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2. Begriffliche und theoretische Grundlagen in:

Nina Ziesemer

Denkmalbestand im Wandel, page 23 - 54

Denkmale der DDR nach 1989

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4207-6, ISBN online: 978-3-8288-7111-3, https://doi.org/10.5771/9783828871113-23

Tectum, Baden-Baden
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Begriffliche und theoretische Grundlagen Denkmalbotschaften und ihre Deutung Denkmale als Kommunikationskanäle Die beschriebene gesellschaftliche Bedeutung der Denkmale lässt sich auf die Kommunikationsfähigkeit der Architektur zurückführen, deren Grundzüge im Folgenden kurz beschrieben werden. Sie wurde unter anderem von der Architektursemiotik und der noch jungen Architektursoziologie erarbeitet. Wichtige theoretische Grundlagen hierfür legte unter anderem Umberto Eco. Diesem zufolge nimmt die Architektur zwei gesellschaftliche Funktion wahr: die Ding- und die Symbolfunktion. In ihrer „Dingfunktion“ dient Architektur als materielle Hülle, die für praktische Zwecke benutzt werden kann, etwa um darin zu wohnen, zu arbeiten oder Schutz vor Kälte und Gefahr zu finden. Ihre „Symbolfunktion“ erfüllt sie über ihren „Symbol-, Zeichen- und Bedeutungscharakter“, der sie zu einem Kommunikationskanal zwischen Sender und Empfänger macht.103 Im Unterschied zu anderen Kommunikationskanälen ist Architektur jedoch betretbar und öffentlich zugänglich, örtlich gebunden und zumeist größer und dauerhafter angelegt.104 Als ursprünglicher Sender können der Bauherr, beziehungsweise der Architekt oder Bildhauer verstanden werden, der in dessen Auftrag plant und baut. Seine Botschaft übermittelt er in Form von Zeichen, welche aus einem Signifikanten (Ausdruck) und Signifikat (ihm zugeordneter Inhalt) bestehen.105 Hierbei kann es sich um Ikons, Indexe oder Symbole handeln, die sich darin voneinander unterscheiden, wie sehr Ausdruck und Inhalt aufeinander bezogen sind.106 Bei Ikons ist diese Ähnlichkeit am stärksten. Wie bei einer Person und einer nach ihrem Vorbild gefertigten Skulptur ist das eine gewissermaßen das Abbild des anderen.107 Bei Indexen stehen Signifikanten und Signifikat in einem physikalischen oder kausalen Zusammenhang zueinander. So wäre die Architekturphotographie beispielsweise der Signifikant und das abgelichtete Bauwerk sein Signifikat.108 Symbole weisen hingegen keine derartige naturgegebene Verbindung mehr auf. Ihr Bezug ist willkürlich gewählt, historisch ge- 2. 2.1. 2.1.1. 103 Gottschall, Walter: Politische Architektur. Begriffliche Bausteine zur soziologischen Analyse der Architektur des Staates, Bern u.a. 1987, S. 26f. 104 Baumberger, Christoph: Gebaute Zeichen. Eine Symboltheorie der Architektur, Frankfurt a.M. 2010, S. 517. 105 Eco, Umberto: Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte, Frankfurt a.M. 1977, S. 169. 106 Volli, Ugo: Semiotik. Eine Einführung in ihre Grundbegriffe, Tübingen und Basel 2002, S. 33. 107 Ebd., S. 33. 108 Ebd., S. 36f. 23 wachsen oder konventionell motiviert. Das Grün der Ampel lässt weder durch Ähnlichkeit noch durch eine physische Verbindung auf die Aufforderung schließen, „loszufahren“ oder „loszugehen“.109 Während diese Zuordnung bei denotativen Zeichen relativ „einfach, unmittelbar und wohlumgrenzt erscheint“, ist sie bei konnotativen Zeichen weiter gefasst, weniger begrenzt und arbiträr.110 Es sind daher mehrere Interpretationen denkbar. Die Informationsvermittlung erfolgt dabei auf zwei Ebenen. Die erste Ebene offenbart im Sinne einer Gebrauchsanweisung etwas über die Dingfunktion der Architektur, also über ihren unmittelbaren materiellen Gebrauch und Nutzen. Es „sind nicht nur die möglichen Funktionen, sondern vor allem die damit verbundenen Bedeutungen, die […] für den funktionellen Gebrauch disponieren.“111 Die Zeichen der zweiten Ebene verweisen auf allgemeinere Werte und Normen, die der Bauherr bzw. der von ihm beauftragte Architekt oder Künstler vertritt und an seine Umwelt weitergeben möchte. So ist jede bauliche Form mehr oder weniger stark „Ausdruck komplexer ideologischer, politischer und ästhetischer Vorstellungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen“.112 Die Verbindung zwischen ästhetischer Form und Ideengehalt ist jedoch nicht naturgegeben, sondern kulturell bestimmt und wandelbar.113 Bedeutungsgehalt können etwa die Wahl des Standortes, die Bauform und die Ausstattung der materiellen Hülle besitzen. So sind bestimmte Orte beispielsweise symbolisch und historisch besonders belegt oder haben durch ihr Bezugssystem ein stärkeres Gewicht im Stadtraum. Ebenso wird die Aussage eines Bauwerks durch seine Grö- ße, die Gliederung seiner Gestaltungselemente und die verwendeten Materialien, Farben und Schmuckelemente unterstrichen. Schließlich können Bauherren und Architekten historische Baustile und -typen oder bauliche Vorbilder aufgreifen, die mit bestimmten Bedeutungen konnotiert sind, oder aber im Sinne der Abgrenzung und Neuschöpfung gezielt neue Unikate schaffen und bisher fremde Zeichen erstmalig in die eigene Kultur überführen.114 Auf diese Weise war und ist Architektur immer auch ein Mittel der (politischen) Selbstdarstellung gewesen. Der Empfänger der Botschaft ist der Betrachter oder Nutzer der Architektur, der dem Sender und seiner Botschaft Aufmerksamkeit schenkt und damit den Kommunikationsprozess erst ermöglicht. Er entscheidet auch darüber, wie er sich zu der Bot- 109 Ebd., S. 39f. 110 Ebd., S. 45. 111 Eco, Umberto: Einführung in die Semiotik. Autorisierte deutsche Ausgabe von Jürgen Trabant, 9., unveränderte Auflage, Paderborn 2002, S. 300. 112 Gottschall, Architektur, S. 28. Da nur jener seine Werte und Normen mit Hilfe von Symbolen weitergeben kann, der über die entsprechenden finanziellen Ressourcen verfügt, sich in städtebaulichen Wettbewerben durchzusetzen vermag und nicht prinzipiell in Frage gestellt werden kann oder wird, verrät ihre Analyse nicht zuletzt etwas über die Machtstrukturen und Deutungshoheiten innerhalb einer Gesellschaft. Dies gilt insbesondere für die Errichtung öffentlicher Bauten und die Besetzung prominenter Orte im Stadtbild. 113 Åman, Anders: Die osteuropäische Architektur der Stalinzeit als kunsthistorisches Problem, in: Städtebau und Staatsbau im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Gabriele Dolff-Bonekämper und Hiltrud Kier, München und Berlin 1996, S. 149. 114 Gottschall, Architektur, S. 92–108. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 24 schaft verhält. In einer „unterwürfigen“ Lesart beugt er sich der Autorität der Botschaft und zweifelt nicht an den übermittelten Inhalten. In einer „resistenten“ Lesart versucht er, die Botschaft zu entmythologisieren und fragt nach den Motiven der Produktion.115 Seine Interpretation muss daher nicht identisch mit der beabsichtigten Botschaft sein. Die Lesart der Botschaft ist insbesondere dann entscheidend, wenn Symbole nicht nur Bedeutungen vermitteln, sondern im Sinne imperativer Zeichen auch Einfluss auf die Handlungsebene nehmen und einen aktiven „Beitrag zur Produktion und Reproduktion sozialer Beziehungen leisten“ sollen.116 Sowohl auf der persönlichen als auch auf der Ebene sozialer Gruppen und Schichten lassen sich mithilfe von architektonischen Symbolen beispielsweise hierarchische Strukturen erzeugen und Ausgrenzung herbeiführen. Autoritäre Regime setzten in der Vergangenheit bewusst eine monumentale Bauweise ein, um ihre Macht und Überlegenheit zu visualisieren, ihre Bürger einzuschüchtern und zu einem systemkonformen Verhalten anzuhalten.117 Im privaten Bereich kann sich der Grundriss einer Wohnung auf die soziale Organisation des Haushaltes und die Geschlechterrollen der dort lebenden Personen auswirken.118 Im städtebaulichen Kontext macht Architektur die sozialen Unterschiede zwischen einzelnen Vierteln und deren Bewohnern deutlich.119 Im Sinne von Pierre Bourdieus Habituskonzept120 vermittelt sie dem Empfänger auf diese Weise Ausschluss oder Zugehörigkeit und weist ihm den eigenen Platz in der Gesellschaft zu. Der Kommunikationsprozess, und damit auch die Einflussnahme, können allerdings nur gelingen, sofern Sender und Empfänger dieselbe Sprache sprechen bzw. über denselben architektonischen Code verfügen. Dies sind „Listen gemeinschaftlich vereinbarter Paarungen zwischen Typen von Signifikanten und Typen von Signifikaten“,121 die bei der Entschlüsselung der Botschaft helfen. Sind diese ungenau, 115 Volli, Semiotik, S. 16. 116 Frank, Susanne: Architekturen: Mehr als ein „Spiegel der Gesellschaft“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/2009, S. 16f. 117 Gottschall, Architektur, S. 113. Klaus von Beyme zufolge gibt es jedoch nur wenige reine „Einschüchterungsbauten“, da auch Diktaturen auf das Wohlwollen der Massen angewiesen sind. Ihre Architekten denken sie in ihren Entwürfen als Kulisse der Bauten sogar gezielt mit (Von Beyme, Klaus: Die Kunst der Macht und die Gegenmacht der Kunst. Studien zum Spannungsverhältnis von Kunst und Politik, Frankfurt a.M. 1998, S. 249). 118 Hamm, Bernhard: Architektursoziologie, in: Wörterbuch der Soziologie, 2., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage, herausgegeben von Günter Endruweit und Gisela Trommsdorff, Stuttgart 2002, S. 34. Insbesondere die Genderforschung hat dies anhand der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Küche eindrücklich nachgezeichnet und diese in Verbindung zum sich wandelnden Frauenbild gesetzt (Illies, Christian: Architektur als Philosophie – Philosophie der Architektur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/2009, S. 5 / Frank, Architekturen, S. 17f.). 119 Schroer, Markus: Grenzen – ihre Bedeutung für Stadt und Architektur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/2009, S. 22. 120 Vergleiche hierzu: Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 19. Auflage, Frankfurt a.M. 2008. 121 Volli, Semiotik, S. 40. 2.1. Denkmalbotschaften und ihre Deutung 25 schwach, unvollständig, vorläufig oder widersprüchlich, lassen sie Mehrdeutigkeiten zu und erschweren und verlangsamen damit die Kommunikation.122 Da dieser Code gerade bei Symbolen nicht natürlich gegeben ist, bleibt er jedoch dynamisch und ver- änderbar. Insbesondere seit dem letzten Jahrhundert scheinen die Zyklen von Verlust, Substitution und Wiedereroberung von Formen und Symbolen immer kürzer zu werden.123 Es ist daher ein normaler Vorgang, dass das Bauwerk selbst „und die Wege seiner Rezeption […] früher oder später auseinander“ laufen.124 Zudem können im Laufe der Jahre neue Bedeutungsschichten hinzukommen. Das Bauwerk zeugt dann auch von seiner Nutzung, Veränderung und Deutung durch andere Akteure und deren Interessen und Intentionen. Dieser Wandel kann durch bestimmte Einflüsse forciert werden. Im Zuge politischer Umbrüche ändern sich auch Deutungskontexte, wodurch Architektur ihren einstigen Zeichenwert verlieren, fehlinterpretiert oder um neue Deutungsangebote erweitert werden kann. Wandel, Übergang und Ungleichzeitigkeit einer Gesellschaft können sich daher in der Vielfalt ihres Zeichensystems offenbaren.125 Zudem können Institutionen, Mehrheiten oder Eliten in der Gesellschaft den Deutungsrahmen bewusst steuern oder manipulieren. Nach Einschätzung von Renate Lachmann sind hierbei vier Formen im Umgang mit den Zeichen denkbar: Desemiotisierung im Sinne eines (vorübergehenden) kulturellen Bedeutungsverlustes, Verdrängung bzw. Ersatz im Sinne einer Zensur, Umsemantisierung im Sinne einer Umwertung und schließlich Löschung der materiellen Zeichen.126 Unabhängig davon, ob dieser Wandel unwillkürlich oder bewusst geschieht und wie stark er ausfällt, muss eine „Gesellschaft, die Sinn in ihren historischen Monumenten finden will, […] deren Kodes rekonstruieren, deren Signifikate feststellen und deren Botschaften im Rahmen der neuen Lebenswelt in neue Texte übersetzen.“127 Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, ist die Gesellschaft in der Regel aber nur an 122 Eco, Zeichen, S. 171. 123 Eco, Einführung, S. 315/317f. 124 Koselleck, Reinhart: Einleitung, in: Der politische Totenkult. Kriegsdenkmäler in der Moderne, herausgegeben von Reinhart Koselleck und Michael Jeismann, München 1994, S. 10. Nach Ansicht von Umberto Eco muss der Architekt daher bereits im Planungsprozess in der Lage sein, solche Entwicklungen wie die der Stadt Brasilia – sie war als sozialistische Stadt geplant, stellt heute jedoch eine Stadt großer sozialer Unterschiede dar – zu antizipieren und in seine Erwägungen einzubeziehen (Eco, Einführung, S. 356). Dies kann beispielsweise durch eine „Überkodierung“ gelingen, das heisst durch den Einsatz eines Übermaßes „an populären Metaphern und Zeichen“ (Von Beyme, Kunst, S. 339. Dieser nach: Jencks, Charles, Baird, George: Meaning in architecture, New York 1970, S. 50). 125 Speitkamp, Winfried: Denkmalsturz und Symbolkonflikt in der modernen Geschichte. Eine Einführung, in: Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik, herausgegeben von ders., Göttingen 1997, S. 8/16. 126 Lachmann, Renate: Die Unlöschbarkeit der Zeichen: Das semiotische Unglück des Mnemonisten, in: Gedächtniskunst. Raum – Bild – Schrift. Studien zur Mnemotechnik, herausgegeben von Anselm Haverkamp und Renate Lachmann, Frankfurt a.M. 1991, S. 113–117 / Butzer, Günter, Günter, Manuela: Einleitung, in: Kulturelles Vergessen. Medien – Rituale – Orte, herausgegeben von dies., Göttingen 2004, S. 11. 127 Posner, Kultur, S. 66f. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 26 der Deutung einiger ausgewählter Monumente interessiert, die sie als Bedeutungsträger in ihr kollektives Gedächtnis und ihre Erinnerungskultur integrieren möchte. Denkmale als Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses Mit der Funktionsweise von individuellen und kollektiven Erinnerungsprozessen haben sich verschiedene Fachdisziplinen seit dem 19. Jahrhundert befasst und unterschiedliche Theorien in den diesbezüglichen Diskurs eingebracht. Ein heute etabliertes und weit verbreitetes Konzept des kollektiven Gedächtnisses geht auf die Arbeiten des französischen Soziologen Maurice Halbwachs128 zurück, dessen zentrale Annahme die wechselseitige Beziehung zwischen individuellem und kollektivem Erinnern war. Da jedes Individuum in größere soziale Netzwerke mit festen Denkschemata und Bezugsrahmen wie Sprache, Zeit, Raum und Erfahrung eingebunden ist, haben diese auch entscheidenden Anteil an der Selektion seiner Wahrnehmung und der Formierung der Erinnerung. Individuelles Erinnern ist nach Ansicht von Halbwachs damit immer gesellschaftlich bedingt und konstruiert. „Jede noch so persönliche Erinnerung, selbst von Ereignissen, deren Zeuge wir alleine waren, selbst von unausgesprochenen Gedanken und Gefühlen,“ so schrieb er, „steht zu einem Gesamt von Begriffen in Beziehung, das noch viele andere außer uns besitzen […], d.h. mit dem ganzen materiellen und geistigen Leben der Gruppen, zu denen wir gehören oder gehört haben.“129 Weitere wichtige Erkenntnisse lieferte Halbwachs in Bezug auf die Rekonstruktivität, die soziale Funktion und die Abgrenzung des Gedächtnisses gegenüber der Geschichte. So war für ihn die Erinnerung „in sehr weitem Maße eine Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe von der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten“, die ihrerseits „durch andere, zu früheren Zeiten unternommene Rekonstruktionen vorbereitet“ wurden, „aus denen das Bild von ehemals schon recht verändert hervorgegangen ist.“130 Erinnert wird damit jenes, was in einen bereits bestehenden größeren Sinn-Rahmen eingefügt werden kann, der die Kohäsion der betreffenden Gruppe stützt. Alles, was die einzelnen Mitglieder voneinander trennen und die Gruppe voneinander entfernen könnte, wird demgegenüber aus dem Gedächtnis ausgeschaltet.131 2.1.2. 128 Vergleiche hierzu seine drei Hauptwerke in der deutschen Übersetzung: Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Berlin und Neuwied 1966 (= Soziologische Texte, Band 34) / Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt a.M. 1985 / Halbwachs, Maurice: Verkündigte Orte im heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis, Konstanz 1999. Die Originale erschienen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in französischer Sprache. 129 Halbwachs, Gedächtnis (1966), S. 71. 130 Halbwachs, Gedächtnis (1985), S. 55f. Vor diesem Hintergrund unterschied Aleida Assmann später zwischen „Gedächtnis als ars" und Gedächtnis als „vis“. Während ersteres eine Art Wissensspeicher darstellt, in den Informationen eingelagert sind, die zu einem späteren Zeitpunkt in der gleichen Form wieder abgerufen werden können, wirkt im „Gedächtnis als vis" jene beschriebene anthropologische Kraft, die Einfluss auf die Gedächtnisinhalte nimmt (Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 27ff.). 131 Halbwachs, Gedächtnis (1966), S. 382. 2.1. Denkmalbotschaften und ihre Deutung 27 Auf diese Weise wird die Teilhabe am kollektiven Gedächtnis zugleich zum Ausdruck der Gruppenzugehörigkeit und einem wichtigen Bestandteil der individuellen und kollektiven Identitätsbildung.132 Die kollektive Erinnerung, wie Halbwachs sie verstand, ist so weniger Abbild des Vergangenen als ein aussagekräftiges Indiz für die Bedürfnisse und Belange der Erinnerungsgemeinschaft in der Gegenwart.133 Gerade diese Eigenschaften sind es, die Halbwachs zufolge das Gedächtnis von der Historiographie unterscheiden. Während es je nach Anzahl der Gruppen mehrere potentielle kollektive Gedächtnisse gibt, sah er die von Historikern erforschte und verfasste Geschichte als ungeteilt an, da diese sich bemühten, bei ihren Forschungen objektiv und unparteiisch zu sein.134 Einen weiteren Unterschied sah Halbwachs darin, dass die Geschichte an Epochenwechseln und dem gesellschaftlichen Wandel interessiert sei, wohingegen das kollektive Gedächtnis „eine kontinuierliche Denkströmung“ darstelle.135 Nicht zuletzt nimmt die Geschichte ihm zufolge den Charakter von Gelehrtheit an und ist damit – anders als das kollektive Gedächtnis – nur die Sache einer ganz geringen Minderheit. Folglich setzte er die beiden auch in eine zeitliche Abfolge. Die Geschichte lässt er an dem Punkt beginnen, an dem das Gedächtnis aufhört und es nötig wird, sie schriftlich festzulegen.136 Während Halbwachs also insbesondere das Verhältnis von Gedächtnis und Gruppen untersucht und die mündliche Rede hierbei als zentrales Medium der Weitergabe der kollektiv geformten Erinnerung verstanden hat, konzentrierte sich der deutsche Kunsthistoriker Aby Warburg in seinen etwa zeitgleich entstandenen Arbeiten auf das Verhältnis zwischen Gedächtnis und Formensprache.137 Sein Verdienst besteht in der Erweiterung der materiellen Träger des kollektiven Gedächtnisses um „das potentiell lange Zeiten überdauernde und weite Räume durchquerende Kunstwerk“.138 Eine nochmalige Erweiterung dieser potentiellen Träger des kollektiven Gedächtnisses und seiner Bezugsgruppe stellt das deutlich jüngere, vom französischen Historiker Pierre Nora139 eingeführte, Konzept der „lieux de mémoire“ dar, das in der Folge breit rezipiert und als „Erinnerungsort“ in den deutschen Sprachgebrauch überführt wurde. Nora betrachtete keine konkrete Gruppe mehr, sondern eine abstrakte 132 Erll, Gedächtnis, S. 17. 133 Ebd., S. 7. 134 Halbwachs, Gedächtnis (1985), S. 71f. Eine Abgrenzung, die gerade im Zuge des „Cultural Turn“ und in einflussreichen Arbeiten wie jener von Haydn White stark angezweifelt wurde und in einem postmodernen Verständnis der Geschichtswissenschaft idealtypisch erscheint. Vergleiche zum Spannungsverhältnis von wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und den Formen der Narration insbesondere: White, Hayden V.: Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen, Stuttgart 1986 (= Sprache und Geschichte, Band 10). 135 Halbwachs, Gedächtnis (1985), S. 68. 136 Ebd., S. 66f. 137 Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Kultur und Gedächtnis, herausgegeben von Jan Assmann und Tonio Hölscher, Frankfurt a.M. 1988, S. 13. Zu den Arbeiten Aby Warburgs vergleiche insbesondere: Warburg, Aby Moritz: Der Bilderatlas Mnemosyne, herausgegeben von Martin Warnke, Berlin 2000. 138 Erll, Gedächtnis, S. 20. 139 Vergleiche hierzu: Nora, Pierre: Wie lässt sich heute eine Geschichte Frankreichs schreiben, in: Erinnerungsorte Frankreichs, herausgegeben von ders., München 2005, S. 15–23. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 28 „Gemeinschaft, die sich raum- und zeitübergreifend über Symbole definiert“,140 deren Bedeutung er damit aufwertete. Hierzu zählten „Realitäten“ aus dem Gebiet der Historie, Geographie und Geopolitik sowie der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, seien sie aus dem „Bereich des Materiellen oder Institutionellen oder […] des Spirituellen und Ideologischen.“141 Der Begriff Erinnerungsort schließt also materielle Orte und immaterielles Erbe gleichermaßen ein, mit denen sich neben den intendierten Botschaften und Bedeutungen auch spätere Erinnerungen, Zuschreibungen und Bedeutungen verknüpfen. Allerdings liegt in dieser Offenheit des Begriffs zugleich seine Schwäche. Bis heute liegt laut dem Historiker Matthias Weber keine exakte Definition vor. Es fehlt ihm an Prägnanz und analytischer Trennschärfe.142 So formulierten auch Etienne François und Hagen Schulze in ihrer Einleitung zu dem 2005 erschienenen Band „Deutsche Erinnerungsorte“, dass die Zahl der Erinnerungsorte unübersehbar sei, da jedes „Schulbuch, jedes Testament, jedes Archiv, jeder Verein, jede Gedenkminute“ als Erinnerungsort beschrieben werden könne, sofern sie mit Überlieferungsabsichten verbunden seien.143 Für die vorliegende Studie soll er daher trotz seiner Erfolgsgeschichte in den historischen Wissenschaften von untergeordneter Bedeutung sein. Eine stärkere Differenzierung des Begriffs kollektives Gedächtnis selber und eine Akzentuierung des Zusammenhangs von Erinnerung, kollektiver Identitätsbildung und politischer Legitimierung ist Jan und Aleida Assmann zu verdanken. Ihre zahlreichen Arbeiten haben im deutschsprachigen Raum den stärksten Einfluss entfaltet und scheinen im internationalen Vergleich am besten ausgearbeitet zu sein.144 Sie führten das kommunikative und kulturelle Gedächtnis als Begriffe in den wissenschaftlichen Diskurs ein, wobei eine Unterform des letzteren das offizielle nationale Gedächtnis darstellt. Wichtige Unterscheidungsmerkmale waren für sie der zeitliche Abstand zum Erinnerten, die Form der Weitergabe und die dahinter liegende Motivation. 140 Assmann, Erinnerungsräume, S. 132. 141 Nora, Geschichte, S. 15. 142 Weber, Matthias: Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven, in: Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven, herausgegeben von Matthias Weber u.a., Oldenburg 2011 (= Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 42 sowie Schriften des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität, Band 1), S. 17. Ein besonderer Verdienst Noras besteht auch darin, dass er auf diese Weise eine neue Form der Geschichtsschreibung etablierte, die mit einer veränderten Rolle des Historikers einhergeht. Er ist kein Notar der Geschichte mehr, sondern Interpret und Mittler des Vergangenen (Nora, Geschichte, S. 23). 143 François, Etienne, Schulze, Hagen: Einleitung, in: Deutsche Erinnerungsorte, herausgegeben von dies., Bonn 2005, S. 11f. Diese Fülle und Vielfalt tritt in Deutschland umso stärker zu Tage, da es nicht wie sein Nachbarland Frankreich auf eine lange nationalstaatliche Geschichte zurückblicken kann, sondern aus partikularen Erinnerungsgemeinschaften erst eine nationale Erinnerungsgemeinschaft formen musste (Ebd., S. 10f.). 144 Erll, Gedächtnis, S. 13/27. 2.1. Denkmalbotschaften und ihre Deutung 29 Das kommunikative Gedächtnis umfasst eine jüngere, unmittelbar miterlebte oder von Zeitzeugen durch die mündliche Überlieferung weitergegebene Vergangenheit. Seine Existenz ist damit an den sterblichen Menschen gebunden und dauert in der Regel nicht länger als hundert Jahre an. Im kulturellen Gedächtnis sind demgegenüber Geschehnisse einer ferneren Vergangenheit verankert, die sich nicht mehr auf eine solche Alltagskommunikation stützen können und auf die von Warburg und Nora genannten externen Speichermedien angewiesen sind, welche zuvor durch Institutionen wie die Geschichtswissenschaft, Heimatvereine oder Archive und Museen abgesichert worden sind. Indem er das architektonische Erbe einer Gesellschaft sichert und pflegt, ist auch der Denkmalschutz zu ihnen zu zählen.145 Die beiden Gedächtnisformen befinden sich damit – ähnlich wie bei Halbwachs’ Unterscheidung von Gedächtnis und Geschichte – in einer zeitlichen Abfolge. Das kulturelle löst das kommunikative Gedächtnis nach einer gewissen Zeitspanne der Parallelität ab. Die sich mit der Zeit stets verschiebende Lücke zwischen ihnen wird als „floating gap“ bezeichnet.146 Während die Weitergabe der Erinnerung des kommunikativen Gedächtnisses in der Alltagskommunikation eher zufällig und willkürlich geschieht und der Alltagskommunikation und -deutung dienen soll, wird der Bestand des kulturellen Gedächtnisses in pluralistischen Gesellschaften bewusst gesellschaftlich ausgehandelt und mit ideologischen und politischen Zielsetzungen verbunden. Er ist „der Entwurf derjenigen Vergangenheit, die eine Gemeinschaft sich geben will“.147 Staatliche wie nichtstaatliche Akteure versuchen, das Bild von der Vergangenheit in ihrem Sinne zu prägen und öffentliche „Geschichts- und Identitätsbilder“ zu konstruieren, was Edgar Wolfrum und Petra Bock als „Geschichtspolitik“ verstanden.148 Der Bestand eines kollektiven Gedächtnisses sagt daher nicht zuletzt etwas über die Machtstrukturen in der betreffenden Erinnerungsgemeinschaft aus. Harald Welzer sah allerdings auch im kommunikativen Gedächtnis noch eine intentionale Weitergabe von Erinnerung, weshalb er die beiden Begriffe um jenen des sozialen Gedächtnisses ergänzte. Dieses war ihm zufolge ein „Universum einer Vergangenheitsbildung en passant“,149 die durch Interaktionen, Aufzeichnungen, Bilder und Räume geschieht. Auch architektonische Ensembles fielen für ihn hierunter, da 145 Pomian, Krzysztof: „Geteiltes Gedächtnis“. Europas Erinnerungsorte als politisches und kulturelles Phänomen, in: Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven, herausgegeben von Matthias Weber u.a., Oldenburg 2011 (= Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 42 sowie Schriften des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität, Band 1), S. 28. 146 Erll, Gedächtnis, S. 28. 147 Pethes, Nicolas: Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien zur Einführung, Hamburg 2008, S. 65. 148 Bock, Petra, Wolfrum, Edgar: Einleitung, in: Umkämpfte Vergangenheit: Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, herausgegeben von dies., Göttingen 1999, S. 9. Von dem von Norbert Frei eingeführten Begriff der Vergangenheitspolitik grenzen sie sich ab, indem sie diesen vor allem auf die justizielle Aufarbeitung beziehen, wozu sie die Bestrafung, Disqualifikation und Restitution zählen (Ebd., S. 8f.). 149 Welzer, Harald: Das soziale Gedächtnis, in: Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, herausgegeben von ders., Hamburg 2001, S. 12. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 30 Beton, Stein und Asphalt immer auch „materialisierte historische Zeiten“ seien, die am Rande wahrgenommen würden.150 Da Erinnern und Vergessen als zwei Seiten einer Medaille verstanden werden können und erst das Vergessen den Raum „für bewusste und gewichtete Erinnerung“ eröffnet,151 wird jedoch nicht nur ausgehandelt, was künftig im kulturellen Gedächtnis erinnert, sondern auch all jenes, was nicht überliefert werden soll. Momente der Scham und der Schuld lassen sich beispielsweise nur schwer in ein positives Selbstbild integrieren und mit den Interessen und Zielen der Gegenwart verbinden, weshalb sie in der Regel nicht in das kollektive Gedächtnis aufgenommen werden.152 Insbesondere Tätern bietet die Verdrängung einen „Schutz vor den Dauerspuren des Gewesenen“,153 die ansonsten eine belastende Kontinuität bilden und ein permanentes Sündenbewusstsein, eine habituell gewordene Selbsterniedrigung oder stetige Selbstanklage nach sich zögen.154 Auf die Gewaltasymmetrie folgt daher eine Erinnerungsasymmetrie. Während die Täter aus den beschriebenen Gründen vergessen wollen, möchten die Opfer das ihnen zugefügte Leid erinnert wissen.155 In der jüngeren Vergangenheit, die durch eine generelle Erinnerungskonjunktur gekennzeichnet ist, lässt sich diesbezüglich allerdings ein Wandel feststellen. Vielerorts werden begangene Verbrechen nicht mehr verschwiegen oder verdrängt, sondern – wenn auch nicht unmittelbar durch die Täter(Generation) – in das kulturelle Gedächtnis integriert. Die Abschottung der Erinnerungsgemeinschaft und deren unwidersprochene Konstruktion eines verzerrten Selbstbildes wird durch die Globalisierung erschwert. Sie erhöht stattdessen den Druck von außen, sich der eigenen unrühmlichen Vergangenheit zu stellen. Ferner lässt sich eine ethische Wende ausmachen, durch welche universelle moralische Werte aufgewertet wurden, deren Einhaltung durch eine kritische nationale und internationale Öffentlichkeit zusehends überwacht wird.156 Da Medien ein – oder vielleicht der wichtigste Faktor – bei der Herausbildung der öffentlichen Meinung sind,157 beförderte auch die digitale Revolution diesen Wandel. Durch sie ist das medienvermittelte Wissen über die Vergangenheit 150 Ebd., S. 16f. 151 Lämmert, Eberhard: Vom Nutzen des Vergessens, in: Vom Nutzen des Vergessens, herausgegeben von Gary Smith und Hinderk M. Emrich, Berlin 1996, S. 4. 152 Assmann, Aleida: Kollektives Gedächtnis, in: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, herausgegeben von Nicolas Pethes und Jens Ruchatz, Hamburg 2001, S. 309. 153 Weigl, Sigrid: Pathologie und Normalisierung im Deutschen Gedächtnisdiskurs. Zur Dialektik von Erinnern und Vergessen, in: Vom Nutzen des Vergessens, herausgegeben von Gary Smith und Hinderk M. Emrich, Berlin 1996, S. 251. 154 Kittsteiner, Heinz-Dieter: Vom Nutzen und Nachteil des Vergessens für die Geschichte, in: Vom Nutzen des Vergessens, herausgegeben von Gary Smith und Hinderk M. Emrich, Berlin 1996, S. 146. 155 Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 107. 156 Ebd., S. 114f. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es jener äußere Druck, welcher der Bundesrepublik ein Verdrängen erschwerte und den Imperativ des Erinnern erzeugte. Die Vereinigten Staaten von Amerika (USA), in denen dieser fehlte, haben sich demgegenüber bis heute weniger mit ihrer Schuld, etwa dem Abwurf der Atombombe auf die Stadt Hiroshima, befasst (Ebd., S. 288). 157 Rudzio, System, S. 382. 2.1. Denkmalbotschaften und ihre Deutung 31 nun jederzeit abrufbar. Ein vollständiges Verdrängen scheint im Medienzeitalter daher nahezu unmöglich geworden zu sein. Es dürfte kaum gelingen, alle Datenträger vollständig zu löschen.158 Neben ihnen verweisen auch die verbliebenen Leerstellen in Bildern oder Lücken im städtebaulichen Ensemble weiterhin auf das Gewesene und erzeugen somit eine negative Präsenz.159 Nach Ansicht von Günter Butzer und Manuela Günter gibt es daher „kein materiales Vergessen in der Moderne, wohl aber ein operationales“.160 Dieses bedarf jedoch eines breiten gesellschaftlichen Konsens oder aber einer gesellschaftlichen Elite, die in der Lage ist, das Vergessen zu oktroyieren und nötigenfalls gewaltsam durchzusetzen. Allerdings erfährt nicht alles, was erinnert und institutionell abgesichert worden ist, auch eine gesellschaftliche Aneignung und Bedeutung, weshalb Aleida Assmann zusätzlich zwischen Funktions- und Speichergedächtnis unterschied.161 Das Funktionsgedächtnis ist für sie das „bewohnte“ Gedächtnis, das aus bedeutungsgeladenen Elementen besteht, „die zu einer kohärenten Geschichte konfiguriert werden können und sich durch Gruppenbezug, Selektivität, Wertbindung und Zukunftsorientierung auszeichnen.“162 Damit leistet es jenen funktionellen Beitrag zur Legitimation, Delegitimation und Abgrenzung einer Gemeinschaft, wie ihn bereits Halbwachs beschrieb.163 Das Speichergedächtnis enthält für sie demgegenüber all jene erhaltenen Erinnerungen, welche bewahrt wurden, aber noch nicht in eine solche Erzählung eingebunden sind. Bei Bedarf können sie jedoch (von späteren Generationen) in das beschriebene Funktionsgedächtnis überführt werden und dessen Funktionen erfüllen.164 „Wird der Grenzverkehr zwischen beiden Gedächtnissen durch eine Mauer versperrt und das Speicher-Gedächtnis als latentes Reservoir von ungebrauchten Möglichkeiten, Alternativen, Widersprüchen, Relativierungen und kritischen Einsprüchen ausgesperrt, dann wird Wandel ausgeschlossen und es kommt zu einer Er- Gemäß dem wissenschaftlichen Begriffsverständnis ist die öffentliche Meinung nicht die „Addition von Einzelmeinungen“, sondern jener „Ort der Reflexion über öffentl[iche] Themen, wie er für eine funktionierende Demokratie konstitutiv erscheint“ (Kleinsteuber, Hans-Jürgen: Öffentliche Meinung, in: Kleines Lexikon der Politik, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage, herausgegeben von Dieter Nohlen und Florian Grotz, München 2015, S. 424f.). 158 Diese „Resistenz der Zeichenträger“ war jedoch auch bereits in früheren Epochen feststellbar (Butzer, Günter, Günter, Manuela: Über die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit des Vergessens. Ein Resümee, in: Kulturelles Vergessen. Medien – Rituale – Orte, herausgegeben von dies., Göttingen 2004, S. 236). 159 Lachmann, Unlöschbarkeit, S. 117. 160 Butzer/Günter, Notwendigkeit, S. 238. Diese in Anlehnung an bzw. als Schlussfolgerung des Beitrags: Weber, Niels: Vergessen / Erinnern. Die andere Seite der Gedächtniskunst, in: Kulturelles Vergessen. Medien – Rituale – Orte, herausgegeben von Günter Butzer und Manuela Günter, Göttingen 2004, S. 81–98. 161 Erll, Gedächtnis, S. 31. Sie knüpft damit an Freud, einen der Begründer der „Vergessensforschung“ an. Auch für ihn blieb das Vergessene nach der Lesart von Günter Butzer und Manuela Günter stets latent vorhanden, selbst wenn es dem Bewusstsein nicht unmittelbar zur Verfügung steht (Butzer/Günter, Einleitung, S. 10). 162 Erll, Gedächtnis, 31. 163 Assmann, Erinnerungsräume, S. 138. 164 Erll, Gedächtnis, S. 32. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 32 starrung und Verabsolutierung des Gedächtnisses.“165 Beispielhaft lässt sich dies an diktatorischen Regimen nachzeichnen. Im stalinistischen Russland wurde im offiziellen Gedächtnis nur gesichert und bewahrt, „was durchs Nadelöhr der offiziellen Lehre paßte.“166 Alles andere ist in solchen Regimen höchstens Teil eines „inoffiziellen Gedächtnisses“, das in gesellschaftlichen Nischen oder im Rahmen der Familie geteilt wird und damit vorwiegend auf das weniger nachhaltige kommunikative Gedächtnis beschränkt bleibt.167 In Bezug auf die Bedeutung der Erinnerung für die Gegenwart und die Gruppenkohäsion unterschied Jan Assmann in Anlehnung an den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss zudem zwischen heißen und kalten bzw. fundierenden und kontrapräsentischen Erinnerungen. Während kalte Erinnerungsgemeinschaften nach Kontinuität und Gleichgewicht streben und durch die geteilte Erinnerung versuchen, Wandel von sich fernzuhalten, wollen heiße Gesellschaften ihre Geschichte zum Motor für Veränderungen machen.168 In kalten Gesellschaften mit fundierenden Mythen wird das Gegenwärtige daher in das Licht einer Geschichte gestellt, „die es sinnvoll, gottgewollt, notwendig und unabänderlich erscheinen läßt.“169 Die heiße Erinnerungsgemeinschaft mit kontrapräsentischen Mythen nimmt hingegen eine Differenz zwischen der vermeintlich glorreichen Vergangenheit und der Gegenwart wahr. Dieses Verschwundene, Verlorene oder an den Rand Gedrängte hebt sie hervor. Damit stellt sie die Gegenwart stärker in Frage, was unter Umständen ein revolutionäres Potential entfachen kann.170 Vor diesem Hintergrund lässt sich zum einen die Aufwertung des historischen Erbes bei Nationenbildungen oder Sezessionen besser verstehen. Mit der Konstruktion einer gemeinsamen Tradition schufen die nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts etwa gezielt eine Identität für „das neue politische Handlungsobjekt ‚Volk‘“.171 Zum anderen lässt sich so die Härte mancher geschichtspolitischer Konflik- 165 Assmann, Aleida, Assmann, Jan: Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, herausgegeben von Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt und Siegfried Weischenberg, Opladen 1994, S. 127f. 166 Ebd., S. 127. 167 Moller, Sabine: Erinnerung und Gedächtnis, Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte vom 12. April 2010 (URL: http://docupedia.de/zg/Erinnerung_und_Gedächtnis, letzter Zugriff am 4. Dezember 2015). Diese beruft sich auf Bessel, Richard, Jessen, Ralph: Einleitung. Die Grenzen der Diktatur, in: Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, herausgegeben von dies., Göttingen 1996, S. 7–23 sowie Burke, Peter: Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, herausgegeben von Aleida Assmann und Dietrich Harth, Frankfurt a.M. 1991, S. 300. 168 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999, S. 68/78ff. 169 Ebd., S. 79. 170 Ebd., S. 79f. Seine Ausführungen zu kontrapräsentischen Mythen sind angelehnt an einen Aufsatz des Theologen Gerd Theißen. Vergleiche: Theißen, Gerd: Tradition und Entscheidung. Der Beitrag des biblischen Glaubens zum kulturellen Gedächtnis, in: Kultur und Gedächtnis, herausgegeben von Jan Assmann und Tonio Hölscher, Frankfurt a.M. 1988, S. 170–196. 171 Assmann, Erinnerungsräume, S. 139. Vergleiche diesbezüglich auch die Einlassungen von Ernest Renan auf einer Pariser Konferenz im ausgehenden 19. Jahrhundert: Renan, Ernest: Qu`est-ce qu`une nation?, Paris 1882. 2.1. Denkmalbotschaften und ihre Deutung 33 te besser einordnen und nachvollziehen. Sie sind „Ausdruck der Bekräftigung oder Aktualisierung bestimmter Wert-, Verhaltens- und Einstellungsmuster […], die – in Langzeitperspektive betrachtet – die politische Kultur formen und verändern.“172 Die Botschaften, die ein Denkmal transportiert, und die Erinnerungen, die mit ihm verknüpft sind, können also für oder gegen seinen Erhalt und die Überführung in das „bewohnte“ Funktionsgedächtnis sprechen. Die der Erinnerungsgemeinschaft zur Verfügung stehenden Optionen im Umgang mit bestehender Architektur bzw. ihrem Denkmalerbe sollen im Folgenden ausführlicher betrachtet werden. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung Wider das Vergessen – Denkmalschutz und Denkmalpflege Das Bedürfnis, die Architektur und ihre Botschaften für die Erinnerungsgemeinschaft zu erhalten, kommt im Denkmalschutz zum Ausdruck. Er sichert die kontinuierliche Pflege, finanzielle Zuwendung und fachliche Betreuung der ausgewählten Objekte ab. Nur mit Genehmigung der Denkmalbehörden darf ein eingetragenes Denkmal verändert, beseitigt, von seinem Standort entfernt oder instand gesetzt und wieder hergestellt werden.173 In Deutschland besitzt der Denkmalschutz eine lange Tradition und wurde insbesondere im Laufe der letzten drei Jahrhunderte stetig weiter professionalisiert und institutionalisiert. Die Denkmalpflege im heutigen Sinne ist an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entstanden und kann als Kind des Historismus verstanden werden.174 Karl Friedrich Schinkels 1815 verfasstes Memorandum kann als „die Gründungsurkunde der deutschen Denkmalpflege“175 bezeichnet werden. Einschneidend waren zudem die Entwicklungen um das Jahr 1900: Georg Dehio begründete mit dem Schlagwort „Konservieren statt Restaurieren“ ein neues Verständnis der Disziplin und wichtige Instrumente wie die Zeitschrift „Die Denkmalpflege“, der „Deutsche Denkmalpflegetag“ und die Heimatschutzbewegung bildeten sich heraus.176 In der 2.2. 2.2.1. 172 Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999, S. 28. 173 Martin, Dieter J., Gönner, Wolfgang Karl: Die deutschen Denkmalschutzgesetze, in: Denkmalpflege, herausgegeben von Achim Hubel, 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2006, S. 362. 174 Wörner, Hans-Jakob: Kurze Geschichte des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege in Deutschland, in: Schutz und Pflege von Baudenkmälern in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, herausgegeben von August Gebeßler und Wolfgang Eberl, Köln u.a. 1980, S. 7. 175 Schmidt, Einführung, S. 23. Karl Friedrich Schinkel forderte darin die Herausbildung einer Fachbehörde und die Inventarisierung der Denkmale (Ebd., S. 23f.). 176 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 10f. Für weitere Informationen zur Heimatschutzbewegung vergleiche insbesondere die Arbeiten von Willi Oberkrome. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 34 Zwischenkriegszeit entstanden dann allmählich Landesdenkmalämter,177 womit sich der Denkmalschutz und die Denkmalpflege als Aufgaben der öffentlichen Verwaltung endgültig etablierten. In den meisten deutschen Bundesländern hat sich dabei ein zweistufiges Verwaltungssystem aus oberen und unteren Denkmalschutzbehörden herausgebildet. Erstere sind in den jeweiligen Landesregierungen angesiedelt und für politische Aufgaben wie die Koordinierung, Lenkung und Aufsicht zuständig. Letztere besitzen „die grundsätzliche Zuständigkeit für alle Fragen des Denkmalschutzes“.178 So bearbeiten sie beispielsweise die Anträge auf bauliche Maßnahmen an den Denkmalen, gewähren staatliche Zuschüsse für den Denkmalunterhalt oder ordnen Sanktionen bei ungenehmigten Arbeiten an. Sie werden zusätzlich unterstützt durch die fachlich unabhängigen Denkmalfachbehörden, welche für „die Erfassung und Erforschung der Denkmäler, die Erstattung von Gutachten und die fachliche Betreuung von Maßnahmen“179 zuständig sind. Sie sind damit verantwortlich für das Erstellen von Inventarlisten. Auch die Denkmalvermittlung zählt zu ihren Aufgabenbereichen.180 Zudem haben sich auf diesem Gebiet im Laufe des letzten Jahrhunderts diverse Gremien der nationalen und internationalen Zusammenarbeit herausgebildet, die ebenfalls Einfluss auf die Entscheidungen und Entwicklungen nehmen. Nicht zuletzt ist die deutsche Denkmalpflege geprägt von einer direkten und indirekten öffentlichen Einflussnahme und Beteiligung an der Erfassung, Pflege und Vermittlung der Denkmale. Formen der direkten Beteiligung sind etwa Finanzierungshilfen, die (ehrenamtliche) Unterstützung bei der Bestandserfassung oder eine eigenverantwortliche Denkmalvermittlung. Eine Form der indirekten Beteiligung ist die Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse, welche die Belange des Denkmalschutzes betreffen. Der Weg der Einflussnahme kann dabei ebenfalls direkt oder indirekt erfolgen. Möglichkeiten der direkten Beeinflussung wären etwa Diskussionsrunden mit den Verantwortlichen, schriftliche Anfragen an sie oder das Anstreben von juristischen Verfahren. Ihre indirekte Beeinflussung findet hingegen über die sogenannten intermediären Instanzen – die öffentliche Meinung und die Parteien – statt, welche ihrerseits auf das Ergebnis der Politik einwirken können.181 Gelegentlich schaffen Politik und Verwaltung aber auch selbst weitere Möglichkeiten der Einflussnahme, in- 177 Wörner, Geschichte, S 11. 178 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 359f. In einigen Bundesländern ist ihnen eine weitere Instanz zwischengeschaltet. Diese oberen Denkmalschutzbehörden sind bei den Regierungspräsidien angesiedelt. Sie üben keine Fachaufsicht über die Denkmalfachbehörde, wohl aber über die unteren Denkmalschutzbehörden aus und fungieren als Widerspruchsinstanz gegen Bescheide, die von den unteren Denkmalschutzbehörden ausgestellt worden sind (Ebd., S. 359f.). Für die Verwaltung von besonderen Liegenschaften haben fast alle Bundesländer darüber hinaus gesonderte Behörden, Stiftungen oder andere Rechtsformen eingerichtet (Ebd., S. 361). 179 Martin/Göhner, Denkmalschutzgesetze, S. 361. 180 Hubel, Denkmalpflege, S. 346. 181 Vergleiche hierzu die Grafik „Adressaten und Methoden von Verbandseinfluss“ von Wolfgang Rudzio (Rudzio, System, S. 79). 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 35 dem sie Bürger und Sachverständige in den Planungs- und Entscheidungsprozess einbeziehen. Während der zivilgesellschaftliche Protest in der Regel ein Verbündeter des Denkmalschutzes ist, der dessen Anliegen und Position stärken will,182 stehen die Interessen der Denkmaleigentümer diesen oft eher entgegen. Deren Mitspracherecht und Widerspruchsmöglichkeiten sind durch das jeweilige Landesgesetz festgelegt und beschränkt. Die Denkmaleigenschaft eines Objektes lässt sich jedoch nicht unmittelbar aus der Substanz ableiten, sondern wird ihm durch einen nachträglichen Bewertungsvorgang sozial zugeschrieben.183 Die Werte, die dem Urteil zugrundeliegen (können), fasste Alois Riegl zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen. In seinem wegweisenden Aufsatz über den modernen Denkmalkultus machte er sechs Denkmalwerte aus, die er in Erinnerungs- und Gegenwartswerte unterschied. Zu ersteren zählte er den Alterswert, den historischen Wert und den gewollten Erinnerungswert. Letztere unterteilte er in Gebrauchs-, Neuheits- und relativen Kunstwert.184 Der Alterswert bezeugte ihm zufolge aufgrund seiner Altersspuren, dass das Denkmal alt sei, womit es an die „existenzielle menschliche Erfahrung des Werdens und Vergehens“ erinnere.185 Als historischer (Zeugnis-)Wert wurde und wird die dem Denkmal „anhaftende historische Botschaft, die immaterielle Information über bestimmte Erkenntnis- und Lebensbereiche einer Bauepoche“ verstanden, welche im Sinne einer materiellen Quelle zur „Anschaulichkeit einer historischen Aussage“ beitragen kann.186 Der gewollte Erinnerungswert würdigt schließlich die historische Sinnsetzung und die Botschaft, die mit dem Denkmal ursprünglich übermittelt werden sollte.187 Erweisen sich die Wirkungsabsichten eines Stifters in einer veränderten politischen Konstellation allerdings als veraltet und unerwünscht, wird der gewollte Die erfolgreiche Einflussnahme auf die Parteien erfolgt dabei vor allem über ihre personelle Durchdringung, Parteispenden, das in Aussicht stellen von Expertise und das Steuern des Mitgliederwahlverhaltens. Für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist eine gezielte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Sie beinhaltet die intensive Kontaktpflege zu Journalisten, regelmäßige Presseerklärungen, das Veröffentlichen eigener Publikationen und Aufmerksamkeit erregende Aktionen und Demonstrationen (Ebd., S. 78f.). Rudzios Modell bezieht sich allerdings allein auf parlamentarische Entscheidungsprozesse. Daher zählt er auch die Verwaltungen zu den intermediären Instanzen, die in dieser Studie als Verantwortungsträger gesehen werden. 182 Bartetzky, Arnold: Denkmalschutz von unten – Bürgerinitiativen und Stadtforen als Impulsgeber, in: Bürger machen Stadt. Bürgerschaftliches Engagement im städtebaulichen Denkmalschutz, herausgegeben vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin 2011 (= Informationsdienste Städtebaulicher Denkmalschutz, Band 36), S. 45. 183 Dolff-Bonekämper, Gabriele: Gegenwartswerte. Für eine Erneuerung von Alois Riegls Denkmalwerttheorie, in: Denkmalwerte. Beiträge zur Theorie und Aktualität der Denkmalpflege, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier und Ingrid Scheurmann, München 2010, S. 38. 184 Ebd., S. 28. 185 Ebd., S. 31. 186 Krause, Lexikon, S. 348. 187 Dolff-Bonekämper, Gegenwartswerte, S. 32. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 36 Erinnerungswert „mitsamt dem Denkmal historisierbar und geht in den historischen (Zeugnis-)Wert über.“188 Der Gebrauchswert entspricht demgegenüber der von Eco identifizierten „Dingfunktion“ der Architektur. Es ist „die Eignung des Denkmals für gegenwärtige Funktionen im Leben des Menschen.“189 Der Neuheitswert würdigt die „Geschlossenheit und Unversehrtheit seiner äußeren Erscheinung“ und Oberfläche – trotz seiner Herkunft aus einer anderen Zeit.190 Der (relative) Kunstwert eines Denkmals bezieht sich schließlich auf seine besondere „künstlerische Qualität, die […] innerhalb eines breiten Sachverständigenkreises Anerkennung findet“, deren Wahrnehmung aber trotzdem individuell und abhängig vom jeweiligen Kontext bleibt.191 Dieser Kanon hat sich seit seiner Abfassung im Jahr 1903 weiterentwickelt. Neuere oder anders akzentuierte Denkmalwerte sind beispielsweise der Identifikationsund der Symbolwert. Gemäß dem Identifikationswert ist das Denkmal ein „Repräsentant der Vergangenheit“, Vermittler von Kontinuität und „Ankerpunkt für Reflexion“, wodurch es eine identitätsstiftende Bedeutung für die gegenwärtige und spätere Generationen haben kann.192 Auch der Symbolwert schreibt dem Denkmal die Fähigkeit zu, Gemeinschaft und Tradition zu stiften, versteht es aber stärker noch als Wahrzeichen, Andenken und symbolische Kraft.193 Insbesondere im Zusammenhang mit dem jungen Denkmalerbe konnte sich zudem der „Streitwert“ etablieren. Er betont den Wert der Debatten, die um ein Denkmal geführt werden. Sie sind Ausdruck einer stärkeren gesellschaftlichen Partizipation und helfen, die Begriffe und Methoden der 188 Ebd., S. 32. Ebenso kann es jedoch dazu kommen, dass seine Botschaft an Aktualität gewinnt und der gewollte Erinnerungswert mit einem gewandelten Mandat erneuert wird (Ebd., S. 32). 189 Ebd., S. 33. 190 Ebd., S. 33. 191 Thiele, Susanne: Kunstwert, in: Werte. Begründungen der Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann und Wolfgang Sonne, Berlin 2013, S. 128. Nach Ansicht von Susanne Thiele werden derzeit unter diesem Wert ganz verschiedene Perspektiven und Bedeutungen subsumiert: Die „Vorliebe für Vollständigkeit und ein erneuertes Erscheinungsbild ohne Altersspuren, die wissenschaftlich objektive Wertschätzung künstlerischen Schaffens früherer Generationen sowie die ästhetischen Präferenzen für bestimmte Phasen der Kunstentwicklung“ (Ebd. S. 128). 192 Ilian, Carola: Identifikationswert/Identität, in: Werte. Begründungen der Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann und Wolfgang Sonne, Berlin 2013, S. 101. 193 Scheurmann, Ingrid: Symbol/Symbolwert, in: Werte. Begründungen der Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann und Wolfgang Sonne, Berlin 2013, S. 196. 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 37 Disziplin zu schärfen.194 Welcher dieser Werte wie viel Bedeutung erhält, hängt von den jeweiligen Akteuren und der Deutungshoheit innerhalb einer Gesellschaft ab.195 Neben diesem geisteswissenschaftlich hergeleiteten Denkmalbegriff steht die rechtliche Denkmaldefinition.196 Sie ergibt sich aus den Denkmalschutzgesetzen der einzelnen Bundesländer. Die aufgeführten Denkmalwerte sind dort zwar nicht explizit genannt, werden aber mitgedacht, wenn von dem geschichtlichen, künstlerischen, technischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Wert sowie dem öffentlichen Interesse am Denkmalerhalt die Rede ist.197 Die Grenze zwischen den Begriffen ist jedoch fließend. Dies liegt zum einen an den komplexen Gegenständen selber. Zum „anderen bilden die Begriffe selbst jeweils Teilmengen eines anderen Aspekts.“198 Denkmale von historischem Wert können wichtige Zeugnisse einer Geschichtsepoche, eines politischen Ereignisses oder einer Biographie eines einzelnen Künstlers oder anderer Persönlichkeiten sein. Dies macht sie zu potentiellen Quellen der Religions-, Rechts-, Sozial-, Territorial-, Kriegs-, Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte sowie für den Gartenbau, die Heimatkunde, den volkstümlichen Glauben und andere gesellschaftliche Bereiche.199 Dabei geben sie nicht nur Auskunft über die Intention ihrer Erbauer und die Epoche ihrer Entstehung, sondern auch über spätere Geschehnisse. Viele Bauwerke sind historisch gewachsen und tragen Spuren der Veränderung.200 Der künstlerische Wert eines Objektes ergibt sich aus der gelungenen Lösung der gestellten Bauaufgabe, wozu die Harmonie der Proportionen, die Bewältigung des Materials und die Zweckmäßigkeit von Raumformen oder Raumabfolgen zählen sowie der Einordnung in die bestehende Naturlandschaft und die Stellung in der jeweiligen Stilepoche und Kunstlandschaft. Ebenfalls von Bedeutung für die künstlerische Denkmalbewertung ist seine Stellung innerhalb der Entwicklung einer Gesellschaft und des Werkes des verantwortlichen Künstlers. Auch spielt die Seltenheit (des Stils) 194 Warda, Johannes: Streitwert, in: Werte. Begründungen der Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann und Wolfgang Sonne, Berlin 2013, S. 180. Der Streitwert ist jedoch kein eigener Denkmalwert, sondern ein Querschnittswert. Er wohnt jedem anderen Wert als Möglichkeitsform inne (Dolff-Bonekämper, Gegenwartswerte, S. 37). 195 Meier, Hans-Rudolf: Wertedebatten und Wertelehren in der spätmodernen Denkmalpflege: Hierarchien versus Pluralität, in: Werte. Begründungen der Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann und Wolfgang Sonne, Berlin 2013, S. 65. 196 Für beide waren auch internationale Urkunden wie die „Charta von Athen“ und die „Charta von Venedig“ wichtige Einflussgrößen. 197 Kiesow, Denkmalpflege (2000), S. 76. 198 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 131f. 199 Kiesow, Denkmalpflege (2000), S. 86ff. 200 Schmidt, Einführung, S. 92. Daher kann jedes Denkmal „Schattenseiten“ haben. „Unbequeme“ Erinnerungen können zudem nicht nur jene Bauwerke wecken, die von den diktatorischen Regimen selbst erbaut wurden, sondern auch solche, die durch sie genutzt oder umgestaltet wurden. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 38 bei der diesbezüglichen Begutachtung eine Rolle. Schließlich sind die Qualität und Vielfalt der Ausführung zu beachten.201 Da künstlerisches Wollen immer in Bezug zu den technischen Möglichkeiten seiner Zeit steht und letztlich jeder Entwurf an seine Umsetzbarkeit gebunden ist, müssen auch die konstruktiven Ausführungen sowie die konkreten handwerklichen Qualitäten gewürdigt werden.202 Hierin kommt die technische Denkmalbedeutung zum Ausdruck. Sie kann sich zudem aus der Geschichte der technischen Entwicklung ergeben, womit zugleich der historische Denkmalwert berührt wäre. Abgesehen davon soll durch den technischen Schutzgrund ein „besonderes Augenmerk auf die Zeugnisse handwerklichen und technischen Wirkens gerichtet werden.“203 Da auch Kunstgeschichte und Geschichte wissenschaftliche Disziplinen sind, überschneidet sich der wissenschaftliche Denkmalwert mit den bisher genannten Bewertungskriterien. Denkmale mit wissenschaftlicher Bedeutung können aber auch für viele andere Forschungsbereiche relevante Quellen sein – je nachdem, welcher Denkmalgattung sie zuzuordnen sind.204 Die Bedeutung eines Denkmals für den historischen Stadtgrundriss kann sich schließlich aus folgenden Faktoren ergeben: Monumentalität, exponierter topographischer Lage, Symbolwert, Funktion eines raumbildenden und milieuprägenden Bestandteils, maßstabbildende Funktion oder als wesentlicher baulicher Rest einer historischen Städtebaukonstruktion.205 Während diese ersten fünf Kriterien die „Denkmalfähigkeit“ herstellen, wird durch das Hinzutreten des öffentlichen Erhaltungsinteresses die „Denkmalwürdigkeit“ bezeugt.206 Diese Unterscheidung soll dazu dienen, „aus dem Kreis der in Frage kommenden Objekte eine eingrenzende Auswahl zu treffen“.207 Eine Funktion, die auch der Frage nach der Anzahl vergleichbarer Werke zukommt. Die Seltenheit allein rechtfertigt eine Denkmalerfassung allerdings noch nicht.208 Was genau unter dem „öffentlichen Interesse“ zu verstehen ist, geht aus den Gesetzestexten nicht hervor209 und ist auch in der Praxis umstritten. Da „die Öffentlich- 201 Kiesow, Denkmalpflege (2000), S. 78ff. 202 Ebd., S. 84. 203 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 137. 204 Kiesow, Denkmalpflege (2000), S. 82. 205 Ebd., S. 91f. 206 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 84. In den Denkmalschutzgesetzen gibt es die Termini „Denkmalwürdigkeit“ und „Denkmalfähigkeit“ allerdings nicht. Die beiden Begriffe sind von der Rechtsprechung erarbeitet worden (Ebd., S. 89). 207 Ebd., S. 139. 208 Ebd., S. 139. 209 Ernst-Rainer Hönes zufolge kann dieses zusätzliche Tatbestandsmerkmal daher keinen Beitrag zur Denkmalerkennung leisten, da das öffentliche Interesse ohnehin konstitutiv für das öffentliche Recht und die öffentliche Verwaltung sei (Hönes, Ernst-Rainer: Kulturdenkmal und öffentliches Interesse, in: Das öffentliche Denkmal. Denkmalpflege zwischen Fachdisziplin und gesellschaftlichen Erwartungen, herausgegeben vom Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V., Dresden 2004, S. 34). 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 39 keit“ nicht immer zu demselben Urteil wie die Denkmalschützer gelangt, trägt der Begriff eher zur Kritikanfälligkeit bei, als dass er weitere Klarheit für die Bewertung brächte. Für die Bewertung der Öffentlichkeit spielen häufig nämlich andere – allen voran ästhetische, symbolische und identitätsstiftende – Aspekte eine Rolle als für die Fachdenkmalpflege.210 Auch individuelle Faktoren wie die soziale Herkunft, das Bildungs- und Einkommensniveau oder das Alter211 nehmen auf die Denkmalbewertungen der Bürger oft stärkeren Einfluss als auf das Urteil der Experten. Ältere Personen haben beispielsweise ein eher konservatives Verständnis von Kunst und Kultur und ein größeres Interesse an der „Bewahrung der Errungenschaften des Erreichten“, wohingegen jüngere Generationen eher Alternativ- oder Subkulturen zuneigen.212 Zudem lehnt die jüngere Generation häufig die Erzeugnisse und Errungenschaften ihrer Elterngeneration ab. Während sich neue Architekturstile behaupten müssen, gehen vergangene zunächst durch das „Fegefeuer“ der öffentlichen Missachtung hindurch.213 Darüber hinaus unterliegt das Erhaltungsinteresse der fachfernen Öffentlichkeit stärker äußeren Bedingungen und Konjunkturen. In bestimmten Intervallen favorisiert oder negiert sie architektonische Epochen.214 Dabei gilt in der Regel: Je höher das Alter, desto anerkannter sind die Denkmale.215 Die größten Unterschiede zwischen fachlicher und öffentlicher Bewertung existieren in Bezug auf die sogenannten unbequemen Baudenkmale, worunter der Kunsthistoriker Norbert Huse, der den Begriff einführte, insbesondere die Architektur der Moderne, der Zeit des Nationalsozialismus (NS) und der DDR sowie Industriebauten verstand.216 Er wies jedoch selbst auf Klassifizierungsprobleme hin.217 Einigkeit besteht aber zumindest darin, dass dem historischen Denkmalwert in ihrem Fall ein be- 210 Rüsch, Eckart: Ist das „öffentliche Interesse“ Denkmalpflege auch von allgemeinem Interesse?, in: Das öffentliche Denkmal: Denkmalpflege zwischen Fachdisziplin und gesellschaftlichen Erwartungen, herausgegeben vom Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V., Dresden 2004, S. 105. 211 Lipp, Wilfried: Was ist kulturell bedeutsam? Überlegungen aus der Sicht der Denkmalpflege, in: Denkmal – Werte – Gesellschaft. Zur Pluralität des Denkmalbegriffs, herausgegeben von Wilfried Lipp, Frankfurt a.M. und New York 1993, S. 366/369. 212 Ebd., S. 367f. 213 Kiesow, Gottfried: Denkmalschutz in Hessen unter besonderer Berücksichtigung der Bauten aus den 50er Jahren, in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1988 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 36), S. 8. 214 Lipp, Überlegungen, S. 368f. 215 Kiesow, Denkmalschutz, S. 8. 216 Scheurmann, Ingrid: Mehr Substanz – Bemerkungen zum Geschichtsbild der modernen Denkmalpflege oder: Warum sind Baudenkmäler unbequem?, in: Denkmalwerte. Beiträge zur Theorie und Aktualität der Denkmalpflege, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier und Ingrid Scheurmann, Berlin und München 2010, S. 65. 217 Huse, Norbert: Unbequeme Baudenkmale. Entsorgen? Schützen? Pflegen?, München 1997, S. 7. Das Attribut unbequem ist ihm zufolge auch ganz anders deutbar. Selbst populäre Bauten könnten dieses Stigma erhalten, wenn etwa bei Restaurierungsarbeiten jene Hoffnungen enttäuscht würden, sie könnten danach wieder Erstrahlen wie am ersten Tag (Ebd., S. 7). Auch Marion Wohlleben formuliert den Begriff offener. Ihr zufolge handelt es sich um Denkmale, die „es offensichtlich schwer haben, erkannt, anerkannt und erhalten zu werden. Das sind vor allem einfache, durchschnittliche, wenig spektakuläre Bauten, die in der Öffentlichkeit leicht Verständnis- 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 40 sonderes Gewicht zukommt.218 Ihre Existenz führte dazu, dass sich eine neue Position innerhalb der Fachdisziplin entwickelte, wonach nicht „nur das Positive und Erbauliche“ zu erhalten sei,219 sondern auch jenes, was die Erinnerung an negative Facetten der Vergangenheit wachhält und deren kritische Aufarbeitung ermöglicht. Klaus von Beyme spricht in diesen Fällen von „normativ-betroffener Denkmalaneignung“.220 An ihnen wird die erinnerungskulturelle Bedeutung der Denkmale damit besonders deutlich. Darüber hinaus wirken oft noch weitere Faktoren auf die Auswahl des geschützten Denkmalerbes ein. Dort, wo weniger denkmalwerte Bausubstanz vorhanden ist, wird das Wenige womöglich eher geschützt als an jenen Orten, wo eine Vielzahl an „großen“ Denkmalen zu finden ist. Sie absorbieren so viel Aufmerksamkeit, dass weniger Bedeutsames und Auffälliges leicht(er) verloren geht.221 Die Summe und der Zustand der eingetragenen Denkmale hängen zudem immer auch von der ökonomischen Situation des jeweils zuständigen Verwaltungsbereichs und dessen Prioritäten bei der Geldvergabe ab. Der ideelle Wert steht dem materiell-ökonomischen (Nutzen) oft entgegen.222 Allerdings sollten Erhaltungs- und Instandsetzungskosten prinzipiell weder für noch gegen das Denkmal sprechen.223 Ebenso sollte das Denkmalalter allein weder für noch gegen eine Erfassung sprechen. Während Karl Friedrich Schinkel für die Denkmalerfassung noch ein Mindestalter von fast 200 Jahren vorsah, verkürzte Alois Riegl diesen Abstand auf sechzig Jahre.224 Danach wurde das Mindestalter immer näher an die Gegenwart heran gerückt. Es gibt heute Verwaltungsregelungen zur Denkmalerfassung, die von einem Abstand von dreißig Jahren ausgehen.225 Auch in der Praxis hat sich dieser Abstand behauptet, der sich ursprünglich aus der Schaffensgrenze einer Generation ergab.226 Unabhängig losigkeit hervorrufen“ und bei denen auch unter Denkmalschützern keine Einigkeit über die Denkmalfähigkeit besteht (Wohlleben, Marion: Ungeliebte Denkmäler. Ein Plädoyer für das Einfache, das Schwierige und das Andere, in: Denkmale und Gedenkstätten, herausgegeben von Achim Hubel und Hermann Wirth, Weimar 1995, S. 157). 218 Scheurmann, Substanz, S. 64. 219 Schmidt, Einführung, S. 125. 220 Von Beyme, Klaus: Staatsarchitektur der Diktaturen – ein Objekt der Denkmalpflege?, in: Denkmale und Gedenkstätten, herausgegeben von Achim Hubel und Hermann Wirth, Weimar 1995, S. 181. 221 Von Beyme, Klaus: Das Kulturdenkmal zwischen Wissenschaft und Politik – Zur Frage einer inhaltlichen Differenzierung des Denkmalbegriffs, in: Denkmal – Werte – Gesellschaft. Zur Pluralität des Denkmalbegriffs, herausgegeben von Wilfried Lipp, Frankfurt a.M. und New York 1993, S. 385. 222 Lipp, Überlegungen, S. 371. 223 Martin/Krautzberger in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Handbuch, S. 139f. 224 Hubel, Denkmalpflege, S. 160f. 225 Haspel, Jörg: Denkmalschutz für Bauten der 70er Jahre?, in: Denkmalpflege nach dem Mauerfall. Eine Zwischenbilanz. Jahrbuch 1995, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 1997 (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Band 10), S. 122. Einige Durchführungsbestimmungen zu deutschen Denkmalschutzgesetzen sehen für die Aufnahme von Nachkriegsdenkmälern ferner zusätzliche Einzelfallgutachten vor. Allerdings gibt es mit dem Seilnetz-Kühlturm in Hamm-Uentrop auch einen Präzedenzfall, bei welchem dem Erhaltungsvorschlag wegen des jungen Alters nicht nachgekommen wurde (Ebd., S. 122). 226 Kiesow, Denkmalschutz, S. 7. Sie lag früher zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr, befindet sich jedoch im Fluss (Ebd., S. 7). 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 41 von ihrem Alter finden Denkmalbewertungen zudem nach dem Ende einer Kulturepoche statt. Sie gilt dann als abgeschlossen, „wenn sich das Baugeschehen in stilistischer und bautechnischer Hinsicht grundlegend geändert hat, und wenn Veränderungsdruck durch Umnutzung nicht nur Einzelbauten und Einzelphänomene, sondern gleich eine ganze Gruppe von Bauten gleicher Zeitstellung betrifft“.227 Die zeitliche Nähe bedingt jedoch einen Mangel an Forschungserkenntnissen zur betreffenden Epoche, die eigentlich jeder Denkmalbewertung zugrunde liegen sollten. Je jünger die Denkmale sind, desto anspruchsvoller ist daher die Aufgabe der Begutachtung. Ebenso gehen solche Erfassungen zunächst eher mit größeren Widerständen und öffentlichem Unverständnis einher. Wider das Erinnern – Denkmalabbruch und Denkmalveränderung Der Denkmalstatus sichert zwar ein Mitspracherecht der Konservatoren bei zukünftigen Entscheidungen ab und stellt damit eine beträchtliche Barriere gegen vorschnelle Eingriffe in die Denkmalsubstanz dar, ist jedoch kein Garant für den dauerhaften und unveränderten Erhalt der Denkmale.228 Durch ihre Erfassung auf den Denkmallisten und ihre Aufnahme in das kollektive Gedächtnis werden bestehende Konflikte nicht automatisch beigelegt oder zukünftige ausgeschlossen.229 Auch wenn der Denkmalstatus fachlich unumstritten ist, können die Denkmale – oder Teilaspekte von ihnen – von Einzelnen, kleineren Gruppen oder der Mehrheit der Gesellschaft (weiterhin) als nicht erhaltungswürdig eingestuft und abgelehnt werden. Als Folge davon kann es zu Veränderungen, Abrissen oder Verwahrlosung durch Unterlassung kommen.230 Diese können widerrechtlich „von unten“ erfolgen, als politischer Willen „von oben“ vorgegeben oder als Kompromiss zwischen Eigentümern, Denkmalpflegern und anderen Interessengruppen ausgehandelt werden. Oftmals greifen frühzeitige Verluste und zu starke Eingriffe in die ursprüngliche Bausubstanz dem denkmalpflegerischen Gutachten und Handeln aber auch voraus. Eine Dokumentation und Erfassung noch nicht inventarisierter Denkmale ist später dann weder möglich noch zu rechtfertigen. Denkmalveränderungen und -abtragungen entsprechen damit der anderen Seite des kollektiven Erinnerungsprozesses. Sie befördern das Verdrängen und Vergessen. 2.2.2. 227 Heuter, Christoph: Zu nahe dran? Bauten der 1960er Jahre als Herausforderung für die Denkmalpflege, in: denkmal!moderne. Architektur der 60er Jahre. Wiederentdeckung einer Epoche, herausgegeben von Adrian von Buttler und Christoph Heuter, Berlin 2007, S. 28. 228 Von Buttlar, Adrian, Wittmann-Englert, Kerstin, Dolff-Bonekämper, Gabriele: Einführung, in: Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, herausgegeben von dies., Berlin 2013, S. XXV. 229 Dolff-Bonekämper (zusammen mit van Voolen), Einführung, S. 18. 230 Solche „Behandlungen, welche trotz Weiterbestehens von Resten zu einem Untergang der Denkmaleigenschaft führen […], selbst wenn diese im Laufe der Jahre scheibchenweise genehmigt wurden“ sind dem Totalabbruch rechtlich gleichzusetzen (Martin, Dieter J.: Abbruch – zu einem zentralen Thema des Denkmalschutzes, in: Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht 1–2/2014, S. 24). 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 42 Nach Ansicht des Althistorikers Alexander Demandt lässt sich die Motivation der Handelnden in zwei Kategorien unterscheiden: den „Gesinnungs“- und den „Gebrauchsvandalismus“, die er unter dem Oberbegriff des „Kulturvandalismus“ zusammenfasste und von anderen Formen der mutwilligen Zerstörung abgrenzte.231 Unter „Gesinnungsvandalismus“ versteht er das bewusste Zerstören von „Wertsachen von ästhetischer, symbolischer oder historischer Aussagekraft“, wobei weniger die Sachen selbst, als deren identitätsstiftende Funktion das eigentliche Angriffsziel darstellen. Akte des „Gesinnungsvandalismus“ können daher als ein bewusstes Eingreifen in die kollektive Erinnerung und Identität verstanden werden. Sie geschehen „im Namen des Glaubens, des Rechts oder des Fortschritts“, um die Spuren des Vergangenen zu tilgen.232 Sie finden ihren prägnantesten Ausdruck im Denkmalsturz und anderen Formen des Ikonoklasmus, die insbesondere in Zeiten des Wandels und gesellschaftlicher Konflikte auftreten. Im Rahmen von spontanen Angriffen einer wütenden Menge, politisch geplanten Akten oder bewusst inszenierten Affronts,233 werden symbolisch aufgeladene Kunst und Architektur gezielt zerstört. Davon betroffen sind nicht nur die „großen“ und bedeutsamen Erinnerungsdenkmale oder Standbilder, sondern auch all jenes, was fest im Alltag verwurzelt ist und eher unterschwellig vermittelt wird.234 Während die vom Volk verübten Denkmalstürze in der Regel während einer Revolutions- oder manifesten Konfliktphase ausgeführt werden, finden jene durch die Eliten oder staatlichen Amtsträger eher nachträglich und auf institutionellem Wege statt. Ihre Anweisungen zur Denkmalzerstörung zeugen damit nicht mehr von revolutionärem Protest und angestauter Wut, sondern von einer gezielten Selektion des kulturellen Erbes und einer ideologisch motivierten Abwertung der Epoche, aus welcher die Denkmale stammen und/oder mit welcher sie assoziiert werden.235 Waren diese Akte des „Damnatio memoriae“ in der Antike und die „Executio in effigie“ im Mittelalter vor allem religiös bedingt, waren sie seit der Neuzeit zumindest im westlichen Kulturkreis eher politisch und weltanschaulich motiviert.236 Die jüngst durch Islamisten verübten Anschläge auf die Tempelanlagen von Palmyra und die Buddha-Statuen von Bamiyan bezeugen jedoch, dass auch religiös motivierte Kulturzerstörungen im 21. Jahrhundert nicht ausgeschlossen sind. Darüber hinaus ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert eine neue Qualität und Häufigkeit des Phänomens feststellbar. Die diversen Kriege, Revolutionen und politischen Systemwechsel im 20. Jahrhundert haben stets auch zu Konflikten um Zeichen 231 Demandt, Alexander: Vandalismus. Gewalt gegen Kultur, Berlin 1997, S. 22ff./213. Zum Begriff des Vandalismus, der im Kontext der Französischen Revolution von dem Geistlichen Henri-Baptiste Grégoire für Akte der „blinden Zerstörungswut“ geprägt wurde, vergleiche: Tauber, Christine: Bilderstürmer der Französischen Revolution. Die Vandalismus-Berichte des Abbé Grégoire, Freiburg 2009. 232 Demandt, Vandalismus, S. 24. 233 Speitkamp, Denkmalsturz, S. 13. 234 Ebd., S. 6. 235 Trimborn, Denkmale, S. 306. 236 Ebd., S. 300. 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 43 und zu Zeichenwechseln geführt.237 Der Beseitigung des Alten oder seiner Veränderung folgte in der Regel ein Neuanfang, der sich auf eine andere Erzählung und andere Quellen berief.238 Als „Gebrauchsvandalismus“ bezeichnet Demandt demgegenüber das fahrlässige und ideologiefreie Ignorieren oder Bagatellisieren der Denkmale, weil sich den Handelnden ihr Kulturwert nicht (mehr) erschließt. Er ist damit ein Nebenprodukt des Mentalitätswandels, des Vergessens oder von Verwertungsvorgängen.239 Während die Akteure des „Gesinnungsvandalismus“ also insbesondere geschichtspolitisch und ideologisch motiviert handeln, zeichnen sich die Handlungen der „Gebrauchsvandalen“ eher durch Geschichtsvergessenheit aus. Hier sehen die Akteure im Denkmal kein oder nur ein bedingt schützenwertes Zeugnis der Geschichte (mehr) und messen anderen Interessen, etwa ästhetischer, finanzieller oder funktionaler Art, eine größere Bedeutung zu. Diese Haltung kann nicht nur zur aktiven, sondern auch zur passiven Denkmalveränderung durch Unterlassung führen. Durch eine ausbleibende Instandhaltung der Denkmale im Sinne einer selektiven Denkmalpflege wird ihr Verfall begünstigt, ihr Erscheinungsbild verändert und ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigt. Dies kann allerdings ebenso bewusst geschehen und ideologisch motiviert sein.240 Als eine Art Unterform des „Gebrauchsvandalismus“ bezeichnet Alexander Demandt den „Modernisierungsvandalismus“. Der in Kauf genommene Verlust an originärer Denkmalsubstanz wird mit dem erforderlichen Fortschritt begründet. Vermeintlich „nutz- und wertlos gewordene Sachen“ werden zerstört, „um größere Werke zu schaffen oder höhere Werte zu retten“.241 Modernisierungsvandalismus lässt sich daher auch in stabilen politischen Verhältnissen feststellen. Als mutwilliges Zerstören bezeichnet Demandt schließlich jene Akte, die aus der bloßen Lust am Beschädigen bzw. dem jugendlichen Kräftemessen erwachsen242 sowie die „Untaten irregeführter Eigenbrötler“, die sich an der Allgemeinheit und/oder dem politischen oder gesellschaftlichen System rächen wollen.243 237 Speitkamp, Denkmalstürze, S. 10. In Deutschland fanden Bilderstürme insbesondere nach dem Ende der Monarchie statt. Auch in der NS-Zeit wurden jene Denkmale, die nicht mit der eigenen Ideologie vereinbar schienen, zerstört. Ihre Beseitigung erfolgte jedoch nicht (mehr) spontan, sondern wurde zentral geplant und umgesetzt (Greßhake, Damnatio, S. 112). 238 Greßhake, Damnatio, S. 105. 239 Demandt, Vandalismus, S. 213/215. 240 Ebd., S. 24/214. 241 Ebd., S. 216. In früheren Epochen war die Zerstörung des Alten oft auch materialbedingt. Die im Denkmal verwendeten Werkstoffe wurden für neue Projekte benötigt. Allein der Edelstein ließ sich nicht wieder schmelzen, zerschlagen oder verbrennen (Ebd., S. 56/61). Ähnlich motiviert ist der „Verschönerungsvandalismus“, der das Fertige vervollkommnen will (Ebd., S. 69). 242 Ebd., S. 19. Alexander Demandt zählt auch Graffiti an Denkmalen hierzu, welche in dieser Studie nicht pauschal als solche verstanden werden. Vielmehr folgt sie der neueren Literatur und geht davon aus, dass Graffiti Ausdruck eines politischen Protest sein können. 243 Ebd., S. 22. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 44 Die auf die genannten Weisen motivierten Denkmalveränderungen setzen auf unterschiedlichen Ebenen an, wobei prinzipiell zwischen materiellen Eingriffen und der Veränderung von Namen, Wahrnehmung und Deutung unterschieden werden kann. Letztere hinterlassen keine Spuren an der Bausubstanz, beeinflussen aber die Art, wie die Denkmale von der gegenwärtigen und künftigen Generationen betrachtet werden. Materielle Denkmalveränderungen greifen in die äußere Gestalt, Umgebung und Nutzung der Denkmale ein. Oft bedingen sich die beiden Formen wechselseitig. Eine Denkmalumdeutung kann beispielsweise eine konkrete Inschriftenveränderung nach sich ziehen. Darüber hinaus können ephemere und reversible Denkmalveränderungen von jenen unterschieden werden, die auf Dauer angelegt sind. Erstere sind eine Möglichkeit, das Konfliktpotential eines Denkmals vorübergehend zu verringern und damit Zeit für die Kompromissfindung zu gewinnen. In revolutionären Phasen können Denkmale beispielsweise zeitweise an dezentrale Standorte im Stadtbild versetzt oder in Museumsdepots eingelagert werden, um sie dem Aktionsfeld revolutionärer Bilderstürmer bis zur Phase der Konsolidierung zu entziehen.244 Eine vorübergehende symbolische „Neutralisation“ des Denkmals kann auch durch provisorische Veränderungen, ein befristetes Verhüllen oder eine andere Form der Verfremdung erreicht werden. Weinranken wären beispielsweise eine vegetative und reversible Lösung für den symbolischen Umgang mit Geschichte.245 Provisorische und spontane Denkmalveränderungen erweisen sich allerdings oft als „ein Vorspiel zu dauerhafteren, ja zu definitiven Eingriffen.“246 Häufig kommt es nach revolutionären Prozessen zu Umbenennungen von Denkmalen, Straßen oder anderen Symbolen, da Namen „persönlichen, historischen, geographischen, kulturellen, gesellschaftlichen, mythischen, poetischen Sinn [produzieren]. Das gilt auch für die Namen im öffentlichen Raum, insbesondere für die Namen von Häusern.“247 Die Namenauswahl geschieht daher in der Regel nicht zufällig. Sie ist „ein politischer Akt, der von ideologischen Bedürfnissen und politischen Kräfteverhältnissen bestimmt wird und Ausdruck einer offiziellen, autorisierten Geschich- 244 Da damit eine Dekontextualisierung des Denkmals einhergeht, wird das Museum jedoch als „unumgängliche letzte Zufluchtsstätte für Denkmäler betrachtet“ (Petzet, Michael: Denkmäler im Umbruch? Einführung in die Tagung „Bildersturm in Osteuropa“, in: Bildersturm in Osteuropa. Die Denkmäler der kommunistischen Ära im Umbruch, herausgegeben von Florian Fiedler, München 1995 [= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 13], S. 12). Darüber hinaus wird den Denkmalen in den Depots oder in den Ausstellungen der Museen eine Rolle der Vergangenheit zugeordnet. Sie sind der Gegenwart und ihrer gesellschaftlichen Dynamik entzogen (Voukov, Nikolai: Beyond the representation of power. Monuments in the socialist past in post-1989 Bulgaria, in: Neue Staaten – neue Bilder? Visuelle Kultur im Dienst staatlicher Selbstdarstellung in Zentral- und Osteuropa seit 1918, herausgegeben von Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva und Stefan Troebst, Köln, Weimar und Wien 2005 [= Visuelle Geschichtskultur, Band 1], S. 214). 245 Elfert, Denkmäler, S. 53. 246 Gamboni, Kunst, S. 77. 247 Henke, Silvia: Warum Namen das Begehren mehr wecken als die Objekte, in: Gebäude – Schrift – Signal. Der Baukörper als Zeichenträger, herausgegeben von Silvia Henke und Claude Lichtenstein, Zürich 2005, S. 23 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 45 te“ oder Weltanschauung ist.248 Namensänderungen können allerdings auch nur im umgangssprachlichen Gebrauch Anwendung finden: negativ im Sinne eine distanzierenden Ironisierung,249 positiv als Ausdruck der besonderen Nähe. In den Bereich der semantischen Denkmalveränderung gehören zudem Umwidmungen und Umdeutungen. Eine Widmung gibt an, für wen oder was ein Denkmal stehen und wie es verstanden werden soll. Wie oben dargestellt, sind Denkmale jedoch semantisch offen und in ihrer Deutung dem Wandel der Zeit unterworfen. Auf diese Weise kann aus einem Ehrenmal ein Mahnmal werden. Ebenso können die kulturellen Leistungen des Besiegten dem Sieger zum Zeichen des eigenen Triumphs werden. Am Beispiel der wechselvollen Geschichte des Brandenburger Tores in Berlin wird diese Mehrdeutigkeit besonders anschaulich. Dessen Quadriga wurde von napoleonischen Truppen einst entfernt und als Kriegsbeute nach Paris getragen. Später wurde sie in Berlin als Zeichen des Sieges über die Franzosen wiederaufgestellt. Dort avancierte sie im Kalten Krieg zum Symbol der deutschen Teilung und der Systemkonkurrenz. Heute gilt das Brandenburg Tor als Wahrzeichen Berlins und der vereinten Nation. Nach Ansicht von Berthold Hinz kommt ein Verhalten wie jenes der siegreichen Franzosen einer neuerlichen Denkmalerhebung gleich, wobei sich das „provokative Element“ verstärkt.250 Inwieweit sich derartige Umdeutungen etablieren, hängt allerdings vom öffentlichen Diskurs und der Deutungshoheit innerhalb einer Gesellschaft ab. Eine gängige Form der auf Dauer angelegten materiellen Denkmalveränderung stellen Eingriffe in die Denkmalinschriften dar, die im bzw. am Denkmal selber oder in dessen unmittelbarer Nähe in Form einer Denkmalplatte, Stele oder Gedenktafel angebracht sind.251 Für gewöhnlich weisen sie auf die Architekten oder Bauherren hin, bezeugen den Zeitpunkt und Grund der Denkmalentstehung, benennen den Gebäudenamen, die Gebrauchsfunktion und den Nutzer oder klären über sonstige historische Sachverhalte auf. Im weiteren Sinne können auch Embleme, Leuchtreklamen und andere Formen der Werbung zu den linguistischen Denkmalelementen gezählt werden.252 Sie alle werden zwar meist zuletzt an das Denkmal angebracht, vom Be- 248 Azaryahu, Maoz: Zurück zur Vergangenheit? Die Straßennamen Ost-Berlins 1990–1994, in: Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik, herausgegeben von Winfried Speitkamp, Göttingen 1997, S. 138. Diese Aussage des Autors bezieht sich auf Straßennamen, kann jedoch auf Namen von öffentlichen Gebäuden übertragen werden. 249 Gamboni, Kunst, S. 61. 250 Hinz, Berthold: Denkmäler. Vom dreifachen Fall ihrer „Aufhebung“, in: Mo(nu)mente. Formen und Funktionen ephemerer Denkmäler, herausgegeben von Michael Diers, Berlin 1993, S. 305. 251 Diesbezüglich lässt sich eine historische Entwicklung feststellen: Auf das Einritzen folgte zunächst das Bemalen und später das Behängen oder Beistellen, welches eine Distanz zwischen Schrift und Untergrund herstellte (Laube, Agnés: Von der Inschrift zur Interface. Architektur als Schrift- und Zeichenträger, in: Gebäude – Schrift – Signal. Der Baukörper als Zeichenträger, herausgegeben von Silvia Henke und Claude Lichtenstein, Zürich 2005, S. 64). 252 Lichtenstein, Claude: Signaturen – Sprechblasen – Metaphern. Linguistische und visuelle Interpretationen einer „sprechenden Architektur“, in: Gebäude – Schrift – Signal. Der Baukörper als Zeichenträger, herausgegeben von Silvia Henke und Claude Lichtenstein, Zürich 2005, S. 32. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 46 trachter aber zuerst gelesen.253 Da Schriftzüge in der Regel schneller entschlüsselt werden als bildliche Botschaften,254 sind sie zudem oft besonders umstritten und stärker der Veränderung unterworfen. Insbesondere bei Denkmalen mit hohem Bedeutungsgehalt und „Streitwert“ kommt eine Aktualisierung der Inschrift daher einer „Neutralisation“ gleich und macht deutlich, dass der Erhalt des Denkmals nicht automatisch billigt, wofür es gestanden hat oder wofür es instrumentalisiert worden war.255 Auch die Entfernung von Emblemen kann das Konfliktpotential eines Denkmals bereits soweit abschwächen, dass es (zunächst) erhalten bleibt.256 Eine zumeist illegitime und daher weniger nachhaltige Art der Neubeschriftung stellen Graffiti und andere Formen der Street-Art257 dar. Hierbei lassen sich jene Graffiti mit einem künstlerischen Anspruch oder einer politischen Aussage von solchen unterscheiden, mit denen bloß der eigene Name im Stadtraum verbreitet werden soll.258 Wo erstgenannte Zeichen auftreten, besteht in der Regel der starke Wunsch nach mehr „kreativer Einflussnahme und ein hohes Interesse an der Mit- und Umgestaltung“ des eigenen Lebensraumes.259 Sie können daher als eine „anonyme Externalisierung von individuellen Einstellungen und Gefühlslagen“260 und eine besonders niedrigschwellige Form der politischen Teilhabe verstanden werden.261 Mit dem Anbringen von Graffiti werden ehemalige Inschriften zum Teil jedoch irrelevant oder treten hinter ihre Aktualisierung zurück,262 weshalb Beat Suter sie als „Semiologische Anschläge“ auf das städtische Kommunikationssystem bezeichnet.263 253 Ebd., S. 32. 254 Laube, Inschrift, S. 65. 255 Gamboni, Kunst, S. 78. Auf diese Weise kann aber beispielsweise auch eine bewusst falsche, falsifizierte oder selektive Information eine Korrektur erfahren. Ferner können so veraltete Angaben aktualisiert werden. 256 Ebd., S. 80. 257 Street Art, gelegentlich auch als Public Art oder Straßenkunst bezeichnet, ist „eine für jeden zugängliche künstlerische Ausdrucksform im öffentlichen Raum.“ Da ihr Ausgangspunkt die Graffiti-Bewegung war, stellten sie in der Vergangenheit eine häufige Form dieser illegitimen Denkmalveränderungen dar. Weitere Formen sind Sticker, Stencils, Roll-ons, Kreidezeichnungen, direkter Farbauftrag, Décollage, LED- und Beamertechniken, Collagen, Kratztechniken, Cut-outs oder Veränderungen an Werbeplakaten (Jakob, Kai: Street Art. Kreativer Aufstand einer Zeichenkultur im urbanen Zwischenraum, in: Straße als kultureller Aktionsraum. Interdisziplinäre Betrachtungen des Straßenraumes an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, herausgegeben von Sandra Maria Geschke, Wiesbaden 2009, S. 73ff.). 258 Beyer, Dennis: Der Denkmalwert von Illegalität. Streetart als visuelle Erinnerungskultur, Berlin 2012 (= Graue Reihe des Instituts für Stadt- und Regionalplanung, Heft 39), S. 36. 259 Jakob, Street, S. 90. 260 Klee, Andreas: Graffiti als Medium des Politischen?!, in: Politische Kommunikation im städtischen Raum am Beispiel Graffiti, herausgegeben von ders., Wiesbaden 2010, S. 117. 261 Ebd., S. 118. 262 Roettig, Petra: Sprechende Denkmäler. Von der Inschrift zum Graffito. – Formen des Denkmalkommentars, in: Kritische Berichte 3/1992, S. 81 (URL: http://journals.ub.uni-heidelberg.de/ index.php/kb/article/view/10392/4249, letzter Zugriff am 10. Mai 2016). 263 Suter, Beat: Graffiti. Rebellion der Zeichen, 3. aktualisierte Auflage, Frankfurt a.M. 1994, S. 163. 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 47 Ein relativ neues Phänomen im Umgang mit unbequemen Denkmalen und eine besondere Form ihrer Neukommentierung stellen Gegendenkmäler264 dar, welche in unmittelbarer Nähe des alten Denkmals entstehen und sich inhaltlich und formal auf dieses beziehen. Sie sollen die Rolle des kritischen Hinterfragens und Kommentierens anstelle von ergänzenden Texttafeln oder Stelen einnehmen. Auf diese Weise können sie als eine Art „Hilfsmittel im Umgang mit dem geschichtlichen Erbe“265 die Botschaft eines unzeitgemäßen Monuments brechen, dieses entschärfen und in die Gegenwart integrieren.266 Ob ein Gegendenkmal seinen Sinn erfüllt, hängt allerdings davon ab, inwiefern „es ihm gelingt, den Betrachter aus seiner passiven Rolle herauszulocken und zur aktiven Auseinandersetzung zu motivieren.“267 Derartige Eingriffe in das Denkmalumfeld stellen eine weitere Ebene der Denkmalveränderung dar, da dessen Bedeutung und Aussagekraft nicht zuletzt auf seinem Ausstellungsort beruht.268 Dies trifft umso mehr auf jene Denkmale zu, deren Denkmalwert sich mit seiner städtebaulichen Bedeutung konstituiert. Die Kontextveränderung kann dabei auf zweierlei Weise geschehen. Zum einen kann sie das Denkmal selbst betreffen, indem es an eine andere Stelle im Stadtraum versetzt wird, die weniger sichtbar oder symbolträchtig ist. Die Veränderung kommt damit einer Auf- bzw. Abwertung des Denkmals und seiner Umgebung gleich. Häufiger geschieht zudem ein „Platzraub“. Auf dem Bauplatz des Alten soll aufgrund der besonderen geographischen Lage oder kultisch-rituellen Bedeutung etwas Neues und Schöneres entstehen.269 Mitunter können aber auch neu oder erneut bekannt gewordene historische Bezüge oder ganz praktische Gründe, wie die Erweiterung der Infrastruktur, die ver- änderte öffentliche Zugänglichkeit oder ein neues Nutzungskonzept für das betreffende Areal, eine Umsetzung bedingen. Zum anderen kann das unmittelbare Umfeld des Denkmals, an dem es sich bis dahin orientierte, eine Veränderung erfahren. Denkbar sind bauliche Eingriffe, welche bisherige Baufluchten und Traufhöhen, historische und gewachsene Nutzungsstrukturen oder die vorherrschenden architektonischen Epochen und Stile nicht respektieren. Auf diese Weise können die Monumentalität, die exponierte Stellung und die raum- und milieuprägende Funktion eines Denkmals an Bedeutung verlieren. Das bisherige architektonische Kommunikationsgefüge ist gestört und die Aussage des Denkmals verändert. Auch einige Formen der Street-Art, wie Skulpturen, Instal- 264 Der Begriff entstand in den achtziger Jahren im Kontext eines Wettbewerbs für ein Antikriegsdenkmal in Hamburg, das in der Literatur als eines der umstrittensten und bekanntesten gilt (Wijsenbeek, Dinah: Denkmal und Gegendenkmal. Über den kritischen Umgang mit der Vergangenheit auf dem Gebiet der bildenden Kunst, München 2010 [= Forum Denkmal und Restaurierung, Band 3], S. 13). Vergleiche hierzu auch Abbildung 2 im Bildteil am Ende dieser Studie. 265 Ebd., S. 27f. 266 Hausmann, Brigitte: Duell mit der Verdrängung? Denkmäler für die Opfer des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland 1980 bis 1990, Münster 1997 (= Theorien der Gegenwartskunst, Band 11), S. 96. 267 Wijsenbeek, Denkmal, S. 265. 268 Demandt, Vandalismus, S. 43. 269 Ebd., S. 50. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 48 lationen oder größere Umbauten des Objektumfeldes, können diese Wirkung entfalten.270 Da die Individualität eines Bauwerkes und seine Unverwechselbarkeit „zu einem hohen Teil durch seine Funktionen und Nutzungen bestimmt“271 sind, betrifft eine weitere Ebene der Denkmalveränderung dessen Nutzung. Hierbei kann zwischen symbolischer und funktionaler Nutzung unterschieden werden.272 Die symbolische Nutzung geht eng einher mit der oben beschriebenen Denkmaldeutung und -wahrnehmung. Wenn die Denkmalbotschaft ihre Eindeutigkeit verliert und das Denkmal anders interpretiert oder umgedeutet wird, kann es nicht mehr für dieselbe Idee, Person oder Sache instrumentalisiert werden. Es ehrt, vermittelt oder zeugt nun womöglich von etwas anderem. Ebenso kann sich seine symbolische Funktion und rituelle Nutzung ändern, die es im Rahmen von historischen Jubiläen, religi- ös-kultischen Zeremonien oder politisch-militärischer Erziehung besessen hat, denn auch Rituale sind nicht statisch, sondern kontextabhängig. Tatsächlich stehen Gedächtnisorte wie die Denkmale oft „in unmittelbarem Zusammenhang mit den rituellen Formen des kulturellen Gedächtnisses“.273 Indem sie sich auf das „Vergangene“, „Ursprüngliche“ und „Ferne“ berufen, können sie die Aufmerksamkeit auf eine Sache oder Handlung lenken und deren Präsenz steigern.274 Die funktionelle Nutzung des Denkmals kann im Sinne eines Leerstandes komplett ausbleiben oder sich im Zuge einer Zwischen- und Umnutzung wandeln. Im Falle des Leerstandes kommt es oftmals zu einem beschleunigten Verfall, der von außen durch Diebstahl oder Zerstörungen zusätzlich vorangetrieben werden kann. Die Weiternutzung historischer Bauten gilt daher als der wirksamste Schutz für ihren Erhalt.275 Eine „Verslumung“ des Denkmals kann zudem die öffentliche Akzeptanz abschwächen, sodass am Ende keiner mehr für den Erhalt eintritt.276 Zwischennutzungen vermeiden diese Formen des „Vandalismus, sorgen für die Instandhaltung […] 270 Jakob, Street, S. 73f. 271 Gürtler Berger, Theresia: Umnutzung, in: DenkmalPraxisModerne (URL: http://www.denkmalpraxismoderne.de/pdf/Umnutzung_Theresia_GuertlerBerger.pdf, letzter Zugriff am 24. April 2019). Die statische Konstruktion, die gewählten Materialien sowie die technische und mobile Ausstattung des Baus sind unmittelbar hierauf abgestimmt (Ebd.). 272 Gamboni, Kunst, S. 27. 273 Pethes, Gedächtnistheorien, S. 88. Kollektive Erinnerungsriten zielen „zumeist auf existenzielle Übergänge wie Geburt und Tod, Gründung oder Zerstörung.“ Damit „binden sie auch die Erinnerung einer Gruppe an die entscheidenden Übergänge zurück, die auf diese Weise als Beginn des gegenwärtigen ‚Wir‘ begriffen werden können“ (Ebd., S. 86). 274 Brosius, Christiane, Michaels, Axel, Schrode, Paula: Ritualforschung heute – ein Überblick, in: Ritual und Ritualdynamik. Schlüsselbegriffe, Theorien, Diskussionen, herausgegeben von dies., Göttingen 2013, S. 17. Diese in Anlehnung an Douglas, Mary: Purity and Danger. An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo, London 1966, S. 64. 275 Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung/Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.): Gute Beispiele: Städtebaulicher Denkmalschutz. Handlungsleitfaden, Erkner 2006, S. 67. 276 Wohlleben, Denkmäler, S. 158. In Ausnahmefällen handelt es sich hierbei um eine gezielte Strategie. 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 49 und werten das Image der Immobilie auf.“277 Sie ziehen aber häufig bauliche Modernisierungen, Erweiterungen oder Umgestaltungen nach sich und verlangen einen Kompromiss „zwischen denkmalgerechter Nutzungskonzeption und nutzungsgerechter Denkmalsanierung.“278 Vor diesem Hintergrund „gilt die Wahrung der ursprünglichen Nutzung als erste Prämisse zur Eindämmung von baulichen Eingriffen.“279 Bauliche Veränderungen können auf unterschiedliche Art erfolgen. Einzelne Denkmalkomponenten werden entfernt, durch neue ergänzt, ausgetauscht oder durch Um-, Aus- und Rückbauten entfremdet. Dies kann die äußere und innere Form, die Konstruktion und Materialien, die technische Ausstattung sowie die Schmuckelemente betreffen. Zu letzteren gehört etwa die Kunst am Bau. Ähnlich wie Inschriften können auch Wandmosaike oder Plastiken eine kontrastierende, ergänzende oder kommentierende Funktion wahrnehmen und damit einen „denkmal- und geschichtspädagogischen Nebeneffekt haben.“280 Hinzu kommen „Aspekte der Statik und der Funktionstüchtigkeit“, welche bei Erhalt und Umgestaltung von Architektur zu berücksichtigen sind.281 Bauliche Eingriffe können auch im Zuge von energetischen und klimagerechten Sanierungen oder der Umsetzung neuer bau- und sicherheitstechnischer Normen – etwa in Bezug auf den Brandschutz, die Barrierefreiheit und die Gesundheitsgefährdung – notwendig werden. Unter Umständen sind es daher auch Vertreter der praktischen Denkmalpflege selbst, die im Rahmen von Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten mit dem Ziel des Erhalts in die originäre Denkmalsubstanz eingreifen. Wider die Ignoranz – Denkmalvermittlung und Denkmalnutzung Die Denkmale bleiben jedoch nicht wegen ihrer konkreten Materialität oder ihrer wissenschaftlichen Relevanz im Gedächtnis verhaftet, sondern weil sie beständig rekapituliert und traditiert werden282 und ihnen hierbei Sinn zugeschrieben wird. Erst 2.2.3 277 Escherich, Mark: Erklären, Inszenieren, Provozieren? Strategien der Vermittlung ungeliebter Denkmale, in: Die Denkmalpflege 1/2009, S. 61. 278 Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung/Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Beispiele, S. 45. Eine Alternative hierzu wäre eine vorübergehende kontrollierte Nichtnutzung, das heißt die bauliche Sicherung der leerstehenden Bauten mit möglichst geringem Aufwand (Ebd., S. 67). 279 Gürtler Berger, Umnutzung. 280 Haspel, Jörg: Bildende Kunst im Stadtraum als Gegenstand von Denkmalschutz und Denkmalpflege, in: Prokunst 4. Steuern – Verträge – Versicherungen. Handbuch für bildende Künstlerinnen und Künstler, herausgegeben vom Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, Bonn 2006, S. 181. 281 Waentig, Friederike: Material matters: die Herausforderung der Materialität, in: Klötze und Plätze. Wege zu einem neuen Bewusstsein für Großbauten der 1960er und 1970er Jahre, herausgegeben vom Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) und dem Bundesverband für Natur- und Denkmalschutz, Landschafts- und Brauchtumspflege e.V., Bonn 2012, S. 74. 282 Binnewerg, Anke: Menschen und Steine. Die Anwendbarkeit von Maurice Halbwachs’ Thesen zu Erinnerung und Raum für die Denkmalpflege, in: Werte. Begründungen der Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von Hans Rudolf Meier, Ingrid Scheurmann und Wolfgang 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 50 indem der Einzelne oder die Erinnerungsgemeinschaft das Denkmal wahrnimmt und ihm größere Aufmerksamkeit schenkt, setzt ein Kommunikationsprozess ein, finden eine Bedeutungszuordnung und schließlich die aktive Denkmalaneignung statt.283 Dann wird das Denkmal für die Herausbildung und Stabilisierung der kollektiven Erinnerung und gemeinsamen Identität in Wert gesetzt. Wenngleich sie im Stadtbild omnipräsent ist, wird aber gerade die Sprache der Architektur oft ohne größere Aufmerksamkeit wahrgenommen.284 Seit der öffentliche Raum viele seiner früheren Funktionen an die virtuelle Öffentlichkeit verloren hat,285 gelingt es den Denkmalen schwerer, die Reizschwellen der Wahrnehmung zu überwinden und sich im Zuge einer „öffentlichen Begegnung“286 im Bewusstsein des Einzelnen oder des Kollektivs zu verankern. Auch baukulturelle Wissens- und Bildungsdefizite erschweren dem Laien den Denkmalzugang.287 Häufig stehen die gesteigerte Aufmerksamkeit zum Zeitpunkt der Errichtung und dem Moment der Zerstörung daher im Kontrast zur restlichen Lebenszeit eines Denkmals. Unter Umständen wird es zwischenzeitlich kaum zur Kenntnis genommen.288 Eine Ausnahme hiervon stellen die „umstrittenen“ Denkmale dar, welche diese Reizschwellen bereits überwunden haben und Teil des öffentlichen Diskurses sind. An ihnen zeigt sich jedoch, dass die Akzeptanz der Denkmale mit ihrer Erfassung allein noch nicht gegeben ist.289 Vor diesem Hintergrund kommt der Denkmalvermittlung eine bedeutsame Rolle zu. Sie will die Denkmale gezielt für eine breitere Öffentlichkeit erschließen, sie in ihrem Bewusstsein halten und deren Akzeptanz stärken. Kurzum: Sie möchte die Identifikation mit dem Denkmalerbe fördern. Abgesehen davon kann sie ferner der Herrschaftslegitimation dienen,290 das „Verbraucherbewusstsein“ und touristische Verhalten ändern sowie das Maß der politischen Partizipation erhöhen.291 In einem Sonne, Berlin 2013, S. 95. Diese bezieht sich auf die Studie: Habachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt a.M. 1991, S. 36. 283 Rüsch, Interesse, S. 102. 284 Eco, Einführung, S. 332. 285 Dickel, Hans, Fleckner, Uwe: Im Dickicht der Städte. Geschichte, Aufgaben und Ästhetik der Kunst im öffentlichen Raum, in: Kunst in der Stadt. Skulpturen in Berlin 1980–2000, herausgegeben von dies., Berlin 2003, S. 9. 286 Ebd., S. 9. 287 Tietz, Jürgen: Herausforderung Kommunikation. Zur wachsenden Bedeutung der Denkmalvermittlung, in: Denkmalwerte. Beiträge zur Theorie und Aktualität der Denkmalpflege, herausgegeben von Hans-Rudolf Meier und Ingrid Scheurmann, Berlin und München 2010, S. 257. 288 Hinz, Denkmäler, S. 299. 289 Dolff-Bonekämper (zusammen mit van Voolen), Einführung, S. 18. 290 Gerade nichtdemokratische Regime setzten selbst viele neue Denkmäler oder eignen sich ältere Denkmale an, um ihre Ideale anschaulich zum Ausdruck zu bringen, ihre Machthaber zu ehren oder historische Wurzeln erkennbar zu machen. Die Vermittlung und Aneignung dieser Denkmale trägt zur Erfüllung dieser Aufgaben bei, die im Kern darauf abzielen, die bestehende Ordnung zu sichern. 291 Harwart, Christoph: Beispiele für Denkmalpädagogik in unterschiedlichen Situationen der Bildungsarbeit, in: Kritische Berichte 1/1991, S. 5 (URL: http://journals.ub.uni-heidelberg.de/ index.php/kb/article/view/11061/4919, letzter Zugriff am 10. Mai 2016). Der Autor verweist diesbezüglich auf ältere Studien von Michael Andrizky und Klaus Spitzer (1981), Helmuth Baruth und Klaus Steinke (1982), Volker Fischer (1980), Dieter Kramer (1983) sowie Hans-Werner Prahl und Abrecht Steinecke (1982). 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 51 weiteren Sinne trägt sie zur Erweiterung des Bildungshorizontes bei, stärkt die Reflexion über die eigene Identität und Lebensweise und öffnet den Blick für das Andere, Unbekannte und Vergangene.292 Die Denkmalvermittlung ist daher zu einem festen Bestandteil der Trias der modernen Denkmalpflege geworden, wenngleich sie der schwächste der drei Arbeitsbereiche bleibt.293 Da Denkmale auf vielerlei Weise erfahrbar sind – haptisch, räumlich, visuell, mittels Inszenierung oder schriftsprachlich-kognitiv294 – stehen der Denkmalvermittlung verschiedene Methoden und Zugänge zur Verfügung. Prinzipiell voneinander zu unterscheiden sind der kognitive und der affektive Denkmalzugang. Während der erste insbesondere wissensbasiert und sachorientiert ist, baut der zweite auf die „Erzählkraft“ der Denkmale und ruft Emotionen, Erinnerungen und Assoziationen wach. Mit dem kognitiven Ansatz lässt sich daher besonders gut der historische Zeugnisbzw. Quellenwert vermitteln. Der Identifikations- und Symbolwert sowie der Stimmungs-, Vertrautheits- und Erlebniswert erschließen sich hingegen eher durch den affektiven Denkmalzugang.295 Zu den klassischen kognitiven Vermittlungsmethoden gehören Publikationen, Konferenzen und Ausstellungen. Eine vorwiegend affektive Denkmalvermittlung stellen Objektbesichtigungen und eine künstlerische Inszenierung des Ortes dar, etwa durch Theater- und Filmproduktionen oder Klang- und Bildinstallationen. Auch das Nachspielen historischer Ereignisse am authentischen Ort kann Denkmalpflegern zufolge ein Weg der Denkmalvermittlung sein.296 Diese Zugänge eignen sich besonders 292 Schefers, Hermann: Warum „World Heritage Education“?, in: World Heritage Education. Positionen und Diskurse zur Vermittlung des UNESCO-Welterbes, herausgegeben von Jutta Ströter-Bender, Marburg 2010 (= KONTEXT. Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung, Band 4), S. 165. 293 In den Standardwerken zu Denkmalschutz und Denkmalpflege nimmt sie nur wenig – oder wie im Falle des „Handbuch Denkmalpflege“ – gar keinen Raum ein. Auch in der universitären Ausbildung ist sie unterrepräsentiert und fällt in der Praxis für gewöhnlich gegenüber den anderen Aufgaben ab (Meier, Hans-Rudolf: Vermittlungsdefizite – Ursachen gegenwärtiger Akzeptanzprobleme der Denkmalpflege?, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Rheinbach 2012 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82], S. 42 / Gerlach, Christoph: Ausbildung und Lehre in der Denkmalpflege, in: Kunstchronik 8/1999, S. 352–357). Bleibt sie dauerhaft aus, kann dies nach Ansicht von Hans-Rudolf Meier jedoch die Legitimation des Denkmalschutzes als staatliche Aufgabe insgesamt gefährden. Es droht seine Entfremdung von der Öffentlichkeit (Ebd., S. 42). 294 Drechsel, Benjamin: Denkmal, in: Handbuch Medien in der politischen Bildung, herausgegeben von Anja Besand und Wolfgang Sander, Bonn 2010 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 1127), S. 138. 295 Euler-Rolle, Bernd: Verständnis, Verheißung oder Verlustangst – Vermittlung im Widerstreit der Denkmalwerte, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Rheinbach 2012 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82), S. 50f. Die letztgenannten gehören nicht zu den klassischen Denkmalwerten bzw. jenen, die sich in jüngerer Zeit in der Disziplin etablieren konnten. 296 Helbig, Olav: Kettenhemd und Perücke. Nützt Geschichtsinszenierung der Denkmalpflege?, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Rheinbach 2012 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82), S. 101. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 52 gut, um ein größeres Publikum anzuziehen. Allerdings wird das Denkmal hierdurch mitunter zur reinen Kulisse. Tiefere Erkenntnisse zu seiner Baugeschichte, Form und Gestaltung, den verwendeten Materialien und technischen Konstruktionen werden so nicht transportiert.297 Finden Ausstellungen am historischen Ort statt, ermöglichen sie beides: eine sinnliche Erfahrung und die sachliche Auseinandersetzung mit den Ausstellungsinhalten.298 Eine größere Öffentlichkeit für die Denkmale kann auch durch die Auslobung von Preisen und das Verleihen von Urkunden für besondere Verdienste erzielt werden. Im Idealfall mobilisieren diese Bürger für ein größeres Denkmalengagement. Aktivere Formen der Denkmalvermittlung finden zudem oft im Rahmen der politischen Bildungsarbeit oder Geschichtsdidaktik statt: Archivmaterial zur Denkmalsetzung und weiteren Objektgeschichte wird geborgen, eine Denkmaldokumentation erstellt oder Zeitzeugen- und Experteninterviews geführt.299 Die Wahl der Vermittlungsmethode ist letztlich abhängig von Inhalt, Zielgruppe und Akteuren. So kann das Denkmal selbst Vermittlungsgegenstand sein oder lediglich als Medium dienen, um eine größere Geschichte zu erzählen. Dann stehen womöglich nicht mehr Form, Material oder Denkmalwert im Fokus der Vermittlungsarbeit, sondern die mit ihm verknüpften Botschaften, Ereignisse und Erinnerungen. Die Zielgruppen der Denkmalvermittlung unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich ihres Alters, Bildungsniveaus und Informationsbedarfs. Im Idealfall sollte das Angebotsspektrum alle gleichermaßen erreichen. Das kann unter Umständen bedeuten, sich zeitweise „populistischer Methoden“ zu bedienen, um die Reichweite der Maßnahmen zu erhöhen.300 Die für die Denkmalvermittlung zuständigen Akteure sind in erster Linie die Denkmalbehörden, die zum Teil über eigene Öffentlichkeitsreferate verfügen. Aufgrund der begrenzten Ressourcen blieb in der Vergangenheit allerdings oft wenig Raum für diese Aufgabe.301 Ihre Maßnahmen erwiesen sich zudem oft als einseitig und besaßen einen geringen Wirkungsgrad.302 Das „narrative Potenzial der Denkma- 297 In Bezug auf die Welterbestätten konnten durch „Edutainment“, Events und Inszenierungen bereits „Tendenzen zur Umdeutung von Welterbe als dekorative Eventkulisse“ festgestellt werden (Ströter- Bender, Juttta: Einleitung, in: World Heritage Education. Positionen und Diskurse zur Vermittlung des UNESCO-Welterbes, herausgegeben von ders., Marburg 2010 [= KONTEXT. Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung, Band 4], S. 12). 298 Hütter, Hans Walter: Denkmale ausstellen. Der authentische Ort und seine museale Kontextualisierung, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben von Ingrid Scheurmann, Rheinbach 2012 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82), S. 67. 299 Drechsel, Denkmal, S. 140f. 300 Schaffernoth, Nina: Brauchen wir eine neue Prinzipiendiskussion in der Denkmalpflege?, in: kunsttexte 3/2005, S. 5 (URL: http://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/download/denk/schaffernoth.pdf, letzter Zugriff am 4. Dezember 2015). 301 Meier, Vermittlungsdefizite, S. 42. 302 Kempe, Kathrin, Hoffmann, Katja, Veigel, Marcus: Medien der Denkmalvermittlung. Versuch eines Resümees, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Rheinbach 2012 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82), S. 236. 2.2. Formen der Denkmalaneignung und Ablehnung 53 le“ blieb dabei zumeist unerschlossen.303 Mark Escherich schlussfolgert daraus, dass die „Popularisierung von einzelnen Denkmalen wie auch des denkmalpflegerischen Grundanliegens […] das vordringliche Tätigkeitsfeld der ehrenamtlichen Denkmalpfleger“ sei.304 Förderstiftungen, Heimatvereinen und Bürgerinitiativen gemein ist allerdings, dass sie sich eher auf klassische Denkmale fokussieren,305 deren Denkmalwert sich schneller erschließt und deren Akzeptanz bereits gegeben oder für die Zukunft angenommen werden kann. Jüngere neuerfasste Denkmale oder Denkmalgattungen werden durch sie hingegen seltener erschlossen. Dies gilt auch für die meisten anderen Akteure der Denkmalvermittlung, zu denen die Medien, (außerschulische) Bildungseinrichtungen, Kulturschaffende oder das Stadtmarketing und der (Kultur-)Tourismus gehören. Eine Ausnahme hiervon stellt der sogenannte „Dark Tourism“ dar, dessen Konsumenten aus Neugierde, Schaulust oder zum Gedenken bewusst Einrichtungen und Schauplätzen des Krieges, Leidens oder Todes als Reiseziele wählen. Oft sind diese Orte aber an Gedenkstätten oder andere Bildungseinrichtungen angebunden,306 die sie kontextualisieren und versachlichen. All diese Akteure verfolgen mitunter jedoch andere Interessen als die Denkmalbehörden und unterliegen systemeigenen Mechanismen. Sie haben neben der Denkmalbildung auch die eigene Imageförderung, die politische Inwertsetzung der Denkmale oder den wirtschaftlichen Profit im Blick. Dies kann zum einen zu inhaltlichen Verkürzungen bei der Vermittlungsarbeit führen.307 Zum anderen dürfte es den „Denkmaldarwinismus“ verstärken, da „hässliche“, ungeliebte und unpraktische Denkmale einen geringeren Imagewert besitzen.308 303 Lippert, Hans-Georg: Fünf Thesen zum Problem der Denkmalvermittlung, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Rheinbach 2012 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82), S. 21. Der Autor begründet dies mit der Angst davor, unseriös zu wirken oder populistisch zu handeln (Ebd., S. 21). 304 Escherich, Erklären, S. 60. 305 Ebd., S. 60. 306 Für weitere Informationen zu diesem Tourismuszweig siehe insbesondere: Quack, Heinz-Dieter, Steinecke, Albrecht unter Mitarbeit von Marcus Herntrei (Hrsg.): Dark Tourism. Faszination des Schreckens, Paderborn 2012 (= Paderborner Geographische Studien zu Tourismusforschung und Destinationsmanagement, Band 25). Beachtenswert sind in diesem Kontext insbesondere das Vorwort des Herausgebers sowie der Aufsatz von Antje Wolf und Claudia Matzner. 307 Hoffmann, Katja: Information und Partizipation – Denkmalvermittlung in den digitalen Medien, in: Kommunizieren – Partizipieren. Neue Wege der Denkmalvermittlung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Rheinbach 2012 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 82), S. 214. 308 Von Buttlar, Adrian: Denkmalpflege und Öffentlichkeit, in: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert – Denkmalschutz und Denkmalpflege in Deutschland, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 61), Bonn 1999, S. 19. 2. Begriffliche und theoretische Grundlagen 54

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References

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der friedlichen Revolution auf das junge Ost-Berliner Denkmalerbe. Sie zeigt, wie jene Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur nach dem Mauerfall bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Die Autorin fragt nach den Akteuren und Interessen in diesem Prozess, arbeitet wesentliche Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs heraus und untersucht anhand der selbstgewonnenen Datenbasis deren Wirkmächtigkeit. Dabei weist sie nach, dass von einer generellen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR und einer Unvereinbarkeit mit der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur keineswegs die Rede gewesen sein kann. Am Ende der Neubewertung stand vielmehr ein beispielloses Bekenntnis zum Denkmalerbe des früheren Regimes. Damit beleuchtet die Studie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, fügt einen neuen Mosaikstein in das Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur ein und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens rund um das Epochenjahr 1989.