anlagen waren nach dem Ende der DDR nicht mehr in symbolisch-rituelle Handlungen eingebunden. Vereidigungen von Jungpionieren oder Soldaten entfielen ganz oder fanden nun vor einer anderen Kulisse statt. Insbesondere Denkmale, die bis 1995 nacherfasst wurden, wechselten zudem ihren Besitzer und wurden im Anschluss deren baulichen Bedürfnissen angepasst. Andere von ihnen verwahrlosten. Hiervon betroffen waren auffällig viele Denkmale, die zuvor für technische oder gastronomische Zwecke genutzt worden waren. Sie waren angesichts der neuen Möglichkeiten, welche die offenen Grenzen mit sich brachten, überholt oder entsprachen nicht mehr den veränderten Konsumbedürfnissen. Die in Kauf genommene Verwahrlosung und das Bagatellisieren der Denkmale, deren Kulturwert sich den Handelnden im Sinne einer Geschichtsvergessenheit nicht (mehr) erschließt, interpretiert der Althistoriker Alexander Demandt als eine passive Form des „Kulturvandalismus“.1595 Auf die selbe Weise ließe sich deuten, dass die Behörden die Schmierereien, Diebstähle und Zerstörungsakte, die selbst vor Grabstätten nicht Halt machten, nicht verhindern konnten oder ausreichend ahndeten. So beschreibt der amerikanische Historiker Russel Lemmons etwa, dass zwei Teenager, die sich am Thälmann-Denkmal vergangen hatten, nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.1596 Dies scheint die Ansicht der Mitglieder des „Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“ zu bestätigen. Sie hatten den Behörden vorgeworfen, die Ost-Berliner Nachkriegsdenkmale nur unzureichend zu schützen. Um (geschichts-)politisch motivierte Denkmalzerstörungen und gezielte Unterlassungen 1594 Reichel, Peter: Denkmal und Gegendenkmal ein kommunikativer Gedächtnisort, in: Lieux de mémoire, Erinnerungsorte. D’ un modèle français à un projet allemand, herausgegeben von Etienne François, Berlin 1996 (= les travaux du centre Marc Bloch, Nr. 6), S. 110. 1595 Vergleiche hierzu Kapitel 2.2.2. dieser Studie. 1596 Lemmons, Russel: Imprisoned, Murdered, Besmirched. The Controversy Concerning Berlin’ s Ernst Thälmann Monument and German National Identity, 1990–1995, in: Memory Traces. 1989 and the Question of German Cultural Identity, herausgegeben von Silke Arnold-de Simine, Bern 2005, S. 318. 6. Ergebnis der Neubewertung 264 handelte es sich jedoch auch bei diesen Fällen kaum. Wurden Graffiti nicht verhindert, so wurden sie – wie oben beschrieben – zumindest wieder vom Denkmal entfernt. Damit kann geschlussfolgert werden, dass sich der Denkmalstatus nicht als entscheidend für das weitere Schicksal der Denkmale erwies. Umgekehrt stellten Denkmalveränderungen – wie auch immer sie motiviert gewesen sein mögen – keine (Vor-)Bedingungen für den weiteren Denkmalerhalt und die Aufnahme ins kollektive Gedächtnis dar. 6.2. Veränderungen an den eingetragenen Denkmalen 265

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References

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der friedlichen Revolution auf das junge Ost-Berliner Denkmalerbe. Sie zeigt, wie jene Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur nach dem Mauerfall bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Die Autorin fragt nach den Akteuren und Interessen in diesem Prozess, arbeitet wesentliche Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs heraus und untersucht anhand der selbstgewonnenen Datenbasis deren Wirkmächtigkeit. Dabei weist sie nach, dass von einer generellen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR und einer Unvereinbarkeit mit der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur keineswegs die Rede gewesen sein kann. Am Ende der Neubewertung stand vielmehr ein beispielloses Bekenntnis zum Denkmalerbe des früheren Regimes. Damit beleuchtet die Studie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, fügt einen neuen Mosaikstein in das Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur ein und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens rund um das Epochenjahr 1989.